Annette Caroline Kather
Dr. med.
Erfassung der Prävalenz der Wirbelsäulenosteoporose: Wertigkeit morphometrischer
Verfahren
Promotionsfach: Innere Medizin
Doktorvater: Prof. Dr. med. R. Ziegler
Die Erfassung der Wirbelsäulenosteoporose und assoziierter Risikofaktoren in Europa war
das Hauptziel der 1992/93 durchgeführten 'European Vertebral Osteoporosis Study' (EVOS).
Innerhalb dieser multizentrischen epidemiologischen Studie wurden im Zentrum Heidelberg
seitliche Röntgenbilder von 580 Probanden einer bevölkerungsrepräsentativen Stichprobe
angefertigt. Diese Röntgenbilder wurden zentral in Berlin mit zwei morphometrischen
Methoden zur Erfassung osteoporotischer Wirbelkörperfrakturen (nach EASTELL und
MCCLOSKEY) ausgewertet. Im Zentrum Heidelberg wurden zusätzlich alle Bilder nach einer
neu entwickelten Methode zur Wirbelkörperbeurteilung, der 'Differenzierten Klassifikation
von Wirbelkörperverformungen' (DCD), ausgewertet. DCD ist ein Kombinationsverfahren
aus morphometrischer Analyse und zwei unabhängigen radiologischen Beurteilungen, wobei
neben der Frakturerkennung auch eine standardisierte Beurteilung zu degenerativen
Veränderungen der Wirbelsäule durchgeführt wurde. Die Ergebnisse dieser drei einzelnen
Beurteilungen wurden verglichen und diskrepante Befunde wurden überarbeitet bis eine
definitive Diagnose bezüglich osteoporotischer Wirbelkörperfrakturen oder anderer
Veränderungen erreicht wurde. Die Ergebnisse der DCD wurden mit den Resultaten der rein
morphometrischen Methoden verglichen. Dabei zeigte sich eine zufriedenstellende
Übereinstimmung in der Höhe der Prävalenzeinschätzung zwischen DCD (6,36%) und der
Methode MCCLOSKEY (10,25%) sowie der Methode EASTELL mit 'strengem' frakturtypischen
Grenzwert von -4SD (5,3%). Die Methode EASTELL mit einem Grenzwert von -3SD
überschätzte die Prävalenz der Osteoporose (17,84%) gegenüber DCD deutlich. Im Gegensatz
zur Höhe der Prävalenz war die Übereinstimmung im Einzelfall zwischen allen
morphometrischen Methoden und DCD schlecht (Kappastatistik κ= 0,26 bis κ= 0,57). Über
40% der morphometrisch erkannten Wirbelkörperhöhenminderungen waren mittels DCD
degenerativen Erkrankungen oder Entwicklungsstörungen der Wirbelsäule zugeordnet
worden. Bei Männern fiel eine besonders schlechte Übereinstimmung auf.
Als Schlußfolgerung dieser Arbeit ergibt sich, daß morphometrische Methoden nicht als
ausschließliche Verfahren in der Erfassung osteoporotischer Wirbelkörperdeformierungen
verwendet werden sollten, da sie keine differentialdiagnostische Zuordnung ermöglichen und
dadurch Fehlklassifizierungen von nicht-osteoporotischen Verformungen als Osteoporose die
Folge sind. Durch Kombination morphometrischer Verfahren mit einer qualitativen
Beurteilung wie bei der Methode DCD kann unseres Erachtens eine reproduzierbare
Beurteilung von Wirbelkörperdeformierungen erreicht werden, die für große
epidemiologische Studien anwendbar ist.