scieee AI-readable full text Open interactive document viewer

Raštų leksikos pateikimas didžiajame „Lietuvių kalbos žodyne“

Marius Daškus

Full text

LIETUVIŲ KALBOTYROS KLAUSIMAI XXXIII (1995) GRAMATIKA IR LEKSIKOLOGIJA MARIUS DAŠKUS DIE WIEDERGABE DES WORTSCHATZES AUS SCHRIFTLICHEN QUELLEN IM GROSSEN „LITAUISCHEN WÖRTERBUCH“ In diesem Artikel sollen einige Grundsätze der Wörterbucharbeit erörtert werden. 1.0. Der in Wörterbüchern verzeichnete Wortschatz wird auf besondere Weise aktualisiert und in die heutige Kultur aufgenommen. Welche Art von Wörterbuch es auch sein mag – ein historisches, etymologisches oder dialektologisches –, die darin aufgenommenen Wörter – längst vergessene, wenigstens einmal von jemandem gebrauchte oder neu geschaffene – werden Teil unseres heutigen Kulturguts. Diese Wörter werden nach bestimmten Regeln verzeichnet und, falls erforderlich, normiert; erst dann beginnen sie, im zeitgenössischen Sprachgebrauch zu funktionieren. Erst die im Wörterbuch verzeichneten und anerkannten Formen finden anschließend Eingang in schriftliche Texte – wissenschaftliche, publizistische usw. 1.1. Zunächst wird die Orthografie festgelegt – ohne sie ist eine systematische Darstellung der Sprachfakten unmöglich. Stichwörter spiegeln die Geschichte der Orthografie weder wider noch können sie sie widerspiegeln. Spezialisierte Wörterbücher – historische, etymologische usw. –, für die die ursprüngliche Schreibweise wichtig ist, geben spezifische Schreibweisen nach der Stichwortform oder in einem Beleg an. Nur bei der Erstellung eines eng gefassten dialektologischen Wörterbuchs (etwa eines Wörterbuchs einer einzelnen Mundart) können die Stichwörter in phonetischer Transkription wiedergegeben werden. Doch auch in diesem Fall überwiegt in der litauischen Lexikografie die Transkription in der Orthografie der Standardsprache (abgekürzt bk) (vgl. DūnŽ, DrskŽ u. Ä.). 1.2. Die terminologische Vielfalt der litauischen Sprache muss in einem allgemeinsprachlichen Wörterbuch nach einem einheitlichen Prinzip wiedergegeben werden. In der litauischen Lexikologie werden dialektale Formen anhand ihrer lautlichen Entsprechungen in der Standardsprache übertragen. Dabei ist vor allem festzustellen, aus welcher Mundart das Wort stammt, seine lautlichen Entsprechungen korrekt zu bestimmen und sie zu ersetzen, ohne die morphologische Form zu verändern. Das ist oft recht schwierig, da die Morphologie der Mundarten komplex ist. Es gibt Fälle, in denen eine Übertragung nicht erforderlich ist; beispielsweise können in einem dialektologischen Wörterbuch die Stichwörter in der Form verzeichnet werden, in der sie in der Mundart verwendet werden. In anderen Wörterbüchern gilt das Prinzip der Übertragung dialektaler Formen. 1.3. In heutigen Wörterbüchern werden Wörter nicht nur aus Mundarten, sondern auch aus anderen, älteren Wörterbüchern, aus alten Schriftquellen und aus der Belletristik verzeichnet. Die dort anzutreffenden Formen sind sehr vielfältig – darauf wirken sich die unterschiedlichen dialektalen Grundlagen der Schriften, der Wille der Autoren und die Korrekturen der Redakteure aus. Wörter aus schriftlichen Quellen müssen ebenso wie Wörter aus Mundarten nach einem einheitlichen Prinzip bearbeitet werden – mit anderen Worten: Der Aufbau des Wörterbuchs sollte systematisch sein. 2.0 Die Wiedergabe des Wortschatzes aus schriftlichen Quellen hängt von der Art des Wörterbuchs ab. Da es in Litauen weder ein historisches noch ein etymologisches Wörterbuch noch ein Wörterbuch zum Wortschatz der alten Schriftquellen gibt, muss man sich bei der Lösung von Fragen seiner Wiedergabe auf das Große „Litauische Wörterbuch“ stützen. Es ist zu hoffen, dass diese Anmerkungen, die als Grundsätze zu formulieren versucht wurden, auch bei der Erstellung anderer Wörterbücher hilfreich sein werden. 231 2.1. Eindeutig dialektale Formen, die in älteren Schriften gefunden wurden, sollten ebenso wie aus der gesprochenen Sprache aufgezeichnete Dialektformen anhand ihrer Entsprechungen in der Standardsprache transponiert werden. Im LKŽ gibt es zahlreiche Fälle, in denen dialektale Formen aus älteren Schriften untransponiert, mit Verweisen auf transponierte oder neben transponierten Formen, angeführt werden. Solche untransponierten Formen sind überflüssiger Ballast. Die Besonderheiten der Mundart der einen oder anderen Quelle lassen sich auch nach dem Stichwort wiedergeben (das ist eine gesonderte Frage). Vgl.: die Form der Žalininkai x klėštarius SD91, SD297 LKŽ VI 63 neben der transponierten Form x klėštorius (l. klesztor) Al, OZ25 LKŽ VI 63; 1x kalioti SD128 = kolioti KLŽ V 140 (auch der Bearbeiter des „Ersten litauischen Wörterbuchs“ war unsicher und führte im Wortindex klėštarius (S. 748) an, aber kalinti (dial. — und ebenfalls dialektal aufgezeichnet — kylė (A.J. II 112); die hochlitauische Form mit un < an: kunkarežis (dial.) SD367 LKŽ VI 898; die Monophthongierung von ai, ei < zu a, e bei den Žemaiten und den Preußisch-Litauern: 1 ladyti N, [K] = laidyti LKŽ VII 9; kunigakštis R = kunigaikštis; kunigakštystė R = kunigaikštystė LKŽ VI 893; karvatė (=karvaitė) R234, N LK= V 354; kelatis (dial. kelaitis) N siehe kelias LKŽ V 504; knevoti (dial.) S.Dauk, J = kneivoti 1 LKŽ VI 220; dialektale Formen mit gemischten Diphthongen anstelle von bk Nasalvokalen: génšė R, [K], Š, Enc VIII 1011, C II 150 LKŽ III 237 neben gėšė J.Jabl, K.Būg, Grg LKŽ III 280; génžė Jn, génžė J, Mc LKŽ III 239 neben gėžė Kv, Rt, Mc, J.Jabl LKŽ III 281; lenšė BB2Sam 17, P, MŽ327, K II 31, lenšis K, lenšvikis LBŽ LKŽ VII 359 neben lėsis LKŽ VII 380; sklensti M LKŽ XII 983, ránšis (dial.) M LKŽ XI 174. In den Schriften Kleinlitauens sind Formen mit Verwechslungen von o und uo sowie ė und ie (einer dialektalen Besonderheit) häufig; daher blieb folgende Form unkorrigiert: x kripbomis K II 24 LKŽ VI 610 (= kripbuomis); 2 komet R, N LKŽ VI 319 (= kuomet); kókštas N, K I 223 LKŽ VI 303 (= kuokštas); kela N = kielė LKŽ V 504; 1 kelė N = kielė LKŽ V 506 (hier steht e für ė). Diese Formen sind unsystematisch neben zahlreichen transponierten Formen aufgeführt; vgl. etwa aus den preußischen Schriften pašli(u)odnimas (orig. pašliodnumas) K I 13 LKŽ IX 577—578, pašli(u)odnas (orig. pašliodnas) Mit I 391 LKŽ IX 578, pašli(u)onùmas K II 153 (orig. pašlionùmas), NdŽ LKŽ IX 578; hochlitauische Formen mit wiederhergestelltem an (dial. un): kankos (orig. kunkos SD312) LKŽ V 217, 1 kanką SD 312, 337 LKŽ V 210; x kankinis [K], N (aus kunkinė SD138 = lunkinė) LKŽ V 213; ebenso ū-Monophthongierung: sriekšlės G111 (orig. srykles) LKŽ XIII 582 usw. Bisweilen lässt sich ein Wort nur schwer transponieren, wenn man die dialektalen (und orthographischen) Besonderheiten der Schriften, aus denen es stammt, nicht kennt. Unsere älteren Schriften sind noch nicht ausreichend erforscht, weshalb die Wörterbuchredakteure vor vielen Problemen stehen. Hätten die Bearbeiter beispielsweise gewusst, dass die große Mehrheit der Wörter in Miežinis’ Wörterbuch gemischte Diphthonge anstelle der Nasalvokale der Standardsprache aufweist, hätten sie sklensti LKŽ XII 983 und ránšis LKŽ XI 174 sorgfältiger transponiert. Denn Miežinis’ kensas, szvensti, sprensti, anžulas, ražyties usw. sind im LKŽ mit wiederhergestellter Schreibung wiedergegeben, z. B.: 1 spręsti 1. M LKŽ XIII 206, rąžytis M LKŽ XI 342 usw. 2.2. Transponierte und nicht transponierte (dialektale) Wortformen sollten im Wörterbuch nicht als separate Stichwörter angeführt werden (auch nicht mit einem Verweis auf die transponierte Form). Andernfalls entstehen unerwünschte Dubletten, z. B.: kadunagi SD423 LKŽ V 46 und 1 kadángi SD 423, B, MŽ350, K LKŽ V 42; ižumbis, -ė 232 SD379, įžūmbiai SD387 LKŽ VI 288 und įžambis, -ė SD379, įžambiai SD379 LKŽ IV 282—283; krumstus SD86 LKŽ VI 704, krumtus SD387 LKŽ VI 705 und kramstūs SD86 LKŽ VI 414, kramtūs SD387 LKŽ VI 417; kėntingas (dial.) SD30 LKŽ V 821 und kėntingas SD30, SE227, SD174 LKŽ V 572; kremzlė (dial.) SD27, J, Vaižg LKŽ VI 600 und kremzlė SD27, J LKŽ VI 524 usw. 2.3. Bei der Aufnahme eines Wortes aus Schriften muss klar unterschieden werden zwischen einer dialektalen Form, die zu transponieren ist, und einem Neologismus, einem Lehnwort oder einer nicht regelgerechten Form, die durch die Entscheidung des Autors in die Schriften gelangt ist. Zweifelhaft ist beispielsweise lėkna sf. M, BzF135 LKŽ VII 303, wenn daneben liekna sf. (1) SInt, NdŽ, Ms, Sr, Žd „niedrige, feuchte Stelle ohne Sträucher“ LKŽ VIII 417 steht. Hier hat A.... (G94) die Form lėkna angeführt, die im Gebiet der Donininkai aufgezeichnet wurde (Plikiai, Priekulė). Somit haben wir eine dialektale Variante des Wortes liekna. Daher sollte die Abkürzung BzF135 bei liekna stehen. Dies ist ein Beispiel dafür, wie unzureichende Erforschung der Schriften die Arbeit der Wörterbuchredakteure erschwert. Es bleibt die Form lėkna aus Miežinis’ Wörterbuch (bei Miežinis ist sie maskulin!), die sich nicht durch dialektale Merkmale des Wörterbuchs erklären lässt. Offenbar übernahm Miežinis die lettische Form lekņs „nass, feucht“ (leknums „feuchte Stelle“) und nahm sie in etwas litauisierter Form in sein Wörterbuch auf. Ein solches Wort sollte unverändert aufgenommen werden, da es sich um eine individuelle Bildung handelt; vgl. auch hier 2x lopas (lett. lops) S.Dauk „Rind“ LKŽ VII 648. Über die Form 2 guonė Ser schrieb K.Būga, dass es sich um ein von J.Elisonas geprägtes Wort handelt, das in den litauischen Dialekten nicht vorkommt (RR II 23). Solche individuellen „Neubildungen“ müssen entsprechend gekennzeichnet werden, damit sie nicht mit Wörtern des Volksmunds verwechselt werden. Taip pat reikėtų elgtis su tokiom formom, kaip gongagalvis, -ė smob. A 1885, 225(Bs) LKŽ III 482. K.Būga taip aprašė šio žodžio gimimą: ”Jonas Basanavičius 1885 metų ”Auszroje” (p. 225) iš gongalvio, negerai jo padalyto į sudėtines dalis (gong[ia]-galvis, užuot gon[ia]-galvis) ištraukė nesamą ir mūsų kalboje net nė negalimą gongį gonio vietoje” (RR II 23). Jeigu pateikiame tokius ”naujadarus”, reikia būti nuosekliems, ir šalia gongagalvio pateikti gongį! Im Wörterbuch sollten nur Wörter, die für bestimmte Autoren charakteristisch und in anderen Schriften nicht belegt sind, unverändert wiedergegeben werden, z. B.: naujukynas siehe naujokynas: S.Dauk, naujukystė M.Valanč, P LKŽ VIII 592; kočios K, K I 684 LKŽ VI 283 usw. 2.4. Alle diese Grundsätze gelten auch für den Wortschatz, der aus originaler schöpferischer Literatur aufgenommen wird. Dialektformen (wenn ihre Identität festgestellt ist) werden in die Standardsprache übertragen. Daher sind im LKŽ nicht aufzunehmen: sklidėnti LzP neben sklydėnti End LKŽ XII 994, sklydúoti NmŠ, Als, Kl LKŽ XII 996 (sklidúoti J ist eine nicht transponierte Form), hier i < y in unbetonter Position; kėmelis J.Balt neben 1 kėmelis Skp, Sl, Pl LKŽ 556, hier eine kupiškėnai-Form, in der betontes e > ė steht; jūdstrazdis (dial.) D.Pošk, jūduarnis, jūdžemis D.Pošk LKŽ IV 372—373 — hier sind Formen der Dunininkai angeführt; kviekšti Žem LKŽ VI 1084 neben kvėkšti Užv, Vdk, Kal, Krš, Plt, LKŽ VI 1064; hier ist die žemaitische Form mit ie < ė bewahrt, und so weiter. Neubildungen von Autoren oder Redakteuren sowie unterschiedlich korrigierte Formen können unverändert ins Wörterbuch aufgenommen werden. So ließe sich die Redaktionsgeschichte widerspiegeln, z. B.: brązguolis Vaižg LKŽ I 1025. Die Geographie zeigt, dass es in den Dialekten nur brūzguolis gibt. 233 Čk, Lš, Šmk, J, Nmn usw. LKŽ I 1102. Die erste Form ist ein Beleg aus den Schriften, eine von ihnen hervorgebrachte völlig neue Form. Sie sollte als individuelle Neubildung angegeben werden. 3. Dieser Artikel sollte zeigen, mit wie vielen Problemen Wörterbuchautoren konfrontiert sind, wenn sie auf ältere Schriften stoßen und versuchen, deren Lexik zu interpretieren. Einige der genannten Grundsätze sollten dabei helfen, diesen recht uneinheitlichen Bereich der lexikografischen Tätigkeit systematisch zu ordnen. DIE DARSTELLUNG DES WORTSCHATZES ALTER SCHRIFTEN IM WÖRTERBUCH DER LITAUISCHEN SPRACHE Zusammenfassung Der Wortschatz der alten Schriften (einschließlich der Wörterbücher) ist ein wichtiger Bestandteil des akademischen Wörterbuchs der litauischen Sprache (DLL). Die Schreibweise dialektaler Wörter wird im DLL durch Entsprechungen ihrer Laute im Standardlitauischen wiedergegeben. Die Übertragung erfolgt unter Beachtung der phonetischen Gesetze der Dialekte, auf denen die Besonderheiten der Sprache alter Schriften und Wörterbücher beruhen. In den ersten Bänden des DLL ist die Übertragung alter Formen nicht immer ganz genau durchgeführt worden. Es bestand die Tendenz, diese Formen unübertragen zu lassen. In diesem Artikel wird die Wiedergabe der dialektalen Formen erörtert. Der Autor schlägt eine systematische Übertragung ohne jede Ausnahme vor. 234