Marlene Gerneth
Dr. sc. hum.
Ökonomische Evaluation von Telemedizin – Methodik und exemplarische
Darstellung an ausgewählten Beispielen
Geboren am 18.02.1964 in Mechernich
Reifeprüfung am 16.06.1983 in Schleiden
Studiengang der Fachrichtung Medizinische Informatik vom WS 1983/84 bis SS 1989
Vordiplom am 30.01.1986 an der Universität Heidelberg
Diplom am 07.09.1989 an der Universität Heidelberg
Promotionsfach: Chirurgie
Doktorvater: Priv.-Doz. Dr. med. R. Schosser
Bei Einführung und Betrieb telemedizinischer Anwendungen und Dienste spielen wirt-
schaftliche Aspekte bzw. Kosten und Nutzen eine große Rolle. Fundierte ökonomische
Analysen von telemedizinischen Anwendungen liegen allerdings bis heute ebenso wenig
vor wie ein entsprechendes methodisches Vorgehen. Die vorliegende Arbeit hat daher
zum Ziel, eine Methodik zur ökonomischen Evaluation von telemedizinischen Anwen-
dungen und Leistungen zu entwickeln sowie exemplarisch zwei Telemedizin-Szenarien
aus ökonomischer Sicht zu evaluieren.
Ausgehend von einer Analyse der Anforderungen an eine Methodik zur ökonomischen
Evaluation von Telemedizin wurde ein Verfahren konzipiert, das neben einem Gerüst
der zu berücksichtigenden Kosten- und Nutzenpositionen ein fünfstufiges Vorgehens-
modell wie folgt enthält: Nach Formulierung der Fragestellung, Identifizierung und
Beschreibung der zu untersuchenden Alternativen (einschließlich der gewählten
Referenzlösung), Identifikation relevanter Effekte positiver und negativer sowie
monetärer und nicht-monetärer Art erfolgt die Erhebung, Messung und Bewertung der
identifizierten Effekte (monetäre Effekte in Geldeinheiten, nicht-monetäre Effekte in
Punktwerten auf einer Skala von –2 bis +2). Im Anschluß an eine zunächst jeweils
getrennte Analyse mit Hilfe eines Methodensets aus statischen und dynamischen
Investitionsrechenverfahren werden die monetären und nicht-monetären Effekte dann in
einem Aggregationsschritt zusammengeführt. Vor einem abschließenden Vergleich der
Varianten im Sinne einer Entscheidungsvorbereitung, der durch Entscheidungsregeln
und deren graphische Aufbereitung in einem Entscheidungsdiagramm unterstützt wird,
sollte der Einfluß unsicherer Parameter im Rahmen einer Sensitivitätsanalyse untersucht
werden.
In einer ersten exemplarischen Anwendung der Methodik zur ökonomischen Evaluation
von Telemedizin-Vorhaben wurde aus Sicht von Krankenhäusern und Krankenkassen
untersucht, ob eine Übermittlung der Daten nach § 301 SGB V per Datenfernüber-
tragung dem Datenträgeraustausch unter (monetären) Kosten-Nutzen-Gesichtspunkten
überlegen ist. Aufgrund des prospektiven Charakters der Evaluation wurden Durch-
schnittswerte über alle Häuser prognostiziert. Die Analyse zeigte, daß sowohl aus Sicht
der Krankenhäuser als auch aus Sicht der Kostenträger die telekommunikationsgestützte
Lösung vorzuziehen ist. Wie die Sensitivitätsanalyse ergab, sollten bei weiterführenden
Analysen insbesondere die für Krankenhäuser anfallenden Implementierungs- und
Portokosten genauer betrachtet werden.
Als Beispiel eines komplexeren telemedizinischen Szenarios wurde die europaweite
Fernkonsultation in der Radiologie mittels hochqualitativer Breitbandkommunikation
aus ökonomischer Sicht beleuchtet. Als konventionelle Alternativen zu den beiden Tele-
kommunikationslösungen ‘Videokonferenz’ und ‘digitale Bildkommunikation’ wurden
das Verschicken von Bildmaterial per Post sowie Reisen und das damit mögliche
persönliche Gespräch untersucht. Hinsichtlich der monetären Effekte ergab die Analyse
folgende (absteigende) Rangfolge der untersuchten Varianten: Postversand – digitale
Bildkommunikation – Videokonferenz – Reisen, hinsichtlich der nicht-monetären
Effekte die folgende: digitale Bildkommunikation – Videokonferenz – Reisen – Post-
versand. Die zusammenfassende Gegenüberstellung zeigte, daß den Varianten ‘Video-
konferenz’ und ‘digitale Bildkommunikation’ (insbesondere letzterer) der Vorzug vor
den Varianten ‘Reisen’ und ‘Post’ gegeben werden sollte, da diese sowohl monetäre als
auch nicht-monetäre Vorteile bieten.
Aus der exemplarischen Anwendung der Methodik sowie der kritischen Betrachtung des
Konzeptes werden folgende Stärken des Verfahrens deutlich:
• Nicht-monetäre Effekte werden – durch die Bewertung mittels gewichteter Punkt-
werte sowie durch die Wahl geeigneter Investitionsrechenverfahren – explizit in
die Evaluation einbezogen.
• Die Zusammenführung monetärer und nicht-monetärer Effekte wird durch Ent-
scheidungsregeln und -diagramme unterstützt.
• Das unterschiedliche zeitliche Auftreten von positiven und negativen Effekten
wird durch die Verwendung dynamischer Investitionsrechenverfahren berücksich-
tigt. Der zunächst gewählte Methodenset aus Gegenwartswertmethode (als
‘Methode der Wahl’) und (statischer) Pay-back-Methode kann gegebenenfalls um
die Kostenvergleichsrechnung und die Methode des internen Zinssatzes erweitert
werden.
• Das Strukturschema der zu berücksichtigenden Kosten- und Nutzenpositionen ist
konsequent an betriebswirtschaftlichen Kriterien sowie am cui-bono-Prinzip als
zwei zueinander orthogonalen Dimensionen orientiert.
• Das Vorgehen ist neben der Telemedizin auch für andere Einsatzgebiete von Tele-
kommunikation und Telematik, in denen für eine Gesamtbeurteilung neben
monetären insbesondere nicht-monetäre – wie soziale oder gesellschaftliche –
Kriterien im Vordergrund stehen, prädestiniert.
Insgesamt konnte in dieser Arbeit so – in Erweiterung klassischer (gesundheits-)ökono-
mischer Verfahren – ein umfassendes, in sich geschlossenes methodisches Konzept zur
ökonomischen Evaluation von telemedizinischen Anwendungen und Leistungen ent-
wickelt werden, das den spezifischen Anforderungen von Telemedizin gerecht wird und
leicht anwendbar ist. Damit ist der methodische Grundstein gelegt für die Erarbeitung
von Empfehlungen zur kosteneffizienten Gestaltung telemedizinischer Applikationen
sowie für die Schaffung der Voraussetzungen zur Abrechenbarkeit telemedizinisch
erbrachter Leistungen.