Thorsten Frank
Dr. med. dent.
Fremdreflektorische Exzitation und Inhibition unter dem Einfluß einseitiger
supratentorieller Läsionen am Beispiel menschlicher Hirnstammreflexe
Geboren am 25.08.1970 in Neustadt/Wstr.
Reifeprüfung am 18.05.1989 in Neustadt/Wstr.
Studiengang der Fachrichtung Zahnmedizin vom SS 1991 bis WS 1996/1997
Physikum am 27.09.1993 an der Universität Heidelberg
Klinisches Studium in Heidelberg
Staatsexamen am 14.01.1997 an der Universität Heidelberg
Promotionsfach: Neurologie
Doktorvater: Prof. Dr. med. H.-M. Meinck
Blinkreflex (BR) und Kieferöffnungsreflex (KÖR) sind kutaneo-muskuläre nozifensive
Fremdreflexe des Gesichts. Beide werden über jeweils zwei unterschiedlich synapsenreiche,
hauptsächlich im Hirnstamm gelegene Neuronenketten verschaltet. Ihre biphasischen Reflex-
muster (BR: R1 und R2, KÖR: SP1 und SP2) lassen sich über der Lid- (BR) bzw. Kaumusku-
latur (KÖR) elektromyographisch ableiten. Läsionen innerhalb der von den Reflexbögen
durchzogenen anatomischen Strukturen (periphere Nerven, Hirnstamm) führen zu charakteri-
stischen Veränderungen im Reflexmuster. Daher unterstützen BR und KÖR als elektromyo-
graphische Untersuchungsmethoden die Lokalisation von im Hirnstamm gelegenen Läsionen.
Für beide Reflexe ist auch nach supratentoriellen Läsionen eine Abschwächung nachweisbar.
Hierbei sollen die, die späten Reflexkomponenten verschaltenden, polysynaptischen
Neuronenketten stärker beeinflußt werden.
Ziel der vorliegenden Arbeit war es, den Einfluß unilateraler supratentorieller Läsionen auf
den Blink- und Kieferöffnungsreflex an einem einheitlichen Patientenkollektiv vergleichend
zu untersuchen. Hierzu wurde der BR durch elektrische Stimulation in der Fossa
supraorbitalis, der KÖR durch elektrische Reize an der Unterlippe ausgelöst. Der BR wurde
über dem M. orbicularis oculi, der KÖR über dem M. masseter mit Oberflächenelektroden
elektromyographisch abgeleitet. Reflexschwellen, Latenz und Dauer der Komponenten auf der
Reizseite wurden vermessen und ausgewertet.
Um den Einfluß der Reizstärke auf die Reflexausprägungen zu klären, wurden beide Reflexe
zunächst an je 25 gesunden Probanden mit ansteigender Reizstärke untersucht. Hierbei traten
nur im Reflexschwellenbereich Reizstärken-abhängige Veränderungen auf. Es kam zu einer
deutlichen Verkürzung der Reflexlatenzen und zu einer Verlängerung der Dauer der Reflex-
komponenten.
Mit der oben beschriebenen Methode wurden 40 Patienten mit unilateralen supratentoriellen
Läsionen untersucht. Häufigkeit und Ausmaß der Veränderungen korrelierten zur Anzahl der
Funktionsdefizite und erscheinen somit abhängig von der Größe der Läsion. Dabei konnte be-
stätigt werden, daß die über polysynaptische Reflexbögen verschalteten späten Komponenten
bei beiden Reflexen (R2 und SP2) auf der symptomatischen Gesichtsseite stärker disfaciliert
werden als die frühen. Eine über die obere Normbereichsgrenze angehobene Reflexschwelle
war hierfür der prägnanteste Parameter. R2 des BR war hiervon über doppelt so häufig (bei
52% der Patienten) betroffen wie SP2 des KÖR (bei 20 % der Patienten). Bei R2 beschränkte
sich die Schwellenanhebung meist auf die symptomatische Gesichtsseite. Bei SP2 trat sie
meist bilateral auf, war jedoch schwächer ausgeprägt. An allen Patienten konnten nach
Erhöhung des peripheren Reizes beide Komponenten beider Reflexe abgeleitet werden.
Komponentenverkürzungen und -verspätungen traten bei klinisch symptomreichen Patienten
häufiger auf. Sie erfaßten beim BR nur R2 auf der symptomatischen Gesichtsseite. Beim KÖR
hingegen waren - bei vergleichsweise geringerer Ausprägung - meist bilateral beide
Komponenten betroffen. Die Verkürzung und Verspätung der Komponenten konnte meist
nicht durch eine Erhöhung des peripheren Reizes ausgeglichen werden. Es zeigte sich kein
vom Normkollektiv abweichender reizstärken-abhängiger Effekt.
Insgesamt steht der BR unter einem erheblich stärkeren zentralen Bahnungseinfluß als der
KÖR. Letzterem wird auch nach unilateralen supratentoriellen Läsionen noch ein
ausreichender Bahnungseinfluß vermittelt, was sich durch den sowohl gekreuzt als auch
ungekreuzt verlaufenden zentralen Einfluß auf den motorischen Trigeminuskern erklären läßt.
Folglich ist der KÖR wegen geringerem extrapontinem Einfluß für die Hirnstammdiagnostik
die von beiden Reflexen spezifischere Untersuchungsmethode.