Integrative Risk and Security Research Volume 1/2018 Alexander Fekete, Alexander Michael Lechleuthner, Ompe Aimé Mudimu, Celia Norf, Ulf Schremmer, Christiane Stephan Forschung und Lehre am Institut für Rettungsingenieurwesen und Gefahrenabwehr Beiträge aus Forschungsprojekten sowie Perspektiven von Lehrenden und Studierenden Herausgegeben von Christiane Stephan, Jan Bäumer, Celia Norf & Alexander Fekete
2 Integrative Risk and Security Research 1/2018 Forschung und Lehre am IRG Integrative Risk and Security Research Volume 1/2018 This document is published within the series 'Integrative Risk and Security Research'. All publications can be downloaded from https://www.th-koeln.de/anlagen-energie-undmaschinensysteme/schriftenreihe-integrative-risk-and-security-research_17446.php,; or you use http://tinyurl.com/oaj4r7a. Despite thorough revision the information provided in this document is supplied without liability. The document does not necessarily present the opinion of the editors. EDITION NOTICE Editors of Series Alexander Fekete (Prof. Dr.-Ing.) Alexander Michael Lechleuthner (Prof. Dr. med. Dr. rer. nat.) Ompe Aimé Mudimu (Prof. Dr.-Ing.) Celia Norf (M. Sc.) Ulf Schremmer (Prof. Dr.-Ing.) Christiane Stephan (Dipl.-Geogr.) TH Köln University of Applied Sciences Institute of Rescue Engineering and Civil Protection Betzdorfer Str. 2 50679 Cologne Germany www.irg.th-koeln.de Editorship of Series - contact:
[email protected] Editors of this Volume Christiane Stephan (Dipl.-Geogr.) Jan Bäumer (B.Eng.) Celia Norf (M. Sc.) Alexander Fekete (Prof. Dr.-Ing.) Contact Celia Norf Email:
[email protected] Phone: + 49 (0) 221 8275 2739 Web: http://riskncrisis.wordpress.com Recommended Citation Surname, First Name (Year of Publication): Title. In: Stephan C, Bäumer, J, Norf, C & Fekete, A, (Eds.) Forschung und Lehre am Institut für Rettungsingenieurwesen und Gefahrenabwehr. Beiträge aus Forschungsprojekten sowie Perspektiven von Lehrenden und Studierenden. Integrative Risk and Security Research, 1/2018, Page Reference. Köln, Januar 2018
3 Integrative Risk and Security Research 1/2018 Forschung und Lehre am IRG Einführung Der vorliegende Band versucht, einen ersten Überblick über die Inhalte und Wesensmerkmale des noch relativ jungen Studiengangs und Forschungsbereichs Rettungsingenieurwesen an der TH Köln (früher FH Köln) zu schaffen. Damit kann der Sammelband zwar nicht für alle Ausprägungen des „Rettungsingenieurwesens“ (oder Rescue Engineering) auch an anderen Hochschulen stehen. Jedoch soll er einen ersten Eindruck ermöglichen und zwar für Außenstehende aber durchaus auch für Studierende und Kollegen an der TH Köln, was „Rettungsingenieurwesen“ überhaupt ist, und welche fachlichen, methodischen und auch anwendungsbezogenen Inhalte es beinhaltet. Abgrenzungen zu Nachbarstudiengängen oder Aufgabenfeldern sind nicht einfach und auch dieser Sammelband kann nur einen ersten Aufschlag anbieten. Jedoch wird es in fünf oder zehn Jahren einmal interessant sein, wie und wohin sich dieser Studiengang, aber auch die gleichzeitig am Institut für Rettungsingenieurwesen (IRG) stattfindende Forschung hin entwickelt haben wird. Somit dient dieser Band nicht nur der Begriffsbestimmung und inhaltlichen weiteren Ausgestaltung; er soll auch dazu einladen, mit zu überlegen, in welche Richtung sich Lehre und Forschung noch entwickeln könnten. Alexander Fekete, Christiane Stephan, Jan Bäumer, Celia Norf
4 Integrative Risk and Security Research 1/2018 Forschung und Lehre am IRG Inhaltsverzeichnis Zum Studiengang Rettungsingenieurwesen ............................................................................................................................. 5 Alexander Michael Lechleuthner Rettungsingenieurwesen aus Sicht des Risikound Krisenmanagements mit Bezug zu Sicherheitsund Nachhaltigkeitsforschung ................................................................................................................................................................. 7 Alexander Fekete Zur Einrichtung des Bachelor-Studienganges „Rescue Engineering‘‘ als interdisziplinäre Ausbildung im Katastrophenund Notfallmanagement und erste Erfahrungen mit dem Studienbetrieb ................................... 18 Gerd Braun Soziale Innovationen für und durch Zivile Sicherheit. Positionspapier als Beitrag zum Agendaprozess des BMBF zur Gestaltung des 3. Rahmenprogramms „Zivile Sicherheit‘‘ .............................................................................. 29 Alexander Fekete, Celia Norf, Neysa Setiadi, Christiane Stephan, Katerina Tzavella Fliegendes Lokalisierungssystem für die Rettung und Bergung von Verschütteten (FOUNT2) --- Anwenderorientierte Forschung am Institut für Rettungsingenieurwesen und Gefahrenabwehr .................... 34 Tim Brüstle, Johannes Weinem, Sebastian Schmitz, Ompe Aimé Mudimu Kritische Infrastrukturen-Resilienz als Mindestversorgungskonzept: Ziele und Inhalte des Forschungsprojekts KIRMin ............................................................................................................................................................. 38 Alexander Fekete, Neysa Setiadi, Katerina Tzavella, Alexander Gabriel, Jens Rommelmann Berufliche Mobilität als Einflussfaktor für die Bereitschaft ehrenamtlicher Tätigkeit im Bevölkerungsschutz. Teilstudie im Forschungsschwerpunkt „Bevölkerungsschutz im gesellschaftlichen Wandel (BigWa)‘‘ ............ 44 Christiane Stephan, Phyllis Bernhardt, Jan Bäumer, Alexander Fekete Forschungsprojekt RiKoV --- neuer Risikomanagementansatz für den öffentlichen Personennahverkehr --- Ein Resümee der Projektergebnisse der TH Köln ........................................................................................................................... 61 Florian Steyer, Florian Brauner, Ompe Aimé Mudimu, Alexander Michael Lechleuthner Blaulichtmilieu und Demokratisierung --- Quo vadis Rettungsingenieurwesen? ....................................................... 69 Oliver Schlung, Nils Böger, Andreas Frizen, Julian Heidrich Das Praxissemester im Bachelorstudiengang Rettungsingenieurwesen ...................................................................... 79 Lennart Landsberg, Jan Bäumer Arbeitsbeispiel einer internationalen Praktikantin am IRG --- Case study: Situation of people affected by the Nepal Earthquake in 2015 and activities carried out by the Polish government and organisations in this scope ........................................................................................................................................................................................................ 86 Patrycja Chojnowska
5 Integrative Risk and Security Research 1/2018 Forschung und Lehre am IRG Zum Studiengang Rettungsingenieurwesen Alexander Michael Lechleuthner (Das Interview wurde geführt von Alexander Fekete) Email: alex.lechleuther(at)th-koeln.de Fekete: Herr Lechleuthner, vielen Dank für die Bereitschaft zum Interview. Starten wir mit einer einführenden Frage zu Klärung für Personen, die das Institut bisher nicht kennen. Was ist Rettungsingenieurwesen? Lechleuthner: Ursprünglich haben wir den Studiengang als Rescue-Engineering bezeichnet, um jungen Menschen ein Studium anzubieten, das in der abwehrenden Gefahrenabwehr angesiedelt ist und das Kompetenzen vermitteln sollte, wenn der Schaden eingetreten ist. Das heißt, wenn der Schaden eingetreten ist, was ich muss ich wissen, um das zu bekämpfen? Und da gehören natürlich nicht nur die unmittelbaren Einsatztätigkeiten dazu, sondern eben auch alle vorbereitenden, organisatorische, fachliche und Managementaufgaben. Und wir wollen ein Studium machen, was auf ein Ingenieurstudium gründete und sozusagen das ingenieurmäßige Denken vermittelt und dann darauf aufsetzend interdisziplinär aufgestellte fachliche Themen, die sich in dem Bereich operative Gefahrenabwehr drehen und die Leute in die Lage versetzen, mehr oder weniger als Generalisten verschiedene Themenfelder zu bearbeiten und zu erkennen, wo vielleicht noch Spezialistenbedarf ist. Das war sozusagen der ursprüngliche Gedanke, weil wir eben im Bereich der operativen Gefahrenabwehr, also Rettungsdienst, Feuerwehr usw., gesehen haben, dass die Ausbildung dort regelmäßig bei null anfängt. Das heißt, die kommen aus irgendeinem Studium raus und fangen oder fingen bei null an, hatten überhaupt keine Vorstellung, was sich in diesem Bereich tut und mit diesem Studiengang wollten wir erreichen, dass die Leute herangeführt wurden, so dass, wenn sie das Studium abgeschlossen haben, auch arbeitsfähig in diesem Bereich sind. Weiterer Hintergedanke war, dass bereits Ende der 90er Jahre, als wir begonnen haben diesen Studiengang sozusagen aufzubauen, die demografische Entwicklung klar war und wir wussten, es reicht später nicht mehr mit der Industrie, mit allen um die Absolventen von Studiengängen zu kämpfen, sondern wenn man sie frühzeitig sozusagen in diese Richtung bringt, dass sie sich dann auch für den Bereich interessieren und sozusagen dann auch, nach Abschluss des Studiums, dabeibleiben. Sozusagen als Nachwuchsgenerierung für den Bereich der operativen Gefahrenabwehr. Das ist letztendlich Rettungsingenieurwesen. Fekete: Dankeschön. Die nächste Frage: Wohin werden sich die Studiengänge RIW klassisch und auch die Vertiefungsrichtung Brandschutzwesen zukünftig entwickeln? Lechleuthner: Also der operative Gefahrenabwehrbereich, in dem RIW sozusagen klassisch beheimatet ist, wird halt sich halt sowohl technisch als auch organisatorisch den Weiterentwicklungen anpassen und sozusagen auch neue Verfahren, neue Kompetenzen mitnehmen. Bei der Vertiefungsrichtung Brandschutzingenieurwesen ist es so, dass wir hier nicht im Bereich operative Gefahrenabwehr, sondern vorbeugende Gefahrenabwehr aufgestellt sind, das heißt, wir verlassen den Bereich der operativen Gefahrenabwehr und erschließen uns
6 Integrative Risk and Security Research 1/2018 Forschung und Lehre am IRG den Bereich vorbeugende Gefahrenabwehr damit und wir haben auch noch einige Teile in der Sicherheitstechnik, so dass sozusagen der Gefahrenabwehrkreis dann schließt und die Technische Hochschule am Institut eben alle drei Gefahrenabwehrrichtungen vertritt. Fekete: Aus Ihrer Sicht als Lehrender und als Leiter des Instituts, welche Personen spricht dieser Studiengang besonders an? Lechleuthner: Also es sind zwei, so war es auch ursprünglich vorgesehen, zwei Gruppen. Die eine Gruppe sind bereits im Bereich der operativen Gefahrenabwehr tätig, sie sind im Rettungsdienst tätig, sie sind bei der Feuerwehr tätig, sie sind im Katastrophenschutz tätig oder bei einer entsprechenden Behörde oder auch industriell und möchten sich weiterqualifizieren. Das heißt, die haben in dem Bereich eine ganz normale Ausbildung, sind dort tätig und sagen sich irgendwann: „ich möchte mich akademisch weiterqualifizieren.“ Die steigen dann sozusagen in den Bachelor ein, um sich hier weiter zu qualifizieren. Die zweite Gruppe ist die, das sind die Absolventen, das heißt, die kommen direkt nach dem Abi zu uns, haben vielleicht schon vorher Erfahrungen in der freiwilligen Feuerwehr oder im Sanitätsdienst oder im Rettungsdienst gemacht, wollen auch zu uns. Und es gibt welche, die sagen: „Ich finde das ganze Thema interessant“, die machen das sozusagen ohne entsprechende Vorkenntnisse und sich, wie die Abiturienten dafür interessieren. Fekete: Herr Lechleuthner, wir haben hier vor uns dann einen Sammelband liegen, der zum ersten Mal vielleicht auch beschreibt: „Was ist Rettungsingenieurwesen?“ Wenn sie noch in ein, zwei Sätzen kurz sagen könnten, was ein Kernaspekt ist, was Rettungsingenieurwesen gegenüber allen anderen Disziplinen und Fachrichtungen auszeichnet. Lechleuthner: Dass es sich hier um Leute handelt, die an Einsatzstellen kommen, wo zur Bewältigung keine Infrastruktur vorhanden ist, wo eine unübersichtliche Lage ist, die die von ihrer Ausbildung her und von ihren Kompetenzen her in der Lage sind, zur Erkennen was es ist, zu ermitteln, was an Informationen fehlt, zu planen und zu organisieren, was zur Bewältigung erforderlich ist und das dann letztlich so umzusetzen. Das ist das, was im Kern Rettungsingenieurwesen ist. Fekete: Ein herzliches Dankeschön, Herr Lechleuthner
7 Integrative Risk and Security Research 1/2018 Forschung und Lehre am IRG Rettungsingenieurwesen aus Sicht des Risikound Krisenmanagements mit Bezug zu Sicherheitsund Nachhaltigkeitsforschung Alexander Fekete Email: alexander.fekete(at)th-koeln.de Einführung Rettungsingenieurwesen ist ein relativ junger Studiengang und Fachbereich. Er beinhaltet viele Anteile aus anderen sowohl wissenschaftlichen Disziplinen als auch praxisnahen Fachbereichen. Der folgende Artikel versucht eine kurze Einordnung des Rettungsingenieurwesens hinsichtlich Begriff, Inhalt, und Anwendungsfeldern. Die folgende Darstellung ist insofern begrenzt als sie aus Sicht eines Dozenten einer Hochschule, der TH Köln, mit einer Spezialisierung im Bereich Risikound Krisenmanagement enthält. Zudem ist der Autor ursprünglich fachfremd und erst seit Ende 2012 im Bereich Rettungsingenieurwesen tätig. Somit erfasst der Artikel, aus Sicht eines Geographen geschrieben, nur eine bestimmte Perspektive und ausgewählte Aspekte und muss durch die Sicht anderer Hochschulen, Dozenten und Praktiker komplettiert werden. Herkunft des Rettungsingenieurwesens Rettungsingenieurwesen an der Technischen Hochschule Köln (bis 2015 Fachhochschule Köln) gibt es in der Lehre seit 2002, ursprünglich unter der Bezeichnung Rescue Engineering, aktuell als Rettungsingenieurwesen, am Institut für Rettungsingenieurwesen und Gefahrenabwehr (IRG). An der Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) in Hamburg besteht seit 2006 ebenfalls einen Studiengang Rescue Engineering. Es gibt eine ganze Reihe verwandter Studiengänge und Forschungseinrichtungen im Themenfeld Sicherheit, Risiko und Gefahrenabwehr (Übersichten finden sich auf KatNet; www.Katatstrophennetz.de oder beim Forschungsforum Öffentliche Sicherheit; http://www.sicherheit-forschung.de). Für die Vorgeschichte sind in Deutschland u.a. die Studiengänge Sicherheitstechnik in Wuppertal seit 1975 und die Katastrophenforschungsstelle in ehemals Kiel, nun Berlin, (seit 1987) bedeutend. Im Ausland wäre als Beispiel das Disaster Research Center in Ohio, USA zu nennen, das seit 1963 besteht, aber es gibt eine Vielzahl weiterer bedeutsamer Einrichtungen. Inhaltlich wie sprachlich ist der international gebräuchliche Bereich Emergency Management (Alexander 2002), aber auch Contingency Management mit Rettungsingenieurwesen besonders verwandt. Rettungsingenieurwesen hat somit inhaltlich Vorläufer. Im Folgenden wird versucht herauszustellen, was Besonderheiten gegenüber verwandten Fachgebieten sind. Studieninhalte Rettungsingenieurwesen Rettungsingenieurwesen befasst sich mit einer großen Spannbreite - von alltäglichen Notfällen wie etwa Unfällen, die zu Rettungseinsätzen führen, über sogenannte Großschadenslagen, bei denen viele Menschen gleichzeitig betroffen sind, bis hin zu großen Krisen und Katastrophen, die nicht mehr leicht oder nicht mehr mit den gängigen Mitteln und Ressourcen bewältigt werden können. Bei großen Hochwasserlagen kann, als Beispiel für eine größere Krise, ein Katastrophenalarm ausgelöst werden, wenn eine Gemeinde die Situation nicht mehr alleine bewältigen kann. Rettungsingenieurwesen ist ein Forschungsund Studienfeld, das bestimmte disziplinäre Anteile und Inhalte
8 Integrative Risk and Security Research 1/2018 Forschung und Lehre am IRG umfasst. Die Zusammensetzung in einer Studienrichtung hat sich dabei teilweise über den Alltag in der Lehre und Forschung etabliert, der Studiengang ist auch aus den Anforderungen der Realität und ihren beruflichen Anforderungen heraus entstanden (siehe Interview mit Herrn Lechleuthner in diesem Band). Zum anderen ändern sich nicht nur in der Realität die Gefahrenlagen und-arten und damit die Herausforderungen an Fachkräfte wie auch die betroffene Öffentlichkeit ständig – auch die Forschung reagiert darauf und Rettungsingenieurwesen ist damit ein sehr dynamisches und innovatives Feld. Es fehlt bislang jedoch noch an begrifflichen Festlegungen und Erläuterungen, was Rettungsingenieurwesen eigentlich ist. Auch haben viele Studierende Schwierigkeiten zu erklären, was Rettungsingenieurwesen ist. Rettungsingenieurwesen enthält zum einen eine große Reihe an Fächern, die Ingenieursgrundlagen darstellen, die auch in anderen Bereichen wie etwa Maschinenbau üblich sind; Mathematik, Physik und Chemie. Hintergrund dieser Fächerkombination war der Wunsch, Studierende für einen Arbeitsmarkt so auszubilden, dass sie in vielen Bereichen eingesetzt werden können; im Rettungswesen, Feuerwehren, der sog. nicht-polizeilichen Gefahrenabwehr, aber zunehmend auch in Behörden mit Katastrophenoder Zivilschutzaufgaben, Bevölkerungsschutz oder Firmen, die sich intern oder als Beratungsleistung mit Business-Continuity oder Risikomanagement befassen. Weitere Studienfächer zielen auf die Interdisziplinarität und den Praxisbezug ab; Einsatzund Führungslehre, Betriebswirtschaftliche Grundlagen, Logistik, Rechtswesen usw. sollen auf künftige vielfältige Aufgaben im realen Arbeitsleben im Umgang mit Verwaltung, Finanzierung und Management vorbereiten. Praxissemester und Vorpraktika ergänzen die Ausbildung um sehr angewandte Erfahrungen aus der Praxis. Damit werden interdisziplinäre und praxisnahe Kompetenzen für eine Vielzahl möglicher Ausgabengebiete vermittelt. Diese Breite einerseits und die für die Öffentlichkeit noch ungewohnte Kombination aus Ingenieurswesen mit dem Begriff Rettung bedürfen oft einer Erklärung. Die Problematik der Außendarstellung und inhaltlichen Abgrenzung eines relativ neuen Fachbereichs mit interdisziplinären, heterogenen und vielfältigen Inhalten teilt sich das Rettungsingenieurwesen mit anderen Hochschulfächern. Die Anforderungen an interdisziplinäre Fächer sind oft sehr hoch, da sie sich gegenüber den einzelnen (oft klassischen) Disziplinen beweisen und dann auch noch abgrenzbar und identifizierbar ausgestalten müssen. Auch ernten angewandte Fachbereiche häufig Kritik von etablierten Disziplinen. Wichtiger als die akademische Einordnung ist beim Rettungsingenieurwesen jedoch insbesondere der Bezug zum Bedarf in der Berufswelt, und dahingehend werden Inhalte als auch Kompetenzen ausgewählt, die den Studiengang und damit einen großen Teil von Rettungsingenieurwesen ausmachen. Die Studierenden bekommen in einem Einführungsmodul die Aufgabe, eigenständig ein Szenario auszuwählen und zu beschreiben, bei dessen Bearbeitung Rettungsingenieurwesen benötigt wird. Sie sollen weiterhin anhand dieses Beispiels die Vielfalt der benötigten Akteure und Kompetenzen, aber auch die Möglichkeiten und Grenzen der Ausbildung an der Hochschule darstellen. Forschung zu Rettungsingenieurwesen am Institut Die Inhalte des Studiengangs Rettungsingenieurwesen lassen aus der gelebten oder besser gesagt, gelehrten Realität die Inhalte des Begriffs Rettungsingenieurwesen erkennen. Anhand der Betrachtung der Module des Studiengangs, aber auch anhand der am Institut durchgeführten, drittmittelfinanzierten Forschungsprojekte wird deutlich, dass Rettungsingenieurwesen viele weitere Inhalte und Kompetenzen umfasst, als was gemeinhin mit dem Begriff Rettung oder Ingenieur verbunden wird. Nicht nur Brandschutz und Risikound Krisenmanagement deuten hier weitere Themenbereiche an, auch die Inhalte von
9 Integrative Risk and Security Research 1/2018 Forschung und Lehre am IRG Forschungsprojekten zum Beispiel zu Arbeitsoder Veranstaltungssicherheit, Bevölkerungsschutz, Kritischen Infrastrukturen oder Naturgefahren, sind weniger mit dem Begriff Rettung allein assoziiert, sondern auch mit Sicherheitsmanagement und -technik, Katastrophenvorsorge oder anderen Fachgebieten. Daneben lassen sich aber auch eine ganze Reihe an Projekten erkennen, die eng mit dem Begriff Rettung verknüpft sind, wie etwa Projekte zur Rettung Verschütteter oder Luftrettung, Evakuierungen, Biomedizin, usw. Das Institut für Rettungsingenieurwesen und Gefahrenabwehr (IRG) selbst stellt relevante Fachgebiete in einem Schaubild dar, welches unter dem Gesamtbegriff „Gefahrenabwehr und Sicherheit“ drei Hauptgebiete ausweist: 1. Operative Gefahrenabwehr: Feuerwehr, Rettungsdienst, technische Hilfeleistung und Katastrophenschutz 2. Vorbeugende Gefahrenabwehr: Brandschutz, Umwelt. und Bevölkerungsschutz, Managementsysteme 3. Sicherheitstechnik: Anlagenund Prozesssicherheit, Maschinensicherheit, Arbeitsschutz „Das IRG fokussiert sich bei seiner Arbeit besonders auf die Bereiche der operativen & vorbeugenden Gefahrenabwehr“ heißt es auf der Institutswebseite. Diese Fachbereiche spannen also ein Fachgebietsspektrum auf, in dem einzelne Teile von Rettungsingenieurwesen enthalten sind. Jedoch ist Rettungsingenieurwesen selbst nicht explizit ausgewiesen oder definiert. Auch dies ergibt einen Hinweis auf die Notwendigkeit, Rettungsingenieurwesen weiter zu erläutern und begrifflich wie konzeptionell einzuordnen. Begriffsbestimmung Rettungsingenieurwesen Der folgende Abschnitt nähert sich dem Begriff Rettungsingenieurwesen mittels Hypothesenbildung und mag von den Lesern unterschiedlich Zustimmung oder Ablehnung erfahren. Rettungsingenieurwesen hängt einerseits eng mit Rettungswesen zusammen und betrachtet somit Situationen und Fähigkeiten, die bei Einsätzen des Rettungsdienstes vorkommen. Das sind Notfälle, die überwiegend in ähnlicher Weise regulär vorkommen und für die es viele etablierte Verfahren, Vorschriften und Handlungsabläufe gibt. Andererseits gibt es auch die nichtalltäglichen Notfälle oder Lagen, die durch ihre Seltenheit, Komplexität und Dimension spezielle Anforderungen stellen. Man könnte also die Hypothese aufstellen, dass der Begriff Rettungsingenieurwesen mit Rettungswesen und damit mit eher alltäglichen Notfällen assoziiert wird. Nichtalltägliche Situationen werden (auch) mit anderen Begriffen belegt, z.B. Krisen oder Katastrophen und sie erfordern häufig andere, zusätzliche Kompetenzen und Ressourcen. Ist z.B. der Rettungsdienst einer Kommune überfordert, da es zu viele Verletzte sind, werden andere zur Hilfe gerufen. Je nach Gefahrenart und Situation kann dies eine Aufgabe des Katastrophenschutzes, der polizeilichen Gefahrenabwehr oder anderer Organisationen werden. Zusätzlich zum Rettungsdienst werden also weitere Akteure beteiligt, da gerade Krisenereignisse größerer Dimension neben den im Alltagsfall üblicherweise agierenden Einsatzkräften wie Feuerwehr und Polizei auch noch weitere Stellen und Organisationen und vor allem Kompetenzen benötigen. Rettungsingenieurwesen beinhaltet nicht nur Rettungsdienste, wäre die nächste Hypothese, sondern auch Feuerwehren und viele weitere Akteure und Fachgebiete, wie es oben unter dem Gesamtbegriff „Gefahren und Sicherheit“ bereits angedeutet ist. Was beinhaltet Rettungsingenieurwesen aber nun und wie lässt es sich abgrenzen?
16 Integrative Risk and Security Research 1/2018 Forschung und Lehre am IRG Anknüpfungen erhält. Verknüpfungen zu klassischen, an Universitäten etablierten Disziplinen sind auch vielfach vorhanden, z.B. zur geographischen Risikoforschung, zur Ökosystemforschung, Risikomanagement in Unternehmen usw. Durch die internationale Ausrichtung entstehen auch viele Kooperationen, Forschungsvorhaben, Publikationen und Austausche von Experten und Studenten (u.a. auch dokumentiert auf unserem Blog; http://riskncrisis.wordpress.com und in unserer Schriftenreihe: Integrative Risk and Security Research, z.B. Norf et al. 2014, Fekete et al. 2017 und in diesem Band der Beitrag von Chojnowska). Der Bezug zwischen Hochschule und Praxis wird auch durch die seit 2014 laufende öffentliche Abendvortragsreihe „Risky Monday“ deutlich; hier tragen sowohl Behörden, Hilfsorganisationen, Firmen oder Hochschulen zu aktuellen Themen vor, und zum Teil sind dies auch ehemalige IRG-AbsolventInnen (Norf, Stephan, Fekete 2017). Es haben sich viele Zusammenarbeiten ergeben, im Institut, in der Fakultät und sogar fakultätsübergreifend in der TH Köln (z.B. im aktuellen Forschungsschwerpunkt BigWa -Bevölkerungsschutz im gesellschaftlichen Wandel, siehe Beitrag von Stephan et al. in diesem Band)). Weiterhin ist eine Zusammenarbeit mit einer Vielzahl von Partnern an anderen Hochschulen, Behörden und Wirtschaft entstanden. Die Praxisnähe von Rettungsingenieurwesen hilft sehr, angewandte Themen und lokale Praxispartner zu identifizieren. Damit wird auch im Sinne der internationalen Rahmenempfehlung des Sendai Rahmenwerks zur Reduktion von Katastrophen (UN 2015) gehandelt, in dem Aktivitäten zu Stärkung des Wissen um Risiken (Priority 1), Einbindung von Verwaltungen und Management (Priority 2) Investitionen (Priority 3) und Vorsorge vor Katastrophenauswirkungen (Priority 4) gefordert werden. Umsetzungen auf nationaler Ebene aber insbesondere vor Ort, in den Kommunen, werden gefordert und hier werden viele Projekte im Bereich Rettungsingenieurwesen durchgeführt. Thematisch haben sich im Bereich Risikound Krisenmanagement Forschungsaktivitäten insbesondere in Themenfeldern wie • Bevölkerungsschutz • Kritische Infrastrukturen • Risikoanalysen, inkl. Verwundbarkeit und Resilienz ergeben. Dazu siehe auch andere Beiträge in diesem Band, die einzelne Forschungsvorhaben im Bereich KRITIS (KIRMin) und Bevölkerungsschutz (BigWa) darstellen. Folgende Forschungsgebiete sind noch zu ergänzen: Räumliche Risikoanalysen: Aktuell wird der Einsatz von Geographischen Informationssystemen (GIS) und die Erhebung empirischer Daten sowohl qualitativer als auch quantitativer Art verfolgt, um (räumliche) Analysen von Risiken für die Bevölkerung durchführen zu können. Aktuell werden solche Analysen u.a. in NRW, aber auch in Ländern wie Iran und Myanmar durchgeführt. Darin werden u.a. Standortfaktoren von Gefahren und Verwundbarkeiten, sowie Resilienz (siehe Abb. 3) untersucht und zusammengefügt. Evaluierungen von Maßnahmen: Ein anderes Gebiet ist die Evaluierung von Hilfseinsätzen im internationalen Bereich, u.a. wurden in Surveys Daten zu Erfolg und Nachhaltigkeit von Hilfseinsätzen und Wiederaufbauprogrammen nach Tsunami und anderen Extremereignissen erhoben (Stephan, Norf, Fekete 2017). Auch nach dem Hochwassereinsatz 2012 wurden solche Daten erhoben. Eine studentische Umfrage zur Zufriedenheit der Helfer nach dem Einsatz hat sogar derart Interesse hervorgerufen, dass über 3000 Fragebögen online komplett beantwortet wurden (Baumgarten und Bentler 2015). Kommunikation und Wissensmanagement: Im Rahmen unseres Forschungsschwerpunkts BigWa (Bevölkerungsschutz im gesellschaftlichen Wandel), oder in Zusammenarbeit mit Organisationen im Bereich social media, aber auch in der Zusammenarbeit mit dem BMUB (Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz,
17 Integrative Risk and Security Research 1/2018 Forschung und Lehre am IRG Bau und Reaktorsicherheit) im Bereich Strahlenschutz wird der Bedarf nach Transfer zwischen Wissen aus der 34Forschung oder Berufspraxis und der Bevölkerung immer wieder deutlich. Kommunikation ist hier nicht nur ein technisches oder organisatorisches Problem, sondern auch oft eine Frage, wie Dialog und Akzeptanz hergestellt werden können. Aber auch die Aufbereitung und Bereitstellung von Wissen ist in einem breiten interdisziplinären Feld nicht einfach. Im Projekt Atlas der Verwundbarkeit und Resilienz (Fekete und Hufschmidt 2016) haben wir einen Dialog aufgebaut und schließlich ein Übersichtswerk über verschiedene Zugänge und Studien erstellt, das unterschiedlichste natürliche Risiken wie Hochwasser oder Hitzewelle, sowie menschlich-technische Gefahren wie Amoklauf oder Ausfall Kritischer Infrastrukturen beleuchten. Es wären hier noch einige weitere Schwerpunkte zu nennen, u.a. Strukturwandel im Bevölkerungsschutz (demographischer und technischer Wandel usw. – siehe Beitrag zu BigWa). Aber auch im Bereich Veranstaltungssicherheit gibt es eine seit Jahren etablierte sehr aktive Arbeitsgruppe mit über 20 Teilnehmern aus der Praxis und anderen Hochschulen, den Arbeitskreis Naturgefahren und Naturrisiken, Aktivitäten im Bereich Humanitäre Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit und weitere Themenfelder. Als Fazit kann gesagt werden, dass nicht nur der Studiengang Rettungsingenieurwesen sehr erfolgreich ist, was Bewerbungen aber auch berufliche Einstiege der Studierenden zeigen. Auch in der Forschung ergeben sich weiterhin viele relevante und anwendungsbezogene Themen, für die in Zukunft Nachwuchs gebraucht wird. Literaturverzeichnis Alexander, DE 2002, Principles of emergency planning and management, Dunedin Academic Press. Baumgartner, C & Bentler, C 2015, 'Analyse der persönlichen Zufriedenheit von Einsatzkräften während der Hochwasserkatastrophe 2013 in Deutschland. Eine Umfrage zur Steigerung der Motivation von Helfern im Bevölkerungsschutz', Integrative Risk and Security Research, no. 2. Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe 2010, Neue Strategie zum Schutz der Bevölkerung in Deutschland, Bonn. Available from: http://www.bbk.bund.de/SharedDocs/Downloads/BBK/DE/Publikationen/Wissenschaftsforum/Band4_NeueStrategie.pdf?__blob=publicationFile. Coppola, DP 2011, Introduction to international disaster management, Butterworth-Heinemann, Boston. Available from: http://www.sciencedirect.com/science/book/9780123821744. Fekete, A 2011, 'Common criteria for the assessment of critical infrastructures', International Journal of Disaster Risk Science, vol. 2, no. 1, pp. 15–24. Fekete, A 2012, 'Ziele im Umgang mit “kritischen” Infrastrukturen im staatlichen Bevölkerungsschutz' in Managementhandbuch Sicherheitswirtschaft und Unternehmenssicherheit, ed R Stober, Boorberg, Stuttgart, pp. 1103–1124. Fekete, A 2017, '3.1.1. Naturwissenschaftliche Theorie und Methodik' in Bevölkerungsschutz. Notfallvorsorge und Krisenmanagement in Theorie und Praxis, H Karutz, W Geier & T Mitschke (eds.), Springer Berlin Heidelberg, Berlin, Heidelberg. Fekete, A, Garschagen, M, Norf, C & Stephan, C (eds.) 2017, Recovery after extreme events. Lessons learned and remaining challenges in Disaster Risk Reduction. Fekete, A & Hufschmidt, G 2016, Atlas der Verwundbarkeit und Resilienz – Pilotausgabe zu Deutschland, Österreich, Liechtenstein und Schweiz. Atlas of Vulnerability and Resilience – Pilot version for Germany, Austria, Liechtenstein and Switzerland, Köln & Bonn. Available from: http://atlasvr.web.thkoeln.de. Norf, C, Blätgen, T, Grinda, C & Fekete, A (eds.) 2014, Coping with Disasters and Climate Extremes – Challenges & Cooperation Potential. Research Contributions to DAAD Alumni Summer School 2013. Norf, C, Stephan, C & Fekete, A (eds.) 2017, Interdisziplinäre Perspektiven des Risikound Krisenmanagements – Beiträge aus Wissenschaft und Praxis im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Risky Monday“. Stephan, C, Norf, C & Fekete, A 2017, 'How “Sustainable” are Post-disaster Measures? Lessons to Be Learned a Decade After the 2004 Tsunami in the Indian Ocean', International Journal of Disaster Risk Science, vol. 8, no. 1, pp. 33–45. Twigg, J 2004, Disaster risk reduction. Mitigation and preparedness in development and emergency programming, Humanitarian Practice Network, ODI, London. United Nations 2015, Sendai Framework for Disaster Risk Reduction 2015 – 2030, Geneva.
18 Integrative Risk and Security Research 1/2018 Forschung und Lehre am IRG Zur Einrichtung des Bachelor-Studienganges „Rescue Engineering“ als interdisziplinäre Ausbildung im Katastrophenund Notfallmanagement und Erfahrungen mit dem Studienbetrieb Prof. Dr. Gerd Braun Email: gerd.braun(at)th-koeln.de Anmerkung der Redaktion: Dieser Bericht spiegelt Erfahrungen und Meinungen aus der Enstehungsund Einführungsphase des Studiengangs Rettungsingenieurwesen wider. Manche Sachverhalte haben sich in den letzten Jahren verändert, weshalb sich Anmerkungen zu Aktualisierungen in Fußnoten wiederfinden. Einführung Der Rettungsdienst ist eine öffentliche Aufgabe der Gefahrenabwehr und Daseinsfürsorge. Neben der direkten Durchführung im Sinne der medizinischen Dienstleistung am Patienten, muss der Rettungsdienst organisiert und „gemanagt“ werden. Dazu gehören neben der Verwaltung und Organisation auch die Bedarfsplanung, die Ausund Weiterbildung, eine Kosten-Leistungsrechnung, Vertragsverhandlungen mit Kostenträgern bzw. Leistungserbringern, Qualitätsmanagement, Personalführung, Einsatz bei Großschadensereignissen, der Katastrophenschutz, das Beherrschen bestimmter Rechtsfragen, der Einsatz verschiedener Technikdisziplinen, deren Weiterentwicklung für den Rettungsdienst und die Berücksichtigung des wissenschaftlichen Fortschrittes in das Handeln. Durch die hohe Entwicklungsdynamik in diesem Bereich sowie den zunehmenden Kostendruck und die Verflechtung mit anderen Bereichen des Gesundheitswesens und der Gefahrenabwehr sind umfangreiche Kenntnisse und Kompetenzen auf Managementebene erforderlich. Hier ergibt sich aber ein gewisser Widerspruch zwischen den hohen fachlichen und stark interdisziplinären Anforderungen an die Leitungsebene und der bisher fehlenden zielgerichteten Ausbildung für diese komplexe Führungsaufgabe. Im Folgenden wird zunächst das Umfeld des Rettungswesens dargelegt, um die vielfältigen Aufgaben und Anforderungen an das Leitungspersonal aufzuzeigen. Danach folgt eine Betrachtung des Qualifikationsprofils des derzeitigen Personals im Rettungswesen, und zwar sowohl im Bereich des Einsatzdienstes als auch im Bereich des Managements. Aus dieser Problematik heraus werden die Motivation für die Einführung des Studiengangs Rescue Engineering (Bachelor of Engineering) im Jahr 2002 abgeleitet und Erfahrungen aus dem Studienbetrieb geschildert. Die Aufgaben und das Umfeld des Rettungswesens Das Umfeld des Rettungsdienstes wird wesentlich durch seine Aufgaben geprägt, die nach stehend skizziert werden: • Die Gefahrenvorbeugung: Zur Gefahrenvorbeugung gehören alle Sicherheitsmaßnahmen, die zur Vermeidung von Unfällen und sonstigen Gefahren führen, beispielsweise in der Bauplanung die Anlage und Einrichtung von Sanitätsstationen, Bemessung von Treppenausund -zugängen, Fluchtwegen etc. Dazu gehört aber auch die Etablierung von Präventionsprogrammen in Erster Hilfe für die Bevölkerung. • Einsatz bei Großunfällen: Die Besonderheiten von Großunfällen bedürfen einer präzisen Planung für den Ernstfall, einer speziellen Aufbauorganisation und nach einem Einsatzfall einer akribischen
19 Integrative Risk and Security Research 1/2018 Forschung und Lehre am IRG Nachbereitung zur Qualitätsverbesserung und -sicherung. • Einsatz bei Großveranstaltungen: Im Rahmen von Großveranstaltungen ist eine zusätzliche sanitätsdienstliche und rettungsdienstliche Versorgung erforderlich. Diese geht über die übliche Grundvorhaltung des öffentlichen Rettungsdienstes hinaus und kann in besonderen Fällen das Mehrfache der Grundvorhaltung betragen. Speziell bei wiederkehrenden Großveranstaltungen oder wandernden Großveranstaltungen (z.B. Open-Air-Konzerte auf Tourneen, Rockkonzerte etc.) sind frühere Erfahrungen und Besonderheiten bereits im Vorfeld zu berücksichtigen. • Einsatz bei Chemie-, Biound Strahlenunfällen: Gefahrstoffe (chemische, biologische, radiologische) können durch Unfälle oder Fehlbetrieb in die Umwelt gelangen und damit die Gesundheit von Menschen nachhaltig schädigen. Dies kann durch den Erzeugerbetrieb (z.B. chemische Fabrik, ein Gefahrguttransport auf der Straße oder Schiene) oder im Rahmen der Anwendung gefährlicher Stoffe durch Störungen und Unfälle bedingt sein. Dabei kommen neben der direkten Giftigkeit auch organisatorische Aspekte zum Tragen im Hinblick auf Gefahrenerkennung, Gefahrenvorbeugung, Evakuierung usw. • Einsatz bei Naturkatastrophen: Die Bedeutung von Naturkatastrophen als Bedrohung für Menschen nimmt weltweit zu. Dies liegt vor allem daran, dass sich immer mehr Menschen in gefährdeten Gebieten ansiedeln (Erdbeben gefährdete Gebiete, Vulkane etc.). Speziell die Zerstörung der Infrastruktur macht eine medizinische Regelversorgung für eine Übergangszeit häufig unmöglich. Hier müssen spezielle Methoden und Konzepte entwickelt werden, um den Menschen in diesen Regionen zu helfen. • Die überregionalen Aufgaben: Im Rahmen von humanitären Auslandseinsätzen kommen sowohl rettungsdienstliche als auch andere medizinische Aspekte zum Tragen. Dabei spielen die Logistik, aber auch die technische Anwendbarkeit von medizinischen und rettungsdienstlichen Methoden im Hinblick auf eine Abstimmung auf die lokalen Besonderheiten (z.B. Tropen, Dürregebiete, Epidemiegebiete etc.) eine große Rolle. Die zur Bewältigung der Aufgaben gewählten Methoden spiegeln den technischen Stand und die sozialen Randbedingungen der Gesellschaft wider. Die Eingliederung des Rettungsdienstes in die Gesellschaft wird an folgenden Punkten deutlich: • Die Stellung des Rettungsdienstes im Gesundheitssystem: Die Stellung des Rettungsdienstes im Gesamtgesundheitssystem mit seinen zahlreichen Verzahnungen und Schnittstellen wird bislang nicht immer ausreichend berücksichtigt. Zuständigkeiten, Abgrenzungen, Schnittstellenpflege und Besonderheiten müssen besser erkannt und erlernt werden. • Die Bedarfsplanung: Rettungsdienst ist in Deutschland und vielen anderen Staaten nach wie vor eine gesetzlich verankerte Aufgabe des Staates. Da die Refinanzierung hier durch Nutzerentgelte erfolgt, ist der Kostendruck so groß, dass eine exakte Bedarfsplanung für die Anzahl der Standorte der Rettungsmittel aufgestellt werden muss. Diese Bedarfsplanung ist in den meisten Rettungsgesetzen der Länder verankert und unterliegt einer strengen Überprüfung. Aus diesem Grunde haben sich die Methoden dieser Bedarfsplanung innerhalb der letzten Jahre ständig verfeinert. So kommen heute aufwendige statistische Verfahren, Computerprogramme und Systemanalysen zum Einsatz. Da die Bedarfsplanung eng mit Qualitätskriterien verknüpft sind, orientiert sich der Bedarfsplan in der Regel an Struktur und Aufbau des örtlichen Rettungsdienstes,
20 Integrative Risk and Security Research 1/2018 Forschung und Lehre am IRG dem Risikopotenzial (z.B. Flughäfen, chemische Industrie, Autobahnen etc.) und an gesetzten Standards (Eintreffzeiten, Ausstattung, Laufzeit von Fahrzeugen, Trainingszustand des Personals etc.). • Die Organisation des Rettungsdienstes: Der Rettungsdienst besitzt eine Aufbauorganisation, die sich im Wesentlichen ähnlich der eines normalen Betriebes verhält, jedoch den besonderen Charakter einer Sicherstellung besitzt. Die dazu erforderlichen Elemente, Personalplanung, Personalvorhaltung, Schichtdienstmodelle, Ausfallsicherheiten, Personalführung usw., sind für einen funktionierenden Rettungsdienst als Aufbauorganisation erforderlich. In der Ablauforganisation kommen einsatztaktische Konzepte zum Tragen. Dazu gehören Alarmund Ausrückordnungen, Einsatzstichwortgestaltung, Entsendestrategien usw. • Die Leitstelle: Die Leitstellen sind das Herzstück eines jeden Rettungsdienstes. In ihnen laufen die Notrufe auf, die Leitstellenmitarbeiter disponieren, koordinieren und lenken die Einsätze. Die Arbeitsweise in Leitstellen ist heute extrem Technik geprägt. Spezielle Computersysteme, Computerprogramme, Auswertestatistiken etc. dominieren die Leitstellenarbeit. Das Dispositionsverhalten bei gestaffelten Rettungssystemen ist sehr viel aufwendiger als bei einfachen Systemen. Zusätzlich gibt es weitere Aufgaben im Bereich der Leitstellen wie Brandschutz, technische Hilfeleistung, Hausnotrufe, Bürgertelefon etc. • Die Rettungsdienstgesetze und verwandte Gesetzgebung: Die Rettungsdienstgesetze der Länder spiegeln die unterschiedlich gewachsenen Strukturen wider. Zusätzlich haben diese Gesetze des Öffentlichen Rechtes Verknüpfungen zu zahlreichen anderen Gesetzeswerken, beispielsweise zu den Polizeigesetzen, zu den Feuerschutzund Hilfeleistungsgesetzen, zum Sozialversicherungsrecht, zum Gesetz für den öffentlichen Gesundheitsdienst, aber auch zum europäischen Recht und zu Spezialgesetzen wie dem Medizinproduktegesetz. • Das Qualitätsmanagement und die Qualitätssicherung: Im Rahmen des Rettungsdienstes sind besondere Qualitätssicherungsverfahren erforderlich. Hier müssen unterschiedliche Organisationen, Organisationsstrukturen, Vorstellungen und Arbeitsweisen zu einem Gesamtkonzept geführt, überwacht und finanziert werden. Zahlreiche Schnittstellen müssen bedient werden, ein gleichwertiger Ausbildungsstand muss gewährleistet sein und Fehler müssen aufdeckbar und abstellbar sein. Dies alles führt dazu, dass eine sehr aufwendige Qualitätssicherung betrieben werden muss, die von der Entwicklung, Vorgabe und Überwachung von Standards, Qualitätszielen, Dokumentation, statistischen Methoden, Fehlererfassung und -auswertungen, Analyse bis zu Verbesserungskonzepten reicht. Vorhandene Qualifikationen im Rettungsdienst Bislang gibt es eine qualifizierte Ausbildung nur im Bereich des Einsatzdienstes, und zwar bis zum Jahr 2014 nur mit einer zweijährigen Ausbildung zum „Rettungsassistenten“. Andere Bezeichnungen wie „Rettungssanitäter“ oder „Rettungshelfer“ sind keine qualifizierten Berufsausbildungen, sondern Schulungen, die lediglich durch Stundenumfänge und Inhaltsvereinbarungen der ausbildenden Organisationen charakterisiert sind.1 Eine Facharztausbildung für diesen Bereich hat sich bislang nicht durchsetzen können2. 1 Anm. d. Red.: 2014 wurde mit dem „Notfallsanitäter“ eine weitere qualifizierte Berufsausbildung eingeführt, welche den Rettungsassistenten als bis dahin höchste nichtärztliche Qualifikation im Rettungsdienst abgelöst hat (Deutscher Bundestag 2014).
21 Integrative Risk and Security Research 1/2018 Forschung und Lehre am IRG Im Managementbereich des Rettungsdienstes gibt es bislang keine spezielle Qualifizierung. Die dort Tätigen sind entweder aus dem Einsatzdienst übernommene Rettungsassistenten oder besitzen höherwertige Qualifikationen wie eine betriebswirtschaftliche, volkswirtschaftliche, juristische oder auch eine ingenieurwissenschaftliche oder naturwissenschaftliche Ausbildung. Aber auch völlig andere Ausbildungen sind anzutreffen. Insgesamt handelt es sich um Führungskräfte, die häufig fachfremd angelernt sind. Positionen im Bereich Management Geschäftsführer eines Rettungszweckverbandes einer Rettungsdienstorganisation Abteilungsleiter in den Bereichen Verwaltung, Technik, Schule und Ausbildung Rettungsdienst, Rettungsleitstelle Auslandeinsätze: Planung, Leitung, Organisation Fahrdienstleiter Sachgebietsleiter Bedarfsplanung, Beschaffung, Budget Schichtführung im Einsatzdienst Tabelle 1: Positionen im Bereich Rettungsdienst-Management Führungspersonen benötigen jedoch für die Leitung von Rettungsdiensten neben spezifischen rettungsdienstlichen Kenntnissen umfangreiche Kenntnisse in den Bereichen Technik, Betriebswirtschaft, Personalführung, Rechtskunde, Sozialmedizin und Psychologie. Die derzeitige Personalstruktur im Bereich der Feuerwehr zeigt die Abbildung 1. Im mittleren und oberen Management fehlen häufig rettungsdienstliche Qualifikationen. In der Abbildung 2 sind die entsprechenden Personalstrukturen im Bereich der Hilfsorganisationen dargestellt. Hier fehlen im mittleren Management fachliche Managerqualifikationen und im Topmanagement (häufig) rettungsdienstliche Fachkenntnisse. 2 Anm. d. Red In der Ausbildung von Notärzten fehlen bis zum heutigen Tage bundesweit einheitliche Qualifikationsanforderungen (Bundesärztekammer n.d.). Während eine Reihe von Anforderungen bundesweit anzutreffen ist, zeigen sich deutliche Unterschiede beispielsweise bei der Dauer einzelner Weiterbildungseinheiten
22 Integrative Risk and Security Research 1/2018 Forschung und Lehre am IRG Abbildung 5: Personalstruktur in der Feuerwehr3 (Lechleuthner n.d.) Abbildung 6: Personalstruktur in den Hilfsorganisationen4 (Lechleuthner n.d.) Das Personal, das im Rettungsdienst arbeiten und diesen gestalten will, kommt derzeit häufig nur über eine Ausbildung im Einsatzdienst, also z.B. zum Rettungsassistenten oder Notfallsanitäter (entspricht dem mittleren Dienst) dazu. In der Regel bleibt diesen Mitarbeitern der Aufstieg versperrt und es kommt zu einem Karriereproblem. Diejenigen, die von Anfang an im Rettungsdienst-Management arbeiten wollen, besitzen häufig eine andere, mehr oder weniger fachfremde Qualifikation. Ihnen fehlen allerdings dann häufig die spezifischen rettungsdienstlichen Kenntnisse und es kommt zu einem Qualifizierungsproblem. Mit dem Bachelor-Studiengang „Rescue Engineering“ (heute: „Rettungsingenieurwesen“) und dem darauf aufbauenden Master-Studiengang soll ein Beitrag geleistet werden, diese Problematiken zu lösen. 3 Anm. d. Red.: Seit 2014 zählt auch der Notfallsanitäter zu dem Einsatzpersonal (siehe Fußnote 1) 4 Anm. d. Red.: Seit 2014 zählt auch der Notfallsanitäter zu dem Einsatzpersonal (siehe Fußnote 1)
23 Integrative Risk and Security Research 1/2018 Forschung und Lehre am IRG Studienprogramm In Zusammenarbeit mit dem Institut für Notfallmedizin der Berufsfeuerwehr der Stadt Köln und verschiedenen Instituten der Fachhochschule Köln wurde das vorliegende Konzept für den BachelorStudiengang „Rescue Engineering“ ausgearbeitet.5 Dies belegt, dass Rettungsingenieurwesen ein stetig wachsendes Aufgabenfeld bedient und ein ständig steigender Bedarf nach sachgerecht und auf hohem Niveau ausgebildeten Rettungsfachleuten besteht. Als Lösungsansatz für die beschriebene Problematik wurde zum Wintersemester 2002/2003 ein gestufter Fachhochschul-Studiengang „Rescue Engineering“ mit einer ersten Qualifikation zum Bachelor of Engineering (B.Eng.) in sechs Semestern (heute: sieben Semester) eingeführt. Der konsekutive Studiengang zum Master of Science (M.Sc.) mit weiteren 3 Semestern wurde 2006 eingeführt. Der Studiengang ist nach dem internationalen Bachelor/Master-System aufgebaut und der Abschluss Bachelor of Engineering qualifiziert entsprechend den „Ländergemeinsame Strukturvorgaben gemäß § 9 Abs. 2 HRG für die Akkreditierung von Bachelorund Masterstudiengängen“ (Beschluss der Kultusministerkonferenz vom 10.10.2003) für Führungspositionen im Gehobenen Dienst; der Studiengang Master of Science qualifiziert für Führungspositionen im Höheren Dienst. Der siebensemestrige Bachelor-Studiengang gibt fundierte Einblicke in die nichtpolizeiliche Gefahrenabwehr, seine Struktur, seine vielfältigen Aufgaben und seine zahlreichen Schnittstellen auf nationaler und internationaler Ebene. Der Abschluss dazu befähigt, im Rahmen von Rettungsdienstträgern, - organisationen und anderen Institutionen als verantwortlicher Ingenieur Führungsaufgaben im Gehobenen Dienst zu übernehmen. Dazu gehören neben einer breiten ingenieurtechnischen Ausbildung z.B. die eigenständige Bedarfsplanung, Personalwesen, Kosten-Leistungsrechnung, Budgetbewirtschaftung, technische Organisation, Zusammenarbeit mit anderen Dienststellen und Umsetzung von Qualitätsmanagement-Programmen. Im Studium werden die dafür erforderlichen Kenntnisse, basierend auf mathematisch/naturwissenschaftlichen und ingenieurwissenschaftlichen Grundlagen und speziell für das Rettungswesen ausgewählten Fachgebieten verschiedener Ingenieurdisziplinen, für die Aufgaben der nichtpolizeilichen Gefahrenabwehr vermittelt. Semester Studieninhalte Bachelor of Rescue-Engineering (zum Zeitpunkt der Einführung) 1 Mathematik, Technische Mechanik I, Allgemeine Chemie, Physik, Werkstoffkunde, Elektrotechnik 2 Technische Mechanik II, Messtechnik im Rettungswesen Arbeitssicherheit, Logistik, Gefahrenabwehr I, Psychologie, Sozialmedizin, Logistik, Mediation/Gesprächstechnik/Präsentation, Informationsverarbeitung, Personalführung 3 Allgemeine Betriebswirtschaftslehre, Verwaltung von Non-Profit-Unternehmen, Soziologie 5 Anm. d. Red.: Während es zur Zeit der Einführung dieses Studiengangs kein vergleichbares Studienangebot in Deutschland gab, finden sich heute eine ganze Reihe an ähnlichen oder fachlich nahen Studiengängen in Deutschland (Gerhold, Peperhove & Jäckel 2016)sowie im Europäischen Ausland.
24 Integrative Risk and Security Research 1/2018 Forschung und Lehre am IRG Grundlagen der Bautechnik, Fahrzeugtechnik, Grundlagen von Kommunikationssystemen, Grundlagen des Zivilund Vertragsrechtes, Rechtsfragen im Rettungswesen, 4 Großschadensfall/Katastrophenschutz, Qualitätsmanagement I, Gefahrenabwehr II, Umwelt und Gesundheit Buchführungsu. Abschlusstechnik, Investitionsund Finanzierungsrechnung Grundlagen des Rechnungswesens, Steuern, Materialwirtschaft 5 Qualitätsmanagement II, Kostenrechnung, Wirtschaftsstatistik Stadt-, Verkehrsund Versorgungsplanung, Biomedizinische Technik, Sozialrecht, Arbeitsu. Bildungsrecht, Strahlenschutz Epidemiologie, Fremdsprachen 6 Tropentechnik, Organisationsu. Projektmanagement, Bachelor-Seminar, Bachelor-Arbeit Tabelle 2: Studieninhalte Bachelorstudiengang “Rescue-Engineering” (zum Zeitpunkt der Einführung)6 Das Studium ist ein Vollzeitstudium, kann aber durch die strikte Modularisierung quasi auch als Teilzeitstudium absolviert werden. Dieses ist vor allem für solche Studierende wichtig, die während des Studiums weiterhin ihren Beruf im Rettungswesen ausüben wollen. Die Studieninhalte sind mit starkem Bezug zur Praxis ausgerichtet.7 Erste Erfahrungen aus dem Studienbetrieb Wegen der großen Nachfrage zum Wintersemester 2002/2003 musste ein örtliches Auswahlverfahren zur Vergabe der 60 Studienplätze durchgeführt werden. Da zu diesem Zeitpunkt ca. 360 Bewerbungen für einen Studienplatz vorlagen, wurden ausnahmsweise auch zum Sommersemester 2003 60 Studierende zugelassen. Im Laufe der vergangenen Jahre wurde das Angebot stetig angepasst8. In den folgenden Abbildungen sind einige Ergebnisse zusammengestellt, die aus einer Befragung der Studierenden im Rahmen einer Lehrveranstaltung durchgeführt wurde. Es nahmen 84 Studierende des zweiten, dritten und vierten Fachsemesters daran teil. In Abbildung 3 ist die Altersverteilung der Studierenden dargestellt. Deutlich wird der erhebliche Anteil an Studierenden, die 26 Jahre und älter sind9. 6 Anm. d. Red.: Der heutige Studienverlauf unterscheidet sich heutzutage teilweise erheblich von dem, der hier aus der Anfangszeit abgebildet ist. Zudem wurden die zwei Vertiefungsrichtungen „Brandschutzingenieurwesen“ (Bachelor) und „Rettungsingenieurwesen“ eingeführt. Das aktuelle Modulhandbuch findet sich unter: https://www.thkoeln.de/mam/downloads/deutsch/studium/studiengaenge/f09/rettungswesen_bachelor/bachelor_rettungsingenieurwesen.pdf 7 Anm. d. Red.: In seiner heutigen Form gilt das Studium generell als Vollzeitstudium. Der starke Praxisbezug ist weiterhin gegeben. 8 Anm. d. Red.: Zuletzt wurde das Angebot so angepasst, dass im Wintersemester 2016/2017 100 Studienplätze zur Verfügung standen wobei es eine Bewerberzahl von 458 Personen gab. Der Notendurchschnitt im Bewerbungsverfahren lag in demselben Semester bei 2,7 (TH Köln 2016). 9 Anm. d. Red.: Schon im Jahr 2005 waren ca. 62 % der Studierenden jedoch 26 Jahre alt oder jünger (Horst 2005)
25 Integrative Risk and Security Research 1/2018 Forschung und Lehre am IRG Abbildung 7: Altersverteilung der Studierenden Ein weiteres Indiz für diese Tatsache ist auch, dass ca. 80 % aller Studierenden über einschlägige Berufserfahrungen mit einem Mittelwert von 5,3 Jahre verfügen. Mehr als zehn Jahre Berufserfahrung können ca. 13 % der Befragten vorweisen. Die gesamte Verteilung zeigt Abbildung 4. Abbildung 8: Berufserfahrung der Studierenden Bei den Studierenden zeigt sich auch hier der allgemeine Trend der erforderlichen Erwerbstätigkeit neben dem Studium. Neben einer Gruppe von einem Drittel, die gar nicht während des Semesters berufstätig sind, beträgt die wöchentliche Arbeitszeit der Berufstätigen im Mittel ca. 20 Stunden. Eine Vollzeitbeschäftigung üben 6 % der Studierenden aus. Die gesamte Verteilung zeigt Abbildung 5.
32 Integrative Risk and Security Research 1/2018 Forschung und Lehre am IRG und einer Lage wie bei einer langandauernden flächenhaften Krise wie z.B. ein Stromausfall über 4 Tage, an dem die Erwartungshaltung an vollständige Versorgung nicht mehr erfüllt werden kann. Hier sind Mindestversorgungskonzepte, Notfallmanagement und flexibler Umgang mit einem Mangel an Ressourcen nötig. Hinsichtlich der geographischen Auswahl von Fallstudien wird es zunehmend wichtiger, bislang weniger beachtete Akteure und weniger beachtete Verknüpfungen stärker zu betrachten. So gibt es gegenwärtig eine starke Förderung der Resilienz von Städten, insbesondere Großstädten, wie auch smarten (Groß- )städten. Jedoch müssen auch Städte der sog. zweiten Reihe, mittelgroße Städte, Stadtrandregionen, ländliche Räume und vor allem, deren gegenseitige Abhängigkeiten stärker betrachtet werden. Ebenso müssen Sicherheitskonzepte und -maßnahmen noch stärker nicht nur für Kleinere und mittlere Unternehmen (KMU) sondern auch für Behörden und Organisationen aller Art innovativ gestaltet werden, damit das Thema Sicherheit auch mit geringen finanziellen wie personellen Ressourcen gestemmt und modernisiert werden kann. Ein anderes Beispiel für neue Themenfelder stellt die Veranstaltungssicherheit dar, bei der teilweise große Personengruppen für begrenzte Zeiträume an teilweise wenig vertrauten Orten zusammenkommen. Auch hier stellen sich die Herausforderungen für etablierte Großveranstaltungen mit entsprechender Expertise und Ressourcenausstattung anders dar als für kleinere Feste, die jedoch auch Konzepte für Unfälle, Naturkatastrophen oder Terrorangriffe benötigen. Die Fortschreibung des Rahmenprogrammes „Forschung für die zivile Sicherheit“ bedarf also der Berücksichtigung einer zunehmenden Überlagerung und Integration von Schwerpunkten und Themen, um die Sicherheit der Bürgerinnen und Bürger gegenüber verschiedenen Gefahren und Risiken zu erhöhen. Jedoch ist allen Themen eines gemein: Sicherheit als Gemeingut/als gesellschaftlicher Wert sollte der Gesellschaft und all ihren Mitgliedern dazu dienen, sich frei und individuell entwickeln und entfalten zu können - nicht umgekehrt. Die Anerkennung und Einbindung (Stichworte: Bürgerbeteiligung und Codesign) dieser individuellen Entwicklung und Entfaltung und der daraus resultierenden gesellschaftlichen Heterogenität ist zeitweilen eine Herausforderung, die die Komplexität von Sicherheitsstrategien erhöht und auch nicht in allen hier vorgestellten Themen gleichwertig bearbeitet werden kann. Dennoch liegt in Individualität und Heterogenität eine große Chance für die Innovationen der zivilen Sicherheit: Jedes Mitglied der Gesellschaft besitzt Fähigkeiten, die er oder sie in die Prävention von Schäden und auch in die Bewältigung von Krisenlagen einbringen kann. Diese Fähigkeiten sind somit bei der Fortschreibung des Rahmenprogramms nicht nur zu berücksichtigen, sondern im größtmöglichen Sinne zu fördern.
33 Integrative Risk and Security Research 1/2018 Forschung und Lehre am IRG Abbildung 12: Themengebiete für soziale Innovationen für und durch Zivile Sicherheit (Quelle: Eigener Entwurf)
34 Integrative Risk and Security Research 1/2018 Forschung und Lehre am IRG Fliegendes Lokalisierungssystem für die Rettung und Bergung von Verschütteten (FOUNT²) – Anwenderorientierte Forschung am Institut für Rettungsingenieurwesen und Gefahrenabwehr Tim Brüstle, Johannes Weinem, Sebastian Schmitz, Ompe Aimé Mudimu Email: tim_niklas.bruestle(at)th-koeln.de, johannes.weinem(at)th-koeln.de, sebastian.schmitz1(at)th-koeln.de, ompe_aime.mudimu(at)th-koeln.de Einleitung Ziel des Forschungsprojektes FOUNT² ist die Entwicklung einer leistungsstarken, unbemannt fliegenden Plattform, welche Rettungskräfte bei ihrer Suche nach Überlebenden nach Einsturzereignissen entlasten soll. Dazu soll ein „unmanned aerial vehicle“ (UAV) aus der Luft das Trümmerfeld hochaufgelöst und dreidimensional kartographieren. Zusätzlich setzt das UAV ein spezielles Bioradar zur Detektion von Lebenszeichen auf dem Trümmerhaufen ab. Unter der Leitung von Herrn Prof. Reindl, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, hat das Institut für Rettungsingenieurwesen und Gefahrenabwehr (IRG) diese Thematik zusammen mit sieben weiteren Verbundpartnern entwickelt. Grundlage hierfür sind die Erkenntnisse aus bereits erfolgreich abgeschlossenen Forschungsprojekten des IRG. Die Thematik der Verschüttetensuche und Einsatzorganisation bei Einsturzereignissen wurde bereits in den Projekten „Vernetzte Einsatzführung zur Rettung Verschütteter“ (VERVE) und „Intelligentes Sicherndes Lokalisierungssystem für die Rettung und Bergung von Verschütteten“ (I-LOV) thematisiert. Bisherige Forschung am IRG Bei der Rettung von Verschütteten muss immer der Aspekt der Sicherheit der Einsatzkräfte berücksichtigt werden. Im Projekt I-LOV wurde deswegen eine Grundlagenforschung zur Thematik der Verschüttetensuche durchgeführt, mit dem Ziel verschiedene Konzepte zusammenzuführen. Beispiele hierfür sind einsatzunterstützende Informationstechnik (IT) und die Vorhaltung modernster Ortungstechnik bei spezialisierten Einheiten der Gefahrenabwehr. (Mudimu, Peters & Lechleuthner 2012, S. 43-44) Aufbauend auf den Forschungsergebnissen aus I-LOV steht als Ergebnis im Projekt VERVE ein Informationsprofil, das anhand des Gesundheitszustandes des Verschütteten und der Trümmerstruktur relevante Daten für die gezielte Rettung zusammenstellt. Dieses Informationsprofil kann durch eine genaue Lagedarstellung die Entscheidungsfindung der Einsatzleitung verbessern. Diese Informationen werden so dargestellt, dass die Einsatzkräfte sie erfassen und weiterverarbeiten können. (Mudimu et al. 2016, S. 22) Im Forschungsprojekt FOUNT² werden nun die Erkenntnisse aus den beiden Vorgängerprojekten zusammengeführt. Dazu wird ein auf das UAV abgestimmtes System entwickelt, welches vom Start bis zur Landung teilautonom arbeitet und die ermittelten Daten an die verantwortlichen Führungskräfte weiterleitet. Es stellt somit ein unterstützendes IT-System dar, dass sowohl den Patientenzustand als auch die Trümmerstruktur kombiniert betrachtet. Eine rasche und sichere Gewinnung und Verifizierung der Informationen sind notwendig, um den Einsatzerfolg bei der Verschüttetensuche zu gewährleisten. Damit während eines Einsatzes die Abbildung 1: Verbundlogo FOUNT² (Quelle: Universität Freiburg 2016)
35 Integrative Risk and Security Research 1/2018 Forschung und Lehre am IRG Informationen nicht verloren gehen, weil z. B. Zuständigkeiten unklar sind, ist die Speicherung aller relevanten Informationen notwendig. (Gebauer et al. 2003, S. 376) Nach Mudimu et al. müssen Informationen während eines Einsatzes mit den Kenntnissen, Methoden und Gerätschaften der Einsatzkräfte erfassbar, verwendbar und verwertbar sein (Mudimu et al. 2016, S. 22-23). Durch die neu entwickelte Technik wird diese Datendarstellung und –speicherung in Echtzeit auf verschiedenen Medien möglich. Insbesondere die Darstellung in einem 3D-Kartensystem, in dem alle relevanten Daten zur Ortung und zur gezielten Rettung aufbereitet visualisiert werden, eröffnet der Gefahrenabwehr neue Möglichkeiten der Einsatzabwicklung. Die Erkenntnisse aus vorangegangenen Forschungsprojekten machen den Bedarf an dieser Technik deutlich. (Mudimu et al. 2012, S. 24–26) Mit dem neuen FOUNT²-System werden die Grenzen der Verschüttetensuche ausgeweitet. Zum einen ist das System im Gegensatz zu Menschen und Hunden unabhängig von Einsturzgefahren, Atemgiften und Gefahrstoffen einsetzbar. Es kann also Bereiche anfliegen, die für Einsatzkräfte und Hunde nicht zu betreten sind. Das vom FOUNT²-System eingesetzte Bioradar ist in der Lage, Verschüttete zu lokalisieren, wenn diese sich nicht eigenständig bemerkbar machen oder Hunde keine Witterung aufnehmen können. Da das System teilautonom arbeitet, sind in der Bedienung dementsprechend nur wenige Eingriffe durch den Nutzer notwendig. Um das FOUNT²-System in den Einsatz zu bringen, ist daher ein geringer Personalaufwand ausreichend. Zusätzlich soll der Einsatz des FOUNT²-Systems durch eine neu zu entwickelnde Schulung des Anwenders werden. Aufgaben des IRG in FOUNT² Das Institut für Rettungsingenieurwesen und Gefahrenabwehr bearbeitet und koordiniert die Arbeitspakete „Bedarfsanalyse“, „Schnittstellendefinition“, „Szenarioentwicklung“ sowie die Evaluation im Laborund Realmaßstab. Das System wird zunächst in einem Endanwenderund Schnittstellen-Workshop definiert. Dabei werden aus dem Bedarf der Endanwender (Feuerwehr, Hilfsorganisationen etc.) Anforderungen an die neue Technologie ermittelt. Die Kenntnisse des IRG im Bereich der Einsatzorganisation in besonderen Lagen der Gefahrenabwehr ermöglichen hier ein zielgerichtetes Vorgehen. Die Kernkomponente des FOUNT²-Systems ist ein UAV, das ein Bioradar und Module zur autonomen Landeplatzsuche mit sich führt. Während des Einsatzes werden durch die mitgeführten Systeme die Position eines Verschütteten mittels seiner Atemfrequenz sowie Daten zu den Trümmerstrukturen im Umfeld des Verschütteten ermittelt. Dazu kann unter anderem die 3D-Kartographierung der Landeplatzsuche hilfreich sein. Die erhobenen Daten werden mittels High-Speed-Data-Link direkt an eine Bodenstation weitergeleitet. Die übermittelten Parameter werden dann in einem User-Interface dargestellt. Dieses steht den Einsatzkräften zur Verfügung, ist an deren Anforderungen angepasst und unterstützt bei der Entscheidungsfindung. Außerdem kann mit dem User-Interface Einfluss auf die teilautonome Aktivität des UAV genommen werden. Deshalb wird als ein Aspekt des Forschungsprojektes durch das IRG auch ein Schulungskonzept für Endanwender, die das System später in den Einsatz bringen sollen, entwickelt. Ebenso wird vom IRG untersucht, wie das System in die Einsatzstellenorganisation implementiert werden kann. Aufgrund der Vielschichtigkeit des Systems ergeben sich zwischen den einzelnen Komponenten sowie zwischen Komponenten und Endanwendern verschiedene Schnittstellen. Diese werden unter Leitung des IRG ebenfalls gemeinsam von den Projektpartnern herausgearbeitet. Die Schnittstellendefinition ist notwendig, weil die einzelnen Systemkomponenten auf hohem technischen Niveau entwickelt werden. Ihre Kombination und Zusammenarbeit stellt somit eine große Herausforderung für spezialisierte Entwickler dar.
36 Integrative Risk and Security Research 1/2018 Forschung und Lehre am IRG Allerdings sind die Schnittstellen für eine reibungslose Zusammenarbeit der Komponenten und somit der Leistungsfähigkeit des FOUNT²-System von besonderer Bedeutung. Nur Technologie, die den Endanwender störungsfrei unterstützt, ermöglicht letztendlich die erfolgreiche Lokalisierung von Verschütteten. Deren Rettung kann so schneller, zielgerichteter und sicherer durchgeführt werden. Die Schnittstellendefinition muss aufgrund der breit gefächerten fachlichen Anforderungen und der damit verbundenen Komplexität ganzheitlich erfolgen. Rettungsingenieure sind in der Lage, verschiedene Fachrichtungen methodisch, kommunikativ und fachlich zusammenzubringen. Aufgrund der breiten Aufstellung ihres Studiums verstehen sie die Grundzüge einzelner Fachbereiche und deren Zusammenhänge. Dadurch werden sie befähigt, alle spezialisierten Bereiche im Rahmen einer Gesamtkoordination zu berücksichtigen. Eine wichtige Voraussetzung dafür bildet eine gute Projektorganisation, die ein Bestandteil ihrer Ausbildung ist. Die Expertise des IRG im Bereich der Einsatzorganisation in der Gefahrenabwehr ist insbesondere beim Zusammenspiel von Technik, Taktik und Anwender des FOUNT²-Systems hilfreich, um alle Arbeitsschritte zielführend zu gestalten. Das Ende des Forschungsprojektes bildet die Evaluation des Gesamtsystems und des Zusammenspiels mit den Einsatzkräften. Hierzu werden von einer Arbeitsgruppe am IRG verschiedene, realistische Einsatzszenarien definiert. Anhand dieser wird das Schulungskonzept für Endanwender interdisziplinär entwickelt und das FOUNT²-System in bestehende Strukturen der Gefahrenabwehr implementiert. Hierfür entwickelt die Arbeitsgruppe objektive Konzepte zur Evaluation der spezialisierten Komponenten und des Gesamtsystems. Diese werden sowohl im Laborbzw. Planübungsmaßstab als auch im Rahmen einer Realübung angewendet. So wird es möglich, die Ergebnisse des Forschungsprojektes zielgerichtet an den Anforderungen, die zu Anfang und im Projektverlauf von den Endanwendern definiert worden waren, zu messen. Diese Ergebnisse können technischer oder organisatorischer Natur sein. Sie verdeutlichen beispielsweise das Potential einer drohnengestützten Verschüttetensuche in der Gefahrenabwehr. Weiterhin ermöglicht die Evaluation allgemeine Aussagen über teilautonome Drohnenflüge, die auch außerhalb der Gefahrenabwehr, weiterverfolgt werden können. Der dynamische Prozess der Zusammenarbeit von Mensch und Technik wird bei der Evaluation ebenso beurteilt und kann im Rahmen weiterer Forschungsprojekte genauer untersucht werden. Durch die interdisziplinäre und endanwenderorientierte Forschung und das Zusammenspiel verschiedener spezialisierter Komponenten wird durch das IRG ein teilautonomes System maßgeblich mitentwickelt und so die Verschüttetensuche nachhaltig verbessert. Abbildung 2: Drohneneinsatz bei der Verschüttetensuche (Fotomontage) (Quelle: eigene Darstellung)
37 Integrative Risk and Security Research 1/2018 Forschung und Lehre am IRG Fliegendes Lokalisierungssystem für die Rettung und Bergung von Verschütteten (FOUNT²) Prof. Dr.-Ing. Ompe Aimé Mudimu, Tim Brüstle, B.Eng., Sebastian Schmitz, B.Eng. Johannes Weinem, B.Eng. • Projektpartner: Albert-Ludwigs-Universität Freiburg; Ostbayerische Technische Hochschule Regensburg; TH Köln; MEDER CommTech GmbH, Singen; HerSi Electronic Development GmbH & Co. KG, Regensburg; contagt GmbH, Mannheim; Reco Service Robert Schmidkonz, Nittenau • Assoziierte Partner: Institut für Notfallmedizin der Berufsfeuerwehr Köln; Deutscher Rettungshundeverein DRV e.V., Waldmünchen; Feuerwehr und Katastrophenschutz Stadt Mannheim, Bundesanstalt Technisches Hilfswerk • Gefördert von: Bundesministerium für Bildung und Forschung, Programm: Forschung für die zivile Sicherheit, Bekanntmachung: „Zivile Sicherheit – Innovative Rettungsund Sicherheitssysteme“ (Förderkennzeichen 13N14163) • Laufzeit: 10/2016 – 10/2019 Literaturverzeichnis Gebauer, F, Markus, M, Fiedrich, F, Gentes, S & Schweier, C 2003, 'Forschungsarbeiten zur technischen und organisatorischen Bewältigung von Katastrophen mit Gebäudeschäden', Bauingenieur, Jg. 78, Nr. 7, S. 369–379. Mudimu, OA, Lechleuthner, A, Barth, K & Lotter, A 2016, VERVE. Prozessmodellierung, empirische Analyse und Standardisierung des Informationsmanagements bei Großschadenslagen mit Gebäudeeinstürzen. Sachstandsbericht, Köln. Mudimu, OA, Peters, M & Lechleuthner, A 2012, Intelligentes sicherndes Lokalisierungssystem für die Rettung und Bergung von Verschütteten (I-LOV), Teilvorhaben: Gewinnung von Umgebungsinformationen, ihre Dokumentation sowie die psychologische Betreuung bei Einsätzen mit Verschütteten ; Abschlussbericht zum Verbundvorhaben I-LOV, Fachhochsch; Technische Informationsbibliothek u. Universitätsbibliothek, Köln, Hannover. [Online] http://edok01.tib.unihannover.de/edoks/e01fb13/733744079.pdf [10.01.2017]. Universität Freiburg - IMTEK 2016, Verbundlogo Fount².
38 Integrative Risk and Security Research 1/2018 Forschung und Lehre am IRG Kritische Infrastrukturen-Resilienz als Mindestversorgungskonzept: Ziele und Inhalte des Forschungsprojekts KIRMin Alexander Fekete, Neysa Setiadi, Katerina Tzavella, Alexander Gabriel, Jens Rommelmann Email: alexander.fekete(at)th-koeln, neysa.setiadi(at)th-koeln.de, katerina.tzavella(at)th-koeln.de, alexander.gabriel(at)th-koeln.de, jens.rommelmann(at)th-koeln.de Einleitung Die Grundversorgung der Bevölkerung mit Elektrizität und Wasser ist ein wesentlicher Stützpfeiler des gesellschaftlichen Lebens bzw. des wirtschaftlichen Systems in Deutschland. Als solche werden diese beiden Sektoren den sog. Kritischen Infrastrukturen (KRITIS) zugerechnet, aus deren Teiloder auch Totalausfall weitreichende Folgen u.a. für die Bevölkerung und die Bundesrepublik entstehen könnten (Petermann et al. 2011). Vor dem Hintergrund zunehmender Bedrohung der KRITIS durch Anschläge, asymmetrische Konflikte, die zunehmende Gefährdung von cyber-physischen Elementen oder aber auch durch Naturereignisse oder menschlich-technisches Versagen zeigt sich die steigende Notwendigkeit, einen Diskurs über die Auswirkungen eines Ausfalls der KRITIS anzustoßen und weiterzuführen (vgl. Geier 2016; Lauwe 2016). Hierzu werden im Forschungsprojekt KIRMin insbesondere die Kaskadeneffekte betrachtet, die durch die Vernetzungen der KRITIS untereinander entstehen können. Der Fokus liegt hierbei auf der Versorgung der Bevölkerung mit lebensnotwendigen Gütern und Dienstleistungen, um eine notwendige Mindestversorgung (Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) 2016) zu etablieren, sofern eine Grundversorgung nicht mehr vollständig geleistet werden kann. Mit Partnern aus Forschung und Praxis sowie KRITIS-Betreibern wird ein anwenderorientierter Ansatz verfolgt. Neben der Untersuchung der Vulnerabilität der Sektoren Stromund Wasserversorgung werden Risikound Resilienzanalysen zur Erstellung eines Konzeptes zur Mindestversorgung Kritischer Infrastrukturen während eines Stromausfalls erarbeitet. Ziele und erwartete Erkenntnisse Das Projekt KIRMin soll in der Projektlaufzeit von 2016 bis 2019 die Anforderungen an die Sicherstellung einer Mindestversorgung für den Fall eines Ausfalls der Normalversorgung der KRITIS Strom und Wasser herausstellen sowie essentielle Elemente und Prozesse sowie Interdependenzen der KRITIS in Deutschland sichtbar machen. Darüber hinaus sollen Schwachstellen und Optimierungsmöglichkeiten im Krisenmanagement von Betreibern und Behörden aufgezeigt und Bewältigungsund Wiederherstellungsfähigkeiten der übrigen Akteure (Bevölkerung, Industrie) im Krisenfall hervorgehoben werden. Durch das Projekt sollen somit verbesserte Methoden für die Analyse der Interdependenz und der Resilienz im Bereich der KRITIS und hier insbesondere ein Mindestversorgungskonzept mit Maßnahmenkatalog für die Versorgungssektoren Strom und Wasser im Falle eines flächendeckenden Stromausfalls unter Einbeziehung des gesamten “Disaster Risk Management”-Kreislaufs” (DRM) bereitgestellt werden. Die Erarbeitung eines Leitfadens für die Zusammenarbeit und Kommunikation von Unternehmen und Behörden im Sektor der Kritischen Infrastrukturen soll hierzu beitragen.
39 Integrative Risk and Security Research 1/2018 Forschung und Lehre am IRG Methodik Die Projektziele werden in vier Arbeitspaketen erarbeitet (Abbildung 1). Zu Projektbeginn werden konzeptionelle Ansätze zur Resilienzbewertung von KRITIS erfasst und im Rahmen des Projektes weiterentwickelt, mit dem Ziel Kriterien zur Bestimmung der Resilienz von KRITIS zu identifizieren. Darauf aufbauend werden national als auch international „Best und Worst Practice“-Beispiele gesammelt und anhand der vorher entwickelten Kriterien bewertet. Hieraus lassen sich somit Indikatoren für Erfolg oder aber auch Misserfolg für den Umgang mit einem KRITIS-Ausfall ableiten und ggf. die Kriterien frühzeitig den Anforderungen der Endanwender anpassen. Begleitend dazu wird im Rahmen eines umfassenden Dialogund Kommunikationskonzeptes der ständige Kontakt und Austausch mit Experten, Praktikern und Endanwendern gesucht, um die relevanten Faktoren für oder gegen die Erstellung von Mindestversorgungskonzepten zu ermitteln und eine Rückmeldung zum noch zu erstellenden Übungskonzept für die Interdependenzanalyse und Mindestversorgung im Zusammenspiel von Ersthelfern, Zivilschutz-Einrichtungen und KRITIS-Betreibern zu erhalten. Anhand dreier konkreter Fallbeispiele soll dann – ebenfalls unter Einbindung der relevanten Akteure aus Katastrophenschutz, Bevölkerung und KRITIS – eine praktische Anwendung der Interdependenzanalysen erfolgen. Basierend auf diesen Erkenntnissen können die genutzten Methoden zur Resilienzanalyse zu einer neuen, verbesserten und interdisziplinären Methodik zur Resilienzanalyse von KRITIS weiterentwickelt werden. Abbildung 13: Arbeitspakete im Projekt KIRMin (Quelle: Kritische Infrastrukturen-Resilienz als Mindestversorgungskonzept (KIRMin) 2016a) Gegen Ende der Projektlaufzeit soll somit ein holistisches Risikound Krisenmanagementkonzept bzw. ein Mindestversorgungskonzept für die Branchen Strom und Wasser entwickelt werden. Um diese Konzepte zu überprüfen werden die einzelnen Prozessschritte der Risikoanalyse und Notfallvorsorgeplanung in ausgewählten Regionen unter Anwendung von geographischen Informationssystemen durchlaufen. Das Forschungsteam im Institut für Rettungsingenieurwesen und Gefahrenabwehr hat die Aufgabe der Koordination des Projektes. Zudem befasst es sich inhaltlich v.a. mit der Einbeziehung von Akteuren in Kommunikation, Wissensmanagement & Dissemination (Arbeitspaket II) und Analyse der Resilienz der Kritischen Infrastrukturen (Arbeitspaket III) (Kritische Infrastrukturen-Resilienz als
40 Integrative Risk and Security Research 1/2018 Forschung und Lehre am IRG Mindestversorgungskonzept (KIRMin) 2016b). Beitrag der TH Köln zu Kommunikation, Wissensmanagement & Dissemination (AP II) Ein ganzheitlicher Partizipationsund Kommunikationsprozess während der kompletten Projektlaufzeit dient als Grundlage des Gesamtvorhabens. Hierunter wird der Dialog mit den Akteuren als offener Gedankenaustausch und kontinuierliche Dokumentation und das Teilen wesentlicher interund transdisziplinär erarbeiteter Inhalte verstanden. Ein Kommunikationskonzept für Akteurs-Dialoge und Wissensmanagement wurde erarbeitet. Das Konzept umfasst sowohl die interne Kommunikation und das Projektmanagement mit den Verbundpartnern (Konsortialpartner), als auch den externen Austausch mit den praktischen und wissenschaftlichen Akteuren (assoziierte Partner von KRITIS-Betreibern und der Gefahrenabwehr und weitere Experten), sowie der Bevölkerung. Anhand bestehender Netzwerke des IRG, der Verbund- / assoziierten Partner und aus weiterer eigener Recherche, wurden relevante Akteure bzw. Experten identifiziert und im Projekt eingebunden. Die Einbeziehung der Akteure ist in Form von Expertengesprächen sowie (Spezial-)Workshops geplant und ausgeführt. Auf der einen Seite dient der Austausch als Mittel, um vorhandenes Wissen und Erfahrung der Akteure zu akquirieren (Wissensmanagement). Auf der anderen Seite sollten die Akteure die Möglichkeit bekommen, ihre Anforderungen und Bedarfe in Bezug auf Mindestversorgung zu äußern und bei der Analyse aktiv teilzunehmen (partizipativer Forschungsansatz). So können sie die bestehenden Abhängigkeiten ihrer Infrastrukturen deutlicher erkennen, ihre Resilienz besser abschätzen und Maßnahmen im Falle einer geminderten Versorgung ableiten. Um einen Austausch mit der Zivilbevölkerung anzustoßen und zu unterhalten wird zudem eine virtuelle Plattform entwickelt und betreut. Im Laufe des Projektes werden die Ergebnisse sowie die Methodik des Projektes KIRMin im Rahmen von wissenschaftlichen Konferenzen im Inund Ausland sowie durch Publikationen der TH Köln sowie der Projektpartner verbreitet und in den Diskurs der wissenschaftlichen Gemeinschaft eingebracht. Beitrag der TH Köln zu Analyse der Resilienz KRITIS (AP III) In Zusammenarbeit mit den Betreibern KRITIS und Akteuren des Katastrophenschutzes werden Fallstudien durchgeführt, bei der die Resilienz KRITIS unter Berücksichtigung bestehender Interdependenzen (siehe z.B. Rinaldi, Peerenboom & Kelly 2001; Lenz 2009; Kröger 2008; Lauwe & Riegel 2008) analysiert wird. In Rahmen dessen werden zur Analyse der Resilienz von KRITIS Expertengespräche und Interviews mit den Projektpartnern in Fallstudien in NRW durchgeführt. Als Methode wurden leitfadengestützte Interviews (Gläser & Laudel 2010) ausgewählt, die qualitativ ausgewertet werden. Das Ziel der ersten Interviews ist es, ein besseres Verständnis der Technologien, räumlichen Elemente und Systemstrukturen KRITIS, sowie Funktionsprinzipien der Systeme (Handlungsweisen und Beziehungen) zu bekommen, um die Abhängigkeiten zwischen diesen Elementen in verschiedenen KRITIS-Sektoren einschließlich der Gefahrenabwehr auszuwerten und Schwachstellen zu identifizieren. Darüber hinaus ermöglichen die Interviews, den Bedarf der Endnutzer an ein Mindestversorgungskonzept zu erheben und weiteren Kontakten bzw. Daten anzufragen. Die Resilienzanalyse wird im nächsten Schritt anhand der qualitativen Ergebnisse und weiterer quantitativer Daten, die öffentlich und von den Partnern zu Verfügung gestellt werden, durchgeführt. Diese ist mittels eines systemischen Resilienzverständnisses (Dierich et al. 2012) des Projektpatners Inter 3 und abgeleiteter Resilienzkriterien (vgl. Bruneau et al. 2003) umgesetzt.
41 Integrative Risk and Security Research 1/2018 Forschung und Lehre am IRG Beitrag der TH Köln in GIS-Anwendung (AP III) Innerhalb der Interdependenzund Resilienzanalyse (AP III) hat die GIS-Analyse eine bedeutende Rolle, da sie verschiedene KRITIS und Interdependenzen (insbesondere geographische, vgl. Rinaldi, Peerenboom & Kelly 2001) abbilden und analysieren kann. Im KIRMin Projekt ist es vorgesehen, eine GIS-basierte Anwendung zur Identifizierung der wichtigsten Zusammenhänge von KRITIS und Gefahrenabwehr sowie GIS-basierte Darstellungen zu Kaskadenereignissen unter verschiedenen Szenarien durchzuführen. Beispiele der GISAnwendungen sind u.a. die Erreichbarkeit der betroffenen Gebiete durch Feuerwehrfahrzeuge, Wasserverfügbarkeit und Rettungsdienst, Dauer der Wiederherstellung betroffener KRITIS-Elemente wie etwa technischer Objekte der Stromversorgung unter Einfluss räumlicher Faktoren wie Distanzen, Hochwasserbarrieren usw. Eine exemplarische Analyse für die Stadt Köln wurde hierzu durchgeführt (Fekete, Tzavella & Baumhauer 2017). Die Erkenntnisse aus dieser Analyse werden für die weiteren Analysen der Stadt Köln und in andere Fallstudien miteinbezogen und mit den Partnern als Dialoggrundlage verwendet. Dabei hat das AP III als ein Ziel die Identifizierung der am stärksten gefährdeten Gebiete für spezifische Krisenszenarien (Ein Beispiel in Abbildung 2). Abbildung 2: Von einem extremen Hochwasser betroffene Kritische Infrastrukturen (Hier als Beispiel: Krankenhäuser, Schulen, und ausgewählte Einrichtungen der Gefahrenabwehr) in Köln (Quelle: eigene Darstellung) Diese Identifizierung wird weiter die Kombination einer Interdependenzanalyse der Kritischen Infrastrukturen in komplexen städtischen Umgebungen mit einem Vulnerabilitätsindex sein. So werden Indikatoren für effektive und rechtzeitige Notfalleinsätze durch statistische Methoden und GIS Techniken entwickelt.
48 Integrative Risk and Security Research 1/2018 Forschung und Lehre am IRG Eine relevante Dynamik in der Gruppe der beruflich aktiven Bevölkerung in Deutschland ist eine allgemeine Zunahme der Mobilität. Wie ein Bericht des Deutschen Gewerkschaftsbundes darstellt, ist die Zahl der Berufspendler in den letzten 20 Jahren deutlich angestiegen (DGB Bundesvorstand 2016, p 1). Ein Bericht des DGB beschreibt insbesondere die Zunahme von Fernpendlern, die regelmäßig zwischen Bundesländern pendeln (DGB Bundesvorstand 2016, p 1). Wie Erhebungen des Statistischen Bundesamtes darlegen, sind Strecken von mindestens 25 Kilometern für 17 Prozent aller Erwerbstätigen die Regel und immerhin 4 Prozent legen 50 Kilometer oder mehr an einfacher Strecke auf dem Weg zum Arbeitsplatz zurück (Wingerter 2014, p 1). Demgegenüber beschreibt ein Bericht des Bundesinstituts für Bau-, Stadtund Raumforschung (BBSR), dass sich die „Aktionsräume der Beschäftigten zwar noch vergrößern (…) (und) immer mehr Beschäftigte zwischen den Zentren pendeln“ aber zugleich „Pendelströme zwischen Umland und Stadt (…) an Bedeutung verlieren und durchschnittliche(n) Pendeldistanzen bundesweit stagnieren“ (Pütz 2015, p 3). Während vonseiten offizieller Quellen keine einheitlichen Einschätzungen zu Fernpendlern und regionalen Aktionsräumen vorliegen, ist jedoch davon auszugehen, dass die allgemeine Veränderung von Erwerbsverläufen in Zukunft weitergehende Auswirkungen auf die Möglichkeiten ehrenamtlichen Engagements haben wird. Eine zunehmende berufliche Mobilität bringt eine Reihe von zusätzlichen Belastungen für die Arbeitnehmer, ihre Familien und die weiteren sozialen Einbindungen mit sich und wird sich voraussichtlich zunehmend im System des Ehrenamts widerspiegeln. Um die Herausforderungen der Gewinnung und Bindung ehrenamtlicher Helfer im Bevölkerungsschutz in einem realistischen Bild skizzieren zu können und die Relevanz des Themas für das Land NordrheinWestfalen sowie angrenzende Bundesländer darzulegen, ist es ein Ziel dieser Teilstudie, aktuelle statistische Daten zu Pendlermobilität und zu Engagement in Organisationen des Bevölkerungsschutzes zu gewinnen und aufzubereiten. Darüber hinaus soll eine Bevölkerungsumfrage Aufschluss geben über Bereitschaft und Erfahrung im ehrenamtlichen Engagement im Bevölkerungsschutz. Diese Daten sollen ergänzt werden durch ausgewählte Fallstudien und Befragungen von ehrenamtlichen Mitarbeitern im Bevölkerungsschutz. In Verbindung mit Expertenbefragungen von Schlüsselpersonen aus den Hilfsorganisationen und Bevölkerungsforschern (z.B. Bevölkerungssoziologie und -geographie, Wirtschaftswissenschaften) geht diese Teilstudie u.a. folgenden Forschungsfragen nach: • Wie hat sich das Pendlerverhalten in NRW in den letzten 10-15 Jahren verändert? Welche Prognosen werden von Experten für die nächsten 5-10 Jahre diskutiert? • Welchen Zusammenhang gibt es zwischen der Zunahme der beruflichen Mobilität und den Möglichkeiten, sich ehrenamtlich im Bevölkerungsschutz zu betätigen? • Welche statistischen Korrelationen zwischen Pendlermobilität und ehrenamtlichem Engagement lassen sich erkennen? • Wie haben sich Berufsund Ehrenamtsbiographien in den letzten 10-15 Jahren verändert? • Welche Lösungsansätze gibt es in Kommunen und Landkreisen, um ehrenamtliches Engagement trotz beruflicher Mobilität zu fördern (z.B. Doppelmitgliedschaften, Bereitschaften am Arbeitsplatz, etc.)? • Welche Herausforderungen – z.B. juristischer, wirtschaftlicher und sozialer Art - gibt es bei diesen Lösungsansätzen? • Können neue Bevölkerungsgruppen für ehrenamtliches Engagement im Bevölkerungsschutz in Köln identifiziert werden? Welche „Typen“ ehrenamtlicher Helfer lassen sich hier identifizieren?
49 Integrative Risk and Security Research 1/2018 Forschung und Lehre am IRG Methodischer Aufbau der Teilstudie Um diese Teilstudie und die unterschiedlichen oben skizzierten Fragestellungen zu bearbeiten, sollen verschiedene quantitative und qualitative Methoden angewendet werden. Die Aufbereitung aktueller statistischer Daten zu Pendlermobilität soll mithilfe eines quantitativen Ansatzes erfolgen, in dem von offiziellen Quellen (u.a. Bundesagentur für Arbeit, Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung, DGB) bezogene Daten unter Zuhilfenahme statistischer Auswertungsprogramme (z.B. SPSS) analysiert werden. Des Weiteren sollen die ausgewerteten Daten in einem Geographischen Informationssystem (GIS) aufbereitet werden. Für die eigene statistische Erhebung in Köln wird das BigWa-Forschungsteam einen Fragebogen formulieren, der die Bereitschaft, Motivation und Erfahrung mit ehrenamtlichen Engagement generell und insbesondere im Bevölkerungsschutz abfragen wird und weitere relevante Aspekte wie Pendlerverhalten, soziale Milieus und Technikaffinität einschließen wird. Der Fragebogen wird zum Großteil geschlossene Antwortkategorien umfassen sowie einige wenige offene Antwortkategorien. Bei der Formulierung des Fragebogens werden insbesondere die Mitarbeiter von Fakultät 01 und Fakultät 09 zusammenarbeiten, um Expertise in der Durchführung einer repräsentativen Umfrage, der Formulierung von Fragebögen und den spezifischen Hintergründen des Ehrenamts im Bevölkerungsschutz zu bündeln. Die Fragebögen sollen im Rahmen einer repräsentativen Umfrage in der Stadt Köln, welche für Ende 2017 geplant ist, eingesetzt werden. Die Auswertung der Umfrage erfolgt mithilfe des statistischen Auswertungsprogramms SPSS. Neben der quantitativen Erhebung und Auswertung, werden verschiedene qualitative Interviews durchgeführt. Ein erster Typ von qualitativen Interviews wird mit ehrenamtlich im Bevölkerungsschutz aktiven Personen in NRW im Regierungsbezirk Köln durchgeführt. Aufbauend auf den Ergebnissen der repräsentativen Bevölkerungsumfrage sollen durch narrative Interviews verschiedene Berufsund Ehrenamtsbiographien skizziert werden. Anhand ausgewählter Beispiele soll so dargestellt werden, wie sich diese Biographien in den letzten 10-15 Jahren verändert haben. Der zweite Typ von qualitativen Interviews soll mit Mitgliedern von Organisationen des Bevölkerungsschutzes in NRW im Regierungsbezirk Köln durchgeführt werden, die spezifische Lösungsansätze für Herausforderungen des demographischen Wandels in ihren Kommunen entwickelt haben. Diese Interviews, die als halbstrukturierte Leitfadeninterviews konzipiert werden, sollen Aufschluss geben über Bedingungen und Erfolgsfaktoren der Realisierung von Lösungsansätzen zur Modernisierung des Ehrenamts und der Vereinbarkeit von Beruf und Ehrenamt. Der dritte und letzte Typ qualitativer Interviews wird mit Experten aus den Bereichen Bevölkerungsschutz und demographischer Wandel in Deutschland durchgeführt. Die Identifizierung und Befragung solcher Experten, die aktuelle Dynamiken und Tendenzen der Weiterentwicklung des Ehrenamtes im Bevölkerungsschutz skizzieren können (Leiter und Personalexperten von Hilfsorganisationen, etc.) und solcher Experten, die einen Ausblick hinsichtlich des demographischen Wandels und der Entwicklung sozialer Kohäsion in der deutschen Gesellschaft geben können (Bevölkerungssoziologie und -geographie, Wirtschaftswissenschaften, etc.), dient der Formulierung von Lösungsvorschlägen, welche die Herausforderungen des gesellschaftlichen Wandels adressieren. Erste Ergebnisse der Teilstudie Der folgende Abschnitt stellt erste Ergebnisse der Teilstudie vor, die durch eine Auswertung aktueller statistischer Daten für Nordrhein-Westfalen und durch Literaturrecherche zu bestehenden Ehrenamtsmodellen in Kommunen desselben Bundeslandes von Mitarbeitern der BigWa-Forschungsgruppe
50 Integrative Risk and Security Research 1/2018 Forschung und Lehre am IRG und Studierenden des IRG erarbeitet wurden. Diese vorläufigen Ergebnisse dienen dazu, erste aktuelle Tendenzen in der beruflichen Mobilität in NRW und Köln und einzelne kontextangepasste Lösungsansätze zu identifizieren. Aufbauend darauf können Forschungsfragen weiter angepasst werden und eine optimale Auswahl der Methoden zur weiteren Bearbeitung getroffen werden. Pendlerbewegungen mit Relevanz für NRW und Köln Die Auswertung von Daten des Landesbetriebs Information und Technik Nordrhein-Westfalen (IT.NRW) zu Pendlerbewegungen in NRW und Köln hat eine Reihe von Tendenzen aufgezeigt, die im Rahmen der Teilstudie für eine eingehendere wissenschaftliche Auswertung herangezogen werden sollen. Es zeigt sich u.a., dass Köln als bevölkerungsreichste Stadt in NRW im Jahr 2015 eine Einpendlerquote von rund 44 Prozent und eine Auspendlerquote von 26,5 Prozent besitzt (Abb. 2 und 3). Abbildung 2: Einpendlerquoten der zehn bevölkerungsreichsten NRW-Städte (2015) (Quelle: Eigene Darstellung auf Grundlage von Information und Technik Nordrhein-Westfalen (IT.NRW) 2017)
51 Integrative Risk and Security Research 1/2018 Forschung und Lehre am IRG Abbildung 3: Auspendlerquoten der zehn bevölkerungsreichsten NRW-Städte (2015) (Quelle: Eigene Darstellung auf Grundlage von Information und Technik Nordrhein-Westfalen (IT.NRW) 2017) Während die höchsten Einpendlerquoten in Düsseldorf (58%) und Bonn (55,4%) zu verzeichnen sind, stechen insbesondere Duisburg (43,7%) und Bochum (42,4%) mit hohen Auspendleranteilen in der Gruppe der zehn Städte hervor. Um eine Veränderung im Zeitverlauf beschreiben zu können, vergleichen Abbildung 4 und Abbildung 5 die absoluten Einund Auspendlerzahlen der Stadt Köln zwischen 2010 und 2015. Abbildung 4: Tages-Einpendler aus der Stadt Köln für die Jahre 2010-2015 in absoluten Zahlen (Quelle: Eigene Darstellung auf Grundlage von Information und Technik Nordrhein-Westfalen (IT.NRW) 2017)
52 Integrative Risk and Security Research 1/2018 Forschung und Lehre am IRG Abbildung 5: Tages-Auspendler aus der Stadt Köln für die Jahre 2010-2015 in absoluten Zahlen (Quelle: Eigene Darstellung auf Grundlage von Information und Technik Nordrhein-Westfalen (IT.NRW) 2017) Während bei den Einpendlern eine Zunahme um 2.500 Einpendler erfolgt ist, sind nur 1.500 Auspendler zusätzlich zwischen den Jahren 2010 und 2015 zu verzeichnen. Diese Zunahme relativiert sich jedoch, wenn man den generellen Bevölkerungszuwachs in der Stadt Köln in diesem Zeitraum berücksichtigt. Während die absoluten Werte einen Anstieg der Pendlerströme darlegen, zeigt sich bei einer Berechnung des Anteils von Pendlern an der Summe der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten mit Wohnort in Köln, dass der Pendleranteil nahezu stagniert (Information und Technik Nordrhein-Westfalen (IT.NRW) 2017). Abbildung 6: Distanz Wohnund Arbeitsort von a) Tageseinpendlern nach Köln und b) Tagesauspendlern aus Köln (2015) (Quelle: Eigene Darstellung auf Grundlage von Information und Technik Nordrhein-Westfalen (IT.NRW) 2017) Bei einer Betrachtung der Distanzen, die Tagespendler nach Köln und aus Köln auf dem Weg zum Arbeitsplatz zurücklegen, zeigt sich ein arithmetischer Mittelwert von rund 59 Kilometern bei den Einpendlern nach Köln und ein Mittelwert von knapp 54 Kilometern bei den Auspendlern aus Köln. Im Vergleich zum arithmetischen Mittelwert bezieht sich der gewichtete Mittelwert auf die Häufigkeitsverteilung der einzelnen Distanzen (die Gewichtung erfolgt hier also anhand der relativen Häufigkeiten der zurückgelegten Strecken). Es zeigt sich hier, dass bei einer gewichteten Berechnung die Pendlerdistanzen deutlich geringer sind. Sowohl für die Tageseinpendler nach Köln als auch für die
53 Integrative Risk and Security Research 1/2018 Forschung und Lehre am IRG Tagesauspendler ergibt sich ein gewichteter Mittelwert von circa 27 Kilometern. Lösungsansätze zur Bindung und Gewinnung von ehrenamtlichen Kräften in Freiwilligen Feuerwehren Nicht in allen Kommunen ist das ehrenamtliche System des Bevölkerungsschutzes gleich stark aufgestellt. Die Verfügbarkeit von ehrenamtlichen Kräften kann zwischen Kommunen im ländlichen und städtischen Raum sowie zwischen strukturschwächeren und stärkeren Regionen sowie nach einer Reihe anderer Vergleichsfaktoren stark variieren. Insbesondere in Kommunen, in denen das Fehlen ehrenamtlicher Kräfte in den vergangenen Jahren am stärksten spürbar war, mussten schnelle und pragmatische Lösungen gefunden werden. Als Beispiel kann die Einführung von sog. „Pflichtfeuerwehren“ genannt werden, beispielsweise in Kommunen in Schleswig-Holstein (List auf Sylt, Friedrichstadt, Burg (Dithmarschen)) aber auch zeitweise in anderen Bundesländern wie beispielsweise in Rheinland-Pfalz (Nagar 2016; Jakat 2012). Daneben gibt es eine ganze Reihe an Lösungsansätze, die eine Bindung von ehrenamtlichen Kräften und eine Gewinnung von Mitgliedern auch aus neuen Zielgruppen fördern. Neben den Möglichkeiten für eine Doppelmitgliedschaft, wie sie Freiwillige Feuerwehren beispielsweise in NRW (Ministerium für Inneres und Kommunales des Landes Nordrhein-Westfalen 2017) aber auch in anderen Bundesländern bieten, werden gezielte Aktivitäten unternommen, um einen höheren Frauenanteil in Freiwilligen Feuerwehren zu erzielen oder auch neue Zielgruppen wie z.B. Menschen mit Migrationshintergrund und Geflüchtete anzusprechen (Wetterer & Poppenhusen 2007; Deutscher Feuerwehrverband 2006; Deutscher Feuerwehrverband 2013). Als Ausgangspunkt für die Arbeiten der Teilstudie in BigWa werden im folgenden Abschnitt exemplarisch drei Gemeinden des Regierungsbezirks Köln dargestellt, in denen die Freiwilligen Feuerwehren Modelle entwickelt haben, um mit der vorhandenen Tagesbevölkerung den Brandschutz in der operativen Gefahrenabwehr sicherzustellen. Die Herausforderungen der Gemeinden werden kurz skizziert und daran anschließend die spezifischen Lösungsansätze vorgestellt. Modell der Freiwilligen Feuerwehr der Stadt Sankt Augustin Den Brandschutz in der operativen Gefahrenabwehr übernimmt eine Freiwillige Feuerwehr, die sich auf sechs Standorte verteilt. An den Standorten Mülldorf und Menden ist je ein Löschzug stationiert. Die Standorte Hangelar, Meindorf, Niederpleis und Buisdorf verfügen jeweils über eine Löschgruppe. Des Weiteren wurden zwei Tagesalarm-Einheiten (TA) eingerichtet. In der „TA Stadt“ wirken städtische Bedienstete mit, während die „TA Hochschule“ von Studierenden und Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg gestellt wird (Freiwillige Feuerwehr der Stadt Sankt Augustin n.d.). Über den „Tagesalarm I“ wird die „TA Stadt“ alarmiert. Die Angestellten der Stadt, die in Folge dieser Alarmierung ausrücken, sind mehrheitlich beim Bauhof oder in der Feuerwehrtechnischen Zentrale (hauptamtliche Gerätewarte) angestellt. Zudem sind sie alle Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr Sankt Augustin. Ihre Einsatzbereitschaft zeichnet sich durch hohe Flexibilität aus, da sie ihre persönliche Schutzausrüstung (PSA) am Arbeitsplatz vorhalten und von dort direkt zum Einsatzort fahren können. Sie werden unabhängig vom Standort im gesamten Stadtgebiet eingesetzt und unterstützen die dort zuständige Einheit der Freiwilligen Feuerwehr (Freiwillige Feuerwehr der Stadt Sankt Augustin n.d.). Der „Tagesalarm II“ setzt sich aus Beschäftigten und Studierenden der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg zusammen.
54 Integrative Risk and Security Research 1/2018 Forschung und Lehre am IRG Abbildung 7: Lage der Stadt Sankt Augustin im Regierungsbezirk Köln (Quelle: Eigene Abbildung erstellt mit ArcGIS (version 10.1/2012)) Die Voraussetzung zur Teilnahme ist die Mitgliedschaft in einer Freiwilligen Feuerwehr. Um dieses Konzept für alle Beteiligten sinnvoll zu gestalten, wird diese Tagesalarm-Einheit erst ab einem gewissen Schadensausmaß alarmiert. Die Freiwilligen rücken gesammelt mit einem dort stationierten Mannschaftstransportwagen aus. Es handelt sich folglich um eine Einheit, die ausschließlich tagsüber die Löschgruppen/-züge der Freiwilligen Feuerwehr Sankt Augustin unterstützen kann (Freiwillige Feuerwehr der Stadt Sankt Augustin n.d.). Modell der Feuerwehr Radevormwald Die Feuerwehr der Stadt Radevormwald setzt sich aus freiwilligen und hauptamtlichen Einsatzkräften zusammen. Zur Feuerwehr Radevormwald gehören drei Löschzüge. Sie verteilen sich auf neun Standorte. Der erste Löschzug umfasst die Standorte Stadtmitte und Herbeck. Der zweite Löschzug verfügt über die Standorte Herkingrade, Remlingrade und Önkfeld. Die Standorte Landwehr, Wellingrade, Borbeck und Hahnenberg gehören zum dritten Löschzug (Freiwillige Feuerwehr Radevormwald n.d.a).
55 Integrative Risk and Security Research 1/2018 Forschung und Lehre am IRG Abbildung 8: Lage der Stadt Radevormwald im Regierungsbezirk Köln (Quelle: Eigene Abbildung erstellt mit ArcGIS (version 10.1/2012)) Gestellt wird die Feuerwehr Radevormwald, größtenteils von freiwilligen Bürgern und Bürgerinnen. Zur Sicherstellung des Brandschutzes am Tag sind am Standort „Stadtmitte“ vier hauptamtliche Einsatzkräfte stationiert. Ihre Aufgabe ist es unter anderem die Drehleiter zu besetzen. Ihre Schicht beginnt um 7 und endet um 17 Uhr. Während dieser Zeit rücken sie zu jedem Einsatz im Stadtgebiet aus. (Freiwillige Feuerwehr Radevormwald n.d.b). Wolfgang Scholl zitiert in seinem Artikel „Hauptamtliche sichern Brandschutz tagsüber“, der am 15.02.2014 auf RP ONLINE veröffentlicht wurde, den Wehrführer Wilfried Fischer. Dieser erklärt sinngemäß, dass der Einsatz der hauptamtlichen Kräfte die Ehrenamtlichen entlaste und so die erforderliche Freistellung durch die Arbeitgeber/innen seltener in Anspruch genommen werden müsse. (Scholl 2014). Weiterhin gehört zum Konzept der Feuerwehr Radevormwald eine Station im Gewerbegebiet Mermbach, in dessen näherem Umkreis einige freiwillige Feuerwehrleute arbeiten. (Scholl 2014). Modell der Freiwilligen Feuerwehr der Stadt Lohmar Den Brandschutz in der operativen Gefahrenabwehr übernimmt eine Freiwillige Feuerwehr, welche sich auf fünf Standorte verteilt. Je ein Löschzug ist an den Standorten Lohmar und Wahlscheid stationiert. Die Standorte Breidt, Birk, und Scheiderhöhe sind mit je einer Löschgruppe ausgestattet (Freiwillige Feuerwehr der Stadt Lohmar 2017d). Vervollständigt wird die Freiwillige Feuerwehr der Stadt Lohmar durch zwei Tagesalarm-Einheiten: „Tagesalarm 1“ - Stadthaus und „Tagesalarm 2“ - Emitec/ (Freiwillige Feuerwehr der Stadt Lohmar 2017c).
56 Integrative Risk and Security Research 1/2018 Forschung und Lehre am IRG Abbildung 9: Lage der Stadt Lohmar im Regierungsbezirk Köln (Quelle: Eigene Abbildung erstellt mit ArcGIS (version 10.1/2012)) Mit dem „Tagesalarm 1“ werden Einsatzkräfte alarmiert, die in den Ämtern der Stadtverwaltung arbeiten und ehrenamtlich für die Freiwillige Feuerwehr der Stadt Lohmar tätig sind. Unabhängig vom Zuständigkeitsbereich der einzelnen Einheiten der Freiwilligen Feuerwehr verstärkt der „Tagesalarm 1“ die Löscheinheiten im gesamten Stadtgebiet. Des Weiteren ist es ihre Aufgabe, kleinere Ölspuren abzusichern und zu beseitigen (Freiwillige Feuerwehr der Stadt Lohmar 2017a) .Im Gegensatz zum „Tagesalarm 1“ wird der „Tagesalarm 2“ erst ab einer bestimmten Einsatzgröße alarmiert. Das Stichwort ist hier „kritische Schadensereignisse“ (z.B. Wohnungsbrand, Verkehrsunfall). Die Mitglieder dieser Einheit sind ebenfalls bei Freiwilligen Feuerwehren engagiert, jedoch i.d.R. bei auswärtigen Wehren. Für sie ist Lohmar ihr Arbeitsort. Die Firmen, die Teil dieses Systems sind, also ihre Arbeitnehmer/innen zum benannten Zweck freistellen, sind die Firmen Emitec, GKN Driveline und GKN Walterscheid. Ausgestattet mit einem Satz persönlicher Schutzausrüstung und dem Mannschaftstransportfahrzeug der Feuerwehr Lohmar, welches auf dem Gelände der Firma Emitec abgestellt ist, können die Einsatzkräfte des „Tagesalarms 2“ flexibel ausrücken (Freiwillige Feuerwehr der Stadt Lohmar 2017b; Stadt Lohmar n.d.). Die drei Firmen sind mit dem Titel „Partner der Feuerwehr“ ausgezeichnet (Förderverein Löschzug Lohmar n.d.). Wie die Darstellung der drei Beispielkommunen in NRW zeigt, können bei gleichen demographischen Trends die spezifischen Herausforderungen von Kommunen sehr unterschiedlich sein. So sind auch die Lösungsansätze, die lokal erarbeitet wurden, unterschiedlich. Anstelle einer voreiligen Übertragung eines Lösungsansatzes von einer Kommune auf die andere, müssen daher die spezifischen Charakteristika des Systems des Katastrophenmanagements, die Gesellschaftsstruktur sowie weitere infrastrukturelle, soziale und ökonomische Faktoren berücksichtigt werden. Im Rahmen der Teilstudie im Forschungsschwerpunkt BigWa sollen weitere innovative Lösungsansätze in Kommunen, Landkreisen und Bundesländern identifiziert werden und ein Konzept sowie Handreichungen zur Zukunftsplanung des Katastrophenmanagements,
57 Integrative Risk and Security Research 1/2018 Forschung und Lehre am IRG basierend v.a. auf der Förderung ehrenamtlicher Strukturen, erarbeitet werden. Das Konzept und die praktischen Handreichungen sollen es Kommunen und Ortsgruppen der Hilfsorganisationen und Feuerwehren ermöglichen, Herausforderungen frühzeitig lokal und regional zu erkennen und in einen transparenten Prozess Entscheidungen über die zukünftige lokale Gestaltung des Bevölkerungsschutzes zu treffen. Stadt Art der Feuerwehr Unterstützende Einheiten Sankt Augustin freiwillig Tagesalarmeinheit 1 Tagesalarmeinheit 2 „TA Stadt“: besetzt durch städtische Bedienstete; mehrheitlich beim Bauhof oder in der Feuerwehrtechnischen Zentrale (hauptamtliche Gerätewarte) angestellt; Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr Sankt Augustin „TA Hochschule“: besetzt durch Studierende und Mitarbeiter/innen der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg; Mitglieder einer Freiwilligen Feuerwehr Radevormwald freiwillig und hauptamtlich Besetzung der Feuerwache „Stadtmitte“ durch vier hauptamtliche Kräfte (7:00 bis 17.00 Uhr) zur Unterstützung der Freiwilligen Feuerwehr Station im Gewerbegebiet Mermbach; Anlaufstelle für die freiwilligen Feuerwehrleute mit Arbeitsstätte im näheren Umkreis Lohmar freiwillig Tagesalarmeinheit 1 Tagesalarmeinheit 2 „TA Stadthaus“: besetzt durch Personen, die in den Ämtern der Stadtverwaltung arbeiten; Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr der Stadt Lohmar „TA Emitec/GKN“: besetzt durch Arbeitnehmer/innen der Firmen Emitec, GKN Driveline und GKN Walterscheid; Mitglieder einer Freiwilligen Feuerwehr (i.d.R. auswärtige Wehren) Tabelle 3: Unterstützende Einheiten der Feuerwehren in den drei Beispielkommunen Zusammenfassung und Ausblick Dieser Artikel stellt laufende und geplante Aktivitäten im Forschungsschwerpunkt BigWa – Bevölkerungsschutz im gesellschaftlichen Wandel überblickshaft dar. Die Beschreibung der Teilstudie, die im Rahmen von BigWa derzeit bearbeitet wird, zeigt dabei exemplarisch auf, welche konkreten Fragestellungen innerhalb dieses Forschungsschwerpunkts bearbeitet werden und in Zukunft bearbeitet werden sollen. Wie sich im Rahmen einer ersten Literaturanalyse und Auswertung statistischer Daten zeigt, sind eine zunehmende berufliche Mobilität und eine Veränderung von Erwerbsverläufen wichtige Faktoren für die zukünftige Entwicklung des Ehrenamts im Bevölkerungsschutz. In der Zusammenschau dreier Informationsquellen, erstens der Ergebnisse des Freiwilligensurveys 2014, zweitens der Auswertung statistischer Daten für NRW und Köln sowie drittens der exemplarischen Skizzierung von Herausforderungen und Lösungsansätzen in drei Kommunen im Regierungsbezirk Köln, lassen sich eine Reihe von Tendenzen erkennen, auf die im Rahmen dieser Teilstudie durch eigene
64 Integrative Risk and Security Research 1/2018 Forschung und Lehre am IRG gesellschaftliche Entwicklungen ebenso einen Einfluss auf die Intention und Motivation eines Täters oder einer Tätergruppe und damit auf ein mögliches Anschlagsrisiko. Das Ergebnis des Verbundprojekts RiKoV ist ein Ansatz, der die Bedrohung in Form der Motivation und Fähigkeit eines Täters in Kombination mit der Vulnerabilität des Systems und möglicher Konsequenz einer terroristischer Bedrohungen verbindet. Die wissenschaftliche Herausforderung liegt in der methodischen Beschreibung der einzelnen Faktoren und der Möglichkeit teils auch subjektive Inhalte quantifizierbar und berechenbar zu machen. Die Aufgabe der TH Köln war es im Speziellen eine Methode zu entwickeln, die die Vulnerabilität des ÖPNVs bezüglich terroristischer Bedrohungen beschreiben kann. Das Ergebnis ist eine Methode zur Bestimmung der Verletzlichkeit von Bahnstationen auf der einen Seite sowie eine Methode zur Bestimmung der Wirkung von Sicherheitsmaßnahmen auf der anderen Seite. Die Vulnerabilität wird im Projekt in drei Stufen beschrieben. Zuerst werden mit Hilfe eines Kriterienkatalogs mögliche gefährdungsfördernde Faktoren einer betrachteten Station ermittelt. Zu diesen Faktoren gehören sowohl bauliche Faktoren als auch das Fahrgastaufkommen, Umfeld der Haltestelle und Bedeutung für das System. Die Aussagen aus dem strukturierten Kriterienkatalog werden anschließend zu einem gemeinsamen Indikator (indikator-basierte Methode) verrechnet. Der zweite Schritt ist eine Wirkungsabschätzung der Sicherheitsmaßnahmen an der betrachteten Station für definierte Szenarien durch eine Expertengruppe. Hier werden bisherige, aber auch mögliche neue Sicherheitsmaßnahmen anhand ihrer Wirkung in verschiedenen Phasen bewertet. Anhand eines eigens entwickelten Prozessmodells, welches den „modus operandi“ des Täters beschreibt, können Interventionsstellen identifiziert werden, an denen die präventive Wirkung spezifischer Sicherheitsmaßnahmen bestimmt werden. Diese semi-quantitativen Ergebnisse werden in einem dritten Schritt zu einem Maßnahmenbündel zusammengefasst, sodass die Gesamtwirkung quantitativ darstellbar wird. In Verbindung mit der ermittelten Gefährdung entsteht so ein Zahlenwert für die Vulnerabilität der untersuchten Station und das untersuchte Szenario. Die Methode der TH Köln wird unterstützt durch einen Demonstrator, der den Experten durch die verschiedenen Schritte der Methode führt und den Zugriff auf die Sicherheitsmaßnahmendatenbank ermöglicht. Die Sicherheitsmaßnahmendatenbank wurde im Vorfeld der Methode erstellt und beinhaltet bereits etablierte Maßnahmen, aber auch mögliche neue Maßnahmen für den ÖPNV, wie beispielsweise Sprengstoffdetektoren oder Körperscanner. Hierbei entstand eine Datenbank mit rund 80 möglichen Maßnahmen zur Terrorismusprävention. Darüber hinaus wurde anhand einer mehrstufigen Befragung mit 2152 Fahrgästen des ÖPNV die Akzeptanz von zahlreichen Maßnahmen aus dieser Datenbank erhoben. In der Auswertung konnte so die mögliche subjektive Wirkung von Sicherheitsmaßnahmen auf die Fahrgäste ermittelt werden. Die Evaluation der Methode und die Übertragung der Ergebnisse in die Praxis erfolgten in einem zweistufigen Anwendungstest. Hierzu organisierte das Institut sowohl mehrere Workshops und Table-top Exercises, als auch eine Realübung zur Validierung der Forschungserkenntnisse. Es wurden außerdem Experten aus Unternehmen des ÖPNV eingeladen um gemeinsam während der Übung die Forschungserkenntnisse zu diskutieren und auf Anwendbarkeit zu prüfen. Großübung als wichtiges Instrument zur Evaluation von Forschungsergebnissen Die Übung für das Forschungsprojekt RiKoV wurde vom Labor für Großschadensereignisse (LFG) des Instituts für Rettungsingenieurwesen und Gefahrenabwehr (IRG) unterstützt. Durch die langjährige Expertise im Bereich der Planung, Vorbereitung, Durchführung und Auswertung von Großübungen war es möglich eine
65 Integrative Risk and Security Research 1/2018 Forschung und Lehre am IRG Plattform für die Evaluation der Forschungsergebnisse aus dem Projekt RiKoV zu schaffen. Das Labor existiert seit 2007 und beinhaltet umfangreiche Technik zur Messung von Prozessen. Das lokale Positionierungssystem (LPS) beispielsweise kann während einer Übung die exakten Bewegungsmuster von Übungsteilnehmern erfassen, dokumentieren und zur Auswertung wiedergeben. Zudem sind Mitarbeiter mit weitreichender Erfahrung in der Durchführung großer Übungen ein wichtiger Bestandteil des Labors, da sie Übungen vorbereiten, wissenschaftlich begleiten und methodisch auswerten können. Für das Projekt RiKoV wurde die Umgebung einer Kölner U-Bahnstation gewählt, um die Erkenntnisse aus der Forschung praktisch zu üben und zu validieren. An zwei Tagen wurde sowohl das RiKoV Risikomanagementsystem angewendet als auch die Fähigkeiten einer interorganisationalen Krisenbewältigung aller beteiligten Organisationen geübt. Abbildung 1: Großübung im Projekt RiKoV 2015 (Bild: Steyer/TH Köln) Als Teil des Risikomanagements wurde getestet, wie bereits etablierte Sicherheitsmaßnahmen in der Station als auch für den ÖPNV neuartige Sicherheitsmaßnahmen, wie beispielsweise Sprengstoffdetektoren unter Realbedingung in einer Station und deren Fahrgastströme wirken. Hierzu wurde ein Testaufbau mit verschiedenen Technologien in der Station installiert. Im Eingangsbereich befanden sich Sicherheitsmaßnahmen, die bereits das Tatmittel von Tätern entdecken sollten, wie z.B. Metalldetektoren (Körper und Schuh-/Beinscanner), Sprengstoffdetektoren für Flüssigkeiten und Feststoffe und Strahlungssensoren. Im weiteren Aufbau der Station wurden Maßnahmen getestet, die den Täter identifizieren sollten. Hierzu gehörte sowohl eine intelligente Kameraüberwachung, als auch Sicherheitspersonal. Insgesamt wurden mit 100 Statisten, die Fahrgäste der Haltestelle nachstellten, in mehreren Durchgängen die verschiedenen Einstellungen der Sicherheitsmaßnahmen untersucht. Bei jedem Durchgang wurden jeweils einzelne Statisten mit nachgestellten Tatmitteln ausgestattet, wie z.B. Messer, Waffenstähle oder sogar Sprengstoffproben. Das Ziel war es herauszufinden, wie sich die Sensibilität der Sicherheitsmaßnahmen auf die Entdeckungsquote und den Fahrgaststrom in der realen Umgebung auswirken.
66 Integrative Risk and Security Research 1/2018 Forschung und Lehre am IRG Diese Ergebnisse der Wirkung der Sicherheitsmaßnahmen wurden schließlich mit den zuvor erhobenen Werten der Experteninterviews innerhalb des Projekts verglichen. Die Praxisübung hat gezeigt, dass die ermittelten Werte der Experten in der RiKoV Methode mit den ermittelten Werten der Realübung im Einklang stehen. Ergebnisse und Ausblick Am 27. Januar 2016 endete das Verbundprojekt RiKoV mit einem Abschlussworkshop an der Universität der Bundeswehr in München. Neben den wissenschaftlichen inhaltlichen Erfolgen, wie oben beschrieben, wurden in dem Projekt RiKoV am Institut für Rettungsingenieurwesen und Gefahrenabwehr mehr als zehn Bachelorarbeiten, drei Masterarbeiten, mehrere Masterprojekte und eine Doktorarbeit erfolgreich durchgeführt. Die Abschlussübung mit hoher medialen Präsenz zeigt die Wichtigkeit der Thematik und das Hand-in-HandGehen von Wissenschaft und Praxis, um die Themen der Gefahrenabwehr zu adressieren. Mit dem BMBF Projekt RE(H)STRAIN forscht die TH Köln weiterhin in diesem Bereich mit dem Ziel, nun den schienengebundenen Fernverkehr zwischen Frankreich und Deutschland sicherer zu machen. RiKoV Projektmitarbeiter: Prof. Dr. Dr. Alex Lechleuthner, Prof. Dr.-Ing. Ompe Aimé Mudimu, Dr.-Ing. Florian Brauner, Christian Baumgarten (M.Sc.), Christian Bentler (M.Sc.), Tobias Kornmayer (M.Sc.), Julia Maertens (B.Eng.), Florian Steyer (B.Eng.) • Projektpartner: Universität der Bundeswehr München, TH Köln, Karlsruher Institut für Technologie, AIRBUS Defence & Space • Assoziierte Partner: Deutsche Bahn AG, Hochschule der Polizei Rheinland-Pfalz, Bundespolizeipräsidium, Kölner Verkehrs-Betriebe AG, Münchener Verkehrsgesellschaft mbH • Gefördert von: Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) • Laufzeit: November/2012 – Januar/2016 Folgende Publikationen entstanden aus den Arbeiten oder unter Beteiligung der TH Köln im Rahmen des Forschungsprojektes RiKoV (Stand: 01.07.17): Brauner, F.; Mudimu, O.A.; Lechleuthner, A. (2013) RiKoV – Risk and Costs of terrorist Threats To Public Transit. In Hollricher, K.; Garwood, J.; Schwarz K.; Koch, H. (Ed.) SAFETY & SECURITY. Safety & Security InnovationsAllianz; InnovationsAllianz der NRW-Hochschulen e.V. & VDI Technologiezentrum GmbH, 2013, Düsseldorf, Germany, pg. 14, ISBN: 978-3-00-041075-8 Lin, L.; Brauner, F.; Muenzberg, T.; Meng, S.; Moehrle, S. (2013) Prioritization of security measures against terrorist threats to public rail transport systems using a scenario-based multi-criteria method and a knowledge database. In: Lauster, M. (Ed.): 8th Future Security, Security Research Conference; Sept. 17-19, 2013 in Berlin/Germany; Fraunhofer Verlag Stuttgart; ISBN 978-3-8396-0604-9; pg. 195-204. Brauner, F.; Fiedrich, F.; Lechleuthner, A. (2013) Integration of customers' perception of security and uncertainties into risk management concepts for public transportation providers. Poster und Beitrag In: Lauster, M. (Ed.): 8th Future Security, Security Research Conference; Sept. 17-19, 2013 in Berlin/Germany; Fraunhofer Verlag Stuttgart; ISBN 978-3-8396-0604-9; pg. 465-467. Brauner, F.; Baumgarten, C.; Schmitz, W.; Neubecker, K.A.; Mudimu, O.A.; Lechleuthner, A. (2013) RiKoV Risk analysis of terrorist threats to rail-bound public transportation: Development of an integrated planning solution for efficient economic and organisational measures. In: 10th World Congress on Railway Research 2013; Nov. 25-28, 2013 in Sydney/Australia; paper ID 112 Conference Proceedings
67 Integrative Risk and Security Research 1/2018 Forschung und Lehre am IRG Brauner, F.; Fiedrich, F.; Lechleuthner, A.; Mudimu, O.A. (2013) Terror threats in public transportation - A study about customers perception of security measures. In: 10th World Congress on Railway Research 2013; Nov. 25-28, 2013 in Sydney/Australia; paper ID 132 Conference Proceedings Baumgarten, C.; Brauner, F.; Bentler, C.; Mudimu, O.A.; Lechleuthner, A. (2014) A methodology to compare risk management (RM) systems for the application and validation of specific threats in public transportation. In: Brebbia, C.A. (Ed.): RISK ANALYSIS IX, WIT Transactions on Information and Communication Technologies, DOI: 10.2495/RISK140191, Vol 47, ISSN 1743-3517 (online), pg. 219-228. http://www.witpress.com/elibrary/wit-transactions-on-ecology-and-the-environment/47/26347 Brauner, F.; Baumgarten, C.; Bentler, C.; Kornmayer, T.; Mudimu, O.A.; Lechleuthner, A. (2014) Vulnerability analysis for terrorist attacks on public transportation systems based on process modelling. Poster PB 054 / Short abstract published in: Ammann, W. J. (Ed.) Global Risk Forum GRF Davos, 5th International Disaster and Risk Conference - IDRC Davos 2014; "Integrative Risk Management - The role of science, technology & practice" – Programme & Short Abstracts, Aug. 24.-28., 2014; Davos, Switzerland, ISBN 978-3-033-04701-3, pg. 206-207. Extended abstract published in Ammann, W. J. (Ed.) Global Risk Forum GRF Davos, 5th International Disaster and Risk Conference - IDRC Davos 2014; "Integrative Risk Management - The role of science, technology & practice" – Poster Collection, Aug. 24.-28., 2014; Davos, Switzerland, pg. 48-52; http://idrc.info/programme/conference-proceedings/ Bentler, C.; Baumgarten, C.; Brauner, F.; Kornmayer, T.; Mudimu, O.A.; Lechleuthner, A. (2014) An integrated risk and crisis management approach for terrorist attacks in public transport networks. Short abstract published in: Ammann, W. J. (Ed.) Global Risk Forum GRF Davos, 5th International Disaster and Risk Conference - IDRC Davos 2014; "Integrative Risk Management - The role of science, technology & practice" – Programme & Short Abstracts, Aug. 24.-28., 2014; Davos, Switzerland, ISBN 978-3-033-04701-3, pg. 113. Extended abstract published in Ammann, W. J. (Ed.) Global Risk Forum GRF Davos, 5th International Disaster and Risk Conference - IDRC Davos 2014; "Integrative Risk Management - The role of science, technology & practice" – Extended Abstracts, Aug. 24-28, 2014; Davos, Switzerland, pg. 89-92 http://idrc.info/programme/conference-proceedings/ Brauner, F.; Baumgarten, C.; Kornmayer, T.; Bentler, C.; Mudimu, O.A.; Lechleuthner, A. (2014) A Methodology for a vulnerability analysis of public transportation systems in context of terrorist attacks. In: Thoma, K.; Häring, I.; Leismann, T. (Eds.): 9th Future Security, Security Research Conference; Sept. 16-18, 2014 in Berlin, Germany; Fraunhofer Verlag, Stuttgart; ISBN 978-3-8396-0778-7; pg. 271-277. Brauner, F.; Maertens, J.; Bracker, H.; Mudimu, O.A.; Lechleuthner, A. (2015) Determination of the effectiveness of security measures for low probability but high consequence events: A comparison of multi-agentsimulation & process modelling by experts. The 12th International Conference on Information Systems for Crisis Response and Management. In: L. Palen, M. Buscher, T. Comes, and A. Hughes (Eds.), ISSN: 24113387, ISBN: 978-82-7117-788-1. Brauner, F.; Pickl, S.; Schmitz, W.; Mudimu, O.A.; Lechleuthner, A. (2015) Decision support in dynamic systems – Risk Assessment of effective countermeasures against terrorist attacks in rail-bound public transportation systems. Presentation T3-A.1 on July 21, 2015, Session Modeling Risks to Infrastructure Systems, 4th World Congress on Risk 2015, Society for Risk Analysis, July 19-23, 2015 in Singapore. Brauner, F.; Fiedrich, F.; Lechleuthner, A. (2015) Analysis of the social effects of security measures on the customers’ security perception - Integration of social-scientific aspects into risk management. Presentation W4-A.4 on July 22, 2015, Session Transportation Risks, 4th World Congress on Risk 2015, Society for Risk Analysis, July 19-23, 2015 in Singapore. Brauner, F.; Mudimu, O.A.; Lechleuthner, A.; Lotter, A. (2015) Cologne Mass Casualty Incident Exercise 2015 - Evaluation by Use of Linked Databases to Improve Risk and Crisis Management in Critical Infrastructure Protection. OR 2015 International Conference in Operations Research, Sep. 1-4, 2015 in Vienna, Austria. Meyer-Nieberg, S.; Zsifkovits, M.; Brauner, F. (2015) Assessing the Effects of Security Measures: From Real-Life Exercises to Simulation-Based Analyses. 10th Future Security, Security Research Conference; Sept. 15-17, 2015 in Berlin, Germany. Brauner, F.; Bracker, H.; Kornmayer, T.; Maertens, J. (2015) Conceptual Framework for Evaluation of Intelligent Security Measures in Multi-Agent-Simulations - A Proof of Concept for Decision-Makers. 10th Future Security, Security Research Conference; Sept. 15-17, 2015 in Berlin, Germany. Brauner, F.; Friesenhahn, D.; Cohrs, R.; Tederahn, I.; Mudimu, O.A. (2016) Wie den ÖPNV vor Terroranschlägen sicherer machen? Sicherheit in Bahnhaltestellen – Von der Wissenschaft in die Praxis. Der Nahverkehr: Sicher reisen – Wie sich die Sicherheit im ÖPNV verbessern lässt. 34. Jahrgang, Heft 10.; Verlag DVV Media Group GmbH; Oktober 2016, Hamburg; S. 9 – 13. Brauner, F. (2017) Securing Public Transportation Systems: an Integrated Decision Analysis Framework for the Prevention of Terrorist Attacks as Example. Springer Verlag, Heidelberg,ISBN: 978-3-658-15305
68 Integrative Risk and Security Research 1/2018 Forschung und Lehre am IRG Literaturverzeichnis Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe 2010, Methode für die Risikoanalyse im Bevölkerungsschutz, Bonn. Bundesministerium des Inneren 2009, Nationale Strategie zum Schutz Kritischer Infrastrukturen. KRITIS Strategie, Berlin. Available from: http://www.bmi.bund.de/SharedDocs/Downloads/DE/Broschueren/2009/kritis.html (05 July 2017).
69 Integrative Risk and Security Research 1/2018 Forschung und Lehre am IRG Blaulichtmilieu und Demokratisierung – Quo vadis Rettungsingenieurwesen? Oliver Schlung, Nils Böger, Andreas Frizen, Julian Heidrich Email: oliver.schlung(at)smail.th-koeln.de Fragestellung Kooperation ist die Voraussetzung zur Bewältigung von komplexen Herausforderungen – Reflexionsfähigkeit jene zur Überprüfung der hierzu gewählten Mittel. In Vorbereitung auf unsere Abschlussarbeiten schlossen wir uns zu einer Arbeitsgruppe zusammen, um unsere vordringliche Qualität und Profession als (zukünftige) Rettungsingenieure14 zu erproben. Standpunkte bedingen Perspektiven. Die Zusammenhänge von Aufgaben und Methoden der nicht-polizeilichen Gefahrenabwehr wurden jedoch unterschiedlich gewichtet: Die einen betrachten den Studiengang als Grundlage für ihren beruflichen Einstieg und Fortkommen im Öffentlichen Dienst oder der Privatwirtschaft. Andere erkennen in dem systemischen Erfassen und Handeln in komplexen Lagen den wesentlichen Vorzug. Die Zusammensetzung dieser Motivationen und Erkenntnisinteressen zu einem Mosaik ist die eigentliche Herausforderung für die Aufstellung des Rettungsingenieurs. So fragten wir: ‚Was macht uns als Rettungsingenieure aus?‘ und ‚Wie kann ein kohärentes Bild der vermittelten Wissensfelder kommuniziert werden?‘. Um das Potential des Studienganges weiter zu entfalten, suchen wir in einem gemeinsamen Masterprojekt nach dem Status quo des Studienganges Rettungsingenieurwesen (RIW) und versuchen dadurch ein Angebot an das Institut für Rettungsingenieurwesen und Gefahrenabwehr (IRG), an unsere Kommilitonen und Studieninteressierte zu machen, sich mit der Entwicklung und Verortung des Studiums eingehender auseinanderzusetzen. Kontext Sicherheit ist Aufgabe von verfassungsrechtlichem Rang. Die Erkenntnis jedoch, dass in der „Risikogesellschaft“ der „reflexiven Moderne“ (Beck 2015) „sine cura“ keine Option bzw. Handlungsgrundlage darstellt (Ammicht Quinn 2017), führt zu einem Umdenken, weg von der „Garantie von Sicherheit“ und hin zur „Reduktion von Unsicherheit“ (Glaeßner 2002, p 5; hierzu auch Bonß 2011), das Konsequenzen für die Sicherheitsarchitektur der Bundesrepublik Deutschland nach sich zieht (Rusteberg 2017). Unter der Sicherheitsarchitektur sind die politisch-juridischen Strukturen zu verstehen, in denen ein Krisenmanagement und organisiertes operatives Handeln ermöglicht werden sollen (Geier 2017). Der Bevölkerungsschutz bildet eine ihrer Säulen. Als politischer Oberbegriff fasst er aus verfassungsrechtlicher Perspektive den Zivilschutz in der Verantwortlichkeit des Bundes, den Katastrophenschutz als hoheitliche Aufgabe der Länder und die alltägliche Gefahrenabwehr als Ressort der Kommunen zusammen (Karutz, Geier & Mitschke 2017; Lange, Endreß & Wendekamm 2013; Walus 2012). Darüber hinaus beinhaltet er die Bemühungen ein „Neues Denken in der Gefahrenabwehr“ zu etablieren, das „die tradierten Trennlinien (…) überbrückt“, um „den Zivilund Katastrophenschutz (…) auf vertikaler und horizontaler Ebene zu einem 14 Wir schließen mit der Verwendung des Maskulinums auch sich anderen Geschlechtern zuordnenden Personen ein. In der Diskussion über den Gender Mainstreaming Diskurs konnte innerhalb der Arbeitsgruppe keine Einigkeit über die Anwendung dieser Maßnahme erzielt werden. Deswegen betreiben wir – dem Duktus der verwendeten Literatur folgend – Methodismus (vgl. hierzu Dörner 2011, pp. 83).
70 Integrative Risk and Security Research 1/2018 Forschung und Lehre am IRG funktionsfähigen ‚komplexen Hilfeleistungssystem‘ zu verzahnen“ (BBK 2010). Bevölkerungsschutz avanciert innerhalb dieses Umdenkens vom „ausgesprochene(n) Stiefkind der Innenpolitik“ (Clausen 1992, p. 16) zu einer gesamtstaatlichen Aufgabe, die sich in einer „noch komplexer(en), volatiler(en) sowie dynamischer(en)“ Umgebung Herausforderungen wie bspw. der Unterstützung der Selbsthilfefähigkeit der Bevölkerung oder „hybriden Bedrohungen“15 stellen muss (Die Bundesregierung 2016; BMI 2016). Dieses vertikal gegliederte, subsidiäre und „grundsätzlich aufwuchsfähig(e)“ (BBK 2010, p. 22) System des deutschen Bevölkerungsschutzes muss nicht zuletzt durch den Vertrag von Lissabon (vgl. Art. 196 und 222 AEUV) auch europäische Bedürfnisse berücksichtigen. Diese wiederum werden auf globaler Ebene durch das „Sendai Framework for Desaster Risk Reduction“ der Vereinten Nationen ergänzt („added value“ nach Soldi 2016). In der Gemengelage des Föderalismus, der Europäisierung und Globalisierung unter einer Bedrohungslage, in der die Grenzen zwischen dem bundesrepublikanischen Zivilund Katastrophenschutz verwischen, offenbart sich im weitesten Sinne der Begriff der Komplexität (Füllsack 2011). Durch einen steigenden Grad an Vernetzung bzw. der Art der Kopplung und Dichte der Daten ist einer relativ großen Zahl Beteiligter eine zunehmend schnellere Wechselwirkung möglich, die in unkalkulierbaren Konsequenzen (Perrow 1992) und weiteren Handlungsunsicherheiten resultiert (Dörner 2011). Durch diese Entwicklungen gewinnen Interdisziplinarität und Transdisziplinarität16 an Bedeutung: „Interdisciplinarity enters scientific work in order to address complex questions, broad issues, or real-world problems“ (Unter dem Gesichtspunkt von Ökologie und Nachhaltigkeit Scholz 2011, p. 398; hierzu auch WGBU 2011; Jungert et al. 2010 für eine wissenschaftstheoretische Perspektive; Weaver fragt bereits 1947 nach den "Boundaries of Science"17). So ist in den letzten Jahren auch im Bereich der zivilen Sicherheit ein „Akademisierungsschub festzustellen“ (Karutz, Geier & Mitschke 2017, p. 5; BMBF 2012), der aus der Notwendigkeit eines „wissenschaftlich basierten interund transdisziplinären Umgang(s)“ mit zunehmend „vernetzte(n) Hightech-Gesellschaften“ (Geier 2015) resultiert.18 Hier reiht sich die Entstehung des Studienganges RIW mit dem Anspruch auf „enorm große Interdisziplinarität und ausgeprägte(n) Praxisbezug“ nahtlos ein. Mit diesem soll der „zunehmende(n) Komplexität (…) vielschichtigere(r) Herausforderungen“ der rettungsdienstlichen Teilbereiche „wie etwa Notfallrettung, Krankentransport, Katastrophenund Zivilschutz (sowie) internationale{n) Hilfsprojekte(n)“ (Schmidt-Bentum 2001) begegnet werden. Vorgehensweise Um die Position des Rettungsingenieurs innerhalb dieser komplexen, vielschichtigen Systeme des Bevölkerungsschutzes und ihrer noch in den Kinderschuhen steckenden akademischen Betrachtung zu ermitteln, verfolgt die Untersuchung einen explorativen Mixed-Methods Ansatz (Mayring 2007; Flick 2011). Grundlegend ist für die entstehende Arbeit eine hermeneutische, also periodisch reflektierende Entwicklung der Methoden. Daher können die im Folgenden präsentierten Ergebnisse von denen in dem endgültigen Bericht zum Masterprojekt unter Umständen abweichen. Auf eine Methodenkritik wird deshalb vorerst 15 Ehrhart (2017) stellt dar, wie die „Postmoderne Kriegführung in der Weltrisikogesellschaft“ die Grenzen zwischen Krieg und Frieden „perforiert“ und so eine „Grauzone“ zwischen diesen „traditionellen“ Konzepten entstehen lässt. Wassermann (2017) stellt die „Chimäre“ des hybriden Kriegs begrifflich genauer vor. 16 Interdisziplinarität bezeichnet die gemeinsame Arbeit verschiedener Wissenschaftsdisziplinen an einer Problemstellung. In einer transdisziplinären Arbeit werden darüber hinaus die betroffenen Endanwender (i.e. die Praxis) in den Prozess der wissenschaftlichen Lösungsfindung miteinbezogen (Döring & Bortz 2016). 17 Weavers Gedanken aus „The Scientists Speak“ von 1947 wurden 1948 unter dem Titel „Science and Complexity“ erneut veröffentlicht. 18 „Wissen bleibt für Deutschland eine strategische Ressource“ (Die Bundesregierung 2016). Daher „muss sich Deutschland den Herausforderungen des globalen Wettbewerbs auch im Bereich von Forschung, Lehre und Ausbildung stellen“ (BMBF 2012).
71 Integrative Risk and Security Research 1/2018 Forschung und Lehre am IRG verzichtet und im Folgenden lediglich die bisherige Vorgehensweise dargelegt. Zunächst wurden ausgewählte Studiengänge anhand ihrer Modulhandbücher qualitativ beschrieben und quantitativ verglichen. Hieraus ergaben sich weitere Fragen über RIW, die wir durch den Zugriff auf Erfahrungsschätze im Umfeld der sozialen Wirklichkeit am IRG modifizierten und konkretisierten. Kernstücke der Arbeit bilden Interviews mit Dozenten des IRG, die einer qualitativen Inhaltsanalyse unterzogen werden. Zudem wurden Surveys mittels Fragebögen mit sowohl Bachelorals auch Masterstudierenden durchgeführt, um deren Perspektiven zu beleuchten. Vergleich der Modulhandbücher: Zur Positionsbestimmung des Master RIW in dieser relativ jungen akademischen Landschaft der Sicherheitsforschung wurden 13 Masterstudiengänge mit Bezug zur nichtpolizeilichen Gefahrenabwehr anhand ihrer Modulhandbücher untersucht. Zunächst wird das Selbstverständnis der Studiengänge qualitativ beschrieben. Als Quellen dienen neben den Modulhandbüchern bspw. institutseigene Internetpräsenzen und Konzeptpapiere sowie öffentlichkeitswirksamen Zeitschriftenartikel. Sie geben Auskunft über die Art und Weise, wie die Methoden der einzelnen Disziplinen Verwendung finden sollen, um den Gegenstand der zivilen Sicherheit umreißen zu können. Des Weiteren wurden die einzelnen Module des jeweiligen Curriculums Wissenschaftsbereichen zugeordnet. Die Operationalisierungsgrundlage hierzu bilden die von der OECD 2002 festgesetzten Fields of Science and Technology (FOS)19 (BBWF 2017). Für die Gewichtung der einzelnen Kurse am gesamten Curriculum werden die ECTS-Punkte zugrunde gelegt, die den Arbeitsaufwand eines Moduls repräsentieren. Beinhaltet ein Kurs offensichtlich Themen aus zwei, oder mehr dieser Bereiche, so werden diese anteilig berücksichtigt. Die Operationalisierung lässt sich am Beispiel des Moduls „Risikound Krisenkommunikation“ des Studienganges Katastrophenvorsorge und -management (KaVoMa) an der Uni Bonn folgendermaßen darstellen: Dieses Modul umfasst sowohl einen sozialwissenschaftlichen Anteil, der sich mit Kooperationsund Kommunikationsformen sowie der Entwicklung von Kontrollmechanismen zur Entscheidungsfindung beschäftigt. Darüber hinaus enthält das Modul einen gesundheitswissenschaftlichen Anteil, in dem Inhalte zu den Themen Infektionskrankheiten, Infektionsschutz, Pandemien sowie der Notfallplanung behandelt werden. Die Zuteilung des Moduls erfolgt daher zu gleichen Teilen den FOS ‚Sozialwissenschaften' und ‚Gesundheitswissenschaften'. Inwieweit bedient man sich dem Repertoire dieser Disziplinen, um Methoden entweder transformiert oder unterstützend zur Bewältigung von Herausforderungen der zivilen Sicherheit einsetzen zu können? Zur Beantwortung dieser Frage wurden zudem Zuweisungen in die Kategorien „Sicherheit“ und „Management“ vorgenommen. Der Begriff Management umreißt den Bereich, der die systematische Ausbildung von Führungskräften umfasst: Das kontextabhängige, prozessorientierte Erkennen und Lösen von Problemstellungen – eine Kompetenz, die der semantischen Bedeutung des Wortes Ingenieur innewohnt. Die Kategorie Sicherheit soll die inhaltliche Anwendungsorientierung der einzelnen Curricula im Hinblick auf Bedarfe sowie Herausforderungen des Bevölkerungsschutzes, wie sie das „Zukunftsforum Öffentliche Sicherheit“ (ZOES 2016) definiert, widerspiegeln. Interviews: Bei den geführten Interviews handelt es sich um leitfadengestützte Experteninterviews. Die Interviewpartner sind oder waren Angehörige des Lehrkörpers, also sowohl Lehrstuhlinhaber des IRG als 19 Naturwissenschaften, Technische Wissenschaften, Humanmedizin und Gesundheitswissenschaften, Agrarwissenschaften und Veterinärmedizin, Sozialwissenschaften, Geisteswissenschaften.
72 Integrative Risk and Security Research 1/2018 Forschung und Lehre am IRG auch externe Dozenten mit alltäglichem Bezug zur operativen Gefahrenabwehr. Von ihnen erwarten wir einen relativen Gewinn an allgemeinen Informationen, Detailwissen und/oder genaues strukturelles Wissen über ausbildungsrelevante Vorgänge. Zu den vier Themenblöcken Gründung, Inhalte, Interdisziplinarität und Entwicklung unseres Modulhandbuches wurden den Interviewpartnern vorformulierte Fragen gestellt, die sich insbesondere auf den Masterstudiengang bezogen. Alle Gespräche wurden aufgezeichnet und transkribiert. Die so gewonnenen Informationen werden in der Arbeit dargestellt und miteinander verglichen, um ein umfassendes Gesamtbild aus den Angaben der Dozenten zu skizzieren. Fragebögen: Von 141 von 514 RIW-Studierenden aus verschiedenen Semestern sowohl des Bachelor-(397) als auch des Masterstudiengangs (117) (Heinen 2017) wurde ein von uns erarbeiteter handschriftlicher (114), respektive Online-Fragebogen (27) ausgefüllt. Im Rahmen dessen sollte eine möglichst breite Untersuchung der studentischen Perspektive erfolgen. In einem ersten strukturierten Teil (i.e. vorgegebene Antwortmöglichkeiten) wurden persönlicher und akademischer Hintergrund abgefragt, um die Zusammensetzung der Studierendenschaft darstellen zu können. Zudem wurde nach der Motivation, Rettungsingenieurwesen zu studieren, gefragt und eine Einschätzung bezüglich der Gewichtung einzelner Wissenschaftsdisziplinen anhand der FOS gefordert. Im zweiten teilstrukturierten Abschnitt wurden die Studierenden zum einen aufgefordert, zu beschreiben, ob und warum sie mit der Wahl ihres Studiums zufrieden sind. Zum andern sollten sie ihre Antwort auf die oft gestellte Nachfrage ‚Rettungsingenieur? Was ist das denn?‘ geben. Aus den Antworten sollen Rückschlüsse darauf gezogen werden, wo die Studierenden selbst den Studiengang verorten und ob sie sich dabei ihrer eigenen Qualitäten bewusst sind. Ergebnisse Vergleich der Modulhandbücher: Von allen 13 untersuchten Studiengängen werden im Folgenden das Masterprogramm KaVoMa der Universität Bonn und RIW (M.Sc.) der Technischen Hochschule Köln vergleichend dargestellt (s. Abb. 1). Diese wurden stellvertretend ausgewählt, da beide im gleichen Einzugsgebiet angeboten werden und ähnliche interdisziplinäre Ansprüche, jedoch unterschiedliche inhaltliche Schwerpunkte abbilden. KaVoMa ist eine Kooperation zwischen der Uni Bonn und dem Bundesamte für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK). Er kann nur berufsbegleitend studiert werden und schließt mit dem Zertifikat „Master of Disaster Management and Risk Governance“. Abbildung. 1: Exemplarisch werden das Vollzeitstudium "Rettungsingenieurwesen (M.Sc.)" (links) und der berufsbegleitende Masterstudiengang "Katastrophenvorsorge und -management" der Universität Bonn (rechts) vergleichend dargestellt. Quelle: Eigene Darstellung Nach unserer Analyse erfahren die Sozialwissenschaften in beiden Curricula die stärkste Ausprägung (da sie
73 Integrative Risk and Security Research 1/2018 Forschung und Lehre am IRG am häufigsten in den Modulhandbüchern in den Titeln der Modulbeschreibungen eindeutige Begriffe aus den FOS der OECD verwenden), die im Fall von RIW geringfügig deutlicher hervortritt. Darauf folgen in RIW Technische Wissenschaften und an dritter Stelle die Naturwissenschaften. Das Portfolio des Studienganges KaVoMa enthält zudem noch Anteile in den Fields of Science Humanmedizin und Gesundheitswissenschaften. Nehmen in Bonn Naturwissenschaften und Technologie den gleichen Raum ein, ist in Köln ein Ungleichgewicht beider Kategorien zu Gunsten der Technischen Wissenschaften zu verzeichnen. Diese sind bei RIW nahezu doppelt so stark vertreten wie bei KaVoMa. Der anwendungsorientierte Bezug zur Sicherheit wird im Bonner Modell mit rund drei Vierteln, gegenüber zwei Dritteln in Köln etwas häufiger hergestellt. Nahezu alle Module beider Studiengänge enthalten in annähernd gleicher Gewichtung Bezüge zur Ausbildung von Führungskräften. Interviews: Ein Ziel der Interviews war, Eindrücke über die Alleinstellungsmerkmale des Rettungsingenieurwesens im Vergleich zu anderen Studiengängen im Themenbereich Bevölkerungsschutz sowie der Kernkompetenz eines Rettungsingenieurs zu gewinnen. Folgende Foki lassen sich ausmachen: Fokus Praxisnähe: Der Studiengang (RIW, Köln) besitze große Nähe zur Berufswelt, insbesondere im Bezug zu Fragestellungen im Bereich der operativen Gefahrenabwehr. Ein besonderes Merkmal bildeten hier administrativ-rettungsdienstliche Aufgabenstellungen. Darin habe sich der Studiengang auch bereits ein respektables Ansehen unter einschlägigen Firmen und Institutionen erworben. Fokus Technik: Ingenieurwissenschaftliche Methoden stünden im Zentrum der Ausbildung. Vor allem in Hinblick auf die Herausforderungen im Bevölkerungsschutz sei das lösungsorientierte und strukturierte Denken des Ingenieurs zweckdienlich. Die systemische Übertragbarkeit dieser Herangehensweise mache sie zu einer wertvollen und universell anwendbaren Kompetenz. Fokus Interdisziplinarität: Die Aufgabenstellungen im Bevölkerungsschutz seien oft nur durch fachliche Zusammenarbeit unterschiedlicher Disziplinen zu bewältigen. Es mache daher Sinn, bereits in der Ausbildung eine Mischung aus unterschiedlichen Herangehensweisen kennenzulernen. So werde ein Breiten-Denken gefördert und den Absolventen ermöglicht unterschiedliche Perspektiven hinsichtlich einer Problemstellung einzunehmen. Fokus Forschung und Lehre: Durch forschendes Lernen solle darüber hinaus eine Fähigkeit erworben werden, die sich aus wissenschaftlicher Methodenlehre speist und über ingenieurswissenschaftliches Denken hinausgeht. Der Studiengang habe einen neuen Typus Ingenieur im Sinn, der sich nicht nur naturwissenschaftlicher Methoden und technischer Modelle bediene. Durch den Untersuchungsgegenstand bedingt müsse er sich auch der geistesund sozialwissenschaftlichen Disziplinen bedienen, um den sich stetig verändernden Herausforderungen des Bevölkerungsschutzes begegnen zu können. Fragebögen: Auch wenn die durchgeführte Umfrage keinen Anspruch auf Repräsentativität im statistischen Sinne erhebt, sollen hier prägende Charakteristika der Studierenden in vereinfachter Form skizziert werden: Der Masterstudent am IRG ist typischerweise männlich, Ende 20, hat seine Hochschulzugangsberechtigung in NRW erworben und ist ehrenoder hauptamtlich im Bevölkerungsschutz engagiert. Er hat einen Abschluss Bachelor of Engineering im Fach Rettungsingenieurwesen an der Fachhochschule Köln (ab 2015 TH Köln) erworben. Abbildung 2 zeigt die tabellarische und graphische Auswertung der Frage „Welche Aspekte haben dazu beigetragen, dass du dich für den Studiengang Rettungsingenieurwesen entschieden hast?“.
80 Integrative Risk and Security Research 1/2018 Forschung und Lehre am IRG und Technik und die sozialen Zusammenhänge einer Organisation bekommen. Die Arbeit in einer Organisation, einer Behörde oder einem Unternehmen unterscheidet sich in vielen Bereichen von einem Studium an einer Hochschule. Das Praxissemester soll den Studierenden daher auch einen neuen Lernraum ermöglichen, der so an einer Hochschule nicht bereitgestellt werden kann – das Festigen der „Soft-Skills“ für den Berufsalltag. Das Praxissemester dient somit zusätzlich der Schulung von Schlüsselqualifikationen, insbesondere Kommunikationsfähigkeiten, schriftlicher und mündlicher Berichterstattung, Teamwork und der Einarbeitung in neue Fachgebiete. Die Tätigkeit soll von Eigenständigkeit und Mitverantwortung bestimmt sein und von der Qualität her den Tätigkeiten bereits ausgebildeter Ingenieure nahekommen. Unter fachlicher Betreuung sollen die Studierenden nach einer entsprechenden Einführung Aufgaben selbstständig, alleine oder in Gruppen bearbeiten. Statistik der Praxissemesterstellen im Bachelorstudiengang Rettungsingenieurwesen Abbildung 15: Praxissemesterstellen in den verschiedenen Branchen in Prozent (Quelle: Eigene Darstellung) Abbildung 1 zeigt die verschiedenen Branchen, in denen in den letzten 9 Jahren die Praxissemester durchgeführt wurden und welcher prozentuale Anteil auf die verschiedenen Branchen entfällt (Gesamtanzahl n=822). Ersichtlich ist dabei, dass die meisten Studierenden in der Industrie (29,24 %) und bei Feuerwehren (30,10%) ihr Praktikum absolviert haben. Danach folgen der Bereich der Hilfsorganisationen bzw. der anderen Bereiche des Bevölkerungsschutzes und des Disaster Managements mit 16,83 % und der Bereich der Dienstleister in der Sicherheitsbranche (z.B. Ingenieurbüros, Brandschutzbüros, TÜV, Flughafensicherheit usw.) mit 12,65 %. Weiterhin gab es Praktikumsplätze bei der Polizei, in Krankenhäusern bzw. in anderen Gesundheitseinrichtungen und Forschungseinrichtungen wie beispielsweise Hochschulen und Instituten. Dies zeigt auf, dass der Studiengang Rettungsingenieurwesen „Allrounder“ ausbildet, deren
81 Integrative Risk and Security Research 1/2018 Forschung und Lehre am IRG Mehrwehrt in den verschiedensten Bereichen des Arbeitsmarktes erkannt und geschätzt wird. Nicht nur Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben (BOS) sind potentielle Arbeitgeber, sondern auch die freie Wirtschaft. Abbildung 16: Anzahl und Porzentangabe der Praxissemesterstellen für Deutschland und das Ausland (Quelle: Eigene Darstellung) Die meisten Praktika wurden in Deutschland absolviert, aber es gab auch einen Teil von Studierenden, die andere Strukturen und Kulturen anderer Länder kennenlernen wollten, wie Abbildung 2 zeigt. So arbeiteten 63% in Deutschland und 7% im Ausland. 30% machten keine Angaben über das Land der Praktikumsstelle. Abbildung 17: Anzahl der Praxissemesterstellen pro Land Quelle: Eigene Darstellung Abbildung 3 zeigt die differenzierte Länderaufteilung der Praktikumsstellen-Länder. Dort ist ersichtlich, dass
82 Integrative Risk and Security Research 1/2018 Forschung und Lehre am IRG Studierende nicht nur in Westeuropa gearbeitet haben, sondern auf der ganzen Welt. So sind dort beispielsweise Ghana, USA und Indonesien genauso zu finden wie Großbritannien oder die Niederlande. Auch wenn der Großteil der Praktika in Deutschland geleistet wurde, so zeigt die Statistik und die Erfahrung aus dem Umgang mit den Studierenden, die im Ausland waren, dass der Studiengang ebenso für eine zukünftige berufliche Tätigkeit Arbeit im Ausland geeignet ist wie in den heimischen Strukturen. Beispiele aus Praxissemesterberichten und Anwendung der Studieninhalte In diesem Abschnitt sollen zwei Beispiele von Praxissemesterbericht-Auszügen herangezogen werden, um aufzuzeigen, welche interdisziplinären Fähigkeiten, die die Studierenden im Studiengang erlernt haben, sie in dem jeweiligen Tätigkeitsfeld anwenden konnten. a. Handlungsoptionen für die eigene Kraftstoffversorgung des Technischen Hilfswerks (THW) In seinem Praxissemester überprüfte der Studierende die Handlungsoptionen des THW bei Kraftstoffknappheit bzw. für die Selbstversorgung bei einem langanhaltenden Stromausfall. Der Kraftstoff ist nicht nur essenziell für den Betrieb der Einsatzfahrzeuge, sondern auch für das Betreiben der Notstromaggregate. In diesem Rahmen erarbeitete bzw. erstelle er zudem Karten in einem Geoinformationssystem (GIS), in der die Infrastrukturen des THW und für die Analyse benötige Daten (z.B. Tankstellen, Topografie etc.) dargestellt sind. Abbildung 18: Bezüge zum Studiengang des THW-Projektes (Quelle: Hetkämper 2017) In Abbildung 4 sind die Bezüge zum Studiengang dargestellt, die der Studierende für die Bearbeitung des Projektes nutze. Für die Anwendung des Geoinformationssystems kamen die Module „Methoden der Risikoanalyse“ (als Ideengeber für eine Anwendung von GIS), Physik (Weg-Zeit-Gesetz als Inputkonzept) und „Ingenieursmathematik“ (Auswertung der generierten Daten) zum Tragen. Das Verfassen eines Dokumentes mit den Bewertungen der Handlungsoptionen wurde nach den erlernten Kompetenzen des Moduls „Arbeitstechniken und Projektorganisation“ durchgeführt, was zu einer korrekten Struktur und Zitierweise geführt hat. Ebenfalls hilfreich war die Erstellung eines Projektplanes, welcher in dem
83 Integrative Risk and Security Research 1/2018 Forschung und Lehre am IRG genannten Modul geübt wurde. Da für die Bearbeitung des Projektes weiteres fundiertes Hintergrundwissen (z.B. in den Bereichen Gefahrenabwehr, Recht, Kritische Infrastrukturen usw.) nötig war, kamen folgende weitere Module zur Anwendung: „Grundlagen der Einsatzlehre und -Taktik“, „Methoden der Risikoanalyse“, „Prozessund Anlagensicherheit“, „Rechtliche Grundlagen“, „MenschlichTechnische Gefahren und Risiken“. b. Erstellung Brandschutzbedarfsplan und Einblick in das Sachgebiet „Einsatzvorbereitung und Organisation des Amtes für Brand-und Katastrophenschutz“ Die Praxissemesterstelle befand sich bei der Feuerwehr Ingolstadt und der Studierende arbeitete aktiv bei der Erstellung eines neuen Brandschutzbedarfsplanes mit, im Zuge dessen eine Gefährdungsanalyse/Risikoanalyse durchgeführt, Daten über die Feuerwehr gesammelt, Daten ausgewertet und ein Maßnahmenkatalog erstellt werden sollte. Zudem durfte er einen Einblick in das dortige Sachgebiet 37/1 „Einsatzvorbereitung und Organisation des Amtes für Brandund Katastrophenschutz“ erlangen und dort in mehreren Kleinprojekten mitwirken (z.B. Planung und Umsetzung eines Führungslehrgangs, Überprüfung der Anforderungen an die Alarmund Ausrückeordnung). Abbilddung 5 zeigt die Module auf, die bei der Arbeit in der Praxissemesterstelle Anwendung fanden. Im Bereich der Gefährdungsanalyse kamen vor allem die Module „Methoden der Risikoanalyse“ und „Bauordnung und Sonderbauvorschriften“ zum Einsatz, aber auch Inhalte der Module „Ingenieursmathematik“ und „Statistik“ für die Datenanalyse. Der Student weist aber darauf hin, dass Module wie beispielsweise „Werkstofftechnik“ oder „Elektrotechnik“ zunächst zwar keine Anwendung zu finden schienen, diese jedoch ein technisches Grundverständnis vermitteln, welches wiederum essentiell nötig ist.
84 Integrative Risk and Security Research 1/2018 Forschung und Lehre am IRG Abbildung 19: Vergleich Schnittstellen Studiengang und Aufgabenfelder (Quelle: Brugger 2017) Fazit Das Praxissemester ist für die Studierenden eine gute Möglichkeit, die gelernten Methoden und Inhalte aus dem Studium in der Mitarbeit in einem Unternehmen oder einer Behörde anzuwenden. Die Verknüpfung von Studieninhalten mit Aufgabenstellungen aus der Arbeitswelt gibt zudem einen Einblick in einen möglichen späteren Arbeitsbereich. Die Studierenden erfahren durch das Praxissemester, wie der spätere Berufsalltag aussehen kann. Die Möglichkeit, einen noch unbekannten aber interessant klingenden Beruf auszutesten und kennenzulernen, ist eine große Hilfe für eine berufliche Entscheidung nach dem Studium. Auch wenn im Rahmen des Praxissemesters nicht alle erlernten Fähigkeiten und Studienfächer eingebracht werden können, ist die praxisnahe Anwendung in einem eigenen Arbeitsbereich oder Projekt doch eine gute Möglichkeit, sich noch einmal neu für das Studium zu begeistern. Die praktische Arbeit hilft zudem, die
85 Integrative Risk and Security Research 1/2018 Forschung und Lehre am IRG Lerninhalte zu festigen, in der Anwendung zu vertiefen und den Zusammenhang zwischen der Theorie und dem Arbeitsfeld von Rettungsingenieuren zu verstehen. Auch spätere Arbeitgeber sind meistens über ein abgeleistetes Praktikum erfreut und stellen bevorzugt Mitarbeiter ein, welche bereits über praktische Erfahrung verfügen. Praxissemester im Studiengang Rettungsingenieurwesen Praxissemesterbeauftragter: Prof. Dr. Ompe Aimé Mudimu Praxissemesterbüro: Lennart Walter Landsberg • Zeitraum: 5. Semester wird empfohlen • Workload: 20 Wochen bzw. 100 Arbeitstage • Leistungsnachweis: Praxissemesterbericht und qualifiziertes Arbeitszeugnis Literaturverzeichnis Brugger, D 2017, Praxissemesterbericht. (unveröffentlichtes Dokument) Hetkämper, C 2017, Praxissemesterbericht. Bundesanstalt Technisches Hilfswerk Referat E1. (unveröffentlichtes Dokument)
86 Integrative Risk and Security Research 1/2018 Forschung und Lehre am IRG Arbeitsbeispiel einer internationalen Praktikantin am IRG Case study: Situation of people affected by the Nepal Earthquake in 2015 and activities carried out by the Polish government and organisations in this scope Patrycja Chojnowska Email: p.chojnowska23(at)gmail.com Introduction The elaboration refers to the situation of people affected by disaster caused by natural hazards. Based on the example of the Nepal Earthquake in 2015, this paper presents the post disaster situation when the help was offered by the Polish government and other organisations. The elaboration includes an example of assistance rendered to the affected regions immediate after the disaster, as well as a year later, based on material from UNICEF (United Nations International Children's Emergency Fund) and PAH (Polish Humanitarian Action). This study takes a closer look at the actions taken by the Polish government and at the involvement of Polish volunteers connected with assistance in affected areas. Furthermore, the elaboration shows the actions initiated by the Polish government and non-governmental organisations in the field of humanitarian aid and also examinations aspect of international help of humanitarian organisations. The effects of disasters caused by natural hazards are visible in all aspects of life. Supporting affected people is not only the transfer of funds. The long-term process of support also includes mental health care, education, and the possibility to return to normal life. The study presents some initiatives to assist victims, their significance in the context of coping with earthquake damage and their possibility to support the victims to a quicker return to normal life after the earthquake. Earthquake in Nepal in 2015 On Saturday 25th April 2015, an earthquake occurred in and around Kathmandu, with a 7.9 magnitude on the Richter scale. One day later, there was also an aftershock with 6.7 magnitude on the Richter scale. This earthquake was the strongest earthquake recorded in this area in the last 81 years. The earthquake took the lives of many people. According to United Nations (UN), approximately 8.1 million people were affected, which is around 1/4 of the total population of Nepal (28 million) (International Research Institute of Disaster Science 2016).The event killed thousands of people and demolished whole towns, including ancient monuments. The earthquake was so strong that the highest mountain on Earth, the Mount Everest, was shifted about three centimeters into a South West direction. The earthquake caused also an avalanche which killed at least 19 climbers (Rafferty n.d.). Analyses of scientists indicated that the probable cause of the earthquake was the collision of two tectonic plates: the Indian and the Eurasian Plate. In the last hundred years, three serious earthquakes occurred in this area. In 1916 with a 7.7 magnitude and in 2011 with a 6.9 magnitude. The third earthquake had a similar magnitude as the one in 2015 and occurred around 100 years ago. This event dating back to 1934 killed around 17,000 people (Polska Newsweek 2015) The role of UNICEF in helping Nepal More than 1/3 of the victims who survived the earthquake in Nepal in 2015 were children. The basic needs are food, clothes and medicine. For the survivors, the ability to return to normal life and to overcome the
87 Integrative Risk and Security Research 1/2018 Forschung und Lehre am IRG huge trauma that remained after the loss of family, homes, and the general experience of an earthquake, is also important. UNICEF is a humanitarian organisation, working in the field of children's rights. After the earthquake in 2015, UNICEF played a key role in providing help to the surviving children. During disasters caused by natural hazards the help primarily includes the provision of drinking water, food and education to the affected children. UNICEF has designated for this purpose a series of priority actions to help earthquake victims, including the provision of the following services: • access to drinking water, food and doctors, • care of orphans, help in finding family, • safety (UNICEF USA 2015). Many people who survive a disaster caused by a natural hazard suffer from post-traumatic stress disorder. A symptom of this trauma is that people are afraid and that they experience the events in their minds over and over again. They cannot return to a normal life due to the constant fear that they could experience a similar situation again in future. This condition can persist for a long time after the disaster, and lasting stress has a negative impact on the whole body. About 50% of people who have experienced such a disaster suffer from this disease. The assistance offered by UNICEF focuses on practical measures to overcome the fear of expressing emotions. Furthermore, it is offered to prevent constant worrying thoughts as well as the repetition of traumatic memories in people´s minds (Nepal Earthquake n.d.). In addition to the basic necessities, the priority given by UNICEF is to rebuild schools, or at least to build temporary shelters for learning activities. This can help children to return to a normal life. It is estimated that in areas like Gorkha in Sindhupalchowk district, or in Nuwakot, approximately 90% of schools were destroyed by the earthquake (A World At School n.d.). Those places in general experienced the most losses. All buildings, that were not threatened to collapse after the earthquake were used as temporary shelter. Nepal is described as a low-income country, which has experienced a slow onset of economic development (The World bank n.d.). With the help of UNICEF, the percentage of children who go to school and study has greatly increased during the last 25 years. While in 1990 only 64% of the children had access to learning facilities, counted the share of children with access to education approximately 95% before the earthquake happened. (UNICEF 2015.). Due to the huge losses following the earthquake, hundreds of schools were completely destroyed and approximately 1.2 million children aged 5 to 16 years have never been to school. However, school education is a key pillar, necessary for the development of a country. Many schools have been destroyed. Both the students and their guardians are in need of psychological support as well as their social environment, which will ensure their protection and security. To restore the whole education system and to enable an adequate development of children, long-term action is needed. Rebuilding schools is time consuming and is primarily associated with huge costs. Furthermore, rebuilding homes has a higher priority for the local population. Shortly after the disaster, approximately 1.7 children needed immediate assistance because of numerous diseases and stress. Furthermore, UNICEF organised the campaign a „Friendly Place for Children”. Those places could be an area where children can learn (temporary schools) or a place that could help the children overcome the trauma after the disaster (UNICEF USA 2015) Since 1990 primary education is free of charge in Nepal because of the help from UNESCO. With UNESCO’s help an education reform was conducted. This enabled the introduction of a number of strategies to improve the quality of education, and the conditions in schools. Unfortunately, there are still many children who do not attend in school. This is due to many factors, economically and socially motivated. Plenty of families,
88 Integrative Risk and Security Research 1/2018 Forschung und Lehre am IRG which live in small villages far away from the schools are unable to provide an education to their children due to lack of employment opportunities and poverty. Support for the education sector carries mainly the National Society for Earthquake Technology - Nepal. The aim of the intervention is education, which is improving citizens' safety in case of earthquakes. The School Earthquake Safety Program aims to build safe schools and to disseminate knowledge and training for teachers, students and parents on safe behaviour during a disaster caused by natural hazards. Shortly after the earthquake the “Education Group” started. The aim of the group was to support children in schools and to provide access to education, psychological support and assistance in returning to normal life after the disaster. As a result, around two months after the disaster, there were already about 1,000 Temporary Learning Centres and also Child Friendly Spaces which supported about 100,700 children (International Research Institute of Disaster Science 2016.). The devastating earthquake in Nepal, and support from Poland Shortly after the earthquake in Nepal, the Polish government delegated 82 Polish firefighters (including doctors and paramedics) and 12 search dogs with a rescue and exploration mission. This group is named rescue HUSAR (Heavy Urban Search And Rescue; USAR Poland - Urban Search And Rescue). The Polish group was one of the first who arrived at the disaster site and began to help the victims. Besides extracting victims buried under the rubble, the Polish firefighters also helped unload goods, delivered as humanitarian aid from Poland. Firefighters brought all the necessary logistics and tools with them, which made them self-sufficient while working in Nepal (Wróblewski 2015). In addition to the firefighters, a group of rescuers from the Polskie Centrum Pomocy Międzynarodowej (Polish Centre for International Aid) was also sent to Nepal. In order to help the victims of the disaster, on the initiative of the PCPM, a point of medical assistance was organized (Zagrożenia - Analizy - Oceny n.d.). In the village Dumre, Polish volunteers implemented the program "Little Poland". This program was involved in the rebuilding process of the completely destroyed village. Besides helping to rebuild the houses, the main goal was to build a drinking water reservoir, schools and a health center. Those actions helped the local population to return to a normal life (Mała Polska w Nepalu n.d.). Figure 1: Polish volunteers in Nepal (Galeria – Mała Polska w Nepalu n.d.)
89 Integrative Risk and Security Research 1/2018 Forschung und Lehre am IRG The involvement of Polish volunteers is admirable. Many of them decided to support the initiative "Little Poland" at the expense of their holidays. In Nepal the access to governmental health care is free of charge, but the physical access is often limited (especially in rural areas). Polish doctors, dentists and pediatricians work in the health center, which was built in the village. The Polish Foundation, which implemented the aid project in Nepal, formally has three employees. Within a few months they were able to collect about 40,000 USD. The Polish population likes to support the activities of the Foundation and donated money by taking part in events such as the "Nepalese Sunday" or "Run for Nepal". All of the profits raised at these events were transferred to the project. In the seven months since the start of the project they built a school. Now, children from Dumre and neighbouring towns can study in this building (Exploring Nepal n.d.), (Mała Polska w Nepalu n.d.). Figure 2. Children learning at school built on the initiative of the "Little Poland" (Mała Polska w Nepalu n.d.) One of the stages of the Foundation's activity involves long-term support from volunteers and professionals in the village of Dumre. Providing access to education, health care, and to jobs for women and men are the main objectives of the project. The project is also associated with the idea of cultural exchange between Poland and Nepal, in which people will be able to get to know each other by working together in the reconstruction of the devastated village (Mała Polska w Nepalu n.d.). Figure 3: Polish volunteers in the future school building in Dumre (Galeria – Mala Polska w Nepalu n.d.)