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Wahr oder falsch reicht nicht: Neue Mittel gegen Desinformation Autor:innen ● Dr. Mike Berger (Linguist, Wissenschaftskommunikator) ○ [email protected] ● Cassian Cassens (Copywriter, Marketer) ○ [email protected] — verwendbar unter der CC BY-NC-ND 4.0 Lizenz — Öffentlich wirksam getätigte Falschaussagen hindern die Gesellschaft daran, ihre demokratischen Rechte auszuüben. Das tun sie, indem sie eine faktenbasierte Wissensreproduktion und faire Diskurse manipulieren oder sogar vollständig blockieren. Bei vielen Themen ist es dabei unerheblich, ob Falschaussagen aus Ignoranz oder Täuschung getätigt werden, denn Politiker:innen, Institutionen und andere öffentlich wirksame Akteur:innen stehen nicht nur zur Wahrheit in der Pflicht, sondern aufgrund ihrer Rolle und Reichweite auch dazu, Aussagen mit Objektivitätsanspruch – allem voran zu Themen, die die Allgemeinheit betreffen, wie z.B. Migration, Wirtschaft und Klimawandel – stets sachkundig und faktenbasiert zu treffen. Vor diesem Hintergrund sind Faktenchecks zu einem zentralen Instrument im Kampf gegen Desinformation geworden. Sie prüfen politische Aussagen, entlarven Falschbehauptungen und leisten so einen wichtigen Beitrag zur demokratischen Meinungsbildung. Positiv ins Auge fallen hier u.a. CORRECTIV.Faktencheck und dpa durch ihre gründliche und transparente Arbeitsweise; Mimikama durch die niedrigschwellige Bedienung tagesaktueller Themen; der BR Faktenfuchs durch multi-medial aufbereitete Inhalte; und schließlich aufsuchende Formate wie CORRECTIV.Faktenforum als wichtiges Mittel, um die Community aktiv einzubinden. Doch trotz ihrer wachsenden Präsenz bleiben Wirkung und Reichweite von Faktenchecks begrenzt: Viele Menschen erreichen sie gar nicht erst, andere überzeugt ihre rein sachlich-akademische Aufbereitung nicht und durch ihren evidenzbasierten Anspruch versäumen sie es in der Regel, die konkreten, für verschiedene Zielgruppen direkt relevanten Konsequenzen von Falschaussagen zu verdeutlichen und so ihr Publikum emotional und normativ zu erreichen. Klassische Faktenchecks weisen zahlreiche Defizite auf, was die Entwicklung neuer Formate notwendig macht. Das Entscheidende an diesen neuen Formaten sollte sein, dass sie im Vordergrund über das reine Richtig vs Falsch hinausgehen, ohne dabei im Hintergrund die Sachlichkeit aufzugeben. Zu diesen dringend erforderlichen, neuen Formaten gehören zielgruppenspezifische Aufbereitungen, Ansätze mit gezielt
emotional-normativen Einordnungen sowie Verstoß-Bilanzen öffentlicher Akteur:innen im Hinblick auf Falschaussagen und Widersprüche. Im Folgenden werden die zentralen Defizite klassischer Faktenchecks erläutert. Erstens: Faktenchecks haben zu wenig Reichweite. Hauptgründe hierfür sind, dass Faktenchecks in aller Regel aktiv aufgesucht werden müssen, es Menschen an Wissen / Interesse / Kapazität fehlt und dass massenmediales Konsumverhalten nicht adäquat bedient wird; hinzu kommt, dass die verwendete Sprache oft zu akademisch ist. Die Wissenschaftskommunikation zeigt: Dieses Problem wird durch aktiv gestreute, zielgruppengerechte Formate gelöst. So hat z.B. Die Linke Sachsen verschiedene Flyer verteilt, die sich je nach Zielgruppe in Inhalt, Aufbereitung und Ansprache unterscheiden. Basierend auf ein und demselben zugrundeliegenden Faktencheck könnte z.B. ein ausführlicher Textbericht an Akademiker:innen, ein mittellanges Video-Feature an Arbeiter:innen und ein kurzes Reaktionsformat als Reel / Short an Jugendliche gestreut werden. Essenziell ist dabei, dass die Herkünfte, Werte und Sorgen der jeweiligen Zielgruppe stets ernst genommen und adressiert werden – wie z.B. beim YouTube-Kanal Die Da Oben!, der gezielt Jugendliche und junge Erwachsene anspricht. Zweitens: Faktenchecks führen zu Überversachlichung und emotionaler Distanziertheit. Die Vielzahl an Faktenchecks – in der Regel als Reaktion auf bereits kursierende Falschinformationen (debunking) – führt dazu, dass einerseits der einzelne Faktencheck an Wirkmacht verliert und andererseits größere Zusammenhänge zu kurz kommen. Noch gravierender ist, dass durch den Fokus auf die Widerlegung einer Falschaussage die Tatsache verblasst, dass überhaupt erst eine Falschaussage auf öffentlich wirksame Weise verbreitet wurde. Dies wiederum lässt Nutzer:innen die Chance entgehen, Falschaussagen mit Emotionen wie Wut zu verknüpfen. Aus diesem Grund sollten Faktenchecks erstens nur gezielte Falschinformationen aufgreifen (auch, um Ressourcen zu schonen und Plattform-Effekte zu verhindern); zweitens vor größeren Zusammenhängen proaktiv warnen (prebunking); und drittens jeden Verstoß stets normativ einordnen und entsprechend emotionalisieren. Drittens: Neben Faktenchecks braucht es Widerspruchschecks und laufende Verstoßbilanzen. Weil öffentlich wirksam getätigte Falschaussagen von Personen bzw. Institutionen in Machtpositionen immer salonfähiger werden, dringen illegitime Themen immer wieder in öffentliche Diskurse hinein. Dem muss mit neuen und schärferen Mitteln, die über eine bloße Aufklärung hinausgehen, Einhalt geboten werden. Zielführend wären hier Checks, die Lügen und doppelmoralisches bzw. widersprüchliches Verhalten öffentlicher Akteur:innen thematisieren – wie z.B., dass Elon Musk zwar freie Meinungsäußerung predigt, aber regelmäßig Nutzer:innen auf X zensiert. Schließlich sollten diese Verstöße – ob Halbwahrheit, Irreführung oder Lüge – bilanziert, in einen ”Lügen-/Widerspruchs-/Vertrauens-Score“ zusammengeführt und schließlich öffentlich wirksam direkt in Verbindung mit der Person bzw. Institution zur Schau gestellt werden (analog zum Nutri-Score auf Lebensmittelprodukten). Hier sollte überlegt werden, wie die
Ergebnisse bereits existierender Faktenchecks und anderer einschlägiger Initiativen (u.a. LobbyControl, FragDenStaat, abgeordnetenwatch, Geld für die Welt von Maurice Höfgen, Dissens Podcast und Krautreporter) zu diesem Zweck konsolidiert und abschließend für verschiedene Zielgruppen aufbereitet werden können. Wenn Jens Spahn immer wieder uneingeschränkt eine Plattform für seine Falschaussagen zum Thema Migration geboten wird, führt das langfristig zur Normalisierung von Extrempositionen und zur Wahrheitsillusion (illusory truth effect); dass Philipp Amthor jüngst bei Sandra Maischberger dafür plädiert, den Klimaschutz (etwas, was alle betrifft) dem freien Markt zu überlassen weil entsprechende Gesetze ja “eine Bevormundung der Gesellschaft wären”, während er selbst hinter den Kulissen versuchte, auf den "freien Markt" zugunsten des Start-Ups Augustus Intelligence Einfluss zu nehmen (etwas, was nur ihm und anderen Anteilshabern zugute kommen sollte), zeigt, wie das Kurzzeitgedächtnis gängiger Medien darin versagt, über größere Zusammenhänge und Widersprüche zu berichten statt nur episodische Ereignisse; und schließlich versinnbildlicht die Tatsache, dass Alice Weidel ohne materielle Konsequenzen auf X behaupten kann, Hitler wäre Kommunist, wie die wahrheitsumkehrenden Mittel aus George Orwells 1984 bereits Einzug in unsere politischen Diskurse gefunden haben. Die Wiedererlangung der Kontrolle über diese gekaperten Diskurse ist nicht bloß durch die sachliche Aufklärung über Falschinformationen zu bekämpfen. Einerseits müssen wir sowohl als Wissenschaftler:innen als auch Gesellschaft neu darüber diskutieren, wie vermeintlich freie Meinungsäußerung mit Machtpositionen zusammenhängt; andererseits braucht es eine starke Rhetorik durch Reduktion von Informationen und Einbringung von Emotionen und Normen, um Botschaften präzise und kraftvoll zu transportieren.