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Apie J. Gerulį – Mažvydo (GA, Mpr) leidėją

Pietro U. Dini

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LIETUVIŲ KALBOTYROS KLAUSIMAI XXXVI (1996) LIETUVIŲ KALBA: TYRĖJAI IR TYRIMAI Pietro U. DINI ÜBER J. GERULIS – DEN HERAUSGEBER VON MAŽVYDAS (GA, MPr) Rašydamas apie lietuvių kalbos senųjų raštų leidimą, jau A. Augstkalnis (1935: 156) pastebėjo, kad ”turim ateity saugotis praeities klaidų pakartojimo. Ir jeigu visi tylės, kaip ligšioliniai recenzentai, tai tikrai gali atsitikti”. O iš tikrųjų šitie žodžiai labai tinka ir Mažvydo tekstams bei jų leidimams: apie tai norėtųsi šiuo pranešimu atkreipti filologų lituanistų dėmesį, aptarti du Mažvydo tekstus: Giesmę šv. Ambraziejaus (toliau GA) bei Parafrazį (toliau MPr)1. 1. Zunächst zu Mažvydas’ Paraphrase. In seiner Artikelserie über die Sprache der Schriften von M. Mažvydas bemerkte Z. Zinkevičius beiläufig in einer Fußnote: „Das diakritische Zeichen des Buchstabens û ist in J. Gerulis’ fotografischem Abdruck der Form des Taufens und der Paraphrase von 1922, wie der Vergleich mit den verfügbaren Mikrofilmen zeigt, stellenweise undeutlich gedruckt oder sogar ganz abgebröckelt. Ob es solche Beispiele auch im Gesangbuchtext der Gerulis-Ausgabe gibt, lässt sich ohne das Original nicht feststellen“ (Zinkevičius 1978: 38, Fußnote 45). Und tatsächlich fällt bei einer Untersuchung etwa des in der Universitätsbibliothek Uppsala aufbewahrten Textes von MPr und einem – wenn auch sehr oberflächlichen – Vergleich mit dem von Gerulis herausgegebenen Text auf (abgesehen von anderen kleineren Erscheinungen), dass häufig die Buchstaben <u> zu <û> zu berichtigen sind. Genauer gesagt lässt sich feststellen, dass in Gerulis’ fotografischer Ausgabe von MPr insgesamt sogar 15 Fälle des Wandels <u>→<û> in den folgenden Formen zu finden sind: 135, 13 steht <tu>, im MPr-Original dagegen <tû>; 136, 8 steht <nug>, im MPr-Original dagegen <nûg>; 137, 9 steht <roċitu̇ duna>, im MPr-Original dagegen <roċitu̇ dūna>; 137, 10 steht <nug>, im MPr-Original dagegen <nûg>; 139, 8 steht <nug>, im MPr-Original dagegen <nûg>; 139, 18 steht <duſti>, im MPr-Original dagegen <dûſti>; 140, 6 steht <nug>, im MPr-Original dagegen <nûg>; 140, 8 steht <Duna>, im MPr-Original dagegen <Dûna>; 140, 13 steht <ku>, im MPr-Original dagegen <kû>; 410, 20 steht <tu>, im MPr-Original dagegen <tû>; 142, 2 steht <iſchdutas>, im MPr-Original dagegen <iſchdûtas>; 140, 4 steht <Schitu>, im MPr-Original dagegen <Schitû>; 147, 1 steht <duk>, im MPr-Original dagegen <dûk>; 148, 1 steht <duki>, im MPr-Original dagegen <dûki>. Dies ist nur ein einziger Fall, vielleicht auch kein besonders bedeutender, doch er zeigt, was man noch 1 Diese Mitteilung entstand während eines Forschungsaufenthalts an der Universität Vilnius (1993 09 17–1993.10.08); finanziert wurde dieser vom CONSIGLIO NAZIONALE DELLE RICERCHE. 21 von einer wissenschaftlichen Ausgabe der Schriften Mažvydas’ erwarten könnte, anstatt sich mit Gerulis’ fotografischem Nachdruck von 1922 (1923 wiederholt) zufriedenzugeben. 2. In jüngster Zeit habe ich mit meiner früher begonnenen Untersuchung des zweiten Denkmals der litauischen Schriftkultur – der 1549 in Königsberg erschienenen GA von M. Mažvydas (Dini 1984, 1986, 1987, 1989 und schließlich 19932) – „einen Schlussstrich gezogen“. Bei der Vorbereitung einer Monografie und der Untersuchung des Textes, der ebenfalls in Gerulis’ Ausgaben von 1922 und 1923 enthalten ist, bemerkte ich einige Besonderheiten dieses Werkes Mažvydas’, über die sich meiner Ansicht nach sehr gut auf dieser Konferenz sprechen lässt. Zu den Zielen der genannten Untersuchung gehörte die Aufgabe, einen genaueren GA-Text festzustellen. Die GA wurde 1897 zufällig vom polnischen Bibliografen Z. Celichowski in der Bibliothek von Kórnik bei Posen entdeckt und noch im selben Jahr herausgegeben. Wichtig ist anzumerken, dass J. Gerulis (1922 und 1923) und alle späteren Herausgeber der GA sich auf den 1897 von Celichowski herausgegebenen Text stützten. Nach einer sorgfältigen Untersuchung des GA-Originals und dessen Vergleich mit späteren Ausgaben kann ich jedoch mit Sicherheit behaupten, dass der von Gerulis herausgegebene fotografische GA-Text an einigen Stellen korrigiert werden muss. Insgesamt wurden sechs zu korrigierende Formen gefunden, über die es sich lohnt, etwas ausführlicher und Punkt für Punkt zu sprechen. Diese Formen lassen sich in vier Typen einteilen: 1) falsche Schreibung eines Buchstabens, 2) Einfügung eines unnötigen Buchstabens, 3) Weglassen eines erforderlichen Buchstabens, 4) Verlust der diakritischen Zeichen von Nasalbuchstaben. Der erste Typ ist besonders vielfältig: <n>→<u>: Gerulis 81,14 (vgl. Celichowski 1897: 22) gibt <panta> nom. sg. an; im Original steht dagegen <pauta> id.; <a>→<u>: Gerulis 88, 3 (vgl. Celichowski 1897: 29) gibt <amβia> gen. sg. an; im Original steht dagegen <amβiu> gen. pl.; <i>→</f>, <r>→<i>: Gerulis 91, 22 (vgl. Celichowski 1897: 32) gibt <iichgr> praep. an; im Original steht dagegen <iſchgi> id.; <r>→<x>: Gerulis 92, 14 (vgl. Celichowski 1897: 33) gibt <linrmay> adv. an; im Original steht dagegen <linxmay> id. Vom zweiten Typ gibt es nur eine einzige Form: <з>→<,>: Gerulis 86, 2 bietet <зmogų>, während im Original <зmo-gu,> acc. sg., vgl. den Originalkontext: Tu ant iſchgelbeghima prieydams зmo / gu, neſſibayſeijey mergos зiſtos kuna. Ich vermute, dass beim Retuschieren des Textes für den Druck durch Celichowski, d. h. den ersten Herausgeber der GA (der Litauisch nur schlecht oder überhaupt nicht beherrschte!), in den erwähnten Zeilen zwischen den Wörtern зmogų und neſſibayſeijey irrtümlich der Buchstabe з auftauchte, wahrscheinlich um ein Komma zu kennzeichnen. Da alle späteren Herausgeber der GA Celichowskis Text unkritisch übernahmen, blieb dieser Fehler bis heute erhalten; gestützt auf morphosyntaktische Argumente hatte ich bereits an anderer Stelle darauf hingewiesen (Dini 1987), und nun bestätigt die Untersuchung des Originals dies. Übrigens ist an dieser Stelle der Unterschied zwischen 2 Diese Monografie entwirft ein systematisches Bild der Phänomenologie der GA-Quellen sowie von Mažvydas’ Tätigkeit als Übersetzer und benennt die Methode, mit der die Texte Mažvydas’ untersucht werden. Bekanntlich wurde die GA dem damaligen Herrscher des Kreises Ragnit, in dem Mažvydas bald das Pfarramt übernehmen sollte, als Ostergeschenk überreicht. Das Werk besteht aus drei Osterliedern: dem Hauptlied ”Tawe diewa garbinam” sowie ”Per tawa /chwentą priekelimā” und ”Chriſtus Diewas muſu”. 22 des Drucks von Mažvydas’ Text aus dem Jahr 1549 und desselben Textes im Jahr 1570. Auch vom dritten Typ wurde nur eine einzige Form gefunden: ø→<ʃ>: Gerulis 92, 7 bietet <ſunu>, während im Original <ſunus> nom. sg. steht, vgl. den Originalkontext: Christus ſunus Diewa, Welnuwą pra / wiją, ir pati pamine, galwa ijo ſutri / ne. Da Gerulis in diesem einzigen Fall Celichowski nicht folgt (vgl. 1897: 33), gibt es Grund zu der Annahme, dass es sich um einen banalen Druckfehler handelt, der beim Nachdruck von Celichowskis Text durch abgebröckelte Druckfarbe entstanden ist. Schließlich der vierte Typ — der beispielreichste. Es handelt sich um das Weglassen des diakritischen Zeichens eines Nasalbuchstabens, durchschnittlich etwa einmal auf jeder zweiten Seite: <a>→<ą>: Gerulis 81, 15 (vgl. Celichowski 1897; 22) bietet <ta> pron. acc. sg. f., während im Original <tą> id. steht; Gerulis 82, 3 (vgl. Celichowski 1897: 23) bietet <amβinaghi> acc.sg., während im Original <amβinąghi> id. steht; Gerulis 85, 2 (vgl. Celichowski 1897: 26) bietet <Cӡeʃtingaghi> acc. sg., während im Original <Cӡeʃtingąghi> id. steht; Gerulis 90, 9 (vgl. Celichowski 1987: 31) bietet <dangu> acc. sg., während im Original <dąngu> id. steht; das Weglassen des diakritischen Zeichens ist auch bei Gerulis 83, 5 verdächtig. <e>→<ę>: Gerulis 81, 12 und 81, 13 (vgl. Celichowski 1897: 22) bietet <ije> acc. sg., während im Original <įje> id. steht; Gerulis 83, 1 (vgl. Celichowski 1897: 24) bietet <tawęʃp> acc. sg., während im Original <tawęʃp> id. steht; die Nasalkennzeichnung ist auch bei Gerulis 82, 5 und 82, 6 verdächtig. Außerdem ebenso bei Gerulis 86, 6 (vgl. Celichowski 1897: 27). 3. Es ist klar, dass Gerulis in seinen Ausgaben den 1897 von Celichowski veröffentlichten Text ziemlich unkritisch übernahm, ohne das Original heranzuziehen, das damals wie heute in der Bibliothek von Kórnik aufbewahrt wurde. Ich möchte hier nicht von Gerulis’ mangelnder Sorgfalt als Philologe sprechen (obwohl schwer vorstellbar ist, wie ihm das Original der GA hätte unzugänglich sein können), doch diese sechs zu korrigierenden Formen sind trotz ihrer geringen Zahl bedeutsam und verdienen Beachtung, denn sie beweisen erneut, dass auch andere Werke Mažvydas’ Korrekturen erforderlich machen könnten. Mit anderen Worten zeigen die Fälle von MPr und GA, dass diese Sachlage sowohl für jene Schriften Mažvydas’ gilt, die zuerst von Gerulis selbst entdeckt und herausgegeben wurden, als auch für jene, die erstmals nicht von Gerulis entdeckt und herausgegeben wurden. Das wirft die Frage auf, ob man Gerulis’ Ausgabe der Schriften Mažvydas’ weiterhin wirklich vertrauen kann. Gerulis’ Ausgaben der Schriften Mažvydas’ aus den Jahren 1922 und 1923 sind besonders verdienstvoll, weil sie sämtliche Werke des Begründers der litauischen Schriftkultur einer breiten Leserschaft zugänglich machten. In seiner Rezension von Gerulis’ Ausgabe schrieb Būga: ”jetzt sind die Schriften Mažvydas’ jedem zugänglich, der sie lesen möchte. Also, machen wir uns daran, Mažvydas zu erforschen! Mažvydas bietet nicht nur Sprachwissenschaftlern, sondern auch anderen Vertretern der Philologie Arbeit” (Būga 1961: 691). Leider fand sein Aufruf nicht den erhofften Widerhall, und so paradox es auch klingen mag, können jene fotografischen Nachdrucke keineswegs weitere paläografische Untersuchungen fördern, denn diese Nachdrucke haben die Schriften Mažvydas’, wie ich sagen würde, auf gerulische Weise ”einbalsamiert”³. 3 Wichtig ist festzustellen, welche ähnliche Rolle in der Prussistik R. Trautmanns Werk ”Die altpreussischen Sprachdenkmäler” (Göttingen, 1910) spielte. 23 Es wird höchste Zeit, dass auch die wissenschaftliche Edition der Schriften Mažvydas endlich in Gang kommt... Gerulis Buch kann heute wohl nicht mehr als wissenschaftliche Edition der Schriften Mažvydas gelten. LITERATŪRA Būga K. 1961: Rinktiniai raštai 3, Vilnius: Valstybinė politinės ir mokslinės literatūros leidykla. GA — Mažvydas M. Giesme S. Ambraziejaus bey S. Augustina... Karalauczuy, 1549. MPr — Mažvydas M. Paraphrastis, permanitina poteraus malda... Karalauczuy, 1589. Augstkalns A. 1935: Smulkūs pastebėjimai. — Archivum Philologicum 5, 149—159. Celichowski Z. 1897: M. Mosswida Waitkuna przekład litewski pieśni Te Deum Laudamus z r. 1549, Poznań. Dini P. U. 1984: Martynas Mažvydas e la lingua del Canto di s. Ambrogio. — Europa Orientalis 3, 17—31. Id. 1986: Apie Mažvydo 1549 m. Te Deum vertimą. — Baltistica 22(1), 66—75. Id. 1987: Apie Mažvydo vertimų bei šaltinių fenomenologiją I: Giesme s. Ambraziejaus bey s. Augustina. — Baltistica 23(1), 52—56. Id. 1989: Apie Mažvydo vertimų bei šaltinių fenomenologiją II: Giesme Schwenta Dwaſſe muſſump ateik. — Kalbotyra 40(1), 11—16. Id. 1993: L’inno di S. Ambrogio di Martynas Mažvydas. Il secondo monumento linguistico lituano. Studio filologico-linguistico del testo antico lituano (1549) e delle sue fonti latine e polacche, Roma, 1993. Gerulis J. 1922: Mažvydas. Seniausieji lietuvių kalbos paminklai iki 1570 metams, Kaunas. Id. 1923: Mosvid. Die ältesten litauischen Sprachdenkmälern bis zum Jahre 1570, Heidelberg. Zinkevičius Z. 1978: M. Mažvydo raštų kalba. — Baltistica 14(1), 38—44. 24