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1 Der Schnapshund – Artefakt aus Glas, Trinkgefäss oder Kunst? Mit Blick auf Details, die Spuren der Geschichte entziffern. Andrea Arnold Abstract Der mundgeblasene Schnapshund ist ein figürliches Glasgefäss aus dem 18. Jahrhundert. Sein Bauch ist hohl und kann mit Flüssigkeit befüllt werden. Anhand ausgewählter Details begibt sich dieser Text auf drei unterschiedliche Spurensuchen in die Vergangenheit, um auf diese Weise mehr über den Schnapshund zu erfahren. Die im Glas eingeschlossenen Luftblasen zeugen von einem vergangenen Handwerkszweig – aus der Zeit, als sich Glasmacher aus dem süddeutschen Schwarzwald auf der Suche nach neuem Brennholz im Gebiet zwischen Flühli und Sörenberg niederliessen. Eine eingehendere Betrachtung des kurios geformten Ausgusses bringt zu Tage, dass solche figürlichen Glasprodukte ab dem 16. Jahrhundert in geselligen Runden als Scherzgefässe zum Einsatz kamen. Das Detail des Medaillons auf der Brust ist einem ästhetischen Anspruch geschuldet. Es galt, die Einblasstelle der Glaspfeife zu kaschieren. Trotz allen Bemühens um Schönheit kommt diese Untersuchung zum Schluss, dass unser Gegenstand weniger als Kunst, denn als historisches Kunsthandwerk mit Sammlerwert zu betrachten ist. Keywords Glasbläserei, Entlebuch, Flühli-Glas, Handwerk, Kunsthandwerk, Wissenstransfer, Wirtschaft, Alkoholismus, Trinkspiele, Scherzgefässe, Sammeln Dieser Text entstand im Rahmen des Seminars «Sachen machen: Dinge als Quellen der Kulturanalyse» bei Prof. Dr. Marianne Sommer, Universität Luzern; durchgeführt in Zusammenarbeit mit dem Museum Luzern, 2025. Creative Commons Lizenzvertrag Dieses Werk ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung - Nicht kommerziell - Keine Bearbeitungen 4.0 International Lizenz.
2 Der Schnapshund im Museum Luzern Abb. 1: Schnapshund, um 1750-1800, HMLU 01129.1 (Foto: © Museum Luzern, David Nunes) In einer Vitrine neben dem Treppenaufgang ins Obergeschoss des Museums Luzern steht ein kleines Tier aus Glas. Auf den ersten Blick wirkt es unscheinbar. Es ist wohl keine Kostbarkeit. In seiner unmittelbaren Nähe sind weitere Dinge aus Glas zu sehen. Eine Pistole, verschiedenfarbige Scherben und ein kleiner Becher. Nimmt man sich Zeit für einen zweiten Blick, drängen sich Fragen auf. Handelt es sich hier um einen Hund, einen Bären oder gar ein Schwein? Die kleinen Luftblasen im Glas lassen vermuten, dass dieser Gegenstand nicht industriell, sondern manuell angefertigt wurde. Ist es ein Produkt der Glasbläserkunst? Das Hinterteil des Tieres ist zu einem Ausguss geformt. Könnte es sich um ein kleines Trinkgefäss oder eine liegende Karaffe handeln? Mit welcher Flüssigkeit wurde dieses Gefäss wohl befüllt und zu welchem Zweck oder Ritual kam es zum Einsatz? So hübsch wie es aussieht, würde es sich im heimischen Regal auch gut machen. Vielleicht sehen wir hier ein Sammlerstück? Kurz gefragt: Ist dieses Ausstellungsobjekt ein Artefakt aus Glas, ein Trinkgefäss oder handelt es sich gar um Kunst? Wollen wir wissen, ob das Tier ein Artefakt, also ein Objekt früherer Glasherstellung ist, müssen wir nach dessen Materialität und Herstellung fragen. Möchten wir mehr darüber erfahren, in welchem Zusammenhang unser Gegenstand zur Verwendung kam, so haben wir uns mit der Form des Tieres auseinanderzusetzen. Aufschluss darüber, ob es sich bei unserem Objekt um Kunst handelt erhalten wir, wenn wir uns mit dem Sammeln von Dingen und der Ästhetik des Objektes befassen.
3 Glasbläser haben Schnapshunde zwischen zirka 1750-1850 im Alpenraum hergestellt. Im Inventar des Museums Luzern wird die Glashütte Flühli als möglicher Entstehungsort unseres Schnapshundes angegeben. Das gezeigte Exemplar ist 9 cm hoch, 13.5 cm breit und 7.5 cm tief. Der Torso, die Beine und der Kopf sind frei aus Klarglas geblasen, an der breiten Brustpartie ist ein rundes Medaillon angebracht. Der Körper ist frei modelliert und asymmetrisch. Der trompetenförmige Ausguss ist stark nach oben gebogen, der Schwanz zu einem wellenförmigen Trichter geformt. Die zuvor gestellten Fragen nach Materialität, Form und Ästhetik liefern uns drei verschiedene Betrachtungsweisen, anhand derer wir zu weiteren Informationen über den Schnapshund gelangen können. Im Folgenden wollen wir uns anhand dreier konkreter Details der Geschichte des Schnapshundes nähern. Dazu helfen uns die Überlegungen des Kulturtheoretikers Walter Benjamin zur «Strukturbeschaffenheit der Dinge». Diese sollen folgend in aller Kürze vorgestellt werden. Strukturbeschaffenheit der Dinge – An Details die Spuren der Geschichte entziffern Der deutsche Philosoph und Kulturtheoretiker Walter Benjamin (1892-1940) ging davon aus, dass Kultur lesbar ist. Mit Kultur können jegliche Gegenstände, also Dinge, aber auch Texte oder Riten gemeint sein. Anhand der Details des Schnapshunds können wir etwas über die Geschichte des Objekts, aber auch über dessen historischen Kontext erfahren. Benjamin forderte dazu auf, den Details mehr Aufmerksamkeit zu schenken, um durch sie zu neuen Erkenntnissen zu gelangen. Überdies stehen Details nie für sich alleine, sondern sind stets Teil oder Resultat eines grösseren Gefüges, einer Struktur: «Ja, ohne ein zumindest ahnendes Erfassen vom Leben des Details durch die Struktur bleibt alle Neigung zu dem Schönen Träumerei. Struktur und Detail sind letzten Endes stets historisch geladen.» 1 Eine blosse Betrachtung unseres schönen Glashundes bleibt gemäss Benjamin blosse Träumerei, solange wir nicht in Betracht ziehen, in seinen Details Verbindungen zu seiner Geschichte zu suchen. Jedes Detail, so Benjamin, sei immer mit einer bestimmten Struktur verwoben. Eine Struktur kann beispielsweise ein Geflecht von Beziehungen unter Menschen aber auch zwischen Menschen und Dingen sein – ein soziales Geflecht also. Eine Struktur kann relational, zwischen einem einzelnen Objekt und einer Gesamtheit von Objekten, bestehen. Sie kann aber auch, verstanden in einem zeitlichen Sinn, eine Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart darstellen. Diese Strukturen sind zudem nicht als etwas starres zu begreifen. Sie sind beweglich und veränderlich. Sie sind geprägt durch den Wandel der Zeit und die jeweiligen gesellschaftlichen Umstände. Die
4 Struktur der Dinge ist ein Ausdruck der historischen Bedingungen, unter denen Dinge hergestellt und genutzt werden. Benjamin schlägt uns hier ein Lektüreverfahren vor mit einem «Blick […,] der am Detail die historische Ladung wahrnimmt und in den Überresten oder Bruchstücken die Spuren der Geschichte zu entziffern versteht.» 2 Wenn die Dinge also Spuren der Vergangenheit in sich tragen, versuchen wir diese nun am Beispiel des Schnapshundes zu verfolgen. Die Analyse unseres Objekts anhand drei ausgewählter Details macht es notwendig, in drei Einzelschritten jeweils nur eine Facette zu betrachten und weitere Details vorerst auszublenden. Das Detail dient uns dabei als Einstiegspunkt und ermöglicht das Stellen spezifischer Fragen, um die vielgestaltige Geschichte des Schnapshundes zu erschliessen. Erstes Detail sind die Lufteinschlüsse, die im Material des Glases sichtbar sind. Zum Zweiten ist dies der Ausguss am Hinterteil des Glashundes. Als drittes Detail fungiert das leere Siegel an der Brust des Tieres. Erstes Detail: Die Lufteinschlüsse im Glas Abb. 2: Detail Schnapshund, um 1750-1800, HMLU 01129.1 (Foto: © Museum Luzern, David Nunes) In einer näheren Betrachtung der Materialbeschaffenheit des Schnapshundes fällt auf, dass im Glas unzählige kleine Luftblasen, sogenannte Lufteinschlüsse zu sehen sind. Heutige, industriell gefertigte Glasprodukte weisen keine solchen Luftblasen mehr auf. Dies legt nahe, dass das Glastier aus manueller Herstellung stammt. Insbesondere beim mundgeblasenen Glas sind solche Lufteinschlüsse charakteristisch. Das Inventar des Museums Luzern verortet als möglichen Herstellungsort unseres Schnapshundes die Glashütte Flühli, daher lohnt es sich, diesen genauer unter die Lupe zu nehmen. Im 15. Jahrhundert entstanden überall in Europa Produktionsstätten, die
5 Glas für den täglichen Gebrauch produzierten. Die Glashütten waren meist in abgelegenen Waldgebieten angesiedelt, da sie grosse Mengen an Holz für ihre Brennöfen benötigten. Als Hauptlieferanten für Glaswaren belieferten sie das Umland und die Städte bis ins späte 18. Jahrhundert. 3 Die Glasmacherfamilie Siegwart aus dem süddeutschen Schwarzwald errichtete 1723 im Südel, zwischen Flühli und Sörenberg, eine solche Glashütte. Sie legte damit im luzernischen Entlebuch den Grundstein für ein florierendes Glasgewerbe, das über die Region hinaus Bekanntheit erlangte. Über mehrere Generationen hinweg zählte dieser Betrieb zu den bedeutendsten des Landes. 4 An verschiedenen Standorten im Entlebuch produzierten die Siegwarts mit Hilfe anderer Glasmacherfamilien eine breite Palette an Glasprodukten, welche heute unter dem Begriff Flühli-Glas bekannt sind. 5 Dazu gehörten Becher, Kelchgläser, Grünund Massflaschen, Taufflaschen, Karaffen, Schnapsflaschen, Korbflaschen, Parfumflacons, Krüge, Kännchen, Schüsseln, Schalen, Tassen, Vasen, Fensterglas und auch Aufbewahrungsbehältnisse für den Apothekerbedarf. 6 Mit den geschäftstüchtigen süddeutschen Glasfachleuten kam ein neuer Wirtschaftszweig und somit neues Know-how ins Entlebuch. Glasmeister und Gesellen aus ganz Europa kamen hierher, um ihr Glasbläserhandwerk auszuüben. Die Firma Siegwart bezog auch Einheimische in den Produktionsprozess mit ein. Als Waldarbeiter, Flösser, aber auch als Hilfspersonal wie Sandwäscher oder Holzhacker fanden die Entlebucher eine ergänzende Verdienstmöglichkeit zur Landwirtschaft. Zudem überliessen die auswärtigen Glasmeister den Entlebuchern den gesamten Glashandel, wodurch die Hütte trotz schlechter Strassenverhältnisse schon bald florierte. 7 Im Zuge der Industrialisierung und mit der Umstellung von Holz auf Kohle als Brennstoff, siedelten sich die Glashütten vermehrt entlang des Schienennetzes oder der Wasserwege an. Die Hütten in abgelegenen Waldregionen stellten nach und nach ihren Betrieb ein. 1817 eröffneten die Gebrüder Siegwart einen Betrieb in Hergiswil am See im Kanton Nidwalden. 8 Schnapshunde waren zwar nicht Teil der Produktepalette für alltagsgebräuchliches Glas, ihre Herstellung gehörte jedoch zum glasbläserischen Repertoire. Über eine Zeitspanne von ungefähr Mitte des 18. bis Mitte des 19. Jahrhunderts lösten sich verschiedene Formvarianten und Macharten ab. Der im Museum ausgestellte Schnapshund gehört zu den früheren Exemplaren. Anhand eines ähnlichen Objekts, beschriftet mit einer Inschrift und einem Jahresdatum, können wir mit grosser Wahrscheinlichkeit sagen, dass unser Schnapshund um die Mitte des 18. Jahrhunderts entstanden ist. 9 Ob Glasbläser diese Spielereien aus lauter Freude an der eigenen Kunstfertigkeit oder vielleicht als Zeitvertreib während der Arbeitspausen 10 formten, lässt sich aus den vorhandenen Quellen nicht erschliessen.
6 Entweder gelangten die Schnapshunde als Handelsware in die Schweiz oder sie wurden infolge eines Wissenstransfers vor Ort angefertigt. Für unser Exemplar ist nicht bestätigt, ob es aus Flühli stammt, also als Flühli-Glas gelten darf. Der Luzerner Kunsthistoriker und frühere Direktor des damaligen Historischen Museums Heinz Horat hat sich umfassend mit dem Flühli-Glas und seiner Geschichte befasst. Mit der jahrhundertealten Wanderschaft der Glasmeister und ihres Gefolges hat auch eine Wanderschaft von Glasprodukten, Herstellungstechniken, Dekorationspraktiken und Motiven stattgefunden. 11 In den Glashütten tradierten die Handwerker die Blasund Ziertechniken über Generationen hinweg. Aus diesem Grund wiederholen sich dieselben Formen, Farben und Themen im ganzen Alpenraum. 12 Dies erschwert eine zweifelsfreie Zuordnung unseres Glashunds zu einer bestimmten Glashütte. Auch der emeritierte Luzerner Kantonsarchäologe Ebbe Nielsen betont die Ungewissheit darüber, ob die Siegwarts im Entlebuch tatsächlich Schnapshunde produziert haben. Er bezieht sich dabei auf Forschungsergebnisse aus Ausgrabungen der 1980er Jahre im Gebiet Flühli. 13 Dort seien zwar keine Belege gefunden worden, die für eine Entlebucher Schnapshund-Produktion sprechen. Nachgewiesen sei die Produktion von Schnapshunden in Süddeutschland sowie in Kramsach, Österreich. Diese würden allgemein als alpenländisch bezeichnet. Da Schwarzwälder Glasfachleute mit dem entsprechenden Wissen aber ins Entlebuch übersiedelten, sei eine dortige Produktion von Schnapshunden nicht ganz auszuschliessen. 14 Die Herstellungsidee, das originale Muster des Schnapshundes, dürfte also aus dem südlichen Deutschland stammen. Die heute noch in grosser Zahl vorhandenen Schnapshunde in Privatbesitz, aber auch in den Innerschweizer Museen in Hergiswil am See, im Entlebuch, in Luzern oder Beromünster zeugen davon, dass diese bei der Käuferschaft begehrt waren. Die hohe Nachfrage hätte eine Produktion vor Ort plausibel gemacht. Dennoch sind im Warenkatalog der Compagnie Siegwart aus dem Jahre 1857 keine Schnapshunde als Produkte aufgeführt. 15 Walter Benjamins Methode einer Detailbetrachtung hat unsere erste Recherche in Richtung Materialität und Produktion geführt. Wir haben erfahren, unter welchen historischen Bedingungen unser Schnapshund hergestellt wurde. Dieser steht in Verbindung mit einem vergangenen Handwerk, welches die wirtschaftlichen Strukturen einer ganzen Region verändert und geprägt hat. Die Spur der Luftbläschen führte uns zwar zu den Glasbläsern ins Entlebuch, erbrachte aber keine abschliessende Antwort auf die Frage, ob unser Glashund dort hergestellte wurde, oder gar von den Glashütten der Familie Siegwart stammt. Anhand eines weiteren Details und einer neuen Blickrichtung wollen wir uns nun damit auseinandersetzen, in welchem Kontext unser Schnapshund zum Einsatz kam. In Bezug
7 auf seine Funktionsweise und seinen Gebrauchskontext spielt die Form eine entscheidende Rolle. Zweites Detail: Der trompetenförmige Ausguss In der Literatur herrscht Unklarheit darüber, zu welchem Zweck Schnapshunde verwendet wurden. Der Name selbst legt nahe, dass man sie mit gebrannten Wassern füllte. Um jedoch als Schnapsflaschen zu gelten, müssten sie verschliessbar sein. Dies ist bei unserem Exemplar nicht der Fall. Stattdessen stellt uns die wellenförmige Trichterform des Ausgusses vor ein weiteres Rätsel. Anhand dieses Details wollen wir uns der Geschichte des Schnapshundes weiter nähern. Abb. 3: Detail Schnapshund, um 1750-1800, HMLU 01129.1 (Foto: © Museum Luzern, David Nunes) Führen wir unsere Recherche über den Kontext der lokalen Glasproduktion und der Zuordnung zu Flühli-Glas hinaus, finden wir den Schnapshund im Zusammenhang mit weiteren fantasievollen Dingen aus Glas wieder: mit den sogenannten Scherzgefässen. Figürliche Trinkgefässe waren im südlichen Deutschland der frühen Neuzeit sehr beliebt. Dass solch kurios geformte Gefässe nicht nur zur Schau gestellt wurden, sondern auch zum «Vollsaufen» bestimmt waren, bezeugt das tadelnde Zitat des Wismarer Pastors Michael Freud aus dem Jahre 1682: «Die Welt-Kinder und Sauff-Helden heutiges Tags sauffen auß […] ungewöhnlichen bißweilen ungeheuren Trinckgeschirren, die der Teuffel erdacht hat mit grossem Mißfallen Gottes im Himmel; gerad, als wann sich die Narren sonst nicht könten vollsauffen auß gebräuchlichen Gefässen.» 16
8 Bis heute sind zahlreiche solche «ungeheure Trinkgeschirre» erhalten. Deren Produktion reicht bis ins 16. Jahrhundert zurück. Es handelt sich dabei nicht nur um eine breite Palette an tierischen Figuren, zu denen die Schnapshunde gehören, sondern es finden sich auch Pistolen, Hörner, Stiefel, menschliche Körper, bisweilen sogar Geschlechtsteile. 17 Scherzgefässe konnten also durchaus anzüglich sein. Unser Detail, der trichterförmige Schwanz des Schnapshundes, diente als Trinköffnung, was zu derben Sprüchen angeregt haben dürfte. Zudem erzeugte das Trinken aus dem tierförmigem Gefäss vermutlich ein gluckerndes Geräusch. 18 Im süddeutschen Raum ist für das 16. Jahrhundert die Gepflogenheit belegt, Gäste mit einem feuchtfröhlichen Willkommensritual zu begrüssen. Bei solchen Gelegenheiten kamen diese variantenund trickreichen Trinkgefässe zum Einsatz. Eine bedeutende Rolle kam den Scherzgläsern innerhalb der Zünfte zu. Diese bedienten sich für ihre ausgelassenen rituellen Trinkbräuche auch entsprechender Gefässe. Ob als Willkommensritual in geselligen Runden oder als Trinkgebrauch der Zünfte, die ungewohnte Form der Trinkgefässe forderte die Geschicklichkeit der Trinkenden heraus. 19 Dabei galt die Pflicht, das Gefäss auf ex auszutrinken. 20 Auf dem Torso eines Schnapshundes aus der Sammlung des Schweizerischen Landesmuseums, welcher der Form unseres ausgestellten Schnapshundes nahekommt, ist folgender Trinkspruch zu lesen: «Ich bin ein ber und nicht ein gans, drinck mir aus dem schwantz 1769.» 21 Der Spruch animierte die Trinkenden, mit einem Bärendurst und entsprechender Entschlossenheit das Gefäss in einem Zug leerzutrinken, ein schluckweises Trinken wie eine Gans hingegen war verpönt. Dieser Trinkspruch zeigt auf, dass Schnapshunde und die damit verbundenen Trinkrituale auch im 18. Jahrhundert noch gepflegt wurden. Abb. 4: Schnapshund, 1769, SLM Nr. 404 Inv. 879, Schweizerisches Landesmuseum Die Trinkerfahrung und die mögliche Geräuscherzeugung der Flüssigkeit können an unserem Objekt leider nicht getestet werden. Mit etwas Vorstellungkraft kommen wir
9 trotzdem zum Schluss, dass sich das Austrinken in einem Zug ziemlich schwierig gestaltete. Das Gefäss hat keinen Henkel. Wie ist es also zu halten? Auch ist schwer einzuschätzen, wie gross sein Fassungsvermögen ist. Wer daraus trinken wollte, sollte das Gefäss besser gut studiert haben. Denn die merkwürdige Form verunmöglicht einen intuitiven Gebrauch. Wie schnell und wie stark kann man es neigen, bevor einem die Flüssigkeit über das Gesicht läuft? Zusätzlich zwingt der nach oben gebogene trichterförmige Ausguss die Trinkenden in eine unbequeme Trinkhaltung. Geschicklichkeit war gefordert und für Unterhaltung und Gelächter sicherlich gesorgt. Walter Benjamins Vorgehensweise, im Detail eines Objekts nach Spuren der Vergangenheit zu suchen, führte uns zu einer eingehenderen Analyse des Ausgusses und seiner Funktion. Wir kamen zum Ergebnis, dass es mit vergangenen sozialen Praktiken spezifischer gesellschaftlicher Gruppen in Verbindung steht. Im Gebrauch des Schnapshundes verdeutlicht sich zudem eine wechselseitige Verflechtung zwischen Mensch und Glasobjekt. Unser drittes Detail, das leere Siegel, führt im letzten Analyseschritt zur Frage der Schönheit, der Ästhetik des Gegenstands. Wir versuchen zu erschliessen, was den Schnapshund für Sammler:innen so reizvoll macht. Drittes Detail: Das leere Siegel Abb. 5: Detail Schnapshund, um 1750-1800, HMLU 01129.1 (Foto: © Museum Luzern, David Nunes) Schauen wir uns den Schnapshund zum Schluss von vorne an. Am Torso des Tieres fällt ein dort angebrachtes rundes Medaillon auf. Es ist weder beschriftet, noch mit einem Symbol versehen. Welchen Zweck soll dieses Detail erfüllen? Ist hier im Lauf der Zeit ein gestalterisches Element verloren gegangen? Zeugt dieses medaillenförmige Detail von einem ästhetischen Anspruch?