SCHADET KÜNSTLICHE INTELLIGENZ DEM DEUTSCHLERNEN? NEUORIENTIERUNGEN IM FREMDSPRACHENUNTERRICHT
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SCHADET KÜNSTLICHE INTELLIGENZ DEM DEUTSCHLERNEN? NEUORIENTIERUNGEN IM FREMDSPRACHENUNTERRICHT
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36 SCHADET KÜNSTLICHE INTELLIGENZ DEM DEUTSCHLERNEN? NEUORIENTIERUNGEN IM FREMDSPRACHENUNTERRICHT Petra Runge, Dr. paed., petra.runge.j[email protected]om, +49 3641 448824 Abstract: The article addresses the question of what foreign language teaching must achieve so that students learn to use artificial intelligence tools effectively and in doing so become aware of the importance of human expertise. This is illustrated by concrete examples: finding linguistic equivalents for idiomatic expressions, culturally determined metaphors, ambiguous, context-dependent and emotional expressions. The emphasis is on cultivating both intercultural competence and skills in critical source evaluation. Keywords: Teaching German as a foreign language, language and culture, use and limitations of AI, development of communicative, intercultural, and source-critical competence Аннотация: В данной статье рассматривается вопрос о том, каким образом в рамках преподавания иностранных языков способствовать эффективному использованию учащимися искусственного интеллекта на основе осознания важности человеческого опыта. Это демонстрируется на некоторых конкретных примерах, таких, как: поиск языковых эквивалентов для идиом; культурно обусловленных метафор, неоднозначных, контекстно зависимых и эмоциональных выражений. Обращается внимание на необходимость формирования межкультурной и источниковедческой компетенций в процессе обучения. Ключевые слова: Преподавание немецкого языка как иностранного, язык и культура, использование и ограничения искусственного интеллекта, развитие коммуникативной, межкультурной и источниковедческой компетентности Am 28.08. erhielt die chinesische Linguistin Li Yuan in Weimar die GoetheMedaille 2025. Im Interview dazu sagte sie: „Lange hatten Fremdsprachen wie Deutsch in China einen Boom. Aber seit zwei, drei Jahren befindet sich die Sprachenlehre in einer Krise. Ein maßgeblicher Grund dafür ist Künstliche Intelligenz. Viele denken, sie müssen keine Fremdsprachen mehr lernen, weil KI die Übersetzung in der Zukunft übernehmen kann. Dabei ist Sprache für die KI nur ein Werkzeug. […] Übersetzen ist nach den Worten der Brüder Grimm, wie ein Boot von einem Ufer zum anderen zu bringen. KI kann bei der Übersetzungsarbeit das Boot ans andere Ufer bringen und die korrekte linguistische
37 Entsprechung finden. Aber wie sich die Luft und das Wasser am anderen Ufer anfühlen, das kann KI nicht transportieren“ [3]. Was muss Fremdsprachenunterricht leisten, damit Sprachenlernende mehr können als KI, nämlich – um beim Bild zu bleiben – transportieren, wie sich „… Luft und … Wasser am anderen Ufer anfühlen“? Die Technik des Übersetzens wird mit Hilfe von KI zweifellos immer weiter vervollkommnet werden und immer bessere sprachliche Entsprechungen ermöglichen. Jedoch ist Sprachenlernen mehr als Finden und Anwenden passender linguistischer Äquivalente, denn: „Sprache erwächst aus kulturellen Gegebenheiten und ist gleichzeitig daran beteiligt, sie zu schaffen. Mit Sprache benennen wir die für uns wichtigen Elemente und Perspektiven der Welt und erzeugen so mentale Bilder, die den weiteren Sprachenerwerb und den Gebrauch von Sprachen bestimmen“ [5, 282]. Aber im Gremium Fremdsprachenlehrender und –lernender den Zusammenhang zwischen Sprache und Kultur zu betonen, bedeutet, Eulen nach Athen zu tragen bzw. ехать в Тулу со своим самоваром bzw. to carry coals to Newcastle: Obwohl dasselbe gemeint ist, unterscheiden sich die sprachlichen Realisierungen in Abhängigkeit von den unterschiedlichen Perspektiven, den für die jeweiligen Kulturräume konventionalisierten Bilder. Daraus folgt, dass es zum Gelingen von Kommunikation oft der Kenntnis kulturell bedingter Gegebenheiten und Bilder bedarf, also menschlicher Expertise, konkret: (inter-)kultureller Kompetenz. „Interkulturelle Kompetenz bedeutet, in der Lage zu sein, die Kommunikation adäquat, mit verschiedenen Varietäten, und kreativ zu gestalten und kulturadäquat zu vermitteln. Dazu sind umfangreiche kulturelle Kenntnisse und interkulturelle Fertigkeiten nötig, die im Fremdsprachenunterricht schrittweise, aber nur partiell vermittelt werden können“ [5, 292]. Moderner Fremdsprachenunterricht muss sowohl sprachliche bzw. kommunikative als auch interkulturelle Kompetenz entwickeln, aber auch „klassische Kompetenzen wie Quellenund Ideologiekritik“ [7]. Die Notwendigkeit solcher Kompetenzen wie Quellenkritik sei an konkreten Übersetzungsbeispielen gezeigt, denn: „… nach wie vor haben Programme Schwierigkeiten mit der Übersetzung bestimmter Redewendungen, Eigennamen oder kultureller Nuancen“ [4]. Die deutsche Redewendung “die Kirche im Dorf lassen“ bedeutet, „etw. im vernünftigen Rahmen belassen, nicht übertreiben“ [2, 413]. Die Herkunft lässt sich historisch so erklären, dass die katholische Kirche Prozessionen auf dem Lande, in Dörfern durchführte. Ist das Dorf klein, endet die Prozession vom einen zum anderen Ende schnell. Deshalb gab es Bestrebungen, die Prozessionen nicht nur im Dorf, sondern über seine Grenzen hinaus auszutragen, wobei mit der Kirche also nicht das Gebäude, sondern die Kirchgemeinde gemeint war. Und dann gab es die Meinung, die Kirche, das Gemeindeleben, gehöre ins Dorf und da solle man es auch lassen, selbst
38 wenn die Prozession dadurch nur eine kleine ist. Das passt zur heutigen Bedeutung der Redewendung, nämlich: „Lasst es uns nicht übertreiben, es geht auch kleiner.“ Im Russischen gibt es keine direkte Entsprechung, die diese Bedeutung so präzise erfasst. Verwendet werden Äquivalente, die die Idee des Nicht-Übertreibens oder des Nicht-übers-Ziel-Hinausschießens vermitteln: „не перебарщивать“, „не усердствовать“, „не выходить за рамки“, „не вдаваться в крайности“, „не усложнять“. KI bietet an: „Der deutsche Ausdruck ‚die Kirche im Dorf lassen‘ bedeutet, nicht zu übertreiben oder die Verhältnismäßigkeit zu wahren.“ So weit, so richtig, aber des Weiteren auch: „Auf Russisch kann man das mit ‚не тратить времени впустую‘ übersetzen, was ‚keine Zeit unnötig verschwenden‘ bedeutet.“ „Не тратить времени впустую“ hat allerdings keinerlei Bezug zur deutschen Redewendung „die Kirche im Dorf lassen“! Die Wahl der passenden Übersetzung aus den von KI vorgeschlagenen hängt vom Kontext ab und die Entscheidung trifft der/die beider Sprachen Kundige. Erforderlich ist hierfür zunächst sprachliche, darüber hinaus interkulturelle Kompetenz und nicht zuletzt die kritische Grundhaltung gegenüber den genutzten Quellen. Schatz [6] zeigt an Beispielen zum fachbezogenen Argumentieren, die sich auf den Umgang mit KI-generierten Texten generell übertragen lassen: „Zum einen verlangt tragfähiges Argumentieren immer Stimmigkeit zwischen der sprachlichen Oberfläche und dahinterstehenden inhaltlichen Zusammenhängen. Zum anderen ist Fachwissen nötig, um fachliche Argumentationsfehler erkennen zu können. KIgenerierte Texte weisen solche Fehler unter ihrer teils exzellenten sprachlichen Oberfläche potenziell auf, weil KI eben nicht über Wissen verfügt, sondern ‚nichts als die Auftretenswahrscheinlichkeiten von Wörtern im Kontext anderer Wörter repräsentiert‘ (Müller & Fürstenberg: 2023, 336). […] Eine KI gibt Text aus; Aufgabe menschlicher Nutzer ist es, dessen Sinnhaftigkeit inhaltlich und insbesondere fachlich kritisch zu prüfen“ [6, 36]. (Mutter-)sprachliche bzw. interkulturelle Kompetenz braucht man zum Verständnis idiomatischer Wendungen, kulturell geprägter Kontexte, emotionaler Inhalte: Metaphern wie „Eulen nach Athen tragen“, „die Kirche im Dorf lassen“ usw., kulturell bedingter Formeln wie „Schönen Feierabend!“, „Schönes Wochenende!“, „Frohe Weihnachten!“ usw. Das Wort „Feierabend“ gibt es weder im Englischen noch im Russischen und folglich auch nicht den Abschiedsgruß „Schönen Feierabend!“. KI bietet als Äquivalente Umschreibungen an – englisch: „Have a nice evening!“, „Have a good one!“, “Enjoy the rest of your day!“, „Have a nice end oft he workday!“ – russisch: „Приятного/хорошего/доброго вечера!“ Sie sind natürlich nicht deckungsgleich und provozieren zur Überlegung, warum das so ist: Fehlt die direkte Entsprechung nicht nur in der Sprache, sondern auch in der
39 Realität – ist ein deutscher Feierabend nicht dasselbe wie ein englischer, russischer usw.? Solche sprachlichen Lücken können genutzt werden zur Sensibilisierung für andere Kulturen und zum Versuch, „Fremdheit nicht auflösen zu wollen, sondern das daraus entstehende Problem der kognitiven Dissonanz durch eine Betonung und Akzeptanz von Fremdheit zu lösen. Verschiedene […] Positionen können somit ohne Zwang zur Auflösung nebeneinander stehen“ [5, 292]. „Feierabend“ im Deutschen assoziiert eine klare Abgrenzung zwischen Beruf und Privatleben sowie einen hohen Stellenwert der Privatsphäre. Aber Kultur ist veränderlich - sie wird zum einen vom Zeitgeschehen beeinflusst, zum anderen durchdringen Kulturkreise sich gegenseitig. Und so sind auch die Grenzen zwischen Beruflichem und Privatem in der Gegenwart nicht mehr so starr - viele arbeiten zumindest teilweise im Homeoffice und bei flexiblen Arbeitszeiten. Außerdem kann der ursprünglich neutrale Abschiedsgruß durchaus mehrdeutig aufgefasst werden: „Die Abschiedsworte ‚schönen Feierabend‘ müssen fast zynisch klingen in den Ohren jener…, die noch die zweite Hälfte ihres Arbeitstages vor sich haben“ [1], zum Beispiel Kindererziehung und Hausarbeit. Und nicht zuletzt steht der Ausruf „Feierabend!“ als Kurzform von „Jetzt ist (aber) Feierabend!“ für ein ärgerliches „Jetzt ist Schluss - mir reicht’s!“. Mehrdeutigkeit und Kontextabhängigkeit spielen eine besondere Rolle bei Ausdrücken mit emotionaler Komponente, wobei sich Emotionalität oft in nonund paraverbalen Faktoren wie Gestik, Mimik, Redetempo, Lautstärke, Intonation usw. äußert. Der Ausruf „Das ist ja ‘ne schöne Überraschung!“ drückt bei neutraler Sprechweise Freude aus, dagegen bei entsprechender Intonation und Mimik (z. B. Verdrehen der Augen) Erschrecken und Entsetzen. Die Beispiele belegen, dass auch mit zunehmender Perfektionierung Künstlicher Intelligenz die menschliche Expertise, insbesondere das Wissen über kulturelle Hintergründe, für den Zugang zu anderen Kulturen unverzichtbar ist. Deshalb muss Fremdsprachenunterricht - weiterhin kommunikative und interkulturelle Kompetenz entwickeln; - klassische Kulturtechniken trainieren wie das • Verstehen längerer bzw. anspruchsvoller Texte, • „Lesen zwischen den Zeilen“, • Argumentieren; - verstärkt Kompetenz zur Quellenund Ideologiekritik bei der Nutzung von KI einüben, denn: • KI ermöglicht schnelle und umfassende Recherchearbeit,
40 • erleichtert das Strukturieren zu produzierender Texte, darf aber niemals als deren einziger Autor dienen, da • KI-generierte Aussagen immer der Prüfung durch menschliche Experten unterzogen werden müssen. Übergeordnetes Ziel des Fremdsprachenunterrichts sollte die Förderung der Motivation zum selbstbestimmten Erwerb von und kreativen Umgang mit Fremdsprachen sowie interkulturellen Fertigkeiten sein, basierend auf dem Bewusstsein, dass genau darin die menschliche Intelligenz der künstlichen überlegen ist. LITERATUR: 1. Allmendinger, Jutta in: Stäbener, Jana (2025): Ein Wort zeigt, wie es um Erziehung in Deutschland steht – „fast zynisch“. https://www.fr.de/panorama/ein-wort-zeigt-wie-es-um-erziehung-indeutschland-steht-fast-zynisch-zr-93623513.html (30.09.2025). 2. Dudenredaktion (2023): Redewendungen. Duden Bd. 11, 5. Auflage. Berlin: Dudenverlag. 3. Miklitz, Sonja (2025): Li Yuan im Interview „Künstliche Intelligenz schadet dem Deutschlernen“. https://www.faz.net/aktuell/karrierehochschule/hoersaal/germanistin-li-yuan-kuenstliche-intelligenz-schadetdeutschlernen-accg-110658506.html (28.08.2025). 4. Pallinger, Jakob (2025): Machen Sprachprogramme bald den Traum der globalen Verständigung wahr? https://www.derstandard.de/story/3000000281622/machen-sprachprogrammebald-den-traum-der-globalen-verstaendigung-wahr (31.07.2025). 5. Roche, Jörg (2013): Fremdsprachenerwerb – Fremdsprachendidaktik. Tübingen und Basel: Francke. 6. Schatz, Sandra (2025): Lernen an KI-generiertem Text: Zwei Einsichten in das Argumentieren für den Deutschund Fachunterricht, In: Lehrerbildung@LMU, Bd.4 Nr.1, 28-39. 7. Wan, Martin in: Bolder, Nils (2025): ChatGPT statt Bibliothek: Wie KI das Studieren grundlegend verändert. https://t3n.de/news/chatgpt-statt-bibliothek1699044/ (03.09.2025).