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1 Pater Beat’s Elixir Globale Verflechtungen einer gescheiterten Cholera-Arznei Jennifer De Biasio Abstract Die Asiatische Cholera hielt Ärzte und Behörden in Europa im 19. Jahrhundert beschäftigt – die Versuche, sie regional einzudämmen, und die Suche nach spezifischen Heilmitteln verliefen nur bedingt erfolgreich. Mit der Einführung der Patente versuchte eine Luzernerin um die Jahrhundertwende ein neues Arzneimittel zu kommerzialisieren, das sich auf eine angeblich lange Tradition berufen konnte und scheinbar schon im 17. Jahrhundert als Spezifikum gegen die Asiatische Cholera zum Einsatz gekommen war: Pater Beat’s Elixir. Die Geschäftsidee scheiterte – die Nachfrage war Anfang des 20. Jahrhunderts nicht mehr gegeben und die Wirksamkeit wegen ausbleibender Fälle nicht überprüfbar. Trotz des Scheiterns gibt uns das Mittel heute Aufschluss über globale und soziale Verflechtungen in der Krankheitsund Medizingeschichte, die Entstehung eines Arzneimittels und die Wege, die zum Erfolg oder Scheitern eines solchen Mittels führten. Keywords Angélique am Rhyn, Cholera, Arznei, Luzern, Patent, Verflechtung Dieser Text entstand im Rahmen des Seminars «Sachen machen: Dinge als Quellen der Kulturanalyse» bei Prof. Dr. Marianne Sommer, Universität Luzern; durchgeführt in Zusammenarbeit mit dem Museum Luzern, 2025. Creative Commons Lizenzvertrag Dieses Werk ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung - Nicht kommerziell - Keine Bearbeitungen 4.0 International Lizenz.
2 Pater Beat’s Elixir – Globale Verflechtungen einer gescheiterten CholeraArznei Im Museum Luzern liegen in einer Schublade bei den Haushaltswaren zwei unscheinbare kleine Rollen in einer weissen Kartonschachtel. Die Rollen bestehen aus vergilbtem und verflecktem Papier; die eine ist aufgerissen, darunter schimmern ein weiteres Stück helleres Papier und eine bräunliche Flasche hervor. Auf dem Etikett steht geschrieben: «Pater Beat’s Elixir. (P. Beat’s Elixir) Schutzmarke No. 6047 Luzern – Schweiz.» Zusätzlich ist darauf ein Wappenschild mit gehörntem Helm und Schlüssel abgebildet. Die beiden Rollen wurden laut der Inventarinformationen vom Museum 1965 aus dem Nachlass der Luzerner Familie Am Rhyn 1 erworben. Abb. 1: Zwei Fläschchen Pater Beat’s Elixir, hergestellt von Angélique am Rhyn. Die Arznei besteht aus der Schutzmarke, einer dicht zusammengerollten Packungsbeilage und einer Glasflache mit einer rötlich-braunen Flüssigkeit, HMLU 01900.066 (© Museum Luzern, Foto David Nunes) Worum es sich bei diesen Fläschchen genau handelt, wird erst ersichtlich, wenn man die Packungsbeilage liest, die eng zusammengerollt zwischen Flasche und Verpackungspapier verborgen ist. In einer der beiden kleinen Glasflaschen sieht man die eingetrockneten, kristallinen Reste einer bräunlich-roten Flüssigkeit. Entrollt man die Packungsbeilage, so erfährt man, dass es sich bei dem Elixier um ein Mittel gegen die
3 Asiatische Cholera handelt, das von einer gewissen Angélique am Rhyn (1864–1953) hergestellt wurde. Die Packungsbeilage auf Deutsch und Französisch enthält die Gebrauchsanweisung und bewirbt die vermeintlich lange Tradition des «Präservativund Heilmittel[s]» als effizientes Mittel gegen «Choleraund Fieber-Epidemien», das «in keinem Hause fehlen [sollte]». Abb. 2: Gebrauchsanweisung des Elixiers, HMLU 01900.066 (© Museum Luzern) Als Autorität für die Wirksamkeit des Mittels wird der «Missionär, P. Beat» genannt, der «das Recept vom Jahre 1673 ausschliesslich aus vegetalischen Ingredienzen hergestellt» und «in China mit grossem Erfolge in Cholera-Epidemien angewandt» habe. Ausserdem sei es auch in den 1830er-Jahren «wieder mit günstigen Resultaten» eingesetzt worden. 2 Auf den ersten Blick scheint also klar, worum es sich bei dem Objekt handelt, wie es entstand und wie es in das Museum gelangt ist. Doch folgt man den einzelnen Elementen auf der Verpackung und der Packungsbeilage, zeigt sich einerseits eine spannende Verflechtung verschiedener Zeiten, geografischer Räume und gesellschaftlicher Schichten. Ausserdem wird deutlich, dass das Narrativ der Packungsbeilage als geschickte Inszenierung eines Heilmittels anzusehen ist, das laut aufgefundenen Korrespondenzen zwischen der Herstellerin, der Luzerner Oberschicht und verschiedenen Ärzten so gar nicht getestet werden konnte. Die einzelnen Verflechtungsstränge werden im Folgenden vom Objekt ausgehend dargestellt. Sie bilden zwei Spuren, die einerseits durch die Figur des jesuitischen Missionars Pater Beat
4 Amrhyn im 17. Jahrhundert von Luzern in die Welt und andererseits im beginnenden 20. Jahrhundert durch die verarmte Patrizierin Angélique am Rhyn zurück nach Luzern führen. Das Quellenmaterial zur Asiatischen Cholera und dem «Elixir» aus dem 19. und 20. Jahrhundert wurde grösstenteils selbst erschlossen. 3 Aus Luzern in die Welt: Pater Beat und die jesuitische Mission im 17. Jahrhundert Der Garant für die Wirksamkeit des Cholera-Elixiers ist Pater Beat, ein jesuitischer Missionar des 17. Jahrhunderts. Dabei dürfte es sich um Beat Amrhyn (oder am Rÿn, 31.10.1632–15.04.1673) handeln. Er absolvierte das Jesuitenkollegium in Luzern und trat anschliessend dem Jesuitenorden bei. 1661 erhielt er in Bayern die Priesterweihe und wurde anschliessend Lehrer in den Kollegien Dillingen und Konstanz, bevor er an den Universitäten in Ingolstadt und Bayern Mathematikprofessor, Dozent für Scholastik und Philosophie wurde. Ab 1661 stellte er mehrere Gesuche, um als Missionar nach China entsandt zu werden, bis er 1671 schliesslich zum Hofmathematiker am Kaiserhof in Peking bestimmt wurde, den er allerdings nie erreichte. Er reiste vom Tirol aus nach Lissabon, wo er ein Jahr lang auf die Überfahrt nach China wartete und in dieser Zeit an den Universitäten in Evora und Coimbra Vorlesungen hielt. Die Reise von Lissabon via Mozambique und Goa nach China begann am 15. März 1673. Sie endete für Pater Beat am 15. April 1673 vor der Küste Guineas, wo er an der «Guinea-Seuche» starb. Von den zwölf nach China entsandten Missionaren starben auf der gleichen Reise auch zwei weitere, noch bevor sie Peking erreichten. 4 Dieser Lebenslauf verdeutlicht einige wesentliche Punkte: Erstens öffnete die Bildung den Jesuiten das Tor zur Welt. Wer es schaffte, sich im Orden zu etablieren, konnte nicht nur in Westeuropa weit reisen, was für diese Zeit noch keinesfalls üblich war, sondern als Missionar selbst in fernste Weltgegenden gelangen. Gerade am Beispiel Chinas wird das besonders deutlich. Schon ab der Mitte des 16. Jahrhunderts fanden erste Missionsbestrebungen im «Hauptarbeitsfeld des Ostens» statt. 5 Ab 1582/83 wurden die ersten jesuitischen Missionen in Kanton und Nanking eröffnet, die erste in Peking schliesslich 1601. Bis 1675 wurden in China immerhin 160 Kirchen gegründet und die Kongregationen zählten um die 300'000 Gläubige. Laut dem Beitrag im «Jesuiten Lexikon» waren die Jesuiten in China gerade wegen ihrer wissenschaftlichen Kenntnisse und ihrer «Akkommodation» hoch angesehen. 6 Die Missionstätigkeit war bereits in der Ordensgründung angelegt und es entstand eine enge Zusammenarbeit der Jesuiten mit den Kolonialmächten der Frühen Neuzeit. Die Missionare waren insbesondere in die Expansionsbewegungen von Portugal und Spanien verwickelt, indem sie die eroberten Gebiete erschlossen und ihre Einwohner zu christianisieren versuchten. 7
5 Zweitens zeigt der Lebenslauf aber auch, wie gefährlich nicht nur die langen Reisen per se sein konnten, sondern auch die unbekannten Krankheiten, Seuchen und Epidemien, mit denen sich die Missionare konfrontiert sahen. Das führte einerseits zu einem Interesse an lokalen Heilpflanzen und Heilmitteln, die man nicht selten auch in andere Gebiete verpflanzte. 8 Andererseits fand aber auch eine frühe, (proto-)wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Infektionskrankheiten an europäischen Universitäten statt, die sicher stark geprägt war durch das akkumulierte Wissen aus den Missionsgebieten. Ein Zeitgenosse Pater Beats tat sich auf dem Gebiet der Infektionskrankheiten mit seinen neuen Deutungen besonders hervor: Athanasius Kircher (02.05.1602–27.11.1680) war ebenfalls ein jesuitischer Gelehrter, der über Münster, Köln und Avignon bis nach Rom gelangte und dort Professor für Physik, Mathematik und Orientalistik wurde. Durch seine frühen Versuche mit Mikroskopen gilt er im Westen als «Vater der Mikroskopie». Ausserdem wird ihm die Entdeckung von Lebewesen zugeschrieben, die von blossem Auge nicht sichtbar, aber für Infektionskrankheiten wie die Pest verantwortlich sind, was einem Paradigmenwechsel der Infektiologie gleichkam. 9 Aus der Welt nach Luzern: Die Asiatische Cholera in den 1830er Jahren Mit der Zunahme von globalen Handelsnetzen in der Kolonialzeit wurden bedrohliche Krankheiten auch in der Heimat als solche erkannt. Als eindrückliches Beispiel gilt hier die Asiatische Cholera, die sich nach einer heftigen Epidemie in Vorderindien ab 1817 entlang der Handelsrouten kontinuierlich über den eurasischen Kontinent ausbreitete. Dies führte dazu, dass sich Mediziner, Politiker und Militärs mit dieser Krankheit auseinandersetzten. Das Interesse dieser Kreise und deren Suche nach den Ursachen sowie den Möglichkeiten zur Vorbeugung und Behandlung sollte sich bis ins 20. Jahrhundert fortsetzen. Kirchers Erkenntnis der Kleinstlebewesen als Krankheitsverursacher war in den 1830er Jahren, als die Epidemie auch Mittel-, Westund Südeuropa erreichte, noch keineswegs medizinischer Konsens, wie die Abhandlung des Luzerner Arztes Dr. med. Duret zeigt, der sich zu den oben skizzierten Fragen äusserte. Die Asiatische Cholera hatte Luzern zum Zeitpunkt der Abhandlung noch nicht erreicht, trotzdem machten sich auch Schweizer Gelehrte und politische Funktionsträger Gedanken über den bestmöglichen Umgang und insbesondere die Verhinderung eines Ausbruchs. Duret sah durch die immanente Gefahr einer Ausweitung der Cholera bis in die Schweiz jeden Arzt in der Pflicht, Ergebnisse zur Vorbeugung und Behandlung der Krankheit zu teilen. Er selbst schrieb erst langatmig gegen gängige, aber widerlegte Krankheitserklärungen wie der «Miasmen» oder des «speziellen Stimulus» an, bevor er sich schliesslich den eigenen Erklärungen für die Entstehung der Cholera und deren Ausbreitung zuwandte. 10 Er beschrieb seine mikroskopischen Befunde folgendermassen:
6 «Dort stellt mir, auf einer Nadelspitze, ein einziges Tröpfchen stehendes oder sumpfiges Wasser ein von unzähligen Thierchen bevölkertes Weltmeer dar. Wenn ich nun nach diesem Ergebniss betrachte, dass die Pest hauptsächlich in Egypten entsteht, wo der Nilfluss zweymal im Jahre das ganze untere Egyptenland überschwemmt und einen tiefen fetten Schlamm zurücklässt; dass die asiatische Cholera ihren Hauptsitz in Bengalen hat, wo sich der Ganges wie der Nil in Egypten verhält; […] und wenn ich bey dem allen noch die grosse, ganz zur Ausbrütung der Insekteneyerchen geeignete Sonnenhitze in allen diesen Klimaten in Erwägung nehme, so bin ich einigermassen gezwungen zu glauben, dass alle diese Krankheiten nur durch eine und dieselbe Ursache hervorgebracht sind, nämlich: durch die einer ungeheueren Menge sehr kleiner unsichtbarer Insekten von verschiedener Art, je nach den Verhältnissen der verschiedenen Länder, und dass allein diese Insekten, nach gewissen Umständen, eine spezifisch verderbliche Einwirkung auf den menschlichen Körper haben. Sollte diese Meinung zu auffallend vorkommen, so merke ich, dass schon lange vor mir mehrere geschickte Männer das nämliche, nicht nur von diesen kontagiösen Krankheiten, sondern auch noch von andern Hautkrankheiten behauptet haben.» 11 Die wissenschaftlichen Autoritäten, die er anbrachte, reichten von Athanasius Kircher bis Carl von Linné. Für die damalige Zeit ist ausserdem bemerkenswert, dass er die Gewässer als den Entstehungsort der kleinen «Thierchen» erkannte. 12 Neben dem Wasser seien die Insekten und besonders deren Eier in Kleidern oder anderen Waren zu finden, wo sie unter günstigen Bedingungen über mehrere Jahre überleben könnten. Entsprechend werde die Asiatische Cholera «durch Personen oder Waaren, von Ort zu Ort, von Land zu Land, bis in die wirklich davon heimgesuchten Gegenden überbracht». 13 Neben der Erklärung für die Ursachen gab Duret auch Ratschläge zur individuellen Prävention der Krankheit. Ganz allgemein riet er zu guter Kost, Mässigung in allen Dingen, Reinlichkeit, warmer Kleidung, insbesondere am Unterleib und der «Vermeidung endlich aller heftigen Gemüthsbewegungen, hauptsächlich der Furcht». 14 Als spezifisches Mittel gegen die Cholera empfahl er, «dass jede Person eine Mischung von gepulvertem Kampher, Schwefelblumen und versüsstem Quecksilber, von jedem ein Skrupel, und in ein plattes Säckelchen genäht, in Form eines Scapuliers auf der blossen Magengegend trage; Diese Mischung müsste dann von Zeit zu Zeit wieder erneuert werden. Ein mit Mercurialfarbe beschmierter Zwirnfaden um den blossen Leib gebunden und täglich wiederholt, wie auch das Tabakrauchen, und Knoblauch auf ein Stückchen Brotrinde gerieben, oder verschiedene Aromatica in der Tasche nachgetragen, könnten, gleichzeitig gebraucht, dabey ebenfalls gute Dienste leisten. Der Geruch, den diese auf dem Körper getragenen Substanzen in der Nähe wahrnehmen lassen, beweiset, dass durch die Wärme des Körpers sich irgend etwas von diesen Substanzen verflüchtiget, und auf diese Art um denselben eine von eigenthümlichen Dünsten geschwängerte und den Insekten widrige Atmosphäre bildet. Im Uebrigen mag Mancher ein ihm beliebigeres oder vielleicht mehr Zutrauen
7 einflössendes Mittel als diese eben erwähnten in dern nämlichen Absicht anwenden, dagegen wäre freylich nichts einzuwenden.» 15 Auch die Politik blieb nicht tatenlos – ihre Massnahmen betrafen allerdings weniger individuelles Verhalten. Am 29. April 1832 wurde in Luzern als eidgenössischer Vorort durch den Schultheissen Eduard Pfyffer und den eidgenössischen Kanzler Amrhyn der «Beschluss des eidgenössischen Vororts, betreffend die Massnahmen gegen die asiatische Cholera» erlassen. Darin wurde unter anderem verordnet, dass Reisende und Tiere aus Gegenden mit Choleraausbrüchen neu nur noch nach dem Vorweisen eines Gesundheitszeugnisses einreisen durften. Ausserdem wurden spezielle und restriktive Einreisebedingungen für Handwerksgesellen und Dienstpersonal eingeführt. 16 Darüber hinaus wurde eine Quarantäne von Stoffen und Waren aus betroffenen Gebieten sowie eine Meldepflicht im Krankheitsfall verhängt. 17 Der empirische Kulturwissenschaftler Kurt Lussi hat zudem aufgezeigt, dass es bis weit ins 20. Jahrhundert auch Amulette gab, die spezifisch zum Schutz vor der Cholera getragen wurden. Im Raum Luzern waren das Stoffabzeichen oder kleine Anhänger aus Metall, die das «Herz-Jesu» mit Flammen und Dornenkranz abbildeten. 18 Abb. 3: Herz-Jesu-Skapulier (Schutzzeichen gegen die Cholera), um 1890–1910, SZ 01420 (© Museum Luzern)
8 Die Suche nach einem spezifischen Heilmittel: Ein gescheitertes Unternehmen Zum Ende des 19. Jahrhunderts lassen zwei Zeitungsannoncen aufhorchen: Im Schweizerischen Handelsamtsblatt erscheint die Anzeige, dass am 24. Oktober 1892 um 3 Uhr nachmittags mit der No. 6047 Pater Beat’s Elixir (ein medizinisches Präparat) durch das «Fräulein» Angélique Am Rhyn, eine Privatperson aus Luzern, patentiert worden ist. 19 Darunter ist dasselbe Schutzwappen abgebildet wie auf dem Etikett und der Packungsbeilage. Es beglaubigte wohl den Markenschutz. Diese Art von Schutz für das geistige Eigentum war in der Schweiz erst 1887 auf Bundesebene eingeführt worden – davor gab es höchstens kantonale Vorformen des Patentrechts. 20 1894 erscheint in «Der Bund» eine Werbeanzeige für das Präparat: «Pater Beats Elixier ist das beste Präservativ und Heilmittel bei Cholera und Fieberepidemien, bei akuten und chronischen Magenleiden, Krämpfen, Angstgefühl, Herzklopfen, Durchfall, […]. Aus rein pflanzlichen Stoffen hergestellt, wird es mit Erfolg da angewendet, wo bisher andere Mittel ihre Heilkraft versagt haben. Chemisch untersucht durch den Kantonschemiker Dr. Schaffer in Bern. Von Aerzten erprobt! Eine ganze Flasche Fr. 5, ½ Flasche Fr. 3. Hauptdepot: St.-Verena-Apotheke Dr. H. Göldlin, Baden, kt. Aargau, und allen übrigen Apotheken und Droguerien. Wo keine Niederlage wende man sich direkt an das Hauptdepot.» 21 Bedeutet das, dass Angélique am Rhyn gelungen ist, was andere vor ihr nicht geschafft hatten – ein spezifisches Choleramittel auf den Markt zu bringen? Die professionelle Verpackung der Präparate und die beiden Annoncen würden darauf hinweisen. Allerdings zeichnen die Korrespondenzen rund um Pater Beat’s Elixir im Staatsarchiv Luzern ein anderes Bild. Es handelt sich dabei um die Korrespondenzen des Obersts und Luzerner Regierungsrats Felix von Schumacher, an den am Rhyn am 03. Februar 1896 herantrat mit der Bitte, ihr «in dieser Angelegenheit behülflich zu sein». Gemeint ist das «missglückte[] Unternehmen» mit dem Elixier, von dem sie von Schumacher einige Probefläschchen zukommen liess, um damit nach seinem Gutdünken zu verfahren. 22 Daraufhin geschah scheinbar für 14 Jahre nichts mehr, bis eine Notiz vom 15. September 1910 schliesslich bescheinigt, dass von Schumacher zwei Flacons an einen Dr. Busch gesandt hatte. 23 Dr. O. Busch aus Baden bestätigte deren Eingang einen Tag später und teilte mit, er habe die Fläschchen an seinen Schwager, den Direktor der Chemischen Fabrik Flora A.-G. in Dübendorf, weitergeleitet. Dort würde das Präparat auf seine Wirksamkeit gegen Cholera geprüft, was einige Zeit in Anspruch nehmen werde. Er stellte aber auch klar, dass «das Mittel nur dann für uns Interesse haben [dürfte], wenn es sich als ein Spezifikum gegen die Cholera asiatica erweist. Mittel, welche im Falle von Erkältung der Verdauungsorgane mit Vorteil verwendbar sind und verstopfende Wirkung
9 äussern, sind eben schon viele, auch ist wohl für diesen Zweck bei Cholerakranken das Opium kaum zu übertreffen». Je nach Erfahrung damit würde er sich mit einem Angebot der Flora A.-G. wieder melden. 24 Da es in Luzern in den frühen 1910er Jahren keine Cholerakranken gab, an denen das Mittel auf seine spezifische Wirksamkeit hätte geprüft werden können, wandte sich von Schumacher an Dr. Kerzl, den Generalarzt und Hofrath der K. u. K.-Monarchie in Wien. Er hoffte, das Mittel allenfalls in Österreich-Ungarn testen lassen zu können. Im Briefentwurf beschrieb er, wie Angélique am Rhyn mit der Bitte an ihn getreten war, das Mittel testen zu lassen, nachdem sie die Rezeptur in Familienpapieren gefunden und die Arznei selbst aus rein pflanzlichen Stoffen zusammengemischt hatte. Darüber hinaus habe die Familie am Rhyn in Selbstversuchen zuvor gute Erfahrungen damit gemacht. 25 Zwischen Anfang Oktober und Ende Dezember 1910 fand ein Briefwechsel zwischen Dr. Kerzl und Dr. Kratschmer statt, einem befreundeten österreichischen Arzt, Professor der Gene und Vorstand der Militär-Sanität. Dieser bestätigte, dass es 1910 keine Cholerafälle in Österreich gebe und dass höchstens in Russland genügend Fälle für eine ausreichende Prüfung des Elixiers vorhanden seien. Trotzdem liessen sich die beiden Ärzte einige Flaschen des Mittels schicken, um es dann im chemischen Labor untersuchen zu lassen. Als Inhaltsstoffe stellten sie fest: «eine schwach alkoholische Lösung von Kampfer, u. der Bestandteile von Eukalyptus u. Valeriana bezw. deren Oele und mineralige Stoffe, Alkaloide, giftige Substanzen sind darin nicht enthalten.» 26 Es bestehe daher sicher keine schädigende Wirkung, aber Kratschmer bezweifelte auch, dass es sich um ein Spezifikum handelte. Diese Befunde schickte Kerzl aus Wien an von Schumacher, der sie wiederum am Rhyn mitteilte. 27 Der letzte Brief im Archiv deutet das Scheitern des Unternehmens an. Angélique am Rhyn schrieb am 10. Februar 1911 aus Paris an den Luzerner Regierungsrat Felix von Schumacher: «Sehr geehrter Herr Oberst / Besten Dank für Ihr freundliches Bemühen! Ich glaube kaum dass ich jemals Erfolg haben werde mit meinem Mittel, da sich keine Gelegenheit findet es anzuwenden. Ich kann ja für Östreich-Ungarn die Cholera auch nicht wünschen u. bin schon sehr dankbaar dass es durch Ihre gütige Vermittlung in dieses chemische Laboratorium gelangt ist. Mit verdoppelter Dosis würde sicher sehr viel erreicht. Die Bestandteile hat man kaum zur Haelfte herausgefunden. […]» 28 Das Scheitern wird schliesslich im Handelsamtsblatt von 1933 verbrieft, in welchem unter der Rubrik «Löschungen wegen Nicht-Erneuerung» Markennummer «32337. – Fräulein Angélique am Rhyn, Freiburg.» aufgeführt ist. 29 Am Rhyn hatte am 04. Dezember 1912 die Erneuerung der No. 6047 angemeldet – diesmal allerdings nur noch als «Medizinisches Präparat» – und so die neue Markennummer 32337 erhalten. 30 Wie es