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Till Winfried Bärnighausen
Dr. med.
Medizinische Humanexperimente der japanischen Truppen für Biologische
Kriegsführung in China, 1932-1945
Geboren am 12. 06. 1969 in Darmstadt
Reifeprüfung am 18. 05. 1989 in Darmstadt
Studiengang der Fachrichtung Medizin vom WS 1989 bis SS 1993 und WS 1994 bis SS 1997
Physikum am 30. 03. 1992 an der Universität Heidelberg
Klinisches Studium in Heidelberg
Praktisches Jahr in Houston (MD Anderson Cancer Center), Boston (Harvard) und Heidelberg
Staatsexamen 21. 10. 1997 an der Universität Heidelberg
Promotionsfach: Geschichter der Medizin
Doktorvater: Prof. Dr. med. Wolfgang U. Eckart
Im Jahre 1925 verabschiedete der Völkerbund das „Protocol for the Prohibition of the Use in
War of Asphyxiating, Poisonous or Other Gases, and of Bacteriological Methods of Warfare.
Die Unterzeichner erklärten, biologische Waffen (BW) müßten, da die general opinion of the
civilized worlddiese Form der Kriegsführung verurteile, von allen Staaten der Welt verboten
werden, binding alike the conscience and the practice of nations. In Japan las der damals
33jährige Militärmediziner Ishii Shiro einen Bericht über die Genfer Konvention von 1925.
„Biological warfare, folgerte er, „must possess distinct possibilities, otherwise it would not
have been outlawed by the League of Nations.
In den folgenden Jahren versuchte Ishii, die Führung der kaiserlichen Armee dafür zu ge-
winnen, in Japan ein B-Waffenprogramm zu entwickeln, um einerseits BW-Angriffen
verfeindeter Staaten nicht hilflos ausgeliefert zu sein, sich andererseits die Möglichkeiten der
neuen Waffentechnologie offensiv zunutze zu machen: Biologische Kriegsführung, so Ishii,
spare nicht nur Geld und Rohstoffe, sondern schaffe auch ein unschätzbares
Tötungspotential. „Da sich das japanische Kaiserreich in einer wirtschaftlichen Krise befindet
und es an Eisen und Stahl mangelt, könnten so zwei Fliegen mit einer Klappegeschlagen
werden. Sieben Jahre vergingen, bis Ishii seine Idee in die Tat umsetzen konnte; 1932 wurde in
Tokyo zuerst das sogenannte Labor für Epidemienprävention gegründet, dann, ein Jahr später,
das wesentlich größere Institut für Epidemienprävention - Wissenschaftseinrichtungen, deren
Namen verschleiern sollten, welchem Zweck sie dienten: Methoden biologischer Kriegsführung
zu erforschen, und, falls möglich, biologische Waffen zu produzieren.
Es ist eine Ironie der Geschichte, daß ein Protokoll des Völkerbundes, das biologische
Kriegsführung verurteilte, zumindest in Japan die Entwicklung gerade dieser Waffengattung
vorantrieb. Für einen Staat, der um seine Ehre kämpfe, erklärte Enryo Hojo, ein enger Vertrau-
ter Ishiis, dreizehn Jahre später in Deutschland, sei solch eine Gerechtigkeitsideeund
„moralische Verabredung“ wie die Genfer Konvention von 1925 nichts als ein toter Buch-
stabe: Im Krieg siege die Wirksamkeit der Methode immer über etwaige moralische
Bedenken.
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Charakter und Persönlichkeit Ishii Shiros in wenigen Worten zu umreißen, ist ein schwieri-
ges Unterfangen, zumal den Quellen oft entgegengesetzte Ziele ihrer Autoren zugrunde liegen:
Ishiis Feinde versuchten, ihn zu diffamieren; Ishiis Tochter war bemüht, den Namen ihres
Vaters nach dem Krieg zu rehabilitieren. Trotz der unterschiedlichen Blickwinkel lassen sich
übereinstimmende Eigenarten Ishiis herausarbeiten: Er war sehr intelligent, wenn nicht ein
Genie, dabei aber bar jeden moralischen Skrupels und im Umgang mit Kollegen wie
Vorgesetzten ausgesprochen arrogantsowie erpicht darauf, durch verdienstvolle Taten in
höhere Positionen aufzusteigen. Zu alledem gesellte sich eine ultranationalistische Haltung,
die allerdings - anders als Ishiis offen zur Schau getragener mangelnder Respekt vor Autoritäten
- zu der Zeit unter japanischen Intellektuellen nicht ungewöhnlich war.
Ishii wurde am 25. Juni 1892 in Chiyoda Mura, einem kleinen Bauerndorf südlich von To-
kyo geboren. Im Jahre 1916 bestand er die Aufnahmeprüfung an die japanische Eliteuniversität
Kyoto, wo er Medizin studierte. Nachdem er 1920 sein Studium abgeschlossen hatte, trat er der
Armee bei. 1924 kehrte Ishii, inzwischen zum Oberstleutnant befördert, an die Universität
Kyoto zuück, um über „Grampositive Diplokokkenzu promovieren. Im Jahre 1928 begab er
sich, wahrscheinlich im Auftrag der Armee, auf eine zweijährige Weltreise in 21 Länder, mit
dem Ziel, Forschungsergebnisse über biologische Kriegsführung zusammenzutragen.
Daß Ishii, zwei Jahre nachdem er 1930 nach Japan zurückgekehrt war, seinen Plan, in To-
kyo BW-Forschung zu betreiben, durchsetzen konnte, hatte mehrere Gründe: Zum einen
herrschte in der kaiserlichen Armee zu dieser Zeit ein erbitterter Machtkampf zweier
Fraktionen, der Toseiha oder „Sekte der Kontrolleund der Kodoha oder „Sekte des
kaiserlichen Weges, den Ishii ausnutze, indem er sich, die beiden Parteien geschickt
gegeneinander ausspielend, sowohl die Unterstützung der Toseiha als auch der Kodoha
sicherte. Zum anderen hatte der junge Militärarzt einen mächtigen Förderer gefunden: den
Generalstabsarzt und späteren Gesundheitsminister Chikahiko Koizumi, der wie Ishii den Beruf
des Arztes mit einer extrem nationalistischen Gesinnung verband: „Sehr gute Ärzte kümmern
sich um ihr Land, gute Ärzte kümmern sich um Menschen und schlechte Ärzte heilen
Krankheiten- nach diesem Aphorismus hatte Koizumi sein Leben ausrichten und sein
ärztliches Können als Forscher und Organisator in den Dienst Japans stellen wollen. Dabei war
Koizumis Einstellung zur Wissenschaft ebenso wie die Ishiis vor allem kämpferisch: Im
Schlachtfeld zu sterben, sei die Pflicht des Soldaten, hatte er einst seinen Mitarbeitern erklärt,
im Labor zu sterben, dagegen die Pflicht des Wissenschaftlers.
Koizumi hatte versucht, das Ansehen der Ärzte innerhalb der Armee zu verbessern, indem
er nach dem 1. Weltkrieg die in Japan damals neue Waffengattung der chemischen Kriegsfüh-
rung den Sanitätseinheiten unterstellte. Nicht allein die medizinische Versorgung der Armee zu
gewährleisten, sondern auch über eine offensive Waffe zu verfügen, hätte für die Armeeärzte
einen großen Prestigegewinn bedeutet. Als der ehrgeizige Plan scheiterte, weil ein Erdbeben
das Tokyoer Forschungsinstitut für Gaswaffen zerstörte, wandte sich Koizumi umso
begeisterter der biologischen Kriegsführung zu und begann, Ishii zu unterstützen.
Am Institut für Epidemienprävention experimentierten Ishii und seine Mitarbeiter mit den
Erregern von Rotz, Cholera, Typhus, Gasbrand, Milzbrand und Pest. Der Pest galt Ishiis be-
sonderes Interesse. Während seiner Weltreise hatte er die verheerenden Auswirkungen der
Pest im 14. bis 17. Jahrhundert in Europa studiert und war zu der Erkenntnis gekommen, daß
die Seuche eine der gefährlichsten potentiellen Bakterienwaffen darstelle. Bereits während der
ersten Phase der BW-Forschung in Tokyo führten die japanischen Militärärzte Experimente
an chinesischen und koreanischen Kriegsgefangenen durch, darunter Versuche, gesunden
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Menschen Pferdeblut zu transfundieren, und Infektionsexperimente mit Bacillus anthracis,
dem Erreger des Milzbrandes. Obwohl sich Ishii nach außen hin mit den Erfolgen seines
Instituts zufrieden zeigte (es sei, pries er, eine vorbildliche Fabrik für Produktion von Waffen
und Munition), erkannt er schon bald, daß BW-Forschung in Japan nur in beschränktem
Maße möglich sein würde. Einerseits drohten Versuche mit offensiven B-Waffen, die eigene
Bevölkerung zu gefährden. Eine außer Kontrolle geratene Seuche hätte in Tokyo Millionen
von Menschen gefährdet. Andererseits bot sich in Japan nur selten die Gelegenheit,
Menschen, zumeist Kriegsgefangene, als „Versuchsobjektezu verwenden. Offensive BW-
Forschung könne indes, glaubte Ishii, nur zum Erfolg führen, wenn Humanexperimente
regelmäßig und in großem Umfang durchgeführt würden. Beide Probleme ließen sich lösen,
indem man die Forschungsstation für B-Waffen in die von Japan besetzte Mandschurei
verlagerte. Große menschenleere Gebiete garantierten dort Geheimhaltung; Menschen
würden, sollten Krankheitserreger bei einem Unglücksfall in die Umwelt gelangen, nur
bedingt gefährdet; künstlich hervorgerufene Seuchen geschähen weit entfernt von der
japanischen Zivilbevölkerung. Schließlich würde es in China einfach sein, Menschen
gefangenzunehmen - chinesische Kleinkriminelle, kommunistische Widerstandskämpfer,
russische, koreanische und mongolische Soldaten -, um sie für Humanexperimente zu
mißbrauchen, und nur so, indem man bei Versuchen statt Meerschweinchen Menschenein-
setze, glaubten die japanischen Armeeärzte, könnten in der offensiven BW-Forschung „mit
Sicherheit hervorragende Ergebnisse erzieltund biologische Waffen entwickelt werden. Die-
sem Ziel aber, so Ishii, müßten sich Armeeärzte in Kriegszeiten stärker zuwenden als der hei-
lenden Medizin:
„Militärmedizin ist nicht nur Heilung und Prophylaxe. Das Ziel wirklicher Militärmedizin
liegt im Angriff.
Im Herbst 1932 vertrieben japanische Soldaten die Einwohner des Dorfes Beyinhe in der
Mandschurei. Ein Jahr später hatten chinesische Zwangsarbeiter an der Stelle eine 600 Qua-
dratmeter große Kaserne errichtet - die erste BW-Forschungsstation der japanischen Armee in
China. Bis 1936 führten hier Militärärzte unter dem Kommando Ishiis Humanexperimente
durch, die nicht nur der Erforschung biologischer Waffen dienten, sondern auch die
Reaktionen des menschlichen Organismus auf Extrembedingungen untersuchten: Kälte,
Hunger, Durst und elektrische Hochspannung. Mindestens 1200 Menschen wurden bei den
Humanexperimenten in Beiyinhe getötet.
Bereits im Jahre 1933 wurde die Forschungsstation in Beyinhe für Ishii zu einem Sicher-
heitsrisiko, als es einer Gruppe Gefangener gelang, aus der Kaserne - und damit dem sicheren
Tod - zu entkommen. Nachdem 1936 das Munitionslager der Kaserne wahrscheinlich von
kommunistischen Widerstandskämpfern in die Luft gesprengt worden war, beschloß Ishii, die
Zentrale der japanischen BW-Forschung in der Mandschurei in das südlich von Harbin gele-
gene Pingfang zu verlagern. Die in Pingfang stationierte Einheit der japanischen Guandong-
Armee erhielt die Nummer 731. Ihr untergeordnet waren die Truppe 100 in Mengjiatung
(gegründet 1935), die Truppe 1644 in Nanjing (gegründet 1939), die Truppe 8604 in Guan-
zhou (gegründet 1939) und die Truppe 1855 in Beijing (gegründet 1939), sowie seit 1940 die
Truppenabteilungen in Hailar, Hailin, Linkou, Sunwu und Truppenübungsplätze in Chengzi-
gou, Taolaizhao und Anda, welche Menschenversuchen auf freiem Gelände dienten.
Das „menschliche Versuchsmaterialfür die Humanexperimente bezogen die Wissen-
schaftler aus veschiedenen Quellen: Nach den offiziellen Richtlinien der Guandong-Armee
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genügte der Verdacht, eine Person könne anti-Japanese mindedsein, ein disloyal element
oder ein ideological criminal, um sie in eines der Konzentrationslager zu verschicken, in de-
nen die BW-Forscher ihre Versuchsopfer gefangenhielten. Konnten die Gefangenen nicht in-
nerhalb einer Nacht zu den Truppen transportiert werden, wurden sie tagsüber in speziellen
Gefängnisräumen interniert, die in japanischen Botschaften und Konsulaten, zum Beispiel in
Harbin, eingerichtet waren. Die Verurteilung zum qualvollen Tod bei biologischen
Versuchen, euphemistisch bezeichnet als „Sonderbehandlungoder „Sondersendung, traf am
häufigsten Chinesen, die verdächtigt wurden, für den russischen Geheimdienst zu arbeiten
oder einer chinesischen Antijapanischen Vereinigung oder Armee anzugehören, wie zum
Beispiel der kommunistischen Achten Route-Armee, der Neuen Vierten Armee oder der
Alliierten Antijapanischen Armee. Diese sogenannten politisch Verdächtigen wurden zumeist
von einer lokalen Einheit der japanischen Militärpolizei verhaftet, verhört, gefoltert und -
nachdem sie gestanden hatten, der Sabotage oder Spionage gegen die japanische Armee
schuldig zu sein - zu den Kasernen der BW-Truppen verschleppt, wo sie entweder direkt an
den Folgen der Humanexperimente starben oder aber nach dem Versuch hingerichtet wurden,
damit die Pathologen der Arbeitsgruppen - wie grundsätzlich nach allen Menschenversuchen -
eine Autopsie durchführen konnten. Die durchschnittliche Lebenserwartung der Gefangenen
in den Konzentrationslagern betrug etwa einen Monat.
Die Geschichte der Humanexperimente der japanischen BW-Forscher läßt sich nach Ort,
Umfang und Experiment-Typus in drei Phasen unterteilen: vor 1932 in Tokyo, von 1932 bis
1936 in Beyinhe und von 1936 bis 1945 in Pingfang. Über die Experimente in Tokyo ist zu
wenig bekannt, als daß man abschließend über sie urteilen könnte. Fest steht nur, daß die
Militärmediziner, Mikrobiologen und Pathologen, die unter Leitung Ishiis am Institut für
Epidemienprävention arbeiteten, bereits erste Versuche mit Menschen durchführten und daß
diesen Versuche nicht nur bakteriologische, sondern auch physikalische Fragestellungen zu-
grundelagen. Ähnliches gilt auch für die Humanexperimente der zweiten Phase in Beiyinhe.
Da über einige dieser Experimente jedoch detaillierte Beschreibungen vorliegen, lassen sie
sich hinsichtlich Wissenschaftlichkeit, Methodik und Ergebnis untersuchen. Einmal
abgesehen von der unbeschreiblichen Grausamkeit dieser Versuche, genügten sie, gemessen
an den Maßstäben der damaligen Zeit, nicht den Anforderungen an ein wissenschaftliches
Experiment. So hätten die japanischen Wissenschaftler, um übertragbare, vor allem aber
reproduzierbare Ergebnisse zu erhalten, ihre menschlichen „Versuchsobjektenicht
hintereinander für mehrere, unterschiedliche Versuche benutzen dürfen. Genau dies taten sie
aber, wenn sie zum Beispiel eines ihrer Opfer zuerst einem Giftgasversuch aussetzten, was bei
dem Mann eine schweren Lungenentzündunghervorrief, um ihn am darauffolgenden Tag
erneut für zwei Experimente - einem Versuch mit Zyankali gefolgt von einem Experimente
mit elektrischer Hochspannung - zu mißbrauchen. Nahezu sämtliche belegten Experimente,
die in der ersten BW-Forschungsstation außerhalb Japans durchgeführt wurden, waren
wissenschaftlich insofern nutzlos, als die Fragestellungen nicht dem Forschungsstand der Zeit
entsprachen und Methoden zum Einsatz kamen, die weit hinter dem technisch Machbaren
zurückblieben.
Differenzierter ausfallen muß die kritische Einschätzung der Humanexperimente, die in
der dritten Phase der japanischen BW-Forschung von 1936 bis 1945 durchgeführt wurden: In
dieser Zeit standen Experimente ohne wissenschaftlichen Zweck, die vor allem dazu dienten,
die sadistischen Regungenen einiger Wissenschaftler zu befriedigen, Versuchen gegenüber,
welche methodisch durchdacht und wissenschaftlich sinnvoll waren.
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Grundsätzlich lassen sich die Versuche unterteilen in
1. solche Humanexperimente, die zu Ergebnissen führten, die nur gewonnen werden
konnten, indem Menschen gegen ihren Willen als Versuchsobjekte mißbraucht
wurden,
2. Humanexperimente, die zwar zu neuen Ergebnissen führten, diese Ergebnisse aber
auch mit Tierversuchen oder Experimenten an Freiwilligen hätten erzielt werden
können, und schließlich
3. jene Humanexperimente, bei denen keine neuen Ergebnisse gewonnen wurden, weil
die Forscher Fragestellungen nachgingen, die bereits an anderer Stelle beantwortet
oder aber zu absurd waren, um zu einem wissenschaftlich sinnvollen Resultat zu
führen.
Ersterer Gruppe gehörten beispielsweise die Menschenversuche mit Mycobacterium tu-
berculosis an, die für die japanischen Wissenschaftler nicht nur den unschätzbaren Vorteil
hatten, ohne jahrzehntelange Beobachtung zu Ergebnissen zu führen, sondern es
darüberhinaus auch ermöglichten, dort, wo im Experiment mit natürlich erkrankten Patienten
nur qualitative Angaben möglich gewesen wären, quantitative Aussagen zu machen: Nicht
allein ob oder ob nicht, sondern auch ab welcher Dosis Tuberkulosebakterien auf
verschiedenen Infektionswegen - intravenös, intrakutan, subkutan - zu Krankheitssymptomen
führen, konnten die Militärarzt in den Menschenversuchen ermitteln. Derartige Ergebnisse
hätten weder durch Beobachtung natürlicher Infektionen noch durch Tierversuche erzielt
werden können. Weitere Beispiele für zwar unbegreifbar grausame, wissenschaftlich und
methodisch jedoch sinnvolle Humanexperimente sind - wie im Kapitel 6 ausgeführt - einige
der Versuche mit Bacillus anthracis, Haemophilus influenzae und Pseudomonas mallei sowie
jene Obduktionen, die es ermöglichten, pathologische Befunde in frühen Krankheitsstadien zu
erheben, indem die künstlich infizierten Versuchsopfer hingerichtet wurden, bevor sie ihrer
Krankheit erlagen.
Zur zweiten Gruppe gehörten Experimente mit Salmonella typhi sowie eine Serie von
Versuchen, die sich mit der Erforschung des hämorrhagischen Fiebers mit renalem Syndrom
beschäftigte. Diese Experimente waren wissenschaftlich durchaus interessant, hätten bei sorg-
fältiger Planung aber auch durchgeführt werden können, wenn die japanischen Armeeärzte na-
türlich aufgetretene Fälle beobachtet oder Tiere als Versuchsobjekte eingesetzt hätten.
Zur dritten Gruppe zählen Versuche mit den Erregern von Paratyphus, Pocken, Botulis-
mus, Gasbrand, Tularämie und Syphilis, deren Fragestellungen nicht erwarten ließen,
Resultate zu erzielen, die über das medizinische Allgemeinwissen der Zeit hinausgingen, wie
zum Beispiel die Infektionswege, Inkubationszeiten und Letalitäten der Erkrankungen. Dieser
Gruppe müssen auch Experimente zugerechnet werden, die ergebnislos blieben, weil sie
Hypothesen untersuchten, die - nach damaligem Wissen - bestenfalls abwegig,
schlimmstenfalls medizinisch unmöglich waren, wie zum Beispiel Versuche, Menschen durch
Tröpfcheninfektion mit Bakterienruhr, Gasbrand und Cholera zu infizieren oder die
progressive Paralyse zu heilen, indem die Patienten künstlich mit dem Erreger des
Tsutsugamushi-Fiebers angesteckt wurden.
Weder können die Ergebnisse der Humanversuche ausnahmslos als , data ... of great val-
uebezeichnet werden, da ohne den Einsatz von human subjectsderartige Resultate nicht
zu erzielen gewesen wären, noch durchgehend als information of little value, da die
Versuche schlecht geplant waren und - allenfalls auf vagen Vermutungen über
unwahrscheinliche Wirkungen fußend - zumeist im Leeren verliefen. Daß, wie sich an
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zahlreichen Beispielen belegen läßt, beides zutraf, lag an den riesigen Dimensionen des
japanischen BW-Programms: Allein der Zentrale in Pingfang stand ein jährliches Budget von
200.000 bis 500.000 Yen zur Verfügung. Mit dem Geld finanzierte Ishii sowohl aufwendige
Forschungsprojekte angesehener ziviler Professoren, denen zum Teil langjährige Versuche
mit Tieren vorausgegangen waren, als auch die sadistischen Exzesse einiger Militärärzte, die
der Armee beigetreten waren, weil ihnen eine zivile Karriere versagt geblieben war. Von 1936
bis 1945 fielen in Pingfang mindestens 3000 Menschen BW-Versuchen zum Opfer; in den der
Truppe 731 untergeordneten Einheiten noch einmal mindestens 5000-6000 Menschen.
Vermutlich liegen diese Schätzungen weit unter der wirklichen Zahl der Versuchsopfer.
Am 10. Augsut 1945, fünf Tage bevor der japanische Kaiser Hirohito in einer Radioan-
sprache Japans Kriegsniederlage und Kapitulation bekanntgab, begannen die BW-Truppen der
kaiserlichen Armee in China, ihre Einrichtungen zu zerstören, schriftliches Beweismaterial
über die Humanexperimente zu vernichten und die letzten noch lebenden Gefangenen zu
töten. Nach dieser letzten Hinrichtung, der nicht nur die Veruchsopfer sondern auch alle
chinesischen und mandschurischen Zwangsarbeiter der Truppen zum Opfer fielen, flohen die
meisten Mitglieder der BW-Einheiten per Zug nach Korea und von dort mit dem Schiff weiter
nach Japan. Dort setzten die Führer der Truppe 731 nach dem Krieg ihre Karrieren als Ärzte,
Wissenschaftler, Hochschullehrer und Geschäftsleute fort. Nur kurzzeitig, bis zum Ende der
Internationalen Kriegsverbrecherprozesse in Tokyo waren ihre ansonsten meist geradlinigen
Laufbahnen unterbrochen. In dieser Zeit führten der amerikanische Geheimdienst sowie Wis-
senschaftler vom BW-Forschungszentrum der US-Armee in Fort Detrick verschiedene Unter-
suchungen durch, in denen nach und nach aufgedeckt wurde, daß Japan nicht nur defensive
sondern auch offensive B-Waffenforschung betrieben hatte, und daß die japanischen Forscher
ihr Wissen über biologische Kriegsführung zum größten Teil durch Menschenversuche an chi-
nesischen Gefangenen gewonnen hatten.
Die amerikanischen Forscher erkannten bald, daß sich ihnen hier die einmalige Möglich-
keit bot, Ergebnisse von Humanexperimenten zu erhalten, ohne selbst mit Menschen
Versuche durchführen zu müssen. Moralische Bedenken, Daten zu nutzen, die mit derartig
unmenschlichen Methoden gewonnen worden waren, scheinen die amerikanischen
Wissenschaftler nicht gehabt zu haben. Die Tatsache, daß such information could not be
obtained in our own laboratories because of scruples attached to human experimentation,
begründete allein den wissenschaftlichen - und finanziellen - Wert der Versuchsergebnisse: In
der Vergangenheit sei es nötig gewesen, the effects of BW agents on manvon data
obtained through animal experimentationabzuleiten. Ein derartiger Transfer bliebe jedoch
immer inconclusive and far less complete than results obtained from certain types of human
experimentation.“ Aus diesem Grund, folgerten die amerikanischen BW-Forscher im Jahre
1947 zu Beginn des Kalten Krieges, müßten alle Anstrengungen unternommen werden,
einerseits die Ergebnisse der Humanexperimente (in denen „many millions of dollars and
years of workstecke) sicherzustellen, andererseits zu verhindern, daß diese Daten in die
Hände der Sowjetunion fielen.
Das politische Dilemma dieser Situation lag darin, daß die japanischen BW-Forscher er-
klärten, sie würden die Versuchsergebnisse nur dann auszuhändigen, wenn sie eine „written
guaranteeerhielten, nicht als Kriegsverbrecher angeklagt zu werden. Indes standen die Men-
schenversuche der japanischen Wissenschaftler in ihrer Grausamkeit den Experimenten deut-
scher Naziärzte, die zur selben Zeit in Nürnberg als Kriegsverbrecher angeklagt wurden, in
nichts nach. Die deutschen Wissenschaftler zu verurteilen, den japanischen hingegen Straffrei-
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heit zu gewähren, weil die Ergebnisse ihrer Versuche in den Augen des amerikanischen Ge-
heimdienstes of such importance to the security of this country“ waren, bedeutete verschie-
dene Maßstäbe für die Bestrafung vergleichbarer Verbrechen anzulegen. In dieser Zwangslage
entschied das amerikanische State-War-Navy Coordinating Committee (SWNCC), sich mit
Ishii Shiro und den anderen japanischen BW-Forschern auf einen Handel Daten gegen Straf-
freiheiteinzulassen, auch wenn die Gefahr bestünde, that ... this government may at a later
date be seriously embarrassed.“ Keiner der japanischen BW-Forscher, die in China Menschen-
versuche durchgeführt hatten, wurde je vor ein Kriegsgericht gestellt, geschweige denn für die
Verbrechen verurteilt. Das Vorgehen der USA ermöglichte den Wissenschaftlern, ihre Karrie-
ren fortzusetzen und in einflußreiche Posititionen in Wissenschaft, Wirtschaft und Militär auf-
zusteigen. Dabei half ihnen ein Netzwerk kollegialer Beziehungen zwischen den ehemaligen
Mitgliedern der BW-Truppen. Ein Großteil der akademischen Mediziner im Nachkriegsjapan
- Universitätsprofessoren, Dekane medizinischer Fakultäten und leitende Wissenschaftler des
Nationalen Gesundheitsdienstes - hatten entweder selbst an Humanexperimenten
teilgenommen oder aber die Forschung Ishiis unterstützt, indem sie ihre fähigsten Assistenten
nach China sandten, damit diese in Tierexperimenten gewonnene Ergebnisse am Menschen
überprüften. Aus diesem Grund hat die medizinische Elite Japans bis heute zu den
Humanexperimenten in China geschwiegen: Die Verbrechen der japanischen BW-Forscher
aufzudecken, hieße, mit der eigenen Vergangenheit ins Gericht zu gehen.