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1 Interkantonale Hochschule für Heilpädagogik Selektiver Mutismus als Nischenthema in der Psychomotorik Therapie – Orientierungshilfe und Handlungsoptionen für Psychomotoriktherapeut:innen Winterthur 28.07.2025 Bachelorarbeit Begleitperson: Dr. rer. soc. Iris Bräuninger Zweite Fachperson: Lic. Phil. Livia Suter Olivia Demarmels Weierhöhe 9 8408 Winterthur Tel: +41 79 946 49 62 Mail: [email protected]
2 ABSTRACT Selektiver Mutismus (SM) ist eine seltene, emotionsbedingte Angststörung, die sich durch situationsspezifisches Schweigen in bestimmten sozialen Situationen auszeichnet, obwohl die betroffenen Kinder über eine normale Sprechfähigkeit verfügen und in vertrauten Umgebungen sprechen können. Dieses Verhalten wird nicht als bewusste Entscheidung, sondern als unwillkürliche, intuitive Bewältigungsstrategie verstanden und schränkt die Partizipation und Teilhabe der Kinder stark ein. Die Entstehung des Selektiven Mutismus ist polyätiologisch bedingt und geht häufig mit komorbiden Störungen wie Angstoder Sprachstörungen einher. Obwohl Fachpersonen in der psychomotorischen Praxis immer wieder Kindern mit Selektivem Mutismus begegnen, wird das Thema in der Ausbildung oft nur oberflächlich behandelt und als Nischenthema angesehen. Dies begründet den Bedarf an einer prägnanten Orientierungshilfe, die Psychomotoriktherapeut:innen, anderen pädagogischen Fachpersonen sowie Eltern einen fundierten Überblick und praktische Handlungsoptionen bietet. Die Psychomotoriktherapie (PMT) kann als integraler Bestandteil eines multimodalen und interdisziplinären Behandlungsansatzes einen wichtigen Beitrag leisten. Ihre handlungs-, spielund bewegungsorientierten Methoden adressieren die Individualität des Kindes und fördern den Ausdruck durch Bewegung, Spiel und Material. Dabei werden das Selbstwertgefühl und die Selbstwirksamkeit gestärkt, und die Interaktion sowie Handlungskompetenz gefördert. Diese Ansätze basieren auf einer tragfähigen therapeutischen Beziehung. Ein zentraler Vorteil der PMT liegt in der Nutzung non-verbaler Kommunikationsformen, die einen sicheren Rahmen für Vertrauensaufbau schaffen und die Sprache implizit mit Bewegung kombinieren. Essentiell für den Therapieerfolg ist zudem die interdisziplinäre Vernetzung, insbesondere mit der Logopädie/Sprachtherapie. Obwohl erste Studien positive Effekte der PMT aufzeigen, ist die Forschung zur spezifischen Wirksamkeit der PMT bei Selektivem Mutismus bisher begrenzt, was die Notwendigkeit weiterer empirischer Studien unterstreicht. Im Gegensatz dazu gelten verhaltenstherapeutische Ansätze als am besten erforscht. Die vorliegende Arbeit liefert praxisrelevante, literaturfundierte Handlungsoptionen für die psychomotorische Behandlung des Selektiven Mutismus, zeigt deren Relevanz auf und soll Fachpersonen im Umgang mit diesem Störungsbild unterstützen. Schlagwörter: Kinder, selektiver Mutismus, Psychomotorik, Therapie, Intervention
3 Danksagung Die Fertigstellung dieser Arbeit erstreckte sich über ein Jahr und wurde von der Verfasserin sowie weiteren Personen begleitet. Besonderer Dank gilt Frau Dr. rer. soc. Iris Bräuninger für ihre fachkundige und unterstützende Begleitung während des gesamten Prozesses. Ihre Expertise und konstruktive Zusammenarbeit haben massgeblich zur Entwicklung dieser Arbeit beigetragen. Ein weiterer Dank geht an Frau Lic. phil. Livia Suter für ihre sorgfältige Durchsicht und die wertvollen Rückmeldungen, die zur inhaltlichen und sprachlichen Verbesserung beigetragen haben. Abschliessend danke ich meinen Freunden, Mitstudierenden, meiner Familie und meinem Partner für ihre kontinuierliche Unterstützung, Ermutigung und die richtungsweisenden Ratschläge. Ihre Begleitung war von grossem Wert und hat wesentlich zur Entstehung dieser Arbeit beigetragen.
4 Inhaltsverzeichnis 1. Einleitung ................................................................................................................................................... 5 1.1 Ausgangslage und Problemstellung ..................................................................................................... 5 1.2 Forschungsfragen ................................................................................................................................. 6 1.3 Zielsetzung der Arbeit ........................................................................................................................... 6 1.3 Aufbau der Arbeit .......................................................................................................................... 7 2. Theoretischer Hintergrund ....................................................................................................................... 7 2.1 Selektiver Mutismus .............................................................................................................................. 7 2.1.1 Definition & Klassifikation .............................................................................................................. 7 2.1.2 Aufrechterhaltende Bedingungen des selektiven Mutismus .......................................................... 8 2.1.3 Ätiologie & Risikofaktoren .............................................................................................................. 9 2.1.4 Epidemiologie .............................................................................................................................. 11 2.3 Therapeutische Landschaft bei Selektivem Mutismus ........................................................................ 11 2.4 Handlungsmöglichkeiten der Psychomotoriktherapie bei selektivem Mutismus ................................. 13 2.4.1 Förderung durch Bewegung und Spiel ........................................................................................ 13 2.4.2 Stärkung des Selbstwertgefühls und der Selbstwirksamkeit ....................................................... 13 2.4.3 Förderung von Interaktion und Handlungskompetenz ................................................................. 14 2.5 Integrationsund Handlungsmöglichkeiten für die Psychomotoriktherapie aus anderen Ansätzen ... 15 2.5.1 Therapeutische Grundhaltung und Beziehungsgestaltung .......................................................... 15 2.5.2 Nutzung von Bewegung, Spiel und Material zur Ausdrucksförderung .................................... 16 2.5.3 Integration kognitiv-behavioraler Prinzipien ................................................................................. 18 2.5.4 Einbezug des Systems und interdisziplinäre Vernetzung ............................................................ 20 2.5.5 Ende und Abschluss der Therapie .............................................................................................. 20 2.5.6 Herausforderungen und Erfolgsfaktoren in der Therapie ............................................................ 21 3. Methode .................................................................................................................................................... 21 3.1 Vorgehen ............................................................................................................................................. 21 3.1.1 Fragestellungen und Untersuchungsgegenstand ........................................................................ 22 3.1.2 Suchstrategie und Identifizierung relevanter Literatur ................................................................. 22 3.1.3 Auswahl der Literatur (Screening und Selektion) ........................................................................ 24 3.1.4 Datenextraktion und -synthese .................................................................................................... 25 4. Ergebnisse ............................................................................................................................................... 25 4.1 Zusammenführung der Ergebnisse ..................................................................................................... 25 4.2 Beantwortung der Forschungsfragen .................................................................................................. 27 5. Diskussion ............................................................................................................................................... 30 5.1 Analyse und Interpretation der Ergebnisse ......................................................................................... 30 5.2 Relevanz für die Praxis ....................................................................................................................... 33 5.3 Kritische Reflexion .............................................................................................................................. 34 6. Fazit und Ausblick ................................................................................................................................... 35 7. Literatur .................................................................................................................................................... 38 8. Abbildungsverzeichnis ........................................................................................................................... 41 9. Tabellenverzeichnis ................................................................................................................................ 41 10. Anhang ................................................................................................................................................... 42 10.1 Selbständigkeitserklärung ................................................................................................................. 42 10.2 Produkt (Handout) ............................................................................................................................. 43
5 1. Einleitung 1.1 Ausgangslage und Problemstellung Reden ist Silber, Schweigen ist Gold. Ein durchgehendes Schweigen von Kindern in verschiedenen Situationen und gegenüber vielen Mitmenschen wird von letzteren jedoch nicht als tugendhaft, sondern als sozial abweichend empfunden. Wenn besagte Kinder trotz intakter Sprach-, Sprechund Hörfunktionen in der Lage sind, zu sprechen, und sie dies auch gegenüber einem engen Personenkreis tun, während sie gegenüber anderen schweigen, so wird dieses Schweigen als „selektiver Mutismus“ klassifiziert (Bahr, 2006). Verstummen, Einfrieren, versteinerte Körperhaltung, fehlender Blickkontakt - Das alles kann normal sein, wenn ein Kind in den Kindergarten kommt. Erst, wenn sich dies nicht legt, dann sollte reagiert werden. Wenn sich das Verhalten in bestimmten Situationen sehr stark zeigt und wenn es das Kind zusätzlich beeinträchtigt, dann sollte dieses abgeklärt werden (Hartmann, 2019). Oftmals fällt Mutismus den Eltern nicht auf und diese sind dann bei einer „Diagnose“ skeptisch und erstaunt, da mutistische Kinder zuhause oftmals ganz munter drauflossprechend sind, während sie in der Gruppe nicht sprechen und auch kaum Kontakt zu Gleichaltrigen aufnehmen in Kindergarten und/oder Schule. Diese Doppelgesichtigkeit – d.h. einen totalen Unterschied im kommunikativen und psychosozialen Verhalten – hier das schweigende Kind – dort das redselige, gehört zu den Definitionsmerkmalen der Störung Mutismus und erschwert eine rechtzeitige Erkennung (Hartmann, 2019). Häufige Begleiterscheinungen zum selektiven Mutismus sind Komorbiditäten wie eine depressive Symptomatik, Regulation von Schlaf, Essen und Störungen des Sozialverhaltens mit oppositionellem Verhalten sowie Angststörungen (Katz-Bernstein, 2023). Etwa die Hälfte der Kinder mit selektivem Mutismus zeigen eine oder mehrere Angststörungen (Muris & Ollendick, 2015; Katz-Bernstein, 2015). Aufgrund der genannten Komorbiditäten, welche mit diesem Störungsbild einhergehen sowie dem Leidensdruck, welche die Betroffenen aufweisen (Katz-Bernstein, 2023; Hartmann, 2019), erachte ich dieses Thema als sehr relevant. Auch die Eltern eines mutistischen Kindes, welche den Rückzug mitverfolgen, spüren die Gefährdung einer gesamtpersonalen Entwicklungshemmung (Hartmann, 2019). Während es Fachleute gibt, die bei Mutismus auf Zeit setzen, bzw. das Prinzip der Gelassenheit propagieren, spricht der Autor davon, dass Mutismus keine Zeit hat. Denn Schweigen bedeutet Isolation, Einbussen in der Lebensqualität bereits im frühen Kindesalter und wird bei ausbleibender therapeutisch angemessener Unterstützung bzw. Öffnung mit einer erhöhten Wahrscheinlichkeit zu einer depressiven oder angstinduzierten Gefährdung im Jugendund Erwachsenenalter führen. Jedoch ist Leben mit Mutismus kein Schicksal, es gibt verschiedene therapeutische Zugänge, die betroffenen Kindern (und Familien) dabei helfen können, sich kommunikativ zu öffnen (Hartmann, 2019).
6 Selektiver Mutismus ist zwar eher selten anzutreffen, so wird die Prävalenz zwischen 0.5 % - 1.9 % geschätzt (Katz-Bernstein, 2015). Im Rahmen der bisherigen Praktika des Bachelors in Psychomotorik an der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik (Hfh) bin ich einem Kind begegnet, welches diese Diagnose aufwies und habe auch schon in der Vorlesung von Psychomotoriktherapeutinnen gehört, dass ihnen jene Kinder in der Therapie begegnen. Daher ist davon auszugehen, dass dieses Thema trotz der eher geringeren Auftretenshäufigkeit in der Psychomotoriktherapie vorkommt, womöglich jedoch eher als Nischenthema. Gerade aufgrund der Seltenheit des Vorkommens und aufgrund meiner noch eigenen fehlenden fundierten Kenntnisse bzw. da dieses Thema meines Erachtens in der Ausbildung nur oberflächlich tangiert wurde, strebe ich mit meiner Bachelorarbeit an, eine Orientierungshilfe für Psychomotoriktherapeut:innen und auch andere pädagogische Fachpersonen zu schaffen, welche mit Kindern mit Selektivem Mutismus in Kontakt sind. Diese Orientierungshilfe soll in Form eines informativen Handouts erarbeitet werden. Zudem finde ich es wichtig, (Fach)Personen für dieses Thema zu sensibilisieren. Die Wahl dieses Themas basiert auf grossem Interesse und einer persönlichen Faszination gegenüber Kindern mit selektivem Mutismus. Ich fragte mich bei einer Begegnung mit einem Kind mit selektivem Mutismus im Rahmen des Praktikums, was wohl die Hintergründe und Ursprünge für das gezeigte Verhalten sind. Dem möchte ich in der vorliegenden Arbeit auf den Zahn fühlen. 1.2 Forschungsfragen Aus den vorhergehenden Gedankengängen entwickeln sich folgende Forschungsfragen für die Arbeit: Forschungsfrage 1: Welche therapeutischen Handlungsoptionen und Methoden sind in der (Psychomotorik)therapie bei Kindern mit Selektivem Mutismus hilfreich? Forschungsfrage 2: Welche alternativen Therapiemöglichkeiten können in die Psychomotoriktherapie integriert werden? 1.3 Zielsetzung der Arbeit Ziel der vorliegenden Bachelorarbeit ist es, den Begriff des Selektiven Mutismus genauer zu erforschen und eine Orientierungshilfe in Form eines Handouts sowohl für Psychomotoriktherapeut:innen als auch andere pädagogische Fachpersonen sowie für Eltern zu liefern, welche mit dem Therma selektiver Mutismus in Kontakt kommen. Grundlage ist dabei ein Zusammenzug an Hintergrundinformationen aus einer umfassenden Literaturrecherche.
7 1.3 Aufbau der Arbeit In der vorliegenden Arbeit gehe ich zunächst auf relevante Hintergrundinformationen des Selektiven Mutismus ein. Dies umfasst die Definition und Klassifikation, aufrechterhaltende bedingungen sowie Ätiologie und Risikofaktoren und Epidemiologie. Anschliessend werde ich mich der therapeutischen Landschaft bei selektivem Mutismus widmen und Integrationsund Handlungsmöglichkeiten für die Psychomotoriktherapie ableiten. Es folgt eine Darstellung der Forschungsmethodik und der Ergebnisteil. Der Kernteil dieser Arbeit bildet sich aus der Diskussion und der abschliessenden Zusammenfassung mit Ausblick für die Zukunft. Das Handout soll Hintergrundinformationen zur Definition, Ätiologie und Risikofaktoren, Prävalenz, sowie aufrechterhaltende Faktoren des selektiven Mutismus beinhalten. Ebenfalls sollen darin therapeutische Handlungsoptionen in der Psychomotoriktherapie enthalten sein, basierend auf der erarbeiteten Literatur. 2. Theoretischer Hintergrund 2.1 Selektiver Mutismus 2.1.1 Definition & Klassifikation Selektiver Mutismus (SM) ist eine seltene, emotionale Angststörung, die durch situationsspezifisches Schweigen gekennzeichnet ist, obwohl die betroffenen Personen über eine normale Sprechfähigkeit verfügen (Katz-Bernstein, 2015). Dieses Verhalten wird oft als intuitive Bewältigungsstrategie verstanden und schränkt die Partizipation stark ein (Roth et al., 2010). Die Bezeichnung „selektiver Mutismus“ hat sich gegenüber dem älteren „elektiven Mutismus“ durchgesetzt, da das Schweigen nicht als bewusste Entscheidung, sondern als unwillkürliche Lösung angesehen wird (Melfsen & Warnke, 2007; Roth et al., 2010). Gemäss Diagnosekriterien des amerikanischen Klassifikationssystems Diagnostik and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM-V) (American Psychiatric Association, 2013) ist Selektiver Mutismus folgendermassen definiert: A) Andauernde Unfähigkeit, in bestimmten Situationen zu sprechen (in denen Sprechen erwartet wird), bei normaler Sprechfähigkeit in anderen Situationen B) Die Störung behindert schulische/berufliche Leistungen oder die soziale Kommunikation C) Dauer von mindestens einem Monat (ausser der erste Monat nach Schulbeginn) D) Die Sprechunfähigkeit ist nicht durch mangelnde Sprachkenntnisse oder Unwohlsein mit der Sprache bedingt Die Störung kann nicht besser durch eine Kommunikationsstörung, eine tiefgreifende Entwicklungsstörung, Schizophrenie oder eine andere psychotische Störung erklärt werden.
8 Obwohl Selektiver Mutismus oft im Alter von vier bis fünf Jahren beginnt, erfolgt die Therapie durchschnittlich erst mit acht Jahren; etwa 40% der Kinder erhalten keine Behandlung (Melfsen & Walitza, 2017). Die Klassifikation als Angststörung wird diskutiert, da eine hohe Komorbidität, ähnliche Temperamentsmerkmale und therapeutische Massnahmen dafür sprechen (Carbone et al., 2010). Mutismus im Kindesalter gilt als entwicklungsbedingt und oft vorübergehend, jedoch als ernstzunehmender Risikofaktor, dessen Gewicht mit der Dauer zunimmt (Katz-Bernstein, 2023). Es wird zwischen Frühmutismus (ab 3;4 - 4;1 Jahren) und Spät-/Schulmutismus (ab 5;5 Jahren) unterschieden, oft in Verbindung mit Übergängen in neue soziale Gruppen (Katz-Bernstein, 2023). Kinder mit Selektivem Mutismus zeigen meist vier Arten von mutistischem Verhalten: Sie „versteinern“ oder „frieren“ bei direkter Ansprache ein, verhalten sich gehemmt/zurückgezogen, agieren „normal“ ohne zu sprechen (oft mit Gesten), oder zeigen abwehrendes/aggressives Verhalten mit hartnäckigem Schweigen. Diese Verhaltensweisen sind situativ und temporär. Eine Abklärung ist ratsam, wenn ein Kind länger als die ersten drei Monate in einer neuen Umgebung nicht spricht und fixiert erscheint, oder wenn pädagogische Fachpersonen Besorgnis äussern. Die sogenannte „Doppelgesichtigkeit“ – das Kind spricht zu Hause munter, schweigt aber in der Gruppe – erschwert die Früherkennung (Hartmann, 2019; Katz-Bernstein, 2023). Aufforderungen zum Sprechen verstärken oft die Angst, da das Schweigen nicht willentlich durchbrochen werden kann (Katz-Bernstein, 2023). Selektiver Mutismus ist von der Sprechangst abzugrenzen: letzterer ist die Angst, mit jemandem zu sprechen, während Sprechangst das Reden vor Publikum betrifft (Bahr, 2015). Mutismus ist dabei eher ein unbewusster Akt (Katz-Bernstein, 2023). Das Erstarren und die motorische Blockade in angstbesetzten Situationen dienen als Vermeidungsstrategie, was die Entwicklung sozialer Fähigkeiten hemmt (Schmidt-Traub, 2019). 2.1.2 Aufrechterhaltende Bedingungen des selektiven Mutismus Selektiver Mutismus wird massgeblich durch Vermeidungsverhalten und dysfunktionale Kognitionen aufrechterhalten. Das Vermeiden von Sprechsituationen führt kurzfristig zu Angstreduktion, was das Schweigen negativ verstärkt (Schmidt-Traub, 2019). Langfristig verhindert dies korrigierende Erfahrungen und verfestigt die Sprechangst in einem Teufelskreis aus Angst und Vermeidung (Schmidt-Traub, 2019). Abbildung 1 beschreibt den Teufelskreis der Angst (Schmidt-Taub, 2019). Dieser bezieht sich auf das Vermeidungsverhalten als zentraler Aufrechterhaltungsfaktor.
9 Negative Kognitionen, wie übersteigerte Sorgen vor Blamage oder Ablehnung, verstärken diese Angst und fördern die Vermeidung, was die soziale Entwicklung beeinträchtigt und zu Isolation führen kann (Schmidt-Traub, 2019). 2.1.3 Ätiologie & Risikofaktoren Selektiver Mutismus wird als eine komplexe Angststörung verstanden (Carbone et al., 2010), deren Entstehung polyätiologisch bedingt ist (Bahr, 2006; Katz-Bernstein, 2023) und nicht mehrheitlich auf ein frühes Trauma zurückgeführt wird. Stattdessen wird ein Zusammenwirken verschiedener, sich gegenseitig beeinflussender Risikofaktoren angenommen, darunter auch kindbezogene Aspekte (Melfsen & Warnke, 2007). Zu den diskutierten kindbezogenen Risikofaktoren zählt die angeborene Disposition und spezifische Temperamentsmerkmale. Eine erbliche Vorbelastung wird in der Literatur angenommen (Katz-Bernstein, 2023). Das psychopathologische Modell der Ätiologie von Muris & Ollendick (2015) (Abbildung 2) nennt ebenfalls Genetik, familiäre Häufung und Temperament als wesentliche Risikofaktoren. Weiter werden soziale Umwelteinflüsse wie ängstliche oder kontrollierende Eltern, Probleme in der Schule oder ein Immigrantenstatus beschrieben. Neurologische Faktoren wie Probleme oder Verzögerung der Sprache oder neurologische Anomalien werden ebenfalls als Risikofaktor betrachtet. Die genannten Risikofaktoren können dazu führen, dass Ängstlichkeit entsteht, was wiederum einen Einfluss auf die Entwicklung des selektiven Mutismus haben kann. Dispositionen wie Rückzug, Scheu, Ängstlichkeit und Schweigsamkeit werden ebenfalls als Risikofaktoren angesehen (Hartmann, 2007). Abbildung 1: Teufelskreis der Angst (Schmidt-Traub, 2019, S.39) Abbildung 1 (Schmidt-Traub, 2019, S. 39) Abbildung 2: Psychopathologisches Modell der Ätiologie (Muris & Ollendick, 2015) Abbildung 2: Murris & Ollendick (2015).
16 2.5.2 Nutzung von Bewegung, Spiel und Material zur Ausdrucksförderung Initial wird der Aufbau nonverbaler kommunikativer Kompetenzen gefördert, also ein funktionierendes Kommunikationsund Beziehungssystem ohne Sprache, das Mimik, Gestik, Bewegung, Spiel, Handeln und Schriftsprache umfasst (Melfsen & Warnke, 2007; KatzBernstein et al., 2024). Das Sprechverhalten wird bei Kindern mit selektivem Mutismus schrittweise aufgebaut. Ein zentrales Element im Aufbau kommunikativen Verhaltens in der Therapie mit selektiv mutistischen Kindern ist das Üben von „Turn-taking“, dem wechselseitigen Austausch in einem Dialog. Da mutistische Kinder oft gehemmte nonverbale Signale zeigen, ist der Aufbau von Turn-taking-Gesten und -Regeln ein wichtiges Therapieziel. Dies kann durch Aktivitäten wie Fragen/Antworten, Vormachen-Nachmachen, Führen und Geführt-werden mit Rollentausch sowie den spielerischen Einsatz von Materialien, Puppen oder Geräuschinstrumenten geübt werden, um erste nonverbale Dialoge zu ermöglichen (Katz-Bernstein, 2023). Dies liesse sich auch in der PMT sehr gut umsetzen. Therapeutischer Humor und Provokation sind ebenfalls bedeutsam, um Verweigerungs-, Schweigeund Einfrier-Verhalten aufzulockern und symbolisierte Dialoge in Gang zu setzen. Dies kann dazu beitragen, dass das Kind Blickkontakt aufnimmt, die Mimik auftaut und erste Gesten für Ja und Nein eingeführt werden können, was einen symbolisierten Dialog darstellt (Katz-Bernstein, 2023). Das von Katz-Bernstein et al. (2024) entwickelte therapeutische Konzept zur Behandlung von Kindern mit selektivem Mutismus basiert auf der Idee, dass Sprache nicht spontan entsteht, sondern durch die schrittweise Entwicklung vorgelagerter Kompetenzen aufgebaut wird. Es orientiert sich an Sterns (1995) Modell der kindlichen Wirklichkeitsentfaltung in fünf "Welten", die aufeinander aufbauen: 1. Welt der Gefühle: Das Kind erfährt Wahrnehmung und Akzeptanz seiner Gefühle und lernt, diese zu regulieren. Ein Gefühl der Geborgenheit und des "auftauchenden Selbstgefühls" durch das Erkennen der eigenen Wirksamkeit im Gefühlsaustausch ist essenziell. 2. Welt der direkten Kontakte: Hier werden sozial-pragmatische Kompetenzen wie Begrüssungsund Abschiedsfloskeln, Blickkontakt und Small Talk aufgebaut, die für die Regulierung zwischenmenschlicher Beziehungen notwendig sind. 3. Welt der Gedanken: Das Kind verarbeitet Erlebtes durch symbolisches Spiel, stellt Kausalitäten her und überwindet Ohnmachtsgefühle. 4. Welt der Wörter: Aufbauend auf den vorherigen Ebenen lernt das Kind, Dinge, innere Bilder und Handlungen mit Wörtern zu verbinden und zu benennen.
17 5. Welt der Geschichten: In der finalen Stufe führt das Kind einen inneren Dialog, steuert sich selbst und teilt Erlebnisse mit anderen, wodurch Sprache in sein Handeln integriert wird. Das Konzept betont, dass die Entwicklung des Sprechverhaltens ein sozial-konstituierender, interaktiver Prozess ist. Besonders bei selektivem Mutismus, der oft mit zugrunde liegenden Sprachstörungen einhergeht, ist dieser Ansatz notwendig. Die Therapie zielt darauf ab, die Selbstwirksamkeit des Kindes zu stärken, indem es als "sozialer Akteur" agiert und Entscheidungssowie Mitgestaltungsmöglichkeiten erhält. Das Symbolund Rollenspiel wird als „Königsweg der kindlichen Psyche“ bezeichnet, da es Kindern ermöglicht, Ängste auszudrücken, sich weiterzuentwickeln und Lösungswege zu finden (Zimmer, 2019; Katz-Bernstein, 2023). Der/dieTherapeut:in unterstützt dies durch das Bereitstellen von Medien/Materialien, das Setzen des Rahmens, Spiegelung und Kommentare zu den Ereignissen (Katz-Bernstein, 2023). Wichtig ist auch das empathische Spiegeln der Gefühle der Spielfiguren, um das emotionale Geschehen deutlich zu machen und das Kind zur Selbstreflexion anzuregen bzw. dem Kind das Gefühl zu vermitteln, dass es verstanden wird. Auch das Unterstellen von Weiterentwicklungen bei stagnierenden Spielsequenzen und die Einführung ritueller Überleitungen am Spielende sind von Bedeutung (Katz-Bernstein, 2023). Letzteres könnte beispielsweise am Ende des Spiels durch einen Ring eingeführt werden, durch welchen das Kind steigen muss, um die Realund die Spielebene zu trennen, und zu signalisieren, dass man sich wieder in der Realebene befindet. Das Symbolund Rollenspiel bietet auch eine gute Plattform, um nonverbal zu kommunizieren im Übergang zum Verbalen. Der Einsatz von Puppen und Übergangsobjekten hat eine lange Tradition in der Spieltherapie (Winnicott, 2002). Puppen ermöglichen eine Ablenkung und können als Vermittler dienen, um die Sprechgrenzen zur fremden Person zu überwinden (Tarr Krüger, 1995). Eine direkte Beziehung zum Kind kann so entlastet werden und vielfältige Beziehungsund Verhaltensangebote ermöglicht werden. Ein Beispiel aus der therapeutischen Praxis von KatzBernstein (2023) veranschaulicht dies: Ein Mädchen zieht sich mit dem Stoffbär in die Bärenhöhle zurück. Der Stoffbär kann als intermediäres Objekt zwischen Realität und Phantasie fungieren, der es ermöglicht, das Sprechen zu proben. Er kann dann auch ein Vermittler sein, welcher dabei unterstützt, die Grenzen des Schweigens mit der fremden Person zu überwinden. Die Therapeutin spielt im Rollenspiel eine Grossmutter, welche zum Markt geht und fragt, ob sie den beiden frische Beeren mitbringen soll, z.B. Stachelbeeren. Das Kind erwidert ein „Buaah“. Therapeutin: „Aha, also Stachelbeeren eher nicht, es gibt auf dem Markt auch Erdbeeren.“ Das Kind entgegnet: „Eeeben!“. So kann schrittweise eine Annäherung an einen verbalen Dialog geschehen.
18 Der Einsatz eines Märchenheftes mit Sprechblasen schafft eine kommunikative Zwischenebene. Hierbei werden Spielsequenzen oder Handlungen, die in der Stunde stattfanden, schriftlich oder zeichnerisch mit Sprechblasen festgehalten. Dies ermöglicht dem Kind, sich hinter Figuren zu „verstecken“ und Handlungen probeweise auszuführen. Es hat auch eine desensibilisierende Funktion und fördert sprachtherapeutisch die Erzählfähigkeit sowie dialogische Kompetenzen. So können verbale Kompetenzen (oder Defizite) sichtbar werden und es können gemeinsam Dialoge konstruiert werden (Katz-Bernstein, 2023). Die Arbeit mit dem Tonband kann ebenfalls eine Brücke zur Sprache bilden. Manchen Kindern fällt es leichter, Sprechproben von zuhause mitzubringen oder Tonaufnahmen in der Therapie zu machen, da die indirekte Art des Vorsprechens als distanzierter erlebt wird. Es können auch spielerisch Lärm oder Melodien aufgenommen werden . Elemente der Musiktherapie könnten in die PMT einfliessen. Musik ermöglicht Kommunikation und Dialog ohne verbale Sprache und kann das Selbstkonzept, sozio-emotionale Kompetenzen und die exekutive Funktionen stärken (Sallat, 2017). Gemeinsames Musizieren kann innere Schranken lockern und zu Stimmäusserungen oder Sprechen anregen, indem sich die Kinder selber als ein "lärmerzeugenden Wesens" erleben. Instrumente wie Trommel, Rasseln oder Flöte könnten genutzt werden, um gemeinsame „Lärmumzüge“ zu gestalten, aber auch um «Turn-Taking» (siehe Kapitel 2.5.2), also den wechselseitigen Austausch in einem (hier musikalischen) Dialog zu üben. Storytelling mit begleitenden Trommeln, kann das Interesse des Kindes wecken (Katz-Bernstein, 2023). 2.5.3 Integration kognitiv-behavioraler Prinzipien Prinzipien aus kognitiv-behavioralen Behandlungsansätzen könnten in der PMT integriert werden, da diese erwiesenermassen wirksam sind (Cohan et al., 2006). Ein Kernprinzip bei der kognitiven Verhaltenstherapie ist die schrittweise Konfrontation mit der Angst. Sogenannte Expositionsverfahren sind bedeutsam, indem das Kind schrittweise an angstbesetzte Sprechsituationen herangeführt wird. Hierfür wird eine Hierarchie schwieriger Situationen erstellt, die sich nach Sprechanforderung, Kommunikationsinhalt, Ort oder beteiligten Personen unterscheiden kann. Beispiele für solche Techniken sind: • Stimulus-Fading (Reizüberblendung): Dies bedeutet, Elemente einer vertrauten, angstfreien Sprechsituation schrittweise in eine angstbesetzte Situation zu überführen. In der PMT könnte dies umgesetzt werden, indem zunächst nur das Kind und der/die vertraute Therapeut:in in einem Spiel kommunizieren und dann schrittweise weitere Personen (z.B. Elternteil, anderes Kind, eine Puppe als „neue“ Person) in das Spiel integriert werden, oder Hintergrundgeräusche (wie Musik) langsam ausgeblendet werden, während das Kind sich äussert.
19 • Defokussierte Kommunikation: Statt direkter Ansprache wird die Aufmerksamkeit auf ein gemeinsames Spiel oder eine Aktivität gelenkt. Die PMT ist hier ideal, da sie stark auf Bewegung und Spiel basiert. Der/die Therapeut:in kann neben dem Kind sitzen statt ihm gegenüber und die Kommunikation beiläufig in das Spiel integrieren, indem etwa gemeinsame Geräusche oder Handlungen verbal kommentiert werden, ohne das Kind direkt zum Sprechen aufzufordern (Melfsen & Warnke, 2007; Melfsen & Walitza, 2017). • Schattensprechen und Arbeit mit dem Tonband: Die Stimme des Kindes wird durch andere Stimmen, Geräusche oder Musik kaschiert, um das Gefühl der Exposition zu minimieren (Katz-Bernstein, 2023). In der PMT können gemeinsame „Lärmumzüge“ mit Instrumenten (Trommeln, Rasseln, Flöten) veranstaltet werden, bei denen das Kind sich als „lärmerzeugendes Wesen“ erlebt und Stimmäusserungen anregen kann (Sallat, 2017). Auch das Aufnehmen von Geräuschen oder Melodien mit einem Tonband oder das Mitbringen von Sprechproben von zu Hause bietet eine distanzierte Möglichkeit zum Üben (Katz-Bernstein, 2023). • Modelllernen/Self-Modeling: Das Kind kann von erfolgreichem Sprechverhalten anderer profitieren. In der PMT könnte dies bedeuten, dass der/die Therapeut:in Sprechverhalten in Rollenspielen oder beim Kommentieren von Handlungen modelliert, oder, falls vorhanden, kurze Videooder Audioaufnahmen des Kindes in sprechfähigen Situationen (z.B. zu Hause) abgespielt werden, um das Selbstbild positiv zu beeinflussen (Melfsen & Warnke, 2007; Melfsen & Walitza, 2017). • Shaping (Allmählicher Aufbau des Sprechverhaltens): Dies ist ein zentraler Bestandteil in der Therapie bei selektiv mutistischen Kindern. Komplexe Verhaltensmuster werden in kleinen Schritten erarbeitet. In der PMT kann dies vom Aufbau von Blickkontakt im Spiel, über die Imitation mundmotorischer Bewegungen oder Tierlaute (z.B. im TierRollenspiel), bis hin zu einzelnen Wörtern wie "Ja" und "Nein" und schliesslich ganzen Sätzen gehen. Der Fokus sollte dabei auf dem Inhalt des Gesagten liegen, um Angst vor übermässiger Aufmerksamkeit zu mindern (Melfsen & Warnke, 2007; Melfsen & Walitza, 2017). Der Fokus auf Selbstwirksamkeitserleben wird durch das bewusste Erleben von Erfolgen bei kleinen Konfrontationsschritten gestärkt (Katz-Bernstein, 2023). Wichtig ist, das Kind nicht zu überfordern oder zu stark zu drängen, sondern einen sanften, aber bestimmten „Druck nach vorn“ zu ermöglichen, der dem Kind erlaubt, in seinem Tempo voranzukommen, aber nicht im Vermeidungsverhalten stecken zu bleiben (Schmidt-Traub, 2019). Hoher Aufforderungsund Erwartungsdruck erschwert das Sprechen (Melfsen & Walitza, 2017). PMT-Therapeut:innen könnten Kindern helfen, negative Kognitionen wie die Furcht vor Blamage zu erkennen und in
20 realistischere Gedanken umzuwandeln (kognitive Umstrukturierung). Positive "Mut-Sätze" wie "ich kann sprechen" können dabei die Zuversicht stärken. Auch Entspannungstechniken, wie die Bauchatmung, können helfen, körperliche Anspannung zu reduzieren (Schmidt-Traub, 2019). 2.5.4 Einbezug des Systems und interdisziplinäre Vernetzung Der Einbezug der Bezugspersonen und die Vernetzung der verschiedenen Lebenskontexte sind zentrale Elemente der Behandlung (Rogoll et al., 2018). Eine enge interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Therapeuten, Eltern, Lehrern und anderen Fachpersonen ist essenziell für den Therapieerfolg und den Transfer in den Alltag (Melfsen & Walitza, 2017). Die PMT kann systemische Aspekte durch Schulbesuche oder Elternberatung integrieren. Ein Fallmanagement im interdisziplinären Team kann die Zusammenarbeit strukturieren (KatzBernstein, 2023; Katz-Bernstein et al., 2024). Es ist von grosser Bedeutung, die Grenzen der eigenen Fachdisziplin zu erkennen und zu wissen, wann andere Therapieformen sinnvoller sind (Katz-Bernstein, 2023). Tieferliegende emotionale und systemische Faktoren müssen adressiert werden, oft durch symbolisches Spiel (Katz-Bernstein et al., 2024). Der Einbezug von Logopädie/Sprachtherapie ist besonders wichtig, da Studien sprachliche Auffälligkeiten und Defizite bei Selektivem Mutismus belegen (Bar-Haim et al., 2004; Cunnigham et al., 2004; Henkin/Bar-Haim, 2015; McInnes et al., 2004; Katz-Bernstein, 2023). 2.5.5 Ende und Abschluss der Therapie Der Therapieabschluss sollte gemeinsam geplant werden, sobald das Kind in fast allen Kontexten spricht, sich mitteilen kann und sozial integriert ist (Katz-Bernstein, 2023). Therapieziele in der Psychomotoriktherapie (PMT) können flexibel sein und möglicherweise eher darauf abzielen, dass das Kind Mut für Neues fasst, das Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen gestärkt wird, anstatt primär auf das Sprechen fixiert zu sein. Dies unterstreicht die Rolle der PMT als Teil eines multimodalen Behandlungsansatzes. Es ist realistisch, dass eine gewisse Scheu und Schweigsamkeit bestehen bleiben können und dass mit Rückfällen bei schwierigen Lebensereignissen oder Übergängen zu rechnen ist. Für den Therapieabschluss können Übergangsobjekte eingesetzt werden. Dies kann etwa ein Stein, ein Tier (bei kleinen Kindern) oder eine Muschel (bei älteren Kindern) sein. Das Kind nimmt dieses Objekt mit nach Hause und bringt es zur nächsten Sitzung mit. Das Objekt wird symbolisch „aufgeladen“ (z. B. mit ermutigenden Worten), um als innere Kraftquelle zu dienen in schwierigen Momenten wie Traurigkeit oder Mutlosigkeit oder auch um Stabilität bei belastenden familiären oder schulischen Situationen zu geben. Solche Objekte reduzieren die Abhängigkeit von der Therapeutin, fördern die Internalisierung therapeutischer Fortschritte und erleichtern den Abschied – so wirkt das Therapieende weniger wie ein Bruch.
21 2.5.6 Herausforderungen und Erfolgsfaktoren in der Therapie Therapie bei selektivem Mutismus sollte so früh wie möglich beginnen, um zu verhindern, dass das Kind sich selbst oder durch sein Umfeld als „stumm“ erlebt (Katz-Bernstein, 2023; Starke & Subellok, 2015). Kurze Sitzungen (30–60 Min.), idealerweise mehrmals pro Woche, haben sich als effektiv erwiesen. Ein zu früher Abbruch kann dazu führen, dass emotionale Probleme länger bestehen bleiben als das verbesserte Sprechverhalten (Melfsen & Warnke, 2007). Krisen und Widerstände sind natürliche Bestandteile des therapeutischen Prozesses (KatzBernstein, 2023). Es ist nicht hilfreich, Krisen „durchbrechen“ zu wollen. Therapeut:innen müssen Phasen mit einseitiger Beziehung aushalten und eine konstante Haltung aus respektierender Nähe, kreativen Angeboten und strukturgebender Sicherheit wahren (KatzBernstein, 2023). Der therapeutische Fortschritt ist selten linear. Hohe psychische und professionelle Widerstandsfähigkeit wird seitens Therapeut:in benötigt und Selbstreflexion und Supervision sollten genutzt werden (Katz-Bernstein et al., 2024). Das Prinzip „angemessen zu fordern, aber nicht zu überfordern“ ist grundlegend (Melfsen & Walitza, 2017; Melfsen & Warnke, 2007). Lob sollte behutsam eingesetzt werden, ohne dass zu viel Aufmerksamkeit auf dem Sprechakt liegt (Melfsen & Warnke, 2007). Der entscheidende Erfolgsfaktor ist der Transfer des Sprechens aus der Therapiesituation in den Alltag (Katz-Bernstein et al., 2024; Melfsen & Walitza, 2017). Dieser kann zum durch eine enge interdisziplinäre Zusammenarbeit, aber auch durch den Einsatz oben erwähnter Übergangsobjekte gefördert werden. Die Therapie sollte nicht zu früh beendet werden, da emotionale Probleme länger anhalten können (Katz-Bernstein et al., 2024; Melfsen & Walitza, 2017). 3. Methode Im folgenden Teil wird die verwendete Methodik dargestellt und das Vorgehen der Literaturrecherche beschrieben, das einem explorativen Ansatz zur Erfassung des aktuellen Wissensstands im Bereich Selektiver Mutismus (in der Psychomotoriktherapie) entspricht. 3.1 Vorgehen Der vorliegenden Arbeit liegt eine umfassende Literaturrecherche zugrunde. Diese war essenziell, um den aktuellen Stand der Forschung zu erfassen und die Erkenntnisfragen dieser Arbeit zu beantworten. Das Vorgehen orientierte sich an den drei Phasen der Literaturrecherche nach Kleibel & Mayer (2011): • Phase 1: Bestimmung des Untersuchungsgegenstandes • Phase 2: Recherche • Phase 3: Lektüre, Bewertung und Kritik
22 Dieses systematische Vorgehen zur Identifizierung, Auswahl und Zusammenfassung von relevanter Literatur über Selektiven Mutismus verfolgte das Ziel, einen Überblick über das Thema zu gewinnen und therapeutische Handlungsmöglichkeiten zu identifizieren. 3.1.1 Fragestellungen und Untersuchungsgegenstand In Phase 1 wurde mit einer Grobrecherche in den Bereichen selektiver Mutismus, Mutismus und Psychomotoriktherapie und Mutismus begonnen, um den Untersuchungsgegenstand der Arbeit auszuwählen und eine erste theoretische Grundlage zu schaffen. Darauf aufbauend wurden die zentralen Fragestellungen für die weitere Recherche und die Erstellung der Orientierungshilfe festgelegt. Diese leiteten sich aus dem Erkenntnisinteresse ab, ein informatives Handout sowohl für Psychomotoriktherapeut:innen und andere pädagogische Fachpersonen, als auch Eltern zu entwickeln, welche Kinder mit selektivem Mutismus begleiten. Die leitenden Forschungsfragen lauteten: • Forschungsfrage 1: Welche therapeutischen Handlungsoptionen und Methoden sind in der Psychomotoriktherapie bei Kindern mit Selektivem Mutismus hilfreich? • Forschungsfrage 2: Welche Therapiemöglichkeiten aus anderen Ansätzen könnten in die Psychomotoriktherapie integriert werden? 3.1.2 Suchstrategie und Identifizierung relevanter Literatur Die Phase 2 umfasste die systematische Recherche unter Verwendung geeigneter Suchhilfen und passender Suchbegriffe. Es wurden elektronische Medien genutzt, darunter die Datenbanken HfH Swisscovery, Google Scholar und Pubmed. Die Nutzung dieser Datenbanken sollte die Einbeziehung von Literatur mit wissenschaftlicher Qualität sicherstellen. HfH Swisscovery ist das spezifische Rechercheportal der Bibliothek der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik (HfH), das Zugang zu einem umfangreichen Bestand an heilpädagogischer Fachliteratur bietet. Ergänzend zur Online-Suche wurden auch Bibliotheken besucht (HfH, Zentralbibliothek Zürich). HfH Swisscovery ist Teil der nationalen Plattform swisscovery, die wissenschaftliche Informationen aus rund 500 Bibliotheken der Schweiz zusammenführt. Über HfH swisscovery können Nutzerinnen und Nutzer auf den gesamten Medienbestand der HfH-Bibliothek zugreifen, der sowohl gedruckte als auch elektronische Ressourcen umfasst, darunter Bücher, Zeitschriften, E-Journals, E-Books, Fachdatenbanken, DVDs, Testmaterialien und spezielle Bestände wie die Erzählte Heilpädagogik oder das Schweizerische Archiv zur Gehörlosigkeit (SAG). HfH swisscovery bietet somit einen zentralen Zugang zu einem umfangreichen Bestand an heilpädagogischer Fachliteratur und unterstützt Studierende, Forschende und Fachpersonen bei ihrer wissenschaftlichen Arbeit.
23 Die Suche umfasste wissenschaftliche Publikationen, Lehrbücher, Fachbücher und Fachzeitschriften. Für eine vertiefte Recherche wurde ein Schneeballsystem angewendet, das heisst, dass zudem die Literaturverzeichnisse relevanter Publikationen sowie vorgeschlagene ähnliche Artikel gesichtet wurden, um weitere potenzielle Quellen zu identifizieren, die in der anfänglichen Suche nicht gefunden wurden. Dieser Prozess half, neue relevante Suchbegriffe und Literaturzitate für die weitere Ausweitung der Recherche zu entdecken. Ergänzend zur Datenbanksuche wurde eine manuelle Recherche durchgeführt. Bereits im Februar 2024 erfolgte eine erste, breit angelegte Suche über Google, um potenzielle "graue Literatur" zu entdecken. Diese Google-Suche wurde im März 2025 wiederholt und in die manuelle Recherche integriert. Für eine präzise Literatursuche wurden zielgerichtete Suchstrategien entwickelt. Zunächst wurden aus den Forschungsfragen Schlüsselwörter und zentrale Begriffe abgeleitet und passende Synonyme identifiziert. Diese deutschen Begriffe wurden anschliessend ins Englische übersetzt, um eine umfassende internationale Suche zu ermöglichen. Zur Optimierung der Suche wurden Boolesche Operatoren wie 'AND' (zur Verknüpfung von Begriffen), 'OR' (zur Einbeziehung von Synonymen) und 'NOT' (zum Ausschluss unerwünschter Themen) verwendet. Zudem wurden Trunkierungen mit dem SternchenSymbol ('*') eingesetzt, um verschiedene Wortformen abzudecken (z.B. Psychomot*). Insgesamt wurden sieben verschiedene Suchstrings formuliert, die in deutscher und englischer Sprache angewendet wurden: Tabelle 1: Suchstrings der Datenbankrecherche Suchstrings Deutsch Suchstrings Englisch Psychomot* AND selektiver Mutismus Psychomot* AND selective mutism Psychomot* AND Mutismus Psychomot* AND mutism Psychomot* AND Schweigen Psychomot* AND silence Psychomot* AND Angst Psychomot* AND anxiety OR fear Spiel AND Mutismus Mutism AND play OR game Therapie AND Mutismus Mutism AND therapy Musismus AND Therapie OR Behandlung Mutism AND therapy OR intervention Die Suchbegriffe wurden insgesamt also weiter gefasst und beinhalteten nicht nur Psychomotorik im Kontext des selektiven Mutismus, sondern auch andere Bereiche und Therapieformen in diesem Kontext wie den Bereich der Spieltherapie, Psychotherapie sowie Logopädie.
24 Um die Suchergebnisse zu verfeinern, wurden Begriffe wie ADHS/ADHD, Autismus/Autism, Katatonie/Catatonia, Kleinhirn bedingt/Cerebellar und Medikation/Medication mittels des Operators 'NOT' ausgeschlossen, wenn sie in den Suchergebnissen auftauchten. Parallel zur Entwicklung der Suchstrategien wurden präzise Einund Ausschlusskriterien festgelegt: Tabelle 2: Übersicht der definierten Einund Ausschlusskriterien Kategorien Einund Ausschlusskriterium Population Mensch Alter 4-12 Jahre Sprache Deutsch, Englisch Publikationstyp Alle Setting Psychomotoriktherapie, Spieltherapie, Psychotherapie, Logopädie Diese Arbeit befasst sich mit der Psychomotoriktherapie bei Kindern, die von selektivem Mutismus betroffen sind. Die Altersgrenze orientiert sich dabei an der typischen Klientel der Psychomotoriktherapie sowie dem üblichen Auftreten der Symptome. Um relevante wissenschaftliche Literatur zu berücksichtigen und der begrenzten Anzahl verfügbarer Studien Rechnung zu tragen, wird der Suchzeitraum auf die Forschungsperiode ab 1998 beschränkt. Sowohl deutschals auch englischsprachige Studien werden in die Analyse einbezogen. Zudem werden alle Publikationstypen und Suchbegriffe für die Recherche berücksichtigt. 3.1.3 Auswahl der Literatur (Screening und Selektion) In der Phase 3 nach Kleibel & Mayer (2011) wurde die gefundene Literatur gesichtet, bewertet und kritisch geprüft. Zunächst erfolgte eine grobe Sichtung anhand von Titeln und Abstracts, um einen ersten Überblick über die Relevanz der Publikationen zu erhalten. Passende Literatur wurde anschliessend vollständig gelesen und kritisch daraufhin beurteilt, ob sie für die Beantwortung der Forschungsfragen geeignet war. Diese gezielte Selektion stellte sicher, dass nur die relevantesten und qualitativ hochwertigsten Quellen in die weitere Bearbeitung einflossen. Die Beurteilungskriterien umfassten dabei insbesondere den Inhalt der Literatur und den engeren Kontext (Autor:in, Aktualität, Quellen). Durch die Anwendung dieser Kriterien sollte die Zuverlässigkeit und Eignung der ausgewählten Literatur für die Erarbeitung der Orientierungshilfe gewährleistet werden.
25 3.1.4 Datenextraktion und -synthese In einem letzten Schritt nach Kleibel & Mayer (2011) wurden die aus der ausgewählten Literatur gewonnenen Informationen synthetisiert. Dies beinhaltete die Zusammenführung der verschiedenen Forschungsergebnisse, um die formulierten Fragestellungen zu beantworten und die notwendigen Hintergrundinformationen sowie therapeutischen Handlungsoptionen zu identifizieren. Konkret wurden relevante Daten zu Definition, Ätiologie und Risikofaktoren, Epidemiologie/Prävalenz sowie aufrechterhaltenden Bedingungen extrahiert und systematisiert. Darüber hinaus wurden Informationen zu verschiedenen therapeutischen Ansätzen und spezifische Handlungsoptionen für die Psychomotoriktherapie, einschliesslich therapeutischer Grundhaltung, Nutzung von Medien (Bewegung, Spiel, Material, Musik, Symbolspiel), Förderung von Selbstwertgefühl und Interaktion sowie systemischer Einbezug extrahiert. Die Synthese diente als Grundlage für die Erstellung des Endprodukts der Arbeit, der Orientierungshilfe in Form eines Handouts. 4. Ergebnisse Dieses Kapitel präsentiert die Ergebnisse der Literaturarbeit, die darauf abzielt, therapeutische Handlungsoptionen für Kinder mit selektivem Mutismus in der Psychomotoriktherapie (PMT) zu identifizieren und die Rolle der PMT im Gesamtkontext der Mutismusbehandlung zu beleuchten. Zunächst erfolgt eine Zusammenführung der allgemeinen und detaillierten Erkenntnisse, gefolgt von der Beantwortung der spezifischen Forschungsfragen. 4.1 Zusammenführung der Ergebnisse Die Literaturrecherche zeigt, dass es keine einzelne, allgemein anerkannte Therapiemethode für selektiven Mutismus gibt (Melfsen et al., 2021). Dies führt zu einem breiten, oft individuell angepassten Therapieangebot (Cohan et al., 2006; Garbani Ballnik, 2009; Steinhausen, 2019). Multimodale und interdisziplinäre Therapieinterventionen werden als besonders erfolgversprechend erachtet, wobei ein multiprofessioneller Austausch essenziell ist (Cohan et al., 2006; Schmidt-Traub, 2019). Die geringe Prävalenz von Selektivem Mutismus mit 0,5 %–1,9 % (Katz-Bernstein, 2015) bedingt, dass viele Studien auf Einzelfällen oder kleinen Stichproben basieren, was die Generalisierbarkeit einschränkt, jedoch die notwendige Individualität in der Behandlung unterstreicht (Schmidt, Traub, 2019). Unabhängig vom Ansatz wird betont, dass jegliche Therapieform besser ist als keine Behandlung, und viele Interventionen führen zu spürbaren Verbesserungen (Esposito et al., 2017; Hartmann, 2019). Die Psychomotoriktherapie (PMT) wird in mehreren Studien als geeigneter Ansatz für Kinder mit selektivem Mutismus beschrieben (Garbani Ballnik, 2009; Voss, 2011). Sie kombiniert bewegungs-, spielund körperorientierte Methoden, die auf die Persönlichkeit und die
32 Arbeit stellt literaturfundierte und praxisrelevante Handlungsoptionen vor, die mit den Methoden der PMT (Spiel, Körper, Bewegung, Raum, kreative Medien, nonverbale Kommunikation) kompatibel sind. Dies bereichert die psychomotorische Praxis. Die Betonung der Notwendigkeit einer engen Vernetzung mit anderen Fachdisziplinen und des Einbezugs des Systems ist angesichts der Komplexität von Selektivem Mutismus von entscheidender Bedeutung für den Therapieerfolg. Ich denke, es ist weiter wichtig, die Gesellschaft und die Fachwelt für selektiven Mutismus zu sensibilisieren. Die Arbeit trägt hier einen Teil dazu bei, einerseits zu sensibilisieren und andererseits das Bewusstsein für das Störungsbild des selektiven Mutismus im Kontext der PMT zu schärfen und somit eine fundiertere und frühere Intervention zu ermöglichen. Die Ergebnisse der Arbeit stehen im Einklang mit der aktuellen Fachliteratur, die selektiven Mutismus als komplexe Angststörung mit polyätiologischer Bedingtheit und hohen Komorbiditätsraten beschreibt (Katz-Bernstein, 2023). Der Konsens über die Notwendigkeit multimodaler und interdisziplinärer Therapieinterventionen wird durch zahlreiche Quellen untermauert (Cohan et al., 2006; Voss, 2011; Starke & Subellok, 2015; Schmidt-Traub, 2019). Die Rolle der Verhaltenstherapie als den am besten erforschten Ansatz mit nachgewiesener Wirksamkeit, insbesondere durch Expositionsverfahren, wird bestätigt (Steinhausen, 2019). Die PMT wird als ein geeigneter, ressourcenorientierter und kindgerechten Ansatz positioniert, der Ähnlichkeiten zu spieltherapeutischen Interventionen aufweist (Zimmer, 2019). Trotz erster positiver Studien (z.B. Esposito et al., 2017) mangelt es jedoch an einer breiten empirischen Evidenz für die spezifische Wirksamkeit der PMT bei selektivem Mutismus. Dies ist eine zentrale Lücke im Vergleich zu anderen Therapieformen. Die Ergebnisse haben mehrere Implikationen. Sie bieten Psychomotoriktherapeut:innen einen praktischen und fundierten Rahmen für den Erstkontakt und die Intervention bei Kindern mit selektivem Mutismus. Sie ermutigen zur Integration bewährter Methoden aus anderen Therapiedisziplinen in die PMT und betonen die Notwendigkeit einer engen Zusammenarbeit im interdisziplinären Team, um den Transfer von Therapieerfolgen in den Alltag zu gewährleisten. Sie unterstreichen, dass die PMT einen wichtigen Beitrag leisten kann, insbesondere durch ihren spielerischen und körperorientierten Zugang, der nonverbale Ausdrucksformen fördert und Ängste reduziert (Bahr, 2012; Voss, 2011). Die oberflächliche Behandlung des Themas in der PMT-Ausbildung deutet auf die Notwendigkeit hin, Lehrpläne anzupassen und eine vertiefte Auseinandersetzung mit selektivem Mutismus und seinen Behandlungsmöglichkeiten in der psychomotorischen Ausbildung zu verankern.
33 Die Hauptimplikation für die Forschung ist der dringende Bedarf an weiteren empirischen Studien zur spezifischen Wirksamkeit der PMT bei selektivem Mutismus. Derzeit basieren viele Begründungen auf theoretischen Annahmen und eigenen Erfahrungen, was die Generalisierbarkeit und den Nachweis der Effektivität erschwert (Schmidt-Traub, 2019). Zukünftige Forschung könnte auch vertiefende Interviews mit erfahrenen Psychomotoriktherapeut:innen umfassen, um praxisnahe Einblicke zu gewinnen. Für das Fachverständnis implizieren die Ergebnisse, dass die PMT als ein entwicklungsfördernder und ressourcenorientierter Ansatz im Rahmen eines bio-psychosozialen und multidimensionalen Behandlungsansatzes gesehen werden kann (Starke & Subellok, 2015). 5.2 Relevanz für die Praxis Die vorliegende Arbeit ist direkt relevant für die psychomotorische Praxis. Obwohl Selektiver Mutismus mit einer geschätzten Prävalenz unter 1% eher selten auftritt (Katz-Bernstein, 2015; Steinhausen, 2000), kommt es in der Psychomotoriktherapie vor, oft als Nischenthema. Ein zentrales Ergebnis der Arbeit ist die Identifizierung therapeutischer Handlungsoptionen und Integrationsmöglichkeiten für die Psychomotoriktherapie (PMT) im Umgang mit Kindern mit Selektivem Mutismus. Die Arbeit liefert konkrete Werkzeuge und Anregungen für die psychomotorische Praxis, indem sie therapeutische Handlungsoptionen aufzeigt, die mit den Methoden der PMT kompatibel sind, wie die Arbeit mit Spiel, Körper, Bewegung, Raum, kreativen Medien und nonverbaler Kommunikation. Hervorgehoben wird die Bedeutung einer tragfähigen therapeutischen Beziehung, die als essenziell für positive Veränderungen gilt (Flückiger et al., 2020; KatzBernstein, 2023; Miller et al., 2000; Wampold et al., 2018). Die PMT sollte dabei einen Mix aus behutsamem, empathischem Vorgehen und einem "sanften Druck nach vorn" beinhalten, um die Angststörung zu überwinden (Katz-Bernstein, 2023). Eine wertschätzende und ressourcenaktivierende Haltung sowie das Beiseiteschieben eigener Ängste im Umgang mit dem Schweigen sind dabei wichtig (Katz-Bernstein, 2019, 2023; Zimmer, 2019). Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Betonung der interdisziplinären Zusammenarbeit (Starke & Subellok, 2015). Selektiver Mutismus tritt oft in Wechselwirkung mit anderen Störungen und Verhaltensauffälligkeiten auf, was eine interdisziplinäre Haltung und die Vernetzung der verschiedenen Lebenskontexte des Kindes erfordert (Katz-Bernstein, 2023). Besonders hervorgehoben wird die Notwendigkeit des Einbezugs von Logopädie/Sprachtherapie, da Studien sprachliche Auffälligkeiten und Defizite bei Kindern mit Selektivem Mutismus belegen (Cunningham et al., 2006; McInnes et al., 2004; Bar-Haim et al., 2004). Des Weiteren fördert die Arbeit ein realistisches Verständnis der Rolle der PMT als Teil eines multimodalen Behandlungsansatzes und regt dazu an, Therapieziele flexibel zu gestalten,
34 möglicherweise auch mit Fokus auf allgemeine entwicklungsfördernde Aspekte und alternative Kommunikationsstrategien anstatt ausschliesslich auf das Sprechen. Psychomotoriktherapeut:innen sollten die Grenzen ihrer eigenen Fachdisziplin erkennen und wissen, wann andere Therapieformen, wie Verhaltenstherapie oder Kinderpsychotherapie, sinnvoller sind. 5.3 Kritische Reflexion Eine zentrale Grenze der Psychomotoriktherapie im Zusammenhang mit selektivem Mutismus liegt im unzureichenden Forschungsstand und den noch in den Anfängen steckenden evidenzbasierten Erkenntnissen (Voss, 2011). Es gibt einen Mangel an repräsentativen Studien, und selbst Studien mit grösseren Stichproben, wie die von Esposito et al. (2017), gelten aufgrund fehlender unterstützender Studien im Bereich der Psychomotoriktherapie als weniger aussagekräftig als jene der Verhaltenstherapie. Gründe hierfür sind die geringe Prävalenz von Selektivem Mutismus sowie das noch junge Berufsfeld der Psychomotoriktherapie (Zakszeski & DuPaul, 2017). Dieser Forschungsmangel führt dazu, dass die PMT, obwohl sie als denkbare Behandlungsmethode gilt (Voss, 2011), nicht als alleinige Lösung angesehen werden kann. Die Wirksamkeit vorgeschlagener Methoden bleibt oft unklar, und Begründungen basieren eher auf theoretischen Annahmen oder eigenen Erfahrungen, da kaum Studien zur effektiven Wirksamkeit existieren. Es besteht dringender Bedarf an empirischen Studien, um die Wirksamkeit von Therapiemöglichkeiten weiter zu erforschen. Die Hauptgrenze der PMT im Kontext von Selektivem Mutismus liegt somit in der limitierten wissenschaftlichen Evidenz für ihre Wirksamkeit, was ihre Positionierung als eine von vielen möglichen Therapieformen, aber nicht als alleinige Lösung, bedingt. Weitere Forschung ist dringend notwendig. Die vorliegenden Auszüge der Arbeit liefern zwar wichtige Erkenntnisse aus der Literatur, jedoch keine tieferen Einblicke in die praktische Umsetzung, was die Einschätzung konkreter Ergebnisse erschwert. Eine zusätzliche Bereicherung wäre die Einbeziehung von Stimmen aus dem praktischen Feld durch vertiefende Interviews mit erfahrenen Psychomotoriktherapeut:innen, dem sich künftige Stududierende widmen könnten. Zudem könnte die spezifische psychomotorische Ausgestaltung der beschriebenen Methoden, jenseits der Kompatibilität mit den PMT-typischen Medien wie Bewegung, Spiel und Material, noch stärker akzentuiert werden. Die Arbeit wirft die wichtige Frage auf, ob das primäre Ziel psychomotorischer Interventionen bei Kindern mit Selektivem Mutismus stets darin bestehen muss, das Kind zum Sprechen zu bewegen oder den Mutismus als Symptom direkt zu "therapieren". Ein alternativer oder ergänzender Ansatz könnte darin liegen, PMT-Ziele darauf auszurichten, dass das Kind Mut
35 für Neues fasst, aus sich herauskommt und auch andere Strategien zur Kommunikation findet. Die PMT könnte allenfalls eher entwicklungsfördernd und ressourcenorientiert vorgehen, möglicherweise parallel oder ergänzend zu symptomzentrierteren Behandlungsansätzen. Trotz der genannten Grenzen liefert die Arbeit jedoch meiner Ansicht nach wertvolle Erkenntnisse und praktische Anregungen. Sie trägt dazu bei, das Bewusstsein für das Störungsbild im Kontext der PMT zu schärfen und zeigt konkrete Handlungsoptionen auf, die mit den Methoden der Psychomotorik kompatibel sind. Das erarbeitete Produkt, das Handout, ist ein direktes, praxistaugliches Ergebnis dieser Arbeit, das Psychomotoriktherapeut:innen und anderen pädagogischen Fachpersonen im Erstkontakt eine wertvolle Orientierungshilfe bietet. 6. Fazit und Ausblick Selektiver Mutismus ist eine emotionsbedingte Entwicklungsstörung, die durch situationsspezifisches Schweigen bei ansonsten normaler Sprechfähigkeit in spezifischen sozialen Kontexten gekennzeichnet ist (Katz-Bernstein, 2015). Dieses Verhalten wird oft als intuitive Bewältigungsstrategie verstanden und schränkt die Partizipation der betroffenen Kinder erheblich ein (Katz-Bernstein, 2023; Roth et al., 2010) Mit einer geschätzten Prävalenz zwischen 0,5 % und 1,9 % (Katz-Bernstein, 2015) ist Selektiver Mutismus in der psychomotorischen Praxis relevant, auch wenn es eher als Nischenthema vorzukommen scheint. Die vorliegende Bachelorarbeit entstand aus dem Bedarf an einer umfassenden Orientierungshilfe für Psychomotoriktherapeut:innen (PMT) und andere pädagogische Fachpersonen, die erstmals mit selektiv mutistischen Kindern in Kontakt treten, da das Thema in der Ausbildung an der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik (HfH) nur oberflächlich behandelt wird. Die Entstehung des Selektiven Mutismus ist polyätiologisch bedingt (Bahr, 2006; KatzBernstein, 2023) und resultiert aus einem komplexen Zusammenspiel kindbezogener Faktoren, wie angeborener Disposition und spezifischer Temperamentsmerkmale (KatzBernstein, 2023; Muris & Ollendick, 2015), Schwierigkeiten in der Sprachentwicklung und sprachlicher Kompetenz (Katz-Bernstein, 2023; Melfsen & Warnke, 2007; Wittchen et al., 1999), sowie der Nutzung des Schweigens als Bewältigungsstrategie (Bahr, 2006; Melfsen & Warnke, 2007; Roth et al., 2010). Hinzu kommen umfeldund systembezogene Aspekte (Bahr, 2006). Häufige Begleiterscheinungen (Komorbiditäten) sind Angststörungen, insbesondere soziale Ängste und Trennungsängste, depressive Symptomatiken, Regulationsstörungen sowie Sprachauffälligkeiten und Redeflussstörungen (Cunningham et al., 2006; KatzBernstein, 2023; McInnes et al., 2004; Muris & Ollendick, 2015). Die hohe Komorbidität mit Angststörungen und ähnliche Temperamentsmerkmale unterstützen die Klassifikation von Selektivem Mutismus als Angststörung (Carbone et al., 2010). Mutismus im Kindesalter,
36 insbesondere der Frühmutismus, wird als entwicklungsbedingt betrachtet und diagnostisch vom Mutismus im Erwachsenenalter unterschieden (Katz-Bernstein, 2015). Die vorliegende Arbeit analysiert anhand einer umfassenden Literaturrecherche, inwiefern die Psychomotoriktherapie (PMT) einen wichtigen Beitrag zur Behandlung des Selektiven Mutismus leisten kann. Es wurden vielfältige Integrationsmöglichkeiten und Handlungsoptionen für die PMT abgeleitet, die auf der Nutzung von Bewegung, Spiel und Material zur Ausdrucksförderung, der Stärkung des Selbstwertgefühls und der Selbstwirksamkeit, der Förderung von Interaktion und Handlungskompetenz, dem Einbezug des Systems und der interdisziplinären Vernetzung, sowie der Adaption von Prinzipien aus anderen Therapieansätzen basieren. Eine tragfähige, empathische und wertschätzende therapeutische Beziehung ist dabei von zentraler Bedeutung (Katz-Bernstein, 2023; Flückiger et al., 2020; Miller et al., 2000; Wampold et al., 2018). Dies beinhaltet das Anerkennen von Widerstand und das Orientieren an der Zone des nächsten Entwicklungsstandes ("Scaffolding"), welches ein behutsames, kindgerechtes Vorgehen mit gezieltem "sanftem Druck" kombiniert (Katz-Bernstein, 2023). Scaffolding beinhaltet eine intuitive, elterlichdidaktische Haltung, die dem Kind soziale Regeln vermittelt und kindliche Emotionen reguliert (Katz-Bernstein, 2023). Für die Ausdrucksförderung und Anbahnung von Kommunikation in der PMT werden kreative und spielerische Methoden als vielversprechend identifiziert. Dazu gehören das Symbolund Rollenspiel ("Königsweg der kindlichen Psyche") (Zimmer, 2019; Katz-Bernstein, 2023), der Einsatz von Puppen und Übergangsobjekten zur Überwindung von Sprechgrenzen und zur Verankerung therapeutischer Fortschritte (Katz-Bernstein, 2023; TarrKrüger, 1995) sowie Märchenhefte mit Sprechblasen zur Förderung dialogischer Kompetenzen und Erzählfähigkeit (Katz-Bernstein, 2023). Das gemeinsame Erzeugen von Lärm und Musik zur Lockerung innerer Schranken und Anregung von Stimmäusserungen (Sallat, 2017), die Arbeit mit dem Tonband für distanziertere Sprechproben sowie das Schattensprechen, das die Kinderstimme kaschiert und so Hemmungen reduziert sind stellen weitere mögliche Methoden dar. Das Üben von "Turn-taking" (wechselseitiger Austausch) und der Einsatz von therapeutischem Humor und leichter Provokation zur Auflockerung von Verweigerungsverhalten sind ebenfalls wichtige Elemente (Katz-Bernstein, 2023). Trotz der Identifizierung potenziell profitabler Handlungsoptionen für die PMT bei Selektivem Mutismus ist die Forschung in diesem spezifischen Bereich bisher rar (Sallat, 2017). Die geringe Prävalenz von Selektivem Mutismus trägt zur spärlichen Forschung in Kombination mit PMT bei. Erste Studien, die Bewegung als zentrales Medium nutzen (z.B. Esposito et al., 2017), deuten zwar auf ein Verblassen der Symptome hin, jedoch fehlt eine breite empirische Evidenzbasis. Im Gegensatz dazu gelten verhaltenstherapeutische Ansätze als am besten erforscht, basierend auf lerntheoretischen Grundlagen, die vor allem Expositionsverfahren zur Reduktion sprechvermeidenden Verhaltens nutzen (Steinhausen, 2019). Dieser
37 Forschungsmangel führt dazu, dass die Wirksamkeit vorgeschlagener PMT-Methoden oft unklar bleibt und Begründungen eher auf theoretischen Annahmen oder eigenen Erfahrungen basieren, da kaum Studien zur effektiven Wirksamkeit existieren. Dies ist eine zentrale Grenze der PMT in diesem Kontext. Um den Stellenwert der PMT in der Behandlung von Selektivem Mutismus zu untermauern, ist ein Zuwachs an empirischer Evidenz von besonderer Wichtigkeit. Zukünftige empirische Studien zur Wirksamkeit der PMT bei Selektivem Mutismus oder Befragungen von Psychomotoriktherapeut:innen zu ihren Erfahrungen und Interventionsideen könnten hierzu beitragen. Eine Bereicherung für die vorliegende Arbeit wäre die Einbeziehung von Stimmen aus dem praktischen Feld, um die Praxisrelevanz weiter zu stärken und der Arbeit eine wertvolle, persönlichere Note zu verleihen. Insgesamt liefert die Arbeit wertvolle Erkenntnisse und praktische Anregungen, die Psychomotoriktherapeut:innen helfen können, Kinder mit Selektivem Mutismus kompetenter zu begleiten und ihren Beitrag im Rahmen des notwendigen multimodalen und interdisziplinären Behandlungsansatzes zu leisten. Das erarbeitete Produkt (Handout) dient dabei als direktes Werkzeug zur Umsetzung dieser Erkenntnisse in der Praxis. Die PMT sollte sich mit der Diagnose Selektiver Mutismus vertraut machen und ihre Rolle im Kontext eines notwendigen bio-psycho-sozialen und multidimensionalen Ansatzes sowie der interdisziplinären Zusammenarbeit weiterentwickeln und ihren Stellenwert behaupten (Starke & Subellok, 2015).
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41 8. Abbildungsverzeichnis Abbildung 1: Teufelskreis der Angst (Schmidt-Traub, 2019, S.39) .............................. 9 Abbildung 2: Psychopathologisches Modell der Ätiologie (Muris & Ollendick, 2015) .. 9 9. Tabellenverzeichnis Tabelle 1: Suchstrings der Datenbankrecherche ...................................................... 23 Tabelle 2: Übersicht der definierten Einund Ausschlusskriterien ............................ 24