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Friederike Baron
Dr. med.
Untersuchung und Beurteilung „umweltmedizinischer“ Zusammenhänge: Studie an
Patienten der Umweltmedizinischen Ambulanz der Ruprecht-Karls-Universität Heidel-
berg
Geboren am 11.04.1968 in Berlin
Reifeprüfung am 3.05.1988 in Karlsruhe
Studiengang der Fachrichtung Medizin vom WS 89/90 bis WS 96/97
Physikum am 30.03.1992 an der Universität Heidelberg
Klinisches Studium in Heidelberg
Praktische Jahr in Heidelberg und Kapstadt/Südafrika
Staatsexamen am 6.11.1996 an der Universität Heidelberg
Promotionsfach: Hygiene
Doktorvater: Prof. Dr. med. Dr. h.c. H.-G. Sonntag
Seit Ende der 80er Jahre hat sich in weiten Teilen der Bevölkerung eine erhebliche Bewußt-
seinsverschärfung in bezug auf Umwelteinflüsse entwickelt. Die Befürchtungen von Teilen
der Bevölkerung, daß sich umweltbedingte Krankheitenhäufen, nehmen zu. Die Patienten
und auch Teile der Ärzteschaft führen unspezifische Beschwerden und chronische oder rezi-
divierende Erkrankungen vermehrt auf Umweltnoxen zurück. Dem wachsenden Bedarf an
umweltmedizinischer Sachkompetenz soll durch die Eröffnung umweltmedizinischer Ambu-
lanzen Rechnung getragen werden.
Um das Beratungsangebot im Rhein-Neckar Raum gerecht zu werden, wurde 1993 am
Hygiene-Institut der Universität Heidelberg eine umweltmedizinische Ambulanz eröffnet.
Neben der umweltmedizinischen Versorgung ist sie auch forschungsorientiert ausgerichtet.
Thema der vorliegenden Arbeit war es, die von den Patienten genannten Befindlich-
keitsstörungen und Erkrankungszeichen herauszuarbeiten und differentialdiagnostisch abzu-
klären. Es galt zu prüfen, inwieweit eventuell Umwelteinflüsse an der Symptombildung be-
teiligt waren. Dabei erfolgte die Darstellung bei interessanten Patienten auf der Grundlage
von Kasuistiken. Es wurde eine ausführliche Anamnese erhoben, eine gründliche körperliche
Untersuchung vorgenommen und gegebenenfalls weitere diagnostische Schritte eingeleitet
beziehungsweise durchgeführt (z. B. Blutabnahmen, Ortsbegehung). Die von den Patienten
genannten Symptome wurden mittels Datenbanken und der Fachliteratur sowie durch Unter-
stützung von Fachärzten differentialdiagnostisch abgeklärt. Nach eingehender Ausarbeitung
der Unterlagen eines jeden Patienten konnte in den meisten Fällen eine Diagnose bzw. ab-
schließende Beurteilung gestellt werden. Die Auswertung bezieht sich auf das Jahr 1994.
Das Patientengut setzte sich aus 51 Patienten zusammen. 27 Frauen und 24 Männer
waren beim Erstkontakt mit der Ambulanz durchschnittlich 40,7 Jahre alt. Unter anderem
baten 35 Patienten um eine Abklärung einer unspezifischen Symptomatik, wobei bei 26 die
Beschwerden schon seit Jahren bestanden. Die Betroffenen nannten eingangs folgende Bela-
stungsfaktoren (Mehrfachnennung): Holzschutzmittel (31), Lösemittel (13), Geruch (12),
Formaldehyd (10), Lärm (9), Dämpfe/Gase/Rauch (7), Staub (6), Schädlingsbekämpfungs-
mittel (5), Amalgam (5), Raumklima (4), Allergene (2), Asbest (1), PCB (1).
Die hauptsächlichen Beschwerden entstammten aus dem Bereich (Mehrfachnennung):
Allgemeinbefinden (36), peripheres Nervensystem (31), Haut/Haare (30), Gastrointestinal-
trakt/Leber (26), Atemwege/Lunge (25), Augen (25), kardiovaskuläres System (21), HNO
(16), zentrales Nervensystem (15), Bewegungsapparat (11), Niere/Harnweg (9), endokrines
System (8), hämatopoetisches System (6), Geschlechtsorgane/Fertilität (5) und psychologi-
sche/psychiatrische Störungen (3). Insgesamt kamen auf einen Patienten etwa 5,2 Symptome.
Nach den erfolgten Untersuchungen und in manchen Fällen durchgeführten Therapien kamen
auf jeden Patienten noch etwa 1,4 Symptome.
Nach gründlichen Untersuchungen und Begutachtungen ergab sich die folgende Ein-
schätzung: Ein Zusammenhang zwischen Gesundheitsbeschwerden und der Umwelt war nur
bei fünf Patienten wahrscheinlich und bei 46 Patienten eher unwahrscheinlich. Unter den fünf
genannten Patienten waren drei Patienten, bei denen eine arbeitsmedizinische Problematik im
Sinne eines sick-building-syndromesvorlag, eine Patientin mit MCS-Syndrom und eine
Patientin mit Verdacht auf eine HSM bedingte Gesundheitsstörung.
Daraus ergab sich, daß bei einem Zehntel der Patienten die geklagten Gesundheitsbe-
schwerden mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit durch Umweltschadstoffe bedingt oder
mitbedingt sein könnten. Bei dem Rest der Patienten stand entweder eine psychosomatische
Komponente oder eine Organkrankheit im Vordergrund.
Es zeigte sich, daß sich die Umweltmedizin noch in einer Pionierphase befindet. Es
bestehen zahlreiche Schwierigkeiten einen Expositions-Wirkungs-Zusammenhang festzustel-
len oder auszuschließen. Einerseits existieren keine verläßlichen Referenzwerte für die ermit-
telten Schadstoffkonzentrationen bezüglich der äußeren und inneren Belastung, noch können
andererseits unspezifische Gesundheitsstörungen in bezug auf chemische Induktion eindeutig
geklärt werden. Außerdem können methodische Probleme bei der Probenahme und Schadstof-
fanalytik vorkommen, so daß unter Umständen fälschlich erhöhte Konzentrationen gemessen
und die Patienten unnötigerweise verunsichert werden. Da die Methoden in der Umweltmedi-
zin noch nicht richtig etabliert sind, ist eine eingehende ausführliche Anamnese sowie die
differentialdiagnostische Abklärung der Symptome von größter Bedeutung, zumal sich hinter
den Beschwerden meist ein psychischer Konflikt oder unter Umständen eine Organkrankheit
verbergen.
Nur bei einer weiteren wissenschaftlichen Begleitung der Umweltmedizin als medizi-
nisches Querschnittsfach und der qualifizierten und standardisierten Auswertung der dabei
erhobenen Daten, kann in den nächsten Jahren und Jahrzehnten mit einem relevanten Er-
kenntniszuwachs gerechnet werden.