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1 Waldzustandsbericht 2025 Niedersächsisches Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz NW-FVA Nordwestdeutsche Forstliche Versuchsanstalt
2 Vorwort Liebe Leserin, lieber Leser, liebe Waldinteressierte, unsere Wälder zählen zu den ursprünglichsten Landschaftsbestandteilen, die wir haben. Sie sind Klimaschützer und Kohlenstoffspeicher, liefern wertvolle Ökosystemleistungen wie sauberes Wasser und den nachwachsenden Rohstoff Holz. Der Wald ist Lebensraum für Pflanzen und Tiere und Erholungsort für uns Menschen. Aber wie steht es um unsere Wälder, wie haben sie sich in den vergangenen Jahren entwickelt? Die aktuelle Waldzustandserhebung gibt uns wissenschaftlich fundiert Antworten zur Entwicklung der Waldgesundheit. Mit dem Ihnen hier vorliegenden Waldzustandsbericht veröffentlicht mein Haus gemeinsam mit der Nordwestdeutschen Forstlichen Versuchsanstalt (NW-FVA) die Ergebnisse der Untersuchungen und ordnet die Veränderungen ein. Das vergangene Vegetationsjahr war insgesamt sehr warm, trocken und sonnenscheinreich – auch wenn der verregnete Juli einen anderen Eindruck vermitteln konnte. Die Trockenperiode im Frühjahr unterbrach den Erholungsprozess der Wälder von den Dürrejahren 2018–2023, jedoch ohne zu einer deutlichen Verschlechterung des Zustands zu führen. Zu den Fakten: Der Belaubungsoder Benadelungszustand unserer Waldbäume – die sogenannte mittlere Kronenverlichtung der oberen Baumkronen – liegt mit 23 Prozent noch immer auf einem erhöhten Niveau. Bei den Baumarten Kiefer und Eiche stieg sie leicht an, bei älteren Buchen sank sie das dritte Jahr in Folge – liegt jedoch noch immer etwas höher als im langjährigen Mittel. Die Anzahl stark geschädigter Bäume liegt seit 2018 über dem langjährigen Durchschnitt. Die Absterberate sank erfreulicherweise auf einen Wert von 0,23 Prozent und liegt damit nur minimal über dem langjährigen Mittelwert. In der Waldzustandserhebung werden alle Baumarten außer Buche, Eiche, Fichte und Kiefer in den Gruppen der ‚anderen Laub-‘ und der ‚anderen Nadelbäume‘ zusammengefasst. Mit Blick auf vielfältige und klimastabile Wälder gewinnen diese Baumarten immer weiter an Bedeutung. Deshalb werden in den Waldzustandsberichten jeweils einige dieser Einzelbaumarten näher betrachtet. Über Jahrhunderte hinweg war die Beweidung im Wald mit Rindern, Schafen oder Pferden eine Lebensgrundlage für die Menschen. So bestand in früheren Zeiten eine unauflösliche Verflechtung der Landwirtschaft mit dem Wald. Bis heute sind in einigen Wäldern Spuren historischer Waldweidenutzung zu finden. Im vorliegenden Bericht wird der Naturschutzwert, die Verbreitung und Bewirtschaftung historischer Hutewälder in Niedersachsen betrachtet. Ein Pilz mit dem harmlos klingenden Namen ‚Falsches Weißes Stängelbecherchen‘ beschäftigt seit zwei Jahrzehnten die Forstwissenschaft und treibt Försterinnen und Förstern Sorgenfalten auf die Stirn. Als Verursacher des Eschentriebsterbens ist dieser Pilz für den starken Rückgang der Eschenwälder verantwortlich. Aktuelle Forschungsergebnisse geben Hoffnung für den Erhalt dieser wichtigen heimischen Baumart. Die Zukunft unserer Wälder liegt in unseren Händen. Mit dem gestarteten Prozess zur Beschleunigung der Klimaanpassung setzen wir gemeinsam mit über einhundert Expertinnen und Experten wichtige Impulse für den Erhalt und die Weiterentwicklung unserer Wälder. Ich möchte all jenen danken, die an der Erstellung dieses Berichts beteiligt waren, insbesondere den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Nordwestdeutschen Forstlichen Versuchsanstalt sowie den zahlreichen Menschen, die sich tagtäglich für unsere Wälder engagieren. Ich wünsche Ihnen eine aufschlussreiche und inspirierende Lektüre des diesjährigen Waldzustandsberichts Ihre Miriam Staudte Niedersächsische Ministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz © ML, Christian Wyrwa
3 Inhaltsverzeichnis Seite Vorwort 2 Hauptergebnisse 4 Forstliches Umweltmonitoring 6 Ulrike Talkner, Caroline Klinck und Uwe Paar WZE-Ergebnisse für alle Baumarten 8 Caroline Klinck und Uwe Paar Kiefer 10 Fichte 12 Buche 14 Eiche 16 Andere Laubund Nadelbäume 18 Fallbeispiele anderer Laubund Nadelbäume in Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Hessen 20 Caroline Klinck Witterung und Klima 23 Johannes Sutmöller Insekten und Pilze 28 Martin Rohde, Rainer Hurling, Gitta Langer, Johanna Bußkamp, Pavel Plašil und Robert Fritz Atmosphärische Stoffeinträge bis 2024 32 Birte Scheler Naturschutzwerte, Verbreitung und Bewirtschaftung historischer Hutewälder in Niedersachsen 36 Dario Wolbeck, Marcus Schmidt und Andreas Mölder Weiterentwicklung des Entscheidungsunterstützungssystems der klimaangepassten Baumartenwahl (BaEm) 39 Matthias Schmidt und Hans Hamkens Hoffnung für die Esche – Erkenntnisse aus der Genressourcenforschung 42 Katharina Birgit Budde, André Hardtke, Martin Hofmann und Aki Michael Höltken Humusformen als Spiegel des Waldes: Dynamik, Wandel und Funktion 45 Oliver van Straaten, Felix Grün und Jan Evers Impressum 48 Foto: C. Klinck
4 Hauptergebnisse Waldzustandserhebung (WZE) Zur Beurteilung der Vitalität der Wälder werden alljährlich die Ergebnisse der Waldzustandserhebung herangezogen. Als wichtigste Kriterien gelten die Einschätzung des Verlichtungsgrades der Oberkronen und jeweils die Anteile stark geschädigter Bäume, neu abgestorbener Bäume sowie wegen Windwurfes oder biotischer Schädigung entnommener Bäume. Nach einer vorübergehenden Abnahme der Kronenverlichtung in den Jahren 2023 und 2024 liegen die mittleren Werte für alle Baumarten und Alter bei 23 %. Der Anteil stark geschädigter Bäume stieg von 3,4 % im Vorjahr auf 4,2 %. Neu abgestorben sind auf dem WZE-Raster in Niedersachsen 0,23 % der Stichprobenbäume. Dieser Wert ist der niedrigste seit 2019. Auch die Ausfallrate liegt mit 0,47 % so niedrig wie in den Jahren vor 2018. Die Baumarten im Einzelnen Die Kiefer als häufigste Baumart Niedersachsens hat im WZEHauptraster einen Anteil von 38 %. Zweithäufigste Baumart ist mit knapp 18 % die Buche, gefolgt von der Gruppe der andern Laubhölzer mit 16 %. Die anderen Nadelhölzer nehmen 10,5 % ein, Eichen knapp 8 %. Der Fichtenanteil liegt weiterhin bei 9 %. Obwohl die Kronenverlichtung nach 2024 auch 2025 wieder anstieg, ist sie für Kiefer im Baumartenvergleich am niedrigsten. Am höchsten liegen die Werte bei Eiche, bei der auch der größte Anstieg im Vergleich zum Vorjahr festgestellt wurde. Sinkende Kronenverlichtungen wurden bei Buche und Fichte dokumentiert. Den höchsten Anteil stark geschädigter Bäume gibt es in der Gruppe der anderen Nadelbäume, gefolgt von Fichten, der Gruppe der anderen Laubhölzer und Eichen. Der geringste Anteil wurde für Kiefer ermittelt. Neu abgestorben sind vor allem Bäume der Baumartengruppen andere Laubund andere Nadelhölzer. Am niedrigsten lag die Absterberate bei Eichen und Fichten mit jeweils 0 %. Bäume der Gruppe der anderen Laubhölzer und Fichten fielen 2025 am häufigsten aus, am seltensten Buchen. Fallbeispiele anderer Laubund Nadelbäume in Schleswig-Holstein, Niedersachsen, SachsenAnhalt und Hessen – Vitalität von Gemeiner Birke, Bergahorn, Europäischer Lärche und Douglasie In der Waldzustandserhebung werden alle Baumarten außer Buche, Eiche, Fichte und Kiefer in den Gruppen der anderen Laubund der anderen Nadelhölzer zusammengefasst. Ihre waldbauliche Bedeutung nimmt aktuell jedoch immer mehr zu. Die Waldzustandsberichte geben seit Jahren einen Einblick in die Vitalität dieser beiden Baumartengruppen. Auf einzelne Baumarten wurde bisher wegen ihrer geringen Anzahlen in den länderspezifischen Berichten nicht eingegangen. Aus der Idee heraus, die Daten aller vier Trägerländer der NW-FVA zusammen auszuwerten, wird die Vitalität von Douglasie, Europäischer Lärche, Bergahorn und Gemeiner Birke als sehr häufig vorkommende Nebenbaumarten im Vergleich zu den Hauptbaumarten überblicksartig betrachtet. Sowohl die über 60-jährige Europäische Lärche als auch die ältere Douglasie zeigen geringere Kronenverlichtungswerte als die Fichte bzw. im Mittel ähnliche wie die Kiefer im jeweiligen Alter. Auf die Trockenheit nach 2018 reagierten beide Baumarten in allen Altern. Jüngere Birken haben sowohl im Vergleich zu Bergahorn als auch zu Buche und Eiche eine höhere mittlere Kronenverlichtung. Bei den älteren Birken ist die Verlichtung wie bei Bergahorn niedriger als bei Buche und Eiche. Birke reagierte stärker auf die Trockenheit nach 2018 als Bergahorn. Witterung und Klima Im Vegetationsjahr 2024/25 fielen im Flächenmittel von Niedersachsen mit 600 mm Niederschlag 80 % der langjährigen Niederschlagsmenge. Dabei kam es von Februar bis Anfang Juli zu einer fünfmonatigen Trockenperiode, die nur im Juli infolge überdurchschnittlich hoher Niederschläge abgemildert wurde. Mit einer Mitteltemperatur von 10,5 °C war das Vegetationsjahr wiederum eines der wärmsten seit Auswertungsbeginn. Der langfristige Erwärmungstrend setzt sich unvermindert fort. Im Vergleich zur Klimanormalperiode 1961–1990 beträgt die Erwärmung nach der neuen LOESS-Trendlinienberechnung 2,2 K. Das Zusammenspiel von überdurchschnittlich hohen Temperaturen und gleichzeitig sehr geringen Niederschlägen führte dazu, dass die Oberböden (bis 60 cm Tiefe) landesweit stark austrockneten. Insekten und Pilze Die Auswertungen des Waldschutzmeldeportals und andere Untersuchungen des Waldschutzes geben ergänzende Einblicke zu biotischen Schädigungen der niedersächsischen Wälder jenseits des Rasters der Waldzustandserhebung. 2025 ging die Schadholzmenge durch rindenbrütende Borkenkäfer im Vergleich zum Vorjahr weiter deutlich zurück. Bei Kiefer trat das Diplodia-Triebsterben wieder als bedeutender Schadfaktor auf. Für Eichen wurden neben überwiegend nur geringem Fraß durch die Eichenfraßgesellschaft spürbare Schäden unter Beteiligung von Eichenprachtkäfern und verschiedenen Bakterienarten dokumentiert, die vor allem im Süden und Osten Niedersachsens auftraten. Für Buche wurden weitere Fälle von komplexen Buchenerkrankungen registriert, und an Douglasien kam es vermehrt zu Schädigungen, die zumeist auf pilzliche Erreger zurückzuführen waren. Atmosphärische Stoffeinträge bis 2024 2024 war ein niederschlagsreiches Jahr. Im Freiland wurden zwischen 108 % und 125 %, unter dem Kronendach zwischen 107 % und 142 % der durchschnittlichen Niederschlagsmenge (2014–2023) der Untersuchungsbestände registriert. Die Gesamtdeposition von Sulfatschwefel lag 2024 zwischen 1,9 kg und 4,3 kg je Hektar und war somit etwas höher als im Vorjahr. Insgesamt haben verschiedene Maßnahmen zur Luftreinhaltung zu einer Reduktion der Einträge von bis zu 95 % seit
5 Hauptergebnisse Beginn der Messungen geführt. Der anorganische Stickstoffeintrag hat ebenfalls abgenommen, wenn auch nicht so stark wie der Schwefeleintrag. Im Vergleich zum Mittel der Jahre 2014–2023 betrug die Abnahme zwischen 1 kg und 5,3 kg. Die erfassten Stickstoffeinträge im Jahr 2024 lagen zwischen 8,8 kg und 22,6 kg je Hektar. Verbreitung und Naturschutzwerte historischer Hutewälder Historische Hutewälder sind Wälder, die bis heute Spuren früherer Waldweidenutzung aufweisen, etwa alte Bäume mit tiefen Kronenansätzen oder durch Viehverbiss entstandene besondere Wuchsformen. Aufgrund der Kombination aus Lichtwaldstrukturen, langlebigen Altbäumen, Totholz und vielfältigen Mikrohabitaten sind sie Hotspots der Biodiversität im Wald. Eine umfassende Literaturund Datenrecherche diente der Erstellung einer aktuellen Verbreitungsübersicht historischer Hutewälder in Niedersachsen, Hessen, Sachsen-Anhalt und Schleswig-Holstein sowie der Zusammenführung des verfügbaren Wissens zu deren Artenvielfalt, Bewirtschaftung und Geschichte. Trotz ihrer herausragenden naturschutzfachlichen Relevanz sind historische Hutewälder und die an sie gebundenen Arten akut gefährdet, insbesondere durch die Ausbreitung von Schattbaumarten seit Aufgabe der Beweidung. Die Entwicklung tragfähiger Schutzund Erhaltungskonzepte ist daher dringend notwendig. Die NW-FVA befasst sich zurzeit im Rahmen eines Forschungsvorhabens mit der nachhaltigen Entwicklung historischer Hutewälder durch Waldweide. Weiterentwicklung des Entscheidungsunterstützungssystems der klimaangepassten Baumartenwahl (BaEm) Der Klimawandel stellt für die Forstwirtschaft durch die begrenzte Anpassungsfähigkeit unserer Baumarten eine besondere Herausforderung dar. Die wichtigste waldbauliche Handlungsoption zur Risikovorsorge ist bei Wiederbewaldung von Schadflächen die Wahl standortsgerechter Baumarten. Das aktuelle System der NW-FVA für die Entscheidungsunterstützung bei der Baumartenwahl (BaEm) basiert auf der Standortswasserbilanz und der Nährstoffversorgung der forstlichen Standorte. Die Standortswasserbilanz ist eine dynamische Größe zur Abschätzung des baumartenspezifischen Trockenstressrisikos, die auf der Grundlage von Klimaprojektionen auch Projektionen des zukünftigen Risikos erlaubt. Das bisherige System der Baumartenempfehlungen schöpft allerdings die Optimierungsmöglichkeiten bei der Baumartenwahl bei weitem nicht aus. Daher wird aktuell ein multikriterieller Bewertungsansatz im Rahmen des Projektes „Modellbetrieb für Klimaschutz plus im Staatswald des Hessischen Forstamts Burgwald“ (Burgwaldprojekt) erprobt, der zusätzlich zum Trockenstress das Risiko durch Winterstürme und Fichtenborkenkäfer berücksichtigt. Außerdem werden Wuchsleistung und Kohlenstoffsequestrierung explizit projiziert, sodass Mortalitätsrisiken und Zuwachsverluste getrennt betrachtet werden können. Im Rahmen des Projektes wurde auch ein Ansatz zur naturschutzfachlichen Bewertung von Waldentwicklungszielen (WEZ) integriert. Hoffnung für die Esche - Erkenntnisse aus der Genressourcenforschung Die Gemeine Esche ist eine Baumart von ökologischer, wirtschaftlicher und kultureller Bedeutung, die lange Zeit als eine Art mit hohem Anpassungspotenzial an den Klimawandel galt, da sie ein breites Spektrum an Umweltbedingungen tolerieren kann. Das Eschentriebsterben, verursacht durch den Pilz „Falsches Weißes Stängelbecherchen“ (Hymenoscyphus fraxineus), hat jedoch in den letzten zwei Jahrzehnten zu einem starken Rückgang der Eschenbestände in Deutschland geführt. Experimentelle Anpflanzungen haben gezeigt, dass die Anfälligkeit für das Eschentriebsterben zum Teil genetisch bedingt ist, und dass in vielen Beständen ein geringer Anteil der Eschen bereits weniger anfällig gegenüber dem Pathogen ist. Dies sind gute Voraussetzungen für den Erhalt dieser Baumart und aktuelle Ergebnisse lassen vermuten, dass die natürlichen Bestände sich langsam an den Erreger anpassen. Ein waldbauliches Management, das gezielt die Naturverjüngung der Gemeinen Esche fördert, kann den Anpassungsprozess unterstützen. Humusformen als Spiegel des Waldes: Dynamik, Wandel und Funktion Die Beobachtung von Humusformen über lange Zeiträume stellt ein nützliches Werkzeug zur Beurteilung des Zustandes von Waldböden dar. Humusformen geben Aufschluss über die Abbauraten von organischem Material und somit über den gesamten Nährstoffkreislauf des Waldbodens. Im Rahmen der Bodenzustandserhebung im Wald (BZE) wurde untersucht, wie sich die Humusformen in den Wäldern Nordwestdeutschlands in den letzten 30 Jahren entwickelt haben. Die Ergebnisse zeigen, dass sich der Anteil nährstoffarmer Rohhumusformen deutlich verringert hat, während nährstoffreichere Humusformen wie Mull häufiger vorkommen. Gründe dafür liegen in der Verbesserung der Streuqualität durch zunehmenden Waldumbau hin zu höheren Laubwaldanteilen, aber auch in der Verbesserung der Streuabbaubedingungen durch den fortschreitenden Temperaturanstieg, erhöhte atmosphärische Stickstoffdeposition und der rückläufigen Säureeinträge. Foto: M. Spielmann
6 Forstliches Umweltmonitoring Ulrike Talkner, Caroline Klinck und Uwe Paar https://doi.org/10.5281/zenodo.17240432 Das Forstliche Umweltmonitoring hat eine langjährige Geschichte und eröffnet damit einen guten Einblick in die Veränderung der Waldökosysteme. Die Umweltbedingungen haben sich in den vergangenen Jahrzehnten kontinuierlich verändert, aber das Ausmaß und die Geschwindigkeit der aktuellen Klimaveränderungen sind in der Geschichte des Forstlichen Umweltmonitorings einmalig. Die Waldschäden zu Zeiten des sauren Regens waren deutlich zu sehen, doch übertreffen die aktuellen Schäden in bestimmten Regionen und für einige Baumarten das damalige Ausmaß. In den 1990er Jahren wurden erfolgreich politische Maßnahmen ergriffen, um die versauernden Einträge in die Wälder zu minimieren. Nun stellt sich die Frage, ob wir auch erfolgreich in der Eindämmung des Klimawandels sein werden. Fest steht, dass die Reduzierung der CO2-Emissionen notwendig ist, um den menschengemachten Klimawandel abzumildern und damit den Zustand des Waldes zu stabilisieren. Das Forstliche Umweltmonitoring ist aus der Waldökosystemforschung entstanden. Die Ergebnisse der Untersuchungen dienen der Erarbeitung von Entscheidungshilfen für die forstliche Praxis und der Beratung der Politik auf fachlicher Grundlage. Grundsätzlich werden im Forstlichen Umweltmonitoring folgende Kategorien unterschieden: •Level I: waldflächenrepräsentative Übersichtserhebungen auf einem systematischen Stichprobenraster (Waldzustandsund Bodenzustandserhebung) • Level II: Untersuchung von ausgewählten Waldökosystemen mit erhöhter Messintensität (Intensives Forstliches Umweltmonitoring) • Level III: Erforschung der Auswirkungen von Waldbewirtschaftungsmaßnahmen auf den Nährstoffund Wasserhaushalt von Wäldern (Experimentalflächen) Die Verknüpfung und Kombination von Level I, II und III eröffnet die Möglichkeit der Übertragung von Ergebnissen aus dem Forstlichen Umweltmonitoring auf Waldflächen ohne Beobachtungen (Regionalisierung). Für die Beantwortung von komplexen forstund umweltpolitischen Fragen ist die Vernetzung aller drei Kategorien des Forstlichen Umweltmonitorings zweckmäßig. Die methodischen Instrumente des Forstlichen Umweltmonitorings sind europaweit nach den Grundsätzen des ICP Forests (2020) harmonisiert. Die Waldzustandserhebung (WZE) liefert seit mittlerweile 42 Jahren als Übersichtserhebung Informationen zur Vitalität der Waldbäume unter dem Einfluss sich ändernder Umweltbedingungen. Das Stichprobenraster der Waldzustandserhebung ist darauf ausgelegt, die gegenwärtige Situation des Waldes landesweit repräsentativ abzubilden. Das Ergebnis ist das Gesamtbild des Waldzustandes für das Bundesland. Die Stichprobe der Waldzustandserhebung vermittelt ein zahlenmäßiges Bild zum Einfluss von Witterungsextremen, Stürmen sowie Insektenund Pilzbefall. Lokale Befunde, wie sturmgefallene Bäume oder ein extremer Befall eines Bestandes durch Pilze, können allerdings von dem landesweiten Ergebnis abweichen. Verschiedene Auswertungen belegen eine hohe Repräsentativität des Rasternetzes für verschiedene Fragestellungen. Waldzustandserhebung – Methodik und Durchführung Aufnahmeumfang Die Waldzustandserhebung erfolgt auf mathematisch -statistischer Grundlage. Die Rasterweite des landesweiten Stichprobennetzes beträgt seit 2005 8 km x 8 km, für Buche und Eiche werden zusätzliche Erhebungspunkte im 4 km x 4 kmRaster durchgeführt, wenn 2004 mindestens 6 Buchen oder Eichen am WZE -Punkt vorhanden waren. Nach einer Rasterüberprüfung im Frühjahr 2020 wurden 12 weitere WZE-Punkte in das 8 km x 8 kmRaster integriert, sodass jetzt inklusive der Ver dichtung 312 Erhebungspunkte zum Stichprobenkollektiv gehören. Wie schon 2024 konnten in diesem Jahr 292 Erhebungspunkte in die Inventur einbezogen werden. Dieser Aufnahmeumfang ermöglicht repräsentative Aussagen zum Waldzustand auf Landesebene sowie Zeitreihen für die Baumarten Buche, Eiche, Fichte, Kiefer und die Gruppen der anderen Laubund Nadelbäume. Die Aufnahmen zur Waldzustandserhebung erfolgen alljährlich im Juli und August. Sie sind mit qualitätssichernden Maßnahmen sorgfältig überprüft. Für den Parameter mittlere Kronenverlichtung zeigt die Tabelle auf Seite 7 den Standardfehler und die 95 % -Konfidenzintervalle (Vertrauensbereiche) für die Baumarten und Altersgruppen der WZE -Stichprobe 2025. Je weiter der Vertrauensbereich, desto unschärfer sind die Aussagen. Ab einem Standardfehler von > 5 werden die Werte in den Grafiken nicht mehr dargestellt. Die Weite des Vertrauensbereiches wird im Wesentlichen beeinflusst durch die Anzahl WZE-Aufnahmeteams bei der Schulung im Juli 2025 Foto: C. Klinck
7 Forstliches Umweltmonitoring der Stichprobenpunkte in der jeweiligen Auswerteeinheit und die Streuung der Kronenverlichtungswerte. Für relativ homogene Auswerteeinheiten (z. B. Kiefer bis 60 Jahre) mit relativ gering streuenden Kronenverlichtungen sind enge Konfidenzintervalle auch bei einer geringen Stichprobenanzahl sehr viel leichter zu erzielen als für heterogene Auswerteeinheiten (z. B. sonstiges Laubholz über 60 Jahre), die infolge ihrer Artenund Altersstruktur ein breites Spektrum in den Kronenverlichtungswerten umfassen. Aufnahmeparameter Bei der Waldzustandserhebung erfolgt eine visuelle Beurteilung des Kronenzustandes der Waldbäume, denn Bäume reagieren auf Umwelteinflüsse u. a. mit Änderungen in der Verzweigungsstruktur und der Belaubungsdichte. Wichtigstes Merkmal ist damit die Kronenverlichtung der Waldbäume, deren Ausmaß in 5 % -Stufen für jeden Stichprobenbaum erfasst wird. Die Kronenverlichtung wird unabhängig von den Ursachen bewertet, lediglich mechanische Schäden (z. B. das Abbrechen von Kronenteilen durch Wind) gehen nicht in die Berechnung der Ergebnisse der Waldzustandserhebung ein. Die Kronenverlichtung ist ein unspezifisches Merkmal, aus dem nicht unmittelbar auf die Wirkung von einzelnen Stressfaktoren geschlossen werden kann. Sie ist daher geeignet, eine allgemeine Belastungssituation der Wälder aufzuzeigen. Bei der Bewertung der Ergebnisse stehen nicht die absoluten Verlichtungswerte im Vordergrund, sondern die mittelund langfristigen Trends der Kronenentwicklung. Zusätzlich zur Kronenverlichtung werden weitere sichtbare Merkmale an den Probebäumen wie der Vergilbungsgrad der Nadeln und Blätter, die aktuelle Fruchtbildung sowie Insektenund Pilzbefall erfasst. Mittlere Kronenverlichtung Die mittlere Kronenverlichtung ist der arithmetische Mittelwert der in 5 %-Stufen erhobenen Kronenverlichtungswerte der Einzelbäume. Starke Schäden Unter den starken Schäden werden Bäume mit Kronenverlichtungen über 60 % (inkl. abgestorbener Bäume) sowie Bäume mittlerer Verlichtung (30–60 %), die zusätzlich Vergilbungen über 25 % aufweisen, zusammengefasst. Absterberate Die Absterberate ergibt sich aus den Bäumen, die zwischen der Erhebung im Vorjahr und der aktuellen Erhebung abgestorben sind und noch am Stichprobenpunkt stehen, bezogen auf die im Vorjahr noch lebenden Bäume. Durch Windwurf und Durchforstung ausgefallene Bäume gehen nicht in die Absterberate, sondern in die Ausfallrate ein. Ausfallrate Das Inventurverfahren der WZE ist darauf ausgelegt, die aktuelle Situation der Waldbestände unter realen (Bewirtschaftungs-) Bedingungen abzubilden. Daher scheidet in jedem Jahr ein Teil der Stichprobenbäume aus dem Aufnahmekollektiv aus. Der Ausfallgrund wird für jeden Stichprobenbaum dokumentiert. Gründe für den Ausfall sind u. a. Durchforstungsmaßnahmen, methodische Gründe (z. B., wenn der Stichprobenbaum nicht mehr zu den Baumklassen 1–3 gehört), Sturmschäden oder außerplanmäßige Nutzung aufgrund von Insektenschäden. Dort, wo an den WZE-Punkten Stichprobenbäume ausfallen, werden nach objektiven Vorgaben Ersatzbäume ausgewählt. Sind aufgrund großflächigen Ausfalls der Stichprobenbäume keine geeigneten Ersatzbäume vorhanden, ruht der WZEPunkt, bis eine Wiederbewaldung erfolgt ist. Die im Bericht aufgeführte Ausfallrate ergibt sich aus den infolge von Sturmschäden, Trockenheit und Insekten- (insbesondere durch Borkenkäfer) oder Pilzbefall am Stichprobenpunkt entnommenen Bäumen. Literatur ICP Forests (2020): Manual on methods and criteria for harmonized sampling, assessment, monitoring and analysis of the effects of air pollution on forests. UNECE, ICP Forests, Hamburg Baumartengruppe Altersgruppe Anzahl Bäume Anzahl Plots Raster Standardfehler 95%- Konfidenzintervall Buche alle Alter bis 60 Jahre über 60 Jahre 2284 435 1849 159 33 133 4x4 km 4x4 km 4x4 km 1,3 0,9 1,4 21–26 4–8 25–30 Eiche alle Alter bis 60 Jahre über 60 Jahre 1092 212 880 116 31 95 4x4 km 4x4 km 4x4 km 1,6 1,9 1,5 31–37 12–20 36–42 Fichte alle Alter bis 60 Jahre über 60 Jahre 379 143 236 45 18 28 8x8 km 8x8 km 8x8 km 2,5 5,9 1,8 23–34 10–35 28–36 Kiefer alle Alter bis 60 Jahre über 60 Jahre 1533 271 1262 87 17 73 8x8 km 8x8 km 8x8 km 0,8 1,9 0,8 17–21 10–18 19–22 andere Laubbäume alle Alter bis 60 Jahre über 60 Jahre 657 334 323 79 37 46 8x8 km 8x8 km 8x8 km 2,0 2,1 3,2 20–28 17–25 20–33 andere Nadelbäume alle Alter bis 60 Jahre über 60 Jahre 421 179 242 48 20 29 8x8 km 8x8 km 8x8 km 3,1 5,8 3,2 19–32 16–41 17–30 alle Baumarten alle Alter bis 60 Jahre über 60 Jahre 4008 1169 2839 167 63 131 8x8 km 8x8 km 8x8 km 0,9 1,7 1,0 21–25 14–21 23–27 Baumanzahl, Plotanzahl, Raster sowie Standardfehler und 95 %-Konfidenzintervall der Kronenverlichtung für alle Baumartenund Altersgruppen der Waldzustandserhebung 2025 in Niedersachsen. Das 95 %-Konfidenzintervall (=Vertrauensbereich) gibt den Bereich an, in dem der wahre Mittelwert mit einer Wahrscheinlichkeit von 95 % liegt. Das berechnete Konfidenzintervall kann jenseits der logischen Parametergrenzwerte (0 bzw. 100) liegen.
8 WZE-Ergebnisse für alle Baumarten Mittlere Kronenverlichtung in % Anteil starker Schäden (inkl. abgestorbener Bäume), alle Alter in % Auch in den jüngeren, bis 60jährigen Beständen wurde mit 18 % ein neues Maximum für die mittlere Kronenverlichtung erreicht. In der Altersgruppe der über 60jährigen Bestände liegt der Wert bei 25 % wie im Jahr 2022. Dieser Anstieg findet sich nicht bei allen Baumarten wieder. Ein leichtes Absinken der Kronenverlichtung für alle Alter konnte für Buche festgestellt werden, Fichten blieben auf dem Niveau des Vorjahres. Die Kronenverlichtung bei Kiefer stieg leicht um 2 Prozentpunkte, bei Eiche um 4 Prozentpunkte, bei der Gruppe der anderen Laubbäume um 6 Prozentpunkte und am meisten bei der Gruppe der anderen Nadelbäume mit 7 Prozentpunkten an. Anteil starker Schäden Der Anstieg der mittleren Kronenverlichtung spiegelt sich auch im Anteil der stark geschädigten Bäume wider. Dieser stieg von 3,4 % im Jahr 2024 auf 4,2 %. Ausschlaggebend für diesen Anstieg sind vor allem die Gruppen der anderen Laubund Nadelbäume und in geringerem Maß auch die Eiche. Ein hoher Anteil stark geschädigter Bäume hat negative Auswirkungen auf die Widerstandskraft der Bestände gegenüber Stresssituationen, da sich Bäume mit hoher Kronenverlichtung nicht mehr optimal mit Wasser und Nährstoffen versorgen können. Caroline Klinck und Uwe Paar https://doi.org/10.5281/zenodo.17240488 Nach einer Periode mit überdurchschnittlich hohen Niederschlägen folgte ab dem zeitigen Frühjahr 2025 eine Trockenphase, die mehrere Monate anhielt und nur durch nennenswerte Niederschläge im Juli unterbrochen wurde. In einigen Regionen, in denen der Juli nicht nass genug war, baute sich trotz der reichlichen Niederschläge des vergangenen Jahres bereits wieder ein Wasserdefizit im Boden auf. Diese Witterung unterbrach regional den Erholungsprozess der Wälder von den Dürrejahren 2018–2023, jedoch ohne aktuell zu einer Zunahme der Absterbeund Ausfallrate zu führen. Mittlere Kronenverlichtung Nach dem zwischenzeitlichen leichten Absinken der Werte stieg die mittlere Kronenverlichtung in Niedersachsen für alle Baumarten und Alter auf 23 %. Dieser Wert stellt das neue Maximum der bisherigen Zeitreihe dar und liegt um 6 Prozentpunkte über dem langjährigen Mittel. Foto: J. Evers Alle Baumarten mittlere Kronenverlichtung in 40 35 30 25 20 15 10 5 0 199519901985 2000 2005 2010 2015 2020 2025 alle Altersstufen bis 60 Jahre über 60 Jahre 18 23 25 16 11 8 Anteil starker Schäden (inkl. abgestorbener Bäume), alle Baumarten, alle Alter in % 5 4 3 2 1 0 199519901985 2000 2005 2010 2015 2020 2025 4,2 Foto: C. Klinck
9 WZE-Ergebnisse für alle Baumarten Jährliche Absterberate (stehende Bäume), alle Alter in % Jährliche Ausfallrate (als Schadholz entnommene Bäume), alle Alter in % Anteil an den Vergilbungsstufen, alle Baumarten, alle Alter in % Absterberate Bei der Berechnung der Absterberate werden nur Bäume berücksichtigt, die erstmalig eine Kronenverlichtung von 100 % aufweisen. Seit 2018 war die Absterberate deutlich erhöht. Sie sank von 0,4 % im Vorjahr auf 0,23 % 2025 und liegt damit nur minimal höher als der langjährige Mittelwert von 0,21 %. Vergilbungen Vergilbungen der Nadeln und Blätter sind häufig ein Indiz für Magnesiummangel in der Nährstoffversorgung der Waldbäume. Bis Mitte der 1990er Jahre wurden Vergilbungen häufig beobachtet, seither ist das Phänomen merklich zurückgegangen. Wie im Vorjahr ist dieses Merkmal 2025 kaum aufgetreten. Nur 0,1 % aller Bäume hatten sehr leichte Vergilbungen. Der Rückgang der Schwefelemissionen und die von den Waldbesitzenden und Forstbetrieben durchgeführten Waldkalkungen mit magnesiumhaltigen Kalken haben dazu beigetragen, das Auftreten dieser Mangelerscheinung zu reduzieren. Fazit Das Vegetationsjahr 2024/25 startete mit guten Bedingungen durch gefüllte Bodenwasserspeicher. Infolge einer sehr trockenen Phase von Februar bis Juni bauten sich regional Wasserdefizite auf, die nur durch den niederschlagsreicheren Juli abgemildert wurden. Insgesamt wurde der Erholungsprozess der Wälder aufgrund der Witterung unterbrochen, was sich in einem Anstieg der Kronenverlichtung und der starken Schäden widerspiegelt. Absterbeund Ausfallrate sanken jedoch dennoch. 1,4 1,2 1,0 0,8 0,6 0,4 0,2 0 Jährliche Absterberate (stehende Bäume), alle Baumarten, alle Alter in % 0,23 91-92 92-93 93-94 94-95 95-96 96-97 97-98 98-99 99-00 00-01 01-02 02-03 03-04 04-05 05-06 06-07 07-08 08-09 09-10 10-11 11-12 12-13 13-14 14-15 15-16 16-17 17-18 18-19 19-20 20-21 21-22 22-23 23-24 24-25 84-85 85-86 86-87 87-88 88-89 89-90 90-91 Jährliche Ausfallrate (als Schadholz entnommene Bäume), alle Baumarten, alle Alter in % 5 4 3 2 1 0 0,47 91-92 92-93 93-94 94-95 95-96 96-97 97-98 98-99 99-00 00-01 01-02 02-03 03-04 04-05 05-06 06-07 07-08 08-09 09-10 10-11 11-12 12-13 13-14 14-15 15-16 16-17 17-18 18-19 19-20 20-21 21-22 22-23 23-24 24-25 84-85 85-86 86-87 87-88 88-89 89-90 90-91 Anteil an den Vergilbungsstufen, alle Baumarten, alle Alter in % 25 20 15 10 5 0 199519901985 2000 2005 2010 2015 2020 2025 0,1 Stufe 1 (11 - 25 % der Nadel-/Blattmasse) Stufe 2 (26 - 60 % der Nadel-/Blattmasse) Stufe 3 (über 60 % der Nadel-/Blattmasse) Ausfallrate Die im Bericht dargestellte Ausfallrate ist das Ergebnis der infolge von Sturmwurf, Trockenheit, Insekten- (z. B. Borkenkäfer) und Pilzbefall am Stichprobenpunkt entnommenen Bäume. Die jährlichen Ausfallraten bilden die Auswirkungen von Stürmen wie „Kyrill“ (2007) oder „Friederike“ (2018) deutlich ab. Nach den teilweise deutlich erhöhten Werten der vergangenen Jahre sank die Ausfallrate weiter von 0,85 % 2024 auf 0,47 % ab. Sie ist damit fast nur halb so hoch wie das langjährige Mittel (1985–2025: 0,84 %). Foto: C. Klinck Foto: M. Spielmann
16 Anteil starker Schäden (inkl. abgestorbener Bäume), alle Alter in % Jüngere Eiche Wie bei der Buche sind die Kronenverlichtungen der jüngeren Eichen deutlich niedriger als bei den älteren. Allerdings stiegen auch hier die Werte seit 2016 zwar langsam, aber kontinuierlich an. Der Jahreswert 2025 ist mit 16 % mehr als doppelt so hoch wie das langjährige Mittel (7 %). Starke Schäden Hohe Kronenverlichtungswerte gehen zwangsläufig auch mit hohen Anteilen stark geschädigter Bäume einher. In den Jahren 1996–1997 und 2010–2013 mit höheren Verlichtungswerten waren bei den Eichen auch erhöhte Anteile starker Schäden zu verzeichnen. Im Durchschnitt der Zeitreihe sind 2,3 % der Eichen stark geschädigt. Der Wert für 2025 liegt mit 4,5 % fast doppelt so hoch. Eiche Mittlere Kronenverlichtung in % Die Kronenverlichtung ist bei Eiche im Vergleich der Baumarten relativ hoch. Sie liegt für Eichen aller Alter 2025 bei 34 % (ohne Abbildung). Ältere Eiche In der Zeitreihe der mittleren Kronenverlichtung der älteren Eichen traten die höchsten Verlichtungswerte mit über 30 % in den Jahren 1996–1997 und 2010–2013 unter dem Einfluss von starkem Insektenund Pilzbefall auf. Seit 2015 wurden während der Waldzustandserhebung allerdings nur mode rate Fraßschäden festgestellt. Es besteht Forschungsbedarf hinsichtlich prädisponierender, schadauslösender und schadbegleitender Faktoren bei der Eiche. 2025 stieg die mittlere Kronenverlichtung der älteren Eiche weiter an und liegt mit 39 % bei einem neuen Maximalwert. In den Jahren 1987-1989, 1992-1993 und 1995-1996 sind aufgrund des Stichprobenumfanges keine Aussagen für die Eiche bis 60 Jahre möglich. Foto: C. Klinck Eiche mittlere Kronenverlichtung in % ln den Jahren 1987-1989, 1992-1993 und 1995-1996 sind aufgrund des Stichprobenumfanges keine Aussagen für die Eiche bis 60 Jahre möglich 40 35 30 25 20 15 10 5 0 199519901985 2000 2005 2010 2015 2020 2025 über 60 Jahre bis 60 Jahre 16 3 16 39 16 14 12 10 8 6 4 2 0 199519901985 2000 2005 2010 2015 2020 2025 Eiche alle Baumarten 4,5 Anteil starker Schäden (inkl. abgestorbener Bäume), alle Alter in % Foto: J. Evers
17 Jährliche Absterberate (stehende Bäume), alle Alter in % Jährliche Ausfallrate (als Schadholz entnommene Bäume), alle Alter in % Anteil mittlerer und starker Fraßschäden an älteren Eichen in % Foto: C. Klinck Absterberate Die Absterberate der Eiche liegt im Mittel der Jahre 1984 –2025 mit 0,21 % auf einem niedrigen Niveau. Überdurchschnittliche Absterberaten wurden jeweils im Anschluss an starken Insektenfraß ermittelt. Am höchsten war die Rate 1998 mit 0,9 %. Trotz der Verschlechterung des Kronenzustands ging die Absterberate bei den Eichen zurück und lag 2025 bei 0 %. Eiche Ausfallrate Die Ausfallrate ist für Eiche in allen Erhebungsjahren sehr gering und erreichte maximal 1,1 % im Jahr 2019. Im Mittel der Zeitreihe lag sie bei 0,3 %. 2025 fielen mit 0,46 % mehr Eichen aus als in den Vorjahren. Fraßschäden Die periodische Vermehrung von Insekten der sogenannten Eichenfraßgesellschaft trägt maßgeblich zu den Schwankungen der Belaubungsdichte der älteren Eichen bei. Der Fraß an Knospen und Blättern durch die Eichenfraßgesellschaft wirkte sich besonders stark in den Jahren 1996–1997 und 2011 aus. Seit 2013 sind die während der Waldzustandserhebung im Juli und August aufgenommenen Fraßschäden gering; 2025 betrug der Wert 6,8 %. Da sich der Vitalitätszustand der Eichen jedoch immer mehr verschlechtert und auch aus dem Waldschutzmeldeportal größere Schadausmaße durch Insektenfraß dokumentiert werden, ist zunehmend in Frage gestellt, 7 6 5 4 3 2 1 0 0 91-92 92-93 93-94 94-95 95-96 96-97 97-98 98-99 99-00 00-01 01-02 02-03 03-04 04-05 05-06 06-07 07-08 08-09 09-10 10-11 11-12 12-13 13-14 14-15 15-16 16-17 17-18 18-19 19-20 20-21 21-22 22-23 23-24 24-25 84-85 85-86 86-87 87-88 88-89 89-90 90-91 Eiche alle Baumarten Jährliche Absterberate (stehende Bäume), alle Alter in % Jährliche Ausfallrate (als Schadholz entnommene Bäume), alle Alter in % 0,46 91-92 92-93 93-94 94-95 95-96 96-97 97-98 98-99 99-00 00-01 01-02 02-03 03-04 04-05 05-06 06-07 07-08 08-09 09-10 10-11 11-12 12-13 13-14 14-15 15-16 16-17 17-18 18-19 19-20 20-21 21-22 22-23 23-24 24-25 84-85 85-86 86-87 87-88 88-89 89-90 90-91 Eiche alle Baumarten 25 20 15 10 5 0 ob die bei der WZE ermittelten Schadausmaße auch realistisch sind. Möglicherweise findet der Insektenfraß infolge des immer früheren Blattaustriebes der Eiche und der höheren Frühjahrstemperaturen mittlerweile so früh im Jahr statt, dass die Schäden im Sommer zu den immer gleich bleibenden Aufnahmeterminen nicht mehr zu erkennen sind und sich die Johannistriebe, an deren Vorhandensein in früheren Jahren starker Fraß erkennbar war, bereits vollständig entfaltet und entwickelt haben. Aktuell konnte diese These jedoch noch nicht geprüft werden. Fruchtbildung Die Fruchtbildung der Eiche (ohne Abbildung) ist zum Zeitpunkt der Waldzustandserhebung im Juli und August i. d. R. nur schwer einzuschätzen, weil die Eicheln dann noch sehr klein sind. Zum Zeitpunkt der Sommeraufnahme 2025 waren viele Eicheln schon weit entwickelt. Es wurde für 51 % der Eichen eine starke bis mittelstarke Fruktifikation fest gestellt, was einen sehr hohen Wert darstellt. 50 40 30 20 10 0 199519901985 2000 2005 2010 2015 2020 2025 6,8 Anteil mittlerer und starker Fraßschäden an älteren Eichen in %
18 Andere Laubund Nadelbäume Im Rahmen der Waldzustandserhebung wurden 2025 in Niedersachsen 32 Baumarten erfasst. Die neben den Hauptbaumarten Kiefer, Fichte, Buche und Eiche vorkommenden Baumarten machen insgesamt etwa ein Viertel der Stichproben bäume aus. Jede Baumart für sich genommen ist allerdings zahlenmäßig so gering vertreten, dass allenfalls Trendaussagen zur Kronenentwicklung möglich wären. Bei den Ergebnissen der Waldzustandserhebung werden sie daher in den Gruppen „andere Laubbäume“ und „andere Nadelbäume“ zusammengefasst. Zu den häufigsten anderen Laubbäumen gehört die Birke, gefolgt von Erle, Bergahorn, Esche, Hainbuche, Roteiche und anderen. Die Gruppe der anderen Nadelbäume setzt sich vorwiegend aus Lärche und Douglasie zusammen, vereinzelt kommen auch Nordmannstanne, Weißtanne, Schwarzkiefer oder z. B. Sitkafichte vor. Mittlere Kronenverlichtung Bereits im Trockenjahr 2018 reagierten beide Baumartengruppen mit einer Erhöhung der mittleren Kronenverlichtung, die sich im Folgejahr fortsetzte. Bei den anderen Laubbäumen folgte nach einer Erholungsphase ein erneuter Anstieg 2023 und 2024 wieder ein Rückgang der mittleren Kronenverlichtung. 2025 stieg der Wert wieder stark an und liegt nun mit 24 % bei einem neuen Maximalwert. Eine Ursache hierfür könnte die starke Fruktifikation bei den häufig vorkommenden Baumarten Esche und Hainbuche in diesem Jahr sein, da jeweils die Fruchtstände nicht zur Belaubung gerechnet werden. Allerdings haben auch Erlen, die einen Anteil von ca. 15 % in der Gruppe der anderen Laubhölzer haben, eine erhöhte Kronenverlichtung von über 30 %. Bei den anderen Nadelbäumen (alle Alter) ist seit 2014 ein Anstieg der Kronenverlichtung festzustellen. Zwischen 2021 und 2024 blieb die Kronenverlichtung konstant, 2025 stieg sie wieder an und liegt nun mit 26 % bei einem neuen Maximalwert. Hieran sind vor allem Douglasien mit Verlichtungswerten über 30 % beteiligt. Starke Schäden Der Anteil stark geschädigter Bäume aus der Gruppe der anderen Laubbäume schwankt von Jahr zu Jahr. Im langjährigen Mittel liegt der Anteil bei 1,9 % der Bäume. Nach einem kurzzeitigen Rückgang des Anteils wurden 2025 7,6 % der Bäume als stark geschädigt eingestuft, was einen neuen Höchstwert in der Zeitreihe darstellt. Bei den anderen Nadelbäumen wurden in den ersten Jahren der Waldzustandserhebung hohe Anteile an stark geschädigten Bäumen festgestellt. Das Maximum lag 1985 bei 4,8 %, anschließend gingen die Werte zurück. Ab 2019 stieg die Rate an und erhöhte sich 2025 nochmals stark von 4,5 % (2024) auf 8,1 %. Im Mittel sind 1,4 % der anderen Nadelbäume stark geschädigt. Mittlere Kronenverlichtung in % Anteil starker Schäden (inkl. abgestorbener Bäume), alle Alter in % Erle Schwarzkiefer Foto: M. Spielmann Andere Laubund Nadelbäume mittlere Kronenverlichtung in % 40 35 30 25 20 15 10 5 0 199519901985 2000 2005 2010 2015 2020 2025 24 26 andere Laubbäume, alle Altersstufen andere Nadelbäume, alle Altersstufen 9 7 Anteil starker Schäden (inkl. abgestorbener Bäume), alle Alter in % 10 8 6 4 2 0 andere Laubbäume alle Baumarten 7,6 10 8 6 4 2 0 199519901985 2000 2005 2010 2015 2020 2025 andere Nadelbäume alle Baumarten 8,1 Foto: J. Evers
19 Foto: C. Klinck Jährliche Absterberate (stehende Bäume), alle Alter in % Jährliche Ausfallrate (als Schadholz entnommene Bäume), alle Alter in % Junge Weißtanne Absterberate Nach dem Trockenjahr 2018 wurden für die Gruppen der anderen Laubund der anderen Nadelbaumarten die höchsten Absterberaten im Beobachtungszeitraum seit 1984 verzeichnet. Nach der erhöhten Rate von 1,1 % im Vorjahr sank der Wert für die anderen Laubbäume des WZE -Kollektivs 2025 auf 0,62 % ab. Bei den anderen Nadelbaumarten blieb die Absterberate mit 0,49 % wieder auf dem Vorjahresniveau. Die Rate ist damit seit mittlerweile 5 Jahren etwa gleich. Für beide Baumartengruppen liegen die Werte jedoch nach wie vor über dem langjährigen Mittel (0,34 % bzw. 0,18 %). Ausfallrate Die Gruppen der anderen Laub - und Nadelbäume weisen im Erhebungszeitraum mit 0,66 % bzw. 0,42 % relativ niedrige mittlere Ausfallraten auf. Bei Baumarten der Gruppe der anderen Laubbäume war der Ausfall mit 1,8 % im Jahr 2024 vorübergehend erhöht und sank 2025 auf 0,91 %. In der Gruppe der anderen Nadelbäume war der Wert noch niedriger, da kein einziger Baum ausfiel. Foto: C. Klinck Esche Andere Laubund Nadelbäume Jährliche Absterberate (stehende Bäume), alle Alter in % 4 3 2 1 0 0,62 andere Laubbäume alle Baumarten 4 3 2 1 0 0,49 91-92 92-93 93-94 94-95 95-96 96-97 97-98 98-99 99-00 00-01 01-02 02-03 03-04 04-05 05-06 06-07 07-08 08-09 09-10 10-11 11-12 12-13 13-14 14-15 15-16 16-17 17-18 18-19 19-20 20-21 21-22 22-23 23-24 24-25 84-85 85-86 86-87 87-88 88-89 89-90 90-91 andere Nadelbäume alle Baumarten Jährliche Ausfallrate (als Schadholz entnommene Bäume), alle Alter in % 15 10 5 0 0,91 andere Laubbäume alle Baumarten 15 10 5 0 0 91-92 92-93 93-94 94-95 95-96 96-97 97-98 98-99 99-00 00-01 01-02 02-03 03-04 04-05 05-06 06-07 07-08 08-09 09-10 10-11 11-12 12-13 13-14 14-15 15-16 16-17 17-18 18-19 19-20 20-21 21-22 22-23 23-24 24-25 84-85 85-86 86-87 87-88 88-89 89-90 90-91 andere Nadelbäume alle Baumarten
20 Fallbeispiele anderer Laubund Nadelbäume in Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Hessen Vitalität von Gemeiner Birke, Bergahorn, Europäischer Lärche und Douglasie Caroline Klinck https://doi.org/10.5281/zenodo.17240533 In der Waldzustandserhebung werden die sogenannten Nebenbaumarten in den Gruppen der anderen Laubund der anderen Nadelhölzer zusammengefasst. Immer häufiger jedoch werden Baumarten dieser beiden Gruppen in Wäldern eingebracht, um den Ausfall der Hauptbaumarten zu kompensieren oder um die Baumartenvielfalt in den Beständen zu erhöhen und damit das Risiko von Schäden zu verringern. Die Waldzustandsberichte beschreiben seit Jahren die Vitalität dieser beiden Baumartengruppen, ohne ausführlicher auf einzelne Baumarten eingehen zu können. Hintergrund ist die geringe zahlenmäßige Besetzung in den Datensätzen, sofern die Bundesländer einzeln betrachtet werden. Im Folgenden wird der Ansatz verfolgt, die Daten der Nebenbaumarten nach den beiden Altersklassen getrennt über die vier Trägerländer der NW-FVA Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Hessen zusammenzufassen, um einen stabileren Datensatz zu erhalten. Für einige Baumarten reicht auch das nicht aus, um statistisch gesicherte Aussagen treffen zu können. Außerdem erhöht sich durch das große Bezugsgebiet die Standortsvielfalt, die einen erheblichen Einfluss auf die Vitalität hat. Die Ergebnisse sind daher stets vor diesem Hintergrund zu bewerten. In den folgenden Abbildungen sind, getrennt nach den Altersgruppen ≤ 60 Jahre und > 60 Jahre, die mittleren jährlichen Kronenverlichtungen von Buche, Eiche, Birke und Bergahorn sowie von Kiefer, Fichte, Euro päischer Lärche und Douglasie dargestellt. Dabei ist jeweils im unteren Diagrammteil die Anzahl der eingehenden Bäume pro Jahr für die Nebenbaumarten eingefügt und oben die der Hauptbaumarten. Veränderungen dieser Zahlen sind nicht zwingend auf veränderte Anteile im Wald zurückzuführen, sondern können auch durch Änderungen der Rasterdichte verursacht sein. Für eine Vitalitätsbetrachtung ist außerdem die Absterberate von Bedeutung. Sie bezieht sich auf alle Altersstufen. Gemeine Birke Bezogen auf das WZE-Stichprobenraster der vier betrachteten Bundesländer ist die Gemeine Birke oder Sandbirke mit einem Gesamtanteil von 4 % aktuell die häufigste Baumart neben den vier Hauptbaumarten. Die seltenere Moorbirke wird hier nicht betrachtet. Die Gemeine Birke kommt in allen betrachteten Bundesländern vor. Als Pionierbaumart erreichen die hier untersuchten Birken selten Alter über 100 Jahre. Von den jüngeren Birken des WZE-Kollektivs stehen jeweils 35 % in Niedersachsen und Schleswig-Holstein, 22 % in Sachsen-Anhalt und 8 % in Hessen. Bei den älteren Birken befinden sich 40 % in Niedersachsen, 28 % in Sachsen-Anhalt, 23 % in Schleswig-Holstein und 9 % in Hessen. Die Kronenverlichtung der jüngeren Birken liegt im Mittel bei etwa 15 % und ist damit im Vergleich zu den anderen Laubbaumarten relativ hoch. Im Erhebungszeitraum gab es Phasen erhöhter Werte wie Anfang der 1990er Jahre, zwischen 2004 und 2006 sowie ab 2018, und Phasen mit niedrigen Werten wie 2011–2017. Nach dem Trockenjahr 2003 gab es einen Anstieg der Werte. 2018 erhöhte sich die mittlere Kronenverlichtung bereits im Trockenjahr selbst und in den Folgejahren noch weiter. Sie erreichten im Jahr 2019 einen Maximalwert von fast 40 %. Zur Beurteilung der Vitalität muss darauf hingewiesen werden, dass die Kronenverlichtungswerte innerhalb der Jahre selten normalverteilt sind. Gerade in den Jahren nach 2018 lag der Median, also der Wert, den die Hälfte der Bäume aufwies, deutlich unter dem Mittelwert. Das bedeutet einerseits, dass die Spannbreite der Kronenverlichtungswerte in den Jahren sehr groß ist und es durchaus eine große Zahl an Birken gibt, die sehr niedrige Verlichtungen aufweisen. Andererseits gibt es genügend Birken mit hohen und sehr hohen Verlichtungswerten, die den Mittelwert anheben. Diese Birken sind in ihrer Vitalität geschwächt, was durch die relativ hohe mittlere Absterbe rate bestätigt wird. So starben im Mittel der Betrachtungsjahre mit 0,9 % vergleichsweise viele der Birken des WZE-Kollektivs ab (ohne Abb.). Es gab auch insgesamt nur vier Jahre, in denen die Rate bei null lag. Am höchsten war sie im Jahr 2019, als fast 8 % der Birken (49 Einzelbäume) abstarben. Bergahorn Die im WZE-Datensatz vorhandenen Bergahorne befinden sich zu ähnlichen Anteilen in allen vier Trägerländern der NW-FVA (unter 60 Jahre: 32 % Niedersachsen, 26 % Hessen, 24 % Schleswig-Holstein, 18 % Sachsen-Anhalt; über 60 Jahre: jeweils 32 % Niedersachsen und Sachsen-Anhalt, 30 % Schleswig-Holstein, 6 % Hessen). Bezüglich der Häufigkeit des Vorkommens steht er nach Birke, Esche, Erle, und Hainbuche an fünfter Stelle in der Gruppe der anderen Laubbäume. Seit etwa 10 Jahren nimmt der Anteil von Bergahorn langsam, aber kontinuierlich zu. Die Hälfte der betrachteten Berg ahorne ist jünger als 50 Jahre. Die Altersklasse der jüngeren Bergahorne hat im Mittel sehr niedrige Kronenverlichtungen. Sie reagierten auffällig stark auf Foto: M. Spielmann Foto: M. Spielmann
21 Fallbeispiele anderer Laubund Nadelbäume in Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Hessen die Trockenheit 2018, danach sanken die Werte jedoch wieder bis 2021. 2022 und 2023 stiegen die mittleren Verlichtungen wieder auf das Maximalniveau von 2018. Die älteren Bergahorne über 60 Jahre haben im Mittel die im Vergleich zu den anderen Laubbaumarten niedrigsten Verlichtungswerte. Die Werte schwankten zwischen den Jahren relativ stark und stiegen 2018 deutlich an. Seitdem liegen sie auf erhöhtem Niveau. Die Absterberate (ohne Abbildung) bei den Bergahornen der WZE-Stichprobe ist gering; sie liegt im Mittel bei 0,1 %. Die höchste Absterberate wurde im Jahr 2023 mit 1,23 % (5 Einzelbäume) erreicht. In 33 der 40 Betrachtungsjahre starben keine Bergahorne des Kollektivs ab. Europäische Lärche Neben Kiefern und Fichten sind Lärchen im WZE-Kollektiv der vier Trägerländer der NW-FVA die häufigsten Nadelbäume. Dabei ist die Europäische Lärche etwas häufiger als die Japanische Lärche. In Schleswig-Holstein überwiegen Japanische Lärchen, während in Hessen und Niedersachsen mehrheitlich und in Sachsen-Anhalt ausschließlich Europäische Lärchen stehen. Das Vorkommen der Europäischen Lärchen in der WZE-Stichprobe hat einen Schwerpunkt in Hessen: 50 % der jüngeren und 48 % der älteren Europäischen Lärchen stehen hier. Auf Niedersachsen entfallen 24 % der jüngeren und 38 % der älteren Lärchen. In SachsenAnhalt stehen 22 % der jüngeren und 8 % der älteren Bäume und in Schleswig-Holstein 4 % bzw. 8 % der Europäischen Lärchen der WZE-Stichprobe. Die unter 60-jährigen Europäischen Lärchen hatten eine mit den anderen Nadelbaumarten vergleichbare mittlere jährliche Kronenverlichtung. Erhöhte Werte von etwas über 15 % wurden zu Anfang der 1990er Jahre und seit 2019 beobachtet. Die mittleren Jahreswerte der Kronenverlichtung für die älteren Europäischen Lärchen verlaufen auf einem ähnlichen Niveau wie die der Kiefer und deutlich unter dem der Fichte. Dabei schwanken die Werte zwischen den Jahren stärker als bei der Kiefer. Das kann einerseits auf den deutlich kleineren Datensatz zurückzuführen sein oder andererseits auch darauf, dass der Einfluss der saisonalen Witterung bei Lärchen durch den jährlichen Nadelabwurf früher und im Folgejahr kaum noch zu erkennen ist. So stiegen die Werte der Kronenverlichtung Foto: T. Friedhoff 1984 1986 1988 1990 1992 1994 1996 1998 2000 2002 2004 2006 2008 2010 2012 2014 2016 2018 2020 2022 2024 0 10 20 30 40 50 60 70 KV [%] o o oo oooo o o ooooooooo ooooo oooooooooo o ooo o o o ooo o o o o o oo oooooooooo oo o oo oo ooooooo o oo ooooo o o Jahresmittelwerte der Kronenverlichtung Bergahorn ≤ 60 Jahre Birke ≤ 60 Jahre Buche ≤ 60 Jahre Eiche ≤ 60 Jahre 103 113 111 47 83 80 131 168 127 141 188 147 158 201 177 177 173 162 161 165 165 167 180 176 175 165 168 178 166 183 194 212 221 218 231 227 254 273 250 246 262 250 790 838 824 338 314 322 736 1054 564 583 1063 581 602 1103 1055 1050 1029 1045 1027 1027 1013 541 522 528 542 513 488 512 465 441 445 431 459 454 438 425 449 464 447 448 445 430 n BAh = n Bi = 1971 2036 2034 746 858 854 1361 2056 903 954 2009 1036 967 2002 1208 1205 1236 1132 1141 1133 1107 1174 1138 1163 1158 989 944 1055 1037 959 961 858 838 865 870 845 844 896 893 895 1095 1062 1002 1062 1047 373 355 399 875 1389 633 642 1395 657 647 1354 957 934 946 892 835 826 798 667 701 672 673 596 607 648 661 654 621 518 517 512 508 499 501 524 526 536 577 582 n Bu = n Ei = o oo oo o oo o o oo o o ooo o o o o o oo o oooo ooo oo o ooooo o oo o oo o o oo o o o ooo oooo o oo ooo o o oo ooooooo o o oo ooo o o o Jahresmittelwerte der Kronenverlichtung Bergahorn > 60 Jahre Birke > 60 Jahre Buche > 60 Jahre Eiche > 60 Jahre 57 67 71 26 26 27 75 89 41 42 85 43 41 95 66 65 71 81 82 82 83 88 87 92 94 84 84 93 115 100 101 107 107 118 117 118 138 136 162 178 186 201 113 148 156 70 79 78 130 199 112 113 202 127 122 258 199 206 230 232 241 249 260 247 255 253 251 246 265 296 326 289 295 302 273 247 254 292 291 285 294 288 299 280 n BAh = n Bi = 6047 6300 6316 3040 3637 2644 3867 6930 3067 3048 7048 3348 3269 7105 4054 4069 5122 4150 4173 4190 4232 4251 4296 4343 4371 4134 4197 4465 4496 4060 4037 4129 4129 4155 4173 4188 4230 4254 4225 4270 4229 4275 2450 2787 2790 1069 1226 841 1731 3131 1200 1204 3189 1439 1411 3336 2421 2433 2627 2482 2525 2551 2562 2617 2622 2655 2663 2518 2542 2721 2756 2230 2251 2284 2227 2215 2179 2292 2337 2315 2325 2374 2406 2412 n Bu = n Ei = 0 10 20 30 40 50 60 70 KV [%] 1984 1986 1988 1990 1992 1994 1996 1998 2000 2002 2004 2006 2008 2010 2012 2014 2016 2018 2020 2022 2024 unter 60 Jahre über 60 Jahre Kronenverlichtung bei Buche, Eiche, Bergahorn und Birke (unter 60 Jahre, alle BL) Kronenverlichtung bei Buche, Eiche, Bergahorn und Birke (über 60 Jahre, alle BL) Kronenverlichtung bei Birke, Bergahorn, Buche und Eiche für alle Bundesländer
22 Fallbeispiele anderer Laubund Nadelbäume in Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Hessen in den Trockenjahren 2018/19 stark an, sanken jedoch bereits 2020 wieder deutlich ab und blieben seitdem auf einem leicht erhöhten Niveau. Im Vergleich zu Kiefer oder Douglasie reagierten die älteren Lärchen damit kurzfristig deutlich auf die Trockenjahre, erholten sich aber schnell wieder. Die mittlere Absterberate über den 40-jährigen Betrachtungszeitraum liegt für die Europäischen Lärchen aller Alter bei 0,3 % (ohne Abb.), wobei in insgesamt 25 Jahren gar kein Baum neu abstarb. Die höchsten Werte gab es 2019 mit knapp 7 % bzw. 23 Einzelbäumen. Zum Vergleich: 2019 lag die Absterberate für Fichte über die vier Bundesländer mit 163 Bäumen bei 8 %. Douglasie Als häufig gewählte Ersatzbaumart für die Fichte spielt die Douglasie innerhalb der Gruppe der anderen Nadel bäume eine bedeutende Rolle. In der WZE-Stichprobe ist sie die zweit häufigste Baumart innerhalb der Gruppe der anderen Nadelbäume. Provenienzen können hier nicht unterschieden werden. Die im WZE-Datensatz vorkommenden jüngeren Douglasien (≤ 60 Jahre) befinden sich mit 49 % zum größten Teil in Niedersachsen; 30 % stehen in Hessen, 18 % in Schleswig-Holstein und 3 % in Sachsen-Anhalt. Von den über 60-jährigen Douglasien stehen 49 % in Hessen, 36 % in Niedersachsen, 14 % Schleswig-Holstein und 1 % in Sachsen-Anhalt. Die Kronenverlichtungswerte der jüngeren Douglasien sind niedrig und liegen mit Werten um 10 % auf dem Niveau der jüngeren Fichten und Kiefern. Eindeutige Anstiege sind 2005/2006 und 2018 zu beobachten. Nach 2006 sanken die Werte bis zum Jahr 2009 wieder auf das Ausgangs niveau, wogegen nach 2018 bis jetzt kein Absinken erkennbar ist. Die Jahresmittel der Kronenverlichtungswerte der älteren Douglasien liegen etwa auf dem Niveau derer der Kiefer und in einigen Jahren unter denen von Fichte, Kiefer und auch Europäischer Lärche. Nach den Trockenjahren 2018/19 stiegen die Werte langsam, aber deutlich bis 2021 an und sanken danach leicht ab. Seitdem liegen sie auf leicht erhöhtem Niveau, allerdings sehr deutlich unter den Werten der Fichte. Im Mittel der Jahre ist die Absterberate bei Douglasie mit 0,04 % sehr gering. Im Betrachtungszeitraum gab es in 34 Jahren keine Absterbeerscheinungen innerhalb des WZE-Kollektivs. In sechs der 41 Jahre starb nie mehr als eine Douglasie neu ab. Foto: H. J. Arndt o ooo o o oo oo oo oo ooooooo oooo ooooooooo oooooo o o oo oo oo oo ooooooo ooooooooooooooo ooooo oooo o o o o Jahresmittelwerte der Kronenverlichtung Douglasie ≤ 60 Jahre Eur. Lärche ≤ 60 Jahre Fichte ≤ 60 Jahre Kiefer ≤ 60 Jahre 898 982 965 185 237 232 499 686 232 239 669 238 222 731 430 426 406 403 408 406 414 185 189 191 182 170 170 212 216 185 197 191 200 224 219 221 238 243 233 232 267 258 765 781 769 170 143 126 241 859 234 240 843 250 233 798 312 299 298 296 299 300 300 215 218 239 243 237 235 244 245 230 235 230 225 222 186 172 177 180 181 177 225 174 n Dgl = n ELä = 7196 7358 7236 1741 2721 2611 4546 7345 3154 3096 6966 2917 2337 6576 3502 3504 3430 3327 3312 3218 3147 1763 1776 1629 1569 1464 1378 1404 1330 1201 1091 1021 971 954 916 904 694 536 460 446 514 511 5188 5360 5366 1381 1356 1321 4660 7032 3262 3203 6863 3301 3219 6611 6219 6140 5998 5946 5881 5839 5822 3026 2980 2919 2886 2670 2518 2472 2349 1999 1878 831 775 772 749 695 686 679 668 633 668 666 n Fi = n Ki = o 0 10 20 30 40 50 60 70 KV [%] 1984 1986 1988 1990 1992 1994 1996 1998 2000 2002 2004 2006 2008 2010 2012 2014 2016 2018 2020 2022 2024 o ooooo oooo o oo o o o o oo ooo oo ooooo ooo oo o ooo oooo oo o ooo o o o o oo oo o oo o o oooooo o o o oooo oo o o oo ooo o o o Jahresmittelwerte der Kronenverlichtung Douglasie > 60 Jahre Eur. Lärche > 60 Jahre Fichte > 60 Jahre Kiefer > 60 Jahre 402 407 363 142 21 19 19 31 29 29 54 51 51 64 39 39 54 54 55 55 55 39 39 39 49 47 49 50 50 64 65 65 65 60 71 75 90 93 111 118 129 140 175 197 209 70 118 80 128 262 95 94 303 119 119 372 180 193 195 201 204 203 202 164 164 161 168 154 159 177 179 150 151 153 158 165 196 203 192 202 206 206 243 295 n Dgl = n ELä = 4206 4333 4380 2055 2726 1979 2437 4449 2171 2155 4532 2337 2284 4580 2278 2270 2322 2304 2343 2440 2396 1708 1750 1575 1624 1556 1601 1680 1712 1595 1672 1753 1740 1779 1644 1451 1280 1243 1054 935 946 940 3209 3484 3478 1978 2369 1584 2449 5040 3015 3051 5308 3479 3517 5654 4667 4756 4876 4898 4975 4994 5041 3614 3789 3804 3865 3889 4039 4150 4199 4274 4454 3012 2991 2937 2913 3016 3251 3292 3215 3252 3251 3232 n Fi = n Ki = o 0 10 20 30 40 50 60 70 KV [%] 1984 1986 1988 1990 1992 1994 1996 1998 2000 2002 2004 2006 2008 2010 2012 2014 2016 2018 2020 2022 2024 unter 60 Jahre über 60 Jahre Kronenverlichtung bei Douglasie, Europ. Lärche, Fichte und Kiefer (unter 60 Jahre, alle BL) Kronenverlichtung bei Douglasie, Europ. Lärche, Fichte und Kiefer (über 60 Jahre, alle BL) Kronenverlichtung bei Douglasie, Europäischer Lärche, Fichte und Kiefer für alle Bundesländer
23 Witterung und Klima Johannes Sutmöller https://doi.org/10.5281/zenodo.17240692 Für eine flächenhafte Aussage für das Land Niedersachsen werden die klimatologischen Größen Niederschlag und Temperatur anhand der Messstationen des Deutschen Wetterdienstes (DWD) ausgewertet. Die Messwerte werden mit einem kombinierten Regionalisierungsverfahren (Inverse Distance Weighting, Höhenregression) auf ein einheitliches 50-Meter-Raster interpoliert. Die Mitteltemperaturen werden in Grad Celsius (°C) und die Abweichung in Kelvin (K, entspricht °C) angegeben. Im Waldzustandsbericht wird die Witterung des aktuellen Vegetationsjahres beschrieben. Das Vegetationsjahr umfasst die Monate Oktober des Vorjahres bis einschließlich September des aktuellen Jahres. Um den anthro pogen verursachten Erwärmungstrend zu verdeutlichen, werden die Monatsmittelwerte des aktuellen Vegetationsjahres mit den langjährigen Werten der international gültigen Klimanormalperiode 1961–1990 verglichen. Neben eigenen Auswertungen werden die Ergebnisse aus den Klimastatusberichten des DWD berücksichtigt. Das Vegetationsjahr 2024/25 war im Landesmittel von Niedersachsen knapp 1 K kühler als das vergangene Jahr. Trotzdem war es mit 10,5 °C um 1,8 K wärmer als im Mittel der Klima normalperiode und um 0,8 K im Vergleich zur aktuellen Klimareferenzperiode 1991–2020 (Tabelle rechts). Dabei waren alle Monate wärmer als im langjährigen Mittel der Klima normalperiode. Das Kalenderjahr 2024 (Januar bis Dezember) war mit rund 11,2 °C das mit Abstand wärmste Jahr seit Beobachtungsbeginn in Niedersachsen. Die Jahresmitteltemperatur überschritt erstmalig die 11 °C-Marke und lag um 0,3 K über dem Rekordwert aus dem Jahr 2023. Im Vegetationsjahr 2024/25 fielen rund 600 mm Niederschlag. Dies sind 20 % weniger im Vergleich zum langjährigen Mittel und mehr als 500 mm Niederschlag weniger als im vergangenen Jahr. Damit war das Vegetationsjahr 2024/25 sogar trockener als die Jahre 2017/18 und 2018/19. Dabei fiel von Februar bis Juni nur etwas mehr als die Hälfte der sonst üblichen Niederschlagsmenge und nur die Monate Januar und Juli wiesen einen deutlichen Überschuss auf. Witterungsverlauf von Oktober 2024 bis September 2025 Zu Beginn des Vegetationsjahres 2024/25 setzte sich die unbeständige Witterung der Vormonate fort. Die erste Monatshälfte im Oktober war durch eine rege Tiefdrucktätigkeit mit häufigen Niederschlägen geprägt. Fast im gesamten Land waren die Böden sehr feucht. Die Bodenfeuchte lag in den obersten Bodenschichten bis 60 cm über 100 % nutzbarer Feldkapazität (nFK) und damit deutlich über den langjährigen Mittelwerten. Nach Monatsmitte setzte sich stabiles Hochdruckwetter durch und es fiel kaum noch Niederschlag. Mit 57 mm Niederschlag wurde das Monatssoll erreicht. Die Monats mitteltemperatur betrug 11,3 °C. Damit war der Oktober 2024 1,7 K wärmer als im Mittel der Klimanormalperiode (Abb. und Tab. unten). Auch zu Novemberbeginn dominierte ruhiges, durch Hochdruckwetterlagen geprägtes Herbstwetter. In der zweiten Monatshälfte lebte die Tiefdrucktätigkeit auf und mehrere Sturmtiefs brachten insbesondere dem Nordwesten des Landes ergiebige Niederschläge. Im Nordseeumfeld fielen verbreitet mehr als 150 % der üblichen Niederschlagsmenge. In den südlichen Landesteilen war es dagegen regional trockener als normal. Im Landesmittel fielen 75 mm Niederschlag. Abweichungen von Niederschlag und Temperatur vom Mittel der Klimareferenzperiode 1961–1990 (durchgezogene schwarze Linie) in Niedersachsen, Monatswerte für das Vegetationsjahr 2024/2025 (Oktober 2024– September 2025). Abweichungen von Niederschlag und Temperatur 2024/25 Daten des Deutschen Wetterdienstes, Offenbach Temperaturmittelwerte und Niederschlagssummen für das Vegetationsjahr 2024/2025 (Oktober 2024–September 2025) sowie die langjährigen Mittelwerte der Referenzperioden 1961–1990 und 1991–2020 zu kalt* -5 K -3 K -1 K +1 K +3 K +5 K zu warm* zu nass* 175 % 150 % 125 % 75 % 50 % 25 % zu trocken* * Abweichung zur Periode 1961-1990 Temperatur (°C) Niederschlag (mm) 2024/25 1961– 1990 1991– 2020 2024/25 1961– 1990 1991– 2020 Oktober 11,3 9,6 9,6 57 57 65 November 6,1 5,0 5,8 75 67 63 Dezember 4,7 1,9 2,9 59 71 72 Januar 2,5 0,6 2,0 78 61 69 Februar 2,2 1,1 2,4 14 44 53 März 6,3 3,9 5,1 756 55 April 10,5 7,4 9,1 29 52 42 Nichtvegetationszeit 6,2 4,2 5,3 319 408 419 Mai 13,0 12,2 13,0 43 62 57 Juni 17,5 15,3 16,1 61 76 68 Juli 18,5 16,7 18,2 93 73 81 August 18,4 16,6 17,9 36 70 75 September 15,2 13,5 14,2 49 60 65 Vegetationszeit 16,5 14,9 15,9 282 341 346 Vegetationsjahr 10,5 8,7 9,7 601 749 765 5 3 1 -1 -3 250 200 150 100 50 0 Okt. Temperatur (K) Niederschlag (%) Nov. Dez. Jan. Feb. Nrz. Apr. Nai Jun. Jul. Aug. Sep. Daten des Deutschen Wetterdienstes, Offenbach
24 Witterung und Klima Dies sind rund 10 % mehr als im dreißigjährigen Mittel der Periode 1961–1990. Im November setzte sich die milde Witterung fort. Mit einer Monatsmitteltemperatur von 6,1 °C war der Monat 1,1 K zu warm. Die obersten Bodenschichten wiesen weiterhin hohe Bodenfeuchtewerte von über 100 % nFK auf. Der Dezember war mild, trocken und infolge häufiger Inversionswetterlagen überwiegend trüb. Nur in den Hochlagen des Harzes schien die Sonne überdurchschnittlich häufig. Die Mitteltemperatur von 4,7 °C lag um 2,8 K über dem langjährigen Mittelwert der Klimanormalperiode. Das Niederschlagssoll wurde landesweit um rund 15 % unterschritten. Die Niederschlagshöhe betrug 59 mm. Infolge des geringen Verdunstungsanspruchs der Vegetation waren auch im Dezember die Böden bis 60 cm Tiefe überdurchschnittlich mit Wasser gefüllt. Der Januar 2025 war sehr nass und mild. Dabei fiel in den mittleren und südlichen Landesteilen überdurchschnittlich viel Niederschlag, während im Nordwesten das langjährige Soll regional nicht erreicht wurde. Die Niederschlagsmenge von 78 mm im Landesmittel lag um knapp 30 % über dem Wert der Klimanormalperiode. Mit einer Monatsmitteltemperatur von 2,5 °C war der Januar um fast 2 K wärmer als im Durchschnitt der Periode 1961–1990. Dabei war die positive Temperaturabweichung im westlichen Niedersachsen gering, während in den östlichen Landesteilen und insbesondere im Harz die Abweichung über 2,5 K betrug. Im Februar stellte sich die Wetterlage nachhaltig um. Häufiger Hochdruckeinfluss führte dazu, dass mit 14 mm Niederschlag nur knapp 30 % der üblichen Menge gemessen wurde. Besonders trocken war es mit einem Niederschlagsdefizit von bis zu 90 % im äußersten Nordosten des Landes (Jork-Mooren und Winsen/Luhe jeweils 3 mm Niederschlag). Im südlichen Niedersachsen fiel dagegen bis zu 50 % der langjährigen Niederschlagssumme. Im Laufe des Monats trockneten die Oberböden etwas ab, sodass die Bodenfeuchte leicht unterdurchschnittliche Wassergehalte aufwies. Die Monatsmitteltemperatur betrug 2,2 °C. Somit war der Februar 2025 1,1 K wärmer als im Mittel der Klimanormalperiode und etwas kühler im Vergleich zur aktuellen Referenzperiode 1991–2020. Es folgte ein extrem trockener, überdurchschnittlich warmer und sehr sonnenscheinreicher März. Stabile Hochdruckwetterlagen führten dazu, dass es zu ausgeprägten Tagesgängen bei der Temperatur kam und der Monat mit einer Mitteltemperatur von 6,3 °C um 2,4 K im Landesmittel zu warm war. In den Hochlagen des Harzes betrug die positive Abweichung sogar mehr als 4 K. Die Niederschlagshöhe erreichte mit 7 mm nur rund 15 % des langjährigen Klimamittels. Besonders in den westlichen Landesteilen wurde an vielen Stationen so gut wie kein Niederschlag gemessen (Dörpen und Emsbüren 2 mm). Infolge der zunehmenden Verdunstungsraten und geringen Niederschläge nahm die Bodenfeuchte in den obersten 60 cm deutlich ab und lag regional unter den langjährigen Werten. Die trockene Witterung setzte sich mit kurzen Unterbrechungen im April fort. Im Gebietsmittel von Niedersachsen fielen 29 mm Niederschlag. Dies entspricht rund 50 % der langjährigen Niederschlagssumme. Dabei gab es regional große Unterschiede in der Niederschlagshöhe. Während im Nordwesten und im Osten des Landes teilweise nur 10 mm Niederschlag gemessen wurde, führten intensive Niederschläge am 23./24. April dazu, dass im äußersten Süden und Südwesten mit rund 60 mm Niederschlag das Monatssoll übertroffen wurde. In weiten Teilen des Landes nahm die Bodenfeuchte bis 60 cm Tiefe weiter ab und lag deutlich unter den durchschnittlichen Werten. Der April war nicht nur trocken, sondern auch warm und sehr sonnig. Die Monatsmitteltemperatur von 10,5 °C bedeutet eine positive Anomalie von 3,1 K. Um die Monatsmitte wurde an einigen Stationen des DWD der erste Sommertag des Jahres registriert. Auch der Mai präsentierte sich trocken und sehr sonnenscheinreich. Aufgrund häufiger Anströmung von kühlen Luftmassen aus nördlichen Richtungen war der Monat jedoch nur um 0,8 K wärmer als im Mittel der Klimanormalperiode. Die Monatsmitteltemperatur von 13,0 °C entsprach genau der langjährigen Temperatur der aktuellen Referenzperiode 1991–2020. Geringer Luftfrost um -1 °C wurde nur noch zu Beginn des Monats an einigen Stationen beobachtet. Die trockene Witterung der vergangenen Monate setzte sich in den meisten Regionen fort. Im Flächenmittel von Niedersachsen fielen 43 mm Niederschlag. Dies entspricht einem Defizit von 30 % und nur im direkten Nordseeumfeld bei Cuxhaven wurde die mittlere Niederschlagshöhe übertroffen. Infolge der anhaltenden Trockenheit lagen die Wassergehalte im Oberboden teilweise um bis zu 30 % unter den für Mai üblichen Werten. Der Juni war der fünfte zu trockene Monat in Folge. Es fiel mit 61 mm rund 80 % der langjährigen Niederschlagsmenge. Typisch für einen Sommermonat war die ungleiche Verteilung der Niederschläge im Land. Infolge von Starkregenereignissen wurde in den westlichen Landesteilen das Niederschlagssoll deutlich übertroffen (110 mm, Diepholz), während im südöstlichen Niedersachsen regional ein Niederschlagsdefizit von über 40 % gemessen wurde (26 mm, Moringen). Auch die Böden waren in weiten Teilen des Landes deutlich trockener als üblich. Bei der Temperatur gab es ein ausgeprägtes Nord-Süd-Gefälle. Die Mitteltemperatur betrug 17,5 °C. Der Juni war im Flächen mittel 2,2 K wärmer als im Mittel der Klimanormalperiode. Allerdings war es im Norden nur rund 1 K Foto: C. Klinck
25 Witterung und Klima wärmer, während in den südlichen Landesteilen die positive Anomalie bis zu 3 K be trug. Der Juli startete heiß. In Barsinghausen bei Hannover stieg die Temperatur am 2. Juli auf 38,7 °C. Die Monatsmitteltempe ratur mit 18,5 °C lag um 1,8 K über dem Wert der Klimanormalpe riode. Diesmal war die Temperaturabweichung im Nordwesten von Niedersachsen deutlich größer als in den südlichen Landesteilen. Im Juli wurde das Niederschlagssoll erstmals seit Januar um knapp 30 % übertroffen. Die Niederschlagshöhe lag bei 93 mm. An der Station Cadenberge in der Nähe von Cuxhaven betrug die Monatssumme mehr als 170 mm. Während im Nordwesten die Bodenwasserspeicher in den obersten 60 cm überdurchschnittlich gefüllt waren, erreichte das Bodenwasserdefizit in den übrigen Gebieten bis zu 20 % im Vergleich zu den langjährigen Wassergehalten. Der August startete mit einer dreiwöchigen Trockenperiode und erst am Monatsende führte Tiefdruckeinfluss vermehrt zu Niederschlägen. Mit 36 mm im Gebietsmittel blieb es um fast 50 % trockener als üblich. Der sehr sonnige und trockene Monat war mit 18,4 °C um 1,8 K wärmer als im langjährigen Mittel der Klimanormalperiode. Um die Monatsmitte traten nochmals in diesem Sommer Höchsttemperaturen von 30 °C bis regional in den östlichen und südlichen Landesteilen von mehr als 35 °C auf. Zum Abschluss des Vegetationsjahres 2024/25 folgte ein warmer und trockener September. Die Monatsmitteltemperatur betrug 15,2 °C und lag um 1,7 K über dem langjährigen Mittel. Am 20. September wurde an einigen Klimastationen nochmals ein heißer Tag mit einer Tageshöchsttemperatur von über 30 °C gemessen (32,3 °C ,Helmstedt-Emmerstedt). Im Flächen mittel von Niedersachsen fielen 49 mm Niederschlag und damit knapp 20 % weniger als das Niederschlagssoll. In der Abbildung links ist der aufsummierte Niederschlag an der DWD-Klimastation Hannover für das Vegetationsjahr 2024/25 im Vergleich zu den Jahren 1936/37 (Messbeginn) bis 2023/24 dargestellt. In der Zeitreihe wurden teilweise Lücken gefüllt, sodass im gesamten Messzeitraum nur wenige Jahre aufgrund von Datenausfall unberücksichtigt blieben. Die Bandbreite wird durch das im Beobachtungszeitraum trockenste Jahr (1958/59) und das bisher niederschlagreichste Jahr (2023/24) aufgespannt. Von Oktober 2024 bis Ende Februar 2025 lagen die aufsummierten Niederschläge an der DWD-Klimastation Hannover etwas über dem langjährigen Durchschnitt der Klimanormalperiode 1961–1990. Von Februar bis Ende Juni fielen an der Mess station nur knapp 120 mm Niederschlag statt der üblichen 270 mm. Zum Ende der fünfmonatigen Trockenperiode betrug das Niederschlagsdefizit mehr als 100 mm. Nachfolgend setzten im Juli vermehrt Niederschläge ein, sodass das Defizit auf rund 50 mm abnahm. Da im August und September weniger Niederschlag gemessen wurde als im langjährigen Mittel, erhöhte sich das Niederschlagsdefizit bis zum Ende des Vegetationsjahres auf 120 mm. Temperatur und Niederschlag im langjährigen Verlauf Obwohl das aktuelle Vegetationsjahr knapp 1 K kühler war als das bisher wärmste Vegetationsjahr 2023/24, setzt sich der langfristige Erwärmungstrend unvermindert fort. Nach dem gleitenden Mittel der letzten 30 Jahre beträgt die Temperaturzunahme 1,2 K (Abb. unten). Seit April dieses Jahres verwendet der DWD ein neues Verfahren zur Trendlinienberechnung. Das sogenannte LOESS-Verfahren (Locally estimated/ weighted Scatterplot Smoothing) bildet den beschleunigten Abweichungen von Niederschlag und Temperatur vom Mittel der Klimaperiode 1961–1990 (durchgezogene schwarze Linie) und gleitendes Mittel der letzten 30 Jahre (gepunktete graue Linie) in Niedersachsen, Jahreswerte für das Vegetationsjahr (Oktober bis September) Abweichungen von Niederschlag und Temperatur 1961–2025 Daten des Deutschen Wetterdienstes, Offenbach Akkumulierter Niederschlag im Vegetationsjahr an der Klimastation Hannover 1200 1100 1000 900 800 700 600 500 11 10 9 8 7 6 Abweichungen von Niederschlag und Temperatur vom Mittel der Klimareferenzperiode 1961-1990 und gleitendes Mittel der letzten 30 Jahre in Niedersachsen, Jahreswerte für das Vegetationsjahr (Oktober bis September) 1995199019851965 1970 1975 1980 2000 2005 2010 2015 2020 2025 Mittel der Klimareferenzperiode 1961-1990 gleitendes 30-jähriges Mittel Temperatur (°C) Niederschlag (mm) Daten des Deutschen Wetterdienstes, Offenbach 1000 750 500 250 0 mm Okt. Okt.Nov. Dez. Jan. Feb. Mrz. Apr. Mai Jun. Jul. Aug. sep. Bandbreite (1937-2024), Erläuterung siehe Text rechts über dem Mittel unter dem Mittel Mittel 1961-1990 2025 Daten des Deutschen Wetterdienstes, Offenbach
32 Atmosphärische Stoffeinträge bis 2024 Birte Scheler https://doi.org/10.5281/zenodo.17240946 Nährund Schadstoffe werden sowohl in gelöster Form mit dem Niederschlag als auch gasund partikelförmig mit der Luft in Wälder eingetragen. Aufgrund ihrer großen Kronenoberfläche filtern Bäume große Mengen an Schadstoffen und (Fein-)Stäuben aus der Luft (Immissionsschutzfunktion). Der atmosphärische Stoffeintrag ist deshalb in Wäldern höher als bei allen anderen Landnutzungsformen. Diese Einträge stellen jedoch für das Ökosystem Wald eine Belastung dar, weil hohe Einträge von Säure und Stickstoff durch Versauerung und Eutrophierung das chemische Bodenmilieu verändern. 1968 wurde im Solling mit der systematischen Erfassung der Stoffeinträge in je einem Buchenund Fichtenbestand begonnen. Ab den frühen 1980er Jahren wurde in Niedersachsen sukzessiv ein Messnetz zur Quantifizierung der Schwefel-, Stickstoffund Säureeinträge aufgebaut. Dieses ermöglicht die Untersuchung der Folgen und Risiken für Wälder, Waldböden und angrenzende Ökosysteme, die mit erhöhten Stoffeinträgen verbunden sein können. Aktuell werden im Rahmen des Intensiven Forstlichen Umweltmonitorings in Niedersachsen die Stoffeinträge in drei Buchenaltbeständen, je einem Kiefern-, Fichtenund sehr lichten Eichenaltbestand sowie einem ca. 25-jährigen Fichtenjungbestand (Solling) erfasst. Drei langjährig untersuchte Fichtenbestände im Harz sind nach Borkenkäferbefall abgestorben und die Flächen geräumt worden. Hier wird aktuell nur noch der Stoffeintrag im Freiland gemessen. Jeder Bestandesmessfläche (Kronentraufe) ist eine Freifläche (Freilandniederschlag) zugeordnet. In Buchenbeständen wird zur Erfassung des Bestandesniederschlags neben der Kronentraufe zusätzlich der bei dieser Baumart mengenmäßig bedeutsame Stammablauf gemessen. Mittels eines Kronenraumbilanzmodells (Ulrich 1994) werden aus den gemessenen Stoffflüssen Gesamtdepositionsraten berechnet. Die Höhe der Stoffeinträge wird maßgeblich durch verschiedene Faktoren wie Niederschlagsmenge, -intensität und -verteilung, Windgeschwindigkeit, Baumart, Bestandeshöhe, Kronenrauigkeit oder lokale Emittenten bestimmt. So sind die Stoffeinträge im Bergland (Harz und Solling) aufgrund größerer Niederschlagsmengen höher als im niedersächsischen Tiefland. Fichtenund Douglasienbestände sind wegen der dichten, ganzjährigen Benadelung stärker durch Stoffeinträge belastet als Buchenund Eichenbestände. Dieser Baumarteneffekt zeigt sich sehr gut im Solling, wo eine Fichtenund eine Buchenfläche in unmittelbarer Nachbarschaft und somit unter gleichen klimatischen Verhältnissen beobachtet werden. Niederschlag 2024 war nach 2023 ein weiteres niederschlagsreiches Jahr. Zwar fiel auf allen Freiund Bestandesmessflächen weniger Niederschlag als 2023, im Vergleich zum 10-jährigen Mittel der Jahre 2014–2023 wurden jedoch auf allen Flächen deutlich höhere Mengen registriert. Der Freilandniederschlag erreichte 2024 Werte zwischen 849 mm (Göttinger Wald) und 1316 mm (Solling). Er lag zwischen 70 mm (Augustendorf) und 239 mm (Solling) über dem Mittel der Jahre 2014–2023. Der Bestandesniederschlag betrug zwischen 655 mm (Augustendorf, Kiefer) und 1143 mm (Solling, Buche). Im Vergleich zum Mittel des Zeitraums 2014–2023 fiel zwischen 40 mm (Augustendorf, Kiefer) und 338 mm (Solling, Fichte) mehr Niederschlag. Geräumte Fichtenbestände in der Langen Bramke Foto: B. Scheler
33 Sulfatschwefeleintrag (SO4-S) auf ausgewählten Monitoringflächen in kg je Hektar und Jahr Atmosphärische Stoffeinträge bis 2024 Relativ gesehen fiel im Freiland zwischen 108 % (Augustendorf) und 125 % (Göttinger Wald) und im Bestand zwischen 107 % (Augustendorf, Kiefer) und 142 % (Solling, Fichte) des 10-jährigen Niederschlagsmittels (2014–2023). Die Höhe der Kronentraufe im Fichtenjungbestand (Solling) war 122 mm geringer, die Interzeption 7 % höher als im Altbestand auf der gleichen Fläche. Schwefeleintrag Durch die konsequente Umsetzung von Maßnahmen zur Luftreinhaltung wie Rauchgasentschwefelung sowie die Einführung schwefelarmer bzw. schwefelfreier Kraftund Brennstoffe wurden die Schwefeldioxidemissionen wirksam reduziert. Durch dieses Maßnahmenpaket sind die ehemals sehr hohen Schwefeleinträge in die Waldökosysteme nur noch sehr gering. Einige Flächen (Augustendorf, Kiefer; Göttinger Wald, Buche; Solling, Fichte) zeigen in den letzten 10 Jahren weiterhin einen signifikanten Rückgang der Schwefeleinträge. Auf allen anderen Flächen verharren die Schwefeleinträge auf dem erreichten sehr niedrigen Niveau. Entsprechend betrug 2024 der Sulfatschwefeleintrag je Hektar im Freiland zwischen 1,4 kg (Göttinger Wald) und 2,5 kg (Solling) sowie im Bestand zwischen 2,2 kg (Göttinger Wald, Buche) und 4,3 kg (Solling, Fichte). Im Fichtenjungbestand (Solling) betrug er hingegen nur 2,7 kg je Hektar, das entspricht rund zwei Drittel des Eintrags des Altbestands. Stickstoffeintrag Stickstoff wird als Nitrat (oxidierte Form: Kfz-Verkehr, Verbrennungsprozesse) und als Ammonium (reduzierte Form: landwirtschaftliche Quellen) in das Ökosystem eingetragen. Der Ammoniumanteil am anorganischen Stickstoffeintrag lag im 10-jährigen Mittel (2015–2024) im Freiland zwischen 52 % (Lange Bramke) und 66 % (Augustendorf). Der hohe Ammoniumanteil am anorganischen Stickstoffeintrag in Augus tendorf ist durch die intensive Landwirtschaft einschließlich Intensivtierhaltung in dieser Region bedingt. Seit Untersuchungsbeginn haben die Nitratstickstoffein träge durchgezogene Linie: signifikante Abnahme Stickstoffeintrag (NH4-N + NO3-N) auf ausgewählten Monitoringflächen in kg je Hektar und Jahr Sulfatschwefeleintrag (SO4-S) auf ausgewählten Flächen in kg je Hektar und Jahr 120 100 80 60 40 20 0 120 100 80 60 40 20 0 Augustendorf, Kiefer Lüss, Buche 2000199019801970 2010 2020 Freiland Gesamtdeposition im Bestand Ehrhorn, Eiche Solling, Buche 2000199019801970 2010 2020 Solling, Fichte 2000199019801970 2010 2020 Lange Bramke, Fichte (Nordhang) seit 2022 Borkenkäferbefall, Bestand 2024 geräumt Stickstoffeintrag (NH4-N + NO3-N) auf ausgewählten Flächen in kg je Hektar und Jahr 70 60 50 40 30 20 10 0 70 60 50 40 30 20 10 0 Augustendorf, Kiefer Lüss, Buche 2000199019801970 2010 2020 Freiland Gesamtdeposition im Bestand Ehrhorn, Eiche Solling, Buche 2000199019801970 2010 2020 Solling, Fichte 2000199019801970 2010 2020 Lange Bramke, Fichte ( Nordhang ) seit 2022 Borkenkäferbefall, Bestand 2024 geräumt
34 Atmosphärische Stoffeinträge bis 2024 baumarten übergreifend auf allen Monitoringstandorten signifikant abgenommen. In dem für alle Flächen gemeinsamen 31-jährigen Zeitraum (1994–2024) betrug der mittlere, jährliche Rückgang je Hektar zwischen 0,13 kg (Lüss, Buche) und 0,22 kg (Solling, Fichte). In den vergangenen zehn Jahren (2015–2024) war er dagegen nur noch auf den Flächen Augustendorf (Freiland, Kiefer), Göttinger Wald (Freiland, Buche) sowie Lüss (Freiland) deutlich rückläufig, während er auf den anderen Flächen auf dem Niveau der Vorjahre verharrt. 2024 betrug er je Hektar im Freiland zwischen 2,2 kg (Göttinger Wald) und 3,1 kg (Solling) und unter Buche (Gesamtdeposition) zwischen 4,5 kg (Lüss, Göttinger Wald) und 5,2 kg (Solling). Unter Kiefer (Augustendorf) belief sich die Gesamtdeposition von Nitratstickstoff pro Hektar auf 4,4 kg, unter Fichte (Solling) auf 10,4 kg. Im Fichtenjungbestand (Solling) betrug der Nitratstickstoffeintrag mit 5,1 kg je Hektar nur 50 % des Eintrags des Fichtenaltbestands. Der Ammoniumstickstoffeintrag hat auf den niedersächsischen Intensiv-Monitoringflächen ebenfalls signifikant abgenommen. Der mittlere, jährliche Rückgang je Hektar lag im Zeitraum 1994–2025 zwischen 0,11 kg (Lüss, Buche) und 0,53 kg (Augustendorf, Kiefer). Betrachtet man die letzten 10 Jahren 2015–2024, wurde eine deutliche Abnahme nur für die Bestandesflächen Augustendorf (Kiefer), Göttinger Wald (Buche), Lüss (Buche) und Solling (Fichte) beobachtet. 2024 lag der Ammoniumstickstoffeintrag im Freiland zwischen 2,5 kg (Göttinger Wald) und 5,0 kg (Ehrhorn) je Hektar und unter Buche zwischen 4,4 kg (Göttinger Wald) und 6,4 kg (Solling). Unter Kiefer (Augustendorf) betrug er pro Hektar 7,0 kg und unter Fichte (Solling) 12,2 kg. Im Fichtenjungbestand (Solling) betrug der Ammoniumstickstoffeintrag mit 6,0 kg nur 50 % des Eintrags des Fichtenaltbestands. Durch die Umsetzung verschiedener Maßnahmen zur Reduktion der Stickstoffemissionen haben die anorganischen Stickstoffeinträge seit Untersuchungsbeginn deutlich abgenommen. Die mittleren jährlichen Abnahmen von Nitratbzw. Ammoniumstickstoff in Höhe von 0,1 kg bis 0,5 kg je Hektar seit 1994 erscheinen auf den ersten Blick gering. In der Summe hat der anorganische Stickstoffeintrag in diesem Zeitraum jedoch zwischen 7,2 kg (Lüss, Buche) und 21,5 kg (Augustendorf, Kiefer) abgenommen. Die relative Abnahme lag auf allen Flächen zwischen rund 35 % und 50 %. Trotz der beobachteten Abnahme sind die anthropogen bedingten atmosphärischen anorganischen Stickstoffeinträge je Hektar und Jahr mit Werten von bis zu 14,0 kg unter Buche (Solling), 19,9 kg unter Fichte (Solling) und 14,4 kg unter Kiefer (Augustendorf) (Mittel 2020–2024) immer noch hoch. Bei einer langfristigen Überschreitung der Belastungsgrenzen können nach dem bisherigen Kenntnisstand schädigende Effekte nicht ausgeschlossen werden. Negative Auswirkungen von jahrzehntelang zu hohen Stickstoffeinträgen können gegenwärtig im Harz beobachtet Level II-Buchenfläche Solling Foto: M. Brünjes
35 werden. Durch Borkenkäferbefall sind in den letzten Jahren riesige Freiflächen entstanden. Das veränderte Mikroklima auf diesen Freiflächen fördert die rasche Mineralisierung des in der organischen Substanz des Bodens gebundenen Stickstoffs. Die freigesetzten Ionen werden jedoch durch die fehlende Baumschicht nur zu einem sehr kleinen Teil aufgenommen. Entsprechend sind kurzfristig erhöhte Nitratkonzentrationen im Sickerwasser die Folge. Da die Ladungssumme der Ionen im Sickerwasser ausgeglichen sein muss, führen hohe Austräge von Anionen (wie Nitrat) auch zu hohen Austrägen an Begleitkationen wie Calcium, Magnesium, Kalium und Aluminium mit dem Sickerwasser. Hierdurch verlieren die Ökosysteme zusätzlich wichtige Nährstoffe aus den ohnehin meist nährstoffarmen Waldböden. Angrenzende Ökosysteme wie Oberflächenund Grundgewässer werden ggf. durch hohe Nitratausträge sowie hohe Konzentrationen saurer Kationen wie Aluminium gefährdet. Zum Schutz der Ökosysteme ist eine weitere Reduktion der Stickstoffemissionen wichtig. Gesamtsäureeintrag Der Gesamtsäureeintrag berechnet sich als Summe der Gesamtdeposition von Nitrat, Ammonium, Sulfat und Chlorid (jeweils nicht seesalzbürtige Anteile, Gauger et al. 2002). 2024 betrug der Gesamtsäureeintrag je Hektar im Freiland zwischen 0,4 kmolc (Göttinger Wald) und 0,7 kmolc, (Ehrhorn), unter Buche zwischen 0,8 kmolc (Göttinger Wald ) und 1,1 kmolc (Solling), 0,9 kmolc unter Kiefer (Augustendorf) sowie 1,9 kmolc unter Fichte (Solling). Im Fichtenjungbestand im Solling belief sich der Gesamtsäureeintrag auf 1,0 kmolc, nur rund 50 % des Gesamtsäureeintrags des Fichtenaltbestands auf der gleichen Fläche. Ein Teil des Säureeintrags wird durch die ebenfalls mit dem Niederschlag eingetragenen Basen gepuffert. Berücksichtigt man diese Pufferleistung und zieht die nicht seesalzbürtigen Anteile der Basen Calcium, Magnesium und Kalium vom Gesamtsäureeintrag ab, erhält man den ökosystemar bedeutsamen Netto-Gesamtsäureeintrag (Gauger et al. 2002). Auf den niedersächsischen Flächen des Intensiven Monitorings wurden im Mittel der Jahre 2020–2024 zwischen 12 % (Augustendorf, Kiefer) und 30 % (Lüss, Buche) der Gesamtsäureeinträge durch nicht seesalzbürtige eingetragene Basen abgepuffert. Obwohl die Gesamtsäureeinträge deutlich zurückgegangen sind (Abb. oben), zeigen viele Standorte erhöhte Konzentrationen von basischen und/oder sauren Kationen im Sickerwasser. Dieses gilt insbesondere für Standorte, die in der Vergangenheit hohen Schwefeldepositionen ausgesetzt waren. Auf entsprechenden Standorten werden nach wie vor standortsangepasste Bodenschutzkalkungen erforderlich sein, um das Nährstoffangebot und die Filterfunktion der Waldböden langfristig zu erhalten und zu stabilisieren. anthropogen: durch menschliche Aktivitäten verursacht Deposition: Ablagerung von Stoffen Eutrophierung: Nährstoffanreicherung kmolc: Kilomol charge, Menge an Ladungsäquivalenten. Sie berechnet sich wie folgt: Elementkonzentration multipliziert mit der Wertigkeit des Moleküls (= Ladungsäquivalente pro Molekül), dividiert durch das Molekulargewicht. Multipliziert mit der Niederschlagsmenge ergibt sich die Fracht an Ladungsäquivalenten in kmolc je Hektar. Literatur Gauger, T.; Anshelm, F.; Schuster, H.; Draaijers, G. P. J.; Bleeker, A.; Erisman, J. W.; Vermeulen, A. T. & Nagel, H.-D. (2002): Kartierung ökosystembezogener Langzeittrends atmosphärischer Stoffeinträge und Luftschadstoffkonzentrationen in Deutschland und deren Vergleich mit Critical Loads und Critical Levels. Forschungsvorhaben im Auftrag des BMU/UBA, FE-Nr. 299 42 210, Institut für Navigation, Univ. Stuttgart. 207 S. Ulrich, B. (1994): Nutrient and Acid-Base Budget of Central European Forest Ecosystems. In: Godbold, D. u. Hüttermann, A.: Effects of Acid Rain on Forest Processes. Wiley-Liss. New York. S. 1-50. Gesamtsäureeintrag auf ausgewählten Monitoringflächen in kmolc je Hektar und Jahr Atmosphärische Stoffeinträge bis 2024 durchgezogene Linie: signifikante Abnahme Gesamtsäureeintrag auf ausgewählten Flächen in kmolc je Hektar und Jahr 12 10 8 6 4 2 0 12 10 8 6 4 2 0 Augustendorf, Kiefer Lüss, Buche 2000199019801970 2010 2020 Freiland Gesamtdeposition im Bestand Ehrhorn, Eiche Solling, Buche 2000199019801970 2010 2020 Solling, Fichte 2000199019801970 2010 2020 Lange Bramke, Fichte (Nordhang) seit 2022 Borkenkäferbefall, Bestand 2024 geräumt
36 Naturschutzwerte, Verbreitung und Bewirtschaftung historischer Hutewälder in Niedersachsen Dario Wolbeck, Marcus Schmidt und Andreas Mölder https://doi.org/10.5281/zenodo.17241153 Die große Bedeutung historischer Waldnutzungsformen für den Waldnaturschutz wird zunehmend erkannt. Neben der Niederund Mittelwaldwirtschaft (Mölder u. Schmidt 2023) zählt insbesondere die Waldweide zu den traditionellen Waldnutzungen, die über Jahrhunderte bis Jahrtausende hinweg das Erscheinungsbild der mitteleuropäischen Waldlandschaften maßgeblich geprägt haben. Waldbereiche, in denen die durch Waldweide entstandenen Strukturen bis heute erhalten geblieben sind, werden als historische Hutewälder bezeichnet (Wolbeck et al. 2025). Diese zeichnen sich durch eine besondere Vielfalt von Arten aus, die an einen hohen Strukturreichtum lichter Waldstrukturen und eine lange Habitatkontinuität gebunden sind (Kratochwil u. Aßmann 1996, Assmann u. Falke 1997, Plieninger et al. 2015, Lőrincz et al. 2024). Häufig finden sich in diesen Beständen kulturhistorische Relikte der früheren Nutzung, wie etwa Grenzsteine von Hutebezirken oder Bäume mit charakteristischen Schneitelformen (Jørgensen u. Quelch 2014). Von dieser einst in Deutschland und Europa weit verbreiteten Nutzungsform (Seidensticker 1896, Bergmeier et al. 2010) sind heute nur noch kleinflächige Reste erhalten (Glaser u. Hauke 2004). Nach unseren Hochrechnungen im Rahmen eines von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt geförderten Projekts (Nr. 38031/01) beläuft sich der aktuelle Bestand historischer Hutewälder bundesweit auf etwa 10.000 Hektar. Das entspricht lediglich 0,1 % der deutschen Waldfläche. Damit ist dieser Biotoptyp wesentlich seltener als andere historische Waldnutzungsformen wie Niederwälder (32.500 ha) und Mittelwälder (46.000 ha) (Mölder u. Schmidt 2023). Die verbliebenen Bestände werden heute in der Regel nicht mehr beweidet und eine auf den Erhalt der spezifischen Schutz güter ausgerichtete Pflege findet nur noch in Ausnahmefällen statt – und dies, obwohl der Biotoptyp Hutewald in der Roten Liste der Biotoptypen Deutschlands als „akut von vollständiger Vernichtung bedroht“ eingestuft wird (Finck et al. 2017). Dennoch gibt es gute Gründe, optimistisch in die Zukunft zu blicken. So entstehen vermehrt lokale Beweidungsprojekte in historischen Hutewaldbeständen, die exemplarisch aufzeigen, wie Waldweide unter heutigen Rahmenbedingungen erfolgreich zum integrativen Waldnaturschutz beiträgt (Sonnenburg u. Gerken 2004, Menke 2012, Thiery 2021, Tielkes et al. 2025). Zudem betonen Konzepte von Bund und Ländern, wie etwa die Nationale Strategie zur Biologischen Vielfalt 2030 oder das Niedersächsische Landschaftsprogramm, die Notwendigkeit der Wiederentwicklung von Waldweidekonzepten und eines angepassten Schutzes historischer Hutewälder, um deren einzigartige Biodiversität und kulturhistorische Bedeutung zu bewahren (z. B. BMUV 2024, MU 2021, WBW u. WBBGR 2020). Biodiversität Hutewälder vereinen Strukturen halboffener und bewaldeter Lebensräume und besitzen daher das Arteninventar beider Habitate, ergänzt um Spezialisten lichtreicher Waldstandorte (Vossel u. Assmann 1995, Assmann u. Falke 1997, Lőrincz et al. 2024). Charakteristisch für historische Hutewälder sind insbesondere ein hoher Anteil an Altund Totholz sowie eine außergewöhnliche Vielfalt an Baummikrohabitaten (Ranius u. Jansson 2000, Broughton et al. 2022). Da viele dieser Wälder nachweislich seit der frühen Neuzeit bestehen, sind ihre Habitatstrukturen seit mehreren Jahrhunderten kontinuierlich vorhanden. Diese langfristige Habitatkontinuität ist von großer Bedeutung für spezialisierte, häufig ausbreitungsschwache Arten – insbesondere Holzkäfer, Pilze und Flechten – und gilt als kaum oder gar nicht regenerierbar (Jørgensen u. Quelch 2014). Auch ohne Weidenutzung haben viele historische Hutewälder durch Beweidung entstandene Habitatmerkmale, Strukturen und Arten bis heute bewahrt. Diese sind jedoch zunehmend durch die natürliche Sukzession schattentoleranter Baumarten, insbesondere der Rotbuche und der Hainbuche, gefährdet. Die damit einhergehende Vereinheitlichung der Lichtverhältnisse und zunehmende Beschattung führen insbesondere zum Verlust lichtbedürftiger Arten, die auf besonnte Habitatstrukturen angewiesen sind (Heinecke 2000, Schaffrath 2001, Kaiser 2008). In der Krautschicht verschwinden zunächst konkurrenzschwache, später lichtliebende Arten (Topp et al. 2018). Nur durch eine fortgesetzte oder wiederaufgenommene Beweidung lässt sich die Habitatkontinuität historischer Hutewälder nachhaltig bewahren. Darüber hinaus schafft das Weidevieh zusätzliche wertvolle Strukturen wie Rohbodenstellen, die etwa für Wildbienen bedeutend sind, oder liefert Dung, der spezialisierten Käferarten als Lebensgrundlage dient (Jedicke 2015, Buse et al. 2022). Auch Mikrohabitate an Bäumen entstehen unter dem Einfluss der Weidetiere in verstärktem Maße. Frühlingsaspekt im mit Rindern beweideten historischen Hutewald Lange Bahn im Bramwald, Südniedersachsen Foto: D. Wolbeck
37 Naturschutzwerte, Verbreitung und Bewirtschaftung historischer Hutewälder in Niedersachsen Hutewaldwirtschaft historisch Waldweide und Waldmast zählen zu den ältesten Waldnutzungsformen Mitteleuropas. Seit der Sesshaftwerdung des Menschen und der Entwicklung der Viehhaltung in Mitteleuropa vor etwa 6000 Jahren wurde der Wald als Weidefläche genutzt (Bergmeier et al. 2010, Ptáková et al. 2021). Die Waldweide war fest in den jahreszeitlichen Zyklus der Viehhaltung integriert und spielte eine zentrale Rolle für die Sicherung der Lebensgrundlagen der Bevölkerung. Wiesen waren bis zum Ende des 19. Jahrhunderts fast ausschließlich für die Heugewinnung zur Winterfütterung reserviert (Berthold 2023), während das Vieh in den Sommermonaten zur Weide in den Wald getrieben wurde (Burckhardt 1864, Vowinkel 1998, Franke et al. 2002). Der Erhalt der Waldbestände war dabei von großer Bedeutung, da sie neben Grünfutter auch zahlreiche weitere Ressourcen zur Verfügung stellten. Dazu gehörten etwa Eicheln und Bucheckern für die Schweinemast, Brennund Bauholz, Gerberrinde, Heilpflanzen und Früchte (Burckhardt 1879, Oppermann 2014). Die Waldweide stellte damit eine differenzierte Wirtschaftsform dar, die spätestens seit dem Mittelalter unter zunehmender staatlicher Kontrolle stand. In Hute reglements wurde die Nutzung formal geregelt, um die nachhaltige Bewirtschaftung des Waldes und die Sicherung seiner vielfältigen Erträge zu gewährleisten (Grebe 1861, Hesmer u. Schroeder 1963). Mancherorts kam es ab dem 17. Jahrhundert insbesondere aufgrund von Bevölkerungswachstum zu einer Überbeanspruchung der Wälder auch durch die Viehweide, deren Ablösung die moderne Forstwirtschaft ab dem ausgehenden 18. Jahrhundert anstrebte (Mölder u. Schmidt 2024). Darüber hinaus machten Fortschritte in der Landwirtschaft die Hutewaldwirtschaft im 19. Jahrhundert zunehmend unattraktiv, und der wirtschaftliche Fokus im Wald verlagerte sich insgesamt auf Bauholz als Hauptnutzung (Burckhardt 1879, Huss et al. 2017). Diese Entwicklungen führten im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert zur weitgehenden Aufgabe der Waldweide und letztlich zum Verlust wertvoller Lebensräume (Meyer et al. 2018). Merkmale historischer Hutewälder Eine reglementierte Waldweide führt zur Entwicklung eines heterogenen, lichten Waldbestandes mit einer dichten, artenreichen Krautschicht mit zahlreichen Elementen der Magerrasen und Heiden (Hüppe 1997). Markante Baumformen rühren vom Einfluss großer Weidetiere her (Pott u. Hüppe 1991) und lassen sich in vielen aufgegebenen früheren Waldweiden noch heute erkennen. Bei Waldbeweidung überlebt durch selektiven Verbiss nur ein Teil der Gehölzverjüngung. Die zurückbleibenden Bäume wachsen krumm auf und entwickeln bereits in jungen Jahren Mikrohabitate (Ranius u. Jansson 2000). Besonders die Eiche profitiert vom Verbiss schattentoleranter Konkurrenzarten – historisch war sie zudem von zentraler Bedeutung für die Schweinemast (Burckhardt 1879, Seidensticker 1896). Infolgedessen sind viele historische Hutewälder bis heute durch markante, dickstämmige und krumme Eichen mit tief ansetzenden, ausladenden Kronen geprägt. Diese entstanden entweder durch ihre relative Solitärstellung im lichten Bestand oder gezieltes Kappen zur Erhöhung des Mastertrages (Wolbeck et al. 2025). Auch wurden Eichen planmäßig nachgepflanzt oder EichenPflanzwälder im systematischen Raster von ca. 10 x 10 Meter angelegt, die Waldweide, Mast und Holzwirtschaft vereinten (Burckhardt 1864, Seidensticker 1896). Neben Eichen finden sich in historischen Hutewäldern häufig Kopfbäume, meist Hainbuchen, die in 2 – 3 m Höhe – oberhalb der Mäuler des Viehs – regelmäßig geschneitelt wurden, etwa zur Gewinnung von Laubheu, Flechtmaterial oder Brennholz (Burrichter u. Pott 1983, Pott u. Hüppe 1991). Die Strauchschicht wird häufig von dornenreichen Arten geprägt, die vom Weidevieh gemieden werden, etwa Weißund Schwarzdorn, Wildrosen oder Wacholder (Seidensticker 1896). Diese Gehölze begünstigen die sogenannte „Käfigverjüngung“, indem sie jungen Bäumen Schutz vor Verbiss bieten (Pott u. Hüppe 1991). Auch Wildapfel und Wildbirne zählen zu den dornenbewehrten Arten, deren Früchte historisch zur Viehmast genutzt wurden (Michel u. Mahn 1998). Die Amalien-Eiche im Hasbruch mit Rindern auf der Waldweide. Holzstich von W. Aarland und H. Friedrich nach einer Skizze von F. Lindner (1880)
38 Naturschutzwerte, Verbreitung und Bewirtschaftung historischer Hutewälder in Niedersachsen Situation der Hutewälder in Niedersachsen In Niedersachsen konnte eine Gesamtfläche von etwa 1250 Hektar historischer Hutewälder recherchiert werden, verteilt auf 127 Einzelflächen. Für alle Trägerländer der NW-FVA (Hessen, Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Schleswig-Holstein) ergibt sich eine Gesamtfläche von rund 3750 Hektar. Damit entfällt ein Anteil von einem Drittel (ca. 33 %) des Bestandes dieser Bundesländer auf Niedersachsen. Von den in Niedersachsen erfassten Flächen sind 65 zu mindestens 10 % von Fauna-Flora-Habitat-(FFH-)Gebieten abgedeckt, während 36 Flächen zu mindestens 10 % innerhalb von Naturschutzgebieten liegen. Ein regionaler Schwerpunkt der Verbreitung historischer Hutewälder befindet sich in Südniedersachsen. Die Relikte im Solling und im Bramwald bilden zusammen mit angrenzenden Vorkommen im hessischen Reinhardswald einen bundesweit bedeutsamen Verbreitungsschwerpunkt eichen-, buchenund hainbuchenreicher Hutewälder. Weitere Konzentrationen finden sich entlang des westlichen Harzrandes, im Emsund Oldenburger Land, in der Lüneburger Heide sowie in der Göhrde. In Niedersachsen bestehen seit mehreren Jahren verschiedene Projekte, die mittels gezielter Beweidungsmaßnahmen die Habitatqualität historischer Hutewälder erhalten sollen. Nach aktuellem Kenntnisstand werden 43 der niedersächsischen Flächen zumindest teilweise beweidet. In vier Flächen findet eine Kopfbaumschneitelung statt. Zahlreiche dieser MaßSchottische Hochlandrinder im Hutewald an der Langen Bahn im Bramwald Verbreitung historischer Hutewaldrelikte im Land Niedersachsen auf Basis der TK25 MesstischblattQuadranten (Quellen: Hutewaldflächen: Kartierung NW-FVA, Stand: 01.2025; Grenzen Bundesländer & TK25Quadranten: © GeoBasis-DE / BKG (2025)) mit Nachweis historischer Hutewald ohne Nachweis historischer Hutewald Messtischblattquadranten Foto: M. Schmidt nahmen sind auf das Engagement der Niedersächsischen Landesforsten zurückzuführen. Einige dieser Flächen werden im Rahmen von Kompensationsmaßnahmen bzw. als Ökokontoflächen genutzt, wie beispielsweise der Hutewald Gelbbachtal im Osterwald oder Teilbereiche des Hutewalds Solling (Thiery u. Ammer 2025). Derartige Vorhaben belegen die Umsetzbarkeit einer naturschutzorientierten Waldbeweidung unter heutigen Rahmenbedingungen und erfreuen sich einer großen Beliebtheit in der Öffentlichkeit (Hartig u. Bauer 2021). Der seit 25 Jahren bestehende Hutewald im Solling mit einer Größe von etwa 220 Hektar ist das größte Waldweideprojekt Deutschlands, das sich mit dem Erhalt eichengeprägter historischer Hutewälder befasst (Mölder et al. 2021). Die entsprechenden historischen Hutewaldbereiche umfassen insgesamt etwa 120 Hektar. Weitere großflächige Relikte sind etwa im Bentheimer Wald, im Urwald Baumweg, der Lüneburger Heide oder im Hasbruch erhalten. Im Bentheimer Wald weiden bereits seit längerer Zeit Galloways und Ziegen (Hogeback 2014), im Hasbruch seit 2023 Schottische Hochlandrinder (Forstamt Neuenburg 2023). Literatur Download des Literaturverzeichnisses unter: https://doi.org/10.5281/zenodo.17277893
39 Datengrundlagen des multikriteriellen Entscheidungsunterstützungssystems der klimaangepassten Baumartenwahl. Die abstrahierten Baumartenmischungen (rechts) stehen stellvertretend für die länderspezifischen Listen an möglichen Baumartenkombinationen. Weiterentwicklung des Entscheidungsunterstützungssystems der klimaangepassten Baumartenwahl (BaEm) Matthias Schmidt und Hans Hamkens https://doi.org/10.5281/zenodo.17241197 Der Klimawandel stellt für die Forstwirtschaft eine besondere Herausforderung dar, da abzusehen ist, dass die Anpassungsfähigkeit der heimischen Baumarten auf vielen Standorten nicht ausreichen wird, um leistungsfähige, multifunktionale Wälder zu erhalten. Die extremen Witterungsbedingungen der letzten Jahre haben dabei deutlich gemacht, dass die Widerstandsfähigkeit der Baumarten gegenüber klimawandelbedingten Risikofaktoren sehr unterschiedlich ist. Sowohl die insgesamt gestiegenen Mortalitätsraten als auch deren große baumartenspezifische Unterschiede lassen sich für die Hauptbaumarten anhand der Waldzustandserhebungen statistisch nachweisen (https://www.nw-fva.de/veroeffentlichen/waldzustandsberichte). Die Widerstandsfähigkeit von Baumarten kann in unterschiedlichem Ausmaß durch waldbauliche Maßnahmen bspw. zur Förderung der Einzelbaumvitalität erhöht werden. Auch die Verkürzung der Produktionszeiträume über abgesenkte Zielstärken kann die Vulnerabilität von Einzelbäumen und Beständen reduzieren. Die mit Abstand wichtigste waldbauliche Handlungsoption zur Risikovorsorge aber ist die Wahl standortsgerechter Baumarten und ihrer Mischung. Fehler bei der Baumartenwahl sind besonders schwerwiegend, da sie aufgrund der langen Produktionszeiträume kurzfristig kaum oder nur mit kostenintensiven waldbaulichen Maßnahmen korrigiert werden können. Ein Schwerpunkt der Klimafolgenforschung an der NW-FVA liegt daher in der stetigen methodischen Weiterentwicklung des Entscheidungsunterstützungssystems der Baumartenwahl (BaEm: https:// www.nw-fva.de/unterstuetzen/software/baem). Das aktuelle System der NW-FVA für die Entscheidungsunterstützung bei der Baumartenwahl basiert auf der Standortswasserbilanz und Nährstoffversorgung der forstlichen Standorte. Die Standortswasserbilanz ist eine dynamische Größe zur Abschätzung des baumartenspezifischen Trockenstressrisikos, die auf der Grundlage von Klimaszenarien auch Projektionen des zukünftigen Risikos erlaubt. Das System der Baumartenempfehlungen hat sich seit seiner Einführung grundsätzlich bewährt. Allerdings schöpft der Ansatz die Anpassungsmöglichkeiten bei der Baumartenwahl bei weitem nicht aus. Vor diesem Hintergrund wird aktuell ein multikriterieller Bewertungsansatz im Rahmen des Projektes Modellbetrieb für Klimaschutz-plus im Staatswald des Hessischen Forstamts Burgwald (Burgwaldprojekt) erprobt. Der Ansatz berücksichtigt zusätzlich zur Trockenstressgefährdung das Risiko durch Winterstürme und Fichtenborkenkäfer und ermöglicht somit eine sehr viel differenziertere Analyse der Standortsgerechtigkeit einer Baumart. Als weitere Indikatoren werden die Wuchsleistung und die Kohlenstoffspeicherung standortssensitiv projiziert (Abb. links). Damit wird eine Unterscheidung zwischen dem Mortalitätsrisiko und dem Risiko von Zuwachsverlusten möglich. Alle Indikatoren werden für den Zeitraum bis 2100 projiziert, wobei die Bedingungen verschiedener Klimaläufe unterstellt und die zugehörigen Klimaparameter in der Modellanwendung verwendet werden. Die Verwendung eines Klimaensembles, d. h. mehrerer Klimaprojektionen, dient der Berücksichtigung der großen Unsicherheit von Klimaszenarien. Die verschiedenen Indikatoren basieren dabei in stärkerem Maße auf empirischen, d. h. datenbasierten Modellen als das aktuelle Expertensystem der Baumartenempfehlungen. Die Indikatoren sind überwiegend sensitiv gegenüber kleinräumigen, topographisch-bedingten Standortsunterschieden. Daher werden die Indikatoren in einer räumBaumartenmischungsempfehlung Trockenstressrisiko Sturmschadensrisiko Borkenkäferrisiko Bodenparameter Wuchsleistung Kohlenstoffspeicherung
40 Weiterentwicklung des Entscheidungsunterstützungssystems der klimaangepassten Baumartenwahl (BaEm) lichen Auflösung von 50 x 50 m projiziert und erst anschließend für Standortspolygone gemittelt. Auf diese Weise können bspw. die Unterschiede zwischen Nordund Südhängen bzgl. der Risiken durch Winterstürme, Fichtenborkenkäfer und Trockenstress berücksichtigt werden. Wie im aktuellen System der Baumartenempfehlung werden ergänzend Setzungen auf der Grundlage von Erfahrungswissen wie der Ausschluss von Fichte auf Kalkund wechselfeuchten Standorten verwendet. Der multikriterielle Bewertungsansatz ist modular aufgebaut und kann prinzipiell für eine noch umfassendere Bewertung der Waldfunktionen um zusätzliche Indikatoren erweitert werden. So sind z. B. Indikatoren für die Grundwasserneubildung und die Nährstoffnachhaltigkeit denkbar. Das umfassend erweiterte, multikriterielle Entscheidungsunterstützungssystem der klimaangepassten Baumartenwahl wird derzeit intensiv evaluiert. Dabei werden die Ergebnisse der Baumartenempfehlungen in Zusammenarbeit mit den Landesforstbetrieben der Trägerländer der NW-FVA analysiert und bewertet. Darüber hinaus werden die Datengrundlagen, die verwendeten Methoden und die grundsätzliche Konzeption detailliert dokumentiert. Erste Ergebnisse aus dem Burgwaldprojekt zeigen bereits die deutlich verbesserten Planungsmöglichkeiten auf, die das multikriterielle Entscheidungsunterstützungssystem bietet. Das multikriterielle Entscheidungsunterstützungssystem der klimaangepassten Baumartenwahl (BaEm) als Grundlage für die strategische Waldbauplanung im Staatswald des Hessischen Forstamtes Burgwald Die standortssensitive, multikriterielle Bewertung von Baumartenmischungen (Abb. Seite 39) ist auch eine hervorragende Grundlage für die strategische Waldbauplanung unter zusätzlicher Berücksichtigung von Nebenbedingungen, wie sie aus Schutzgebietsauflagen, Zertifizierungsvorgaben, betrieblichen Zielen und übergeordneten forstpolitischen Vorgaben resultieren sowie der waldbaulichen Ausgangssituation, die im Rahmen der Forsteinrichtung erfasst wird. Die strategische Waldbauplanung gleicht somit die Potenzialbetrachtung der Bewertung von Baumartenmischungen in Abhängigkeit von baumartenund standortssensitiven Risiken mit den spezifischen Nebenbedingungen und Zielen eines Forstbetriebes ab. Spezifischer Wertbaum, der im Rahmen des Burgwaldprojektes entwickelt wurde. Der Gesamtwert (blau) einer Baumartenmischung (WEZ/WET/BZT) für einen spezifischen Bestand wird aus den unterschiedlichen Kriterien (grün; Subkriterien: gelb) berechnet, welche wiederum aus den Indikatoren (grau) abgeleitet werden. Die roten Kreise beschreiben die Gewichte der jeweiligen Kriterien/Indikatoren. Der Wertbaum teilt sich in standortssensitive Kriterien und den Abgleich mit dem Ist-Zustand, d. h. der waldbaulichen Ausgangssituation, auf. Zentrales Instrument der multikriteriellen Bewertung sowohl in der Potenzialbetrachtung als auch unter zusätzlicher Berücksichtigung von Nebenbedingungen im Entscheidungsunterstützungssystem der NW-FVA ist ein Wertbaum. Der spezifische Wertbaum, der im Rahmen des Burgwaldprojektes mit Vertretern von HessenForst und dem Hessisches Ministerium für Landwirtschaft und Umwelt, Weinbau, Forsten, Jagd und Heimat (HMLU) entwickelt und abgestimmt wurde, beinhaltet verschiedene Kriterien (Abb. oben). Zum einen sind dies Kriterien, die sich aus standortssensitiven Indikatoren (Abb. Seite 39) ableiten und somit die Potenziale ohne Berücksichtigung der waldbaulichen Ausgangssituation abbilden. Zum anderen sind dies Kriterien auf Basis von Indikatoren zum Abgleich mit der waldbaulichen Ausgangssitua tion. Die waldbauliche Ausgangssituation wird über Daten der Forsteinrichtung zum Hauptbestand und Nachwuchs erfasst. Alle Indikatoren werden mit Hilfe von Wertfunktionen auf einen vergleichbaren Wertebereich im Intervall [0,1] transformiert und dann gewichtet zu einem Gesamtwert je Handlungsalternative und Planungseinheit (Bestand) aufsummiert. Die Gewichte spiegeln die Zielsetzungen des Forstbetriebes wider. Die Handlungsalternativen sind definierte Baumartenmischungen. Diese Baumartenmischungen werden in Hessen als Waldentwicklungsziele (WEZ), in Niedersachsen und Schleswig-Holstein als Waldentwicklungstypen (WET) und in Sachsen-Anhalt als Betriebszieltypen (BZT) bezeichnet. Mit Bezug zum Burgwaldprojekt wird hier die Abkürzung WEZ verwendet. Die Definition der WEZ beinhaltet neben den Baumarten anteilen eine zusätzliche Einordnung bzgl. der Waldfunktionen. So werden u. a. auch Produktionsziele in Form von Zielstärken definiert. Diese Aspekte spielen für die Bewertung allerdings nur eine untergeordnete Rolle. Gesamtwert Standortsgerechtigkeit Abgleich der WEZ mit dem lst-Zustand (ein Wert je WEZ) Standortssensitive Potenziale (ReKlieEs-De Ensemble / 7 Projektionen) Trockenstress Risiko Wuchsleistung Borkenkäfer Sturm Site-lndex Kohlenstoffsequestrierung Relative Vorteilhaftigkeit Naturschutzfachliche Bewertung Abweichung Hauptbestand Abweichung Nachwuchs Naturnähe Waldbauliche Umsetzbarkeit 40 25 10 25 2 1 1 1 1 1 1 1 1 1
41 Weiterentwicklung des Entscheidungsunterstützungssystems der klimaangepassten Baumartenwahl (BaEm) Vergleich der WEZ-Auswahl aus der Forsteinrichtung (FE) und der optimierten Lösung des ILP (Optim). WEZ sind gruppiert nach der führenden Baumart. WEZ-Gruppen mit sehr geringen Anteilen sind unbeschriftet (hellgrün = Edellaubbäume; dunkelgrün = Weichlaubbäume; rot = Lärche). Die spezifische Gewichtung der verschiedenen Indikatoren und Kriterien im Burgwaldprojekt war Ergebnis der Abstimmung mit dem Forstbetrieb HessenForst und dem HMLU. Nebenbedingungen resultierten u. a. aus den Wassereinzugsgebieten der Waldmoore. Auf diesen Flächen wurden Baumartenmischungen mit Nadelbäumen in Abhängigkeit einer Prioritätsstufe teilweise oder ganz ausgeschlossen, um die Grundwasserneubildung zu erhöhen. Auch die Vorgaben bezüglich Lebensraumtypen der FFH-Richtlinie wurden in den entsprechenden Beständen berücksichtigt. Einschränkungen aufgrund von Zertifizierungen wurden dagegen nicht vorgenommen. Anhand der über den Wertbaum bestimmten Gesamtwerte resultiert eine Rangfolge der WEZ für jeden Bestand. Das WEZ mit dem höchsten Wert ist somit theoretisch die beste Wahl für diesen Bestand. Allerdings gibt es gesamtbetrieblich betrachtet – d. h. im Burgwaldprojekt auf den Staatswald im Forstamt Burgwald bezogen – weitere Nebenbedingungen, die bei der Wahl eines WEZ zu berücksichtigen sind. In diesem Fall wurde der Douglasienanteil auf maximal 15 % und der Lärchenanteil auf mindestens 5 % festgelegt. Die Berücksichtigung derartiger Nebenbedingungen ist deutlich komplexer, als lediglich die Liste der möglichen WEZ in bestimmten Beständen einzuschränken. Zur Problemlösung wurde hier die Methodik der Ganzzahligen Linearen Optimierung (ILP; Integer Linear Programming) verwendet, welche sehr recheneffizient die bestmögliche – und somit optimale – Lösung unter Berücksichtigung aller Nebenbedingungen ermittelt. Ein Vergleich der Flächenanteile der WEZ, die über die klassische Forsteinrichtung geplant wurden, mit der hier beschriebenen modellgestützten Optimierung wird in Form eines “Wählerwanderdiagramms“ dargestellt (Abb. rechts). Die Flächenanteile für Buche, Kiefer und Eiche sind ähnlich, während die Optimierung bei Fichte zu deutlich geringeren, bei Douglasie aber zu deutlich höheren Flächenanteilen führt. Betrachtet man, ausgehend von der klassischen Forsteinrichtungsplanung, für welche Bestände die gleiche Baumart geplant wird, so weisen hier Douglasie und Buche die geringsten “Baumartenwanderungen“ auf. Für Kiefer, Eiche und Fichte zeigt sich ein abweichendes Bild. Obwohl die Gesamtfläche von Kiefer und Eiche in beiden Planungen ähnlich ist, treten bei der Zuweisung der Baumart zu den einzelnen Beständen deutliche (Kiefer) bzw. sehr starke (Eiche) Unterschiede auf. So gibt es bei Eiche so gut wie keine Übereinstimmung auf der Ebene der Bestände. Bei der Fichte resultiert der geringe Anteil an übereinstimmenden Einzelbestandsplanungen aus der starken Reduktion der Gesamtfläche. Eine vertiefte Analyse, inwieweit bspw. die Berücksichtigung zusätzlicher Indikatoren in der Optimierung oder eine abweichende Gewichtung der waldbaulichen Ausgangssituation in den beiden Planungen zu den unterschiedlichen Ergebnissen geführt hat, steht noch aus. An dieser Stelle muss allerdings darauf hingewiesen werden, dass die Forsteinrichtung noch unter anderen Rahmenbedingungen stattgefunden hat. Beispielsweise wurde die Douglasie wegen der noch geltenden FSC-Zertifizierung deutlich restriktiver behandelt. Um eine größere Praxisnähe in der nächsten Planungsperi ode zu gewährleisten, wurde die Optimierung nach Wegfall der FSC-Zertifizierung ohne die entsprechenden Einschränkungen durchgeführt. Die hier dargestellten Ergebnisse sind daher nur begrenzt für Vergleiche geeignet. Außerdem können die Modellgrundlagen noch nicht die komplette Baumartenpalette abdecken, weshalb bspw. keine Edellaubholz-WEZ berücksichtigt werden können. Ein grundsätzlicher Vorteil der modellgestützten Waldbauplanung besteht darin, dass verschiedenste Varianten wie z. B. mit und ohne Berücksichtigung von Zerfizierungsauflagen berechnet und analysiert werden können. Auch können nicht nur einzelne Forstämter, sondern ganze Waldbauregionen oder auch ganze Landesforstbetriebe sehr recheneffizient optmiert werden. Ki Dgl Fi Bu Ei Ki Dgl Fi Bu Ei 0 25 50 75 100 FE Optim Grundlage Flächenanteil [in %]
Birte Scheler Stoffeinträge Johannes Sutmöller Witterung und Klima Diese Druckschrift wird im Rahmen der Öffentlichkeitsarbeit der Niedersächsischen Landesregierung herausgegeben. Sie darf weder von Parteien noch von Wahlwerberinnen und Wahlwerbern, Wahlhelferinnen und Wahlhelfern während eines Wahlkampfes zum Zwecke der Wahlwerbung verwendet werden. Dies gilt für Europa-, Bundestags-, Landtagsund Kommunalwahlen. Missbräuchlich ist insbesondere die Verteilung auf Wahlveranstaltungen, an Informationsständen der Parteien sowie das Einlegen, Aufdrucken oder Aufkleben parteipolitischer Informationen oder Werbemittel. Untersagt ist gleichfalls die Weitergabe an Dritte zum Zwecke der Wahlwerbung. Auch ohne zeitlichen Bezug zu einer bevorstehenden Wahl darf die Druckschrift nicht in einer Weise verwendet werden, die als Parteinahme der Landesregierung zugunsten einzelner politischer Gruppen verstanden werden könnte. Die Beschränkungen gelten unabhängig davon, wann, auf welchem Weg und in welcher Anzahl diese Druckschrift dem Empfänger zugegangen ist. Den Parteien ist jedoch gestattet, die Druckschrift zur Unterrichtung ihrer eigenen Mitglieder zu verwenden. Redaktion: Klinck C, Paar U, Gawehn P, Spielmann M und Talkner U Titelfoto: Spielmann M Layout: Starick E Herstellung: Nordwestdeutsche Forstliche Versuchsanstalt Druck: Klartext GmbH Göttingen Zitiervorschlag Nordwestdeutsche Forstliche Versuchsanstalt, Niedersächsisches Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (Hrsg.) (2025): Waldzustandsbericht 2025 für Niedersachsen, 48 S https://doi.org/10.5281/zenodo.17240347 Zitate der Einzelbeiträge bitte nach folgendem Schema: Klinck C, Paar U (2025): WZE-Ergebnisse für alle Baumarten. In: Nordwestdeutsche Forstliche Versuchsanstalt, Niedersächsisches Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (Hrsg.): Waldzustands bericht 2025 für Niedersachsen . S 8-19. https://doi.org/10.5281/zenodo.17240488 Dieses Werk ist lizensiert unter einer Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz (https://creativecommons.org/licenses/by/4.0). Der Waldzustandsbericht 2025 ist abrufbar unter https://www.nw-fva.de und https://www.ml.niedersachsen.de Impressum: Nordwestdeutsche Forstliche Versuchsanstalt Abteilung Umweltkontrolle Sachgebiet Waldund Bodenzustand Grätzelstraße 2, 37079 Göttingen Tel.: 0551/69401-0 Zen[email protected] www.nw-fva.de Hauptverantwortliche für die Waldzustandserhebung in Hessen, Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Schleswig-Holstein: Dr. Ulrike Talkner Abteilungsleiterin Umweltkontrolle Dr. Uwe Paar Sachgebietsleiter Waldund Bodenzustand, Redaktion Dr. Jan Evers Bodenzustandserhebung Dr. Caroline Klinck Leiterin der Außenaufnahmen, Auswertung, Redaktion Andreas Hafner Datenmanagement Dr. Uwe Klinck Datenmanagement Peter Gawehn Außenaufnahmen, Kontrollen Michael Spielmann Außenaufnahmen, Kontrollen Torben Wahler Außenaufnahmen, Kontrollen