scieee AI-readable full text Open interactive document viewer

Prahos vokiečių–lietuvių rankraštinio žodyno autorystės klausimu

Ilja Lemeškin

Full text

ILJA LEMEŠKIN Karls-Universität Prag Forschungsschwerpunkte: alte baltische Literatur und Schriftlichkeit, vergleichende Folkloristik, Lexikografie, Geschichte der Baltistik. ZUR FRAGE DER AUTORSCHAFT DES PRAGER DEUTSCH-LITAUISCHEN HANDSCHRIFTLICHEN WÖRTERBUCHS1 Zur Frage der Autorschaft des Prager handschriftlichen deutsch-litauischen Wörterbuchs Z U S A M M E N F A S S U N G Das Prager Wörterbuch ist ein handschriftliches lexikografisches Werk aus den dritten bis vierten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts, das derzeit im Klementinum, in der Abteilung für Handschriften und alte Drucke der Nationalbibliothek der Tschechischen Republik aufbewahrt wird (Národní knihovna Oddělení rukopisů a starých tisků), Signatur XVI.F.30. Der litauistischen Fachgemeinschaft wurde es erstmals auf dem Seminar Aktualiausios Šiaurės ir Rytų Europos kalbų tyrimų kryptys vorgestellt, das am 27. Januar 2011 von der Vereinigung der Forscher des Dialogs der europäischen Sprachen und Kulturen veranstaltet wurde. In dem Vortrag „Denkmäler der litauischen Lexikografie in Tschechien: das Friedrich Wilhelm Haack zugeschriebene Prager handschriftliche deutsch-litauische Wörterbuch“ wurde das bis dahin unbekannte litauistische Denkmal vor allem unter archeografischem Gesichtspunkt vorgestellt; außerdem wurden der Inhalt des Buches erörtert und seine textologische Beziehung zum sogenannten Krause-Wörterbuch untersucht. Im 2012 von der Vereinigung der Forscher des Dialogs der europäischen Sprachen und Kulturen herausgegebenen dritten Band von Kalbų ir kultūrų sankirtų archyvų erschien der erste diesem ostpreußischen lexikografischen Werk gewidmete Aufsatz (Lemeškin 2012). Er behandelte zwei Aspekte: 1) die Umstände der Entdeckung des lexikografischen Denkmals und seine Stellung in der tschechischen Litauistik des 19. Jahrhunderts sowie 2) eine allgemeine archeografische Beschreibung des Wörterbuchs. Der erwähnte Aufsatz schloss mit der Feststellung, dass die Erforschung des Wörterbuchs bislang nur 1 Der Aufsatz wurde im Rahmen des von der Staatlichen Kommission für die litauische Sprache geförderten Projekts Untersuchung und Druckvorbereitung des Friedrich Wilhelm Haack zugeschriebenen handschriftlichen deutsch-litauischen Wörterbuchs (Anfang des 18. Jahrhunderts) erstellt (Vertragsnr. K-4/2012, geschlossen am 01.02.2012). S C H L Ü S S E L W Ö R T E R: Autorschaft, deutsch-litauisches Wörterbuch, Observatio de origine Verborum Littwhaniorum, ostpreußische Lexikografie, Friedrich Wilhelm Haack, Baumgarten. S C H L Ü S S E L W Ö R T E R: Autorschaft, deutsch-litauisches Wörterbuch, Observatio de origine Verborum Littwhaniorum, Lexikografie Ostpreußens, Friedrich Wilhelm Haack, Baumgarten. Straipsniai / Articles 269 ILJA LEMEŠKIN beginnt und viele Fragen lassen sich vorerst nur vorläufig beantworten. Zu den aktuellen künftigen Aufgaben wurde die Problematik der Urheberschaft des Wörterbuchs gezählt, die eng mit der Interpretation einer Provenienz verbunden ist. In diesem Beitrag soll auf diesem Gebiet ein kleiner Schritt nach vorn gemacht werden. A N N O T A T I O N Der Beitrag widmet sich dem lexikografischen Erbe der dritten und vierten Dekade des 18. Jahrhunderts, insbesondere der Frage der Urheberschaft. Das Hauptaugenmerk gilt der Struktur des Kodex, der zwei unabhängige Teile umfasst, die hinsichtlich ihrer Urheberschaft getrennt betrachtet werden sollten. Für das deutsch-litauische Wörterbuch können wir nicht von einer Urheberschaft sprechen, da es sich lediglich um eine weitere Abschrift eines älteren Dokuments handelt. Doch Observatio de origine Verborum Litthwaniorum lässt sich als kreativ und originell beschreiben. Es wird angenommen, dass der Bearbeiter des *PRPK (d. h. des Protographs des in Prag gefundenen deutsch-litauischen Wörterbuchs) und der Verfasser der „Beobachtungen zu den Ursprüngen litauischer Wörter“ ein und dieselbe Person mit fundierten Sprachkenntnissen sind. Es ist durchaus möglich, dass dies der Grund dafür war, dass Friedrich Wilhelm Haack im 18. Jahrhundert als Verfasser angesehen wurde. Eine genauere Analyse der ältesten Werke legt jedoch nahe, dass diese Schlussfolgerung nicht zutraf. Deshalb sollte auch die auf der Rückseite des Kodex notierte Bezeichnung Hacke. Lexicon Lithuanicum überprüft werden. Beginnen wir mit der Definition des Prager Wörterbuchs. Die Bezeichnung bedarf sofort einer Präzisierung und Konkretisierung, denn zunächst gilt es zu klären, um die Urheberschaft welcher linguistischen Arbeit welcher Art es geht. Das in Prag aufbewahrte litauistische lexikografische Denkmal ist hinsichtlich seiner Gattung uneinheitlich. Tatsächlich handelt es sich um einen Kodex, der aus zwei eigenständigen lexikografischen Teilen besteht. Der erste und umfangreichere Teil (2r–344v) ist ein deutsch-litauisches Wörterbuch, das eng mit dem bis in unsere Zeit überlieferten Lexicon Lithuanicum2Krauses Wörterbuch3, dem Wörterbuch von Richter (oder der Memelländer)4 und der Clavis Germanico–Lithuana5 verwandt ist. Es trägt keinen authentischen Titel, das heißt keinen, von dem wir mit Sicherheit wissen, dass er bei der Erstellung des Wörterbuchs (also beim Abschreiben und Ergänzen) oder kurz danach vergeben wurde. Dieser Teil beginnt mit der üblichen Etikettenformel Su Diewo Pagalba; anschließend folgen bereits die ersten Wörterbucheinträge. Das für diesen Teil verwendete Papier (Lagen 1–43) ist auf 1683–1712 zu datieren (Lemeškin 2012: 52–53). Der zweite Teil, für den bei der Anlage des Kodex sorgfältig durchaus nicht wenig Platz vorgesehen wurde (Lagen 44–46), trägt den Titel: „Observatio de origine Verborum Littwhanio-rum“. Die „Beobachtungen zur Herkunft litauischer Wörter“ bestehen aus zwei lexikografischen 2 Mitte des 17. Jahrhunderts; aufbewahrt in LMAB RS: f. 137–10; Faksimile: Lexicon Lithuanicum 1987. 3 Drittes bis viertes Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts; aufbewahrt in LLTIB R: f. 1–5792. Zur Datierung des Manuskripts siehe Drotvinas 1984. 4 Auf 1728 datiert; aufbewahrt im Archiv der Franckeschen Stiftungen in Halle: AFSt J 84. 5 Aufbewahrt in LMAB RS: f. 137 13–14; 1995–1997 von Vincentas Drotvinas herausgegeben – Clavis Germanico–Lithuana 1995–1997. 270 Acta Linguistica Lithuanica LXIX Prahos vokiečių–lietuvių rankraštinio žodyno autorystės klausimu Artikel, in denen die Lexik des Litauischen und des Griechischen miteinander verglichen wird. Für die „Beobachtungen“ hingegen suchen wir im Gegensatz zum ersten Teil wohl vergeblich nach verwandten Werken, die als Grundlage gedient hätten. Die Hefte, aus denen dieser Teil besteht, weisen ein Wasserzeichen auf, das auf eine geringfügig spätere Zeit (ab 1701) datiert wird (Lemeškin 2012: 53). Der erste Teil kann somit als vollständig und abgeschlossen gelten, der andere ist fragmentarisch. Der erste ist eine kollektive, in gewissem Sinne mechanische linguistische Arbeit, während das sprachvergleichende Vorhaben des zweiten innovativ (verglichen mit dem ersten Teil des Kodex) und eigenständig ist. Daher sind auch die Urheberschaften der aufgezählten Bestandteile des Kodex keineswegs gleichrangig und müssen gesondert erörtert werden. Wenn wir den Begriff des Prager Wörterbuchs auf den gesamten Kodex anwenden, sollten wir die eigenständigen „Beobachtungen“ nicht vergessen, die zwar von geringem Umfang sind, die Aufmerksamkeit heutiger Forschender jedoch als fortschrittliche wissenschaftliche Studie ihrer Zeit auf sich ziehen. 1987 äußerte sich Vincas Urbutis sehr vorsichtig zur Frage der Urheberschaft des verwandten Richter-Wörterbuchs (oder Wörterbuchs der Memelländer): „Das Wörterbuch von 1728 steht der schriftlichen litauischen Lexikografietradition des preußischen Landes am nächsten, [...] darin ist fast alles aus anderen Quellen übernommen, die originäre Schicht ist sehr dünn, und [...] deshalb könnte es vielleicht passender sein, diese Handschrift nicht als eigenständiges Wörterbuch, sondern lediglich als eine der überarbeiteten und ergänzten Abschriften eines bereits vorhandenen Wörterbuchs anzusehen. [...] Auch die Frage der Urheberschaft müsste, sobald sich herausgestellt hat, dass sie sich tatsächlich nicht auf das gesamte Wörterbuch, sondern nur auf einen verhältnismäßig kleinen Teil davon bezieht, etwas anders behandelt werden und dürfte nicht mehr so wichtig erscheinen“ (Urbutis 1987: 58–59). Dasselbe ist auch über das Prager Wörterbuch, d. h. über den ersten Teil des Kodex, zu sagen. Wenn es um spätere Abschriften geht, die den Prototyp mehr oder weniger getreu wiedergeben, ist tatsächlich meist von den Abschreibern die Rede, also nicht von den Verfassern des Wörterbuchs selbst, sondern von den Autoren einzelner Abschriften. Ebenso offensichtlich ist jedoch, dass die Schicht der vorgenommenen Änderungen in jeder Abschrift anders ausfällt und dass ihr Umfang und ihre Beschaffenheit – ob Ergänzungen aufgrund der Sprachkompetenz des Abschreibers selbst eingefügt oder aus einer dritten Quelle in die Kompilation übernommen wurden – die Frage der Urheberschaft bestimmen. Je umfangreicher und eigenständiger diese Schicht ist, desto eher ist es natürlich gerechtfertigt, in der abschreibenden und ergänzenden Person Merkmale eines Mitautors zu erkennen. Die Gruppe der Abschriften, zu der die genannten Wörterbücher von Richter, Prag und Krause, Clavis Germanico–Lithvana und das als verschollen geltende Wörterbuch mit der Signatur Msc. 84 4° gehören (das sich bis zum Zweiten Weltkrieg im Rezeschen Bestand des Geheimen Staatsarchivs Königsberg befand), wird von einem gemeinsamen Prototyp abgeleitet, den Urbutis mit der Abkürzung *Q bezeichnet. Christiane Schiller bezeichnet ihn als *KR oder *PRK (Prā-Richter / Krause) (Schiller 2005, 2002). Es ist sinnvoll, diese Abkürzung beizubehalten und sie um einen Verweis auf das Prager Wörterbuch zu erweitern: *PRPK (Prā-Richter / Prager / Krause). Das 2011 in den Forschungsdiskurs der Litauistik zurückgeführte Prager Wörterbuch nimmt in der bisherigen Überlieferungskette ostpreußischer handschriftlicher deutsch-litauischer Wörterbücher einen wichtigen Platz ein. Urbutis hat seine Existenz vermutlich vorausgesehen: In seiner ausführlichen textologischen Untersuchung bezeichnet er es als „frühere (verschollene) Q-Variante“ (Urbutis 1987: 65). Die von Urbutis verwendete Bezeichnung ist unzutreffend, da als Varianten Texte gelten können, die aus einer gemeinsamen Quelle stammen, oder eine Abschrift im Verhältnis zu ihrem Original. Das Verhältnis zwischen dem Prager und dem Krause-Wörterbuch scheint Straipsniai / Articles 271 ILJA LEMEŠKIN ein anderes zu sein. Wahrscheinlich handelt es sich um das Verhältnis von Original und Abschrift. Daher kann, vom Original, d. h. vom Prager Wörterbuch aus betrachtet, nur das in der Bibliothek des Instituts für litauische Literatur und Folklore aufbewahrte lexikografische Denkmal als Variante bezeichnet werden. Dass das Krause-Wörterbuch vom Prager Wörterbuch abgeschrieben wurde, legen Fälle nahe, in denen Ergänzungen des Originals, die sich auf den Blättern der Prager Abschrift durch ihre Farbe und grafische Gestaltung abheben (zwischen den Zeilen, am Rand, mit anderer Tinte, in einem anderen Winkel usw. eingetragen sind), im Krause-Wörterbuch in den Haupttext aufgenommen werden. Zum Vergleich einige Beispiele: PŽ 78v KŽ 165 PŽ 3v KŽ 7 272 Acta Linguistica Lithuanica LXIX Prahos vokiečių–lietuvių rankraštinio žodyno autorystės klausimu PŽ 61 KZ 134 Aus diesem Bildmaterial wird die „feige“ Strategie des Abschreibers von Krauses Wörterbuch deutlich: Zusätze aus der abgeschriebenen Vorlage übernimmt er in den Haupttext, tut dies jedoch (vielleicht aufgrund seiner geringen Kompetenz) auf eigentümliche Weise. Die Zusätze im Prager Wörterbuch gibt er wieder, als hätte er sie zwischen die Zeilen geschrieben; die übertriebene Stilisierung des Originals wird jedoch offensichtlich, wenn man die Zeilenabstände vergleicht (die gewöhnlichen und jene, wenn Ergänzungen des Prager Wörterbuchs eingetragen sind). Das Prager Wörterbuch trägt somit dazu bei, den Charakter von Krauses Wörterbuch und seinen Platz in der erwähnten Kette handschriftlicher Wörterbücher besser zu verstehen, insbesondere im Hinblick auf die Autorschaft. Es zeigt sich, dass die Rollen des Abschreibers und des Mitautors eher zugunsten der ersteren schwanken. Kaum lässt sich hier überhaupt von irgendeiner innovativen Schicht sprechen – der Abschreiber fügt von sich aus fast nichts hinzu (im Teil mit den litauischen Entsprechungen) und hält sich, wobei er leider manches entstellt, blind an das abgeschriebene Original. Daher ist Krauses Wörterbuch für die Rekonstruktion des Prototyps *PRPK wohl kaum von Nutzen. Offenbar ging auch der Verfasser der Richter-Abschrift ähnlich vor. Auch er dürfte das Original, d. h. das nicht erhaltene *PRPK, kaum bereichert oder erweitert haben. Solange die von Schiller vorbereitete Richter-Abschrift noch nicht erschienen ist und die Fachleute, die die Denkmäler der Lexikografie Kleinlitauens eingehend untersucht haben, sich noch nicht mit einer fundierten Stellungnahme zu dieser Frage geäußert haben, sollte man sich besser mit eindeutigen Schlussfolgerungen über die Beziehungen zwischen den Abschriften zurückhalten. Wenn jedoch das Verhältnis von Original und Abschrift zwischen dem Prager und dem Krause-Wörterbuch begründet ist, lässt sich von einem stärkeren originären Anteil des Prager Wörterbuchs sprechen. Offenbar hat der Abschreiber einen greifbareren lexikografischen Aufwand betrieben und versucht, eine ältere Vorlage zu verbessern und zu erweitern. Dieser Aufwand bewirkte die Vielschichtigkeit des ersten Teils des Prager Kodex (dies veranschaulicht gut Straipsniai / Articles 273 ILJA LEMEŠKIN ABB. 1. Titelseite des Prager Kodex die hier wiedergegebene Kopie der Titelseite). Dieser Aufwand passt seinerseits auch gut zum Charakter des zweiten Teils des Kodex und entspricht ihm. Sind der Verfasser des deutsch-litauischen Wörterbuchs und der „Observatio“ desselben Kodex ein und dieselbe Person? Diese Frage lässt sich wahrscheinlich bejahen. Für den zweiten Teil des Kodex wurde Papier verwendet, das in Ostpreußen ungefähr zur gleichen Zeit hergestellt worden war. Zweitens gelangten die „Observationes“ vor der Bindung des Buches in den Kodex, und die Bindung selbst scheint nicht später erfolgt zu sein. Man kann annehmen, dass die Person, die die Überarbeitung einer älteren lexikografischen Vorlage vorgenommen hat- 274 Acta Linguistica Lithuanica LXIX Prahos vokiečių–lietuvių rankraštinio žodyno autorystės klausimu Die Schrift und Ergänzung fügte er seiner Abschrift einen leeren Teil aus drei Heften hinzu (den zweiten im Hinblick auf den Aufbau des Kodex), band den gesamten Buchblock und begann, seine „Beobachtungen“ zu schreiben. Die Fragmentarität und Unvollständigkeit der „Beobachtungen“ ließe sich mit pragmatischen Erwägungen der Zweckmäßigkeit erklären. Eine Studie über die Herkunft litauischer Wörter innerhalb eines dicken, bereits gebundenen Buches auszuarbeiten, erwies sich vermutlich als unpraktisch, da das Schreiben ständig unterbrochen werden musste, um nach neuen erklärungswürdigen Lexemen zu suchen. Außerdem erinnert die Niederschrift der Lemmata des litauischen Registers der „Beobachtungen“ an die Form der litauischen Entsprechungen im Hauptteil des Wörterbuchs. Überlegungen, die darauf hindeuten, dass der Verfasser der „Beobachtungen“ und des ersten Teils des Kodex ein und dieselbe Person war, erhöhen natürlich die Autorität desjenigen, der das Wörterbuch abgeschrieben hat. Die unmittelbare Nachbarschaft zu den „Beobachtungen“ würde belegen, dass der Verfasser der Prager Abschrift durchaus auch der Autor gewesen sein könnte. Darin unterschied er sich von einem zufälligen Abschreiber, also von einem der Sprachwissenschaft fernstehenden Menschen, der gegen Bezahlung lediglich eine ihm vorgelegte Vorlage kopiert. Urbutis hatte Recht mit seiner Aussage, dass die Frage nach dem Autor bei Abschriften, die nicht weit vom Archetyp entfernt sind, nicht von so großer Bedeutung ist. Die Frage nach der Autorschaft des Prager Wörterbuchs verdient jedoch durchaus Beachtung. Vermutlich sollte man nach einem Menschen mit wirklich außergewöhnlichen sprachwissenschaftlichen Fähigkeiten suchen. An Schreibern mangelte es in Ostpreußen in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts ganz sicher nicht; begabte Lexikografen gab es nur wenige, und Autoren, die eine lituanistische etymologische Studie verfassen konnten und sich dazu bereitfanden, gab es noch weniger. Und wahrscheinlich war es gerade ein solcher Mensch, der *PRPK in die Gestalt des Prager Wörterbuchs umarbeitete. War es nicht vielleicht dieser Umstand, der einen Zeitgenossen dazu veranlasste, das Buch Friedrich Wilhelm Haack zuzuschreiben? Doch kehren wir noch einmal zum zweiten Teil des Prager Kodex zurück. Das Fragment der „Beobachtungen zur Herkunft litauischer Wörter“ ist von geringem Umfang. Der eng geschriebene Text lässt sich nicht leicht zuverlässig entziffern, insbesondere die einleitenden Überlegungen des Autors auf Deutsch. Es gelang, folgenden Text zu entziffern (345r): PŽ 345r obleruat: de origine Verborum Littwaniorum Es wird von denen meisten gelehrten d. littauſche Sprache vor ein Milch Malch gehalten: da ſoll || nur eine collection von Wörter[n] angeſtellet werd[en], d. aus frembden ſprache[n] genomen: Metas. heißt. annus: deriv: ἐτῶν. Luc 8. 42. N. T. 120. τὸ ἔτος ετεος. Annus. || το ἔτος: {Es kan} leicht das M. hinzugeſetzt ſeyn. Meli. lieben: i. e dilectus: a græc: τὸ μέλι, τος Mel, Straipsniai / Articles 275 ILJA LEMEŠKIN Es ist sehr zu bedauern, dass die Studie abbricht, kaum dass sie begonnen hat. Man könnte mehr sagen, wenn uns ein oder wenigstens ein vollständiges Blatt vorläge. Leider verfügen wir über zwei lakonische Artikel. Doch auch aus ihnen wird deutlich, dass die Untersuchung Merkmale lexikografischer Arbeit aufgewiesen haben muss. Links steht ein Register der ausgewählten litauischen Wörter; rechts dazu das griechische Material, das der Untersuchung ihrem Titel zufolge die Herkunft litauischer Lexeme erschließen und erklären sollte. In den knappen Artikeln erklärt der Autor nur wenig und gibt nicht an, warum er die litauischen Lemmata gerade mit diesen griechischen Lexemen vergleicht, was erneut zu Interpretationen anregt. Die vorgelegten Beispiele vermitteln den Eindruck, dass der Autor qualitativ anders vorgeht, als wir erwarten könnten. Naheliegend wäre eine vergleichende Untersuchung nach atomistischer Methode. Die äußerliche, formale Ähnlichkeit (bzw. der phonetische Gleichklang der Lexeme) würde dazu verleiten, gr. μέθυ ‘alkoholisches Getränk’ mit lit. medus und midus zu vergleichen. Der Verfasser der „Beobachtungen“ führt diese für ihn offenbar offensichtliche Parallele nicht an. Offenbar geht es ihm darum zu zeigen, dass auch ein anderes griechisches Wort für Honig eine Entsprechung im Litauischen findet; deshalb vergleicht er gr. μέλι, lat. mel mit lit. mieli. In einem weiteren Artikel führt er neben lit. metas gr. ἔτος ‘Jahr’ an. Eine solche Gegenüberstellung von Lexemen lässt sich auch aus Sicht der modernen Sprachwissenschaft als begründet betrachten. Oswald Szemerényi schreibt bei seiner Untersuchung des baltischen Materials von einer Kontamination zweier Appellativa mit der Bedeutung ‘Jahr’ (*əmḗtos und *wetos; die unvermischt erhaltenen Appellativa finden sich in gr. ἄμητος ‘Ernte, einmalige Ernte’ und gr. (ϝ)έτος ‘Jahr’ (Szemerényi 1962: 198–199). Wenn die „Beobachtungen“ nicht abgebrochen wären, sondern mit weiteren ähnlich sachkundigen Vergleichen fortgesetzt worden wären, hätten wir heute ein bedeutendes und außergewöhnliches Werk. Der Autor arbeitet vorwiegend mit griechischem und lateinischem Sprachmaterial. Aufgrund der Fragmentarität des Textes bleibt leider unklar, wie kompetent der Autor hinsichtlich anderer Sprachen war. Abschließend bleibt die Provenienzangabe aus der Mitte des 18. Jahrhunderts zu erörtern, mit der der Verfasser des Prager Wörterbuchs identifiziert werden soll. Gemeint ist der Schenkungsvermerk am Anfang des Buches (1r): 276 Acta Linguistica Lithuanica LXIX Zur Frage der Autorschaft des Prager deutsch-litauischen handschriftlichen Wörterbuchs Auctor Hacke War Prediger in Lithauen. Hat zu Halle studirt. Seine Sprach= lehre soll auf dem Weisenhause gedruckt seyn. Dono dedit [D]. Baumgarten Die Provenienz könnten wir übersetzen: „Der Autor Hacke war Prediger in Litauen. Er studierte in Halle. Seine sprachwissenschaftliche Arbeit muss / dürfte im Verlag des Weisenhauses erschienen sein. Geschenk von Baumgarten“. Die größte Unklarheit betrifft das Ende des Eintrags und dessen Interpretation. Der Buchstabe neben dem Nachnamen Baumgarten lässt sich unterschiedlich deuten, als J oder D. Im ersten Fall würde er den Vornamen des Besitzers bezeichnen. Bei einem D ergeben sich mehrere Möglichkeiten. Man kann ihn als Abschluss eines festen lateinischen Schenkungsvermerks verstehen: Dono dedit dedicavit. Falls der lateinische Schenkungsvermerk in verkürzter Form verwendet wurde (und Beispiele dafür – Dono dedit „als Geschenk gegeben“ – gibt es genug), könnte der Buchstabe D den Titel des Besitzers Baumgarten bezeichnen: Doctor. Schließlich lässt sich D auch als dominus „Herr“ deuten. Das würde bedeuten, dass den Eintrag nicht Baumgarten selbst hinterließ, sondern eine dritte Person, die es für bemerkenswert hielt, die Geschichte der Übergabe des Buches festzuhalten. Außerdem ist zwischen den Zeilen über dem Nachnamen Baumgarten entweder ein unleserliches Wort oder einfach ein Tintenfleck zu sehen. Demnach sollte man dem verlockenden Zeugnis, das den Autor des Prager Wörterbuchs mit Friedrich Wilhelm Haack identifiziert, offenbar mit Vorsicht begegnen. Nicht einmal dessen Urheberschaft durch den Besitzer des Wörterbuchs, S. J. Baumgarten, also durch jemanden, der sich mit den Umständen der Entstehung des Buches möglicherweise etwas besser auskannte, können wir als sicher ansehen. Christiane Schiller und Birutė Triškaitė haben freundlicherweise wertvolle Anmerkungen geteilt, die für die Interpretation und Datierung der hier behandelten Provenienz wichtig sind. Ich möchte sie kurz erwähnen. Schiller wies darauf hin, dass der Verfasser mit der Formulierung soll auf dem Weisenhause gedruckt seyn in Wirklichkeit nicht sicher ist, ob Haacks sprachwissenschaftliche Arbeit tatsächlich in der Druckerei des Waisenhauses in Halle erschienen ist. Er stellt lediglich eine Vermutung an. Die Forscherin hob auch den Gebrauch des Präteritums war hervor, der zeigt, dass der Eintrag erst nach Haacks Tod angefertigt wurde. Triškaitė bemerkt ihrerseits sachlich, dass Haack das Amt eines Predigers (Prediger) vermutlich erst nach seinem Studium in Halle ausüben konnte. Dies stützt die Annahme, dass der Eintrag entstand, nachdem Haack nach Ostpreußen zurückgekehrt war, und offenbar nach 1754. Die etwas spätere Datierung des Eintrags veranlasst dazu, die auf dem Buchrücken vermerkte Bezeichnung Hacke. Lexicon Lithuanicum zu überprüfen. Es zeigt sich, dass diese Bezeichnung sekundär ist und nicht mit der Entstehungszeit des Kodex, sondern mit dem Zeitpunkt der Eintragung der Provenienz zusammenhängt. Daher ist die Zuschreibung der Autorschaft des Kodex an Haack als unbegründet anzusehen. Auf die Frage, ob das Prager Wörterbuch Haack zuzuschreiben ist (es wird ihm von einem Zeitgenossen zugeschrieben), muss demnach verneinend geantwortet werden. Die Provenienz, neben der der Name des Buchbesitzers Baumgarten steht, weckt erhebliche Zweifel. Auch ihre Datierung und die Bestimmung der Person, die diesen Eintrag hinterließ, erscheinen unzuverlässig. Die Analyse des Schenkungsvermerks mahnt auch hinsichtlich der Bezeichnung des Kodex Hacke. Lexicon Lithuanicum zur Vorsicht. Wahrscheinlich ist sie Straipsniai / Articles 277 ILJA LEMEŠKIN sekundär und spät. Das Papier des Buches wurde in Ostpreußen hergestellt; vermutlich fanden auch das Schreiben und die Zusammenstellung des Kodex hier, in Ostpreußen, statt. Wäre eine solche Arbeit in Halle ausgeführt worden, hätte man wahrscheinlich auch entsprechendes deutsches Papier verwendet. Auch den Verfasser des Prager Kodex – den Abschreiber und Ergänzer des Wörterbuchs sowie den Autor der „Beobachtungen zur Herkunft litauischer Wörter“ – sollte man wohl hier in Ostpreußen suchen. Daher sollte das Problem der Autorschaft des Wörterbuchs und der „Beobachtungen“ gemeinsam behandelt werden. Das Fragment einer etymologischen Studie im zweiten Teil des Kodex bezeugt, dass der Verfasser der Wörterbuchabschrift über außergewöhnliche sprachwissenschaftliche Fähigkeiten verfügt haben muss. LITERATŪRA Clavis Germanico–Lithvana 1995–1997: Clavis Germanico–Lithvana. Rankraštinis XVII amžiaus vokiečių–lietuvių kalbų žodynas 1–4. Vilnius: Mokslo ir enciklopedijų leidykla. Drotvinas Vincentas 1984: Kada parašytas vadinamasis Krauzės žodynas. – Baltistika 20(2), 163–167. Lemeškin Ilja 2012: Friedrichui Wilhelmui Haackui priskiriamas Prahos rankraštinis vokiečių–lietuvių kalbų žodynas. – Mažoji Lietuva: paribio kultūros tyrimai. Vilnius: Petro ofsetas, 31–58. Lexicon Lithuanicum 1987: Lexicon Lithuanicum. Rankraštinis XVII a. vokiečių–lietuvių kalbų žodynas. Vilnius: Mokslas. Schiller Christiane 2002: Clavis Germanico–Lithvana – ein Werk von Friedrich Pretorius d.Ä.? – Linguistica Baltica 10, 159–172. Schiller Christiane 2005: Wie alt ist ein Wörterbuch? Überlegungen zur relativen Chronologie von Wörterbüchern. – Kalbos istorijos ir dialektologijos problemos 1. Vilnius: Lietuvių kalbos instituto leidykla, 153–160. Szemérényi Oswald 1962: Principles of etymological research in the Indo-European languages. – Innsbrucker Beitrage zur Kulturwissenschaft 15, 1962, 175–212. Urbutis Vincas 1987: 1728 m. klaipėdiškių žodyno leksikografiniai šaltiniai. – Baltistika 23(1), 57–75. On the issue of authorship of the Prague manuscript German–Lithuanian dictionary SUMMARY The article addresses the manuscript German–Lithuanian Dictionary kept at the National Library in Prague in respect of authorship. The problem of authorship is first discussed from the perspective of methodology; the concept of Prague Dictionary is defined. The article proposes to solve the question of author- 278 Acta Linguistica Lithuanica LXIX Prahos vokiečių–lietuvių rankraštinio žodyno autorystės klausimu ship with reference to the structure of the codex sign. XVI.E.30. It is comprised of two lexicographical works: German-Lithuanian dictionary starting with a conventional formula Su Diewo Pagalba (God willing) (very akin to the surviving Lexicon Lithuanicum, Krause Dictionary, Richter’s (or Klaipėda Region Residents’) Dictionary, Clavis Germanico-Lithuana) and a fragment from the study Observatio de origine Verborum Littwhaniorum. The first is a collective linguistic work, while the second comparative linguistic undertaking is an authentic work. Therefore, the authorship of the two composite parts of the codex is not equivalent and should be evaluated separately. In the case of bilingual dictionary or, to be more precise, one of its transcripts, the author’s contribution depends on the layer of modifications, its scope. The more numerous in words and authentic the layer is in the transcript of the dictionary, the greater is the right to distinguish the features of co-authorship in the transcribed and supplemented version. Thanks to the Prague Dictionary, we can better understand the type and importance of Krause Dictionary. The comparison of the afore-mentioned transcripts shows a “timid” strategy of the rewriter of Krause Dictionary: he repeats the inserts from the transcribed source, most likely the Prague Dictionary, in the main text, but the repetition is peculiar. The inserts in the Prague Dictionary are rendered in such a way as if they were written in-between the lines but the exaggerated stylization of the original dictionary becomes evident when spaces between lines are compared. The fluctuation between the role of the rewriter and the co-author in the case of Krause Dictionary seems to be closer to the role of the former. We can also speak about the greater level of authorship in the Prague Dictionary. It seems that the rewriter must have had a more tangible lexicographical effort – he tried to improve and expand the available older source (it is marked by the abbreviation *PRPK according to the model proposed by Christiane Schiller). The said effort determined the multilayer character of the first part of the Prague Codex. The neighbourhood with Observatio de origine Verborum Littwhaniorum increases the author’s contribution to the bilingual dictionary. The observations on the origins of Lithuanian words are not based on the atomistic method and the attempt for external, formal, similarity. Finally, the provenience of Auctor Hacke War Prediger in Lithauen. Hat zu Halle studirt. Seine Sprachlehre soll auf dem Weisenhause gedruckt seyn. Dono dedit [D]. Baumgarten is analysed and its problems are revealed: it is doubted whether the inscription was actually made by the owner of the dictionary S. J. Baumgarten; it is considered that it could possibly be made at a later date, after 1754. It also encourages us to verify the name of the codex Hacke. Lexicon Lithuanicum. The name is most likely secondary and given later. Įteikta 2013 m. sausio 15 d. ILJA LEMEŠKIN Prahos Karolio universitetas Jana Palacha 2, 116 38 Praha 1, Czech Republic [email protected] Straipsniai / Articles 279