JŪRGEN UDOLPH
Zentrum für Namenforschung – Göttingen
Akademie der Wissenschaften zu Göttingen
ORCID iD: orcid.org/0000-0002-8475-7857
Wissenschaftliche Forschungsrichtungen: Historische Linguistik, Gewässernamen, Ortsnamen, Familiennamen.
DOI: doi.org/10.35321/all87-16
ORTSNAMEN ZWISCHEN RHEIN UND ELBE – ONOMASTIK IM EUROPÄISCHEN RAUM. EIN FORSCHUNGSPROJEKT DER GÖTTINGER AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN
Vietovardžiai tarp Reino ir Elbės – Onomastika Europos erdvėje.
Getingeno mokslų akademijos mokslo–tiriamasis projektas
ANNOTATION
The place names of the German federal states of Lower Saxony and Westphalia (part of the state of North Rhine-Westphalia) that were attested before 1600, including the names of deserted towns and villages, are critically examined on the basis of their historical evidence and linguistically examined according to their origin and interpretation etymologically, morphologically and typologically, with the volumes of the NOB (Niedersächsisches Ortsnamenbuch) to be an example. Once the work is completed, maps and summary papers will provide an evaluation of the question of origin, etymological connections and settlement history. The results will also be relevant for Scandinavia, England, Eastern Europe (including the Baltic States) and parts of Central Europe.
KEYWORDS: place names, names of deserted places, settlement history, Germanic peoples, Saxons.
326
Acta Linguistica Lithuanica LXXXVII
Ortsnamen zwischen Rhein und Elbe – Onomastik im Europäischen Raum. Ein Forschungsprojekt der Göttinger Akademie der Wissenschaften
VORGESCHICHTE
Die Vorgeschichte zu dem Projekt der Göttinger Akademie der Wissenschaften, von dem hier die Rede sein wird, hat ihren Anfang am 18.10.1990 in den Räumen des Sprachwissenschaftlichen Seminars der Universität Göttingen genommen. An diesem Tag fand die erste Stunde des Proseminars Ortsnamen als Geschichtsquelle mit dem Zusatz Die Ortsnamen des Kreises Wolfenbüttel unter der Leitung von Jürgen Udolph statt. An ihr nahmen einige Studierende teil, darunter auch schon Kirstin Casemir und Uwe Ohainski, die das Projekt nicht nur seitdem begleitet haben, sondern seit diesem Tag an ohne Unterbrechung in entscheidender Weise gefördert haben.
Der Plan bestand darin, mit dem Kreis Wolfenbüttel ein Projekt in Angriff zu nehmen, das den Ortsund Wüstungsnamen des Landes Niedersachsen gewidmet war. In anderen Bundesländern Deutschlands hatten schon zum Teil umfassende Untersuchungen an den Siedlungsnamen eingesetzt und waren auch schon zu wichtigen Ergebnissen gekommen. Für Niedersachsen fehlten entsprechende Studien fast ganz.
Das einmal begonnene Seminar wurde in den folgenden Jahren bis 2000 kontinuierlich fortgesetzt. Behandelt wurden die Ortsnamen der Kreise Wolfenbüttel, Göttingen, Osterode/Harz, Goslar, Northeim, Holzminden, Hildesheim, Hameln-Pyrmont, Hannover (einschließlich Stadt Hannover), Peine, Celle, Helmstedt, Gifhorn sowie der Städte Braunschweig und Hannover.
Die Veranstaltungen an der Universität Göttingen wurden allerdings 1999–2000 unterbrochen, weil J. Udolph einen Ruf auf die Professur für Onomastik der Universität Leipzig erhalten hatte und diesen nach einem Vertretungssemester 1999–2000 im Wintersemester angenommen hatte.
Die Arbeiten an den Ortsnamen Niedersachsens wurden allerdings nicht unterbrochen. Es war gelungen, Städte und Kreise in Niedersachsen für diese Untersuchungen zu interessieren und für finanzielle Unterstützung zu gewinnen. Vor allem Stadt und Kreis Hannover zeigten sich sehr interessiert, daher konnten seit etwa 1996–1997 die Untersuchungen der Ortsund Wüstungsnamen des Bereiches intensiviert werden und das Ergebnis der Arbeiten 1998 als erster Band eines Niedersächsischen Ortsnamenbuches (= NOB I) veröffentlicht werden. Zwei Jahre später folgten die Ortsnamen des Kreises Osterode (= NOB II).
Einige Jahre zuvor war die umfangreiche Untersuchung Namenkundliche Untersuchungen zum Germanenproblem von J. Udolph (1994) erschienen, in der eine Reihe von Grundwörtern und Suffixen germanischer Herkunft und deren Vorkommen in Ortsnamen des altgermanischen Siedlungsgebietes behandelt und auch mit Hilfe von Kartierungen näher bestimmt werden konnten. Dabei stellte sich heraus, dass die Länder Niedersachsen, Teile von Sachsen-Anhalt,
Įžvalgos / Insights
327
JÜRGEN UDOLPH
Thüringen, Hessen und Westfalen in besonderer Weise an den Verbreitungen Anteil haben. Es bestärkte die Autoren des NOB darin, die Arbeit an den Ortsnamen Nordund Mitteldeutschlands fortzusetzen.
In enger Verbindung mit diesen Überlegungen stand die 2003 als Dissertation entstandene Untersuchung von K. Casemir zu den Ortsnamen des Landkreises Wolfenbüttel und der Stadt Salzgitter (= NOB III), in der die Autorin in dankenswerter Weise auch archäologische und siedlungsgeschichtliche Aspekte mit den Ortsnamen verknüpft hatte. Auch ihre Magisterarbeit über die -büttel-Namen (Casemir 1997) war ein wichtiger Beitrag zur Untersuchung der Ortsnamen auch Niedersachsens.
Nach seinem Ruf nach Leipzig konnte J. Udolph in einem Gespräch mit dem Präsidenten der Göttinger Akademie diese davon überzeugen, dass ein Ortsnamenbuch für Niedersachsen eine wichtige und notwendige Aufgabe für die Akademie wäre. Um es kurz zu machen: nach längeren Diskussionen und Gesprächen innerhalb der Union der deutschen Akademien der Wissenschaften wurde das Projekt, erweitert um den Bereich Sachsen-Anhalt und Westfalen in das Akademienprogramm Deutschlands größtes geistesund sozialwissenschaftliches Forschungsprogramm, aufgenommen. Die Betreuung lag in den Händen der Göttinger Akademie der Wissenschaften, die Arbeitsstelle wurde an der Universität Münster eingerichtet und 2005 begannen die Untersuchungen.
DAS PROJEKT
Unter der Leitung von J. Udolph waren zunächst Hendrik Davids, Michael Flöer, Claudia Maria Korsmeier, Brigit Meineke und Jutta Schröder an dem Projekt tätig. Etwas später kamen dann K. Casemir als Arbeitsstellenleiterin und dann noch U. Ohainski, Josef Dolle und zeitweise auch Jens Kersting hinzu.
Anfangs war das Projekt auf 32 1/2 Jahre angelegt und umfasste die Untersuchung der Ortsnamen der Länder Niedersachsen (einschließlich Bremen und Bremerhaven), Westfalen und Sachsen-Anhalt. Aufgrund von internen Entscheidungen der Akademien wurde die Laufzeit auf 25 Jahre verkürzt, was uns zwang, Sachsen-Anhalt aufzugeben. Das haben wir sehr bedauert.
Eine detaillierte Beschreibung des Projekts, des Standes der Bearbeitung, seiner Ziele und weiterer damit zusammenhängender Aspekte müssen wir an dieser Stelle nicht geben. Man findet sie auf einer Internetseite der Göttinger Akademie der Wissenschaften unter https://adw-goe.de/forschung/forschungsprojekte-akademienprogramm/ortsnamen-zwischen-rhein-und-elbe/ und unter dem Link Ortsnamen.net.
328
Acta Linguistica Lithuanica LXXXVII
Ortsnamen zwischen Rhein und Elbe – Onomastik im Europäischen Raum. Ein Forschungsprojekt der Göttinger Akademie der Wissenschaften
Kurz umrissen kann man als Ziel des Projektes formulieren: Die vor 1600 bezeugten Ortsnamen des Untersuchungsgebiets einschließlich der Wüstungsnamen werden auf der Grundlage ihrer historischen Belege kritisch erschlossen und sprachwissenschaftlich nach Herkunft und Deutung etymologisch, morphologisch und typologisch untersucht, wobei die Bände des Niedersächsischen Ortsnamenbuches als Vorbild dienen. Nach Abschluss der Bearbeitung werden Kartierungen und zusammenfassende Abhandlungen eine Auswertung für die Frage nach der Herkunft, den etymologischen Verbindungen und der Siedlungsgeschichte bieten.
Den aktuellen Stand der Arbeiten geben zwei Karten wieder, die wir hier abdrucken:
KARTE 1: Westfälisches Ortsnamenbuch – Bearbeitungsstand Oktober 2022
Įžvalgos / Insights
329
JÜRGEN UDOLPH
KARTE 2: Niedersachsenisches Ortsnamenbuch – Bearbeitungsstand Oktober 2022
Dabei ist seit Beginn der Untersuchungen versucht worden, eine auch für interessierte Laien verständliche Darstellung zu bieten. Die Diskussion um den sogenannten „Elfenbeinturm“, in dem sich akademische Forschung angeblich bewegt, ist nicht zuletzt auch dadurch entstanden, dass in wissenschaftlichen Publikationen zum Teil eine Sprachform gepflegt wurde (und wird), die eine Distanz zur interessierten Öffentlichkeit entstehen ließ. Im Bereich der Indogermanistik ist durch Einführung der sogenannten „Laryngale“ und deren graphische Darstellung, die auch in die Ortsnamenforschung Eingang gefunden hat, eben diese Distanz in hohem Maße verstärkt worden. Es ist auch in diesem Fall unser Bestreben, diese Distanz bei der Behandlung der Ortsnamen abzubauen. Ortsnamen interessieren in hohem Maße auch die Öffentlichkeit, daher ist es notwendig, eine verständliche Sprache und Darstellung zu wählen.
Das Teilprojekt Westfälisches Ortsnamenbuch wird 2022 mit Band 20 abgeschlossen sein, während sich das auf 28 Bände geplante Niedersächsische Ortsnamenbuch noch in Bearbeitung befindet.
330
Acta Linguistica Lithuanica LXXXVII
Ortsnamen zwischen Rhein und Elbe – Onomastik im Europäischen Raum. Ein Forschungsprojekt der Göttinger Akademie der Wissenschaften
Eine Auflistung aller bisher erschienenen Bände geben wir an dieser Stelle nicht. Darüber informiert die Internetseite ortsnamen.net unter den Rubriken Niedersächsisches Ortsnamenbuch und Westfälisches Ortsnamenbuch, in denen auch Übersichtskarten der entsprechenden Bearbeitungsgebiete zu finden sind.
Die publizierten Bände sind zunächst im Buchhandel erhältlich, aber drei Jahre nach ihrem Erscheinen (Ablauf der Sperrfrist) sind sie auf res doctae – Dokumentenserver der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen verfügbar, wo auch eine Suchmaske den Fund von gewünschten Ortsnamen erleichtert (https://rep.adw-goe.de/).
GRUNDLAGEN, ZIELE UND ERSTE ERGEBNISSE DES PROJEKTES
1. Die Relevanz der Ortsnamenforschung liegt nicht nur in der Frage nach der Bedeutung eines einzelnen Namens. Zwar ist die Undurchsichtigkeit der geographischen Namen immer wieder Auslöser für die Frage: „Was bedeutet dieser Name eigentlich?“, aber daraus allein ergeben sich nur bruchstückhafte Einsichten in die Sprachoder Siedlungsgeschichte. Weiterreichende Erkenntnisse erschließen sich erst dann, wenn ein größeres Gebiet namenkundlich untersucht ist. Erst dann gelingt es, die ursprüngliche Bedeutung eines einzelnen Namens in ihren Grundzügen zu erfassen. Deshalb strebt eine zusammenfassende Auswertung onomastischer Forschung auch immer wieder und mit Recht nach einer kartographischen Erfassung des gesammelten Materials und der verschiedenen Ebenen, mit denen die Namen verzahnt sind.
2. Eine Untersuchung des Ortsnamenschatzes der Länder Westfalen, Niedersachsen, Bremen und auch Sachsen-Anhalt ist für die Vorund Frühgeschichte Europas deshalb von besonderer Bedeutung, weil bis zum Beginn dieses Projektes eine gravierende Forschungslücke bestand und gerade dieses bisher nicht untersuchte Territorium nicht nur mit den benachbarten deutschen Ländern wie dem Rheinland, Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Sachsen, Thüringen und Hessen in engstem Kontakt steht, sondern weil es nach Untersuchungen der letzten Jahre in auffallender Weise mit weiten Bereichen der Germania, ferner mit dem westslavischen Sprachgebiet und in seinen ältesten Spuren mit dem Baltikum und einem altslavischen Siedlungsgebiet in Südpolen und der Ukraine verbunden ist.
Įžvalgos / Insights
331
JÜRGEN UDOLPH
3. Im Einzelnen lassen sich nach den bisher erschienenen Bänden und anderen jüngeren Untersuchungen folgende Verbindungslinien ziehen, deren Bedeutung im einzelnen noch genauer zu untersuchen ist:
a) von Niedersachsen und Westfalen aus nach England, wobei Belgien, die Niederlande und Flandern Brücken bilden (erster Kartierungsversuch: Udolph 1994: 775 [Karte 55]). Dass es zwischen dem Ortsnamenbestand Nordund Westdeutschlands und dem Englands enge Verbindungen gibt, die alt sein müssen, ist schon sehr früh u.a. von H. Jellinghaus (1898, 1902) erkannt worden, auch E. Schröder (1933: 22) hatte bei dem Grundwort -horst auf Grund einer bei ihm angefertigten Untersuchung entsprechend geäußert: es sei ein „Siedlungswort, das einzig und allein den Sachsen eigen ist, das sie allein mit nach England nahmen und das auch in weit abgelegener Gegend erscheint“ (zur weiteren Aufarbeitung von -horst s. Udolph 1994: 776–796, vgl. auch Karte 3). Das gilt aber auch für andere Appellativa. So heißt es bei Hessmann 1985: 199: „Altenglische Elemente finden, insoweit sie nicht aus dem Britischen oder Skandinavischen übernommen wurden, fast immer ihre Entsprechung im Bereich des Altsächsischen“ (d.h. vor allem in Niedersachsen). Wir konnten das vor wenigen Jahren mit Hilfe einer etwas weiter gefassten Auflistung von Appellativen (Udolph 2006) stützen. Zuvor hatte er in mehreren Beiträgen einzelne Appellativa ausgewählt und anhand der davon abgeleiteten Ortsnamen die Wanderungen westgermanischer Stämme nach England nachzuzeichnen versucht (Udolph 1994: 765–830; 1995). Daraus stammt die folgende Karte 3, die germanisch horst, z.B. in mittelhochdeutsch hurst, auch hürste, althochdeutsch hurst, altsächsisch hurst ‘Gebüsch, Gestrüpp’, mittelniederdeutsch, mittelniederländisch hurst, horst, niederländisch horst, auch altenglisch hyrst, englisch hurst zumeist ‘Buschwald, Gebüsch, Gehölz, Gesträuch, Gestüpp, Niederholz’, ‘bewachsene kleine Erhöhung in Sumpf und Moor’ u.ä. enthalten.
Bei den Arbeiten an den Ortsnamen Westfalens und Niedersachsens ist uns ein weiteres Phänomen begegnet, das mit England zu tun hat, bisher aber nie bemerkt wurde: sie enthalten zum Teil Appellativa, die es nur im altenglischen bzw. englischen Wortschatz gibt. Die Konsequenz daraus ist erheblich: es bedeutet nämlich, dass das zugrundeliegende Wort, das nur noch im Englischen bewahrt ist, früher auch in den germanischen Mundarten Norddeutschlands lebendig gewesen ist.
Hier nur ein Beispiel. Im Englischen ist seit altenglischer Zeit gut bezeugt: grif(e), grāf, grove ‘Hain, Gehölz’, verwandt mit slav. grabъ, grabь ‘Hainbuche’ und anderen Wörtern. Damit sind verschiedene englische Ortsnamen gebildet, wie z.B. Grafton oder Grovehurst. Man findet dieses Wort nun auch in deutschen Ortsnamen wie Grastrup, Kr. Lippe, Grafhorst, Kr. Helmstedt, Grasdorf, Region Hannover und vielleicht auch in Greven, Kr. Steinfurt (dazu zuletzt WOB 13: 123f.).
332
Acta Linguistica Lithuanica LXXXVII
Ortsnamen zwischen Rhein und Elbe – Onomastik im Europäischen Raum. Ein Forschungsprojekt der Göttinger Akademie der Wissenschaften
KARTE 3 : horst/hurst in Ortsnamen
Von hieraus wird auch neues Licht auf alte und angeblich schon entschiedene Frage, von wo aus die westgermanischen Besiedler Englands gekommen sind, geworfen. Fast allgemein wird angenommen, dass diese aus Schleswig-Holstein und Dänemark gekommen sind, Bedas berühmte Sätze wirken bis heute nach: „Advenerunt autem de tribus Germaniae populis fortioribus, id est Saxonibus, Anglis, Jutis“ [Sachsen, Angeln, Jüten]“. Untersuchungen, die diese Behauptung mit Hilfe der Ortsnamen Schleswig-Holsteins bestätigen wollten (z.B. Laur 1964), erbrachten allerdings keine Ergebnisse. Daraus ist geschlossen worden, dass die Namenforschung für diese Fragestellung nicht konsultiert werden kann. Erste Anzeichen deuten aber darauf hin, dass diese Auffassungen für Niedersachsen offenbar nicht zutreffen. Nach Abschluss der Untersuchung wird man mit Sicherheit eine Antwort auf diese Frage erhalten: Ortsnamen sind für Wanderungsbewegungen die sichersten Zeugen, das zeigt sich bei Übertragungen in den deutschen Osten, von Europa nach Übersee, von den russischen Stammlanden nach Sibirien und anderswo.
Ähnliches gilt für die Heimat und Herkunft der Sachsen. Diese Fragen wurden bisher fast nur aus archäologischer und historischer Sicht behandelt. Neuere Untersuchungen zeigen, dass der angebliche Eintrag Saxones bei Ptolemaeus, der im allgemeinen auf Schleswig-Holstein bezogen wird, wahrscheinlich ein Lesefehler ist (Springer 2002; 2004: 27–29). Damit bricht ein wichtiger Stein aus der bisherigen Theorie heraus, Sachsen seien ursprünglich aus Schleswig-Holstein gekommen. Die Frage ist völlig offen. Bedenkt man,
Įžvalgos / Insights
333
JÜRGEN UDOLPH
dass die ersten sicheren Hinweise auf Sachsen aus onomastischer Sicht die englischen Grafschaften Essex, Middlesex, Sussex, Wessex usw. sind, kommt auch hier den Ortsnamen eine wichtiger Zeugniswert zu: Lässt sich anhand der Namenvergleiche zwischen englischen und kontinentalgermanischen Namen etwas zur Herkunft der Besiedler Englands sagen?
b) Durch die Bearbeitung der Ortsnamen Niedersachsens und Westfalens sind auch Verbindungen zum Wortund Namenschatz von Schleswig-Holstein, Dänemark und Skandinavien herausgearbeitet worden. Dazu zählen Ortsund Wüstungsnamen, denen Appellativa wie haugaz ‘Hügel, Grabhügel’, *hlaiwaz ‘(Grab)hügel’, klint ‘Anhöhe, Berg’, malm- (auch in got. malma ‘Sand’), wedel ‘seichte Stelle im Wasser, Furt’ u.a.m. zugrunde liegen. Etliche dieser Appellativa hat J. Udolph (1994: 830–918) behandelt. Aus dieser Sammlung hier nur eine Kartierung (Karte 4):
KARTE 4: wedel in Ortsnamen
c) Das Aufarbeiten der Ortsnamen des Untersuchungsgebiets hat auch Übereinstimmungen sowohl im Wortschatz wie im Ortsnamenbestand mit den baltischen und slavischen Siedlungsgebieten bzw. dem entsprechenden Wortund Namenbestand erbracht. Sie bestätigen schon früh geäußerte Vermutungen von W. P. Schmid, wonach im Baltischen ein Zentrum der Alteuropäischen
334
Acta Linguistica Lithuanica LXXXVII
Ortsnamen zwischen Rhein und Elbe – Onomastik im Europäischen Raum. Ein Forschungsprojekt der Göttinger Akademie der Wissenschaften
Hydronymie zu sehen ist (Schmid 1994: 175–192, auch 226–247), so dass Verbindungen von Norddeutschland zum Baltikum zu erwarten sind. In einem größeren Rahmen sind appellativische Entsprechungen zwischen dem Baltischen, Slavischen und Germanischen und ihr Niederschlag im Ortsnamenbestand zu sehen, wozu Udolph (1994: 16–50; 2005) zu vergleichen ist. Die Gedanken von W. P. Schmid sind u.a. von P. U. Dini und J. Udolph weiterentwickelt worden (Dini, Udolph 2005).
Besonders deutlich sind Verbindungen zum Baltischen im Ortsnamenbestand Norddeutschlands. Beispiele für diese Auffälligkeiten sind von Udolph (1999) und Casemir, Udolph (2006) aufgeführt worden. Die Arbeit an den Ortsnamen Niedersachsens und Westfalens wird weiteres Material zutage fördern. Dazu gehört als ein interessanter Fall der Ortsname Dransfeld bei Göttingen (ausführlich behandelt in NOB IV: 104–107), seit dem 10. Jh. bezeugt: 960 Threnesfelde, 1022 (Fälschung 1. Hälfte 12. Jh.) Dransuelt, Dransvelt, zum Jahr 1078 (Abschrift 12. Jh.) Thransfellensem usw. Für den mit dem Grundwort -feld gebildeten Namen ist eine Grundform *Thranas-/*Thranes-feld anzusetzen. Das BW ist als s-haltige Ableitung zu interpretieren und mit dem thrakischen Ortsnamen Tran upara, dem lettischen Flurnamen Trani, Tranaua und den litauischen Flussnamen Tranỹs, Tron is zu verbinden, die zu lit. trenkti ‘modern, faulen’, lett. trenēt (treñu oder trenu) ‘modern, verwittern’ gehören.
d) Das Untersuchungsgebiet ist auch der Ausgangsbereich für Ortsnamenübertragungen, die im Zuge der deutschen Ostsiedlung, die im 11. Jahrhunderts allmählich einsetzt. In jedem Band des Brandenburgischen Namenbuchs (Bd. 1–12, Weimar, später Stuttgart 1967–2005) findet man ein Kapitel über dieses Phänomen, zumeist als „Namenübertragung“ bezeichnet. Die Untersuchungen an den Ortsnamen Niedersachsens und Westfalens sind dabei wichtige Stützen für die Frage, ob wirklich eine Namenübertragung vorliegt, denn dazu ist eine genaue Kenntnis des Ortsnamens nötig, der übertragen worden sein soll. Entscheidend ist dabei, ob die historischen Belege dieses Namens zur Zeit der Namenübertragung zu den Belegen des Ortsnamens im Osten passen – gerade in diesem Punkt sind gelegentlich Korrekturen notwendig. Nur am Rand sei erwähnt, dass mit Hilfe genauerer Beobachtung der Ortsnamen auch sehr strittige Fragen, wie die, ob die weltweit bekannte Rattenfängersage als ein Reflex der deutschen Ostsiedlung betrachtet werden kann, einer Lösung näher gebracht werden können (Ansätze dazu bei Udolph 1997).
4. Die Untersuchung der Ortsnamen wird auch in anderen Bereichen zu neuen Erkenntnissen führen. Fast das gesamte Untersuchungsgebiet gehört
Įžvalgos / Insights
335
JÜRGEN UDOLPH
zum Bereich des Niederdeutschen. Mit einer Untersuchung der zahlreichen Ortsnamen wird der niederdeutschen Philologie neues und substantielles Material zugänglich gemacht. Das betrifft den Wortschatz, die Wortbildung, die Dialektologie und die Sprachgeschichte in ihrer Gesamtheit. Die schlechte Überlieferung des Altsächsischen kann durch die Gewinnung dieses Materials entschieden verbessert werden.
Anhand der Ortsnamen und ihrer Überlieferung lässt sich auch das Vordringen des Hochdeutschen auf niederdeutsches Gebiet mustergültig verfolgen. Ortsnamen als unbestechliche Zeugen der örtlichen Sprachen und Dialekte zeigen in ihrer Entwicklung gerade das Ablösen von Sprachen in einer bestimmten Region an und sind Indikatoren für Tendenzen eines Sprachwandels.
Die Untersuchung der Ortsnamen wird aber nicht nur die Kenntnisse des niederdeutschen Wortschatzes in erheblicher Weise fördern. Namen als der „Friedhof der Wörter“ bewahren alte Elemente bis auf den heutigen Tag, lassen alte Verbreitungen der Bezeichnungen deutlich werden und helfen in ganz entscheidender Weise bei der Etymologie nicht nur des Niederdeutschen, sondern aller germanischer Einzelsprachen, vor allem des Niederländischen, Friesischen, Englischen und letztlich auch des Hochdeutschen. Der heutige Wortschatz deckt sich in seiner Verbreitung keineswegs mit der ursprünglichen Streuung. Diese lässt sich allein unter Einbeziehung der Namen möglichst exakt umreißen.
5. Der östliche Bereich des Untersuchungsgebietes ist mit slavischen Ortsnamen durchmischt. Ortsnamen zeigen die vielfältigen Berührungen zwischen dem germanischen, altsächsischen und mittelniederdeutschem Element auf der einen Seite und dem slavischen Material auf der anderen Seite. Mischnamen, Wüstungsnamen, Eindeutschungen und ähnliches spiegeln den Siedlungsprozess wider. Moderne Siedlungsforschung verzichtet nicht mehr auf Ergebnisse der Onomastik. Die Ortsnamen lassen auch alte und ältere Siedlungsgebiete slavischer Stämme erkennen (Urheimatsfrage, Wanderungsbewegungen).
6. Eine große Rolle in der deutschen Namenforschung spielte und spielt immer noch die These von der Frankonisierung des deutschen Ortsnamenbestandes, die vor allem durch die Akzeptanz von A. Bach (Bach 1954: 157–174) weite Verbreitung fand. Das zeigt auch eine Monographie von C. Jochum-Godglück (1995). Nach dieser These sollen Ortsnamen in weiten Bereichen Deutschlands durch fränkischen Einfluss von einem durchorganisierten Zentrum aus vergeben worden sein, z.B. Nordhausen, Südheim, Westendorf, Ostfeld. Aus westfälischer, niedersächsischer und fränkischer Sicht hat diese These allerdings
336
Acta Linguistica Lithuanica LXXXVII
Ortsnamen zwischen Rhein und Elbe – Onomastik im Europäischen Raum. Ein Forschungsprojekt der Göttinger Akademie der Wissenschaften
kaum Zustimmung erfahren (s. Müller 1970: 244–270; Schuh 1980; Udolph 1998). Eine abschließende Klärung kann nur eine umfassende Durchmusterung des Ortsnamenmaterials des Untersuchungsgebiets bringen.
7. Ortsnamen sind wichtige Zeugen der Siedlungsgeschichte. Sie können für Fragen, die mit Heimat und Wanderungen von Sprachträgern und somit auch Völkern zusammenhängen, herangezogen werden. Es gibt und gab sogar Stimmen, die den Ortsnamen die alleinige Kompetenz für die Fragen nach ehemaligen und alten Siedlungsgebieten der Völker zuschreiben. Entsprechende Äußerungen finden sich schon bei Jacob Grimm, wenn man bei ihm liest: „Es gibt ein lebendigeres Zeugnis über die Völker, als Knochen, Waffen und Gräber, und das sind ihre Sprachen“ (Grimm 1845: 5), und an anderer Stelle: „Ohne die Eigennamen würde in ganzen frühen Jahrhunderten jede Quelle der deutschen Sprache versiegt sein, ja die ältesten Zeugnisse, die wir überhaupt für diese aufzuweisen haben, beruhen gerade in ihnen ... eben deshalb verbreitet ihre Ergründung Licht über die Sprache, Sitte und Geschichte unserer Vorfahren“ (Grimm 1871: 297).
Diese frühe Meinung deckt sich vollständig mit Äußerungen aus dem vorigen Jahrhundert, wenn wir bei Hans Krahe (1949: 9) lesen: „Ortsnamen sind bodenständig, sind raumgebunden ...und es ist eine Erfahrungstatsache, eine Regel, die fast einem Gesetz gleichkommt, dass die Ortsnamen – und zwar Ortsnamen im weitesten Sinne, also Flussund Bergbezeichnungen, Landschaftsund Siedlungsnamen – sich auch bei einem Wechsel der Bevölkerung vielfach mit größter Zähigkeit erhielten. Sie verschwinden bei einem solchen Wechsel nicht, sondern werden in den meisten Fällen von den neuen Herren eines Landes übernommen und von ihnen – wenn manchmal auch unverstanden – beibehalten und in die eigene Sprache eingegliedert. Darin lebten sie dann wie Fossilien weiter“. Und weiter meint H. Krahe: „Wo Ortsnamen einer bestimmten Sprache in größerer Zahl sich finden, da muss auch die betreffende Sprache selbst gesprochen worden sein, da müssen Angehörige des diese Sprache sprechenden Volkes gelebt haben“ (Krahe 1949: 9f.).
Das ist ein wichtiger Grund, sich den Ortsnamen eines Gebietes zuzuwenden und sie möglichst in ihrer Gesamtheit zu untersuchen.
8. Verbunden mit einer Untersuchung der Ortsnamen eines größeren Landstrichs, das – soweit bekannt – fast vollständig von Sprechern germanischer Dialekte, hier vor allem des Niederdeutschen, besiedelt war und ist (friesische, hochdeutsche und slavische Spuren in den Ortsnamen sollte man dabei berücksichtigen), ist fast automatisch die Frage, inwiefern dieses Gebiet zu den ältesten Wohnsitzen der Germanen gezählt werden kann.
Įžvalgos / Insights
337
JÜRGEN UDOLPH
Auch in Geschichtsbüchern heutiger Zeit wird angenommen, dass dieses Gebiet höchstens am Rand daran Anteil gehabt haben kann, zumeist werden immer noch Skandinavien, Dänemark und Schleswig-Holstein als Heimat germanischer Stämme genannt, wenn man auch in letzter Zeit etwas zurückhaltender mit einer genaueren Bestimmung geworden ist.
Die lange vertretene These, wonach es eine germanische Zuwanderung vom skandinavischen Norden in den deutschen Süden gegeben haben soll, beruht im wesentlichen (wenn auch heute kaum noch erkannt) auf archäologischen Aussagen der 30er Jahre des 20. Jhs. (Gustaf Kossinna), die in einer Vermischung mit nationalsozialistischem Gedankengut zu der Behauptung einer „nordischen“ Heimat der Germanen führte (vgl. dazu etwa Brylla 2009).
Es muss die einfache Frage gestellt werden, ob diese These im Lichte der Ortsnamen Bestand hat. Damit zusammen hängen Fragen nach eventuellen Substraten, nach der sogenannten „Urheimat“, nach vorgeschichtlichen Wanderungen und engere Verwandtschaftsbeziehungen des Germanischen.
Aufgrund der unter Punkt 4. genannten Beobachtungen muss man aber annehmen, dass gerade die Untersuchung geographischer Namen eines größeren geographischen Raumes näheren Aufschluss darüber bringen kann, ob dieses Gebiet von den Sprechern einer bestimmten Sprache früher oder später diesen erreicht hat oder, anders ausgedrückt, ob man mit einer längeren Siedlungsperiode rechnen kann oder nicht.
Mit der geplanten Bearbeitung von einigen Zehntausend Ortsund Wüstungsnamen wird man mit hoher Wahrscheinlichkeit zu näheren und vor allem auch sicheren Auskünften zu der Frage der Siedlungsabfolge kommen können oder sogar müssen; konkret gefragt: sprechen die Namen für eine Zuwanderung von germanischen Stämmen aus anderer Richtung in das Untersuchungsgebiet oder ist von kontinuierlicher Siedlung seit Herauslösung von einer indogermanischen Vorstufe auszugehen.
9. Ein weiterer wichtiger Aspekt kann und wird durch die Aufarbeitung der Ortsnamen des Untersuchungsgebiets einer Klärung näher geführt werden können: nicht zuletzt durch die Aufdeckung der „Alteuropäischen Hydronymie“ durch H. Krahe und W.P. Schmid, einem Netz von voreinzelsprachlichen Gewässernamen, das weite Teile Europas umspannt, ist klar geworden, dass sich das Germanische erst allmählich aus einem vorgermanischen, aber indogermanischen Sprachund Namenbestand entwickelt hat. Das gilt nicht nur für das Germanische, sondern auch für alle anderen indogermanischen Einzelsprachen.
Damit zusammen hängt die Frage, ob sich diese Ablösung – für das Germanische gesprochen – nicht mit Hilfe der Ortsnamen nachzeichnen lässt.
338
Acta Linguistica Lithuanica LXXXVII
Ortsnamen zwischen Rhein und Elbe – Onomastik im Europäischen Raum. Ein Forschungsprojekt der Göttinger Akademie der Wissenschaften
Ist nicht damit zu rechnen, dass es Ortsund vor allem auch Gewässernamen gibt, die einer Art „Zwischenstadium“ zugerechnet werden können? Anders ausgedrückt: enthalten diese Namen eine indogermanische Grundlage, aber zugleich auch schon einzelsprachliche, in unserem Fall germanische Eigentümlichkeiten? Wenn es diese gibt, dürfte es sich zum Teil um Ortsnamen handeln, die auch auf Gewässernamen beruhen und daher zur weiteren Aufarbeitung der alteuropäischen Hydronymie beitragen können.
ABSCHLUSS UND ERGEBNISSE DES PROJEKTES
Es ist geplant, nach Abschluss der ca. 50 Ortsnamenbücher eine zusammenfassende Auswertung der Ergebnisse vorzulegen. Dabei werden auch anhand von Kartierungen, denen wir einen besonderen Wert beimessen, Fragen nach der Herkunft der Ortsnamen, den etymologischen Verbindungen und der Siedlungsgeschichte behandelt werden, zumal die
Onomastik eine Disziplin ist, die in vielfältiger Weise mit anderen Wissenschaftszweigen verknüpft ist. Ihre Ergebnisse werden u.a. aufgegriffen und weiterverwertet u.a. in folgenden Wissenschaftsbereichen:
• Historische Geographie und Siedlungsgeschichte
• Siedlungsarchäologie
• Stammesund Volksgeschichte
• Sprachund Kulturgeschichte
• Historische Volkskunde
• Rechts-, Sozialund Wirtschaftsgeschichte
• Agrarund Stadtgeschichte
• Verfassungs-, Herrschaftsund Territorialgeschichte
• Kirchengeschichte
• Personengeschichte.
Es wird dabei auch notwendig sein, die gelegentlich immer noch akzeptierte Vorstellung eines sogenannten „Nordwest-Blocks“ (H. Kuhn), der sich fast vollständig mit dem Untersuchungsgebiet deckt, einer sorgfältigen Prüfung zu unterziehen. Eine der Hauptthesen ist ja dabei die, dass Ortsnamen dieses Bereichs keine Spuren der ersten oder germanischen Lautverschiebung zeigen und germanische Siedler daher diesen Raum erst nach Abschluss dieser Veränderungen erreicht haben. In den bisherigen Bänden haben wir keine sichere Spuren für diese These finden können.
İžvalgos / Insights
339
JÜRGEN UDOLPH
In diesem Zusammenhang wird die bekannte enge sprachliche Verwandtschaft zwischen dem Friesischen und dem Englischen als eine feste Größe (engl. church ~ fries. tsiritse u.ä.) eventuell auch eine Rolle spielen. Es ist zu prüfen, wie sich diese Gemeinsamkeiten aus onomastischer Sicht entwickelt haben. Nach Hans Kuhn ist es auch möglich, dass sich Übereinstimmungen auch über See hinweg ausdehnen können. Ortsnamen sind hier als wichtige Zeugen zu befragen.
Das gilt auch für die in letzter Zeit wieder stark zunehmende Tendenz, Gewässernamen Deutschlands aus dem Keltischen zu erklären. Dieser Weg wird gern dann beschritten, wenn ein Name nur schwer zu erklären ist. Bei unverständlichen und schwierigen Namen ist man neuerdings wieder sehr schnell zur Hand mit „keltischen Relikten“. Auch hier wird man am Ende des Vorhabens gesicherte Aussagen erhalten.
Damit kombinieren kann man die in letzter Zeit zunehmende Erkenntnis, dass nicht das Keltische, sondern vielmehr das Baltische und Slavische bei der Erklärung strittiger alter Namen in der Germania helfen können. Wie oben schon angesprochen wurde, lassen sich in Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen hochaltertümliche Ortsnamen z.T. nur mit Hilfe des Baltischen und Slavischen erklären. Sie dokumentieren enge Verbindungen mit dem östlichen Europa und zeigen, dass die angeblichen „fremden osteuropäischen Sprachen“ enge Verwandte des Germanischen sind.
Ganz zum Schluss sei auf einen Aspekt verwiesen, den man bei einer Bearbeitung von Ortsnamen vielleicht nicht unbedingt vor Augen hat: Die auch durch das Internet neu und entschieden belebte Familienforschung und Genealogie ist auf gründliche und sorgfältige Ortsnamenforschung angewiesen. Bei Herkunftsnamen hängt die Frage, welcher Ort der Ausgang eines Familiennamens ist, von einer exakten Untersuchung der historischen Belege ab. Diese Fragestellung berührt auch außereuropäische Forschungen, so etwa die Genealogie in den U.S.A., Kanada oder Australien. Zahlreiche Anfragen aus Übersee können zur Zeit nur zögernd beantwortet werden, weil entscheidende Gebiete der Auswandernden, so etwa Westfalen und Niedersachsen, toponymisch noch nicht untersucht worden sind.
Wie schon angesprochen wurde, sollte am Schluss der Untersuchung eine zusammenfassende Auswertung der Siedlungsgeschichte der drei Länder Westfalen, Bremen und Niedersachsen im Lichte der Namen angestrebt und auch möglich sein. Dadurch wird auch die in den letzten Jahrzehnten intensivierte genetische Siedlungsforschung berührt und ihr die sich aus den Namen ergebenden Konsequenzen entschieden näher gebracht.
340
Acta Linguistica Lithuanica LXXXVII
Ortsnamen zwischen Rhein und Elbe – Onomastik im Europäischen Raum. Ein Forschungsprojekt der Göttinger Akademie der Wissenschaften
LITERATUR
Bach Adolf 1954: Die deutschen Ortsnamen, Bd. 2, Heidelberg: Carl Winter Universitätsverlag.
Brylla Charlotte 2009: Der semantische Kampf um den Begriff des Nordens in Schweden zur Zeit des Nationalsozialismus. – Facetten des Nordens. Räume – Konstruktionen – Identitäten, Berliner Beiträge zur Skandinavistik, Bd. 17, hrsg. von J. Hecker-Stampehl, H. Kliemann-Geisinger, Berlin: Nordeuropa-Institut.
Casemir Kirstin 1997: Die Ortsnamen auf –büttel. (Namenkundliche Informationen Beiheft 19), Leipziger Universitätsverlag.
Casemir Kirstin, Udolph Jürgen 2006: Die Bedeutung des Baltischen für die niedersächsische Ortsnamenforschung. – Baltų onomastikos tyrimai – Aleksandru i Vanagui atminti, sud. L. Bilkis, A. Ragauskaitė, D. Sinkevičiūtė, Vilnius: Lietuvių kalbos institutas, 114–136.
Dini Pietru U., Udolph Jürgen 2005: Slawisch-Baltisch-Germanische Sprachbeziehungen. – Reallexikon der Germanischen Altertumskunde 29, 59–78.
Grimm Jacob 1845: Geschichte der deutschen Sprache, Leipzig: S. Hirzel.
Grimm Jacob 1871: Kleinere Schriften, Bd. 5, Berlin: Dümmler.
Hessmann Pierre 1984: Bedeutung und Verbreitung einiger nordwestdeutscher Sumpfbezeichnungen. – Gießener Flurnamen-Kolloquium, hrsg. von R. Schützeichel, Heidelberg: Winter, 190–200.
Jellinghaus Hermann 1898: Englische und niederdeutsche Ortsnamen. – Anglia 20, 257–334.
Jellinghaus Hermann 1902: Bestimmungswörter westsächsischer und englischer Ortsnamen. – Jahrbuch des Vereins für niederdeutsche Sprachforschung 28, 31–52.
Krahe Hans 1949: Ortsnamen als Geschichtsquelle, Heidelberg: Quelle & Meyer.
Laur Wolfgang 1964: Namenübertragungen im Zuge der angelsächsischen Wanderungen. – Beiträge zur Namenforschung 15, 287–297.
Müller Gunter 1970: Das Problem der fränkischen Einflüsse auf die westfälische Toponymie. – Frühmittelalterliche Studien 4, 244–270.
NOB – Niedersächsisches Ortsnamenbuch, hrsg. von K. Casemir, J. Udolph, Bd. 1ff. Bielefeld 1998ff.
NOB I – Ohainski Uwe, Udolph Jürgen 1998: Die Ortsnamen des Landkreises und der Stadt Hannover, Bielefeld: Verlag für Regionalgeschichte.
Įžvalgos / Insights
341
JÜRGEN UDOLPH
NOB II – Ohainski Uwe, Udolph Jürgen 2000: Die Ortsnamen des Landkreises Osterode, Bielefeld: Verlag für Regionalgeschichte.
NOB III – Casemir Kirsten 2003: Die Ortsnamen des Landkreises Wolfenbüttel und der Stadt Salzgitter, Bielefeld: Verlag für Regionalgeschichte.
NOB IV – Casemir Kirsten, Ohainski Uwe, Udolph Jürgen 2003: Die Ortsnamen des Landkreises Göttingen, Bielefeld: Verlag für Regionalgeschichte.
Schmid P. Wolfgang 1994: Linguisticae Scientiae Collectanea, hrsg. von J. Becker, Berlin, New York: de Gruyter.
Schröder Edward 1993: Sachsen und Cherusker. – Niedersächsisches Jahrbuch für Landesgeschichte 10, 5–28.
Schuh Robert 1980: -heim-Namen in Ostfranken. Ausdruck fränkischer Herrschaft? – Ortsnamen als Ausdruck von Kultur und Herrschaft. Erlanger Ortsnamenkolloquium, hrsg. von R. Schützeichel, Heidelberg: Winter, 33–47.
Springer Matthias 2002: Saxones und Saxonia im Altertum und Frühmittelalter. – Namenkundliche Informationen 81/82, 155–177.
Springer Matthias 2004: Die Sachsen, Stuttgart: Kohlhammer.
Udolph Jürgen 1994: Namenkundliche Studien zum Germanenproblem, Berlin: de Gruyter.
Udolph Jürgen 1995: Die Landnahme Englands durch germanische Stämme im Lichte der Ortsnamen. – Nordwestgermanisch (Reallexikon der Germanischen Altertumskunde, Ergänzungsband 13), Berlin, New York: de Gruyter, 223–270.
Udolph Jürgen 1997: Zogen die Hamelner Aussiedler nach Mähren? Die Rattenfängersage aus namenkundlicher Sicht. – Niedersächsisches Jahrbuch für Landesgeschichte 69, 125–183.
Udolph Jürgen 1998: Fränkische Ortsnamen in Niedersachsen? – Festgabe für Dieter Neitzert zum 65. Geburtstag, hrsg. von P. Aufgebauer, U. Ohainski, E. Schubert (Göttinger Forschungen zur Landesgeschichte, Bd. 1), Bielefeld: Verlag für Regionalgeschichte, 1–70.
Udolph Jürgen 1999: Baltisches in Niedersachsen? – Florilegium Linguisticum. Festschrift für Wolfgang P. Schmid zum 70. Geburtstag, hrsg. von E. Eggers, J. Becker, J. Udolph, D. Weber, Frankfurt, Main: Peter Lang, 493–508.
Udolph Jürgen 2005: Slavisch-Baltisch-Germanische Übereinstimmungen in Toponymie und Hydronymie. – Reallexikon der Germanischen Altertumskunde 29, 64–67.
342
Acta Linguistica Lithuanica LXXXVII
Ortsnamen zwischen Rhein und Elbe – Onomastik im Europäischen Raum. Ein Forschungsprojekt der Göttinger Akademie der Wissenschaften
Udolph Jürgen 2006: England und der Kontinent: Ortsnamenparallelen (Ein Situationsbericht). – Language and Text. Current Perspectives on English and Germanic Historical Linguistics and Philology, Heidelberg: Winter, 317–343.
WOB – Westfälisches Ortsnamenbuch, hrsg. von K. Casemir, J. Udolph, Bd. 1ff, Bielefeld: Verlag für Regionalgeschichte, 2009ff.
WOB 13 – Korsmeier Claudia Maria 2009: Die Ortsnamen des Landkreises und der Stadt Hannover, Bielefeld: Verlag für Regionalgeschichte.
Vietovardžiai tarp Reino ir Elbės – Onomastika Europos erdvėje. Getingeno mokslų akademijos mokslo–tiriamasis projektas
S A N T R A U K A
Remiantis istoriniais duomenimis, straipsnyje kritiškai analizuojami Vokietijos Žemutinės Saksonijos ir Vestfalijos žemių (Šiaurės Reino-Vestfalijos žemės dalies) vietovardžiai, paliudyti iki 1600 metų, įskaitant apleistų miestų ir kaimų vardus. Tyrime taip pat atlikta šių vietovardžių lingvistinė analizė atsižvelgiant į jų kilmę ir etimologinę, morfologinę ir tipologinę interpretaciją, naudojant kaip pavyzdį Žemutinės Saksonijos vietovardžių knygą. Atlikus tyrimą, žemėlapiuose ir tyrimo apibendrinimuose įvertinamas kilmės klausimas, etimologinės sąsajos ir vietovių apgyvendinimo istorija.
Tyrimo rezultatai bus naudingi Skandinavijos, Anglijos, Rytų Europos (įskaitant Baltijos šalis) ir tam tikrų Centrinės Europos regionų tyrimams.
Įteikta 2022 m. rugpjūčio 21 d.
JŪRGEN UDOLPH
Zentrum für Namenforschung – Göttingen / Rosdorf,
Steinbreite 9, D–37124 Rosdorf bei Göttingen
Akademie der Wissenschaften zu Göttingen
Arbeitsstelle Ortsnamen zwischen Rhein
und Elbe – Onomastik im europäischen Raum
Robert-Koch-Str. 29, D–48149 Münster
[email protected]
Įžvalgos / Insights
343