Susanne Molnar-Bihlmaier
Dr. med.
Indikationen und Studiendesign zur Akupunkturforschung in Gynäkologie und
Geburtshilfe
Geboren am 07.11.1963 in Backnang
Reifeprüfung am 14.06.1983 in Heilbronn
Studiengang der Fachrichtung Medizin vom SS 1987 bis SS 1994
Physikum am 14.09.1989 an der Universität Heidelberg
Klinisches Studium in Heidelberg
Praktisches Jahr in Reutlingen
Staatsexamen am 20.05.1994 an der Universität Tübingen
Promotionsfach: Frauenheilkunde
Doktormutter: Prof. Dr. med. I. Gerhard
Angeregt durch die ermutigenden Ergebnisse der Akupunkturstudien an der Universitäts-
Frauenklinik Heidelberg sollte erstens nach Indikationen gesucht werden, die der weiteren
Erforschung zugeführt werden könnten.
Hierzu wurde die internationale, deutsch- und englischsprachige Literatur in den Datenbanken
Medline, Embase, Current Contents, Biosis und AMED von 1966 - 1996 nach Studien zur
Akupunktur in Gynäkologie und Geburtshilfe durchsucht und 128 wissenschaftliche
Veröffentlichungen mit insgesamt 141 klinischen Studien (54,6% gynäkologische und 45,4%
geburtshilfliche Indikationen) erfaßt. Die Hauptanwendungsgebiete weisen zwei Schwer-
punkte auf:
Einerseits chronisch-repetitive und / oder zyklische Beschwerdebilder mit meist hoher
Inzidenz bei oft gleichzeitig eingeschränkten, oft nur symptomatischen konventionellen
Therapiemöglichkeiten. Dazu gehören die Dysmenorrhoe (24,7% der gynäkologischen
Studien), die chronisch funktionellen Unterbauchstörungen inklusive Infertilitätsprobleme
(20,8%), die Mastopathie (16,9%), die Emesis gravidarum (12,5% der geburtshilflichen
Studien), die klimakterischen Beschwerden (2,6% der gynäkologischen Studien) und die
Altersinkontinenz (6,5%).
Andererseits ist es der Wehen- bzw. Geburtsschmerz (28,1% der geburtshilflichen Studien),
für dessen Linderung durchaus potente konventionelle Therapieangebote bestehen, der
Zeitgeist jedoch geprägt ist vom Wunsch nach natürlichen Alternativen für die sanfte Geburt.
Dies äußert sich auch in den ebenfalls 28,1% geburtshilflichen Studien zur Geburtseinleitung
bzw. Geburtsverkürzung.
Eine Aufarbeitung in Form einer Metaanalyse war aufgrund ausgeprägter Inhomogenität der
Studien selbst innerhalb einer Indikation (Patientengut, Zielkriterien, Akupunkturvarianten,
genereller Studienaufbau) nicht möglich.
Tendenziell zeigen sich jedoch trotz der großen Unterschiedlichkeit positive Ergebnisse, so
daß die Akupunktur auf einigen Gebieten wie z.B. Dysmenorrhoe, Mastopathie oder
chemotherapie-induzierte Übelkeit bereits in den Therapiealltag integriert werden könnte.
Die Studien zu anderen Indikationen hingegen, wie Zyklusstörungen inklusive Infertilität,
Wehenschmerz, Geburtseinleitung und -verkürzung und Laktationssteigerung variieren so
stark in ihrem Aufbau (und Studien zu der Indikation „Wendung aus Beckenendlage“
zusätzlich in ihrem Ergebnis), daß sie trotz einzelner guter Resultate weiter erforscht werden
sollten. Weniger studienmäßig erfaßte, dafür aber sozialpolitisch um so wichtigere Themen
wie Inkontinenz und Klimakterium sollten ebenfalls verstärkt an Forschungsressourcen
teilhaben können.
Um durch Anhebung der Qualität weiterer Studien mehr Anerkennung für komplementäre
Verfahren erreichen zu können, wird im zweiten Teil der Dissertation ein
akupunkturadäquates Studiendesign entworfen. Hierzu wird das Studiendesign der
recherchierten Studien analysiert und deren fast durchweg methodologisches Defizit
zusammen mit Thesen zur Erforschung komplementärer Verfahren ausgewertet.
Fundament des erarbeiteten akupunkturadäquaten Studiendesigns bilden allgemeine
Studienstandards, soweit diese in der Akupunktur praktikabel sind. Diese werden erweitert
durch Berücksichtigung von Besonderheiten komplementärer Therapieverfahren und in einem
weiteren Schritt durch Berücksichtigung der Eigenarten der Akupunktur. Ergänzt wird diese
detailerfassende und individualisierte Struktur durch die Notwendigkeit offener,
unvoreingenommener Grundsatzdiskussionen über den heutigen Studienstandard.
Dies wäre nicht nur eine Bereicherung für Arzt und Patient, sondern würde auch dem Wandel
in Gesellschaft und Zeitgeist hin zu mehr Individualität einerseits und Anregung der
Selbstheilungskräfte als therapeutischem Mittel andererseits Rechnung tragen.