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Master-Thesis Soziale Innovation in der Psychiatrie Eine Einzelfallstudie der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich ______________________________________________ Autorin: Stefanie Landis Studienbeginn: HS 2022 Immatrikuliert: Hochschule Luzern E-Mail: [email protected] Fachbegleitung: Prof. Dr. Christoph Gehrlach Abgabedatum: 6. August 2025 Master in Sozialer Arbeit, Bern/Luzern/St. Gallen
09-2022 Originaldokument gespeichert auf LARA – Lucerne Open Access Repository and Archive der Zentralund Hochschulbibliothek Luzern Urheberrechtlicher Hinweis: Dieses Werk ist unter einem Creative Commons Namensnennung-Keine kommerzielle NutzungKeine Bearbeitung 3.0 Schweiz (CC BY-NC-ND 3.0 CH) Lizenzvertrag lizenziert. Um die Lizenz anzuschauen, gehen Sie bitte zu https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/ch Sie dürfen: Teilen — das Material in jedwedem Format oder Medium vervielfältigen und weiterverbreiten. Zu den folgenden Bedingungen: Namensnennung — Sie müssen angemessene Urheberund Rechteangaben machen, einen Link zur Lizenz beifügen und angeben, ob Änderungen vorgenommen wurden. Diese Angaben dürfen in jeder angemessenen Art und Weise gemacht werden, allerdings nicht so, dass der Eindruck entsteht, der Lizenzgeber unterstütze gerade Sie oder Ihre Nutzung besonders. Nicht kommerziell — Sie dürfen das Material nicht für kommerzielle Zwecke nutzen. Keine Bearbeitungen — Wenn Sie das Material remixen, verändern oder darauf anderweitig direkt aufbauen dürfen Sie die bearbeitete Fassung des Materials nicht verbreiten. Keine weiteren Einschränkungen — Sie dürfen keine zusätzlichen Klauseln oder technische Verfahren einsetzen, die anderen rechtlich irgendetwas untersagen, was die Lizenz erlaubt. Jede der vorgenannten Bedingungen kann aufgehoben werden, sofern Sie die Einwilligung des Rechteinhabers dazu erhalten. Diese Lizenz lässt die Urheberpersönlichkeitsrechte nach Schweizer Recht unberührt. Eine ausführliche Fassung des Lizenzvertrags befindet sich unter https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/ch/legalcode.de
Abstract Die vorliegende Master-Thesis widmet sich der Untersuchung zentraler Faktoren, die den Erfolg sozialer Innovationen in psychiatrischen Kliniken beeinflussen. Im Mittelpunkt steht die Fragestellung: Was sind Erfolgsfaktoren von sozialen Innovationen in psychiatrischen Kliniken? Als empirische Grundlage dienen qualitative Interviews mit Expertinnen und Experten des interprofessionellen Innovationsgremiums Think Tank der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich und der Fachhochschule Nordwestschweiz. Die Analyse erfolgt auf drei Ebenen: der Mikro- (individuellen), Meso- (organisationalen) und Makroebene (gesellschaftlichen). Sie zeigt, dass soziale Innovationen dann erfolgreich sind, wenn alle drei Ebenen sinnvoll zusammenspielen. Dazu gehört, dass psychiatrische Organisationen Klientinnen und Klienten aktiv und partizipativ in Innovationsprozesse einbinden. Gleichzeitig müssen geeignete organisationale Strukturen geschaffen werden, die diese Beteiligung ermöglichen. Erst wenn diese Bedingungen mit den gesellschaftspolitischen Rahmenbedingungen wirksam verknüpft werden, können nachhaltige soziale Innovationen entstehen. In diesem Prozess nimmt die Soziale Arbeit eine zentrale Rolle ein, um als verbindendes Element zwischen Wissenschaft und Praxis zu agieren. Die Soziale Arbeit eröffnet neue Handlungsspielräume und fördert ein umfassendes Verständnis von psychischer Gesundheit, welche die biologische, psychologische, soziale und kulturelle Dimension gleichwertig einbezieht. Ziel ist es, die Teilhabe und selbstbestimmte Lebensführung von Menschen mit einer psychischen Erkrankung nachhaltig zu stärken. Darüber hinaus identifiziert die Master-Thesis spezifische Bedingungen, die soziale Innovationen innerhalb psychiatrischer Organisationen begünstigen. Eine offene Führungsund Organisationskultur sowie ein strategischer Umgang mit den Herausforderungen eines volatilen, unsicheren, komplexen und mehrdeutigen (VUCA) geprägten Umfelds erweisen sich dabei als wesentliche Voraussetzungen damit soziale Innovationen entstehen und umgesetzt werden können.
Inhaltsverzeichnis 1 Einleitung 1.1. Fragestellung der Arbeit und Relevanz für die Soziale Arbeit .......1 1.2. Klärung von Begrifflichkeiten und Bezug zur Sozialen Arbeit ......4 1.2.1 Definition Sozialpsychiatrie ........................................................................4 1.2.2 Definition Soziale Arbeit und Psychiatrie ..................................................5 1.3 Aufbau der Arbeit .......................................................................................9 2 Theoretischer Teil 2.1 Innovation und soziale Innovation ..........................................................11 2.1.1 Definition und Grundbedingungen von Innovation ................................11 2.1.2 Arten von Innovation ...............................................................................13 2.1.3 Soziale Innovation vs. Innovation in der Sozialen Arbeit .......................15 2.2 Soziale Innovation und Organisationsentwicklung .........................21 2.2.1 VUCA und agile Veränderungsprozesse ..................................................21 2.2.2 Intrapreneurship und institutionelle Aspekte ........................................24 2.2.3 Design Thinking ……………………………………………………………………………26 2.2.4 Ideenmanagement ....................................................................................28 2.2.5 Interprofessionelle Entwicklung und die Herausforderungen für die Soziale Arbeit ............................................................................................32 3 Empirischer Teil 3.1 Methodik und Forschungsziel der qualitativen Untersuchung ....................36 3.2 Sampling ........................................................................................................37 3.3 Datenerhebung ..............................................................................................40 3.4 Datenauswertung ..........................................................................................42 3.5 Reflexion des Forschungsprozesses ..............................................................45
4 Darstellung der Ergebnisse 4.1 Innovation und soziale Innovation ...............................................................47 4.2 Herausforderungen in der Sozialarbeit und Organisationsentwicklung .....49 4.3 Organisationsentwicklung .............................................................................51 4.4 Organisationskultur und Führung ................................................................53 4.5 Klinische Sozialarbeit und Professionalisierung ..........................................55 4.6 Wandel und neue Angebote ..........................................................................56 4.7 Gesellschaftliche Perspektiven und Herausforderungen .............................58 4.8 Zusammenarbeit und Vernetzung ................................................................59 4.9 Think Tank und Interprofessionalität ..........................................................60 4.10 Definition und Verständnis von sozialer Innovation .................................63 4.11 Bedingungen und Gelingensfaktoren für soziale Innovationen ..................64 4.12 Einflussfaktoren auf Innovationsprozesse ..................................................66 4.13 Klient*innenzentrierung und Partizipation ................................................67 4.14 Interprofessionelle Zusammenarbeit und Entwicklung neuer Arbeitsformen ...............................................................................................67 5 Beantwortung der Fragestellungen und Schlussfolgerungen für die Praxis 5.1 Beantwortung der Fragestellungen ...............................................................69 5.2 Empfehlungen für die Praxis .........................................................................75 6 Fazit ......................................................................................................................81 Literaturverzeichnis .....................................................................................................85 Hilfsmittelverzeichnis ..................................................................................................91 Abbildungsund Tabellenverzeichnis ..........................................................................92 Anhangsverzeichnis ......................................................................................................93 Anhang 1: Think Tank ..........................................................................................93 Anhang 2: Leitfaden Expertin soziale Innovation FHNW ..................................95 Anhang 3: Leitfaden Mitglieder*innen Think Tank PUK ...................................97 Anhang 4: Leitfaden Organisationsberater PUK ................................................99 Anhang 5: Kategoriensystem .............................................................................101 Anhang 6: Organigramm PUK ...........................................................................103 Anhang 7: Eigenständigkeitserklärung..............................................................104
Master-Thesis Stefanie Landis Seite 1 von 104 1 EINLEITUNG 1.1 Fragestellung der Arbeit und Relevanz für die Soziale Arbeit Psychiatrie und soziale Innovation wirken auf den ersten Blick wie Begriffe aus gänzlich unterschiedlichen Fachgebieten. Werden diese in Verbindung mit gesellschaftlichem oder demographischem Wandel gebracht, zeigen die vergangenen Jahre, dass Themen wie Agilität, Organisationsentwicklung und Innovationen in der Sozialen Arbeit längst kein Novum mehr darstellen. Wandel und damit einhergehende Veränderungen im Sozialund Gesundheitswesen rücken Innovationen oder vielmehr soziale Innovationen, verstärkt in den Fokus (Zerth, 2018, S. 166-167). Das Schweizerische Gesundheitsobservatorium (Obsan) analysiert jährlich für Bund, Kantone und Institutionen im Gesundheitswesen aktuelle Daten rund um die Gesundheitsversorgung. Aus den Berichten sowie dem Beitrag von Bachmann et al. (2022) wird deutlich, dass in der Psychiatrielandschaft der Schweiz im Allgemeinen Behandlungsangebote, wie ambulant vor stationär, sowie komorbide und daher komplexe Fallthematiken zunehmen und gleichermassen die Patientenzahlen stetig steigen (S. 1078-1080). Dadurch sind neue Formen von spezifischen Behandlungsangeboten sowie wirtschaftliche Lösungen, die die Behandlungsqualität und den stetig wachsenden Kostendruck angehen, gefragt. Dementsprechend bewegen sich Gesundheitsorganisationen und ebenso die Psychiatrien unausweichlich in einem volatilen Umfeld. Dies zeigt sich einerseits in der Auseinandersetzung mit dem prominenten Thema des Fachkräftemangels, anderseits mit der Konfrontation der allgemein hohen Fluktuation im Gesundheitswesen (Obsan, 2020, 2024). Daneben steht die interprofessionelle Zusammenarbeit im Bereich der integrierten Versorgung zunehmend in einer gegenseitigen Abhängigkeit von verschiedenen Fachdisziplinen. Infolgedessen sind Psychiatrien damit konfrontiert, ihre Behandlungsangebote laufend zu optimieren, um eine höchstmögliche patientenzentrierte Behandlungsqualität zu erzielen und gleichermassen aus wirtschaftlicher Perspektive wettbewerbsfähig zu bleiben (Psychiatrische Dienste Aargau, 2025). Somit zeichnet sich ab, dass die Auswirkungen von stetigem Wandel neuartige und agile Ideen verlangen, um den beschriebenen Herausforderungen zukünftig adäquat und professionell begegnen zu können.
Master-Thesis Stefanie Landis Seite 2 von 104 Zerth (2018) untermauert, dass die klient*innenorientierte Gesundheitsund Sozialversorgung sowie deren Gestaltung auch in Ländern wie Österreich und Deutschland an Bedeutung zunehme (S. 165). Die Auswirkungen von Wandel in der sich verändernden Gesellschaft spiegeln ebenfalls die aktuellen Daten zu psychischen Belastungen wider. Denn die schweizerische Gesundheitsbefragung des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) zeigt, dass im Jahr 2022 ein Anstieg bei den psychischen Belastungen verzeichnet wurde. Rund 18% der Schweizer Bevölkerung waren durch psychische Probleme beeinträchtigt. Im Vergleich zum Jahr 2017 mit 15% weist dies eine deutliche Zunahme an psychischen Belastungen auf. Psychische Erkrankungen zeigen sich vielfältig, angefangen bei Essstörungen und Angststörungen bis hin zu Depressionen. Ein aktueller Blick auf die Schweiz zeigt, dass bis zu 30% der Bevölkerung von einer psychischen Krankheit betroffen sind. Psychische Krankheiten zählen somit zu den am meisten verbreiteten Erkrankungen. Daher können sie in jeder Lebensphase und in sämtlichen gesellschaftlichen Bereichen auftreten. Ausserdem verursachen psychische Erkrankungen hohe Kosten. Laut Schätzungen des BAGs übersteigen diese jährlich die Summe von 7 Milliarden Franken. Somit stellen psychische Erkrankungen aktuell eine grosse gesundheitspolitische Herausforderung dar, die eine intensive Zusammenarbeit aller Akteur*innen auf verschiedensten Systemebenen verlangt (BAG, 2012, 2024). Ein weiterer Aspekt lässt sich laut Zerth (2018) in der Digitalisierung verorten, weil Psychiatrien besonders hinsichtlich medizinisch-technischer Fortschritte gefordert seien, ihre Informationsund Kommunikationsprozesse im interprofessionellen Aufgabenbereich zielgenauer zu verknüpfen (S. 166). Im Hinblick auf die Unternehmensstrategie in der Schweizer Psychiatrielandschaft wird zudem erkennbar, das wirtschaftliche Abhängigkeiten wie kantonale Verträge oder die EBIDTA1Marge (Profitabilitätskennzahl) durchaus eine weitere entscheidende Rolle spielen. Denn Psychiatrien sind keine «sozialen» Non Profit Organisationen, wie vergleichsweise die klassischen Sozialunternehmen. Sie verfolgen eine Gewinnmaximierung und sind gleichermassen mit normativen2 Zielorientierungen konfrontiert. Aus diesem Hintergrund lässt sich erschliessen, dass Unternehmensziele mit gesellschaftsbezogenen Zielsetzungen in Verbindung gebracht werden oder anders 1EBIDTA ist eine Abkürzung für die Unternehmenskennzahl und steht für Earnings Before Interst, Tax, Deprecation and Amortization. Sie ist eine wichtige Kennzahl für Unternehmen, um zu überprüfen, wie allfallende Kosten gedeckt werden und ob eine profitable Geschäftstätigkeit erreicht wird (Swisspeers, 2025). 2 Definition: Normative Unternehmensführung bestimmt, welche Vision, welche Ziele, welche Mission, welche Werte, welches Leitbild, welche Verfassung und welche Kultur ein Unternehmen hat (Janedu, 2025).
Master-Thesis Stefanie Landis Seite 3 von 104 formuliert, soziale Innovationen entstehen lassen könnten. Was bedeutet, dass Psychiatrien nebst dem medizinischwirtschaftlichen auch gleichermassen einen sozialen Mehrwert verfolgen (könnten), indem sie ihnen zu mehr Integration, Teilhabe und Unterstützung in der Gesellschaft verhelfen (Zerth, 2018, S. 170). Die aufgezeigten Veränderungen fordern demnach nicht nur die Soziale Arbeit, sondern alle Fachdisziplinen gleichermassen heraus, ihre professionsspezifischen Handlungsmöglichkeiten und Kompetenzen einzusetzen und weiterzuentwickeln, um soziale Innovationen zu fördern. Anhand einer ersten breiten Recherche wurde erkennbar, dass soziale Innovation in der Psychiatrie bisher kaum untersucht wurde. Es besteht zwar eine Vielzahl an Literatur zu Innovation, sozialer Innovation, Wandel und agilen Ansätzen in der Organisationsentwicklung und klinischer Sozialer Arbeit in der Psychiatrie, jedoch nicht über Soziale Arbeit in Zusammenhang mit sozialen Innovationen in der Psychiatrie. Dazu führt die eigene Praxiserfahrung der Autorin im Bereich Sozialer Arbeit und Psychiatrie zu einem besonderen Interesse, dieses neuartige Themengebiet zu erforschen. Einerseits wurde durch die eigene fachliche Vernetzung der Autorin in ihrem Aufgabengebiet als Leiterin Fachentwicklung für Pflege und Sozialpädagogik und der daraus entstehenden Gespräche mit verschiedenen Psychiatriefachpersonen im deutschsprachigen Raum (Zürich, Bern, Basel, Luzern, St. Gallen) deutlich, dass die Folgen von Wandel gleichermassen alle Psychiatrien beschäftigen, anderseits ist in der Praxis wenig von konkreten sozialen Innovationen erkennbar. Diese Ausgangslage sowie das eigene Forschungsinteresse im Bereich sozialer Innovation in der Psychiatrie sollen gemäss der vorangehenden Herleitung im Rahmen der vorliegenden Master-Thesis anhand folgender Fragestellungen untersucht und beantwortet werden:
Master-Thesis Stefanie Landis Seite 4 von 104 Was sind Erfolgsfaktoren von sozialen Innovationen in psychiatrischen Kliniken? Unterfragen: - Was ist soziale Innovation in der Psychiatrie? - Welche Einflussfaktoren in Innovationsprozessen müssen klient*innenbezogen, institutionell oder gesellschaftlich beachtet werden? - Welche Grundlagen zeigen sich als erforderlich, damit soziale Innovationen in der interprofessionellen Zusammenarbeit entstehen können? 1.2 Klärung von Begrifflichkeiten und Bezug zur Sozialen Arbeit In diesem Kapitel werden die Begrifflichkeiten der Sozialpsychiatrie und die der Sozialen Arbeit in der Psychiatrie dargestellt. Das Ziel ist es, die Leserschaft in die Thematik einzuführen und ein Grundverständnis aufzuzeigen, das relevant ist, um in den theoretischen Teil hineinzufinden. 1.2.1 Definition Sozialpsychiatrie Der Begriff Sozialpsychiatrie steht für eine gesellschaftskritische, normativ-ethisch orientierte Denkund Handlungspraxis. Als interprofessionelle Disziplin untersucht sie die vielseitigen und komplexen Zusammenhänge von psychischen Störungen. Ihr Ziel ist es, soziale Integration zu fördern und dabei gleichzeitig Machtverhältnisse kritisch zu hinterfragen sowie die Förderung einer partizipativen Haltung gegenüber Betroffenen. Die Sozialpsychiatrie entstand Ende der 1960er Jahre als Reaktion auf die menschenunwürdige Praxis, bei der psychisch erkrankte Menschen aus der Gesellschaft ausgeschlossen wurden. Durch die Entstehung der Sozialpsychiatrie entstand erstmals die Verbindung und Sichtweise auf biologische, psychologische und soziale Faktoren. Die Sozialpsychiatrie setzte sich zudem für politische Reformen ein, mit dem Ziel, betroffene Menschen partizipativ in die Gesellschaft zu integrieren (Socialnet, 2024).
Master-Thesis Stefanie Landis Seite 11 von 104 2 THEORETISCHER TEIL 2.1 Innovation und soziale Innovation Im folgenden Kapitel werden wesentliche Merkmale und Aspekte rund um das Thema Innovation und soziale Innovation dargelegt, um die Begrifflichkeiten zu differenzieren und die Frage zu beantworten: Was ist soziale Innovation in der Psychiatrie? 2.1.1 Definition und Grundbedingungen von Innovation Laut Hensel und Wirsam (2008) stammt der Begriff Innovation aus dem lateinischen „innovatio“ und bezeichnet eine Neuerung, Erneuerung oder Neuheit. Der Begriff wird in vielen Bereichen von potenziellen Innovationsfeldern verwendet und deshalb existiert keine allgemein gültige Definition des Innovationsbegriffs (S. 4). Disselkamp (2012) beschreibt drei wichtige Charakteristika, die eine Innovation kennzeichnen. Eine Innovation hat immer einen klaren Nutzenvorteil für die Anwender*innen. Des Weiteren sind sie stets durch Originalität gekennzeichnet, die von den Anwender*innen als neuartig wahrgenommen werden. Weiter zeigen sie deutlich definierte Merkmale wie Funktionalität und Qualität auf. Eine Innovation baut immer auf einer Idee auf. Grundlegend bedeutet dies, dass eine Idee nur dann als Innovation gilt, wenn sie auch in der Praxis verwirklicht wird. Nicht jede Idee wird jedoch erfolgreich umgesetzt, denn nur wenn eine Idee erfolgreich realisiert wird, kann von einer Innovation gesprochen werden. Es entsteht daher, wie in nachfolgender Abbildung dargestellt, ein klarer Zeitablauf (S. 18-19). Abbildung 2: Zeitliche Entwicklung von der Initiative bis zur Realisation (eigene Darstellung auf der Basis von Disselkamp, 2012, S. 19) Disselkamp orientiert sich bei dieser Abbildung (Nr. 2) an der Innovationsökonomie von Schumpeter. Er unterscheidet dabei zwischen der Idee als Invention (also der eigentlichen Erfindung), der Innovation (der erfolgreichen Einführung der Erfindung) und der Diffusion (ihre anschliessende Verbreitung). Anzumerken ist, dass viele innovative Ideen an einer erfolgreichen Umsetzung scheitern. Erst eine realisierte oder nachhaltig implementierte Innovation bringt Nutzer*innen sowie dem Idee Erfolgreiche Umsetzung Innovation
Master-Thesis Stefanie Landis Seite 12 von 104 verantwortlichen Unternehmen einen Mehrwert. Daneben merkt Disselkamp (2012) an, dass nicht jede Innovation gleich eine drastische Neuerung sein muss. Es gilt auch als Innovation, wenn bestehende Produkte verbessert werden (S. 19). Disselkamp (2012) unterscheidet weiter verschiedene Typen von Innovationen (S. 20): • Die inkrementellen Innovationen: Meint eine kurzfristige Verbesserung an einem bestehenden Produkt, das einen klaren Vorteil für die Anwender*innen generiert. Diese werden schnell und sukzessiv implementiert. • Die strategischen Innovationen: Diese wirken zum Teil auf Bedürfnisse, die den Anwender*innen selbst bisher nicht bewusst sind und führen zu einem Nutzenvorteil. Strategische Innovationen erfordern einen hohen Entwicklungsaufwand sowie grössere Investitionen. • Die Durchbruchsinnovationen: Diese haben einen umwandelnden Effekt und befriedigen die Bedürfnisse der Nutzer*innen auf eine völlig neuartige Weise. • Die radikalen/disruptiven Innovationen: Diese sind gänzlich neuartig und eröffnen oder verdrängen bestehende oder vorhandene Abläufe und Produkte. Fazit: Der Innovationsbegriff zeigt sich als vielseitig, da er in verschiedenen Kontexten verwendet wird, somit lässt sich Innovation nicht einheitlich definieren. Grundlegend ist Innovation mehr als eine Idee, weil sie praktisch umgesetzt und erfolgreich realisiert werden muss, damit sie als solche gelten kann. Ein zentraler Aspekt in Innovationsprozessen zeigt sich bei der Wahl des Innovationstypus (inkrementell, strategisch, radikal, disruptiv), welcher je nach Zielsetzung gewählt und eingesetzt werden muss, um gewinnbringend auf komplexe Fragestellungen im Kontext Psychiatrie eingehen zu können.
Master-Thesis Stefanie Landis Seite 13 von 104 2.1.2 Arten von Innovation Innovationen stehen nicht nur für neue oder verbesserte Abläufe und Produkte, sondern für qualitativ verbesserte neuartige Dienstleistungen, neue Verfahren, neue Strukturen und Kulturen. Dementsprechend werden verschiedene Arten betrieblicher Innovationen unterschieden (Disselkamp, 2012, S. 21): Abbildung 3: Arten von Innovationen (Disselkamp, 2012, S. 21) • Produktinnovationen: Umfassen neue oder verbesserte Produkte, die von Kunden als nützlich wahrgenommen und daher auch gekauft werden. Dabei beziehen sich Produktinnovationen auch auf Dienstleistungen und Konzepte. • Prozessinnovationen: Beziehen sich auf Neuerungen in den Leistungserstellungsprozessen in und ausserhalb eines Unternehmens. Sie setzen direkt bei den zu erledigenden Aufgaben an und sind auf die Optimierung von Prozessen ausgerichtet. • Marktmässige Innovationen: Zielen darauf ab, neue Kundenoder Lieferantengruppen zu erschliessen. Dadurch soll der Umsatz gesteigert und die Qualität der bezogenen Leistungen verbessert werden. • Strukturelle Innovationen: Umfassen unter anderem Erneuerungen in der Arbeitsstruktur. Dazu zählen bspw. die Einführung neuer Arbeitszeitenund Arbeitsplatzmodelle oder optimierte Verfahren der Personalentwicklung. • Kulturelle Innovationen: Sind Verbesserungen rund um den Sozialbereich eines Unternehmens sowohl bei den Mitarbeitenden als auch im Beziehungsgefüge zwischen diesen (S. 21-30). ProduktInnovation ProzessInnovation Marktmässige Innovation Strukturelle Innovation Kulturelle Innovation
Master-Thesis Stefanie Landis Seite 14 von 104 Wie in der aufgeführten Abbildung (Nr. 3) ersichtlich, werden soziale Innovationen teilweise nicht als Innovationsart deklariert. Zudem führt bereits Schilles (2011) in seiner Master-Thesis zum Thema Innovation und Innovationsmanagement auf, dass in der Forschung und Lehre soziale Innovationen wenig bis gar nicht als spezielle Kategorie von Innovation betrachtet und als Folge davon auch viel weniger untersucht werden als bspw. Produktoder Prozessinnovationen. Schilles betont, dass soziale Innovationen auch in wirtschaftsorientierten Unternehmen eine bedeutende Rolle einnehmen und nicht vernachlässigt werden sollten. Er führt Folgendes genauer aus (S. 9): Þ Mitarbeitende und ihre Bedürfnisse Þ neue Salärsysteme Þ die Einführung von innovativen Arbeitszeitmodellen Þ die Verbesserung von Ausund Weiterbildungskonzepten Þ die Erhöhung der Arbeitsplatzattraktivität Þ die Personalentwicklungsmassnahmen Þ die Organisationsentwicklungsmassnahmen Schilles (2011) beschreibt hinsichtlich sozialer Innovationen in einem Unternehmen, dass: So sollen Sozialinnovationen nicht nur die Attraktivität des Unternehmens auf dem inund externen Arbeitsmarkt erhöhen, sondern auch die Identifikation der Mitarbeitenden mit den Unternehmenszielen undwerten stärken sowie das Managements hinsichtlich ihrer sozialen Verantwortung gegenüber den Mitarbeitenden und der Gesellschaft und Umwelt sensibilisieren. (S. 9) Fazit: Durch die aufgeführte theoretische Aufarbeitung und die oben genannten Beispiele sozialer Innovationen wird verdeutlicht, dass soziale Innovationen nicht immer klar verortet werden können und teilweise als einzelne Merkmale gesucht werden müssen, da es an der einzelnen Kategorisierung fehlt. Die vielfältigen Formen von Innovation, sei es das Optimieren von neuen Produkten oder Prozessen bis hin zu strukturellen und kulturellen Veränderungen innerhalb eines Unternehmens tragen zur betrieblichen Weiterentwicklung bei. Daneben hat soziale Innovation gleichermassen Einfluss auf das Arbeitsumfeld, die Unternehmenskultur und die Bindung von Mitarbeitenden. Demzufolge lässt sich ableiten, dass soziale Innovationen eine gleichermassen wichtige Bedeutung aufzeigen und als wesentliche betriebliche Innovation gelten.
Master-Thesis Stefanie Landis Seite 15 von 104 2.1.3 Soziale Innovation vs. Innovation in der Sozialen Arbeit Um die Definition und die Bedeutung sozialer Innovation umfassend darzustellen, wird daher dieser Innovationsart ein alleiniges Unterkapitel gewidmet. Dabei wird Bezug zur Innovation in der Sozialen Arbeit genommen sowie die zentralen Merkmale, die Verbindungen und die Unterschiede zu sozialen Innovationen anhand konkreter Beispiele aufgezeigt. William Ogburns war einer der ersten Pioniere in den 1920er Jahren, der den Begriff soziale Innovation verwendete und bereits sozialen Wandel damit in Verbindung brachte (Ogburns, 1923; zit. in Howaldt & Jacobsen, 2010, S. 55). Er sah bspw. die Einführung des Frauenwahlrechts oder die der Arbeitslosenversicherung als Verbesserung gesellschaftlicher Lebensbedingungen und Teil davon, den sozialen Wandel voranzutreiben. Der Begriff soziale Innovation tauchte danach erst in den 1980er Jahren wieder auf, Beispiele dafür waren Atomwaffensperrverträge, die Konflikte zivilisierten, oder neuartige Quartiermanagementkonzepte für problematische Grossstadtbezirke. Howaldt und Jacobsen (2010) heben anhand dieser Beispiele hervor, dass gesellschaftliche Probleme erst definiert werden müssen, bevor Lösungen sinnvoll und überhaupt möglich werden, damit Innovationen und deren Nachhaltigkeit, überhaupt entstehen können (S. 56). Neugebauer und Pawel (2019) setzen den Begriff des sozialen Wandels ebenfalls in Verbindung mit sozialen Innovationen. Sie erläutern, dass die Auswirkungen des gesellschaftlichen Wandels, die Menschheit auf globaler und lokaler Ebene vor grosse Herausforderungen stellen. Die Autoren erkennen in sozialen Innovationen wichtige Lösungsansätze, um gesellschaftliche Probleme zu bewältigen (S. 2). Hüttemann und Parpan-Blaser (2023) stellen fest, dass das Konzept der sozialen Innovation in gesellschaftlichen sowie politischen Debatten an Präsenz gewonnen hat. Zudem äussern sie, dass seit den 1980er Jahren eine intensivere wissenschaftliche Auseinandersetzung stattgefunden hat, in der soziale Innovation zunehmend als eigenständiger Innovationstyp betrachtet und behandelt wird (S. 41-42). Zu den relevanten Forschungsbereichen zählen die Managementund Organisationsforschung, die Arbeitsund Dienstleistungsforschung, die Kreativitätsforschung sowie die Forschung zu lokaler und regionaler Entwicklung (Moulaert et al. 2005, 1973 ff.; zit. in Hüttemann & Parpan-Blaser 2023, S. 44). In den letzten Jahren hat das Konzept infolgedessen vermehrt Eingang in die Nachhaltigkeitsforschung sowie die Forschung
Master-Thesis Stefanie Landis Seite 16 von 104 zur Digitalisierung von Wirtschaft und Gesellschaft gefunden. Eine Herausforderung des Konzeptes ist dennoch geblieben, denn Hüttemann und Parpan-Blaser (2023) heben hervor, dass durch die unterschiedlichen Schwerpunkte und Fragestellungen in den Forschungsfeldern, bis anhin keine allgemeingültige Definition des Konzeptes entstehen konnte (S. 44). Um die weitläufige Begrifflichkeit der sozialen Innovation enger zu erfassen, wird an dieser Stelle eine aktuelle Definition des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz und des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (2023), aufgeführt: Soziale Innovationen umfassen vor allem neue soziale Praktiken und Organisationsmodelle, die zu tragfähigen und nachhaltigen Lösungen für die Herausforderungen unserer Gesellschaft beitragen. Soziale Innovationen drücken sich in zahlreichen wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Neuerungen aus, unabhängig davon, ob sie kommerziell oder gemeinnützig organisiert sind. Sie lösen gesellschaftliche Probleme teilweise anders und möglicherweise auch besser als frühere Praktiken. Sie haben einen eigenständigen Wert und können technologieunabhängig entstehen oder aber durch technologische Innovationen begünstigt und flankiert werden. (S. 4) Anhand der aufgeführten Definition fällt erneut auf, dass soziale Innovationen eine breite und schwer fassbare Charakteristik aufweisen. Es scheint, dass gesellschaftliche Probleme und die damit verbundenen Herausforderungen sich in vielen Bereichen ausserhalb der Sozialen Arbeit widerspiegeln lassen und es eine Herausforderung darstellt, die beschriebenen gesellschaftlichen Probleme in Kategorien des «Gesellschaftlichen» und in die Bereiche der «konkreten gesellschaftlichen» Aufgaben der Sozialen Arbeit zu verorten. Es fehlt in der Literatur an konkreten Beispielen. Um soziale Innovation enger fassen zu können, wird an dieser Stelle auf die mikro-, mesound makrosozialen Ebenen Bezug genommen. Hüttemann und Parpan-Blaser (2023) differenzieren soziale Innovationen in zwei Hauptkategorien. Sie trennen die Ebene des Wohlfahrtssystems von der der sozialen Dienste und der Organisationen (S. 31). Sie heben hervor, dass empirische Untersuchungen von Innovationen im Bereich der Sozialen Arbeit sich bislang vielmehr auf Projekte der Mikround Mesoebene beziehen. Diese Untersuchungen konzentrieren sich auf die Akteur*innen und deren Zusammenarbeit und Vernetzung (ebd.). Ein Schwerpunkt bezieht sich auf die Frage der Implementierung erfolgreicher Projekte (Brown 2015, Brandsen et al. 2026; zit. in.
Master-Thesis Stefanie Landis Seite 17 von 104 Hüttemann & Parpan-Blaser 2023, S. 31) oder mit einem Blick auf die Forschung auf neue Theorien oder Modelle zu Innovation in regionalen oder organisationsbezogenen sozialen Dienstleistungen. Dies untermauert das Ergebnis aus etlichen Studien (Galli et al. 2014, Franz et al. 2015, Seyfang & Longhurst 2016; zit. in Hüttemann & ParpanBlaser 2023, S. 31) die verdeutlichen, dass rund um das Thema soziale Innovation verschiedene Analyseebenen miteinander verbunden werden müssen. Hüttemann und Parpan-Blaser (2023) sprechen dabei von einem Mehrebenenmodell, welches zum einen sozialpolitische Forschung verstehen muss und zum anderen den Zusammenhang von den Entwicklungen neuer Ideen und Lösungen für spezifische gesellschaftliche Gruppen oder Themenbereiche (S. 32). Was bedeutet, dass der Zugang zur Forschung und Wissenschaft ein wesentliches Kernelement darstellt in der Herangehensweise, soziale Probleme und deren Herausforderungen professionell und nachhaltig lösen zu können. Hüttemann und Parpan-Blaser (2023) beschreiben weiter, dass methodologisch betrachtet die Verbindung der Innovationsforschung mit der Sozialforschung einen gewinnbringenden Nutzen erzielen kann. Sie heben dabei das partizipative Vorgehen hervor, weil dies dem offenen und kooperativ ausgerichteten Zugang besonders dem Innovationsgedanken in der Innovationsforschung sowie der Innovation in der Sozialen Arbeit nahekommt und dies in beiden Forschungsbereichen ein entscheidendes Merkmal darstellt. Anknüpfend ist zudem der Einbezug von Akteur*innen oder, anders formuliert, ein partizipatives Vorgehen, insbesondere für die Nutzer*innen, ein weiterer wichtiger Aspekt. Denn durch die Einbindung von Nutzer*innen oder spezifisch in der Sozialen Arbeit der Klient*innen entsteht somit der Vorteil, diesen angemessene Artikulationsmöglichkeiten zu schaffen und damit im Forschungsprozess auch Machtfragen anzugehen und abzubilden. Sie postulieren infolgedessen zu mehr Förderung von empirischen Studien im Bereich sozialer Innovation, weil sie nach wie vor auf einen Mangel an empirischen Studien verweisen. Sie sehen besonders in Studien, die die politischen Aspekte sozialer Innovationen mit wohlfahrtsstaatlichen Paradigmen und gesellschaftlichem Wandel in Verbindung setzen, als chancenreich (ebd.). Demnach ist abzuleiten, dass Innovationen, die das Handlungsfeld der Sozialen Arbeit betreffen, sektorenübergreifend entstehen und neue Lösungen Verhandlungen zwischen unterschiedlichen Akteur*innen voraussetzen. Dennoch gibt es nur wenige Erkenntnisse darüber, wie diese Verhandlungsprozesse in sozialen Bereichen wie Politik, Medien und anderen interorganisationalen Räumen stattfinden und wie neue Logiken
Master-Thesis Stefanie Landis Seite 18 von 104 im sozialen Sektor entstehen (Helms et al. 2012; zit. in Hüttemann & Parpan-Blaser, 2023, S. 33). Parpan-Blaser (2011) hat im Rahmen ihrer Dissertation zum Thema Innovation in der Sozialen Arbeit eine empirische Erhebung durchgeführt. Dabei wurden konkrete Innovationen in der Sozialen Arbeit aus verschiedenen Bereichen (Massnahmenvollzug, Quartierzentrum, Jugendtreff, Jugendheim, Sozialdienst, Wohnangebot für Menschen mit Beeinträchtigung) dargelegt (S. 164-202). Um zu veranschaulichen, welche Arten von Innovationen der Sozialen Arbeit zugeschrieben wurden, werden einige Beispiele aufgeführt. Art der Innovation Beispiele Konzeptionelle Neuerung Erweiterung der sozialräumlichen Ausrichtung Neue Angebote Einführung Reintegrations-Coaching Neue Institution Erschaffung einer Freizeithalle Neue Funktion/ Stelle Neue sachbezogene Leitungsebene Neue Methode Online-Beratung Neue Instrumente Spezialisierte Software und neue Assessmentinstrumente für IT-Lösungen Neue Qualifikation des Personals Anstellung von Mitarbeitenden mit Migrationserfahrung Tabelle 1: Ein Ausschnitt der Beispiele von Innovation und Entwicklung in der Sozialen Arbeit (eigene Darstellung auf der Basis von Parpan-Blaser, 2011, S. 164-165) Parpan-Blaser (2011) gelang es anhand der Beispiele zudem die geeigneten Bedingungen für die Entstehung dieser Innovationen herauszufiltern. Daher werden einige Punkte veranschaulicht (S. 171): Þ Ein Wissensmanagement einzurichten, welches das Wissen aller Mitarbeitenden sammelt und allen zugänglich macht. Þ Die kontinuierliche Förderung von Weiterbildungen für Mitarbeitende. Þ Die Verfügbarkeit von genügend finanziellen Ressourcen. Þ Der Status der Institution hinsichtlich der Fachlichkeit, als Fachstelle und Kompetenzzentrum zu gelten, sowie die Förderung einer guten interprofessionellen Kooperation zu leben als wichtige Grundlage für Innovationsprozesse. Þ Die Förderung institutioneller Vernetzung, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Þ Der Einbezug von wissenschaftlicher Evidenz, um systemische Bedarfserhebungen zu realisieren und Veränderungen zu erkennen.
Master-Thesis Stefanie Landis Seite 19 von 104 Anhand der dargestellten konkreten Beispiele von Innovationen in der Sozialen Arbeit kann an dieser Stelle Bezug zu dem Mehrebenenmodell von Hüttemann und ParpanBlaser (2023) genommen werden (S. 31-32). Denn die empirischen Daten von ParpanBlaser (2011) verdeutlichen, dass Innovationen in der Sozialen Arbeit in erster Linie auf der Mikround Mesoebene entstehen, in Form von neuen Konzepten oder Methoden in Organisationen (S. 164-202). Diese Arten von Innovationen entstehen demnach im Professionsfeld der Sozialen Arbeit. Daneben haben sie langfristig einen gesellschaftsbezogenen Nutzen. Um die Theorie der sozialen Innovation an einem praxisnahen Beispiel zu veranschaulichen, soll folgende Ausführung dabei unterstützen: Beispiel Einführung ReintegrationsCoaching Nutzen für Adressat*in Nutzen für Organisation Nutzen für die Gesellschaft -Verhinderung sozialer -Neue verbesserte -Reduktion von Kosten Abstiegs Einnahmemöglichkeiten -Schaffung neuer -verbesserte -effizienterer Einsatz der Stellen und Angebote Bewältigungsstrategien Ressourcen und -Integration Methoden Abbildung 4: Beispiel einer sozialen Innovation (eigene Darstellung auf der Basis von Parpan-Blaser, 2011, S. 202) Wird nun spezifisch auf soziale Innovation in der Psychiatrie Bezug genommen, wurden anhand des Mehrebenenmodells von der Autorin folgende Ansätze als mögliche Handlungsansätzeoder Methoden, die soziale Innovationen fördern, zusammengetragen:
Master-Thesis Stefanie Landis Seite 20 von 104 Methoden, Ansätze, Konzepte zur Förderung sozialer Innovation Erklärung und Bedeutung Diversity-Ansatz Der Diversity-Ansatz zielt darauf ab, Ungleichheiten und Diskriminierung abzubauen, in dem die Chancengleichheit von sozial benachteiligten Gruppen gestärkt werden (Vielfalt Mediathek, 2023). Peer-Konzept Peers sind genesene Personen, die aus eigener Krankheitsund Therapieerfahrung, psychisch erkrankte Personen als Expert*innen begleiten. Sie teilen ihre Erfahrungen und gewonnen Kompetenz mit Betroffenen. Dabei werden Peers spezifisch dafür ausgebildet (Clienia, 2025). Partizipative Aktionsforschung Die partizipative Aktionsforschung bezieht aktiv Personen in den Forschungsprozess ein, die nicht als Forschungsobjekte gelten sollen, sondern als Co-Forschende teilnehmen. Der Ansatz verfolgt damit, das Wissen der Betroffen einzubinden und diese gleichermassen durch Beteiligung in ihrer Selbstbefähigung zu stärken (Akademie, 2024). Corporate Social Responsibility Corporate Social Responsibility (CSR) fokussiert die Auswirkungen von Unternehmen und ihrer Tätigkeiten auf die Gesellschaft und Umwelt. Dies betrifft Themen wie Arbeitsbedingungen, Menschenrechte und Umweltschutz (Sekretariat für Wirtschaft, 2025). Integrierte Versorgungsmodelle entwickeln, Modelle einer ganzheitlichen Behandlung Integrierte Versorgung umfasst eine koordinierte und effiziente Zusammenarbeit verschiedener Leistungserbringer während eines gesamten Behandlungspfades. Dabei orientiert sich das Fachpersonal an den Bedürfnissen der Klient*innen und versucht gleichermassen durch eine hohe Effizienz unnötige Kosten zu verhindern (Konferenz der kantonalen Gesundheitsdirektorinnen und -direktoren, 2019, S.1-6). Tabelle 2: Mögliche Ansätze und Methoden zur Förderung sozialer Innovationen in der Psychiatrie (eigene Darstellung) Die Zusammenstellung (Tabelle Nr. 2) von möglichen Ansätzen und Methoden für die Förderung von sozialen Innovationen im psychiatrischen Kontext basiert auf einer breiten Recherche von Themenbereichen, Modellen oder Forschungsergebnissen, die einen sozialen und gesellschaftlichen Charakter aufweisen und in Verbindung mit sozialer Innovation in der Psychiatrie gebracht werden können.
Master-Thesis Stefanie Landis Seite 27 von 104 PROBLEMANALYSE LÖSUNGSFINDUNG Abbildung 6: Design Thinking (eigene Darstellung auf der Basis von Kollinger et al., 2023, S. 112) Gewöhnlich kommt Design Thinking in der ersten Phase des Innovationsprozesses zum Einsatz, wenn es um Inspiration und die Generierung von Ideen geht. Dabei stehen in der Regel die Bedürfnisse und Probleme der Nutzer*innen im Mittelpunkt, weshalb diese Methode stark auf die Nutzer*innen ausgerichtet ist. Die Methode setzt auf Vielfalt, weshalb die Teams aus Expert*innen verschiedener Fachrichtungen bestehen. Ein besonderer Vorteil von Design Thinking ist die starke Fokussierung auf die Bedürfnisse der Nutzer und Nutzerinnen sowie das wachsende Engagement der Teammitglieder*innen, die im Verlauf der Projektentwicklung eine stärkere Identifikation mit ihrem Projekt entwickeln (Kollinger et al. 2023, S. 112). Die Wahl der Innovationsmethode ist abhängig von der Zielsetzung bzw. davon, welches Ziel mit der Innovation angestrebt werden soll. Umsatzsteigerung, Nutzer*innengewinnung, Verbesserung der Kommunikation oder auch Sinnverwirklichung, also was Menschen in der Gesellschaft einen sinnvollen Nutzen hervorbringt, sind einige Beispiele dafür (Hosang, 2025). Abschliessend kann hervorgehoben werden, dass Innovationsmethoden einen bedeutenden Beitrag zur Organisationsentwicklung leisten und sich diese Methode daher besonders dafür eignet, anhand einer konkreten Zielsetzung (soziale) Innovationen zu entwickeln (ebd.). Fazit: Die Methode Design Thinking zeigt sich als besonders anschlussfähig, weil damit soziale Fragstellungen bearbeitet werden können. Im Zentrum steht dabei der konkrete Bedarf der Nutzer*innen und durch die iterative Herangehensweise werden Ideen laufend überprüft und weiterentwickelt, mit dem Ziel praxisnahe Lösungen zu schaffen. Dabei wird die fachübergreifende Zusammenarbeit gestärkt. Design Thinking eignet sich deshalb als Instrument zur gezielten Förderung von Innovationen, die Verstehen Beobachten Sichtweise definieren Ideen entwicklen Prototypen entwicklen Testen
Master-Thesis Stefanie Landis Seite 28 von 104 soziale Wirkung erzielen und gesellschaftlichen Nutzen in den Vordergrund stellen. Gleichzeitig kann Design Thinking einen wertvollen Beitrag zur Weiterentwicklung von psychiatrischen Organisationen leisten. 2.2.4 Ideenmanagement In diesem Kapitel wird das Konzept des Ideenmanagements vertieft, welches anhand einer spezifischen Methode im Bereich der Organisationsentwicklung eine prozesshafte, Ideengewinnung ermöglicht. Die Ausführungen des Konzeptes sollen als Pendant zur Methode des Design Thinking verstanden werden, die den Bereich des Innovationsmanagements und den der Organisationsentwicklung methodisch miteinander verbindet. Die übergeordnete Aufgabe des Innovationsmanagements besteht darin, den gesamten Prozess von der Ideenfindung bis hin zur Umsetzung neuer Produkte systematisch zu begleiten (Müller-Prothmann & Dörr, 2014; zit. in Heit & Oldhafer, 2020, S. 207208). Die Methode des Ideenmanagements dagegen ist ein Prozess, der darauf abzielt, Verbesserungen, Neuerungen und Kosteneinsparungen im Unternehmen zu erzielen. Dieser Prozess umfasst vier Hauptschritte: das Anregen, Sammeln, Bewerten und Umsetzen von Ideen. Dabei konzentriert sich das Ideenmanagement auf betriebswirtschaftliche (Produkteund Prozessentwicklung), ökonomische (Qualitätssicherung, Kundenzufriedenheit, Kostensenkung)) und wettbewerbspositionsbezogene Verbesserungen. Im Gegensatz zum Innovationsmanagement das, wie bereits aufgeführt wurde, primär auf die Verbesserung von Produkten oder Dienstleistungen abzielt, spricht das Ideenmanagement einen breiteren, nach innen gerichteten Organisationsentwicklungsschwerpunkt an. Was bedeutet, dass alle Mitarbeitenden aktiv angesprochen und einbezogen werden (ebd.). Durch die Einbeziehung der gesamten Belegschaft in einem Unternehmen kann im Gegensatz zum Innovationsmanagement unterschieden werden, dass sich mit dieser Methode jede einzelne Mitarbeiterin und jeder einzelne Mitarbeiter beteiligt werden kann, was im Innovationsbereich nicht immer zutrifft, da nicht alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sich zur Innovationsentwicklung angesprochen fühlen. Dennoch stellt sich die klare Unterscheidung vom Innovationsund Ideenmanagement als herausfordernd dar (The Project Group, 2025).
Master-Thesis Stefanie Landis Seite 29 von 104 Um den gesamten Prozess zu veranschaulichen wird folgende Grafik aufgeführt: Abbildung 7: Ideenmanagement Kreislauf (Heit & Oldhafer, 2020, S. 210) Wie in der Grafik ersichtlich wird, umfasst der Prozess des Ideenmanagements acht zirkuläre Phasen (Ideen generieren und einreichen, beurteilen, entscheiden, informieren, umsetzen, anerkennen, motivieren). In Kapitel 2.3.1 wurde bereits auf das schnelllebige VUCA-Umfeld und dessen Herausforderungen eingegangen. Entscheidend ist nun, wie Unternehmen mit diesen Herausforderungen umgehen, und dabei zeigt sich die Methode des Ideenmanagements als eine gewinnbringende Handlungsmöglichkeit für Unternehmen (Heit & Oldhafer, 2020, S. 210). Mit einer Grundhaltung, dass alle Mitarbeitenden in Unternehmen unverzichtbare und wertvolle Ressourcen darstellen, wird gleichzeitig eine positive Organisationskultur geschaffen, wie bereits in Kapitel 2.2.2 aufgeführt wurde. Die Chance auf vielversprechende Ideen entsteht deshalb eher, wenn alle Mitarbeitenden in die Verbesserungsmöglichkeiten eingebunden werden und nicht ausschliesslich durch die Führungspersonen top-down Entscheidungen getroffen werden. Ein entscheidender Erfolgsfaktor zeigt sich dahingehend, wenn Mitarbeitende einen positiven Vorteil oder Nutzen darin erkennen können, sich aktiv einzubringen. Deshalb zeigt sich in der Umsetzung des Ideensammlungsprozesses, dass zwingend Rückmeldungen an die Ideengeber*innen erfolgen und eingegebene Ideen von den Ideenmanager*innen ernstgenommen werden müssen. Wichtige Aspekte und
Master-Thesis Stefanie Landis Seite 30 von 104 Aufgaben einer Ideenmanagerin oder eines Ideenmanagers werden an dieser Stelle deshalb kurz dargelegt (Heit & Oldhafer, 2020, S. 210-2012): Þ Das Motivieren der gesamten Mitarbeitenden durch regelmässiges Planen und Durchführen von Ideengewinnungsanlässen oder Methoden. Þ Die Organisation des gesamten Prozesses und die Auswertung und Aufbereitung der Ergebnisse. Þ Das Sicherstellen und die Überwachung des Prozesses. Þ Die Rolle als Ansprechpartner*in bei Fragen und das regelmässige Pflegen der Kontakte zu den Entscheidungspersonen, um rasche Entscheidungen fällen zu können und Prozesse voranzutreiben. Þ Das kontinuierliche Nachweisen des Nutzens gegenüber dem Management sowie den Mitarbeitenden. Þ Ein geeignetes Tool für das Ideenmanagement entwickeln, bereitstellen und regelmässig pflegen. Abschliessend wird in diesem Kapitel auf mögliche Ursachen einer geringen Beteiligung am Ideenmanagement eingegangen, um die Erfolgsfaktoren herauszuschälen, die als förderlich hervorzuheben gelten.
Master-Thesis Stefanie Landis Seite 31 von 104 Folgende Grafik unterstützt dabei entgegenwirkende Massnahmen zu erfassen: Entgegenwirkende Massnahmen Fähigkeitsbarrieren Mitarbeitende besitzen keine kritische Einstellung zum Betriebsgeschehen Einführung einer mündlichen Abgabe der Verbesserungsvorschläge Handlungen werden nicht (mehr) hinterfragt > Betriebsblindheit Artikulationsschwierigkeiten der Mitarbeitenden> Schamgefühl Willensbarrieren Mangelnde Bereitschaft und Trägheit zur kreativen Mitarbeit Ratsam, sich bei der Begründung der Ablehnung besonders viel Mühe zu geben Implementierung von Fehlertoleranz Geringe Identifikation mit der Berufstätigkeit Gleichgültigkeit Misstrauen gegen das Ideenoder Innovationsmanagement Konformitätsdruckerwartung und Furcht vor einer Blamage zum einen gegenüber der Vorgesetztenperson und zum anderen gegenüber den Kolleg*innen Angstbarrieren Keine offene und kritikfähige Unternehmenund Führungskultur Implementierung einer offenen und kritikfähigen Unternehmensund Führungskultur Tabelle 4: Ursachen für geringe Beteiligung am Ideenmanagement (eigene Darstellung auf der Basis von Heit & Oldhafer, 2020, S. 213) Förderliche Faktoren für die Beteiligung an Verbesserungsvorschlägen sind laut Thom (2003; zit. in Heit & Oldhafer, 2020, S. 212) insbesondere der Verzicht auf einen Schriftzwang. Die mündliche Abgabe wird bevorzugt, da den Mitarbeitenden ermöglicht wird, Fragen direkt zu stellen und somit ihre Unsicherheiten zu klären. Zusätzlich betont Thom die Vorteile von Gruppenvorschlägen, weil diese durch vorherige Gruppendiskussionen bereits einer konstruktiven Kritik unterzogen werden und somit im Kollektiv eine höhere Qualität erreichen. Besonders förderlich ist die Vielfalt innerhalb der Gruppe, wenn Mitglieder unterschiedliche Ausbildungen und Erfahrungen mitbringen (ebd.). Deswegen empfehlen Thom und Piening (2009; zit. in Heit & Oldhafer, 2020, S. 212) spezielle Aktionen zur Förderung von Gruppenvorschlägen. Daneben betonen sie, dass innerhalb einer Gruppe bereits kritische Diskussionen erfolgen und dadurch Vorschläge vertieft durchleuchtet werden können, bevor diese an die Vorgesetzten gelangen. Die direkte Einreichung von Ideen bei den Vorgesetzten hat den Vorteil, dass diese
Master-Thesis Stefanie Landis Seite 32 von 104 schneller bearbeitet werden können, da Vorschläge direkt an der Quelle geprüft werden. Allerdings hängt der Erfolg massgeblich von den sozialen und kommunikativen Fähigkeiten der Vorgesetzten ab. Dort zeigt sich eine offene und kritikfähige Fehlerund Unternehmenskultur als bedeutend. Ein Nachteil kann entstehen, wenn Vorgesetzte Vorschläge als Belastung ansehen und dadurch ihre Mitarbeiter*innen bremsen. Als besonders gelingend zeigt sich deshalb, wenn Vorgesetzte sich aktiv beteiligen oder diese früh im Prozess eingebunden werden. Dies fördert die Ideen, die von den Vorgesetzten erkannt und idealerweise bereichsübergreifend gefördert werden (2009; zit. in Heit & Oldhafer, 2020, S. 212). Fazit: Das Ideenmanagement bietet Unternehmen bzw. Psychiatrien eine strukturierte Möglichkeit, um ihr Verbesserungspotential zu erkennen und durch das gezielte Einbinden der Mitarbeiter*innen, alltägliche Optimierungen zu erreichen. Ein erfolgreiches Ideenmanagement lebt deshalb von einer offenen Unternehmenskultur, dass die Feedbacks von Mitarbeiter*innen ernst nimmt und ihre Beteiligung an Entwicklung aktiv fördert. Dabei zeigt sich entscheidend, dass Mitarbeiter*innen zeitnah Rückmeldungen auf ihre Ideen erhalten, um ihr Engagement dadurch zu würdigen und so die Innovationskraft der Organisation zu fördern. 2.2.5 Interprofessionelle Entwicklung und die Herausforderungen für die Soziale Arbeit Das folgende Unterkapitel behandelt die Herausforderungen der Sozialen Arbeit im Gesundheitswesen. Es untersucht, inwiefern die Anerkennung der Sozialen Arbeit als eigenständige Profession gelingt oder eben nicht gelingt. Röh (2020; zit. in Walther, 2023) äussert: Wir denken, dass uns mit guter Wirksamkeitsforschung moralisch der Zugang als eigenständiger Player im Gesundheitswesen zustünde und sind dann gekränkt, wenn es nicht passiert. (S. 4) Diese aufgeführte und in gewissem Masse provokative Aussage von Röh (2020; zit. in Walter, 2023), wurde in der Zeitschrift für klinische Sozialarbeit psychosoziale Praxis und Forschung publiziert (S. 4). Er veröffentlichte zudem drei Jahre zuvor einen Aufsatz zum Thema «Klinische Sozialarbeit - Wo stehen wir?», mit dem Ziel, mit seiner
Master-Thesis Stefanie Landis Seite 33 von 104 Provokation eine Diskussionsanregung anzustossen. Walther (2023) reagierte auf diesen Beitrag und verglich die Herausforderung der klinischen Arbeit mit der Qualifikation der klinischen Psychologie. Denn auch diese Profession hatte in den 1980er Jahren den «Kampf», sich als selbständige psychotherapeutische Tätigkeit neben den Ärzt*innen zu etablieren. Durch das in den 1990er Jahren eingeführte Psychotherapiegesetz wurde ein Abrechnungssystem der Krankenkassen möglich. Dies führte dazu, dass heute verhaltenstherapeutische Konzepte wie bspw. im Bereich der Prävention, Diagnostik, Therapie oder Rehabilitation von psychischen Störungen zu den Standards zählen und als selbstverständlich in der Psychotherapie angesehen werden (S. 4). Walther stellt nun die Frage in den Raum, was die klinische Sozialarbeit diesbezüglich von der Psychologie abschauen könnte. Ein zentrales Merkmal beschreibt er dabei in der Binnenqualifikation der klinischen Sozialarbeit nach aussen innerhalb des Gesundheitswesens als eigenständige anerkannte Profession. Denn im Gegensatz zur Psychologie bzw. Therapie, hebt er hervor, bringt die klinische Sozialarbeit keinen direkten finanziellen Mehrwert. Daneben betont er dennoch die etlichen Konzepte der klinischen Sozialarbeit im Gesundheitswesen und in der Psychiatrie wie die Form der Soziotherapie, die integrierte Versorgung, die stationsäquivalente Behandlung und die Sozialraumorientierung. Er kritisiert, dass bestimmte Konzepte aus der klinischen Sozialarbeit als Plagiat übernommen werden, ohne dabei explizit auf die Sozialarbeit Bezug zu nehmen oder den wissenschaftlichen Diskurs zu suchen oder offenzulegen. Kritisch betont er gleichwohl, dass nicht alle Konzepte optimal umgesetzt sind. Dennoch profitieren die Klient*innen bereits von diesen Konzepten, während die Profession noch um Anerkennung der eigenen Expertise im Gesundheitswesen ringt. Er äussert: «Wirksamkeit ist nur ein notwendiges Kriterium, aber keinesfalls ein hinreichendes» (ebd.). Er kritisiert, dass die Sozialtherapie zwar vertreten ist und Konzepte genutzt sowie als Weiterbildungen anerkannt werden, jedoch auf der gesundheitspolitischen Ebene kaum Beachtung findet. Lösungsansätze sieht er zum einen in der Weiterentwicklung der Qualifikation anhand von Bachelorund Masterausbildungen im Bereich der klinischen Sozialarbeit und in der Präsenz durch Veranstaltungen und Tagungen sowie Publikationen in Fachzeitschriften und Medien (S. 5). Dabei spricht er einen weiteren Punkt an, der an dieser Stelle zu hervorheben ist. Walther betont, dass sein Engagement hauptsächlich den Klient*innen einen Nutzen schaffen soll und er weniger Energie in die Professionsdiskussion und deren Etablierung investieren will (ebd.). Diese Ausführungen bekräftigen die Darlegungen von Hüttemann und Parpan-Blaser (2023) (Kapitel 2.1.3), dass soziale Innovationen mehrheitlich auf Mikround
Master-Thesis Stefanie Landis Seite 34 von 104 Mesoebene stattfinden und es daher der Sozialen Arbeit im Gesundheitswesen bzw. in der Psychiatrie noch nicht gelungen ist, sich sozialpolitisch aufzustellen und der Fokus sowie das Engagement der Sozialarbeitenden sich hauptsächlich an der Basis abspielen (Hüttemann & Parpan-Blaser, 2023, S. 31-32). Gleichermassen beschreibt Zängel (2019), dass sich die Soziale Arbeit im Gesundheitswesen zwar grundlegend mit der Lösung und Linderung sozialer Probleme und Herausforderungen befasst, dies aber nicht nur Teil der Aufgabe der Disziplin der Sozialen Arbeit ist, sondern auch das Zusammenwirken mit anderen Professionen und Berufsgruppen bedingt, wie bereits in Kapitel 2.1.1 bspw. im Bereich des Managements aufgeführt wurde. In diesem Zusammenhang beschreibt er bezüglich Machthierarchien innerhalb und ausserhalb von Gesundheitsorganisationen, dass sich die Soziale Arbeit nach wie vor einem hohen Entwicklungsund Anpassungsdruck auf verschiedenen Ebenen gegenüber anderen Disziplinen stellen muss (S. 80). Wird an dieser Stelle der Begriff der Interprofessionalität beleuchtet, wird deutlich, dass sich dieser vor allem dadurch kennzeichnet, dass eine effiziente Zusammenarbeit von verschiedenen Fachpersonen, die in Teams zusammenarbeiten, gefragt ist (Gerber & Rüefli, 2021, S. 2). Die Hochschule Luzern für Soziale Arbeit hat im Auftrag des Bundesamtes für Statistik (2018) ein Forschungsprojekt zum Thema interprofessionelle Zusammenarbeit im Gesundheitswesen durchgeführt. Ziel des Projektes war die Förderung der Interprofessionalität und die Stärkung deren Zusammenarbeit. Es wurden insgesamt 20 Fachpersonen aus dem medizinisch-pflegerischen und dem sozialen Bereich befragt, die gemeinsam zusammenarbeiten. Die Ergebnisse zeigen deutlich auf, dass die interprofessionelle Zusammenarbeit im Gesundheitswesen noch längst keine Selbstverständlichkeit ist. An vielen Schnittstellen bestehen aktuell verschiedene Hindernisse, die diese Zusammenarbeit erschweren. Ein wesentliches Merkmal zeigt sich insbesondere durch starke Hierarchien der ärztlich-therapeutischen Ebene, was zur Folge hat, dass eine strikte Trennung von Verantwortungsbereichen gilt und dadurch eine interprofessionelle Zusammenarbeit gehemmt wird (S. 1-2). Empfehlungen plädieren daher für eine Auflösung traditioneller Hierarchien zwischen den Gesundheitsberufen und für die Reduzierung von Schnittstellen. Denn diese ermöglichen interprofessionellen Teams, eine kompetenzorientierte Behandlung und Pflege effektiver umzusetzen. Dies würde nicht nur zu einer Verbesserung der Behandlungsqualität und der Patientenzufriedenheit führen, sondern auch zur Einsparung der Ressourcen beitragen. Denn gerade in Anbetracht der aktuellen Ausgangslage im Gesundheitswesen, wie in Kapitel 1 bereits erläutert wurde, benötigt es für die Vielzahl der
Master-Thesis Stefanie Landis Seite 35 von 104 Herausforderungen (Fachkräftemangel, steigende Patientenzahlen, Kostendruck etc.) eine funktionale und professionelle Zusammenarbeit aller Akteur*innen (BAG, 2018, S. 1-2). Fazit: Wie deutlich wurde, steht die Soziale Arbeit im Gesundheitswesen weiterhin vor der Herausforderung sich als eigenständige und gleichwertige Profession gegenüber etablierten Disziplinen zu positionieren. Es fehlt an einer politischen und strukturellen Anerkennung. Die Soziale Arbeit bzw. die klinische Sozialarbeit ist deshalb besonders gefordert, sich in hierarchisch geprägten Strukturen bewegen zu können und sich bezüglich der ungleichen Entscheidungskompetenzen in interprofessionellen Teams durchzusetzen. Dennoch bietet die interprofessionelle Zusammenarbeit eine zentrale Chance, die Stärkung der Sozialen Arbeit mitzugestalten. Dies bedingt jedoch eine grundsätzliche Offenheit aller Professionen, gesundheitsbezogene Strukturen und Prozesse gemeinsam zu gestalten.
Master-Thesis Stefanie Landis Seite 36 von 104 3 EMPIRISCHER TEIL Um soziale Innovationen in der Psychiatrie und deren Erfolgsfaktoren herausschälen zu können, wird ein qualitativer Forschungszugang angewendet. Die qualitative Forschungsmethode eignet sich laut Döring (2023) besonders für eine geringe Menge an Datenmaterial, um den Untersuchungsgegenstand in einem bestimmten Kontext detaillierter zu beschreiben. Das induktive Vorgehen ermöglicht die Bildung von neuen Theorien und neuen Erkenntnissen (S. 25-26). Das vorliegende Kapitel befasst sich mit der Forschungsmethodik und dem Forschungsziel und beschreibt die methodologischen Überlegungen, welche zur Datenerhebung und -auswertung führen. Abschliessend werden reflektiv kritische und wichtige Überlegungen des Forschungsprozesses dargestellt. Den Gütekriterien Validität (Glaubwürdigkeit), Reliabilität (Zuverlässigkeit) und Objektivität (Bestätigbarkeit), wird während des gesamten Forschungsprozesses, von der Erhebung bis zur Auswertung, Rechnung getragen, damit die Intersubjektivität gewährleistet werden kann (Kukartz & Rädiker, 2014, S. 236-237). 3.1 Methodik und Forschungsziel der qualitativen Untersuchung Laut Kaiser (2021) eignen sich qualitative Expert*inneninterviews, um spezifisches Wissen zu bestimmten sozialen Phänomenen und deren Entstehung sowie deren Veränderungen zu erfassen (S. 7). Bezogen auf die Thematik der sozialen Veränderungen bzw. des sozialen Wandels und des Zusammenhangs zu sozialen Innovationen (Kapitel 2) eignet sich daher diese Methode, um diese Phänomene und die Verbindung zueinander vertiefter erklären und anschliessend mit theoretischem Wissen verknüpfen zu können. Die qualitative Forschungsmethode wurde zudem gewählt, weil diese sich besonders eignet für die Einzelfallstudie der PUK, um in einem spezifischen Forschungsgebiet vertieft an Wissen zu gelangen, dass abschliessend modifiziert wird und Aufschluss über weiterführende Theorien generieren kann (ebd.). Das Forschungsziel ist, implizites sowie explizites Wissen der Expert*innen über den psychiatrischen Kontext von sozialen Innovationen zu erfahren. Daneben engagieren sich die Expert*innen in einem interprofessionellen Gremium der PUK, welches als
Master-Thesis Stefanie Landis Seite 43 von 104 Phase 1: Initiierende Textarbeit, Memos, Fallzusammenfassungen In der ersten Phase lag der Fokus auf dem sorgfältigen Lesen der Texte und dem Markieren von besonders heraushebenden Textpassagen. Dies führt zum ersten Schritt der Strukturierung und bildet zum Schluss erste kurze Fallzusammenfassungen (Kuckartz & Rädiker, 2024, S. 133). Phase 2: Hauptkategorien entwickeln In der zweiten Phase wird mittels der Kategorienbildung eine inhaltliche Strukturierung der Daten erstellt. Die Hauptkategorien richten sich nach den Forschungsfragen, die Subkategorien bilden die Häufigkeit der Themen aus den ersten Zusammenfassungen ab (ebd.). Phase 3: Daten mit Hauptkategorien codieren In der dritten Phase wurde der erste Codierprozess vorgenommen, was bedeutet, dass jede Zeile einzeln kategorisiert wird. Textabschnitte, die in keine Kategorie passen, bleiben uncodiert (S. 134). Phase 4: Induktive Subkategorien bilden In Phase vier wird nach dem ersten Codierprozess eine Ausdifferenzierung der zu Beginn noch allgemeinen Kategorien vorgenommen (S. 138). Das Zusammenstellen einer Liste der codierten Textstellen verhilft anschliessend dazu, Subkategorien zu bilden. Phase 5: Daten mit Subkategorien codieren In der Phase fünf wird der zweite Codierungsprozess vorgenommen. Dies geschieht, indem die ausdifferenzierten Subkategorien den Hauptkategorien zugeordnet werden. Die Phasen 4 und 5 wurden in mehreren Zyklen durchlaufen (S. 142). Abschliessend wurden die Themen und die dazugehörigen Textmengen zusammengefasst und durch die konkreten Äusserungen in Bezug auf die Forschungsfragen die Inhalte reduziert (S. 145). Zur Veranschaulichung wird an dieser Stelle ein Tabellenausschnitt aufgeführt:
Master-Thesis Stefanie Landis Seite 44 von 104 Originaltext Zusammenfassung Kategorien 119. "die Frage ist für mich ein bisschen schwierig soziale Innovation" 226. "finde ich schwierig“ 340. "nein weiss nicht wirklich was das ist" 558. „ja also ehrlich gesagt nicht mega viel“ 382. „ja schwierige Frage“ Bemerkung: alle Personen des Think Tanks benötigten einen Input zum Themeninhalt Alle Personen haben Schwierigkeiten den Begriff soziale Innovation zu verstehen. Hauptkategorie Innovation und soziale Innovation Subkategorie Verständnis sozialer Innovation 277. "wie kann man sich da gegenseitig bereichern und unterstützen und miteinander das Ganze vorwärtsbringen" Die interprofessionelle Zusammenarbeit wird als gegenseitige Unterstützung wahrgenommen. Hauptkategorie Organisationsentwicklung Subkategorie Zusammenarbeit Tabelle 6: Zusammenfassung der Subkategorien und Zuordnung der Hauptkategorien des Beispiels «Innovation und soziale Innovation» und «Organisationsentwicklung» (eigene Darstellung auf der Basis von Kuckartz & Rädiker, 2024, S. 142-145) Phase 6: Einfache und komplexe Analysen In der Phase sechs wurden die Zusammenfassungen der einfachen und komplexen Analysen miteinander verbunden, um anschliessend eine thematische Zusammenfassung zu bilden, die zur Vorbereitung der Ergebnispräsentation dient. Dieses Vorgehen bot eine strukturierte Übersicht der Kategorien und die Verbindung zueinander (Kuckartz & Rädiker, 2024, S. 147-154). Da die Interviews mit fünf Expert*innen des Think Tank Gremiums der PUK und das sechste Interview mit einer Expertin ausserhalb der Organisation PUK sattfanden, musste dies, wie bereits bei Kapitel 3.3 beschrieben, mitberücksichtigt werden. Deshalb wurden zwei Tabellen angelegt, um die Kategorien der Einzelfallstudie von Expertin E6 ausserhalb der PUK zu unterscheiden. Dabei wurde darauf geachtet, eine sinnvolle Reihenfolge zu bilden, um anhand der Reihenfolge der Forschungsfragen einen roten Faden herzustellen (ebd.). Phase 7: Ergebnisse verschriftlichen und Vorgehen dokumentieren In der Phase sieben wurden die Textpassagen anhand der Hauptkategorien gebündelt und anschliessend zusammengefasst. Die zentrale Grundlage für die Zusammenfassung orientierte sich an den Forschungsfragen, die dabei leitend die Struktur vorgaben. Darin wurden Bemerkungen und Notizen, die während des gesamten
Master-Thesis Stefanie Landis Seite 45 von 104 Codierungsprozesses festgehalten wurden, einbezogen. Kuckartz und Rädiker (2024) empfehlen, mit der Verschriftlichung von signifikanten Erkenntnissen frühzeitig zu beginnen, was bedeutet, dass dies bereits in jeder Phase geschieht und von der Autorin eingehalten wurde (S. 154). 3.5 Reflexion des Forschungsprozesses Im Folgenden werden spezifische Aspekte und Phasen des Forschungsprozesses näher betrachtet. Die Reflexion konzentriert sich dabei auf die getroffenen methodischen Entscheidungen und die Rolle als Forscherin. Die Auswahl der Expert*innen In Kapitel 3.2 wurde anhand der Ausführungen von Kaiser (2023) betont, wie wichtig und zentral die Auswahl der Expert*innen ist, um am Schluss auch an präzise Informationen zu gelangen, die dazu verhelfen, die Forschungsfragen beantworten zu können (S. 85-86). Die Auswahl der Expert*innen erwies sich dahingehend als sehr wertvoll und umfassend, da diese eine interprofessionelle Sichtweise einbringen konnten. Durch die verschiedenen Perspektiven und hauptsächlich durch die lange berufliche Erfahrung und Expertise im Bereich der Psychiatrie konnten Aspekte und Ergebnisse erhoben werden, die mit reinem Theoriewissen in dieser Tiefe nicht erreicht worden wären. Die Thematik rund um die sozialen Innovationen stellte alle Expert*innen aus der PUK anfänglich dennoch vor eine Herausforderung. Die Begriffsbezeichnung soziale Innovation war für alle Expert*innen schwer fassbar und irritierte alle gleichermassen während des Interviews. Es benötigte daher bei allen Personen einen kurzen theoretischen Input, um in die Thematik hineinzufinden (siehe Tabelle Nr. 6). Besonders wertvoll zeigte sich danach, dass einige konkrete Beispiele genannt werden konnten und anhand dieser sich herauskristallisierte, welches Verständnis die Expert*innen von sozialen Innovationen mitbringen. Laut Kaiser (2021) eignen sich qualitative Expert*inneninterviews, um spezifisches Wissen zu bestimmten sozialen Phänomenen und deren Entstehung sowie deren Veränderungen zu erfassen (S. 7). Das qualitative Expert*inneninterview erwies sich dahingehend als die geeignete Methodenwahl.
Master-Thesis Stefanie Landis Seite 46 von 104 Rolle und Wissen der Forscherin in Bezug auf die eigene Anstellung Im gesamten Datenerhebungsprozess zeigte sich das eigene theoretisch erarbeitete Vorwissen der Autorin als elementar. Zum einen durch theoretische Inputs, die, wie bereits aufgezeigt wurde, während der Interviews teilweise nötig waren, und zum anderen, verlangte die Thematik soziale Innovation in der Psychiatrie ein breites Wissen, um die Zusammenhänge um diese Thematik herleiten und verstehen zu können. Die Forschungsfragen erwiesen sich als äusserst unterstützend und gaben der Autorin immer wieder Klarheit in Bezug auf die Abgrenzung der eigenen Rolle. Denn während des Interviews musste die Autorin sich immer wieder kritisch hinterfragen und bewusst «nicht» auf Fragen eingehen wie: «Ich weiss nicht, ob du das auch teilen kannst, du bist ja vom Fach?» (E5, 2025, Z. 624) oder «Also gerade zu diesem Thema Innovation sind wir auch schon mit der PDAG in der Unternehmensentwicklung zusammengesessen, weil ihr da in gewissen Teilen schon weiter sind» (E5, 2025, Z. 891-893). In den Interviews gab es wiederholt Situationen, in denen die Autorin darauf achten musste, ihre Rolle als Forscherin nicht mit ihrer Position als Leiterin der Fachentwicklung zu vermischen. Methodisch zeigte sich dabei der strukturierte Leitfaden als Hilfestellung und der Autorin gelang es dadurch, in der Rolle als Forscherin beständig zu bleiben. MAXQDA-Software Der Zugang zur Lizenz der durch die Fachhochschule Luzern, an der die Autorin immatrikuliert ist, zeigte sich zu Beginn als Herausforderung. Die Lizenz musste zuerst durch die Studiengangsleitung freigegeben werden, weil dies im Masterstudiengang nicht im IT-Portfolio enthalten war. Die Abklärungen mit verschiedenen InformatikDiensten innerhalb der Hochschule führten dazu, dass sich der Datenauswertungsprozess um rund zwei Wochen verzögerte. Daneben zeigte sich die Anwendung des Programms zu Beginn als sehr komplex und daher auch als zeitaufwändig. Die Autorin entschied sich daher, nach dem ersten Codieren mit der MAXQDA-Software eine Mischvariante von Tabellen im Wordprogramm und der Software zu verwenden. Dies zeigte sich als sehr hilfreich und speditiv, da die Tabellen zu einer überschaubaren Übersicht des gesamten Datenmaterials verhalfen und die Kategorienbildung vereinfachte. Der Nachteil der Verwendung der Word-Tabellen zeigte sich bezogen auf die Einhaltung der Objektivität während des Forschungsprozesses, als herausfordernd, weil die Bildung und Zuteilung der Hauptund Subkategorien mehrfach durchlaufen wurde und dies nicht als detaillierte bzw. veränderte Prozessschritte (Anpassungen)
Master-Thesis Stefanie Landis Seite 47 von 104 im Wordprogramm aufgezeichnet werden konnte. Deshalb erwies es sich als wertvoll im gesamten Prozess der Datenauswertung von Phase 1 bis 7, Bemerkungen und Notizen bereits in jeder einzelnen Phase vorzunehmen und festzuhalten. Dies erwies sich als gleichermassen unterstützend bezogen auf die Effizienz, die Daten zum Schluss in die Master-Thesis einzufügen und somit strukturiert darstellen zu können. 4 Darstellung der Ergebnisse In diesem Kapitel werden die Ergebnisse anhand einer kategorienorientierten Darstellung präsentiert, welche sich an den Hauptkategorien orientiert. Die Subkategorien werden innerhalb der Hauptkategorien eingebunden und zusammengefasst aufgeführt. Kukartz und Rädiker (2024) empfehlen, das Kategoriensystem den Leser*innen nicht vorzuenthalten, und deshalb wird dies im Anhang (Nr. 5) aufgeführt (S. 156). Ergebnisse aus der Einzelfallstudie anhand des Think Tank Gremiums PUK 4.1 Innovation und soziale Innovation Diese Hauptkategorie bezieht sich auf den Forschungsfokus: Was ist soziale Innovation in der Psychiatrie? Dabei wird erkundet, welches Verständnis die Expert*innen von Innovation und sozialer Innovation bezogen auf die Psychiatrie vorweisen und welche konkreten Innovationen bzw. soziale Innovationen anhand von Beispielen hervorgebracht werden. Das Innovationsverständnis der Befragten Expert*innen zeigte sich vielseitig. Die Expertin E3 beschreibt Innovation als Prozess und hebt hervor, dass es wichtig ist, nicht nur auf neue Entwicklungen zu reagieren, sondern aktiv vorauszudenken und Veränderungen mitzugestalten. Trends sollen so rechtzeitig erkannt werden und es sei wichtig, sich auf Neuerungen einzustellen und diese so zu nutzen, dass sie einem das «Leben» (gemeint war der Berufsalltag) erleichtern. Die Expertin E4 beschreibt Innovation als Haltung, die geprägt ist, offen für Veränderung zu sein, sich anzupassen und neue Angebote auszuprobieren, die bisher nicht weit verbreitet sind. Weiter spricht sie davon, immer wieder Neues auszuprobieren, auch Dinge, die lange nicht funktioniert haben, da sie plötzlich erfolgreich sein können. Bei der Frage, was unter dem Begriff soziale Innovation und Innovation in der Sozialen Arbeit verstanden wird, benötigten
Master-Thesis Stefanie Landis Seite 48 von 104 alle interviewten Personen aus der PUK einen Input, um in das Thema hineinzufinden. Deutlich ist, dass hauptsächlich Praxisbeispiele genannt wurden, die als soziale Innovationen identifiziert werden. Ein Beispiel liegt in der Zusammenarbeit mit der Invalidenversicherung, welche folgende Aussage darlegt: ... ja ein Beispiel ist die Zusammenarbeit mit der IV (...) wenn man eine IV-Anmeldung gemacht hat für die Jugendlichen und eine Anschlusslösung gebraucht hat zum Thema Ausbildung sind die Jugendlichen oft schon ausgetreten bis sie überhaupt einen Entscheid bekommen haben von der IV (...) lange Zeit hat man das Gefühl gehabt da ist gar nichts anderes möglich und dann hat man mit einer anderen Organisation zusammen ein Projekt angefangen aufzubauen und seit dem zeigt sich die IV sehr flexibel und jetzt haben wir ein Projekt mit der IV zusammen wo wir die Jugendlichen ab sofort unterstützen können und die meisten eine Anschlusslösung haben nach Klinikaustritt (E4, 2025, Z. 657-673). Ein weiteres Beispiel hebt die Reduktion von Wartelisten hervor, welches als Bedarf sozialer Innovation kategorisiert werden konnte: ... dass man auch bedenkt was wäre im Sinne des Patienten dass man beispielsweise Wartelisten abbauen kann und dass man sich entsprechend so abspricht im Markt (...) wo man heute noch viel viel zu wenig macht (E5, 2025, Z. 771-775). Im Allgemeinen wurde in Bezug auf soziale Innovationen in der Psychiatrie geäussert, dass im sozialen Bereich ständig neue Ideen entstehen bzw. Angebote entstehen, die oft bestehende Lücken füllen. Mehrfach wurde genannt, dass häufig alle (gemeint sind alle im Bereich Kinderund Jugendhilfe) ähnliche Problemstellungen zu bewältigen haben und irgendwann wird eine neue Lösung dafür entwickelt. Deshalb wäre es aus Sicht der Expert*innen hilfreich, die Zusammenarbeit zwischen sozialen und psychiatrischen Institutionen zukünftig enger zu gestalten, da es im Kanton Zürich nur wenige Mischformen dieser spezifischen Angebote gibt. Was zur Folge hat, dass die Patient*innen teilweise suboptimale Anschlussmöglichkeiten erhalten, die eine nachhaltige und langfristig gelingende Reintegration gefährden. Weiter wurden als soziale Innovation die Arbeitsbedingungen der PUK in Bezug auf Kind und Familie genannt, wie folgende Aussage widerspiegelt:
Master-Thesis Stefanie Landis Seite 49 von 104 ... dass sehr viele Mütter niedrigprozentig arbeiten können oder man schaut auch dass wenn die Familie oder (...) Kinder krank sind dass man ihnen das nicht schwierig macht also dass sie dann auch wirklich zuhause bleiben können (E2, 2025, Z. 498-500). Die Sozialarbeiter*innen haben zudem auf die Frage, weshalb die Sozialarbeit gehemmt scheint, Innovationen in ihrem Bereich zu fördern, geäussert: Sind wir glaube ich auch erstmal vom Beruf her nicht so sortiert und so aufgestellt dass wir uns so für eigene Anliegen uns einsetzen (E3, 2025, Z. 435-436) (...) ich glaube das sind andere Berufsgruppen eher (E3, 2025, Z. 442) (...) ich denke es ist Luft nach oben (E3, 2025, Z. 418) Soziale Innovationen werden von den Expert*innen als gesellschaftliche Innovationen kategorisiert und anhand der Beispiele (IV-Anmeldung, Arbeitsbedingungen, Wartelisten) beschrieben. Es wird erkennbar, dass das Innovationsverständnis die Grundlage dafür bietet, den Bedarf an gesellschaftlichen Erneuerungen zu erkennen und darauffolgend Ideen zur Lösungsfindung entstehen, die nötig sind, um die Erneuerungen zu verfolgen oder konkretisieren, bspw. in Form eines Bedarfs. Das Beispiel der IVAnmeldung verdeutlicht, dass soziale Innovationen einerseits durch die Soziale Arbeit gefördert werden, indem sie in eine direkte Kooperation mit ihren Vernetzungspartner*innen treten, und andererseits zeigt das Beispiel vom Abbauen der Wartelisten auf, dass es gleichermassen betriebswirtschaftliche und organisations-spezifische Komponenten benötigt, um gesellschaftliche bzw. soziale Innovationen zu erreichen. 4.2 Herausforderungen in der Sozialarbeit und Organisationsentwicklung In dieser Kategorie werden die Herausforderungen der Sozialarbeit mit Organisationsentwicklungsschwerpunkten verbunden und dargestellt. Die Kategorie soll die Wichtigkeit der beiden Bereiche als Schnittstelle verdeutlichen und die Erfolgsfaktoren betonen, die zu einer erfolgreichen Zusammenarbeit führen, wie bereits in Kapitel 2.2 theoretisch erläutert wurde. Das Forschungsinteresse lag dabei auf der Fragestellung, welche Einflussfaktoren in Innovationsund Entwicklungsprozessen (institutionell) beachtet werden müssen. Das Bedürfnis, ein grösseres Bewusstsein für die Berufsgruppe der Sozialarbeitenden in Bezug auf die gesamte Organisation zu schaffen, wurde klar seitens der Sozialarbeit
Master-Thesis Stefanie Landis Seite 50 von 104 und der Organisationsentwicklung als Bedarf benannt. Wichtige Punkte, die eine erfolgreiche Zusammenarbeit im Bereich der Sozialarbeit und Organisationsentwicklung ermöglichen, wurden mit genügend Zeit und Raum beschrieben, um überhaupt in diesen Prozess zu finden. Grundsätzlich wurde aus den Interviews deutlich, dass es einerseits ein Verständnis von der Tätigkeit der Sozialarbeit benötigt und anderseits die Bereitschaft und die Möglichkeit, um sich als Sozialarbeiter*in überhaupt aktiv einbringen zu können. Es wird beschrieben, dass nur so eine produktive Kooperation, die auf einem Bottom-up sowie Top-down-Ansatz basiert, aus Sicht der Sozialarbeitenden erreicht werden kann. Seitens des Organisationsberaters wurde geäussert, dass die Sozialarbeit ein grosses Potenzial zeigt, Patient*innen in der Allgemeinpsychiatrie besser zu unterstützen. Aufgrund einer verkürzten Aufenthaltsdauer haben Sozialarbeitende jedoch häufig nur begrenzt Zeit, was die Intensität der Betreuung einschränkt. Dies kommt in folgender Aussage deutlich heraus: ... der Patient kommt und wenn du die Allgemeinpsychiatrie anschaust (...) vielleicht drei bis vier Wochen bei uns bleibt und eigentlich die Soziale Arbeit unheimlich viel Potenzial hätte um die Person abzuholen und das ist halt so wie meine Erkenntnis also wir haben letztes Jahr die Leiterin von unserem Sozialdienst bei uns in der Unternehmensentwicklung gehabt und sie hat einfach mal so ein bisschen erzählt dass die Soziale Arbeit eigentlich alles so macht und dort ist mir bewusst geworden dass eigentlich sehr viel Potenzial da wäre was sie eigentlich mit ihrem Tun alles bewirken könnte (E5, 2025, Z.572-579). Der Organisationsberater beschreibt zudem, dass aktuell die Strukturen der Sozialarbeit in der PUK getrennt sind, weil stationäre Sozialarbeiter*innen zur Direktion Pflege, Therapie und Sozialarbeit gehören, während tagesklinische Sozialarbeiter*innen unter der ärztlichen Leitung arbeiten. In den kommenden Jahren soll deshalb der Fokus daraufgelegt werden, diese verschiedenen Strukturen zu vereinen und die historisch gewachsenen Unterschiede zu überdenken. Ein weiteres Ziel der Organisationsentwicklung ist, mehr Transparenz über die vorhandenen Angebote zu schaffen, da es momentan bei der PUK an einer klaren Übersicht fehlt. Letztes Jahr wurde deshalb eine manuelle Vollerfassung durchgeführt, um diese Transparenz zu erhöhen. Die Geschäftsleitung arbeitet daran, alle Bereiche zu koordinieren und eine stärkere interprofessionelle Zusammenarbeit zu fördern. Dabei
Master-Thesis Stefanie Landis Seite 51 von 104 sollen einheitliche Standards geschaffen werden, sodass etwa die stationäre Sozialarbeit und das Ambulatorium zukünftig dasselbe Ziel und dieselbe Denkweise verfolgen. 4.3 Organisationsentwicklung In dieser Hauptkategorie wird hauptsächlich die Perspektive aus der Organisationsentwicklung näher betrachtet, um die Herausforderungen und Gelingensbedingungen von Entwicklungsprozessen aufzuzeigen und dabei soziale Ideen erkennen zu können. Das Forschungsinteresse fokussiert die Anwendung des Ideenmanagements, das in Kapitel 2.2.4 vorgestellt wurde. Es wird aufgezeigt, welchen Stellenwert die Patientenperspektive dabei erhält und welche Formen von Ideen als «ideenwürdig» bezeichnet werden, um diese aus der Sicht der Organisationsentwicklung, weiter zu verfolgen. Auf die Frage, welche zentralen Erneuerungen und Entwicklungen in letzter Zeit in der PUK umgesetzt worden sind, beschreibt der Organisationsberater in seinem Aufgabenbereich vorab einige Herausforderungen in Bezug auf Vernetzung, Innovation und Zusammenarbeit. Um Entwicklung anzustossen, ist er auf eine effektive Vernetzung verschiedener Fachpersonen und Berufsgruppen angewiesen. Aufgrund der Grösse des Unternehmens zeigt sich dies jedoch oft als erschwerend. Als ein Beispiel dafür beschreibt er das Klient*innendokumentationssystem, das klinikübergreifend einheitlich angewendet und verbessert werden soll, um die Zusammenarbeit zu fördern. Da es keine zentrale Drehscheibe für Ideen und Angebote gab, was in der Vergangenheit zu einer allgemein mangelnden Transparenz führte, wurde durch die Geschäftsleitung entschieden, das Ideenmanagement einzuführen. Das Ziel des Ideenmanagements ist nun, Mitarbeiter*innen aktiv in den Innovationsprozess einzubeziehen und eine Kultur zu schaffen, in der Ideen gehört und ausprobiert werden. Aus dem Ideenmanagement, welches seit knapp einem Jahr implementiert ist und in die Zuständigkeit des Organisationsberaters fällt, zeigen erste Erfahrungen, dass drei Viertel der eingereichten Vorschläge Kritik und Frustration enthalten, anstatt konstruktive Innovationen. Dennoch betont der Organisationsberater, dass es durchaus gute Ideen gibt. Ein Beispiel dafür nennt er die Idee eines flexiblen Langzeitpunktearbeitsmodelles, welches aber in der Entwicklung noch vor Herausforderungen steht, wie diese Aussage verdeutlicht: ... und du hast jetzt angesprochen was macht ihr nun mit den guten Themen und das ist eben genau dort wo wir im Moment etwas anstehen weil das sind Ideen die
Master-Thesis Stefanie Landis Seite 52 von 104 eigentlich von Grund auf sehr gut überlegt sind und jetzt müssen wir die nochmal auf ein anderes Level heben nehmen wir mal das Thema aus der Personalabteilung da kam ein Vorschlag es könnte zukünftig ein Langzeitpunktemodell geben das heisst zum Beispiel ich schaffe 60% und ich möchte die periodisch für ein halbes oder ganzes Jahr 80% arbeiten mit dem kann ich mir das Guthaben ansammeln das ich dann beispielsweise zu einem späteren Zeitpunkt von meiner Karriere wieder einsetze und dann haben wir einfach ein Personalthema mit dem ich dann zur Personalabteilung gehe die Personalabteilung sagt dann dies ist grundsätzlich nicht schlecht aber da gibt es noch viele Aspekte die man mitberücksichtigen muss also sprich wir müssen die Idee primär erst mal wachsen lassen und das sind so die Themengebiete die wir im Moment auf einem Parkplatz haben bis wir wissen wohin sich das entwickelt (E5, 2025, Z. 216-241). Ideen, die aus dem operativen Bereich stammen, sind häufig noch nicht ausgereift genug, um auf ein fortgeschrittenes Innovationsniveau gehoben werden zu können. Diese benötigten viel Zeit und die nötige Bereitschaft von den dafür zuständigen Entscheidungsträger*innen (Leitungspersonen). Daneben sind Themen wie bspw. KI-gestützte Innovationen eine weitere Herausforderung für den Organisationsberater. Denn diese werden auf einer höheren bzw. strategischen Ebene diskutiert, bspw. in der Geschäftsleitung. Jedoch fehlt es an den nötigen Strukturen, um diese Ideen in die Praxis umzusetzen. Zukünftig könnte ein klinikgesamtübergreifendes Think Tank eine wichtige Rolle spielen, um solche Themen interprofessionell zu bearbeiten und Lösungsansätze zu entwickeln. Er äussert zudem, dass es aktuell an einer klaren Übersicht und Analyse der angebotenen Leistungen fehlt. Deshalb soll zukünftig geprüft werden, welche Angebote sinnvoll, sind und diese sollen mit Zahlen belegt werden können, um die Nachfrage zu ermitteln. Er betont, dass betriebswirtschaftliche Überlegungen und die Zusammenarbeit mit anderen Institutionen immer wichtiger werden, um unnötige Dopplungen zu vermeiden und die Effizienz zu steigern, was folgende Aussage wiedergibt: ... zukünftig jetzt sicher mal einen Prozess braucht um zu sagen das bieten wir an oder das bieten wir nicht an vor allem wenn man aus der betriebswirtschaftlichen Brille darauf schaut also sprich ist überhaupt die Nachfrage da (E5, 2025, Z.753756).
Master-Thesis Stefanie Landis Seite 59 von 104 Innovationen und Lösungen zu finden. Es zeigt sich daher deutlich, wie wichtig eine aktive politische Sozialarbeit ist, die in Form von Aufklärungsarbeit rund um das Thema psychische Gesundheit und das Aufzeigen von Bedarfslücken dazu beiträgt, ein besseres Verständnis für psychische Erkrankungen zu schaffen und die notwendigen Ressourcen sowie Unterstützung für die Klient*innen sowie die Fachpersonen der klinischen Sozialarbeit zu gewährleisten. 4.8 Zusammenarbeit und Vernetzung Diese Hauptkategorie konzentriert sich auf die Zusammenarbeit und die Bedeutung der Vernetzung mit Netzwerkpartner*innen ausserhalb der PUK, die als entscheidend angesehen werden, um erfolgreiche Innovationsprozesse zu initiieren und von diesen zu profitieren. Auf die Frage, welche Netzwerkpartner*innen in Bezug auf Kooperationen ausserhalb der Klinik wichtig sind, wird im Bereich Schule und Sozialdienst hauptsächlich mit den Jugendzentren, den sozialen Diensten der Stadt Zürich, der Kindesund Erwachsenenschutzbehörde sowie der Schulbehörde und dem schulpsychologischen Dienst zusammengearbeitet. Im Bereich der Organisationsentwicklung hingegen wird versucht, mit anderen Kliniken wie bspw. dem Balgrist oder dem Kinderspital Zürich zusammenzuarbeiten, um voneinander zu lernen und neue Lösungen zu entwickeln. Dies beschreibt folgende Aussage: ... PUK befindet sich ja auch im Areal Gesundheitscluster Lengg das heisst ja das Kinderspital die Schulthess Klinik der Balgrist da gäbe es auch unheimlich viel Potenzial für Zusammenarbeit (E5, 2025, Z. 778-780). Die PUK erkennt zunehmend die Notwendigkeit, sich stärker zu öffnen und mit externen Partner*innen zu kooperieren, insbesondere im Hinblick auf den geplanten Neubau und die Zusammenarbeit mit dem Kanton und der Politik. Das Gesundheitscluster Lengg6 bietet dafür eine attraktive Plattform für Vernetzung und Innovation. Spannend zeigt sich der Vergleich der Psychiatrie zur Privatwirtschaft in Bezug auf ein Konkurrenzdenken: 6 Der Verein Gesundheitscluter Lengg bringt die verschiedenen Organisationen aus den Bereichen Gesundheitsversorgung, Forschung und Lehre des Kanton Zürichs näher zusammen und steuert innerhalb des gesetzgeberischen Rahmens die geordnete räumliche Entwicklung (Gesundheitscluster Lengg, 2022).
Master-Thesis Stefanie Landis Seite 60 von 104 ... in der Privatwirtschaft wäre das unmöglich gewesen mit dem Mitbewerber über gewisse Themengebiete zu sprechen (...) aber im Gesundheitswesen ist das möglich also nicht überall aber zumindest in der Psychiatrie ist kein Konkurrenzdenken vorhanden (E5, 2025, Z. 883-888). Ein besonders grosses Potential für eine bessere Vernetzung wird vom Organisationsberater im Bereich Case Management gesehen, da die Funktion und deren Auftrag sich auf die gesamten Prozessstrukturen fokussieren und damit eine kontinuierliche und bereichsübergreifende Betreuung der Patient*innen erreicht wird. Der Zusammenschluss der verschiedenen Spitäler, durch das Gesundheitscluster Lengg zeigt auf, dass Vernetzung unter den Kliniken im Kanton Zürich gefragt ist und als wichtig erachtet wird, in dem dafür im Jahr 2022 eine Innovationsplattform geschaffen wurde. 4.9 Think Tank und Interprofessionalität Um herauszufinden, welche Grundlagen erforderlich sind, damit soziale Innovationen in der interprofessionellen Zusammenarbeit entstehen können, wurden die Kategorien Think Tank und Interprofessionalität miteinander verknüpft. Die eigene Motivation, sich in diesem Gremium zu beschäftigen, und die konkreten Innovationsthemen, sowie die Umsetzung und die Herausforderungen, sollen Aufschluss darüber geben, wie Innovation anhand des interprofessionellen Gremiums entsteht und welche konkreten Innovationen daraus entwickelt wurden. Eingangs wurde die Frage gestellt: Was ist Ihre Motivation, sich im Gremium Think Tank zu engagieren? Die Motivation der Teilnehmer*innen am Think Tank liegt darin, dass die interdisziplinäre Zusammenarbeit und der Austausch zwischen verschiedenen Berufsgruppen und Standorten gefördert werden. Es wird als bedeutend erachtet, eine Plattform zu haben, auf der Ideen frei diskutiert werden können, um voneinander zu lernen und Verbesserungsmöglichkeiten zu finden. Besonders entscheidend ist, dass alle Berufsgruppen dazugehören und ihre Ideen bis hinauf zu den Entscheidungsträgern weitergetragen werden. Bei der Frage nach wichtigsten Neuerungen oder Entwicklungen, die daraus konkret umgesetzt wurden, wurden am häufigsten der Rotationstag, die Du-Kultur und die Super-User-Stelle genannt. Der Rotationstag wurde als Seitenwechsel in interprofessionellen Aufgabenbereichen eingeführt wurde, um den Austausch und die
Master-Thesis Stefanie Landis Seite 61 von 104 Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Berufsgruppen zu fördern. Die Du-Kultur wird von den Expert*innen als bedeutsam wahrgenommen, um eine Zusammenarbeit auf gleicher Augenhöhe zu fördern. Die neu eingeführte Rolle des Super Users zielt darauf ab, die Mitarbeitenden zu entlasten, indem sie als Instrument zur Reduzierung des Arbeitsaufwands dient. Die interprofessionelle Zusammenarbeit und die Entwicklung neuer Ideen werden als Hauptfokus des Think Tanks beschrieben. Dabei werden Themen im Voraus partizipativ in den jeweiligen Teams gesammelt und von der CoLeitung des Think Tanks strukturiert, um dadurch eine umfassendere Übersicht zu erhalten und die Diskussionen zu optimieren. Es wird darauf geachtet, nur relevante Themen zu behandeln, um Frustration zu vermeiden, während Themen, die andere Bereiche betreffen, an das Ideenmanagement weitergeleitet werden. Dieser Ausschnitt verdeutlicht die Herausforderung der Eingrenzung der Themensuche und Bestimmung: ... ich glaube wo wir wirklich auch immer wieder aufpassen müssen (...) ist das Thema wirklich ein Thema für den Think Tank also das haben wir wirklich gemerkt ich habe gefunden das war am Anfang so ein bisschen frustrierend dass wir wie immer wieder Themen diskutiert haben und es dann geheissen hat ja aber das betrifft die PUK und das ist zu gross oder betrifft jemand anderen und dann sind wir wie nicht weitergekommen und wir haben es jetzt wie besser eingrenzen können (...) also das sind Think Tank Themen die nur die KJPP betreffen weil wenn es die PUK betrifft dann geht es in das Ideenmanagement (...) der kommt auch an die Think Tank Sitzungen (E4, 2025, Z.474-486). Deutlich wurde, dass Projekte, die weniger kostenintensiv sind, eine höhere Akzeptanz haben und sich schneller umsetzen lassen. Ein erhebliches Hindernis für die schnelle Umsetzung neuer Ideen sind dagegen bestehende Regelungen, insbesondere bei baulichen Massnahmen, die aufwendiger und zeitintensiver sind. Die eingeschränkten Ressourcen und die langen Wartezeiten bei der Umsetzung neuer Projekte sind ebenfalls Herausforderungen, die es zu meistern gilt. Dies verdeutlicht folgende Aussage: ... es gibt aber Sachen wo wir seit Jahren dran sind und wir merken dass da wirklich absolut nichts passiert also ich glaube je mehr es kostet das ist halt immer das Thema (...) dass es je mehr Geld investiert werden muss dass dort halt praktisch nichts machbar ist (E2, 2025, Z.112-115).
Master-Thesis Stefanie Landis Seite 62 von 104 Ein weiterer Bedarf besteht in der Optimierung der Kommunikation und Transparenz, insbesondere hinsichtlich Personalthemen und der Erklärung abgelehnter Finanzierungen. Fehlende Nachvollziehbarkeit bei Ablehnungen von Projektideen wird als problematisch wahrgenommen. Dabei wurden Themen wie Lohntransparenz, Lohnbedingungen, Arbeitszeitmodelle und das Binden von langjährigen Mitarbeitenden genannt. Der aktuelle Think Tank beschäftigt sich ebenfalls mit der Nutzung von künstlicher Intelligenz. Der Organisationsberater bringt zu diesem Thema sein umfassendes, bereichsübergreifendes Wissen aktiv ein, weil diesbezüglich im Gremium oft die Fachexpertise fehlt. Dies zeigt sich gleichermassen bei Personalthemen, wo eine Person aus der Personalabteilung notwendig wäre. Als weitere Herausforderung wurde die Flexibilität in der Planung genannt, insbesondere für Fachpersonen im Schichtdienst, die deswegen weniger an den Sitzungen teilnehmen können. Hohe Fluktuationen führen zudem zu Unbeständigkeit und beeinträchtigen die Zusammenarbeit im Think Tank. Dies gibt folgende Aussage wieder: ... weil es halt eben immer auch von den Personen wechselt man hat immer wieder neue Leute dabei (E2, 2025, Z. 395). Der Vorteil des Think Tanks wird jedoch darin wahrgenommen, dass verschiedene Berufsgruppen unterschiedliche Perspektiven einbringen können. Themen, die hingegen die gesamte Organisation betreffen, sind oft schwerer umzusetzen, da sie mit mehreren Klinikleitungen und der Gesamtleitung abgestimmt werden müssen. Es zeigt sich, dass der Think Tank daher mehrheitlich Themen aus dem Bereich Kinderund Jugend fokussiert und weniger klinikübergreifende Themen bearbeitet. Abschliessend kann festgehalten werden, dass der Think Tank als interprofessionelles Gefäss dafür geeignet ist, in einem strukturierten Rahmen neue Ideen gemeinsam zu denken und zu entwickeln. Ergebnisse aus dem Interview mit Expertin E6 Das Interview mit der Expertin E6 wurde aufgrund einer anderen Struktur des Leitfadens und der Ausgangslage, dass kein spezifisches psychiatrisches Hintergrundwissen vorausgesetzt werden konnte, durch ein neu erstelltes Kategoriensystem ausgewertet, welches ebenfalls im Anhang aufgeführt wird (siehe Anhang Nr. 5).
Master-Thesis Stefanie Landis Seite 63 von 104 4.10 Definition und Verständnis von sozialer Innovation Zum Einstieg in das Interview wurde die Expertin gebeten, die Begriffe Innovation in der Sozialen Arbeit und soziale Innovation zu differenzieren. Die Autorin versuchte durch die mündliche Erläuterung, nochmals die bereits recherchierten Definitionsbegriffe vertiefter zu differenzieren, um das praxisbezogene Verständnis zu schärfen. E6 führt aus, dass es bei Innovation in der Sozialen Arbeit hauptsächlich um Innovation als Ergebnis geht, wie neue Konzepte, Methoden und Arbeitsformen entwickelt werden, die darauf abzielen, die selbstbestimmte Lebensführung der Menschen bzw. der Klient*innen zu verbessern. Sie beschreibt Innovation als Prozess, bei dem neuartige Praktiken in der Sozialen Arbeit entstehen oder angestrebt werden und dieser wissensbasiert erfolgt bzw. das Wissen aus Forschung und Praxis zusammengeführt wird. Ob am Ende eine konkrete Innovation entsteht, bleibt offen. E6 betont, dass es weniger um das Ergebnis, sondern vielmehr um die Entwicklungsorientierung in der Sozialen Arbeit geht, um die bestmöglichen und zielgerichteten Angebote zu schaffen oder vorzuschlagen. Soziale Innovation beschreibt E6 als gesellschaftliche Innovationen, wie bspw. neue Lebensstile oder Regulierungen, die oft Teil eines sozialen Wandels sind und darauf abzielen, Probleme besser, billiger oder effektiver zu lösen. E6 betont, dass gesellschaftliche Innovationen auch Themen wie die Mobilität oder auch Fragen neuer Lebensstile betreffen, die nichts mit der Sozialen Arbeit zu tun haben, aber dennoch soziale Innovationen darstellen. Dagegen betont sie bspw. Armutsfragen oder das umfassende Verständnis von psychischer Gesundheit als relevant für die Soziale Arbeit, da sie diese Themen mit anderen Disziplinen bearbeiten muss, um Lösungsvorschläge zu entwickeln. E6 hebt hervor, dass nicht die Definitionen von sozialen Innovationen ausschlaggebend sind, sondern die Haltung, dass Innovation als Brückenkonzept zwischen Theorie und Praxis dient. Das Brückenkonzept fördert die Verbindung dieser beiden Bereiche, um zukunftsorientierte Lösungen zu entwickeln. Innovation führt so langfristig zu transformativen Veränderungen in der Praxis. Für die Soziale Arbeit sind diese gesellschaftlich relevanten Themen von Bedeutung und dennoch müssen bestimmte Grenzen gezogen werden, um festzulegen, welche Entwicklungen direkt in ihren Bereich fallen und was als soziale oder bzw. allgemeine gesellschaftliche Innovation bezeichnet wird. Dazu äussert E6:
Master-Thesis Stefanie Landis Seite 64 von 104 ... nicht längstens was gesellschaftlich relevant ist ist auch ein Thema für die Soziale Arbeit und dort kann man dann nachher detaillierter die Grenze ziehen wo wirklich Entwicklungen passieren welche sich auf Themenbereiche beziehen die die Soziale Arbeit zum Gegenstand hat (E6, 2025, Z. 107111). Ein zentrales Innovationsziel in der Sozialen Arbeit sieht E6 in der Verbesserung bereits bestehender Strukturen und Dienstleistungen. Denn häufig besteht ein grosser Bedarf, bestehende Strukturen zu optimieren, anstatt ständig neue Ansätze oder Dienstleistungen zu schaffen. E6 betont dabei kritisch, dass unzureichende Schnittstellen und fehlende Finanzierungswege oft Gründe darstellen, die eine erfolgreiche Weiterentwicklung im Bereich der sozialen Innovation hindern. 4.11 Bedingungen und Gelingensfaktoren für soziale Innovationen Auf die Frage, welche gesellschaftlich übergeordnete Aufgabe die Soziale Arbeit in der Psychiatrie in Bezug auf soziale Innovationen hat, hebt E6 zwei wesentliche Punkte hervor: ... also mir kommen da zwei Sachen in den Sinn (...) nicht einen zu individualisierenden Blick zu haben sondern wirklich auch immer wieder die Frage zu stellen was sind denn die krankmachenden Strukturen und wo muss die effektive Veränderung passieren wo wirksam ist (...) und nachher auf den Einzelfall bezogen denke ich ist wirklich so das umfassende Verständnis von Gesundheit (...) sozial und biologisch und psychisch (...) ein Zusammenspiel ist von verschiedensten Faktoren wo jemand gesund oder krank machen kann (E6, 2025, Z. 355371). Für den Erfolg sozialer Innovationen ist es demnach entscheidend, strukturelle Ursachen zu erkennen und nicht nur den individuellen Blick auf ein Problem zu richten. Der Einzelfall hingegen umfasst ein ganzheitliches bzw. bio-psycho-sozial-kulturelles Verständnis von Gesundheit und Krankheit, das mehrdimensional ist, wie in Kapitel 1.2 bereits erläutert wurde. Genügend Ressourcen wie Zeit und Geld zur Verfügung zu haben, sind weitere Voraussetzungen, damit soziale Innovationen gerade im Bereich der Sozialen Arbeit gelingen können. Die Expertin sieht die Wissensbasierung als zentralen Erfolgsfaktor, um durch Evaluation und Forschung eine Wissensgrundlage zu
Master-Thesis Stefanie Landis Seite 65 von 104 schaffen, die eingesetzt werden kann, um Projekte oder einen Bedarf zu begründen, um so die erforderlichen Mittel zu erhalten. Denn sie betont: ... es gibt kaum einen Ort wo uns die Ressourcen einfach zur Verfügung gestellt werden (E6, 2025, Z. 150-151). Darüber hinaus betont E6 die Wichtigkeit, die richtigen Personen mit verschiedenen fachlichen und sozialen Kompetenzen zusammenzubringen und den Dialog zu fördern, was sich mit den Ausführungen in Kapitel 2.2.2 verbinden lässt. Der Erfolg von Innovationsprozessen hängt auch von der Unterstützung durch die Führungsverantwortlichen ab, sowie von einer klaren Finanzierung und der politischen Unterstützung. E6 hebt weitere Punkte als wichtig hervor: ... Soziale Innovation also oder die Innovation in der Sozialen Arbeit wird nach wie vor nicht so offensiv mitgedacht wenn es um Innovationsförderung geht (...) ich denke dort ist das Verständnis dass man das was man macht auch Innovation sagen könnte noch nicht so wahnsinnig verbreitet (...) oder von den Förderorganisationen auch nicht unbedingt so die Sprache aufgegriffen von der Sozialen Arbeit oder von dem ganzen sozialen Gesundheitswesen wo man eigentlich sehr viel machen könnte und wo ich denke das ist nicht mitgedacht dass das eigentlich ein wichtiger Teilbereich ist von Innovation (E6, 2025, Z. 260-272). Beispiele für bereits gelungene Projekte beschreibt E6 anhand des schweizerischen Vereins zur Förderung der sozialen Innovation7. Die Projekte bezogen sich auf die Verbesserung von Diensten für alternde Menschen, die Verbesserung integrativer Integration von Diensten und die Verbesserung der Hilfen zur mehr Lebensqualität und von Familie, Kind und Jugend. Das aktuelle Projekt bezieht sich auf das Thema Partizipation und beschäftigt sich damit, wie die Perspektive von Endnutzer*innen einbezogen werden kann, wie bereits in Kapitel 2.1.3 anhand der partizipativen Aktionsforschung entnommen werden kann. 7 Der Schweizerischer Verein zur Förderung der Sozialen Innovation fördert mithilfe partizipativer Methoden die soziale Innovation in der Schweiz sowie die Zusammenarbeit zwischen Organisationen der Forschung, des Sozialund Gesundheitswesens, der Prävention und Gesundheitsförderung sowie von Betroffenen (Schweizerischer Verein zur Förderung der Sozialen Innovation, 2021).
Master-Thesis Stefanie Landis Seite 66 von 104 4.12 Einflussfaktoren auf Innovationsprozesse Auf die Frage, welche Einflussfaktoren in den vergangenen Jahren zu sozialen Innovationen verhalfen, äusserte die Expertin, dass die Entwicklung der Forschung in der Sozialen Arbeit, besonders nach der Entstehung der Fachhochschulen in den 2000er Jahren, die Förderung vorangetrieben hat. ... das Forschungsaufkommen das ist weitergewachsen das würde ich sagen das ist positiv ich denke auch gewachsen ist das Verständnis von kooperativem Entwickeln also dass Forschung und Praxis sich zusammentun und wirklich auch auf physisch die Köpfe zusammenstecken zum Weiterkommen also dass man sich beidseitig mehr aufeinander bezieht (E6, 2025, Z. 246-251). Ein wichtiger Faktor für den Erfolg von Innovationsprozessen ist, die richtige Person an die Spitze eines Projekts zu setzen. Ein Beispiel nennt die Expertin aus einem eigenen Projekt, das trotz genügend finanzieller Mittel scheiterte, weil die verantwortliche Person nicht genügend Akzeptanz und Standing hatte. Dies verdeutlicht, wie entscheidend es ist, dass die richtigen Personen für ein Projekt gewonnen werden, um Nachhaltigkeit und Erfolg zu erreichen. Daneben betont sie: ... wann ist eine gute Gelegenheit um gewisse Themen aufzugreifen (...) und das sind manchmal Zufälle manchmal sind es einfach die richtigen Personen und Verbindungen und manchmal ist es tatsächlich dass man merkt so jetzt ist die Zeit reif wir müssen das jetzt angehen (E6, 2025, Z. 485-488). Weiter ist eine flexible Herangehensweise und die Fähigkeit, in Innovationsprozessen von unten nach oben (bottom-up) als auch umgekehrt (top-down) zu agieren, ein wichtiger Faktor. E6 betont, dass eine Bottom-up-Strategie viel Synergien entwickeln kann, um Unterstützung zu gewinnen, aber letztlich ist auch die Unterstützung von oben, gemeint ist die Führung, notwendig, um in die Umsetzung zu kommen. Bezogen auf Machtstrukturen betont sie, dass es ein besonderes Geschick verlangt, sich in diesen bewegen zu können, und wenn dies gelingt, sich erst dann auch die notwendigen Allianzen schmieden lassen. Weiterführend zeigt sich, dass spezifische Schlüsselpersonen einen Innovationsprozess positiv beeinflussen. Die Expertin beschreibt: ... also einerseits denke ich gibt es Personen die wie eine Schaffenskraft oder Innovationskraft haben oder gewisse Fähigkeiten haben Menschen
Master-Thesis Stefanie Landis Seite 67 von 104 zusammenzubringen (...) wo ich schon erlebt habe wo sehr viel entstehen kann und andererseits geht es ja auch um so wie institutionalisierte Formen wo Ideen von Mitarbeitenden aufgreifen und motivieren sich in dieser Art und Weise einzubringen und quasi enterpreneurial zu denken (E6, 2025, Z. 563-571). Wie in Kapitel 2.2.2 bereits ausgeführt wurde, haben Intrapreneur*innen oder deren Fähigkeiten eine positive Wirkung auf Innovationsprozesse. Schlüsselpersonen mit innovativen Fähigkeiten und eine Innovationskultur, die Mitarbeitende dazu motiviert, sich einzubringen und so ein unternehmerisches Denken zu entwickeln, sieht die Expertin als grundlegend an, um Innovationsprozesse voranzubringen. 4.13 Klient*innenzentrierung und Partizipation Diese Hauptkategorie befasst sich mit dem Einbezug der Nutzer*innenbzw. Klient*innenperspektive. E6 betont, dass es nicht nur eine methodische Frage ist, partizipative Entwicklungen zu ermöglichen, sondern es ist aus ihrer Sicht eine Haltungsfrage. Partizipative Methoden benötigen zum einen viel Zeit und zum anderen setzen diese ein Umdenken in der Kommunikation voraus. Die Expertin betont an dieser Stelle: ... aber ich denke wenn das gelingt das Verstehen aus zwei Seiten (...) dann kann dies schon sehr produktiv sein ich denke da ist man an vielen Orten schon viele Schritte weiter aber an gewissen Orten vielleicht auch noch nicht das ist wieder kontextabhängig oder sogar organisationsabhängig (E6, 2025, Z. 769-773). Soziale Innovationen befassen sich stets mit der Thematik der Partizipation, bspw. darin, wie Endnutzer*innen in die Entstehung von Ideen und Prozessen einbezogen werden können. Es geht darum, ihre Perspektiven zu integrieren, anstatt nur Expert*innenideen zu verfolgen. 4.14 Interprofessionelle Zusammenarbeit und Entwicklung neuer Arbeitsformen Die Herausforderung rund um die interprofessionelle Zusammenarbeit in Bezug auf die Soziale Arbeit sieht E6 in der Abhängigkeit von anderen Akteur*innen. Die Soziale Arbeit ist häufig auf ein Netzwerk angewiesen und muss sich regelmässig die Frage stellen, welche Beteiligten erforderlich sind, um das Thema oder die Problemstellung,
Master-Thesis Stefanie Landis Seite 68 von 104 die gelöst werden muss, anzugehen. Die Soziale Arbeit agiert zudem in stark regulierten Kontexten und hat in vielen Fragen und Bereichen nicht das Monopol, um auf übergeordneter Ebene Wirkung zu erzielen. Soziale Innovationen müssen daher regelmässig diskutiert werden, um Veränderungen in umfassenden Kontexten herbeiführen zu können. Die Expertin betont: ... also ich glaube (...) dass man sich immer fragt wer muss dabei sein wen müssen wir informieren wie schaffen wir die Akzeptanz wie kommunizieren wir was wir machen also eigentlich einfach die ganzen Prozesse die begleitend sind zum Kernprozess von Entwicklung dass das nicht irgendwie in einer stillen Kammer passiert und man dann erstaunt ist was dann herauskommt und niemand etwas davon gewusst hat jetzt auch nicht gerade mit offenen Armen quasi empfangen wird (E6, 2025, Z. 448-455). In der Sozialen Arbeit gibt es keine speziellen Entwicklungsabteilungen, sondern Innovationen werden meist durch Gruppen von Fachpersonen innerhalb von Projekten vorangetrieben. Daher betont E6, dass die methodische Gestaltung von Entwicklungen, das Zusammenbringen verschiedener Wissensarten und das Planen sowie Durchführen von Projekten, als wichtige fachliche Kompetenzen gelten. Daneben hebt die Expertin hervor, dass der Fokus auf dem Zusammenspiel bestehender Dienste und der Gestaltung von Schnittstellen liegen sollte und weniger in der Schaffung von neuen Angeboten. Die Verbesserung von Zusammenarbeitsformen und die Integration von Diensten sieht sie als wichtige Themen, die im Bereich des Sozialund Gesundheitswesens angegangen werden müssen, wenn es um neue Entwicklungen im Bereich von sozialer Innovation geht. Qualitative Beobachtung Think Tank Sitzung PUK Für die Ergebnisaufbereitung wurde durch die Autorin ein Sitzungsprotokoll verfasst, welches die Themeninhalte zusammenfasst und die nicht-strukturierten Beobachtungen aufführt. Die forschungsrelevanten Inhalte bezogen sich hauptsächlich auf die interprofessionelle Zusammenarbeit. Die Ergebnisse werden in der Beantwortung der Fragestellung und der Schlussfolgerung für die Praxis im nachfolgenden Kapitel aufgeführt und kritisch reflektiert.
Master-Thesis Stefanie Landis Seite 75 von 104 Reflexion und Schlussfolgerung des Think Tank Gremiums PUK Der Think Tank steht grundsätzlich für eine interprofessionelle Zusammenarbeit als «Denkfabrik» für neue Ideen. Die Auswertung der Beobachtung hat dennoch gezeigt, dass die Hierarchie das Gefäss bzw. die Teilnehmer*innen deutlich einschränkt, wenn es um die Entscheidungskompetenzen und Mitbestimmung geht (E2, 2025, Z. 329330). Die neu gewonnenen Ideen werden ausschliesslich von den Leitungspersonen bzw. den ärztlichen Klinikleitungen genehmigt oder abgelehnt (E3, 2025, Z. 215-224 & Z. 231-234). Das bedeutet, dass die einzelnen Teilnehmenden einen geringen Einfluss auf die folgenden Prozesse haben und akzeptieren müssen, wenn Themen oder Projekte nicht vorangetrieben werden. Der Think Tank hat durch die Kontrollkultur der PUK, daher lediglich einen empfehlenden Charakter. Dennoch sind Produkte aus dem Think Tank entstanden, welche soziale Innovationen unterstützen, wie bspw. die Einführung der Du-Kultur oder der Rotationstag, um einen interdisziplinären Seitenwechsel zu erhalten, welches das Verständnis und die Zusammenarbeit für die anderen Professionen fördert. Besonders gewinnbringend zeigte sich die Zusammenarbeit mit der Organisationsentwicklung, da Wissen über Entwicklungsund Entstehungsprozesse aus einer Gesamtperspektive eingebracht wird. Dies führt zu einem deutlichen Mehrwert bezogen auf die Schärfung der Fachexpertisen und ein umfangreiches Verständnis über die Prozesse, von Möglichkeiten und Grenzen der gesamten Klinik (E4, 2025, Z. 482-496, E5, 2025, Z. 148-164). Zusammenfassend erschliesst sich, dass Erfolgsfaktoren von sozialen Innovationen in Psychiatrien durch ihre Vielschichtigkeit verlangen, die Mikro-, Mesound Makroebene von Innovationsprozessen zu analysieren und zu verstehen, weil sich diese wechselseitig beeinflussen und miteinander in Verbindung stehen. Die verschiedenen Ebenen (Klient*innen-Perspektive, institutionelle Perspektive und gesellschaftlichpolitische Perspektive) sind daher wichtige Teilsysteme die, nur miteinander verbunden, nachhaltige soziale Innovationen und deren Prozesse entstehen lassen. 5.2 Empfehlungen für die Praxis Anhand der empirischen Auseinandersetzung dieser Master-Thesis werden nun Empfehlungen für die allgemeine Praxis formuliert, die darauf abzielen, die Entstehung sozialer Innovationen in der Psychiatrie systematisch zu fördern, indem sie die Klient*innenperspektive, die institutionellen Rahmenbedingungen und gesellschaftliche Einflussfaktoren miteinander verknüpfen.
Master-Thesis Stefanie Landis Seite 76 von 104 Mikroebene (direkte Arbeit mit Klient*innen und Mitarbeitenden) Partizipation der Klient*innen aktiv fördern • Nutzer*innen/Klient*innen sollen aktiv in die Entwicklung und Umsetzung von sozialen Innovationen eingebunden werden. Dies erfordert eine Haltung der Wertschätzung und Bereitschaft in der Kommunikation umzudenken. • Fachpersonen müssen bereit sein, Zeit und Ressourcen für eine offene Kommunikation und den Dialog mit den Klient*innen aufzuwenden, um so die notwenigen Ressourcen zu schaffen. Ganzheitliches bio-psycho-soziales-kulturelles Verständnis etablieren • Bei der Entwicklung von bspw. neuen Konzepten und Angeboten sollte stets die Vielfalt der Faktoren berücksichtigt werden, die die Dimension von Gesundheit und Krankheit beeinflussen. Die Förderung der Selbstbestimmung, die Unterstützung bei (Re-)Integration und gesellschaftlicher Teilhabe stehen dabei im Mittelpunkt. • Fachpersonen müssen in der Lage sein nicht nur individuelle, sondern auch strukturelle Ursachen psychischer Erkrankungen zu erkennen. Professionalisierung und kontinuierliche Weiterbildung der klinischen Sozialarbeit • Fachpersonen in der klinischen Sozialarbeit sollten regelmässig ihre Kompetenzen reflektieren, bspw. durch Supervisionen, Intervisionen, Fallbesprechungen und aktuelles Wissen aus Wissenschaft und Praxis integrieren, um ihr Handeln stetig zu professionalisieren. Mesoebene (Psychiatrische Organisationen) Interprofessionelle Zusammenarbeit intensivieren • Die interprofessionelle Zusammenarbeit von Fachdisziplinen und Akteur*innen in der Ideenentwicklung und Umsetzung von sozialen Innovationen ist grundlegend notwendig, um vielfältige Perspektiven zu integrieren. • Es ist nötig die Verantwortlichkeiten klar zu verteilen, Hierarchien aufzubrechen und eine Kultur der Mitbestimmung zu fördern, um soziale Innovationen auf breiter Basis zu entwickeln.
Master-Thesis Stefanie Landis Seite 77 von 104 Organisationsentwicklung und -kultur gestalten • Die Einführung strukturierter Innovationsprozesse (z. B. anhand der Methoden Design Thinking, Ideenmanagement, Think Tank), zeigt sich als förderlich um klare Strukturen und Prozesse zu schaffen, um soziale Innovationen zu fördern. • Es zeigt sich als förderlich eine offene, transparente und partizipative Führungskultur zu etablieren, die Veränderungen aktiv unterstützt und Mitarbeitende motiviert sich einzubringen. • Innovationen sollten sowohl bottom-up (Mitarbeitende, Klient*innen) als auch von top-down (Führung, Politik) getragen werden, um nachhaltige Veränderungen zu bewirken. Innovationsprozesse institutionell absichern • Grundlegend wertvoll zeigt sich eine Innovationskultur systematisch zu verankern, indem Rahmenbedingungen geschaffen werden, die soziale Innovationen ermöglichen, z.B. durch eine vorausschauende VUCA-Strategie, um agil auf Veränderungen reagieren zu können. • Es zeigt sich als essenziell Ressourcen wie Zeit, Personal und Gelder gezielt bereitzustellen, um soziale Innovationen nachhaltig umzusetzen. • Bestehende Angebote und Dienstleistungen zu optimieren ist wichtig, um Schnittstellen zu verbessern und Ressourcen effizient zu nutzen. Nutzung und Förderung von Schlüsselpersonen • Die Identifikation und bewusste Förderung innovativer Personen innerhalb der psychiatrischen Organisation sind zentrale Erfolgsfaktoren, um unternehmerisches Denken und Handeln zu fördern. • Es zeigt sich als förderlich die richtigen Personen (Fähigkeiten, Anerkennung) an der Spitze eines Innovationsprojektes einzusetzen und eine offene, unternehmerische Denkweise zu fördern.
Master-Thesis Stefanie Landis Seite 78 von 104 Makroebene (Gesellschaft / Politik / systemische Rahmenbedingungen) Gesellschaftliche und politische Vernetzung stärken • Gesellschaftliche Bedarfslagen müssen frühzeitig erkannt und gezielt adressiert werden. • Dazu braucht es tragfähige Kooperationen mit politischen und gesellschaftlichen Akteur*innen (kantonale Ebene und Zuständigkeit), um Bedarfslücken zu identifizieren und Ressourcen für soziale Innovationen zu mobilisieren. • Begleitend ist kontinuierliche Aufklärungsarbeit notwendig, um das öffentliche Bewusstsein für psychische Gesundheit zu stärken und die Stigmatisierung von Betroffenen wirksam abzubauen. Unterstützung durch Führung und politische Rahmenbedingungen • Nachhaltige soziale Innovationen erfordern die aktive Unterstützung durch Leitungsund Führungspersonen sowie politischen Entscheidungsträger*innen. • Innovationen müssen in der Praxis sichtbar gemacht, gezielt gefördert und strukturell verankert werden. • Eine politische und institutionelle Absicherung von Innovationsprojekten ist entscheidend, um langfristige Wirkung und Umsetzung zu gewährleisten. Ressourcen gesamtgesellschaftlich sichern • Für die Umsetzung und Nachhaltigkeit sozialer Innovationen ist eine dauerhafte Bereitstellung von Ressourcen auf der makro-politischen Ebene unerlässlich. Ausreichende Mittel wie Zeit, finanzielle Ressourcen und qualifiziertes Personal sind Grundvoraussetzung für erfolgreiche Innovationsprozesse. • Gleichzeitig soll die Wissensbasis durch Evaluation und Forschung genutzt werden, um die Legitimation und nachhaltige Förderung innovativer Ansätze zu sichern. Kooperative Forschungsund Praxisentwicklung • Die Zusammenarbeit zwischen Forschung (z.B. Fachhochschulen der Sozialen Arbeit) und Praxis sollte systematisch gestärkt werden, um gemeinsam neues Wissen zu generieren und innovative Lösungsansätze zu entwickeln. • Dafür braucht es den gezielten Aufbau transdisziplinärer Netzwerke, die verschiedene Perspektiven zusammenführen und den Wissenstransfer fördern.
Master-Thesis Stefanie Landis Seite 79 von 104 Angesichts der Herausforderungen der Machtstrukturen in psychiatrischen Einrichtungen betrachtet die Autorin das Konzept der lernenden Organisation nach Peter Senge als eine Möglichkeit, diese Strukturen zu lösen. Senge entwickelte in den 1990er Jahren eine neue Sichtweise, die das Managementdenken bis heute revolutioniert (Beiser, 2019). Er beschäftigte sich mit der Frage, wie sich Organisationen an die schnell wandelnde Umwelt anpassen und wie dabei das gegenseitige Lernen stattfindet. Er entwickelte dafür fünf Disziplinen, mit dem Ziel neue Ansätze des Denkens und Handelns zu erschaffen, um die Lernfähigkeit von Teams und Organisationen zu steigern. Die fünf Disziplinen beinhalten: Personal Mastery (offen sein für Neues, man hört nie auf zu lernen), Mentale Modelle (eigene Annahmen und Einstellungen hinterfragen und damit neue Handlungsoptionen schaffen), Gemeinsame Vision (gemeinsames Erschaffen von Zielen), Teamlernen (Entscheidungen gemeinsam treffen) und Systemdenken (Gesamtbild und Zusammenhänge/Wechselwirkungen verstehen). Das Modell der lernenden Organisation sieht vor, dass die Führungsspitze einer Organisation nicht allein die Steuerung der Prozesse übernimmt und vorgibt, weil dies in der volatilen VUCA-Umwelt dazu führen kann, dass dieses Führungsmodell und -system schnell an die eigenen Grenzen stösst. Es benötigt daher alle Mitarbeitenden, die mitdenken, mitgestalten und Verantwortung in der Entwicklung der Organisation übernehmen (ebd.). Die Autorin betrachtet dieses Konzept als eine Chance, um rigide Hierarchien in der Psychiatrie zu überwinden und eine kooperative Arbeitsweise zwischen allen Fachbereichen zu etablieren. Dies kann nur erreicht werden, wenn die Bereitschaft auf Führungsebene besteht, einen Teil ihrer Autorität abzugeben (Beiser, 2019). Daneben sieht die Autorin das kollaborative Lernen bspw. in Form der Methode Design Thinking als weitere Chance, interprofessionelle Ideen und daraus soziale Innovationen zu gestalten. Denn die Vernetzung und der Austausch von Wissen, wie sie beim kollaborativen bzw. kooperativen Lernen fokussiert werden, bieten den verschiedenen Disziplinen die Möglichkeit, voneinander und miteinander zu lernen und sich gemeinsam in dieselbe Richtung (Vision) zu entwickeln (Universität Leipzig, 2025). Die vorliegende Master-Thesis hat zudem die Bedeutung der Sozialwissenschaft in Bezug auf soziale Innovation aufgezeigt (Hüttemann & Parpan-Blaser, 2023, S. 31-32). Die Autorin sieht in einer Vernetzung von Psychiatrie und Fachhochschulen der Sozialen Arbeit sowie der Innovationsforschung im Bereich soziale Innovation viel Potential durch eine enge Zusammenarbeit in Form von Projekten oder Evaluationen, innovative Entwicklungen anzustossen. Einerseits um die Möglichkeit
Master-Thesis Stefanie Landis Seite 80 von 104 zur Partizipation zu fördern und anderseits damit Klient*innen vermehrt in Forschungsprozesse eingebunden werden und dadurch eine Stimme erhalten. Um eine klient*innenzentrierte und partizipative Arbeitshaltung zu erreichen, wird anhand der empirischen Aufarbeitung in dieser Master-Thesis von der Autorin empfohlen, dies einerseits in der Organisationskultur zu verankern und anderseits auf der strategischen Managementebene mitzudenken und als organisationale Zielsetzung festzulegen, damit Partizipation im Arbeitsalltag auf allen Ebenen und in allen Prozessen gelingen kann. Abschliessend zeigt sich das politische Handeln im Bereich der klinischen Sozialen Arbeit als ein wichtiges Element, um den Bedarf und die Diskrepanz von verfügbaren und benötigten Ressourcen zu thematisieren, darzulegen und einzufordern. Um diese Handlungsgrundlagen zu erschaffen ist ein Verständnis der Gesamtzusammenhänge nötig (Abbildung Nr. 9) und gleichermassen die Kompetenz, dieses Wissen strategisch sowie operativ miteinander zu verbinden.
Master-Thesis Stefanie Landis Seite 81 von 104 6. Fazit Die Schlussbetrachtung lässt erschliessen, dass auf verschiedenen Ebenen bereits soziale Innovationen entstehen, die in der klinischen Praxis nicht als solche erkannt oder betitelt werden. Die Verbesserung der Zusammenarbeit mit der Invalidenversicherung, um schnelle Anschlusslösung für die Reintegration von Klient*innen zu erreichen, die Vernetzung unter den Kliniken, um durch Absprachen bedarfsgerechte Angebote zu schaffen, die Wartelisten abbauen und die Verbesserung von Anstellungsbedingungen für die Gesundheitsfachpersonen, um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu fördern, sind einige Beispiele von bereits bestehenden sozialen Innovationen aus der PUK. Einerseits kann die geringe Präsenz des Begriffs soziale Innnovation in der Psychiatrie damit erklärt werden, dass dieses Themengebiet hauptsächlich der Sozialen Arbeit zugeschrieben wird, andererseits führten die theoretischen Recherchen sowie das Interview mit der Expertin E6 zu der Erkenntnis, dass das Forschungsaufkommen in diesem spezifischen Bereich noch wenig etabliert ist und gewissermassen vorangetrieben werden muss. An dieser Stelle zeigte sich zudem, dass die Akademisierung im Bereich der Sozialen Arbeit bzw. klinischen Sozialarbeit dabei unterstützt, das Wissen und die dafür nötigen Kompetenzen zu erreichen, um Forschungsprojekte oder Bedarfserhebungen zu erschliessen und dadurch aufzuzeigen, welche Angebote oder Themenbereiche in Bezug auf soziale Innovationen angegangen werden müssen, um Entwicklungsprozesse zu initiieren. Dabei präsentiert sich der Master in Sozialer Arbeit als ein geeignetes Kompetenzprofil, was gleichermassen von der Expertin E6, die als Dozentin an der Fachhochschule Nordwestschweiz tätig ist, bestätigt wurde (E6, 2025, Z. 625641). Anhand der Schlussbetrachtung dieser gewonnenen Erkenntnisse dieser Master-Thesis wurde Folgendes deutlich: Sozialpolitische Aspekte und die Herausforderung des Föderalismus in der Schweiz tragen dazu bei, dass soziale Innovationen in der Psychiatrielandschaft nicht verallgemeinert werden können (E6, 2025, Z. 280-282). Dazu führt, dass Psychiatrien mit enormen Herausforderungen beschäftigt sind, wie Fachkräftemangel, hohe Fluktuationen und dem Druck, wirtschaftliche Zielsetzungen wie eine Gewinnmaximierung bzw. Verlustminimierung zu erreichen (Obsan, 2020, 2024, Psychiatrische Dienste Aargau, 2025). Die aufgeführten volatilen Herausforderungen, in denen sich Psychiatrien bewegen, lassen vermuten, dass soziale Innovationen daher
Master-Thesis Stefanie Landis Seite 82 von 104 einen geringeren Stellenwert erhalten als digitale oder wirtschaftliche Innovationen. Kurzfristig erscheinen soziale Innovationen hinsichtlich der finanziellen Belastung auf den ersten Blick weniger attraktiv, da sie mit höheren Investitionen verbunden sind und keinen unmittelbaren Unternehmensgewinn generieren. Langfristig betrachtet scheint dies aber bei genauer Betrachtung eine verfälschte Annahme zu sein. Die Autorin sieht in der Förderung von sozialer Innovation in der Psychiatrie eine langfristige positive Wirkung, weil durch nachhaltige Re-Integration können psychiatrische Rückfalle verhindert und langfristig dadurch Kosten reduziert werden. Die Autorin sieht gerade deshalb im Bereich der sozialen Innovation in der Psychiatrie Potential. Denn die Erfahrungen und Erkenntnisse dieser Master-Thesis zeigen auf, dass Psychiatrien bzw. die PUK per se Innovation nicht zum Selbstzweck nutzten. Denn durch die Interviews wurde deutlich, dass alle Mitarbeiter*innen aus jeder Berufsgruppe, ein hohes Engagement und Interesse zeigen, eine bedarfsgerechte und nachhaltige Patient*innenversorgung zu erreichen. Nebst dieser Grundmotivation und Professionalität darf ein spezifisches Fachwissen rund um soziale Innovation nicht unterschätzt werden. Denn es wurde auch gleichermassen deutlich, dass die Mehrheit der befragten Expert*innen aus der PUK, Wissen und Kompetenzen in einem professionsspezifischen Themenbereich mitbringen, es jedoch an einem Gesamtverständnis und einem systemisch-vernetzten Denken fehlt. Jede Fachperson verfügt über einen eigenen Wirkungskreis (Kompetenzen) und im Idealfall wird dieser durch eine Methode wie das Think Tank mit anderen Wirkungskreisen verbunden, jedoch nicht mit dem Managementwissen. Die Autorin sieht in einem Zusammenschluss von Management, Organisationsentwicklung und dem interprofessionellen Think Tank eine Chance, Entscheidungsträger*innen stärker einzubinden, um dadurch gemeinsam soziale Innovationen zu denken und entstehen zu lassen. Daneben dürfen die Abhängigkeiten von sozialpolitischen und interprofessionellen Faktoren nicht unterschätzt werden. Denn die Aussagen der Expert*innen verdeutlichten, dass den Fachpersonen die operativ tätig sind, sowie dem Organisationsberater der sich auf einer strategischen Ebene bewegt, und der Expertin E6 die sich aus der wissenschaftlichen Perspektive äusserte, bewusst war, welchen Herausforderungen sich die Soziale Arbeit in der Psychiatrie stellen muss. Einerseits bezüglich der knappen Ressourcen, die Innovation im Generellen bremsen, weil ohne genügend Zeit und finanzielle Mittel keine neuartigen Entwicklungen entstehen können, und anderseits aus der politischen Abhängigkeit, die zudem noch kantonal variiert.
Master-Thesis Stefanie Landis Seite 83 von 104 Psychiatrien sind nicht verpflichtet, soziale Innovationen zu priorisieren. Es wurde deshalb deutlich, dass die Förderung von der Unternehmenskultur und -führung abhängt und die kantonale sozialpolitische Ausgangslage einen starken Einfluss darauf hat, ob und wie soziale Innovationen priorisiert werden. Die Autorin stellt sich in diesem Zusammenhang die Frage, inwieweit die Sozialpsychiatrien eine Verantwortung für die Entstehung (Präventionsstrategie) von gesellschaftlichen Erkrankungen tragen oder übernehmen sollten. Diese Fragestellung wäre für die Autorin eine interessante Grundlage für ein weiterführendes Forschungsprojekt. Anknüpfend erachtet die Autorin es als lohnend, weiter zu erforschen, welchen Beitrag die Psychiatrien in der Schweiz durch eine Bündelung ihrer Ressourcen und Strategien leisten könnten, bspw. um die Chancengleichheit in Bezug auf die Gesundheitsförderung und Prävention für Betroffene zu verbessern. Zudem betrachtet die Autorin es als wertvoll, die Wirksamkeit und den nachhaltigen Nutzen sozialer Innovationen in der Psychiatrie zu evaluieren (Wirkungsforschung) und durch entsprechende Forschungsprojekte sichtbar zu machen, um der Bedeutung sozialer Innovation in psychiatrischen Kliniken einen angemessenen Stellenwert zu verschaffen. Die empirische Auseinandersetzung mit dem Thema soziale Innovation in der Psychiatrie ermöglichte es der Autorin, eine Makroperspektive zu erlangen und dadurch die Zusammenhänge zu erkennen, um ein umfassendes Verständnis dafür zu entwickeln, weshalb sozialen Innovationen in der Psychiatrie bislang nur wenig Beachtung finden und welche Bedeutung deren Förderung hat. Ein Beispiel dafür war die theoretische Auseinandersetzung des bio-psycho-sozialen mit dem bio-psycho-sozial-kulturellen Menschenbild sowie dessen Zusammenhang und Bedeutung der sozialen Dimension von Gesundheit und Krankheit (Dirnberger, 2010, S. 2-7). Daneben zeigte sich das Wissen über die Zusammenhänge in einem Unternehmen wie bspw. die Organisationsentwicklung als zentraler Punkt, um erschliessen zu können, wie Innovation überhaupt möglich wird und welche förderlichen sowie hinderlichen Faktoren wie bspw. interprofessionelle oder hierarchische Komponenten dabei hineinspielen. Die Auseinandersetzung mit dem Intrapreneurship-Ansatz in Kapitel 2.2.2 zeigte, wie es gelingen kann eine förderliche Unternehmenskultur als Grundlage zu schaffen, wie gemeinsam als Team unternehmerisches Denken und Handeln erreicht werden kann (Kollinger et al., 2023, S. 51-54).
Master-Thesis Stefanie Landis Seite 84 von 104 Die Einzelfallstudie in der PUK verdeutlicht, dass erfolgreiche soziale Innovation nicht allein von der «richtigen» Methode wie bspw. eines Think Tanks gelingt. Vielmehr sind ein gut aufeinander abgestimmter Prozess und eine funktionierende psychiatrische Organisation ausschlaggebend für erfolgreiche Innovation und gelingende Zusammenarbeit.
Master-Thesis Stefanie Landis Seite 91 von 104 Hilfsmittelverzeichnis Im Rahmen dieser Master-Thesis wurden folgende Hilfsmittel angewendet: MAXQDA: Programm für die qualitative Datenanalyse zur Kodierung der Interviewtranskripte. Teams: Automatisierte Transkription der Online-Interviews. Scribbr: KIRechtschreibprüfung ChatGPT (OpenAI) und Google Translate: Unterstützung bei der Überarbeitung, Optimierung und Übersetzung von eigenen Textstellen. Dokumentation der Verwendung KIgestützter Hilfsmittel Textstelle Art der Verwendung Abstract KI-generierte Überarbeitung eines eigenen Textes Protokoll Think TankKI-generierte Überarbeitung eines eigenen Sitzung Textes S. 76, Zeile 8 Der Begriff Think Tank wurde mit Google Translate ins Deutsche übersetzt. Denkfabrik. Gesamte MA-Thesis KIRechtschreibprüfung
Master-Thesis Stefanie Landis Seite 92 von 104 Abbildungsund Tabellenverzeichnis Abbildungen Abbildung 1: Das biopsychosoziale Modell mit differenzierter Abbildung der sozialen Dimension (eigene Darstellung auf der Basis von Erhardt, 2023, S. 7) Abbildung 2: Zeitliche Entwicklung von der Initiative bis zur Realisation (eigene Darstellung auf der Basis von Disselkamp, 2012, S.19) Abbildung 3: Arten von Innovationen (Disselkamp, 2012, S. 21) Abbildung 4: Beispiel einer sozialen Innovation (eigene Darstellung auf der Basis von Parpan-Blaser, 2011, S. 202) Abbildung 5: VUCA (BWL-Lexikon, 2025) Abbildung 6: Design Thinking (eigene Darstellung auf der Basis von Kollinger et al., 2023, S. 112) Abbildung 7: Ideenmanagement-Kreislauf (Heit & Oldhafer, 2020, S. 210) Abbildung 8: Ablauf einer strukturierenden qualitativen Inhaltsanalyse in 7 Phasen (Kuckartz & Rädiker, 2024, S. 132) Abbildung 9: Systemische Darstellung der Erfolgsfaktoren von sozialer Innovation in der Psychiatrie (eigene Darstellung) Tabellen Tabelle 1: Ein Ausschnitt der Beispiele von Innovation und Entwicklung in der Sozialen Arbeit (eigene Darstellung auf der Basis von Parpan-Blaser, 2011, S. 164-165) Tabelle 2: Mögliche Ansätze und Methoden zur Förderung sozialer Innovationen in der Psychiatrie (eigene Darstellung) Tabelle 3: Beispiele von Merkmalen Intrapreneurship (eigene Darstellung auf der Basis von Kollinger et al., 2023, S. 53-54) Tabelle 4: Ursachen für geringe Beteiligung am Ideenmanagement (eigene Darstellung auf der Basis von Heit & Oldhafer, 2020, S. 213) Tabelle 5: Übersicht Sampling (eigene Darstellung) Tabelle 6: Zusammenfassung der Subkategorien und Zuordnung der Hauptkategorien des Beispiels «Innovation und soziale Innovation» und «Einflussfaktoren und Innovationsprozesse» (eigene Darstellung auf der Basis von Kuckartz & Rädiker, 2024, S. 142-145)
Master-Thesis Stefanie Landis Seite 93 von 104 ANHANGSVERZEICHNIS Anhang Nr. 1: Think Tank Think different – Think KJPP Das Finden und Entfalten neuer und innovativer Ideen braucht Freiräume. Deshalb wird in der KJPP neu ein «Think Tank» geschaffen. Wir sind ein multidisziplinär besetztes Gremium von Mitarbeitern aus den verschiedenen Bereichen der KJPP, das sich periodisch trifft. Gemeinsam erarbeiten wir zielführend, nachhaltig und mit viel Spass Ideen und handeln stets partnerschaftlich und agil. Entdecken wir dabei Sinnvolles und Nützliches, ist dies ein Mehrwert für unsere Patienten, die Mitarbeiter und unsere Klinik. Der «Think Tank» setzt den Fokus dabei stets auf die Mitarbeiterund Patientenzufriedenheit. Deine Aufgabe Als Teil des Gremiums «Think Tank» entwickelst du gemeinsam im Team kreative, innovative sowie lösungsorientierte Ideen, z.B. zu Fragestellungen und Situationen im Arbeitsalltag, Verbesserungspotenzial oder Digitalisierungsmöglichkeiten in der KJPP. Dabei haben wir alle Bedürfnisse der jeweiligen Zielgruppen im Blick, holen diese gezielt ab und testen die Ideen auf Machbarkeit. Die gemeinsam ausgearbeiteten Ideen werden von der Think Tank-Leitung in der GLK präsentiert, welche im Anschluss eine mögliche Umsetzung sowie entsprechende Massnahmen prüft. Diese Herausforderung ist für dich, wenn • du kreativ, mutig und lösungsorientiert neue Ideen angehen willst • du offen für neue Arbeitsansätze wie z.B. Design Thinking bist und diese für eine transparente und innovative KJPP einsetzen willst • du dafür das notwendige fachliche und interdisziplinäre Know-how mitbringst • du es schätzt, agil im Team zu arbeiten, und Themen multidisziplinär angehen willst • du deinen Bereich sowie deine Ideen mit gut durchdachten und klaren Aussagen, die Wirkung zeigen, repräsentieren kannst
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Master-Thesis Stefanie Landis Seite 95 von 104 Anhang Nr. 2: Leitfaden Expertin soziale Innovation FHNW Einleitung Teams-Meeting starten Als Erstes danke ich Ihnen, dass Sie sich Zeit nehmen für das Interview. Ich werde das Interview aufzeichnen und die Daten anschliessend transkribieren. Die Daten werden nach Abgabe der MA-Thesis gelöscht. Im Rahmen meiner Master-Thesis möchte ich herausfinden, was Erfolgsfaktoren von sozialen Innovationen in psychiatrischen Kliniken sind und was unter sozialen Innovationen verstanden wird. Das Interview dauert eine ca. 1 Stunde. Einstiegsfragen - Wie definieren Sie den Begriff Innovation in der Sozialen Arbeit? - Welchen Bezug oder welche Verbindung machen Sie zum Begriff soziale Innovation? Wie lassen sich die Begriffe unterscheiden? Erfolgsaspekte von Entwicklungen und Innovationen in der Sozialen Arbeit Innovationen in der Sozialen Arbeit haben ihre Ursprünge oft in gesellschaftlichen Veränderungen, in damit einhergehenden veränderten oder neuen Bedürfnissen der Klient*innen und in neuen Gruppen von Adressat*innen. Der Innovationsgehalt von Entwicklungen hängt in der Folge für die Interviewten stark von deren Nachhaltigkeit ab. In der Sozialen Arbeit soll nicht nur kurzfristig reagiert, sondern mit längerfristiger Wirksamkeit agiert werden“ (S.158). - Was kommt Ihnen in Bezug auf Innovation und gesellschaftliche Veränderungen in den Sinn? Wo würden Sie aus Sicht der Sozialen Arbeit heute konkret ansetzen? - Wenn Sie an die Veröffentlichung Ihres Buches im Jahr 2011 zurückdenken, welche Veränderungen hatten seit diesem Zeitpunkt am meisten Einfluss auf Innovationen in der Sozialen Arbeit (positiv/negativ)? - Bezogen auf die Schweiz - wie innovativ ist die Soziale Arbeit aus Ihrer Sicht? Das Handlungsfeld Psychiatrie Peter Sommerfeld et al. beschreiben die Rolle der Sozialen Arbeit als Hilfsprofession in der Psychiatrie im Bereich der Versorgung, also in der Bereitstellung oder Organisation von Infrastruktur und infrastrukturellen Leistungen. Daneben betonen sie, dass die Soziale Arbeit als professionelle Partnerin in der interprofessionellen Kooperation nicht nur die Versorgung, sondern die selbstbestimmte Lebensführung und die Form der Integration in die Gesellschaft in den Vordergrund stellen sollte. Mit dem Ziel, die Qualität der Integration und der Lebensführung von psychisch Kranken in der Gesellschaft anzustreben, wie bspw. ein „gutes“ oder mindestens „gelingenderes“ Leben unter den Bedingungen einer psychischen Erkrankung.
Master-Thesis Stefanie Landis Seite 96 von 104 - Welche übergeordnete gesellschaftliche Rolle/Position hat ihrer Meinung nach die Psychiatrie, wenn sie dabei an soziale Innovation denken? - Welche konkreten Themenfelder würden Sie im Bereich der Psychiatrie und der Sozialen Arbeit als besonders wichtig erachten, wenn Sie dabei an Innovation in der Sozialen Arbeit denken? - Ein zentrales Merkmal der Sozialen Arbeit ist die Kooperation mit interprofessionellen sowie interdisziplinären Fachpersonen, ganz besonders innerhalb der Psychiatrie. Wie gelingt ihrer Meinung nach Innovation in der Sozialen Arbeit, die abhängig von Schnittstellenpartner*innen ist? Was braucht es, damit diese gelingen? - Welche Chancen haben aus Ihrer Sicht Innovationen in der Sozialen Arbeit in der Psychiatrie? Auf was müsste besonders geachtet werden? Geeignete Bedingungen für die Entstehung von Innovationen - Welche Faktoren (bspw. klient*innenbezogene, institutionelle, gesellschaftliche) müssen aus Ihrer Sicht speziell beachtet werden, damit Innovation in der Sozialen Arbeit im Kontext Psychiatrie gelingen kann? - Welche Qualifikation und welches spezifische Wissen werden Ihrer Meinung nach vorausgesetzt, damit Innovation in der Sozialen Arbeit im Bereich der Psychiatrie angestossen werden kann? Bemerkung für die Autorin: Es gibt unterschiedliche Felder in der Psychiatrie (Forensik, KindJugend, etc. - teilweise wird Soziale Arbeit nur als Hilfsprofession eingesetzt/ wahrgenommen, Machthierarchien beeinflussen den Wirkungskreis) Instrumente und Methoden - Welche Methoden oder Instrumente eignen sich Ihrer Meinung nach um Innovation in der Sozialen Arbeit in Organisationen oder speziell Psychiatrien (Gesundheitswesen) umzusetzen? Abschluss - Haben Sie zum Schluss noch ein Thema im Zusammenhang mit sozialen Innovationen in der Psychiatrie, das Sie wichtig finden und das wir in diesem Interview nicht angesprochen haben?
Master-Thesis Stefanie Landis Seite 97 von 104 Anhang Nr. 3: Leitfaden Mitglieder*innen Think Tank PUK Einleitung Teams-Meeting starten Als Erstes danke ich Ihnen, dass Sie sich Zeit nehmen für das Interview. Ich werde das Interview aufzeichnen, die Daten anschliessend transkribieren und Ihnen, falls Sie das wünschen, in einer Zusammenfassung zur Verfügung stellen. Im Rahmen meiner Master-Thesis möchte ich herausfinden, welche Faktoren (Neuerungen, Entwicklungen, Veränderungen) in der Psychiatrie aus ihrer Sicht fördern und/oder behindern. Das Interview dauert ca. eine Stunde. Einstiegsfragen: - Um das Thema Neuerungen und Entwicklungen in der Psychiatrie aufzugreifen, möchte ich gerne zuerst mit Ihnen in die Vergangenheit blicken: Können Sie mir erzählen, wie und aus welcher Motivation das Think Tank entstanden ist? - Was ist Ihre Motivation, sich im Gremium Think Tank zu engagieren? Erneuerungen, Entwicklungen und Herausforderungen - Das Think Tank ist ein multiprofessionelles Gefäss, welches neue Ideen fördert und die dazu benötigten Ressourcen bereitstellt. Welche wichtigsten Neuerungen oder Entwicklungen sind daraus konkret umgesetzt worden? - Wie werden Neuerungen in ihrem Fachbereich realisiert und umgesetzt? - Welche Auslöser führen zu Neuerungen und/oder Entwicklungsprozessen? - In welchen Themenbereichen erleben Sie am meisten Widerstand und wie gehen Sie damit um? - Was muss aus Ihrer Sicht institutionell und interdisziplinär besonders berücksichtigt werden, damit neue Ideen umgesetzt werden können? Organisationsund Führungskultur - Wie würden Sie die Organisationskultur der PUK beschreiben? Innovation und soziale Innovation Die Psychiatrie und im Allgemeinen das Gesundheitswesen sind gefordert, sich in einem ständig verändernden Umfeld zu bewegen, wie bspw. demografischer Wandel, neue Behandlungsformen (patientenzentrierter Ansatz), hohe Fluktuation etc. - Wenn Sie an Veränderungen und Entwicklungen denken, was verstehen Sie in diesem Zusammenhang unter Innovation? - Was verstehen Sie unter dem Begriff Innovation in der Sozialen Arbeit? - Was verstehen Sie unter sozialen Innovationen in der Psychiatrie? - Erfolgreiche soziale Innovationen in der Psychiatrie erfordern häufig Kooperationen mit externen Partner*innen. Welche Netzwerke oder Akteur*innen sind für Sie wichtig?
Master-Thesis Stefanie Landis Seite 98 von 104 Abschluss - Wenn Sie an (soziale) Innovation denken – was können andere Psychiatrien von der PUK lernen? - Haben Sie zum Schluss noch ein Thema im Zusammenhang mit Erneuerungen und Entwicklungen in der Psychiatrie, das Sie wichtig finden und das wir in diesem Interview nicht angesprochen haben?
Master-Thesis Stefanie Landis Seite 99 von 104 Anhang Nr. 4: Leitfaden Organisationsberater PUK Einleitung Teams-Meeting starten Als Erstes danke ich Dir, dass Du Dir Zeit nimmst für das Interview. Ich werde das Interview aufzeichnen, die Daten anschliessend transkribieren, falls Du das wünscht, Dir eine Zusammenfassung zur Verfügung stellen. Im Rahmen meiner Master-Thesis möchte ich herausfinden, welche Faktoren (Neuerungen, Entwicklungen, Veränderungen) in der Psychiatrie aus deiner Sicht fördern und/oder behindern. Das Interview dauert ca. eine Stunde. Einstiegsfrage: - Um das Thema Neuerungen und Entwicklungen in der Psychiatrie aufzugreifen, möchte ich gerne zuerst mit Dir in die Vergangenheit blicken: Kannst Du mir erzählen, welche zentralen Entwicklungen/ Neuerungen in der PUK in letzter Zeit umgesetzt worden sind? Erneuerungen, Entwicklungen und Herausforderungen - Welche Entwicklungsbereiche gehören in Deine Zuständigkeit? - Was hältst Du von dem Gremium Think Tank als multiprofessionelles Gefäss, welches neue Ideen fördert? - Wie werden Neuerungen und Entwicklungen in deinem Fachbereich realisiert und umgesetzt? - Welche inneren und äusseren Auslöser führen aus deiner Sicht, zu Neuerungen und/oder Entwicklungsprozessen? - In welchen Themenbereichen erlebst Du am meisten Widerstand und wie gehst Du damit um? - Was muss aus Deiner Sicht institutionell besonders berücksichtigt werden, damit neue Ideen umgesetzt werden können? Organisationsund Führungskultur - Wie würdest Du die Organisationskultur der PUK beschreiben? - Welchen Einfluss hat deiner Meinung nach die Führungskultur auf Erneuerungen und Entwicklungen? Innovation und soziale Innovation Die Psychiatrie und im Allgemeinen das Gesundheitswesen sind gefordert, sich in einem ständig verändernden Umfeld zu bewegen, wie bspw. demografischer Wandel, neue Behandlungsformen (patientenzentrierter Ansatz), hohe Fluktuation etc. - Wenn Du an Veränderungen und Entwicklungen denkst, was verstehst Du in diesem Zusammenhang unter Innovation? - Was verstehst Du unter dem Begriff Innovation in der Sozialen Arbeit? - Was verstehst Du unter sozialen Innovationen in der Psychiatrie? - Wie würdest Du die Innovationskultur der PUK beschreiben?
Master-Thesis Stefanie Landis Seite 100 von 104 - Erfolgreiche soziale Innovationen in der Psychiatrie erfordern häufig Kooperationen mit externen Partner*innen. Welche Netzwerke oder Akteur*innen sind für Dich wichtig? - Was erlebst Du als förderlich und/oder hinderlich in Bezug auf Führungshaltungen bezogen auf Innovationen und Entwicklungen? Abschluss - Wenn Du an (soziale) Innovation denkst – was können andere Psychiatrien von der PUK lernen? - Hast Du zum Schluss noch ein Thema im Zusammenhang mit Erneuerungen und Entwicklungen in der Psychiatrie, das Du wichtig findest und das wir in diesem Interview nicht angesprochen haben?