Jenseits der Fotografie. Neue Aspekte der Talbot-Forschung
Abstract
In diesem Beitrag werden neue multidisziplinäre Perspektiven auf William Henry Fox Talbots Forschung vorgstellt und kritisch diskutiert, jenseits einer reinen fotografischen Geschichtsschreibung. Buchrezension von: Mirjam Brusius, Katrina Dean,Chitra Ramalingam (Hg.): William Henry Fox Talbot. Beyond Photography, New Haven, Connecticut: Yale University Press 2013.
Full text
William Henry Fox Talbot: Insektenflügel (Negativ), t839 [Abb. aus dem besprochenen Band]. 56 Katharina Steidl fenseits der Fotografie. Neue Aspehe der Talbot-Forschung Mirjam Brusius, Katrina Dean, Chitra Ramalingam (Hg.): William Henry Fox Talbot. Beyond Photography, New Haven, Connecticut: Yale University Press, zor3, 3o8 5., 25,7 x 28,5 cm, zahlreiche farbige Abb., gebunden mit Schutzumschlag, 57,6o Euro. Einen neuen, multidisziplinären Blick auf Talbots zahlreiche Forschungsfelder - abseits der Fotografie - zu werfen, ist das erklärte Ziel vorliegenden Sammelbandes. Darin werden die Ergebnisse einer im Jahre zoto von Mirjam Brusius, Katrina Dean und Chitra Ramalingam organisierten Konferenz versammelt, die am Centre for Research in the Arts, Social Sciences, and Humanities der University of Cambridge (CRASSH) abgehalten wurde. Nicht nur seit der online zugänglich gemachten Briefedition Talbotsr, sondern auch seit dem Ankauf archivalischer Materialien aus dem ehemaligen Familienbesitz Talbots durch die British Library im )ahr zoo6 - darunter 360 Notizbücher, Fotografien, Herbarien und Schriftverkehr - sah sich die Talbot-Forschung bis dato schwer zugänglichen Materialien und damit gleichzeitig neuen Fragestellungen gegenübergestellt.2 Eine Zielsetzung vorliegender Publikation ist somit Talbot (abgesehen von seiner prominenten Stellung als Erfinder früher fotografischer Verfahren) auch hinsichtlich seiner zahlreichen wissenschaftshistorisch relevanten Interessensund Forschungsgebiete zu beleuchten. Damit wird ein Feld eröffnet, das abseits der üblichen kunsthistorischen Vereinnahmung von Talbots fotografischem CEuvre für eine erweiterte Betrachtungsweise seiner über Mathematik, Chemie, Philologie, Etymologie, Assyriologie und zahlreichen anderen Wissensgebieten reichenden Interessen plädiert. Durch diese Fokussierung sollen nicht zuletzt mögliche osmotische Wechselwirkungen zwischen genannten Wissensgebieten und der Fotografie sichtbar gemacht sowie Talbots Stellung innerhalb des weit verzweigtes Netzwerks der viktorianischen Wissensgemeinschaft analysiert werden. Dies jedoch unter der Prämisse vorerst nur "grundsätzliche Fragen" aufi,verfen sowie den Weg fi;r ,zukünftige Forschungsfelder. aufbereiten zu wollen (S.4). Auch im einleitenden Beitrag Deans wird klar, dass Talbot durch diese Herangehensweise keine Stellung als herausragende wissenschaftliche Cröße in jenen Cebieten zugesprochen werden soll, sondern dass die Analyse jener Materialien - und dies ist sehr vage formuliert - einen "aufstrebenden Umgang mit Wissen in der ersten Hälfte des r9. Jahrhunderts. erhellen möchte (S.34). Aufgrund der Fokussierung auf die neue Quellenlage wird von den Herausgeberinnen ein materialitätsorientierter Tugang präjudiziert, der in den Beiträgen größtenteils eingelöst wird. Dieser in derWissenschaftsgeschichte seit geraumer Zeit populäre Aspekt des >>science in the making. verschreibt sich der Untersuchung von Instrumenten, Aufzeichnungsverfahren, Räumen, Netzwerken, Assistenten und anderen am Wissensprozess beteiligten materiellen und immateriellen Dingen. So weisen Brusius und Ramalingam nicht nur auf die Notwendigkeit einer eingehenderen Untersuchung von Talbots Notizbüchern hin, die szientifische Praktiken des Notierens, Skizzierens, Sammelns, Memorierens und Entzifferns auch in Bezug aufdie Fotografie fruchtbar machen kann, sondern ebenso auf die bis dato noch zu wenig beachteten wissenschaftlichen Netzwerke und Orte - unter anderem Royal Institution und British Museum, in die Talbot auf unterschiedliche Weise integnert war. Diesen zentralen Fragestellungen versuchen die Textbeiträge des Bandes in drei Abschnitten näher zu kommen: ,Models for Investigation" versammelt Aufsätze von Anne Secord, June Barrow-Creen und Graham Smith, die der Frage der Vorbildund Modellwirkung der Studien Talbots zu Mathematik, Botanik und Literatur in Bezug auf die Fotografie nachgehen. Texte von Herta Woll Vered Maimon und Larry J. Schaaf umkreisen unter dem Abschnitt 'lnvention and Discoveryo die diskursiven Zuschreibungen der Erfindung und/oder Entdeckung von Fotografie beziehungsweise ihre Fortführu ng als reproduktionstechnisches Verfahren im Buchdruck. Unter der Rubrik >lnstitutions and Networks. wiederum setzen sich Eleanor Robson, Mirjam Brusius und Chitra Ramalingam mit Talbots Stellung innerhalb der viktorianischen Wissenslandschaft auseinander. ln ihrem Artikel >Talbot's First Lens: Botanical Vision as an Exact Science. geht Secord der Bedeutung von Talbots Studium der Botanik in Bezug aufdie Fotografie nach. Darin erkennt sie das Sammeln, Trocknen, Klassifizieren und Ordnen von Moospflanzen in Alben als grundlegende Qualifikationen an, die nicht nur Talbots Beobachtungsgabe schärften, sondern auch sein Engagement kameralose Fotografien als botanisches Aufzeichnungsmedium zu etablieren, erklären dürften. Die vergleichbare Technik des Naturselbstdrucks erfährt in Secords Besprechung nur eine marginale Erwähnung, wobei sich hier grundlegende botanische Bildpraktiken und insbesondere Terminologien aufzeigen ließen, die fi;r die nachfolgende Fotografierezeption von entscheidender Bedeutung sind. June Barrow-Creen wiederum geht in hauptsächlich Foroc escn rcntt l35lzot5 I ( ( t t E L t k
'I ,l deskriptiver Weise Talbots "leisure activity< l\,4athematik nach (S. 87). Als ein Erfolg kann dabei die nach ihm benannte 'Talbot-Kurve. angeführt werden, womit die negative Fußpunktkurve einer Ellipse bezeichnet wird. Abbildungen aus Talbots Notizbüchern der British Library weisen in diesem Beitrag rein illustrativen Charakter auf, wodurch dem daraus ableitbaren Prozess der Wissensgenerierung keine Beachtung geschenkt wird. Querverbindungen von Talbots Walter Scottund Shakespearelektüren, seinen eigenen Schriften sowie seiner Fotoserie.Sun Pictures of Scotland" versucht Craham Smith aufzuspüren. Die während der ersten Fotografleausstellung Talbots proklamierte Metapher 'Nature as Drawing Mistress", mit der Natur als Agens von Fotografie belegt wurde, untersucht Herta Wolf hinsichtlich ihrer medialen und wissenschaftshistorischen Bedeutung um davon ausgehend einzelne Episoden fotografischer Diskurse zu skizzieren. Nach einer geschlechtsspezifischen Erörterung dieser in mehrfacher Hinsicht aufschlussreichen Beschreibungsformel sucht man jedoch vergeblich. In 'Talbot's Art of Discovery* geht Vered Maimon am Beispiel zweier Publikationen den changierenden Erfindungskonzepten Talbots, von rational ableitbarer Erkenntnis zu induktivem Ceniestreich, nach. In einem zweiten, etwas losgelösten Teil, verdeutlicht sie am Beispiel botanischer Fotogramme Talbots die Konzeptualisierung von Fotografie, die abseits von 'Naturwahrheit. und 'Authentizität. ein weit verzweigtes Bezugsgeflecht eröffnet. Talbots langjährige Bestrebungen Fotografie als drucktechnisches Medium für den Buchmarkt umzusetzen beziehungsweise zu perfektionieren, beschreibt Schaaf in einem weiteren Essay. Robson und Brusius untersuchen in ihren Beiträgen wiederum die Rolle Talbots im Bereich der Assyriologie. Der Plan Fotografie als Reproduktionsmedium von Originalen der Antike zur Entzifferung von Inschriften und damit als .scientific tool. einzusetzen, erwies sich als ungeeignet (5. zzz\. Dennoch versuchte Talbot jenes Medium unter anderem am British Museum für Forschungszwecke zu etablieren, wie Brusius in ihrem Beitrag aufschlussreich darlegt. Ramalingam erörtert Talbots Beschäftigung mit lvlomentund Blitzlichtfotografie sowie den dabei verwendeten Apparaturen, die zudem in Londons Experimentierund Schaukultur zu verorten sind. Ein abschließender Beitrag Simon Schaffers fasst die Ergebnisse des Bandes auf anschauliche Weise zusammen und betont die durchgängige Analyse des behandelten Materials in seiner Eigenständigkeit, wodurch die gängige historiografische Foroc escx rcxre 35lzo't5 Praxis einer teleologischen Lesart durchkreuzt wird. Zusammenfassend ist festzustellen, dass der Ansatz, Talbots Notizbücher als Praxis der Wissensgenerierung zu untersuchen, etwas zu kurz kommt. Auch der Croßteil der Abbildungen stammt nicht aus dem neu gewonnenen Archivmaterial der British Library. Dennoch vereint vorliegende Publikation konzis erarbeitete Beiträge, die bisher weniger beleuchtete Arbeitsgebiete Talbots, auch in Zusammenhang zu seinen fotograflschen Arbeiten, aufzeigen, wodurch die Lektüre mehr als lohnenswert erscheint. '| Onlineunter:http://foxtalbot.dmu.ac.uk. 2 Erst kürzlich (Oktober zor4) konnte auch die Sammlung der Bodleian Libraries der Universität Oxford um den Ankaufwertvoller TalbotarchivaJien bereichert werden. William Henry Fox Talbot: Blätter, fotogenische Zeichnung, r839 [Abb. aus dem besprochenen Band]. 1 't I ) ( r 1 57