WIE KOMMT EINE TÖRICHTE JUNGFRAU VOM MÜNSTER NACH ST. LEONHARD? TRANSFER EINES BASLER STATUEN- FRAGMENTES
Abstract
Hoch an der Westfassade der Basler Leonhardskirche sind unauffällig zwei Objekteangebracht: Ein Frauenkopf des 13. Jahrhunderts und das Wappen des PropstesFröweler, der die Kirche nach dem Erdbeben von 1356 neu erbauen liess. Der Kopfgehörte einst zu einem Zyklus der klugen und törichten Jungfrauen im Eingangdes Basler Münsters. Dieser wurde 1356 ebenfalls beschädigt, weshalb das Portalum 1410/20 radikal umgebaut worden ist. Der Artikel geht der Frage nach, wiedieses Statuenfragment vom Münster zur Leonhardskirche gelangt sein könnte.
Full text
IANUA PATET COR MAGIS ANA Z. MASPOLI SANDRA AMMANN HANNES FLÜCK SVEN STRAUMANN (HRSG.) XXXIII Veröffentlichungen der Gesellschaft Pro Vindonissa FESTSCHRIFT FÜR PETER-ANDREW SCHWARZ ZUM 65. GEBURTSTAG
ianua patet cor magis
IANUA PATET COR MAGIS ANA Z. MASPOLI SANDRA AMMANN HANNES FLÜCK SVEN STRAUMANN (HRSG.) XXXIII Veröffentlichungen der Gesellschaft Pro Vindonissa FESTSCHRIFT FÜR PETER-A NDR EW SCHWARZ ZUM 65. GEBURTSTAG
GESELLSCHAFT PRO VINDONISSA © 2025 by Gesellschaft Pro Vindonissa, ch-5200 Brugg Promoted by LIBRUM Publishers & Editors LLC, Basel, Frankfurt a. M. isbn 978-3-907662-14-4 ianua patet cor magis by individual Authors is licensed under a Creative Commons AttributionNonCommercial 4.0 International License. www.creativecommons.org Open Access bei: www.librumopen.com doi 10.19218/3907662144 KORREKTORAT. Stefan Worminghaus, Rudolf Känel KOORDINATION. Hannes Flück, Sandra Ammann, Ana Z. Maspoli, Sven Straumann und Jörg Blum GESTALTUNGSKONZEPT, BILDREDAKTION, UMSCHLAG UND SATZ . Jörg Blum, Zürich BILDBEARBEITUNG. Thomas Humm, humm dtp Matzingen, und Jörg Blum, Zürich DRUCK. Druckhaus Müller, Langenargen (D) klima-druck.de ID-Nr. Druckprodukt CO₂ kompensiert Mehr Informationen zur Berechnungsmethodik, zur Kompensation und dem gewählten GoldstandardKlimaschutzprojekt finden Sie unter klima-druck.de/ID. 24181679 Präsidialdepartement des Kantons Basel-Stad t Archäologische Bodenforschung Abteilung Kultur DIE DRUCKLEGUNG WURDE ERMÖGLICHT MIT FINANZIELLEN BEITRÄGEN VON FOLGENDEN INSTITUTIONEN. Swisslos-Fonds Kanton Aargau Dr. Daniel Schuhmann Fonds Stiftung Pro Augusta Raurica Archäologische Bodenforschung Basel-Stadt Kantonsarchäologie Aargau Kantonsarchäologie Solothurn Kantonsarchäologie Zürich Kantonsarchäologie St.Gallen Kantonsarchäologie Schaffhausen Archäologie, Hauptabteilung Kultur, Glarus Archäologischer Dienst Graubünden Section d’archéologie et paléontologie du Canton de Jura Römerstadt Augst Archäologie Schweiz Arbeitsgemeinschaft für die provinzialrömische Forschung in der Schweiz (ARS) Gesellschaft Pro Vindonissa Basler Zirkel für Urund Frühgeschichte Arbeitsgemeinschaft Prospektion Schweiz Albert-Weitnauer-Stiftung Departement Bildung und Kultur Fachstelle Archäologie TITELBILD. Eingang mit Inschrift und Wappen der Familie von Salis. Palazzo Salis, Bondo. Foto: Andrea Badrutt
ianua patet cor magis ZUM GELEIT . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9 Ana Z. Maspoli TABULA GRATULATORIA . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16 BIBLIOGRAFIE VON PETER-ANDREW SCHWARZ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 18 LISTE DER VON PETER-ANDREW SCHWARZ AB 2007 BETREUTEN ABSCHLUSSARBEITEN . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 19 DIE VINDONISSA-PROFESSUR AN DER UNIVERSITÄT BASEL – EIN INTERKANTONALES ERFOLGSMODELL . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23 Thomas Doppler, Elisabeth Bleuer und Georg Matter 15 JAHRE LEGIONÄRSPFAD VINDONISSA: EINE ERFOLGSGESCHICHTE . . . . . . . . . . . 31 Rahel Göldi (K)EINE ZUKUNFT OHNE HERKUNFT? GEDANKEN ZUM STATUS QUO UND HERAUSFORDERUNGEN DER ARCHÄOLOGIE IN DER SCHWEIZ IM 21. JAHRHUNDERT . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 41 Andrea Schaer GÄHNENDE LEERE? VERBREITUNGSKARTEN, IHRE GESCHICHTE UND INTERPRETATION AM BEISPIEL SPÄTREPUBLIKANISCHEN BRONZEGESCHIRRS 49 Holger Baitinger und Gabriele Rasbach ENTRE ARGENTORATE ET VINDONISSA LES CAMPS MILITAIRES JULIO-CLAUDIENS D’OEDENBURG . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 61 Michel Reddé CIL III 4441 – EINE INSCHRIFT SUCHT IHREN TEMPEL . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 67 Franziska Beutler, Christian Gugl, Gabrielle Kremer und Mario Wallner DIE JOCHWEIHUNG DES VETERANEN PRIMANIUS INGENU(U)S MIT NENNUNG DER CULTORES UND COLONI AUS KRATZENBURG . . . . . . . . . . . . . . . . 81 Peter Henrich BUILD THAT WALL! ÜBERLEGUNGEN ZUM ARBEITSAUFWAND BEI DER ERRICHTUNG DER GALLIENISCHEN STADTMAUER VON VERONA . . . . . . . . . . . . . . . . . 91 Ulrich Stockinger RETOUR SUR LE BUSTE EN OR D’AVENCHES . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .101 Michel E. Fuchs INHALT
ianua patet cor magis KARNIVORE NEANDERTALER UND RÖMISCHE GERSTENFRESSER: ZUR VERKNÜPFUNG VON TIERISCHEM PROTEIN MIT «URSPRÜNGLICHER MÄNNLICHKEIT» UND MACHT . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .111 Brigitte Röder EQUIDEN ALS SPIEGEL VON MENSCH-TIER-BEZIEHUNGEN IN RÖMISCHER ZEIT . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .121 Claudia Gerling DONNÉES RÉCENTES SUR L’HABITAT GALLO-ROMAIN DE COURROUX (CANTON DU JURA) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .131 Robert Fellner et Céline Robert-Charrue Linder EINE EISENPFEIFE VON DER SPÄTLATÈNEZEITLICHEN HÖHENBEFESTIGUNG MONTCHAIBEUX (JU) – ENDLICH EIN BEWEIS FÜR KELTISCHE PFEIFENRAUCHER? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .141 Raphael Berger, Andreas Heege und Elena Prado EIN GLÜCKSBRINGER AUS DER VILLA RUSTICA VON FLUMENTHALATTISHOLZWALD IM KANTON SOLOTHURN . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .155 Mirjam Wullschleger HANDWERK IM BILD – BERUFSDARSTELLUNGEN AUF RÖMISCHEN GEFÄSSEN ALS AUSDRUCK GEMEINSCHAFTLICHER IDENTITÄT: EIN NEUER BLICK AUF EINEN ALTBEKANNTEN FUND AUS STUDEN BE/PETINESCA . . . . . . . . . . . . . . . . .165 Christa Ebnöther und Andrew Lawrence mit Beiträgen von Markus Scholz und Günther E. Thüry SCHON DREIMAL AUSGEGRABEN UND DENNOCH ETWAS GEFUNDEN – DIE RÖMISCHE VILLA AUF DEM LENDENBERG BEI SCHLEITHEIM . . . . . . . . . . . . . . . .179 Valentin Homberger «THE BITE OF A SNAKE» EINE GUSSFORM FÜR SCHLANGEN ARMREIFEN AUS KEMPRATEN . . . . . . . . . . . . . . . .191 Regula Ackermann, Hannes Flück und Markus Helfert AUF DER SUCHE NACH DER PIONIERBESIEDLUNG. ZUR FRÜHZEIT VON AUGUSTA RAURICA . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 203 Sven Straumann, Sandra Ammann und Hans Sütterlin AUGUSTUS IN AUGST: EIN BRONZE NACHGUSS DER STATUE VON PRIMAPORTA IM GARTEN DER VILLA CLAVEL UND DIE ITALIENISCHE KUNSTINDUSTRIE . . . . 221 Martin A. Guggisberg VERFLIXT UND ZUGEMAUERT – NEUES ZUR WESTFRONT DES HAUPTFORUMS VON AUGUSTA RAURICA . . . . . . . . . 233 Juha Fankhauser, Simon Friz, Cédric Grezet und Claude Spiess VOM FEILKLOBEN ZUM SCHRAUBSTOCK – 2000 JAHRE KLEMM VORRICHTUNGEN IM HANDWERK . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 251 Alex R. Furger ERRARE HUMANUM EST: EIN ANTONINIAN FÜR TETRICUS II. MIT FEHLERHAFTER LEGENDE . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 267 Markus Peter
ianua patet cor magis SCHÄDEL GEFUNDEN! NEUES ZUM PLATTENGRAB BEIM FELDHOF IN AUGUSTA RAURICA/AUGST . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 271 Michael Baumann EINE SELTENE BEIGABE IN EINEM FRÜHMITTELALTERLICHEN FRAUENGRAB AUS KAISERAUGST . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 277 Simone Mayer ZU ZWEI NEUENTDECKTEN ZIEGELPLATTEN MIT GRAFFITI AUS DEM CASTRUM RAURACENSE . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 287 Jakob Baerlocher PRIMI VINDONISSENSES – DIE SPÄTLATÈNEZEITLICHEN BRANDGRÄBER DER GRABUNG WINDISCH-SPILLMANNWIESE V.003.1 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 295 Örni Akeret, Cornelia Alder, Sabine Deschler-Erb und Lara Kurmann ACHILL AUF EINEM GOLDRING MIT GLASKAMEO AUS VINDONISSA . . . . . . . . . . . . . 311 Regine Fellmann Brogli und Stefanie Martin-Kilcher EIN BISSCHEN GLAS MUSS SEIN! ZU EINER GESICHTSPERLE AUS DEM GRÄBERFELD AM REMIGERSTEIG IN VINDONISSA/BRUGG AG . . . . . . . . . 321 Sylvia Fünfschilling EINE TÖNERNE STÜTZFIGUR AUS VINDONISSA . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 327 Rudolf Känel LETZTE RUHE MIT RHEINBLICK. NEUES UND ALTES ZU DEN SPÄTANTIKEN BESTATTUNGEN IN MUMPF . . . . . . . . . . 335 Nathalie Hertig AUF DEM WINDISCHER SPORN – ANMERKUNGEN ZU EINER SPÄTRÖMISCHEN BEFESTIGUNG VON VINDONISSA . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 343 Matthias Flück und Jürgen Trumm MAUERN UND MÜNZEN AUF DER EGG ZWISCHEN MANDACH UND VILLIGEN – EINE ALTE GRABUNG IN NEUEM LICHT . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 361 Valentin Häseli EIN ZERSTÖRTES GRÄBERFELD DER MITTELKAISERZEIT AN DER AESCHENVORSTADT IN BASEL . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 375 Markus Asal EXILE? ON MAIN STREET? DIE SPÄTANTIK-FRÜHMITTELALTERLICHEN BESTATTUNGEN ÖSTLICH DES MÜNSTERHÜGELS (BASEL-ANTIKENMUSEUM) UND IHR KONTEXT . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 387 Martin Allemann und Anna Flückiger WIE KOMMT EINE TÖRICHTE JUNGFRAU VOM MÜNSTER NACH ST. LEONHARD? TRANSFER EINES BASLER STATUEN FRAGMENTES . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 399 Christoph Philipp Matt SECOND LIFE DER DINGE: BASLER SPOLIEN . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 409 Hans-Rudolf Meier KOT, KULT UND KÜCHE – TAUBEN IN MARRAKESCH . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 419 Thomas Reitmaier und Raphael Sele ABKÜRZUNGEN . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 429
405 ianua patet cor magis WIE KOMMT EINE TÖRICHTE JUNGFRAU VOM MÜNSTER NACH ST. LEONHARD? Christoph Philipp Matt 1886 um die Heizkanäle erweitert, deren entlang der Kirchenrückwand aufsteigende Fortsetzungen in der grossen 1960er-Renovation bis in den Dachbereich hinein beseitigt worden sind. Mit diesen Beobachtungen möchte ich die Bemerkung des Ausgräbers der Leonhardskirche, Rudolf Moosbrugger-Leu, aufnehmen: «Zu wenig Rechenschaft legt man sich oft darüber ab, dass während einer Grabung oft Dinge beseitigt werden, die uns so selbstverständlich erscheinen, dass wir kaum Notiz davon nehmen, von denen aber vielleicht schon die nächste Generation nichts mehr weiss … es erscheint uns gerechtfertigt, auch einige Worte über die verschiedenen, heute verschwundenen, alten Heizanlagen zu ver lieren37.» Wie wahr! Geblieben ist einzig der irritierende, an sich unnötige Wandputz unterhalb des Kanalbogens. Er ist nun ins 19. Jahrhundert datiert und fällt als Hinweis auf eine ältere Dachlinie weg, zumal sich ein solcher Giebelbefund doch auch im Ostgiebel hätte spiegeln müssen38. – Bleibt allenfalls noch die Frage, warum die Wand unterhalb der Heizkanäle verputzt worden ist – aus ästhetischen Gründen? Damit wirkt dieses bewusst und sehr schön konstruierte «technische Denkmal» schon fast neugotisch39 – eine Nachwirkung der riesigen, 20 Jahre zuvor erbauten Elisabethenkirche40? Solche Fragen müssen unbeantwortet bleiben. Mit der Datierung der Giebelmauer im Dachbereich in die Zeit um 1500 wird allerdings die an sich logische Verbindung zur Wappentafel des Propstes Fröweler gekappt: In den 17 Jahren seiner Tätigkeit hat dieser Probst, dessen Verwandter Hüglin von Schönegg ein grosser Gönner des Leonhards-Stiftes war (s. oben), den Bau im Wesentlichen vollenden können41. Und dies wollte Johann Fröweler mit seinem Wappenstein deutlich machen. Allerdings war dieser ursprünglich kaum an der sonst so schmucklosen und unbeachteten Westfront über dem Stadtgraben angebracht wie heute, sondern wohl eher an der vor 1500 abgebrochenen Nordseite irgendwo über dem Eingang. Damit ist die Herkunft des Wappens im Sinne einer Hypothese erklärt, nicht aber diejenige des Frauenkopfs: Das Eingangsportal des Münsters wurde erst 1410/20 umgestaltet – lange nach dem Abgang von Fröweler, also in grosser Diskrepanz zu dessen Lebzeiten. An den kunsthistorischen Datierungen der Statuen wollen wir jedenfalls nicht rütteln, aber man muss sich die allgemeine Bausituation vor Augen halten: Beide Kirchen, Münster und St. Leonhard, mussten dramatische Schäden verarbeiten. An beiden Gotteshäusern wirkten klassenbewusste Dombzw. Chorherren, und alle hatten dieselben baulichen wie finanziellen Sorgen. Oberstes Ziel muss die baldige Nutzung der Kirchen gewesen sein, doch dauerte das beim Münster bis um 1400. Und die Wiederherstellung des Eingangsbereichs erfolgte sogar erst in den 1410/20er-Jahren. Die Erdbebenschäden boten aber auch die Möglichkeit zu Veränderungen: Man konnte sich mit einem eindrücklichen Neubau profilieren. Und weil eine solche Grossbaustelle lange dauert und geplant werden musste, dürfte die Aufgabe des Jungfrauenfrieses und die Neukonzeption wohl schon früh vorangetrieben worden sein. Da könnte Probst Fröweler seine Stellung benutzt und sich einen abgebrochenen Jungfrauenkopf verschafft haben, denn zweifellos waren persönliche Kontakte vorhanden. Was ihn dazu bewogen hat, wird immer ein Geheimnis bleiben. Auch eine Umdeutung des Kopfes muss in Betracht gezogen werden. Jedenfalls kam er so wohl zu seiner Jungfrau und zu einem Status symbol. Auch weil dieser Kopf zeitlich zu weit weg vom Baudatum der Hallenkirche um 1500 ist, muss er wohl am ehesten zu Fröweler gehören. Das bringt mich zur Vermutung, dass er zusammen mit dem Wappenstein wohl auch über dem Eingangsbereich der Kirche an der Nordseite eingebaut worden ist. Damit bewegen wir uns zugegebenermassen im Bereich der Spekulation, aber das Statuenfragment vom Münster ist nun einmal an der Leonhardskirche nahe beim Fröwelerwappen eingemauert. 9 Die vorgemauerten Kanäle der 1886 eingerichteten Heizung im Dach der Leutkirche scheinen einen gotischen Spitzbogen anzudeuten. Die heute ebenfalls verschwundene vorgeblendete Eisenstange fixierte die hohlen Kanalteilstücke an der Wand.
406 ianua patet cor magis WIE KOMMT EINE TÖRICHTE JUNGFRAU VOM MÜNSTER NACH ST. LEONHARD? Christoph Philipp Matt WAS KÖNNTE DER SINN DES EINBAUS GEWESEN SEIN? Damit wäre die Existenz des Wappensteins erklärt, aber nicht, warum er so lange nach Fröwelers Ableben beim Errichten des Nachfolgebaus an anderer Stelle wieder eingebaut worden ist. War die Chorherrentradition so stark und war sein Andenken so nachhaltig, dass sein Wappen nach über 100 Jahren über die drei rückwärtigen originalen Langhausfenster seines Kirchenbaus versetzt worden ist? So scheint es zu sein. Aber der Jungfrauenkopf? Ich nehme deshalb an, dass er schon vorher das Wappen als integrierter Gesamtfassadenschmuck flankiert haben könnte, vielleicht sogar zusammen mit dem spiegelbildlich beigegebenen Haupt einer (mittlerweile verschwundenen) klügeren Jungfrau? – An Selbstbewusstsein hat es den Chorherren der Nacherdbebenzeit jedenfalls nicht gefehlt, eher an einem kanonischen Leben. Daran habe es ziemlich ge mangelt: Das eitle Streben nach einer reichen Tracht wurde wichtiger und das Kloster bildete die «Wirtschaftsbasis sehr unternehmenslustiger Herren, die mit Kurzweil, Spiel und Jagd den Weltlichen in nichts nachstanden» und bei denen sich auch Skandale häuften42. So betrachtet könnte man beim Einbau eines Jungfrauen-Kopfes an der Nach-ErdbebenKirche auch einen ganz anderen Aspekt hineinlesen. Auch beim versetzten Wappenstein des Bauherrn dürfen wir wieder aufs Münster verweisen: Dort wurde ein wichtiger romanischer Baumeister über Jahrhunderte hinweg bis heute in Ehren und Erinnerung behalten: Es geht um die «Baumeistertafel». Man findet diese Tafel gleich links hinter dem grossen Eingangsportal, wo sie seit 1852/57 über der Eingangstüre des Georgsturms angebracht ist. Auf dieser um 1200 datierten Tafel wurden der Baumeister und der Bauherr als «lapides vivi» bezeichnet und geehrt, als «lebendige Steine», die das grossartige Bauwerk des spätromanischen Münsters mittragen. Vorher hing die Tafel am gleichen Turm an anderer Stelle, wohin sie wohl um 1410/20 nach dem «Jungfrauensturm» der Umgestaltung des Eingangs portals versetzt worden ist43. Die letzten Geheimnisse dieses Jungfrauen-Transfers konnten wir nicht lösen. Die klugen Jungfrauen des Münster-Hauptportals sind bereits nach 100 Jahren allesamt sangund klanglos verschwunden. Von den törichten hat immerhin eine ganz überlebt: Sie wurde versetzt und musste am Münsterportal neu die Aufgabe einer «Voluptas» (lat.: Wollust) übernehmen und sank damit in der moralischen Bewertungsstufe weiter nach unten44. Eine andere brachte es jedoch weiter als ihre neun Mitbewerberinnen. Sie schaffte es dank ihres mutmasslichen Schutzpatrons Fröweler weg vom Münster zur Leonhardskirche (an die Nordfront, wie ich vermute) und wiederum gut 100 Jahre später zusammen mit Fröwelers Erinnerungsstein an einen neuen, nochmals deutlich erhöhten Platz. Dort überblickt sie seit über 500 Jahren das früher kaum bebaute Gebiet vor dem Leonhardsgraben zwischen dem Kohlenbergviertel zur Linken und der Spalenvorstadt zur Rechten. Dort wohnten im Mittelalter die Leute mit zweifelhaften Berufen (Kohlenberg, teilweise aber auch Spalenvorstadt) und tüchtige Handwerker (Spalenvorstadt), wo der stolze Repräsentationsbau des Spalentors zum Elsass weist45. Sie überblickt also wiederum «kluge und törichte» Leute und kann von dort aus bis heute nach einem neuen Bräutigam Ausschau halten. Und für mich wurde sie zur Aufforderung, den Aus sagen figürlicher Darstellungen an einer Kirche nachzugehen, mit der ich mich verbunden fühle. Und ausserdem ist sie die Hüterin der Frage nach Alter und Interpretation der verputzten Giebelwände. Da können nur seriöse Maueruntersuchungen Klärung bringen. 42 KDM BS IV, 150 und deutlicher von Scarpatetti 1974, 161–171 (Zitat: S. 166, Fröweler: S. 161–164). 43 KDM BS X, 284–288. 44 KDM BS X, 163f. 45 Fechter 1856, 111–116.
407 ianua patet cor magis WIE KOMMT EINE TÖRICHTE JUNGFRAU VOM MÜNSTER NACH ST. LEONHARD? Christoph Philipp Matt LITERATURVERZEICHNIS Fechter 1856: D. A. Fechter, Topographie mit Berücksichtigung der Culturund Sittengeschichte im vierzehnten Jahrhundert. In: Basler Historische Gesellschaft Basel (Hrsg.), Geschichtliche Darstellung zur fünften Säcularfeier des Erdbebens am S. Lucastage 1356 (Basel 1856). Habicht/Matt 2008: P. Habicht/ Ch. Ph. Matt, St. Leonhard. Ein Rundgang durch Kirche und Geschichte (Basel 2008). Huber 2014: D. Huber, Architekturführer Basel. Die Baugeschichte der Stadt und ihrer Umgebung (Basel 2014). KDM BS III 1941: C. H. Baer, Die Kunstdenkmäler des Kantons Basel-Stadt. Die Kirchen, Klöster und Kapellen erster Teil: St. Alban bis Kartause, Bd. III (Basel 1941). KDM BS IV 1961: F. Maurer, Die Kunstdenkmäler des Kantons Basel-Stadt. Die Kirchen, Klöster und Kapellen zweiter Teil: St. Katharina bis St. Niklaus, Bd. IV (Basel 1961). KDM BS X 2019: H.–R. Meier / D. Schwinn Schürmann / M. Bernasconi/St. Hess/C. Jäggi/A. Nagel/F. Pajor, Die Kunstdenkmäler des Kantons Basel-Stadt, Das Basler Münster, Bd. X (Basel 2019). Matt 2002: Ch. Ph. Matt, Rund um den Lohnhof. Die Archäologischen Informationsstellen Lohnhof, Leonhardskirchturm, Teufelhof, Leonhardsgraben 43. Arch. Denkmäler in Basel 2 (Basel 2002). Matt/Rentzel 2002: Ch. Ph. Matt/ Ph. Rentzel, Burkhardsche und Innere Stadtmauer – neu betrachtet. Archäologische und petrographische Untersuchungen. Jahresber. Arch. Bodenforschung Basel-Stadt 2002, 131–253. Meier/ Schwinn Schürmann 2011: H.-R. Meier / D. Schwinn Schürmann (Hrsg.), Die Himmelstür, Das Hauptportal des Basler Münsters (Basel 2011). Moosbrugger-Leu 1968: R. Moosbrugger-Leu, Die Ausgrabungen in der St. Leonhardskirche zu Basel 1. Der archäologische Befund. Basler Zeitschr. Gesch. u. Altkde. 68, 1968, 11–54. Mutz 1989: A. Mutz, Das Laufrad der St. Leonhardskirche. Basler Zeitschr. Gesch. u. Altkde. 89, 1989, 145–163. Schwarz 2001: P.-A. Schwarz, Die Archäologische Informationsstelle «Aussenkrypta» unter der Pfalz des Basler Münsters. Arch. Denkmäler in Basel 1 (Basel 2001). von Scarpatetti 1974: B. M. von Scarpatetti, Die Kirche und das Augustiner-Chorherrenstift St. Leonhard in Basel (11./12. Jh.– 1525). Basler Beitr. Geschichtswiss. 131 (Basel/Stuttgart 1974). von Scarpatetti 2004: B. M. von Scarpatetti, Basel, St. Leonhard. Unter Mitarbeit von Simone Mengin. Helvetia Sacra IV,2 Die Orden mit Augustinerregel. Die Augustiner-Chorherren und die Chorfrauen-Gemeinschaften in der Schweiz (Basel 2004) 73– 95. Staehelin 1917–1930: W. R. Staehelin, Wappenbuch der Stadt Basel. 1. Teil, 4. Folge, Taf. 13 (Basel 1917–1930). ABBILDUNGSNACHWEIS 1–3, 5 Foto Philippe Saurbeck. Archäologische Bodenforschung Basel-Stadt. 4 Foto Markus Ryser, Kantonale Denkmalpflege Basel-Stadt (SMM Inv. 11’942). 6 Staehelin 1917–1930, 1. Teil, 4. Folge, Taf. 13. 7 Foto Christoph Matt. 8 Foto Kantonale Denkmalpflege Basel-Stadt. 9 Foto Ludwig Bernauer, Kantonale Denkmalpflege Basel-Stadt (September 1964, Blatt Nr. 67’708). AUTOR Christoph Philipp Matt: [email protected]
429 ianua patet cor magis ABKÜRZUNGEN Grundsätzlich gelten die Zitier-Richtlinien und Abkürzungen der Römisch-Germanischen Kommission (vgl. Ber. RGK 71, 1990, 973 – 998; 73, 1992, 477 – 540). Zusätzlich werden folgende Abkürzungen für Zeitschriften verwendet: AKB Archäologisches Korrespondenzblatt AFS Archäologischer Führer der Schweiz AS Archäologie der Schweiz ASA Anzeiger für Schweiz. Altertumskunde ASA N.F. Anzeiger für Schweizerische Altertumskunde, Neue Folge ASSPA Annuaire de la Société Suisse de Préhistoire et d’Archéologie Ber. RGK Berichte der Römisch-Germanischen Kommission BPA Bulletin de l’Association Pro Aventico CAR Cahiers d’Archéologie Romande CIL Corpus Inscriptionum Latinarum HA Helvetica Archaeologica JbAK Jahresbericht aus Augst und Kaiseraugst JbAS Jahrbuch Archäologie Schweiz Jber. GPV Jahresbericht der Gesellschaft Pro Vindonissa Jber. SLMZ Jahresbericht des Schweiz. Landesmuseums Zürich JbHVFL Jahrbuch des Histor. Vereins für das Fürstentum Liechtenstein JbRGZM Jahrbuch des Römisch-Germanischen Zentralmuseums Mainz JbSGU Jahrbuch der Schweiz. Gesellschaft für Urgeschichte JbSGUF Jahrbuch der Schweiz. Gesellschaft für Urund Frühgeschichte MAGZ Mitteilungen der Antiquarischen Gesellschaft Zürich RIC The Roman Imperial Coinage SPM Die Schweiz vom Paläolithikum bis zum frühen Mittelalter UFAS Urund frühgeschichtliche Archäologie der Schweiz Veröff. GPV Veröffentlichungen der Gesellschaft Pro Vindonissa ZAK Zeitschrift für Schweiz. Archäologie und Kunstgeschichte Weitere Abkürzungen und Siglen: ADB Archäologischer Dienst Bern AE L’Année Épigraphique AR Augusta Raurica EAD Eidgenössisches Archiv für Denkmalpflege (Grafische Sammlung SNB) EDCS Epigraphik-Datenbank Clauss/Slaby GPV Gesellschaft Pro Vindonissa GS Grafische Sammlung HLS Historisches Lexikon der Schweiz HMB Historisches Museum Basel HRL Hochrhein-Limes IDR Inscriptiones Daciae Romanae ILAlg Inscriptions latines d’Algérie ILJug Inscriptiones Latinae quae in Iugoslavia … repertae et editae sunt KAAG Kantonsarchäologie Aargau KASG Kantonsarchäologie St.Gallen KDM BS Die Kunstdenkmäler des Kantons Basel-Stadt MAGZ Mitteilungen der Antiquarischen Gesellschaft Zürich ÖAI Österreichisches Archäologisches Institut ÖAW Österreichische Akademie der Wissenschaften PIR Prosopographia Imperii Romani PIR² Prosopographia Imperii Romani (2. Auflage) PLRE The Prosopography of the Later Roman Empire RIB The Roman Inscriptions of Britain RIU Die römischen Inschriften Ungarns SMRA Site et Musée romains d’Avenches SNB Schweizerische Nationalbibliothek ThLL Thesaurus Linguae Latinae RPC Münz-Typ nach Burnett u.a. 1992 Allgemeine Abkürzungen: Abb. Abbildung Anm. Anmerkung B. Breite Bd. Band Beg. N. Begrawiyeh Nord bes. besonders Bsp. Beispiel bspw. beispielsweise bzw. beziehungsweise ca. circa cf. vergleiche Dat. Datierung d. h. das heisst Dm. Durchmesser dt. deutsch ebda. ebenda ehem. ehemalig engl. englisch et al. und andere f./ff. folgende fig. figura/figure Fl. Fläche freundl. freundlich Fragm. Fragment frz. französisch Gr. Grab H. Höhe ha Hektare Imit. Imitation indet. unbestimmt insbes. insbesondere it. italienisch Jh. Jahrhundert Kat. Katalog l. links L. Länge lat. lateinisch Lit. Literatur M. Massstab max. maximal mind. mindestens N Norden n. Chr. nach Christus n. l. nach links n. r. nach rechts Nr./no. Nummer Nrn. Nummern O Osten o. ohne o. ä. oder ähnliches Pos. Position
430 ianua patet cor magis r. rechts rät. rätisch resp. respektive röm. römisch S Süden s. siehe S. Seite Sign. Signatur sog. sogenannt s. o. siehe oben St. Stärke s. u. siehe unten s. v. unter dem Stichwort (sub voce) Taf. Tafel u. und u. a. unter anderem v. a. vor allem v. Chr. vor Christus Verf. Verfasser verm. vermutlich Vorb. Vorbereitung W Westen z. B. zum Beispiel z. T. zum Teil
Open Access doi 10.19218/3907662144