Jonas Jablonskis – varpininkas (Mintauja, ėjimas į „Varpą“)
Full text
GIEDRĖ ČEPAITIENĖ
Universität Šiauliai
JONAS JABLONSKIS – EIN VARPININKAS
(Mintauja, der Weg zum Varpą)
Jono Jablonskio veikla aptarta Arnoldo Piročkino monografijose (1977, 1978), tačiau apie kai kuriuos klausimus jose kalbama tik prabėgomis. Šiame straipsnyje parodomas J. Jablonskio tapsmas varpininku, aptariama su Varpu susijusi jo veikla Mintaujos laikotarpiu, atskleidžiant publikacijų tematiką ir kai kurias J. Jablonskio – prisiekusio „litvomano“, mokslininko, kalbininko nuostatas.
1. DER WEG ZUM VARPĄ
Wenn man über Jonas Jablonskis Mitarbeit bei Varpe spricht, sollte man sich den Weg der Herausbildung seines nationalen Selbstbewusstseins vergegenwärtigen. Als er das Gymnasium in Marijampolė besuchte (1872–1881), erörterte die Jugend die Frage der nationalen Identität nicht, und der größte Teil der Gymnasiasten betrachtete sich als Verbreiter der polnischen Kultur. So war auch J. Jablonskis, als er zum Studium an die Universität Moskau ging, noch ein unentschlossener junger Mann. Seine eigenen Erinnerungen bezeugen seine nationale Reifung1:
„Unter den Studenten der Universität fand ich eine beträchtliche Zahl mir bekannter Litauer. Ohne große Begeisterung („anders konnte ich nicht handeln“) trat ich einem litauischen Verein bei. Einer meiner litauischen Freunde tat dies nicht; ich tadelte ihn nicht, sondern rechtfertigte mich selbst ihm gegenüber, und er tadelte mich ebenfalls nicht und rechtfertigte sich seinerseits dafür, nicht beigetreten zu sein. Nach und nach begannen mir die neuen Freunde, die Gruppe der „Litvomanen“, zu gefallen, obwohl ich viele von ihnen weiterhin mit schrägem Blick betrachtete. Unter diesen Freunden war auch Jonas Šliūpas, der mir als der sorgfältigste und fleißigste von allen erschien. In gemeinsamen Fragen, die die Belange des litauischen Volkes betrafen, anderer Meinung zu sein als sie, war schwierig; doch ist das Litauertum ja nicht allein eine Erfindung der Logik: Viel wogen damals auch andere Motive, alte Ideale und die Eindrücke des „Polen“. Hätte jemand beweisen können, dass auch wir wirklich imstande wären, wie ein Mann aufzuwachen und das Leben eines Volkes zu führen, hätte es wohl keine Zweifel gegeben, auch wenn ich nicht gewagt hätte, darüber zu sprechen. Unter den Freunden
1 Zitiert wird aus den von J. Balčikonis herausgegebenen Schriften Jablonskis, da aus ihnen die Autorschaft der Artikel hervorgeht.
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Es gab natürlich auch noch mehr solcher Gleichgültigen, aber diese zogen mich nicht an. Wenn ein Gespräch begann, hörte man oft auch Russisch aus dem Mund der Litauer. Vielleicht war das damals zu entschuldigen, doch auf mich, den aus dem Schlaf erwachenden Litauer, machte es stets einen sehr bedrückenden Eindruck. Die Zeit verging, und in mir reifte und wuchs, ob ich wollte oder nicht, der „Litvoman“. Nach etwa einem halben Jahr hätte ich bereits offen, wo nötig, die gute Seite des litauischen „Wahnsinns“ rechtfertigen und verteidigen können: Dieses halbe Jahr hatte viel bewirkt, viel zerstört, viel erklärt.“ (JR I: 71)
Dieser längere Auszug lässt zumindest mehrere Dinge erkennen: 1) Jonas Jablonskis hatte bei seiner Ankunft in Moskau zum Studium keine klaren nationalen Bestrebungen; 2) er schloss sich dem Wirken des litauischen Studentenkreises nicht bewusst, sondern zufällig an; 3) von allen Teilnehmern des Kreises hatte Jonas Šliūpas den größten Einfluss auf ihn; 4) innerhalb eines halben Jahres war J. Jablonskis’ nationales Bewusstsein gereift. Obwohl das Zitat zeigt, dass er seine nationale Selbstbestimmung zunächst mit dem Wirken der sogenannten Litvomanen2 verband, spielten zweifellos auch das Philologiestudium selbst, die respektvolle Haltung der Professoren Fjodor Kors und Filip Fortunatov gegenüber nationalen Minderheiten und insbesondere ihre Aufmerksamkeit für die litauische Sprache sowie die Hervorhebung ihres wissenschaftlichen Wertes eine Rolle. Die Reifung von J. Jablonskis’ nationalem Bewusstsein zeigen auch seine Arbeiten: Noch während seines Studiums an der Moskauer Universität griff er zur Feder – er schrieb für die russische Presse über das Verbot der litauischen Presse, und nach dem Beginn der Herausgabe von Aušra veröffentlichte er darin sechs Beiträge. Als Ausdruck nationaler Selbstbestimmung kann auch ein im Frühjahr 1883 an Vincas Kudirka geschriebener Brief gelten, in dem ihm vorgeworfen wird, sich mit der polnischen Nation zu identifizieren: „Du folgst ihnen in ihrer ganzen Art und ihren Bräuchen, hast dir bereits – das bezeugt dein Schreiben – ihre Sprache angeeignet, mit der du die Gabe deines Kopfes aufs Papier ergießt, als hättest du bereits deine Muttersprache verloren, das heißt die Sprache deines Vaters und deiner Mutter, die dich ohne Furcht auf Litauisch in den Schlaf sangen und aufzogen. Wenn ich dir noch im vergangenen Jahr nicht auf Litauisch, sondern auf Polnisch schrieb, dann nur aus alter Gewohnheit, von der man sich schwer lösen kann; heute kann ich dir das offen sagen.“ (Piročkinas 1985: 196).
2. ARTEN DER MITARBEIT IN VARPĖ
Jonas Jablonskis begegnete Varpas nicht nur als jemand, der seine nationale Entscheidung getroffen hatte, sondern auch bereits mit kultureller Arbeit begonnen hatte. Am aktivsten arbeitete er in Varpas während seines Aufenthalts und seiner Arbeit in Mintauja (1889–1895) mit. Diese Mitarbeit hatte mehrere Formen: von
2 Die Gruppe derjenigen, die sich für das Litauische entschieden hatten, nannte sich „Gesellschaft litauischer Studenten in Moskau“ (siehe Piročkinas 1977: 35).
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1890 leitete er die „Literarische Kommission“, die dazu anregte, möglichst viele litauische Intellektuelle zur Mitarbeit an Varpas zu gewinnen; er veröffentlichte 24 von ihm selbst verfasste Artikel verschiedener Art; 3) Varpas wurde finanziell unterstützt.
Nicht die gesamte Zeit in Mintauja war gleichermaßen intensiv: 1890 erschienen 2 Artikel, 1891 sind keine Veröffentlichungen seiner Feder zuzuordnen, 1892 waren es 2 Artikel, 1893 waren es 13 und 1894 8 Artikel. Die meisten Veröffentlichungen erschienen somit 1893, als fast jeden Monat ein Artikel verfasst wurde.
3. THEMEN DER VARPO-VERÖFFENTLICHUNGEN
Die in Varpas veröffentlichte Publizistik lässt sich thematisch in vier Gruppen einteilen: 1) Mintauja und die dort lebenden Litauer; 2) die Geschichte Litauens; 3) die Geschichte der litauischen Schriftzeugnisse; 4) Fragen der Sprache.
3.1. Mitau und die dort lebenden Litauer
Ein dem Thema Mitau gewidmeter Artikel erschien 1890 in Heft 5. Seine Struktur, der Erzählton und schon der Titel („Aus Mitau“) erinnern an einen Beitrag informativen Genres. Zunächst wird daran erinnert, was die Litauer früher an Mitau anzog (bevor es eine Eisenbahn gab, brachten die Litauer Getreide nach Mitau); warum man heute nach Mitau fährt (Bauern kommen, um Getreide, Leinsamen und Flachs zu verkaufen) und wie sie sich dort fühlen (ein Litauer, der nur den Stadtrand erreicht, findet hier Schilder, „wo er gut trinken und sich vergnügen kann“ (JR I: 10), bedauert, dass diese Schilder „unaussprechlich verunstaltet“ seien, erwähnt aber nicht, dass es in Litauen selbst wegen des Verbots lateinischer Schriftzeichen nicht einmal solche Schilder gab.
Ein beträchtlicher Teil des Artikels ist der Beschreibung jener Litauer gewidmet, die sich in Mitau niedergelassen haben. Zunächst ist von der katholischen litauischen Gemeinde die Rede (sie zählt 1000–1200 Menschen); es wird festgestellt, dass es in Mitau überhaupt keine Evangelischen (litauischen Calvinisten) gibt. Erörtert wird, womit die hier ansässigen Litauer ihren Lebensunterhalt verdienen: Die Männer sind meist Dienstboten, „Fuhrleute“, Tagelöhner, während die Angehörigen einer höheren sozialen Schicht „in Läden als Gehilfen der Verkäufer selbst oder in Kanzleien arbeiten, in die sie hineingelangt sind, weil sie die weißrussische Sprache beherrschen“ (JR I: 12); die Mädchen sind Dienstmägde in polnischen, deutschen und lettischen Haushalten. Der Autor bedauert, dass die Litauer in Kurland (also auch in Mitau) eine niedrige soziale Stellung einnehmen, während Letten, die nach Litauen gezogen sind, höhere Positionen innehaben. Daraus wird folgende Schlussfolgerung gezogen: „Auf diese Weise
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kann man sagen, dass die Einwanderung der Litauer nach Kurland und wiederum der Letten nach Litauen lediglich unsere, der Litauer, sehr traurige Lage zeigt: Je weiter wir voranschreiten, desto geringer und schwächer werden wir; alles, was uns am liebsten und teuersten ist – unser Land –, überlassen wir den Zugewanderten, den Letten, die uns dafür in Kurland nur zum Hüten, zum Fahren der Deutschen und zu ihrem Dienst einsetzen.“ (JR I: 12). Es scheint, dass dieser Gedanke J. Jablonskis nach einem Jahrhundert wieder aktuell wird.
Im letzten Teil des Artikels werden die Litauer aufgefordert, ihre Kinder auf das Gymnasium in Mitau zu schicken. Es wird erklärt, dass in den Gymnasialklassen noch freie Plätze vorhanden sind, dass auch ältere Schüler aufgenommen werden und dass die Gymnasialleitung „zuerst auf den Kopf des Kindes und nicht auf den Besitz seiner Eltern schaut“ (JR I: 13). Am Ende des Artikels wird die Fortsetzung dieses Themas angekündigt: „Über jene unserer Schüler und Schülerinnen sowie über unsere gesamte Jugend, die in Kurland (Kurzeme) und Livland nach Bildung sucht, hoffe ich im nächsten Brief zu schreiben.“ Leider führte J. Jablonskis dieses Thema in Varpe nicht weiter aus.
3.2. Die Geschichte Litauens
Die Veröffentlichungen zur Geschichte Litauens bestehen überwiegend aus Rezensionen verschiedener Bücher und Studien. J. Jablonskis bespricht in Varpe nicht nur Arbeiten litauischer Verfasser, sondern auch wissenschaftliche oder zumindest als wissenschaftlich auftretende Publikationen russischer, polnischer und deutscher Autoren. Die Prinzipien wissenschaftlicher Analyse schätzte J. Jablonskis sehr. Schon bei der Besprechung der Arbeiten des IX. Kongresses russischer Archäologen (1893, Nr. 9) und seinem Aufruf zur Teilnahme am X. Kongress schrieb er, dass „auf dem Kongress alle möglichen Untersuchungen zur Altertumskunde vorgetragen werden können, sofern sie auf wissenschaftlichem Fundament beruhen“. Nach diesem „wissenschaftlichen Fundament“ wird auch bei der Erörterung der Vorträge des erwähnten Kongresses gesucht. Für Wissenschaftshistoriker sind J. Jablonskis Bemerkungen zur Organisation des Kongresses selbst in Vilnius nützlich. Wie sich herausstellt, wurde er organisiert und das Material gesammelt „nicht durch Sachkundige und die wahren Pioniere des Landes, sondern durch Lehrer (fast alle von ihnen sind angeheuerte Russifizierer), durch Gemeindeschreiber (Russen) und durch russische Priester und schließlich … durch die Polizei“ (JR I: 16). Wichtig sind die Bemerkungen zu den auf dem Kongress verwendeten Sprachen: Obwohl es drei Kongresssprachen gab (Russisch, Deutsch, Französisch), mussten Menschen aus dem damaligen Gebiet Russlands auf dem Kongress ausschließlich Russisch sprechen; Vorträge auf Deutsch oder Französisch durften nur ausländische Wissenschaftler halten. J. Jablonskis weist darauf hin, dass die Vorgaben der Kongressinitiatoren vielen Archäologen aus Litauen und Polen unannehmbar erschienen, weshalb diese dem Kongress gänzlich fernblieben. Von den 80 auf dem Kongress gehaltenen Vorträgen bespricht er drei und konzentriert sich auf den Vortrag von A. Bezzenberger
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„Über die uralte Vergangenheit des Landes Ostpreußen“. Dieser Wissenschaftler widerlegte laut J. Jablonskis die von vielen russischen Vortragenden vertretene Idee, der Ursprung des russischen Volkes selbst sei an der preußischen Küste zu suchen; vielmehr bewies er, „dass in den Gouvernements Litauens und an vielen Orten, wo heute Weißrussen leben, unsere Volksgenossen mindestens vor etwa 7000 Jahren ihre Wohnsitze hatten. Nach dieser heute überall anerkannten Auffassung kann unser Land daher nicht ‚искони русский край (seit alters her russisches Land)‘ genannt werden, wie es unsere Russifizierer gern hätten. Dieser Vortrag zeigt, dass unser ganzes Land seit undenklichen Zeiten rein litauisch ist.“ (JR I: 22).
Gesonderte Rezensionen gelten Pavel Briancevs Buch Очеркъ древней Литвы и западной Россіи (Вильна, 1891) und Teobalds Arbeit Литовско-языческие очерки (Вильна, 1890). Beide Arbeiten wurden in Heft 10 des Varpo von 1893 besprochen. J. Jablonskis betrachtet die rezensierten Arbeiten mit kritischem Blick. Der Verfasser der ersten Studie, so J. Jablonskis, „will als echter Russifizierer, dass alle Litauer aufhören, das zu sein, was sie sein wollen, und sich vollständig in Russen verwandeln; in seinem Lehrbuch redet er seinen Lesern ein, unsere Vorfahren seien bereits beinahe Orthodoxe gewesen, hätten sich stets in Russen verwandelt und hätten zu Russen werden müssen“ (JR I: 23). An vielen Stellen der Rezension wird auf die Voreingenommenheit des Studienautors hingewiesen: auf die Verfälschung oder Verschweigung historischer Tatsachen sowie darauf, dass er nur das erörtert, was seiner vorgefassten russifizierenden Haltung entgegenkommt.
Auch Teobalds Arbeit wird ungünstig beurteilt. Unter Anwendung des Wissenschaftlichkeitskriteriums werden hier Fehler gefunden, die auf mehrere Ursachen zurückzuführen sind: 1) Teobald beherrschte kein Litauisch und liefert deshalb an mehreren Stellen falsche Deutungen (zum Beispiel bezeichnete er die Litauer von Veliuona als Einwohner von Vilnius); 2) der Autor spricht über Veröffentlichungen, mit denen er nicht vertraut ist (zum Beispiel behauptet er, die Liedersammlung von F. Fortunatov und V. Miller sei aus dem Deutschen übersetzt worden, obwohl die Lieder tatsächlich von litauischen Gewährsleuten aufgezeichnet wurden); 3) der Autor ist nicht in der Lage, frühere Arbeiten kritisch zu beurteilen, und verbreitet daher weiterhin offensichtliche Irrtümer und Fehler. Zusammenfassend schreibt J. Jablonskis: „Wenn ein Litauer dieses Buch nutzen möchte, darf er nicht vergessen, dass man mit dem Material, das in diese Sammlung gelangt ist, sehr vorsichtig umgehen muss: Darin sind allerlei Überreste aus alter Zeit durcheinandergebracht, und nicht allem kann man glauben.“ (JR I: 27).
Iš esmės teigiamai J. Jablonskis vertino Volyniako knygą Bazylianie na żmudzi (1894, Nr. 4), kurioje aiškinama bazilijonų, unitų vienuolių, įsikūrimo Padubysyje istorija ir šio vienuolyno nunykimo priežastys, susijusios su 1831 metų sukilimu, vadinamuoju krakosmečiu. Vis dėlto esama vieno didelio priekaišto: knygutė skiriama „visiems Žemaičiams, kurie dar jaučiasi
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„mit den Polen“ (JR I: 58). J. Jablonskis erklärt, er verstehe nicht, wie man die Litauer als Teil einer polnischen Provinz betrachten könne, da sich das litauische Volk selbst bereits erheblich verändert habe und etwa zehn Zeitungen besitze, also national bewusst sei.
Besonders positiv äußert sich J. Jablonskis über die in Heidelberg erschienene Sammlung Mitteilungen der Litauischen literarischen Gesellschaft (18. Heft). Die ihr gewidmete Rezension wurde 1893 in Nummer 12 des Varpas abgedruckt. Der Rezensent macht die Leser mit dem Inhalt der Publikation bekannt und lenkt ihre Aufmerksamkeit auf den von Eduardas Volteris zusammengestellten Abschnitt, aus dem man „etwas über unsere Bücher und Zeitungen erfahren kann; dort werden auch zahlreiche allerlei Broschüren und Bücher erwähnt, in denen Ausländer über uns schreiben – über unsere Geschichte, Literatur, Sprache etc.“ (JR I: 41). J. Jablonskis weist darauf hin, dass alle Abschnitte interessant seien, und widmet dem von A. Kuršaitis verfassten Abschnitt „Zur Geschichte der preußischen Litauer“ selbst besondere Aufmerksamkeit. Den Lesern des Varpas wiederholt er die von A. Kuršaitis vorgelegte Statistik über den Rückgang der Zahl der Litauer in Kleinlitauen, zitiert die Gedanken dieses Autors zu den Ursachen dieses Rückgangs und richtet an die Leser die Frage: „Wir würden gern wissen, ob von litauischer Seite etwas gegen die Germanisierung unternommen wird, wie viel getan wurde und mit welchen Mitteln man vorgeht“ (JR I: 43).
3.3. Die Geschichte der litauischen Schriften
Während seines Aufenthalts in Mitau verfasste J. Jablonskis für den Varpas Rezensionen zu zwei litauischen Veröffentlichungen: zu Jonas Šliūpas’ Buch Lietuviszkieje Rasztai ir Rasztininkai (Lietuviškieji Raštai ir Raštininkai; 1894, Nr. 1) und zu Jonas Basanavičius’ Etnologiškos smulkmenos (1894, Nr. 2).
Wie bekannt, ist J. Šliūpas’ Buch die erste Geschichte der litauischen Literatur. In J. Jablonskis’ Rezension wird das Werk grundsätzlich positiv bewertet. Es werden lediglich einige Mängel des Buches hervorgehoben: 1) Die Geschichte des Schrifttums wird losgelöst von der Geschichte des Volkes behandelt; 2) es fehlt eine Kritik der besprochenen Schriften, da bedeutende Autoren und solche, die sich um unser Schrifttum nur wenig verdient gemacht haben, gleichermaßen behandelt werden; 3) dem Autor sei es nicht gelungen, bei seinen Ausführungen über Antanas Baranauskas und dessen Schriften sowie über die litauische Periodik Subjektivität zu vermeiden. Eine solche Subjektivität scheint J. Jablonskis besonders schmerzlich getroffen zu haben. In der Rezension schreibt er: „Von Varpas und Ukininkas ist in dem Artikel überhaupt nicht die Rede, als hätte es diese Zeitungen bei der Abfassung eines Werks über ‚Litauens Schriften und Schriftsteller‘ gar nicht gegeben. Offenbar stehen sie in L. M-jaus’[3] Augen tiefer als allerlei ‚Laiškai‘, ‚Keleiviai‘ und ‚Ceitungas‘.“ (JR I: 46). Der Rezensent des Buches selbst war mit dem litauischen Schrifttum jener Zeit gut vertraut.
[3] L. M-jas – Lietuvos Mylėtojas (Litauens Freund; unter diesem Pseudonym wurde dieses Buch von Jonas Šliūpas veröffentlicht).
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J. Jablonskis betrachtet Jonas Basanavičius’ Buch mit den Augen eines Sprachwissenschaftlers. Seine Vorwürfe an den Autor betreffen vor allem mangelhafte Wortetymologien, denn die bloße Ähnlichkeit des Wortklangs reicht nicht aus, um ihre historische Verwandtschaft nachzuweisen. Auch die Sprache des Buches wird thematisiert. J. Jablonskis zufolge werden unnötigerweise Zitate verwendet, die nicht ins Litauische übersetzt sind: „So kann die Büchlein des Herrn B-aus nur ein seltener Mensch lesen, nämlich nur jene, die neben der litauischen Sprache auch Latein, Polnisch, Deutsch und Russisch können“ (JR I: 55). Ein weiterer Vorwurf betrifft die Schreibweise von Ortsnamen. J. Basanavičius schreibe unnötigerweise Beržinė, Duna, Gartynas, Miniškis statt Berezina, Dauguva, Gardinas, Minskas und Ähnlichem – „mit den Namen fremder Völker sollten wir so umgehen, wie wir wünschen, dass sie, das heißt die fremden Völker, mit unseren eigenen Namen umgehen“ (JR I: 56). Der Rezensent beanstandet außerdem den Gebrauch des einen oder anderen unpassenden Wortes oder einer unpassenden Wortform, gelangt aber insgesamt zu folgendem Urteil über J. Basanavičius’ sprachlichen Ausdruck: „Müsste man sich direkt über die Sprache des Herrn B-aus äußern, so müssten wir sagen, dass Herr B-us recht schön Litauisch schreibt, viel besser als viele andere unserer Schriftsteller.“ (JR I: 56).
Der Geschichte der litauischen Schriften lassen sich zwei weitere in Mitau verfasste Artikel J. Jablonskis’ zuordnen: „S. Daukantos Leben und Schriften“ (1893, Nr. 11) und „Zwei Nezabitauskiai“ (1893, Nr. 12). Im ersten Artikel gibt er Simonas Daukantas’ Biografie wieder und stützt sich dabei auf drei Quellen: Artikel von E. Volteris und D. Silvestraitis sowie Angaben eines unbekannten Autors. J. Jablonskis erläutert kurz den Anlass für den Artikel. In dem Bedauern, dass J. Šliūpas’ Buch Lietuviškieji Raštai ir Raštininkai S. Daukantas so wenig Raum widmet, versucht er, die entstandene Lücke zu schließen. Der Artikel enthält nicht nur S. Daukantas’ Biografie, sondern zitiert auch sein ins Litauische übersetztes Testament und legt eine nach thematischen Gruppen geordnete Liste seiner Werke vor. J. Jablonskis äußert sich nur beiläufig zu S. Daukantas’ Sprache: „Er schrieb samogitisch, mit reichlicher Beimischung lettischer Wörter und bisweilen auch Konstruktionen. [...] Wenn in D-tos Sprache gelegentlich ungezwungene und wenig geläufige Erscheinungen, recht schwierige und gewählte Konstruktionen zu sehen sind, so muss man andererseits anerkennen, dass seine Schriften auch einen großen, außergewöhnlichen Kenner seiner Muttersprache erkennen lassen, und zwar nicht nur der lebendigen, sondern auch der alten Sprache.“ (JR I: 38).
Im zweiten Artikel wird ein in einem Manuskript gefundener polnischer Text vorgestellt, in dem die Werke von Kajetonas und Kiprijonas Nezabitauskas aufgelistet sind. J. Jablonskis erklärt, er selbst habe das aus dem Polnischen übersetzte Büchlein von Kiprijonas Nezabitauskas Apie bites sowie das 1824 erschienene Fibelbuch von Kajetonas Nezabitauskas Naujas mokslas skaitytima diel mažų waykų Žemaycziu yr Lietuwos selbst kennengelernt, wisse jedoch zu wenig über die Werke der Nezabitauskiai, weshalb
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Er schreibt: „Es wäre ebenso erfreulich, mehr über das Leben der Nezabitauskiai (des einen oder des anderen) zu erfahren, wenn dieses Leben wenigstens ein wenig über die nationale Bewegung und Literatur Litauens jener Zeit aufklären kann.“ (JR I: 40). Dieses Zitat lässt darauf schließen, dass für J. Jablonskis die Anfänge der litauischen Nationalbewegung zu Beginn des 19. Jahrhunderts und die Besonderheiten ihrer Ausdrucksformen von Bedeutung waren.
3.4. Sprachliche Fragen
Ein großer Teil der Artikel von J. Jablonskis ist sprachlichen Fragen gewidmet. In einigen werden Fragen der Orthografie, Etymologie, Semantik und Syntax analysiert, in anderen Grammatiken und Wörterbücher rezensiert, und wieder andere bieten eine sprachwissenschaftliche Analyse anderer Publikationen.
In der Varpas setzt in der Geschichte unseres Schrifttums erstmals eine Diskussion über die Rechtschreibung der litauischen Sprache ein4. In dem Artikel „Noch einige Worte über unsere Rechtschreibung“ (1893, Nr. 1) erörtert J. Jablonskis fünf orthografische Fragen: die Unterscheidung langer und kurzer Vokale in der Schrift (i-y, u-ū), die Entsprechungen der Diphthonge ie, uo in den Dialekten und ihre orthografischen Besonderheiten; anstelle der Affrikate č schlägt er die Verwendung des Digraphen tš vor: „Ob so oder so, wir würden einfach gegen die grammatische Logik verstoßen, wenn wir uns beim dž in unseren Schriften hartnäckig an den Buchstaben č hielten, der in unserer Sprache getrennt davon steht“ (JR III: 6); ferner die Schreibung der Nasalvokale und tautosyllabischen Verbindungen mit n sowie die Schreibung des sogenannten Weichheitszeichens – des Buchstabens i nach weichen Konsonanten. Zugleich schlug er der Redaktion der Varpas vor, das von ihm erstellte Alphabet zu verwenden.
Die Vorschläge von J. Jablonskis waren nicht für alle akzeptabel. In der achten Ausgabe der Varpas von 1893 kommt er erneut auf die Notwendigkeit zurück, lange und kurze Vokale durch Buchstaben zu unterscheiden („Sind bestimmte Zeichen nötig, um lange i und u auszudrücken?“). J. Jablonskis schreibt: „Herr Sk-dra[5] irrt sich gewaltig, wenn er, ohne zu wissen, wo man y schreibt, verlangt, dieser Vokal solle ganz aus unserer Orthografie gestrichen werden. Was wäre, wenn jeder, um sich das Lernen zu erleichtern, alles, was er nicht kann, als irgendeinen unnötigen Unsinn verwerfen wollte?!“ (JR III: 11). Der Sprachwissenschaftler war also davon überzeugt, dass das litauische Alphabet besondere Schriftzeichen zur Kennzeichnung langer und kurzer Vokale benötigt.
Die bereits erwähnten und weitere orthografische Fragen werden erneut im Artikel „Die Rechtschreibung von Dr. J. Basanavičius“ (1894, Nr. 5) erörtert. Hier ist wieder von der Schreibung der Affrikaten die Rede
4 1884 erschienen in der russischen Tageszeitung Современные известия Artikel (offenbar wurden einige davon von J. Jablonskis selbst verfasst) über das litauische Alphabet; darin ging es jedoch um die Wiedereinführung des lateinischen Alphabets und nicht um die Struktur des Schriftsystems (siehe Piročkinas 1977: 42).
[5] Sk-dra – M. Skiedra (Pseudonym des Arztes und gesellschaftlichen Aktivisten Mikalojus Kuprevičius).
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(J. Jablonskis kritisiert J. Basanavičius wegen der vorgeschlagenen Einführung völlig neuer Schriftzeichen zur Bezeichnung der Affrikate [č] und ihres stimmhaften Gegenstücks: Dies würde das Alphabet erschweren), es wird gegen die Nichtunterscheidung der Laute [e·] und [ė·] Einspruch erhoben (Basanavičius habe die Formen musė und muse gleich geschrieben), gegen die Verwechslung von e und ia (geschrieben wird žale liepele „grüne kleine Linde“ und antelia „kleine Ente“), gegen die Nichtunterscheidung langer und kurzer Vokale (die Buchstaben i und y werden verwechselt) sowie gegen die unnötige Verwendung des Schriftzeichens ū anstelle von uo. Zusammenfassend sagt J. Jablonskis, man dürfe nicht einfach einer einst gebräuchlichen Schreibweise folgen, sondern müsse „die einfachen Gesetze der Grammatik und der Konsequenz“ beachten (JR III: 17).
In der Nummer 8 des Varpas von 1892 widmen sich die von J. Jablonskis veröffentlichten „Sprachlichen Fragen“ vor allem der Klärung unbegründeter Etymologien. Der Artikel ist eine Antwort auf Prusas6 Anmerkungen zum litauischen Wortschatz, die über mehrere Nummern des Varpas hinweg erschienen waren. Bevor J. Jablonskis einzelne Wörter analysiert, merkt er an, dass es in der Sprache zahlreiche verwickelte Fragen gebe, und ermutigt andere zur Diskussion; zugleich wünscht er, dass „die Polemik, die aus diesen Artikeln entstehen könnte, stets auf reiner Wissenschaft beruhe“ (JR IV: 9). Der Artikel zeigt, warum es unbegründet ist, die Wörter pinigas, kunigas, grašis mit den Wörtern pynė, kūnas, gręžti in Verbindung zu bringen; anhand zahlreicher Dialektbeispiele wird die Auffassung widerlegt, das Wort trūkti habe nicht die Bedeutung „fehlen“; es wird erklärt, was das Wort tardymas bedeutet, und zum Beleg seines Gebrauchs ein Beispiel aus K. Donelaitis angeführt, während der Wortbildungstyp anhand anderer Wörter erläutert wird; aufgrund der Lautentsprechung wird gezeigt, dass der Name des litauischen Großfürsten nicht Olkertas lauten kann und nicht mit der Wortverbindung uolą kertu in Verbindung gebracht werden kann (der Sprachwissenschaftler selbst nennt Algirdą Algirdžiu).
Šio straipsnio tęsinyje (1892, Nr. 12; 1893, Nr. 5) J. Jablonskis aiškina, kuriais žodžiais keistini anuo metu buvę populiarūs skoliniai (rėdas, parėdas... urėdas), taip pat kai kurių žodžių semantikos ryšį su jų darybos ypatybėmis. Remdamasis pamatinių žodžių struktūra atmeta kaip netinkamus darybos žodžius rašėjas, prekėjas, o į jų vietą siūlo rašytoją ir prekininką ar pirklį, teikia vartoti žodžius pirkinys (vietoj tavoras), prekymetis (vietoj pagal vokiečių kalbos pavyzdį sudaryto meturgis), tautietis (vietoj viengentis, vientautis – jie esą būdvardžiai), velionis (ne slavišką skolinį nabašnikas). Čia aiškinama, kad pagal lietuvių kalbos dėsnius neįmanoma sudaryti būdvardžių draugijinis, tikėjimiškas, tėvyniškas ir siūloma vietoj jų vartoti junginius su nederinamuoju pažyminiu: draugijos reikalai, tikėjimo dalykas, tėvynės varpai (JR IV: 14–20). Kalbėdamas apie veiksmažodžius kalbininkas nurodo, kad vengtina slaviška priesaga -avoti.
6 Prusas ist das Pseudonym des Arztes und Schriftstellers Vincas Pietaris.
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In diesen Artikeln zeigt sich auch die Suche nach Wörtern zur Bezeichnung verschiedener Begriffe. Ausgehend von den Grundwörtern schlägt J. Jablonskis vor, anstelle der in Schriften aufgekommenen Wörter ateitinė, praeitinė die Formen ateitis, praeitis zu verwenden; wegen des slawischen Suffixes –ūnas7, das eine Person bezeichnet, empfiehlt er, auf die Wörter šviesūnas, apšviesūnas, tamsūnas zu verzichten und stattdessen die besser gebildeten Formen pir(m)uolį, tamsuolį. zu verwenden.
Im Varpas erschienen auch J. Jablonskis’ erste Arbeiten zur Syntax. Einige Bemerkungen zur Syntax finden sich bereits 1893 in Nummer 5 des Varpas. Er weist auf den Unterschied zwischen den Präpositionalkonstruktionen nuo, per mit Akkusativ und dem Genitiv hin (die Aussage arklys nuo žmogaus pirktas bedeutet nicht dasselbe wie die Aussage arklys per žmogų pirktas); anhand zahlreicher Beispiele zeigt er, dass zur Angabe eines Grundes Konstruktionen mit der Präposition dėl verwendet werden, weshalb Wendungen wie iš priežasties zu vermeiden sind. Hier zeigt J. Jablonskis außerdem, dass sich zur Angabe eines Zwecks Konstruktionen mit dem Infinitiv besser eignen: nicht mokyklos dėl žmonių apšvietimo, sondern mokyklos žmonėms apšviesti (JR IV: 26–27).
Ausführlicher wird der Ausdruck des Zwecks8 im Artikel „Medega sintaksii“ (1893, Nr. 10) behandelt. Dieser Artikel legt gewissermaßen das Fundament für J. Jablonskis’ weitere Tätigkeit als Sprachwissenschaftler. Er formuliert knapp die Möglichkeiten, den Zweck im Litauischen auszudrücken, vergleicht sie häufig mit dem Lettischen und erwähnt auch Besonderheiten anderer indoeuropäischer Sprachen. Alle theoretischen Bemerkungen werden durch zahlreiche Belege aus dem Sprachgebrauch gestützt. Die Beispiele stammen sowohl aus der gesprochenen Volkssprache und der Folklore als auch aus Texten litauischer Schriftsteller: Donelaitis, Aleknavičius, Baranauskas, Valančius, Šiaulėniškis Senelis (Dovydaitis) und Didžiulienė-Žmona. J. Jablonskis begründet die Auswahl der Autoren folgendermaßen: „Als Beispiele habe ich diese Werke ausgewählt, weil ihre Sprache oder, anders gesagt, ihre Syntax meiner Ansicht nach noch nicht weit von der Sprache des Volkes abgewichen und kaum durch den Einfluss fremder Sprachen verdorben ist.“ (JR IV: 28). An der Auswahl der Beispiele werden jene Grundsätze J. Jablonskis’ deutlich, die er 1901 in der Lietuviškos kalbos gramatikoje. zusammenfasste.
Im Varpas rezensierte der Sprachwissenschaftler Werke zur litauischen Sprache, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts erschienen waren: die in Tilsit herausgegebene Grammatik von Mykolas Miežinis (1890, Nr. 6) und das litauisch-lettische Wörterbuch (1894, Nr. 7) sowie die in Posen herausgegebene Grammatik von Mykolas Akelaitis (1893, Nr. 12). Als J. Jablonskis die Rezension von M. Miežinis’ Grammatik in Angriff nimmt, stellt er zunächst die Grundsätze heraus, nach denen sie verfasst sein sollte
7 Kazimieras Būga widerlegte in seinem Artikel „Priesagos –ūnas ir dvibalsio uo kilmė“ (Lietuvos mokykla, 1921, Nr. 10–11, S. 417–457) die Auffassung, das Suffix –ūnas sei slawischen Ursprungs. Anm. d. Red.
8 Den Zweck bezeichnet J. Jablonskis in diesem Artikel als siekiu.
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ein Autor, der sich beim Schreiben auf die Grammatik stützt. Seiner Ansicht nach sind zwei Dinge wichtig: 1) die Sprachgesetze gut zu kennen; 2) sich auf die Folklore (Lieder, Rätsel, Sprichwörter, Erzählungen) und auf Schriftsteller zu stützen, die „ihre Werke selbst auf der Sprache des Volkes gründeten“ (JR IV: 3)9. Leider hätten die Verfasser der rezensierten Werke diese Dinge missachtet, weshalb J. Jablonskis weder mit Kritik an den Grammatiken noch an den Wörterbüchern spart. M. Miežinis Grammatik zeige, dass ihr Verfasser die Struktur der litauischen Sprache nur mangelhaft kannte und ihre Besonderheiten unzureichend verstand (die Vokativform Petrai hielt er für einen höflichen Plural, die Wörter visas, visoks, tūlas für Adjektive, er verstand die Bedeutungen der alten postpositionalen Lokativformen nicht, unterschied weder Lettizismen noch Slawismen und hielt einen Teil davon für alte litauische Wörter usw.). Daher zieht der Rezensent folgendes Fazit: „Menschlich über die Arbeit von Pater Miežinis sprechen kann nur, wer sie nicht gelesen hat und wessen Nerven sie nicht zerrüttet hat.“ (JR IV: 8). Etwas besser fällt das Urteil des Sprachwissenschaftlers über M. Miežinis Wörterbuch aus. Zwar gibt es auch hier zahlreiche Fehler, und es werden erfundene, unmögliche sowohl litauische als auch lettische Wörter angeführt, doch lobt J. Jablonskis das rezensierte Wörterbuch aus zwei Gründen: 1) Es enthält einen Wortschatz, der in den Wörterbüchern von Kurschat und Nesselmann nicht vorkam; 2) die Beispiele stammen „aus guten Quellen, nämlich aus der Sprache des Volkes“ (JR IV: 46).
J. Jablonskis steht M. Akelaitis Grammatik äußerst kritisch gegenüber. Es wird darauf hingewiesen, dass ihr Verfasser lediglich ein Dilettant, ein mit der Philologie nicht vertrauter Mensch sei, der sich an eine Aufgabe gewagt habe, die seine Kräfte überstieg. Er habe sich selbst Lautgesetze ausgedacht und auf ihrer Grundlage unmögliche Erklärungen vorgelegt (das Wort merga bringt er mit dem Wort margas „ein solches Stück Land“ in Verbindung, als stammverwandt betrachtet er die Wörter ilgas, iltis, arti, jautis usw.). Über M. Akelaitis Lautlehre schreibt der Sprachwissenschaftler: „In Ak-iaus Phonetik (Phonologie)[10] findet sich nicht ein Quäntchen echter Wissenschaft – der Verfasser hatte keinerlei Kenntnis von der vergleichenden Grammatik, von der Bildung der Wörter aus Wurzel, Stamm, Suffix und Flexion.“ (JR IV: 38). Dennoch hielt J. Jablonskis M. Akelaitis für eine bedeutende Persönlichkeit der litauischen Kultur. Dafür spricht, dass er am Ende der Rezension, gestützt auf V. Gaštov’os (Goštautas?) Artikel in der Grammatik, eine kurze Biografie M. Akelaitis’ als Ergänzung zu den Informationen einfügt, die in J. Šliūpas’ Buch Lietuviškieji Raštai ir Raštininkai. veröffentlicht worden waren.
Während seines Aufenthalts in Mitau verfasste J. Jablonskis auch Übersichten und Rezensionen zu weiteren Publikationen. Dazu gehören der Artikel „Die Sprache unserer Schriften“ (1893, Nr. 3), Ūkininko
9 A. Piročkinas schrieb zu diesen Aussagen: „Man kann nur staunen, dass ein Wissenschaftler, der mit dreißig Jahren am Anfang seiner Laufbahn stand, sie so formulierte, dass er sie weder nach zehn noch nach vierzig Jahren zurücknehmen musste!“ (Piročkinas 1977: 95).
[10] Offenbar wurde hier in der litauischen Sprachwissenschaft erstmals das Wort fonologija. verwendet.
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išleistų knygelių apžvalga (1894, Nr. 5), M. Valančiaus Vaikų knygelės (1894, Nr. 4) ir Giedrio išleisto rinkinio vaikams Gražūs pamokinimai (1894, Nr. 5) recenzijos.
Bei seinem Überblick über die Sprache der Schriften aus den Jahren 1883–1893 analysiert J. Jablonskis keine Publikationen und spricht nicht über konkrete sprachliche Fragen. Er betont, dass Schriftsteller unbedingt Litauisch lernen müssten, da ein großer Teil von ihnen nicht nur „eine Ausbildung in fremden Sprachen erhielt“, sondern auch weit entfernt von Litauen lebte. All dies beeinflusste sowohl den Wortschatz als auch die Syntax der Schriftsteller. Er rät, die Sprache anhand der Folklore zu lernen, und führt als Beispiel die Letten an, die Volkslieder sammeln und veröffentlichen.
Über die als Beilagen von Ūkininkas veröffentlichten Büchlein spricht J. Jablonskis unter mehreren Gesichtspunkten. Zunächst macht er den Leser mit den Themen der Veröffentlichungen aus dem Jahr 1893 bekannt (er unterscheidet vier thematische Gruppen), dann erörtert er die Strategie für die Herausgabe solcher Publikationen: Er schlägt vor, sich bei der Zusammenstellung sowohl an deren Themen als auch an den künftigen Lesern zu orientieren, und nennt sechs Themen, zu denen populäre Publikationen erscheinen sollten. Am Ende des Überblicks stehen einige Bemerkungen zur Sprache der „Beilagen“. Dabei geht es um nicht empfehlenswerte Fremdwörter (bujoti, buinus, kytras usw.).
Die für Kinder bestimmten Büchlein betrachtet J. Jablonskis unter zwei Gesichtspunkten: 1) Er betont ihren didaktischen Wert; 2) er untersucht ihren sprachlichen Ausdruck. Den Herausgebern von M. Valančius’ Büchlein wird vorgeworfen, dass sie bei der Umwandlung der auf Samogitisch verfassten Vaikų knygelę in ein „litauisches Werk“ zahlreiche Fehler nicht vermieden hätten. Er ordnet sie alle zwei Typen zu: 1) Fehler, die auf einem Missverständnis von M. Valančius’ Text beruhen, 2) unverändert beibehaltene samogitische Formen. Wie es in der Rezension heißt, könnten spätere Herausgeber der Schriften M. Valančius’ von der vollständigen Aufzählung dieser Fehler profitieren. Das zweite Büchlein, Gražūs pamokinimai, ist eine Übersetzung aus anderen Sprachen. J. Jablonskis hebt den didaktischen Wert der Texte hervor, bedauert jedoch die schlechte Sprache der Übersetzungen, führt zahlreiche lexikalische Fehler an und kommt zu folgendem Schluss: „Wir haben keinen Grund, uns über das Erscheinen eines neuen Kinderbüchleins zu freuen. Ich aber freue mich beim Anblick solcher Büchlein nicht nur nicht, sondern bin zutiefst betrübt – sie hinterlassen einen so schweren Eindruck bei mir“ (JR I: 68).
Die in Mitau für Varpas verfassten Artikel und Rezensionen von J. Jablonskis zeugen von der außerordentlichen Arbeitsamkeit des Autors, der neben seiner Tätigkeit als Gymnasiallehrer auch reichlich Zeit für publizistische Arbeit fand. In ihnen tritt die Sichtweise eines nationalbewussten Menschen und eines heranreifenden Wissenschaftlers auf die Geschichte des litauischen Volkes, die Bedeutung der Bildung und die Besonderheiten des Schrifttums hervor. Bei seinen Rezensionen konzentriert sich J. Jablonskis auf die Sache selbst und nimmt Abstand von persönlichen Beziehungen. In diesen Artikeln zeichnen sich bereits die Grundsätze Jonas Jablonskis’ als Sprachwissenschaftler und die Methoden seiner künftigen Arbeit ab.
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LITERATŪRA
Piročkinas A. 1977: Prie bendrinės kalbos ištakų: J. Jablonskio gyvenimas ir darbai 1860–1904, Vilnius: Mokslas.
Piročkinas A. 1978: J. Jablonskis – bendrinės kalbos puoselėtojas, Vilnius: Mokslas.
Piročkinas A. (sud.) 1985: Jono Jablonskio laiškai, Vilnius: Mokslas.
JR I – Jablonskio raštai 1. Visuomenės straipsniai. Red. J. Balčikonis, Kaunas, 1933.
JR III – Jablonskio raštai 3. Rašybos dalykai. Red. J. Balčikonis, Kaunas, 1934.
JR IV – Jablonskio raštai 4. Kalbos dalykai. Red. J. Balčikonis, Kaunas, 1935.
Gauta 2010 11 22
JONAS JABLONSKIS IN THE VARPAS (The Mintauja period)
Summary
The article discusses the development of J. Jablonskis’ national consciousness and his work in the periodical magazine Varpas (The Bell). The focus of attention is on Jablonskis’ publications from the Mintauja period. The time when the linguist lived in Mintauja was rather uneven in terms of productivity: in 1890 he published two articles, yet none came out in the following year. Two articles of 1892 were followed by thirteen publications in 1893 and eight in 1894. So the year 1893 could be seen as the most productive with a new article coming out every month.
Jablonskis’ texts published in the Varpas could be classified into four topic categories: 1) Mintauja and local Lithuanians, 2) the history of Lithuania, 3) the history of writing in Lithuania, 4) language issues. The only article on Mintauja expresses the linguist’s desire to raise the level of education among Lithuanians – he encourages the readers to study in the Mintauja gymnasium.
In his historical texts, which are reviews of various publications by other authors, J. Jablonskis emphasizes the importance of empirical research validity. He criticizes such authors whose writings on history are based on their preconceived ideological notions, e. g. J. Basanavičius, P. Briancev, or who fail to properly interpret the facts, e. g. Theobald. The requirement of scientific approach, in his opinion, is equally applicable to language study. According to Jablonskis, the authors of grammars should be aware of linguistic laws which are to be derived from the study “people’s language”. He names a few good sources of real language, namely, folklore and certain Lithuanian authors (K. Donelaitis, A. Baranauskas, M. Valančius).
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During his life in Mintauja, J. Jablonskis published articles in the Varpas. These texts demonstrate his mature national consciousness and a linguist’s awareness of the Lithuanian history, the importance of education and specificity of written language. As a reviewer, he focuses on essential aspects and leaves out personal preferences. His early articles outlined research principles and methods which he adhered to in the later work.
GIEDRĖ ČEPAITIENĖ
Šiaulių universitetas
P. Višinskio g. 38, LT-76352 Šiauliai
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