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Балтийская гидронимия Верхнего Поднепровья

В. Н. Топоров; О. Н. Трубачев

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LIETUVIŲ KALBOTYROS KLAUSIMAI, IV LIETUVOS TSR MOKSLŲ AKADEMIJA BALTISCHE HYDRONYMIE DES OBEREN DNJEPRGEBIETS W. N. TOPOROW, O. N. TRUBATSCHOW Der vorliegende Artikel fasst die wichtigsten Schlussfolgerungen zur baltischen Hydronymie im Becken des oberen Dnepr zusammen, zu denen wir in der vor Kurzem abgeschlossenen umfangreichen Monografie „Linguistische Analyse der Hydronyme des oberen Dneprgebiets“ gelangt sind. In dieser Untersuchung wurde neben einer ausführlichen Analyse der slawischen, iranischen und finnischen Elemente der Hydronymie des oberen Dnepr besonderes Augenmerk auf die Spuren eines baltischen ethnischen Elements gelegt, insofern sie sich in Gewässernamen widerspiegeln. Die Hauptaufgaben in diesem Teil der Arbeit bestanden in einer möglichst vollständigen Sammlung baltischer Hydronyme in diesem Gebiet, in der Bestimmung der Grenzen der Verbreitung der Balten im Dneprgebiet und ihrer wichtigsten Siedlungszentren, in der Beschreibung der Wortbildungstypen der baltischen Hydronymie des oberen Dnepr und schließlich in dem Versuch einer vorläufigen dialektalen Stratigrafie des baltischen Elements in diesen Gebieten. Was die zuerst genannte Aufgabe betrifft, so ist ihre Lösung im etymologischen Wörterbuch der baltischen Hydronymie des Dneprgebiets dargestellt, das wegen seines großen Umfangs hier nicht wiedergegeben werden kann. Daher müssen wir uns auf einzelne Auszüge beschränken. Aus unserer Sicht zählt die Bestimmung der südöstlichen Grenze baltischer Namen im Dneprgebiet zu den wichtigsten Ergebnissen. Zweifellos ist sie viel weiter südöstlich anzusetzen als bisher, nämlich im Becken der Seim. Dafür sprechen erstens die Tatsachen unmittelbarer baltisch-iranischer Sprachkontakte im Seimbecken und zweitens das Vorkommen von mindestens zwei Dutzend baltischen Flussnamen an der Seim. Die baltisch-iranischen Kontakte, die in allgemeinerer Form durch eine Reihe bemerkenswerter baltisch-iranischer lexikalischer Parallelen gestützt werden, die erst ganz kürzlich festgestellt wurden (vgl. die Bezeichnungen einer ganzen Reihe landwirtschaftlicher Erzeugnisse usw.), lassen sich auch an einigen sehr konkreten hydronymischen Beispielen erkennen. Eines der überzeugendsten ist der Name eines Flusses im Seimbecken Ропши (von einem iranischen Wort für „Fuchs“), der nicht nur durch das slawische Hydronym Лисичка, sondern auch durch den Namen Лопанка (Nebenfluss der Ropschi) nachgebildet wird, der von einer baltischen Wurzel mit der Bedeutung „Fuchs“ gebildet ist. 195 In diesem Zusammenhang ist der einzigartige Fall einer Nachbildung innerhalb eines einzigen Wortes erwähnenswert: die iranisch-slawische Mischbildung Хартислова (wobei der erste Teil iran. har „fließen“ enthält und der zweite slaw. slov- mit derselben Bedeutung widerspiegelt) hat ein baltisch-slawisches Dublett Серцысловка (dessen erster Teil aus *Serti- stammt und bestimmte baltische Merkmale aufweist; vgl. lit. Sartai usw., Сертея im Becken der Beresina u. a.). Schließlich setzt sogar der iranischen Ursprungs entstammende Flussname Свапа (aus *xvār- „gutes Wasser“, vgl. in der Nachbarschaft Доброводка) hinsichtlich seines anlautenden s die Beteiligung eines baltischen Sprachelements voraus (andernfalls wäre *Хвана zu erwarten). Andererseits wird die unbestreitbare Präsenz der Balten an der Seim durch eine ganze Häufung baltischer Hydronyme am rechten Ufer dieses Flusses bestätigt: Обеста, вар. Абеста, Обста (vgl. lit. Abista), Клевень (vgl. lit. Klevinas), Кубрь, вар. Кубарь, Куберь (vgl. lit. Kaubri, Kavbre. Sprogis), Вопка (vgl. Вопь, aus balt. ирёlare „Fluss“), Лекта (vgl. pr. Likutte), Вабля (vgl. pr. Wobel, lit. Vabalė; Вабаля, Воболя. Sprogis), Молч (vgl. Молча im Becken der Beresina, Милча im Becken des Sož; pr. Miluke, lit. Mिलkutis, Milčius), Ратень, вар. Ратень (vgl. lit. Rotenis, pr. Roteniten) u. a. Bemerkenswert ist, dass links der Seim nur zwei baltische Hydronyme gefunden wurden: Мороча, вар. Мароча (vgl. lit. Merkys) und Рехта (siehe unten). Eine solche Verteilung baltischer Namen erlaubt es, die Seim als eine Art Grenze der Verbreitung der Balten im Südosten zu betrachten, die sie in südlicher Richtung nicht überschritten. Wenn die Balten in diesem Gebiet Nachbarn der Iraner waren, die hier möglicherweise eine ältere ethnische Schicht repräsentieren, so bildeten die Balten in den übrigen Teilen des Beckens des oberen Dnepr zweifellos seit der fernsten durch linguistische Untersuchungen erschließbaren Vorzeit den wichtigsten ethnischen Bestandteil. Die weiter unten angeführte Gruppierung baltischer Hydronyme an der Seim setzt eine recht große Häufung entsprechender Namen im Desnabecken fort. Was die Randgebiete der Verbreitung baltischer Hydronymie betrifft, ist vor allem der Unterlauf der Desna von ihrer Einmündung in die Seim bis zur Mündung zu nennen. Für dieses Gebiet wurde als baltisches Hydronym lediglich der Name Верепето/Верепата angeführt (vgl. lit. ver- pelas „Wasserstrudel“). Dennoch gibt es hier sehr viel mehr, auch wenn nicht alle Beispiele gleichermaßen überzeugend sind: Мордосы (an der Mündung der Desna; vgl. lit. Mardosai, Dorfname), Тутва (vgl. lit. Tytuva), Жевень, вар. Жеведь (vgl. lit. Žiaunė, von žiauna „Kiefer“), Шмородовка (vgl. lit. Smurgainė), Рехта, Мена, Сперия, Вербца, Силенка, Салова, Кокес u. a. Schon in früheren Arbeiten zur Untersuchung baltischer Spuren in der Hydronymie heute slawischer Gebiete setzte sich die Auffassung durch, dass die Prypjat die Südgrenze der Verbreitung baltischer Namen bildet. Jedenfalls haben Kotschubinski, Pogodin und Bugge eine Reihe entsprechender Beispiele angeführt, wobei Bugge einen Teil davon mit den Jatwingern verband (Namen auf -да an der Prypjat und am Westlichen Bug). Dennoch das Becken 196 Die Prypjat wurde bislang nicht als Gebiet mit einer sehr großen Ansammlung baltischer Hydronyme betrachtet. Gegenwärtig lassen sich mindestens fünfzig Namen baltischer Herkunft am linken Ufer der Prypjat anführen. Dies dürfte ausreichen, um zu behaupten, dass die Hydronymie nördlich der Prypjat deutliche Spuren baltischer Herkunft aufweist. Im Gegensatz zu den Gebieten am Seim und an der unteren Desna, wo baltische Beispiele in der Minderheit und jedenfalls nur sporadisch auftreten, bildet die baltische Hydronymie am linken Ufer der Prypjat die Hauptschicht. Hierzu gehören Морочь (siehe oben), Мажа (vgl. lit. Maž-upē), Нача, Variante Начь (vgl. pruß. Notis, lit. Notija, Nočia u. a.), Ненаць (siehe Нача), Бержица (aus balt. berḡ- ‚Birke‘, vgl. Beržūona), Мытвица (vgl. lit. Mituva, lett. Mitava), Оражня, Variante Орижня (vgl. pruß. Aryngine), Освица (vgl. lit. Ašva), Нертка (vgl. lit. Нерята. Спрогис), Шальбенка, Variante Шолбенка (aus balt. *Skalb-/*Skelb-), Плиса (vgl. lit. Plisa), Морожа (vgl. lit. Margis), Уча (vgl. lit. Ančia), Цна (vgl. pruß. tusnan ‚still‘, Tuseine), Яселда, Пина, Пипин, Темра, Лань, Першница, Вессия, Variante Есейка, Сиволка, Variante Сивельга, Доколка, Дуполка, Шацка, Шанька, Яшна, Немегля, Какланка, Variante Оражня, Нератовка, Оресса, Снеролка, Язелица, Несла, Несетня, Тремля, Ковна, Наровля, Свериж u. a. Viele dieser Namen weisen recht eindeutige Entsprechungen in der Hydronymie der heutigen baltischen Gebiete auf. Zusammengenommen lassen all diese Tatsachen vermuten, dass das baltische ethnische Element in dieser Gegend noch recht lange fortbestand. Sehr interessant ist – zumal dies zuvor nicht erörtert wurde – das Vorkommen mehrerer Flussnamen mit offenbar baltischer Etymologie südlich der Prypjat. Dazu gehören in erster Linie die Namen Мытва; rechter Nebenfluss der Prypjat; Верпа, rechter Nebenfluss der Slawetschna; Чересса, rechter Nebenfluss der Dewoschina; Желонь, rechter Nebenfluss der Slawetschna; mit den Zuflüssen Прижолонок, Желонка; Желонь, rechter Nebenfluss der Sitowka. Isoliert betrachtet lassen sich diese Namen natürlich auch anders etymologisieren; im Gesamtkontext der Hydronyme, die nördlich an dieses Gebiet angrenzen, erscheint der Schluss auf baltischen Ursprung der genannten Hydronyme jedoch sehr wahrscheinlich, zumal sich eine Reihe von Namen auch in Gebieten wiederholt, in denen baltische Elemente unzweifelhaft sind (vgl. Желонь, Веренето, Мытвица nördlich der Prypjat). Übrigens wirkt das Vorkommen baltischer Elemente beiderseits der Prypjat nur unter der Voraussetzung fragwürdig, dass die Prypjat eine unüberwindliche Grenze bildete, wie in der Literatur gewöhnlich angenommen wird. Diese Auffassung bedarf unseres Erachtens gegenwärtig einer grundlegenden Korrektur. Neben den angeführten Beispielen liegen uns weitere Daten vor, die Zweifel an der isolierenden Rolle der Prypjat begründen. Es geht dabei vor allem um die Wiederkehr von Flussnamen nördlich und südlich der Prypjat. Dies gilt insbesondere für den Namen Случь, der beiderseits der Prypjat vorkommt, ganz zu schweigen von einigen weniger bedeutenden Hydronymen, die mitunter in leicht veränderter Form auftreten. Daher ist es nicht verwunderlich, dass südlich der Prypjat eine Reihe offenbar baltischer Hydronyme vorkommt, für die sich Entsprechungen finden lassen 197 nicht nur am linken Ufer der Prypjat, sondern auch in anderen Teilen des Oberen Dneprgebiets. Vgl. beispielsweise Сажелка, rechter Nebenfluss der Rodtscha, rechter Nebenfluss der Ubort, rechter Nebenfluss der Prypjat, sowie Сажелка (Kreis Jelna, Gouvernement Smolensk); Бастова, linker Nebenfluss der Uscha, rechter Nebenfluss der Prypjat; hierzu auch Bastowka, linker Nebenfluss der Uscha, vgl. Бостя; Вишка, rechter Nebenfluss der Ubort, rechter Nebenfluss der Prypjat, vgl. Виша, rechter Nebenfluss der Ipa, linker Nebenfluss der Prypjat (lit. Viesia); Свидовка, rechter Nebenfluss der Ubort, rechter Nebenfluss der Prypjat; hierzu auch Свидовец, ein See im Einzugsgebiet der Swidowka, vgl. Свида, Einzugsgebiet der Beresina, Свидня, Einzugsgebiet der Desna; Лоша, linker Nebenfluss der Tscherteń, linker Nebenfluss der Slawetschna, rechter Nebenfluss der Prypjat, vgl. Лоша, Einzugsgebiete des Sosch und der Desna, sowie einige weitere. Neben diesen Fällen sind vermutlich die baltischen Hydronyme südlich der Prypjat zu nennen, die gewöhnlich keine Entsprechungen in anderen Gebieten des Oberen Dneprgebiets haben: Сколодинка, rechter Nebenfluss der Prypjat, vgl. altpreuß. Skalden, Scolden, Skoldainiai; Родча, rechter Nebenfluss der Ubort, rechter Nebenfluss der Prypjat, Variante Радча, vgl. altpreuß. Rudicus; hierzu auch Рача, linker Nebenfluss der Grezli, linker Nebenfluss der Uscha, rechter Nebenfluss der Prypjat, Variante Радча); Виговка, linker Nebenfluss der Uscha, rechter Nebenfluss der Prypjat, vgl. lit. Vygala, ein Fluss, pruß. Wigal; Наровля, rechter Nebenfluss der Prypjat, Variante Наровлянка, vgl. poln. Narew, pruß. Narussa; Ситовка, rechter Nebenfluss der Prypjat, vgl. pruß. Seyte, ein Fluss, lit. Sietuva; Чолница, rechter Nebenfluss der Styr, rechter Nebenfluss der Prypjat; vgl. auch Чолна, Чолкна im Einzugsgebiet der Iput; Перега, rechter Nebenfluss der Ubort, rechter Nebenfluss der Prypjat; Зольня, linker Nebenfluss der Ubort, rechter Nebenfluss der Prypjat; hierzu auch Золонка u. a. Bemerkenswert ist, dass sich die baltischen hydronymischen Spuren im östlichen Teil des rechten Prypjatufers konzentrieren (entlang der Ubort, Slawetschna und Uscha), während wir sie im westlichen Teil (entlang der Horyn) nicht gefunden haben. Somit zwingen die angeführten Überlegungen dazu, die überkommene Auffassung von der Prypjat als baltisch-slawischer Wasserscheide (vgl. Buga) zu revidieren und zugleich den Charakter dieser südlichen Peripherie des baltischen hydronymischen Areals am Dnepr genauer zu bestimmen. Eines der bedeutenderen Gebiete mit einer Ansammlung baltischer Hydronyme im Oberen Dneprgebiet ist das Einzugsgebiet des Sosch. Bezeichnend ist, dass die Forscher lange Zeit die Präsenz baltischer Namen in diesem Gebiet für unmöglich hielten. Erst in den 1920er Jahren hielt Buga entgegen seiner früheren Auffassung einige baltische Flussnamen am Sosch für möglich. Auch Vasmer räumte die Möglichkeit mehrerer Namen baltischer Herkunft in diesem Gebiet ein. Aufgrund der Arbeiten dieser Wissenschaftler galten bis heute jedoch weniger als zehn Namen als baltisch: Волчеса, Четовка, Лямна, Крунка, Узны, Лучеса, Лыза, Чечера/Чечора. Eine vollständige Erfassung der Hydronymie dieses Gebiets zeigte, dass sich die angeführte Zahl von Hydronymen mindestens verfünfzehnfachen lässt (Varianten nicht mitgerechnet). Gleich vorweg sei festgehalten, dass die im Folgenden angeführte große Zahl von Namen den zuvor ermittelten hinsichtlich ihrer Belegbarkeit und der Entsprechungen in der Hydronymie der heutigen baltischen Gebiete nicht nachsteht. Bemerkenswert ist ferner die gleichmäßige Verteilung der baltischen Hydronymie über das gesamte Einzugsgebiet des Sosch, was unter anderem darauf hindeutet, dass die baltischen Siedlungen nicht an dessen Grenzen endeten, sondern weiter nach Osten reichten. Ohne hier eine vollständige Liste vorzulegen und ohne das zu wiederholen, 198 was bereits von früheren Forschern festgestellt wurde, seien solche Namen genannt wie Випенка, Упынька (aus balt. upė ‚Fluss‘), Натопа (aus balt. *Nat-up-/*Nat-ap-, vgl. lit. noterė, pruß. noatis ‚Brennnessel‘), Кротка (vgl. lit. Krauta, pruß. Kreutho, Kreuto), Ремистово (vgl. pruß. Ramestow), Гижинка, Гейшинка (vgl. pruß. Gezyelauken), Ворминка (pruß. Wormen), Рудея (aus balt. *Rudēja, vgl. lit. Rudė, Рудя. Спрогис, pruß. Rudenik, Ruditen u. a.), Жубр (vgl. lit. Жауберищки. Спрогис, pruß. žiauburys ‚erhöhte Stelle‘), Молинка (vgl. pruß. Moleyn, lit. Molupis,-ys, Молине. Спрогис u. a.), Очеса (aus balt. *Akesa, vgl. lit. Akele), Невежа (vgl. lit. Nevėžis), Колпита (Umformung eines baltischen Namens, vgl. pruß. Gulbiten), Воржанка (vgl. Вержа, lit. Viržuva), Габья (vgl. auch Габель, Гобенка, Гобень, Гобик, Гобеск, Гобья; lit. Gabinės, pruß. Gobayn, Gabelin oder aber lett. Gauja?), Надва (pruß. Nedwe), Реста (vgl. balt. Bezeichnung für eine Nuss; auch ein Vergleich mit lit. raistas ‚Sumpf‘, pruß. Raystopelk, Reisten ist möglich), Ректа/Рехта (möglicherweise aus balt. dial. *riekst->slaw. *rėkt->*rėxt-), Овчеса, Сапелка, Перенка, Пирянка, Лобжа, Удога, Лопца, Вопек, Шелбицы, Чолкна, Откильня, Челена, Вопрат, Опороть, Болдрыжа, Домша, Щолбня, Сельня, Селинка, Скверета, Дымалки, Сенжа, Ситинка, Недна, Навля, Лядужа, Калита, Дрогонка, Селенка, Бовша, Ждовница, Шума, Жадунка, Жадынь, Палуец, Полонка, Лобно, Беседь, Бася, Проня, Чавенка, Кошанка, Кошка, Рыбница, Дубречь, Касна, Саложа, Столеть, Столятка, Картель, Гариста, Бестевенка, Вепренка, Полна, Туросна (Тросна), Судинка, Гжунь, Слунь, Слунь-Мильча, Иволь u. a. Das Einzugsgebiet der Sosch stellt somit eines der bedeutendsten sowohl hinsichtlich der Zahl der Hydronyme als auch hinsichtlich der Dichte des baltischen Areals dar, das sich von den Quellgebieten der Ugra und der Oka, wo baltische Hydronymie wesentlich seltener vorkommt, bis zur unteren Desna erstreckt, wo die Zahl der baltischen Namen merklich abnimmt. Östlich des Sosch-Einzugsgebiets konzentriert sich die baltische Hydronymie im Einzugsgebiet der mittleren und oberen Desna. Bislang war baltische Hydronymie in dieser Region praktisch nicht nachgewiesen worden. Dennoch gibt es sie hier zweifellos (etwa hundert Namen), obwohl sie zahlenmäßig den baltischen Namen im Posozhje um mindestens ein Drittel nachsteht und zudem oft etymologisch weniger durchsichtig ist. Von den baltischen Namen des mittleren und oberen Desna-Gebiets sind zu nennen: Стрена, Variante Стряна (vgl. lit. Stirna, Stirnė), Стрянница (siehe Стряна), Болва (vgl. lett. Bolva, lit. Balvis, pruß. Balowe), Ведьга (vgl. Ведога, Ведуга, Удуга; lit. Vadaga, Vedega), Водоча (vgl. lit. Vadak(s)tis), Левень (vgl. lit. Lėvuo), Чечера (vgl. lit. Čičirys, lett. Ciecere), Кицета (vgl. pruß. Keikot), Вержейка (siehe Вержа), Локчь (pruß. Lukte, Lucten), Лопанка (vgl. pruß. Lopino, Lapraupen, lit. Lapinas, Lapainė, lett. Lapaina; siehe auch oben), Залятка (vgl. lit. žolėtas ‚grasbewachsen‘), Свидня (vgl. pruß. Swyden, Sweiden), Габья, Гобья, Гобеск (siehe oben), Локна (vgl. lett. Lukna, lit. Luknė, pruß. Löckeneyn), Лемница (vgl. lit. Liminac), Орля (vgl. pruß. Arle, lit. Орля. Спрогис), Неруса (vgl. pruß. Narussa), Дегна 199 (vgl. lett. Deguns, Deguni), Серияжа (vgl. pruß. Seringe), Стенева (vgl. pruß. Stenge, lit. Stangė-is), Крупела (vgl. pruß. Craupolythen, Kraupol-), Венера, Иночка, Улепка, Жеванка, Ледмен, Навля, Рамосуха, Вабля, Вара, Варя, Свеса, Накоть, Сельня, Полна, Variante Пальня, Устарь, Variante Тара, Ратча, Немда, Лития, Думча, Понемель, Шеверка. Ломна, Недна, Присмара, Присмарка, Бестань, Восавка, Турейка, Дамынка, Соложа, Неполобь, Перетесна, Локатен, Сморжиновка, Осова, Соля, Судость, Ломня, Рудомля, Лопузна, Лабезна, Березна, Туица, Стогоревка, Гольбросовка, Тросна, Улица, Ивот/Ивоть, Ветьма, Витемка, Берещанка, Несса u. a. Die Abnahme der baltischen Namen im Desna-Einzugsgebiet gegenüber dem Sosch-Einzugsgebiet sowie die Verringerung ihrer Zahl innerhalb des Desna-Einzugsgebiets von Westen nach Osten kann offenbar als Hinweis auf die Nähe der äußersten östlichen Grenzen der Verbreitung der baltischen Stämme gedeutet werden. Eine weitere Präzisierung ist jedoch nur durch die Untersuchung der Hydronymie am oberen Oka möglich. Westlich des Sosch-Einzugsgebiets (im Oberlauf des Dnepr) liegen Gebiete, in denen bereits früher zahlreiche Spuren baltischer Hydronymie festgestellt worden waren. Dennoch waren auch hier die Lücken beträchtlich. Die Zahl der bekannten baltischen Hydronyme im Oberlauf des Dnepr (bis zur Mündung der Sosch und ohne das Beresina-Einzugsgebiet) kann nun erheblich vergrößert werden. Zu den baltischen Namen in dieser Region können folgende Flussnamen gerechnet werden: Аболъна (vgl. lett. Abula, Abuls, Obole, Оболь, Оболянка im Einzugsgebiet der Westlichen Dwina), Стабна/Стабенка, Стабня (vgl. pruß. Stabingen, Stabynotilte), Корса (vgl. pruß. Corseen, Corslauken), Стябура/Стебула (vgl. lit. stimbras, lett. stiebps), Вопь (vgl. balt. upė/ape), Вопец (siehe Вопь u. a.), Осьма (vgl. lit. Ašmena), Колпитка (siehe Колпита), Матолка (vgl. pruß. Matulen u. a.), Скородка (vgl. lit. Skardupis, pruß. Scharde, Zkarde), Ведоса/Ведоса (vgl. lit. Bedoca. Спорис), Ворлинка/Ворлянка (vgl. lit. Valinis), Моржовка (vgl. lit. Murgenis), Лосьмина/Лосьмена, Лосьменка (vgl. lit. Lašmuo), Водва (vgl. lit. Vaduva), Орлея/Арлея (siehe Орлин), Дрягновка (vgl. lit. drėgnas, lett. dregns), Кидель (vgl. lit. Kidulis. Спорис, lett. Cidulupe), Неропля (aus balt. *Ner-upė/*Ner-apė), Сертея (vgl. lit. Sartė, Sartai u. a.), Вотря, Вотрица, Апелка, Клица, Четово, Ведоса/Ведуга, Искожа, Бостя, Обиша, Опisana, Ломна, Лемня, Лямна/Лемна, Лямница, Левна, Колонка, Деговка, Шеревенка, Жалобыка, Мерея/Мирея, Мерейка, Лабаровка, Агея, Запакулька/Сапакулька, Ломша, Болоновка, Свидера, Пересна, Добосна/Добысна, Бабич, Ректа, Рехта, Рекута, Рекотка, Рекотна, Ясейка, Политня, Свесовка, Плинки, Коляя, Бестенка, Бественка, Отческа, Елча, Варка, Гиценка, Балечука, Варсоха/Варсоха, Польна/Полня, Полна, Жагулина, Вязовенка/Дубровинка, Биржеевка, Польня, Дороготня, Сельня, Негра, Расна/Рясна, Клетка, Метелка, Залазенка, Зелезенка, Жиложка, Соля/Соль, Подсолок, Залазенка/Залазинка, Жерты/Жерти/Жердь, Ажовка, Молянка/Моленка/Молинка, Улица, Шедаловка, Гжолка/Гжелка, Вержа, Шаколовский, Смогоровка/Смогорянка, Морчанка, Надва, Надва/Наговный, Залазна, Смолка, Верчанка, Друть, Адров/Одров, Рудея/Радея, Борейшовка, Руз- 200 ka, Kureika/Koreika, Bebrja, Bobreika, Woltscheika, Neresno, Schupur, Jernewka, Beresinka, Beresenets, Beresina, Beresinka/Beresina, Iwatal/Iwota, Lupa/Lupogolowa, Sertsysłowka, Trosna, Madora/Maderka u. a. (insgesamt mindestens anderthalbhundert). Bemerkenswert ist, dass die Zahl der baltischen Hydronyme im Oberlauf des Dnepr relativ gesehen etwas geringer ist als am Sosch. Andererseits ist die Verteilung baltischer Namen im Gebiet des eigentlichen Oberlaufs des Dnepr etwas ungleichmäßig: Entlang des Dnepr bis zu seiner Wendung nach Süden gibt es vergleichsweise wenige, deutlich mehr dagegen am rechten Ufer in der Nachbarschaft des Einzugsgebiets der Beresina und weiter südlich, je näher man der Mündung des Sosch kommt. Die Echtheit der meisten oben angeführten baltischen Spuren in der Hydronymie dieser Region steht außer Zweifel. Es sei darauf hingewiesen, dass die baltischen Siedlungen offenbar nicht zu den peripheren gehörten. Östlich von ihnen setzen sich die baltischen Namen, wenn auch in erheblich geringerer Zahl, im Einzugsgebiet der Oka und der Moskwa (in deren Oberläufen) fort. Im Nordosten schließt sich an den Oberlauf des Dnepr eine kleine Zahl völlig gesicherter baltischer Namen am rechten Ufer der oberen Wolga an. In nördlicher Richtung geht die baltische Hydronymie des oberen Dneprgebiets in das Einzugsgebiet der Düna über. Interessanterweise finden sich in allen genannten Gebieten baltische Namen, die den im Oberlauf des Dnepr festgestellten entsprechen, zum Beispiel, Obischa — Obscha, Kidel — Zidel, Wop — Ula, Sertega — Serteika, Abolna — Oboljanka, Obol, Negra — Negrjanka u. a. Den größten Anteil weist die baltische Hydronymie des Einzugsgebiets der Beresina auf. Der relative Anteil solcher Namen ist hier so hoch und ihr baltischer Charakter so offensichtlich, dass der Gedanke an einen relativ späten Aufenthalt baltischer Bevölkerung in diesem Gebiet keinerlei Zweifel aufkommen lässt. Dies wird auch durch einige unmittelbare historische Zeugnisse bestätigt. Ebenso gesichert ist die ostbaltische Zugehörigkeit der Hydronymie der Beresina, die zahlreiche Verbindungen zur Hydronymie des heutigen Litauens und Lettlands aufweist. Insgesamt können folgende Fluss- und Seenamen des Einzugsgebiets der Beresina als baltisch gelten (da ihre Etymologie meist transparent ist, beschränken wir uns auf eine einfache Aufzählung der hierhergehörigen Hydronyme): Beresina, Beresanka, Bereschniza, Beresnjanka, Mjadziol, Mjadjeliza, Ponja, Warlynka, Moschaika, Nidalka, Serech, Manso, Manets, Mancha, Ossowina, Ossowa, Ossowka, Klewa, Kleziza, Ola, Natscha, Schortaika, Pelik, Plawija, Stawniza, Wjatscha, Wentscha, Grifka, B lotscha, Moltscha, Rinelka, Swed/Swida, Olsa, Neseta, Zitowka/Zitwa, Mjana, Moscha, Woscha, Wascha, Dij/Dyja, Wolma, Broscha, Dobrelina, Klupcha, Brutsch, Swislotsch, Mrai, Pjadynka, Plis(s)a, Mesreda, Zna, Isa, Scha/Zcha, Ussjasch/Ussjascha, Gaina/Goina, Wolodut, Rowa, Rawa, Pustometuschka, Sinjaja/Sin, Otschitscha, Pentriza, Nertschai/Nertschanka, Bobruika, Jantschanka, Solenka u. a. Somit übertrifft die Dichte der baltischen Hydronymie in diesem Einzugsgebiet alle bisher festgestellten Fälle (etwa 80 baltische Namen bei einer Gesamtzahl von etwa 300). 201 Die Ermittlung einer sehr großen Zahl baltischer Hydronyme im oberen Dneprgebiet (700–800 Namen) und die Untersuchung ihrer Verbreitung in diesem Gebiet, die eine geschlossene und insgesamt ziemlich gleichmäßige Verteilung baltischer Namen ohne besondere Lücken ergeben hat, zwingen uns zu einer Schlussfolgerung, zu der man zuvor auf der Grundlage einer geringen Zahl räumlich begrenzter Beispiele nicht gelangen konnte. Diese Schlussfolgerung lautet: Das Gebiet des oberen Dneprgebiets war im 1. Jahrtausend n. Chr. und in den ersten Jahrhunderten des 2. Jahrtausends von Stämmen baltischer Herkunft besiedelt; es kann keine Rede davon sein, diese über viele Jahrhunderte in solcher Zahl erhalten gebliebenen Namen mit der Annahme einzelner isolierter Kolonien von Kriegsgefangenen und späteren Zuwanderern zu erklären, wie einige Wissenschaftler geneigt waren anzunehmen. Besonders hervorzuheben ist der Gedanke, dass die baltische Bevölkerung des oberen Dneprgebiets in ihrer überwiegenden Mehrheit angesichts der Ausbreitung der Slawen in diesem Gebiet nicht nach Nordwesten abgewandert ist, sondern von ihnen allmählich assimiliert wurde. Offenbar wird erst unter dieser Annahme sowohl die Bewahrung einer so großen Zahl von Namen baltischer Herkunft als auch deren slawisierter phonologischer Gestalt verständlich; diese hatte Wissenschaftler in die Irre geführt, die bei der Ermittlung baltischer Spuren die Maßstäbe traditioneller baltoslawischer Lautentsprechungen anlegten, die hauptsächlich anhand des ursprünglich verwandten Wortschatzes gewonnen worden waren. Vor diesem Hintergrund gewinnt die Frage nach dem Beitrag der alten baltischen Bevölkerung zur Geschichte des oberen Dneprgebiets im weitesten Sinne besondere Bedeutung. Selbstverständlich kann diese Frage in diesem Artikel nicht geklärt werden. Bislang wurde die Frage nach baltischen Wortbildungstypen in der Hydronymie des oberen Dneprgebiets praktisch nicht gestellt. Die Forscher beschränkten sich auf die Suche nach neuen baltischen Lexemen und gingen offenbar davon aus, dass das Material für Schlussfolgerungen zur Wortbildung zu spärlich sei. Unsererseits halten wir die Behauptung für vertretbar, dass gerade die Wortbildungsanalyse die bedeutendsten Ergebnisse verspricht, unter anderem auch bei der Klärung jener Fragen, die sich allein auf der Grundlage lexikalischen Materials nur schwer beantworten lassen. Bei der Analyse der Wortbildungstypen der baltischen Hydronymie des Dneprgebiets gelangen wir zu dem Schluss, dass sich in ihnen in den wesentlichen Zügen die maßgeblichsten hydronymischen Formanten widerspiegeln, die aus Litauen, Lettland und dem ehemaligen Ostpreußen bekannt sind. Natürlich ist es am schwierigsten, jene hydronymischen Typen zu bestimmen, die in ihrer baltischen Form spezifischer Wortbildungsmerkmale entbehrten und im Prozess der Übernahme der betreffenden baltischen Hydronyme durch die slawische Bevölkerung ihre Eigenart endgültig verloren haben müssen. Die verbreiteten baltischen Wortbildungstypen auf -(a)s, -us, -a, die auch in der Hydronymie der baltischen Gebiete durchaus gebräuchlich sind, waren zweifellos auch in der baltischen Hydronymie des Dneprgebiets vertreten. Die Typen auf -as, us, charakte- 202 die baltische Wörter maskulinen Geschlechts repräsentieren, wurden entsprechend durch maskuline Bildungen im Slawischen wiedergegeben (-ъ und nach seinem Schwund — о, Nullflexion). Die Eindeutigkeit einer solchen phonologisch-morphologischen Substitution erklärt sich offenbar durch das Vorhandensein einer baltisch-slawischen Zweisprachigkeit zu einer bestimmten Zeit im oberen Dneprgebiet. Allerdings wäre die genannte Voraussetzung allein dafür nicht ausreichend gewesen. Offenbar spielte die von den Sprechern empfundene Nähe der miteinander in Kontakt stehenden Sprachen die entscheidende Rolle, insbesondere das annähernd gleiche Prinzip der Gegenüberstellung des maskulinen und des femininen Geschlechts, vgl. balt. -as (Mask.): -а (Fem.) = und slaw. -ъ (Mask.): -а (Fem.). Eine solche Entsprechung schuf die Voraussetzung für die nahezu automatische Überführung baltischer Hydronyme auf -as, -us in eine slawische Form auf -ъ. Bei einer solchen Überführung blieben sämtliche grammatischen Merkmale erhalten, was für beide Sprachen sehr wichtig war. Aus diesen Gründen ist das Fehlen von -as, -us sowohl in den hydronymischen Spuren im oberen Dneprgebiet als auch in den baltischen Entlehnungen (Appellativa) in russischen und belarussischen Dialekten verständlich. Noch verständlicher ist das Fehlen eines eigenständigen baltischen hydronymischen Typs auf -а in den baltischen Gewässernamen im Dneprgebiet. Er hätte vollständig mit dem entsprechenden slawischen Typ mit derselben Kennzeichnung des Femininums -а zusammenfallen müssen. Die vollständige Auflösung des baltischen hydronymischen Typs auf -а in einem solchen slawischen Typ wurde dadurch erleichtert, dass diese Bildungen sowohl im Slawischen als auch im Baltischen in der Hydronymie ungefähr gleich gebräuchlich sind, da sie jeweils mit femininen Wörtern verbunden sind — russ. «Fluss», balt. upė/ape. Das Fehlen baltischer hydronymischer Typen auf -as, -us, -а im oberen Dneprgebiet bedeutet daher nicht, dass es sie dort früher nicht gegeben hätte. Im Gegenteil: Ihre frühere Existenz dort ist unzweifelhaft, wovon man sich bei der etymologischen Analyse nichtabgeleiteter hydronymischer Stämme baltischen Ursprungs überzeugen kann. Alles, was wir über die baltisch-slawische Symbiose im oberen Dneprgebiet wissen, lässt die Assimilation der genannten baltischen Typen als natürlich erscheinen; ein entgegengesetztes Ergebnis wäre weit befremdlicher gewesen. Etwas anders verhielt es sich mit der Übernahme baltischer Hydronyme femininen Geschlechts mit einer weichen Stammvariante auf -а, vgl. lit. Almė, Kurmė, Labė, Nevežė, Taurė. Da sich die entsprechende weiche Stammvariante auf -а in den ostslawischen Dialekten etwas von der baltischen unterschied (vgl. balt. -ė — slaw. -’а) und vor allem nicht unter allen Bedingungen stabil war, sind Fälle der unmittelbaren Übernahme baltischer Hydronyme auf -ė in Form slawischer Namen auf -’а verhältnismäßig selten. Dabei ist anzumerken, dass auch diese wenigen Fälle häufig in etwas verschleierter Form auftreten, vgl. Невежа bei lit. Nevežė, Nevė-ža; Толща bei lit. Tilžė; Ольша — lit. Alšia, Вопля — lit. upė «Fluss». Das Vorhandensein baltischer hydronymischer Spuren mit einer weichen Stammvariante des Maskulinums auf -as- sowie mit einem Stamm des Maskulinums und des Femininums auf -i- lässt sich wesentlich deutlicher erkennen, da diesen Hydronymen im oberen Dneprgebiet Formen mit einem bestimmten Merkmal entsprechen — der Weichheit des Endkonsonanten, formal 203 — dem Vorhandensein von -ь. Neben direkten Reflexen in der Hydronymie des oberen Dnepr kann die Reihe der Namen auf -i- um Formen mit einer weichen Stammvariante auf -а ergänzt werden, zu der, wie bekannt, enge Beziehungen zum Stamm auf -i- bestanden. Außer Beispielen wie Морочь — Мороца, Мелечь — Мильча, Мильча, Молча, Молча, Nevėžis — Neveža lohnt es sich, nochmals auf die Paare Наць — вар. Наца hinzuweisen. Die üblichen Entsprechungsverhältnisse lassen als Quelle einen baltischen hydronymischen Stamm auf -i- Noti- vermuten, vgl. preuß. Notis, vgl. allerdings auch lit. Notė. Spuren solcher baltischen hydronymischen Typen waren im Gebiet des oberen Dnepr offenbar recht zahlreich, worauf insbesondere das etwas ungewöhnliche zahlenmäßige Verhältnis der Hydronyme auf -ь westlich und östlich des Dnepr hindeutet. Das Vorhandensein einer Reihe von Suffixen mit dem Element -к- in der baltischen Hydronymie lässt grundsätzlich die Annahme zu, dass einige dieser Bildungen in den Flussnamen des Dneprgebiets erhalten geblieben sind. Die erheblichen Unterschiede zwischen dem Baltischen und dem Slawischen hinsichtlich der Verbindung von -к- mit dem Stamm sowie chronologische Erwägungen machen es jedoch wohl unzweckmäßig, in slawischen Gewässernamen auf -ка nach Spuren baltischer hydronymischer Typen zu suchen. Dennoch ist eine beträchtliche Zahl baltischer hydronymischer Wurzeln in unserem Gebiet unmittelbar durch das sekundäre slawische -ка und auch als Teil komplexerer Suffixe erweitert worden, vgl. Лучесня, Вытрейка, Мерейка, Варлинка, Колпитка u. a. Dieser Umstand ist für die Charakterisierung der Einzelheiten des Prozesses, durch den die baltischen Hydronyme des oberen Dneprgebiets zu slawischen Wortbildungstypen wurden, von Bedeutung. Auffällig ist eine kleine kompakte Gruppe von Hydronymen mit dem für die baltische Wortbildung charakteristischen Element -ол-, das durch das slawische Suffix -ка verdeckt wird: Матолка, Старолка, Вихолка, Снеролка, Дуполка, Доколка u. a. Auf den baltischen Charakter der Namen dieser Gruppe weist das Hydronym Мядзиол im Becken der Berezina hin, das dem entsprechenden baltischen Typ auf -ol- besonders nahe steht und noch nicht durch das slawische -ка erweitert wurde, vgl. lit. Medžiolai, ein Dorf bei Vievis. Grundsätzlich könnten sich hinter der genannten Bildung auf -ол- auch baltische hydronymische Bildungen auf -al- verbergen, vgl. lit. Vygala, Snie-tala, lett. Jumala, Makale u. a. Das Element -i- in Namen dieser Art ist ein recht eindeutiger Hinweis auf baltischen Ursprung, zumal slawische Hydronyme ein solches -i- in charakteristischer Nachbarschaft zu einem vollen Bildungsvokal nicht kennen. Die hydronymischen Typen des oberen Dneprgebiets mit dem Element -н- in verschiedenen Suffixverbindungen gehören überwiegend zur slawischen Schicht und sind häufig vergleichsweise spät entstanden. Daher ist auch in diesem Abschnitt der Anteil möglicher baltischer Wortbildungsreflexe relativ gering. Dennoch lassen sich — wenn auch anhand einzelner Beispiele — äußerst wichtige baltische hydronymische Formantien herausarbeiten. In erster Linie könnte es sich um den Namen der Berezina und eine Reihe weiterer „Birkenflüsse“ handeln, in denen 204 Das Vorhandensein eines baltischen Wortbildungselements -n- ist unzweifelhaft. Die Schwierigkeit, gerade in diesem Fall einen besonderen baltischen Typ zu erkennen, lag darin, dass auch in der slawischen Hydronymie der Wortbildungstyp auf -н- und sogar -ин(-а) verbreitet ist. Erst der Vergleich einiger auf den ersten Blick unwesentlicher Unterschiede in den Wortbildungsmodellen und in der Bedeutung des Elements -in- erlaubt es, einen besonderen baltischen Typ in einem äußerlich slawischen Hydronym festzustellen. Aus der bedeutenden Gruppe der slawischen, ihrer Herkunft nach adjektivischen Bildungen auf -на(-вна) lässt sich ein vollständig baltischer Name wie Стабна/Стабня (historisch Стабья, vgl. Стабенка) herausheben, in dem sich mit gutem Grund das baltische hydronymische Formans -inas erkennen lässt (vgl. lit. dial. Šabinas, altpreuß. Stabinotilte), nicht aber das erwähnte slawische Suffix. Möglicherweise liegt in den Hydronymen Вупенка, Упинька eine slawische Umdeutung des baltischen Formans -in- als diminutivische Suffixbildungen auf -енька-, -инька vor (vgl. lit. upinis ‚zum Fluss gehörig‘), das diese Bedeutung keineswegs hat. Beispiele für derartige Umdeutungen lassen sich offenbar zahlreich unter den slawischen Hydronymen auf -енька, -инька finden, vgl. Чавенка, Чапенка, Доренка, Седеленка, Шуешенка, Шервенка, Вороженка, Вупенка, Варлинка, Варльинка, Ворминка. Unter den baltischen Hydronymen des oberen Dneprgebiets gibt es einige, die auf -ень enden und hinter denen sich zwei eigenständige Wortbildungstypen der baltischen Hydronymie verbergen. Einerseits lässt sich in Beispielen wie Клевень, Верепень die Fortsetzung des baltischen Suffixes -inis erkennen (vgl. Klevinė, ein Dorf nahe Kapčiamiestis, Verpetinė, eine Wiese nahe Pabiržė), das im slawischen Sprachgebiet als -ень übernommen wurde, woraus -ень hervorging, das mit dem entsprechenden slawischen Suffix zusammenfiel. Als Hypothese sei die mögliche Wiedergabe des baltischen Suffixes -en- erwähnt, zumal dazu das offensichtliche Fehlen eines flüchtigen -е- in unserem Beispiel passen würde. Andererseits geben Beispiele auf -енье wie Левень Anlass, einen alten konsonantischen Stamm auf -n- anzunehmen. Die Wahrscheinlichkeit, dass weitere baltische konsonantische Stämme in unserem Gebiet widergespiegelt sind, wird durch einen Namen wie Лосьмена bestätigt, der auf einen alten Stamm auf -men- schließen lässt, der auch aus der litauischen Hydronymie bekannt ist, vgl. Lašmio. Bemerkenswert ist, dass dieser Name am oberen Dnepr in einer ganzen Reihe von Varianten bekannt ist: Лосьмина, Лосьменка, Лосменка, Лосменная, Лосьмонька (mit dem für dieses Suffix charakteristischen Vokalismus), Лосвина, Лосвянка. Zwar gibt es Stämme auf -men- auch in der slawischen Hydronymie, vgl. Вязьмень, Сухмяна u. a.; eine Verwechslung mit den entsprechenden baltischen Stämmen ist jedoch ausgeschlossen. Ein Ursprung aus einem baltischen Hydronym mit dem entsprechenden Stamm ist auch für den Flussnamen Ледмен denkbar. Offenbar ist der alte Stamm auf -men- in Restform in der Hydronymie der Осьма im äußersten Oberlauf des Dnepr verborgen, vgl. lit. Ašmena. Bemerkenswert ist, dass im Einzugsgebiet der Osma und in den unmittelbar angrenzenden Gebieten der Name Каменка häufig vorkommt; zusammengenommen erinnert dies stark an das Bild, das im östlichen Teil des litauischen Sprachgebiets festgestellt wurde. 205 Für die Hydronymie aller baltischen Gebiete ist das Vorhandensein eines besonderen Wortbildungstyps auf -ēja charakteristisch. Das Verbreitungsgebiet baltischer Hydronyme auf -ija ist enger (sie fehlen in Lettland). Noch seltener sind Beispiele für Hydronyme auf -auja, vgl. Miltauja, Pienauja, Vidauja usw. Diese und ähnliche Bildungen bilden eine besondere Gruppe hydronymischer Formantien, die im Baltischen eng miteinander verbunden sind. Die wichtigsten der aufgeführten baltischen hydronymischen Typen kommen auch im Gebiet des oberen Dnepr vor. Dies gilt in erster Linie für Hydronyme auf -ея (Мерея, Сертей, Локнея usw.), von denen einige als Namen auf -ейка widergespiegelt sind (Мерейка, Веселейка, Верхнейка u. a.). Für letzteren Fall ist die Annahme zulässig, dass zumindest einzelne Beispiele unmittelbar mit dem baltischen Formans -eika zusammenhängen könnten. Der baltische hydronymische Typ auf -ija ist im oberen Dneprgebiet ebenfalls durch mehrere Beispiele belegt: Орлия, Весия, Луния u. a. Eine besondere Bemerkung verdient das einzige Hydronym auf -уй-ка — Бобруйка, eine Erweiterung des Namens Бобруя, dem lit. *Bebr auja, *Babraja entsprechen würde. Eine ziemlich verbreitete baltische Klasse von Hydronymen mit dem Element -t-, die je nach Beschaffenheit des vorangehenden Vokals mehrere Varianten umfasst, ist im oberen Dneprgebiet vor allem durch die beiden gebräuchlichsten Typen vertreten. Einerseits handelt es sich um Namen auf -ита, für die sich nur in einzelnen Fällen eine entsprechende baltische Basis finden lässt (vgl. Колпута — preuß. Gulbiten); auch an Namen mit der slawischen Erweiterung -ка ist zu denken: Колпутка, Хохлитка u. a. Andererseits spiegelt sich in der Hydronymie des oberen Dnepr der baltische Wortbildungstyp mit dem Suffix -eta wider, vgl. Скверета, Несета, Верепета, Кичета. Bemerkenswert ist, dass außerhalb des Dneprgebiets Гордота (obere Wolga) bekannt ist, in dem sich eine andere Variante des baltischen Suffixes mit dem Element -t- erkennen lässt. Einige weitere baltische Wortbildungstypen können in der Hydronymie des oberen Dnepr erschlossen werden, jedoch erst bei genauerer Analyse, vgl. Водоча, lit. Vadaktis, Vadakstis. Nicht ausgeschlossen ist, dass sich unter den Hydronymen auf -ча eine gewisse Anzahl von Namen befindet, die alte baltische Formantien mit dem Element -t- enthalten; gegenwärtig wäre es jedoch voreilig, hierzu konkretere Aussagen zu machen. Schließlich können wir in der Hydronymie des oberen Dnepr Spuren eines weiteren baltischen Wortbildungstyps nachweisen. Es handelt sich um das Formans -ista, das innerhalb der baltischen Wortbildung mit den Suffixen -asta, -esta, -osta, -uosta, -usta verbunden ist. In unserem Gebiet ist in diesem Zusammenhang das Hydronym Обеста/Обиста/Обста/Абеста anzuführen. Außerhalb des oberen Dneprgebiets gibt es neben einer Reihe baltischer Hydronyme wie lit. Aknysta, Lokysta, Laukysta usw. eine genaue Entsprechung in der litauischen Gewässerbezeichnung Abista. Der regionale baltische hydronymische Typ auf -(u)va ist im oberen Dneprgebiet durch die Hydronyme Водва, Титва, Cit- vertreten. 206 scha, Mitwa, Nadwa, möglicherweise Bolwa usw. Für die baltische Hydronymie ist das Vorhandensein zweier unterschiedlicher Bildungen mit dem Suffixelement -s- charakteristisch. Einerseits handelt es sich um das Morphem -sa, das sich nur in einigen Fällen eindeutig abgrenzen lässt, andererseits um mehrere Suffixvarianten, die vom Charakter des vorangehenden Vokalelements abhängen: -esa, -asa-, -osa-, -usa-. Offenbar sind all diese Typen in gewissem Maße in der Hydronymie des Oberen Dneprgebiets vertreten, vgl. auf -sa: Wodsa, Korsa, Usa, Plisa; auf -asa: Woltschasa, Otschasa; auf -esa: Lutschessa, Woltschessa, Owtschessa, Otschessa, Oressa; auf -osa: Wodossa, Orossa, Mordossy; auf -usa: Nerussa, Woronussa. Die Eindeutigkeit dieser Fälle erspart es uns, näher auf sie einzugehen. Im Formans -scha einer Reihe von Hydronymen des Oberen Dneprgebiets ist zumindest in einzelnen Fällen sehr wahrscheinlich die Widerspiegelung besonderer baltischer Wortbildungstypen zu sehen; die geringe Zahl der Beispiele und vor allem das Fehlen genauer baltischer Entsprechungen, die auch den Wurzelteil umfassen, erlauben jedoch keine sichere Bestimmung, ob es sich um das alte Suffix -sa, -usa oder ein anderes handelt. Eine einzige Entsprechung lässt sich möglicherweise im Prußischen Dargow vermuten (vgl. Dorogowischa), dem allerdings eine Suffixbildung fehlt. Somit weist die Hydronymie des Oberen Dneprgebiets auf -scha weniger eindeutige baltische Entsprechungen auf, die zudem durch Fälle wie Ropscha getrübt werden, dessen iranische Herkunft offensichtlich ist. Obwohl unter den Hydronymen des Oberen Dneprgebiets auf -scha zweifellos eine Reihe baltischer Namen vertreten ist, ist es recht schwierig, hier von der Widerspiegelung eines bestimmten baltischen Wortbildungsformans zu sprechen. Denn einige Hydronyme baltischer Herkunft auf -scha weisen hinreichend überzeugende Entsprechungen in der Hydronymie der heutigen baltischen Gebiete auf, die eindeutig zeigen, dass das Element -sch- nicht zum Suffix, sondern zur Wurzel gehört, vgl. Newescha — lit. Nevėža, Moroscha — pruß. Margis. Nur in einzelnen Fällen lässt sich die Zugehörigkeit von -sch- zum Suffix annehmen; sie wird auch durch Entsprechungen aus der baltischen Hydronymie bestätigt, zum Beispiel Lobscha neben lett. Lubūzis. Etwas schwieriger ist das Suffix zu deuten, wenn dem Element -sch- ein Vokal vorausgeht (-yscha, -ischa). Sucht man in solchen Suffixen nach einer Widerspiegelung baltischer Wortbildungstypen, könnte man versucht sein, sie mit dem in der baltischen Hydronymie und Toponymie gebräuchlichen Suffix -ng- (-ing-, -ung-, -eng-) zu vergleichen. Die regionale Beschränkung dieses Suffixes in den heutigen baltischen Gebieten sowie das Fehlen völlig zuverlässiger Parallelen machen die Annahme eines Suffixes -ng- in der Hydronymie des Oberen Dneprgebiets jedoch vorerst höchst spekulativ. In der Hydronymie des Oberen Dneprgebiets mit dem Element -ga sind zweifellos einige baltische Wortbildungstypen mit dem Formans -g- vertreten. Die genaue Bestimmung der jeweiligen Suffixart ist häufig schwierig, obwohl die Suffixvarianten -aga/-ega/ūga am wahrscheinlichsten sind, vgl. Wedoga/Weduga, Wetschga — lit. Vedega, Vadaga; Rydyga, Rydoga — balt. *Rūdūga/*Rūdaga, *Raudaga usw. 207 Für den Südwestrand des alten baltischen Gebiets sind Flussnamen charakteristisch, die auf -da enden. Ihr eng begrenzter regionaler Charakter ebenso wie ihre Zugehörigkeit zum jatwingischen Hydronymtyp sind offenbar unzweifelhaft. Schon die phonetische Gestalt des Elements -da, das auf ein älteres slawisches -ъda aus balt. *uda ‚Wasser‘ zurückgeht, ist ein geeigneter Maßstab zur Bestimmung der dialektalen Zugehörigkeit eines Namens, da dieses Formans in den ostbaltischen und prußischen Dialekten in der Hydronymie völlig unbekannt ist und das Appellativ mit der Bedeutung ‚Wasser‘ dort eine andere Form hat. Gewässernamen mit dem Element -da grenzen unmittelbar im Westen an das Becken des Oberen Dnepr an und liegen überwiegend im Oberlauf des Neman und des Westlichen Bug, vgl. Golda, Grivda, Newda, Sichda, Sokol’da (Sukogda) usw. Namen auf -da reichen nur in einem Gebiet in das Dneprgebiet hinein und setzen das genannte Verbreitungsgebiet der Hydronyme auf -da unmittelbar fort, vgl. Jaselda (Var. Jaselda, Jasel’da, Jasolda, Jasolna, Jasnolda). Abgesehen von diesem Hydronym gibt es im Oberen Dneprgebiet offenbar keine zuverlässigen Belege für die Fortsetzung des Flussformans -da. Die Haupttypen der baltischen Hydronymie beschränken sich nicht auf Modelle, die durch die Verwendung verschiedener Formanten gebildet werden. Neben diesem Wortbildungsverfahren kennt die baltische Hydronymie eine sehr charakteristische Art der Bildung von Gewässernamen durch Zusammensetzung, die in der alten indoeuropäischen Hydronymie äußerst selten ist und eher in den finnischen Bereich führt, wo dieses Verfahren vorherrschend ist. Gemeint ist die in der baltischen Hydronymie beliebte Zusammensetzung mit einem zweiten Element, das Fluss oder See bezeichnet. Im ostbaltischen Gebiet sind mehrere Hundert Bildungen dieser Art mit dem Zweitglied -upė/-upis/-upys belegt, wo dieser Typ sehr produktiv ist, vgl. lit. Alguvys, Alkupis, Bartupė, Daugupys, Ėglupys, Gelžupis, Juodupė, Laukupė, Šešupė, Šilupė, Vandupė, Vilkupis usw. Ebenso zahlreich sind Beispiele dieses Typs in der lettischen Hydronymie: Aunupe, Āžupe, Baluožupe, Caujupe, Ežupe, Gaiļupe, Guovupe, Jerupīte; Kazupe, Lāčupe, Raudupis, Taurupīte, Ūdrupe, Vēžupe, Zivupe usw. Auch in der prußischen Hydronymie ist dieser Typ durch zahlreiche Beispiele vertreten, vgl. Berukapy, Caymenape, Caypeaps, Kirsappen, Kirsnappe, Laukappe, Nycape, Perapien, Rinappe, Sarape, Serappin, Serenappe, Swereppe, Wangaria, Wogenapp, Vogoeaps usw. (dieser Typ fand in der Onomastik deutscher Namen regional prußischer Herkunft seinen Niederschlag, vgl. Glasenapp). Was das Gebiet des Oberen Dnepr betrifft, so lässt sich Neroplja als Spur dieses Typs anführen; in ihrem Zweitglied sah man schon früher eine Widerspiegelung der baltischen Flussbezeichnung *Ner-up-/*Ner-ap-, vgl. lit. Nar-upė; offenbar gehört hierzu auch der bislang in diesem Zusammenhang unbeachtete Name eines Flusses im Sožbecken — Natoma. Besondere Beachtung verdient die Tatsache, dass Spuren baltischer Bildungen dieses Typs auf russischem Gebiet vor allem in unmittelbarer Nachbarschaft zu alten finnischen Gebieten vorkommen, d. h. an der östlichen und nördlichen Peripherie der Verbreitung der baltischen Stämme, vgl. außerhalb des Oberen Dneprgebiets, aber in unmittelbarer Nähe 208 zu ihm gehören solche Namen wie Жукона (Obere Wolga), Ужена (Oka-Becken), Каспля (Westliche Dwina), Кудень (Nebenfluss der Welikaja), vgl. auch das Dorf Горспле u. a. Schwieriger verhält es sich mit den Spuren von Namen, deren zweites Glied einen See bezeichnet; dies hängt offenbar zum Teil mit der formalen Ähnlichkeit der baltischen und slawischen Bezeichnungen für dieses Wort zusammen. Ebenso unklar ist die Lage bei dem weniger verbreiteten, vorwiegend toponymischen Typ von Namen mit einem zweiten Element für ‚Ende‘, ‚Rand‘; vgl. im ostbaltischen Gebiet Bildungen auf -gala, galas: lit. Ariogala, Maišiogala, lett. Latgale, Zemgale u. a. Im Gebiet des oberen Dnjepr ist es ziemlich schwierig, verlässliche Beispiele dieser Art anzuführen. Man kann jedoch darauf hinweisen, dass dieses zweite Glied der Zusammensetzungen als selbständige Bezeichnung von Mooren in Belarus verwendet wird, vgl. Галы, sowie den rätselhaften Flussnamen im Oberlauf des Dnjepr Лупоголова — Variante Луп(n)а, der im Buch der Großen Zeichnung in der Form Лупогалова belegt ist, wobei es sich möglicherweise nicht um eine einfache Akanje handelt. Zumal am äußersten östlichen (wie übrigens auch westlichen) Rand des baltischen Gebiets Namen auf -gala völlig eindeutig sind; vgl. etwa die Galinder bei Ptolemäus auf preußischem Gebiet und die Goljad der russischen Chroniken an der Protwa. Neben den oben genannten Spuren baltischer Hydronymie, die sich in der Wortbildung und Zusammensetzung der Gewässernamen im oberen Dnjeprgebiet widerspiegeln, ist es sinnvoll, von verschiedenen hybriden Bildungen mit unterschiedlich starkem baltischem und slawischem Anteil zu sprechen. Berücksichtigt man einerseits die Hydronyme baltischen Ursprungs ohne jegliche Spuren slawischer Bearbeitung und andererseits die durchweg slawischen Hydronyme ohne jedes Anzeichen baltischen Einflusses, so ergibt sich eine ganze Skala allmählicher, bisweilen schwer wahrnehmbarer Übergänge von der baltischen zur slawischen Hydronymie. Diese allmählichen Übergänge und die Vielfalt ihrer Abstufungen machen die Frage der hybriden Bildungen, ihrer Klassifizierung und schließlich der geografischen Verbreitung der jeweiligen hybriden Typen besonders wichtig. Die Untersuchung derartiger Bildungen kann grundlegende Aspekte des Prozesses der Besiedlung der Gebiete am oberen Dnjepr aufdecken. Natürlich können wir hier keine vollständige Erfassung der Fakten beanspruchen; zum gegenwärtigen Zeitpunkt ist es wichtiger, die Fragestellung selbst und die Notwendigkeit ihrer Lösung hervorzuheben. Dennoch lassen sich bereits jetzt einige konkrete Beobachtungen zur Klassifizierung hybrider Typen in groben Zügen zusammenfassen. So finden sich baltische Namen ohne jegliche Anzeichen slawischen Einflusses oder auch nur der Möglichkeit einer Umdeutung nach slawischen Mustern in Hydronymen wie Бедоса, Невежа, Водва, Болва, Волма u. Ä., die tatsächlich nahezu vollständige Entsprechungen in der Hydronymie baltischer Gebiete aufweisen und phonetisch keinerlei Besonderheiten enthalten, die dem slawischen Lauttyp widersprächen und eine Substitution erforderten. Den genannten Beispielen nahe stehen Fälle wie Лучеса, Водога /Ведъга, Титва, Обеста u. a., die ebenfalls eine genaue Entsprechung aufweisen 14. Kalbotyros klausimai. IV 209 in der baltischen Hydronymie, aber bereits eine slawische lautliche Bearbeitung durchlaufen haben (bisweilen regelhaft, bisweilen fakultativ). Die nächste Fallgruppe bilden baltische Namen, bei denen eine slawische Umdeutung des Wortbildungssuffixes zwar nur mit Mühe, aber doch möglich ist; vgl. Ремист-ов nach dem Muster von Дед-ов. Neben der Möglichkeit einer slawischen Deutung des Suffixteils sind hydronymische Beispiele bekannt, in denen eine baltische Wurzel durch eine formal ähnliche slawische Wurzel ersetzt wird, wie dies bereits beim Namen Колпита zu beobachten war. Ein Beispiel für die slawische Umdeutung sowohl des Wurzel- als auch des Suffixteils eines einst baltischen Namens bietet das Hydronym Волчица — Varianten Волчеса, Волчаса, vgl. lit. Vilkesa. Der zahlenmäßig stärkste Typ baltoslawischer hybrider Bildungen in der Hydronymie umfasst Beispiele, in denen eine baltische Wurzel, die gewöhnlich bereits eine slawische lautliche Bearbeitung durchlaufen hat, ein eindeutig slawisches Suffix an sich nimmt, das meist keine Entsprechung in der baltischen Hydronymie hat: Лопанка, Вор-минка, Варлинка, Какланка, Лучесянка, Мяделица, Можайка, Мерейка, Стабенка, Пелик, Аболъна, Вупенка, Вержица u. a. Fälle des umgekehrten Typs, bei denen eine slawische Wurzel durch ein baltisches Suffix erweitert wird, sind dagegen selten; vgl. Хмелита, Калита u. a. Die beiden letztgenannten Fallgruppen liefern im Wesentlichen übereinstimmende Hinweise darauf, dass die baltische Schicht im oberen Dnjeprgebiet älter ist als die slawische; zugleich waren die Kontakte zwischen baltischen und slawischen Dialekten so eng, dass einzelne baltische Formantien bei slawischen Wurzeln gebräuchlich oder sogar produktiv werden konnten. Solche Tatsachen sollten Forschende davor bewahren, den Rückzugsprozess allzu geradlinig darzustellen. Besonders aufschlussreich sind in diesem Zusammenhang Namen wie Хохлитка, Деснокитка, in denen eine slawische Wurzel von einem baltischen Suffix begleitet wird, das seinerseits durch ein slawisches Suffix erweitert ist. Dadurch wirken solche Beispiele slawisch. Noch stärker ist der slawische Anteil bei Beispielen, in denen sowohl Wurzel als auch Suffix als slawisch gedeutet werden und offensichtlich baltische Elemente ganz fehlen; ein Beispiel dafür ist der Name Березина, bei dem Spuren einer baltischen Beteiligung erst durch eine spezielle Analyse aufgedeckt werden. Noch schwieriger ist es, Spuren eines alten baltischen Namens in Fällen von Lehnübersetzung zu bestimmen. Dies gelingt nur, wenn bestimmte besondere Hinweise vorliegen, insbesondere unter Berücksichtigung der unterschiedlichen Verbreitung des jeweiligen Namenstyps. Beispiele dieser Art gehen praktisch bereits in der eigentlichen slawischen Hydronymie auf. Die Übersicht über die baltischen Wortbildungstypen in der Hydronymie des oberen Dnjeprgebiets sowie die Analyse der vielfältigen Typen baltoslawischer hybrider Wortbildung ergeben zusammen mit der Tatsache, dass selbst kleine Flüsse und zahlreiche Siedlungen baltische Namen tragen (also Objekte, deren Namen sich vergleichsweise leicht ändern), Anlass zu einer aus unserer Sicht sehr wichtigen Schlussfolgerung. Ihr Kern besteht darin, dass das baltische ethnische Ele- 210 Das baltische Element in Ober-Dnjeprien wich nicht in nennenswertem Umfang nach Nordwesten zurück, während die Ostslawen nach Norden vordrangen. Offenbar verlief die slawische Expansion als natürliches, allmähliches Eindringen, wobei das baltische Element zu unterschiedlichen Zeiten in verschiedenen Teilen dieses Gebiets assimiliert wurde. Es ist anzunehmen, dass auch dann, als die Slawen weit nach Norden, über die Grenzen Ober-Dnjepriens hinaus, vorgedrungen waren, auf unserem Gebiet noch zahlreiche baltische Siedlungsinseln bestanden. Deren Bevölkerung eignete sich über ein Stadium der Zweisprachigkeit hinweg die russische Sprache an und hinterließ ihrerseits Spuren in den sprachlichen und ethnografischen Besonderheiten der einheimischen Bevölkerung. Diese lassen darauf schließen, dass in den besiedelten Gebieten einige eigenständige baltische Dialekte, die sich von den uns bekannten unterschieden, ihr Ende fanden. Letztere blieben allem Anschein nach, wenn auch nur in Resten, recht lange erhalten, bis zum Beginn des II. Jahrtausends n. Chr. Die Frage nach der dialektalen Differenzierung der baltischen Hydronymie Ober-Dnjepriens ist bislang praktisch nicht gestellt worden. Damit musste man sich abfinden, da die Gesamtzahl der baltischen Namen in diesem Gebiet zu gering war und sie sich zudem auf eine verhältnismäßig begrenzte Fläche verteilten. Da nun mehrere Hundert solcher Namen bekannt sind, die sich über ein sehr großes Gebiet erstrecken, kann kein Zweifel daran bestehen, dass es in der Sprache der baltischen Bevölkerung dieser Gegenden dialektale Unterschiede gab. Unter diesen Umständen erscheint es an der Zeit, bereits jetzt auf die Bedeutung dieses Problems hinzuweisen und ein Gesamtbild zu entwerfen, wie es beim gegenwärtigen Stand der Erforschung der Hydronymie Ober-Dnjepriens möglich ist. Leider steht der Lösung dieser Aufgabe eine ganze Reihe von Umständen entgegen, von denen einige allem Anschein nach unüberwindlich sind. So sind wir in einer Reihe von Fällen praktisch nicht in der Lage, selbst zu den einzelnen Beispielen, die scheinbar Anlass zu Schlussfolgerungen über ihre Dialektzugehörigkeit geben, eindeutige Aussagen zu treffen. Als Beispiel seien einige Flussnamen angeführt, in denen Vasmer verschiedene dialektale Varianten des baltischen Flussnamens прё, ape sah. Eine eingehende Analyse überzeugt uns davon, dass eine solche Deutung schwierig, ja teilweise sogar unmöglich ist. Zunächst war das Material, auf das sich Vasmer in diesem Zusammenhang stützte, unvollständig. Heute kann man davon ausgehen, dass dieser Stamm in einer wesentlich größeren Zahl von Namen ganz unterschiedlicher Art vorkam: Упа, Упинька, Уперта, Описа, Апелка, Вупенка, Вопь, Вопец, Вопка, Вопля, Вопрат, Непопля, Каспия, Горсиле, Жалобыка, Янчанка und andere. Die Analyse dieser Namen zwingt uns aus einer Reihe von Gründen, eine allzu geradlinige Deutung ihrer lautlichen Gestalt entschieden aufzugeben. Ohne die Möglichkeit auszuschließen, dass in diesen Namen tatsächlich zwei dialektale Varianten vorliegen, müssen wir Faktoren wie den offenkundig unterschiedlichen Zeitpunkt berücksichtigen, zu dem die Slawen einige der genannten Namen übernahmen; vgl. einerseits Упа, das darauf hindeutet, dass die Sprecher ostslawischer Dialekte mit dieser baltischen Form besonders spät bekannt wurden, 211 andererseits Вопь oder Кастля, die so früh entlehnt wurden, dass sie eine lange Phase der eigentlichen slawischen lautlichen Entwicklung durchlaufen konnten. Bemerkenswert ist, dass geografische und allgemein-historische Erwägungen das Gesagte bestätigen. So finden sich beispielsweise östlich von Ober-Dnjeprien, im Oka-Becken, wo die Slawen bekanntlich später als im Dnjeprgebiet erschienen, nur Namen mit dem Stamm Уп-, während in Ober-Dnjeprien Beispiele häufig sind, die auf eine frühe Entlehnungszeit schließen lassen (das vereinzelte Упинка lässt sich auch anders erklären). Besonders interessant sind in diesem Zusammenhang Fälle, in denen Varianten desselben Namens die unterschiedliche Zeit seiner Übernahme durch die spätere Bevölkerung dieser Gegenden widerspiegeln, zum Beispiel Лучеса, das noch zu einer Zeit entlehnt wurde, als baltisches -ке- als slawisches -че- substituiert werden musste, und die benachbarten Лукесы, die den älteren baltischen Zustand unverändert bewahrt haben (bezogen auf die hier interessierende Lautveränderung). Es liegt auf der Hand, dass diese zeitlich unterschiedlichen Entlehnungen baltischer Namen durch ostslawische Dialekte erfolgten, die sich auf verschiedenen Stufen der lautlichen Entwicklung befanden. Daraus ergeben sich unterschiedliche Prinzipien der slawischen Substitution baltischer Namen, was eindeutige Lösungen ebenfalls unmöglich macht. Schließlich muss eine sehr große Zahl von Beispielen berücksichtigt werden, bei denen von regulären baltisch-slawischen Lautentsprechungen überhaupt nicht die Rede sein kann. Gemeint sind Fälle, in denen baltische Namen im Sinne der slawischen Volksetymologie sekundär umgedeutet wurden. Ein weiterer Grund für die Schwierigkeiten, die dialektale Differenzierung baltischer Namen in Ober-Dnjeprien zu ermitteln, besteht darin, dass uns bislang weder hinsichtlich der Zahl noch hinsichtlich der Zuverlässigkeit ausreichendes Material zur baltischen Hydronymie Litauens, Lettlands und des ehemaligen Ostpreußens vorliegt. Die vorhandenen Materialien sind in der Regel unbearbeitet, sodass unsere Kenntnisse der hydronymischen Dialektisoglossen in den heutigen baltischen Gebieten äußerst gering sind und praktisch keine entsprechende Überprüfung anhand des Materials aus Ober-Dnjeprien ermöglichen. Dieses Hindernis lässt sich grundsätzlich durch entsprechende Anstrengungen von Fachleuten für baltische Hydronymie beseitigen; es gibt jedoch noch einige andere Hindernisse, die sich kaum umgehen lassen dürften. Es geht darum, dass wir bei relativ guten Kenntnissen der Hydronymie und Toponymie des altpreußischen Gebiets nur sehr wenig über den altpreußischen Appellativwortschatz wissen. In dieser Hinsicht sind wesentliche Fortschritte kaum zu erwarten. Die unvollständige Kenntnis des altpreußischen Wortschatzes erschwert die Klärung der Frage nach der dialektalen Differenzierung erheblich, denn wenn wir kein altpreußisches Wort finden, das einem ostbaltischen Wort entspricht, können wir in der Regel nicht entscheiden, ob dies auf einen Dialektunterschied zurückzuführen ist oder schlicht auf die dürftige Überlieferung des altpreußischen Wortschatzes. Selbstverständlich gilt das Gesagte in noch stärkerem Maße für andere ausgestorbene altbaltische 212 Dialekte, von denen entweder nichts übrig geblieben ist oder nur einzelne Wörter erhalten sind. Diese Lücke ist besonders bedauerlich, da sich vermuten lässt, dass einige solcher Dialekte (jatwingisch, goljadisch) im von uns untersuchten Gebiet existierten und möglicherweise Spuren in einigen hydronymischen Namen hinterlassen haben. Natürlich können wir unter diesen Umständen nur vom baltischen Typ dieses Hydronyms sprechen (und auch das nicht immer), nicht jedoch von seiner konkreten dialektalen Zugehörigkeit. Wenn man schließlich von baltischen dialektalen Unterschieden im Bereich der Hydronymie zu den dialektalen Merkmalen übergeht, die die baltischen Dialekte insgesamt unterscheiden, zeigt sich, dass diese Merkmale die baltische Hydronymie des oberen Dneprgebiets nicht immer dialektal differenzieren können. Das erklärt sich erstens dadurch, dass die baltischen Namen des oberen Dneprgebiets von den Ostslawen auch zu einer Zeit übernommen wurden, als sich einige der aus den historisch belegten baltischen Sprachen bekannten dialektalen Unterschiede noch nicht herausgebildet hatten; zweitens konnten sich in einer Reihe von Fällen verschiedene baltische Dialektvarianten auf slawischem Boden gleichermaßen widerspiegeln; und schließlich gibt es drittens einige ostslawische Dialekterscheinungen, die formal den entsprechenden baltischen Erscheinungen entsprechen, was zu Abgrenzungsschwierigkeiten führt. Was die erste Kategorie von Fällen betrifft, so ist zu berücksichtigen, dass die für die moderne Dialektologie maßgeblichen Unterschiede zwischen Zischlauten und Sibilanten (ž, š, — z, s), zwischen k und c vor einem Vorderzungenvokal, zwischen dem Diphthong ei und dem Vokal ie sowie zwischen der Bewahrung eines Nasalkonsonanten vor einem anderen Konsonanten und seinem Schwund in derselben Position in der Hydronymie des oberen Dneprgebiets kaum (außer in Einzelfällen) ihren Niederschlag gefunden haben können, da sie später entstanden sind. Insbesondere kann der Laut -и- im Namen Ситовка gleichermaßen westbalt. ei (vgl. altpreuß. Seyte) wie ostbalt. ie (vgl. lit. Sietuvà ‚Fluss‘, lett. siets ‚tiefe Stelle im Fluss‘) widerspiegeln. Ebenso wäre es unberechtigt, im Namen Залятка aufgrund des anlautenden З- (und nicht Ж-) ein Hydronym lettischen Typs zu sehen (vgl. lett. zāle ‚Gras‘ gegenüber lit. žolė). In ähnlicher Weise würden wir nicht darauf bestehen, den Namen Биржевка als spezifisch litauischen Ursprungs zu bestimmen, da -ж- den entsprechenden Laut nicht nur im litauischen Wort beržas, sondern auch denselben Laut in anderen baltischen Dialekten wiedergeben konnte, wo er später zu z wurde; vgl. lett. berzs ‚Birke‘. Die für die modernen baltischen Dialekte wesentliche Unterscheidung zwischen k und c vor einem Vorderzungenvokal ist bei der Analyse der Hydronymie des oberen Dneprgebiets nicht aussagekräftig, da beispielsweise К- in Кидель sowohl eine litauische Dialektvariante als auch eine altlettische (vor dem Übergang zu c) widerspiegeln kann; andererseits muss Цидель im Einzugsgebiet der Oka nicht unbedingt eine Form lettischen Typs widerspiegeln (vgl. lett. Cidulupe); es kann sich auch um einen späteren Wandel von К- auf lokalem Boden handeln. Ebenso bietet ein Name des Typs Венча (aus *Ventia) keine ausreichende Grundlage, um von seiner Zugehörigkeit zum litauischen oder preußischen Typ zu sprechen; gleichermaßen kann er einen älteren Zustand jener Dialekte widerspiegeln, 213 in denen später eine Vereinfachung der tautosyllabischen Gruppe eintrat, die zum Schwund des Nasalkonsonanten führte. Trotz der zahlreichen Schwierigkeiten, die mit der Feststellung der dialektalen Differenzierung der baltischen Hydronymie im Dneprbecken verbunden sind, mag es sinnvoll sein, auf einige lokale Besonderheiten dieser Namen sowie auf die Analyse einiger Hydronyme hinzuweisen, die durch zwei oder mehrere phonetisch ähnliche Varianten vertreten sind. Im Bereich der Wortbildung scheint es uns zweckmäßig, nicht nur jene Formantien herauszustellen, deren dialektale Zugehörigkeit sich anhand entsprechender Beispiele aus lebenden baltischen Sprachen ohne besondere Mühe bestimmen lässt, sondern auch einzelne Bildungen mit lokalem Charakter, selbst wenn uns keine eindeutigen Angaben zu ihrer dialektalen Zugehörigkeit vorliegen. Eine Reihe von Hydronymen auf -да zeichnet sich durch ein verhältnismäßig enges Verbreitungsgebiet im äußersten Südwesten des untersuchten Raums aus. Bildungen dieses Typs kommen anderswo im oberen Dneprgebiet nicht vor, sind jedoch im Einzugsgebiet des Westlichen Bug anzutreffen. Dieser Umstand macht zusammen mit etymologischen Erwägungen die ältere Auffassung von der jatwingischen Zugehörigkeit der Namen mit diesem Suffix sehr plausibel. Wohl gibt es auf unserem Gebiet kein anderes so klar begrenztes Areal baltischer Namen, dessen dialektale Zugehörigkeit außer Zweifel steht. Im oberen Dneprgebiet ist die Verteilung der Hydronyme mit den Suffixen -ия und -ея bemerkenswert. Erstere konzentrieren sich im südlichen Teil des oberen Dneprgebiets, vor allem entlang des Prypjat, in der Nähe des Areals auf -да, und reichen gewöhnlich nicht weiter nach Norden als bis zum 53. Breitengrad. Flussnamen mit dem Suffix -ея hingegen konzentrieren sich in der Regel gerade nördlich des 53. Breitengrads. Bezeichnenderweise bildet diese wechselseitige, wenn auch nicht völlig konsequente Verteilung der baltischen Formantien -ija и -ēja einen bekannten Kontrast zu den Verhältnissen in Litauen und im ehemaligen Ostpreußen, wo sie nebeneinander vorkommen; anders liegen die Verhältnisse in Lettland, wo Namen auf -ija offenbar fehlen. Eine der deutlichsten dialektalen hydronymischen Isoglossen im heutigen baltischen Gebiet, -uva/-ava, lässt sich im oberen Dneprgebiet leider nicht mit Sicherheit verfolgen (dasselbe gilt übrigens für die Möglichkeit, baltische Hydronyme auf -uva/-va voneinander zu unterscheiden, da ihre lautliche Entwicklung auf slawischem Boden identisch verlief). Wir wissen jedoch erstens ungefähr, wo Namen auf -ва im oberen Dneprgebiet verbreitet sind (ein Streifen, der sich vom Oberlauf des Dnepr nach Südwesten bis zum rechten Ufer des Prypjat erstreckt), und zweitens, dass Namen auf -ва (aus -uva) eher mit den entsprechenden altpreußischen und litauischen Bildungen als mit den lettischen zusammenhängen, wo in der Hydronymie gewöhnlich -ava anstelle des Suffixes -uva auftritt. Etwa dasselbe Gebiet wie die Namen auf -ва nehmen Hydronyme auf -асал-есал-оса ein, die im heutigen baltischen Gebiet vorwiegend in Litauen belegt sind. Was andere hydronymische Formantien baltischen Ursprungs betrifft, lässt sich anhand ihres Materials nur schwer über die dialektale 214 der Differenzierung des Oberen Dneprgebiets: In manchen Fällen ist die Zahl der vorliegenden Beispiele zu gering, um irgendwelche bestimmten Schlussfolgerungen zu ziehen; in anderen Fällen ist eine Klärung der Frage unmöglich, weil im heutigen baltischen Gebiet keine hydronymischen Isoglossen ermittelt wurden. Dieselben Schwierigkeiten treten beim Versuch auf, einzelne Hydronyme präpositionalen Typs dialektal zu differenzieren. Es geht vor allem um Namen wie Устарь, vgl. Тара, Усперт und vielleicht Пипин. Obwohl verlässliche Ergebnisse bei der dialektalen Zuordnung dieser Namen kaum zu erwarten sind, fällt dennoch auf, dass Ус- in den ersten beiden Beispielen eher einen ostbaltischen Typ präpositionaler Bildungen widerspiegelt, wie er aus der Toponymie bekannt ist; dagegen fehlen in der altpreußischen Toponymie Namen mit der entsprechenden Präposition. Was den Namen Пипин betrifft, so kann man, falls die von uns vorgeschlagene Etymologie zutrifft (aus *Apei-pin-), ebenfalls eher an einen Zusammenhang mit ostbaltischen Beispielen, insbesondere vielleicht litauischen, als mit altpreußischen denken. Oben wurde von den Schwierigkeiten gesprochen, die dialektale Differenzierung der Hydronyme des oberen Dneprgebiets anhand phonetischer Kriterien festzustellen; daher lässt sich in diesem Zusammenhang nur schwer etwas Bestimmtes sagen. Dennoch können bei Berücksichtigung einiger anderer Daten in manchen Fällen recht vielfältige Beispiele phonetischer Variation im Namen eines Flusses oder in den Namen verschiedener Flüsse von einer Wurzel nützlich sein. Dabei muss man selbstverständlich die Möglichkeit von Veränderungen bereits im Slawischen sowie eine zeitlich unterschiedliche Übernahme des betreffenden baltischen Hydronyms im Auge behalten. Kürzlich äußerte Arumaa die Vermutung eines goljadischen Ursprungs des Namens eines Flusses im Sož-Becken — Лыза — aufgrund von -з- statt -ж- (vgl. das lettgallische Lyūža). Es ist nicht ausgeschlossen, dass es sich in diesem Fall tatsächlich um eine besondere baltische Dialektform handelt, wenn auch nicht unbedingt um eine goljadische. Im Zusammenhang mit dem Namen Лыза ist es nicht uninteressant, eine ganze Reihe von Beispielen zu berücksichtigen, in denen -з- mit -ж- wechselt, vgl. Азарза — вар. Заржа, Жарка; Жубр — вар. Зубир, Зуберь, Зубер, тут же поблизости Зубар, Зуберь; Жавуница — вар. Завуница; es zeigt sich, dass alle genannten Namen am Lauf des Sož konzentriert sind, wodurch diese Varianten möglicherweise umso aussagekräftiger werden. Charakteristisch ist, dass außerhalb dieses Gebiets nicht mehr so sehr verschiedene Varianten des Namens ein und desselben Flusses, sondern vielmehr verschiedene Hydronyme gemeint sind, die den Wechsel ж: з widerspiegeln, vgl. Залазенка, Залазинка, Залазка, — Жалижа, Жалож, Жиложка; Жагулинка — Загуленка. Zum selben Typ von Varianten gehört Шморговка — Смороговка. Венца — Вяча, Морчанка — Морочь, Морожа — Моржовка, Лучеса — Лучесы, Гейшинка — Гижинка, Мильча — Молц, Аткильня — Чолна, Чолка, Сеньжа — Усажа und eine ganze Reihe weiterer. Die Variation dieser Hydronyme hängt natürlich vor allem mit der unterschiedlichen Chronologie ihrer Übernahme zusammen. Möglicherweise wird die Bedeutung phonetischer Kriterien für die Bestimmung der dialektalen Zugehörigkeit der Hydronyme des oberen Dneprgebiets in künftigen Untersuchungen im Zusammenhang mit der Ermittlung lexikalischer Entsprechungen zwischen diesen Namen und den ihnen zugrunde liegenden Appellativen in den baltischen Sprachen etwas zunehmen. 215 Dennoch muss man angesichts der oben erwähnten Einschränkungen bei der Bestimmung der dialektalen Zugehörigkeit von Flussnamen anhand des Wortschatzes feststellen, dass gegenwärtig gerade das lexikalische Material vielleicht am besten für diese Zwecke geeignet ist. Selbstverständlich ist die dialektale Zugehörigkeit von Hydronymen in den Fällen am zuverlässigsten zu bestimmen, in denen es Entsprechungen im Altpreußischen gibt, die im Litauischen und Lettischen fehlen. Ein solcher Fall liegt insbesondere bei den Namen Стабна, Стабня, Стабенка, Стабница vor, die man mit einiger Berechtigung als Hydronyme preußischen Typs bezeichnen kann, vgl. altpreuß. Stabingen, Stabynotilte, Stabuniten, Stabayen, Stabelauken — alle von stabis ‚Stein‘, während im Litauischen und Lettischen für die Bezeichnung ‚Stein‘ eine andere Wurzel verwendet wird. Offenbar ist ein Name altpreußischen Typs in Поня widergespiegelt, vgl. altpreuß. Panyen von altpreuß. pannean ‚Sumpf‘, während die ostbaltischen Sprachen andere Wörter für die Bezeichnung eines Sumpfes verwenden. Vergleicht man diese zuverlässigen lexikalischen Fakten zur dialektalen Zugehörigkeit der baltischen Hydronymie des Dneprgebiets mit den entsprechenden oben angeführten Fakten aus der Wortbildung und Phonetik, gelangt man zu einer sehr interessanten Schlussfolgerung. Es zeigt sich, dass die Gesamtheit der ermittelten phonetischen, wortbildnerischen und lexikalischen Merkmale in den Fällen, in denen sie sich ungefähr demselben Ort zuordnen lassen, keinem der bekannten baltischen Dialekte entspricht. Mit anderen Worten: Man stößt auf Fälle, in denen Merkmale zusammentreffen, die aus verschiedenen baltischen Sprachen bekannt sind. Betrachtet man beispielsweise ein territorial begrenztes Gebiet am Oberlauf des Dnepr und entlang des Sož, so lässt sich leicht erkennen, dass neben eindeutig preußisch geprägten Namen wie Стабна ostbaltische Wortbildungssuffixe wie -esal-asa auftreten und andererseits phonetische Besonderheiten, die den Dialekten der Goljad zugerechnet werden (Wechsel ж: з). Dies zeigt einmal mehr, dass es naiv wäre, die ausgestorbenen baltischen Dialekte des Dneprgebiets mit irgendeiner konkreten Sprache des Baltikums gleichzusetzen; daher muss man von einer besonderen Gruppe baltischer Dialekte im Oberen Dneprgebiet ausgehen. Die größte Schwierigkeit besteht leider gerade darin, den Wortschatz dieser unbekannten Dialekte zu ermitteln, da uns die Möglichkeit fehlt, ihn mit etwas konkret Bezeugtem zu vergleichen, wie es bei den litauischen, lettischen und altpreußischen Sprachen der Fall ist. Nur in Ausnahmefällen lassen sich einzelne Lexeme hypothetisch rekonstruieren, für die es in den bekannten baltischen Sprachen keine genaue Entsprechung gibt. Ein solcher Fall liegt wahrscheinlich beim Namen Откильня/Аткильня vor (vgl. auch Чолна, Чолкна). In diesem Wort sehen wir eine alte Bezeichnung für eine Quelle oder einen Quell, gebildet mit dem Präfix at- und der Schwundstufe der Wurzel *kel-/*kil- ‚sich erheben, entspringen‘ (zur Semantik vgl. russ. род- 216 nik — gebären). In den bekannten baltischen Sprachen hingegen wird eine Quelle, ein Ursprung gerade mit anderen Mitteln bezeichnet. Unter den weiteren Fällen, die es erlauben, anhand des Wortschatzes von einer dialektalen Differenzierung zu sprechen, lässt sich eine Gruppe von Beispielen mit separaten appellativischen Entsprechungen in den bekannten baltischen Sprachen hervorheben, vgl. Гейшинка bei altpreußisch geeuse ‚Reiher‘, Доколка, vgl. altpreuß. Dakow bei d lacke ‚Star‘ u. a. Hierzu treten auch Beispiele mit separaten hydronymischen Verbindungen, vgl. Абеста bei lit. Abista, Ремистово bei altpreuß. Ramestow, Орижна bei altpreuß. Aryngine, Нючка bei altpreuß. Inacus, Кубарь bei lit. Кау́бри u. a. Beispiele dieser Art mit separaten Entsprechungen im Wortschatz gibt es recht viele, was Anlass bietet, eine ganze Reihe einzelner lexikalischer Isoglossen anzusetzen, die das Obere Dneprgebiet mit einzelnen Regionen des Baltikums verbinden. Darüber hinaus wäre es interessant, die dialektale Zugehörigkeit jener Hydronyme zu bestimmen, die sich in unserem Gebiet wiederholt finden und oft durch eine Kette komplexer Übergänge miteinander verbunden sind, vgl. etwa Ректа, Рехта, Реста, Рошты und andere Varianten. In diesem etymologisch schwierigen Fall hängt die Frage der dialektalen Zugehörigkeit davon ab, welche etymologische Deutung gewählt wird. Bei einer Verbindung mit der Bezeichnung für ‚Nuss‘ wäre die dialektale Zugehörigkeit als ostbaltisch zu erklären (vgl. lit. riešutas, lett. rieksts gegenüber altpreuß. reisis). Wenn man dagegen an eine Verbindung mit der baltischen Bezeichnung für ‚Sumpf‘ denkt, lässt sich mit Sicherheit nur für die Variante Реста ostbaltischer Ursprung annehmen (vgl. lit. raistas ‚Sumpf‘ und zahlreiche Hydronyme, die von dieser Wurzel abgeleitet sind, im Gebiet Litauens). Obwohl bereits das angeführte hydronymische Material allein völlig ausreicht, um keinen Zweifel am Vorhandensein einer baltischen Bevölkerung im Oberen Dneprgebiet zu lassen, gibt es doch noch eine andere Quelle, die dasselbe bezeugt: die zahlreichen Spuren des Aufenthalts der Balten, die sich im russischen Dialektwortschatz niedergeschlagen haben. All dies zusammengenommen veranlasst dazu, die ethnische und sprachliche Geschichte des Oberen Dneprgebiets neu zu betrachten.