ALEXANDER I. ILIADI
Die staatliche Institution „Südukrainische Nationale Pädagogische Universität namens K. D. Uschinski“
ORCID-ID: orcid.org/0000-0001-5078-8316
Forschungsgebiete: Etymologie, vergleichend-historische Linguistik, allgemeine und typologische Linguistik.
DOI: doi.org/10.35321/all87-02
SLAVO-IRANICA: KOMPOSITA MIT SLAV. *MYSL-: IRAN. *MANA-, *MAZDA- (VOR BALTISCHEM HINTERGRUND)
Kontakte der slawischen und iranischen Sprachen: Komposita mit slav. *mysl-: iran. *mana-, *mazda– (im Kontext der baltischen Sprachen)
ANNOTATION
Die Untersuchung enthält die Ergebnisse einer vergleichend-historischen Analyse iranischer, slawischer und baltischer lexikalischer und syntaktischer Einheiten mit Reflexen der indoeuropäischen Wurzel *men– „denken“, „Gedanke“. Die Bildung von Komposita und formelhaften Ausdrücken (stabilen syntaktischen Verbindungen, die ideologische Semantik ausdrücken) mit dem genannten Etymon zeigt einen strukturell-semantischen Parallelismus in drei Sprachkulturen. Dieser Parallelismus zeigt sich in der vollständigen genetischen Identität der etymologischen Zusammensetzung (abgesehen vom Formans) der verglichenen Einheiten sowie in den gemeinsamen Organisationsstandards ihrer kulturellen Semantik, die Folgendes widerspiegeln: 1) den Dualismus im Kern der Religion und der moralischen Beziehungen innerhalb antiker Gesellschaften (im Iranischen und Slawischen); 2) religiös unmarkierte kulturelle Konzepte (im Slawischen und Baltischen). Es werden Schlussfolgerungen zu den Ursachen der strukturellen und etymologischen Verwandtschaft beziehungsweise der semantischen und typologischen Ähnlichkeit der verglichenen Daten gezogen.
SCHLÜSSELWÖRTER: Etymologie, Derivat, Anthroponym, areal, Semantik.
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Slavo-Iranica: Compound Words with Slav. *mysl-: Iran. *mana-, *mazda- (against Baltic Background)
ANOTACIJA
Der Beitrag präsentiert die Ergebnisse der vergleichend-historischen Analyse iranischer, slawischer und baltischer lexikalischer und syntaktischer Einheiten mit Reflexen der indoeuropäischen Wurzel *men- „denken“, „Gedanke“. Die Bildung von Komposita und festen Verbindungen (stabilen syntaktischen Verbindungen mit ideologischer Bedeutung) mit dem genannten Etymon offenbart einen strukturell-semantischen Parallelismus dreier Sprachkulturen. Dieser Parallelismus äußert sich in der vollständigen genetischen Identität der etymologischen Struktur (mit Ausnahme des Formans) der verglichenen Einheiten sowie in gemeinsamen Standards der Organisation ihrer kulturellen Semantik und legt offen: 1) den religiösen Dualismus und die in den alten iranischen und slawischen Gesellschaften entstandenen moralischen Beziehungen; 2) religiös unmarkierte kulturelle Begriffe (im Slawischen und Baltischen). Es werden Schlussfolgerungen zu den Ursachen der strukturellen und etymologischen Verwandtschaft der verglichenen Daten beziehungsweise ihrer semantischen und typologischen Ähnlichkeit vorgelegt.
SCHLÜSSELWÖRTER: Etymologie, Kompositum, Personenname, areal, Semantik.
1. EINLEITUNG
Das Wortnest mit dem Etymon *men- „Gedanke“ (aus idg. *men- „denken“) ist in der Fachliteratur zur indoeuropäischen Etymologie recht gut beschrieben. Dies betrifft sowohl die Analyse der Morphologie und Semantik seiner historisch bezeugten Derivate in den Sprachen verschiedener Epochen als auch die Gesamtheit rekonstruierter Archetypen, die für die ursprachliche Zeit mit unterschiedlicher chronologischer Tiefe angenommen werden: urindoeuropäisch → urslawisch, uriranisch, urgermanisch usw. Dennoch bleiben stets Einzelheiten, die aus unterschiedlichen Gründen außerhalb des wissenschaftlichen Analyserahmens liegen und von den Forschern nicht die gebührende Aufmerksamkeit erhalten. In manchen Fällen wird ein Detail eben als Detail aufgefasst, das am bereits durchdachten Untersuchungsverfahren und an der Darstellung des Materials grundsätzlich nichts ändert; deshalb wird es als Faktor umgangen, der von den gesetzten Zielen ablenkt. Die Bedeutung von Details wird im Zuge ihrer Anhäufung bewusst, wenn sich in ihrer Gesamtheit eine bestimmte Gesetzmäßigkeit erkennen lässt, die Merkmale eines eigenständigen wissenschaftlichen Problems sichtbar macht. Insbesondere zeigt die genaue Beachtung der semantischen Nuancen der Derivate von *men-, ihres Kontextes in schriftlichen Denkmälern und archaischer Ausdrücke, die in der modernen Phraseologie bewahrt sind, dass die Lexik mit dieser Wurzel ausschließlich zur „hohen Sprache“ gehört – zur Sprache der Dichtung, des Rituals und des Rechts (ihr Übergang in den Wortschatz der alltäglichen Umgangssprache ist in einzelnen Sprachen das Ergebnis einer späteren Profanisierung); vgl. russ. святая мысль, pol. święta myśl neben av. spəṇtā mainyu vahistāčā manaŋhā hačā ašāt (Bartholomae 1904: 1136) mit der Formel spəṇtā mainyu „heiliger Geist“, „heilige
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Gedanke“ (mainyav̄- „Geist, Seele“, „Geist als Herd des Denkens und Wollens“), etymologisch identisch mit dem slawischen Epitheton. Dies ist durchaus zu erwarten, denn es handelt sich um die Lexik der mentalen Sphäre, die organisch in die Texte des poetischen Epos, der Gebete, Hymnen, Eide und Rechtsvorschriften eingeflochten ist und deren poetische Formeln häufig Einheiten mit der genannten Wurzel als „Baumaterial“ verwenden. Zum Vergleich: In der Geschäfts- und Wirtschaftsdokumentation der alt- und mitteliranischen Epochen ist dieses Wortnest durch eine relativ geringe Zahl von Einheiten mit engem semantischem Spektrum vertreten; dagegen sind sie in Texten religiösen und poetischen Inhalts weit verbreitet. Daher muss die Beschreibung des genannten lexikalischen Wortnests aus der Perspektive der Sprachstratifikation der ältesten Epoche erfolgen, im Rahmen der Untersuchung funktionaler Sprachvarietäten, die das soziale Leben der indoeuropäischen Gesellschaften bedienten. Somit ist die von den Klassikern der vergleichend-historischen Sprachwissenschaft (Antoine Meillet, Giacomo Devoto, Rüdiger Schmitt, Émile Benveniste, Agnija Wassiljewna Desnizkaja u. a.) aufgestellte und teilweise ausgearbeitete Idee der Aussonderung einer besonderen, mit den Bereichen Dichtung, Religion und Recht verbundenen Schicht im urindoeuropäischen Wortschatz sowie von Schichten im System der Ursprache, die versuchsweise als „umgangssprachlich“ („volkstümlich“, „vulgär“) und „edel“ („poetisch“, „sakral“) charakterisiert werden, weiterhin aktuell; vgl. (Десницкая 1970: 13–14 mit Literatur).
2. FORSCHUNGSMETHODIK
Unter Berücksichtigung der modernen Faktenlage ist dieser Gedanke auch auf die Untersuchung analoger Objekte sowohl in einer einzelnen Sprache als auch in einer Gruppe verwandter Sprachen anwendbar, die in der frühen Phase ihrer Geschichte enge Kontakte unterhielten, was sich auf die Herausbildung ihrer religiös-ethischen und rechtlichen Terminologie auswirkte. Die Lexik der geistigen Sphäre, die im literarischen und dialektalen Wortschatz dieser Sprachen der modernen Epoche weitgehend bewahrt ist, erlaubt es, über die eigenständige Entwicklung der Reflexe des idg. *tepihrer zu urteilen und unter ihnen Spuren des Einflusses einer anderen Kultur herauszuarbeiten, die sich in der ideologischen Semantik der Termini und in der Bildung von Komposita nach semantischen Mustern manifestieren, die im Rahmen eines anderen Bedeutungssystems herausgebildet wurden. In dieser Hinsicht ist die Erinnerung an die sprachlichen Kontakte der alten Iraner und Slawen, die in der Lexik und Phraseologie ihrer Sprachen widergespiegelt ist, besonders aussagekräftig. Reichhaltigen Stoff zum Nachdenken und für Schlussfolgerungen liefert unter anderem die Klasse der Kompositanthroponyme mit den Stämmen slav. *bogь: iran. *baga- (die Vorstellung eines Spenders von Gaben, eines Anteils am gemeinsamen Wohlergehen); slav. *mirь: iran. *miθra- (die Vorstellung
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Vertrag, Eintracht, Bündnis, Gemeinschaft, Frieden); slav. *slavъ: iran. *šrava- (Idee des Gehorsams und des Ruhms); slav. *sъvętъ: iran. *śuanta- (Idee des Überflusses, des Wachstums und der Heiligkeit) und natürlich slav. *myslъ, *-myslъ: iran. *mana-, *mania-, *maniu-, *mata-, *mati-, *mazda- (Idee der geistigen Kraft, des Verstandes, des Gedankens, des Geistes), da das durch sie gebildete System einen wesentlichen (quantitativ und qualitativ) Abschnitt der poetischen Sprache oder des Überdialekts darstellt, der stark von der slawisch-iranischen kulturellen Interaktion betroffen ist. Ein relativ vollständiges Bild ihres Ergebnisses lässt sich nur durch einen systematischen Vergleich des Korpus der Anthroponyme (und anderer nominaler Komposita) im Iranischen und Slawischen gewinnen; dies wurde bereits in den klassischen Arbeiten von V. N. Toporov zu den mir- und sъvęt-Namen (Топоров 1995; 2006) sowie in den etymologischen Wörterbüchern der slawischen (ЭССЯ) und iranischen (ЭСИЯ) Sprachen geleistet. Die Beschreibung der etymologischen Parallelen und typologischen Analogien innerhalb des idg. Wortnests *men- bleibt etwas zurück; daher schließt jede Verallgemeinerung der lexikalischen Daten beider Sprachgruppen, die zu einem System von Entsprechungen führen kann, Lücken in unseren Vorstellungen davon, wie sich gemeinsame Vorstellungen der alten Iraner und Slawen vom Sakralen und vom Sittlichen herausbildeten und wie sie sich in gemeinsamen Prinzipien der Namengebung widerspiegelten.
Wir greifen etwas vor und stellen fest, dass1 als Hintergrund, vor dem sich die Ergebnisse des Vergleichs der iranischen und slawischen composita mit dem Etymon *men- abheben, die der iranischen und slawischen homogene baltische Anthroponymie mit dem Stamm man(t)- erscheint (aufgrund der Varianten man-: mant-man-: mant-, siehe hierzu bereits Skardžius 1960: 146), die mit lit. manýti ‘auf etwas achten’, ‘denken, überlegen’, ‘überzeugt sein’, ‘verstehen’, ‘(er)kennen’, manìs ‘gedächtnisstark’, ‘aufgeweckt’, mantùs ‘vernünftig’, ‘aufgeweckt’ und ‘gewandt’, ‘flink’, ‘schön’, ‘elegant’ sowie ferner mit menì, mintì ‘sich erinnern’, menta ‘Geist, Seele’, ‘Verstand’ verbunden ist (Fraenkel 1962: 408; Топоров 1963: 7–13; Vanagas, ed., 1989: 151–153; Smoczyński 2019: 959). Die etymologische Identität von balt. *man(t)-: *myslъ, *-myslъ: *mana-, *mania-, *maniu-, *mata-, *mati-, *mazda wurde von V. N. Toporov in mehreren Untersuchungen überzeugend begründet (Топоров 1963: 7–13; 1995: 450–453), von O. N. Trubačëv unterstützt (Трубачев 2003: 402–405) und im ESSJ (im Folgenden – ESSJ; ESSJ XXI: 50) verankert; daher besteht kein Anlass, hier eigens darauf einzugehen. Siehe ferner (Расторгуева, Эдельман 2015: 178). Es besteht jedoch Bedarf an einer vergleichenden Analyse der slawischen, iranischen und baltischen zweigliedrigen Anthroponyme mit den genannten Komponenten, um gemeinsame Gesetzmäßigkeiten ihrer Kombinatorik als Zeugnisse alter Kontakte der betreffenden Ethnien herauszuarbeiten; daraus könnten gemeinsame Elemente ihrer geistigen Kultur hervorgegangen sein, darunter in der Ideologie der Namengebung. In
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In diesem Sinne entwickelt die vorliegende Arbeit die in der etymologischen Literatur bereits vor langer Zeit formulierte Idee der Sprachbeziehungen zwischen den Völkern des Waldes und der Steppe weiter, die auf der Summe iranisch-slawischer und baltisch-iranischer lexikalischer Berührungen beruht.
Hier erscheint es angebracht, eine Reihe von Beispielen zu betrachten, in denen man einerseits bei den alten Iranern und Slawen, andererseits bei Slawen und Balten Spuren einer gemeinsamen Entwicklung vermuten kann. Die vorgeschlagenen Vergleiche zeigen Kompositumnamen und formelhafte Verbindungen mit homogener Zusammensetzung (in den Komposita sind beide Teile oder einer von ihnen genetisch identisch *myslъ: *manah: *man(t)-) und einem identischen semantischen Umriss, der eine ähnliche Bedeutungsorganisation als möglichen Hinweis auf ein gemeinsames Muster erkennen lässt.
3. ETYMOLOGISCHE UND SEMANTISCHE IDENTITÄTEN
3.1. Slavica & Iranica
Urs law. *Bogomyslъ, *Božemyslъ: iran. *Baga-mania- (?)
Alt-tschech. Jan Bohomysl, 1825 (Michl 1839: 255), sorb. Bademäusel = Božemysle – ein Ortsname (Miklosich 1927: 132). Ein wahrscheinliches altiranisches Gegenstück ist Va-ku-man-ya = *Baga-manya-, wenn die zweite Komponente tatsächlich als *manya- und nicht als *vahya(h)- zu lesen ist (Mayrhofer 1973: 139, 321, 322: *Bagamanya- (?) oder *Bagāvanya- (??)). Also: „[Derjenige mit] göttlichem Geist“, „[Derjenige mit] dem Gott (Baga) in Gedanken, in der Seele“?
Urs law. *Vol’emyslъ: westiran. *vahīia mainiiuš
Altpol. Bolemysł: Bolemizl, 1265 (SSNO I: 210). Das iranische Gegenstück wird durch sogd. bȳtnwrz {*Vyātanwarz} „Wunder des besten Gedankens“ nahegelegt, ein Derivat aus einer frühen sogdischen Entlehnung aus einer westiranischen Quelle: *vahīia mainiiuš „bester Gedanke“ – Komparativ (Лурье 2017: 124 mit Verweis auf N. Sims-Williams).
Urs law. *Voromyslъ: iran. *Bara(t)-hu-mānah oder *Māna-barat-, *mania-bāra-
Das slawische Korrelat ist unserer Ansicht nach im kroatischen Namen Boromisa (Leksik 1976: 61) < *Boromísao, *Boromisl zu sehen, dessen Struktur sich im dialektalen Umfeld veränderte, von wo aus das Wort in die Familiennamenverzeichnisse gelangte.
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Der erste Teil *bor in *Borotmyslъ ist ein reguläres Derivat nach einem Modell mit o-Vokalismus von einem Verb mit e-Vokalismus der Wurzel, nämlich *berǫ, *brati, mit der archaischen indoeuropäischen Semantik „tragen“ („nehmen“ – eine im Slawischen entstandene Innovation), die in den relikthaften nominalen Derivaten *berte, *berdja bewahrt ist (Verweis darauf siehe ESSJ III: 163). Im Großen und Ganzen lässt sich die Semantik des Zweiglieds als „Träger des [guten, heilsamen] Gedankens“ bestimmen. Ein strukturell und etymologisch nahes iranisches Gegenstück ist durch sogd. βrxm’n, ’βrxm’n {(Θ)varxumān} vertreten – den Namen eines Königs von Samarkand, (A)varxumān = „Träger des guten Gedankens“ < *Bara(t)humānah- (nach M. N. Bogoljubow) (Лившиц 2008: 44; 2010: 75; Lurje 2010: 146). Vgl. den nahe verwandten sogd. Namen m’nβrt {Mānvarat}, gedeutet als „Träger der Erinnerung“, „Träger des Bewusstseins“ (Lurje 2010: 229).
Ebenso begründet ist die Ausrichtung des urslawischen *Borotmyslъ auf ein invertiertes iranisches *manja-bāra mit denselben Komponenten, aber einer anderen ideologischen Semantik „Träger der Autorität“; vgl. das auf diesen Prototyp zurückführbare ossetische tīnaеvar „Person, die befugt ist, zwischen zwei Parteien zu verhandeln, etwa im Krieg, bei der Versöhnung von Bluträchern oder beim Werben; Botschafter, Bote, Gesandter; Vermittler“ und sogd. tynβr [tīnaβar] „bevollmächtigt, mit Macht und Autorität ausgestattet“ (Абаев 1973: 120–122; Расторгуева, Эдельман 2015: 192).
In der Slawistik besteht die Tradition, anthroponymische Komposita mit dem Stamm –borъ als Derivate von *borti zu deuten. Dies trifft auf alt-tschech. Myslibor, altpol. Myślibor, 1212, zu, die als Reflexe des urslawischen *Mysliborb mit eben dieser zweiten Komponente angesehen werden (ESSJ XXI: 44; siehe auch das Material bei Miklosich 1927: 79, 163; Rospond 1983: 96). Angesichts des oben Gesagten ist für *bor in *Borotmyslъ mit etwas anderer Morphologie und Komponentenreihenfolge jedoch eine andere Erklärung zulässig.
Urs law. *Čistomyslъ: iran. *ača-súk-ta-mānaka-
Slawisches Material ist im Namen *Чистомысл belegt, der das Mikrotoponym *Чистомислів motivierte (Bezirk Teofipol, Oblast Chmelnyzkyj, 1971; Onomastisches Archiv), ferner in solchen formelhaften Wortverbindungen wie altruss. съмысль чисть („Wenn aber jemand ein Gebet verrichten wollte und kein reiner Gedanke in ihm war, sondern nur [Sohn?] und Gähnen und Strecken“ (Срезневский 1912: 1533)) und russ. чистый помыслами; deren Kontraktion führte zur Entstehung von *Čistomyslъ „der Aufrichtige“, „dessen Absichten rein sind“. Im Iranischen haben wir baktr. οσογομαγγο [ōsogdomaggo] „reinen Herzens, reinen Sinnes“ (< *ača-súk-ta-mānaka-) mit ōsogdo- „rein, gereinigt“ in Präposition (Расторгуева, Эдельман 2000: 280; 2015: 187).
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Urs law. *Dětomyslь: mittelpers. Mān-dād, av. mainyu.tāštəm, manyu.stātō
Die Potentialität des slawischen Namens wird durch den russischen Familiennamen Детомыслов bestätigt. Letztlich ist der erste Teil mit *dē-tъ vergleichbar – dem Partizip Perfekt Passiv von *dē(ja)ti „machen, vollbringen“, „anlegen“, „aufstellen“ und „behauen“ (bulg. dějam), „aushöhlen“ (pol. dziąć) (ESSJ IV: 229); vgl. die vollständige strukturell-etymologische Identität im Iranischen *data- – das lexikalisierte Partizip Perfekt zu *dā- „festsetzen, aufstellen“, „machen, erschaffen“ (Расторгуева, Эдельман 2003: 423). Somit kann die Semantik der nominalen Zusammensetzung als „Durch den [guten, heilsamen] Gedanken Erschaffener“ oder „Durch den [guten] Geist Aufgestellter“ verstanden werden. Für slav. *Děto-myslь findet sich außerdem ein iranisches Gegenstück mit invertierten Teilen in Form des determinativen Kompositums mittelpers. Mān-dād (mn’d’t, m’nɒt) „Durch den [Guten] Gedanken Geschaffener“, in dem dieselben man „Gedanke“ und das Partizip dād „geschaffen“ (< *dāta-) vorhanden sind (Gignoux 1986: 115: Zweifel bezüglich m’n in der zweiten Form: Schreibfehler oder eine andere Wurzel). Ein nahes Gegenstück findet sich ferner in av. mainyu. tāštəm „vom Geist geschaffen“ und manyu.stātō „vom Geist aufgestellt“ (Расторгуева, Эдельман 2015: 184), mit Derivaten von taš-, tāš- „schneiden, zuschneiden“ und stā- „stehen“, „aufstellen“ im zweiten Teil (Bartholomae 1904: 644–645, 1600). Zur semantischen Derivation „schneiden“ → „erschaffen“ vgl. sowohl eigentlich av. tašan- „Schöpfer“ (Bartholomae 1904: 645) ~ taš-, tāš- als auch die Verallgemeinerung im Slavischen *dē(ja)ti „machen, erschaffen“ früherer konkreter terminologischer Bedeutungen „aushöhlen“, „behauen“, „aufstellen“.
Urs law. *Dobromyslь: iran. *uahи-manah-, *uahи-maniš-, *hu-manah-
Das slawische Kompositum (Adj. *dobrъ & *mysl-) ist belegt in serb. alt. Dobromisl (Montenegro, Herzegowina) (Miklosich 1927: 56), serb., kroat. alt. Dobromisao, Dobromisal, 13.–14. Jh., alt-tschech. Dobromysl (ESSJ V: 43), Dabramuzl – ein slawischer Name in deutschen Quellen (Miklosich 1927: 56), altpol. Dobromysł, 1136 (Rospond 1983: 66), altruss. Добромыслъ (Nowgorod) (Зализняк 2004: 241). Vgl. altruss. добра мысль = добрый помысел, добрая дума „Und als Gott seine Reue sah, gab er ihm einen guten Gedanken, damit er nicht beginnen würde, Fremdes zu begehren“ (Slovar’ IX: 333).
Iranische Gegenstücke sind: 1) das iranische Anthroponym *Vahu-maniš – „gutgesinnt“, parthisch, mittelpers. Vahman (siehe Schmitt 2009: 107–108: mit Literatur), av. Vahu manō – der Name eines heiligen Wesens, eines Engels im Zoroastrismus (Vohu Mana – wörtlich Guter Gedanke, Gute Absicht) (Bartholomae 1904: 1395, 1397; 25: 454: yohu=ča man-ō), zurückführbar auf iran. *uaнu-manah- (Hinz 1973: 117; 1975: 250: *vaниmanah-; Mayrhofer 1979: I/99), sowie sogd. ’βγтуш {Эвγάνταν(εω)?} – das Theonym „Guter Geist“ = av. *vahiia mainiиš – der Komparativ zu vohu-mainiiu- (Lurje 2010: 81), mittelpers. Vahman (whwmn, wḥwmn, whmn),
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das auf dasselbe alte Nomen proprium *Va(h)u-manah- zurückgeht (Gignoux 1986: 170; 2003: 64; Tavernier 2007: 334). Vgl. ferner das Derivat parthisch Vahumanak, Wahumanak – ein Name (Дьяконов, Лившиц 1960: 76, 95, 98). Die Zusammensetzung hat nahe Entsprechungen in altind. Vasurnaras-, Vasurnati- „mit gutem Gedanken ausgestattet“ und altgr. Εὐμένης „mit guter Lebenskraft ausgestattet“ (gr. μένος = altind. manas „Gedanke“) (Топоров 1963: 11 zu slav. Dobromyslь);
2) mittelavest. Adj. hu-manah- „gutgesinnt“, „dessen Gedanke gut ist“ (Bartholomae 1904: 1833), mittelpers. hu-mēnišn {humynšn} „gut denkend“ (Расторгуева, Эдельман 2015: 186), vgl. ferner av. (Gath., spät.) Adj. hu-mata- „gut gedacht“, „mit guter Absicht“, (spät.) hu-matay- „guter, guter Gedanke“ (~ altind. sumatāy-) (Bartholomae 1904: 1832, 1833) < *hu-mn-ta-, *hu-mn-ti-.
Urs law. *Drugomyslь: altpers. Naxā-maniš-
Tschech. Druhomysl, dessen Realität sich aus dem Oikonym Druhomyšl ergibt. Das iranische Gegenstück ist altpers. Naxāmaniš- (elam. Ak-qa-man-nu-iš, akkad. A-ha-ma-ni-iš, altgr. Ἀχαιμένης) – ein dynastischer Name der Könige des antiken Persien (Achämeniden), zusammengesetzt aus нахā (= av. Gath., spät. naxау-, naxi- „Freund, Gefährte“) und maniš- (arisch *manas- „Geist“, „Sinn“), wörtlich „freundlich Denkender“ (Mayrhofer 1979: II/22; Justi 1895: 502; Расторгуева, Эдельман 2007: 340).
Urs law. *Dъlgomyslь: iran. *Darga-manah-
Serb. Дугомисао, tschech. Dlúhomysl (Rospond 1983: 65), (Derivat) russ. Долгомыслов – ein moderner Familienname. Vgl. ferner das tschechische adjektivische Derivat dlúhomyslný „geduldig“ (Kott 1890: 64). Ein altiranisches Gegenstück ist in der aramäischen Schreibung drgmn (*dargamanah-) belegt, „langgesinnt“ = „geduldig, beharrlich“; vgl. ferner dessen Hypokoristikum *darga im Aramäischen drg’ sowie Δαργαμάνης (bei Ptolemäus) – die Bezeichnung eines Flusses in Baktrien (Mayrhofer 1973: 297; Hinz 1975: 83) und parth. drgmn {daryman} „geduldig“, „unerschütterlich“ (Durkin-Meisterernst 2004: 139). Eine andere Übersetzung von *Darga-manah schlug V. Kornfeld vor – „Weitblickender“, „von großem Mut“ (Tavernier 2007: 168).
Urs law. *L’udьmyslь: iran. *aria-man-, *Ariia-manah-
Altserb. Liudemisl, 814, 822 (Морошкин 1867: 115: Людомыслъ, Людемыслъ), Liudemuhslus (Miklosich 1927: 72: Lesung Ljudemysl), altkroat. Łudemisal (Maretić 1886: 121). Zusammensetzung *l’udь & *myslь.
Interessant und aufschlussreich für die Klärung der Motive der Kombination dieser Stämme ist auch iran. *aria-man-, *Ariia-manah-, dessen Fortsetzungen einen Freund, Gefährten, Menschen aus der höheren Kaste der arischen Gesellschaft (vgl. av. airyaman-, airyūman-; Bartholomae 1904: 198; Расторгуева, Эдельман 2000: 223) sowie „arischen, iranischen Geist“ bezeichnen (altiran. *Aryamanah-,
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*Ariya-manah, belegt in elam. Har-ri-ma-na, Har-re-ma-na und altgr. ’Aριαμένης als kontrahierte Form von *Arīmanah-) (Mayrhofer 1973: 156; Hinz 1975: 40; Tavernier 2007: 116; Schmitt 2011: 201), aber eines davon wurde als Name der Stammesgottheit der Arier verwendet – Арйāман, ungefähr „Aria-denkend“, d. h. über den Stamm denkend, Schutzherr des Volkes (?) (Стеблин-Каменский 2009: 161: Йасна 54), und in der späteren religiösen Literatur (manichäische Texte) auch allgemein als „Freund“ und als Beiname Christi, wie in sogd. ’rym’n (Lurje 2010: 364, 467), mittelpers. ’rym’n {aryāmān} (Durkin-Meisterernst 2004: 53). Die Deutung der Semantik des iranischen Kompositnamens als *„Freund des Volkes“ → „Freund / Gefährte“ ist auf das urslawische *l’ude-myslь „über die Menschen / den Stamm Denkender“ durchaus anwendbar, wobei *l’ud als „Volk, Menschen“ (zur Bedeutung der Reflexe siehe ESSJ XV: 194) funktional dem iranischen *aria- (Volk der Arier, Arier) entspricht und *myslь „denkend“, „überlegend“ ebenso wie iran. *mana auf idg. *men- „denken“ beruht. Allerdings ist die genannte Entsprechung nicht streng slawisch-iranisch, da das Baltische ein etymologisch noch näheres Gegenstück zu slav. *L’udь-myslь aufweist, nämlich lit. Liáud-minas „(Über) das Volk erinnernd“ (zitiert nach: Топоров 1996: 228), in dem beide Komponenten mit den Bestandteilen des slawischen Namens verwandt sind.
Die Komposita *L’udь-myslь: *aria-man-: Liáud-minas lassen sich vorläufig als relativ früh entstandene religiös-ethische Termini bestimmen. Wenn diese Termini den Anführer des Volkes bezeichneten, der in der antiken Gesellschaft häufig vergöttlicht wurde, so ist ihre Verwendung als Theonym (möglicherweise über die Stufe des Namens eines legendären Ahnen), wie im arischen Beispiel, folgerichtig.
Urs law. *Miromyslь: iran. *Miθra-mazdā(h)
Der Reflex des slawischen Namens ist mittelhochdeutsch alt. Miromisl (Miramuscle) (Rospond 1983: 94; Stara slovenska imena), entsprechend dem altiranischen Мεθρομαздес < *Miθra-mazdā(h) (Лившиц 2008: 281). Iran. *ma(n)z-dā- (vgl. ferner das Derivat *maz-d-ra- > av. mazdra „weise, vernünftig“) setzt letztlich idg. *mendh- „geistige Anstrengungen unternehmen; lernen“ fort (siehe ESSJ XX: 132–133), d. h. eine wortbildnerische Erweiterung von idg. *men-. Das Slawische verfügt außerdem über das invertierte *Mysli-mirь (: serb. Mislimir) mit anderer Semantik. Siehe ferner: (ESSJ XXI: 44: auf Grundlage von altpol. Myślimir).
Urs law. *mǫžemyslь: iran. *uira-manah-, *nar(i)ia-manah-
Das slawische Wort (suffixloses Adjektiv) wird unter Berücksichtigung des altrussischen Derivats auf –ьn rekonstruiert: мужемысльно: „Und eine Frau wurde mit einem unvergänglichen Gewand bekleidet, das männlich gesinnt war“, 1096 (Срезневский 1902: 189). Hinsichtlich der iranischen Parallelen vgl. die elamische Bezeugung mi-ra-ma-na, mi-ra-man-na = *Vīra-manah- „männlich gesinnt“ und Na-ri-ya-ma-na =
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*Nariya-manah-, av. naire.manah- „von männlichem Geist“, Noratmanah-, Nairimantā „mit männlichem Charakter“, „männlich“ (~ sanskr. Nṛ́mṇas, altgr. Ἀνδρομένης), mittelpers. Narēman (nlym(n)), Nylwmn, Nērōtan, pers. Narīmān (Justi 1895: 225; Mayrhofer 1973: 200, 211; Mayrhofer 1979: I/64–65; Hinz 1975: 174, 263; Gignoux 1986: 133, 135; Tavernier 2007: 258, 349). Bei (Fritz 2006: 158): „Tugend des Anführers / Herrschers“.
Kirchenslaw. reiner Gedanke: mitteliran. *spita-manah-
Die slavische Formel ist in einem Kalendert hymnus aus dem Menaion belegt, vgl. „wir werden Ihm mit reinem Gedanken … begegnen“ und „Diesen werden wir mit gedanklicher Reinheit empfangen“ (Минея 2002: 91, 93). Eine mögliche iranische Entsprechung ist das mitteliran. Σπιταμένος = *spitamanah„wer einen reinen Verstand hat“, „wer reine Gedanken hegt“ (Hinz 1975: 227). Für Letzteres gibt es jedoch eine alternative Deutung der Semantik und Morphologie: „Wer [im Kampf] über unerschöpflichen / zunehmenden Mut verfügt“, „[Wer] einen wachsenden Willen [zum Kampf] hat“ (Schmitt 2011: 346, 347), „Kraft erfüllt“, „rein und stark“, „[dessen] Kraft gewachsen ist“. *Spita-ama- (Tavernier 2007: 314; Gignoux, Jullien 2009: 124; Schmitt 2011: 347), was uns dazu veranlasst, diesen Vergleich vorsichtiger vorzuschlagen.
Urslav. *Nezamyslъ / *Nejъzmyslъ (?): mittelpers. арē-gu-mān
Alttschech. Nezamisł, tsch. Nezamysl (Miklosich 1927: 78), polab. Nezemuissles (Шафарик 1848: 201: Незамыслъ), altpol. Niezamyst, 1136 (Rospond 1983: 101). Ableitung auf der Grundlage von *ne zamysliti. Zugleich ist der polabische Name strukturell keineswegs eindeutig, da er auch die parallele Lesung als *nejъzmyslъ ~ *ne jьzmysliti zulässt, vgl. tsch. dial. zm ysliti si „sich ausdenken, erfinden“ (ESSJ IX: 50). Vgl. ferner das hinsichtlich der Motivation (teilweise auch etymologisch – slav. *mysl-: iran. *mana-) nahe stehende mittelpers. arēdītān „keine Zweifel habend“, „nicht zweifelnd“, wobei arē- ein Präfix ist, das auf das Fehlen eines Merkmals oder einer Eigenschaft hinweist (wie russ. без-), gu- ein unproduktives Präfix (wie russ. с-) und die Wurzel -mān (im Bestandteil gumān „Meinung“, „Zweifel“) mit dem Präsens mēn „denken“, „sinnen“ (Расторгуева 1966: 36, 83) ~ pers. gumān „(Be-)Meinung“, „Glaube“, „Überzeugung“ (Cheung 2007: 263: *man-) zugeordnet ist.
Urslav. *Pravomyslъ: iran. *ṛta-man(i)ų-, *ṛdu-mani-
Pol. Prawomysł – ein Toponym (Bezirk Białowieża), abgeleitet mit -jь von einem Anthroponym. Nominale Zusammensetzung aus Adj. *pravъ und *myslь, wörtlich „gerecht in den Gedanken“, „gerecht in den Absichten“ oder „aufrichtig in den Gedanken“. Urslav. *Pravomyslъ hat ein hinsichtlich Typologie und (teilweise) Etymologie nahes iranisches Gegenstück in altpers. Ardumaniš (in elamischer Wiedergabe [artumanniš], in babylonischer a-ar-di-ma-ni-iš) – dem Namen eines der Verbündeten des Dareios gegen Gaumata, bestehend aus ardu- „gerecht, treu“
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und maniš „Verstand; Gedanke“ (Tolman 1908: 67) = „mit ehrlichem (aufrichtigem) oder geradem (richtigem) Gedanken“ (Грантовский 2007: 241; Zweifel an der Richtigkeit der bekannten Deutungen siehe Tavernier 2007: 12–13). Die etymologische Identität von urslav. *myslъ: iran. *mana-, sowie ihre gleiche Funktion in iranischen und slavischen Anthroponym-Komposita geben Anlass, von einer ideologisch nahen Entsprechung *pravo-myslъ: *ṛta-manіu- zu sprechen (iran. *arta-/*ṛta- „passend, richtig“, vgl. mittelpers. ran. artai „gerecht, wahr“ (Расторгуева, Эдельман 2000: 207)) > altiran. (aus elamischer Quelle: ir-tam-man-nu-ú-iš) Name des Geistes der kosmischen Ordnung *ṛtаtanyu- (Hinz 1975: 213), *Ṛta-manіyu- (als Personenname „wer den Geist des Ṛta besitzt“) (Mayrhofer 1973: 169), *Ṛta-manah- (Tavernier 2007: 297) und *rdu-manі- (*r-du- > *r-du-ka-, vgl. sogd. man. ’rδwk [arδuk] „treu, aufrichtig“) > altpers. Ardu-mani (Расторгуева, Эдельман 2000: 206).
Urslav. *Samomyslъ: iran. *hāmā-māna-, *hama-manah-, *aiua(ka)-manah-, *hau̯ra-mania-
Das slavische Lexem ist in Namen wie den folgenden belegt: Samotmysl – ein Name bei den altmährischen Slaven neben Samo, Samoslaw, Samotmir, Samouid, Samotmien (Acta societatis 1775: 40), alt-tschech. Samotysl, (bei den Lausitzer Serben) Samotysl (Renč–Wjelećanski 1901: 50: Anmerkung von E. Muka in der Fußnote).
Für das slavische Substantiv (ursprünglich ein Adjektiv mit der Bedeutung „mit demselben Gedanken“, „gleichgesinntester“) finden sich folgende iranische Entsprechungen:
1) *hama-manah-, vgl. spätavest. Adj. hamō.manah- „gleich denkend“, „gleichgesinnt“ (Bartholomae 1904: 1777; Соколов 1964: 258), dem slavischen Wort am nächsten, da es (abgesehen vom Formanten –slъ) seine etymologische Zusammensetzung genau wiederholt. Hierher gehört auch sogd. ”m’n (Соколов 1964: 258) und mit verlängertem Vokalismus *hāmā-māna- > sogd. xp. ’wšn [āw-mān, ōmān] „gleichgesinnt, einmütig“ (Расторгуева, Эдельман 2007: 351; 5, 2015: 182);
2) *aiua(ka)-manah- „einmütig; übereinstimmend“ (wörtlich „ein-denkend“), vgl. klass. pers. yaktmanіš, baktr. ευμοаνο „übereinstimmend; einmütig“ (Расторгуева, Эдельман 2000: 138; 2015: 183);
3) ein hinsichtlich der Semantik der Komponenten nahes medisches Adjektiv (in elamischer Wiedergabe) ha-tar-ri-man-nu (*haθramanya-), wörtlich „Gleichgesinnter“ („Anhänger“, „Befürworter“) (Hinz 1975: 119).
Urslav. *Světomǫdrъ: av. spəntō mazdā
Die Parallele ist einerseits durch alt-russ. святомѫдрый „mit göttlicher Weisheit ausgestattet“ (Slovar’ XXIII: 215) und andererseits durch av. spəntō mazdā „heilige Weisheit“ vertreten, vgl.: tā dā spəntā mainyu mazdā…, huzāntušə spəntō mazdā ~ mazdāh- „Gedächtnis“, məz-dā-, maz-dā- „sich einprägen“ < arisch *ma(n)δ-dhā- (Bartholomae 1904: 1162, 1181, 1619, 1620). Urslav. *mǫdrъ:
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und iran. *ma(n)z-dā reproduzieren die idg. *men dh- „geistige Anstrengungen unternehmen“ (siehe oben).
Im altiranischen Lexikon ist eine semantisch nahe Zusammensetzung mit einer anderen postpositiven Komponente verzeichnet, nämlich jungavest. spaṇtō.xrətav- (als Personenname), vgl. zum zweiten Teil (Gathisch, jungavest.) xrətav- „intellektuelles Verlangen und Können“, „Vernunft“, „Intellekt“, „Weisheit“ (Bartholomae 1904: 535, 1622).
Urslav. *Svętomyślъ: av. spəṇtō.mainyava-
Serb. Svetomisl, pol. Świętomysł – Personennamen, deren etymologische Zusammensetzung mit dem jungavestischen Adjektiv spəṇtō.mainyava- „vom heiligen Geist stammend“ (Bartholomae 1904: 1622) identisch ist. Der Unterschied besteht nur in der suffixalen Gestaltung des zweiten Teils: av. manyu- „Geist“ = man-yu- (~ manah- „Gedanke“) mit dem Formanten slь in den slavischen Formen. Zur Semantik der Fortsetzungen des idg. *men im Slavischen siehe: (Топоров 1963; ESSJ XXI: 51).
Zu Beispielen für die Entwicklung der Sememe „Geist“, „Stimmung“ in slavischen Wörtern vgl. tsch. Phraseologismus požbýti mysli „den Mut verlieren“ sowie pol. nie po myśli „nicht nach dem Geschmack“ (zitiert nach: Топоров 1963: 7), kirchenslaw. мысльнъ „das Denken betreffend, gedanklich“ und „geistig“, alt-tschech. myšlný „geistig, denkend“ u. a. (ESSJ XXI: 51).
Urslav. *sъmyslъ (?): iran. *hu-manah-
Altpol. Smysł: Dominus Bogusław Szmiszl, 1417 (SSNO V: 132), sowie das Appellativ *sъmyslъ, *sъmyslьnъ „mit gutem Gedanken ausgestattet“ (Топоров 1963: 11), die im Av. hunamanah- „gut denkend; fröhlich“, Parth. hwn {Human} < iran. *Humanah-/*Haumanah- „Gutdenkend oder tugendhaft“ (Лившиц 2010: 91; Tavernier 2007: 199), mittelpers. hu-mēnišn {hwmynšn’} „gutdenkend“ ihre Entsprechungen haben. Wie in anderen Fällen mit dem präpositiven idg. *su- „gut“ findet sich für die iranischen und slavischen Zusammensetzungen eine altindische Parallele sumánas-. Mit einem synonymen ersten Bestandteil vgl. oben altgr. Εὐμένης. Ebenso verhält es sich bei den suffigierten av. hu-mata Adj. „gut erdacht, mit guter Absicht“ (Gegenstück duš-mata-) und altind. sumata-; av. hu-matay- „guter Gedanke“ und altind. sumatay- (Bartholomae 1904: 1832, 1833) aus arisch *su-mṇ-ta-, *su-mṇ-ti-.
Urslav. *Širomyślъ: iran. *uару-manah-
Das slavische Nomen ist in den Varianten Siromysl, Sziromysl belegt (Relikte der Sprache der slavischen Bevölkerung der Insel Rügen in der Ostsee) (Beversdorf 1883: 23). Ihm entspricht im Iranischen nahe *uару-manah-, reflektiert in ʾОромāн̄š = „Weitdenkend“ (Hinz 1975: 257: *varumanah-). Einen weiteren ideologisch und etymologisch (hinsichtlich des zweiten Bestandteils) gleichartigen Fall stellt chor. ʾсw̄n-mʾnʾwk, ʾj̄w̄n-mʾnʾwk „Großzügigkeit,
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Großherzigkeit“ (Benzing 1983: 24) dar oder, nach Walter Bruno Henning und David Neil MacKenzie, „mit weitem Blick“, wörtlich „weit-denkend (?)“ (Расторгуева, Эдельман 2015: 182), was einleuchtet, vgl. die Bedeutung des ersten Teils *čwən [‘čwən, ’ǰwən] „breit, geräumig“ (Benzing 1983: 24).
Urslav. *Terbomyslъ: mitteliran. *Mazdayazna-, ostiran. *Mazdayasna-
Alt-tschech. mähr. Třebomysl (Kollár, Pacić 1828: 105), altpol. Trzebiemysł „Trebemisl, Vilcan“, 1136, „Trebemyslio subcamerario“, 1287, Trzebomysł „Trebomisl, subcamerarius“, 1282 (SSNO V: 478, 479). Also „Opfer denkend“ oder möglicherweise „den Geist verehrend“ (= „die Pflicht gegenüber dem Geist erfüllend“), wenn man die Annahme akzeptiert, dass altkirchenslaw. trъ́ba, altruss. тереба „Opfer“ (urslav. *terba) „Erfüllung der Pflicht“ bedeutet (siehe Фасмер 1987: 95). Im iranischen Namengut entsprechen diesem Nomen die medischen Anthroponyme *mazdayazna-, ostiran. *mazdayasna- „Mazda verehrend“ (Расторгуева, Эдельман 2011: 122), mittelpers. Mazdēsn (mzdysn) < av. Mazdaiiasna- (Gignoux 1986: 122).
Urslav. *Těхomyslъ, *Těšimyslъ: av. Tušnа.mаtаy-
Slavische Formen: tsch. Těchomysl – ein Ortsname, abgeleitet von einem Anthroponym (Miklosich 1927: 182), altpol. Cieszymysł: Tessimtzl, 1136 (SSNO I: 376) = „der mit sanftem, getröstetem Geist“, „ruhig in den Gedanken“. Sie sind semantisch analog zum avestischen (in den „Gathas“) Namen der Gottheit tušnā.matau- „[mit] beruhigtem (getröstetem) Gedanken“ und zum jungavestischen Anthroponym tušnā.matau- ~ Adj. *tušnа-, jungav. tušnау- „schweigsam“ (Bartholomae 1904: 658). Der Vergleich von *těšimyslъ mit tušnā.matau wurde erstmals von V. N. Toporov vorgeschlagen (Топоров 1963: 11).
Urslav. *Vojƅmyslъ, *Vojьmyslъ: iran. *iauda-mana(h)-
Die Parallele ist im alt-slowakischen Namen Vojimysl, 9. Jh. (Ovsená 2014: 131), sowie serb. alt Воjмислићи, 1766–1770 – einem Oikonym im Kosovo (Елезовић 1932: 85), einerseits, und altpers. (in elamischer Wiedergabe) Hihuddamana (< *Yauda-mana(h)- „über den Kampf Denkender, Vojimysl“), Ywdmngn, ʾIwdmwnʾn (Mayrhofer 1973: 159; Лившиц 2010: 99: „mit kriegerischem Geist“) andererseits belegt. Eine andere Lesung der elamischen Form schlägt V. Hinz vor: als *yutamanah- „durch Gefühl [zu Gott] verbunden“ (Hinz 1975: 275), vgl. ferner (Tavernier 2007: 366; Schmitt 2011: 207) mit der semantisch gleichartigen Lesung *Hita-manah und *Yuta-manah-.
Urslav. *Vyšěmyslъ: iran. *Bŕ̥zi-manah-, *Mazā-manah- (?)
Polab. Vezemuisl, 11. Jh. (Press 1986: 13: als *vyšemysl-). Zusammensetzung aus *vyšę (vgl. ~ *vysokъ „hoch“) und *myslъ. Vgl. ferner altruss. высокаѧ мысль „Hochmut, Stolz“, „hochmütige Gedanken: ‚Denn Gott liebt unseren Hochmut nicht, der sich erhebt, um sich zu demütigen‘, ‚Herr, Gott der Mächte, wir sind dein Volk, die Schafe deiner Weide, wir rufen deinen Namen an, blicke auf die sanftmütigen Menschen‘
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sein eigenes, und die Demütigen erhöhe, und die Hochmütigen hochmütigen Gedanken stürze nieder“ (Slovar’ IX: 333), was eine Formel der alten poetischen Sprache reproduziert (eine feste, diachronisch reproduzierbare Wortverbindung als Träger einer sittlich-religiösen Idee), deren Wertung in christlich-religiösen Texten von „Plus“ zu „Minus“ umgekehrt wurde. Urslav. *Vyšemyslь (= „[von] höherer Denkart“) stellt eine der Spuren des slavo-iranischen Sprachkontakts im lexikalisch-semantischen Bereich dar, der von der Herausbildung einer Gesamtheit gemeinsamer Benennungsmodelle für zweiteilige Personennamen mit obligatorischer etymologischer Identität einer oder beider Komponenten begleitet war.
Als iranische Entsprechungen der slavischen Form können angegeben werden: 1) med. (aus elamischer Quelle) pír-zí-ma-na (= *brzimanah-, *Brzi-manah-) und der bei Herodot erwähnte altpers. Σμερδομένης – der Name des Sohnes des Otanes, d. h. *brd́imanah-, *Brdimaniš, *Brdimanā „mit hohen Gedanken, Gefühlen“ (Mayrhofer 1973: 219; Hinz 1975: 67, 68; Tavernier 2007: 151) oder *Br̥damaniš „von hoher Denkart“ (Грантовский 2007: 273), „mit hohem Bewusstsein, Verstand ausgestattet“ (Расторгуева, Эдельман 2003: 121). Der Name besteht aus *brd- – einer Form mit „südwestlichem“ d zu iran. *br̥z- „hoch“, „erhaben“, „groß“ – und *man- < idg. *men- „denken“ (Грантовский 2007: 273; Расторгуева, Эдельман 2003: 121). Die vorgeschlagene Entsprechung urslav. *vyšemyslь: iran. *br̥zimanah- ist ein möglicher Beleg für Kontakte der Vorfahren der Westslaven mit iranischen Völkern; 2) *Mazā-manah- (Ma-za-man-na) = altind. ved. mahā-manas- „von hoher Denkart“ (Mayrhofer 1973: 197).
Urslav. *Želomyslь: altpers. *ǰūra-manah-
Pol. Zielomyśl (Miklosich 1927: 35: zweifelhafter Vergleich mit kirchenslaw. зел-) – ein Toponym auf -jb, abgeleitet von *Zialo-mysl mit einem ersten Bestandteil, der mit altruss. зълъи, зълъ „stark“, lit. gailùs „scharf, beißend, rachsüchtig“, gailas „wild, feurig“ identisch ist (Срезневский 1893: 1014; Фасмер 1986: 92). Also „starken Willen habend“, „starken Geistes“ (vgl. serb., kroat. tīsao, mīsli „Verstand“ und „Wille“ (ESSJ XXI: 48), alt-tschech. mysl „Geist“, „Sinn, Inhalt“ (Срезневский 1902: 217), was der Semantik des iranischen Personennamens (aus einem akkadischen Dokument) *ǰūramanah- (?) (tu-ra-ma-na-a) „starken Geistes“ nahekommt (Hinz 1975: 241).
Urslav. *Zъlomyslь: iran. *Ahra-mani̯u-, *Aka-manah-, *duš-mani̯u-, *duš-manah-
Urslav. *Zъlomyslь ist in Зломислит erhalten (: Zlomislich – Familienname einer katholischen Familie in Mostar Blato, 1743) (Михајловић 2002: 441), kroat. Familienname Zlomislić – Patronym auf -ić von *Zlomisl. Vgl. altruss. зломысль „jemand, der einem anderen Böses wünscht“, „Feind“, 1212 (Slovar’ VI: 26), altruss. злая мысль =
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böser Gedanke, böse Absicht in „Und der Teufel legte Zar Basilius einen bösen, ehebrecherischen Gedanken ein“, 17. Jh., sowie mit einem desubstantivischen Verb: altruss. мыслити зло „Warum denkt ihr Böses in euren Herzen?“ (Slovar’ IX: 333).
Iranische Entsprechungen: *ahra-manīyu- „böser Geist“ (> av. p. anrō.mainyu- „vom bösen Geist geschaffen, zum bösen Geist gehörig“); av. p. dušmainyu- „schlecht, feindselig denkend; Feind“, mittelpers. dušmēn {dušnyn} „Feind“, chor. δn, δυn „Feind“ (< *duštan̄iu-), av. p. duš-manah-, duž-manah- „einen schlechten, feindseligen Gedanken, eine schlechte Absicht habend; Übeltäter“ u. a., mit iran. *duš- „böse, schlecht, übel“ als erstem Bestandteil des Kompositums (Расторгуева, Эдельман 2000: 100; 2003: 411, 415–416). Zu dieser Reihe von Zusammensetzungen gehört auch av. Aka Manah – der Name eines der Daēva (Львов), des Gegners von Vohu Manah = „Guter Gedanke“, mit dem avestischen Adj. aka- „böse, schlecht, übel“ (Bartholomae 1904: 44, 45).
3.2. Slavica & Baltica
Urslav. *Čaj̄myslъ: lit. Mañt-vila, Moñt-vilas, Man̄-vilas
Ukr. Чамишель – ein Hydronym (Slovnyk 1979: 601) < *Čaj̄-myslъ (~ *čajati „hoffen“, „warten“) + possessives Suffix -jь. Das baltische Gegenstück ist lit. Manti-vilas (Монти-виль, XVII. Jh.), Mañt-vila, Mañt-vilas, Mònt-vila, Moñt-vilas, Man̄-vilas ~ viltis „Hoffnung hegen, hoffen“, viltis „Hoffnung“ (Vanagas, ed., 1989: 151, 1211).
Urslav. *Dal’emyslъ: lit. Tól-mantas, Tál-mantas
Tsch. Dalemysl (Rospond 1983: 63) und Dalemyšl – abgeleitetes Toponym (Miklosich 1927: 29) ~ lit. Tól-mantas, Tál-mantas, Tál-montas ~ toli „weit, fern“, tólas „fern, entfernt“ (Vanagas, ed., 1989: 153, 1052, 1054).
Urslav. *Golomyslъ: lit. Gal-manas, Gal-i-mantas, Gał-mantas
Vgl. altweißruss. Голомысль, Голомышьская – eine Volost mit dem Zentrum im Dorf Голомыши (heute – das Dorf Голомысло (Галомысла) im Gebiet Witebsk, im Kreis Polozk), 1506, 1513 (Полоцкие грамоты 2015: 411, 821; 2015a: 257) < *Голомысл-jь (mit anschließender Verhärtung von -л). Im ersten Teil liegt die Wurzelbasis *gol- vor, vertreten in *golēmъ „groß, stark“ ~ lit. galti „können, bei Kräften sein“ (ESSJ VI: 203) und (Smoczyński 2019: 154: zu idg. *gelH- „Kraft, Herrschaft erlangen“).
Dem slavischen Голо-мысль entspricht lit. Gal-manas, Gal-i-mantas, Gał-mantas ~ galēti „können“ (Būga 1911: 30, 45; Vanagas, ed., 1985: 616–617; 1989: 152).
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Urslav. *Gostomyslъ: lit. Vaiš-mantas
Zum urslav. *Gosto-myslъ ~ *gostъ (siehe ESSJ VII: 67). Das baltische Korrelat ist im lit. Vaiš-mantas ~ vaišės „Festmahl, Bewirtung“, viešės „Aufenthalt bei Gästen, viešėti „zu Gast sein“ (Vanagas, ed., 1989: 1137), lett. viesis „Gast“ belegt.
Urslav. *Xotě-myslъ, *Xoti-myslъ: altpreuß. Nore-munt, lit. Nór-mantas
Urslav. *Xotě-myslъ, *Xoti-myslъ ~ *xotěti (ESSJ VIII: 85; Rospond 1983: 55) ist semantisch gleichwertig oder sehr nah an altpreuß. Nore-munt – einem Personennamen ~ Nor-mantas, Nori-mantas (als „nori mantyti“), Петрикъ Нармунтысъ, Петръ, Якубъ Нармантисъ (Būga 1911: 16, 40, 47), Nór-mantas, Nór-montas, Nár-mantas, Nār-montas, Nar-muntas ~ norėti „wünschen, wollen“, nóras „Wunsch, Wille“ (Vanagas, ed., 1989: 152, 296, 297).
Urslav. *L’udъmyslъ: lit. Liáud-minas
Näheres zu dieser Parallele siehe oben. Bei abweichender lexikalischer Zusammensetzung und anderer Stammreihenfolge vgl. lit. Mon-tautas ~ tautà „Volk“ (Vanagas, ed., 1989: 151, 1028).
Urslav. *Myslimilъ: altpreuß. Mente-myl, Monte-myle, Munte-mil
Serb. Mislirnil (Stara imena) ~ altpreuß. Mente-myl, Monte-myle, Munte-mil VS Myle-munt (Trautmann 1974: 144) ~ *mīli < balt. *mile „Zärtlichkeit“, Adj. *mīla- „zärtlich, sanft“ (Mažiulis 1996: 137). Auch der zweite Teil der Komposita ist homogen: urslav. *milъ(jь) „lieb“, „sanft“: altpreuß. *mīli (ESSJ XIX: 46–47; Mažiulis 1996: 137–138).
Urslav. *Permyslъ: lit. Per-manas (?), Pér-monas
Urslav. *Per-myslъ ist im slowen. Premisl, Premisel, -sla (Stara slovenska imena), alt-tschech. Premizl (Přemysl) – ein Bauernpflüger, legendärer Gründer der ersten Dynastie der tschechischen Fürsten (Legenda Christiani 1978: 18, 19), Premisl, Premyzl, Przemysl u. a. (Codicis 1850: 136, 139), sorb. Priěmäusel – ein Berg < *Premyslъ (Słowiańska onomastyka 2003: 203), altpol. Przemyśl: Nicolaus, filius Morsus de Premysl..., Premisl, 1265 (SSNO III: 556; IV: 369) u. a. (Rospond 1983: 110), Перемышль (pol. Przemyśl) – eine Stadt im Südosten Polens < *Перемыслъ u. a. Im baltischen Namengut haben wir: lit. Per-manas (?), Pér-monas ~ per – Präposition (Vanagas, ed., 1989: 152, 430).
Urslav. *Svaromyslъ: lit. Vaĩd-manas (?)
Alt-slowen. Toponym Swaromel = *Svarom-je < *Svaromъ < *Svaromyslъ (Torkar 2013: 118) ~ slowen. svariti „schelten, ermahnen“, svariti se „sich streiten“. Vgl. lit. Vaĩd-manas (?) ~ vaĩdytis „scheinen“ oder vaidas „Streit, Zwist“, vaĩdytis „sich streiten, zanken“ (Vanagas, ed., 1989: 153, 1131, 1132).
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Urslav. *Velemyslъ: lit. Daug-mantas
Reflexe des urslavischen Kompositums mit *vele- (*vele – neutr. zu *velь(jь) „groß“) mit der Vorstellung großer Größe, Stärke, Menge u. a. in Präposition: alt-slowen. Elemischl – ein Toponym = *Velemysl-ib < *Velemъslъ (Torkar 2013: 117), tsch. *Velemуsl, erschlossen aus dem abgeleiteten Toponym Velemyšlovec (Miklosich 1927: 21: Velemyšloves) u. a. (Rospond 1983: 144, 146). Das baltische Gegenstück findet sich im lit. Daug-mantas, Daũ-mantas, Dau-manas, Dau-minas, Daũ-montas, Dòv-montas ~ daũg „viel“ (Būga 1911: 20, 22, 44: Daug-mantas wird durch pol. *Wiele-mąt erklärt; Vanagas, ed., 1985: 465–466, 473).
Urslav. *Vědomyslъ (?): altpreuß. Weide-munt, lit. Vaid-manas
Vgl. alt-tschech. Wegmyslice (Codicis 1850: 181) – ein Toponym, abgeleitet vom Reflex des urslavischen Namens *Vědo-myslъ (oder handelt es sich um eine schriftliche Verballhornung von *Vojь-myslъ?). Ferner vgl. altpreuß. Namen Weide-munt (Trautmann 1974: 144) ~ *veid-/*vīd- „sehen“ (> *veid-ulas „sichtbar“) (Mažiulis 1997: 228) und lit. Vaid-manas (Юркенас 1999: 31), homogene urslav. *věd- „wissen“.
Urslav. *Voldomyslъ: lit. Vaĺd-mantas
Alt-slowen. Toponym Gladomės, Gladomouž, 1220–1230 = *Vladomysl-ib < *Vladomyslъ (Torkar 2013: 115) ~ *volděti, *volda „Macht“. Sein strukturell-etymologisches nahes Gegenstück ist lit. Vaĺd-mantas ~ valdýti „herrschen, lenken“, valdžià „Macht“ (Vanagas, ed., 1989: 153, 1149).
Urslav. *Vъsemyslъ: altpreuß. Wysse-manth, Wisse-munt, lit. Vis-mantas
Reflexe des slavischen Namens: slowen. Svemisel, –sla (Stara slovenska imena), altpol. Wsze-mysl: Wschemisl, 1431 (SSNO VI: 220), tsch. Všemyšlice – ein deanthroponymisches Toponym (Miklosich 1927: 46, 140: вьсь). Baltische Entsprechungen: altpreuß. Wysse-manth, Wisse-munt (Trautmann 1974: 144) ~ wissa, wyss- „ganz“ (Mažiulis 1997: 248–249) und lit. Vïs-mantas, Vŷs-mantas, Vïs-montas ~ visas „ganz“ (Būga 1911: 29; Vanagas, ed., 1989: 153, 1234).
Litauisch und Lettisch weisen Komposita mit einem etymologisch verschiedenen, aber semantisch nahen präpositiven Bestandteil auf: lit. Aĩ-manas, Aĩ-manis, Aĩ-monas, Aĩ-mintas, lett. Almanas. Insbesondere gilt die Deutung von al im Zusammenhang mit got. alls „ganz“, lit. aliaí „jeder“ in aliaí vienas als wahrscheinlich (Vanagas, ed., 1985: 78, 88, 89).
3.3. Baltica & Iranica
Altpreuß. Wirse-mund: altiran. *Vīra-manah–Wirse-mund (Trautmann 1974: 144) ~ wirs, wijrs „Mann (Mensch)“ (Mažiulis 1997: 246–247) bei altiran. *Vīra-manah– „Mann-denkend“ < iran. *ui̯ra-manah– (siehe oben).
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3.4. Slavica & Iranica & Baltica
Urslav. *Ľudъmyslъ & iran. *arja-man-, *Ari̯a-manah- & lit. Liáud-minas (siehe oben).
Urslav. *Myslimilъ: altpreuß. Mente-myl, Monte-myle, Munte-mil: iran. *Fria-manah-. Zu den slavischen und baltischen Zusammensetzungen mit etymologischer Identität beider Teile siehe oben. Ihr mutmaßliches iranisches Gegenstück mit umgekehrter Reihenfolge der Bestandteile weist eine genetisch verschiedene präpositive Grundlage auf, vgl. *Fru̯a-manah- (elam. Pír-ri-ia-ma-na) „mit freundlichem, liebenswürdigem Charakter“ (Tavernier 2007: 184) ~ iran. *frī- „angenehm sein, erfreuen“, av. frya-, med. *frya- „lieb, geliebt“ (Расторгуева, Эдельман 2007: 70, 74) = „lieb-denkend“.
Urslaw. *Těxomyslъ, *Těšimyslъ: av. Tušna.matay-: altpreuß. Monte-glaude. Zu den iranischen und slawischen Einheiten siehe oben. Die baltische Parallele wird durch altpreuß. Monte-glaude (Trautmann 1974: 144) repräsentiert. Aufgrund der häufigen Vermischung der preußischen Stämme *gland und *glaud kann sich hinter der Orthografie von Monte-glaude *Monte-gland ~ glands ‘Trost’, glandint ‘trösten’ verbergen (Toporov 1979: 258, 260) = „Myslo-tech“ VS slav. „Techo-mys“, „Teshi-mys“.
4. INTERPRETATION DER ERGEBNISSE, SCHLUSSFOLGERUNGEN
4.1. Die vergleichende Analyse iranischer und slawischer lexikalischer und syntaktischer Einheiten mit Reflexen von idg. *men zeigt einen Parallelismus in der Gestaltung der Komposita mit diesem Etymon in beiden Sprachkulturen. Dies zeigt sich sowohl in der vollständigen etymologischen Identität der Struktur (abgesehen vom Formanten) der verglichenen Einheiten als auch in den gemeinsamen Organisationsstandards ihrer kulturellen Semantik, die den Dualismus an der Grundlage der Religion und der moralischen Beziehungen in der iranischen und slawischen Gesellschaft widerspiegelt. Vgl. Beispiele mit genetischer Identität beider Teile: urslaw. *borotmyslъ ~ iran. *bara(t)-hu-mānah oder *maṇia-bāra-; urslaw. *dětomyslъ ~ mittelpers. mn’dt; urslaw. *dъlgomyslъ ~ iran. *darga-manah-; urslaw. *samotmyslъ ~ iran. *hāmā-māna-, *hama-manah-; urslaw. *sъ̑etomъdrъ ~ av. spəntō mazdāi; urslaw. *sъ̑etomyslъ ~ av. spəntō.mainyava-; urslaw. *sъmyslъ (?) ~ iran. *hu-manah-.
Derartige Übereinstimmungen können nicht zufällig sein, sondern sind das Ergebnis eines engen Kontakts zwischen Völkern mit einer verwandten geistigen Kultur und einem gemeinsamen indoeuropäischen Erbe, das ihre tiefgreifende Wechselwirkung ermöglichte.
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in einigen Bereichen. Auf der Sprachebene zeigt es sich in Form slawisch-iranischer Isoglossen – gemeinsamer Elemente des poetischen Textes, der rechtlichen und religiös-ethischen Phraseologie, die offenbar in Form formelhafter Konstruktionen und ihrer verkürzten Varianten – Namenkomposita mit einer bestimmten ideologischen Belastung – existierten. Sie bildeten insofern eine bedeutende Schicht der „hohen“ Sprache, als sie die moralische Ideologie der von dieser Sprache bedienten Kulturen vermittelten. Siehe z. B.: (‘Träger des [guten, wohlwollenden] Gedankens’ oder ‘Träger der Autorität’) urslaw. *borotmyslъ ~ iran. *bara(t)-hu-mānah oder *man̄ia-bāra-; (‘durch den [guten, wohlwollenden] Gedanken geschaffen’ oder ‘vom [guten] Geist eingesetzt’) urslaw. *dětomyslъ ~ mittelpers. mn’d’t, av. mainyu.taštəm, manyu.stātō; (‘mit der Weisheit des heiligen [Geistes] ausgestattet’ oder ‘[jemand] mit Erinnerung an das Heilige’, vgl. av. mazdāh- ‘Erinnerung’) urslaw. *světomоdrъ ~ av. spəntō mazdā; (‘[vom] heiligen Geist [geschaffen]’ oder ‘[Träger] des heiligen Gedankens (Geistes)’) urslaw. *světomyslъ ~ av. spəntō.mainyava-; (‘mit einem guten, wohlwollenden Gedanken ausgestattet’) urslaw. *sъmyslъ (?) ~ iran. *hu-manah-; (‘[jemand, dessen] Gedanken rein (wahrhaftig) sind’) kirchenslaw. мысль чистая ~ med. *spita-manah- (?); (‘den Geist [der Weisheit] verehrend’) *terbomyslъ ~ med. *mazda-yazna-, ostiran. *mazda-yasna-; (‘[jemand mit] sanftem, getröstetem Geist’) urslaw. *těxomyslъ, *těšimyslъ ~ av. tušnā.matay-. Dies wurde wiederum durch die Herausbildung gemeinsamer semantischer Klischees ermöglicht, die die Prinzipien der Auswahl von Komponenten für Formeln und von Wortbildungstypen unter dem Gesichtspunkt ihrer Kombinierbarkeit bestimmten.
Natürlich entstand der Komplex gemeinsamer Innovationen beider Sprachen weder in den engen chronologischen Grenzen einer bestimmten Periode noch innerhalb eines einzigen Areals. Zu verschiedenen Zeiten (in den ersten Jahrhunderten des 1. Jahrtausends n. Chr.) lebten die Slawen mit den Iranern zusammen (slawisch-skythische, spätere slawisch-sarmatische, spätere slawisch-alanische Kontakte an Wolga und Don, im karpatischen Areal und in angrenzenden Gebieten) innerhalb verschiedener Areale oder waren durch hinreichend stabile Handelswege verbunden. Die Art der gegenseitigen Beeinflussung bei diesen Kontakten ist ein gesondertes Problem für die Zukunft, da sich die Spuren des slawischen Einflusses auf die alten ostiranischen Sprachen und die slawischen Entlehnungen in deren Wortschatz wegen der Fragmentarität der vorhandenen Angaben über diese Sprachen nur schwer feststellen lassen. Günstiger ist die Situation bei der Ermittlung der Ergebnisse des iranischen Einflusses auf die Sprache der Slawen. Ein Teil der slawischen Anthroponyme mit der Wurzel *men ist aus genetisch slawischem Material gebildet, jedoch nach aus der iranischen Quelle übernommenen Klischees, was angesichts der Iranisierung des semantischen Feldes der religiösen Lexik innerhalb des slawischen Wortschatzes закономерно ist, vgl. Ivanov 2002: 38, sowie Ivanov 1998. Schon seit den Zeiten
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Antoine Meillets und Roman Osipovič Jakobsons und in ihrer Nachfolge wurde der Idee einer möglichen Einwirkung iranischer religiöser Vorstellungen auf die Slawen besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Die Ansichten einiger Wissenschaftler über die Entlehnung iranischer Paarbezeichnungen für dualistisch entgegengesetzte Pole des Weltganzen durch die Slawen führten Vjačeslav Vsevolodovič Ivanov zu dem Schluss, dass „bei den Slawen die Spuren des alten indoeuropäischen Dualismus dank späterer iranischer Einwirkungen, die in dieselbe Richtung gingen, wiederbelebt wurden. Wie hinsichtlich der Sprache wurde ein besonders tiefer Einfluss im Bereich der Religion gerade aufgrund der ursprünglichen Verwandtschaft der interagierenden Traditionen möglich“ (Ivanov 2002: 35). Dies gilt auch für die erwähnte Klasse von Anthroponymen, deren innere Form unter anderem die bei der Namensgebung relevanten Nuancen des religiösen Dualismus widerspiegelt. Hier ist neben den bereits bekannten *z̑blo-myslь VS *dobro-myslь noch an einige weitere Beispiele dieser Art zu erinnern:
*z̑bla(ja) slava, *z̑blo-slavь (: slowen. alt (Kärnten) Zloslav, altruss. зло-славие ‘Verunglimpfung’ (?); Slovar’ VI: 30) VS *dobra(ja) slava, *dobro-slavь (: serb. Доброслав (Montenegro, Herzegowina), altkroat. Dobroslaus, 1243, 1256, 1265, sowie pol. Dobrostaw – Toponym u. a.; Miklosich 1927: 56, 31; siehe außerdem ESSJ V: 43);
*z̑blo-dějb (: altpol. Paulus Złodzieј; Miklosich 1927: 63) VS *dobro-dějb (: altserb. Dobrodei = mod. Dobro-djej; Maretić 1886: 105; altruss. Добродѣя; Miklosich 1927: 56; kirchenslaw. добродѣи ‘ein gut handelnder Mensch’, tschech. dial. dobrod’ej ‘Wohltäter’ u. a.; ESSJ V: 42);
*z̑blo-gostь (: altruss. Федора Злыгостева; Грамотки 1969: 269, 270; (Derivat) bulg. Злогошит, maked. Злогоши – Toponyme; Rospond 1983: 154) VS *dobro-gostь (: alttschech. Dobrogost, 13. Jh., Dobrohost, davon tschech. Toponym Dobrohošť; Miklosich 1927: 56, 147; alttschech. dobrohost ‘guter Gast’, ‘Held’ u. a.; ESSJ V: 42; altpol. Dobrogost, 1153; Rospond 1983: 65);
*z̑blo-mirь, *z̑blo-měrь (: ung. Zelemér – Aufzeichnung eines slawischen Namens; Toporov 2006: 66; bulg. Зломер – Toponym; Rospond 1983: 154) VS *dobro-mirь (: bulg. Добромир, tschech. Dobromir u. a.; ESSJ V: 43; Toporov 2006: 33);
*z̑blo-vědь (: tschech. Zlověď; Rospond 1983: 154, (Derivat) Zlovědice – Toponym; Miklosich 1927: 152 = *Zblověd-itji) VS *dobro-vědь (: altruss. *Добровед > Oikonym Доброведово, 19. Jh. im Raum Velikie Luki; Novodvorskij 2014: 263). Entsprechend – „Übel-Kündender“ und „Gut-Kündender“ (oder „[der] übles / gutes Wissen [Tragende]“), vgl. *věda ‘Botschaft’, ‘Gerücht’, ‘Wissen’. Das Vorhandensein von -vědь in Namenkomposita ist ein Argument für das hohe Alter des Substantivs *věda (in Anikin 2012: 166: „Die Rekonstruktion ist problematisch (bedarf der Einschränkung)“);
*z̑blo-věťь (: tschech. (Derivat) Zlově̇tice – Toponym; Miklosich 1927: 152, abgeleitet vom Namen *Zlověť) VS *dobro-věťь (potenziell möglich als
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Ergebnis der Verkürzung der entsprechenden Formel, deren Nachhall im ukrainischen добре вітати, з добром вітати ‘mit Gutem, aufrichtig ehren, gratulieren’ hörbar ist). Die Komponente *věť (vgl. altruss. вѣть ‘Ermahnung’, ‘Rat, Beratung’, kirchenslaw. вѣть ‘Übereinkunft, Vertrag’) ist in diesem Paar wegen ihrer Verbindungen zu av. vaēδā- ‘gerichtliche Entscheidung’, ‘Entlarvung (des Angeklagten)’, auch als Bezeichnung eines der „Nask“ („Nīkatum“), und vaēδ- ‘durch Gericht bestimmen (festsetzen)’ interessant (Bartholomae 1904: 1322; Anikin 2013: 67). Alle Wortverwendungen lassen sich auf der Grundlage der Sprachsemantik ‘Beratung, Rat’ vereinigen, woraus ‘Gericht’ und ‘Vertrag’ hervorgehen.
*zъlo-vidъ (: altruss. „lebt bei Ivanom Slovidovym Matvěi Slovidov“; Грамотки 1969: 111) VS *dobro-vidъ (: tschech. Dobrovid; Rospond 1983: 45, 56; daraus mit –jь gebildetes Toponym Dobroviz; Miklosich 1927: 31);
*zъl-oba (: altserb. Slobba = Zloba; Maretić 1886: 97; kroat. Zlobin; Miklosich 1927: 152 – Derivat mit dem Suffix -in-) VS *dobr-ota (: bulg. Добро́та; ESSJ V: 43; altserb. Доброта; Miklosich 1927: 30).
Die ethische Komponente der in diesen Gegenüberstellungen enthaltenen Semantik sowie die Semantik des Systems von Anthroponymkomposita mit *bog-, *mir-, *mysl-, *slav-, *svęt und der sakralen Formeln, die diese Elemente enthalten, verweist auf die These von der Bekanntschaft der Slawen mit dem Mithraismus, dessen Ideen von ihnen übernommen und in einem synthetischen Schlüssel rezipiert wurden, indem sie sich organisch mit den slawischen religiösen Vorstellungen verbanden (siehe z. B.: Toporov 2006: 12; Vjač. Vs. Ivanov sagt mit Nachdruck, dass die Slawen gerade den Mithraismus als besondere eigenständige Religion erfahren haben; Ivanov 2011: 16). Daher ist es sehr wahrscheinlich, dass slav. *dobro-myslь, *dobro-slavь (nicht als Wort oder Gebet, sondern als Kunde, Gerücht), *dobro-tvorъ / *dobro-dějь Namen sind, die die „rekodierte“ Triade Guter Gedanke (av. humata-) – Gutes Wort (av. huxta-) – Gute Tat (av. hvaršta-) duplizieren, die für die zoroastrische religiöse Ethik und die ihr nahestehende Ethik des Mithraismus grundlegend ist. Und ebenso wie im Zoroastrismus stehen dieser Triade der Böse Gedanke (av. dušmata-) – das Böse Wort (av. dužūxta-) – die Böse Tat (av. dužvaršta-) gegenüber: slav. *zъlo-myslь, *zъlo-slavь, *zъlo-tvorъ / *zъlo-dějь.
Die sprachlichen Zeugnisse des iranischen Einflusses auf die religiöse Sphäre der Slawen und auf die Semantik ihrer Texte, die dem sakralen Bereich angehören, geben keine Antwort auf die Frage nach dem Ort und der ungefähren Zeit der Kontakte mit dem iranischen Ethnos, das die mithraistische Ideologie trug. Kaum dürfte dieser Kontakt ausschließlich innerhalb eines einzigen Areals stattgefunden haben. Vermutlich konnten die Slawen einige Züge dieser Ideologie auf zwei Wegen übernehmen: von der iranischen Bevölkerung Pannoniens, die hier vor ihrer Migration in andere Gebiete neben den Slawen lebte (zur Verbreitung des Mithraismus in Pannonien und weiter – im Donauraum – siehe Бурлинова 1999: 96–105, 110–129), und
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von den iranischsprachigen Ethnien der Krim, wo Denkmäler des Mithras-Kults gefunden wurden (Pantikapaion und Chersones, siehe Kobylina 1978: 46–47, 88–90). Die Bekanntschaft der Slawen mit dem Mithraismus ist, wenn man ihn als wahrscheinliche Hypothese akzeptiert, hinsichtlich der Art des kulturellen Einflusses mit jener Wirkung vergleichbar, die das Slawische in der Epoche früherer Kontakte mit dem Iranischen erfahren hat (Trubačëv 1967).
4.2. Der Vergleich der Valenz des Stammes *man(t)- in zweigliedrigen Anthroponymen der baltischen Sprachen und der kombinatorischen Eigenschaften der mit ihm wurzelverwandten slav. *mysl-, *man(i)a-, *maniu-, *mata u. a. im Onomastikon der Iraner und Slawen liefert Gründe dafür, das baltische Material von der Summe der iranisch-slawischen etymologischen und semantischen Konvergenzen in der Anthroponymie abzusondern. Das uns bekannte Material zeigt nur ein Beispiel, bei dem in iranischen und baltischen Komposita beide Teile genetisch identisch sind und die Zusammensetzungen selbst eine ähnliche Semantik haben, vgl. altpreuß. Wirse-mund & altiran. *Vīra-manah-. In drei Fällen kann man eine „Begegnung“ aller drei anthroponymischen Systeme vermuten, die mit idg. *men- operieren, vgl.: urslaw. *L’udbmyslь & lit. Liáud-minas (und Moñ-tautas) & iran. *arja-man-, *Aria-manah-; urslaw. *Myslimilь & altpreuß. Mente-myl, Monte-myle, Munte-mil & iran. *Fria-manah-; urslaw. *Tēxomyslь, *Tēšimyslь & altpreuß. Monte-glaude & av. Tušna.mətay-. Dieses Ergebnis widerlegt die Annahmen über eine umfangreichere Reihe von Zweigliedern mit idg. *men-, *mata-, *mati- < *mn-t- VS balt. *man-t-. Die Besonderheit der baltischen Anthroponyme mit dem uns interessierenden lexikalischen Merkmal zeigt sich in zweifacher Hinsicht.
(1) Ein Teil von ihnen hat entweder keine typologischen Entsprechungen unter den slawischen *mysl-Namen und zeigt damit die Originalität des semantischen Musters, oder das zweite / erste Glied der Zusammensetzungen mit *man(t)- ist etymologisch unklar (Fälle gibt es genügend bei: Vanagas, ed., 1985; 1989), ohne die jegliche Vergleiche sinnlos sind.
(2) Es wurden separate baltisch-slawische Parallelen festgestellt, die ideologisch nicht mit den iranisch-slawischen verbunden sind, was angesichts der engen slawisch-baltischen Wechselwirkung in späterer Zeit, die die ethische Seite ihres Lebens nicht wesentlich berührte, kaum zufällig ist. In dieser Zeit bildeten sich für beide Sprachen gemeinsame Klischees zur Organisation homogener *man(t)-- und *mysl-- (< *mon-sl-) Komposita heraus.
Somit lauten Beispiele mit vollständiger etymologischer Identität der Zusammensetzung des Kompositums bei Slawen und Balten und identischer Reihenfolge der Komponenten: urslaw. *Golomyslь ~ lit. Gal-manas, Gal-i-mantas, Gãl-mantas; urslaw. *L’udbmyslь ~ lit. Liáud-minas; urslaw. *Myslimilь ~ altpreuß. Mente-myl, Monte-myle, Munte-mil; urslaw. *Permyslь ~ lit. Per-manas (?), Pér-monas; urslaw. *Vědomyslь ~
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altpreuß. Weide-munt, lit. Vaid-manas; urslaw. *Voldomyslъ ~ lit. Vald-mantas; urslaw. *Vbsemyslъ ~ altpreuß. Wysse-manth, Wisse-munt, lit. Viš-mantas.
Beispiele mit Identität *mysl-: *man(t)-, jedoch mit Heterogenität des zweiten Teils der in den verglichenen Komposita verwendeten Einheiten: urslaw. *Dalъmyslъ ~ lit. Tól-mantas, Tál-mantas; urslaw. *Gostomyslъ ~ lit. Vais-mantas; urslaw. *Xoti-myslъ ~ altpreuß. Nore-munt, lit. Nór-mantas; urslaw. *Svaromyslъ ~ lit. Vaid-manas; urslaw. *Velemyslъ ~ lit. Daug-mantas; (mit Inversion der Teile) urslaw. *Čajbmyslъ ~ lit. Mañt-vila, Moñt-vilas, Mañ-vilas.
Im Allgemeinen lässt sich die von den aufgezählten Namen vermittelte kulturelle Semantik wie folgt beschreiben: (‘[der] zwei Krieger hat’) altpreuß. Wirse-mund ~ altiran. *Vīra-manah-; (‘über das Volk denkend (für das Volk sorgend)’ = ‘Anführer’) urslaw. *L’udъmyslъ ~ lit. Liáud-minas ~ iran. *Ariia-manah-; (‘[dessen] Geist getröstet ist’) urslaw. *Tēxo- / *Tēši-myslъ ~ altpreuß. Monte-glaude ~ av. tušnā.matay-; (‘dem Geist / Gedanken / Willen nach stark’) urslaw. *Golomyslъ ~ lit. Gal-manas; (‘im Charakter sanft’) urslaw. *Myslimilъ ~ altpreuß. Monte-myle, Munte-mil; (‘die Gedanken kennend / sehend’) urslaw. *Vēdomyslъ ~ altpreuß. Weide-munt; (‘Herrscher der Gedanken’) urslaw. *Voldomyslъ ~ lit. Vald-mantas; (‘allgedanklich’) urslaw. *Vbsemyslъ ~ altpreuß. Wysse-manth, lit. Viš-mantas; (‘weitdenkend = weitsichtig’) urslaw. *Dalemyslъ ~ lit. Tól-mantas, Tál-mantas; (‘ein Gast, den man erwartet (ein gedachter Gast)’) urslaw. *Gostomyslъ ~ lit. Vais-mantas; (‘?’) urslaw. *Xoti-myslъ ~ altpreuß. Nore-munt, lit. Nór-mantas; (‘Streit ausheckend’) urslaw. *Svaromyslъ ~ lit. Vaid-manas; (‘vielgedankig’) urslaw. *Velemyslъ ~ lit. Daug-mantas; (‘?’) urslaw. *Čajbmyslъ ~ lit. Mañt-vila, Mañ-vilas. Wie wir sehen, betreffen die baltisch-slawischen Konvergenzen in dem durch Reflexe von idg. *men- repräsentierten Teil des Wortschatzes nicht die Axiologie der heidnischen Weltanschauung oder moralisch-ethische Kategorien, wie es bei den iranischen und slawischen der Fall war, sondern eher eine neutralere Charakterisierung mentaler Eigenschaften (oder ihrer Nutzung), die für die Träger des Namens vorbestimmt sind.
Die baltischen dethematischen Anthroponyme sind beträchtlich alt. So trägt beispielsweise „Das System der litauischen Komposita einen archaischen Charakter. Neubildungen im System dieser Namen, die auf litauischem Boden entstanden sind, sind vergleichsweise selten“ (Jurkenas 1964: 62); daher ist die Frage logisch: Wenn Slawen und Balten gemeinsame Innovationen in Morphologie und Wortbildung (darunter auch in der Wort- / Stammbildung) durchliefen, warum fehlen dann für die Gruppe der zweigliedrigen Nomina der Litauer, Letten und Altpreußen slawische Entsprechungen? Natürlich kann man nicht mit der Erhaltung des vollständigen Bestands an Komposita mit *mysl und *man(t)- rechnen, denn streng genommen sind selbst im baltischen Bereich insgesamt gemeinsame Komposita mit vollständiger etymologischer Identität der Teile nicht häufig, z. B. gemeinsame für
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die Namen der Litauer und Letten mit *man(t)- stimmen nicht mit der litauisch-preußischen Reihe der Nomina überein. Neues Material kann die Zahl der Parallelen erhöhen, doch wird es das Problem insgesamt wohl kaum lösen, da die ethnischen Wanderungen und Kontakte von Slawen und Balten nicht als ein einheitlicher Monolith gedacht werden können und daher wohl kaum zu erwarten ist, dass vollständige strukturell-etymologische Identitäten zweigliedriger Namen sowohl innerhalb des baltischen Onomastikons als auch im baltisch-slawischen Namensbestand zahlreich sein werden.
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Slavų–iranėnų kalbų kontaktai: sudurtiniai žodžiai su slav. *mysl-: iran. *mana-, *mazda- (baltų kalbų kontekste)
SANTRAUKA
Lyginamojo-istorinio iranėnų, slavų ir baltų sudurtinių asmenvardžių ir sintaksinių vietenų, sudarytų iš *mysl-: *man(i)a-, *manįu-, *mata-, *mati-, *mazda-: *man(t)-, tyrimo rezultatai leidžia daryti tam tikras išvadas. 1. Slavų ir iranėnų dvikamieniai asmenvardžiai su ide. *menatskleidžia nemažai bendrų požymių, tokių kaip: a) visiškas genetinis etimologinės sandaros tapatumas (*boromyslъ ~ iran. *bara(t)-hu-mānahar *manįa-bāra-;
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Slavo-Iranica: Compound Words with Slav. *mysl-: Iran. *mana-, *mazda- (against Baltic Background)
slav. *dėtomyslь ~ vid. pers. mn’d’t; slav. *samomyslь ~ iran. *hāmā-māna-, *hama-manah-; slav. *svetomoǫdrь ~ avest. spanṱō mazdā; slav. *světomyslь ~ avest. spənṱō.mainyavair t. t.); b) bendri kultūrinės semantikos organizavimo standartai, atskleidžiantys religinį dualizmą ir abiejose visuomenėse susiklosčiusius moralinius santykius. Šios paralelės rodo senųjų slavų ir iranėnų kalbų kontaktų pėdsakus. Dėl iranėnų įtakos slavų mitologiniams ir poetiniams tekstams slavai sudarė su iranėnais bendrus struktūrinius asmenvardžių tipus ir semantinius modelius, kurių dalis įrodo slavų perimtus mitraizmo etikos elementus (šią religiją iranėnai išplatino Panonijoje, Kryme). 2. Slavų ir baltų dvikamienių asmenvardžių su ide. *menrefleksais paralelės nesutampa su slavų ir iranėnų paralelėmis, nes baltiški pavyzdžiai atskleidžia religiškai nežymėtas kultūrines sąvokas. 3. Minėtos žodžių kategorijos formavimosi metu slavų ir iranėnų kontaktai siekė senesnius laikus nei baltų ir slavų ryšiai.
Įteikta 2022 m. spalio 23 d.
A L E X A N D E R I. I L I A D I The State Institution “South Ukrainian National Pedagogical University named after K. D. Ushinsky” 65020, Ukraine, Odessa 34, Staroportofrankiuvska Str.
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