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Der Name Leipzig und die Germanische Lautverschiebung

Jürgen Udolph

Abstract

In diesem Beitrag geht es um die Etymologie des Ortsnamens Leipzig. Lange hat man angenommen, dass das slavische Wort lipa ‘Linde’ die Grundlage sei. Eine genauere Beachtung der historischen Schreibungen wie Libzi u.a., vor allem bei Thietmar von Merseburg, der das Slavische beherrschte, führte zu einer Korrektur der Etymologie. Dabei ist bisher aber nicht beachtet worden, ob germanische Stämme diesen Namen vor oder nach Wirkung der ersten oder germanischen Lautverschiebung kennengelernt haben. Das aber ist entscheidend für die Frage, welche indogermanische Wortgruppe als Basis für den Ortsnamen angesehen werden kann.

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JÜRGEN UDOLPH Zentrum für Namenforschung – Göttingen Niedersächsische Akademie der Wissenschaften zu Göttingen ORCID id: orcid.org/0000-0002-8475-7857 Wissenschaftliche Forschungsrichtungen: Historische Linguistik, Gewässernamen, Ortsnamen, Familiennamen. DOI: doi.org/10.35321/all90-03 DER NAME LEIPZIG UND DIE GERMANISCHE LAUTVERSCHIEBUNG Leipčigo vardas ir germanų priebalsių perka ita ANNOTATION In diesem Beitrag geht es um die Etymologie des Ortsnamens Leipzig. Lange hat man angenommen, dass das slavische Wort lipa ‘Linde’ die Grundlage sei. Eine genauere Beachtung der historischen Schreibungen wie Libzi u.a., vor allem bei Thietmar von Merseburg, der das Slavische beherrschte, führte zu einer Korrektur der Etymologie. Dabei ist bisher aber nicht beachtet worden, ob germanische Stämme diesen Namen vor oder nach Wirkung der ersten oder germanischen Lautverschiebung kennengelernt haben. Das aber ist entscheidend für die Frage, welche indogermanische Wortgruppe als Basis für den Ortsnamen angesehen werden kann. SCHLÜSSELWÖRTER: Leipzig, Ortsnamen, germanische Lautverschiebung, Etymologie. ANNOTATION The article deals with the etymology of the place name Leipzig. Initially, it was widely believed that the Slavic word lipa ‘linden tree’ formed its basis. However, a closer examination of historical spellings, especially those cited by Thietmar von Merseburg, who was fluent in Slavic, such as Libzi and others, prompted a reassessment. Nevertheless, no attention has been paid so far to whether Germanic tribes adopted this name before or after the onset of the Germanic sound Shift. This aspect is crucial in determining which Indo-European word group can be viewed as the basis for the place name. KEYWORDS: Leipzig, place names, Germanic Sound Shift, etymology, Indo-European. 70 Acta Linguistica Lithuanica XC Der Name Leipzig und die Germanische Lautverschiebung EINLEITUNG¹ Jahrzehntelang wurde die Annahme vertreten, dass der Ortsname Leipzig aus slav. *Lip-skentstanden sei und mit dem in den slavischen Sprachen bestens bezeugten Wort lipa ‘Linde’ verbunden werden kann. Diese These durchzog die Namenforschung und Geschichtswissenschaft seit Beginn einer wissenschaftlichen Beschäftigung mit geographischen Namen und wurde noch bis zum Ende des 20. Jahrhunderts vertreten. Man denke nur stellvertretend an die Arbeiten von Ernst Eichler, Hans Walther (1986: 165) und Dieter Berger (1999: 180). Letzterer fasst die Deutung wie folgt zusammen: „Der Name 1459 Leipczigk, 1350 Lipzcik, 1213 Lipzc, Lipz ist eingedeutscht aus slaw. *Lipč bzw. *Lip´sk[o], dem Namen der sorbischen Siedlung (1012/18 in urbe Libzi vocata = in der Libzi genannten Stadt. Dieser Name gehört zu asorb. lipa ‘Linde’ und bedeutet ‘Ort, wo Linden wachsen’.“ Eine Wende für diese Auffassung erfolgte, als man sich genauer den ältesten Belegen des Ortsnamens, vor allem bezeugt bei Thietmar von Merseburg (975/76–1018), der offenbar über Kenntnisse der slavischen Sprache(n) verfügte, zuwandte. 1. THIETMARS BELEGE UND DIE KORREKTUR DER BISHERIGEN AUFFASSUNG Die hier skizzierte Auffassung galt unbestritten bis vor ca. 25 Jahren. Eine Wende trat ein, als man die älteste Überlieferung des Namens genauer in den Blick nahm: dazu gehört auch der von D. Berger erwähnte Beleg von 1012/18 Libzi, der von Thietmar von Merseburg stammt, dem man gute Kenntnisse der slavischen Sprache bescheinigt. Die historischen Belege mit -bführten zu einer Revision der slavischen lipa/Linden-Etymologie. Diese heute verbreitete Revision der alten Lipa-Erklärung, in der man von einem Ansatz Libund nicht Lip(a) ausgeht, basiert auf einer sorgfältigen ¹ Die Gedanken über den Ortsnamen von Leipzig, wo ich fast zehn Jahre namenkundlich tätig sein durfte, führten mich auch in die damalige Zeit zurück. Es waren die für mich wissenschaftlich erfreulichsten Jahre, die auch dank der der fruchtbaren Zusammenarbeit mit den noch lebenden Leipziger Namenforschern Dietlind Kremer (der ich in besonderem Maße zu Dank verpflichtet gewesen bin), Karlheinz Hengst und Walter Wenzel so erfolgreich gestaltet werden konnten. Straipsniai / Articles 71 JÜrGEN UDOLPH Beachtung der historischen Belege des Ortsnamens, die Berndt Koenitz (2016: 443–446) zusammengestellt hat. Ich biete davon die ältesten: 1015 (1015/18) in urbe Libzi vocatur (Thietmar VII 25) 1017 (1017/18) ecclesia in Libzi (Thietmar VII 66) 1017 (10/17/18) in urbe Libizi vocatur (Thietmar/Corveyer Handschrift VII 25) 1021 (Kopie um 1300, spätere totale Fälschung) oppidum Libziki (UB Merseburg 60) 1050 (Kopie 1427–30) in burcuardo Libizken (UB Merseburg 71) 1080 (Kopie um 1150) usque Libiz (Annales Pegavienses 241) 1088/89 (Kopie um 1150) Libiz oppidum (Annales Pegavienses 266) 1165/70 (Kopie um 1215) Lipz (Codex diplomaticus Saxoniae I 2,372; II 8,2) 1185 Albertus de Libz et frater suus burzlaus (Codex diplomaticus Saxoniae I 2,510) 1190 (Actum et datum) in Lipz (Codex diplomaticus Saxoniae I 2,560) 1195 in Lipzk (Codex diplomaticus Saxoniae I 2,561) 1200 in civitate nostra Lipz (Codex diplomaticus Saxoniae I 3,48) 1210 (Kopie um 1229) civitatem Lipczk (Codex diplomaticus Saxoniae I 3,148) 1212 apud Libuiz fundavit (Codex diplomaticus Saxoniae II 9,1) 1213 in Lipz, Lipzc (Codex diplomaticus Saxoniae II 9,2; II 9,3) 1215 in Lipz (Codex diplomaticus Saxoniae I 3,207) 1216 Lipzenses, –ium, –ibus (Codex diplomaticus Saxoniae II 8,3) 1216 Johannes miles de Lipzc (UB Merseburg 162) 1217 in civitate Lipzc (Codex diplomaticus Saxoniae II 9,4) 1219 quod ipse apud Lybzek fundavit (Codex diplomaticus Saxoniae II 9,6) 1220 Lipz (2x) (Codex diplomaticus Saxoniae II 9,7) vor 1221 Lipzensi, in Lipzc (Codex diplomaticus Saxoniae II 9,8) 1221 advocatus de Lipz (Codex diplomaticus Saxoniae I 3,289) 1221 in Lipzc (Codex diplomaticus Saxoniae II 9,8) 1222 in Lipcz (Codex diplomaticus Saxoniae II 9,8) 1222 de Lipzk (Codex diplomaticus Saxoniae II 1,92) 1224 Eckehardus prepositus de Lipz (UB Merseburg 185) um 1225 Libzke, Lipzke (Eike von Repgau, Sachsenspiegel) 1229 civitas Lipczk (Codex diplomaticus Saxoniae I 3,148) 1231 in Lipz (Codex diplomaticus Saxoniae II 10,3) 1232 Lipzic (Codex diplomaticus Saxoniae II 9,10) 1236 Lipzk, Lipzc (Codex diplomaticus Saxoniae II 9,11) 1240 Lipzik (3x) (Codex diplomaticus Saxoniae II 9,13) 1248 Lipzc (Codex diplomaticus Saxoniae II 10,10) 72 Acta Linguistica Lithuanica XC Der Name Leipzig und die Germanische Lautverschiebung 1252 in Lipzk (Codex diplomaticus Saxoniae II 1,162) 1255 in Liptzk (Codex diplomaticus Saxoniae II 8,4) 1259 civitas Lipz (Codex diplomaticus Saxoniae II 10,12) 1268 Lypzrk (Codex diplomaticus Saxoniae II 8,6 ff.) Hier kann man abbrechen. Die weitere Überlieferung zeigt nur hin und wieder eine -b-Schreibung. Diese Auflistung entspricht im Wesentlichen den ebenfalls umfassenden Sammlungen historischer Belege bei Walther (2009: 12–14) und Eichler, Walther (2010: 129 f.). Die neue Sicht der Dinge ist anfangs vor allem von E. Eichler und K. Hengst vertreten worden. Im Folgenden biete ich einen Abriss über den Verlauf der Korrekturen, die vor allem von Leipziger Namenforschern vorgenommen wurden. In einem Vortrag hat K. Hengst 2000 in Leipzig (Hinweis von Eichler 2001: 28, Anm. 26; auch näher ausgeführt bei Hengst 2010: 134) auf die Bedeutung der -b-Schreibungen hingewiesen und dazu später auch schriftlich ausgeführt (Hengst 2003: 165 f.): „Der heutige Forschungsstand ist anders: Die frühen urkundlichen Belege zu Leipzig deuten nach eingehender Überprüfung vielmehr auf eine ursprüngliche vorslawische Form für einen Gewässernamen zu einer ide.-alteurop. Basis *leibh- [...] hin [...] Ausführlich zu dieser Wurzel vgl. Udolph 1990, 136–139.“ In diesem Zusammenhang weist K. Hengst auf den Beitrag von E. Eichler (2001: 28 f.) hin, in dem dieser aufgrund der frühen -b-Formen ebenfalls auf einen vorslawischen Ansatz *Libьcь > Lib’c, gesprochen Lip’c, schließt. der „an eine indogermanisch-alteuropäische Wurzel *leib/*lībangeschlossen werden kann und die letzthin auf idg. *lei-/lēi- ‘gießen, fließen, tröpfeln’ weist.“ E. Eichler verweist für den appellativischen Bestand dieser Wurzel wie K. Hengst auf Jürgen Udolph 1990: 136 ff. Diese Auffassungen sind dann auch 2001 in das Historische Ortsnamenbuch von Sachsen (HONBS I 577 ff.) eingeflossen: „Die ältesten Schreibungen mit *Libkönnen auf eine aeur. (idg.) Wurzel *lei(b)- ‘gießen, fließen’ weisen und somit auf einem GewN *Lei-bberuhen, der zu *Libslawisiert und mit slaw. Suffixen wie -ьc- (-ьcoder -ica) erweitert wurde. Der ON wäre dann mit dem slaw. Suffix bskumgebildet und an slaw. *lipa ‘Linde’ angelehnt worden: aso. *Lip’sk(o) zu *lipa ‘Linde’ + S uff. -skъ- ‘Lindenort’. Die ältesten Belege lassen jedoch auch eine weitere Grundform mit gleicher Bedeutung zu, nämlich aso. *Lip’c, älter *Lipьcь. Durch Diphthongierung des i der Stammsilbe und Einfügen eines i zwischen die Zischlaute und das -k-Suffix entstand der heutige amtliche Name.“ Diese Auffassung hat sich dann weithin durchgesetzt, sie wird ausführlich begründet bei Walther (2009: 14), wobei angenommen wird, dass „der Namenwandel von *Lib(i)z > *Lip’skerst im letzten Drittel des 12. Jahrhunderts, Straipsniai / Articles 73 JÜRGEN UDOLPH d.h. nach der Stadtgründung um 1165, eingetreten sein [wird].“ Die Auffassung findet sich auch in dem entsprechenden Lemma im Deutschen Ortsnamenbuch (2012: 359) und bei Eichler (2007: 82), die betonen: „Da Thietmar von Merseburg die slawischen Lautungen sehr sorgfältig wiedergibt und die ältesten Schreibungen –b– aufweisen, muß man mit einer alten Gewässerbezeichnung *Librechnen, die auch sonst in Europa für Gewässernamen verbreitet ist und auch hier vorliegen kann, wie auch Gewässernamen in diesem Raum wie Luppe, Parthe, Pleiße usw. offenbar ide. Herkunft sind.“ Einen Abriss der Diskussion in Leipzig, an der vor allem E. Eichler, K. Hengst und H. Walther beteiligt waren, gibt Walther 2009. Man korrigierte die bisherige Erklärung, die vor allem auf den –p–haltigen Namenbelegen basiert und entwickelte aufgrund der –b–haltigen frühen Quellenbelege die oben schon angesprochene Etymologie, die zu einer Wurzel *leibhführte (Dieser Ansatz muss allerdings im Wurzelauslaut, dazu s. weiter unten). Eine ausführliche Darlegung der Problematik des Namens einschließlich der neuen Interpretation und einigen weiteren neuen Gesichtspunkten bieten schließlich Walther 2009 und Eichler, Walther (2010: 129–133). Letztere vermuten hinter dem Ansatz Libl̥[z weniger einen Gewässernamen als vielmehr eine ‘flusswasserreiche, schlüpfrige, lehmige Gegend’ und weisen auf den Wasserreichtum des Gebietes bei Leipzig nachdrücklich hin. Wenige Seiten weiter hat auch Hengst (2010: 135) auf „die an Wasserläufen reiche Leipziger Landschaft“ hingewiesen. 2. EINE GEGENBEWEGUNG: KANN MAN UNTER BEACHTUNG DER –B–SCHREIBUNGEN NICHT DOCH EINE SLAVISCHE ETYMOLOGIE WAHRSCHEINLICH MACHEN? Natürlich kann man versuchen – und das hat man auch – den Namen Leipzig unter Einbeziehung der alten Belege mit –b– wie Libzi, Libizi usw. aus dem Slavischen zu erklären. Diese Möglichkeit hat K. Hengst schon früh diskutiert und bemerkt (Hengst 2010: 135): „Es erhebt sich also erneut die Frage, ob das Slavische überhaupt eine Möglichkeit bietet, die b-Formen in der Frühüberlieferung des Ortsnamens Leipzig zu erklären.“ Er diskutiert etliche slavische Wurzeln, die unter Umständen in Frage kommen könnten, folgert aber schließlich (2010: 137): „Der ON Leipzig steht für eine vermutete Ausgangsform aso. *Lib-cim aso. Sprachraum absolut vereinzelt da.“ 74 Acta Linguistica Lithuanica XC Der Name Leipzig und die Germanische Lautverschiebung Die gleiche Meinung vertrat Walter Wenzel (2017: 171): „Da sich im Slawischen keine Wurzel *libnachweisen ließ, die für den Namen in Frage käme, rekonstruierte [...] Karlheinz Hengst einen germanischen Namen *Libja ‘Ort in einer flusswasserreichen Gegend‘.“ Slaven übernahmen nach W. Wenzel den Namen, „wobei sie ihn in das slawische Namensystem integrierten und mit dem Suffix urslaw. *-bsъ versahen. So entstand *Libъskъ, nach Ausfall der reduzierten Vokale *Libsk, daraus dann durch Angleichung von b an s *Lipsk“ (ebd.). Gegen diese und ähnliche Meinungen hat B. Koenitz (2016) in den Namenkundlichen Informationen vehement Einspruch eingelegt, was schon im Titel seines Beitrags deutlich wird: „Leipzig – die Herkunft des Namens ist rein slawisch!“ Koenitz geht – den neueren Forschungen folgend – von den -b-haltigen Belegen aus und sieht in ihnen eine altsorbische Grundform *Libci/*Libce, gebildet als Plural eines Einwohnernamens auf der Grundlage von *libc ‘ein magerer, schwacher, mickriger Mensch’. Er versucht diese Erklärung durch eine Reihe ähnlich strukturierter und semantisch vergleichbarer tschechischer Ortsnamen einerseits und durch historische Belege für die Wurzel *libin mehreren slawischen Sprachen andererseits begründet. Darüber hinaus bezweifelt Koenitz, dass spätere Formen des Namens, die -zik-, -zk, -zigusw. enthalten, ursprünglich das Suffix -skwiderspiegeln. Es handele sich eher um eine frühe alternative Diminutivform *Libcky, die den Charakter des Toponyms als Spitzname erweitert, wobei die Formen Lipsk, Lipsko des modernen Polnischen, Sorbischen und Tschechischen vermutlich das Ergebnis der Interpretation (geschriebener und gesprochener) germanisierter Formen aus dem 14. Jahrhundert sind. Im Einzelnen sprächen 5 Punkte gegen die Interpretation mit einem -b-haltigen Ansatz: 1. Das zweimalige Thietmarsche Notation <Libzi> lässt nicht auf die Namensform *Libc schließen. 2. Die Belege Libziki, Libizken bei Thietmar sehen stark nach slavischen Pluralformen aus. 3. Die Möglichkeit einer slavischen Etymologie wurde nur sehr flüchtig geprüft und vorschnell zugunsten eines vorslawischen, nur rekonstruierten (germanischen) Wasserwortes verworfen. 4. Offensichtlich wurde auch die Suche im slavischen Sprachgut von vornherein auf den Aspekt des potentiell namengebenden – vor allem des „flusswasserreichen“ – Geländes eingeschränkt. 5. Eine Herleitung von einer Personenbezeichnung bzw. einem Personennamen wurde nicht in Betracht gezogen. Straipsniai / Articles 75 JÜRGEN UDOLPH Koenitz’ eigener Vorschlag besteht, wie schon angemerkt, darin, den Ortsnamen mit einer (slavischen) Personenbezeichnung in Verbindung zu bringen. Libzi sei als Libči zu erklären und mit einem ursprünglichen Nominativ Plural *Libci zu altsorbisch *libc < *libcь ‘magerer, schwächlicher [o.ä.] Mensch’ o.ä. zu verbinden. Einen Vergleichsnamen stellt nach Koenitz der tschechische Ortsname Slabce < *Slabbcь/ *Slabbce zu tschech. slabec ‘Schwächling’ dar. K. Hengst hat wenig später zu dieser Auffassung Stellung bezogen und zunächst betont, dass „in der slawischen Toponymie von Rügen bis zum Schwarzen Meer sowie zwischen Ural und Nordostbayern [...] kein vergleichbarer geographischer Name mit einer Basis *libzu finden [sei]“, und es daher wahrscheinlich sei, dass Slaven den Namen übernommen und nicht geschaffen hätten (Hengst 2016: 462). Im weiteren Verlauf seines Beitrags diskutiert er die Frage, ob sich ein slavischer geographischer oder Siedlungsname mit einer historischen Tradierung finden ließe, mit Hilfe dessen sich ein Nachweis von slaw. *libim toponymischen Bereich belegt werden könne. Die urslawische Wurzel *libbmit der schillernden Bedeutung ‘schwach, unansehnlich, mager, fettarm’ sowie mit unterschiedlichen Vertretungen in den slavischen Einzelsprachen sei seit rund einem Jahrhundert als Erbe aus urslawischer Zeit gut bekannt. „Was aber nach wie vor fehle, ist ein Toponym genau zu diesem *libb. Kann die Forschung ein solches eruieren, erhöht sich schlagartig die Wahrscheinlichkeit, dass sich auch die ursprüngliche slawische Namensform unseres heutigen Namens Leipzig damit verbinden lässt und damit ursprünglich slawische Namengebung vorliegt“ (ebd.: 463). Aber trotz dieser Einschränkung akzeptiert K. Hengst im Wesentlichen den Vorschlag von B. Koenitz und sieht darin „eine belastbare slawische Ausgangsform für den ON Leipzig“ (ebd.: 475). Dieser Auffassung folgt im Wesentlichen auch W. Wenzel (2016) in einem kurzen Beitrag. Er hält mit B. Koenitz die Annahme eines germanischen und/oder slavischen Kompositums *Libьcь oder *Libьsk(o) ‘Ort in einem Gebiet mit reichlich vorhandenem Flusswasser’ für fragwürdig und akzeptiert dessen altsorbischen Ansatz *Lib́cě ‘Siedlung der Schwächlinge, Kümmerlinge“ zu einem urslawischen Ansatz *libь ‘schwach, mager, kränklich’ oder auch ‘Siedlung einer Familie’ Libьc´ mit *Libьcь als Personenname. Diese Interpretation werde weiter durch die russischen Nachnamen Liba, Libov gestützt und unter Heranziehung der tschechischen Ortsnamen Studce, Trubce, Chylec usw. sei ein Ansatz *Libčě ‘Siedlung der Schwächlinge’ als Spitzname eher anzunehmen als ‘Siedlung der Libьc´-Familie’. Aber es erhebt sich die Frage: überzeugt eine slavische Etymologie mit einem Ansatz *Lib-? Das ist mit hoher Wahrscheinlichkeit deshalb fraglich, weil Vergleichsnamen fehlen. Mit Recht hat Koenitz (2016: 441 darauf verwiesen, dass die früher 76 Acta Linguistica Lithuanica XC Der Name Leipzig und die Germanische Lautverschiebung allgemein akzeptierte Verbindung des Namens Leipzig mit slavisch lipa ‘Linde’ „durch genügend andere ON in der slavischen Umgebung (tschechische, polnische, oberund niedersorbische, polabische, vgl. Hey 1893: 250)“ gestützt worden ist. Man muss sich dann aber auch fragen, ob das auch im Fall von Leipzig (aus einem Ansatz mit -b-) der Fall ist. Und daher ist auch mehrfach von anderer Seite auf das Fehlen von überzeugenden slavischen Vergleichsnamen, man vergleiche Hengst 2010: 137 und Wenzel 2017: 171, verwiesen worden. Diesem Problem versuchte B. Koenitz unter Heranziehung von möglichen Namenparallelen zu begegnen. Um zu einer schlüssigen Antwort zu kommen, ist es sinnvoll, eine seit ca. 2 Jahren im Internet frei zugängliche Sammlung von geographischen Namen einzusehen. Ich habe mehrfach auf diese Sammlung von ca. 450.000 Namen, die zum großen Teil slavischen Ursprungs sind, hingewiesen (vgl. z.B. Udolph 2021, 2022, 2022a, 2023). Sie ist im Internet auf der Seite https://adw-verwaltung.uni-goettingen.de/ortsnamen/images_lightbox.php abrufbar. Es empfiehlt sich, dort nach slavischen geographischen Namen zu suchen, die auf einen Ansatz Libhinweisen könnten und somit Anhaltspunkte für eine mögliche slavische Etymologie enthalten könnten. Die Ausbeute ist beträchtlich. Hier eine Auflistung der meisten der dort genannten Namen: Lib, Liba/Libauа, Libče/Libči, Libec, Libeč, Liběč, Liběchov/Libín, Libeň, Libchava/Libchavy, Libice/Libici, Libkov, Libno, Libouň, Liban, Libanovo, Libanja, Libarna/Livorno/Liburni/Liburnia, Libawa, Libbehne/Libenow, Libbich, Libčice, Libčany, Libě, Liběčhovka, Libeč, Libědice, Libehna, Libeličě, Libějice, Libelose, Libelj, Libenica, Libenka, Libenize, Libeniczа, Libera, Liber, Liberec, Liberk, Liběšice, Libeš, Libešovice, Libetova, Libětice, Libhošť’, Libigž/Libiažka/Libigž/Libienz, Libice, Libič, Libice, Libič, Libichowa, Libingen, Libina, Libiszka, Libišany, Libiš, Libiv, Libitz, Libnitz, Libniza, Liboň, Liboměřice, Libosváry, Libova, Libouchec, Libovište, Libovia, Libow See/Libowe See, Libová, *Libovl, Libow See, Libovje, Liboviža, Libovište, Libra, Libražd, Librantowa, Librówka, Libřice, Libri, Libuchova/Libuchovka, Libusza/Libuszka, Libuše, Libušin. Soweit die Auflistung der in der genannten Internetdatei verzeichneten Namen. Die Fülle macht deutlich, dass die Annahme, der Ortsname Leipzig könne auf einen slavischen Ansatz mit -bzurückgeführt werden, bislang keineswegs mit dem zur Verfügung stehenden Ortsnamenmaterial geprüft worden ist. Die hier mehrfach genannte Internetdatei muss herangezogen werden. Eine Prüfung der zahlreichen Namen ergibt nun aber, dass die Zahl derjenigen, die in einem Zusammenhang mit dem angenommenen slavischen Ansatz für Leipzig stehen könnten, erheblich schrumpft. Es ist nicht möglich, hier eine komplette Analyse sämtlicher Namen vorzulegen, aber es lassen sich verschiedene Gruppen herausarbeiten, die aus ganz unterschiedlichen Gründen Straipsniai / Articles 77 JÜRGEN UDOLPH in keinem Zusammenhang mit dem Ansatz *Liběče ‘Siedlung der Schwächlinge, Kümmerlinge’ oder ‘Siedlung einer Familie’ Libčć mit *Libъcь als Personenname gebracht werden können. Bei der Auflistung der Namen gebe ich keine genaueren Quellenbelege an, sie können sämtlich in der Internetdatei eingesehen und geprüft werden. Die folgenden Gruppen kann man erkennen: 1. Mit anderen Suffixen gebildet sind die folgenden Namen, so dass ein Zusammenhang wenig wahrscheinlich ist: L ibanovo, Ortsname in Makedonien (Vasmer 1970: 206); Liebelose, Libelose, Gewässername in Horst (Ostpommern), 1180, 1208 Niflose, 1618 LeweloseFluss (Bosse 1939). 2. Anderer Herkunft oder von Personennamen abgeleitet sind die folgenden Namen: Libbich, deutscher Name (Gansleweit 1982: 190 f.); Liberec/Reichenberg, Liberk, Libochová Dolní und Horní, villam Lubchow, Lybochau, Libochovice, Libuchová, Libuchovka, Libusza, Libuše, Libušin, Liebiezka, Libiszka, Libíšany, Libšany, Libív, Liběvi, Libievi, Lubiana, Libbehne, Llaben, Libene, Libražd, Librantowa, Parambam Elbrandi, de Poramba, Poręba Elbranda, Hildebranda, Librówka, Liber, Libań, *Lebán ja, Libějice, Lubějovici, Libějovici, *Libějovice, Libouchec, Lupuche (Profous 1949: 600 f.). 3. Häufig sind in den heute und früher von Slaven besiedeten Ländern Ortsund Gewässernamen, deren jüngere Formen mit Libauf Entwicklungen aus L(ъ)ubzurückgehen (auch schon angesprochen von Hengst 2009: 26). Hier können genannt werden: Liběchov, Libín, Liběchovka, Libín, Liba abzuleiten, für 78 Acta Linguistica Lithuanica XC Der Name Leipzig und die Germanische Lautverschiebung den ältere Formen auf einen Ansatz *Lubweisen. Das gilt auch für einige tschechische, mährische und slovakische Ortsnamen wie Libeň (ausführlich dazu Profous 1949: 581), ferner Libchava, Libchavy, Libčány, Libědice, Liběšice, Libice, mehrere Orte in Böhmen und Mähren (ebd.: 581 ff.; Hosák, Šrámek 1970: 525 f.), Libavá, Libavá Stará, Libhošť, Libina Moravska und Německá, Libinky. Libeř, Libeš, Liběšice, Libešovice, Libiš, Libohošť, Libice, Libče/Libči, Libec, Liběč, Libiva, Liboměřice, Liboš, Libosváry, Libřice und die übrige bibliographische Angabe. In Polen sind entsprechende Bildungen ebenfalls zu finden, so bei Libiąż, Ortsname südöstlich von Katowice, 1405 Lubansz usw., davon abgeleitet der Gewässername Libiążka (HE IX 59 f.); Libichowa, Ortsname südöstl. Kraków, 1262 (Kopie 17. Jh.) Lubichowa, Lubechowa, Lubichowa (SHGZ III 601 f.). Und auch in slavischen Namen in Deutschland ist die Entwicklung erkennbar: Groß und Klein Liebitz, Lubicze, Libow See, Libowe See, Liebon, Liboń, Leubobel, Lobebyl, Lieben, Liebono, Liebau, castrum Lübaw e, Lubow, Libehna, Lubene, Libene, Liebschütz, Lubezic, Libbenichen, Lubanovitz und die übrigen Angaben. Ebenfalls häufig ist diese Entwicklung bei südslavischen Namen zu beobachten, so nennt France Bezlaj (1969: 12) Libanja, an der Lybon; Libušnje, Glibusna; Libeliče/Leifling, Liwuelich; Libeliče, Liflach, Libelj, am Lubel, Libenica, Libija, Libonja, Libeliče, Libić, Libovište, Ortsname bei Ohrid (Rospond 1937: 16). Bei einigen Namen – vor allem Gewässernamen – wird Straipsniai / Articles 79 JÜRGEN UDOLPH man allerdings Zweifel an dieser Erklärung haben müssen. Dazu wird unten Stellung genommen. Entsprechende slavische Namen finden sich auch in Griechenland: Libova, griech. Λίμποβες, Γλίμποβα (nach Malingoudis 1981: 63 –ov-Ableitung von einem Personennamen Libo, Kurzform zum Vollnamen Libo-mir), sowie auch Liboviž’a, griech. Λιμποβίζια, eine possessivische Bildung mit dem Suffix -ja aus einem PN Libovidь < Ljubovidь (ebd.). Phaedon Malingoudis stellt hierher auch – gegen Max Vasmer – den Ortsnamen Λιμποβίσı in Arkadien aus slav. Libovižь (Libovidь + jь). Der gleiche Reflex Libostatt Ljuboist auch in Albanien nachgewiesen: Libounik – Libonik (Slišichev 1931: 271), Libouša (ebd.: 302). 4. Weitere slavische Ortsnamen sind nachweislich von slavisch lipa ‘Linde’ abgeleitet. Mir sind bekannt: Libingen, Flurname bei Glossen (Löbau), < lipina (Hoffmann 1959: 39); Libitz auf Rügen, 1386 Lypitze (Trautmann 1949: 43). Diese Entwicklung sieht Bezlaj 1961: 344 f. auch in dem Flussnamen Libniza (in dieser Form in einer Kopie (12. Jahrhundert) einer Urkunde von 1002 erwähnt), einem Nebenfluss der Sora in Slovenien. Damit kann ich die Auflistung der zahlreichen slavischen Namen, die auf einer Basis Libberuhen könnten, abschließen. Falls man den Namen Leipzig, 1015 ff. in urbe Libzi, in Libzi, Libizi usw. aus dem Slavischen erklären möchte, wäre zu erwarten gewesen, dass sich Parallelen finden. Das aber ist offenbar nicht der Fall. 3. WAS SAGT DIESE SAMMLUNG FÜR EINEN SLAVISCHEN ANSATZ LIB’CI O.Ä. FÜR LEIPZIG AUS? 1) Es gibt offenbar keine Parallelen. 2) Für eine Deutung mit Hilfe von slavischem Wortoder Namenmaterial spricht nichts. 3) Das Suffix *-ьсв, das B. Koenitz in dem Ortsnamen vermutet, findet sich in den Varianten *ьсв, *-ьса, *-ьсе, *-ьci in zahlreichen slavischen Gewässer-, Ortsund Flurnamen, man findet sie z.B. in Jilec, Gnilec, Blatec, Izvorec und in den vergleichbaren pluralen Bildungen Izvor-ci, Ozer-cy, Blat-ci, Brloš-ci, Bron’-cy (vgl. Udolph 1979: 587 f.). 80 Acta Linguistica Lithuanica XC Der Name Leipzig und die Germanische Lautverschiebung 4) Daraus folgt, dass dieses Suffix im Zuge einer Slavisierung auch an nichtoder vorslavische Basen angetreten sein kann. Diesem Gedanken soll im Folgenden nachgegangen werden. Dazu muss man aber – wie zuletzt immer wieder vorgeschlagen wurde das Slavische verlassen, denn Namenparallelen für einen Ortsnamen *Libъ o.ä. finden sich gerade auch in geographischen Namen außerhalb des slavischen Siedlungsgebiets. 5) Wie schon an anderer Stelle ausgeführt worden ist – damals noch ohne Bezug auf den Ortsnamen Leipzig (es herrschte damals die Meinung vor, der Name gehöre zu slavisch lipa ‘Linde’) – gibt es mehr als ein Dutzend Gewässernamen auch außerhalb des slavischen Siedlungsgebiets, die auf eine Basis *leibzurückgehen dürften (Udolph 1990: 136–141). In Studien, die seitdem erschienen sind, wurde zwar auf die von mir damals vermutete indogermanische Wurzel *leib- (gelegentlich falsch auch: *leibh-) hingewiesen und auch eine Verbindung zum Ortsnamen Leipzig hergestellt (z.B. Hengst 2003: 165 f.), aber eine Zusammenstellung der damit zu verbindenden Gewässernamen erfolgte nicht, ebenso wenig eine Auflistung des überaus wichtigen altgriechischen Wortmaterials, das als Basis für alte Gewässernamen bestens geeignet ist. Es ist aber absolut notwendig, das entsprechende Material hier noch einmal, ergänzt und korrigiert, anzuführen. 4. *LEIB–, *LOIB–, *LĪB–, *LĪB– IN EUROPÄISCHEN GEWÄSSERNAMEN Ein Ansatz *leibusw. (und nicht *leibh-) ergibt sich aus dem appellativischen Bestand des Griechischen, s. dazu weiter unten. Die Suche und Zusammenstellung von mutmaßlich zugehörigen Gewässernamen ergibt auch, dass es Ableitungen von verschiedenen Ablautstufen zu geben scheint. Dabei ist allerdings nicht immer sicher zu unterscheiden, ob Vokallänge oder Diphthong zugrunde liegen. Die folgenden Namen lassen sich offenbar in einen Zusammenhang mit einer Wurzel *leib-, *loib-, *lib-, *lībbringen: a) *–ei–: Einen sicheren Nachweis dieser Ablautstufe kann ich nicht nachweisen. Möglicherweise ist hier der unter *–ī– angeführte Gewässername Ľubica einzuordnen. Straipsniai / Articles 81 JŪRGEN UDOLPH b) *−oi−: Eine −n−Ableitung zu dieser Ablautstufe darf in dem in dem bei Ptolemäus belegten Ortsnamen Λοιβάνα im Gebiet der Keltiberer (Holder 1904: 280) vermutet werden. Der wichtigste Vertreter für die Annahme einer Ablautstufe *−oi− liegt nach meiner Einschätzung in der mutmaßlichen Grundform *Loibā für den Flussnamen Łeba/Leba vor, einem ca. 150 km langen Ostseezufluss bei Łeba/Leba, nordwestlich von Gdynia/Gdingen. Dieser Namen wurde zusammen mit dem Seenamen Łebsko, deutsch Leba-See, und dem Ortsnamen Łeba/Leba in die Ostsee, an anderer Stelle ausführlich behandelt (Udolph 1990: 136–141). Die historischen Belege (Auflistung: Udolph 1990: 136 f.; Babik 2001: 439) zeigen keine großen Variationen: 1140 (Kopie Anf. 13. Jh.) ad Lebam, 1182 Leba, 1188 (Kopie 1370) ad Lebam, 1217 intil Floden Leba, ad Lebam, um 1229 super lebam, 1240 Leba, 1251 super lebam, 1252 (K. 15. Jh.) super Lebarn, 1260 super Lebam, 1282 Leba, 1283 Leba, cum clausura Lebe, 1287 super Lebam, 1288 Leba, 1295 Leba, 1310 Leba, 1313 Leba (mehrfach), 1320 Leba, citra fluvium Lebam usw. Das gilt auch für den davon abgeleiteten Ortsnamen Łeba/Leba und den Seenamen Łebsko/Leba-See. Die Deutung aus *Loibā ist von Zbigniew Babik (2001: 439–441) kritisiert und abgelehnt worden. Er verweist zum einen auf eine Rezension des Versuchs bei Leszek Bednarczuk (1993: 253), der bemängelt, es lasse sich kein Diphthong im Namen der Łeba nachweisen und eine Verbindung zum Namen der Elbe/Łaba herstellen. Beide Annahmen sind verfehlt: zum fehlenden Diphthong ist auf die entscheidenden Hinweise von Friedrich Lorentz zur Lautentwicklung im Slovinzischen zu achten (ausführlich besprochen bei Udolph 1990: 138), zur Verbindung mit dem Namen der Elbe/Łaba kann man auf die ablehnende Haltung von Richard Ekblom verweisen (Udolph 1990: 137, Anm. 9). Z. Babik selbst lehnt diese Etymologie ab und hält eine Verbindung mit einem (nicht bezeugten!) slavischem Dialektwort *lebъ ‘dünn, zart’, das mit litauisch láibas verwandt sei, für überzeugend. Das litauische Wort besitzt eine Bedeutungspalette von ‘schlank, schmächtig, hager, dünn’ bis zu ‘schwach’ und ist – was Z. Babik nicht erwähnt – urverwandt mit kirchenslavisch libъv ‘dünn, schlank, schmal’ usw. Ich vermag beim besten Willen nicht zu erkennen, wie das als Basis für einen Gewässernamen dienen könnte. Ich betone nochmals die entscheidenden Passagen von F. Lorentz, die es erlauben, hinter dem aus den kaschubischen und slowinzischen Dialekten entwickelten Vokal *−e− auch ein *−ě− zu vermuten, das bestens zu einem Ansatz *Loibā > *Lěba passen kann. Aus diesem Grund ist ein Ansatz *Loibā für Łeba/Leba vorzuziehen. 82 Acta Linguistica Lithuanica XC Der Name Leipzig und die Germanische Lautverschiebung Damit wird auch der Flussname aus seiner Isolation, die auch Z. Babik betont hat, gelöst, denn er gehört ja mit einem Ansatz *Loibzu den schwundstufigen Bildungen, die hier anschließend aufgeführt werden. Es sind nicht wenige Namen. c) *-ī-: Diese Schwundstufe der Ablautreihe *leib-/*loib-/*lib-/*lībist in slavischen Gewässernamen – aber nicht nur dort! – gut nachweisbar: 1. Město Libavá, dt. Liebau, bei Olomouc/Olmütz, liegt am Fluss Libavský potok, dt. Liebauer Bach, linker Nebenfluss der Oder, der Ortsname: 1301 in Lubavia, 1323 in Luboia, 1633 z Lybawi usw., dort auch Ortsname Libavá Stará, 1397 Stara Lybowa, 1480 Stara Libawa, dt. Altliebe (Hosák, Šrámek 1970: 527). Zur Deutung heißt es bei den Hosák, Šrámek: Die Wurzel l’ub- ‘lieb, teuer’ erscheint in slavischen Hydronymen, wahrscheinlich ist von einer possessivischen Bildung mit dem Suffix -ova auszugehen. Das kann man bezweifeln, denn -ava in slavischen Namen in erster Linie und fast ausschließlich ein hydronymisches Suffix (dazu mit Hinweisen auf weitere Literatur Udolph 1979: 555–558), das auch zur Slavisierung von vorslavischen Gewässernamen diente, z.B. ganz in der Nähe Opa > Opava. Es ist nicht ausgeschlossen – dafür spricht auch die Belegreihe für Libavá Stará – dass von einem ursprünglichen Gewässernamen auszugehen ist. Er würde dann eine schwundstufige Bildung fortsetzen. 2. Ortsname Libava, dt. Liebau, Wüstung bei Falknov/Falkenau an der Eger, um 1370 Lyba, Oden lyba, 1523 Lyba, 1525 in Lieba, 1542 Lieba, lag Fluss (Malá) Libava, einem linken Nebenfluss der Ohře/Eger, 1428 dan der Lybau, 1509 Velká Libava, 1603 Velká Libau, vgl. Udolph 1990: 139 f. 3. Ähnlich problematisch ist die Verbindung des Gewässernamens Libawa, eines ca. 20 km langen rechten Nebenflusses der Małapanew/Malapane (mündet heute in den Turawa-Stausee), 1566 ein forenbach die Lubaw genannt, der heute den Namen Libawa führt (Domański 1970: 136) mit einem Personennamen. Auch hier fragt sich, ob das hydronymische Suffix -awa an einen Personennamen angetreten sein soll. Zu den Einzelheiten s. Udolph 1990: 139; zur Auflistung der Appellativa s. unten. Diese Erklärung hat Babik (2001: 426) abgelehnt und eine Verbindung mit slavisch libъ ‘dünn, schwach, langsam, träge’ bevorzugt. Es handelt sich um dieselbe Wurzel, die von B. Koenitz zur Erklärung des Namens Leipzig herangezogen worden ist, allerdings mit einer Bedeutungspalette um ‘mager, schwach, mickrig’ (s. oben). Die von Z. Babik angeführten Bedeutungen ‘langsam, träge’ sind nicht nachweisbar. Hier ist der Bedeutungsspielraum unzulässig erweitert worden. Zudem steht ja Libawa (zur Małapanew/Malapane) nicht allein, sondern hat die beiden tschechischen Flussnamen neben sich. Straipsniai / Articles 83 JÜRGEN UDOLPH 4. Lübnitz, Ortsname im Landkreis Bayreuth (Oberfranken), (1332–1340) zu Libnitz, (ca. 1398–1420 von der Liebnicz [...] zu der Liebnitz usw.), wird von E. Eichler, Albrecht Greule, Wolfgang Janka, Robert Schuh (2006: 154–156), ausführlich behandelt. Er beruht auf dem Gewässernamen Lübnitz(bach) und wird von den Autoren auf eine Grundform *Lьbnica zurückgeführt. Eine slavische Etymologie bietet sich nicht an, so dass man zögernd an einen Zusammenhang mit der hier genannten Sippe um idg. *lei-b- ‘gießen, fließen’ denken darf (s. auch Hengst 2009: 27). 5. Strittig ist auch ein Gewässername Libovje (?) oder Libovja, nach Bezlaj (1956: 342) nicht zu lokalisierender Fluss im Gebiet der Mur (Slowenien), hierauf vielleicht zu beziehen 1232 inter aquam Liboam et Muram. In Beschreibungen Sloveniens werden heute etliche Bäche mit dem Namen Libovja genannt, z.B. ein Flüsschen im Gebiet der Savinja/Sann. Eine Identifizierung ist allerdings kaum möglich. Vielleicht besteht ein Zusammenhang mit Libovia, nach ungarischen Quellen ein Gewässername im Komitat Zala (Pesty 1888: 188) oder auch mit einem 1193 erwähnten Flussnamen Libouza bei Nagykanizsa, in dessen Nähe auch ein Ort Liboca genannt wird, 1321 Libolcha, Libocha, 1357 Libolcha, 1493 Lybolcha. Ján Stanislav (1948: 2, 314) und Bezlaj (1956: 342) erwägen Zusammenhang mit slavischen Personennamen mit der Basis Ljub-, Hengst (2009: 27) zweifelt das wohl mit Recht an, denn die frühe Überlieferung zeigt ja –i-, nicht –u-. 6. Lubě heißt heute ein ca. 25 km langer Nebenfluss der Svratka in Mähren. An ihm liegt der Ort Lubě, 1368 in villa Lyby, 1398 villam Lybye, 1406 mezi Jenčěm a mezi Libí, 1448 Libie, 1557 z Lubie usw. Hosák, Šrámek 1970: 558 sehen in ihm eine -ja-Ableitung von einem Personennamen L’ub, wobei ein Wandel von -’u- > -ierfolgt sei. Das darf man bezweifeln, denn der Name eines über 20 km langen Flusses wird selten von einem Personennamen abgeleitet sein. Wohl nicht zuletzt deshalb steht bei Jan Skutil (1974: 121): „Libě, heute Lubě, 1. Nfl. der Svratka.“ 7. Libenica, Nebenfluss der Ledava/Lendva im Grenzgebiet Steiermark/Slowenien, dort auch nach ungarischen Quellen Ortsname Libenicză, 1885 Libenizca, 1910 Libenicap atak (Kaszás 1977: 130). F. Bezlaj (1956: 341) stellt ihn zu einem Personennamen L’ubenv und damit zu ljubusw. Das ist zweifelhaft, wie auch bei dem nächsten Namen. 8. Libojna, linker Zufluss der Drau/Drava, 1322 an der Lybon, an der Lyben u.a.m. Bezlaj (1956: 341) schwankt bei der Erklärung des Namens, entscheidet sich aber letztlich für einen Zusammenhang mit Ljubund entsprechenden Personennamen. Bei diesem Namen kann man sich wieder fragen, ob die Erklärung aus *Ljubund ein Zusammenhang mit einem Personennamen überzeugend ist, zumal es sich um Gewässernamen handelt. 84 Acta Linguistica Lithuanica XC Der Name Leipzig und die Germanische Lautverschiebung 9. L’ba, rechter Nebenfluss der Obscha (→ Meža → Westliche Dūna/Dvina), poln. Lba, Łba (WdG III 155). Eine Deutung ist mir nicht bekannt geworden. 10. Lībe, Lībe, Flussnamen in Litauen und Lettland, gehen nach Alexandras Vanagas (1981: 188) wohl auf *Libia zurück. Er vermutet einen Zusammenhang mit litauisch lība ‘Stotterer, Stammler’ und lett. libis ‘Faulpelz, Lügner, Schwätzer’. Der seltsame Vorschlag mag auf bestimmte Geräusche des Wassers bezogen worden sein. Ich halte es für sinnvoller, den Namen zusammen mit den hier aufgelisteten Namen der weiter unten genannten Wortgruppe um griechisch λείβω ‘träufeln, gießen, Trankopfer ausgießen’ zuzuordnen. Weitere schwundstufige Bildungen, die bei -r-Ableitungen häufig sind – aber in Gewässernamen durchaus nicht immer zu finden sind, wie Aller, Oder, Eder u.a.m. zeigen – finden sich vor allem im westlichen Europa: 11. Libra, Flussname bei Reims, (um 950) ex villa, que vocatur Canoella (Anm. der Herausgeber: Vielleicht Caurel), secus Libram rivolum sita […] largiter effluens, pro eo quod tantumdem fuerit emptus, Libra vocacitur (MGH SS(f) XXXVI 119, 449). 12. Libre, Flussname im Gebiet der Aude (südöstl. von Toulouse) (Dauzat, Deslandes, Rostaing 1978: 60). 13. Liver, Fluss in Schottland, neugälisch Libhir < goidelisch *Liberā, Flussname in Schottland (Förster 1941: 410 mit Hinweis darauf, dass -eals Sprossvokal auch sekundär entstanden sein kann). 14. Eine mit einem „suffixe […] prélatin“ erweiterte -r-Bildung liegt nach Jacques Astor (1984: 23) in dem Gewässernamen Libron, 972 Lebrontis, in Südfrankreich, vor. Zur Ableitungsgrundlage heißt es bei Albert Dauzat, Gaston Deslandes, Charles Rostaing (1978: 60): „Racine obscure“. 15. J. Astor (1984: 23) verweist in diesem Zusammenhang auch auf Lioure, zwei Flussnamen im Gebiet der Drôme und Name einer Grotte bei Claviers. 16. Möglicherweise ist auch der in der Tabula Peuteringiana überlieferte Ortsname *Libri, ad Libros (an der Straße Salona–Argentaria), auf einen Flussnamen bezogen (Zugang: https://omnesviae.org/#!/iter_TPPlace2110_TPPlace1707 [Zugriff 16.1.2024]), hier anzuschließen. 17. Llyfni, Fluss in Nordwales, offenbar bei Ptolemäus erwähnt als Αἰβίνου ποταμοῦ ἐκβολαί (Holder 1904: 205; Förster 1941: 397), eine -n-Ableitung wie auch der ebenfalls bei Ptolemäus belegt Ortsname Λοιβάνα. Den Namen behandelt ausführlich Eilert Ekwall (1968: 251), der ihn ebenfalls mit dem bei Ptolemäus erwähnten Flussnamen identifiziert und auch englische Flussnamenvarianten wie Lyne, Leven u.a. einbezieht. Zur Etymologie heißt es bei ihm: „The British name may belong tot he root (s)leib- ‘to drip &c.’ found in Lat. lībo ‘to pour out’, Gk. λίβω the same, or more likely to the formerly Straipsniai / Articles 85 JÜRGEN UDOLPH identical root (s)leib- ‘to glide, to be slippery & c.’, found in OIr sliab ‘hill’, Lat lībo ‘to touch lightly, to taste’ [u.a.m.]. “Auf diese bisher unbeachtet gebliebene Etymologie komme ich nach Ende der Zusammenstellung der zu *leib-, *loib-, *lib-, *lībgehörenden Gewässernamen zurück. 18. Eine Kürze enthält wahrscheinlich auch der bei Alfred Holder (1904: 205) erwähnte Ortsname Leiva in der Region La Rioja, alt Libia⁴³, am Unterlauf des Rio Tirón (deshalb vielleicht alter Teilabschnittsname des Flusses). 19. Von besonderer Bedeutung für die mutmaßliche Etymologie von Leipzig ist der Gewässername Leppe, ein Fluss im Einzugsbereich der Sieg im Oberbergischen Kreis, 1555 die Leppe, dort auch Ortsname Leppe, 13. Jh. de Leppe, 1373 van der Leppe, 1413 Leepp, den Greule (2014: 311) behandelt hat und darin – unter Bezug auf Udolph (1990: 139–141) – eine -j-Ableitung zu germanisch *lipaus indogermanisch *leib- ‘gießen, fließen, nass’ sieht. Dabei ist wichtig, dass man die Spur der ersten oder germanischen Lautverschiebung (*-b- > –p-) voraussetzen muss. Wenn man nun – was sich abzeichnet – auch Leipzig hier anschließen möchte, so geht das nur unter der Annahme, dass im Fall von Leipzig die angenommene Lautverschiebung nicht eingetreten ist. d) *-ī-: Eventuell darf *-īvermutet werden in: Ľubica ist der Name eines ca. 20 km langen rechten Nebenflusses des Poprad in der Zips/Spiš, 1269 fl. Lubicha, eingedeutscht als Leibitz, Leibitzbach, 1294 Lubicha, Wenige Lewbicz, auch Libitza, Lybicha (Šmilauer 1932: 280 mit der Annahme einer Grundform *L’ubica und einem Wandel von Lu > Li). Wieder muss man sich fragen, warum es einen Wandel von Lu > Li gegeben haben soll, wo doch der umgekehrte Weg viel überzeugender ist (von einer dem Slovakischen unbekannten Basis Lib- > Ľub-). Erneut ist hier bei einem Gewässernamen zu fragen, ob nicht die Verbindung mit einer Wortgruppe, die für Hydronyme bestens geeignet ist, die überzeugendere Vermutung ist. Damit endet die Zusammenstellung von Gewässernamen (die z.T. auch – vielfach nachgewiesen – in Ortsnamen weiterleben können). Die Aufzählung dieser und weiterer Namen (Udolph 1990: 140) wurde noch ergänzt durch die Bemerkung: „Nur am Rande erwähne ich -rn-Bildungen wie Liburni, Völkerbezeichnung und Name eines Landstriches an der Adria; den Lurngau in Kärnten, alt Teurnia, ex oppido Tiburniae, Liburnia, in Liburnia usw.; Livorno, alt Libarna, Libarnum, ON in der Toskana; Libarna, jetzt Serravalle, ON in Ligurien.“ Einige dieser Namen dürften zu der hier behandelten Sippe gehören, was aber an dieser Stelle aber nicht weiter diskutiert werden soll. Wichtiger ist etwas anderes. 86 Acta Linguistica Lithuanica XC Der Name Leipzig und die Germanische Lautverschiebung Es ist die Frage, welche appellativische Basis diesen doch recht zahlreichen Gewässernamen zugrunde liegt. Den richtigen Weg hat – auch von mir bisher nicht beachtet – wohl schon Ekwall (1968: 252) bei der Behandlung des britischen Gewässernamens Lyne eingeschlagen. E. Ekwall schreibt: „The British name may belong tot he root (s)leib- ‘to drip’ &c., found in Lat. lībo ‘to pour out’, Gk. λείβω the same, or more likely to the formally identical root (s)eib- ‘to glide, to bei slippery’ &c., found in OIr sliab ‘hill’, Lat. lībo ‘to touch lightly, to taste’, OHG slīfan &c. […]“ Da es um Gewässernamen geht, ist es viel überzeugender, eine schon mehrfach angesprochene griechische Wortsippe um *leibheranzuziehen, auf die zwar gelegentlich (E. Eichler, K. Hengst u.a.) verwiesen wurde (zum Teil auch verfehlt: *leibh-), ohne aber das Material zu nennen. Es empfiehlt sich, sie hier noch einmal, vgl. Udolph 1990: 139, zu nennen: griech. λείβω, Aorist λειψαι (vorwiegend poetisch seit der Ilias) ‘träufeln, gießen, Trankopfer ausgießen’; Ableitungen λειβήνος · ὁ Διόνυσος, λείβηθρον (λίβ-) ‘Traufe; Stelle, wo das Wasser träufelt’, λείβδην ‘tropfenweise’; mit Ablaut: λοιβή ‘Trankopfer, Spende’, λοιβεῖον ‘Gefäß zum Spenden’; mit Schwundstufe: *λῑψ, überliefert nur Gen. λιβός, Akk. λίβα ‘Trankopfer, Tropfen’, λιβηρός ‘feucht’, λίψ, λιβός ‘der Träufler’ (Name des regenbringenden ‘Südwest-/Westwindes’); von λίψ: λιβάς, -άδος ‘Erguß, Quellstrom usw.’, auch λιβάδιοί ‘feuchte Wiese, λιβάζω, -ζομαι ‘(sich) ergießen’, λίβος ‘Erguß, Quellstrom usw.’²¹; dazu gehört wohl auch griech. λιβρός, Attribut zu λός (‘trübe Flüssigkeit’), zu ἰγί u.a. (Frisk 1970: 96–97). H. Frisk erwägt – sicherlich mit Recht – eine Verbindung zu lateinisch lībō ‘gieße aus, spende, opfere, weihe’ < *loibāiō (wohl denominal), schwundstufig dēlibūtus ‘mit einer (fetten) Feuchtigkeit benetzt oder bestrichen’, auch übertragen ‘übergossen, triefend’. Zu weiteren Anschlüssen und der entsprechenden Literatur vgl. Udolph (1990: 139). Von besonderer Bedeutung ist, dass die griechische Sippe die drei Ablautstufen *leib-, *loib-, *lībbietet, ganz entsprechend zu der oben durchgeführten Auflistung der Gewässernamen. Dass es sich um eine alte indogermanische Wortgruppe handelt, wird auch dadurch deutlich, dass die Wurzel als *leiH- (H = hypothetischer Laryngal) mit der Bedeutung ‘gießen’ auch im LIV angesetzt wird, wobei auch griech. λείβω genannt wird. Es kann kaum ein Zweifel bestehen, dass die oben zusammengestellten Gewässernamen – strittige Fälle gibt es immer – hier ihre Etymologie finden. Wenn man sich die geographische Verbreitung der oben zusammengestellten Namen genauer betrachtet, so fällt auf, dass im baltischen, slavischen und einem westlich daran angrenzenden Gebiet Bildungen des Typus *Libā/Leibava oder *Lībava vorherrschen, -r-Ableitungen (mit der typischen Schwundstufe in der Straipsniai / Articles 87 JÜRGEN UDOLPH Wurzel) begegnen dagegen vor allem im keltischen Gebiet (woraus allerdings nicht unbedingt zu schließen ist, dass es sich um einzelsprachliche, keltische Bildungen handelt), während die übrigen Ableitungen (Lebrontis, Λιβνίου ποταμοῦ, Λίβηθρα, Λίβηθρον, Λοιβανα usw.) zwar auch im ursprünglich keltischen Bereich anzutreffen sind (Frankreich, Spanien), aber auch in Italien und Illyrien. Wenn der nordpoln. Flussname Leba/Leba auf *Loibā zurückgeht, so wird er dieser Namengruppe zuzuzählen sein. Bei Rückführung auf einen Ansatz *Lēba (der auf Grund der lautlichen Entwicklung auch möglich wäre) bleibt die Etymologie des Namens ungelöst. Für die oben diskutierte Möglichkeit, den Flussnamen mit einer idg. Wurzel *leibzu verbinden, könnte m.E. auch noch die Tatsache sprechen, dass ein Zusammenhang polnischer Gewässernamen mit griechischen Appellativen schon mehrfach festgestellt werden konnte (Vgl. Cybava – τυφος, Bzura – φρέαρ, Drama – δρόμος und Udolph 1990: 336 f.), so dass eine weitere Parallele (vgl. vor allem griech. λοιβή) nicht überraschend wäre. Hinzu kommt, dass es etliche griechische Appellativa gibt, die ihre Spuren in europäischen Gewässernamen hinterlassen haben, ein besonders schönes Beispiel ist die Sippe um griechisch λιμήν ‘Hafen’, λιμνή ‘See, Teich’, λειμών ‘feuchte Wiese’, die in zahlreichen Namen wiedergefunden werden kann, darunter auch im Lac Léman, deutsch Genfer See (s. Wolfgang P. Schmid, Das Griechische und die alteuropäische Hydronymie. In: Schmid 1994: 167–174). 5. LEIPZIG – EIN VORSLAVISCHER NAME? Der Vorschlag, dass der Ortsname Leipzig auf ein vorslavisches Substrat zurückgehen dürfte, ist seit dem Zeitpunkt, als man die -b-Schreibungen bei Thietmar von Merseburg berücksichtigte, immer wieder geäußert worden. So heißt es bei Eichler (2007: 82): „Da Thietmar von Merseburg die slawischen Lautungen sehr sorgfältig wiedergibt und die ältesten Schreibungen –b– aufweisen, muß man mit einer alten Gewässerbezeichnung *Librechnen, die auch sonst in Europa für Gewässernamen verbreitet ist und auch hier vorliegen kann, wie auch Gewässernamen in diesem Raum wie Luppe, Parthe, Pleiße usw. offenbar ide. Herkunft sind. Der Name ist dann an slaw. lipa ‘Linde’ angeglichen und als Lipsk(o), Lipc ‘Lindenort’ verstanden worden.“ Die letzten Äußerungen zum Ortsnamen Leipzig stammen von Harald Bichlmeier (2013, 2015). In seinem Beitrag von 2013 geht er fast ausschließlich von einem Ansatz mit *–bh– aus, was angesichts der griechischen Sippe, die er unerwähnt lässt, nicht zielführend ist. Er bietet anstelle dessen sieben andere 88 Acta Linguistica Lithuanica XC Der Name Leipzig und die Germanische Lautverschiebung indogermanische Wurzeln an, die zum Teil ein Element *-h₂penthalten sollen, was angesichts der Lage von Leipzig außerhalb des urgermanischen Siedlungsgebiets – dazu s. unten – unwahrscheinlich ist. In dem Beitrag von 2015 weist er einen Ansatz mit Hilfe einer indogermanischen Wurzel *lei-, *liund einem labialen Element *-bh- (angeblich „ungeklärter Herkunft“) zurück und nimmt statt dessen ein urindogermanisches suffixales Element *-bhoan, das zur Bildung von Partizipien dienen konnte. Des Weiteren führt ein halbes Dutzend Wurzeln an, die in Frage kommen könnten und hält auch die Einwirkung des Vernerschen Gesetzes für möglich. Auch das setzt voraus, dass der Raum von Leipzig zum urgermanischen Siedlungsgebiet gehört hat. Das ist sowohl aufgrund der Untersuchungen zu altgermanischen Siedlungsnamen abzulehnen (Udolph 1994) wie auch deshalb, weil der Name Leipzig selbst nicht dem Wandel von indogermanisch *-b- > -punterzogen worden ist und auch weitere Namen (s. unten) urgermanische Lautentwicklungen vermissen lassen. All dieses lässt sich umgehen, wenn man die oben zusammengestellten Gewässernamen einbezieht und die zur Erläuterung von Gewässernamen bestens geeignete griechische Wortsippe beachtet, die auch im LIV (2001: 405 f.) mit Nennung von griechisch λείβω unter einem Ansatz *leiH- ‘gießen’ erwähnt wird. Daher kommt man um einen Ansatz *leib-/*libnicht vorbei, was auch durch den oben erwähnten westfälischen Flussnamen Leppe, der offensichtlich indogermanisch *-b- > -penthält, bestätigt wird. Das führt zu der Konsequenz, dass der Ortsname Leipzig auf einen vorgermanischen Ansatz *Libīā oder ähnlich zurückgeht. Die Verschiebung zu germanisch *-punterblieb. Die Namenbildung allerdings konnte in Anlehnung an eine ganze Reihe ähnlicher Bildungen gut in das Germanische überführt werden, ich erwähne hier Heere, Wehre, Lesse, Ecker­de, Hemmingen, Meitze, und verweise für weitere Vergleichsnamen und Erläuterungen auf NOB (III 425–427) und Udolph (2004: 141–142). Wie ich schon mehrfach angedeutet habe, sprechen – abgesehen von der hier diskutierten Etymologie des Namens Leipzig – weitere Namen und auch weitere Argumente dafür, dass der Raum von Leipzig nicht zum uroder altgermanischen Siedlungsgebiet gehört hat. Aus den Untersuchungen zu den germanischen Namen (Udolph 1994) ist hier nur auf die Verbreitung der Bildungen auf –ithi-, die Suffixbildungen mit –r-, –s-, –stund –str-, die Streuung der –leben-, larund haugaz-Namen zu verweisen. Dieser Gedanke einer späten Germanisierung des Leipziger Raumes, der noch nie diskutiert worden ist, wirft nun vielleicht auch neues Licht auf einige Ortsund Gewässernamen, die bisher einer sicheren Klärung nicht zugeführt werden konnten. In aller Kürze seien genannt: Straipsniai / Articles 89 JÜRGEN UDOLPH 1. Luppe: Der Name ist wohl mit Eichler (1981: 49), Eichler, Walther (2010: 121) und Udolph (1990: 152 ff.) als vorgermanische Bildung *Lupiā aufzufassen und zu der von Udolph zusammengestellten Sippe um Lupawa, Lupia usw., hierzu auch die Lippe < Lupia, zu stellen. Das -pist unverschoben geblieben (so auch Eichler, Walther 2010: 121) oder aber man nimmt an, dass ein durch die Lautverschiebung entstandenes Fim Slavischen durch Persetzt wurde. 2. Parthe: Eichler, Walther (2010: 122) schreiben: „1040 (Fälschung/Kopie)/1285 Parda fluvius, um 1165 Parda, 1215 in medio Parde usw. [...] Die konsequente P-Schreibung zwingt zur Annahme desselben vom Ursprung des Namens her: eine germanische Basis ist deshalb unwahrscheinlich, da das Psich zu Fentwickelt haben müsste [...].“ 3. Pleiße mit Pleißengau (der sich ursprünglich ebenfalls Plisna, Plisni nannte, 976 pagus Plisina). Der Flussname: 1021, 1040, 1118, 1285 u.ö. Plisina, Plisna; in jedem Fall ist der Name zu einer mit ursprünglich Panlautenden Wurzel zu stellen. Da eine Deutung aus slavisch pleso ‘See’ lautlich nicht möglich ist, kommt man an einer Verbindung zu indogermanisch *Pleisa zu *pel-/*pl- ‘fließen, rinnen, gießen’ kaum vorbei, was zur Folge hat, dass der Name nicht der germanischen Lautverschiebung unterzogen worden ist (Udolph 1979: 386, 388; Eichler 1981: 51). „Die Germanen haben den Namen offenbar noch nicht gekannt, da sie ihn sonst zu *Flweiterentwickelt hätten“ (Eichler, Walther 2010: 123). 4. Aga: Von Bedeutung ist auch ein Ortsund Flussname, der ca. 50 km südlich von Leipzig liegt und offenbar ebenfalls keine Spur der germanischen Lautverschiebung aufweist: es geht um Aga, einen ca 15 km langen Nebenfluss der Weißen Elster, dessen Namen auch die Geraer Ortsteile Großaga und Kleinaga tragen. Die historischen Belege sind an anderer Stelle genannt worden², hier eine gekürzte Auflistung: 1248 (Kopie) Heinricus de Ogawe, um 1250 Heinricus de Ogawe, Heinricus de Ogau, 1251 Henricus de Ogawe, 1262 Bertoldus de Ogau, 1296 in Ogawe, 1273 Bertholdus de Ogener, 1364 grozen Agow, wenigen Agow, 1424 Agaw, Grossen Agow, 1432 in der Aga, 1501 Grossen Agow, 1501 Grossen Agow, 1518 Agaw, (um 1530) zu Groß Agaw, 1542 zu grosen Ogau, 1550 klain Agaw, 1553 Grossen Agaw (Bromme 31), 1564 Großen Aga, 1567 Aga major (Kretschmer) usw. Das ist ein schwieriger Name, aber die Forschung ist sich ziemlich sicher, dass von dem Flussnamen auszugehen ist. Elfriede Ulbricht (1957: 237) hat keinen Deutungsvorschlag, H. Walther (2004: 31, 37) geht von einem slavischen Namen und einer Grundform *Ogaua aus, gibt aber keine Etymologie. A. Greule (2014: 25) sieht eine altorbische Grundform *Ogaua als ² Zugang: https://www.prof-udolph.com/gera-aga/ [Zugriff 24.1.2024]. 90 Acta Linguistica Lithuanica XC Der Name Leipzig und die Germanische Lautverschiebung eine Slavisierung aus germanisch *Aγu(j)ā an, woran –a(h)wa getreten sei. Die beiden Bestandteile wären dann Au(e) und –aha ‘Wasser, Fluss’ gewesen. Das ist sehr unwahrscheinlich, denn diese Kombination ist sonst nicht bekannt. Zudem würde Au(e) im Slavischen kaum als Ag– erscheinen. Man muss einen anderen Weg gehen. Wir wissen, dass –ava im Slavischen ein typisches Flussnamenbildungselement gewesen ist, gut erkennbar in Namen wie Wirawa, Ilava, Tynava, Gliniava, Dubrava, Trnava. Daher wurden vorslavische Namen, wenn sie in slavischen Mund kamen, nicht selten mit diesem Element erweitert. Wir können das u.a. sehen an Opava (dt. Troppau), Morava ‘Mähren’, Pilawa in Schlesien u.a. Wenn man dieses einbezieht, ergibt sich folgende Namenabfolge: Grundform *Agā > slavisiert Ogava (fremdes –a– wird im Slavischen fast immer zu –o–) > deutsch Aga. Auszugehen wäre dann, so auch schon W. P. Schmid, von *Aga, womit der Name zu einer Gruppe alter, sehr alter Flussnamen gehört, von denen man nennen hier anführen kann: Aga, Flussname in Lettland; Aire in Frankreich, 8. Jh. Ageira, 11. Jh. Agira; Ager in Österreich, 810 Agira; die Eger, 805 Agara; Eger, Nfl. d. Wörnitz; Aist in Österreich, 853 Agusta, 985 Ag esta u.a.m. Grundlage dieser alten Namen ist eine Wortgruppe um altind. ájati ‘treibt’, latein. agō ‘treibe, führe’ (Fremdwort agieren), altnord. aka ‘fahren’, altind. ajiráh ‘rasch, behende’. Wie so oft, sind Gewässernamen sehr einfach gebildet; hier etwa zu verstehen als ‘(rasch) treibend, sich bewegend’. Aus den hier zusammengetragenen Äußerungen lassen sich die folgenden Konsequenzen ziehen: 1) Die Deutung für den ON. Leipzig muss, wie immer im Bereich disziplinierter Namenforschung, von den ältesten Belegen ausgehen, die eindeutig auf *–b– weisen, nicht auf *p–. 2) Eine Einwirkung der binnenhochdeutschen Konsonantenschwächung ist angesichts der stabilen Entwicklung des Ortsnamens (zunächst –b–, später –p–) ausgeschlossen. 3) Eine Erklärung aus dem Slavischen ist sehr unwahrscheinlich, wie die oben durchgeführte detaillierte Analyse gezeigt hat. Später allerdings ist der Name von Slaven an slavisch lipa ‘Linde’ und an Bildungen mit –sk– wie Omsk, Vitebsk, Gdańsk angeglichen worden. Im Deutschen wurde er der hochdeutschen Diphthongierung von *–ī– > –ei– unterzogen. 4) Die beste Verbindung eines alten Ansatzes *Libīja bieten die griechischen Appellativa um λείβω ‘träufeln, gießen’. In diesem Zusammenhang ist darauf zu verweisen, dass Gewässernamen im Allgemeinen mit sogenannten Wasserwörtern belegt wurden. Mag man Straipsniai / Articles 91 JÜRGEN UDOLPH auch die Forschungen von Hans Krahe kritisch betrachten, aber seine Beobachtungen hinsichtlich der appellativischen Grundlagen der alten und älteren Gewässernamen behalten nach wie vor ihre Gültigkeit. Er schrieb: „Hinsichtlich der Semasiologie und Etymologie geht die ursprünglichste und zweifellos älteste Namenschicht von sogenannten Wasserwörtern aus, das heißt von Bezeichnungen für ‚fließendes Wasser‘, ‚Quelle‘, ‚Bach‘, ‚Fluß‘, bzw. ‚fließen‘ [...] mit zahllosen feineren und feinsten Bedeutungsschattierungen, wie sie dem früheren Menschen bei seiner genauen Naturbeobachtung in reichem Maße zu Gebote standen [...]“ (Krahe 1964: 34). Nicht viel anders urteilte bereits Robert Ferguson (1862: 5), wenn er betonte: „They were indeed for the most part simple appellatives, being most commonly nothing than words signifying water.“ Wie richtig diese Beobachtungen sind, hat vor 50 Jahren in einer Sammlung von hydrographischen Termini Marian Jurkowski (1971) für das Ukrainische bewiesen. Sein Buch vereint ca. 6.000 Appellativa, die mit dem Wasser verbunden sind. Es ist daher alles andere als überzeugend, dass in den Gewässernamen in letzter Zeit Bedeutungen wie ‘sich (zusammenfügen)’, ‘Grund, Boden, Bretterwand’, ‘(er)nähren’, ‘bedrängen, zusetzen’, ‘Weg, Reise’ u.a.m. vermutet werden. Hinzuweisen ist auch auf die Untersuchung von Dunja Brozović-Rončević (1997) zu Appellativen in der kroatischen Hydronymie. Es bleibt noch die Frage, welches Gewässer oder welches wasserreiche Gebiet in oder bei Leipzig mit diesem Namen belegt worden ist. Die Frage ist schwer zu beantworten. Das liegt an dem (ehemaligen) Gewässernamennetz, worauf ich zum Abschluss noch kurz eingehen möchte. 6. GEWÄSSER IN UND UM LEIPZIG Die Frage ist, wie die frühe Topographie der Stadt beschaffen war. Dabei muss man sich auch weiterhin auf die Arbeiten von Georg Grebenstein (dazu s. unten) stützen (Koch 2008: 11). Nach Koch (2008: 10) entstand Leipzig im Winkel der Elster-, Pleißenund Partheaue. Der gewachsene Boden zeigt sich im Stadtgebiet als Sande über Geschiebelehm. In der Aue nördlich davon liegt bis zu drei Meter hoher Lehm. Weiter heißt es dort bei Koch: „Der Name der Stadt leitet sich vermutlich von dem slawischen Wort für ‘Linde’ ab, er könnte aber auch von ‘fließen’ kommen“ (Koch 2008: 10 unter Bezug auf Eichler, Walther 2001: 577 f.). Bei St. Koch heißt es dann weiter: „Es handelt sich hier um eine Frage, die nicht ohne Bedeutung für die Lage der frühen Ansiedlung ist, da die eine Erklärung für eine Anhöhe über der feuchten Flussaue, die andere eher für eine Niederung an der Parthe spräche.“ 92 Acta Linguistica Lithuanica XC Der Name Leipzig und die Germanische Lautverschiebung Den Verlauf der Gewässer im Mittelalter rekonstruierte G. Grebenstein (1953, 1981 sowie 1995), auf dessen Arbeiten sich die Stadtgeschichtsforscher regelmäßig gestützt haben und weiterhin stützen. Die von Osten kommende Parthe verlief anfänglich am heutigen Tröndlinring und mündete nordwestlich der Innenstadt in die Elster, wobei der Fluss eine sumpfige Aue entstehen ließ. Die Partheniederung reichte vom heutigen Brühl fast 500 m nach Norden fast bis zur heutigen Uferstraße. Es wird angenommen, dass die Parthe bereits spätestens im 12. Jahrhundert verlegt und weiter nördlich geführt worden ist, so dass ein an die Stadt anschließendes Areal gewonnen werden konnte, auf dem die „Hallische Vorstadt“ entlang der Gerberstraße angelegt wurde. Zu den natürlichen Fließgewässern des Leipziger Binnendeltas gehören oder gehörten unter anderem im Süden die Paußnitz, die R ödel, und das Coburger Wasser und in der Nordwestauе das Hundewasser und die vielen verzweigten Luppeläufe, wie z.B. die Südliche und Nördliche Alte Luppe, Rote Luppe, Heuweg-Luppe, Schlohbachs-Luppe, Namenlose Luppe. Außerdem mündeten die Gösel und die Parthe als größere Bachauen in alten Muldeurstromtälern sowie die Nördliche und die Östliche Rietzschke und der Zschampert als kleine Bäche in das Leipziger Binnendelta. Die noch unregulierten Flüsse waren geprägt von zahllosen Nebenarmen, Altwassern und Rinnsalen, die ineinander mündeten, sich dann wieder teilten, nach Hochwassern häufig ihren Verlauf änderten und so ein umfangreiches Fließgewässernetz bildeten. Relikte davon sind zum Beispiel die Batschke, die Paußnitz, die Kleine Luppe, die Alte Luppe oder das Hundewasser. Insgesamt durchfließen das Stadtgebiet Leipzigs Flüsse, Bäche und Gräben mit einer Gesamtlänge von rund 176,4 km. Es ist unmöglich zu bestimmen, welches Gewässer eventuell ursprünglich als *Libiā oder ähnlich benannt worden ist. Die größte Wahrscheinlichkeit haben nach meiner Ansicht Überlegungen, wie sie von Eichler, Walther (2010: 129–133) angestellt wurden: demnach dürfte sich die ursprüngliche Benennung nicht auf einen (einzelnen) Gewässernamen bezogen haben, sondern auf die an Wasserläufen reiche Landschaft. Dem entspricht der Beitrag von Hengst (2009), den den Namen Leipzig als Hinweis auf Gegend mit Wasserreichtum thematisiert hat; vgl. auch Hengst (2010: 135). Der Name wurde dann auf die entstehende Siedlung, die sich zu Leipzig entwickelte, übertragen. LITERATUR Astor Jacques 1984: Lioran auvergnat et Lieuran languedocien. – Nouvelle revue d’onomastique 3/4, 23–24. Straipsniai / Articles 93 JŪRGEN UDOLPH Babik Zbigniew 2001: Najstarsza warstwa nazewnicza na ziemiach polskich w granicach wczesnośredniowiecznej Słowiańszczyzny, Kraków: Universitas. Bank M.V. 1971: Банк М. В. Спостереження над мікрогідронімією східного Закарпаття [Sposterežennja nad mikrohidronimijeju schidnoho Zakarpattja]. – Питання гідроніміки [Pytannja hidronimiky]. Матеріали III Республіканської ономастичної (гідронімічної) наради [Materialy III Respublika ns’koji onomastičnoji (hidronimičnoji) narady], Київ: «Наукова думка» [Kyjiv: „Naukova dumka“], 61–67. 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Be to, iki šiol nebuvo atkreiptas dėmesys į tai, ar germanų gentys susipažino su šiuo vardu, pradėjus veikti pirmajam, arba germanų priebalsių perkaîtos, dėsniui. Tai yra lemiamas veiksnys atsakant į klausimą, kuri indoeuropiečių žodžių grupė gali būti laikoma šio vietovardžio pagrindu. Įteikta 2024 m. sausio 31 d. JŪRGEN UDOLPH Zentrum für Namenforschung – Göttingen / Rosdorf, Steinbreite 9, D-37124 Rosdorf bei Göttingen Akademie der Wissenschaften zu Göttingen Arbeitsstelle Ortsnamen zwischen Rhein und Elbe – Onomastik im europäischen Raum Robert-Koch-Str. 29, D-48149 Münster [email protected] 100 Acta Linguistica Lithuanica XC