Clark M. Gorsler
Dr. med.
Zur Mortalität und Morbidität der Sectio caesarea - Folgen der Sec-
tio caesarea unter besonderer Berücksichtigung der Langzeitmorbi-
dität der Mutter
Geboren am 26. 11.1966 in Kassel
Reifeprüfung am 25.7.1986
Studiengang der Fachrichtung Medizin vom SS 1988 bis SS 1996
Physikum am 15.3.1991 an der Universität Hamburg
Klinisches Studium in Heidelberg, Mannheim, Stony Brook/ NY
Praktisches Jahr in Heidelberg, Mannheim, Galveston/ TX
Staatsexamen am 25.5.1996 an der Universität Heidelberg
Promotionsfach: Frauenheilkunde
Doktorvater: Priv. Doz. Dr. med. I. Diel
Die abdominelle Schnittentbindung hat als Alternative zur vaginalen
Entbindung inzwischen mit einen Anteil von über 30% an der Gesamt-
zahl der Geburten in Zentren der Maximalversorgung einen festen Platz
in der modernen Geburtshilfe.
Wenn auch die unmittelbaren Folgen der Geburt für Mutter und Kind
hinreichend untersucht und dokumentiert sind, ist über die langfristigen
Folgen der Sectio caesarea vor allem für die Mutter bisher wenig be-
kannt.
Ziel der vorliegenden Studie war, insbesondere die Ursachen für die Er-
höhung der Sectiofrequenz an der Universitäts-Frauen-klinik/ Heidelberg
in den 90`er Jahren zu erfassen sowie Früh- und Spätmorbidität von
Frauen, die einer Sectio caesarea zugeführt worden waren (N=1127), zu
vergleichen mit den postpartalen Komplikationen bei Frauen nach
Spontangeburt (N=791).
Der prozentuale Anteil der durchgeführten Kaiserschnitte an der Gesamt-
zahl der Geburten stieg im untersuchten Zeitraum von 29.4% im Jahre
1990 auf 35.8% im Jahre 1993. Häufigste Indikationen waren das patho-
logische CTG, die Beckenendlage sowie der vorzeitige Blasensprung und
das beginnende Amnioninfektionssyndrom. In den Jahren 1990- 1993
nahmen die Indikation des pathologisches CTG`s von 37.6% auf 47.3%,
die der Praeeklampsie von 6.6% auf 13.7% und die der vorzeitigen We-
hen von 15.1% auf 25.4% zu. Alle anderen Indikationen blieben kon-
stant.
Aufgrund der überragenden Bedeutung des pathologischen CTG`s als
Indikation zur Sectio caesarea wurde retrospektiv eine erneute Beurtei-
lung dieser CTG`s vorgenommen. Dabei stellte sich heraus, daß bei
42.7% der als pathologisch erachteten CTG`s sich ein Normalbefund mit
8-10 Punkten im Fischer-Score ergab.
Bei den vaginal entbundenen Frauen beträgt der Median des postpartalen
Klinikaufenthaltes 4 Tage, bei den sectionierten Frauen 8 Tage. Die ver-
längerte Aufenthaltsdauer ist jedoch kaum auf eine erhöhte postoperative
Komplikationsrate zurückzuführen: Zwar sind bei 49.5% der sectionier-
ten Frauen Komplikationen wie Temperaturanstieg > 37º, Hypertonie
und Harnwegsinfekt dokumentiert. Aber nur in seltenen Fällen kommt es
zu schwerwiegenden Krankheitsbildern wie Lungenembolie (N=6) oder
Nierenversagen (N=2).
Die durchgeführte Befragung ergab als deutlichsten Unterschied zu den
vaginal Entbundenen bei den sectionierten Frauen psychische oder seeli-
sche Beschwerden im weiteren postoperativen Verlauf nach Krankenhau-
sentlassung. Auffallend dabei ist, daß die abdominelle Schnittentbindung
oftmals als Operation, nicht als Geburt erlebt wird; entsprechend wird
das Geburtserlebnis vermißt, das Mutterempfinden ist herabgesetzt.
Die wesentlichsten Schlußfolgerungen aus der vorliegenden Untersu-
chung sind:
— Die Erhöhung der Sectiofrequenz an der Universitäts-Frauenklinik/
Heidelberg in den 90`er Jahren ist vornehmlich auf den Anstieg der
Frühgeburten in einem Zentrum der Maximalversorgung zurückzufüh-
ren.
— Eine kritischere Betrachtungsweise pathologischer CTG`s könnte un-
ter Umständen zur Senkung der Kaiserschnittfrequenz führen.
— Die Sectio caesarea ist eine Operation mit minimaler Mortalität. Sie
hat jedoch eine deutlich höhere perioperative Morbidität als Spontan-
geburten.
— Die Sectio caesarea kann heute als eine für das Kind schonende Ope-
ration erachtet werden, die wenig Komplikationen für die Mutter mit
sich bringt.
— Die Spätmorbidität nach Sectio caesarea ist eher durch psychische als
durch somatische Folgeerscheinungen gekennzeichnet. Eine stärkere
Beachtung der psychischen Belastung könnte zur Verringerung der
Spätmorbidität führen.
— Eine Senkung der Kaiserschnittfrequenz unter 30% sollte durch kriti-
sche Bewertung der in der praenatalen Diagnostik erhobenen Befunde
auch in Zentren der Maximalversorgung erreicht werden können.