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Textgrammatik und frühneuhochdeutsche Gebrauchstexte aus tschechischen und slowakischen Archiven (Urbar, Satzung, Kirchenlied): Analyse und Versuch der Didaktisierung

Albrecht Greule

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ALECHT GREULE Universität Regensburg Wissenschaftliche Forschungsrichtungen: Textgrammatik, Theolinguistik und geistliches Lied, Onomastik, historische Syntax. TEXTGRAMMATIK UND FRÜHNEUHOCHDEUTSCHE GEBRAUCHSTEXTE AUS TSCHECHISCHEN UND SLOWAKISCHEN ARCHIVEN (URBAR, SATZUNG, KIRCHENLIED): ANALYSE UND VERSUCH DER DIDAKTISIERUNG Teksto gramatika ir ankstyvieji naująja vokiečių aukštaičių kalba parašyti tekstai iš Čekijos ir Slovakijos archyvų (kadastrai, potvarkiai, bažnytinės giesmės): analizė ir bandymas pritaikyti didaktiškai ANOTATION Drei frühneuhochdeutsche Texte, die in Tschechien (Böhmen und Mähren) und der Slowakei entstanden sind, werden textgrammatisch analysiert. Auf diese Weise soll beschrieben werden, wie in diesen Texten des 15. und 16. Jahrhunderts, die zu verschiedenen Textklassen gehören, die Textkohärenz für den Rezipienten nachvollziehbar gemacht und er in die Lage versetzt wurde, das Thema des Textes zu erfassen. Bei der Analyse werden in der Hauptsache zwei Strategien eingesetzt: die Feststellung der Zentralen Textgegenstände durch Herausarbeitung von Koreferenz-Ketten und die Feststellung von Isotopie-Ebenen durch Extraktion von semantischen Merkmalen. Aus der Kombination Straipsniai / Articles 29 ALBRECHT GRULE der Zentralen Textgegenstände und der Isotope-Ebenen kann das Thema der Texte erschlossen werden. In die Abhandlung sind auch Hinweise eingebettet, in welcher Weise die textgramatische Analyse im sprachgeschichtlichen Unterricht genutzt werden kann. SCHLÜSSELWÖRTER: Sprachgeschichte, Historische Textgrammatik, Fachdidaktik, Urbalinguistik, Hymnologie. ANNOTATION Three Early New High German texts which originated in the Czech Republic (Bohemia and Moravia) and Slovakia are analysed from a text-grammatical point of view. In this way there follows a description of how in these texts of the 15th and 16th centuries, which belong to different text classes, text coherence was made understandable for the recipient and how he was enabled to grasp the subject of the text. In the analysis two strategies are used for this central issue: the statement of the central text objects by the clarification of co-reference chains and the statement of isotope-levels by the extraction of semantic features. From the combination of these central text objects and the isotope-levels the subject of the texts can be classified. In this paper tips have been incorporated how text-grammatical analysis can be used in language history lessons. KEYWORDS: Language history, historical text grammar, subject didactics, cadastral linguistics, hymnology. 1. EINLEITUNG UND ZIELSETZUNG Mit den folgenden Überlegungen setzen wir ein Projekt fort, dessen Aufgabe darin besteht, die Aussagekraft eines an Zeitungstexten der Gegenwart erprobten textgramatischen Modells auf sprachhistorische Texte zu testen (vgl. Greule, Kolbeck 2014). Mit Blick auf die Didaktik des Deutschen als Fremdsprache und die Rolle, die sprachgeschichtliche Texte dort spielen könnten, wählen wir dazu frühneuhochdeutsche Texte aus, die aus tschechischen und slowakischen Archiven stammen bzw. in Böhmen, Mähren und der Slowakei im 15. und 16. Jahrhundert entstanden sind. Es handelt sich um die Satzung des Rats der Stadt Kaschau/Košice von 1404, das Urbar des Fürstentums Jägerndorf von 1531 und das Kantional (Kirchengesangbuch) der Böhmischen Brüder von 1531. Alle drei Quellen sind aus textlinguistischer Perspektive „Großtexte“, die jedoch auf unterschiedlichen Hierarchiestufen in „Kleinteile“ aufgegliedert sind (Greule 2012: 81–86). Auf drei ausgewählte Kleinteile der genannten Quellen 30 Acta Linguistica Lithuanica LXXV Textgrammatik und frühneuhochdeutsche Gebrauchstexte aus tschechischen und slowakischen Archiven (Urbar, Satzung, Kirchenlied): Analyse und Versuch der Didaktisierung beziehen sich die folgenden Analyseversuche. Zuvor wird jeweils auf die kulturgeschichtliche Besonderheit der Quellentexte eingegangen und die Frage der Didaktisierung der historischen Textgrammatik angeschnitten. 2. TEXTGRAMMATISCHE ANALYSE Es geht bei der textgrammatischen Beschreibung der vorliegenden frühneuhochdeutschen, im 15. und 16. Jahrhundert entstandenen Texte um den Nachweis der Textkohärenz. Es geht um eine Antwort auf die Frage, mit welchen sprachlichen Mitteln der Ausdrucks- und der Inhaltsseite die Textkohärenz für den Rezipienten des Textes nachvollziehbar gemacht ist und er in die Lage versetzt wird, das Thema des Textes und seine Entfaltung zu erfassen. Dazu kommen in der Hauptsache zwei Strategien infrage: die Feststellung der Zentralen Textgegenstände (ZTG) durch Herausarbeitung von Koreferenzketten und die Feststellung von Isotopie-Ebenen durch Extraktion von sich im Textverlauf wiederholenden semantischen Merkmalen, den Klassen. Es ist unverkennbar, dass für die Analyse der Aspekt der Quantifizierung von sich wiederholenden Elementen sowie das Operieren auf der Satzebene die Hauptrolle spielen. Darüber hinaus besteht der Verdacht, dass das Modell bei der Anwendung auf Textexemplare unterschiedlicher Textsorten entsprechend adaptiert und revidiert werden muss und es besteht hinsichtlich sprachhistorischer Großtexte erheblicher Handlungsbedarf (ausführlich Greule 2011: 24–26; Greule, Kolbeck 2014). Akzeptiert man darüber hinaus die Vorstellung, dass Grammatik die Kombinationslehre ist, die von unten nach oben ansteigend immer größer werdende Zeichenkomplexe nach spezifischen Regeln kombiniert, dann kann man die komplexen „Großtexte“ als Kommunikate definieren, die aus mehreren Kleintexten bestehen, zwischen denen ebenfalls textgrammatische Relationen erschließbar sein müssen. 3. URBAR DES FÜRSTENTUMS JÄGERNDORF (1531) Das Urbar des Fürstentums Jägerndorf/Krnov o.Bruntál von 1531 liegt als Originalhandschrift, zusammen mit anderen unter der Regierungszeit der Markgrafen von Brandenburg-Ansbach verfassten Urbaren, im Landesarchiv Troppau (Zemský archiv v Opavé). Es wurde 2010 von Siegfried Hanke und Rainer Vogel ediert (Hanke, Vogel 2010: 18–100). Markgraf Georg von Straipsniai / Articles 31 ALBRECHT GREULE Brandenburg ließ das Urbar in deutscher Sprache und in enger Anlehnung an ein vorausgehendes, in altschechischer Sprache verfasstes Urbar von 1523 anlegen. In den Urbaren sind die liegenden Güter, Gerechtsame und Abgaben einer geistlichen oder weltlichen Grundherrschaft verzeichnet; sie werden deshalb den „domainalen Textsorten“ zugerechnet. Über die Urbarwese wissen wir recht gut Bescheid. Ursprünglich ist davon auszugehen, dass die Güter und Gerechtsame vor Ort durch Befragung der Zinspflichtigen erhoben und danach in der fürstlichen Kanzlei in einem Urbar schriftlich fixiert wurden. Daraus ergibt sich für die Urbarlinguistik, dass in den in einer der Volksprachen verfassten Urbaren eine Mischung aus Sprech- und Schriftsprache vorliegt, die nicht in so perfekter „Orthographie“ festgehalten wurde, wie wir sie heute erwarten würden (Greule 2003: 58–61). Urbare gelten unter funktionalen Aspekten als Verzeichnisse mit Appellfunktion: In ihnen werden Güter und Rechte sowie aus ihnen fließende Einkünfte verzeichnet, die aufgrund der schriftlichen Aufzeichnung als Leistungen der Zinspflichtigen eingefordert werden können. (Greule 2003: 63) Das Urbar des Fürsttums Jägerndorf ist als Großtext untergliedert in die Erfassung der Abgaben von zehn Ortschaften im Fürstentum; diese Textkomplexe zerfallen pro Ort selbst in Kleintexte, die unter thematischen Überschriften die Abgaben im jeweiligen Ort verzeichnen. Analyse: Teiltext/Kleintext „Mayerhoff“ (Hanke, Vogel 2010: 18f.) Sowohl was die sprachwissenschaftliche Analyse als auch die Didaktisierung eines solchen Textes anbelangt, ist es erforderlich vor dem Hintergrund der kommunikativen Funktion seine syntaktischen Strukturen und sein lexikalisches Potenzial (Spezialwortschatz) aufzuarbeiten. Die Analyse der syntaktischen Strukturen manifestiert sich in der folgenden Auflistung der 24 Minimalen Texteineheiten (MTE). Überschrift/Supra-text: Mayerhoff 1: Vndter(m) schlos Lobenstain ist ain mayerhoff, wol zur wirtschaf gelegen, der gleichen wol aufgebawt, Vnd hat dartzu viel acker Vnd guet zugericht, Vf welche Ecker auffen winter IX malter Vnd auffen Somer gleich sovil Inn der Zeit mehr Vnd weniger baen mag. 2: Zue dem selben schlos sint viel gute wysn, wie dann Vndten Vortzaichen, schaff Vnd rindvieh ain schock, tzen wagen Zug, Reitpferd viel, 3: diesem allem ein gebürliche notdurfft geben mag. 32 Acta Linguistica Lithuanica LXXV Textgrammatik und frühneuhochdeutsche Gebrauchstexte aus tschechischen und slowakischen Archiven (Urbar, Satzung, Kirchenlied): Analyse und Versuch der Didaktisierung 4: [item] die Gerten zue diesem schlos sein gut, 5: In denn mag man In die Kuchen manicherley Zuemuße ein sehenn. 6: [item] Ein grosser vnd nutzpar bawmgarten, Der sich mit obist vnd gras lassen gebrauchen. 7: [item] der nider Baumgarten, Inn welchem viell Bewme seint, 8: denn selben garten mag mann mit obist vnd gras genißen. 9: [item] Der drytte baumgarten ist Hinder dem mayerhoff vndterm plancken, 10: der sich auch mit obist vnd gras lasset genißen. 11: [item] Der fierde bawmgarten vmb das schlos auffen plancken new gebaut, welchen (man) mit obist vnd gras mag genißen. 12: [item] Der selben fier bawm garten Jerlich mag genossen werden bey den XXf, In der tzait mehr vnnd weniger. 13: [item] Zue dem schlos sein schwartze vnd andere weld zuvorkauffen, 14: der selbenn den nutz Hie gesetzt, ain Jar Zue andern gesetzt XXf, Zaiten mehr oder weniger. 15: [item] Inn denn selben welden seint pynbeuten von drayen Holtzen, 16: giebt man ain messel mehd Konnektor: vnd 17: solche messel helt Inn siech IIII quart med. 18: Dietzs mag man Jerlich genißen ain gulden tzaiten mehr vnd weniger. 19: [item] Vndterm schlos seint zway wasser, Im welchem seint fahren, grundln vnd Herlitzen, 20: der selben mag man genissen Jerlich auff III gulden Zue Zaiten mehr vnd weniger. [...] 21: [item] Ein guetter vnd nutzpar bach vndterm schlos, Im welchem seint faren, Eschenn vnd ander wasser viesch zuer nodturfft gebrauchen, 22: denn selben mag man genissen Jerlich VI gulden Inn der Tzait mehr vnd weniger. 23: [item] Vndter dem schlos seint grosse wiesn 24: auff den selben mag man IXc wagen hew machen Inn der Zait vnd weniger. Die MTE sind dadurch gewonnen worden, dass nach dem syntaktischen Kriterium 20 einfache und komplexe Verbalsätze, also solche Äußerungen, die ein oder mehrere Prädikate aufweisen, abgetrennt wurden. Lediglich vier Äußerungen (MTE 5, MTE 6, MTE 10, MTE 21) enthalten kein Hauptsatzprädikat und werden als so genannte Setzungen gewertet. Das – auch didaktisch – weitere Vorgehen setzt ein Verstehen des Textes voraus, wozu auch die Gliederung in kleinste syntaktische Einheiten dienen soll. Dieses hängt sowohl von der kommunikativen Funktion (Registrierung Straipsniai / Articles 33 ALBRECHT GRULE der Güter und ihren Ertrag für den Landesherrn) als auch vom Verständnis der Lexeme, besonders der Fachlexeme wie malter, schock, Zuemße, geniessen, pynbeuten, mesel mehd, fahren, grund, Herlitzen, Eschen ab. Sie können über das der Edition von Hanke/Vogel beigegebene Glossar leicht ermittelt werden. Es bleiben aber die das Textverständnis erschwerenden Schreibweisen, die nicht nur von der heutigen deutschen Orthographie erheblich abweichen, sondern auch die zeitgenössische Satzstruktur nur wenig stützen. Deshalb lässt sich hier eine sprachhistorisch lohnende Übung anschließen, die darin besteht, die Schreibweise von 1531 der heutigen Orthographie, so gut es geht, anzupassen. Durch diese Übung wird vor allem der kommunikative Wert der Großschreibung und der Doppelschreibungen erkennbar. Einen ersten Schritt zur Feststellung der Isotopie-Ebenen, die den semantischen Hintergrund des Textes bilden, stellt die Klassifikation der Prädikate dar, die zuvor am besten durch Unterstreichen herausgehoben werden. Quantifiziert man die sich wiederholenden Prädikate unter semantischem Aspekt, ergeben sich aufgrund der Häufigkeit folgende Isotopien mit den Klassen ‘Existenz’ (sein, hat) und ‘bekommen/den Nutzen haben’ (mag geniessen, mag gnossen werden, lasset geniessen, sein...zuer notdurft gebrauchen, den nutz...gesetzt, gen mag, giebt). Außerdem ist die durch das häufige Modalverb mag ‘kann’ ausgedrückte potentielle Modalität bemerkenswert. Ferner sind bei den Existenzprädikaten zwar die „Existenzträger“ genannt, nicht jedoch bei den Nutzungsprädikaten der/die Nutznießer, es sei denn durch das verallgemeinernde Pro-Nomen man. Letzteres verwundert nicht, da der Nutznießer der das Urbar veranlassende Grundherr war, der nicht (mit allen Titeln) immer wieder genannt zu werden braucht. Ab MTE 12 wird der jeweilige Nutzen in (Geld-)Summen angegeben. Zum Thema des Textes im Sinne einer Kurzinhaltsangabe, die auch als Überschrift fungieren könnte, gelangen wir durch die Feststellung der ZTG, die sich aus der Folge sich wiederholender Referenz ergeben: mayerhoff (1) – Hinder dem mayerhoff (9) Schlos Lobenstain (1) – Zu dem selben schlos (2) – zu dem selben schlos (4) – umb das schlos (11) – Zu dem schlos (13) – Vndterm schlos (19) – underm schlos (21) – Vndter dem schlos (23) Viel gute wysn (2) – grosse wiesn (23) !! – auff den selben (24) die Gerten (4) – In den (5) – Ein...baumgarten (6) – der oder Baumgarten (7) - denselben garten (8) – Der dyte baumgarten (9) – der (10) – Der fierde baumgarten (11) – Der selben fier bawmgarten (12) Weld („Wälder“) (13) – der selben (14) – Inn den selben weldn (15) pynbeuten („Honigtrag“) (15) – ain mesel mehd (16) – soliche mesel (17) – Dietz („davon“) (18) 34 Acta Linguistica Lithuanica LXXV Textgrammatik und frühneuhochdeutsche Gebrauchstexte aus tschechischen und slowakischen Archiven (Urbar, Satzung, Kirchenlied): Analyse und Versuch der Didaktisierung zway wasser (19) – der selben (20) – Ein...bach (21) – denn selben (22). Aus der Kombination der Klasseme (Isotopien) mit den ZTG kann das Textthema wie folgt erarbeitet und formuliert werden: „Von den zum Meierhof unterhalb von Schloss Lobenstein gehörenden Wiesen, Gärten, Wäldern, Honigerträgen und Gewässern ist folgender (im einzelnen spezifizierter) Nutzen/Ertrag möglich“. Dass das Thema in dieser Formulierung nicht als Überschrift (Supratext) steht, hängt damit zusammen, dass die Lokalität Schloss Lobenstein in der Hauptüberschrift und der Meierhof in der Überschrift genannt sind. Der Rest des Themas käme in der Überschrift einer Textgliederung gleich, und die Funktion des Textes, die Güter und ihren Nutznieß zu benennen, ist aus der Funktion des Urb ar s klar und bekannt. Die späte Wiederaufnahme der Kategorie „Wiesen“ in MTE 23 lässt auf einen Nachtrag schließen, der durch ein Versehen des Schreibers erklärt werden kann. In seiner Funktion unklar bleibt letztlich das textgrammatisch als Gliederungs-Konnektor spezifizierbare item (siehe auch unten 4.) 4. SATZUNG DES RATES DER STADT KASCHAU/KOŠICE (1404) Schon die Beschreibung der Handschrift durch Ilpo Tapani Piirainen liefert wichtige Hinweise auf textgrammatische Strukturen, die an der Edition nachvollzogen werden können (Piirainen 1987: 239f.). Die Satzung des Rates der Stadt Košice/Kaschau von 1404 (kurz: Satzung) ist ein homogener, aus Kleintexten („Artickel“), die ausschließlich der Funktion der Rechtsetzung (Textsorte „Satzung“) dienen und deutlich voneinander abgegrenzt sind, bestehender komplexer Text. Außer den 47 Artikeln, den Kleintexten, umfasst der Gesamttext (die Handschrift) noch eine Einleitung, die jedoch den Umfang eines Kleintextes nicht überschreitet. Der Text der Handschrift ist in der Edition in einer diplomatischen, buchstabengetreuen Form abgedruckt. Dies betrifft vermutlich auch die Zeichensetzung, so dass die Setzung der Kommata als einzigen Satzzeichen in der Edition nur bedingt zur inhaltlichen Erschließung des Textstücks beiträgt. Gleiches gilt für die Versalien. Die für die textgrammatische Analyse wichtige Satzabgrenzung muss interpretatorisch durch den Analysator an den Text herangetragen werden. Straipsniai / Articles 35 ALBRECHT GREULE Analyse des 21. Artikels (Piirainen 1987: 246) Supratext: Der eynvndczvenczigste Artickel1 1: [Item] keyn vngebert eytelkeyt sprichwort vnnüczlich rawmen füstreten In siczenden rot sol nicht seyn, Konnektor: sunder 2: yder sey geschickt zw horen was zuhandlen ist, Das dy sach nicht störung habe noch hinderniß. Konnektor: Item auch 3: keyn vngeberd auswendig des rots miteinander sol seyn vor gemeynen leyten czu vormeyden ergerniß, Konnektor: Vnd auch 4: keyn ander sach sol eyngetragen werden dye selbe c zeyt besunderlich uf sehen haben vf dy sach dy zu handlen ist, Konnektor: vnd 5: keynerley ander sach eyntragen noch beruren, wen dy men handelt czu der stünden Obwohl die MTE 5 eine mit der Infinitivkonstruktion in MTE 4 (besunderlich uf sehen haben...) koordinierte Infinitivkonstruktion ist, habe ich sie als selbständigen, allerdings elliptischen Satz, in dem „sol men“ zu ergänzen ist, abgetrennt. Koreferenz durch a) identische Repetition von Nomina: - Dy sach (2) – keyn ander sach, dy sach (4) – keynerley ander sach (5) - keyn vngebert (1) – keyn vngeberd (3) - in siczenden rot (1) – auswendig des rots (3) b) identische Repetition von Verben: - handlen (2) – handlen (4) - handelt (5) 1 Übersetzung: Ebenso soll es, wenn der Rat sitzt, kein ungebührliches Benehmen, keinen Müßiggang, kein „Sprichwort“ (Zwischenruf?), kein nutzloses Flüstern, Scharren mit den Füßen geben. Vielmehr soll jeder bereit sein zu hören, was zu verhandeln ist, damit die Sache weder gestört noch behindert werde. Ebenso soll es außerhalb des Rats kein ungebührliches Benehmen geben, um Ärgernis vor der Allgemeinheit zu vermeiden. Und es soll keine andere Sache gleichzeitig eingebracht werden, sondern man soll sich auf die Sache konzentrieren, die gerade verhandelt wird. Und (man soll) keine andere Sache einbringen oder berühren, außer der, die man behandelt. 36 Acta Linguistica Lithuanica LXXV Textgrammatik und frühneuhochdeutsche Gebrauchstexte aus tschechischen und slowakischen Archiven (Urbar, Satzung, Kirchenlied): Analyse und Versuch der Didaktisierung – eyntragen (4) – eyntragen (5) Koreferenz durch Kontiguität (‘Tätigkeiten des Rats’): siczenden rot (1) – handlen, dy sach (2) – sach eyntragen, handeln (4) – sach eyntragen, handelt (5) Strukturrekurrenz/syntaktischer Parallelismus: negiertes Modalprädikat: sol nicht seyn (1) – (keyn...) sol seyn (3) – (keyn...) sol eyngetragen werden (4) – (sol) eyntragen noch beruren (5, elliptisch). Vergleichbar sind das Zustandspassiv im Konjunktiv sey geschickt zw horen und die Passiversatzform nicht störung habe (2), die als Ausdrucksvarianten (statt sol seyn geschickt, sol nicht störung haben) verstanden werden könnten. Isotopie mit dem Klassen ‘(ungebührliches) Verhalten’: vngeber t eytelkeyt sprichwort vnniiczlich rawmen füstreten (1) – störung...noch hinderniβ (2) – vngeberd, ergerniβ (3) – ander sach... eyntragen (4) – ander sach eyntragen noch beruren (5) Alle fünf MTE sind durch adversative und koordinierende Konnektoren miteinander verbunden. Möglicherweise ist dieser Befund der Textsorte geschuldet, die eine deutliche Gliederung verlangt. Versuchen wir aus diesen textgrammatischen Informationen, das Thema des 21. Artikels zu konstruieren, dann fällt zuerst ein in vier MTE vorhandenes negiertes Modalprädikat ins Auge, das fast stereotyp wie in den Zehn Geboten (z.B. „du sollst nicht stehlen“) formuliert ist. Lediglich in MTE2 wird das Verbot im Konjunktiv (sey, habe) etwas abgeschwächt ausgedrückt. Die Modalität, die Einstellung des Sprechenden/Schreibenden gegenüber dem Lesenden/Hörenden, bleibt die gleiche. Dabei fällt auf, dass kein Adressat (syntaktisch: kein Agens) genannt wird; yder ‘jeder’ in MTE 2 ist zu vage. Es tut sich hier eine Lücke auf, die entweder anaphorisch oder kataphorisch aus dem 20. oder dem 22. Artikel – in der Hoffnung, dass sich dort ein „Adressat“ findet – geschlossen werden kann und damit zu einem Problem der Grammatik des Großtextes wird. Das Thema des 21. Artikels kann aus dem Zusammenspiel der textgrammatischen Relationen heraus folgendermaßen formuliert werden: „Ein nicht genannter Verfasser X gebietet nicht genannten Adressaten Y, Störungen der Ratsversammlung zu vermeiden“. Ort und Zeit, wo dies zu geschehen hat, werden nicht genannt. Da sich der Inhalt von MTE 3 nicht auf das Verhalten in, sondern außerhalb der Ratsversammlung bezieht, kann er als Nebenthema, verstanden werden, das der Verfasser der Satzung in auffälliger Weise mit Item, einem koordinierenden Konnektor zu Beginn der Kleintexte, einleitet. Die Variablen X und Y in der Themaformulierung sollen die Unselbständigkeit des Straipsniai / Articles 37 ALBRECHT GREULE Kleintextes signalisieren, weil der Kleintext zum vollen Verständnis auf Ergänzungen aus Prä- und Posttext angewiesen ist. 5. KANTIONAL (KIRCHENGESANGBUCH) DER BÖHMISCHEN BRÜDER VON 1531 Es gehört zu den sicheren Erkenntnissen der vergleichenden Hymnologie, dass Böhmen das Mutterland des Gesangbuchs ist (Greule 2012: 167), u. a. weil das älteste evangelische Kirchengesangbuch Europas 1501 in Prag gedruckt wurde und das einzige Exemplar im Tschechischen Nationalmuseum aufbewahrt wird. Es tut dieser Erkenntnis keinen Abbruch, wenn die Brünner Mediävistin Sylvie Stanovská jüngst in einem Vortrag in Görlitz (Sachsen) die Auffassung vertrat, dass das im Kantional der Böhmischen Brüder von 1531 samt der Melodie abgedruckte Lied „Adam het vns gantz verderbet“ eine textliche Bearbeitung des von Lazarus Spengler (1479–1534) in Nürnberg 1520 verfassten Liedes „Durch Adams Fall ist ganz verderbet“ darstellt.2 Hinzu kommt, dass Sylvie Stanovská entdeckt hat, dass die Transformation des Spenglerschen Textes unter dem Eindruck der Melodie stattfand. Die Melodie des deutschen Liedes der Böhmischen Brüder ist nämlich identisch mit der Melodie des tschechischen brüderlichen Liedes „Chvalmež Otce nebeskeho“ („Loben wir den himmlischen Vater“), mit Textzeugen aus den Jahren 1541, 1545–46 und 1564, aber nicht mit der Melodie des Liedes von Lazarus Spengler. Die Aufgabe der vergleichenden textgrammatischen Analyse ist es, den sprachlichen und den damit zusammenhängenden inhaltlich-theologischen Transformationsprozess deutlich zu machen. Vergleichende Analyse des Liedes „Durch Adams Fall ist ganz verderbt“ (=Text A) mit „Adam het vns gantz verderbet“ (1.Strophe) (=Text C) Durch Adams Fall ist ganz verderbt Menschlich Natur und Wesen, Dasselb Gift ist auf uns ererbt, Daß wir nicht mochten genesen Ohn Gottes Trost, der uns erlöst 2 Albrecht Greule/Sylvie Stanovská, Transformation des geistlichen Liedes bei den Böhmischen Brüdern. Vortrag anlässlich der Tagung „Textgestaltung als Abbild der Transformationsprozesse vom 15. bis 17.Jahrhundert“, Hochschule Zittau/Görlitz, 25.–27.9.2012. 38 Acta Linguistica Lithuanica LXXV Textgrammatik und frühneuhochdeutsche Gebrauchstexte aus tschechischen und slowakischen Archiven (Urbar, Satzung, Kirchenlied): Analyse und Versuch der Didaktisierung Hat von dem großen Schaden, darein die Schlang Eva bezwang, Gotts Zorn auf sich zu laden. Während die Analyse bei nur in Sätze gegliederten fortlaufenden Texten satzübergreifend (transphrastisch) vorgeht, muss man bei Kirchenliedern, abgesehen davon dass sie Konstituenten des gedruckten Großtextes „Gesangbuch“ sind, eine konstitutive Gliederungseinheit oberhalb des Satzes ins Auge fassen, um die textuelle Kohärenz der später hinzu gedichteten Strophen beurteilen zu können, nämlich die durch Rhythmus und Reim ausgezeichneten Strophen. Gehen wir gleichsam von außen an die Texte heran, so stellen wir fest, dass der Strophenbau von Text A mit zwei Stollen, Abgesang und männlicher Kadenz sich weder im tschechischen Text B noch in Text C wiederfindet. Jedoch stimmt der Strophenbau von Text B und Text C (4 vierhebige Zeilen zu 2 Reimpaaren) überein. Die syntaktische Struktur besteht aus zwei Sätzen, aus einem einfachen Satz: MTE 1 Durch Adams Fall ist ganz verderbt Menschlich Natur und Wesen. und aus einem komplexen Satz: MTE 2 Dasselb Gift ist auf uns ererbt, Daß wir nicht mocht'n genesen Ohn Gottes Trost, der uns erlöst Hat von dem großen Schaden, darein die Schlang Eva bezwang, Gotts Zorn auf sich zu laden. Obwohl in der relativ geringen Textmenge der ersten Strophe quantitativ noch nicht erfassbar, sind die „Protagonisten“ (=ZTG) dieses Teiltextes das Paar ADAM/EVA und GOTT. Gerne übersehen wird die durch uns und wir ausgedrückte Deixis, das heißt die Referenz auf eine Gruppe von Menschen, die das Lied singen oder rezipieren, zu der sich auch der sonst nicht sprachlich in Erscheinung tretende Autor zählt. Die Feststellung der Isotopie-Ebenen erfolgt über die durch den Kotext bestimmte Semantik der im Text vorhandenen Lexeme. So stellen wir leicht fest, dass der gemeinsame „semantische Nenner“ der Ausdrücke Fall, verderbt, Gift, nicht genesen, großer Schaden, Schlange, bezwang, Zorn ein semantisches Merkmal (=Klassem) ‘(für den Menschen) Schädliches’ ist. Aus dieser Konstellation von ZTG und Isotopie lässt sich aber noch kein Thema formulieren. Daraus ist der Schluss zu ziehen, dass die erste Strophe thematisch nur den Weg bereitet, für zumindest eine oder mehrere weitere Strophen. Straipsniai / Articles 39 ALBRECHT GREULE Und in der Tat werden in der 2. Strophe die ZTG ADAM/EVA sowie GOTT und die WIR-Deixis ebenso wie die Isotopie ‘(für den Menschen) Schädliches’ (Schlang, abgefallen, veracht, Bracht hat den Tod, Not) weiter geführt; aber an ihrem Ende tritt ein neuer Protagonist in großer textueller Nähe zu GOTT und der WIR-Deixis auf: SEIN LIEBER SOHN, in den folgenden Strophen variierend CHRISTUS genannt! An dieser Stelle wird – aus textgrammatischer Sicht – eine intertextuelle „Schnittstelle“ mit dem tschechischen Lied (B) deutlich, in dessen erster Strophe es heißt: jeho syna milého „seinen lieben Sohn“ Die nach demselben Muster durchgeführte Analyse der weiteren Strophen ergibt Folgendes: Protagonisten und Deixis bleiben dieselben; zur Isotopie „schädlich“ greift mit dem Auftreten von CHRISTUS eine neue Isotopie Platz: nämlich die zu ‘schädlich’ antonyme Isotopie ‘Rettung’ (‘Erlösung’). Sie wird dann in der 5. Strophe durch eine Häufung von Christus-Prädikationen wie Weg, Licht, Pforte, Wahrheit, Leben, Rat, ewig Wort, Schutz geradezu übertroffen. Damit scheint zumindest thematisch der Höhepunkt des Liedes und sein Ende erreicht zu sein. Nach der 5. Strophe ist textgrammatisch ein scharfer Schnitt feststellbar: In der 6. Strophe gibt es keine Deixis mehr, der ZTG ist DER MENSCH generell und die MENSCH zugeordnete Isotopie (gottlos, verflucht, fern des Heils, ohne Tröster, in Teufels Gewalt) hat als gemeinsamen Nenner ‘von Gott verstoßen’. Man kann sich als heutiger Betrachter des Eindrucks nicht erwehren, dass hinter dieser Strophe die Illokution der Drohung steckt. In Strophe 7 ändert sich nur die Isotopie: dem MENSCHen wird jetzt – wenn er auf Gott vertraut – ‘Rettung’ versprochen. Im Grunde werden in diesen beiden Strophen 6 und 7 die Isotopie und damit die beiden Themen der ersten fünf Strophen, nämlich „durch Adam verursachten Schaden für den Menschen“ gegenüber „Rettung durch Christus“, pointiert wiederholt. Es gibt also wider Erwarten einen thematischen Zusammenhang mit Teiltext Strophe 1–5. Eine weitere Zäsur ab Strophe 8 ist nicht weniger markant. Sie beginnt mit „Ich bitt oh Herr“, durch das performative Verb bitten wird sofort klar, dass die Deixis der Strophen 1–5 wieder aufgegriffen wird, nun aber nicht durch das pluralische WIR, sondern durch das individuelle ICH in Korrespondenz zum DU-GOTT, was es zu beachten gilt. Ist Strophe 8 eine Bitte um die in Strophe 7 unter Bedingungen zugesagte Rettung, so endet das Lied in Strophe 9 40 Acta Linguistica Lithuanica LXXV Textgrammatik und frühneuhochdeutsche Gebrauchstexte aus tschechischen und slowakischen Archiven (Urbar, Satzung, Kirchenlied): Analyse und Versuch der Didaktisierung aus der ICH-Deixis heraus mit dem Wort Hoffnung, das am Ende einer starken ‘Licht’-Isotopie (brennende Luzerne, ein Licht, Morgensterne) steht. Aus textgrammatischer Sicht kann man festhalten, dass Lied A aus vier vertikal (d.h. nacheinander) koordinierten Teiltexten mit jeweils unterschiedlicher Illokution besteht: I: Strophe 1–5, II Strophe: 6–7, III: Strophe 8 und IV. Teil I kann mit dem Terminus der mittelalterlichen Schriftauslegung „historice-mystice“ (Illokution: Information/Erinnerung) genannt werden; Teil II nach gleichem Vorbild „moraliter“ (Illokution: Drohung); Teil III ist eine Bitte, Teil IV steht wegen der GOTT zugeordneten ‘Licht’-Isotopie in der Nähe einer Doxologie (Illokution: Preisen?). Abschließend der Versuch eines intertextuellen Vergleichs von Text A und Text C, den man sinnvoller Weise mit Strophe 1 beginnt.3 Adam hett vnns gantz verderbet suᵉnd vnd schult auf vns geerbet verandert natur vnd wesen das wir nicht mochten genesen Die geradezu sprachtechnische Frage lautet: Wie passt der unbekannte Verfasser den Text von A formal an die Struktur der Strophe von Lied B an? Wir können gleich festhalten, dass einzig und allein die Grammatik der jeweils ersten Strophe überhaupt die Möglichkeit zum Vergleich gibt; dies mag ideengeschichtlich-theologisch anders sein. Der erste Blick sollte auf den syntaktischen Bau der beiden Strophen fallen: Während die Strophe in Text A aus zwei Sätzen besteht, reicht der strophische Bau von Lied C nur für einen Satz. Er ist komplex und besteht aus einer dreigliederigen asyndetischen Satzreihe, die in ein Satzgefüge mit einem dass-Nebensatz einmündet. Die ZTG sind demgegenüber in beiden Strophen die gleichen: ADAM als Agens und die WIR-Deixis als Patiens; die Handlung spielt sich wie bei Spengler auf einer Isotopie-Ebene ab, die sich mit dem semantischen Merkmal (Klassem) ‘rettungslose Vernichtung von Menschen’ von der Isotopie bei Spengler ‘(für den Menschen) Schädliches’ kaum unterscheidet; sie ist höchstens zugespitzt, verschärft. Der Bearbeiter von Text C erreicht dies zunächst durch die Repetition (oder Übernahme) der Textteile Adam, gantz verderbet, auff vns vererbet, natur und wesen und schließlich durch die Übernahme einer ganzen Zeile bei Spengler, nämlich: das wir nicht mochten genesen. Sie wird allerdings aus der Mitte bei Spengler in C an das Strophenende positioniert, womit eine wichtige dramaturgische Wirkung erreicht wird: Wir, die Menschen, brauchen einen Retter. 3 Text nach Thomas 1931. Straipsniai / Articles 41 ALBRECHT GREULE Von hier an geht Lied C theologisch in eine ganz andere Richtung als das Lied Spenglers: Da der „Retter“ nach christlicher Theologie an Weihnachten kam bzw. kommt, ist aus Lied A ein Weihnachtslied geworden. 6. ERGEBNIS Die Ausgangsfragen, was die textgrammatische Analyse zur Erschließung und zum besseren Verständnis frühneuhochdeutscher Texte beiträgt und wie sie im Sprachunterricht fruchtbar gemacht werden kann, könne auf folgendem Weg beantwortet werden. Der erste Schritt liegt, wenn es sich wie bei dem Urbar und der Satzung um handschriftliche Texte handelt, beim Editor der Handschriften. Er transkribiert und deckt dabei auf, welchen Lautstand die Handschrift repräsentiert bzw. welcher Schreiblandschaft sie angehört und durch welchen Wortschatz sie geprägt ist. Diese Fragestellung sollte jedoch bei der Frage des Einsatzes der Textgrammatik auf historische Texte nicht im Vordergrund stehen, weil sie unter dem Aspekt der Ausbildung der neuhochdeutschen Schriftsprache schon oft behandelt wurde. Editionen sollten die Texte auch inhaltlich erschließen, indem Vorschläge zur Satzabgrenzung gemacht werden, wodurch die textgrammatische Analyse bei ihrer Anwendung im Unterricht erleichtert wird. Dadurch dass im (sprach- und literaturhistorischen) Unterricht die textgrammatischen Analyseschritte (Herausarbeitung der Minimalen Texteinheiten, ihres äußeren und inneren Zusammenhangs und Ausarbeitung eines Themas) auf ausgewählte Teil- bzw. Kleintexte angewandt werden, können schrittweise das Textverständnis und darüber hinaus ein spezielles Verständnis für den Funktionalstil spätmittelalterlicher profaner (handschriftlicher) und religiöser (gedruckter) Textsorten (Register, Satzung, geistliches Lied) aufgebaut werden. Mit einem weiteren Schritt, der den Großtext als Ganzes in den Blick nimmt, hier aber nicht ausgeführt werden konnte, könnte man schließlich sogar die formalen und thematischen Zusammenhänge der Kleintexte, aus denen der Großtext zusammengesetzt ist, erforschen. 42 Acta Linguistica Lithuanica LXXV Textgrammatik und frühneuhochdeutsche Gebrauchstexte aus tschechischen und slowakischen Archiven (Urbar, Satzung, Kirchenlied): Analyse und Versuch der Didaktisierung L I T E R A T U R G r e u l e A l b r e c h t 2003: Urbare als Kanzleiprodukte und Sprachquellen. – Aufgaben einer künftigen Kanzleisprachenforschung (= Beiträge zur Kanzleisprachenforschung 3), hrsg. von Jörg Meier und Arne Ziegler. Wien, 57–67. G r e u l e A l b r e c h t 2011: Beobachtungen zur Textgrammatik des Frühneuhochdeutschen in der Ostslowakei – am Beispiel der Satzung des Rates der Stadt Košice/Kaschau von 1404. – Deutsch-Slawische Kontakte – Geschichte und Kultur, Festschrift für Mária Papsonová, Michaela Kováčová, Jörg Meier, Ingrid Puchalová (eds.). Košice, 23–32. G r e u l e A l b r e c h t 2012: Sakralität. Studien zu Sprachkultur und religiöser Sprache, hrsg. von Sandra Reimann und Paul Rössler. Tübingen. G r e u l e A l b r e c h t, C h r i s t o p h e r K o l b e c k 2014: Kanzleisprachenforschung und Textgrammatik. – Perspektiven und Desiderate der europäischen Kanzleisprachenforschung (= Beiträge zur Kanzleisprachenforschung 8), hrsg. von Jörg Meier, Wien (Praesens) (im Druck). H a n k e S i e g f r i e d, V o g e l R a i n e r ( H g .) 2010: Urbare des Fürstentums Jägerndorf aus der Zeit der Markgrafen von Brandenburg-Ansbach (1531, 1535, 1554/89). Berlin, 18–100. P i i r a i n e n I l p o T a p a n i 1987: Die Satzung des Rates der Stadt Košice/Kaschau aus dem Jahre 1404. Edition und Untersuchung eines frühneuhochdeutschen Textes aus der Slowakei. – Neuphilologische Mitteilungen 88. Helsinki, 237–255. T h o m a s W i l h e l m ( H g .) 1931: Michael Weiße, Gesangbuch der Böhmischen Brüder vom Jahre 1531. Wiederabdruck Kassel. Straipsniai / Articles 43 ALBRECHT GREULE Teksto gramatika ir ankstyvieji naująją vokiečių aukštaičių kalba parašyti tekstai iš Čekijos ir Slovakijos archyvų (kadastrai, potvarkiai, bažnytinės giesmės): analizė ir bandymas pritaikyti didaktiškai SANTRAUKA Straipsnyje gramatiniu aspektu analizuojami trys ankstyvosios naujosios vokiečių aukštaičių kalbos tekstai iš Čekijos Respublikos (Bohemijos ir Moravijos) ir Slovakijos. Aptariama, kokiais būdais šiuose XV a. ir XVI a. tekstuose, priskiriamuose skirtingoms tekstų klasėms, adresatui perteikiama teksto koherencija ir jo tema. Šis pagrindinis klausimas analizuojamas pasitelkiant dvi strategijas: pagrindinių teksto objektų atpažinimą nustatant koreferencijos grandines bei izotopijos lygmenis išskiriant semantinius požymius. Tekstų temą galima klasifikuoti pagal šių pagrindinių teksto objektų ir izotopijos lygmenų kombinaciją. Straipsnyje pateikiamos rekomendacijos, kaip teksto gramatinę analizę galima pritaikyti dėstant kalbos istoriją. Įteikta 2014 m. gruodžio 15 d. ALBRECHT GREULE Universität Regensburg Institut für Germanistik, D-93040 Regensburg. [email protected] 44 Acta Linguistica Lithuanica LXXV