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Dabartinės lietuvių kalbos žodynas leksikos sistemiškumo požiūriu

Aloyzas Gudavičius

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LIETUVIŲ KALBOTYROS KLAUSIMAI XXXVII (1997) LEKSIKOGRAFIJOS IR LEKSIKOLOGIJOS PROBLEMOS Aloyzas GUDAVIČIUS DAS WÖRTERBUCH DER GEGENWÄRTIGEN LITAUISCHEN SPRACHE UNTER DEM ASPEKT DER SYSTEMATIK DES WORTSCHATZES Dass der Wortschatz ebenso wie die anderen Sprachebenen ein System ist, wird nicht mehr bestritten, auch wenn die Beschaffenheit des lexikalischen Systems nicht von allen gleichermaßen verstanden wird. Man kann jedoch sagen, dass das System des Wortschatzes aufgrund der Zahl seiner Elemente und der Vielfalt und Fülle der Beziehungen zwischen ihnen das komplexeste Gebilde aller Sprachebenen ist. Deshalb fiel es den Strukturalisten so schwer, den Wortschatz zu ordnen. Das lexikalische System lässt sich nur schwer in irgendwelche Schemata pressen. Die Besonderheit des lexikalischen Systems wird durch folgende Hauptmerkmale bestimmt: a) die Fülle und Instabilität der Elemente, da ständig neue Elemente (Lexeme, Sememe) entstehen und die vorhandenen sich merklich verändern, b) die Vielfalt der Beziehungen zwischen den Elementen (Beziehungen nach Inhalt, nach Form sowie nach Inhalt und Form), c) die Gliederung des Systems in größere und kleinere Subsysteme, d) die unscharfen Grenzen zwischen den Elementen und Subsystemen sowie ihre teilweise Überschneidung und Verflechtung. Das lexikalische System oder auch nur einen Teil davon umfassend und adäquat zu beschreiben und darzustellen, ist in Wirklichkeit unmöglich. Das von J. Tyro befürwortete Mosaikprinzip ist hier völlig ungeeignet. Ein weniger komplexes Bild wäre das einer Vielzahl kleinerer und größerer Volumina, die einander berühren und, noch häufiger, im mehrdimensionalen Raum ineinander übergehen. Dies lässt sich nicht auf einer zweidimensionalen Fläche – einem Blatt Papier – darstellen. Die umfassendsten und genauesten Beschreibungen des lexikalischen Systems einer Sprache sind erklärende Wörterbücher. Im Grunde genommen registrieren sie jedoch lediglich die Elemente des Systems, beschreiben aber nicht das System selbst (seine Struktur). Dies gilt insbesondere für alphabetische Wörterbücher. Anschaulich schrieb der berühmte russische Lexikograf V. Dal über Wörterbücher dieser Art; für sein eigenes Wörterbuch hatte er das Nestprinzip der Wortanordnung gewählt: „Die engsten, verwandten Wörter (...) werden weit auseinander verstreut und leiden dort vereinsamt; jede lebendige Sprachbeziehung ist zerrissen und verloren (...), man hat keine Kraft, ein solches Wörterbuch zu lesen; beim zehnten Wort wird der Verstand stumpf und einem schwindelt, denn unser Verstand sucht überall nach irgendeinem sinnvollen Zusammenhang und nach Ordnung“ (Dal’ 1989 S. XXVI). Teilweise spiegelt sich die Systematik des Wortschatzes in systematischen (ideografischen) Wörterbüchern wider, während sich in alphabetischen Wörterbüchern nur das eine oder andere Merkmal der Systematik finden lässt. Erstens besteht eine gewisse Explikation systemischer Beziehungen in der Erklärung von Wortbedeutungen durch Synonyme und Antonyme – dadurch werden die Übereinstimmung oder die Nähe verschiedener Sememe gezeigt. Zweitens zeigt die Erklärung durch Verweise auf andere Elemente die engsten … 33 … die wichtigsten Beziehungen zwischen Lexemen (es wird dieselbe Bedeutung eines anderen Wortes oder eine Wortbildungsbeziehung angegeben). Drittens macht die beschreibende Bedeutungserläuterung auch systematische Beziehungen zwischen der Bedeutung des erläuterten Wortes und den Bedeutungen der in der Erläuterung verwendeten Wörter sichtbar (z. B. ist bei siekti – ‚sich bemühen, etwas weiter Entferntes zu berühren oder zu nehmen‘ die Beziehung zwischen den Bedeutungen ‚streben‘ und ‚sich bemühen‘, ‚berühren, nehmen‘, ‚weiter entfernt‘ klar erkennbar). Ein erklärendes alphabetisches Wörterbuch kann die Systemhaftigkeit des Wortschatzes aufgrund des alphabetischen Prinzips der Anordnung der Wörter nicht ausführlicher widerspiegeln (nebeneinander stehen oft semantisch sehr weit voneinander entfernte Wörter, wodurch reale semantische Beziehungen zerrissen werden (Piesarskas 1987: 121)); zudem verfolgt es ein anderes Ziel – Informationen über einzelne Elemente des lexikalischen Systems bereitzustellen. Bei der Erstellung eines solchen Wörterbuchs muss man jedoch bei der Beschreibung der semantischen Struktur eines einzelnen Wortes das gesamte System oder einen Teil davon im Blick behalten. Das betonen auch die Lexikografen selbst. J. Paulauskas schreibt, dass eine nicht alphabetische, sondern nach gemeinsamen Wortmerkmalen (in Wortgruppen) vorgenommene Wörterbuchredaktion „dazu beitragen sollte, verschiedene Fehler, Unstimmigkeiten und Fälle uneinheitlicher Behandlung zu beseitigen, die sich bei der alphabetischen Erstellung eines Wörterbuchs nicht vermeiden lassen“ (Paulauskas 1985: 6; vgl. auch Švedova 1981: 171; Babickienė 1985: 231). Der Umfang des Wortschatzes einer Sprache und die Fülle semantischer Gruppen und Untergruppen sind jedoch objektive Gründe dafür, dass bei der Redaktion (und eigentlich auch beim Verfassen) des Wörterbuchs nach Wortgruppen häufig gegen dieses Prinzip verstoßen wird. Daraus ergeben sich folgende Mängel des Wörterbuchs: 1) Analoge, gleichartige lexikalische Einheiten (Wörter und Sememe) werden uneinheitlich beschrieben, 2) sie werden fehlerhaft durch Synonyme erläutert, wodurch die Bedeutungsunterschiede zwischen verwandten Sememen eingeebnet werden, 3) sie werden durch Wörter erläutert, die selbst im Wörterbuch nicht erläutert werden. Da es nicht unser Ziel ist, das „Wörterbuch der litauischen Gegenwartssprache“ ausführlicher zu behandeln, führen wir hier nur einige Beispiele an, die zeigen, welche Uneinheitlichkeiten und Widersprüche entstehen, wenn die systematischen Beziehungen zwischen Wörtern und Sememen sowie die Gesamtstruktur des lexikalischen Systems nicht ausreichend berücksichtigt werden. Der wohl häufigste Mangel im semantischen Teil erklärender Wörterbücher ist die uneinheitliche Beschreibung gleichartiger Sachverhalte. Mit den Wörtern baritonas, bosas, altas, kontral- tas, diskantas, sopranas, tenoras, deren Hauptbedeutung ‚eine bestimmte Männer-, Frauen- oder Kinderstimme‘ lautet, kann auch ein Sänger oder eine Sängerin bezeichnet werden, der bzw. die eine solche Stimme hat. Diese regelmäßige metonymische Beziehung wird im DŽ2 uneinheitlich gekennzeichnet. Bei den Wörtern sopranas, kontr altas, bosas, tenoras ist eine zweite Bedeutung ‚Sänger(in) mit einer solchen Stimme‘ angegeben; bei den Wörtern baritonas und diskantas wird diese Bedeutung als Bedeutungsnuance der ersten Bedeutung (nach einem Semikolon) aufgeführt, während sie beim Wort altas nicht einmal als Bedeutungsnuance angegeben ist. Auch das DŽ3 ist in diesem Fall uneinheitlich, allerdings auf andere Weise: Die selbstständige Bedeutung ‚Sängerin‘ ist bei den Wörtern altas, kontr altas verzeichnet, die Bedeutungsnuance ‚eine bestimmte Stimme‘ beim Wort diskantas, während bei den Wörtern baritonas, bosas, sopranas, tenoras eine Bedeutung überhaupt nicht angegeben ist. Im Bewusstsein der Sprecher sind die Bezeichnungen für Haustiere sehr eng miteinander verwandt: ar- 34 Kälber, Schafe, Kühe, Katzen, Schweine, Ziegen, Hunde, Kaninchen. Zur Erklärung ihrer Grundbedeutungen verwendet DŽ2 drei Semengruppen: die Angabe einer übergeordneten Klasse (‘Haustier’), unterscheidende Merkmale (‘groß’, ‘gehörnt, wiederkäuend’) und den Verwendungszweck (‘wird wegen seines Fleisches und seiner Wolle gehalten’); konsequent ist die Darstellung jedoch nicht. Die Zweckseme ist in den Bedeutungen der Wörter katė und triušis nicht gekennzeichnet (möglich wären ‘für ein gemütliches Zuhause, zum Mäusefangen’ und ‘für Fell und Fleisch’), die Seme ‘Haus-’ fehlt in der Bedeutung von ožkos, unterscheidende Merkmal-Semen fehlen bei avies (‘mittelgroß’), kiaulės (‘mit Borsten bedeckt’), katės (‘klein’, ‘mit weichem Fell’), šuns (‘bellend, beißend’), triušio (‘mit weichem Fell’); unnötigerweise scheint die Zugehörigkeit zu einer zoologischen Klasse bei katės (‘Ordnung der Raubtiere’) und triušio (‘Familie der Hasen’) semantisch ausgewiesen, und der terminologische Hinweis zool. erscheint nur bei den Bezeichnungen katės, ožkos, šuns und triušio. Die Erklärungen in DŽ3 sind einheitlicher, aber dürftiger: Es wird nur die Zweckseme angegeben, doch wiederum uneinheitlich; der Bedeutung von karvės wird ‘groß, gehörnt’ hinzugefügt, während den Erklärungen von katės und triušio der Vermerk zool. hinzugefügt wird. Die erste Bedeutung des Wortes pogrupis wird in DŽ2 folgendermaßen beschrieben: ‘eine Einheit der Systematik von Tieren oder Pflanzen, kleiner als eine Gruppe’; beim Wort grupė wird eine derart terminologisierte Bedeutung hingegen nicht angesetzt. In DŽ3 ist diese Uneinheitlichkeit nicht mehr vorhanden. Sememe mit nahezu analoger semantischer Struktur und analogem Wert (valeur), karštakraujis, šaltakraujis ‘hitzig, jäh’ und ‘langsam, ruhig’ plus ‘über einen Menschen’, werden in beiden Wörterbüchern völlig unterschiedlich erklärt: Die erste wird als Substantiv angeführt und mit dem Synonym ‘hitzköpfiger Mensch’ erklärt, die zweite dagegen als Adjektiv und als abgeleitete Bedeutung der Grundbedeutung ‘die Körpertemperatur entsprechend der Umgebungstemperatur verändernd’ (mit dem Vermerk prk.). Doch es dürfte schwer zu bestreiten sein, dass beide Wörter im Bewusstsein der Sprecher als ausdrucksvolle Charakterisierung des menschlichen Temperaments verstanden werden; ihre Grundlage ist die übertragene Verwendung der ersten Wurzeln karštas und šaltas. Zwischen der ersten und der zweiten Bedeutung des Wortes šaltakraujis lässt sich schwer ein Zusammenhang semantischer Abhängigkeit erkennen; sie ist daher schlicht als parallele Benennung anzusehen. Die Unterscheidung von Wortbedeutungen ist für Lexikografen vermutlich oft die schwierigste Aufgabe, denn grundsätzlich kann man in einem Wort entweder mehr, stärker spezialisierte Bedeutungen oder weniger, dafür allgemeinere und abstraktere ansetzen (solche Beispiele lassen sich leicht finden, wenn man DŽ und LKŽ vergleicht). Die uneinheitliche Gliederung der Bedeutungen zwischen einem Grundwort und seinen Präfixableitungen, die meist eine einfachere semantische Struktur aufweisen, lässt sich jedoch nicht rechtfertigen. DŽ2 unterscheidet zwei Bedeutungen des Wortes keipti: ‘schlapp werden, ohnmächtig werden’ und ‘verenden, zugrunde gehen’; bei der Ableitung nukeipti ist die erste Bedeutung faktisch in drei untergliedert: ‘schwach werden, verkümmern’, ‘herabhängen, erschlaffen’ und ‘ohnmächtig werden’. Auch die stilistische Charakterisierung ist uneinheitlich: Nur die zweite Bedeutung von keipti trägt den Vermerk šnek., während bei nukeipti das gesamte Wort so gekennzeichnet ist. In DŽ2 werden Berufslexik und stilistische Wortcharakterisierungen häufig uneinheitlich dargestellt. So steht bei den Wörtern virusas, lazdelė der Vermerk biol., bei užkratas dagegen med.; bei mikrobas, bacila, bakterija, net gonokokas fehlt jede Kennzeichnung. In DŽ3 sind nur mikrobas und gonokokas ohne Kennzeichnung geblieben, während bacila und bakterija den Vermerk biol. tragen. 35 Die zum kulinarischen Bereich gehörenden Lexeme įsnauja ‘auf eine bestimmte Weise zubereitetes und in Bauchfell eingewickeltes Schweineschmalz; Schmalzrolle’, kraujienė ‘Blutsuppe’, nugarinė ‘Fleisch vom Rücken eines Tieres’ tragen in DŽ₂ den Vermerk kul., während völlig analog bedeutende und im gleichen Bereich verwendete Lexeme taukinė, žarnokai, šoninė, kumpis diesen Vermerk nicht haben. DŽ₃ behält den Vermerk kul. nur bei kraujienės bei, während es bei žarnokų den Vermerk etnogr. hinzufügt. In der zuvor erwähnten Gruppe von Bezeichnungen für menschliche Stimmen tragen alle Lexeme den Vermerk muz., außer altas ir tenoras. Hier sind sowohl DŽ₂ als auch DŽ₃ gleichermaßen uneinheitlich. Die uneinheitliche Behandlung der Berufs- (terminologischen) Lexik wird durch folgendes Beispiel veranschaulicht: In DŽ₂ sind die Schmetterlingsfamilien peledagalvių, baltukų nicht als eigene Einträge verzeichnet, obwohl in den Erklärungen einzelner Vertreter die Familienbezeichnungen verwendet werden (kaspinuotis – 3. “ein solcher Schmetterling aus der Familie der peledagalviai”; citrinukas – zool.“ein Schmetterling aus der Familie der baltukai”), während im Artikel sprindis eine eigene Bedeutung ‘Familie’ angesetzt wird: 3.dgs.zool. ‘eine solche Schmetterlingsfamilie’. Ein sehr häufiges Phänomen ist die uneinheitliche stilistische Behandlung von Präfixableitungen im Vergleich zur stilistischen Kennzeichnung des Grundworts, obwohl das Präfix den stilistischen Wert des Wortes (der Sememe) gewöhnlich nicht verändert. Zum Beispiel steht in DŽ₂ bei den Sememen traiškyti, pritraiškyti ‘melken, etwas gemolken bekommen, dabei nur wenig Milch erhalten’ der Vermerk šnek., nicht aber beim analogen Semem patraiškyti; DŽ₃ setzt šnek. bei beiden präfigierten Formen, nicht jedoch bei traiškyti. Die Wörter apdriskėlis, nudriskėlis tragen in DŽ₂ nicht den Vermerk menk., sudriskėlis dagegen schon. In DŽ₃ werden all diese Wörter ohne den Vermerk menk. angeführt. In DŽ₂ fehlt der Vermerk menk. beim Wort išdvasa ‘ein kümmerliches, verkümmertes Tier oder ein solcher Mensch’, während die hinsichtlich der emotionalen Wertung völlig analogen Sememe der Wörter dvasna ir nuodvasa den Vermerk tragen; dasselbe gilt für DŽ₃. Die Bedeutungen ‘gierig essen, verschlingen’ der Wörter žliaubti, žliaugti tragen in DŽ₂ nicht den Vermerk šnek., die präfigierten Formen sužliaubti, sužliaugti dagegen schon; DŽ₃ kennzeichnet konsequent auch die nicht präfigierten Formen mit šnek.. Beim Vergleich von DŽ₂ und DŽ₃ zeigt sich, dass DŽ₃ stilistische Charakterisierungen und Vermerke zur emotionalen Wertung konsequenter anführt; vgl. ferner: In DŽ₂ steht bei kiaulinti der Vermerk šnek., bei iškiaulinti fehlt er; bei tauzyti, taukšti steht menk., bei pritauzyti, pritaukšti fehlt er; bei pliurpti steht šnek., bei papliurpti dagegen menk.; in DŽ₃ erhalten all diese Wörter den Vermerk šnek.. In DŽ₂ steht der Vermerk menk. bei liežuvauti, während paliežuvauti ir priliežuvauti ohne diesen Vermerk angeführt werden; DŽ₃ lässt dagegen nur priliežuvauti ohne Kennzeichnung. In DŽ₂ steht der Vermerk šnek. beim Wort pirmokas, nicht aber bei antrokas, trečiokas und den folgenden Wörtern; er steht bei penketukininkas, nicht aber bei dvejetukininkas, trejetukininkas, ketvertukininkas. DŽ₃ behandelt alle genannten Wörter als stilistisch neutral. Auch die übertragene Bedeutung wird uneinheitlich gekennzeichnet; mitunter trägt von zwei semantisch abhängigen, gleichartigen Sememen die eine den Vermerk prk., die andere dagegen šnek., zum Beispiel: In DŽ₂ wird die Bedeutung des Wortes dergti ‘beschimpfen, verunglimpfen, verleumden’ als übertragen gekennzeichnet, die analoge Bedeutung von išdergti dagegen nicht (in DŽ₃ werden beide Fälle mit prk. gekennzeichnet); völlig analog sind die Bedeutungen der Wörter atšauti ir atkirsti ‘scharf antworten’, doch in DŽ₂ steht der Vermerk prk. nur bei der ersten (in DŽ₃ bei beiden); das Wort 36 Die Bedeutung von rėžti ‘offen, geradeheraus sagen’ wird in DŽ₂ als übertragen angegeben, während die analoge Bedeutung der Ableitung išrežti mit der Kennzeichnung šnek. versehen ist (in DŽ₃ sind beide Fälle mit šnek. gekennzeichnet); die Bedeutung des Wortes ryti ‘gierig essen, fressen, trinken’ wird in DŽ₂ mit der Kennzeichnung prk. angegeben, während die analoge Bedeutung von praryti mit menk. gekennzeichnet ist (in DŽ₃ sind beide Fälle mit menk. versehen). Aufgrund der unzureichenden Beachtung der Systematik werden dieselben grammatischen Merkmale eines Wortes uneinheitlich angegeben. Sowohl in DŽ₂ als auch in DŽ₃ werden die Wörter pirmaklasis, pirmakursis (in DŽ₂ außerdem penktaklasis) als Substantive aufgeführt, antrakursis, antraklasis, trečiaklasis usw. dagegen als Adjektive; die Wörter trečiakursis, ketvirtakursis, penktakursis fehlen in beiden Wörterbüchern gänzlich. Weitere Beispiele aus DŽ₂: dykakalbis ist ein Substantiv, tuščiakalbis dagegen ein Adjektiv; šaltakraujis ist ein Adjektiv, šiltakraujis dagegen ein Substantiv; šiurkščiavilnis ist ein Substantiv, švelniavilnis, ilgavilnis, plonavilnis, trumpavilnis, šiltavilnis, juodavilnis sind dagegen Adjektive; vienergis, aštuonergis sind Substantive, ketvergis – septynergis und devynergis dagegen Adjektive; in DŽ₃ werden die Tierbezeichnungen nach Alter ebenfalls so angegeben, alle übrigen Wörter hingegen konsequent als Adjektive behandelt. Wenn man die gesamte semantische Gruppe nicht im Blick hat, übersieht man leicht völlig unbegründete Auslassungen. So enthält DŽ₂ beispielsweise alle Bezeichnungen für Schüler nach Klassenstufe, lässt aber vienuoliktokas und dvyliktokas aus; es gibt keturiolikinis, šešiolikinis, septyniolikinis, devyniolikinis, aber aus irgendeinem Grund nicht penkiolikinis, aštuoniolikinis. Ein sehr häufig genannter Mangel erklärender Wörterbücher ist die fehlerhafte Bedeutungsangabe, d. h. die Bedeutung eines Wortes wird durch ein Synonym erläutert, dessen Bedeutung wiederum durch Verweis auf das erste Wort erklärt wird. Dadurch wird weder klar, was die beiden Wörter bedeuten, noch ob und worin sich ihre Bedeutungen unterscheiden (Lyberis 1962: 201). Oft werden Wörter mit sehr ähnlicher oder identischer Bedeutung gegenseitig erklärt. Beispiele dafür lassen sich in DŽ₂ und DŽ₃ leicht finden: pjūdyti – 1. „siundyti“, siundyti dagegen – 1. „pjūdyti“; zimbti – 1. „zvimbti, bimbti“; bimbti – 1. „zirzti, zvimbti“, zvimbti – 1. „bimbti“, zirzti – 1. „birbti, bimbti (über Insekten)“, birbti – 2. „zirzti, bimbti“. Etwas helfen gelegentliche Präzisierungen der Bedeutung bei dem einen oder anderen Wort, wie im angeführten Beispiel „(über Insekten)“; vgl. ferner (in beiden Wörterbüchern): čirkšti – 1. „čirpti, svirpti“, svirpti – „čirkšti (über eine Grille)“, čirpti – 1. „čirkšti, svirpti (über eine Grille, einen kleinen Vogel)“. Logisch sind solche Präzisierungen jedoch nicht gerechtfertigt, denn demnach wäre beispielsweise im angeführten Beispiel čirkšti dasselbe wie ir svirpti, svirpti dagegen nicht dasselbe wie čirkšti. Ein noch deutlicherer Widerspruch zeigt sich in folgendem Beispiel: skepeta – „skarelė“, skarelė dagegen – „ein kleines Kopftuch zum Umbinden“ (DŽ₂). Offenbar wird bei der Erklärung von Wörtern durch Synonyme das Prinzip der Systematik am stärksten berücksichtigt. Das Problem besteht jedoch darin, dass die Unterschiede zwischen bedeutungsähnlichen Wörtern meist nicht hervorgehoben werden; festgehalten wird lediglich ihre Gemeinsamkeit (Němec 1970: 293). In beiden Ausgaben wird bur(b)ti durch das Synonym burgzti erklärt, letzteres durch die Synonyme bigzti, ūžti, dūgzti, birgzti – durch die Synonyme bimbti, zirzti; außerdem haben dūgzti und ūžti zusätzlich eine beschreibende Bedeutungsangabe: das erste „einen leisen, dünnen Laut hervorbringen, zvimbti, birgzti, ūžti“, das zweite „einen tiefen, anhaltenden Laut von sich geben, gausti“. Aus diesem Erklärungskreislauf wird nur der Unterschied zwischen dūgzti ein wenig deutlich. 37 und užžti; unklar bleibt jedoch, worin sich die Bedeutungen aller übrigen Wörter unterscheiden. Aus den angeführten synonymischen Erklärungen würde man schließen, dass sie sich offenbar nicht unterscheiden; tatsächlich ist das aber nicht so (vgl. miškas ūžia, aber * miškas burbia, burzgia, birzgia). Ein häufiger Mangel erklärender Wörterbücher besteht darin, dass Bedeutungen mit Wörtern erläutert werden, die im Wörterbuch selbst nicht erklärt werden. Eine solche „Erklärung“ ist besonders unbefriedigend, wenn das nicht erklärte Wort als einziges die Bedeutung erschließt. Zum Beispiel in DŽ₂: bū išt. „mū (über das Brüllen von Rindern)“, während mū fehlt; vamptelėti 1. „suvamspėti“, während suvamspėti fehlt; vedekliauti regional „važnyčioti, beim Holztransport Fuhrmannsdienste leisten“, während važnyčioti fehlt; prisirpti – „išsirpti“, während išsirpti fehlt; capsenti – „langsam capsėti“, während capsėti fehlt; vypa b. „jemand, der oft vypčioja, ein išvypelis“, doch weder vypčioti noch išvypelis ist verzeichnet. In DŽ₃ gibt es weniger solcher Uneinheitlichkeiten; in den hier genannten Fällen finden sich dort Erklärungen zu den Wörtern mū, suvamspėti, capsėti, vypčioti. Ein weiteres Problem dieses erklärenden Wörterbuchs zeigt sich, wenn die Bedeutung zwar beschreibend erläutert wird, daneben (oder sogar in der Erklärung selbst) jedoch ein im Wörterbuch fehlendes Wort angegeben ist, zum Beispiel (in den Erklärungen sind Wörter hervorgehoben, die selbst nicht in DŽ₂ stehen): pliumpinti 2. „ungeschickt gehen, plumpinti“; širšėti dialektal „ūžti, bimbiliuoti (über Bienen, Hornissen)“; motina 2. „Biene, die Eier legt; bitinėlis“; dvasna 3. b. abw. „ein abgemagertes Tier oder ein abgemagerter Mensch; nuosproga, perdvėsėlis“; kačiukas 1. „Junges einer Katze, katukas“; pakarūklai Pl. 2. „Zitzen am Hals eines Ferkels; sargučiai“; svisti östl. „leuchten, hell werden“; gluodenas zool. „eidechsenähnliches, ungiftiges Reptil; Blindschleiche, varinukė“; sukiaukšėti „kurz kiaukšėti, kiaukštelėti“; sukirksėti „kurz kirksėti, kirkštelėti“. Auch in DŽ₃ treten solche Uneinheitlichkeiten seltener, aber dennoch auf (ebenso wie in DŽ₂ werden auch die Wörter sukiaukšėti, svisti, pliumpinti erklärt). Die hier angeführten Beispiele (es gibt noch weitere) wurden nicht eigens für eine Kritik an DŽ gesammelt, sondern fielen bei der Untersuchung anderer Fragen der lexikalischen Semantik auf. Daher lässt sich annehmen, dass es in DŽ noch weitere vergleichbare Uneinheitlichkeiten gibt. Wir meinen nicht, dass die genannten Punkte einen schwerwiegenden Mangel des erklärenden Wörterbuchs darstellen, denn die strikte Befolgung des wissenschaftlichen Prinzips garantiert nicht, dass die Wörterbuchdefinitionen für den Leser verständlich und nützlich sein werden (Pravdin 1983: 3). Von Lexikologen vorgeschlagene, logisch einwandfreie Bedeutungsdefinitionen wären oft für ein erklärendes Wörterbuch für die breite Öffentlichkeit völlig ungeeignet; vgl. folgende mögliche Beschreibung der Bedeutung von gerbti im Kontext „X gerbia Y“: „X empfindet im Umgang mit Y das, was wir gewöhnlich im Umgang mit jemandem empfinden, der unserer Meinung nach so ist, wie er sein sollte.“ Genau so definiert die bekannte Linguistin A. Wierzbicka die Bedeutung des polnischen Wortes szanować (Wierzbicka 1971: 72). Andererseits ist leicht zu erkennen, wie schwierig es für einen Wörterbuchverfasser ist, stets alle semantischen Gruppen vor Augen zu haben, denen das Wort angehört, dessen Bedeutung oder Bedeutungen der Lexikograf erklärt. Dennoch ist ein solches Ziel erstrebenswert. Erklärungen durch Synonyme ohne Angabe der Bedeutungsunterschiede zwischen ihnen sowie die Verwendung von Wörtern zur Erklärung, die selbst im Wörterbuch nicht erklärt werden – all dies mindert den Wert dieses Wörterbuchtyps und beeinträchtigt die praktischen Zwecke, denen das Wörterbuch dient. 38 LITERATŪRA Babickienė Z. 1985: Reguliariųjų išvestinių reikšmių pateikimas aiškinamuosiuose lietuvių ir rusų kalbų žodynuose. – Lietuvių kalbotyros klausimai 24, 223–235. D a l’ V. 1989: Даль Б. Напутное слово. – Толковый словарь живого великорусского языка 1. DŽ2 – Dabartinės lietuvių kalbos žodynas, Vilnius: Mintis, 1972. DŽ3 – Dabartinės lietuvių kalbos žodynas, Vilnius: Mokslo ir enciklopedijų leidykla, 1993. Lyberis A. 1962: Sinoniminis žodžių reikšmės aiškinimas “Lietuvių kalbos žodyne”. – Lietuvių kalbotyros klausimai 5. N ė m e c I. 1970: Systémové pojetí slovní zásoby v jejím lexikografickem popise. – Slavica slovaca 5(3). P a u l a u s k a s J. 1985: Žodyno redagavimas žodžių grupėmis. – Kalbos kultūra, 49. P i e s a r s k a s B. 1987: Sisteminiai žodžių ryšiai mokomajame dvikalbiame žodyne. – Kalbotyra 27(3). P r a v d i n M.N. 1983: Правдин М.Н. Словарное толкование, научность и здравый смысл. – Вопросы языкознания 6. Š v e d o v a N. J. 1981: Шведова Н. Ю. Однотомный толковый словарь: специфика жанра и некоторые проблемы дальнейшей работы. – Русский язык: проблемы художественной речи. Лексикология и лексикография. Виноградовские чтения 9, 10, Москва. W i e r z b i c k a A. 1971: Kocha, lubi, szanuje. Medytacje semantyczne, Warszawa. THE DICTIONARY OF CONTEMPORARY LITHUANIAN FROM THE POINT OF VIEW OF LEXICAL SYSTEMATICS Summary The alphabetical dictionary can reflect the system of lexical relations to a certain degree only. However, when editing such a dictionary one must have a clear image of the structure and relations of semantic groups. The paper reviews inaccuracies or diversities which originated because of the lack of attention to the systemic organization of the vocabulary. These include a different description of analogous lexemes, synonymic explanation which makes the meanings of close sememes almost identical, and their description by words that are not explained in the dictionary. 39