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COVID-19 pandemija ir karas Ukrainoje: eufemizmų ir disfemizmų vartojimas viešajame diskurse latvių, lietuvių ir rusų kalbose

Dite Liepa; Evija Liparte

Abstract

Straipsnis apima dvi leksikos kategorijas – eufemizmus ir disfemizmus, vartotus vykstant dviem didžiausiems, nuo 2020 m. visą pasaulį sukrėtusiems globalinio masto įvykiams: COVID-19 pandemijai ir Rusijos pradėtam karui Ukrainoje. Į straipsnį įtraukti eufemizmai ir disfemizmai įvardija minėtus įvykius latvių, lietuvių ir rusų kalbomis. Tiek pandemijos laikotarpio, tiek ir karo leksikos analizei pasirinkta po dvi leksikos grupes: 1) COVID-19 pandemiją apibūdinantys žodžiai; suskaldytos visuomenės puses apibūdinantys žodžiai; 2) Rusijos karui prieš Ukrainą įvardyti panaudotos leksemos; kariaujančias puses apibūdinantys žodžiai.

Full text

DITE LIEPA Institut für lettische Sprache der LU, Rīgas Stradiņa-Universität EVIJA LIPARTE Unabhängig begutachtet doi.org/10.35321/bkalba.2022.95.06 COVID-19-PANDEMIE UND KRIEG IN DER UKRAINE: GEBRAUCH VON EUPHEMISMEN UND DYSPHEMISMEN IM ÖFFENTLICHEN DISKURS IN DEN LETTISCHEN, LITAUISCHEN UND RUSSISCHEN SPRACHEN1 SCHLÜSSELWÖRTER: Euphemismen, Dysphemismen, COVID-19-Pandemie, Krieg, öffentlicher Diskurs. ABSTRACT Der Artikel behandelt zwei lexikalische Kategorien – Euphemismen und Dysphemismen –, die während der beiden größten globalen Ereignisse verwendet wurden, die seit 2020 die ganze Welt erschüttert haben: der COVID-19-Pandemie und des von Russland begonnenen Krieges in der Ukraine. Die im Artikel erfassten Euphemismen und Dysphemismen bezeichnen die genannten Ereignisse auf Lettisch, Litauisch und Russisch. Für die lexikalische Analyse sowohl des Pandemiezeitraums als auch des Krieges wurden jeweils zwei lexikalische Gruppen ausgewählt: 1) Wörter zur Beschreibung der COVID-19-Pandemie; Wörter zur Beschreibung der Seiten einer gespaltenen Gesellschaft; 2) Lexeme, die zur Bezeichnung des russischen Krieges gegen die Ukraine verwendet wurden; Wörter zur Beschreibung der kriegführenden Seiten. ABSTRACT Dieser Artikel behandelt zwei lexikalische Kategorien – Euphemismen und Dysphemismen – im Zusammenhang mit zwei großen globalen Ereignissen, die die Welt seit 2020 erschüttert haben: der COVID-19-Pandemie und dem von Russland begonnenen Krieg in der Ukraine. Die im Artikel angeführten Euphemismen und Dysphemismen dienen dazu, diese Ereignisse im Lettischen, Litauischen und Russischen zu bezeichnen. Für die lexikalische Analyse sowohl des Wortschatzes der Pan- 1 Der Artikel basiert auf einem Teil des Vortrags, der am 8. September 2022 auf der an der Universität Vilnius veranstalteten internationalen Konferenz Slavijos paribiai XX–XXI a. sandūroje. Kalba–visuomenė–kultūra–tapatybė. gehalten wurde. Eine der Autorinnen des Artikels, D. Liepa, verfasste den Beitrag im Rahmen des lettischen staatlichen Forschungsprogramms Dabartinės latvių kalbos vartojimas ir raida (Nr. VPP-LETONIKA-2022/1-0001). 200 BENDRINĖ KALBA | 95 demischen Periode als auch des Kriegszeitraums wurden zwei lexikalische Gruppen ausgewählt: (1) Wörter, die COVID-19 und die gespaltenen gesellschaftlichen Lager beschreiben; (2) Lexeme zur Bezeichnung des Russland-Ukraine-Krieges sowie Wörter, die die Kriegsparteien beschreiben. EINLEITUNG UND ALLGEMEINE CHARAKTERISIERUNG DES THEMAS Sociolingvistė Ina Druviete (2021: 7) yra nurodžiusi, kad „XXI amžiaus trečiasis dešimtmetis prasidėjo naujais išbandymais žmonijai, prie bendrų globalinių sunkumų – klimato pokyčių, smurtinių konfliktų, pajamų nelygybės ir kitų – pridedamas naujo viruso sukelta pandemija“. Dar nenurimus visuomenės aistroms dėl COVID-19, 2022 m. vasario 24 d. pasaulį sukrėtė nauja tragedija – Rusijos įsiveržimas į Ukrainą. Šie pastarųjų trejų metų globalinio masto įvykiai paveikė ir kalbos vartojimą. Pasak politinių eufemizmų ir disfemizmų tyrėjo Andrejaus Veisbergo, kalbos raiška pasidarė vulgaresnė – tai lemia reali situacija. „Apie Šveiko vertimą trečiame–ketvirtame dešimtmetyje visuomenė taip pat sakė, kad jis yra nepaprastai nešvankus ir su rusišku slengu, bet taip jau yra: karo metu žmonės keičiasi, ir tai galima suprasti“ (Valodnieki 2022). Vokiečių kilmės JAV kalbininkas, malედiktologijos2 pradininkas ir bavapų–austrų keiksmažodžių žodyno sudarytojas Reinholdas Amanas panašiai rašė apie karą kitame literatūros kūrinyje: Homero vaizduojami didvyriai prieš kovodami ginklais iškoneveikdavo vieni kitus (Aman 1975: 160). Keikimąsi jis apibūdina kaip agresyvų žodinį veiksmą, kuris dažniausiai vyksta susijaudinus, būna sukeltas frustracijos (Aman 1975: 153). Um Gefühle und Reaktionen auf eine Situation auszudrücken, sucht man häufig nicht nur nach Slangwörtern, sondern auch nach Neologismen: „<...> der Geist der Sprache ist nach wie vor lebendig. Das Sprachsystem ist weiterhin flexibel, und die Menschen können auf aktuelle Ereignisse reagieren, indem sie nach bestehenden Mustern neue Wörter und Konstruktionen bilden. Vor allem sind das spielerische Moment der Sprache und ihre schöpferische Komponente nicht verschwunden. Dass Sprache schöpferisch ist, zählt zu den Indikatoren ihrer Lebendigkeit und dafür, dass die Sprechenden sie als ihr Eigentum, als einen Wert begreifen. Dies bestätigt, dass die lettische Sprache in der Lage ist, sich an alle möglichen Bedingungen anzupassen“ (Druviete 2022: 202). 2 Malediktologie (dt. Malediktologie, engl. maledictologie < lat. maledicere ‚fluchen, beschimpfen‘) ist ein Teilgebiet der Psycholinguistik, Soziolinguistik und Psychologie, das sich mit dem Fluchen und der Schmähung befasst, d. h. mit Lexik, durch die einer der Akte aggressiven Sprechens – das Beschimpfen – vollzogen wird. DITE LIEPA, EVIJA LIPARTE. COVID-19 pandemija ir karas Ukrainoje: eufemizmų ir disfemizmų vartojimas viešajame diskurse latvių, lietuvių ir rusų kalbose 201 Die Autorinnen dieses Artikels haben die durch die Pandemie angeregte sprachliche Kreativität bereits in Publikationen verschiedener Länder unter lexikalischen und wortbildungstechnischen Gesichtspunkten behandelt und außerdem Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen der lettischen und litauischen Einstellung zur Pandemie und ihren Realitäten erörtert3. In den vergangenen drei Jahren wurde der Wortschatz des Lettischen und Litauischen durch die gesellschaftliche Aktivität in den Medien, in Publikationen und in Kommentaren sozialer Netzwerke sowohl um neue als auch um seit Langem bekannte, aber seltener verwendete Begriffe sowie um weitere Neubildungen ergänzt4. Die sprachliche Erfahrung der Pandemie ist jedoch nur ein Teil der Gesamterfahrung. 2022 wurde der Wortschatz der Sprachen weltweit um Kriegslexik erweitert. Mit ihr – ebenso wie mit der Tatsache des Krieges selbst – muss die Gesellschaft erst noch zu leben lernen. Heute, da offensichtlich ist, dass in der Ukraine ein wirklicher Krieg stattfindet, wird allmählich klar, dass die Verwendung der Lexik des Krieges und des Kampfes während der Pandemie keine objektive Grundlage hatte. Während der Covid-Zeit wurde das heldenhafte und aufopferungsvolle Verhalten von medizinischem Personal und dessen freiwilligen Helfern (bei unregelmäßigen Arbeitszeiten unter schwierigen, belastenden und überwiegend riskanten Bedingungen) mit Kriegslexik beschrieben, wobei Kriegsbegriffe in übertragenem Sinne verwendet wurden, zum Beispiel: Kovidfront, die Frontlinie in den Krankenhausfluren gezogen, Ärzte – die wahren Helden, Kampf in den vordersten Schützengräben und dergleichen. Mit dem Einmarsch Russlands in die Ukraine wurde jedoch klar, dass ein wirklicher Krieg begonnen hatte und die Wörter Krieg, Front, Schützengräben, Feind wörtlich und nicht im übertragenen Sinne verstanden werden müssen (siehe auch Druviete 2022: 202). Der lettische Publizist Pauls Raudseps schrieb: Die Pandemie ist kein wirklicher Krieg, doch sie kommt einem Krieg näher als alles, was die große Mehrheit der Einwohner Lettlands erlebt hat. Der Angreifer ist nicht die Armee eines anderen Staates, doch das Virus ist unerbittlich und hartnäckig. Wie im Krieg lässt sich dieser Feind nicht besiegen, wenn es an mutigem Handeln und der klaren Einsicht fehlt, dass sowohl die Politiker als auch die Gesellschaft bereit sein müssen, sich dem großen Ziel zuliebe zu opfern (Raudseps 2021). Während der Pandemie griffen sowohl Politiker als auch medizinisches Personal auf Kriegslexik zurück; auch in der Publizistik war sie häufig anzutreffen. Es stellt sich die Frage, inwieweit sie angemessen war und wie man sie aufnahm. Darüber wurde viel diskutiert: Diejenigen, die dagegen sprachen- 3 Siehe das am Ende des Artikels aufgeführte Literaturverzeichnis. 4 Die Übersetzerin und Sprachwissenschaftlerin E. Lipartė hat in lettischsprachigen Internettexten mehr als 1 500 nominale Komposita erfasst, die während der Coronavirus-Pandemie 2020 aktualisiert oder neu gebildet wurden (Lipartė 2021a). Die Soziolinguistin D. Liepa hat gemeinsam mit der Soziologin Anda Rožukalne 256 Neubildungen mit den Lexemen ko-vid-, koron- untersucht, die während der ersten und zweiten Notstandsperiode (zu diesen siehe weiter unten, Fußnote 12) in Kommentaren zu lettischen Internetnachrichten verwendet wurden (Rožukalne, Liepa 2022: 195). 202 BENDRINĖ KALBA | 95 … wurden sowohl von Medizinern als auch von Journalisten, Linguisten und Soziologen aufgegriffen. Die von Jolanta Zabarskaitė (2020) im Sprachclub geführte Diskussion zeigte, dass dies im postsowjetischen Raum mit dem Erbe der Vergangenheit zusammenhängen kann – mit dem aus der Sowjetzeit übernommenen Denken, als jede Störung oder Einschränkung des gewohnten Lebensrhythmus, während man hinter dem Eisernen Vorhang lebte, als Feind betrachtet wurde, den es zu bekämpfen galt5. Dieser Auffassung zustimmend, ist insbesondere im Kontext des russisch-ukrainischen Krieges von 2022 dennoch davon auszugehen, dass sich die eigentliche Front, die vordersten Linien und die Helden im Krieg befinden; daher sollte die sprachliche Kreativität im Gesundheitsbereich eine andere sein (siehe auch Liepa, Lipartė 2022: 66–67). Der in der Ukraine begonnene Krieg aktualisierte die Kriegslexik in den europäischen Staaten in ihrer unmittelbaren Bedeutung. In beiden baltischen Sprachen – Lettisch und Litauisch – gehörte sie eine Zeit lang zum passiven Wortschatz, da es in Lettland und Litauen seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs keine aktiven Kampfhandlungen gegeben hatte. In den Nachkriegsjahren fanden Kämpfe um die Unabhängigkeit und Widerstandskämpfe statt – die Bewegungen der Waldbrüder und Proteste von Dissidenten. 1991 wurde für die Wiederherstellung der staatlichen Unabhängigkeit gekämpft, was sowohl in Litauen als auch in Lettland Menschenleben forderte; der von Russland begonnene Krieg brachte jedoch eine neue Kriegslexik des 21. Jahrhunderts hervor, für die es bislang kein Gegenstück gab und zu deren aktiven Kategorien auch Euphemismen und Dysphemismen zählen. Wenn andere sprachliche Waffen zu schwach sind, brechen Empörung, Verzweiflung und Aggressivität hervor, und Dysphemismen spielen dabei eine äußerst wichtige Rolle. Die Aggressorin Russland hingegen versucht, den von ihr ausgelösten Angriff, die Machtdemonstration, die Aufzwingung ihres Willens, die bewaffneten Kämpfe und die Massaker zu verschleiern oder anders zu benennen – so ersetzen Euphemismen die direkten Begriffe. Ziel dieses Artikels ist es, den Gebrauch von Euphemismen und Dysphemismen zu untersuchen, mit denen im öffentlichen Diskurs bestimmte Aspekte der COVID-19-Pandemie und des Krieges in der Ukraine in lettischer, litauischer und russischer Sprache beschrieben werden. Als öffentlicher Diskurs gelten in diesem Artikel Internetseiten, aus denen schriftliches und mündliches empirisches Material erhoben wurde: Artikel und Kommentare auf Nachrichten- und Meinungsportalen sowie Beiträge in sozialen Netzwerken und Foren zu beiden Themen6. Dieses Material kann nicht als umfassend und vollständig betrachtet werden. Es handelt sich um eine veränderliche, weiterhin ergänzte Datenbank, die weder auf eine bestimmte Quelle noch auf einen bestimmten Zeitraum beschränkt ist. Die Sammlung der Beispiele wird lediglich durch die praktischen Möglichkeiten begrenzt, das gesamte im Internet auffindbare Material zu erfassen. Linguisten fassen die Auswirkungen des Krieges in der Ukraine auf die Sprache erst allmählich zusammen; daher dürften auch 5 Zur politischen Euphemisierung in der Sowjetzeit siehe auch den Artikel von Irena Smetonienė und Danutė Daučiūnaitė (2014). 6 Die Liste der Quellen befindet sich am Ende des Artikels. DITĖ LIEPA, EVIJA LIPARTĖ. COVID-19 pandemija ir karas Ukrainoje: eufemizmų ir disfemizmų vartojimas viešajame diskurse latvių, lietuvių ir rusų kalbose 203 lyginamųjų tyrimų rezultatai (Druviete 2022: 200). Šis straipsnis – vienas lyginamųjų tyrimų. Jame apžvelgiami ir gretinami tiek skirtingų kalbų, tiek skirtingos tematikos pavyzdžiai. Die russischsprachigen Beispiele wurden bewusst einbezogen, da sie sowohl die Rhetorik der herrschenden Kremlpolitik als auch die demokratischen Bestrebungen der oppositionellen russischen Medien erkennen lassen, das Geschehen in Russland und der Ukraine objektiv zu beschreiben. Darüber hinaus ist das Russische als Ausgangsquelle für den Gebrauch und die Verbreitung der Kriegslexik anzusehen: Die russischsprachige Kriegslexik wird von den Medien weltweit zitiert und kommentiert, erläutert und analysiert. Während der Pandemie verbreiteten die offiziellen russischen Medien nicht nur in Lettland und Litauen, sondern auch in anderen Ländern der Welt Unglauben und Zweifel an der Gefährlichkeit des Virus und an Impfstoffen; nach dem Einmarsch Russlands in die Ukraine überraschten sie die Welt mit der Leugnung des Krieges, indem sie Euphemismen wie Spezialoperation, besondere Operation, militärische Operation und andere verwendeten und so die Menge an Desinformation im allgemeinen Informationsstrom vergrößerten und die emotionale Spannung erhöhten. Für die Analyse der Lexik sowohl der Pandemiezeit als auch des Krieges wurden im Artikel jeweils zwei Wortgruppen ausgewählt. Bei der Analyse der Lexik zur COVID-19-Pandemie werden Wörter behandelt, die die Krankheit und die Situation charakterisieren, sowie Wörter, die die Lager einer gespaltenen Gesellschaft bezeichnen; bei der Analyse der Lexik zum Krieg zwischen Russland und der Ukraine hingegen werden die zur Benennung der Situation verwendeten Lexeme und Wörter betrachtet, die die kriegführenden Seiten charakterisieren. Die Arbeit verfolgt folgende Aufgaben: 1) den Gebrauch der Lexik der genannten Gruppen auf Internetseiten zu erfassen und dabei Euphemismen und Dysphemismen auszuwählen; 2) die Verwendungsfälle von Euphemismen und Dysphemismen in den Diskursen über die Pandemie und den Krieg in der Ukraine zu vergleichen. Für die Untersuchung werden deskriptive und komponentenanalytische sowie teilweise vergleichende Methoden verwendet. Der Vergleich des Materials aus mehreren Sprachen ermöglicht Rückschlüsse sowohl auf die Universalität der betrachteten Realitäten und sprachlichen Phänomene als auch auf die Möglichkeiten ihrer Übernahme. Der Artikel führt ausschließlich eine qualitative Analyse durch und berücksichtigt weder die Anzahl der Euphemismen und Dysphemismen noch ihr relatives Verhältnis und ihre Gebrauchshäufigkeit; ebenso wenig wird quantitativ zwischen traditionellen Dysphemismen (einschließlich Vulgarismen) und situativen Dysphemismen (einschließlich Neubildungen) unterschieden. Eine Analyse der Beispiele nach den Verfahren der Euphemisierung (siehe: Kudirka 2012; Smetonienė, Daučiūnaitė 2014) und Dysphemisierung wird nicht vorgenommen. Dies könnte Gegenstand einer eigenen Untersuchung sein, insbesondere die metaphorische Benennung, für die es in beiden betrachteten Diskursen und in allen drei Sprachen besonders zahlreiche Beispiele gibt. 204 BENDRINĖ KALBA | 95 1. EUFEMISMEN UND DYSPHEMISMEN: ERLÄUTERUNG UND DEFINITIONEN DER BEGRIFFE Wie Marius Smetona feststellt, besteht das Hauptproblem bei der Untersuchung von Euphemismen darin, sie zu identifizieren und zu definieren. M. Smetona zufolge gibt es zahlreiche Definitionen dieses Begriffs, „denn alle Wissenschaftler definieren Euphemismen so, wie es für ihre jeweiligen Untersuchungen erforderlich ist“ (Smetona 2015: 6), passen sie also an das Forschungsziel an. In Definitionen von Euphemismen in der lettischen Linguistik wird der stilistische Aspekt von Euphemismen und den durch sie ersetzten Wörtern betont; als Zweck des Euphemismengebrauchs wird dabei lediglich die Ersatzfunktion genannt: Ein Euphemismus ist ein „Wort oder Ausdruck, das bzw. der anstelle eines Tabuworts, eines Vulgarismus oder eines anderen aus ethischen oder sonstigen Gründen nur eingeschränkt verwendeten Wortes gebraucht wird“ (VPsVe); es handelt sich um „emotional neutrale Wörter oder Wendungen, die anstelle von beleidigenden, allzu direkten oder unangenehmen Wörtern verwendet werden“ (Veisbergs 1999: 17). Ähnlich verhält es sich im Deutschen: Ein Euphemismus wird lediglich als „beschönigende, verhüllende, mildernde Umschreibung eines anstößigen oder unangenehmen Wortes“ definiert (DUDENe). In den von Forschenden anderer Sprachen herangezogenen Definitionen werden mehrere Zwecke des Euphemismengebrauchs genannt, darunter: die Neugestaltung der Realität, das Verschleiern, das Täuschen oder Irreführen des Adressaten, das Einschmeicheln bei der euphemisierten Person u. a.7 Angesichts der genannten Zwecke bemüht sich M. Smetona um eine Definition, die sie alle umfasst: „Ein Euphemismus ist ein Wort oder eine Wortverbindung, die im Kommunikationsakt verwendet wird, um sich beim euphemisierten Objekt einzuschmeicheln und dadurch die Wirklichkeit zu verändern oder den Zuhörer irrezuführen und ihn dazu zu bringen, die Wirklichkeit so zu verstehen, wie es dem Sprecher gelegen kommt; ebenso kodiert er euphemisierte Objekte, die ursprüngliche Tabus verletzen, sowie die Folgen ihrer weiteren Entwicklung, die Etikette und moralische Grundsätze“ (Smetona 2015: 25). Die australische Linguistin Kate’e Burridge’e ist der Ansicht, dass „in einem bestimmten Kontext über ein Tabuthema gesprochen werden kann, ohne Normen zu verletzen, wenn ein Euphemismus statt einer konkreten Bezeichnung verwendet wird. Die euphemistische Lexik, über die Sprachvarietäten wie Kriegs-, politischer und medizinischer Jargon verfügen, verleiht der Verhüllung jedoch zusätzliche Dimensionen – Täuschung und Verheimlichung. In diesem Fall werden Euphemismen nicht so sehr verwendet, um Gefühle nicht zu verletzen, sondern auch, um bewusst zu verschleiern und irrezuführen“ (Burridge 2012). Bei der Analyse der politischen Euphemisierung in den Überschriften publizistischer Artikel in Litauen stellen I. Smetonienė und D. Daučiūnaitė fest, dass die Ziele der Euphemisierung darin bestehen, … 7 Einen Überblick über die von Linguisten verschiedener Länder formulierten Definitionen von Euphemismen geben R. Kudirka (2012) und M. Smetona (2015: 11–17). DITE LIEPA, EVIJA LIPARTE. COVID-19 pandemija ir karas Ukrainoje: eufemizmų ir disfemizmų vartojimas viešajame diskurse latvių, lietuvių ir rusų kalbose 205 … wesentliche Sachverhalte zu verhüllen, zu verschleiern oder zu verzerren. Diese Funktion erfüllt auch die politische Euphemisierung, deren „Hauptziel darin besteht, mit möglichst milden Worten und Mitteln das auszudrücken, was für einen großen Teil der Gesellschaft inakzeptabel oder unangenehm sein und negative Emotionen gegenüber der Staatsführung oder bestimmten staatlichen Institutionen hervorrufen kann“ (Smetonienė, Daučiūnaitė 2014: 122; zit. nach Moskvin 2001: 63). Vasilijus Mosk vinas, den die Linguistinnen zitieren, unterscheidet klar zwischen politischer Euphemisierung und politischer Desinformation; Letztere erklärt er als Lüge und offenkundige Verfälschung der Wahrheit. In Fragen der Ereignisse in der Ukraine bemühen sich sowohl Politiker als auch Medien um diplomatische Ausdrucksweisen; so „vermeiden sie es, die Dinge beim richtigen Namen zu nennen, und neigen dazu, bei der Rede über unangenehme Ereignisse und unangebrachte Handlungen anderer Länder deren tatsächliche Bezeichnungen zu beschönigen und abzumildern sowie Ereignisse im Zusammenhang mit Tod, Gewalt und anderen Unglücksfällen zu verschleiern“ (Smetonienė, Daučiūnaitė 2014: 125). Auch Dysphemismen werden unterschiedlich definiert, wobei ihre stilistischen Aspekte (Vulgarität) und/oder ihre Zwecke – den Adressaten zu verletzen, negative Sachverhalte zu übertreiben usw. – genannt werden. Die Definitionen in der lettischen Linguistik betonen, dass ein Dysphemismus ein „vertrauliches, vulgäres Wort oder eine Wortverbindung ist, durch das bzw. die bewusst eine stilistisch und emotional neutrale Bezeichnung derselben Realität ersetzt wird“ (VPSVe), oder dass es sich um „verletzende, beleidigende Wörter handelt, mit denen negative Begriffe bewusst verstärkt und solche Inhalte vermittelt werden, die der Verwender in einem negativen Licht darstellen möchte“ (Veisbergs 2002: 54). Zur Beschreibung des Ausdrucks von Unhöflichkeit im Kriminalitätsdiskurs wurde in der litauischen Linguistik folgende Definition von Dysphemismen formuliert: „Wörter oder Wortverbindungen, die anstelle milderer Ausdrücke verwendet werden, um eine negative Meinung zu erzeugen, eine negative Färbung zu verleihen oder jemanden zu beleidigen“ (Jakimovienė 2017). Im Deutschen ist die Definition des Dysphemismus sehr weit und unspezifisch und hebt lediglich seinen Verwendungszweck hervor: „negative, abwertende Umschreibung eines neutralen oder positiven Wortes“ (DUDENe). Ähnlich werden auch Schimpfwörter betrachtet. R. Aman hat betont: „Jedes Wort, das aggressiv gebraucht wird, ist ein Schimpfwort“ (Aman 1975: 165). Diesen Gedanken führt auch John E. Joseph weiter aus: „Sprache muss nicht blasphemisch, obszön oder rassistisch sein, um verletzend zu sein“ (aus dem Lettischen übersetzt, siehe Džozefs 2008: 130). A. Veisbergs zufolge gibt es keine Antwort auf die Frage, was ein beleidigendes Wort ist, denn „die Bedeutung eines Wortes liegt nicht nur im Wort selbst. Sie wird ihm vom Sprecher, Schreiber, Zuhörer oder Leser verliehen. Das bedeutet, dass jedes Wort verletzend sein kann“ (Veisbergs 2002: 56). Der Wissenschaftler schlägt vor, zwischen individuellen emotionalen Dysphemismen und „eigentlichen“ Dysphemismen zu unterscheiden – so bezeichnet er die verwendeten … 206 BENDRINĖ KALBA | 95 … bei der öffentlichen Erwähnung von Feinden, Rivalen oder Gegnern. In solchen Fällen werden Verallgemeinerungen und Hyperbeln verwendet, Tier- und Krankheitsbezeichnungen herangezogen und Rückständigkeit, geistige Beschränktheit usw. hervorgehoben (Veisbergs 2002: 56–57). Zur Sprache der Politik schrieb A. Veisbergs über Euphemismen: „<...> In der heutigen Informationsgesellschaft ist Schweigen unmöglich – die Menschen müssen einen Weg finden, zu informieren und desinformieren, zu rechtfertigen, zu erklären oder zu täuschen. Totalitäre Regime hatten es in dieser Hinsicht leichter. Sie hatten vieles sowohl vor der Außenwelt als auch vor ihren eigenen Bürgern, manchmal sogar vor sich selbst, zu verbergen. <...> Ein den Medienapparat kontrollierender Totalitarismus kann es sich leisten, zu verschweigen, zu zensieren und auszulassen. Die Demokratie muss sprechen, weshalb Euphemismen in ihr viel weiter verbreitet sind“ (Veisbergs 1999: 17). Hier sollte hinzugefügt werden, dass in demokratischen Gesellschaften auch Dysphemismen stärker verbreitet sind, denn dort ist es unmöglich, Empörung, Wut, Enttäuschung, Zweifel oder schlicht Emotionalität zu verschweigen. Die Menschen drücken all dies auf verschiedene Weise aus: Sie fluchen offen in sozialen Netzwerken, verspotten und beschimpfen einander ironisch in den Kommentaren unter Artikeln auf Websites, veröffentlichen ein situatives dysphemisches Neologismus, das Aufmerksamkeit erregt, usw. In dieser Arbeit, die medizinische und militärische Sprachvarianten behandelt, gelten auf der Grundlage der besprochenen Definitionen als Euphemismen Wörter oder Wendungen, die anstelle von Wörtern verwendet werden, deren Gebrauch aus ethischen oder anderen Gründen vermieden wird; als Dysphemismen gelten negativ konnotierte Wörter oder Wortverbindungen, durch die stilistisch und emotional neutrale Bezeichnungen derselben Realität bewusst ersetzt werden. Außerdem wird in diesem Artikel versucht, traditionelle und situative Dysphemismen zu unterscheiden. Als traditionelle Dysphemismen gelten in der Sprache historisch etablierte, in verschiedenen Situationen nahezu universell verwendete Dysphemismen8, einschließlich Vulgarismen (z. B.: Faschist, Besatzer, Verbrecher, Idiot, Rübe, Schwuchtel); situative Dysphemismen sind dagegen Wörter, die in einer konkreten Situation geprägt werden9 (auf der Grundlage von Assoziationen, durch Kontamination oder Sprachspiel10, z. B. durch phonetische Verformung: Korona – Schmorona) oder eine dysphemistische Konnotation annehmen, die sie normalerweise nicht haben (z. B. Skifahrer). Eine klare Grenze zwischen diesen beiden Gruppen von Dysphemismen zu ziehen, ist jedoch schwierig, da unklar ist, welcher Zeitraum oder welche Gebrauchshäufigkeit als Kriterium für die Etablierung eines Dysphemismus gelten sollte (z. B. ein Dysphemismus, der erst während COVID-19 entstanden ist 8 Apie tai dar žr. E. Liparte (2021b: 87–88). 9 Daher kann man sie auch (okasionelle) dysphemistische Neologismen nennen. 10 Zum Sprachspiel (lett. valodas spēle) in der lettischen Umgangssprache und seinen Mitteln siehe V. Ernstsone (1997). DITE LIEPA, EVIJA LIPARTE. COVID-19 pandemija ir karas Ukrainoje: eufemizmų ir disfemizmų vartojimas viešajame diskurse latvių, lietuvių ir rusų kalbose 207 Pandemie) kann weit verbreitet und in verschiedenen Bedeutungen verwendet werden. Die im Artikel behandelten Euphemismen werden nicht weiter differenziert, obwohl mitunter vorgeschlagen wird, sie in neue und alte einzuteilen11; politische und propagandistische Euphemismen würden dann in die Kategorie der „neuen“ fallen. 2. EUPHEMISMEN UND DYSPHEMISMEN ZUR BESCHREIBUNG DER COVID-19-PANDEMIE 2.1. Euphemismen und Dysphemismen für Krankheit und Situation M. Smetona nennt als prägnantes Beispiel für das Tabu um eine Person und ihren Namen sowie für den Gebrauch von Euphemismen in der zeitgenössischen Belletristik Joanne K. Rowlings Romane über Harry Potter. Aus Angst nicht nur vor dem bösen Zauberer Voldemort, sondern auch davor, seinen Namen auszusprechen, nennen andere Zauberer Voldemort Du-weißt-schon-wer oder Der, dessen Name nicht genannt werden darf. Selbst seine Anhänger, die Todesser, nennen ihren Herrscher nicht beim Namen, sondern sprechen ihn als Dunklen Lord oder Meister an (Smetona 2015: 24). In Lettland weckte die offizielle Bezeichnung der während der Pandemie geltenden strengen Bewegungseinschränkungen Assoziationen mit dieser Figur: māj sede12. Viele Menschen verstanden sie nicht nur als lettische Entsprechung des englischen Begriffs lockdown, sondern auch als Euphemismus für den militärischen Begriff komandantstunda „Ausgangssperre“. Das zeigt beispielsweise ein Anfang 2021 im sozialen Netzwerk Facebook veröffentlichter Beitrag: Schatos, ka daudziem šie oficiālie apzīmējumi ir gluži kā Voldemorts Harija Potera sāgā – „Tas, kuru nesauc vārdā“ <...>. Tāpēc laikam arī top visas tās māj sēdes13 utt. (Ich sehe, dass diese offiziellen Bezeichnungen für viele wie Voldemort aus der Harry-Potter-Saga sind – „Der, dessen Name nicht genannt wird“ <...>. Vermutlich entstehen deshalb auch all diese māj sēdes usw.). 11 Apie tokią galimybę užsimena R. Kudirka (2012). 12 Māj sēde bezeichnet eine „besondere Bewegungseinschränkung – die Verpflichtung, die Wohnung zu einer festgelegten Zeit nicht zu verlassen“ (Tēzaurs). Es handelt sich um eine syntaktisch-morphologische Bildung (< māj-a ‚Haus‘ + sēd-ēt ‚sitzen‘ + Endung -e; ausführlicher dazu siehe E. Liparte (2021a: 115–116)); seiner Bedeutung nach entspricht es im COVID-19-Kontext dem landesweiten Lockdown, der in Litauen galt. Als offizielle Bezeichnung wurde māj sēde in Lettland ab Beginn des zweiten ausgerufenen Ausnahmezustands (November 2020) verwendet, als strenge Bewegungseinschränkungen einschließlich einer Ausgangssperre eingeführt wurden. Während der COVID-19-Pandemie gab es in Lettland insgesamt drei von der Regierung verhängte Ausnahmezustände, in denen Beschränkungen unterschiedlichen Ausmaßes galten: 1) vom 12.03.2020 bis zum 10.06.2020; 2) vom 09.11.2020 bis zum 06.04.2021; 3) vom 11.10.2021 bis zum 01.04.2022. 13 In allen angeführten Beispielen stammt die Hervorhebung vom Autor des Artikels, mit Ausnahme dieses Wortes, das der Verfasser des Beitrags selbst hervorgehoben hat. In den Beispielen und ihren Übersetzungen wurden lediglich die gröbsten Rechtschreib- und Zeichensetzungsfehler korrigiert, die das Verständnis des Inhalts beeinträchtigen würden. 208 BENDRINĖ KALBA | 95 Der Musikkritiker Sandris Vanzovičs nennt die offiziellen Begriffe pašizolācija ‚Selbstisolierung‘ und karantīna ‚Quarantäne‘, die Bewegungseinschränkungen für Personen bezeichnen, die mit dem Coronavirus infiziert oder möglicherweise infiziert sind: Was soll eine kreative Persönlichkeit tun, die zu Hause eingeschlossen ist, ohne Möglichkeit aufzutreten und zu musizieren, und sich zwischen vier Wänden einer moralischen Selbstenthauptung und Selbst-Euthanasierung unterzieht, die taktvoll als Selbstisolierung oder Quarantäne bezeichnet wird? (Vanzovičs 2020). Wörter zur Beschreibung der COVID-19-Pandemie lassen sich oft nur schwer den Euphemismen oder Dysphemismen zuordnen, denn scheinbar neutrale Bezeichnungen, z. B. lett. ciparu pandēmija ‚Zahlenpandemie‘, papīra slimība ‚Papierkrankheit‘ usw., werden gewöhnlich mit negativer Konnotation verwendet, wobei entweder betont wird, dass es in Wirklichkeit gar keine Pandemie gibt, oder dass sie künstlich erzeugt wurde. Das zeigt sich etwa am Kontext: Vielleicht sollten alle diesen Fake-Virus haben, da niemand etwas spürt und nicht einmal weiß, dass er krank ist. Dann hätten alle ihre Ruhe, es gäbe niemanden anzustecken, das ändert ja ohnehin nichts: an einer Papierkrankheit zu leiden und nicht zu wissen, dass man krank ist (Galbūt tegul visi turi šį netikrą virusą, kadangi niekas nejaučia ir net nežino, kad serga. Ir tada visiems bus ramybė, nebus ko užkrėsti, juk tai nieko nekeičia, sirgti popierine liga ir nežinoti, kad sergama). Leichter erkennbare Euphemismen werden durch bestimmte Pronomen ausgedrückt: šis, viss šis, viņš. Zum Beispiel: <...> Freunde, denen man seine Gedanken schreiben und mit denen man Wein trinken kann, wenn „das alles“ vorbei sein wird. (<...> draugai, kam parašyti savo apmąstymus ir [su kuo] kartu išgerti vyno, kai „visa šita“ bus pasibaigę); Als ich mir im September mein Virus eingefangen hatte (vielleicht sogar das berühmte ES), fühlte ich mich schlecht und hatte Kopfschmerzen (Als ich im September mein Virus eingefangen hatte (vielleicht sogar das berühmte ES), ging es mir schlecht und ich hatte Kopfschmerzen). Manchmal wird das Coronavirus euphemistisch mit der Bezeichnung einer anderen Krankheit benannt, z. B. lett. iesnas ‚Schnupfen‘, gripa ‚Grippe‘, mēris ‚Pest‘, triperis ‚veraltete Bezeichnung für Gonorrhö‘, zusammenfassend sērga ‚Epidemie‘ usw.14 Neben stilistisch neutralen Euphemismen für das Coronavirus wurden häufig auch dysphemistische Vulgarismen und Slangwörter verwendet, z. B. lett. umgangssprachlich sūds ‚Scheiße‘, Slang zaraza < russ. зараза ‚Ansteckung‘, vulg. herņa ‚Unsinn‘, vulg. 14 Apie koronaviruso eufemizmus latvių kalboje plačiau žr. E. Lipartė (2020b). D I T E L I E P A, E V I J A L I P A R T Ė. Die COVID-19-Pandemie und der Krieg in der Ukraine: Gebrauch von Euphemismen und Dysphemismen im öffentlichen Diskurs in den lettischen, litauischen und russischen Sprachen 209 huĩna ‚was stinkt, misslungen, abscheulich; ein ungeeigneter Gegenstand; Plunder‘15 (Tēzaurs), ebenso Zusammensetzungen mit diesen Lexemen, z. B.: lett. kovidsūdi ‚Covid-Scheiße‘, kovidhuĩna ‚Covid-Chuĩnia‘, koronahuĩna ‚Corona-Chuinia‘, kovidfig̃na (lett. Jargon fig̃na ‚Nichts, eine Kleinigkeit; etwas Wertloses, Überflüssiges‘ (Tēzaurs)), kovidfufelis ‚Covid-Fuflo‘16, kovidhujõvid, koronajobanā usw.17 Vulgarismen und umgangssprachliche Ausdrücke sind häufig Wörter aus dem Russischen. Einige weitere Beispiele mit dem Lexem fuflo: lett. vīruss ir fufelis ‚das Virus ist Fuflo‘, vgl. russ. фуфловирус (SRJKE, 249); lett. derb fufeldēmija, lit. Fuflodemija, vgl. russ. фуфлодемия, фуфло-пандемия, фуфлопидемия, фуфлоэпидемия (SRJKE, 250–251). Vgl. ferner lett. Slang fuflo, fufelis, fufels ‚Lüge, Betrug; Unsinn, Nichtigkeiten‘ (Tēzaurs) < und russ. фуфло ‚dasselbe‘ (vgl. auch SRJKE, 249–251). Ein Internetnutzer verwendete in seinen Kommentaren auf dem Portal delfi.lv sowohl eine dysphemistische Neubildung mit einem aus dem Russischen übernommenen Schimpfwort als auch eine euphemistische Abkürzung, die dieses Wort verschleiert und aus den Anfangsbuchstaben einzelner Wörter gebildet ist: Von den Infizierten haben 13,7 Millionen ein aktives Virus; die übrigen 35,8 Millionen haben die Diagnose „hujviņzinkā positīvs tests“ (Von den Infizierten haben 13,7 Millionen ein aktives Virus; die übrigen 35,8 Millionen haben die Diagnose „chui“ bereits überwunden18, bekannt als positiver Test“); In Riga haben die meisten die Diagnose „H-V-Z positīvs tests“ (In Riga gibt es die meisten [Menschen] mit der Diagnose „C-J-Ž positiver Test“). Eine besondere, nicht vulgäre Dysphemie piebūrums ‚Zauberei‘19 verwendete der lettische Schriftsteller Māris Ruks zur Bezeichnung der COVID-19-Pandemie, wobei er sie als organisierte Finanzmachenschaft und kriminelle Handlung weltweiten Ausmaßes bewertete. Sein neuestes Buch nannte er Piebūrums-19. Intīmi. Globāli. Nāvējoši (Zauberei-19. Intim. Global. Tödlich)20. Eine dysphemistische, abwertende Einstellung zur COVID-19-Pandemie zeigt sich auch in der Anwendung phonetischer Verformung bei der Benennung der Krankheit oder des sie verursachenden Virus in verschiedenen Sprachen, z. B. lett. korona – šmorona. Vgl. außerdem: 15 Plg. liet. chuinia ‘niekai, nesąmonė’ (Zaikauskas 2008: 36). 16 Im Wörterbuch des litauischen Jargons werden für fuflo folgende Bedeutungen angegeben: ‚1. Lüge. 2. ein schlechter, wertloser, untauglicher Gegenstand, Plunder; eine Fälschung‘ (Zaikauskas 2008: 55). 17 Plačiau apie tai rašoma A. Rožukalnės, D. Liepos (2022: 195–196; 206–210) ir E. Lipartės (2020b: 30–31) straipsniuose. 18 Dieses Wort ist nicht in das von Egidijus Zaikauskas zusammengestellte Jargonwörterbuch aufgenommen; lett. vulg. hui ‚männliches Geschlechtsorgan‘ (Tēzaurs). Der Bedeutung nach ist die Wortverbindung hujviņzinkā (< huj viņu zina kā ‚chui, wer weiß als was‘) der Redewendung bala zīno ähnlich. 19 Dies ist eine Substantivableitung vom Verb pieburt ‚herbeizaubern – durch Zauberei herbeiführen, herbeiführen‘. 20 Apie šią knygą žr. M. Ruks (2022). 210 BENDRINĖ KALBA | 95 lett. Skaidrs, dass Covid/Schmovid und alles, was damit zusammenhängt, einen ermüdet (Es ist klar, dass Covid/Schmovid und alles, was damit zusammenhängt, ihn ermüdet); lit. Überall nur Corona, Corona, Corona. Und wenn dann noch jemand wieder anfängt, über Corona zu reden, möchte man am liebsten nur sagen Corona Schmorona; russ. Pandemie-Schmandemie, Virus-Schmirus, Covid-Schmovid (Pandemie-Schmandemie, Virus-Schmirus, Covid-Schmovid). 2.2. Diffemistische Bezeichnungen für die Seiten der gespaltenen Gesellschaft Noch vielfältigere Dysphemismen wurden zur Beschreibung von Menschen verwendet, da sich die Gesellschaft während der Pandemie polarisierte. Ein offensichtlich universeller – in vielen Sprachen und mit diametral entgegengesetzten Bedeutungen verwendeter – Dysphemismus zur Bezeichnung von Menschen während der Pandemie war von ihren ersten Wochen an Kovidiot (< engl. covidiot). So wurden Personen bezeichnet, die anders handelten oder dachten als die Verwender des Dysphemismus: sowohl diejenigen, die die Existenz des Coronavirus oder seine Gefährlichkeit leugneten und glaubten, all dies sei eine künstlich geschaffene, erfundene Finanzmanipulation, und deshalb die von den Behörden festgelegten Beschränkungen bewusst verletzten oder ignorierten, als auch diejenigen, die sich aus übertriebener Angst mit Vorräten an Lebensmitteln und Toilettenpapier eindeckten oder die Vorsichtsmaßnahmen und epidemiologischen Beschränkungen gewissenhaft einhielten (ausführlicher siehe Liepa 2021: 159), z. B.: Не зря появилось новое словечко „covidiot“ (ковидиот), обозначающее и тех, кто скупает гречку с туалетной бумагой, и тех, кто продолжает жить, как ни в чем не бывало, игнорируя информацию о вирусе (Nicht umsonst entstand das neue Wörtchen „Kovidiot“, das sowohl diejenigen bezeichnet, die Buchweizen und Toilettenpapier hamstern, als auch diejenigen, die weiterleben, als sei nichts geschehen, und Informationen über das Virus ignorieren) (SRJKE, 97). Werden beide Extreme zusammengefasst, wird Kovidiot im lettischen erklärenden COVID-19-Wörterbuch (Covid-19 skaidrojošā vārdnīca) als „Mensch, der sich während des Coronavirus nicht vernünftig verhält“ definiert (Veckalne 2020). Um diese beiden Bedeutungen voneinander abzugrenzen, wurden wiederum weitere dysphemistische Neubildungen geprägt: lett. covidhistēriķi un covidpohujisti ‚Covid-Hysteriker und Covid-Pohujisten21 (siehe auch: Liparte 2020a: 31; Rožukalne, Liepa 2022: 21 Lett. vulg. pohujists ‚Gleichgültiger‘ (Tēzaurs), lit. vulg. pochuistas ‚Person, die ihre Mitmenschen ignoriert, sich benimmt, wie sie will, und der alles scheißegal ist‘ (Zaikauskas 2008: 122). DITE LIEPA, EVIJA LIPARTE. COVID-19 pandemija ir karas Ukrainoje: eufemizmų ir disfemizmų vartojimas viešajame diskurse latvių, lietuvių ir rusų kalbose 211 205, 20822), koronahisteri̇ki ‚Corona-Hysteriker‘ (Rožukalne, Liepa 2022: 211); lit. panderlogai, konevidonai, šlepetnikai, z. B.: Panderlogai – sich versammelnde Covidioten; Konevidonas – eine Person, die böswillig die Quarantäne missachtet (Klimenka, Klimenka 2020)23. In konkreten Situationen wurden auch neutrale Wörter der Standardsprache, die keine negative Konnotation haben, dysphoristisch gebraucht24, z. B. lett. Slēpotājs drīz būs lamuvārds (Der Skifahrer wird bald ein Schimpfwort sein), als zu Beginn der Pandemie Personen, die aus Italien zurückkehrten und sich mit dem Coronavirus angesteckt hatten, die für sie geltenden Anforderungen an die epidemische Sicherheit missachteten und andere trotz der Warnungen zum Skifahren nach Italien oder in andere Länder reisten, in denen sich das Virus bereits ausgebreitet hatte. In Litauen löste der Begriff rizikos grupės asmuo (mit der Erklärung: über 60 Jahre alt und/oder an chronischen Krankheiten leidend) und die dazu synonymische Neubildung rizikaamžis ‚wer im Risikomer‘ ist (d. h. aufgrund des Alters ein höheres Risiko hat, von Krankheiten u. Ä. betroffen zu sein; LKND) unterschiedliche Reaktionen aus: Einige verstanden dies als größere Fürsorge der Regierung für Menschen dieser Altersgruppe, andere als Missachtung ihrer Würde. Diese Beispiele bestätigen die Aussagen von R. Aman, A. Veisbergs, J. E. Joseph und anderen Linguisten, dass jedes Wort verletzend sein kann. Eine von Hass geprägte Haltung und Ausdrucksweise gab es auch mit Beginn der Impfungen: Die einen ließen sich impfen und unterstützten die Impfpolitik, die anderen ignorierten sie, 22 A. Rožukalnė, D. Liepa (2022: 205–211) ir E. Lipartė (2021a: 109; 2021c: 108–109) pateikia daug okazinių dūrinių su komponentais kovid- ir koron-, įskaitant emocinius ekspresinius asmenų pavadinimus, tačiau jie apžvelgti tik darybos požiūriu, reikšmių nenurodant ir pagal jas dūrinių negrupuojant. 23 Wie nicht nur diese, sondern auch mehrere hundert weitere witzige okkasionelle Neubildungen und Umarbeitungen weithin bekannter literarischer oder musikalischer Werke, Witze und Beispiele moderner Folklore zeigen, die die Brüder Eduard und Gabriel Klimenka (die sich „pandemische Wortspieler-Brüder“ nannten) sowie viele andere Menschen in verschiedenen Sprachen im Internet veröffentlichten, wurde während der Pandemie auch gelacht – ohne Zorn oder Aggression (dazu siehe Lipartė 2020b: 34; 2021c: 110; Liepa 2021: 162–165; Druviete 2022: 202). Hier einige witzige Bezeichnungen für Menschen, die weder Euphemismen noch Dysphemismen sind (d. h. mit ihnen soll nichts verhüllt bzw. jemand verletzt oder verurteilt werden): lit.: Koronolas kovidinantas – Leiter des Pandemie-Hauptstabs (Klimenka, Klimenka 2020); vakcinolė (mit scherzhaft-expressiver Färbung) ‚wer Impfungen gegen das Coronavirus nach den gewünschten Erlebnissen einer Person auswählt‘ (LKND); lett.: Nus, koviddzeinieki, laiks izpaust savu sāpi un prieku (Na, Covid-Poeten, Zeit, deinen Schmerz und deine Freude auszudrücken); kovidnavis (< kovid + nav ‚nicht‘ + Endung -is) ‚eine Person, die zu Beginn der COVID-19-Pandemie glaubte, dass es eine solche Krankheit nicht gibt‘; russ.: ковидёнок (scherzhaft) ‚über ein Kind, dessen Geburt während der Coronavirus-Pandemie geplant ist‘ (SRJKE, 92); карантист ‚über einen Karate-Sportler, der sein Training online fortsetzt‘ – Kontamination: карантин + каратист (SRJKE, 78). 24 Apie tai dar žr. E. Lipartė 2021c: 107. 212 BENDRINĖ KALBA | 95 Sie verspotteten sie offen und bedrohten medizinisches Personal, Journalisten, Regierungsvertreter und Polizisten, die an der Einführung der festgelegten Beschränkungen und der Sicherstellung ihrer Einhaltung beteiligt waren. Die emotionale Expressivität in der Sprache nahm zu, und damit auch die verbale Aggression (dazu siehe: Liepa 2022; Rožukalne, Liepa 2022). Die Situation im Herbst 2021 beschrieb die lettische Journalistin Inguna Mukāne treffend: Die Pandemie hat uns gezeigt, dass sich die Gesellschaft in einem freien, demokratischen Staat noch dramatischer spalten kann als in einem besetzten Land. Geimpfte gegen Ungeimpfte, das Volk gegen die Regierung – es scheint, als werde dieser Abgrund immer tiefer. Und über allem liegt ein Spektrum von Emotionen, das unter den Menschen vorherrscht und zuvor nicht in einem solchen Ausmaß zu beobachten war. Zorn und Aggression, Angst und Panik, gesellschaftlicher Unsinn und die Suche nach Sündenböcken – das sind nur die deutlichsten Erscheinungsformen (Mukāne 2021). Jede Seite der gespaltenen Gesellschaft hatte ihre Anhänger, und die Kommunikation zwischen den gegnerischen Seiten war verletzend, aggressiv und feindselig. Dies zeigt sich an den litauischen Dysphemismen für Personen, die die Soziologin Rūta Žiliukaitė im Sommer 2022, kurz vor Kriegsbeginn, in Form von Listen im sozialen Netzwerk Facebook veröffentlichte und die andere Nutzer dieses sozialen Netzwerks ergänzten. Die Listen selbst sind neutral betitelt, nämlich Viena pusė und Kita pusė, die darin aufgeführte Lexik ist es jedoch nicht. Die eine Seite (1) wird mit Anhängern von Verschwörungstheorien und Verbreitern russischer Propaganda25 in Verbindung gebracht, während zur anderen Seite (2) die Anhänger des offiziellen Kurses (insbesondere der Impfpolitik) gezählt werden: 1) Antivalstybinė šunauja; Biomasė; Byvalo; Jedinstvos įpėdiniai; Kremlinai; Pašalpinai; Prokremlinė švobla; Purvini kaimiečiai; Putinistai; Raudonieji lūzeriai; Rusofilai; Runkeliai; Vatnikai; Visuomenės vėžys; Antivakseriai; Plokščiažemiai; Baubikai; Baubliai. 2) Fašistai; Geyropa; Naciai; Landsberginiai; Leftistai; Liberatiztai; Pidarai; PIŠ; Rusofobai; Satanistai; Skiepyti; Sorososai; Sorošiniai; Tapinoidai; Tiesiog py darai; Vaivorykštiniai; Vakseriai; Užžombintieji; Vagys; Vazelino premijos laureatai; Zombiai. Wie diese bewusst nicht gekürzten Listen zeigen (sie ließen sich noch ergänzen), vermischen sich in diesen Bezeichnungen die Einstellungen der Menschen sowohl zur COVID-19-Pandemie als auch zu anderen schmerzhaften Themen. Außerdem ist ein Teil der Bezeich- 25 Übrigens wurde in den lettischen Medien auch über die in Lettland und Russland verwendeten Dysphemismen zur Bezeichnung von Anhängern von Verschwörungstheorien berichtet: Latvijā piespiedu vakcinācijas un cilvēku segregācijas pretiniekiem piekar „antivaksera“ un Kremļa aģenta birku, bet kaimiņvalstī šādi cilvēki tiek pasludināti par Krievijas interesēm naidīgiem elementiem un Rietumu aģentiem (In Lettland wird Gegnern der Impfpflicht und der Segregation von Menschen das Etikett „Impfgegner“ und Kreml-Agent angeheftet, in einem Nachbarland hingegen werden solche Menschen zu russischen Interessen feindlich gesinnten Elementen und westlichen Agenten erklärt) (Beinerte 2021). DITE LIEPA, EVIJA LIPARTE. COVID-19 pandemija ir karas Ukrainoje: eufemizmų ir disfemizmų vartojimas viešajame diskurse latvių, lietuvių ir rusų kalbose 213 … kann man als traditionelle Dysphemismen betrachten (schmutzige Bauern, Rüben26, Diebe, Zombies usw.), während ein Teil situative dysphemistische Neubildungen sind, die während der Pandemie entstanden sind (z. B.: Impfgegner, Geimpfte, Tapinoide). Ähnliche Bezeichnungen werden auch in Lettland verwendet, um einander Spitznamen zu geben. So wurden beispielsweise Anhänger von Verschwörungstheorien und Impfgegner mit folgenden Wörtern bezeichnet: koviddaunis ‚Covid-Downie‘; antivakserijas dauni ‚Antivaxxer-Downies‘; antivakši ‚Antivaxxer‘; nevaxi ‚Ungeimpfte‘; folijgalvas ‚Aluhüte‘; plakanzemji ‚Flacherdler‘; pošņiži ‚Impfhasser‘; pošmiži ‚wegen der Impfung Pisser=, die Angst vor Impfungen haben‘ usw. Anhänger des offiziellen Staatskurses werden beschrieben als kovidaferisti ‚Covid-Betrüger‘; kovidisti ‚Covidisten‘; durtie ‚die Gestochenen‘; lēticīgās aitas ‚leichtgläubige Schafe‘; nopotētie zombiji ‚geimpfte Zombies‘; nozombētie ‚zombifiziert‘; pakalpiņi ‚Lakaien‘; roklaīžas ‚Handlanger‘; sorosisti ‚Soros-Anhänger‘; vergi ‚Sklaven‘ usw.27. Häufig wurden vulgäre, obszöne Wörter und Ausdrücke verwendet; so verhielten sich sogar offizielle Staatsbeamte. Der damalige Innenminister Sandis Ģirģens schrieb im Oktober 2020 im sozialen Netzwerk Twitter gegen Menschen, die demonstrativ ohne Schutzmaske Selfies machten und damit ihre Gleichgültigkeit oder sogar Feindseligkeit gegenüber epidemiologischen Schutzmaßnahmen betonten: Vispār jau Austrumeiropā ir tāds „pohuijisma“ gēns. Joprojām kaut kur klejo tas PSRS kolhoza sindroms... Kamēr pats, vai ģimenē nenolik­sies gar zemi, tikmēr var selfijuoties. (Im Allgemeinen gibt es in Osteuropa so ein „Pochuismus“-Gen. Irgendwo geistert immer noch dieses Kolchos-Syndrom der UdSSR herum... Solange man selbst oder jemand aus der Familie nicht flachliegt, kann man Selfies machen) (delfi.lv)28. Dieser Beitrag des Ministers und die Veröffentlichung dazu auf dem Portal delfi.lv lösten eine Welle der Empörung in der Öffentlichkeit aus29. Ein Kommentator schrieb: 26 Die Struktur, die semantische Entwicklung und die Verwendungsbeispiele des Dysphemismus runkeliai analysiert Regina Koženiauskienė (2009: 58–59) und bezeichnet ihn als „in Litauen bereits verbreitete beleidigende Metapher“. Regina Kvašytė und Kazimieras Župerka zufolge wird das Wort runkelis, das in übertragener (metonymischer), abwertender Bedeutung zur Bezeichnung einer Person verwendet wird, zum Jargonwort (Kvašytė, Župerka 2021: 274). 27 Zu den Spitznamen und Dysphemismen, mit denen in Lettland in den ersten Jahren der Pandemie Staatsbeamte und Politiker bezeichnet wurden, siehe E. Liparte (2021b); zur dysphemistischen Verwendung von Tierbezeichnungen für Menschen, die die Regeln zum Umgang mit der Pandemie befolgten, siehe E. Liparte (2021c: 111). 28 Der Vulgarismus pohuijisms ‚Gleichgültigkeit; Nichtbeachtung der (üblicherweise eigenen Verhaltens-)Folgen‘ (Tēzaurs) hängt mit dem erwähnten Vulgarismus lett. pohujists, lit. pochuistas zusammen. 29 Ähnliche Empörung löste in Litauen die Veröffentlichung auf dem Portal 15min.lt mit dem Titel Andrius Jakučiūnas: Miešlakalbiai prieš „bybianosius“. Apmaudžios lygi osios aus, in der ebenfalls vulgäre Bezeichnungen – Dysphemismen – für die durch die COVID-19-Pandemie gespaltenen gesellschaftlichen Lager verwendet werden (online abrufbar unter: https://www.15min.lt/kultura/naujiena/asmenybe/andrius-jakuciunas-mesl akalbiai-pries-bybianosius-apmaudzios-lygiosios-285-1402348). 214 BENDRINĖ KALBA | 95 Na, wenn ein Minister schon unflätige Sprache verwenden und vom „Pohujismus“-Gen sprechen darf, kann ich ihm etwas Neues verraten: In Osteuropa gibt es auch ein „Nahujismus“-Gen. Wir Osteuropäer schicken Minister, die uns vollständig kontrollieren und unser ganzes Leben in ein Konzentrationslager verwandeln wollen, in die entsprechende Richtung, während sie Märchen vom „Schutz älterer Menschen vor dem Virus“ erzählen. (Na, jeigu jau ministrui galima vartoti necenzūrinę leksiką ir kalbėti apie „pochujizmo“ geną, tada galiu jam atskleisti kai ką naujo: Rytų Europoje esama ir „nachujizmo“ geno. Mes Rytų Europoje siunčiame atitinkama kryptimi ministrus, kurie nori mus visiškai kontroliuoti ir paversti visą mūsų gyvenimą koncentracijos stovykla, sekdami pasakas apie „senyvų žmonių apsaugą nuo viruso“). Ein anderer Internetnutzer drückte seine Meinung so aus: šodien ministra kungs lieto vārdu „pohujisma“, bet rīt – „iģīke nahuj“??? (heute benutzt der Herr Minister das Wort „Pohujismus“, morgen aber „verpisst euch30“). Nicht einmal anderthalb Jahre später hatte sich die Lage in Europa und der Welt dramatisch verändert, und diese vulgäre Wendung war zu einem geflügelten Wort, einem Motto geworden, das sowohl die ukrainischen Verteidiger selbst als auch die Menschen vereinte, die sie anderswo auf der Welt unterstützten. 3. LEKSIK ZUR BESCHREIBUNG DES KRIEGES ZWISCHEN RUSSLAND UND DER UKRAINE 3.1. Dysphemismen und Euphemismen zur Bezeichnung der Lage in der Ukraine Bei der Untersuchung der euphemistischen und dysphemistischen Lexik, mit der die Lage in der Ukraine nach dem Einmarsch Russlands und die Kriegsparteien beschrieben werden, ist dem Satz besondere Aufmerksamkeit zu widmen, der in den ersten Kriegstagen verwendet wurde und einen Dysphemismus (ein russisches Schimpfwort) enthält: Русский военный корабль, иди нахуй! (Russisches Kriegsschiff, fahr zur Hölle!), der sich blitzschnell auf der ganzen Welt verbreitete. Wie in der Diskussion in der am 21. April 2022 ausgestrahlten Sendung des lettischen Radios Ģimenes studija (Familienstudio) betont wurde, seien manche Schimpfwörter zu „gutem Ton“ geworden; die Tragik des Krieges rechtfertige ihren Gebrauch (Lamuvārdi 2022). Der Kreuzer Moskva wurde in den ersten Kriegstagen unrühmlich bekannt, als er die ukrainischen Grenzschützer auf der Schlangeninsel zur Kapitulation aufforderte. Sie weigerten sich jedoch und schickten das Kriegsschiff mit dieser groben Wendung zum Teufel. Der im Zorn ausgesprochene Satz des Verteidigers der Schlangeninsel wurde zum Motto der ukrainischen Verteidiger: Auf Verkehrsschildern wurden damit Ortsnamen übermalt, um die Haltung gegenüber den Invasoren zu zeigen. Als die Moskva am 14. April 2022 sank (nach Treffern ukrainischer Raketen Neptun, die das Schwarze Meer schützten), freuten sich die Ukrainer 30 Lit. vulg. nachui „1. Fluchwort, als Füllwort gebraucht: eik nachui <...>. 2. zum Teufel, soll es doch sein. <...>“ eina nachui! „zum Teufel, wie schlimm“ (Zaikauskas 2008: 97). DITE LIEPA, EVIJA LIPARTE. COVID-19 pandemija ir karas Ukrainoje: eufemizmų ir disfemizmų vartojimas viešajame diskurse latvių, lietuvių ir rusų kalbose 215 …ten, dass das Schiff dorthin gefahren war, wohin man es geschickt hatte. Später wurde dieser Slogan zur Beschreibung der Ereignisse in der Ukraine verwendet. Der ukrainische Schriftsteller, Fotograf und Soldat Artem Tschapaj (Артем Чапай) schrieb: Solche Dinge sind unvermeidlich, und man muss versuchen, das zu verstehen. So oder so ist mit uns allen etwas nicht ganz richtig: Unbewaffnete Menschen in Berdjansk schicken nachui bewaffnete Besatzer zum Teufel, Frauen im Stadtteil Romny schicken nachui gepanzerte Greise zum Teufel. Jeder tut, was er kann. Die Ukrainer sind mega stark, wie David gegen Goliath (Čapajs 2022). Die Wendung mit dem russischen Schimpfwort wurde auch außerhalb der Ukraine populär, wahrscheinlich wegen ihrer sprachlichen Ausdruckskraft. Die Letten übersetzen sie nur teilweise und lassen das zentrale, stilistisch markierte Element der Ausgangssprache in der Übersetzung stehen: Krievu karakuģi, ej nahuj! (das lettische Äquivalent ej dirst ‚geh scheißen‘ wäre viel milder). Die Teilnehmer der erwähnten Radiosendung, darunter auch A. Veisbergs, bezeichneten bei ihren Kommentaren zu solcher Lexik obszöne Wörter mit verschiedenen Euphemismen (gebildet aus den Anfangsbuchstaben der jeweiligen Wörter), z. B. bē-vārdi ‚b-Wörter‘, hā-bē-pē ‚ch-b-p‘, en-vārdi ‚n-Wörter‘, oder verwendeten die Wortverbindung tāda leksika ‚solche Lexik‘ und betonten dabei das Wort tokia ‚solche‘. Die Diskussionsteilnehmer erörterten auch, warum es während des Krieges mehr grobe, obszöne Lexik gibt: eine offene Konfliktsituation, erhöhte Emotionen; wenn eine Seite solche Lexik verwendet, passt sich früher oder später auch die andere Seite an. Wenn stilistisch neutrale Lexik wirkungslos ist (keine Reaktion hervorruft), wird stilistisch expressive Lexik verwendet, zum Beispiel Dysphemismen. Tatsächlich haben sich Nutzer des litauischen sozialen Netzwerks Facebook für diese Aussage einen euphemistischen, höflichen und humorvollen Ersatz ausgedacht: „GEH DU ZET!“ – eine kurze, klare und höfliche Art, bestimmte Figuren dem russischen Kriegsschiff hinterherzuschicken Ein weiterer Euphemismus, in Richtung des Schiffes schicken (dem Schiff hinterherschicken), der in Litauen als Kandidat für das Wort des Jahres vorgeschlagen wurde, „wird heute bereits weithin verwendet und auch ohne jeglichen Kontext verstanden“ (Urnėžiūtė 2022: 18). Den am 24. Februar 2022 begonnenen Krieg, der ohne Beschönigung als brutaler Krieg gegen die Ukraine oder Russlands Krieg in der Ukraine bezeichnet wird, nennen die russische Führung und die offiziellen Medien nicht Krieg; stattdessen verwenden sie verschiedene Euphemismen. Der Politologe Jewgeni Roschtschin schreibt: Am 24. Februar 2022 teilte der russische Präsident Wladimir Putin mit, dass eine „militärische Spezialoperation“ durchgeführt werde. Ergänzend sei gesagt, dass Putin, als er die „Operation“ ankündigte, am Satzende einen Punkt setzte und verschwieg, dass es sich um eine Operation gegen einen anderen Staat, nämlich die Ukraine, handelte. Anschließend war von den Zielen der Entmilitarisierung und Entnazifizierung die Rede. In diesem Zusammenhang ist jedoch gerade eine solche grammatische Struktur wichtig – das Wort „Operation“ hat kein Objekt (Roščins 2022). 216 BENDRINĖ KALBA | 95 Über die Situation, in die Russland die demokratische Welt versetzt hat, indem es in Europa einen Krieg begann und ihn nicht Krieg nennt, machte sich der bereits erwähnte Sandris Vanzovičs in einem seiner Feuilletons ironisch lustig, wobei er verschiedene Euphemismen verwendete: Nun bemühten sich die westlichen Staaten, rasch eine Bezeichnung für den Krieg in der Ukraine zu finden, nur um ihn nicht bei seinem richtigen Namen Krieg nennen zu müssen – als militärische Operation, militärischer Konflikt, Militärmanöver unter Kriegsbedingungen oder Kriegsprodukt (Vanzovičs 2022). Anfangs herrschte im öffentlichen Diskurs Verwirrung; verwendet wurden Euphemismen wie die gegenwärtige Situation in der Ukraine, die Verschärfung der Beziehungen zwischen Nachbarstaaten, Konflikt. Später begann man jedoch, die Situation beim richtigen Namen zu nennen: Krieg, Invasion, Angriff usw. In Russland ist die Verwendung des Wortes Krieg verboten; einige Oppositionelle verweisen im öffentlichen Diskurs darauf, indem sie die Wortverbindung verbotenes Wort als Euphemismus verwenden, zum Beispiel: Der Feminismus als politische Kraft <...> kann nicht auf der Seite von [in der Russischen Föderation verbotenes Wort] und erst recht nicht — [in der Russischen Föderation verbotenes Wort] besatzungsmäßigen (Der Feminismus als politische Kraft <...> kann dem [in der Russischen Föderation verbotenes Wort] nicht zustimmen, geschweige denn dem besatzungsmäßigen [in der Russischen Föderation verbotenes Wort]). Man kann sagen, dass die Euphemisierung des Themas dieses Krieges bereits 2014 einsetzte; Forschende bringen dies mit der Besetzung der Krim in Verbindung. I. Smetonienė und D. Daučiūnaitė nennen als mit der Besetzung verbundene Euphemismen die Internationalismen Sanktionen, Subjekte, Intervention, die in den Schlagzeilen publizistischer Artikel in Litauen auftauchten (Smetonienė, Daučiūnaitė 2014: 125–126). Den Wissenschaftlerinnen zufolge sind diese Wörter den Leserinnen und Lesern weniger bekannt und für einen Teil von ihnen sogar unverständlich; deshalb lösen sie keine so negative Reaktion aus wie die direkte Bezeichnung des Phänomens (Smetonienė, Daučiūnaitė 2014: 132). Somit erfüllen Internationalismen die Funktion der Euphemisierung sehr gut. Neben dem euphemistischen Ausdruck militärische Operation (russ. военная операция) verwendete Putin auch zwei weniger gebräuchliche, daher ungewohnte und weniger verständliche Internationalismen: Entmilitarisierung und Entnazifizierung der Ukraine. Das Wort Entnazifizierung bedeutet „Maßnahmen zur Beseitigung des Nazismus“ (BLKŽ) und hängt mit dem Wort Nazismus zusammen, das „Politik und Ideologie der nationalsozialistischen Partei, deutscher Faschismus“ bedeutet (DLKŽ). Zur Erklärung der entstandenen Lage verwenden Fachleute aus verschiedenen Ländern und Fachgebieten diese Begriffe. Der lettische Politikwissenschaftler Andis Kudors schreibt: Das Thema der Bekämpfung des Nazismus ist in Russland aufgrund der gesamten Propaganda aus der Sowjetzeit praktisch. Deshalb machen sie nun weiter und behaupten, Russland führe in der Ukraine eine Entnazifizierung und Entmi- DITE LIEPA, EVIJA LIPARTE. COVID-19 pandemija ir karas Ukrainoje: eufemizmų ir disfe­mizmų vartojimas viešajame diskurse latvių, lietuvių ir rusų kalbose 217 litarisierung durch (Das Thema des Kampfes gegen den Nazismus ist in Russland dank der gesamten Propaganda aus der Sowjetzeit bequem. Deshalb setzen sie diese jetzt fort und sagen, dass Russland in der Ukraine eine Entnazifizierung und Entmilitarisierung durchführt) (Kudors 2022). Die russische Schriftstellerin, Journalistin und Oppositionelle Julija Latynina (Юлия Латынина) erklärte als Reaktion auf Putins Wortwahl: Ich habe jetzt die Hoffnung, dass anstelle der Entnazifizierung der Ukraine eine Entputinisierung Russlands folgen wird (LatyninaTV 2022). Beispiele für propagandistische Sprache sind auch euphemistische Paraphrasen – Umschreibungen mit anderen Worten –, die die offiziellen russischen Medien häufig zur Beschreibung des Krieges in der Ukraine verwenden. So wurde der Rückzug und die Flucht der russischen Armee folgendermaßen beschrieben: <...> wurde eine Operation zur Einrollung und Verlegung <...> der Truppen in das Gebiet der DNR durchgeführt, eine Reihe von Ablenkungs- und Demonstrationsmaßnahmen, die die tatsächlichen Aktionen der Truppen sichtbar machten der Truppen (<...>eine Operation zur Einrollung und Verlegung der Truppen <...> in das Gebiet der DNR durchgeführt, zahlreiche Ablenkungs- und Demonstrationsmaßnahmen ergriffen, die die tatsächlichen Aktionen der Truppen bezeichneten). Über solche Situationsbeschreibungen mit gegenteiliger Bedeutung lacht die ukrainische Seite und bezeichnet den Rückzug ironisch als negative Offensive (russ. отрицательное наступление) und das Sinken von Kriegsschiffen als negatives Auftauchen (russ. отрицательное всплытие), also als eine Handlung, die dem Auftauchen eines U-Bootes an der Wasseroberfläche entgegengesetzt ist. Ihrerseits haben Witzbolde in dem sozialen Netzwerk Facebook dem offiziellen Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums die folgende euphemistische, die Flucht der russischen Armee beschreibende Phrase in den Mund gelegt: враг с позором бежит за нами (der Feind flieht uns schmachvoll hinterher). Die politischen Euphemismen, mit denen der russische Diktator seine Ambitionen zum Ausdruck bringt, reichen viel weiter. In der lettischen Online-Zeitschrift Puaro (2022) werden Putins Äußerungen analysiert, in denen er sich während des Nordischen Krieges mit dem russischen Zaren Peter I. gleichsetzt und die gegenwärtige Invasion der Ukraine als Wiedergewinnung dessen darstellt, was zu Russland gehört habe. „Das Regime verwendet umfassend Euphemismen – die Verschiebung von Grenzen oder die Erweiterung des Territoriums bezeichnet die Eroberung von Nachbarländern“ (Veisbergs 2014). Eroberungen sind ohne Armee unmöglich, und diese wird durch die Mobilisierung sowohl der Bevölkerung des eigenen Staates als auch der eroberten Gebiete gebildet. In diesem Krieg, der mit großen Verlusten verbunden ist, wird Mobilisierung jedoch scherzhaft in Mogilisierung umbenannt; auch mit diesem Wort wird eine dysphorische Haltung zum Ausdruck gebracht, indem die Absurdität dieses Vorgangs hervorgehoben wird. Rita Urnėžiūtė (2022: 17) führt dieses Wort als eines jener an, die im litau- 218 BENDRINĖ KALBA | 95 … werden in die litauische Sprache aus dem Ukrainischen oder Russischen übernommen und an die Grammatik des Litauischen angepasst. Das Lexem mogilizacija ‚Mobilisierung (Einberufung von Reservisten zum Militärdienst) als direkter Weg in den Tod (ins Grab)‘ wurde auch in das Datenverzeichnis der Neologismen der litauischen Sprache aufgenommen. Dort wird es als ein neu gebildetes Wort mit neu entlehntem Wortstamm aus dem Russischen bezeichnet, das einen ironisch-expressiven Beiklang hat: могилизация < могила ‚Grab‘ + мобилизация ‚Mobilisierung‘ (LKND). Das Lexem mogilizacija / mogilizaciya / могилизация in verschiedenen Sprachen kann auch als eine durch phonetische Deformation (eine Art des Sprachspiels) entstandene Form interpretiert werden: Ersetzt man im Begriff мобилизация / mobilizacija den Buchstaben б (lateinisches b) durch den Buchstaben з (lateinisches g), entsteht ein Wort, das mit Gräbern verbunden ist (russ. могила ‚Grab‘). Litauische Nutzer des sozialen Netzwerks Facebook schlagen ironisch über Mogilizacija auch litauische Neubildungen vor: kapizaciją31, kapinizacija, mobilizacija į kapus (< ‚Gräber‘), grabizacija, karstizacija (< ‚Grab, Sarg‘), LADizacija, MOSK Vizacija (< LADA, MOSKWITSCH, d. h. Automarken)32. Um die Wörter Krieg und Mobilisierung zu vermeiden, wird in Russland eine ganze Reihe irreführender Euphemismen verwendet, um im Krieg in der Ukraine getötete Soldaten zu beschreiben: Погиб в качестве акта доброй воли в ходе выполнения заданий в рамках спецоперации (Er starb bei der Erfüllung eines Auftrags als Akt des guten Willens im Rahmen der Spezialoperation). Ein solcher Text auf einem Grabsteinfoto lässt Parallelen zu dem 1947 erschienenen Buch LTI – Notizbuch eines Philologen (LTI – Notizbuch eines Philologen) des deutschen Literaturwissenschaftlers, Schriftstellers und Politikers Victor Klemperer ziehen, in dem Schlussfolgerungen über die Sprache des Dritten Reiches präsentiert werden. Bei seiner Erörterung von Nachrufen auf „für den Führer und das Vaterland gefallene Soldaten“ verwies der Autor auf Ausdrucksweisen verschiedener Abstufungen – von Bewunderung bis hin zur Demonstration ideologischer Ablehnung. „Zum Ausdruck höchster Loyalität schrieb man: ‚Er fiel für seinen Führer‘ <...>, das Vaterland wurde nicht erwähnt. <...> Wenn jemand den Nationalsozialismus völlig ablehnte und seine Ablehnung, vielleicht sogar seinen Hass, zum Ausdruck bringen und zeigen wollte, zugleich aber nicht zur Opposition gezählt werden wollte, weil der Mut dafür nicht ausreichte, formulierte man die Traueranzeige etwa so: ‚Unser einziges Kind fiel für das Vaterland‘; der Führer wurde nicht erwähnt. <...> 31 Dieses Wort wurde ebenfalls in das Datenverzeichnis der Neologismen der litauischen Sprache aufgenommen, mit derselben Bedeutung wie mogilizacija und dem Hinweis, dass es sich um eine hybride Bildung, eine Lehnübersetzung, handelt (LKND). 32 Die letztgenannten Bezeichnungen gehen auf einen von ukrainischen Fernsehsendern ausgestrahlten Beitrag zurück: Die Eltern eines gefallenen russischen Soldaten kauften sich mit der für ihren getöteten Sohn erhaltenen Entschädigung sein Lieblingsauto, einen LADA, und fahren nun stolz mit ihm zum Grab ihres Sohnes. Die Witzbolde im sozialen Netzwerk Facebook entwickelten das Thema weiter: Das Wort Sohn ähnelt sich in verschiedenen Sprachen (ukr. син, poln. syn, engl. son), auf Russisch aber heißt es лада. DITE LIEPA, EVIJA LIPARTE. COVID-19 pandemija ir karas Ukrainoje: eufemizmų ir disfemizmų vartojimas viešajame diskurse latvių, lietuvių ir rusų kalbose 219 Die Anerkennung des Verlusts sollte keine Unruhe unter der örtlichen Bevölkerung schüren. In solchen Fällen lautete die stereotype Formel des Dritten Reiches: „Für sein tragisches Schicksal bezahlte er mit seinem Leben...“ (aus dem Lettischen übersetzt, siehe Klemperers 2004: 126–127). Russland setzt also auch in dieser Kriegssituation Lügen und Desinformation ein – sowohl wenn es über seine tatsächlichen Handlungen und Ziele spricht als auch über den Kriegsverlauf und die darin Getöteten. Andererseits hat der von Russland ausgelöste Krieg in den baltischen und anderen Sprachen den Gebrauch sogenannter sensibler Wörter (z. B. Besatzung, besetzen) wieder in den Vordergrund gerückt und die zuvor weitverbreitete Euphemisierung zurückgedrängt. Nach der Wiedererlangung ihrer Unabhängigkeit bemühten sich die baltischen Staaten, respektvolle Beziehungen zu ihrem großen Nachbarn aufzubauen und vergangenes Unrecht nicht zu thematisieren. So betont Līga Romāne-Kalniņa in ihrer Dissertation Construction and Representation of National Identity in the Speeches of the Presidents of the Baltic States: Corpus-Assisted Critical Discourse Analysis (lit. Konstruktion und Darstellung nationaler Identität in den Reden der Präsidenten der baltischen Staaten – eine korpusgestützte kritische Diskursanalyse), dass in den Reden der Präsidenten, insbesondere unmittelbar nach der Wiederherstellung der Unabhängigkeit der Länder im Jahr 1990, häufig Euphemismen verwendet wurden. Dabei stützte man sich auf eine gemeinsame politische Vergangenheit und vermied es, die negative Rolle der Sowjetunion und Russlands in der Geschichte der baltischen Staaten zu erwähnen (Romāne-Kalniņa 2022: 33). Euphemisierung und Beschwichtigung fanden sowohl auf staatlicher als auch auf gesellschaftlicher Ebene statt. Der Politologe A. Kudors analysiert die Ursachen und Folgen dieser politischen Korrektheit: Die Gründe für das Aufkommen politischer Korrektheit waren nicht immer böser Absicht geschuldet. In Europa leben wir dicht beieinander – anders als irgendwo in der Steppe. Wir sind alle auf engem Raum zusammen, und damit wir miteinander auskommen, versuchen wir, einander nicht zu verletzen. Leider sind wir nicht nur in Lettland, sondern in Europa insgesamt ins Extrem gegangen: Die Menschen hören auf, das auszusprechen, was sie denken. Es kommt zu Anbiederei und Heuchelei (Die Gründe für politische Korrektheit sind nicht immer schlecht. In Europa leben wir dicht beieinander – nicht irgendwo in der Steppe. Wir sind alle auf engem Raum zusammen, und damit wir miteinander auskommen, achten wir darauf, einander nicht zu verletzen. Leider sind wir nicht nur in Lettland, sondern in Europa insgesamt ins Extrem gegangen: Die Menschen hören auf, das auszusprechen, was sie denken. Es kommt zu Anbiederei und Heuchelei) (Kudors 2022). Līga Romāne-Kalniņa zufolge findet die Euphemisierung der Sprache in der Kommunikation mit Russland inzwischen nicht mehr statt: Die litauischen Präsidenten setzten nach der Wiederherstellung der Unabhängigkeit des Landes im Jahr 1990 große Hoffnungen in die neu aufkommende russische Demokratie, die eine Zusammenarbeit zwischen den Staaten ermöglichen sollte. Im Laufe der Jahre zerschlugen sich diese Hoffnungen jedoch, wie die durch vergleichende Analyse der [Präsidenten-]Reden festgestellten Veränderungen auf inhaltlicher, diskursiver und sprachlicher Ebene bestätigen (Romāne-Kalniņa 2022: 33). 220 BENDRINĖ KALBA | 95 3.2. Dysfemismen und Euphemismen zur Bezeichnung der Kriegsparteien Als universelle Dysfemismen gelten die Lexeme Faschisten und Nazis33. Letzteres Wort wird im offiziellen öffentlichen Diskurs Russlands besonders häufig verwendet und mit der bereits erwähnten Denazifizierung in Verbindung gebracht; dabei wird sogar erklärt, Denazifizierung bedeute Deukrainisierung. Nach der Bombardierung von Wohngebieten in Charkiw ironisierte J. Latynina: Кто погиб, тот нацист (Wer ums Leben kam, ist ein Nazi) (LatyninaTV 2022). A. Veisbergs schrieb Ende 2014 über die Ereignisse auf der Krim und ihre Darstellung in den Medien: „Die am häufigsten verwendeten Bezeichnungen sind Faschismus und Faschisten. Das Wort hat im Russischen schon lange eine stark negative Konnotation und zudem eine unklare Bedeutung – es wird für alles verwendet, was den Wünschen des Kremls zuwiderläuft, insbesondere wenn etwas als antirussisch wahrgenommen wird“ (Veisbergs 2014)34. Ukrainer und ihre Verbündeten bezeichnen die russischen Eindringlinge häufig nicht nur als Faschisten, sondern auch als Raschisten (ein Kontaminationswort, gebildet aus dem Staatsnamen R-ossija und dem Wort F-aschisten). In den offiziellen russischen Medien und auf Internetportalen werden Ukrainer und ihre Verbündeten häufig mit den Dysfemismen Faschisten, ukrainische Faschisten bezeichnet; außerdem werden die Ausdrücke passive Nazis und Nazi-Komplizen, Naziregime verwendet. Im Russischen begegnen die Bezeichnungen укронацики, секретные укро-фашистские лаборатории (geheime ukrofaschistische Labore). Hinzuzufügen ist, dass solche Lexik auch in den öffentlichen Diskurs anderer Sprachen Eingang findet – sie wird in Artikeln auf verschiedenen Internetportalen verwendet, z. B.: lit. ukrofašistai (alfa.lt), lett. ukrofašisti (delfi.lv, la.lv). Als Dysfemismen werden im öffentlichen Diskurs sowohl in Russland als auch in den seit 2014 von Russland besetzten ukrainischen Gebieten auch entstellte Bezeichnungen für die Ukraine oder ihre Einwohner verwendet, z. B. russ. Краина; укропы (das zweite Lexem stimmt graphisch und phonetisch mit der Bezeichnung für Dill überein). Das Wort укропас „russisch- 33 Beide Dysfemismen sowie daraus gebildete Komposita und Wortverbindungen wurden auch im Diskurs über die COVID-19-Pandemie verwendet, jedoch nur zur Bezeichnung einer Seite – der Personen, die den offiziellen Kurs der Staaten unterstützten, und der Regierungsvertreter. Lit. fašistai ir naciai („Faschisten und Nazis“) sind in einer der im Artikel erwähnten Listen enthalten, die R. Žiliukaitė zusammengestellt hat; im Lettischen sind folgende Beispiele belegt: covidfašistu banda („COVID-Faschistenbande“), „medicīniskā fašisma režīms („Regime des ‚medizinischen Faschismus‘“) u. a. 34 Ergänzend sei erwähnt, dass Putin schon lange vor der Annexion der Krim wegen seiner Ambitionen als Putler (<Put-in + Hit-ler) bezeichnet wurde und seine Anhänger in verschiedenen Sprachen nicht nur mit Dysfemismen wie Putinisten, Putinoiden u. Ä., sondern auch als Putleristen, Putleroide, Putlerfaschisten bezeichnet werden. Diese Bezeichnungen sind nach wie vor aktuell. Nutzer aus Litauen tauften im Frühjahr 2022 eine der in Russland tätigen Pionierorganisationen auf Facebook ihrerseits putinjugendu (in Anlehnung an hitlerjugendu). D I T E L I E P A, E V I J A L I P A R T Ė. Die COVID-19-Pandemie und der Krieg in der Ukraine: Gebrauch von Euphemismen und Dysfemismen im öffentlichen Diskurs im Lettischen, Litauischen und Russischen 221 Die in sozialen Medien verwendete abwertende Bezeichnung für einen Ukrainer, der sich an Westeuropa orientiert, wird auch in den litauischen Online-Medien gebraucht. Sie wurde als Lehnwort in das Wörterbuch der Neologismen der litauischen Sprache aufgenommen und als Jargonwort mit abwertender expressiver Konnotation klassifiziert (LKND). Das lettische Lexem ukropi wurde in Nachrichtenkommentaren im Internet und in sozialen Netzwerken gefunden. Noch schärfere Dysfemismen richten sich gegen Angehörige anderer Länder, die gemeinsam mit den Verteidigern der Ukraine kämpfen. So erklärt der analytische Dienst des Donbas (russ. Аналитическая служба Донбасса), die Ukrainer würden zur Abwehr des russischen Angriffs minderwertige Kräfte in den Kampf schicken – Georgier, Westukrainer und ähnlichen Abschaum (russ. Бросают именно те силы, которые им малоценны – грузин, западенцев и подобный мусор). Andererseits fehlt es in den öffentlichen Diskursen der Ukraine und anderer Länder neben direkten Bezeichnungen für die russische Armee wie russische Armee, Besatzerarmee, Besatzer, Besatzungstruppen, russische Besatzer ebenfalls nicht an gegen die Aggressorin gerichteten Dysfemismen. Dazu zählen entstellte Bezeichnungen für Russland, z. B. русня, oder Lexeme, die mit aggressiven, grausamen Wesen verbunden sind, z. B. Orks (russ. орки). Auf der Website der lettischen Gesellschaft für Fantasy und Science-Fiction (lett. Latvijas Fantāzijas un fantastikas biedrība) findet sich folgende übersetzte Erklärung des Begriffs Orks (lett. orki): Verschiedene ausdauernde, menschenähnliche kämpfende Wesen in Werken der Fantasy. <...> Orks werden meist als missgestaltete Menschen dargestellt, die zu Brutalität, Sadismus und auch Feigheit neigen <...>; sie sind körperlich stärker oder schwächer als Menschen, treten aber stets in großen Gruppen auf (Gustavsone 2022)35. In das Neologismen-Wörterbuch der litauischen Sprache wurde nicht nur das Lexem orkas ‚russischer Soldat – ein demoralisiert grausamer Aggressor im russischen Krieg gegen die Ukraine im Jahr 2022‘ aufgenommen, das aus dem englischen orc ‚Vertreter einer Fantasiewesenrasse, die sich in Werken der Fantasy-Literatur, insbesondere in J. R. R. Tolkiens Der Herr der Ringe, durch brutale Gewalt und geringe Intelligenz auszeichnet‘ stammt, sondern auch pejorative, expressive Kontaminationsbildungen mit dem Bestandteil ork-: orkupantas ‚demoralisierter grausamer Soldat der russischen Besatzungsarmee im Krieg in der Ukraine im Jahr 2022‘ (< ork-as +o-kupantas); orktarakonis ‚russischer Soldat – ein demoralisiert grausamer Aggressor im russischen Krieg gegen die Ukraine im Jahr 2022‘ (< ork-as + tarakon-as + Endung -is); Orkistanas ‚Land, in dem „Orks“ leben (d. h. Russland)‘ (LKND). Letzteres Wort wird in diesem Wörterbuch als Wort mit einer neu entlehnten Wurzel aufgeführt, mit dem Hinweis 35 Übersetzung aus dem Russischen vor dem Einmarsch Russlands in die Ukraine. 222 BENDRINĖ KALBA | 95 und Entsprechungen in anderen Sprachen: ukrainisch оккупант; russisch оккупант. Zwei weitere Lexeme wurden als Bildungen litauischen Ursprungs in den Korpus aufgenommen. Als eine die Reaktionen der Litauer widerspiegelnde Kriegsneuschöpfung bezeichnet auch Rita Urnėžiūtė (2022: 18) das Wort okupantai. Die von den Autorinnen dieses Artikels gesammelten Materialien aus anderen Sprachen zeigen jedoch, dass nur orktarakonis eine litauische Neubildung ist (im Korpus als „Einzelfall“ gekennzeichnet und in Internetquellen anderer Sprachen nicht gefunden), während die beiden anderen Wörter wahrscheinlich aus dem Russischen übernommen wurden, vgl.: russisch ОРКУпанты / оккупанты, lettisch okupanti; lettisch Jūs arī orkistānas propagandas upuris? (Sind auch Sie ein Opfer der orkistanischen Propaganda?). Eine andere euphemistische Bezeichnung für Russland, die einem fantastischen Werk entnommen wurde und bereits 2015 aufkam, ist Mordoras (lettisch Mordora, russisch Мордор) – ein Land, das das Böse verkörpert. Die lettischen Medien schrieben: In den ersten Märztagen brachte eine große Menschenmenge im von der russischen Armee besetzten Melitopol ihre Haltung gegenüber den „plündernden Orks“ zum Ausdruck. Später im selben Monat versprach der ukrainische Verteidigungsminister in einer offiziellen Rede, die ukrainischen Soldaten würden „Mordors Angriff standhalten“ (Lelū 2022). Die Redewendung ist anschaulich, und zu ihrer Entstehung wurde eine Anspielung auf das bereits erwähnte Werk von J. R. R. Tolkien, Der Herr der Ringe, verwendet: Ob in den Reden ukrainischer Amtsträger, in Pressepublikationen oder auf sozialen Plattformen – dieser Vergleich begegnet einem auf Schritt und Tritt: Die friedliche Ukraine, die dem im „Herrn der Ringe“ beschriebenen Auenland ähnelt, verteidigt sich gegen das reine Böse, Mordors gegen die russische Armee, die einer Horde gleicht und von Moskau aus von einem Sauron Ebenbild Wladimir Putin angeführt wird (Ob es sich um die Reden ukrainischer Amtsträger, Pressepublikationen oder soziale Plattformen handelt – dieser Vergleich begegnet einem auf Schritt und Tritt: Die friedliche Ukraine, die dem im Herrn der Ringe beschriebenen Auenland ähnelt, verteidigt sich gegen das reine Böse, gegen die einer Horde Mordors gleichende russische Armee, die von Moskau aus von Saurons Ebenbild Wladimir Putin angeführt wird) (Lelū 2022). Während der COVID-19-Pandemie weckten in Lettland ungewöhnliche Bezeichnungen für neue Realitäten (siehe oben) Assoziationen mit der Figur Voldemort aus den Romanen von J. K. Rowling, dessen Name nicht genannt werden darf; der Kriegskontext hat in vielen Ländern die Vorstellung verstärkt, Voldemort sei eine konkrete Person als Verkörperung des Bösen. Dies wird in einem Artikel des litauischen Philosophen Aldis Gedutis darüber deutlich, wie Verschwörungstheorien entstehen: Offensichtlich kümmert sich das Avatar des heutigen Voldemorts nicht um die Muggel in der Ukraine, in Afrika und erst recht nicht in Russland oder anderswo auf der Welt. Ja, Voldemort ist zurückgekehrt und hat sich bei unserem östlichen Nachbarn niedergelassen, und sein Deckname lautet Wladimir (Gedutis 2022). D I T E L I E P A, E V I J A L I P A R T E. Die COVID-19-Pandemie und der Krieg in der Ukraine: Gebrauch von Euphemismen und Dysphemismen im öffentlichen Diskurs in den lettischen, litauischen und russischen Sprachen 223 Die ukrainischen Soldaten an der Front teilten die mobilisierten russischen Kämpfer in zwei Gruppen ein – Mobiki und Čmobiki36. Beim Euphemismus čmobikai (lett. čmobiki, russ. чмобики) entspricht der erste Buchstabe č (ч) dem Anfangsbuchstaben des russischen Wortes частично ‚teilweise‘; mit diesem Euphemismus werden diejenigen bezeichnet, die im Rahmen der Teilmobilmachung zum Kriegsdienst einberufen werden. Auch I. Smetonienė und D. Daučiūnaitė (2014: 127–128) haben über den Ersatz des Wortes kariai durch andere Wörter als politische Euphemisierung geschrieben. Das Wort чмобики lässt sich jedoch auch anders interpretieren – als pejorative Ableitung vom russischen Wort чмо37. Im Vergleich zu den groben Dysphemismen, mit denen sich die beiden Kriegsparteien gegenseitig bezeichnen, wirken die allgemein bekannten Begriffe schlicht – die Euphemismen Gute und Böse, die eine binäre Opposition markieren und die einer der vier Initiatoren der in Lettland laufenden Aktion Tvitera konvojs, der PR-Berater Reinis Pozņaks, in seinem Twitter-Konto verwendet hat: Unermüdliche Autobahn-Löwen melden, dass der Tvitera-Konvoi mit 21 Fahrzeugen über die Grenze gebracht und den Guten übergeben wurde, damit sie den Bösen ordentlich einzuheizen. Ehre der Ukraine! (Unermüdliche Autobahn-Löwen melden, dass der Twitter-Konvoi mit 21 Einheiten über die Grenze gebracht und den Guten übergeben wurde, damit sie den Bösen das Fell über die Ohren ziehen. Ehre der Ukraine! (ir.lv). ZUSAMMENFASSUNG Die Pandemie, die 2020 die Welt erschütterte, spaltete die Gesellschaft danach, wie die Menschen zum Virus und später zur Impfung gegen das Virus standen. Wegen der Pandemie wurde mehrmals der Ausnahmezustand verhängt, der in Litauen karantinu und in Lettland „Zu-Hause-Sitzen“ (māj sēde; wobei zeitweise auch eine Ausgangssperre galt) genannt wurde. Er war mit Bewegungseinschränkungen verbunden, was bei einem großen Teil der Gesellschaft erheblichen Unmut auslöste. Im Zuge der Impfkampagne spaltete sich die Gesellschaft noch deutlicher in zwei unversöhnliche Lager: Befürworter und Gegner der Impfung. Zur Bezeichnung neuer Gegebenheiten und zur Beschreibung entstandener Situationen 36 Diese Bezeichnungen erläuterte der Hauptmann der lettischen Nationalen Streitkräfte Jānis Slaidiņš in einer Sondersendung des kommerziellen Medienunternehmens TV24 über den von Russland ausgelösten Krieg: „Mobiki sind diejenigen, die in Luhansk und Donezk als reguläre Truppen im Einsatz sind, und Čmobiki sind diejenigen, die jetzt einberufen werden“ (Slaidiņš 2022). 37 Plg. latvių žargonybę – disfemizmą čmo ‘purvinas žmogus, kuris landžioja po sąvartynus’ (Tēzaurs). Į Lietuvių kalbos naujažodžių duomenyną įtrauktas ir kontaminacinis darinys čmobilizacija ‘Rusijoje karo su Ukraina metu paskelbta dalinė mobilizacija, per kurią kariauti imami tam nepasirengę ir moralumu nepasižymintys vyrai’ su kilmės nuoroda: „rusų, чмобилизация < частичная мобилизация ‘dalinė mobilizacija’; plg. чмо žarg. ‘fiziškai ir morališkai smukęs žmogus, „mėšlas“’“ (LKND). Dar plg. R. Urnėžiūtės (2022: 18) publikaciją apie Facebook naudotojų lietuvių mėginimus versti ironiškus ukrainietiškus ar rusiškus dūrinius, tarp jų rus. бом̄жгвардия – versta vargėtar mija. 224 BENDRINĖ KALBA | 95 Es wurden neue Wörter gebildet; außerdem nahm die emotionale Ausdruckskraft der Sprache zu, ebenso die verbale Aggression, die sich häufig in verschiedenen – sowohl traditionellen als auch situationsbedingten – Dysphemismen äußerte. So führte die Pandemie zu einer verstärkten Verwendung aggressiver Lexik (einschließlich Vulgarismen und anderer Dysphemismen), zu gegenseitigen Beleidigungen und zu Äußerungen innerer Kränkung angesichts der Handlungen oder Aussagen bestimmter Bevölkerungsgruppen und/oder der Regierung, die entsprechende Einschränkungen eingeführt hatte. Auch der von Russland ausgelöste Krieg in der Ukraine verstärkte den Gebrauch von Euphemismen und insbesondere von politischen Dysphemismen, die lange im passiven Wortschatz verblieben waren. „Euphemismen und Dysphemismen sind zwei gegensätzliche sprachliche Mittel, die politische Regime aktiv als wirksame Waffe einsetzten, um Menschen und Weltanschauungen in die Eigenen und die Feinde einzuteilen. Totalitäre Systeme können diese Prozesse sehr effizient organisieren, indem sie die Kommunikationsmittel kontrollieren und ein monolithisches System des Sprachgebrauchs formen“ (Veisbergs 2002: 70). Wie die in diesem Artikel betrachteten Beispiele aus drei Sprachen belegen, gilt diese vor 20 Jahren gezogene Schlussfolgerung auch für die Beschreibung der heutigen Situation (insbesondere des Krieges in der Ukraine). Das empirische Material zeigt, dass eine Seite bemüht ist, die Dinge beim Namen zu nennen und dabei auch Dysphemismen nicht zu vermeiden, während die andere dies selektiv tut, Lügen und Desinformation einsetzt und Euphemismen wie Dysphemismen reichlich verwendet; zu Kriegsbeginn versuchte sie, alle zu deren Verwendung zu zwingen. In der demokratischen Welt, auch in der Ukraine, wird jedoch der offizielle euphemistische Sprachstil Russlands verspottet, sodass neue Euphemismen und Dysphemismen entstehen. Unter den Bedingungen physischer Aggression setzen beide Seiten auch verbale Aggression und Ironie ein. Der Gebrauch politischer Euphemismen und Dysphemismen nimmt also, insbesondere während des Krieges, nicht ab. Ein Vergleich der in diesem Artikel behandelten Euphemismen und Dysphemismen zeigt, dass einige von ihnen sowohl im Diskurs über die COVID-19-Pandemie als auch im Diskurs über den Krieg in der Ukraine vorkommen (z. B.: Voldemortas ‚jemand, den man nicht beim richtigen Namen zu nennen wagt‘; putinistai, putleristai, vatnikai ‚Konsumenten und Verbreiter russischer Propaganda‘). Nur im Diskurs über die COVID-19-Pandemie wurde kovidiotas als universelles Dysphemismus verwendet; es wurde weithin zur Bezeichnung jeder Person gebraucht, die sich während der Pandemie anders verhielt als die Person, die das Dysphemismus verwendete, sich verhielt oder dachte. Die dysphemistisch verwendeten Lexeme fašistai, nacistai sind nur im Diskurs über den Krieg in der Ukraine universell, da beide Kriegsparteien sie sowie ihre Ableitungen und Zusammensetzungen (z. B. ukrofašistai, nacistų režimas gegenüber fašistai, rašistai) gegenseitig verwenden. Im Pandemiediskurs wurden Ableitungen und Zusammensetzungen mit diesen Lexemen (lett. covidfašistu banda) nur zur Beschreibung einer Seite verwendet – der Regierungsvertreter und der Personen, die den offiziellen Kurs der Staaten unterstützten. Die Untersuchung könnte ausgeweitet werden, indem auch andere öffentliche Diskurse einbezogen werden (z. B. Globalisierung, Wirtschaft, Wirtschaftssanktionen, das Handeln von Politikern, Natur DITE LIEPA, EVIJA LIPARTE. COVID-19 pandemija ir karas Ukrainoje: eufemizmų ir disfemizmų vartojimas viešajame diskurse latvių, lietuvių ir rusų kalbose 225 (Kataklysmen) in den hier untersuchten Sprachen. Dabei wird auch häufig Kriegsrhetorik verwendet (z. B. Begriffe wie Feind, Schlachten und Waffen), und es finden sich zahlreiche Euphemismen und Dysphemismen. QUELLEN38 Beinerte Vija 2021: Vija Beinerte: Kur ir risks, jābūt izvēlei. Prieiga internete: https://nra.lv/viedokli/vija-beinerte/364035-vija-beinerte-kur-ir-risks-jabut-izvelei.htm. BLKŽ – Wörterbuch der litauischen Standardsprache (in Vorbereitung), Chefredakteurin D. Liutkevičienė, Vilnius: Institut für Litauische Sprache. Online verfügbar: https://ekalba.lt/bendrines-lietuviu-kalbos-zodynas. 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Online verfügbar: https://ekalba.lt/naujazodziai/ 38 Neben den hier aufgeführten Quellen wurden auch Texte oder Kommentare dazu herangezogen, die auf Online-Portalen veröffentlicht wurden (delfi.lv, jauns.lv, tvnet.lv, ir.lv, apollo.lv, nra.lv, la.lv, lsm.lv, satori.lv, puaro.lv, pietiek.com, lrt.lt, alfa.lt, lrytas.lt, 15min.lt, bernardinai.lt, diena.lt, asd.news, glasnaya.media, unian.net u. a.), Beiträge in sozialen Netzwerken (Facebook, Twitter, YouTube, Draugiem.lv, fb.ru) sowie in Internetforen (Abschnitt delfi.lv Cālis, Foren www.celakaja.lv/forumi, iauto.lv/forums, www.bmwpower.lv/forum, traders.lt). 226 BENDRINĖ KALBA | 95 Puaro 2022: Putins pielīdzina sevi Krievijas caram Pēterim I, iebrukumu suverēnā valstī – teritoriju „paņemšanai atpakaļ“ nevis „atņemšanai“. Prieiga internete: https://puaro.lv/kars/putins-pielidzina-sevi-krievijas-caram-peterim-i-iebrukumu-suverena-valsti-teritoriju-panemsanai-atpakal-nevis-atnemsanai. 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These global events of the past three years have affected the way we use language as well: a democratic society needs to talk about what is happening and have everything explained and be informed about it; besides, language has responded to these developments rather vigorously. The pandemic has divided the society in two based on how the people approach the virus: its believers and its deniers. With the advent of vaccines the society split even further into two irreconcilable camps: those who supported the vaccines and those who were against them. Language saw an influx of new words, emotional expressiveness and verbal aggression were on a rise, and two polar linguistic tools, euphemisms and dysphemisms, were being used to describe the opposing factions. The COVID pandemic was not over yet when, in February of 2022, the world was shaken by yet another tragedy as Russia invaded Ukraine. The brutality of the war and the fierce resistance on the part of the Ukrainians triggered the use of euphemisms, and politically tinted dysphemisms in particular, which had existed at the passive level of the vocabulary for a long time (following the collapse of the USSR and the restoration of independence in Latvia and in Lithuania). The empirical material of this article shows that one side tries to call a spade a spade without avoiding the use of various dysphemisms, while the other does it selectively, using lies and misinformation, using both euphemisms and dysphemisms in great abundance, attempting to force everyone to use them at the be- 230 BENDRINĖ KALBA | 95 ginning of the war. However, in the democratic world, as well as in Ukraine, Russia‘s official euphemistic style of speech has been met with ridicule, leading to the creation of new euphemisms and dysphemisms. During situations of physical aggression, both sides also use verbal aggression and irony. Thus, the usage of political euphemisms and dysphemisms will not see any sort of decline, especially in a state of war. The euphemisms and dysphemisms featured in the article are used to designate said events – the pandemic and the war in Ukraine – in the Latvian, Lithuanian, and Russian languages. A juxtaposition of the specific euphemisms and dysphemisms has established that some of them are common in both discourses: that of the pandemic and of the war (for example, Voldemort: ‘something that others are afraid to call by its real name’, putinistai // putleristai // vatnikai: ‘users and disseminators of Russian propaganda’). Only with the discourse of COVID-19, the universal dysphemism is covidiot, which is widely used to describe any person who, during the pandemic, behaves differently than the person using this dysphemism acts or thinks. However, used dysphemically, lexemes fascists, Nazis are considered universal only in the discourse of the war in Ukraine, because the two warring sides apply them and derivatives and compounds thereof (e.g., Ukrofas-cists, Nazi regime vs. Fascists, ruscists) with reference to one another. In the discourse of the pandemic, derivatives and compounds with these lexemes (e.g. Latvian covidfāsistu banda ‘covid-fascist gang’) were applied only to government representatives and persons supporting the official line of the state (the alleged ‘dictatorship’). Various new words (situational dysphemisms) have also been created to describe the realities of both the pandemic and the war in Ukraine. A comparison of material from the three languages highlights both the universal nature of the reviewed language phenomena, and the possibility of their adoption. KEYWORDS: euphemisms, dysphemisms, COVID-19 pandemic, war, public discourse. DITE LIEPA LU Latviešu valodas institūts, Rīga, Kalpaka bulvāris 4, LV-1050, Latvija [email protected] Rīgas Stradiņa universitāte Rīga, Dzirciema iela 16, C korp. 1B kab., LV-1007, Latvija [email protected] EVIJA LIPARTE [email protected] DITE LIEPA, EVIJA LIPARTE. COVID-19 pandēmija ir karas Ukrainoje: eufemizmų ir disfemizmų vartojimas viešajame diskurse latvių, lietuvių ir rusų kalbose 231 DITĖ LIEPA, EVIJA LIPARTE COVID-19 PANDEMIJA IR KARAS UKRAINOJE: EUFEMIZMŲ IR DISFEMIZMŲ VARTOJIMAS VIEŠAJAME DISKURSE LATVIŲ, LIETUVIŲ IR RUSŲ KALBOSE Santrauka XXI a. trečiasis dešimtmetis yra prasidėjęs naujais išbandymais žmonijai – COVID-19 pandemija ir Rusijos sukeltu karu Ukrainoje. Šie pastarųjų trejų metų globalinio masto įvykiai paveikė ir kalbos vartojimą: demokratinėje visuomenėje apie tai, kas vyksta, reikia kalbėti, aiškinti ir informuoti, be to, kalba į šiuos įvykius aktyviai reaguoja. Pandemija visuomenę suskaldė pagal žmonių požiūrį į virusą: jo šalininkus ir neigėjus. Prasidėjus vakcinavimui, visuomenė dar akivaizdžiau pasidalijo į dvi nesutaikinamas stovyklas: vakcinų palaikytojus ir neigėjus. Kalboje radosi naujų žodžių, didėjo emocinis ekspresyvumas ir žodinė agresija, o apibūdinant priešingas puses būdavo plačiai vartojamos dvi poliariškos kalbos priemonės – eufemizmai ir disfemizmai. Kovido pandemijai nepasibaigus, pasaulį sukrėtė kita tragedija – Rusijos įsiveržimas į Ukrainą. Brutalus karas ir ukrainiečių įnirtingas priešinimasis suaktyvino eufemizmų ir ypač – politinių disfemizmų vartojimą. Pastarieji ilgai (po SSRS žlugimo ir nepriklausomybės atkūrimo Latvijoje ir Lietuvoje) buvo leksikos pasyviajame sluoksnyje. Straipsnio empirinė medžiaga rodo, kad viena pusė stengiasi dalykus vadinti tikraisiais vardais, nevengdama ir įvairių disfemizmų, o kita tai daro selektyviai, naudodama melą ir dezinformaciją, gausiai vartodama ir eufemizmus, ir disfemizmus, karo pradžioje bandžiusi visus priversti juos vartoti. Tačiau demokratiniame pasaulyje, taip pat Ukrainoje, iš Rusijos oficialiojo eufemistiinio kalbos stiliaus šaipomasi, tad gimsta nauji eufemizmai ir disfemizmai. Fizinės agresijos aplinkybėmis abi pusės taiko ir žodinę agresiją, ir ironiją. Taigi, politinių eufemizmų ir disfemizmų vartojimas, ypač karo sąlygomis, nemažės. Į straipsnį įtraukti eufemizmai ir disfemizmai įvardija minėtus įvykius – pandemiją ir karą Ukrainoje – latvių, lietuvių ir rusų kalbomis. Gretinant konkrečius eufemizmus ir disfemizmus, konstatuota, kad kai kurie iš jų yra bendri abiejų – ir pandemijos, ir karo diskursuose (pvz.: Voldemortas ‘kažkas, ko bijoma vadinti tikruoju vardu’; putinistai, putleristai, vatnikai ‘Rusijos propagandos vartotojai ir skleidėjai’). Tik COVID-19 diskurse universalus yra disfemizmas kovidiotas, plačiai taikytas apibūdinti bet kuriam asmeniui, pandemijos metu besielgiančiam kitaip, nei elgiasi ar galvoja disfemizmą vartojantis žmogus. Disfemiškai vartojamos leksemos fašistai, nacistai laikomos universaliomis tik karo Ukrainoje 232 BENDRINĖ KALBA | 95 diskurse, nes jas bei vedinius ir junginius su jomis (pvz.: ukrofašistai, nacistų režimas vs. fašistai, rašistai) viena kitai taiko abi kariaujančios pusės. Pandemijos diskurse vediniai ir junginiai su šiomis leksemomis (pvz., latv. covidfašistu banda) būdavo skiriami tik valdžios atstovams ir valstybių oficialų kursą (atseit, diktatūrą) palaikantiems asmenims pavadinti. Ir pandemijos, ir karo Ukrainoje realijoms pavadinti sukurta ir įvairių naujadarų (situacinių disfemizmų). Palyginus trijų kalbų medžiagą, išryškėja tiek apžvelgiamų kalbos reiškinių universalumas, tiek jų perėmimo galimybė. ESMINIAI ŽODŽIAI: eufemizmai, disfemizmai, COVID-19 pandemija, karas, viešasis diskursas. DITE LIEPA LU Latviešu valodas institūts, Rīga, Kalpaka bulvāris 4, LV-1050, Latvija [email protected] Rīgas Stradiņa universitāte, Rīga, Dzirciema iela 16, C korp. 1B kab., LV-1007, Latvija [email protected] EVIJA LIPARTE [email protected] DITE LIEPA, EVIJA LIPARTE. COVID-19 pandemija ir karas Ukrainoje: eufemizmų ir disfemizmų vartojimas viešajame diskurse latvių, lietuvių ir rusų kalbose 233