swissfuture 01/25: Take Care!
Abstract
Care ist das, was oft unbemerkt bleibt: wenn wir zuhören, trösten, kochen, pflegen oder einfach da sind. Wenn wir uns kümmern – um uns selbst, um andere oder um unsere Umwelt. Angesichts von Burn-out, Pflegenotstand und Klimakrise wird klar: Fürsorge ist keine private Angelegenheit, sondern ein zentrales Zukunftsthema. Wie wollen wir leben, wenn wir alt sind? Welche Zeitmodelle braucht eine sorgende Gesellschaft? Und welche Rolle spielen Design, Technologie und Politik? Von Self-Care über Care-Arbeit bis zu Planetary Care widmet sich diese Ausgabe verschiedenen Perspektiven und fragt, wie eine gerechtere, solidarische Zukunft aussehen könnte.
Full text
swissfuture Magazin für Zukünfte 01 25 Warme Fürsorge zu schaffen ist ein Prozess, der Abwägung und Aushandlung erfordert – also Arbeit. Marlene Hobbs Take Care!
Impressum swissfuture Nr. 01/25 Offizielles Organ der swissfuture Schweizerische Vereinigung für Zukunftsforschung Organe officiel de la Société suisse pour la recherche prospective 52. Jahrgang Herausgeber swissfuture, Schweizerische Vereinigung für Zukunftsforschung Geschäftsstelle swissfuture Brigit Fischer Spinnereistrasse 5 6020 Emmenbrücke +41 (0 )41 440 88 88 [email protected], swissfuture.ch Co-Präsidium Andreas Krafft, Georges T. Roos, Markus Iofcea Magazin Chefredaktion: Larissa Holaschke Mitarbeit: Alex Viert Autor:innen: Friederike Beier, Marcos Chilet, Marlene Hobbs, Francis Müller, Bitten Stetter, Martín Tironi, Inga Wilke Lektorat und Korrektorat: Jens Ossadnik Lektorat und Korrektorat (engl.): Katja Klier Konzept, Gestaltung: Barbieri Bucher, Zürich Druck: Engelberger Druck AG, Stans Papier: Nautilus Classic FSC® Recycled 100% Cradle to Cradle zertifiziert Erscheinungsweise: 4 x jährlich Einzelexemplar: CHF 30.– Mitgliedschaft swissfuture (inkl. Abonnement Magazin) Einzelpersonen CHF 150.– Studierende CHF 50.– Kollektivmitgliedschaft (Firmen) CHF 350.– für zwei Personen, jede weitere CHF 100.– Fördermitglied CHF 500.– Anregungen und Kritik [email protected] ISSN 1661-308 DOI: 10.5281/zenodo.15692925 SAGW Unterstützt durch die Schweizerische Akademie der Geistesund Sozialwissenschaften (SAGW), Bern sagw.ch Zielsetzung der Zeitschrift Das Magazin behandelt die transdisziplinäre Zukunftsforschung, die Früherkennung und die prospektiven Sozialwissenschaften. Es macht deren neuen Erkenntnisse der Fachwelt, Entscheidungsträgern aus Politik, Verwaltung und Wirtschaft sowie einer interessierten Öffentlichkeit zugänglich. Themensetzungen Der Vorstand definiert die thematischen Schwerpunkte der vier jährlichen Ausgaben und ihm obliegt die inhaltliche und redaktionelle Qualität der Magazine. Die Themenschwerpunkte behandeln jeweils ein bestimmtes zukunftsrelevantes Thema, das aus interdisziplinären – also kulturund sozialwissenschaftlichen, aber auch aus ökonomischen, politologischen, philosophischen, mitunter auch naturwissenschaftlichen und künstlerischen – Perspektiven behandelt wird. Auswahlverfahren der Artikel Die Redaktion ist verantwortlich für die redaktionelle Umsetzung der gesetzten Themen und für die inhaltliche Qualität der Artikel, die in Deutsch, Englisch oder Französisch verfasst sein dürfen und auch in der jeweiligen Sprache publiziert werden. Sie sucht Autor:innen mit der entsprechenden Expertise und beurteilt, ob die eingereichten Artikel die erwünschten inhaltlichen Qualitätsstandards erfüllen. Dabei ist es wichtig, dass eine prospektive Sichtweise eingenommen wird, was szenarisch oder auch spekulativ erfolgen kann. Beiträge, die diesen Anforderungen nicht genügen, werden zurückgewiesen. Abgelehnt werden auch Artikel, die kulturund sozialwissenschaftliche Standards nicht berücksichtigen, die thematisch nicht zur Ausrichtung des Magazins passen, die eine kommerzielle Absicht verfolgen oder die in irgendeiner Weise diskriminierend sind. Alle Beiträge werden sorgfältig redigiert.
1swissfuture 01/25 Inhalt Editorial — 3 Take Care! — 5 Inga Wilke Musse als Zukunftspraktik Selbstfürsorge zwischen Ware und wertvoller Erfahrung — 7 Marlene Hobbs Die Zukunft von Pflege in technisierten Fürsorgeverhältnissen — 15 Friederike Beier Chronogerechte feministische Zeitpolitik Ein Zukunftsentwurf für plurale und sorgende Zeiten — 23 Bitten Stetter und Francis Müller Lebensund Wohnwelten im Alter gestalten — 31 Martín Tironi und Marcos Chilet Designing with Care The Role of Designers in Turbulent Futures — 45 Das Zukunftsinterview mit Markus Iofcea — 55 Studien zur Zukunft der Schweiz — 61 Der besondere Tipp — 64
3swissfuture 01/25 Editorial 1 BFS 2025: https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/arbeit-erwerb/erwerbstaetigkeit-arbeitszeit/vereinbarkeit-unbezahlte-arbeit.html Wie wollen wir in Zukunft füreinander sorgen? Liebe Leser:innen Care ist das, was oft unbemerkt bleibt: wenn wir zuhören, trösten, kochen, pflegen oder einfach da sind. Wenn wir uns kümmern – um uns selbst, um andere oder um unsere Umwelt. Und Care betrifft uns alle: als Eltern, Freund:innen, Nachbar:innen, Patient:innen oder Bürger:innen einer Gesellschaft, die auf soziale Beziehungen angewiesen ist. Care oder Fürsorge kann mit Freude verbunden sein, sinnstiftend und beziehungsstärkend. Und sie kann belastende Arbeit sein: körperlich, emotional und zeitlich. Meist erfolgt Care-Arbeit unbezahlt und ist oft ungleich verteilt. In der Schweiz leisten Frauen deutlich mehr unbezahlte Arbeit als Männer: 61 Prozent ihrer wöchentlichen Arbeitszeit entfallen auf Care-Tätigkeiten, bei Männern sind es 42 Prozent. Die Hauptlast tragen nach wie vor Frauen.1 Und bezahlte Care-Arbeit wird häufig von migrantischen Menschen geleistet – oft unter prekären Arbeitsbedingungen und mit wenig Anerkennung. Lange galt Care als private Angelegenheit. Doch angesichts von Burn-out, Pflegenotstand und Klimakrise wird klar: Die Frage, wie wir in Zukunft sorgen, muss ins Zentrum rücken. Seit ich Mutter von zwei kleinen Kindern bin, spüre ich die Dringlichkeit dieses Themas täglich. Care ist mehr als nur meine persönliche Herausforderung, sondern eine gesellschaftliche und politische Aufgabe. Unser System gibt ihr weder den Raum noch die Wertschätzung, die sie verdient. Dabei ist sie essenziell. In dieser Ausgabe widmen wir uns Care als Zukunftsthema: Wie wollen wir leben, wenn wir alt sind? Welche Zeitmodelle braucht eine fürsorgliche Gesellschaft? Und welche Rolle spielen Design, Technologie und Politik? Die Beiträge diskutieren theoretische Perspektiven sowie praktische Entwürfe und zeigen Care-Perspektiven als Schlüssel für eine gerechtere, solidarische Zukunft. Die Kulturwissenschaftlerin Inga Wilke führt uns in eine Praxis ein, die zugleich alt und überraschend aktuell ist: die Musse. In einer Gegenwart, in der Selbstoptimierung und Zeitdruck den Alltag bestimmen, erlebt sie in Workshops zur Selbstfürsorge eine neue Konjunktur. Musse dient dabei nicht nur der Regeneration,
4Editorial sondern wird zur Verhandlungsfläche für Vorstellungen eines guten Lebens und entfaltet sich als Zukunftspraktik mit politischem Potenzial. Technologischer Wandel gilt oft als Lösung für die Herausforderungen in der Care-Arbeit. Die Sozialgeographin Marlene Hobbs hinterfragt dieses Narrativ. Sie zeigt, wie Technologien nicht nur unterstützen, sondern Fürsorgebeziehungen tiefgreifend restrukturieren und dabei neue Abhängigkeiten und Machtverhältnisse entstehen lassen. Zeit ist nicht gerecht verteilt. Das ist der Ausgangspunkt für Friederike Beiers Plädoyer für eine feministische Zeitpolitik. Die Politikwissenschaftlerin fragt: Wer darf wie viel Zeit für wen aufwenden? Und wie lassen sich plurale Zeitlichkeiten gestalten, die auch den Bedürfnissen von Kindern, alten oder kranken Menschen oder unserer Umwelt gerecht werden? Ihr Beitrag stellt gängige Zeitlogiken infrage und lädt dazu ein, über neue Modelle einer chronogerechten Gesellschaft nachzudenken. Francis Müller, Soziologe und swissfuture-Vorstandsmitglied, und Bitten Stetter, Professorin für Trends & Identity, blicken auf eine alternde Gesellschaft, in der Pflege vermehrt im häuslichen Umfeld stattfindet. Sie verknüpfen Fragen des Alterns, der Selbstbestimmung sowie der Raumgestaltung und machen deutlich, welche Rolle Design bei der Entwicklung zukunftsfähiger Wohnund Pflegemodelle spielen kann. Ergänzt wird der Beitrag durch eine Bildstrecke zur Kollektion inbetween – Care Wear for Cocooning and Controlling des Labels finally. Die Entwürfe zeigen, wie Kleidung zu einem sorgenden Alltagsbegleiter werden kann. Was, wenn Sorglosigkeit ein strukturelles Problem ist? Der Soziologe Martín Tironi und der Designer Marcos Chilet analysieren die Kultur der Verantwortungslosigkeit, wie sie sich in Innovationslogiken zeigt. Sie plädieren für eine Care-Ethik mit Fokus auf Reparatur, situativem Wissen und einer Haltung der «Care-fulness», die dem planetaren, ökologischen Zustand gerecht wird. Im Zukunftsinterview stellt sich swissfuture-Vorstandsmitglied Markus Iofcea unseren Fragen, er wurde an der Mitgliederversammlung neu ins Co-Präsidium gewählt. Wir gratulieren herzlich! In der Rubrik Studien zur Zukunft der Schweiz stellen wir diesmal den Generationenbarometer des Berner Generationenhaus vor. Care bedeutet auch, Arbeit sichtbar zu machen, die oft im Hintergrund geschieht. Mein herzlicher Dank gilt allen, die an dieser Ausgabe mitgewirkt haben: Alex Viert für die engagierte redaktionelle Unterstützung, Jens Ossadnik und Katja Klier für das sorgfältige Lektorat, Nicole Barbieri und Markus Bucher für das stimmige, kluge Grafikdesign und Brigit Fischer von der Geschäftsstelle, die dafür sorgt, dass das Magazin verlässlich unsere Mitglieder erreicht. Ich wünsche Ihnen einen Sommer mit Zeit für Fürsorge, für sich selbst, für andere und für das, was unsere Zukunft lebenswert macht. Larissa Holaschke
swissfuture 01/255 Take Care!
6Inga WilkeMusse als Zukunftspraktik Autorin Dr. Inga Wilke ist Empirische Kulturwissenschaftlerin. Sie studierte Medienund Kulturwissenschaft, Empirische Kulturwissenschaft und Europäische Ethnologie in Düsseldorf, Tübingen und Wien und promovierte in Freiburg zu Musse als kultureller Strategie der Gegenwart. Aktuell ist sie an der Universität Freiburg im Strukturverbund «KulturWissen vernetzt» als Koordinatorin in den Bereichen Wissenschaftsmanagement und -kommunikation tätig. [email protected] Abstract Keywords: contemporary diagnosis, mindfulness, courses, neoliberalism, commodification, anthropology of the future Idleness as a Practice for the Future. Self-Care Between Commodity and Valuable Experience Idleness is currently being revived in courses as a strategy for self-care, to help us cope with stressful everyday life. As part of a diagnosis of the present, idleness is proposed as an antidote to time pressure and performance demands. Implicitly, the participants also negotiate ideas of a good life in the future and formulate idleness as a future practice. Idleness is characterised in this process by the tension-filled simultaneity of neoliberal commodification and experiences of increased agency.
7swissfuture 01/25 Thema Keywords: Gegenwartsdiagnose, Achtsamkeit, Kurse, Neoliberalismus, Kommodifizierung, Anthropologie der Zukunft 1 Die Kurstitel sind aus Gründen der Anonymisierung leicht verändert. Musse als Zukunftspraktik Selbstfürsorge zwischen Ware und wertvoller Erfahrung Inga Wilke Musse wird gegenwärtig in Kursen als Strategie der Selbstfürsorge reaktiviert, um mit belastenden Alltagen umzugehen. Im Rahmen einer Gegenwartsdiagnose erklären die Akteur:innen Musse zum Gegenmittel für Zeitdruck und Leistungsansprüche. Implizit verhandeln die Teilnehmenden so auch Vorstellungen eines guten Lebens in der Zukunft und entwerfen Musse als Zukunftspraktik. Dabei ist Musse durch eine spannungsreiche Gleichzeitigkeit von neoliberaler Kommodifizierung und Erfahrungen gesteigerter Handlungsmacht geprägt. In der Gegenwart hat sich ein vielfältiges Angebot an Kursen im Themenfeld Achtsamkeit und Entschleunigung ausgebildet. Diese meist kommerziellen Angebote, die z. B. von Volkshochschulen oder selbstständigen Anbietenden organisiert werden, arbeiten mit unterschiedlichen Entspannungsund Körpertechniken und wollen ihre Teilnehmenden beim Umgang mit Belastungen unterstützen. Einige Kursanbietende setzen dabei gezielt Musse als Leitmotiv ein – etwa in Angeboten wie «Lass es einmal genug sein» oder «Inneren Raum spüren – Achtsamkeit, Selbstmitgefühl und Musse».1 Sie zeigen Musse als ein vergessenes Konzept, das Menschen
14Marlene Hobbs Autorin Marlene Hobbs ist Sozialgeographin mit besonderem Interesse an kritischer Careund Technikforschung. Aktuell promoviert sie an der Universität Bonn zum digitalen Wandel als Antwort auf alternde Gesellschaften und die Krise sozialer Reproduktion. Für ihre Forschung hat sie Pflegekräfte und Alltagsbegleiter*innen in Demenz-WGs mit digitalen Assistenzsystemen ethnographisch begleitet. [email protected] Abstract Keywords: care, technologies, digitalisation, care relationships, feminist technology studies, care work The Future of Care in Technology-Assisted Care Relationships Technological change is often discussed as a potential solution to the challenges currently facing, and likely to continue facing, care workers. This article shows that technologies not only complement care relationships, but actively (re)structure them through their development, use, and integration into social spaces. Adopting the perspectives of feminist technology studies and care geographies, the article understands care to be a sociotechnical process requiring design and political negotiation. Foto: Friederike Pauk Die Zukunft von Pflege in technisierten Fürsorgeverhältnissen
15 swissfuture 01/25 Thema Keywords: Care, Technologien, Digitalisierung, Fürsorgeverhältnisse, Feministische Technikforschung, Pflegearbeit Die Zukunft von Pflege in technisierten Fürsorgeverhältnissen Marlene Hobbs Technologischer Wandel wird oft als Lösung für aktuelle und künftige Herausforderungen in der Care-Arbeit diskutiert. Der Beitrag zeigt, dass Technologien Fürsorgeverhältnisse nicht nur ergänzen, sondern aktiv (re)strukturieren – durch ihre Entwicklung, Nutzung und Einbettung in soziale Räume. Aus Perspektiven der Feministischen Technikforschung und der Care-Geographien wird Care als sozio-technischer Prozess verstanden, der Gestaltung und politische Aushandlung erfordert. Wie kann sichergestellt werden, dass heute und in Zukunft alle Menschen die Versorgung erhalten, die sie benötigen, und dass alle, die andere Menschen versorgen, dies unter guten Bedingungen tun können? Technologischer Wandel ist ein zentrales Thema in Debatten über die Zukunft der Fürsorge in westlich industrialisierten Gesellschaften. Die Alterung der Bevölkerung, mobile Lebensstile und Sorgekonstellationen, die über die heteronormative Kleinfamilie hinausgehen, stellen hier tradierte Fürsorgeverhältnisse infrage. Wie in vielen Dienstleistungsbereichen versprechen Digitalisierung und neue Technologien, die Care-Arrangements zu verbessern. Smart-Home-Technologien und Assistenzsysteme sollen es alten Menschen ermöglichen, länger im eigenen Zuhause zu wohnen und erst später professionelle Betreuung in Anspruch nehmen zu müssen. Digitale Gesundheitsinfrastruktur und Robotik sollen die Arbeit in Krankenhäusern und Pflegeheimen erleichtern. Neue Apps und Gadgets sollen die Überwachung der Gesundheit und Entwicklung von Angehörigen erleichtern, beispielsweise durch emotionale künstliche Intelligenz. Digitale Plattformen sollen die Vermittlung zwischen Sorgenden
16Marlene Hobbs Die Zukunft von Pflege in technisierten Fürsorgeverhältnissen und Sorgeempfänger*innen organisieren. Populäre Debatten um Care-Technologien schwanken dabei häufig zwischen spekulativen Hoffnungsszenarien für eine selbstbestimmte Fürsorge auf der einen und Bedrohungsszenarien einer «kalten», rationalisierten Versorgung auf der anderen Seite. Dabei tauchen wiederkehrende Annahmen auf, die es lohnt, zu hinterfragen: Einerseits gilt es als angemessen, eine gewisse Skepsis gegenüber neuen Technologien im Care-Bereich zu zeigen und das Mass der Technisierung möglichst gering zu halten. Dahinter steht die Vorstellung, dass neue Technologien als äussere Variablen in ein «reines» System Einzug halten und es verändern. Diese Veränderung wird als lineare Entwicklung gedacht, die sich durch den Einsatz der richtigen Technologie und Anwendung steuern liesse. Andererseits wird unhinterfragt angenommen, dass sich nur bestimmte Care-Tätigkeiten technisieren lassen. Hierbei ist zumeist von redundanten Abläufen die Rede, die gerne von Maschinen übernommen werden sollen, sodass Menschen (bzw. Frauen*, die den Grossteil der Pflege stemmen) mehr Zeit für die «eigentliche», warme Zuwendung haben, die Care ausmacht. Populäre Debatten um Care-Technologien schwanken dabei häufig zwischen spekulativen Hoffnungsszenarien für eine selbstbestimmte Fürsorge auf der einen und Bedrohungsszenarien einer «kalten», rationalisierten Versorgung auf der anderen Seite. Das Versprechen, dass der Einsatz von Technologien Zeitersparnis für die «wichtigen» Tätigkeiten mit sich bringt, ist nicht neu. Technologischer Wandel wird dabei in techno-solutionistischer Auffassung als Antwort auf Krisen betrachtet, stets in der Hoffnung, durch Technikeinsatz ökonomisches Wachstum zu sichern (Frey et al. 2021). Aktuell lassen privatisierte und kompetitiv organisierte Gesundheitssysteme gekoppelt mit der Alterung westlich industrialisierter Gesellschaften sowie der steigenden Zahl chronisch degenerativer Krankheiten den Effizienzdruck in der Pflege unausweichlich erscheinen. Die Überlastung von formell und informell Pflegenden, der Mangel an Pflegefachkräften, eine schlechte Gesundheitsund Versorgungsinfrastruktur in ländlichen Räumen sowie die Wohnungsnot in urbanen Räumen lenken die Aufmerksamkeit auf die Frage nach der Zukunft einer guten Care-Infrastruktur. Digitalisierung und neue Technologien gelten dabei als praktische Antwort. Der vorliegende Beitrag lädt zu einem Perspektivwechsel ein. Um technologischen Wandel in Care-Beziehungen zu verstehen, ist es sinnvoll, einen «Reali-
17 swissfuture 01/25 tätscheck» vorzunehmen und vergangene sowie aktuelle Technisierungsprozesse in den Blick zu nehmen. Im Folgenden widme ich mich also der Frage, wie Technologien bereits Fürsorge (re)strukturieren und welche (Denk-)Räume dies für die Zukunft eröffnet. Aus der Perspektive Feministischer Technikforschung und kritischer CareGeographien betrachte ich dabei zwei entscheidende Momente, in denen die Strukturierung von Fürsorgeverhältnissen stattfindet und die daher auch Momente der Restrukturierung sein könnten: Technikentwicklung und Techniknutzung. Der Beitrag fokussiert sich dabei auf zwei sozialräumliche Spannungsfelder, die für technisierte Care-Zukünfte von Bedeutung sind. Zunächst betrachte ich die gesellschaftliche Gestaltung von Technologien anhand von sogenannten Skripts am Beispiel von Smart-Home-Technologien für das Alter. Des Weiteren hinterfrage ich die persistente Gegenüberstellung von technischer Versorgung und menschlicher Fürsorge anhand von Beispielen aus der professionellen Altenpflege. Ich verwende einen breiten Technikbegriff, in dem «Technik» sowohl als Reflexionsbegriff für technologischen Wandel dient als auch spezifische Technologien und technische Praktiken umfasst (Friesacher 2019). Care verstehe ich ähnlich breit: einerseits als Reflexionsbegriff für gesellschaftliche Fürsorgeverhältnisse und andererseits in einem engeren Sinne als emotionale, körperliche und leibliche Tätigkeit der Fürsorge umeinander. Aufgrund der Bezugnahme auf meine eigene Forschung liegt ein besonderer Fokus auf dem Bereich des Wohnens und der professionellen Altenpflege. Technik als Skript: Wie werden Annahmen über Fürsorge in Technik eingeschrieben? Technologien sind nicht neutral. Feministische Technikforschung zeigt bereits seit den 1970er Jahren, dass gesellschaftliche Annahmen über ihre Nutzung in Technologien eingeschrieben sind und diese wiederum beeinflussen (Schwartz Cowan 1976). Diese sogenannten Skripte entstehen sowohl auf Grundlage ökonomischer Interessen und der Profitorientierung von Produzent*innen als auch durch normative Annahmen aus den Lebensrealitäten der Technikentwickler*innen (Akrich 1992). Auch Technologien für die alternde Gesellschaft bringen Alternsskripte mit sich, das heisst normative Vorstellungen von Alter(n), die in Design und Materialität der Technologien wirkmächtig werden. Assistive häusliche Technologien sind beispielsweise darauf ausgelegt, das Verbleiben in den «eigenen vier Wänden» trotz Einschränkungen zu ermöglichen. Dies ist vor allem vor dem Hintergrund neoliberaler Aufrufe zur Selbstfürsorge zu verstehen, denen zufolge sich alle möglichst lange selbst fit halten sollen, um anderen nicht zur Last zu fallen. Wenn Chatbots und Monitoring-Technologien zunehmend die Funktion übernehmen, alleinlebende alte Menschen an Medikamente oder daran, genug zu trinken, zu erinnern, wird die Sorgeverantwortung auf die sorgebedürftigen Menschen selbst übertragen. Dabei
18Marlene Hobbs wird verschleiert, dass das Verbleiben im häuslichen Umfeld bei zunehmender Pflegebedürftigkeit oftmals mit einem hohen Mass an unbezahlter Sorgeund Pflegearbeit durch Angehörige, Nachbar*innen oder Freund*innen einhergeht und dass für gute Pflege häufig materielle Grundlagen, wie ausreichend barrierefreie Wohnungen, fehlen (Hobbs/Pasch 2024). Welche Care-Beziehungen würden entstehen, wenn Technologien anders designt wären? Care-Technologien können durch ihre Skripte bestehende Ungleichheiten somit unsichtbar machen oder sogar festigen. In Deutschland setzt beispielsweise der Achte Altersbericht der Bundesregierung auf die Vereinbarkeit von Beruf und Pflege von Angehörigen (BMFSFJ 2020). Wenn Apps und Monitoring-Technologien es Angehörigen von pflegebedürftigen Personen ermöglichen, während der Lohnarbeitszeit «mal eben» nach dem Rechten zu sehen, trägt dies zur Unsichtbarkeit informeller Pflege bei. Wenn informelle Pflege selbstverständlich nebenbei ausgeführt wird, macht dies eine Kritik der Umstände ihrer Ausführung umso schwieriger. Die Privatisierung der Pflege im Alter im Zuhause bedeutet darüber hinaus eine Zuspitzung von «gutem» Altern als Klassenfrage, wenn nur diejenigen gut versorgt werden können, die sich eine gute Ausstattung selbst leisten können (van Dyk 2020). Technologien strukturieren also Fürsorge bereits durch ihre Auslegung auf spezifische sozialräumliche Bedingungen in ihrem Entwicklungsprozess und ihrer Vermarktung. Allerdings zeigt die Feministische Technikforschung auch, dass Technologien nie genau so genutzt werden, wie von Entwickler*innen intendiert. Diese Betrachtungsweise eröffnet Möglichkeiten zur Aneignung und Umnutzung und somit auch Restrukturierung von Fürsorgebeziehungen. Welche Care-Beziehungen würden entstehen, wenn Technologien anders designt wären? Würden Technologien tatsächlich unterstützend sein, wenn Nutzer*innen an ihrer Entwicklung beteiligt wären? Die Nutzung der Technologien bestimmt ihre Bedeutung ebenso mit wie ihre Materialität und der sozialräumliche Kontext. Daher widmet sich das nächste Spannungsfeld der Einbettung von Technologien in alltägliche Praktiken. Fürsorge als sozio-technischer Prozess: Wie werden Fürsorgeverhältnisse gestaltet? Weder Technologien noch Pflege sind feste Grössen mit vorbestimmten Abläufen. Erst im Zusammenspiel mit den Tätigkeiten, in die Technologien eingebettet sind und diese wiederum mitgestalten, wird ihre Bedeutung sichtbar. DigitalisierungsDie Zukunft von Pflege in technisierten Fürsorgeverhältnissen
19 swissfuture 01/25 versprechen zielen besonders auf Bereiche ab, in denen die Hoffnung auf eine effizientere – das heisst ökonomisch rationalisierbare – Gestaltung der Arbeit gross ist. Oftmals sind die damit verbundenen Tätigkeiten gesellschaftlich nicht hoch anerkannt, was sich in ihrer Bezahlung und den Arbeitsbedingungen zeigt. In der professionellen Pflege treffen der Drang nach Rationalisierung und der nach der Aufrechterhaltung menschlicher, intimer Nähe und Fürsorge aufeinander. Dahinter steht die Annahme, dass Technologien eine gewisse Kälte mit sich bringen und daher manche Pflegetätigkeiten, wie intime Zuwendung, nicht technisierbar sind. Dies führt zu einer dualistischen Betrachtung von solchen Pflegetätigkeiten, die technisiert werden sollen, wie etwa automatisierte Pflegedokumentation durch KI und Sprachbots, und solche Pflegetätigkeiten, die möglichst «frei» von Technik gehalten werden sollen, wie menschliche Zuwendung. Die Annahme, dass Technologien per se kalt und menschliche Fürsorge per se warm ist, ist jedoch nicht haltbar. Pflegearbeit war schon immer auch technische Arbeit. Die Annahme, dass Technologien per se kalt und menschliche Fürsorge per se warm ist, ist jedoch nicht haltbar. Pflegearbeit war schon immer auch technische Arbeit. Man denke nur an Geräte zur Messung von Vitalfunktionen. Zudem mehren sich Studien, die zeigen, dass auch Intimität und Nähe mit Technologien hergestellt werden, beispielsweise durch Pflegerobotik (Hester 2024; Pratt et al. 2023). Die Auseinandersetzung mit den «kalten» Seiten von Pflegearbeit, wie der mit Scham behafteten Erfahrung von körperlichem Verfall oder gewaltvollen Pflegebeziehungen, ist weniger prominent (Gröning 2017). Gerade im Umgang mit Alter und körperlichen Einschränkungen müssen Pflegende Intimität und Nähe stets neu aushandeln. Sie müssen sowohl intime Räume schaffen und sich ausserdem von schamvollen Situationen abgrenzen, da nur wenig Zeit und Raum bleibt, über solche zu sprechen. Warme Fürsorge zu schaffen ist ein Prozess, der Abwägung und Aushandlung erfordert – also Arbeit. Feministische Technikund Care-Forschung und Disability Studies zeigen, dass technisierte Fürsorge als verteiltes Handeln betrachtet werden kann (Winance 2006). Technologien schaffen dabei nie einfach als neutrale Instrumente aus sich heraus Unterstützung. Um Gehhilfen, Rollstühle oder Monitoring-Technologien sinnvoll einzusetzen, sodass sie mehr Freiheit ermöglichen, müssen diese ausprobiert, angepasst und in das sozialräumliche Umfeld integriert werden. Ein Beispiel hierfür ist die Überwachung von Menschen mit Demenz mittels Sensortechnik.
20Marlene Hobbs Johanna Wigg (2010) zeigt anschaulich, wie die Ausstattung von Pflegeeinrichtungen mit smarten Sensoren Menschen mit Demenz unterstützen kann, indem ihnen durch die Öffnung bestimmter Türen Bewegungsfreiheit suggeriert wird. Die Bewertung dieser Praxis ist jedoch komplex, denn obwohl es sich um eine Überwachung handelt, ermöglicht sie den Bewohner*innen tatsächlich mehr Bewegungsfreiheit, da sie sonst nur in Begleitung des ohnehin knappen Pflegepersonals herumlaufen könnten. Wie dieses Beispiel zeigt, lässt sich technisierte Pflege nur unter der Berücksichtigung ihrer sozialräumlichen Umstände verstehen. Fazit Technologien als in alltägliche Praktiken eingebettet zu verstehen und somit Pflege als sozio-technischen Prozess zu deuten, nimmt Technik die machtvolle Perspektive, Treiber von gesellschaftlichen Entwicklungen zu sein. Vielmehr sollte Technik als «Produkt eines politisch umkämpften Feldes sozio-materieller Praktiken» (Frey et al. 2021: 19) verstanden werden, das gestaltbar ist. So kann ökonomisch motiviertem Technikoptimismus und naturalisierendem Technikpessimismus eine differenzierte Perspektive entgegengesetzt werden, die Raum für emanzipatorische Herangehensweisen bietet. Die Frage nach der Zukunft von Care lässt sich nicht technokratisch beantworten. Der Beitrag hat anhand eines Blickes auf vergangene und bestehende technisierte Fürsorgeverhältnisse herausgearbeitet, dass Technik nicht neutral ist, sondern dass Technik und Pflege gestaltbar sind und sich gegenseitig gestalten. Digitalisierung und neue Technologien restrukturieren Fürsorge, indem sie einerseits bestehende Verhältnisse stützen, beispielsweise durch ihre Skripte, andererseits aber auch immer unerwartete Praktiken mit sich bringen können. Da diese Praktiken immer mit den sozialräumlichen Bedingungen der Kontexte zusammenhängen, in denen Care-Arbeit stattfindet, gilt es, diese Bedingungen stets zu hinterfragen. Das Aufbrechen starrer Technikund Care-Verständnisse sowie der Beziehung zwischen Care und Technologien eröffnet die Möglichkeit, Zwischenräume neu zu gestalten. Andere Fragen an Technologien und Fürsorge zu stellen, bedeutet auch, dass andere Antworten möglich sind. Über das Hinterfragen hinaus ist eine Demokratisierung der Technikentwicklung erforderlich, um die Personen in den Vordergrund zu stellen, die die Technologien letztlich nutzen und damit Fürsorgeverhältnisse gestalten. Dabei ist nicht nur spannend, welche Technologien entwickelt werden sollten, sondern auch, welche Fürsorgeverhältnisse wir imaginieren und leben können, in denen Technologien weder Bedrohung noch leere Versprechungen darstellen. Die Zukunft von Pflege in technisierten Fürsorgeverhältnissen
21 swissfuture 01/25 Referenzen Akrich, Madeleine (1992): The description of technical objects (205–225), in: Wiebe E. Bijker und John Law: Shaping technology/ building society: Studies in sociotechnical change. Cambridge: MIT Press. BMFSFJ, Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (2020): Achter Bericht zur Lage der älteren Generation in der Bundesrepublik Deutschland. Ältere Menschen und Digitalisierung. Berlin. https://www.bmfsfj.de/resource/ blob/159916/9f488c2a406ccc42cb1a694944230c96/achter-altersbericht-bundestagsdrucksache-data.pdf (26. Mai 2025). Frey, Phillip, Simon Schaupp und Klara-Aylin Wenten (2021): Towards Emancipatory Technology Studies, in: NanoEthics 15(1): 19–27. https://doi.org/10.1007/s11569-02100388-6 Friesacher, Heiner (2019): Fürsorge – trotz oder mit Technik? (27–48), in: Claudia Hauck und Charlotte Uzarewicz: I, Robot – I, Care. Berlin: De Gruyter. Gröning, Katharina (2017): Entweihung und Scham: Grenzsituationen in der Pflege alter Menschen. Frankfurt: Mabuse. Hester, Helen (2024): The Automated Heart: Digital Domesticity and Emotional Labour Saving, in: New Vistas 10(2), https:// uwlpress.uwl.ac.uk/newvistas/article/ id/261/ (26. Mai 2025). Hobbs, Marlene und Linda Pasch (2024): Die räumliche Produktion von Alternsbildern durch Smart-Home-Technologien, in: Geographica Helvetica 79(2): 177–189. Pratt, Geraldine, Caleb Johnston und Kelsey Johnson (2023): Robots and care of the ageing self: An emerging economy of loneliness, in: Environment and Planning A: Economy and Space 55(8): 2051–2066. Schwartz Cowan, Ruth (1976): The «Industrial Revolution» in the Home: Household Technology and Social Change in the 20th Century, in: Technology and Culture 17(1): 1–23. van Dyk, Silke (2020): Soziologie des Alters. Bielefeld: transcript. Wigg, Johanna M. (2010): Liberating the wanderers: Using technology to unlock doors for those living with dementia, in: Sociology of Health & Illness 32(2): 288–303. Winance, Myriam (2006): Trying out the wheelchair: The mutual shaping of people and devices through adjustment, in: Science, Technology & Human Values 31(1): 52–72.
Friederike Beier 22 Autor:in Dr. Friederike Beier ist Politikwissenschaftler*in und wissenschaftliche Mitarbeiter*in (Postdoc) am Arbeitsbereich Gender & Diversity am Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft der Freien Universität Berlin. In ihrer Forschung beschäftigt sie sich mit Zeittheorien und Zeitpolitik sowie der Verknüpfung queertheoretischer, dekolonialer und materialistischer feministischer Theorien. Sie ist Mitherausgeber*in der femina politica – Zeitschrift für feministische Politikwissenschaft. [email protected] Abstract Keywords: feminist time policy, working hours, time, care, reproduction, chronodiversity A Chronodiverse Appropriate Feminist Time Policy: A Blueprint for a Pluralistic and Caring Future How does a chronopolitical appropriate feminist time policy look like that considers different temporal needs and overcomes chrononorms? While there is currently a debate about extending working hours, unpaid care work, which accounts for a significant proportion of working time, is systematically overlooked. Instead of longer working hours, what is required is a redistribution of time, the recognition of diverse temporalities and a chronodiverse orientated feminist time policy that prioritises human and ecological needs. Keywords: feminist time policy, working hours, time, care, reproduction, chronodiversity Chronogerechte feministische Zeitpolitik
23 swissfuture 01/25 Keywords: Feministische Zeitpolitik, Arbeitszeit, Zeit, Sorge, Reproduktion, Chronodiversität 1 https://www.nzz.ch/wirtschaft/mehr-freizeit-mehr-ferien-und-trotzdem-mehr-absenzen-wer-in-der-schweiz-einen-job-hat-arbeitet-zunehmend-weniger-ld.1885880, https:// www.handelszeitung.ch/konjunktur/ein-tsunami-am-arbeitsmarkt-743382, https://www. mdr.de/nachrichten/deutschland/wirtschaft/merz-mehr-arbeit-work-life-balance-maenner-frauen-teilzeit-100.html (15.6.2025) Chronogerechte feministische Zeitpolitik: Ein Zukunftsentwurf für plurale und sorgende Zeiten Friederike Beier Wie kann eine chronogerechte feministische Zeitpolitik aussehen, die unterschiedliche zeitliche Bedürfnisse berücksichtigt und Chrononormen überwindet? Derzeit wird über die Verlängerung von Arbeitszeiten diskutiert, wobei ein Grossteil der Arbeitszeit, unbezahlte Sorgearbeit, systematisch ausgeblendet wird. Statt längerer Erwerbsarbeitszeiten braucht es eine Umverteilung von Zeit, die Anerkennung pluraler Zeitlichkeiten und eine chronogerechte feministische Zeitpolitik, die menschliche und ökologische Bedürfnisse ins Zentrum stellt. Glaubt man den derzeitigen Arbeitszeitdebatten, arbeiten Menschen in der Schweiz und in Deutschland zu wenig.1 Die Sorge um die sinkende Arbeitszeit treibt vor allem Unternehmer:innen sowie konservative und wirtschaftsliberale Politiker:innen um. Ihrer Logik zufolge kann den Wirtschaftskrisen, dem demografischen Wandel und der steigenden Anzahl an Rentner:innen nur durch eine Erhöhung der Arbeitszeit begegnet werden. In diesem Zusammenhang wird auch die vermeintlich zu kurze Arbeitszeit von Müttern kritisiert. Dabei bleibt unbeachtet, dass heute deutlich mehr Frauen als noch vor 30 Jahren erwerbstätig sind – jedoch häufig in
30 Autor:innen Prof. Bitten Stetter hat eine Professur für Trends & Identity an der Zürcher Hochschule der Künste. Sie leitet dort den Master seit 2008, die Forschung seit 2014 und doziert im Bachelor seit 2006. Als diplomierte Designerin (HAW Hamburg) unterrichtet sie an verschiedenen Hochschulen und gewann mit ihrem Label diverse Preise. Sie kuratierte Ausstellungen wie fashion talks und publizierte Bücher wie Moralphobia (Hg.). Im Rahmen von sterbesettings.ch (SNF) und ihres PhDs Things of Dying exploriert und designt sie Care-Angebote für die letzte Lebensphase. Dafür gründete sie Final Studio und das Lifestyle-Brand finally.: eine Wissensplattform, die Produkte zur Fürsorge für fragile Zeiten anbietet. [email protected] finallydesign.ch Abstract Keywords: care design, health design, design ethnography, care products, fourth age, 21st century Designing Living Environments for Older People Societies of the future will be older. For financial reasons, and because of personal preference, ageing will increasingly take place at home, with outpatient care and technological innovations enabling new forms of support. Living environments must be adapted and redesigned to accommodate less mobile lifestyles and restricted mobility, which poses new challenges for designers. Design is thus becoming increasingly important in the fields of care and health. Bitten Stetter und Francis MüllerLebensund Wohnwelten im Alter gestalten Dr. Francis Müller ist Dozent für Designethnografie und Soziologie in der Fachrichtung Trends & Identity der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK). Müller hat Lehraufträge an der School of Humanities and Social Sciences der Universität St. Gallen (HSG), an Universitäten in Santiago de Chile und Mexiko-Stadt. Er ist Autor zahlreicher Publikationen, unter anderem von «Design Ethnography. Epistemology and Methodology». Müller ist Vorstandsmitglied von Swissfuture. [email protected] https://zenodo.org/records/4518998
31 swissfuture 01/25 Thema Keywords: Care Design, Health Design, Designethnografie, Pflegedinge, viertes Lebensalter, 21. Jahrhundert 1 Im Falle von Subsahara-Afrika geht diese Alterung einher mit zunehmend jüngeren Gesellschaften: Subsahara-Gesellschaften verzeichnen sehr hohe Geburtenraten, was die Gesellschaften verjüngt, zugleich aber steigt die durchschnittliche Lebenserwartung signifikant an, was sich exemplarisch an der Entwicklung von Nigeria zeigt: Bestand dort die durchschnittliche Lebenserwartung von Geburt an 1970 noch 39 Jahre, so ist sie im Jahr 2020 auf 52 Jahre gestiegen: https://data.worldbank.org/indicator/SP.DYN.LE00. MA.IN?end=2020&locations=NG (20. März 2025) Lebensund Wohnwelten im Alter gestalten Bitten Stetter und Francis Müller Die Gesellschaften der Zukunft werden älter. Aus Kostengründen und weil die Betroffenen dies möchten, wird das Altern zunehmend zuhause mit ambulanter Pflege stattfinden, wobei technologische Innovationen neue Unterstützung ermöglichen. Die Wohnund Lebenswelten müssen den weniger mobilen und eingeschränkten Lebensstilen angepasst und umgestaltet werden, was die Designdisziplin vor neue Herausforderungen stellt. Design gewinnt im Feld von Care und Health eine hohe Relevanz. Die Lebenserwartung in der Schweiz hat sich seit 1876 verdoppelt: von 39,1 auf 81,0 Jahre bei Männern, von 42,4 auf 85,1 Jahre bei Frauen (BFS 2022: 21). Diese Alterung der Gesellschaft ist in Europa und ganz besonders in Ostasien stark fortgeschritten, existiert aber entgegen weit verbreiteter Annahme nicht nur innerhalb privilegierter Gesellschaften der nördlichen Hemisphäre: In fast allen Weltregionen nimmt die Alterung der Gesellschaften signifikant zu – auch in Subsahara-Afrika.1 Diese erfreuliche Entwicklung ist eine Folge des medizinischen Fortschritts und der Errungenschaften der Pharmaindustrie, wie zum Beispiel Impfungen (Rosling 2018: 77 ff.). Als Folge geraten global mehr Menschen ins vierte Lebensalter als jemals zuvor in der Geschichte der Menschheit. Die Bedeutung von altersgerechten Wohn-
32 und Lebenswelten bis hin zu palliativer Versorgung nimmt zu (vgl. Caduff et al. 2022, 2024; Stetter 2021). Der Greying-Index quantifiziert den Anteil Personen im vierten Lebensalter, indem er Menschen ab 80 Jahren mit den 65bis 79-Jährigen in Bezug setzt. Das Bundesamt für Statistik stellt hinsichtlich der Schweiz fest: «Im Jahr 1990 kamen auf 100 Personen im dritten Lebensalter (65–79 Jahre) 34 ältere Menschen ab 80 Jahren. Heute entfallen 39 betagte Personen ab 80 Jahren auf 100 Personen im dritten Lebensalter. Bis 2050 wird diese Zahl auf 71 steigen.» (BFS 2022: 39) Das vierte Lebensalter muss jedoch nicht mit 80 Jahren gleichgesetzt werden, es kann auch definiert werden als der Lebensabschnitt, in dem Agilität zu Fragilität wird, was abrupt geschehen kann durch einen Sturz oder Schlaganfall oder auch als schleichender Prozess aufgrund von Erkrankungen. Die Autonomie, die physische und soziale Mobilität der Menschen werden im vierten Lebensalter stark eingeschränkt, wobei sich das vierte Lebensalter weiterhin verzögert: «Die Vertreterinnen und Vertreter der Babyboom-Generation werden im Alter nicht unbedingt später von chronischen Krankheiten betroffen sein, aber dank guter medizinischer Versorgung werden sie mehrheitlich erst später an starken Einschränkungen leiden und entsprechend auch später pflegebedürftig werden» (Stadt Zürich 2020: 18). Ambient Assistent Technologies werden in Lebensund Wohnwelten von älteren Menschen signifikant an Präsenz gewinnen, nicht zuletzt aufgrund des Fachkräftemangels im Pflegebereich. Technologien in der Pflege Während das dritte Lebensalter positiv konnotiert ist, ist das vierte «gekennzeichnet durch verstärkte Abnahme der körperlichen und geistigen Reserven, verstärkte Risiken von Pflegebedürftigkeit und Demenzerkrankung sowie durch das Angewiesensein auf eine hindernisfreie Umgebung» (Gasser et al. 2015: 14). Diese soziodemografische Entwicklung wird in der Schweiz mehr Menschen pflegebedürftig machen und jüngere, die entsprechende Pflegearbeit leisten, werden in Zukunft noch weitaus stärker fehlen als jetzt bereits. So genannte unterstützenden Technologien (vgl. Sailer/Mahr 2021) sorgen für Entlastung, indem sie kontrollieren, messen und alarmieren, wenn es zum Beispiel zu einem Sturz kommt. Sturzsensoren, intelligente Herde, Backöfen und Kühlschränke, Rauchund Wassermelder gehören ebenfalls zu diesen technologischen Errungenschaften, die kostengünstiger werden. Es gibt smarte Systeme, die an die Einnahme von Medikamenten erinnern, Geräte, Bitten Stetter und Francis MüllerLebensund Wohnwelten im Alter gestalten
33 swissfuture 01/25 die sich durch Gesten steuern lassen, wenn die sprachliche Artikulation erschwert ist, und sogenannte Vitaldatenüberwachungen, bei denen der Blutdruck, Herzfrequenz und Blutzucker dauernd gemessen und an medizinische Fachstellen übermittelt werden. Diese Ambient Assistent Technologies werden in Lebensund Wohnwelten von älteren Menschen signifikant an Präsenz gewinnen, nicht zuletzt aufgrund des Fachkräftemangels im Pflegebereich. Trotz dieser Entwicklung wird sich die Pflege auch in Zukunft nicht vollkommen an Roboter und Technologien delegieren lassen (Rehsmann/Soom Ammann 2021). Technologien und menschliche Pflege werden auch künftig komplementär eingesetzt. Das vierte Lebensalter wird zunehmend zuhause stattfinden. Die Betroffenen wünschen das «Ageing in Place». Das vierte Lebensalter wird zunehmend zuhause stattfinden. Die Betroffenen wünschen das «Ageing in Place» (Fuchs et al. 2022: 47 f.), wo sie entsprechende ambulante Pflegedienstleistungen in Anspruch nehmen (BFS 2021: 4). Zugleich hat die Gesundheitspolitik ein ökonomisches Interesse an ambulanter Pflege, die kostengünstiger ist als in einer Pflegeinstitution. Dieses Zuhause kann eine eigene Wohnung, eine Alterswohngemeinschaft oder eine andere Wohnform sein, wo ambulante Pflegeund Betreuungsdienstleistungen in Anspruch genommen werden (BFS 2021: 4). Negativ konnotierte Pflegedinge Als Folge dieser Entwicklung gewinnen in den Wohnund Lebenswelten der Betagten «Pflegedinge» an Präsenz. Dies können neben den vorher genannten technologischen Tools Objekte sein wie Schnabeltassen, Ausscheidungshilfen, Sturzsensoren, Pflegebetten etc. (vgl. Artner et al. 2017). Für die Betagten stellen sie einerseits wichtige Hilfen dar, zugleich werden sie aber als «widerspenstig» erfahren. Viele dieser Dinge sind negativ konnotiert und stigmatisierend – besonders wenn sie in der Öffentlichkeit sichtbar sind (vgl. Goffman 1967: 64 ff.). Dies liegt nicht zuletzt daran, dass sie stark nach funktionalistischen Gesichtspunkten gestaltet werden: Die Pflegedinge kompensieren physiologische Defizite und machen so die Fragilität der Person, die darauf angewiesen ist (vgl. Müller/Stetter 2024: 224 f.), sichtbar. Dies zeigt sich exemplarisch am Rollator, der oftmals zuerst abgelehnt und erst später als Hilfe akzeptiert wird (Somnus 2022: 23 ff.). Das Verhältnis von vulnerablen Menschen zu Pflegedingen ist also häufig ambivalent: Einerseits sind Letztere hilfreich und geben gewisse alltagsweltliche Freiheiten zurück, zugleich aber werden sie als invasiv
34Lebensund Wohnwelten im Alter gestalten Bitten Stetter und Francis Müller erfahren und machen die Vulnerabilität der Person sichtbar. Die funktionale Gestaltung von Pflegedinge hat semantische Qualitäten, die negativ behaftet sind. Design wird im vierten Lebensalter eine bedeutende Rolle einnehmen. Es lässt sich definieren als eine Disziplin, die existierende Zustände verbessert und optimiert (vgl. Simon 1996: 1), was ein «immenses Spektrum an Diskursen, Methoden, Tätigkeiten und Artefakten» (Mareis 2014: 37) umfasst. Die soziodemografische Alterung der Gesellschaft bringt designspezifische Herausforderungen mit sich (Jones 2013; Miller et al. 2024; Müller 2024; Noël 2017), zumal die Settings, in denen Menschen altern – das Zuhause genauso wie die Pflegeinstitution –, immer gestaltet und menschgemacht sind.2 Denn diese Settings sind ja nicht «neutral», sondern immer werden in ihnen bestimmte Werthaltungen und Konzepte – wie zum Beispiel ein positivistisch und medizinisch geprägter Funktionalismus – materialisiert. Dass hier alternative Ansätze diskutiert werden, zeigt sich exemplarisch an der salutogenetischen Architektur (vgl. Golembiewski 2022), die Wohlbefinden fördern soll. Palliative Settings führen oftmals zu einer sozialen und örtlichen Verengung. Das Krankenbett wird der zentrale Ort der Lebenswelt. Die Designanthropologin Bitten Stetter hat in einer Palliativ-Care-Abteilung eines Zürcher Spitals ethnografisch geforscht und dabei festgestellt, dass das hinten offene Pflegehemd von den betroffenen Menschen oftmals als negativ wahrgenommen wird (Stetter 2022a) – und sie hat mit einer «Travel Wear» (2022b) gestalterisch darauf reagiert: Dies sind Entwürfe einer Kleidung für die letzten Übergange, dazu kommen verschiedene Pflegedinge für die ambulante und stationäre Pflege.3 Diese Produkte zeigen, dass mit kleinen Designinterventionen fundamentale lebensweltliche Probleme gelöst werden können. Palliative Settings führen oftmals zu einer sozialen und örtlichen Verengung: Das Krankenbett wird der zentrale Ort der Lebenswelt. Entsprechend wichtig ist es, dass persönliche Gegenstände wie ein Smartphone in Reichweite bleiben und nicht von den Pflegenden woanders hingelegt werden. Hierfür gestaltete Bitten Stetter 2 Die Fachrichtung Trends & Identity an der Zürcher Hochschule für Gestaltung hat deshalb den Forschungsschwerpunkt «Care Futures» aufgebaut, wo die Frage behandelt wird, wie Care in Zukunft aussehen könnte und welche Rollen das Design darin aufnimmt: https://www.zhdk.ch/studium/design/ba-design-trends-identity/forschungsschwerpunkte-2095 (13. Mai 2025). 3 https://finallydesign.ch (9. Mai 2025)
35 swissfuture 01/25 eine «Bettbox», die sich am Bettgalgen anbringen lässt und wo sich persönliche Dinge in Körpernähe verstauen lassen (Müller/Stetter 2022: 194). Bei solchen Prozessen können Designer:innen von informellen Praktiken, die Menschen in den entsprechenden Kontexten anwenden, um ihre Probleme zu lösen, inspiriert werden. Diese informellen Praktiken nennt man «Non-Intentional-Design» (Brandes/Erlhoff 2006): Sie werden zu etwas benutzt, was die Designer nicht beabsichtigt haben: Das ist beispielsweise dann der Fall, wenn Stühle und Tische in der Wohnung so situiert werden, dass Menschen sich abstützen können. Solche alltagsnahen Improvisationen finden bei Pflege zuhause und institutionellen Kontexten häufig statt und lassen sich unter dem Konzept des Tinkering fassen. Die Pflegewissenschaftlerin Mol (2008) beschreibt diese gestalterische Praxis als eine experimentelle, kontextbezogene Anpassung der Pflege, die auf Beobachtung, Nähe und sensibles Handeln setzt statt auf standardisierte medizinische Abläufe. In diesem Sinne greift auch der Designansatz von Milev (2011), der unter dem Begriff Emergency Design Praktiken beschreibt, die in prekären Situationen entstehen. Hierbei geht es um Ad-hoc-Lösungen, die trotz begrenzter Ressourcen Fürsorge ermöglichen und menschliche Würde sichern wollen. Improvisationen – etwa erhöhte Stühle mithilfe von Bücherstapeln oder mit Tüchern gedimmte Lampen – erscheinen hier nicht nur als Reaktion auf Mangel, sondern als reflexive Gestaltung veränderter Verhältnisse. Diese Improvisationen lassen sich als widerständige Gesten gegenüber einer marktorientierten Gestaltungspraxis lesen, die ältere, vulnerable oder sterbende Körper kaum mitdenkt. Empathisch und zukunftsorientiert Design ist empathisch (vgl. Koskinen 2023). Es geht darum, zu beobachten, wie andere Menschen interagieren, sprechen und handeln. Das gilt auch für die Mikrosoziologie und die Sozialanthropologie, jedoch ist Design – im Unterschied zu diesen – eine intervenierende Disziplin: Design beobachtet – und verändert. Es ist eine Disziplin des Wandels (Latour 2009: 358). Wertvorstellungen sind historisch und kulturell variabel, und Menschen in modernen Gesellschaften führen weitgehend individuelle Lebensstile. Diese hohe Individualität zeigt sich sehr deutlich an der Babyboomer-Generation, denn diese möchte ihr «selbstbestimmtes Leben trotz Pflegebedürftigkeit möglichst lange weiterführen» (Kirschner 2018: 43). Besonders in Städten leben die Menschen in unterschiedlichen sozialen Kosmen; örtlich nahe, mental und kulturell aber weit voneinander entfernt (vgl. Miller 2008). «Individuell» meint allerdings nicht, dass Individuen völlig atomisiert leben. Menschen sind und bleiben stets soziale Wesen. Moderne Gesellschaften sind pluralisiert und in ihnen teilen Menschen verschiedene kleine soziale Lebenswelten (vgl. Honer 2011).
36Bitten Stetter und Francis MüllerLebensund Wohnwelten im Alter gestalten Diese hohe Individualität zeigt sich sehr deutlich an der Babyboomer-Generation, denn diese möchte ihr selbstbestimmtes Leben trotz Pflegebedürftigkeit möglichst lange weiterführen. Design agiert nicht im Elfenbeinturm, sondern es ist humanbezogen und steht im Austausch mit der untersuchten Gruppe oder Gemeinschaft. Design operiert mit partizipativen und empathischen Methoden, die Einblicke in anderen Lebenswelten ermöglichen. Eine solche Methode ist die Designethnografie (Müller 2021; Pink et al. 2022), bei der neben herkömmlichen ethnografischen Verfahren wie Beobachtung und Befragung auch Designinterventionen ausgeübt werden. Diese Empathie ist sehr bedeutsam, wenn es um Gesundheit in pluralen Gesellschaften geht, weil Gemeinschaften mit unterschiedlichen Wertvorstellungen und Lebensstilen co-existieren, was einen Einfluss auf Vorstellungen von «gesund» und «krank» hat. Design untersucht Lebenswelten und entwickelt Konzepte und Systeme, die erst in der Zukunft realisiert werden, da Design immer zukunftsorientiert ist (vgl. Kjaersgaard et al. 2016). Im Gegensatz zur Raumplanung und zur Architektur kann Design deutlich näher an sozialen Biotopen agieren: zum Beispiel mit Rapid Prototyping (Chamorro-Koc 2024; Rudd et al. 1996). Der Anteil von betagten Menschen wird – wie eingangs dargelegt – signifikant ansteigen, und zugleich werden unsere Gesellschaften pluralistischer. Diese individualisierten und ausdifferenzierten Lebensstile werden auch im hohen Alter gelebt. Dies wird einen fundamentalen Einfluss auf die Care-Kultur haben – und Health Design wird darin eine fundamentale Rolle spielen. Im Zuge der zukünftigen Alterung von Gesellschaften werden Designlösungen soziale und ökonomische Relevanzen haben: Lebensund Wohnwelten müssen so gestaltet werden, damit Menschen im vierten Lebensalter möglichst viel Zeit dort verbringen und ambulant betreut werden können, was die Kosten senkt. Es ist einer der wenigen Fälle, wo die betroffenen Menschen genau dieselben Ziele verfolgen wie die Politik, wenn auch aus ganz unterschiedlichen Motiven.
37 swissfuture 01/25 Golembiewski, Jan A. (2022): Salutogenic architecture (259–274), in: Maurice B. Mittelmark, Georg F. Bauer, Lenneke Vaandrager, Jürgen M. Pelikan, Shifra Sagy, Monica Eriksson, Bengt Lindström und Claudia Meier Magistretti: The Handbook of Salutogenesis. Cham: Springer. Honer, Anne (2011): Kleine Leiblichkeiten. Erkundungen in Lebenswelten. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften. Jones, Peter H. (2013): Design for Care: Innovating Healthcare Experience. Brooklyn, NY: Rosenfeld Media. Kirschner, Michael (2018): Pflege und Betreuung im Alter – Sicht von CURAVIVA Schweiz (43–44), in: Bulletin SAGW Dossier Aging Society, 4/2018. https://www.sagw.ch/ fileadmin/redaktion_sagw/dokumente/ Publikationen/Bulletin/Dossier_AgeingSociety.pdf (6. März 2023). Kjaersgaard, Mette Gislev, Joachim Halse, Rachel Charlotte Smith, Kasper Tang Vangklide, Thomas Binder und Ton Otto (2016): Introduction: Design Anthropological Futures (1–16), in: Mette Gislev Kjaersgaard, Joachim Halse, Rachel Charlotte Smith, Kasper Tang Vangklide, Thomas Binder und Ton Otto (Hg.): Design Anthropological Futures. London: Bloomsbury. Koskinen, Ilpo (2023): Design, Empathy, Interpretation. Boston: The MIT Press. Latour, Bruno (2009): Ein vorsichtiger Prometheus? Einige Schritte hin zu einer Philosophie des Designs, unter besonderer Berücksichtigung von Peter Sloterdijk (356–373), in: Marc Jongen, Sjoerd van Tuinen & Koenraad Hemelsoet (Hg.): Die Vermessung des Ungeheuren. Philosophie nach Peter Sloterdijk. München: Wilhelm Fink Verlag. Mareis, Claudia (2014): Theorien des Designs. Zur Einführung. Hamburg: Junius. Milev, Yana (2011): Emergency Design. Anthropotechniken des Über/Lebens. Berlin: Merve. Miller, Daniel (2008): The comfort of things. Cambridge: Polity Press. Miller, Evonne, Abbe Winter und Satyan Chari (2024): How Designers Are Transforming Healthcare. Singapur: Springer Nature. Referenzen Artner, Lucia, Isabel Atzl, Anamaria Depner, André Heitmann-Möller und Carolin Kollewe (2017): Pflegedinge. Materialitäten in Pflege und Care. Bielefeld: transcript. BFS (2021): Sozialmedizinische Betreuung älterer Menschen 2010–2019. Neuchâtel: Bundesamt für Statistik. https://www.bfs. admin.ch/asset/de/19464900 (6. März 2023). BFS (2022): Demografisches Porträt der Schweiz. Bestand, Struktur und Bevölkerung im Jahr 2020. Neuchâtel: Bundesamt für Statistik. https://www.bfs.admin.ch/ asset/de/21764558 (28. Februar 2025). Brandes, Uta und Michael Erlhoff (2006): Non Intentional Design. Köln: Daab. Corina Caduff, Minou Afzali, Francis Müller & Eva Soom Ammann (2022): Kontext Sterben. Zürich: Scheidegger & Spiess. Caduff, Corina, Bitten Stetter, Minou Afzali, Francis Müller und Eva Soom Ammann (2024): Sterben gestalten. Zürich: Scheidegger & Spiess. Chamorro-Koc, Marianella (2024): Prototyping for Healthcare Innovation (103–117), in: Miller, Evonne, Abbe Winter und Satyan Chari (2024): How Designers Are Transforming Healthcare. Singapur: Springer Nature. Fuchs, Judith, Sonja Nowossadeck und Enno Nowossadeck (2022): Wohnen und Gesundheit im Alter aus epidemiologischer Sicht (31–53), in: Andrea Teti, Enno Nowossadeck, Judith Fuchs und Harald Künemund (Hg.): Wohnen und Gesundheit im Alter. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften. Gasser, Nadja, Carlo Knöpfel und Kurt Seifert (2015): Übergang vom «dritten» zum «vierten» Lebensalter. Erst agil, dann fragil. Zürich: Pro Senectute Schweiz. https://www. prosenectute.ch/de/fachwelt/publikationen/studien/erst-agil-dann-fragil.html%20 (28 (8. Mai 2025). Goffman, Erving (1967): Stigma. Über Techniken im Umgang mit beschädigter Identität. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
38Lebensund Wohnwelten im Alter gestalten Mol, Annemarie (2008): The Logic of Care: Health and the Problem of Patient Choice. Routledge. Müller, Francis (2024): Designethnografie: Lebensund Sterbewelten erkunden und gestalten (213–231), in: Lars C. Grabbe und Tobias Held (Hg.): Designforschung und Designwissenschaft – Methoden und Theorien gestalterischer Episteme. Wiesbaden: VS Springer. Müller, Francis (2021): Design Ethnography. Epistemology and Methodology. Cham/CH: Springer Nature. Müller, Francis und Bitten Stetter (2024): Beseelte Übergangsdinge (216–245), in: Corina Caduff, Bitten Stetter, Minou Afzali, Francis Müller und Eva Soom Ammann (Hg.): Sterben gestalten. Zürich: Scheidegger & Spiess. Müller, Francis und Bitten Stetter (2022): Dinge am Lebensende: Eine designethnografische Studie (183–207), in: Isabella Kölz und Michaela Fenske (Hg.): Lebenswelten gestalten. Neue Felder & Forschungszugänge einer Designanthropologie. Würzburg: Königshausen & Neumann, https://zenodo. org/records/7828707 (9. Mai 2025) Noël, G. (2017): Health Design: Mapping current situations, envisioning next steps, in: The Design Journal, 20(sup1), S2304–S2314. https://doi.org/10.1080/14606925.2017.1352746 Pink, Sarah, Vaike Fors, Debora Lanzeni, Melisa Duque und Shanti Sumartojo (2022): Design Ethnography: Research, Responsibilities and Futures. London, New York: Routledge. Rehsmann, Julia und Eva Soom Ammann: Who’s going to care? Die Zukunft von Palliative Care zwischen Fachkräften und Pflegerobotern, in: swissfuture 02/2021 (Die Zukunft des Sterbens): 26–31. https:// www.swissfuture.ch/wp-content/uploads/2022/10/2021-2_Magain_Zukunftdes-Sterbens.pdf (14. Mai 2025). Rosling, Hans (2018): Factfulness. Berlin: Ullstein. Rudd, John, Ken Stern und Scott Isensee (1996): Low vs. high-fidelity prototyping debate, in: Interactions, 3(1), 76–85. https:// doi.org/10.1145/223500.223514 Sailer, Marcel und Andreas Mahr (2021): Active Assisted Living. Anwendungsszenarien und Lösungsansätze für ein selbstbestimmtes Leben. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften. Simon, Herbert A. (1996): The sciences of the artificial. Boston: MIT Press. Somnus, Tanita (2022): Objektbeziehungen im Pflegekontext. Eine ethnografische Feldforschung über Strategien der Aneignung von Rollatoren in geriatrischen Pflegeinstitutionen, Diplom BA, ZHdK. Stadt Zürich (2020): Mein Zürich im Alter. Altersstrategie 2035. Zürich: Gesundheitsund Umweltdepartement. https://www. stadt-zuerich.ch/de/politik-und-verwaltung/politik-und-recht/strategie-politikfelder/altersstrategie-2035.html (20. März 2025). Stetter, Bitten (2021): Consumption of Dying. Lifestyle-Trends für eine sich wandelnde Sterbekultur, in: swissfuture 02/2021 (Die Zukunft des Sterbens): 14–19. https://www. swissfuture.ch/wp-content/uploads/2022/10/2021-2_Magain_Zukunftdes-Sterbens.pdf (14. Mai 2025). Stetter, Bitten (2022a): Das Hemd hat (noch) keine Taschen. Eine designanthropologische Untersuchung des Patientenhemdes (80–93), in: Corina Caduff, Minou Afzali, Francis Müller und Eva Soom-Ammann (Hg.): Kontext Sterben. Zürich: Scheidegger & Spiess. Stetter, Bitten (2022b): Travel Wear. Design for your (end of) life journey (95–117), in: Corina Caduff, Minou Afzali, Francis Müller und Eva Soom-Ammann (Hg.): Kontext Sterben. Zürich: Scheidegger & Spiess. Bitten Stetter und Francis Müller
39 swissfuture 01/2539 Bildstrecke inbetween Care Wear for Cocooning and Controlling by finally. Seite 40 – 43 inbetween ist Care Wear für Menschen mit einer Krebserkrankung. Reissverschlüsse, die Zugänge für Portoder Infusionstherapien schaffen, Schnitte, die postoperativen Komfort bieten, und Materialien, die atmungsaktiv und reizarm sind, denken Krankheit, Therapie und Fragilität nicht als Ausnahmezustand, sondern als Teil des Alltags: nahbar, annehmbar, lebbar. Die Kollektion wurde vom Care-Label finally. im Dialog mit der Krebspatientin Alessandra Finazzi entwickelt. Sie verbindet textile Fürsorge mit Funktion, geht also über reine Zweckmässigkeit hinaus: Sie stärkt Selbstwirksamkeit, gibt Handlungsspielräume zurück und erlaubt, die eigene Identität auch im medizinischen Kontext aktiv mitzugestalten. Getestet wird inbetween akutell in Kooperation mit der Klinik für Radioonkologie und Strahlentherapie an der Charité Berlin mit dem Ziel, Patient:innen unnötiges Ausund Ankleiden zu ersparen und zugleich Momente von Autonomie, Komfort und Intimität in einem hochstandardisierten Setting zu ermöglichen. www.finallydesign.ch
46Martín Tironi und Marcos Chilet shaped her years at Facebook, where she was in charge of the company’s governmental relations. In this first-hand account, Wynn-Williams presents two key insights. First, tech companies hold excessive power over governments and states. Second, the organisational culture of «move fast and break things» fosters a mode of carelessness. In some cases, this mindset is celebrated by senior executives of companies like Facebook. To what extent has this culture of carelessness influenced design culture, particularly design orientated towards technological innovation? Critical studies on digital connectivity’s impact highlight similar patterns of disregard within large tech corporations. The work of Nick Couldry and Ulises Mejías (2024) on data colonialism explores how contemporary digital empires reproduce extractivist and colonial logics. Likewise, scholars such as José van Dijck (2013) have long warned of our analytical limitations when engaging with social media platforms. These are not, in fact, properly «social» networks; instead, van Dijck argues, they perform a very different function altogether. More recently, and concerning artificial intelligence, authors like Kate Crawford (2021) have drawn attention to the planetary consequences of these new technologies – from the enormous water consumption required to cool data centres to the extractive mining needed to sustain the digital economy. While their approaches differ, these authors all highlight a shared concern: the entanglement of technology and society is unfolding in reckless and short-sighted ways, without effective regulatory agents to ensure broader social and ecological well-being. How might we shift away from dominant narratives rooted in disruption, competition and control over the planet, and instead cultivate ways of living that offer meaningful and sustainable alternatives for future development? Within this framework, we must ask: what are design’s responsibilities, and how might our discipline, particularly design education, align with a vision in which designers become careful people in the face of an uncertain future? From a theoretical perspective, design has already begun to equip itself with the tools necessary to avoid becoming either victim or accomplice to extractivist production logics. Yet the question remains: how can these theoretical advances be materially translated into our everyday lives and the professional practice of design? Designing with Care
47 swissfuture 01/25 In their article Transition Design: An Educational Framework for Advancing the Study and Design of Sustainable Transitions (2020), Irwin, Tonkinwise and Kossoff argue that although design is typically understood as the act of shaping things – products, communications, environments – it also has a long history of aspiring to guide systemic change. Transition Design recognises that we live in times of profound transformation, in which dominant paradigms, values and lifestyles must be reconfigured in response to the global climate and social crisis. The framework draws on sources such as Living Systems Theory, Futures Studies, Indigenous Knowledge Systems and Cosmopolitan Localism. One of its most compelling features is the authors’ insistence that design must articulate its underlying theories of change. As they write: We might argue that not all change unfolds from a careful theory and that many technological transformations have, in effect, used the world as a laboratory – unleashing innovations such as AI without meaningful anticipation of their longterm consequences (Bunz 2019) for communities, local economies, territories and ecosystems. A central challenge for truly thoughtful design lies in the theories of change underpinning our discipline. How might we shift away from dominant narratives rooted in disruption, competition and control over the planet, and instead cultivate ways of living that offer meaningful and sustainable alternatives for future development? Rather than offering definitive answers to questions that exceed the scope of this work, we aim to sketch a set of initial principles for advancing a more attentive and responsive mode of design – one that remains conscious of its planetary reverberations. We hope these reflections can support both a way of thinking and a form of praxis grounded in a commitment to the fragility of our environments and the possibility of co-inhabiting a shared world. Towards an Ethics of Care: Beyond the Anthropocentric Future A key initial task is to challenge the notion that design is merely a process of appropriating nature – its materials, energies and logics – and transforming this supposed exteriority into a domain of cultural interiority. Such a view not only narrows the field of action for future designers but also reinforces a modern ontological divide between nature and culture. The idea of nature as external, inert and reversible – existing separately from and indifferent to human activity – has become increasingly untenable in light of the Anthropocene (Bonneuil and Fressoz 2013). Yet more than just a name for human impact, the Anthropocene invites a shift towards a planetary perspective: one that foregrounds the entangled, co-constitutive dynamics between human and more-than-human forces across geophysical, political and epistemic terrains (Clark and Szerszinsky 2021). From this planetary standpoint, Earth’s metabolism can no longer be understood as apart from the transformations enacted
48Martín Tironi und Marcos ChiletDesigning with Care by the anthropos – transformations that are neither universal nor neutral, but tied to specific civilisational models, geopolitical asymmetries, extractive regimes and modes of life that must now be interrogated through design. Bruno Latour has referred to this shift as the emergence of a post-natural era – an ontological condition in which the traditional idea of nature as wild, pure, external and universal becomes increasingly untenable. In the face of mounting evidence of the irreversible entanglement between human and more-than-human systems – climate change, biodiversity loss, toxic pollution, planetary urbanisation – the distinction between nature and culture begins to collapse (Latour 2017). The post-natura condition thus signals not merely a historical turning point, but a fundamental reconfiguration of how we conceive of life, agency and responsibility in a damaged world. In this broader context of carelessness, with its unpredictable consequences for the Earth, for the first time in history, human ways of life have become a direct threat to the continuing existence of the multiple forms of life that inhabit the world. It is therefore urgent to identify narratives and actions that are capable of helping us imagine and materialise futures of coexistence. This ethical approach to design faces significant challenges in forming new designers. In the Latin American context, particularly in Chile, design is still widely perceived as a link in the capitalist value chain. Its strategic and systemic dimensions remain under-recognised (Tironi and Chilet 2023). As design students begin to comprehend the challenges posed by the ongoing ecological crisis, they must also reconcile this ethical awareness with a professional environment that offers limited opportunities – and with public and private sectors that continue to operate through extractivist or precarious logics. Design, as a discipline, has yet to realise its full capacity to catalyse transitions. In what follows, we aim to explore two dimensions beyond conventional understandings of design as a discipline focused solely on producing goods and consumer products. We seek to demonstrate how design can function as an articulator of new worlds, practices and collaborations, centred on an ethic of care or carefulness. First, we consider the possibility of a new pact with the world of objects and our material and everyday relations. Second, we reflect on the care of potential futures as a critical domain for tomorrow’s design. A New Pact with Objects As Deleuze and Guattari argue in A Thousand Plateaus (1987), capitalism functions as a system that transforms exteriority into interiority, governed by its own logics. This interiority may be understood as the «immunological system» (Sloterdijk 2005) that the West has constructed since the expansion of the Industrial Revolution, or as the economic frontiers that have historically benefited from centuries of colonial
49 swissfuture 01/25 extraction. These forms of capitalism have consolidated what has been referred to as a throwaway society (Dant 2019), in which objects are created to be discarded as waste or refuse and citizens are relegated to the role of «users», enmeshed in a purely transactional relationship with consumer goods. Within this context, maintenance, care and repair practices are not afforded significant social recognition. Such activities are consistently undervalued within contemporary lifestyles. In contrast to the prestige attributed to innovation, maintenance work is commonly viewed as a necessary evil or as menial labour – time-consuming tasks that detract from supposedly higher or more creative pursuits. As a result, these activities are often performed hastily or outsourced to others, allowing individuals to focus on work perceived as more intellectually or culturally rewarding. Unsurprisingly, a significant portion of care and maintenance labour is carried out by domestic workers – those who occupy the lowest positions in the social hierarchy (Denis and Pontille 2022). In a world marked by ecological, social and technological crises, it becomes increasingly necessary to adopt an ethos of care – not merely as a moral stance, but as a situated practice that interweaves affect, action and relation in the sustaining of life. Acts of maintenance and care represent a deliberate recognition of a fundamental condition of existence: that life is interdependent, vulnerable and constituted through ongoing relational entanglements (De la Bellacasa 2012). Activities such as cleaning, adjusting, assembling, organising, tightening, watering, dusting and caring are not merely routine tasks – they are essential modes of engaging with objects, people and the spaces we inhabit. One key obstacle is cultural: we are socialised into valuing production over repair and care. Yet a technical barrier is also linked to the very design of the objects we use. We often interact with products as though they were genuine «black boxes»: we know the outcome they produce, but not the internal processes through which they operate. One strategy for perpetuating consumption is to render users passive, to ensure that the skills required to access the inner workings of an object are increasingly inaccessible and monopolised by experts (Pontille and Denis 2024; Tironi 2019a). As a result, products acquire an opaque character that precludes repair or maintenance beyond the limits of «user mode». In today’s context, repair and maintenance emerge as responsible actions in the face of an environmental crisis. Numerous civil society groups are reclaiming these practices to promote more ecological lifestyles, generating positive externalities. This phenomenon is evident in the maker movement, DIY cultures, repair cafés, urban gardens and projects aligned with the circular economy. These initiatives encourage creative appropriation, reduce waste, foster collaboration and facilitate knowledge exchange, blurring traditional boundaries between expert and lay knowledge (Tironi 2019b). Notably, some of the most relevant forms of creativity and
50Martín Tironi und Marcos ChiletDesigning with Care innovation often occur after products leave the R&D laboratory and enter the world, precisely when encountering new contexts, improvisations and problems through user appropriation. Through repair and maintenance, artefacts and environments shift from being perceived solely as matters of fact – sealed off from public scrutiny – to becoming sites for experimentation, engagement, learning and the acquisition of new competences. Ultimately, learning to relate actively to the objects surrounding us calls for a renewed pact with objects – one in which care for the material world becomes an extension of our concern for complex and interdependent human and non-human systems. Following Baptiste Morizot (2016), this care-orientated stance can be understood as a form of diplomacy: a practice of negotiation and attention that seeks to compose liveable futures among divergent ways of existing on Earth. If design has traditionally aimed to shape more «human» futures – often privileging white men while deeply impacting the planet’s ecologies – a key challenge for decolonial design lies in recognising that futures are not exclusively created by humans or for humans. Caring for Modes of Becoming A second dimension of care involves extending the question beyond the immediate and present to protect potential becomings or futures. The potential within each being must not be arbitrarily dismissed or rendered invisible by the machinery of capitalist consumption. What possible futures is design obstructing? How might we care for something that remains in a state of potentiality? According to design philosopher Tony Fry (2012), one of design’s fundamental qualities lies in its capacity to project the relationship we establish with the world. From this perspective, design’s central challenge is creating open futures marked by multiplicity and the capacity for transformation. In other words, design must create the conditions for futuring. Fry argues that design should be understood as an ontological practice (Escobar 2018; Fry 2012) – a mode of action capable of shaping forms of existence in the world and contributing to developing ecological sensibilities. As such, the multiple becomings or futures that emerge must be protected from reductionist forces that constrain both our becoming and that of others. In recent years, there has been a renewed interest in understanding the methodological (Smith et al. 2016), political (Mazé 2019) and speculative (Kjærsgaard and Boer
51 swissfuture 01/25 2016) capacities of design to articulate and shape sustainable futures. The initiatives emerging from these frameworks are not primarily focused on the production of clearly defined objects, but rather on generating reflective processes that challenge dominant cultural imaginaries and imagine new forms of coexistence – opening space for more equitable, situated and affective relationships. In dialogue with the principles of Buen Vivir (Escobar 2018), these practices seek to reorientate design towards sustainable and relational ways of life, recognising the potential of design to foster alliances and more reciprocal relations with the environments we inhabit. If design has traditionally aimed to shape more «human» futures – often privileging white men while deeply impacting the planet’s ecologies – a key challenge for decolonial design lies in recognising that futures are not exclusively created by humans or for humans. Instead, they must be imagined as multispecies, shared futures, co-designed with technological agencies, plants, viruses, telluric forces, rivers, ancestral traditions and more. Attending to the world-making capacities of diverse entities (Tsing 2015) is not merely an ethical imperative or a gesture of humility – it is a generative orientation that opens up possibilities for more just and sustainable modes of coexistence (Tironi 2024). Conclusion: Towards a Pedagogy of Carefulness Educating «care-full» designers requires the development of technical skills and the ability to situate practice within specific ecological, political and epistemological contexts. It also demands the cultivation of critical attitudes towards dominant imaginaries of progress, and the fostering of design cultures attentive to fragility, interdependence and the plurality of ways of being. Crucially, this means embracing a transscalar perspective that acknowledges how design practices are entangled in networks of effects that stretch across bodies, infrastructures, territories and species. As Anna Tsing (2015) reminds us, living in the ruins of capitalist progress entails learning to notice and care for the interdependencies that compose our world, however contingent or unstable they may be. In this light, design education must train sensitivity to these more-than-human entanglements and the situated negotiations they require. A key challenge remains: bridging the gap between theoretical and methodological debate and the professional realities designers encounter, so they are equipped to intervene in real-world processes using the conceptual tools the academic design community is striving to develop.
52Martín Tironi und Marcos ChiletDesigning with Care Referenzen Binder, T., E. Brandt, P. Ehn and J. Halse (2015): Democratic Design Experiments: Between Parliament and Laboratory, in: CoDesign 11(3–4): 152–165. Bonneuil, C. and J. Fressoz (2013): L’événement anthropocène: la Terre, l’histoire et nous. Paris: Le Seuil. Bunz, M. (2019): The Calculation of Meaning: On the Misunderstanding of New Artificial Intelligence as Culture, in: Culture, Theory and Critique 60(3–4): 264–278. https://doi.or g/10.1080/14735784.2019.1667255. Chilet, M., M. Tironi, I. Nicenboim and J. Lindley (2024): Designing with Planetary Artificial Intelligence (93–104), in: A. Poikolainen Rosén, A. Salovaara, A. Botero and M. L. J. Søndergaard (eds.): More-than-Human Design in Practice. London / New York: Routledge. https://doi. org/10.4324/9781003467731-9. Clark, N. and B. Szerszinsky (2021): Planetary Social Thought: The Anthropocene Challenge to the Social Sciences. London: Polity Press. Crawford, K. (2021): Atlas of AI: Power, Politics, and the Planetary Costs of Artificial Intelligence. New Haven: Yale University Press. Dant, T. (2019): Inside the Bicycle: Repair Knowledge for All (283–312), in: I. Strebel, A. Bovet and P. Sormani (eds.): Repair Work Ethnographies. Singapore: Palgrave Macmillan. De la Bellacasa, M. P. (2012): «Nothing Comes Without Its World»: Thinking with Care, in: The Sociological Review 60(2): 197–216. Deleuze, G. and F. Guattari (1987): A Thousand Plateaus: Capitalism and Schizophrenia (trans. B. Massumi). Minneapolis: University of Minnesota Press. Denis, J. and D. Pontille (2022): Le soin des choses: Politiques de la maintenance. Paris: La Découverte. Domínguez Rubio, F., J. Denis and D. Pontille (eds.) (2025): Fragilities: Essays on the Politics, Ethics, and Aesthetics of Maintenance and Repair. Cambridge, MA: MIT Press. Descola, P. (2015): Par-delà nature et culture. Paris: Gallimard. Dunne, A. and F. Raby. (2013): Speculative Everything: Design, Fiction, and Social Dreaming. Cambridge, MA: MIT Press. Escobar, A. (2018): Designs for the Pluriverse: Radical Interdependence, Autonomy, and the Making of Worlds. Durham, NC: Duke University Press. Fry, T. (2012): Becoming Human by Design. London: Bloomsbury. Giaccardi, E. and J. Redström (2020): Technology and More-than-Human Design, in: Design Issues 36(4): 33–44. https://doi. org/10.1162/desi_a_00612. Haraway, D. J. (2016): Staying with the Trouble: Making Kin in the Chthulucene. Durham, NC: Duke University Press. Hermansen, P. and M. Tironi (2018): Impugnaciones pedagógicas: prototipado interespecies y encuentros cosmopolíticos, in: Diseña 12: 197–227. Ingold, T. (2013): Making: Anthropology, Archaeology, Art and Architecture. London / New York: Routledge. Irwin, T. (2015): Transition Design: A Proposal for a New Area of Design Practice, Study, and Research, in: Design and Culture 7(2): 229–246. Irwin, T., C. Tonkinwise and G. Kossoff (2020): Transition Design: An Educational Framework for Advancing the Study and Design of Sustainable Transitions, in: Cuadernos del Centro de Estudios en Diseño y Comunicación (105): 31–65. Kjærsgaard, M. G. and L. Boer (2016): The Speculative and the Mundane in Practices of Future-Making – Exploring Relations Between Design Anthropology and Critical Design (117–132), in: R. C. Smith, K. T. Vangkilde, M. G. Kjærsgaard, T. Otto, J. Halse and T. Binder (eds.): Design Anthropological Futures. London: Bloomsbury Academic. Latour, B. (2017): Facing Gaia: Eight Lectures on the New Climatic Regime. New York: John Wiley & Sons. Mazé, R. (2019): Politics of Designing Visions of the Future, in: Journal of Futures Studies 23(3): 23–38. Mejías, U. A. and N. Couldry (2024): Data Grab: The New Colonialism of Big Tech and How to Fight Back. Chicago: University of Chicago Press.
53 swissfuture 01/25 Morizot, B. (2016): Les Diplomates: Cohabiter avec les loups sur une autre carte du vivant. Marseilles: Wildproject. Sloterdijk, P. (2005): En el mundo interior del capital: Para una teoría filosófica de la globalización (trans. I. Reguera). Madrid: Siruela. Smith, P., J. Ballie and L.-S. McHattie (2017). Sustainable Design Futures: An Open Design Vision for the Circular Economy in Fashion and Textiles, in: The Design Journal, 20(sup1): S1938–S1947. Smith, R. C., K. T. Vangkilde, M. G. Kjærsgaard, T. Otto, J. Halse and T. Binder (eds.) (2016): Design Anthropological Futures. London: Bloomsbury Publishing. Tironi, M. (2017): Repensando la política desde el diseño (y el diseño desde la política), in: Diseña 11: 37–45. Tironi, M. and P. Hermansen (2018): Cosmopolitical Encounters: Prototyping at the National Zoo in Santiago, Chile, in: Journal of Cultural Economy 11(4): 330–347. Tironi, M. (2019a): Inquiring and Experimenting with Urban Ecology: Pragmatist Lessons from Public Bicycle Repair (187–219), in: I. Strebel, A. Bovet and P. Sormani (eds.): Repair Work Ethnographies. Singapore: Palgrave Macmillan. Tironi, M. (2019b): Vidas desechables, in: Revista Universitaria (155): 44–47. Tironi, M. (2024): How to Become Terrestrial: Design for Planetary Habitability (274–293), in: H. Palmarola, P. Alonso and E. Medina (eds.): How to Design a Revolution: The Chilean Road to Design. Lars Müller Publishers: Zurich. Tironi, M. and M. Garretón (in press): Terrestrial Visualizations of Artificial Intelligence: Interventions for a Design of Planetary Excesses, in: Sciences du Design (22). Tsing, A. L. (2015): The Mushroom at the End of the World: On the Possibility of Life in Capitalist Ruins. Princeton, NJ: Princeton University Press. van Dijck, J. (2013): The Culture of Connectivity: A Critical History of Social Media. Oxford: Oxford University Press. Wakkary, R. (2021): Things We Could Design: For More than Human-Centered Worlds. Cambridge, MA: MIT Press.
55 swissfuture 01/25 Das Zukunftsinterview
62 Studien zur Zukunft der Schweiz Hält das Generationenversprechen in der Schweiz? Institution: Sotomo im Auftrag des Berner Generationenhaus Autor:innen: Lisa Frisch, Michael Hermann, Virginia Wenger Kontakt: [email protected] → Generationenversprechen unter Druck: Immer mehr junge Menschen zweifeln daran, dass es ihnen einmal besser gehen wird als der vorherigen Generation – vor allem in immaterieller Hinsicht. → Zukunftsängste bei der Jugend: Viele Junge fühlen sich machtlos und glauben nicht daran, die Zukunft aktiv mitgestalten zu können. → Wertewandel in der Arbeitswelt: Beruflicher Erfolg wird generationsübergreifend nicht mehr primär durch Status und Macht definiert, sondern durch Sinnhaftigkeit, spannende Aufgaben und Wertschätzung. → Ambivalenz beim Thema Erben: Erbschaften werden als notwendig für den Erwerb von Wohneigentum und zum Aufbau eines Vermögens angesehen. Gleichzeitig erfolgt die Vermögensweitergabe meist spät im Leben. Mit dem Generationen-Barometer 2025 hat das Berner Generationenhaus zum vierten Mal das Forschungsinstitut Sotomo beauftragt, eine repräsentative Studie durchzuführen, die die Befindlichkeiten, Erwartungen und Herausforderungen des Zusammenlebens zwischen Jung und Alt in der Schweiz untersucht. Ziel ist es, die verbindenden und trennenden Elemente zwischen den Generationen aufzuzeigen, gesellschaftliche Entwicklungen früh zu erkennen und Lösungsansätze für ein gelingendes Miteinander zu identifizieren. Gesellschaft und Wandel Breite Zufriedenheit, grosser Zukunftspessimismus: In der Schweizer Bevölkerung paaren sich eine breite Zufriedenheit mit einem ausgeprägten Zukunftspessimismus. Die gute Nachricht vorweg – die Lebenszufriedenheit der Schweizer Bevölkerung ist weiterhin hoch. 87 Prozent sind mit dem eigenen Leben eher oder sehr zufrieden, bei den älteren Menschen sind es sogar 94 Prozent. Weniger erfreulich ist, dass bei den Jüngeren die Unzufriedenheit tendenziell zunimmt (21 %). Gleichzeitig drücken die politische Lage und das Weltgeschehen auf das persönliche Glück aller Generationen (74 %). 71 Prozent der Befragten blicken pessimistisch auf das Jahr 2055, und das besonders unter den Jüngeren (79 %). Das Gefühl mangelnder Einflussmöglichkeiten macht sich breit, junge Menschen haben nicht mehr das Gefühl, die Zukunft der Gesellschaft gestalten und verbessern zu können (88 %). Für viele werden zudem Kriege wahrscheinlicher, 37 Prozent sorgen sich sogar vor einem Angriff auf ein EU-Land. Bruchlinien und Zusammenhalt: Zwei Drittel der Bevölkerung sehen die Schweiz politisch und sozial auseinanderdriften, besonders zwischen politisch links und rechts sowie zwischen arm und reich. Die Hälfte der Befragten stellt ausserdem ein Auseinanderdriften von Stadt und Land fest. Jüngere nehmen Spaltungen stärker wahr, etwa zwischen Stadt und Land und zwischen Jung und Alt. Insgesamt wird der Zusammenhalt hierzulande jedoch etwas besser eingeschätzt als in anderen europäischen Ländern, insbesondere zwischen den Regionen und politischen Lagern. Reformen im Dialog der Generationen: Reformideen, die das Generationenwerk stärken sollen, treffen auf gemischte Reaktionen: Während 76 Prozent das Stimmrecht ab 16 Jahren ablehnen, darunter auch viele Junge – befürworten zwei Drittel einen Gemeinschaftsdienst für alle ab 18 Jahren, wenn auch mit sinkender Zustimmung unter Jüngeren. Bei den Reformvorschlägen zur Altersvorsorge gibt es einen klaren Favoriten; die Lebensarbeitszeit bleibt auch in diesem Jahr mehrheitsfähig (62 %), während die Reduktion der Normalarbeitszeit bei späterem Rentenalter generationenübergreifend abgelehnt wird (64 %). Auch Technologiethemen stossen auf starke Präferenzen. Unter allen Generationen findet ein TikTok-Verbot eine Mehrheit, während das Handyverbot an Schulen sogar von 82 Prozent begrüsst wird. Generationen bei der Arbeit Die Bedeutung von Arbeit und Erfolg: Etwa die Hälfte der Schweizer:innen sieht Arbeit primär Zukunftsstudie
63 swissfuture 01/25 (61 %) gehen. Frühzeitiges Vererben ist selten: Nur 17 Prozent planen dies konkret, die Hälfte lehnt dies jedoch ab. Über den Nachlass der eigenen Eltern sind die Befragten oft nicht gut informiert. Trotz optimistischer Erwartungen birgt die mangelnde Kommunikation über Erbschaftsfragen Konfliktpotenzial: 16 Prozent halten Erbstreitigkeiten für möglich und bei 9 Prozent der Befragten gab es solche bereits. Erbrecht im Wandel: 58 Prozent der Befragten halten den Erwerb von Wohneigentum nur noch für Erbende möglich und eine knappe Mehrheit (54 %) stehen der Aussage, dass auch Personen aus ärmeren Verhältnissen in der Schweiz Vermögen aufbauen können, skeptisch gegenüber – ein kritisches Signal für die soziale Mobilität. Trotzdem bleibt die Einführung einer Erbschaftssteuer umstritten: 57 Prozent der Bevölkerung lehnen sie ab. Eine Erbschaftssteuer mit Freibetrag, der kleinere Vermögen schützen soll, stösst auf breitere Akzeptanz. Über die Höhe des Freibetrags sind sich die Befragten aber uneinig. Auch sollen gewisse Vermögensarten, wie selbstbewohntes Wohneigentum (55 %), oder Vermögen, das an direkte Erben geht, von einer allfälligen Erbschaftssteuer befreit werden. Psychologische Aspekte des Erbens: Neben materiellem Vermögen werden auch Werte, Traditionen und Verhaltensweisen von Generation zu Generation vererbt. 72 Prozent sehen ihre Mutter und 64 Prozent ihren Vater als zentrale Wertevermittler:innen. Selbstständigkeit (34 %) und Ehrlichkeit (33 %) sind dabei die wichtigsten weitergegebenen Werte. Familiäre Umgangsformen und gemeinsame Mahlzeiten stehen bei Familientraditionen im Vordergrund. 55 Prozent fühlen sich zudem verpflichtet, das Ansehen ihrer Familie zu wahren. Insgesamt wird das familiäre Erbe von zwei Dritteln als Bereicherung wahrgenommen – ein starker Ausdruck generationenübergreifender Identität. Access: Generationen-Barometer 2025, Was Jung und Alt bewegt. als Mittel zur finanziellen Absicherung (44 %). Für die andere Hälfte, darunter insbesondere die 18bis 25-Jährigen, stehen immaterielle Aspekte, wie Selbstverwirklichung und Selbstwirksamkeit, im Vordergrund. Faktoren, die einen guten Arbeitsplatz ausmachen, sind hingegen für alle Generationen eher immaterieller Natur, wie ein guter Teamgeist (53 %), eine sinnhafte Tätigkeit (49 %) und Wertschätzung (46 %). Das gute Gehalt wird nur von 32 % der Befragten genannt. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist für viele immer noch herausfordernd: Rund ein Drittel der 26bis 45-Jährigen ist mit der Work-Life-Balance unzufrieden. Beruflicher Erfolg ist vielen wichtig (57 %), wird jedoch zunehmend über Sinn, Verantwortung und Unabhängigkeit definiert – traditionelle Symbole wie Macht und Status verlieren an Bedeutung. Altersdiskriminierung: 43 Prozent der Schweizer:innen haben in den letzten fünf Jahren Altersdiskriminierung erlebt, meist am Arbeitsplatz (72 %). Während sich Jüngere oft nicht ernst genommen fühlen (96 %), erleben ältere Personen weniger Wertschätzung und Ablehnungen bei Bewerbungen. Der Einfluss des eigenen Alters auf Karrierechancen wird dabei unterschiedlich wahrgenommen: Junge sehen eher Vorteile (51 %), Ältere etwas häufiger Nachteile (57 %). Arbeiten im Alter: Die Alterung der Gesellschaft stellt Arbeitsmarkt und Rentensysteme vor Herausforderungen. Es gibt für eine Mehrheit der Gesellschaft gute Gründe, über das Rentenalter hinauszuarbeiten, allen voran wegen der Freude am eigenen Beruf (54 %) und um eine körperliche und mentale Fitness zu bewahren (46 %). Bemerkenswert ist, dass über 46-Jährige viel offener gegenüber einer Arbeit nach dem Rentenalter sind als unter 46-Jährige. Wer heute jung ist, führt gesundheitliche Probleme (> 67 %) und fehlende Energie (> 41 %) als Gründe gegen das verlängerte Arbeiten an. Wer hingegen selbst kurz vor der Pensionierung steht, fühlt sich davon deutlich seltener eingeschränkt. Erben und Vermögensverteilung Vermögensübertragung: Erbschaften sind in der Schweiz oft das wichtigste finanzielle Ereignis im Leben, doch fast zwei Drittel der Bevölkerung haben kein Testament oder Erbvertrag. Das eigene Vermögen soll meist an die Nachkommen (66 %), oder den bzw. die Partner:in Berner Generationenhaus: 12 Erkenntnisse in Infografiken
64Der besondere Tipp Veranstaltungen Seminar Labor mit Utopieverdacht 10. bis 17. August 2025 Burg Rothenfels www.utopieverdacht.space Ausstellung Museum of the Future 29. August 2025 bis 18. Januar 2026 Museum für Gestaltung, Zürich www.museum-gestaltung.ch swissfuture impulse 03/25 Foresight am Fraunhofer ISI – Strukturierte Auseinandersetzung mit komplexen Zukünften 11. September 2025, 12:15 Uhr, online mit Dr. Simone Kimpeler, Leiterin der Abteilung Foresight am Fraunhofer-Institut www.swissfuture.ch/veranstaltungen Kurs Creative Futures 19. und 26. September und 3., 10. und 17. Oktober 2025 ECAL, Renens www.ecal.ch/en/courses-and-research/cas/ creative-leadership/creative-futures Ausstellung Arctic Biodiversity Futures bis 30. September 2025 Science Pavillon UZH, Zürich www.sciencepavilion.uzh.ch/de/austellungen/ arctic-biodiversity.html Ausstellung HILFE, ICH ERBE! bis 26. Oktober 2025 Berner Generationenhaus www.begh.ch/erben swissfuture impulse 04/25 Die Lernplattform der Zukunft. Trends, Technologien und Transformation 4. November 2025, 12:15 Uhr, online mit Sergio Cerminara, MaxBrain AG www.swissfuture.ch/veranstaltungen Der besondere Tipp Thema Ausstellung Hauptsache gesund. Eine Ausstellung mit Nebenwirkungen Bis 26. Oktober 2025 Stapferhaus, Lenzburg www.stapferhaus.ch Nationaler Spitex-Kongress Care@Home 2040 9. September 2025 Stadion Wankdorf, Bern www.spitex-kongress.ch Ausstellung Yes, we care Das neue Frankfurt und die Frage nach dem Gemeinwohl Bis 11. Januar 2026 Museum Angewandte Kunst, Frankfurt www.museumangewandtekunst.de Ausstellung Von Pflege, Wert und Denkmal: For What It’s Worth 5. September 2025 bis 18. Januar 2026 ZAZ Bellerive, Zürich www.zaz-bellerive.ch Buchtipps The Care Collective (2020): The Care Manifesto The Politics of Interdependence London: Verso Books. Samuel Geiser, Heidi Kronenberg, Yoshiko Kusano (2024): Küchengespräche Wer kocht, putzt, wäscht und tröstet? Zürich: Rotpunktverlag.
Gendergerechte Sprache Das swissfuture-Magazin bemüht sich um eine gendersensible Sprache, die alle Menschen in ihrer Vielfalt anspricht und abbildet. Wo neutrale, Dudenkonforme Lösungen nicht möglich sind, wird der Gender-Doppelpunkt eingesetzt. Open Access Policy Das swissfuture-Magazin befolgt die Vereinbarungen für Gold Open Access und bietet damit einen sofortigen freien Zugang zu den Inhalten ab dem Erscheinen der Ausgabe. Autor:innen dürfen ihre Artikel unter einer CC-BY 4.0-Lizenz jederzeit publizieren und sie behalten umfänglich die Verwertungsrechte, wobei die Erstpublikation angegeben werden muss. Sie tragen keine Kosten. Zitierweise Zitate im Text Für eine Literaturangabe ist in Klammern der Nachname des:der Autor:in, das Publikationsjahr sowie (im Fall von direkten Zitaten in Anführungszeichen) die Seitenzahl anzugeben. Wird der Name des Autors bereits im Text genannt, wird nur das Publikationsjahr (und die Seitenzahl) in Klammern angegeben. Beispiele: …Goffman (1974: 274–275)… Literaturverzeichnis Im Literaturverzeichnis werden alle zitierten Werke aufgeführt. Es ist alphabetisch nach den Nachnamen der Autor:innen zu ordnen, deren volle Namen angegeben werden sollten. Zwei oder mehr Werke derselben Autor:in sollten chronologisch nach Publikationsjahr geordnet werden. Beispiele: Monographie – ein:e Autor:in Goffman, Erving (1974): Rahmen-Analyse. Ein Versuch über die Organisation von Alltagserfahrung. Frankfurt: Suhrkamp. Monographie – zwei oder mehr Autor:innen Berger, Peter L. und Thomas Luckmann (1966): The social construction of reality: A treatise in the Sociology of Knowledge. Garden City, NY: Anchor. Sammelband Maso, Ilja (2001): Phenomenology and Ethnography (136–174), in: Paul Atkinson, Amanda Coffey, Sara Delamont, John Lofland und Lyn Lofland: Handbook of Ethnography. London: Sage. Zeitschriftenartikel – ein:e Autor:in Albert, Ernest (2011): Über Backlash, Neukonstellationen und einige Schweizer Wertentwicklungen, in: swissfuture 01/11: 4–7. Zeitschriftenartikel – zwei oder mehr Autor:innen Jensen, Carl J. und Bernhard H. Lewin: The World of 2020: Demographic Shifts, Cultural Change and Social Challenge, in: swissfuture 01/09: 36–37. Zeitungsartikel Wehrli, Christoph (22. Juli 2011): Vielfalt und Gleichheit im Einwanderungsland (S. 11). Zürich: Neue Zürcher Zeitung. Artikel in elektr. Form – Zeitschrift Schnettler, Bernd (2002): Review Essay – Social Constructivism, Hermeneutics, and the Sociology of Knowledge, in: Forum Qualitative Sozialforschung 3(4), http://www.qualitativeresearch.net/index.php/fqs/article/view/785 (27. Juli 2011). Artikel in elektr. Form – Zeitung Dätwyler, Tommy (27. März 2008): Neues Leben auf alten Inkapfaden, in: Neue Zürcher Zeitung, http://www.nzz.ch/magazin/reisen/neues_ leben_auf_alten_inkapfaden_1.695490.html (27. Juli 2011). Informationen auf Website veröffentlicht Bundesamt für Statistik (2010): Szenarien zur Bevölkerungsentwicklung in der Schweiz 2010–2060. Neuenburg: BFS. http://www.bfs.admin.ch/bfs/portal/de/index/ news/publikationen.html?publicationID=3989 (27. Juli 2011).
Warme Fürsorge zu schaffen ist ein Prozess, der Abwägung und Aushandlung erfordert – also Arbeit. Marlene Hobbs Abonnieren Sie das Magazin unter: swissfuture.ch