„Nešinas“, „vedinas“, „tekinas“
Full text
ACTA LINGUISTICA LITHUANICA
XLVIII (2003), 19 - 34
Nešinas, vedinas, tekinas
BERND GLIWA
Sargeliai
The article discusses Lithuanian words of the type nešinas, vedinas, tekinas. While these items
have usually been categorized as adjectives, it is shown that their syntactic use provides evidence for
their interpretation as participles. They behave in the same way as the semi-participles nešdamas,
vesdamas, *tekdamas, with one difference: forms such as nešinas are used with the instrumental.
1. EINLEITUNG'
Die Frage, wie das Partizip vom Typ nešinas, vedinas, tekinas genannt wird, trifft im
Kapitel ūber Verben in der litauischen Grammatik (Ulvydas, Hrsg., 1971: 7-424)
ins Leere. Stattdessen gibt es unter der Rubrik Adjektive den knappen Eintrag: „Veiks-
mažodiniai priesagos -inas būdvardžiai dabar siaurai vartojami, pasitaiko tik atski-
ruose posakiuose ir žemaičių tarmėje su draugės įnagininku, pvz.: atlekia bėginas, eina
žąsimis géninas, žąsies sparnu nėšinas, bėga skūbinas, skuba tėkinas, eina varinas dvira-
čiu“ (Ulvydas, Hrsg., 1965: 564, 8968 c). Im Band zur Syntax gibt es weitere kurze
Bemerkungen ūber die Verbindung von „Adjektiven“ des Typs nešinas, vedinas mit
einem im Instrumental vorliegenden Objekt (Ulvydas, Hrsg., 1976: 243, §425).
Unerwartet ist die Klassifizierung als Adjektiv, die sich jedoch bei einzelnen Worten
des Typs auch im akademischen Wėrterbuch fortsetzt: vėdinas (LKŽ:.,, 479), tėki-
nas (LKZ,, 1121), nėšinas (LKZ,,, 706) u.a. Das verwundert insofern, als von nam-
haften Linguisten bereits darauf hingewiesen worden war, dass es sinnvoll ist, ent-
sprechende Worter als Partizipien anzusehen (Būga 1959: 114-115; Zinkevičius
1966: 385-386). Die Lietuvių kalbos gramatika stellt diese Position nicht zur Dis-
kussion.
Im vorliegenden Beitrag soll erortert werden, welcher Wortart nešinas, vedinas,
tekinas denn nun zuzuschreiben sind. Weiterhin wird die behauptete ausschlieBliche
Verbreitung im niederlitauischen Sprachgebiet (Ulvydas, Hrsg., 1976: 243; Zinkevi-
čius 1966: 385) in Frage gestellt und entsprechende Beispiele aus hochlitauischen
Dialekten angegeben. Daneben wird kurz auf die alternative Verwendung mit einem
Instrumental- bzw. Akkusativobjekt eingegangen und die verbreitete adverbiale Ver-
wendung mit Anpassung an die morphologische Erscheinung der Adverbien erortert.
Einige Sūtze sind der Frage des Ursprungs der Wortform und evtl. indogermani-
schen Verwandten gewidmet.
į Ich danke Prof. A. Holvoet (Vilnius) fūr hilfreiche Kommentare zur Thematik sowie fūr Unterstūtzung
bei der Beschaffung von Literatur und Herrn K. Grikša (Žaiginys) fiir die Erlaubnis seine Privatbibliothek
zu benutzen.
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2. WORTART
Die Kilassifizierung der Worter in Wortarten ist eine Aufgabe, die kaum als abge-
schlossen angesehen werden kann. Formale Konzepte scheitern besonders an der Ver-
schiedenartigkeit von Sprachen und an der lokalen Tradition der Klassifizierung in
einer gegebenen Sprache. Die Einteilung in Wortarten ist eine mogliche und oft sinn-
volle MaBBnahme, keineswegs jedoch eine Universalie, die einer natiirlichen oder for-
malen Sprache a priori zugrunde liegen muss. Allgemein ist es schwierig, Regeln an-
zugeben, nach denen man ein Wort eindeutig einer Wortart zuordnen kann. Die Lietuvių
kalbos gramatika gibt als Beschreibung fiir ein Adjektiv: ,,Budvardziais vadinami zo-
džiai, kurie reiškia daikto ypatybę ir yra suderinti su pazymimuoju žodžiu gimine,
skaičiumi bei linksniu“ (Ulvydas, Hrsg., 1965: 474). Wie man erkennen kann, wer-
den von dieser Beschreibung, die man schwerlich Definition nennen kann, auch Parti-
zipien erfasst.
Wegen solcher Probleme bei der Definition verzichtet man allgemein darauf, Par-
tizipien als erstrangige Wortart zu postulieren und bezeichnet sie als Mischform, die
semantisch den Verben zugehoren: „infinite Verbalform [...] die zwar zum Formen-
bestand des Verbs gehort, aber wie ein Adjektiv dekliniert wird“ (z. B. Conrad 1978:
192). Ahnlich Lietuvių kalbos gramatika: „Dalyviai yra iš veiksmažodžių kamienų
daromos linksniuojamos formos, turinčios veiksmažodžių ir būdvardžių ypatybių“
(Ulvydas, Hrsg., 1971: 311). Daneben gibt es jedoch noch die Halbpartizipien, pus-
dalyvis und padalyvis, die wiederum nicht den Partizipien beigesellt werden, da sie
nicht dekliniert werden (Ulvydas, Hrsg., 1971: 375, 384).
Hier geht es um die sehr konkrete Frage, ob nešinas, vedinas, tekinas nach den
ūblichen Klassifizierungen als Adjektive, Partizipien oder Halbpartizipien anzuse-
hen sind.
Man versuche in den kurzen Verbindungen, die Lietuvių kalbos gramatika als Bei-
spiele gibt, die entsprechenden Formen durch ein Adjektiv ahnlicher Bedeutung zu
ersetzen: bega skūbinas fūhrt zu moglichen Synonymen bėga greitai, bėga skubėdamas,
die Einsetzung eines Adjektivs, *bėga greitas, ist jedoch nicht moglich. Moglich wire
die Verbindung des Adjektivs greitas hier nur, wenn eine syntaktische Einheit mit
dem folgenden Wort hergestellt werden wūrde: bėga greitas žmogus, bėga greitasis,
bėga skubantysis, aber das ist ja etwas ganz anderes. Mit dieser Bemerkung wird be-
reits deutlich, dass die Wortkategorie eher den Adverbien (greitai) oder gar den Halb-
partizipien (pusdalyvis: skubédamas) zugesprochen werden sollte. Um Missverstand-
nisse zu vermeiden, die bei aus vom Kontext gelosten Verbindungen entstehen kėnnten,
sollen die fraglichen Worter in kompletten Satzen, oder doch wenigstens vollstiandi-
geren syntaktischen Gefiigen untersucht werden. Die Beispiele entstammen vers-
chiedener Literatur und vereinzelt der gesprochenen Sprache. Natiirlich kann nur
eine Auswahl getroffen werden.
(1) Atsiranda šeimininkė, kibiru gėralo nešina (Katkus 1989: 50).
“Die Hausfrau kommt herbei, einen Eimer Futter tragend'.
In (1) konnte man nešina als Adjektiv ansehen, wenn dieser Satz moglich wire:
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(la) *Atsiranda nešina šeimininkė.
Dem stehen aber die weitere Verkniipfung von nešina mit dem Instrumentalobjekt
kibiru und der Umstand, dass die fragliche Form in einem Nebensatz steht, im Wege.
Man konnte versuchen, den syntaktischen Abstand zwischen šeimininkė und nešina
als pradikative Konstruktion zu erklaren: (1b), mit gewissermaBBen zwei Hauptsit-
zen, oder (1c), in der namlichen Einteilung in Haupt- und Nebensatz. Die dazu erfor-
derlichen zusitzlichen Elemente fehlen jedoch in allen Beispielen.
(1b) *Seimininke yra (buvo, atrodo) nešina ir atsiranda.
(Ic) *Seimininkė, kuri yra nešina, atsiranda.
Man konnte den Satz sinngem@B, unter Zuhilfenahme eines Partizipes Pras. Akt.,
umformulieren:
(1d) Atsiranda (kibirą géralo nešanti) šeimininkė.
Anstatt der Einklammerung in den Hauptsatz ist bei Katkus aber ein Nebensatz zu
finden, der sich etwa so darstellt:
(1e) Atsiranda šeimininkė, nešdama kibirą gėralo.
Anders als im ursprūnglichen Beispiel (1) findet sich das Objekt der Handlung
hier im Akkusativ. Tatsachlich ist die Verwendung des Instrumentals unerwartet, da
nešti eigentlich mit dem Akkusativ verwendet wird. Wahrend fūr eine Reihe von kon-
kreten Adjektiven (gausus, gyvas, laimingas, skolingas, ginkluotas, kaltas) eine klar mo-
tivierte Verwendung in Verbindung mit Instrumentalobjekten angegeben wird:
(2) Ne vien duona žmogus gyvas J. JABL.
“Der Mensch ist nicht nur von Brot lebendig';
(3) Vienu auksinu palikau aš tamstai skolingas OB, (Ulvydas, Hrsg., 1976: 242)
‘Ich blieb Ihnen einen Gulden schuldig’.
die zweifellos mit der Semantik der entsprechenden Worter und ihrer wortartiiber-
greifenden Verwandschaft konform geht, wie der mogliche Satz Ne vien duona Zmo-
gus gyvena ‘Der Mensch lebt nicht nur von Brot’ zeigt, wird Worten des Typs nešinas
pauschal, also strukturell, eine Verwendung mit dem Instrumental zugeschrieben (Ul-
vydas, Hrsg., 1976: 243). Das konnte natiirlich auch damit zusammenhéngen, dass
alle Worter vom Typ nešinas, velkinas, skubinas, varinas usw. sich auf bestimmte, zu-
meist komplexe, Bewegungsarten bezichen, womit die strukturelle Verwendung mit
dem Instrumental einer semantischen entsprache. Dagegen spricht jedoch der Um-
stand, dass die zugrundeliegenden Verben, anders als in den vorangehenden Beispie-
len, gar nicht den Instrumental verlangen. Also wird der Instrumental aus der syntak-
tischen Verwendung und nicht aus der Rektion des konkreten Wortes folgen.
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Aus (1d) und (1e) konnte man bereits ersehen, dass die sinngemaBe Wiedergabe
durch ein Partizip (Akt. Pras.) oder ein Halbpartizip moglich ist, wobei das Halbpar-
tizip die syntaktische Konstruktion besser bewahrt; in beiden Fallen geht nur der
Instrumental des Objektes zugunsten eines Akkusativobjektes verloren. Aus seman-
tischer Sicht erscheint es plausibel, nešinas, velkinas, skubinas als Handlung und nicht
als Eigenschaft anzusehen. Wie man sieht, ist Kongruenz nach Zahl und Geschlecht
mit dem Bezugswort gewahrleistet.
(4) = Atjojo totorius, vedinas dar trimis žirgais (Kunčinas 1991: 174).
“Der Tartare ritt herbei, drei Rosse (mit sich) fūhrend'.
(5) Grigienė grįžo, pieno gsociu nešina V. KREv. (LKZ,, 706).
“Grigienė kehrte zurūck, einen Milchkrug tragend’.
(6) Tai brolis tik suriko: „bėgam!“, ir mes tik tėkini užlekiam už kampą svirno
(Šeškauskas, I).
‘Der Bruder rief nur: „weg hier!“, und wir rannten eilend um die Speicherecke’.
Ob eine Deklinierung erfolgt, kann nicht mit Sicherheit gesagt werden, denn in fast
allen Fallen ist das Bezugswort das Satzsubjekt. Eine seltene Ausnahme:
(7) Liepé ateiti su liudytojais vedinam DAuK. (LKZ,, 480).
‘(Man) ordnete an, Zeugen mit sich fithrend herbeizukommen’.
Die tiberwiegende Mehrheit der Beispiele deutet jedoch daraufhin, dass die regu-
lire Verwendung undekliniert ist. Damit wiirde sich die Nahe zu den Halbpartizipien
nesdamas, vesdamas noch verdeutlichen, denn auch diese stimmen in Geschlecht und
Zahl mit dem Bezugswort iiberein, lassen aber eine Deklination vermissen (seltene
Ausnahmen in Ulvydas, Hrsg., 1971: 378, §615), da sie sich ausschlieBlich auf das
Satzsubjekt beziehen. Die fast ausschlieBliche Verwendung im Nominativ ist wenig
geeignet, die These vom Adjektiv zu stiitzen.
Jablonskis spricht sich vehement gegen eine Positionierung als Partizip aus und
nennt die betrachteten Formen „einfache Adjektive“. Dabei fūhrt er mehrere Argu-
mente an: zum Satz
(8) Piemuo eina Zgsimis geninas.
‘Der Hirte geht die Ganse treibend’.
fehlt eine Entsprechung *jis eina žąsis geninas, die ein aktives Partizip unter Erhalt
der Rektion des Verbes liefern sollte; ein passives Partizip wiirde das Subjekt der
Handlung im Genitiv verlangen (Jablonskis 1957: 302-303, §171). Da aber auch der
Ausdruck *jis eina Zqsimis [greitas] nicht Verwendung findet, postuliert Jablonskis auch
hier de facto Abweichungen von der Regel. Wenn man trotzdem solche Abweichun-
gen in Kauf nimmt, warum dann ūber Umwege? Pragmatisch gesehen: man findet
Satze vom Typ (8), in denen geninas etc. eine Handlung darstellen, also einem verba-
len Paradigma zugeordnet werden konnen. Damit wird nicht gesagt, dass alle Worter
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der Form -inas entsprechend zu traktieren sind, sie sind es nur dann, wenn der namli-
che syntaktische Gebrauch hinzukommit. Insofern hat Jablonskis recht, dass kupinas in
(9) Piūrą kupiną davė (= su kaupu) (Jablonskis 1957: 303).
“[Er, sie, jemand] gab eine gehauften Scheffel (=mit Haufen)’
ein Adjektiv ist, denn es figuriert syntaktisch wie ein Adjektiv. Mit der impliziten
Schlussfolgerung, dass, weil kupinas ein Adjektiv ist, auch geninas ein Adjektiv sein
muss, liegt er allerdings vollig falsch. Das entsprache namlich der Behauptung: weil
kupinas ein Adjektiv ist, miissen auch katinas ‘Kater’, Velinas ‘eine Gottheit’, Zirginas
‘mannl. Bliitenstand bei Erle, Birke’ Adjektive sein, die offensichtlich falsch ist. Al-
lein das Erscheinen eines Morphems erlaubt die Wortartklassifizierung i. A. noch nicht.
Dass der zugrundeliegende Stamm fiir die Bildung der besprochenen Formen vari-
iert: geninas aus dem Prasensstamm, sklidinas aus dem Stamm der Vergangenheits-
formen und kupinas nicht einmal aus Verbformen (Jablonskis 1957: 303), kann ei-
nerseits daraus resultieren, dass es sich um Formen unterschiedlichen Ursprunges
handelt. Andererseits deutet die syntaktische Verwendung, neben etymologischen Er-
wagungen, auf ein respektables Alter der Formenbildung mit méglichem Verlust der
Basis (vgl. tekinas s.u.). Damit greift auch dieses Argument von Jablonskis nicht, der
sowieso meist aus einer synchronen Perspektive argumentierte.
Buga hatte den Vergleich von (10) mit (11):
(10) Eit motyna vaikais vedina.
‘Die Mutter geht Kinder fūhrend'".
(11) Pidymas jaučiais ariamas.
‘Die Brache wird mit Ochsen gepfligt’
als Argument dafiir angegeben, dass es sich auch , bei vedinas, nesinas, velkinas, vari-
nas, geninas, palikinas, pametinas um Partizipien handele, die man nicht mit anderen
Namen belegen sollte” (Būga 1959: 114). Dazu war er moglicherweise durch die Ver-
wendung des Instrumentals in den jeweiligen obengenannten Beispielen angeregt wor-
den, die jedoch funktionell einander nicht entsprechen. Ebenso ist der Vergleich mit
dem Passivpartizip ariamas irrefithrend. Trotzdem legt sich Būga nicht darauf fest,
dass es sich um Partizipien handele: ,,ISveiksmazodiniai būdvardžiai, arba dalyviai...“
(Būga 1959: 115) und erortert auch nicht, um welche Partizipien konkret es sich han-
deln konnte.
Unter Verweis auf Beispiele aus der sowjetlitauischen Literatur Lenino idéjy vedi-
ni, mes drąsiai Zengiame... bemerkt Tarvydas, dass vedini hier anstelle des Passivparti-
zipes vedami verwendet wurde. Er fūhrt weiter aus, dass es sich bei vedinas, nešinas
nicht um Passivpartizipien handelt und, darūber hinaus, die Verwendung mit Genitiv
nicht der iiblichen Verwendung mit dem Instrumental entspricht. In der Uberschrift
spricht auch Tarvydas von deverbativen Adjektiven (Tarvydas 1961: 43-44).
Um welches Partizip es sich handeln konnte, vermerkt auch Zinkevičius nicht kon-
kret, aber in den metasprachlichen ,,Ubersetzungen® von (12) und (13):
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(12) eit(a) kojomis velkinas
‘geht mit den Beinen schleppend'
= (12 a) eina kojas vilkdamas
‘geht die Beine schleppend';
(13) pradūriau gumą ir gavau varinas eiti
“ich durchstach das Gummi und hatte schiebend zu gehen’
= (13 a) pradiiriau dviračio padangą ir turėjau eiti stumdamas
‘ich durchstach den Fahrradschlauch und musste schiebend gehen’
wahlt er das Halbpartizip (pusdalyvis) zur Wiedergabe des Sachverhaltes und betont,
dass es sich nicht um passive Partizipien handelt, wie die Ausfithrungen von Būga
suggerieren konnten. Trotzdem benutzt er den Terminus ,.veiksmazodinis būdvardis“
(1966: 386). Die Wiedergabe mit dem Halbpartizip bevorzugt auch LKZ, z. B. fiir
varinas "pėsčias varydamas(is)’ KZ... 190).
Beispiel (13) mit der ,,Ubersetzung® von Zinkevičius (13 a) wird auch von Schmal-
stieg angefiihrt: „Lithuanian verbal adjectives in -inas are also sometimes considered
to be participles” (Schmalstieg 2000: 375). Auch hier kein Versuch, die Art des Par-
tizipes naher zu bestimmen.
Die folgenden Beispiele zeigen explizit die gleichartige Verwendung der Formen
mit -ina(s) und der Halbpartizipien auf -dama(s):
(14) Pasakė, kad mamą arkliu užmušė, tai visu keliu tekina ir rékdama dui namo Sim
(LKZ,, 1122).
‘[Jemand] sagte, dass Mama vom Pferd erschlagen wurde, und [sie] rannte den
ganzen Weg schreiend und eilend nach Hause’.
(15) Bégciau per dvarą tekina, skysciaus močiutei verkdama Liedtext, NiEM 30;
(LEZ, 1122)
‘Ich liefe durch den Hof eilend, weinend klagte ich Miitterchen mein Leid’.
Damit zeichnet sich die Zuordnung zu den Halbpartizipien (pusdalyvis) ab.
3. REGIONALE VERBREITUNG
Lietuvių kalbos gramatika und Zinkevičius konstatieren eine Verwendung der dis-
kutierten Wortformen ausschlieBlich in Niederlitauen (Zinkevičius 1966: 385; Ul-
vydas, Hrsg., 1965: 564) und in der Literatursprache (Ulvydas, Hrsg., 1976: 243).
Palionis beschrankt sich im Kommentar zu Jablonskis auf eine ,.etwas haufigere Ver-
wendung des Typus in Niederlitauen® (Jablonskis 1957: 676).
Anlass zu dieser Untersuchung gaben jedoch Beispiel (1) und weitere entsprechen-
de Verwendungen von nesinas in Balanos gadyné von Katkus, welcher aus Ažytėnai im
westaukstaitischen Siauliai-Subdialekt stammt, und mehrere Beispiele von Seskaus-
kas (6), der haufig tekinas verwendet:
(16) Tik mama pamatė, apsisuko, tékina namo (Seskauskas, I).
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‘Mama sah das nur, drehte sich um und [ging] eilend nach Hause’.
Wihrend es in (16) moglich wire, anstelle der Nullrealisierung eines Verbs der
Bewegung auch rekina als 3. Person zu tekinti anzunehmen (allerdings mit einem Wech-
sel in der Verwendung der Zeiten, der jedoch fiir Erzihlungen, besonders Marchen,
als stilistisches Ausdrucksmittel bekannt ist), erlaubt das obige Beispiel (6) diese
Sicht nicht. Seskauskas stammt aus Sargeliai, welches 12 km von Ažytėnai entfernt
liegt. Dort kam mir jiingst die Verwendung von nešinas durch mehrere Personen zu
Ohren.
Weitere Beispiele aus hochlitauischen Dialekten:
(17)
(18)
(19)
(20)
(21)
(22)
Kažin ko Kazys net béginas atlekia TRGN (LKZ, 718).
“Wer weil warum, Kazys eilte sogar rennend herbei'.
paskui ją sekdavo „bobutė“, kūdikiu nešina (Kupiškis; Dundulienė 1958: 402).
‘ihr folgte die Hebamme, den Saugling tragend’.
Po kiek laiko sugrįžo éebaty glébiu nešinas (Dauknitinu k., Biržų r.; Balys 2002: 348).
‘Nach einiger Zeit kam er zuriick einen Arm voll Schuhe tragend’.
Ir už valandėlės sugrįžo, daug žiedų nešinas (Daukniūnų k., Biržų r.; Balys 2002: 348).
‘Nach einem Weilchen kehrte er zurūck viele Ringe tragend'.
Vis tekinas, vis susirūpinęs (Merkinės apyl.; Vėlius et al. 1970: 395).
‘Immer in Eile, immer besorgt’ (Ein Zeitzeuge iiber V. Kréve-Mickevicius).
Jai taip beverkaujant išeina tėvas, duona, druska ir ugnimi „ant dugno“ (taces)
nešinas (Krėvė-Mickevičius 1930: 65).
“Wahrend sie weint, kommt der Vater herein, Brot, Salz und Feuer auf dem Tablett
tragend'.
Das folgende Beispiel:
(23)
Todėl taip skubinas, kad be krikštų nenumirtų... (Slančiauskas 1975: II 277).
‘Daher beeilt man sich so, damit es ohne Taufe nicht stiirbe’
lasst sich verschieden auffassen, entweder in der fiir Slanc¢iauskas typischen Verwen-
dung von Partizipien („Beveik visos pasakos užrašytos tame krašte ypač mėgstama
dalyvine kalba“, Vėlius 1974: 35) unter Auslassung der „normalen“ Verbform, hier
eine Nullrealisierung von esti, daryti oder veikti, wie sie bei Slančiauskas vėllig normal
ist. Aber man kann in (23) in skubinas(i) auch eine Form von skubintis sehen.
Im Dictionarium trium linguarum findet man diesen Eintrag:
(24) Lat. Volu, cursu magno feror: Lit. Tekinomis eymi | Szokinomis teku | Skubinomis /
Skubiey braukiu (Szyrwid 1642: 15)
in einer adjektivischen Form und Verwendung.
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4. VERWENDUNG MIT INSTRUMENTAL
BZW. AKKUSATIV
Die Liedtextzeile:
(25) Ruibis [ein Kater] tekinas, paukščiais nešinas, bėgo į kuknelę (Liedtext, KL;
LKŽ,, 1122).
“Ruibis, eilend, Vogelchen tragend, lief in die Kiiche’
mit Instrumentalobjekt findet seine Entsprechung mit Akkusativ in
(26) Ruibis tekins, paukštelius nešins, puolė į kuknike.
“Ruibis stiirzte eilend, Vogelchen tragend, in die Kūche'. (JD: 628, Nr. 1512;
LKZ,,, 707).
Im Original: tékins, paukstélus und nésens, kuknike (JD: 628, Nr. 1512), daher ist zu
bezweifeln ob die Angabe i in LKZ *nésins hier den richtigen Akzent zeigt. Dariiber-
hinaus fithrt LKZ ein Komma ein (nach tekins), um den Textumbruch der Strophe in
der renovierten Fassung zu markieren (LKZ,,, 707); das Komma fehlt im Original,
in dem an dieser Stelle kein Zeilenende ist; es erscheint aber sinnvoll. Der Hauptsatz
ist: Ruibis puolė į kuknike. Tekins konnte man in diesem Kontext auch als direktes
Attribut zu Ruibis ansehen, somit als Adjektiv. Oder aber tekinas wire hier ein Ad-
verb zu puolė, ganz in Entsprechung zu o. g. bėga skubinas oder mes tik tékini uzlekiam
in (6). Weitere Beispiele mit dem Akkusativ findet man bei Būga (1959: 114). Es
uberwiegt jedoch der Instrumental:
(27) Vieng dieną pro šalį ėjo žydas, nešinas parduodama dėžute (Kunčinas 1991: 101).
“Eines Tages kam ein Jude vorbei, eine zu verkaufende Kiste tragend'.
(28) Vyrai pasiraitę braido, pančiais, brizgilais nešini ZEM. xz. 706).
‘Die Ménner wateten aufgekrempelt, Zaumzeug und Fesseln tragend’.
Recht plausibel ist der Instrumental in:
(29) Įėjo pilvu varinas, ridinas J.JABL., ZEM. (LKZ,, 537).
‘(Er) kam herein mit dem Bauch schiebend und rollend’,
denn der Inhaber des Bauches bedient sich dessen, als Instrument gewissermafen,
um vielleicht die Tir aufzuschieben oder gar einen Bauchtanz aufzufiihren.
Damit stellt sich die Frage, welche Variante die éltere ist: die Verwendung mit Ak-
kusativ oder Instrumental. Wahrend sich der Gang Instrumental > Akkusativ als
Normalisierung vermittels Anpassung an die tibliche Rektion der jeweiligen Verben
erklaren lasst, stellt sich die Verwendung des Instrumentals meist unmotiviert dar
und kann nur aus der Tradition erklirt werden, ohne dass der tiefere Sinn desselben
offensichtlich wire. Die Verwendung des Akkusativs erscheint also als eine Innova-
tion, allerdings bereits bei Daukša:
Nešinas, vedinas, tekinas | 27
(30) palikini namūs DAUK. (Būga 1959: 114).
‘das Haus verlassend'.
Weitere Beispiele aus der alten litauischen Literatur (Daukša, Bretkiinas) bei Bū-
ga (1959: 114-115), sowohl mit Instrumental als auch mit Akkusativ bzw. ohne Ob-
jekt. Aus den konkreten Beispielen dlterer und neuerer litauischer Literatur kann
keine deutliche Anderung in der Verwendung der betrachteten Wortform abgeleitet
werden, wenn man von den in Abschnitt 6 zu behandelnden Fallen absieht.
5. ADVERBIALE VERWENDUNG
Intransitive Verben erfordern kein Objekt, daher kann deren Verwendung hier als
adverbial bezeichnet werden: vgl. (17) Kažin ko Kazys net béginas atlekia TRGN (LKZ,
718).
(31) Tit, motyn, būk prie ligonio, o tu, Juozai, greitesnis, bėk skubinas ZEM. (LKZ,,, 1110).
‘Du, Mama, bleibe bei dem Kranken, und du, Juozas, der du schneller bist, laufe
dich beeilend’.
Mehrdeutig wie im Beispiel (23) sind die nachsten Fille, denn hier kann es sich
wahrscheinlicher um den Instrumental eines Substantivs handeln, denn um eine der
diskutierten Formen. In:
(32) Girtas eina šlitine, 0 ana bėga bégine, t. y. tekina J. ( LKŽ, 718).
“Der Besoffene geht im Taumel, und jene lauft im Laufschritt, d. h. laufend’
wird bėgine als Adverb dargestellt: „bėgine adv. bėgte, bėgtinai, bėgčiomis“ (LKZ, 718),
obwohl es sich doch anscheinend um den Instrumental des Substantivs *bėginė ‘das
Laufen, eine Gangart’ handelt bzw. mit diesem identisch ist, vgl. risčia ‘Laufen in
kleinen Schritten, Traben’ (LKZ,, 681-682); riscia gilt in gleicher syntaktischer Rol-
le mal als Adverb (Ulvydas, Hrsg., 1976: 503), mal als Instrumental (Ulvydas, Hrsg.,
1976: 504). Namliches gilt fiir slitine (INSTR.): šlitinė ‘eine Gangart, Taumeln...”, šlitinys
‘ds.’, vgl. slitinas welches wiederum als Adjektiv gekennzeichnet ist und genau diese
zwei trefflichen Beispiele mit sich bringt:
(33) A reik vyrams taip prisivaryti šlitinims eiti! KRŠ (LKZ,,, 1084).
‘Miissen sich denn die Kerle so vollschiitten, dass sie torkelnd gehen!”
(34) Atsigeres orielkelės, ejau šlitins į svirnelį (Lied, D 105; LKZ, 1084).
Als ich reichlich Schnaps getrunken hatte, ging ich torkelnd in die Kammer’.
Wie man sieht, ist die Einteilung als Instrumental oder Adverb beliebig, willkiir-
lich, und zeigt die Grenzen der Einteilungsmoglichkeiten in Wortarten, die Grenzen
sind flieBend. In (33) sei noch auf die Ubereinstimmung im Dativ von vyrams und
šlitinims, falls letzteres nicht ein entstellter Instrumental ist, verwiesen.
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Obwohl Worte der Struktur Verbwurzel + -inas bereits adverbisch benutzt werden
konnen: bėga skubinas, werden in Anlehnung an ūbliche Adverbialbildungen auch hier-
zu Formen mit -ai:
(35) Liepé vaiku nesindi vaikščioti po laukus, kad gydė nu kokliušo STS ( LKZ, 707).
‘Man ordnete an, das Kind tragend drauBen herumzulaufen, um von Keuchhusten
zu heilen’.
(36) Skubinai rašau laišką, kad nelauktumei KRS ( LKŽ,,, 1110).
“Eilig schrieb ich den Brief, damit da nicht wartest'
bzw. mit Instrumental gebildet: skubinomis, tekinomis, šokinomis wie sie bereits bei
Szyrwid, Beispiel (20), anzutreffen sind. Ohne Beispiel wird „šokinas, -a adj. LsB 398
kuris šokinėja, striksi“ angegeben (LKZ,, 213), so dass hier die konkrete Verwen-
dung nicht geprūft werden kann. Hierzu zweifellos die Adverbien Sokiniu ‘Sokinéjant,
Suoliuojant; tanzend’ und Sokinomis ‘ds.’ (LKZ,, 219). Buga meint, in Anlehnung an
das Beispiel (24) von Szyrwid, dass ,anstelle von bėga skubinas oder bėga tekinas
frither auch skubinomis braukiu gesagt wurde...“ (Būga 1959: 115). Das scheint gene-
rell gemeint zu sein, wonach Konstruktionen mit skubinomis, tekinomis, Sokinomis
alter seien als solche mit skubinas, tekinas, Sokinas; begriindet wird diese Meinung
von Būga nicht. Der umgekehrte Gang ist wahrscheinlicher, denn Adverbien der Form
skubinom(is) sind durchaus geldufig (Ulvydas, Hrsg., 1971: 431). Somit waren skubi-
- nai oder skubinomis adverbialisierte Formen von skubinas, dessen faktische Verwen-
dung als adverbiales Halbpartizip ungewohnlich erscheint. Warum der umgekehrte
Fall eintreten sollte, dass namlich die ,normalen‘ Adverbien skubinai, skubinomis sich
in skubinas verwandelten, ohne dass damit ein innovatives Konzept verbunden wire,
kann dagegen nicht begriindet werden.
Im Fall skabinas, iberwiegt deutlich die adjektivische Verwendung mit vorange-
stelltem, gemeinsam dekliniertem Attribut:
(37) Visus skubinus darbus jau priveikem GRZ KZ, 1110).
‘Alle eiligen Arbeiten haben wir schon erledigt’.
Solche Beispiele machen die Klassifizierung als Adjektiv plausibel, sie sind jedoch,
auBer bei skubinas, die Ausnahme. Interessanterweise werden entsprechende Fille in
der Lietuviy kalbos gramatika aber gar nicht angegeben.
6. ANDERE SYNTAKTISCHE KONSTRUKTIONEN
Auf den ersten Blick sieht:
(38) Pabroliu védina nuotaka kloniojas (JR 54, LKZ oi
‘Die Braut verneigt sich den Brautfithrer fithrend’.
479; JSD,, 330).
eigentlich ganz so aus wie z. B. (1). Das Problem ist aber, dass der Satz, den tatsich-
Nešinas, vedinas, tekinas | 29
lichen Brauchen und Begebenheiten nach, eigentlich anders lauten mūsste: ‘Die vom
Brautfiihrer gefūhrte Braut verneigt sich’. Daher haben wir eine Konstruktion wie in
(11) vorliegen mit vedina als vorgeblichem Passivpartizip. Da der Brautfithrer der
Urheber der (Teil-) Handlung ist, sollte man eigentlich pabrolio erwarten. Der In-
strumental scheint also ein Relikt der ‘normalen’ Verwendung von vedina zu sein.
Zinkevičius nennt eine derartige Verwendung schlicht ‘falsch’ (1981: 159-160). Ab-
gesehen von dieser normierenden Wertung des Sachverhaltes stellt sich aber die Fra-
ge nicht danach, ob die Verwendung richtig oder falsch ist, sondern, ob sie ihren Zweck
erfillt, also verstanden wird. Diese Frage kann man prinzipiell bejahen, wenn man
berticksichtigt, dass den Horern oder Lesern der Inhalt der Aussage apriori bekannt
ist und diese zudem auch nicht vertrauter mit der Verwendung von vedina sind als der
Autor des Satzes. Dariiberhinaus erkennt man aus dem Kontext, besonders deutlich
auch in der deutschen Ubersetzung ‘Brautfiihrer’ : ‘fithren’, dass diese Figur der Fiih-
rende ist und es sich nicht um ein Passivpartizip handeln kann. Es geht also nicht
darum, diesen Satz als falsch abzutun, sondern darum, dass man an solchen Fallen die
Bedingungen der Sprachentwicklung nachvollziehen kann. So wie Būga (10) Eit mo-
tyna vaikais vedina ‘Die Mutter geht Kinder fithrend” mit dem Passivpartizip ver-
gleicht (s.0.), lasst sich vermuten, dass er den Satz als **Die Mutter geht von Kindern
gefūhrt' verstanden hatte. Das namliche Geschick ereilte offensichtlich auch Juška.
7. DAS INSTRUMENTALOBIJEKT
Es ist angebracht, noch einmal auf den Sinn des Instrumentalobjektes zuriickzu-
kommen. Dazu soll auch die Frage der syntaktischen Verkniipfungen und der genera-
tiven Reihenfolge in einer Konstruktion:
(39) Ans varinas kumele eina J. (LKZ
‘Jener geht eine Stute treibend’.
190).
XVIII
mit dem syntaktischen Minimalbestand: Subjekt ans, Pradikat eina, Halbpartizip va-
rinas, Instrumentalobjekt kumele. Ans eina ist der vollstandige Hauptsatz, kumele va-
rinas ein Nebensatz, in vielen Beispielen mit Komma abgetrennt und nachgestellt.
Morphologisch erbt varinas Zahl und Geschlecht vom Subjekt, semantisch ist varinas
cine Erlauterung zu eina (zu den bivalenten syntaktischen Bezichungen von Partizi-
pien- und Halbpartizipienkonstruktionen vgl. Ulvydas, Hrsg., 1976: 530), ein Ad-
verb der Art und Weise. Genauer ist es, kumele varinas in Gesamtheit als adverbiale
Konstruktion (der Art und Weise, Ulvydas, Hrsg., 1976: 503-506) zu bezeichnen.
Zur Bezeichnung von Art und Weise einer Handlung findet haufig der Instrumental
Verwendung, ebenso Adverbien (Ulvydas, Hrsg., 1976: 503-504), die besonders haufig
instrumentalen Ursprunges sind (Zinkevičius 1981: 173). Wenn man die doppelte
Valenz dieser adverbialen Konstruktion beriicksichtigt, sowie die Unmaéglichkeit, bei
dem gegebenen Bestand an Morphemen, beide Valenzen an einem Lexem zu realisie-
ren, dann erscheint es sinnvoll, diese Valenzen auf die beiden Teile der adverbialen
Konstruktion aufzuteilen: den adverbialen Charakter kennzeichnet der Instrumental
30 | BERND GLIWA
des Objektes, die Korrespondenz zum Subjekt ūbernimmt varinas. Das verdeutlicht,
warum das intransitive tekinas usw. schnell zu tekinomis adverbialisiert wird: Hier
fehlt das Objekt, das die adverbiale Kennzeichnung ūbernehmen konnte. Daraus re-
sultiert aber keineswegs eine engere Verbindung von ans und varinas, bzw. eina und
kumele, denn das wūrde die Einheit kumele varinas auflosen, die sich gemeinsam so-
wohl auf Pradikat als auch Subjekt beziehen:
(39 a) S
a _— .
Ans eina
—— —— Timas
(varinas — kumele)
Etwas anders ist die Lage bei den traditionellen Halbpartizipien wie varydamas:
(39b) S
— iii .
Ans eina
Se —— amir
varydamas
a
kumele
Hier ist die adverbiale Funktion schwiacher und die Zweitrangigkeit der Handlung
varydamas gegenuber eina tritt deutlicher hervor als bei (39 a) (vgl. Ulvydas, Hrsg.,
1976: 530); der Schritt zu einem echten Nebensatz ist hier nicht weit:
(39 c) Ans, kuris varo kumelę, eina.
Demgegenūber unterstreicht (39 a) eine fast gleichwertige Einstufung beider Hand-
lungen, nahe:
(39 d) Ans eina ir varo kumelę.
Man kann also mit der Konstruktion (39) eine Nuance in der Bedeutung vermit-
teln, die sich, beginnend von der Gleichberechtigung zweier Handlungen hin zur Un-
terordnung einer Handlung unter eine andere, derartig einreiht: (39 d), (39), (39 b),
(39 c).
Aus historischer Sicht drangt sich der Vergleich mit der soziativen Funktion des
Instrumentals an. Dabei steht jedoch die Frage, ob diese Funktion zwingend eine gleich-
rangige Hierarchie mit sich bringt: *Ans eina ir kumelė eina = Ans eina [su] kumele,
welches um das Verhiltnis zwischen beiden erganzt wurde: + [kurią] varo = varinas,
oder ein solcher (as)soziativer Instrumental bereits eine Hierarchie beinhaltet, also
varinas das primare Verb ware: *Ans kumele varinas Įeina).
8. WORTBILDUNG
Es fallt auf, dass nur primare Verben als Basis der Bildung vorkommen, bzw., wenn
es sich doch um sekundiare Verben handelt, evtl. varyti, dann wird der Bindevokal
Nešinas, vedinas, tekinas | 31
weggelassen: varinas. In allen Fallen endet die zugrundeliegende Wurzel auf Konso-
nant. Wie konnte die entsprechende Bildung auf der Basis anderer Wurzeln ausse-
hen? Ohne zunéchst die Herkunft von -inas zu betrachten, sind zwei Fille zu unter-
scheiden: die Wurzel endet (a) auf einen Diphthong, (b) auf einen einfachen Vokal.
Im Falle des Diphthongs wire vielleicht die Auflésung des Diphthongs moglich: *éji-
nas : eiti, genau wie ėjimas, oder *dovinas : duoti wie dovana. Im Fall (b) konnte ein
Zusammenfall des Wurzelvokals und des -i- der Endung zum Diphthong erfolgen,
oder aber ein zusatzlicher Hiatustilger C/R, vermutlich j, konnte eingefiihrt werden
*dé(C)inas : dėti, dėjo, *lo(C)inas : loti, loja. Derartige Formen wurden bisher nicht
gefunden.
Die Endung -ina(s) konnte aus ig. *-no- stammen und lieBe sich mit Adjektivbil-
dungen auf -ena-, -ana- vergleichen, vgl. lit. dlkanas, lett. alkans, weiter lett. vedene
‘Schwiegertochter’, das Endzelin (als Ableitung von einem Verbaladjektiv *vedens ‘ge-
fithrt’) zu altbulg. vedeny stellt (Endzelins 1951: 293). Wenn -ena- und -ana- zueinan-
der im Ablaut stehen, dann lésst sich -ina(s) problemlos, als aus der Schwundstufe
*-n- entstanden, anschlieBen. Der Vergleich mit den Partizipien bzw. Verbaladjekti-
ven anderer indogermanischer Sprachen ist naheliegend: altnord. bitinn ‘gebissen’, friih-
alteng. gibaen ‘gegeben’, altbulg. nesens ‘getragen’ (Krahe 1969: 105; Meier-Briigger
2000: 174, 268) (diese Beispiele allerdings nicht aus *-n-). Aus dieser Situation konnte
man Formen wie lit. *CVna(s) < ig. *CV- n-o(s) erwarten, ohne Bindevokal *-i-, aber
auch dementsprechendes *dénas : déti usw. findet sich nicht, damit ist nicht klar, ob es
diese Verbform jemals als Paradigma gegeben haben kann. Die Existenz eines voll-
standigen Paradigmas kann mit hoher Sicherheit bereits ausgeschlossen werden.
Die Bildung ist aber kaum neu. Etwa tékinas, das sich isoliert erhalten hat und als
einziges Wort der Form von Seskauskas verwendet wird, deutet auf ein zugrundelie-
gendes Verb *trekti ‘sich beeilen, rennen, laufen’, das nicht uberliefert ist (hierzu im
ig. Kontext Jakulis 2003: 33), aber auch von anderen Ableitungen rekioti ‘(herum)lau-
fen’, tekininkas ‘Laufer’, tekiinas ‘Laufer, Bote’, tekyné ‘Wettlauf’, tekiné ‘Flugloch im
Bienenstock’, vgl. laka “ds.’: lėkti ‘sich beeilen, fliegen’ (LEZ, 1122-1124, 1163), als
existiert habend bezeugt wird. Hierher auch tėkis ‘mannliches Vieh, bes. zur Zucht’
(KZ. 1130), das eine semasiologische Paralelle in dt. laufig ‘paarungsbereit, meist
von der Hiindin’ (vgl. Kluge 1999: 506) findet. Wahrend die Halbpartizipien ver-
gleichsweise neu sind (Ulvydas, Hrsg., 1971: 378, §614): vesdamas « vesti, mit *-d-
+ *-ti > -sti, konnte vedinas, basierend auf der Wurzel ved- auch deutlich alter sein.
Interessant fiir die Einordnung der behandelten Formen zu den Adjektiven bzw.
Partizipien sind auch Differenzen in der Auffassung zur Prioritat von diesen Wortar-
ten allgemein. Wahrend Ambrazas die Adjektivbildung als primar herausstellt, aus
der sich allméahlich ein paradigmatisches Partizip herausgebildet habe (Ambrazas 1993:
58ff., 2000: 161), sicht Krahe die Sache genau umgekehrt: ,,Viele urspriingliche Par-
tizipien haben sich von ihrem Verbum gelėst und sind selbstiandige Adjektive gewor-
den...“ (Krahe 1969: 105). Das Problem liegt wohl darin, dass das verbale System
gewohnlich synchronisch, also als fertiges Paradigmensystem mit Regeln zur Bildung
der einzelnen Formen, dargestellt wird, wohingegen die Wortbildung der Adjektive
ublicherweise diachronisch beschrieben wird. Damit ist das Adjektiv sofort , fertig®,
32 | BERND GLIWA
obwohl es eine Reihe konkurrierender Bildungen gibt, wahrend das Partizip erst
dann als fertig angesehen wird, wenn es als Paradigma fūr alle Verben gilt. Und das
ist, wie hier gezeigt, gar nicht zwingend. So wie es fūr adjektivische Bildungen meh-
rere Moglichkeiten mit gleicher resultierender Bedeutung gibt, konnen fiir ein und
dasselbe Partizip alternative Ableitungsverfahren eingesetzt werden. Partizipien miis-
sen auch keineswegs als vollstandiges Paradigma erscheinen, wie z.B. das hier unter-
suchte nesinas.
9. ERGEBNISSE
Es besteht kein Zweifel, dass nesinas, béginas, vedinas im syntaktischen Usus weit-
gehend den Halbpartizipien nešdamas, bėgdamas, vesdamas entsprechen. Es wire da-
her sinnvoll, sie in einer (synchronischen) litauischen Grammatik mit den Halbpar-
tizipien gemeinsam zu klassifizieren und abzuhandeln. Sofern sie ohne weitere
Verbindungen auftreten, also besonders Bildungen intransitiver Verben der Bewe-
gung, wie béginas, tekinas, fallen sie syntaktisch mit Adverbien, bzw. den „būdinys“
genannten Adverbialpartizipien (Ulvydas, Hrsg., 1971: 421-424) zusammen, was dazu
fūhrt, dass die Endung adverbialisiert wird. Die Eingliederung in normale Konzepte
der Adverbien ist daher fiir intransitive Verben bereits fortgeschritten. Weitaus sel-
tener findet eine Umwandlung in ein regulidres Adjektiv statt, ein deutliches Beispiel
liegt in skubinas vor.
Die Verwendung mit einem Instrumentalobjekt, welche der einzige Unterschied zu
den Halbpartizipien auf -damas ist, kann mit der adverbialen Verwendung der Kon-
struktion kumele varinas in Bezug auf eina zusammenhangen. Hingegen ist die Ver-
wendung mit einem Akkusativobjekt wohl eine innovative Anpassung an die Rektion
des Verbs, eine frithe Innovation, die bereits bei Daukša zu finden ist.
Die Bildung auf der Basis primarer Verben mit einer auf Konsonant oder Sonant
endenden Wurzel deutet auf ein unvollstandiges Paradigma der Partizipialform hin;
Bildungen, die auf anderen als den genannten Wurzeln basieren, wurden nicht ange-
troffen.
Es besteht keine Schwierigkeit, die Form zu rekultivieren und fir geeignete Ver-
ben zu verwenden.
Die Haltung von Palionis, nach der diese Formen ūberwiegend in Niederlitauen
verwendet werden, wird bestétigt; die AusschlieBlichkeit anderer Autoren muss zu-
ruckgewiesen werden.
ABKURZUNGEN VON QUELLEN
(soweit sie nach Lietuvių kalbos žodynas und Lietuvių kalbos gramatika zitiert wurden)
BP — Postilla... per Jana Bretkuna...
D -S. Daukantas, 1846, Dajnes zemaitiu...
DAuK. —S. Daukantas, Werke.
GRŽ— Grūžiai, Kr. Pasvalys.
J. = Jlumoeckiū caosaps A. VOnikeBnua, 1897-1922.
J. JABL. - Jonas Jablonskis, Werke.
Nešinas, vedinas, tekinas | 33
JR - Svotbinė rėda... par Antaną Juškeviče.
Ki - Kuliai, Kr. Plungė.
KRS — Kuršėnai, Kr. Šiauliai.
Lkv — Laukuva, Kr. Šilalė.
LsB — Die Bildung der Nomina im Litauischen von August Leskien. Leipzig, 1891.
NIEM — Litauische Volkslieder aus dem handschriftlichen Nachlass von Prof. J. J. Mikkola, Helsinki, 1949.
OB — Obeliai, Kr. Rokiškis.
Šrs— Šatės, Kr. Skuodas.
TRGN — Tauragnai, Kr. Utena.
TRK — Tirkšliai, Kr. Mažeikiai.
Tr — Tytuvėnai, Kr. Kelmė.
V. KRĖV. — Vincas Krėvė, Werke.
ŽEM.— Žemaitė, Werke.
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JSD = Juška, A. und Juška, J., Hrsg., 1955: Lietuviškos svotbinės dainos 1-11, Vilnius: Valstybinė grožinės
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