Zur Handhabung deutscher Realienbezeichnungen in den ins Litauische übersetzten „Kinder- und Hausmärchen“ der Brüder Grimm
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HANS-HARRY DRÖBIGER
Universität Vilnius,
Geisteswissenschaftliche Fakultät Kaunas
Mokslinių tyrimų kryptys: kognityvinė lingvistika, metafora, metonimija, vertimo teorija ir praktika.
ZUR HANDHABUNG DEUTSCHER REALIENBEZEICHNUNGEN IN DEN INS LITAUISCHE ÜBERSETZTEN KINDER- UND HAUSMÄRCHEN DER BRÜDER GRIMM
Vokiškų realijų pavadinimų atitikmenys Brolių Grimų Vaikų ir namų pasakų vertimuose į lietuvių kalbą
ANNOTATION
Der Beitrag beschäftigt sich mit der Rolle der konzeptuellen Metonymie bei der denotativen Äquivalenz von deutschen Realienbezeichnungen im Litauischen. Er ist somit der Versuch einer interdisziplinären Verbindung von Übersetzungswissenschaft und Kognitiver Linguistik.
Untersuchungsobjekt sind die Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm, die mit ihren 200 Märchen ein geschlossenes Untersuchungskorpus bilden und als Texte des 19. Jh. eine Quelle sozial- und kulturhistorischer Forschung darstellen. Hauptmethode zur Untersuchung der Äquivalenz ist der Sprachvergleich, gestützt auf lexikografische Kodifizierung von Realienbezeichnungen in deutschen und litauischen Wörterbüchern.
Im Abschnitt „Theoretische Grundlagen“ werden die Begriffe Märchen, Kultur, Realien, Realienbezeichnungen, Metonymie und das System der Äquivalenztypen nach Werner Koller (2011) kurz erläutert. Im Abschnitt „Realienbezeichnungen in den KHM: Zwischen Äquivalenz und Metonymie“ wird die Handhabung der deutschen Realienbezeichnungen in den litauischen
SCHLÜSSELWÖRTER: Märchen, Brüder Grimm, Realienbezeichnung, Kontiguität, Metonymie, Äquivalenz, deutsche Sprache, litauische Sprache.
KEYWORDS: fairy tale, The Brothers Grimm, culture-bound words, contiguity, metonymy, equivalence, German language, Lithuanian language.
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Märchenübersetzungen untersucht. Aus dem Vergleich von Original und Übersetzungen werden drei Äquivalenztypen herausgearbeitet: 1. Vollständige Äquivalenz, bei der die Metonymie keine Rolle spielt; 2. Äquivalenz, bei der es konzeptuelle Verschiebungen im Kontiguitätsraum gibt, die sich als metonymische Verschiebung, metonymische Verdrehung und metonymische Verzerrung präsentieren; 3. Nulläquivalenz, deren Hauptmerkmal die Inkorporation von Fremdwörtern bildet.
Schlussfolgerungen, in denen auf neue Untersuchungsmöglichkeiten zur Äquivalenz und zur konzeptuellen Metonymie hingewiesen wird, schließen den Beitrag ab.
ANNOTATION
The aim of the article is to connect the model of cognitive metonymy with the model of types of denotative equivalence on word level to check out the explanational potential of the model of cognitive metonymy for describing and explaining the use and occurance of word equivalents in the Lithuanian translations of the fairy tales of the Brothers’ Grimm by Juozas Balčikonis (1938–1939) and Adomas Druktenis (1999–2001). The Brothers’ Grimm fairy tales (GFT) can be seen in a wide sense as a source of the history of culture and social life in the German speaking countries of the 19th century.
Culture-bound words a) refer to a special cultural knowledge, which is in a historical sense not or not completely compatible with the structure of knowledge in our present days, and b) refer to a common cultural knowledge of the community of German speaking countries. The translations of the GFT present ways of handling of German culture-bound words for foreign readers. In this article I want to show, if and how the translators achieved a correct and appropriate understanding of the culture-bound words by choosing equivalents. This allows to show what semantic and cognitive procedures stand behind the use of certain equivalents. By comparing the German original with the two Lithuanian translations it is possible to work out if and how the culture-bound words of the original texts are rendered in the translations, and finally to inductively conclude how far the conceptual metonymy takes part in rendering of culture-bound words in the target texts. Investigating this, there can be established modifications in the theory of conceptual metonymy in the framework of cognitive linguistics.
EINLEITUNG: ZIEL, UNTERSUCHUNGSOBJEKT UND METHODEN DES BEITRAGES
Das Ziel des vorliegenden Beitrages besteht darin, mithilfe von Überlegungen zur konzeptuellen Metonymie Beziehungen zum Modell der denotativen Äquivalenztypen nach Werner Koller (2011) herzustellen und dadurch zu prüfen, inwiefern das Potenzial der konzeptuellen Metonymie geeignet ist, auf die Handhabung deutscher Realienbezeichnungen in den litauischen Übersetzungen der Kinder- und
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Zur Handhabung deutscher Realienbezeichnungen in den ins Litauische übersetzten Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm
Hausmärchen der Brüder Grimm von Juozas Balčikonis und Adomas Pruktenis angewendet zu werden. Das Untersuchungskorpus bildet die Märchensammlung der Brüder Grimm, die unter dem Titel Kinder- und Hausmärchen (KHM) weltweit bekannt geworden ist. Diese Sammlung hat seit dem ersten Erscheinen 1812 mehrere, zum Teil deutlich überarbeitete Ausgaben und Auflagen erfahren. In meinen Untersuchungen stütze ich mich auf die Ausgabe letzter Hand mit den Originalanmerkungen der Brüder Grimm von 1857, in einer Neuauflage von 2010, die die 200 kanonisierten Märchen enthält. Daraus folgt, dass die KHM ein abgeschlossenes Korpus bilden, was für die intendierten Untersuchungen von Vorteil ist, da die inhaltliche Qualität (im Sinne einer kulturhistorischen und sozialgeschichtlichen Quelle) und die sprachliche Gestaltung der Märchen eng an den Zeitraum ihrer Sammlung, schriftlichen Fixierung und Drucklegung (1812–1857) gebunden sind. Die beiden litauischen Übersetzungen basieren auf der Ausgabe letzter Hand, doch sind chronologische und editorische Unterschiede festzustellen. Die Übersetzung von Balčikonis entstand 1938–1939, die von Druktenis 1999–2001. In der Ausgabe der Übersetzung von Balčikonis (2010) fehlen 20 Märchen1; die Ausgabe der Übersetzung von Druktenis (1999–2001) ist vollständig.
Die Zuwendung zu den Realienbezeichnungen in den KHM ist damit begründet, dass diese speziellen lexikalischen Einheiten a) auf kulturelles Wissen referieren, das im historischen Sinne nicht (mehr) zu den Wissensstrukturen der Gegenwart kompatibel ist und b) auf allgemeines kulturelles Wissen der deutschen Sprach- und Kulturgemeinschaft verweisen. Die in den Übersetzungen gebrauchten litauischen Äquivalente beeinflussen die Verfügbarmachung jenes räumlich und zeitlich fremden kulturellen Wissens für litauische Leser. Im Allgemeinen ist die Handhabung der Realienbezeichnungen beim Übersetzen mit dem Problem der lexikalisch-semantischen Äquivalenz zwischen zwei Sprachen verbunden.
Zur Erreichung des genannten Zieles – das Modell der Äquivalenztypen nach Koller deduktiv durch Wortanalyse in den zugrunde gelegten Märchentexten zu überprüfen – wird das Wortgut, das kulturelle Objekte in den Märchenhandlungen benennt, aus dem Textkorpus ermittelt, wobei als Entscheidungsgrundlage, ob es sich um Realienbezeichnungen handelt, neben den aktuellen und historischen Wörterbüchern des Deutschen besonders das onomasiologische Wörterbuch von Franz Dorn-
1 Es fehlen die Märchen Nr. 38 „Die Hochzeit der Frau Füchsin“, 39.2 „Die Wichtelmänner. Zweites Märchen“, 39.3 „Die Wichtelmänner. Drittes Märchen“, 41 „Herr Korbes“, 42 „Der Herr Gevatter“, 43 „Frau Trude“, 45 „Däumerlings Wanderschaft“, 66 „Häsichenbraut“, 95 „Der alte Hildebrand“, 105 „Märchen von der Unke“, 131 „Die schöne Katrinelje und Pif Paf Poltrie“, 132 „Der Fuchs und das Pferd“, 138 „Knoist und seine drei Söhne“, 139 „Das Mädchen von Brakel“, 140 „Das Hausgesinde“, 149 „Der Hahnenbalken“, 150 „Die alte Bettelfrau“, 170 „Lieb und Leid teilen“, 183 „Der Riese und der Schneider“, 190 „Die Brosamen auf dem Tisch“.
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seiff zur Feststellung der Sachverhaltssystematik zu Umfang und Inhalt des kulturellen Wissens dient2. Durch den Textvergleich von deutschem Original mit den beiden litauischen Übersetzungen kann letztlich herausgearbeitet werden, ob und wie die im Original gegebenen Realienbezeichnungen mit ihrer Kulturreferenz in den Übersetzungen wiedergegeben wurden, so dass induktiv geschlussfolgert werden kann, inwiefern die konzeptuelle Metonymie an der Handhabung der Realienbezeichnungen in Übersetzungen beteiligt ist. Daraus ergeben sich schließlich Möglichkeiten zur Modifizierung kognitionslinguistischer Ansätze zur konzeptuellen Metonymie.
THEORETISCHE GRUNDLAGEN
1. Märchen
Das Märchen gilt als epische Gattung (auch Genre) und wird hierbei charakterisiert als phantastische, realitätsüberhobene, variable Erzählung, die sich vom Mythos durch das Fehlen der Göttersphäre und von der Sage durch das Fehlen konkreter historischer und geografischer Bezüge abgrenzen lässt. Als Hauptkennzeichen des Märchens werden im Allgemeinen genannt Raum- und Zeitlosigkeit, Aufhebung der Natur- und Kausalgesetze als eine Selbstverständlichkeit (z. B. Verwandlungen, sprechende Tiere, Pflanzen oder Gegenstände) und das Auftreten von Fabelwesen wie Riesen, Zwerge, Hexen, Drachen (vgl. Metzler Literatur Lexikon 1990: 292). Gleichwohl erscheinen in Märchen bestimmte Requisiten, die oft wesentlicher Teil der Märchenhandlung sein können, die aber auf jeden Fall Gegenstände der durch das Märchen vermittelten Kultur (Alltags-, staatlich-gesellschaftliche, höfische Kultur u. ä.) sind und somit ein Indiz für historische Authentizität darstellen. Folgt man der Auffassung von den Märchen als kulturhistorische und sozialgeschichtliche Quellen (vgl. Metzler Literatur Lexikon 1990: 293), können die KHM gerade durch das Auftreten jener Requisiten zur Erarbeitung von Vorstellungen über die zurückliegenden historischen Epochen genutzt werden, die sich i. w. S. als Mittelalter bezeichnen lassen. Das, was hier Requisiten genannt wird, sind jene historischen Kulturobjekte, auf die durch spezielle Realienbezeichnungen referiert wird. Doch ist natürlich auch festzustellen, dass die KHM ein Teil des allgemeinen literarisch-sprachlichen Erbes der deutschen Sprach- und Kulturgemeinschaft darstellen und dass dadurch zahlreiche lexikalische Einheiten als allgemeinere Realienbezeichnungen auch auf den allgemeinen Kulturhintergrund referieren.
2 Es handelt sich nach der Systematik von Franz Dornseiff (2004) um die Sachgruppen 2 „Leben“; 4 „Größe, Menge, Zahl“; 8 „Ort und Ortsveränderung“, 11 „Das Denken“, 14 „Kunst und Kultur“; 15 „Zusammenleben“; 16 „Essen und Trinken“, 18 „Gesellschaft“, 19 „Geräte, Technik“, 20 „Wirtschaft, Finanzen“, 21 „Recht, Ethik“, 22 „Religion, Übersinnliches“.
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2. Kultur, Realien, Realienbezeichnungen
Haß-Zumkehr, die sich des neueren, erweiterten Kulturbegriffs von Hansen bedient3, beschreibt den Kulturbegriff so:
Er „geht über politisch-soziale Faktoren hinaus und bezieht Werthaltungen und Orientierungen sozialer Milieus sowie ihren konstruktiven Charakter ein. Kulturelle Orientierungen werden von sozialen Gruppen nicht nur rezeptiv ‚umgesetzt‘, sondern eben auch aktiv verändert und tradiert.“ (Haß-Zumkehr 2001: 2)
Cavagnoli schätzt in ähnlicher Weise ein, dass Sprache sowohl als Produkt einer Kultur als auch als Spiegel und Medium kultureller Vorstellungen begriffen werden könne; und Kultur schließe jegliche Verhaltensschemata und Werte sowie Erfahrungen ein (vgl. Cavagnoli 2005: 79 f.). Dieses „Einbeziehen“ oder „Einschließen“ referiert auf das sog. Hintergrundwissen, das wesentlich an der Ausprägung einer Sprach- und Kulturgemeinschaft beteiligt ist. Somit ist Wissen ohne Kultur nicht denkbar. Und Wissenstransfer mittels Sprache, z. B. beim Übersetzen, ist prinzipiell immer auch ein Transfer von Kultur4. Die Kultur ist „ein vielschichtiges System bedeutungsvoller Zeichen, die dazu dienen, sich in der jeweiligen Welt zurecht zu finden (...) In diese Orientierungsleistung sind sowohl die existenziell grundlegenden Werte einbezogen wie auch die alltäglich-praktischeren Konventionen.“ (Haß-Zumkehr 2001: 15)
Dies bedeutet: 1. Kultur gibt Orientierung – in einer Kultur muss man sich orientieren. 2. Kulturelles Wissen ist konventionalisiert und in bestimmter Form in einer Sprach- und Kulturgemeinschaft kodifiziert. 3. Kultur als Wissensraum hat stabile und interpretierbare (vgl. Haß-Zumkehr 2001: 16 f.) Komponenten. Eine sachgerechte Versprachlichung des kulturellen Hintergrundwissens kann auf verschiedenen Wegen erreicht werden, z. B. durch Definitionen verschiedener Art in Texten (auch in Fachtexten), in zwei- und mehrsprachigen Fachwörterbüchern und Fachencyklopädien und beim Übersetzen durch den Gebrauch kodifizierter Äquivalente oder bei deren Fehlen durch Verfahren zur Schaffung von Äquivalenten.
Ausgehend von diesem weiten Kulturbegriff ist es möglich, nicht nur Objekte, Handlungen von Personen, Eigenschaften / Merkmale von Objekten, Personen und Handlungen, sondern auch moralische, ästhetische, voluntative und utilitaristische Konzepte als Teil einer Kultur zu verstehen.
Ein solch weiter Kulturbegriff führt dann logischerweise zu einem weiten Verständnis des Begriffs Realien. Wenn man der allgemeinen Definition von Realien
3 Bibliografische Angaben zu Hansen. s. Haß-Zumkehr (2001).
4 Dornseiff (1964: 305 f.) nannte dies „Kulturübertragung“, und zwar im Sinne einer „erfreulichen Bereicherung im Begriffsvorrat“ einer Zielsprache.
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als kulturspezifische Gegenstände und Handlungen (vgl. Nord 1993: 224) sowie als Identitätsträger einer nationalen/ethnischen Kultur im weitesten Sinne (vgl. Snell-Hornby et al. 1999: 288) folgt, wird zunächst klar,
„dass die Realien per se und de facto zum Wissensbestand einer Sprach- und Kulturgemeinschaft gehören, innerhalb dieses Wissensbestandes definierbar und dort stets kommunikativ verfügbar sind, also mit entsprechenden Bezeichnungen auf sie referiert und rekurriert werden kann. Durch diese – gelegentlich auch exklusive – Zugehörigkeit zu einer Sprach- und Kulturgemeinschaft stellen Realien und ihre Bezeichnungen ein spezifisches Übersetzungs- oder (allgemeiner) ein Sprachmittlungsproblem dar.“ (Drößiger 2010: 36 f.)
Nord empfiehlt für den Fall der Notwendigkeit des Umgangs mit Realienbezeichnungen, eine „erklärende Übersetzung“ vorzunehmen, um Hinweise auf die „kulturelle Einbettung“ in der Ausgangssprache geben zu können (vgl. Nord 1993: 226).
Doch in kognitionslinguistischer Weise formuliert, geht es darum, kulturelles Wissen einer Sprach- und Kulturgemeinschaft einer anderen geistig verfügbar und dadurch sprachlich kommunizierbar zu machen, ohne das kulturelle Wissenssystem der Zielsprache und -kultur nachhaltig modifizieren zu wollen. Im Falle der KHM betrifft es die o. g. zwei Arten des kulturellen Wissens.
Ungeachtet verschiedener Klassifizierungsmodelle von Realien5 und ihren Bezeichnungen, kann man aufgrund der einfachen Erzählstruktur der Märchen (vgl. Kindlers neues Literatur-Lexikon 1996: 916) induktiv bestimmte Kategorien von Realien herausarbeiten, die mit den Komponenten des Erzählens im Märchen korrespondieren. Diese Komponenten sind Personen, Handlungsort, Handlungszeit, Handlungsverlauf, Requisiten der Personen, Orte und Handlungen.
Der Terminus Realienbezeichnung ist der Versuch, linguistische und übersetzungswissenschaftliche Auffassungen zu diesem Phänomen zu vereinen. So erfuhren und erfahren Realienbezeichnungen u. a. folgende terminologische Fassungen: „fremde Wörter“ (H. Paul, W. Schmidt), „Lehngut“ (W. Schmidt), „Bezeichnungsexotismus“ (T. Schippan, H. Glück), „landestypische Realien“ (W. Fleischer), „Exotismen“ (Ch. Römer / B. Matzke), „Realienwort / Realienbezeichnung“ (E. Riesel, Ch. Nord).6 Der Terminus Realienbezeichnung sollte in einer übergreifenden,
5 Eines der Modelle wäre das von Влахов/Флорин (s. 2009: 49–72), auf das aber hier aus Platzgründen nicht eingegangen werden kann. Ebenso geeignet sind systematische Darstellungen des Wortschatzes, wie sie für das Deutsche in Gestalt von systematischen Wörterbüchern, z. B. von Dornseiff Der deutsche Wortschatz nach Sachgruppen, entwickelt wurden.
6 Zu ausführlichen Erläuterungen zum Begriff der Realienbezeichnungen und zu den konkreten Quellenangaben verweise ich auf Drößiger (2010: 36–52), wo ich die Auffassungen aus verschiedenen Disziplinen der Linguistik und der Übersetzungswissenschaft vorgestellt habe.
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allgemeinen Lesart verwendet werden, ohne das Kriterium der „Fremdheit“, das sehr oft in Lexikologie und Stilistik als Darstellungskriterium herangezogen wird, ins Spiel zu bringen, weil dadurch die Verbindung zur genealogischen Sprachforschung möglich wird, die die Gemeinsamkeiten zwischen den ide. Sprach- und Kulturgemeinschaften stärker betont als die Unterschiede zwischen ihnen.
3. Äquivalenztypen und Metonymie
Die Systematik der denotativen Äquivalenztypen nach Koller (s. 2011: 230–243) orientiert sich an den Äquivalenzbeziehungen zwischen den Lexemen zweier Sprachen (vgl. Koller 2011: 230), so dass die Anwendung dieser Systematik auf die Handhabung von Realienbezeichnungen im Rahmen von Übersetzungen sinnvoll erscheint. Eine gewisse Analogie zwischen den Äquivalenztypen nach Koller und den Auffassungen zur Metonymie (eine Übersicht hierzu s. Drößiger 2004: 30) führt zu der Schlussfolgerung, dass das Potenzial der Metonymie (des Kontiguitätsraumes) bei der Suche nach Äquivalenten für bestimmte Bezeichnungen der Ausgangssprache (AS) in einer Zielsprache (ZS) angewendet werden kann. Die folgende Übersicht verdeutlicht die gemeinte Analogie:
TABELLE 1. Äquivalenztypen und Metonymie (Quelle: Autor des Beitrages)
Äquivalenztyp (nach Koller) | Metonymietypen / Verschiebungen im Kontiguitätsraum
Eins-zu-eins-Entsprechung | Keine Metonymie möglich oder nötig, da AS und ZS über semantisch äquivalente Bezeichnungen verfügen; das schließt auch konnotative und pragmatische Äquivalenz ein, z. B. dt. Ungeheuer > lit. siaubūnas7
Eins-zu-viele-Entsprechung | In der ZS werden verschiedene Lexeme eines bestimmten Kontiguitätsraumes benutzt, wofür es in der AS ein polysemes Lexem gibt, z. B. dt. Frau > lit. moteris (Grundbedeutung in Opposition zu „Mann“), žmona (Ehefrau, verheiratete Frau), šeimininkė (Hausfrau, Gastgeberin), ponia (Anrede).
Viele-zu-eins-Entsprechung | Mehrere Lexeme der AS repräsentieren einen Ausschnitt eines Kontiguitätsraumes, wobei in der ZS ein hyperonymisches Lexem eingesetzt wird, z. B. dt. Kammer, Stube, Zimmer > lit. kambarys.
7 Alle angegebenen Beispiele aus den KHM (deutsches Original und litauische Übersetzungen).
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Äquivalenztyp (nach Koller)
Metonymietypen / Verschiebungen im Kontiguitätsraum
Eins-zu-Null-Entsprechung
Für ein Lexem der AS existiert kein Äquivalent in der ZS, wobei in der ZS auf die Bedeutung des AS-Lexems mithilfe anderer Benennungsverfahren referiert werden kann, z. B. dt. ein rechtes Höllenfeuer > lit. baisiai prikūrenta. In solcherart Fällen ist beispielsweise eine metonymische Relation des Typs Ursache-Wirkung zu beobachten.
Eins-zu-Teil-Entsprechung
Für ein Lexem der AS wird in der ZS ein Lexem als Äquivalent eingesetzt, das nur auf einen Teil der Bedeutung des AS-Lexems referiert, was in der Regel der metonymischen Relation Ganzes-Teil entspricht, z. B. dt. Keller > lit. pogrindis.
Die Unikalität bestimmter Realien und ihrer Bezeichnungen innerhalb einer Sprach- und Kulturgemeinschaft zwingt den Übersetzer oft dazu, nach Verfahren zu suchen, um sachgerecht und adressatengerecht (vgl. Drößiger 2011: 7 f.; Drößiger 2012: 8 f.) mit den deutschen Realienbezeichnungen umzugehen. Das betrifft auch die Möglichkeiten, die die Metonymie bietet, denn die o. g. Einzelprozeduren erlauben es nicht, alle in den übersetzten Texten tatsächlich praktizierten metonymischen Typen theoretisch abzubilden. Der Grund dafür liegt im Wesen der Metonymie, da „es sich bei Metonymie (resp. Kontiguität) auch um einen Prozess handelt, der es Sprechern/Schreibern erlaubt, in z. T. kreativer Weise das gegebene Wissen zu modifizieren (...)“: (Drößiger 2007: 175)
Mitunter schießt der Übersetzer dabei über das Ziel hinaus, d. h. die Verschiebung im Kontiguitätsraum wird zu weit vorangetrieben, so dass das Gleichgewicht von Sachgerechtheit und Adressatengerechtigkeit gestört wird, was dazu führt, dass nicht mehr im üblichen Sinne von „Verschiebung“ gesprochen werden kann (s. u. Abschnitt zur metonymischen Verzerrung).
REALIENBEZEICHNUNGEN IN DEN KHM: ZWISCHEN ÄQUIVALENZ UND METONYMIE
Das Wissen über die Grundlagen des alltäglichen Lebens in sozialen Gemeinschaften, über das kulturelle, ökonomische, geistige und soziale Potenzial der Natur, über die Meisterung des Daseins in Gestalt der Arbeit und der spirituellen
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Handlungen findet zwar in sprachspezifischen lexikalischen Einheiten seinen Ausdruck, stellt jedoch ein gemeinsames Wissen für große geografische Räume dar, so dass unter Verwendung des o. g. weiten Kulturbegriffs postuliert werden kann, dass jede ide. Sprach- und Kulturgemeinschaft einen eigenen Wortschatz für die Bezeichnung der allgemeinen Komponenten des kulturellen Hintergrundes herausgebildet hat.
I. VOLLSTÄNDIGE ÄQUIVALENZ – KEINE METONYMIE
Es zeigt sich in den Übersetzungen der KHM ins Litauische im Vergleich mit dem deutschen Original, dass in diesen beiden Sprachen Grundwörter für die Bezeichnung jener kulturellen Alltagsobjekte zur Verfügung stehen, die zu einem bedeutenden Anteil nicht auf einen gemeinsamen ide. Grundwortschatz zurückgehen, woraus sie sich sprachspezifisch entwickelt hätten, sondern dass jede Sprache ihre eigenen Wortstämme und – je nach morphologischer Charakteristik der jeweiligen Sprache – Grundwörter herausbildete. Die Folge dessen sind vollständig äquivalente Lexeme in diesen Sprachen, deren Gebrauch in Übersetzungen keine Probleme bereitet, da sie sowohl sachgerecht als auch adressatengerecht sind.
TABELLE 2. Vollständig äquivalente Realienbezeichnungen (Quelle: Autor des Beitrages)
DEUTSCH LITAUISCH DEUTSCH LITAUISCH
Axt kirvis Nadel adata
Besen šluota Ofen krosnis
Brot duona Schloss dvaras, pilis
Garn siūlai Schnur virvė
Glocke varpas Stube pirkia
Herd židinys Wiege lopšys
Hof kiemas Witwe našlė
Kasten skrynia Zwirn siūlas
Einige Beispiele können als Entlehnungen aus dem Deutschen ins Litauische aufgrund bestimmter historischer Bedingungen gelten:
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TABELLE 3. Entlehnungen aus dem Deutschen (Quelle: Autor des Beitrages)
DEUTSCH8
>
LITAUISCH9
DEUTSCH
>
LITAUISCH
Graf
>
grafas
Rad
>
ratas
Herzog
>
hercogas
Rahmen
>
rėmas
Kreide
>
kreida
Saal
>
salė
Lot
>
latas
Und natürlich sind im Bereich der Grundwörter Belege zu finden, die auf gemeinsame Entlehnungen aus anderen, zumeist älteren ide. Sprachen verweisen, sodass in solchen Fällen wohl tatsächlich von ide. Erbwortgut gesprochen werden kann:
TABELLE 4. Indoeuropäisches Erbwortgut (Quelle: Autor des Beitrages)
DEUTSCH
LITAUISCH
DEUTSCH
LITAUISCH
Eiche
ąžuolas
Pfeife
pypkė
Kammer
kambarys
Tochter
duktė / dukra
Kessel
katilas
Tür
durys
Krone
karūna
Zucker
cukrus
Erst jüngere Realienbezeichnungen des Deutschen und vor allem dabei durch Wortbildung – meist Zusammensetzung – entstandene Wörter bereiten im Zuge des Übersetzens Probleme, die nur dann gelöst werden können, wenn sich in der Sprache der Zielkultur vergleichbare (äquivalente) Sachverhalte finden lassen, die auf Gemeinsamkeiten in der kulturellen Entwicklung (Handwerke, Herrschaftsformen, Alltagsgegenstände, Bauwesen, Verkehrsmittel usw.) verschiedener Sprach- und Kulturgemeinschaften verweisen. Zur Illustration folgen einige Beispiele aus dem KHM zum Sachgebiet der Bekleidung:
8 Obwohl für Kreide und Graf eine mögliche Entlehnung aus Mlat. oder Vlat. in germanische Sprachen angenommen wird, scheint mir die Verbreitung dieser Wörter in den germanischen Sprachen mit der Bedeutungsveränderung hin zu der bis heute gültigen Bedeutung und die geografische Nachbarschaft des germanischen zum baltischen Sprachraum eine zutreffende Begründung für die Entlehnung ins Litauische zu sein, die, wenn nicht ausschließlich aus dem Deutschen, so doch zumindest aus dem germanischen Zweig der ide. Sprachfamilie, erfolgte.
9 Die Nachweise zum litauischen Wortgut finden sich nur in den seltensten Fällen im Lietuvių kalbos žodynas (LKŽ). Eindeutige lexikografische Nachweise bieten das Deutsche Wörterbuch (DWB) der Brüder Grimm (vgl. http://dwb.uni-trier.de/de/ [2013-02-27]) und das Duden. Herkunftswörterbuch; bibliografische Angaben s. Literaturverzeichnis.
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TABELLE 5. Litauische Äquivalente zu deutschen Zusammensetzungen (Quelle: Autor des Beitrages)
DEUTSCH LITAUISCH DEUTSCH LITAUISCH
Kaufmannskleider pirklių drabužiai Pelzrock kailinėliai
Brauthemd vestuvių marškiniai Holzschuhe medinės klumpės
Lumpenrock skarnalái Bratenrock apsiaustas
Hierzu ist aber zu bemerken, dass im Falle von Bratenrock10 in der litauischen Übersetzung Begriffselemente fehlen oder verlorengegangen sind, denn das verwendete litauische Lexem apsiaustas bezeichnet einen Mantel oder Überzieher im Allgemeinen.
II. METONYMISCHE ÄQUIVALENZ – BEWEGUNGEN IM KONTIGUITÄTSRAUM
Die litauischen Übersetzungen der KHM zeigen, dass die Bedeutungen der deutschen Realienbezeichnungen nicht immer äquivalent wiedergegeben wurden (abgesehen von falschen oder fehlenden Lexemen in den Übersetzungen). Diese Fälle der metonymischen Äquivalenz der eingesetzten litauischen Bezeichnungen, die mit dem Verlust des kulturgebundenen Wissens der Ausgangssprache einhergehen und damit zwar adressatengerecht, aber nicht mehr sachgerecht erscheinen, lassen sich in folgende Typen unterscheiden.
1. Metonymische Verschiebung
Zum o. g. Beispiel Bratenrock erfüllt die in der lit. Übersetzung gewählte Benennung diesen Tatbestand der Metonymie, wenn anstelle des präziseren, mit bestimmten sozialen und Gebrauchs-konnotationen ausgestatteten deutschen Lexems im litauischen Text apsiaustas erscheint, das ein Hyperonym zu solcherart Bekleidungsstück darstellt.
Durch die im litauischen Text eingesetzten Hyperonyme gehen Konnotationen (z. B. die Pejoration bei dt. Wanst) oder Referenzen auf Begriffsspezifizierungen, z. B. Sorten, Typen, wie sie im Deutschen sehr häufig in der ersten Konstituente
10 Ein Bratenrock war ein Kleidungsstück für Männer, das besonders im 19. Jh. bei formellen Anlässen getragen wurde, auch Gehrock genannt. Die Bezeichnung Bratenrock enthält nach DUW eine „veraltete, scherzhafte“ Komponente.
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von Determinativkomposita anzutreffen sind, verloren. Diesen ersten Typ nenne ich metonymische Verschiebung, wobei in den Übersetzungen die Bezeichnung eines im Kontiguitätsraum vorhandenen Oberbegriffs eingesetzt wird. Weitere Beispiele dieses ersten Typs aus den Übersetzungen der KHM ins Litauische sind11:
T A B E L L E 6. Metonymische Verschiebung (Quelle: Autor des Beitrages)
DEUTSCH
LITAUISCH
Wanst
pilvas
Windhund
šuo [nur bei Balčikonis]
Schlafgemach
kambarys [nur bei Balčikonis]
Backofen
krosnis
Hintertür, Haustüre, Pforte
durys
Bratwurst
dešra
2. Metonymische Verdrehung
Einen zweiten Typ der metonymischen Äquivalenz nenne ich metonymische Verdrehung, unter den die in der traditionellen Metonymieforschung beschriebenen Phänomene der Bewegung im Kontiguitätsraum im Sinne von Objekt – Tätigkeit am Objekt, Ursache – Wirkung, Ganzes – objektive Eigenschaften / Teile des Ganzen u. a. m. verstanden werden können.
Die nachfolgenden Einzelfälle aus den KHM und die in den litauischen Übersetzungen als „Äquivalente“ anzutreffenden Lexeme repräsentieren diese metonymische Verdrehung, wobei allerdings nicht immer eindeutig bestimmt werden kann, warum sich der Übersetzer für die Verwendung solcher metonymischer Verdrehungen entschlossen hatte.
• KHM 1: dt. „(...) so nahm sie eine goldene Kugel, warf sie in die Höhe und fing sie wieder; und das war ihr liebstes Spielwerk12 > lit. „(...) pasiėmusi aukso sviedinį, žaisdavo.“ (Balčikonis) – Die metonymische Verdrehung erfolgt hier zwischen Objekt – Handlung am Objekt, denn žaisti ist ein Verb, das dem deutschen spielen entspricht.
11 Einige dieser Beispiele treten freilich als Einzelfälle auf, aber sie sind eben dadurch für die Fallunterscheidungen von Interesse. So hat Balčikonis beispielsweise Hintertür auch als užpakalinės durys wiedergegeben.
12 Die Orthografie und Interpunktion der zitierten Ausgabe der KHM entspricht nicht immer den heute üblichen Regeln. Die Hervorhebung der Realienbezeichnung in kursiver Schrift stammt vom Autor des Beitrages.
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• KHM 11: dt. „Es trug sich aber zu, dass der König des Landes eine große Jagd in dem Wald hielt.“ > lit. „Kartą ten medžiojo tos šalies karalius.“ (Balčikonis) – Die metonymische Verdrehung erfolgt hier zwischen Ereignis – Handlung im Ereignis, denn das lit. Verb medžioti entspricht dem deutschen Verb jagen.
• KHM 5: dt. „Da gieng der Wolf fort zu einem Krämer, und kaufte sich ein großes Stück Kreide.“ > lit. „Tada vilkas nubėgo į krautuvę, nusipirko didelį gabalą kreidos (...)“ (Balčikonis) – Die metonymische Verdrehung betrifft hier die Beziehung Person – Ort der Handlung der Person, denn krautuvė ist die litauische Entsprechung für (Kram)Laden.
• KHM 6: dt. „(...) das Feuergewehr, das in den Halftern stecken muss, heraus nimmt (...)“ > lit. „(...) ištrauktų pistoletą, kuris bus užkištas už apynasrio (...)“ (Balčikonis) – Die metonymische Verdrehung erfolgte hier von einem Kohyponym zu einem anderen zu demselben Hyperonym Schusswaffe.
• KHM 25: dt. „Der Morgenstern aber stand auf, gab ihm ein Hinkelbeinchen und sprach »wenn du das Beinchen¹³ nicht hast, kannst du den Glasberg nicht aufschließen (...)« > lit. „O aušros žvaigždė atsistojo, padavė jai raktelį ir tarė: – Jei tu neturėsi to raktelio, negalėsi atrakinti stiklo kalno (...)“ (Balčikonis) – Die metonymische Verdrehung erfolgte hier zwischen Objekt – Funktion des Objektes.
• KHM 14: dt. „Als nun das Fest anhub, traten die drei Jungfern in wunderlicher Tracht herein (...)“ > lit. „Prasidėjus iškilmėms, į salę įėjo trys keistai apsirengusios moteriškės (...)“ (Balčikonis) – Die metonymische Verdrehung geht über eine akzeptable Verallgemeinerung im Litauischen hinaus, denn die Begriffskomponenten, auf die das deutsche Wort Jungfer referiert¹⁴, sind in der Übersetzung verloren gegangen, da sich lit. moteriškė auf eine erwachsene Frau bezieht.
3. Metonymische Verzerrung
Den dritten Typ der metonymischen Äquivalenz nenne ich metonymische Verzerrung, der immer dann auftritt, wenn die Bewegung im Kontiguitätsraum so weit getrieben wurde, dass essentielle semantische Komponenten des Original-
¹³ DWB: „hinkel, n. junges huhn (...)“ (http://woerterbuchnetz.de/cgi-bin/WBNetz/genFOplus.tcl?sigle=DWB&lemid=GH09066 [2013-07-08]). Hinkelbeinchen ist demzufolge die Bezeichnung für das Bein eines jungen Huhns.
¹⁴ DWB: „2) jungfer, von dem begriff der jungen herrin (...), im gegensatz zu der ältern, der eigentlichen frau des hauses ausgehend, bezeichnet zunächst die unverheiratete tochter des hauses, dann die unverheiratete überhaupt, als ein ehrenvoller name, wo wir heute das volle jungfrau oder, wenn mehr ein titel (vgl. 3) hervorgehoben werden soll (...)“ (http://woerterbuchnetz.de/DWB/?sigle=DWB&mode=Vernetzung&lemid=GJ01376 [2012-12-10]
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lexems eliminiert erscheinen, wodurch eine sachgerechte Objektreferenz und damit Wissensvermittlung nicht mehr erreicht werden kann. Missverständnisse und Fehldeutungen sind die Folge. Die Entscheidung des Übersetzers für solcherart semantisch verzerrende Bezeichnungen kann nicht immer plausibel erklärt werden, zumal in der Zielsprache Litauisch durchaus angemessene Äquivalente vorhanden sind.
Einige Beispiele:
KHM 2: dt. „(...) ich bin von meiner Base zu Gevatter gebeten (...) > lit. „(...) kviečia mane draugė į krikštynas (...)“ (Balčikonis) – Durch die Wahl von draugė (wörtlich: „Freundin“) wird die Begriffskomponente der Verwandtschaft gelöscht; das korrekte Äquivalent wäre lit. pusseserė.
KHM 4: dt. „»Dich will ich schon packen« sprach der Unhold“ > lit. „– Aš tave pamokysiu, – tarė ilgabarzdis.“ (Balčikonis) – Die Begriffskomponenten der Gefahr und des Bösen gehen mit dem lit. ilgabarzdis (wörtlich: „der Langbärtige“) verloren; das korrekte Äquivalent wäre lit. pabaisa, das vom Übersetzer an anderer Stelle in den KHM verwendet wurde.
KHM 6: dt. „„Da rief sie »ei, was für schönes Goldzeug!«“ > lit. „– O, kokie gražūs daiktai! – sušuko ji (...)“ (Balčikonis) – Die Materialangabe und das Wertverständnis des Goldes gehen verloren, weil die litauische Benennung (wörtlich „schöne Dinge“) zwar mitteilt, dass goldene Dinge wohl schön sind, aber nicht jedes schöne Dinge besteht aus Gold; ein korrektes lit. Äquivalent wäre aukso daiktai.
KHM 9: dt. „(...) sprach zum König »es ist ein gemeines Bettelmädchen, das du dir mitgebracht hast (...)“ > lit. „(...) sakydama savo sūnui: – Tu vedei elgetos dukterį (...)“ (Balčikonis). Im wörtlichen Sinne wird hier von der „Tochter eines Bettlers“ gesprochen, doch handelt es sich um eine metonymische Verzerrung, denn es wird per se im Text nicht davon gesprochen, dass das bezeichnete Mädchen auch tatsächlich die Tochter eines Bettlers sei, sondern nur, dass dieses Mädchen äußerlich wie eine Bettlerin erscheint.
III. NULLÄQUIVALENZ – INKORPORATION VON FREMDWÖRTERN
Eine Verfügbarmachung des kulturellen Wissens einer anderen Sprach- und Kulturgemeinschaft für die eigene geschieht sehr häufig auf dem Weg der Direktübernahme bestimmter Lexeme, da in der zielsprachlichen Kultur keine im Sinne der sprachlichen Genealogie feststellbaren Äquivalente vorhanden sind. In den Übersetzungen der KHM sind es Germanismen, die in den zielsprachlichen
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Zur Handhabung deutscher Realienbezeichnungen in den ins Litauische übersetzten Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm
Text ohne weitere syntaktisch-semantische Verknüpfungen wie Explikation, Paraphrase o. ä. eingebunden wurden. Besonders in den Kategorien Personen und Maße / Mengen / Münzen erscheinen diese Realienbezeichnungen als „gesetzte“, in die ZS morphologisch, mitunter auch phonetisch-phonologisch inkorporierte Fremdwörter:
T A B E L L E 7. Fremdwortübernahme ins Litauische (Quelle: Autor des Beitrages)
DEUTSCH
LITAUISCH
DEUTSCH
LITAUISCH
Taler
taleris
Herzog
hercogas
Baron
baronas
Mauschel
maūšelis
Graf
grafas
Aber es herrscht hierbei keine Einheitlichkeit in der Handhabung, denn so werden nicht alle Münzbezeichnungen als Germanismen übernommen; Taler bildet wohl wegen eines höheren Bekanntheitsgrades eine Ausnahme. Nicht übernommene Münzbezeichnungen sind Batzen (KHM 15) und Heller (KHM 4), für die im Sinne der metonymischen Verschiebung Hyperonyme im litauischen Text eingesetzt sind, z. B. dt. Batzen > lit. pinigėliai; dt. Scheidemünze > lit. smulkiai.
SCHLUSSFOLGERUNGEN
Die Erfassung und Beschreibung der Realienbezeichnungen in den KHM leistet nicht nur einen Beitrag zum besseren Verständnis bestimmter Details der Märchen, sondern auch zur Rekonstruktion des Wissens, das die Märchen transportieren, woraus sich Vergleiche mit dem gegenwärtigen Wissen über Alltagsdinge, soziale Verhältnisse u. a. m. ergeben. In diesem Sinne kann tatsächlich von den Märchen als einer sozialgeschichtlichen und kulturhistorischen Quelle gesprochen werden. Als Voraussetzungen dafür sind jedoch ein weiter Kulturbegriff und ein weites Verständnis von Realien und ihren Bezeichnungen erforderlich. Diese beiden Voraussetzungen führen konsequenterweise zu einer systematischen Analyse der KHM hinsichtlich der Realienbezeichnungen, die nicht nur die besonders auffälligen, weil in deutlichem Kontrast zu unserer gegenwärtigen Kultur stehenden, sondern auch diejenigen Realienbezeichnungen erfasst, die auf die Grundlagen unserer, in großen Teilen gemeinsamen europäischen Kultur referieren.
In linguistischer Hinsicht hat sich gezeigt, dass ein auf den Wortschatz bezogenes Äquivalenzmodell der Übersetzungswissenschaft wie das von Koller mit lexikalisch-semantischen oder kognitionslinguistischen Kategorien wie der Met-
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onymie kombiniert werden kann, um den Umgang mit bestimmten Wortschatzbereichen im Rahmen von Übersetzungen besser zu erfassen und zu beschreiben. Aus solchen Kombinationen erwachsen Veränderungen in den jeweiligen theoretischen Konstrukten, z. B. dass ein übersetzungswissenschaftliches lexikalisches Äquivalenzmodell auf drei Äquivalenztypen vereinfacht werden kann: (1) vollständige Äquivalenz, (2) metonymische Äquivalenz als Bewegungen im Kontiguitätsraum, (3) Nulläquivalenz, die zur Fremdwortübernahme zwingen kann.
Für kognitionslinguistische Theorieansätze zur Metonymie kommen ebenfalls Überprüfungen und Veränderungen in Betracht, denn die Unterscheidung von metonymischen Verschiebungen, Verdrehungen und Verzerrungen zeigt, dass Aufbau und Prozesse im Kontiguitätsraum weiter erforscht werden müssen, um bessere Aussagen über das menschliche Wissen im Allgemeinen erarbeiten zu können.
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Lietuvių kalbos žodynas, elektroninis variantas, redaktorių kolegija: Gertrūda Naktinienė (vyr. red.), Jonas Paulauskas, Rიტutė Petrokienė, Vytautas Vitkauskas, Jolanta Zabarskaitė. Vilnius: Lietuvių kalbos institutas, 2008. Prieiga internete: www.lkz.lt. [2013.02.22].
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Vokiškų realijų pavadinimų atitikmenys Brolių Grimų Vaikų ir namų pasakų vertimuose į lietuvių kalbą
SANTRAUKA
Šio straipsnio tikslas – remiantis rinktiniais pavyzdžiais apžvelgti vokiškų realijų pavadinimų atitikmenų vartojimą Juozo Balčikonio ir Adomo Prano Druktenio į lietuvių kalbą verstose brolių Grimų Vaikų ir namų pasakose. Vartojant realijų pavadinimų atitikmenis, didelis vaidmuo tenka metonimijai. Metonimija gali būti sąmoningai pavartota ieškant atitikmens, antra vertus, metonimija gali tapti išeitimi, kai atitikmenų lietuvių kalboje nėra.
Dalis brolių Grimų pasakose esančių realijų pavadinimų ypatingi tuo, kad žymi informaciją, nebeatitinkančią šiuolaikinio žmogaus žinių. Taigi nuo lietuviškų atitikmenų parinkimo priklauso tai, kaip lietuvis skaitytojas supras šį jam erdvės ir laiko atžvilgiu svetimą kultūrinį pasaulį. Atitikmens parinkimas susijęs su bet kurių dviejų kalbų leksinės-semantinės ekvivalencijos problema. Pasitelkiant lietuviškus atitikmenis straipsnyje įvertinami Wernerio Kollerio (2011) atitikmenų tipai.
Įteikta 2013 m. liepos 5 d.
HANS-HARRY DRÖBIGER
Vilniaus universitetas, Kauno humanitarinis fakultetas
Muitinės g. 8, LT-44280 Kaunas, Lietuva
[email protected]
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