Daniel Petit. „Apophonie et catégories grammaticales dans les langues baltiques“
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ACTA LINGUISTICA LITHUANICA
LIII (2005) 111–131
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Daniel Petit
Apophonie et catégories grammaticales dans les langues baltiques
Leuven–Paris: Peeters, 2004, 436 p., ISBN 90-429-1529-3 (Peeters Leuven), ISBN 2-87723-824-5 (Peeters France)
(Collection linguistique publiée par la Société de Linguistique de Paris, lxxxvi)
Bevor wir über dieses Buch sprechen, möchte man zunächst daran erinnern, dass sich unter den westeuropäischen Linguisten zur „Blütezeit“ der historisch-vergleichenden Methode vor allem die Deutschen und – etwas später – die Franzosen für die litauische Sprache interessierten. Als Pionier der Erforschung des Litauischen in Frankreich gilt zweifellos Ferdinand de Saussure, der nicht nur 1879 oder 1880 das Siedlungsgebiet der Litauer besucht hat (Godel 1973: 7–24; Mauro 1972: 331–332), sondern auch als Erster an den Universitäten von Paris (und später Genf) Litauisch zu unterrichten begann.
Auch der produktivste französische Linguist, Antoine Meillet, stützte sich in seinen indogermanistischen Arbeiten umfassend auf litauische Sprachdaten. Sein Schüler Robert Gauthiot besuchte Litauen sogar zweimal, 1900 und 1901. Die Frucht seiner ersten Reise nach Litauen war die 1903 in Paris als eigenständiges Buch veröffentlichte erste baltistische Monografie, Buivydžių šnekta (Le parler de Buividze). Auf die zweite der Baltistik gewidmete Monografie in Frankreich musste man hingegen ein ganzes Jahrhundert warten. Sie wurde 2004 von dem an der Baltistik interessierten Linguisten Daniel Petit veröffentlicht, der die litauische Sprache gut beherrscht. Die hier besprochene Monografie unterscheidet sich jedoch deutlich von der ersten. Während Robert Gauthiots Monografie die Mundart der ostaukštaitischen Kupiškėner zum Gegenstand hatte, befasst sich Daniel Petits Buch mit den Problemen der grammatischen Kategorien aller drei baltischen Sprachen und der Entwicklung der Apophonie.
Im Vorwort des Buches (S. 5–6) erklärt der Autor, dass die hier besprochene „Arbeit, die aus einer am 12. Oktober 2002 an der Universität Paris IV Sorbonne verteidigten Habilitation hervorgegangen ist, das Ergebnis der vor einigen Jahren begonnenen indogermanischen vergleichenden Sprachforschung, genauer gesagt der Erforschung der baltischen Sprachen (Litauisch, Lettisch und Altpreußisch), darstellt“ (S. 5). Natürlich vergisst der Autor hier weder Ferdinand de Saussure, der die lange Tradition der Erforschung der baltischen Sprachen begründete, noch den Verfasser der ersten baltistischen Monografie, Robert Gauthiot.
Das besprochene Buch besteht somit neben dem Inhalt (S. 3–4) und dem bereits erwähnten Vorwort aus der Einleitung (S. 7–13), sechs unterschiedlich umfangreichen Kapiteln (1. Personenkategorie und Wurzelapophonie, S. 15–22; 2. Kasuskategorie und Wurzelapophonie, S. 23–121; 3. Numeruskategorie und Wurzelapophonie, S. 123–169; 4. Genuskategorie und Wurzelapophonie, S. 171–191; 5. Moduskategorie und Wurzelapophonie, S. 193–288; 6. Tempuskategorie und Wurzelapophonie, S. 289–361), sowie den Schlussfolgerungen.
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(S. 363–374), Wortregister (S. 377–410) und Bibliografie (S. 411–436), an deren Anfang Abkürzungen für Sprachen, grammatische Termini und einige Publikationen stehen (S. 411–412).
In der Einleitung weist der Autor darauf hin, dass „die Apophonie traditionell unter formalen Gesichtspunkten untersucht wird: Meist gilt es festzustellen, welche Phoneme am Vokalwechsel beteiligt sind und in welcher formalen Beziehung sie zueinander stehen“, und erläutert, dass man ausgehend von diesem Ansatz gewöhnlich zwei Apophonie-Typen unterscheidet: qualitative und quantitative (S. 8). Im Folgenden merkt er an, dass „Apophonie auch unter funktionalem Gesichtspunkt untersucht werden kann“, wobei die morphologischen und semantischen Beziehungen zwischen den Grundformen (formes de fondation) und den abgeleiteten Formen (formes fondées) der Apophonie bestimmt werden (S. 9). Mit anderen Worten: Den Autor des besprochenen Werks interessiert vor allem die sogenannte grammatische Apophonie, die sich in der grammatischen Struktur der baltischen Sprachen darin äußert, dass eine grammatische Form aus einer anderen gebildet wird; der Verfasser der Monografie widmet seine Aufmerksamkeit also ganz der Stellung der aus der indogermanischen Zeit ererbten Apophonie in den baltischen Sprachen. Daher bewertet Daniel Petit dieses Phänomen unter dem Gesichtspunkt der vergleichenden indogermanischen Grammatik. Die Monografie beschränkt sich somit auf die Wurzelapophonie, das heißt den Vokalwechsel in den Wurzeln von Wörtern und ihren Formen; Fragen der Suffixapophonie bleiben vollständig unberücksichtigt. Diese Beschränkung des Autors lässt sich leicht erklären: In einer einzigen Monografie ist es schlicht unmöglich, neben der Wurzelapophonie auch noch die Probleme der Suffixapophonie zu untersuchen. Es bleibt zu hoffen, dass Daniel Petit die Suffixapophonie in den baltischen Sprachen in künftigen Arbeiten behandeln wird.
Tiesa, diachroninės kalbotyros specialistams (plg. Stang 1966: 120t.; Zinkevičius 1980: 1, 89–96) jau senokai žinoma, jog iš ide. epochos paveldėtosios apofonijos pagrindinius bruožus baltų kalbos yra, palyginti, neblogai išlaikiusios, bet kuriuos ne kuriuos balsių kaitos tipus jau yra praradusios, o kai ką ir gerokai atnaujinusios. Be to, prisiminus istorinės lyginamosios kalbotyros beveik dviejų šimtmečių istoriją ir kokį vaidmenį šios krypties atstovai teikė lietuvių kalbai, aiškindami įvairias ide. lyginamosios fonetikos problemas, savaime darosi aišku, kad šiuo klausimu nuo Augusto Schleicherio iki šių dienų būtų galima nurodyti gana ilgą literatūros sąrašą šiuo klausimu. Bet tada gerokai nutoltume nuo recenzuojamos knygos turinio.
Daher versteht es sich von selbst, dass sich beim ersten Durchblättern des neuen, der Problematik des Vokalwechsels gewidmeten Buches von Daniel Petit zunächst die Frage stellt, wodurch es sich von anderen Arbeiten ähnlicher Art unterscheidet. Um diese Frage ausführlicher oder knapper zu beantworten und zu beurteilen, wodurch sich dieses Buch von anderen Arbeiten abhebt, müssen in wenigen Worten nicht nur die vom Autor behandelten Fragen, sondern auch die sich aus den Forschungsergebnissen ergebenden Schlussfolgerungen erwähnt werden.
Das kürzeste von allen ist das erste Kapitel, in dem der Zusammenhang zwischen Wurzelapophonie und der Kategorie der Person erörtert wird. Das ist durchaus verständlich, denn der Kategorie der Person lag in den baltischen Sprachen nach Auffassung des Autors niemals ein Vokalwechsel zugrunde; sie hatten diese Eigenschaft aus der indogermanischen Ursprache geerbt, in der „der Gegensatz der Personen in der Verbparadigmatik bereits grammatikalisiert gewesen sein dürfte“, und in dieser Hinsicht haben die baltischen Sprachen das indogermanische System in keiner Weise verändert (S. 22).
Im zweiten und mit 98 Seiten umfangreichsten Kapitel konzentriert der Verfasser der Monografie seine Aufmerksamkeit auf die grundlegende nominale Kategorie der baltischen Sprachen – die Kasuskategorie – und versucht festzustellen, welche Rolle der ererbte Gegensatz in der Entwicklung dieser Kategorie in den baltischen Sprachen spielte. Um diese Frage zu beantworten, stellt D. Petit die Hypothese auf, dass apophonische Oppositionen in der Paradigmatik wurzelhaltiger Wörter den Probalten nicht fremd gewesen seien. Spuren dieser Oppositionen, bei denen der Nom. Sg. einst den Grundstufenablaut aufwies (vgl. altpreuß. peuse < *peuk, „Kiefer“), die übrigen Kasus dagegen die Schwundstufe (vgl. lit. pušis < *puk), seien nach Auffassung des Autors in den baltischen Sprachen erhalten geblieben. Allerdings ist diese Apophonie nicht innerhalb desselben Paradigmas erhalten; sie ist indirekt bezeugt
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in unabhängigen Lexemen (vgl. S. 55). In den Schlussfolgerungen des Kapitels räumt der Autor jedoch ein, dass wir, wenn überhaupt von einer substratbedingten Bewahrung der Wurzelapophonie in den baltischen Sprachen gesprochen werden kann, zugleich anerkennen müssen, dass sie nur unter bestimmten Bedingungen auftritt und dass jene „verflochtenen“ Daten, die einen älteren Zustand der Apophonie erkennen lassen, dem synchronen Apophoniesystem fremd sind (vgl. S. 120–121).
Mit dem zweiten Kapitel hängt gewissermaßen auch das dritte zusammen, in dem die Kategorie des Numerus behandelt wird (S. 123–169), denn die Numeruskategorie ist sowohl für das Nomen als auch für das Verb kennzeichnend. Vielleicht könnten wir daher sogar sagen, dass sie die vorherrschende grammatische Kategorie ist. Interessant ist in diesem Zusammenhang, welche Fälle von Wurzelapophonie für diese grammatischen Kategorien charakteristisch sind. Sind sie bei Substantiven und Verben gleich oder nicht? Zu Beginn des zweiten Teils dieses Kapitels, der der Numerusapophonie im Nominalsystem gewidmet ist, bestätigt Daniel Petit zunächst, dass im Baltischen Singular und Plural der Substantive (ebenso wie der Dual) „niemals mit einem Vokalwechsel verbunden sind“ (S. 124, 129). Anschließend erörtert er ausführlicher das Verhältnis zwischen altpreuß. wird's „Wort“ und lit. vardas, lett. vārds „Wort, Name“ (S. 124–129), denn seiner Ansicht nach wirft das Vorkommen der beiden Formen in verschiedenen baltischen Dialekten die Frage auf, in welchem Verhältnis sie in baltischer Zeit zueinander standen: Sind sie ein Relikt der einstigen apophonischen Opposition Sg.: Pl. (Kollektiv), oder handelt es sich um dialektale lexikalische Varianten? Der Autor ist überzeugt, dass die zweite Möglichkeit vorzuziehen ist (S. 128–129). Möglicherweise wurde diese Entscheidung des Autors dadurch bestimmt, dass dies das einzige Substantivbeispiel ist, bei dem sich Spuren von Apophonie in der Numeruskategorie suchen ließen.
Der größere Teil dieses Kapitels (S. 129–168) ist dem Verbsystem gewidmet. Unter dem Gesichtspunkt der Apophonie behandelt der Autor hier zunächst die athematischen Präsensformen (S. 130–158); den Perfekta und Präterita wird deutlich weniger Raum eingeräumt. Nach einer kurzen Untersuchung der athematischen Präsensformen in den baltischen Sprachen kommt Daniel Petit zu dem Schluss, dass die im Baltischen bezeugten athematischen Präsensformen keinerlei Spuren von Wurzelapophonie im Ausdruck der Numeruskategorie aufweisen. Darüber hinaus muss man sich bei der Untersuchung athematischer Verben in diesem Zusammenhang auf jene athematischen Verben beschränken, deren Entsprechungen in anderen indogermanischen Sprachen ebenfalls athematisch sind, und diejenigen athematischen Verben des Baltischen ausklammern, deren etymologische Entsprechungen anderen Flexionstypen angehören, denn nur erstere eignen sich für die Untersuchung der ererbten Wurzelapophonie (S. 133). Auch die Analyse des übrigen Teils dieses Abschnitts ändert an diesen Schlussfolgerungen nichts: Am Ende des Kapitels behauptet der Autor nicht nur, dass sich im Gegensatz Singular: Plural der baltischen Sprachen keinerlei Spur ererbter Wurzelapophonie findet, sondern präzisiert diese Schlussfolgerung noch weiter: „Im Vergleich zum indogermanischen System zeichnet sich das baltische durch eine Einheitlichkeit der Wurzelstufe innerhalb des Paradigmas aus“ (S. 168). Somit ist sogar der Numerusausdruck bei athematischen Verben hinsichtlich des Vokalwechsels nicht mit dem indogermanischen vergleichbar, wo im Präsens und Perfekt der Verben der Wurzelvokalwechsel im Gegensatz Singular: Plural recht regelmäßig war; vgl. altind. 1 Sg. ásmi < idg. *h₁es-mi „ich bin“ und 1 Pl. smáh < idg. *h₁s-me- (S. 130).
Ähnlich verhält es sich in den baltischen Sprachen auch mit der Genuskategorie. Die ererbte Apophonie ist für den Ausdruck dieser Kategorie im Baltischen ebenfalls nicht charakteristisch. Doch unterscheidet sich die indogermanische Genuskategorie von der Numeruskategorie auch darin, dass „die Wurzelapophonie auch hier schlecht bezeugt ist“ (S. 171). Allerdings gibt es sowohl im Baltischen als auch in anderen indogermanischen Sprachen eine Gruppe von Substantiven, die sowohl maskulines als auch feminines Genus haben können. Diese mobilen Substantive (substantifs mobiles) zeichnen sich dadurch aus, dass die bei ihnen auftretende Akutmetatonie mit einem Vokalwechsel gleichgesetzt werden könnte (vgl. lit. vārnas ~ vārna, vilkas ~ vilkė). Tatsächlich haben wir es hier jedoch mit baltischer Akutmetatonie zu tun, die
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Mit der alten idg. Ablautlehre hat dies nichts zu tun. Mehr noch: Bei der Untersuchung dieser Substantive müssten wir laut dem Autor nicht von einer grammatischen Markierung (un marquage grammatical), sondern von einer lexikalischen Derivation sprechen. Daher ist der ererbte Wurzelablaut auch der Ausdruck des grammatischen Genus in den baltischen Sprachen völlig fremd (S. 190–191).
Die letzten beiden Kapitel der besprochenen Monografie sind der Erörterung der Wurzelablautphänomene in den verbalen Kategorien der baltischen Sprachen gewidmet. Im fünften Kapitel wird unter diesem Gesichtspunkt die Kategorie des Modus untersucht, im sechsten die Kategorie des Tempus.
Zu Beginn seiner Erörterung der Kategorie des Modus hebt Daniel Petit unmittelbar hervor, dass die Rekonstruktion des Modus von allen Rekonstruktionen grammatischer Kategorien wohl die meisten Probleme aufwirft, da bis heute unklar ist, wie viele Modi es in der idg. Ursprache gab. Denn in den ältesten schriftlichen Denkmälern der idg. Sprachen ist eine unterschiedliche Anzahl belegt: Im Vedischen sind sieben Modi nachgewiesen, in der Sprache fünf und im Hethitischen vier. Außerdem ist selbst angesichts der belegten Anzahl bis heute unklar, welche Modi der idg. Ursprache zuzurechnen sind und welche – mit Ausnahme des Infinitivs, wie es scheint – sich in jeder Sprache unabhängig entwickelt haben.
Ein zweites Problem besteht laut Daniel Petit darin, dass sich die idg. Modi hinsichtlich ihres Status nur schwer klassifizieren lassen, da unklar ist, ob wir das Partizip, das lediglich eine adjektivische Form des Verbs ist, und den Infinitiv, der eine unflektierbare nominale Verbform darstellt, als „Modi“ behandeln müssen (S. 193). Im Hinblick auf die baltischen Sprachen ergeben sich zudem Schwierigkeiten aufgrund ihrer besonderen Struktur. Denn neben einem modifizierten System idg. Modi haben sie auch neue Modi entwickelt, die mit dem idg. Prototyp völlig (oder nahezu völlig) unverbunden sind (vgl. S. 194).
Unter Berücksichtigung dieser Schwierigkeiten und mit dem zusätzlichen Hinweis, dass in den schriftlichen Denkmälern des Altpreußischen fünf Modi belegt sind, während das Ostbaltische (Litauisch und Lettisch) entsprechend sechs und acht Modi aufweisen muss, erörtert Daniel Petit im zweitumfangreichsten Kapitel mit großer Präzision die Moduskategorien der baltischen Sprachen unter dem Gesichtspunkt des Wurzelablauts. In den Schlussfolgerungen des Kapitels stellt er fest, dass sich der modale Ablaut in den baltischen Sprachen in zwei Formen zeigt: Im Optativ und im Partizip findet sich eine Form des ererbten Ablauts (die hier jedoch zum Schwinden neigt), während er wesentlich häufiger und regelmäßiger in Ableitungen vom Infinitiv vorkommt. Der Gegensatz zwischen Infinitiv und Indikativ (vgl. lit. Inf. minti, Präs. Ind. mėna) ist laut dem Autor jedoch alt und findet sich nicht nur in jeder baltischen Sprache, sondern auch in anderen idg. Sprachen; seine genauen Entsprechungen in den slawischen Sprachen lassen hier „einen Ablaut von sehr hohem Alter erkennen“ (S. 287).
Im letzten, sechsten Kapitel untersucht Daniel Petit, wie sich der Wurzelablaut in den Tempuskategorien der baltischen Sprachen äußert, zumal das baltische „Tempussystem um den Gegensatz zwischen Präsens- und Präteritumstämmen gruppiert ist, zu dem als Kontrast der modale Infinitivstamm hinzutritt“ (S. 289). Nach der Untersuchung der Wurzelablautphänomene vertritt der Autor in seinen zusammenfassenden Schlussfolgerungen die Auffassung, dass die baltischen Sprachen beständig dazu neigen, „den Bereich des Ablauts auf binäre Oppositionen zu beschränken: So lebt der Wurzelablaut beispielsweise beim Tempusausdruck nur als binäres Paar <Präsens / Präteritum> fort; beim Modusausdruck äußert er sich ebenfalls nur in einem binären Paar <Indikativ / Infinitiv>“ (S. 370). Der Autor der Monografie formuliert diesen Gedanken auf der Grundlage einer Arbeit von Wojciech Smoczyński, in der die Entwicklung der Morphologie baltischer konsonantischer Stämme untersucht wird (Smoczyński 2000: 18–33).
Nachdem Daniel Petit hervorgehoben hat, dass der Wurzelablaut in den baltischen Sprachen zur Ausbildung binärer Oppositionen tendiert, wirft er in seinen Schlussfolgerungen Fragen auf, die für das Verständnis des baltischen Ablauts wesentlich sind: 1) Warum haben manche grammatischen Kategorien den Wurzelablaut bewahrt, andere ihn hingegen verloren? 2) Warum beschränkt sich der Ablaut in der Moduskategorie allein auf den Gegensatz <Indikativ/Infinitiv>,
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während er beim Optativ, Imperativ und Partizip unbekannt ist; 3) warum wird der Wurzelablaut beim Ausdruck der Tempuskategorie nur für den Gegensatz < Präsens / Präteritum > verwendet? Und 4) warum hat die Tempuskategorie im Verbalsystem den Ablaut bewahrt, während die Numeruskategorie ihn seit der Zeit der baltischen Ursprache vollständig verloren hat, selbst bei athematischen Verben? (S. 371).
Man muss uneingeschränkt zustimmen, dass es auf all diese Fragen keine einzige Antwort geben kann, denn das Schicksal des Wurzelablauts in den baltischen Sprachen wurde von zahlreichen Faktoren bestimmt. Zunächst lässt sich vermuten, dass in der baltischen Ursprache die schwächsten Wurzelvokalwechsel sehr früh ausgeglichen wurden, nämlich diejenigen, die schon in der idg. Ursprache selten und ausnahmsweise auftraten (vgl. den mit dem Genusausdruck verbundenen Ablaut).
Dem Autor der besprochenen Monografie ist darin beizupflichten, dass der wichtigste und zugleich besonders schwer zu bewertende Faktor der Grad morphologischer Abhängigkeit ist. Er ist deshalb so wichtig, weil er es ermöglicht, Grundformen und abgeleitete Formen zu unterscheiden. Denn in Kategorien, in denen der grammatische Ablaut verloren gegangen ist, treten die genannten Formen als abgeleitete, das heißt den Grundformen untergeordnete Formen auf, von denen sie auch den Vokalismusgrad übernommen haben. Das deutlichste Beispiel sind die Partizipien der baltischen Sprachen, die sich hinsichtlich des Vokalwechsels in keiner Weise von den entsprechenden Grundformen des Indikativs unterscheiden. Wenn das Schwinden des Ablauts also mit dem Übergang von Formen aus dem Grundformenstatus in den Status abgeleiteter Formen zusammenhängt, dann ist es laut Daniel Petit „wichtig, nicht nur das Verschwinden des Ablauts in bestimmten grammatischen Kategorien zu erklären, sondern auch den Statuswandel der Formen, die diese Kategorien manifestieren“ (S. 372–373).
Außerdem muss dieser Statuswandel auch deshalb erklärt werden, weil die Entwicklung des Ablauts (das heißt sein Erhalt oder Verlust) mit einem stärkeren oder schwächeren Grad der Grammatikalisierung der untersuchten Kategorie zusammenhängen kann (S. 373).
Allgemein ist hervorzuheben, ohne näher auf die Erörterung der von Daniel Petit gezogenen Schlussfolgerungen einzugehen, dass sie allesamt sehr gut begründet sind. Die Deutung der Fakten aus allen baltischen Sprachen zeugt nicht nur von der umfassenden linguistischen Perspektive des Autors (das Literaturverzeichnis enthält über 400 Einträge), sondern auch von seiner profunden Kenntnis der grammatischen Struktur der baltischen Sprachen. Daher sind die Wörter der baltischen Sprachen im Buch – abgesehen von einigen wenigen Fällen uneinheitlicher Wiedergabe lettischer Wörter mit fallender Intonation (vgl. per ‘durchbohrt’ und pēr, S. 293 ff., 391; min, S. 255, 390 und min ‘tritt’, S. 313; stumj „stößt“, S. 326, 391; vemj „wälzt“, S. 319, 392) – korrekturgelesen. Auch das litauische Zahlwort aštuoni ist entgegen der fehlerhaften Akzentuierung (= aštuoni), S. 94, Anm. 151, korrekt wiedergegeben; anstelle von stipras wurde stipra gedruckt, S. 386. Dies ist ebenfalls ein großer Vorteil eines im Ausland erschienenen Buches. Freilich finden sich im Literaturverzeichnis etwas mehr Ungenauigkeiten: So müsste in den Titeln der Arbeiten von Gražina Akelaitienė aus den Jahren 1993, 1994 und 1997 anstelle von morfologinės (S. 413) (Wechsel) morfonologinės stehen; im Titel des 1981 veröffentlichten Aufsatzes von Regina Venckutė müsste anstelle von neapofonija (S. 435) neoapofonija stehen, und das 1966 erschienene Hauptwerk von Zigmas Zinkevičius trägt nicht den Titel Lietuvių kalbos dialektologija (S. 436), sondern Lietuvių dialektologija. Diese Ungenauigkeiten mindern jedoch keineswegs den Wert von Daniel Petits Buch, auf das künftig kein Forscher der baltischen Sprachen verzichten können wird, zumal es sich gewiss leicht nutzen lässt: Alle Aussagen sind nicht nur gut begründet, sondern auch in recht einfacher Sprache dargelegt. So möchte man Daniel Petit, der mit einem wahrlich großen Rüstzeug in die Baltistik gekommen ist, inhaltsreiche künftige Reisen durch die Labyrinthe der Geschichte der baltischen Sprachen wünschen und ihm wünschen, die baltistischen Traditionen in Frankreich nicht nur erfolgreich fortzuführen, sondern auch weiterzuentwickeln.
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LITERATŪRA
GODEL, R. 1973: A propos du voyage de F. de Saussure en Lituanie. Cahiers Ferdinand de Saussure 23, 7–24.
MAURO, T. de 1972: Notes biographiques et critiques sur F. de Saussure. In: F. de Saussure, Cours de linguistique générale, Paris: Payot, 319–404.
SMOCZYŃSKI, W. 2000: Starolitewskie žmuo, žmuni na tle prabaltických rzeczowników atematycznych. Acta Linguistica Lithuanica 43, 18–33.
STANG, CH. S. 1966: Vergleichende Grammatik der baltischen Sprachen. Oslo: Universitetsforlaget.
ZINKEVIČIUS, Z. 1980: Lietuvių kalbos istorine gramatika 1. Vilnius: Mokslas.
Juozas Karaciejus Lietuvių kalbos institutas P. Vileišio g. 5, 10308, Vilnius
LOZORIUS ZENGŠTOKAS
GIESMES CHRIKSZCIONISCHKOS IR DUCHAUNISCHKOS IR JŲ ŠALTINIAI
Parengė GUIDO MICHELINI Vilnius: Baltos lankos, 2004, 584 p., ISBN 9955-584-71-8
2005 metų pradžioje „Baltų lankų“ leidykla (2004 metų data) išleido iš karto bibliografinę retenybę tapusį Lozoriaus Zengštoko 1612 metų giesmyną Giesmes Chriks-czionischkos ir Duchaunischkos. Retenybe tapo todėl, kad, nors knygos „rengimą ir leidimą parėmė Valstybinė lietuvių kalbos komisija prie Lietuvos Respublikos Seimo“ (p. 4), beveik iki 2005 metų pabaigos šis leidinys į knygynus taip ir neatkeliavo, o pati leidykla irgi jau seniausiai tvirtina jo nebeturinti. Todėl nejučia kyla įvairių klausimų: kam šis leidinys buvo skirtas ir kodėl Valstybinės lietuvių kalbos komisijos remto leidinio niekur negalima gauti? Juk nesinorėtų teigti, kad Valstybinė lietuvių kalbos komisija jau pradėjo remti asmeninius privačių parengėjų leidinius. O gal šiuo leidiniu norėta priminti sovietinius „visuotinio deficito“ laikus?..
Leidinys pradedamas knygos parengėjo Guido Michelinio dvikalbiu „Įvadu“ (lietuvių k. – p. 7–13; anglų k. – p. 14–21). Po jo fotografuotiniu būdu spausdinamas Lozoriaus Zengštoko giesmyno tekstas su šaltiniais (p. 22–523), Berlyno egzemplioriuje esančių rankraštinių giesmių perrašymai su šaltiniais (p. 524–526), 3 priedai, iš kurių tik pirmas – „Vilniaus egzemplioriuje trūkstami lapai ir rankraštinės giesmės iš Berlyno egzemplioriaus“ (p. 527–548) – yra tiesiogiai susijęs su Zengštoko giesmynu (antras ir trečias, t. y. „Keli pavyzdžiai iš 1588 m. Karaliaučiuje išleisto giesmyno Geistliche Lieder und Psalmen“ (p. 549–558) ir „Keli pavyzdžiai iš 1599 m. Niurnberge išleisto giesmyno Geistliche Lieder und Psalmen“ (p. 559–571) yra daugiau iliustracinio pobūdžio), o pabaigoje – „Šaltiniai ir bibliografija“ (p. 572–573) bei „Giedamų tekstų sąrašas pagal pirmąsias eilutes“ (p. 574–584).
Recenzuojamos knygos „Įvade“ parengėjas, trumpai nurodęs Lozoriaus Zengštoko giesmyno ryšį su ankstesniais Martyno Mažvydo ir Jono Bretkūno giesmynais bei apibūdinęs dviejų iki mūsų dienų išlikusių perleidžiamo giesmyno egzempliorių būklę, toliau pabrėžia, jog dėl to, kad 50 giesmių tekstai „iki Zengštoko leidimo buvo publikuoti daugiau nei kartą, rengiant šį