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Gräber, Gaben, Generationen. Der frühmittelalterliche Friedhof (7. Jahrhundert) von der Früebergstrasse in Baar (Kanton Zug). Antiqua 48 (Basel).

Müller, Katharina

Abstract

Im Jahr 2000 wurde auf dem Areal einer Wohnüberbauung an der Früebergstrasse in Baar ZG ein frühmittelalterliches Gräberfeld (7. Jh.) entdeckt. In einer phasenweise spektakulären Rettungsgrabung wurden insgesamt 208 Skelette und über 5000 Einzelfunde zutage gefördert. Viele Grabbeigaben waren dabei in Blöcken geborgen worden, die man später im Labor unter optimalen Bedingungen freigelegt und dokumentiert hat. Das materialgerechte Vorgehen und die sehr gute Dokumentation auf der Ausgrabung lieferten eine optimale Basis für die Auswertung der Funde und insbesondere der Befunde. Die Autorin, unterstützt von einem interdisziplinären Team von Fachleuten sowie wissenschaftlichen Zeichnerinnen und Zeichnern, konnte zahlreichen Fragestellungen fundiert nachgehen. Die in Wort und — besonders hervorzuheben — aufwendiger zeichnerischer Umsetzung der Detailbefunde vorgelegten Resultate weisen ein äusserst breitgefächertes Spektrum auf, z. B.: - anthropologische Untersuchungen, die u. a. zeigten, dass im frühmittelalterlichen Baar verhältnismässig gute Lebensbedingungen geherrscht haben müssen - feinstratigraphische Untersuchungen der im Labor freigelegten Befunde inklusive der organischen Materialien: Textilien, Leder, Fell, Hölzer - metallographische Untersuchung von Saxklingen, erweitert um eine japanische Untersuchungsmethode zur Klingenkunde und Erkenntnisse zur Tauschierung von Eisenobjekten - Aussagen zur Verwendung von Perlen am Kleid bzw. zur Tragweise von (Hals-) Perlenketten (Farbrhythmus und Farbsymmetrie sind wichtiger als einzelne Formen oder Muster) - Erarbeitung von sozialen Kategorien aufgrund von Perlen und Gürtelgehängen - Rekonstruktion von Wadenbindenschnallen (statt Schuhschnallen) - Entwurf von Lebensbildern (u. a. «Der Mann mit dem Ziegenfellmantel», «Die Totenherrichtung«, «Das Babygrab») - Untersuchung der Bestattungssitten: geschlechts- und altersspezifische Unterschiede wurden im Grab dargestellt - das Grab als Form der visuellen Kommunikation innerhalb einer Gesellschaft, das Ideologien widerspiegelt (Idealbild von reich geschmückten Frauen und schwer bewaffneten Männern) - Interpretationen des Zeichengehalts und ikonographische Vergleiche von Verzierungsmotiven - Überlegungen zur Unterscheidung von sozialem (gender) und biologischem Geschlecht (sex) - horizontalstratigraphische Analysen der Belegungsentwicklung.

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A n t i q u a 4 8 A n t i q u a 4 8 G r ä b e r , G a b e n , G e n e r a t i o n e n I S B N 9 7 8 - 3 - 9 0 8 0 0 6 - 4 0 - 4 G r ä b e r , G a b e n , G e n e r a t i o n e n K a t h a r i n a M ü l l e r B a n d 1: Te xt D e r f r üh mi tt el al te r l i ch e Fr ie dh of (7 . Ja hr h u nd er t) v o n d e r F r üe be rg st ra ss e in ba ar (K an to n Zu g) K a t h a r i n a Mü l l e r Umschlag_Band1_061210.indd 1 12/13/10 11:40 AM Katharina Müller Gräber, Gaben, Generationen Der frühmittelalterliche Friedhof (7. Jahrhundert) von der Früebergstrasse in Baar (Kanton Zug) Band 1: Text I,II,III_031210.indd 1 12//10 3:0 PM Veröffentlichung der Archäologie Schweiz Publication d’Archéologie Suisse Pubblicazione d’Archeologia Svizzera Publication of Swiss Archaeology ANTIQU A 48 I,II,III_031210.indd 2 12//10 3:0 PM Gräber, Gaben, Generationen Der frühmittelalterliche Friedhof (7. Jahrhundert) von der Früebergstrasse in Baar (Kanton Zug) Band 1: Text Mit Beiträgen von: Brigitte Lohrke † / Andreas Cueni Antoinette Rast-Eicher Markus Binggeli Maria Ellend Wittwer Gerhard Heck Marlu Kühn Stefan Mäder Stéphane Ramseyer Ulrike Rothenhäusler Werner H. Schoch Marianne Senn Marquita Volken Mit Zeichnungen von: Eva Kläui Sabina Nüssli Bouzid Salvatore Pungitore Katharina Müller I,II,III_031210.indd 3 12//10 3:0 PM 4 Impressum Ums chlagbild : Baar - Fr üebe rgstrasse. Do p - pelbestattung 78/ 1 3 5. Der 34 – 4 3 Jahre alte Mann war zu sammen mit einem 8 –9 -jähri gen Knab en best attet wor - den. Herausgegeben vom Amt für Denkmalpflege und Archäologie des Kantons Zug, Direkti on des Innern. Publiziert mit Unterstützung des Kantons Zug. Inauguraldissertation der Philosphisch-historischen Fakultät der Universität Bern. Zur Erlangung der Doktorwürde vorgelegt von Katharina Müller von Kriens (LU). Von der Philosophisch-historischen Fakultät auf Antrag von Prof. Dr. Werner E. Stöckli und Prof. Dr. Felix Müller angenommen. Bern, den 15. Oktober 2010 Der Dekan: Prof. Dr. Heinzpeter Znoj Redaktion, Korrektorat, Produktionslayout sowie Satz anthropologische Anhänge und Katalog: Edition arcHart, Daniel Hartmann, Muri AG. Gestaltung und Satz: Patrick Rohner, Luzern. Übersetzungen: Catherine Leuzinger-Piccand und Urs Leuzinger, Winterthur (Französisch), Stefan Lehmann, Bellinzona (Italienisch), Sandy Hämmerle, Galway, Irland (Englisch). Lithos: Edition arcHart, Muri AG, Kantonsarchäologie Zug, Lichtpaus + Repro Hüsser AG, Zug, Repro Schicker AG, Baar ZG. Druck und Ausrüstung: Multicolor Print AG, Baar ZG. Alle Rechte der Vervielfältigung, der Fotokopie und des auszugsweisen Nachdrucks vorbehalten. Copyright © 2010 by Archäologie Schweiz, Basel. ISBN: 978-3-908006-40-4. I,II,III_231210.indd  12/23/10 2:23 PM 5 I NH A LTSVERZEICHNIS Zum Geleit (M. W eichelt-Picard) . . . . . . . . . 9 Vorwort des Kantonsarchäologen (St. Hochuli) . . . . . . . . . . . . . . . . . 10 Vorwort (K. Müller) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 15 I. Einleitung (K. Müller) . . . . . . . . . . 18 II. Das Frühmittelalter im Kanton Zug (K. Müller) . . . . . . . . . . . . . . . 20 III. Gräber: Der Friedhof Baar- Früebergstrasse (K. Müller , M. Kühn) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 24 1 Friedhof . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 24 2 Stratigrafie . . . . . . . . . . . . . . . . . . 28 2.1 Befund in der Fläche/ «Baggerplanum» . . . . . . . . . . . . . 28 2.2 Profile . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 34 2.2.1 Ostprofil 1 . . . . . . . . . . . . . . . . . . 34 2.2.2 Ostprofil 2 . . . . . . . . . . . . . . . . . . 35 2.2.3 Nordprofil . . . . . . . . . . . . . . . . . . 36 2.3 Funde . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 36 2.3.1 Funde aus den Grabverfüllungen . 36 2.3.2 Funde aus den Profilen und Positionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . 37 2.3.3 Ergebnisse der archäobotanischen Untersuchung (M. Kühn) . . . . . . . . 39 2.3.3.1 Fragestellung und methodisches Vorgehen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 39 2.3.3.2 Ausgelesene Reste . . . . . . . . . . . . 39 2.3.3.3 Diskussion der Funde . . . . . . . . . . 41 Kasten C14-Datum des Weintraubensamens aus Grab 25 (K. Müller) ......... 42 2.3.3.4 Fazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 44 3 Gräber . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 45 3.1 Ausgrabungstechnik . . . . . . . . . . . 45 3.2 Gräbertypen . . . . . . . . . . . . . . . . . 46 3.2.1 Erdgrab . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 46 3.2.2 Grab mit Holzsarg oder Holzkiste . 47 3.2.2.1 Grab mit Holzsarg (und Steinhinterfüllung) . . . . . . . . 47 3.2.2.2 Grab mit Holzkiste (und Steinhinterfüllung) . . . . . . . . 48 3.2.2.3 Grab mit Holzsarg und Holzkiste . 48 3.2.2.4 Kammergrab? . . . . . . . . . . . . . . . . 48 3.2.3 Grab mit Tuffstein: Grabbau oder Grabmarkierung . . . . . . . . . . . . . . 48 3.3 Grabmarkierungen . . . . . . . . . . . . 49 3.3.1 Holzpfosten . . . . . . . . . . . . . . . . . 50 3.3.2 Gruben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 54 3.4 Bestattungen . . . . . . . . . . . . . . . . 54 3.4.1 Bestattungsarten . . . . . . . . . . . . . 54 3.4.1.1 Einzelbestattungen . . . . . . . . . . . . 54 3.4.1.2 Doppelbestattungen . . . . . . . . . . . 54 3.4.1.3 Mehrfachgräber . . . . . . . . . . . . . . 54 3.4.1.4 Nachbestattungen: Superpositionen und additives Grab . . . . . . . . . . . . 55 3.4.2 Totengestus . . . . . . . . . . . . . . . . . 56 3.4.3 Gestörte/beraubte Gräber . . . . . . 57 IV. Generationen (B. Lohrke †, A. Cueni, K. Müller) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 60 1 Anthropologische Untersuchungen zum frühmittelalterlichen Gräberfeld von Baar-Früebergstrasse (B. Lohrke †, A. Cueni) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 60 1.1 Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 60 1.2 Methoden der Skelettuntersuchung 60 1.2.1 Alters- und Geschlechtsbestimmung 60 1.2.2 Demographische Methoden . . . . . 61 1.2.3 Morphologie und Metrik . . . . . . . 61 1.2.4 Pathologische Befunde . . . . . . . . . 62 1.3 Material und Erhaltung . . . . . . . . . 62 1.4 Demographische Analysen . . . . . . 62 1.4.1 Die Geschlechterverteilung . . . . . . 63 1.4.2 Altersverteilung und Sterblichkeitsstruktur . . . . . . . . . . 65 1.4.3 Kindersterblichkeit . . . . . . . . . . . . 67 1.4.4 Lebenserwartung . . . . . . . . . . . . . 69 1.4.5 Populationsgrösse . . . . . . . . . . . . . 72 1.5 Das körperliche Erscheinungsbild – Metrik und Morphologie . . . . . . . 72 1.5.1 Schädel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 74 1.5.2 Postkraniales Skelett . . . . . . . . . . . 75 1.5.2.1 Konstitution – Muskelmarken . . . . 78 1.5.2.2 Körperhöhe . . . . . . . . . . . . . . . . . 78 1.6 Paläopathologie . . . . . . . . . . . . . . 81 1.6.1 Degenerative und entzündliche Veränderungen der Wirbelsäule und der Gelenke . . . . . . . . . . . . . . . . . 81 1.6.2 Krankhafte und verletzungsbedingte Befunde unterschiedlicher Herkunft 84 1.6.3 Befunde an Zähnen und am Zahnhalteapparat . . . . . . . . . . . . . 86 1.6.3.1 Kariöse Erkrankungen . . . . . . . . . . 87 1.6.3.2 Erkrankungen des Zahnhalteapparates . . . . . . . . . . . 88 1.6.3.3 Abrasion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 89 1.6.3.4 Schmelzvarianten, Formvariationen, Stellungsanomalien . . . . . . . . . . . 90 1.6.3.5 Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . 91 1.6.4 Besonderheiten . . . . . . . . . . . . . . 92 1.6.4.1 Schwangerschaftsmarken . . . . . . . 92 1.6.4.2 Osteome . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 93 1.7 Die Subadulten . . . . . . . . . . . . . . 93 1.8 Verwandtschaftsrekonstruktion . . . 95 I,II,III_031210.indd  12//10 3:0 PM 6 Inhaltsverzeichnis 1.9 Besondere Gräber und individuelle Porträts . . . . . . . . . . . 96 1.9.1 Besondere Gräber . . . . . . . . . . . . . 96 1.9.2 Individuelle Porträts . . . . . . . . . . . 97 Kasten Porträt einer 60–66-jährigen Frau (B. Lohrke †, K. Müller) ........ 100 1.10 Sind in Baar-Früebergstrasse Mitglieder unterschiedlicher Ethnien bestattet? . . . . . . . . . . . . . . . . . . 104 Anhang 1: Katalog der Individuen . . . . . . 107 Anhang 2: Glossar .................. 113 Anhang 3: Anthropologische Tabellen ... 115 2 aDNA für zukünftige Forschungen (K. Müller) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 122 V. Gaben: Befunde und Funde (K. Müller , M. Ellend W ittwer , A. Rast-Eicher , W . H. Schoch, U. Rothenhäusler , St. Ramseyer , G. Heck, M. V olken, St. Mäder , M. Senn, M. Binggeli) . . . . . . . . . . 124 1 Von der Ausgrabung bis zur Auswertung . . . . . . . . . . . . . . . . 124 2 Blockbergungen und Einzelfunde 124 2.1 Freilegung und Dokumentation im Labor: eine Anleitung für zukünftige Untersuchungen frühmittelalterlicher Gräberfelder (M. Ellend W ittwer) . . 128 2.1.1 Ausgangslage . . . . . . . . . . . . . . . 128 2.1.2 Ziel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 128 2.1.3 Erster Schritt: Bergung der Grabbeigaben am Fundort . . . . . 128 2.1.4 Zweiter Schritt: Zwischenlagerung bis zur Bearbeitung . . . . . . . . . . 131 2.1.5 Dritter Schritt: Laborgrabung – freilegen und dokumentieren . . . 132 2.1.5.1 Einzelfunde . . . . . . . . . . . . . . . . . 132 2.1.5.2 Fundensembles . . . . . . . . . . . . . 134 2.1.5.3 Grosse Fundensembles . . . . . . . . 136 2.1.6 Schlussbemerkungen zu den einzelnen Arbeitsschritten und Methoden . 141 2.2 Die Untersuchung der organischen Materialien . . . . . . . . . . . . . . . . . 145 2.2.1 Leder, Fell, Textilien und andere organische Reste (A. Rast-Eicher) . 145 2.2.1.1 Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . 145 2.2.1.2 Leder und Fell . . . . . . . . . . . . . . 146 2.2.1.3 Botanische Reste, Eibenholz und Federn . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 160 2.2.1.4 Fäden und Schnüre . . . . . . . . . . 161 2.2.1.5 Textilien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 165 2.2.1.6 Befunde . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 172 2.2.1.7 Kleidung und Grabbrauch . . . . . 201 2.2.2 Die Holzartennutzung (W . H. Schoch) . . . . . . . . . . . . . . 204 2.2.2.1 Die Verwendung der Hölzer . . . . 204 2.2.2.2 Zusammenfassung . . . . . . . . . . . 207 2.3 (Be-)Fundkonservierung/ -restaurierung . . . . . . . . . . . . . . . 208 2.3.1 Organische Materialien und Metalle in Blockbergung – Konservierung, Montage und Lagerung (U. Rothenhäusler) . . . . . . . . . . . . 208 2.3.1.1 Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . 208 2.3.1.2 Erhaltung von Leder im Boden – theoretische Grundlagen . . . . . . 208 2.3.1.3 Erhaltungsstadien des Leders von Baar-Früebergstrasse . . . . . . . . . . 209 2.3.1.4 Konservierung . . . . . . . . . . . . . . 210 2.3.1.5 Montage . . . . . . . . . . . . . . . . . . 212 2.3.1.6 Lagerungsbedingungen . . . . . . . 213 2.3.1.7 Materialliste . . . . . . . . . . . . . . . . 213 2.3.2 Die Konservierung und Restaurierung der Eisenobjekte (St. Ramseyer) . . 214 2.3.2.1 Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . 214 2.3.2.2 Metallkorrosion . . . . . . . . . . . . . 215 2.3.2.3 Untersuchungen vor der Konservierung und Restaurierung 215 2.3.2.4 Restaurierung . . . . . . . . . . . . . . . 216 2.3.2.5 Fazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 225 3 Funde und Detailbefunde aus den Frauen- und Mädchengräbern . . 226 3.1 Haubenringlein . . . . . . . . . . . . . . 226 3.2 Ohrringe . . . . . . . . . . . . . . . . . . 226 3.2.1 Tragweise: Detailbefund Ohrringe Grab 208 . . . . . . . . . . . 226 3.2.2 Ohrringtypen . . . . . . . . . . . . . . . 227 3.2.2.1 Drahtohrringe . . . . . . . . . . . . . . 227 3.2.2.2 Körbchenohrringe . . . . . . . . . . . 230 3.3 Perlen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 230 3.3.1 Perlentypen . . . . . . . . . . . . . . . . 230 3.3.1.1 Glasperlen . . . . . . . . . . . . . . . . . 230 3.3.1.2 Römische Glasgefässbruchstücke als Perlen . . . . . . . . . . . . . . . . . . 244 3.3.1.3 Bernsteinperlen . . . . . . . . . . . . . 246 Herkunftsbestimmung des Bernsteins (G. Heck) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 246 3.3.1.4 Korallenperlen . . . . . . . . . . . . . . 249 3.3.1.5 Amethystperle . . . . . . . . . . . . . . 249 3.3.2 Perlenchronologie . . . . . . . . . . . 250 3.3.3 Tragweise: Detailbefunde Perlenschmuck . . . . . . . . . . . . . . 254 3.3.4 Perlen als soziale Kategorien . . . . 263 3.4 Nadeln . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 264 3.5 Ringfibel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 269 3.6 Armringe . . . . . . . . . . . . . . . . . . 272 3.6.1 Tragweise: Detailbefunde Armringe . . . . . . . . . . . . . . . . . . 272 3.6.2 Armringtypen . . . . . . . . . . . . . . . 272 3.7 Fingerringe . . . . . . . . . . . . . . . . . 273 3.7.1 Tragweise: Detailbefund Fingerring . . . . . . . . . . . . . . . . . . 273 I,II,III_031210.indd  12//10 3:0 PM 7 3.7.2 Fingerringtypen . . . . . . . . . . . . . 274 3.7.3 Fingerringe als soziale Kategorien 274 3.8 Gürtel in Frauen- und Mädchengräbern . . . . . . . . . . . . 274 3.8.1 Einfache eiserne Gürtelschnallen . 274 3.8.2 Tauschierte einfache eiserne Gürtelschnallen . . . . . . . . . . . . . 275 3.8.3 Eiserne Gürtelschnallen mit Beschlag . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 275 3.8.4 Eiserne Gürtelschnalle mit rundem silbertauschiertem Beschlag und möglichem quadratischem Gegenbeschlag . . . . . . . . . . . . . 276 3.9 Gürtelgehänge . . . . . . . . . . . . . . 278 3.9.1 Tragweise: Detailbefunde Gürtelgehänge . . . . . . . . . . . . . . 278 3.9.2 Bestandteile des Gürtelgehänges 285 3.9.2.1 Aufhängevorrichtungen . . . . . . . 285 3.9.2.2 Handwerk . . . . . . . . . . . . . . . . . . 290 3.9.2.3 Körperpflege . . . . . . . . . . . . . . . 291 3.9.2.4 Pferdegeschirr . . . . . . . . . . . . . . 294 3.9.2.5 Römische Altstücke . . . . . . . . . . . 295 3.9.2.6 Amulette . . . . . . . . . . . . . . . . . . 296 3.9.2.7 Aus der männlichen Sphäre . . . . 298 3.9.2.8 Altmetall . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 300 3.9.3 Gürtelgehänge als soziale Kategorien . . . . . . . . . . . . . . . . . 302 3.10 Taschen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 304 3.11 Feuerzeug . . . . . . . . . . . . . . . . . 305 3.12 Wadenbindengarnituren . . . . . . 305 3.12.1 Kurzer Überblick über archäologische Frauenschuhfunde von der Spätantike bis ins Frühmittelalter (M. V olken) . . . . . . . . . . . . . . . . . 306 3.12.2 Tragweise: Detailbefunde Wadenbinden . . . . . . . . . . . . . . . 309 3.12.3 Wadenbindentypen . . . . . . . . . . 316 3.13 Kleine Bronzeniete . . . . . . . . . . . 318 3.14 Bergkristall . . . . . . . . . . . . . . . . . 318 3.15 Speisebeigaben? . . . . . . . . . . . . . 318 3.16 Keramikbeigabe? . . . . . . . . . . . . 318 3.17 Riemenzungen . . . . . . . . . . . . . . 318 4 Funde und Detailbefunde aus den Männer- und Knabengräbern . . . 319 4.1 Waffen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 319 4.1.1 Spathen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 319 4.1.1.1 Spathen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 319 4.1.1.2 Detailbefunde Spatha . . . . . . . . . 320 4.1.2 Saxe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 322 4.1.2.1 Saxe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 322 4.1.2.2 Saxscheiden ................ 325 4.1.2.3 Detailbefunde Saxe und Saxscheiden . . . . . . . . . . . . . . . . 325 Kasten Der Mann mit dem Ziegenfellmantel aus Grab 213 ............... 339 4.1.2.4 Rost, Verderbnis und Spiegelglanz Untersuchung der Saxklinge aus Grab 52 anhand der traditionellen japanischen Klingenkunde, Tôken no Kantei, 刀剣の鑑定 (St. Mäder) . . . . . . . . . . . . . . . . . 346 4.1.2.5 Metallographische Untersuchung der Saxklinge aus Grab 213 (M. Senn) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 357 4.1.3 Lanzen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 363 4.1.4 Schild . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 364 4.1.4.1 Schild . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 364 4.1.4.2 Detailbefund Schild Grab 18 . . . 366 4.1.5 Pfeile, Köcher, Bögen . . . . . . . . . 367 4.2 Gürtel in Männer- und Knabengräbern . . . . . . . . . . . . . 375 4.2.1 Gürtelgarnituren aus Bronze . . . . 375 4.2.2 Gürtelgarnituren aus Eisen . . . . . 376 4.2.2.1 Eiserne Gürtelgarnituren mit rundem Beschlag . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 376 4.2.2.2 Dreiteilige eiserne Gürtelgarnituren .............. 378 4.2.2.3 Dreiteilige silbertauschierte Gürtelgarnituren . . . . . . . . . . . . . 379 4.2.2.4 Dreiteilige bichrom tauschierte Gürtelgarnituren . . . . . . . . . . . . . 381 4.2.2.5 Dreiteilige/mehrteilige Gürtelgarnituren . . . . . . . . . . . . . 383 4.2.2.6 Mehrteilige Gürtelgarnituren . . . 383 4.2.2.7 Vielteilige Gürtelgarnituren . . . . . 385 4.2.2.8 Eiserne Gürtelschnallen mit ovalem Bügel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 386 4.2.2.9 Überlange Riemenzungen . . . . . 388 4.2. 2. 1 0 Fragmentierte Gürtelgarnituren . 388 4.2. 2. 1 1 Ösenbeschläge . . . . . . . . . . . . . . 389 4. 2. 2. 1 2 Defekte oder unbrauchbar gemachte Gürtelschnallen? . . . . . . . . . . . . . 390 4.2. 2. 1 3 Reparierte Gürtel: Lederbänder als Nietersatz . . . . . . . . . . . . . . . . . . 390 4.2.3 Detailbefunde Gürtel . . . . . . . . . 390 4.2.3.1 Ledergurte . . . . . . . . . . . . . . . . . 390 4.2.3.2 Der vielteilige Gurt aus Grab 62 . 391 4.2.3.3 Der korpulente Mann in Grab 184 391 4.3 Messer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 394 4.4 Kämme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 397 4.5 Gürteltaschen . . . . . . . . . . . . . . 399 4.5.1 Detailbefunde Gürteltaschen . . . 399 4.5.2 Inhalt der Gürteltaschen . . . . . . . 404 4.5.2.1 Körperpflege . . . . . . . . . . . . . . . 404 4.5.2.2 Feuerzeug: Feuerstahl und Silex/Silices . . . . . . . . . . . . . . . . . 406 4.5.2.3 Handwerk . . . . . . . . . . . . . . . . . . 406 4.6 Reitbestandteile . . . . . . . . . . . . . 414 4.6.1 Sporn . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 414 4.6.2 Pferdegeschirr . . . . . . . . . . . . . . 419 4.7 Fingerring . . . . . . . . . . . . . . . . . . 419 I,II,III_031210.indd  12//10 3:0 PM 8 Inhaltsverzeichnis 5 Verzierungsmotive . . . . . . . . . . . 421 5.1 Geometrische Motive/ Flechtbandmotive . . . . . . . . . . . . 422 5.2 Tierstilmotive . . . . . . . . . . . . . . . 422 5.3 Kreuzmotive . . . . . . . . . . . . . . . . 436 5.4 Zur Farbwirkung der tauschierten Eisenobjekte aus Baar-Früebergstrasse (M. Binggeli) . . . . . . . . . . . . . . . . 440 5.4.1 Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . 440 5.4.2 Ein aussergewöhnlicher Gürtelbeschlag aus Grab 202 . . . 441 5.4.2.1 Technologische Beobachtungen zum Gürtelbeschlag aus Grab 202 . . . 441 Kasten Toledoarbeiten .............. 442 5.4.2.2 Herstellung des Gürtelbeschlags . 443 5.4.3 Oberflächenfärbungen des Eisengrundes . . . . . . . . . . . . . . . 444 5.4.3.1 Natürliche Färbung . . . . . . . . . . 444 5.4.3.2 Durch Wärmebehandlung erzielte Färbungen . . . . . . . . . . . . . . . . . 444 5.4.3.3 Färben durch Einbrennen von Öl 448 5.4.3.4 Brünieren . . . . . . . . . . . . . . . . . . 448 5.4.4 Zusammenfassung . . . . . . . . . . . 449 VI. Fazit (K. Müller) . . . . . . . . . . . . . . 450 1 Fazit Frauen- und Mädchengräber 451 1.1 Datierung der Frauengräber . . . . 451 1.2 Bestattungssitte . . . . . . . . . . . . . 451 1.2.1 Beigabenkombinationen in den Frauengräbern . . . . . . . . . . . . . . 453 Kasten Detailbefund Frauengrab 189: die Totenherrichtung . ........... 458 Kasten Kommentar zu den Lebensbildern von Baar-Früebergstrasse ....... 462 1.2.2 Beigabenkombinationen in den Mädchengräbern ............. 464 2 Fazit Männer- und Knabengräber 465 2.1 Datierung der Männergräber . . . 465 2.1.1 Horizontalstratigrafische Analyse . . 465 Kasten Detailbefund: das Babygrab 150 . 466 2.1.2 Typenkombinationen . . . . . . . . . 473 2.1.3 Vergleich mit anderen Gräber- feldern ..................... 473 2.1.4 Absolutchronologie ........... 474 2.2 Bestattungssitte . . . . . . . . . . . . . 474 2.2.1 Beigabenkombinationen in den Männergräbern . . . . . . . . . . . . . 474 2.2.2 Beigabenkombinationen in den Knabengräbern . . . . . . . . . . . . . 476 Kasten Detailbefund: der kleine Junge in Grab 149 ................. 477 Kasten Fazit Projekt Baar-Früebergstrasse 478 Synthese . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 480 Synthèse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 485 Sintesi . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 491 Synthesis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 497 Alphabetisches Verzeichnis der Autorinnen und Autoren . ........... 502 Legende Signaturen in der hinteren Einbanddecke I,II,III_031210.indd  12/13/10 11: M 9 D ie archäologische Ausgrabung eines Friedhofs ist immer etwas Besonderes. Die Konfron- tation mit den sterblichen Überresten unserer Ahnfrauen und Ahnherren wirft ethische Fragen auf und lässt intime Gefühle hochkommen. Wird ein Friedhof ausgegraben, sind wir auch mit der eigenen Vergänglichkeit konfrontiert. Bei den Fragen nach dem Sein, dem Woher und dem Wohin handelt es sich wohl um die grundlegendsten Fragen unseres irdischen Daseins. Archäologinnen und Archäologen setzen sich zuerst einmal damit auseinander, wie sie die sterblichen Reste ausgraben, bergen, untersuchen, analysieren, aufbewahren und aus- stellen wollen. Dabei müssen sie wissenschaftliche Genauigkeit und das Gebot der Ethik und Pietät gleichermassen berücksichtigen. Ausgrabungen wecken auch Vorstellungen, Wünsche und Projektionen: Wie war es da- mals? Was würde ich mir aus dem Frühmittelalter zurückwünschen? Die Beschäftigung mit den eigenen Ahnen ist ein menschliches Bedürfnis. Sie verleiht persönliche Identität und ver- bindet uns mit der Geschichte und einer Region. Die wissenschaftliche Untersuchung der Ske- lette und der in den Gräbern enthaltenen Beigaben vermag vielfältige Informationen zum Le- ben der Menschen von damals zu geben: Geschlecht, Sterbealter, Körpergrösse, Krankheiten, Arbeitsbelastung, Lebenserwartung, Ernährungsgewohnheiten, Herkunft, Verwandtschaft, Mobilität, Handwerk, Handel, Technologie, Mode, Zugehörigkeit, soziale Stellung, materieller Wohlstand, Glaubensvorstellungen, Vorstellung vom Leben nach dem Tod. Die Analyse der Skelette von der Früebergstrasse in Baar zeigt Eindrückliches. Heute ist eine durchschnittliche Lebenserwartung von über 80 Jahren fast zur Selbstverständlichkeit geworden; ein Neugeborenes im Frühmittelalter hatte demgegenüber eine Lebenserwartung von lediglich 2 8 Jahren. Die Sterberate heutiger Säuglinge liegt bei etwa 4,5‰; im Frühmit- telalter verstarb normalerweise ein Viertel der Neugeborenen bereits im ersten Lebensjahr. Für die Baarer Skelette konnte ein durchschnittliches Sterbealter bei den Männern von knapp 4 3 Jahren, bei den Frauen von etwa 3 8 Jahren ermittelt werden. Die gegenüber den Män- nern niedrigere Lebenserwartung der Frauen dürfte auf die andauernd hohe Beanspruchung des Körpers durch Schwangerschaften und Geburten sowie die hygienischen Verhältnisse zu- rückzuführen sein. Hatten die Frauen jedoch einmal das gebärfähige Alter überschritten, so konnten sie durchaus 7 0 Jahre und älter werden. In so hohem Alter verstorbene Männer wie- derum sind in Baar nicht gefunden worden. Historische Baudenkmäler und archäologische Fundstellen geraten aufgrund des stetigen und grossen Wirtschafts- und Bevölkerungswachstums zunehmend unter Druck. Die Direk- tion des Innern des Kantons Zug mit ihrem Amt für Denkmalpflege und Archäologie versucht, wertvolle Baudenkmäler vor tiefgreifender Umgestaltung oder vor dem Abbruch zu bewah- ren. Bedrohte Fundstellen werden gerettet oder wenigstens vor ihrer Zerstörung erforscht. Immer wieder leisten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Kantonsarchäologie Zug bei teil- weise widrigsten Wetterverhältnissen – bei Schnee und Kälte, im Regen und Schlamm oder bei brütender Hitze – archäologische Rettungseinsätze. Ich spreche allen, die zu diesem grossen Werk beigetragen haben, meinen herzlichen Dank aus. Ich wünsche dem Buch eine gute Aufnahme in der Fachwelt und den Leserinnen und Lesern einen faszinierenden Ausflug in unsere eigene Geschichte. Manuela Weichelt-Picard, Regierungsrätin, Vorsteherin der Direktion des Innern Z um Geleit I,II,III_031210.indd  12//10 3:0 PM Vorwort des Kantonsarchäologen I m Frühling 2 000 begann die Generalunternehmung Aula AG mit dem Aushub für eine grössere Wohnüberbauung an der Früebergstrasse in Baar. Das in der Schwemmebene der Lorze gelegene Gebiet galt aufgrund der relativen Seltenheit von Funden nicht als archäolo- gisch besonders relevante Verdachtsfläche. Da Mitarbeitende der Kantonsarchäologie in den vorangegangenen Jahren dennoch immer wieder vereinzelte prähistorische Streufunde in Baugruben aus der näheren Umgebung aufsammeln konnten, erschien eine gelegentliche Überwachung der Aushubarbeiten dennoch zweckmässig. Als der Grabungstechniker Johannes Weiss am 9. Mai 2 000 die Baustelle aufsuchte, hatten die Bagger bereits eine quer durch das Areal verlaufende Schneise, die als Baupiste dienen sollte, ausgehoben. Weiss schaute sich früh am Morgen das etwa zwei Meter hohe Profil in der Baggerschneise genau an. Dabei stiess er auf ein nur wenig aus der Erde ragendes Knochenstück, unmittelbar dane- ben zeigte sich ein zweites, gleich orientiertes Knochenstück: Es schien sich um ein Skelett zu handeln. Da Gräber in der Regel nicht isoliert angelegt werden, war davon auszugehen, dass sich noch weitere Bestattungen im Boden befanden. Nach dieser Entdeckung wurden auf An- weisung der Kantonsarchäologie auf der ganzen Bauparzelle die obersten Erdschichten mit einem Bagger vorsichtig abgetragen, um eventuelle weitere Grabgruben erkennen zu kön- nen, die sich aufgrund ihrer andersartigen Einfüllung vom anstehenden Erdreich farblich ab- heben. Schon nach kurzer Zeit zeigte sich, dass mit einem ausgedehnten Bestattungsplatz mit sehr vielen Gräbern gerechnet werden musste. Die klare West-Ost-Ausrichtung der Grä- ber sowie erste Funde liessen einen Friedhof des Frühmittelalters aus dem 7. Jahrhundert n. Chr. erwarten. Es ist also einem glücklichen Zufall zuzuschreiben, dass die von tonnen- schweren Baggern vorgenommenen Aushubarbeiten ein Grab angeschnitten hatten. Es ist jedoch dem grossen Können und der langjährigen Erfahrung von Johannes Weiss zu verdan- ken, dass diese feinsten Reste überhaupt entdeckt wurden. Mancher Fachkollege dürfte an solchen Befunden schon vorbeigegangen sein, ohne sie zu bemerken. Die Bauherrin teilte aus verständlichen Gründen die Begeisterung der Archäologen an- fänglich nicht, denn es drohte ein Unterbruch der Bauarbeiten. Dank einer koordinierten Planung gelang es der Bauherrin gemeinsam mit der Kantonsarchäologie, einen Ablauf zu entwickeln, in dem sich die Grabung den Erfordernissen des Baubetriebs anpasste, und um- gekehrt wurde der Bauablauf dergestalt optimiert, dass die Rettungsuntersuchungen ord- nungsgemäss durchgeführt werden konnten. Der Friedhof wurde in den Folgemonaten aus- gegraben, ohne dass die Bauarbeiten gestoppt werden mussten. Für das grosse Entgegen- kommen seitens der Bauherrschaft waren insbesondere Anita Kottmeyer und René Bähler (beide Bauleitung), Marcel Wobmann (Projektleiter) und Ronald Schnarwyler (Geschäfts- führer und VR-Delegierter) verantwortlich. Die Kantonsarchäologie stand anfangs Mai 2 000 vor der herkulischen Aufgabe, ohne jeg- lichen zeitlichen Vorlauf eine Grossgrabung auf die Beine stellen zu müssen. Der Zeitpunkt da- für war ungünstig. Erst zwei Monate zuvor hatte sie einen ausserordentlichen Rettungseinsatz abgeschlossen und «litt» noch unter dessen Folgen. Im Chollerpark bei Steinhausen waren in einer ebenfalls eilig organisierten Rettungsgrabung auf einer Fläche von rund 5 00 0 m 2 ne bst T aus enden von unbearbeit et en Höl z ern knapp 2 400 Bauhölz e r dokumentiert und geborgen worden – ein in Europa einzigartiges Ensemble. Zum Zeitpunkt der Entdeckung des Gräber- felds an der Früebergstrasse hatten die Mitarbeitenden eben erst damit begonnen, die riesige Menge an geborgenen Hölzern zu bearbeiten – eine Aufgabe, welche vorerst die räumlichen, personellen und technischen Kapazitäten der Kantonsarchäologie überstieg. Und schon stand mit dem neu entdeckten Friedhof die nächste grosse Herausforderung vor der Tür. Zudem war die Aufgabe weitaus komplexer als ursprünglich angenommen: Zwei bis drei Meter unterhalb der Kiesschicht mit den Gräbern konnte ein noch viel älteres Niveau festgestellt werden, in dem sich Siedlungsreste der Jungsteinzeit und der Bronzezeit fassen liessen, unter anderem ein sehr seltenes Grubenhaus der Schnurkeramik-Kultur. «Archäologie total» war angesagt! 10 Vorwort des Kantonsarchäologen I,II,III_231210.indd 10 12/23/10 2:22 PM Der damalige Vorsteher der Direktion des Innern, Regierungsrat Peter Bossard †, erteilte den für diese nicht vorhersehbare Rettungsuntersuchung notwendigen Kredit rasch und auf unkomplizierte Weise. Danach wurde die Suche nach zusätzlichen Arbeitskräften gestartet, denn die Kantonsarchäologie war für die Durchführung einer Grabung dieser Grössenord- nung personell völlig unterdotiert. Die wissenschaftliche Mitarbeiterin Brigitte Röder und der Schreibende übernahmen die wissenschaftliche, der Entdecker Johannes Weiss und der Gra- bungstechniker Kilian Weber die technische Leitung der Grabung. Durch Vermittlung von Brigitte Röder führte der Lehrstuhl für Anthropologie der Johannes Gutenberg-Universität Mainz unter der Leitung von Professor Kurt W. Alt ein Grabungspraktikum durch, an dem elf Studierende aus Deutschland teilnahmen. Insgesamt waren rund fünfzig Personen zu unter- schiedlichen Zeitpunkten auf der Grabung tätig. Termingerecht wurde die Grabung am 15. Dezember 2 000 beendet. Die Kunde von einer neuen bedeutenden Fundstelle in Baar machte bald die Runde. An- lässlich eines «Tags der offenen Ausgrabung» im August 2000 strömten über 900 Besuche- rinnen und Besucher zur Grabungsstätte, und auch die Medien berichteten regelmässig über die aufregenden Entdeckungen. Frühmittelalterliche Gräberfelder verursachen bei den Fachleuten widersprüchliche Reak- tionen. Auf der einen Seite freuen sie sich über das schier unermessliche, aus Skeletten und Grabbeigaben bestehende wissenschaftliche Studienmaterial. Auf der anderen Seite ist der Aufwand für die Konservierung der Tausenden von Objekten und die vielfältigen Analysen ex- trem hoch und kostenintensiv. 2 08 Sk elett e, über 5 000 Ein z elfunde, über 4 00 Pläne, me hr als 1 0 000 Dias u sw . mus st en bearbeitet werden. Nach der Rettungsgrabung befand sich der Grossteil der Grabbeigaben, die als Blöcke geborgen worden waren, mit Gipsbandagen stabi- lisiert in grossen Kühltruhen eingelagert. Weder der personelle noch der finanzielle Aufwand für deren Freilegung und Untersuchung konnte verlässlich abgeschätzt werden. Im Verlaufe der Arbeiten zeigte es sich, dass eine vollständige Freilegung der Objekte viel zu aufwendig und zu teuer werden würde, sodass die Prioritäten wiederholt neu gesetzt werden mussten. Bereits im Verlaufe der Rettungsgrabung beschäftigte sich die Grabungsleitung mit der Frage, wer die Leitung des Restaurierungs- und Auswertungsprojekts übernehmen könnte. Katharina Müller war zum Zeitpunkt der Grabung Studentin an der Universität Zürich und stand kurz vor dem Beginn ihrer Lizentiatsarbeit. Ihr wurden schrittweise die Projektleitung sowie die wissenschaftliche Auswertung übertragen. Dabei wurde sie vom Leiter des Fachbe- reichs Ur- und Frühgeschichte der Kantonsarchäologie Zug, Gishan F. Schaeren, und von dessen Stellvertreterin, Renata Huber, sowie von der Leiterin des Fachbereichs Dokumentati- on und Funde und stellvertretenden Kantonsarchäologin, Eva Roth Heege, tatkräftig unter- stützt und begleitet. Die Projektziele sowie die entsprechenden Prioritäten bestanden einer- seits in der umfassenden wissenschaftlichen Auswertung und Quellenedition in Form einer Monographie, andererseits in der vorübergehenden Erhaltung der Blockbergungen bis zu deren Freilegung im Labor; dazu kam die nachhaltige Konservierung der Fundobjekte sowie der Skelette. Der Projektleiterin und Hauptautorin stand eine multidisziplinäre Gruppe von verschiedensten Spezialistinnen und Spezialisten aus dem In- und Ausland zur Seite. Ohne deren Spezialuntersuchungen wäre die Durchführung dieses Projekts ein Ding der Unmög- lichkeit gewesen. Die Liste der an Ausgrabung, Laborgrabung, Konservierung, Analysen, wissenschaftlicher Auswertung und Buchproduktion beteiligten Personen und Institutionen ist lang: – wissenschaftliche Ausgrabungsleitung: Hochuli Stefan, Röder Brigitte – technische Ausgrabungsleitung: Weiss Johannes, Weber Kilian – Projektleitung Konservierung und Auswertung: Müller Katharina, mit Unterstützung von Schaeren Gishan F. und Roth Heege Eva – Ausgrabungsteam: Allisson Christine, Arnold Daniela, Arnold Hans, Bolli Markus, V orwort des Kantonsarchäologen 11 I,II,III_031210.indd 11 12//10 3:0 PM Contin Jack, Gasi Isa, Hänny Georg, Hochuli Kaspar, Hodel Corinne, Holzer Peter, Huber Renata, Lanthemann Christoph, Lehner Dominic, Lüdin Benedikt, Lüthi Hans, Marti Andy, Moser Mengia, Moser Patrick, Müller Katharina, Näpflin Xavier, Nüssli Bouzid Sabina, Remy Heini, Schmid Voney Trix, Speck Manuel, Stahel Carmen, Von Wyl Fredy, Weber Kilian, Zuber Susann – Freilegung Blockbergungen: Ellend Wittwer Maria, Zimmermann Dino – Anthropologie: Lohrke Brigitte †, Cueni Andreas, Fachredaktion Pichler Sandra – Anthropologisches Ausgrabungspraktikum Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Institut für Anthropologie: Alt Kurt W. (Leitung), Arndt Ursula, Herrgen Matthias, Kohl Thomas, Krenzer Udo, Liebs Valerie, Löbig Frank, Meyer Christian, Pany Doris, Stang Michael, Stock Frauke, Vogt Kati – Labor Skelette: Cueni Andreas; Allisson Christine, Birrer Bruno, Eichenberger Res, Huber Renata, Meyer Simon, Weber Kilian – Labor Funde: Ellend Wittwer Maria, Zimmermann Dino; Bisek Delia, Jäggi Barbara, Wiss Milvia; Birrer Bruno – Röntgenbilder: Zuger Kantonsspital – aDNA-Analysen: Alt Kurt W., Haak Wolfgang (Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Institut für Anthropologie) – Auswertung Befund und Funde: Müller Katharina – Archäobotanik: Kühn Marlu (Institut für Prähistorische und Naturwissenschaftliche Archäologie IPNA, Universität Basel) – Osteologie: Veszeli Marcel (Institut für Prähistorische und Naturwissenschaftliche Archäologie IPNA, Universität Basel); Jochum Zimmermann Emanuela, Osimitz Stefanie (Arbeitsgruppe Archäozoologie Zürich, AAZ, am Paläontologischen Institut und Muse- um der Universität Zürich) – Herkunftsanalyse Bernstein: Heck Gerhard (Staatliche Museen zu Berlin, Stiftung Preussischer Kulturbesitz, Rathgen-Forschungslabor, Berlin) – Glasanalysen: Hoffmann Peter (Technische Universität Darmstadt, Material- und Geo- wissenschaften, Chemische Analytik) – Textilien, Leder: Rast-Eicher Antoinette (Archeotex, Büro für archäologische Textilien, Ennenda) – Holzartenbestimmung: Schoch Werner H. (Labor für Quartäre Hölzer, Langnau am Albis) – Restaurierung/Konservierung: Ramseyer Stéphane (Atelier de conservation, Neuchâ- tel); Ellend Wittwer Maria, Fritschi Rolf (Steinmaur), Pegurri Giacomo (Kantonales Mu- seum für Urgeschichte Zug), Rothenhäusler Ulrike (Schweizerisches Nationalmuseum, Sammlungszentrum Affoltern am Albis), Schäfer Benjamin (Atelier de conservation, Neuchâtel), Potthast Inka †, Riens Ralf (Konservierungslabor, Erhaltung von archäolo- gischem und historischem Kulturgut, Konstanz) – Fundmünzen: Doswald Stephen (Jona) – Ziegel: Tonezzer Lucia (Stiftung Ziegeleimuseum Meienberg, Cham) – Fotografien: Bolli Markus; Allisson Christine, Eichenberger Res, Ellend Wittwer Maria, Zimmermann Dino; Bisek Delia – Neutronenradiographie: Lehmann Eberhard, Frei Gabriel (Paul Scherer Institut, Abtei- lung ASQ, Villigen) – Metallographische Untersuchungen: Senn Marianne (EMPA, Zentrum für Kulturgüter- analytik, Abteilung Analytische Chemie, Dübendorf) – Japanische Schwertbegutachtung (Tôken no Kantei): Mäder Stefan (Tokyo National University of Fine Arts and Music, Department of Metals Conservation) – Lederschuhe: Volken Marquita (Gentle Craft Centre, Lausanne) – Experimentelle Archäologie: Binggeli Markus (Bern) – Zeichnungen/Illustrationen: Kläui Eva, Nüssli Bouzid Sabina, Pungitore Salvatore, 12 Vorwort des Kantonsarchäologen I,II,III_031210.indd 12 12//10 3:0 PM Rohner Patrick; Layout Illustrationen: Rohner Patrick (Luzern) – Lektorat: Müller Katharina; Huber Renata; Boschetti-Maradi Adriano, Hochuli Stefan, Roth Heege Eva, Schaeren Gishan F., Weiss Johannes; wissenschaftliche Kommission von Archäologie Schweiz. – Redaktion, Korrektorat und Produktionslayout: Hartmann Daniel (Edition arcHart, Muri AG) – Gestaltung und Satz: Rohner Patrick (Luzern) und Oehrli Jonas (Bern) Die Grösse und Komplexität dieses Auswertungsprojekts haben die Kantonsarchäologie an die Grenzen des Machbaren geführt. Die Planung, Steuerung und Kontrolle der beschränk- ten Budgetmittel war anspruchsvoll. Die Koordination des Personals, die Strukturierung des Projekts in Teilprojekte, die Bestimmung der teilweise parallel ablaufenden Verfahren (Labor- grabung – Analysen – Restaurierung/Konservierung – Auswertung – Zeichnungen) und die Begleitung der internen und externen Beteiligten (Fundlabor, RestauratorInnen, Wissen- schaftlerInnen, wissenschaftliche ZeichnerInnen, Fotograf, Redaktor) war komplex. Personelle Engpässe im Fundlabor mussten überwunden werden. Budgetkürzungen bei der Restaurie- rung/Konservierung hatten zur Folge, dass die Restaurierung auf Jahre verteilt werden musste und die Objekte nur teilrestauriert werden konnten. Der unerwartete Tod der externen Anthro - pologin Brigitte Lohrke machte nicht nur betroffen, sondern hinterliess auch Lücken im Manuskript. Auch der Tod der externen Restauratorin Inka Potthast bedeutete einen Rück- schlag. Die viele Jahre dauernde Laufzeit des Restaurierungs- und Auswertungsprojekts ergab sich also aus der Kombination einer überaus grossen Fundmenge mit begrenzten personellen und finanziellen Ressourcen. Im Rahmen von Vorträgen informierte die Projektleiterin regelmässig über das Restaurie- rungs- und Auswertungsprojekt. 2008 erschien in Zusammenarbeit mit dem Kantonalen Mu- seum für Urgeschichte als Nr. 46 in dessen Schriftenreihe die Publikation «Mit Schaufel, Leim und Röntgenstrahl. Ein archäologisches Forschungsprojekt von der Bergung bis zur Rekon- struktion, gezeigt am Beispiel eines 1300 Jahre alten Grabensembles von Baar-Früeberg- strasse»; zum gleichen Thema fand im selben Museum eine Sonderausstellung statt. Die Aufgabe war für die Projektleiterin und Hauptautorin Katharina Müller enorm, ein Erfolg nicht vorprogrammiert. Sie stand am Ende ihres Studiums (Universitäten Zürich und Berlin) und brachte naturgemäss noch keine langjährige Berufserfahrung mit. In Methoden- (Projektmanagement, Organisation) und Führungswissen bildete sie sich laufend weiter. Neben der operativen Leitung des Projekts musste sie die wissenschaftlichen Fragestellungen und das Potential der Analysen richtig abschätzen. Ihre Kernaufgaben bestanden in der Aus- wertung sämtlicher Befunde und Funde sowie im Lektorat der von Spezialistinnen und Spe- zialisten ihrer jeweiligen Disziplin verfassten Fachbeiträge. Den Schlüssel zum Erfolg bildeten indes ihre soliden Fachkenntnisse, die sie im Verlaufe des Projekts stetig erweiterte. Sie er- kannte das Forschungspotential des Gräberfeldes und setzte die Prioritäten entsprechend, was dazu führte, dass Baar-Früebergstrasse die Frühmittelalterforschung in Teilbereichen ent- scheidende Schritte weiterbringen dürfte. Wichtig waren auch ihr enormes Engagement für das Projekt und ihre bemerkenswerte Beharrlichkeit; Qualitäten, die immer wieder auch die Geschäftsleitung der Kantonsarchäologie beeindruckten. Doch auch zahlreiche andere Beteiligte wurden von der Dimension der zu bewältigenden Funde und Dokumentationen gefordert und zeitweise überfordert. Die gesamte Kantonsar- chäologie «litt» während Jahren unter dem Projekt, weil es viele Ressourcen beanspruchte, die andernorts ebenfalls dringend benötigt worden wären. Während sechs Jahren waren die Mitarbeitenden im Labor mit der Freilegung und Konservierung der fragilen Kostbarkeiten aus dem Boden beschäftigt. In Hunderten von Stunden entstanden in akribischer Arbeit die wissenschaftlichen Zeichnungen und Illustrationen. Die aus Kostengründen nur teilweise re- staurierten Objekte waren nur in Kombination mit Röntgenbildern zu zeichnen. Redaktion, Teile der Druckvorstufe sowie das Korrektorat führte Daniel Hartmann (Edition arcHart, Muri 13 I,II,III_031210.indd 13 12//10 3:0 PM AG) mit grosser Sorgfalt aus. Für die tadellose Ausführung von Gestaltung und Satz zeichnet Patrick Rohner (Luzern) verantwortlich. Die qualitätvolle Herstellung des zweibändigen Wer- kes lag in der Verantwortung der Multicolor Print AG, Baar. Alle an der Produktion Beteiligten mussten sich angesichts wesentlicher Terminverzögerungen sehr flexibel zeigen. Die vorliegende Monographie erfüllt uns mit Stolz: Die Kantonsarchäologie hat ohne jeg- lichen zeitlichen Vorlauf eine grosse Rettungsgrabung ohne Baustopp durchgeführt, und gut zehn Jahre nach ihrer Entdeckung liegen die sterblichen Überreste von über 200 im Frühmit- telalter verstorbenen Personen mit über 5000 assoziierten Fundgegenständen konserviert, re- stauriert, wissenschaftlich ausgewertet und publiziert vor. Verschiedene der hier vorgelegten Resultate, insbesondere zu Detailbefunden, sind in ihrer Art in Europa einzigartig. Alle diese Leistungen waren nur mit einem eingespielten Team zu erreichen. Da schon die Ausgrabung ein grosses Publikumsinteresse hervorrief, richtet sich die Mo nographie nicht alleine an die hochspezialisierte Fachwelt. Illustrierte Kastentexte und Kapi teleinleitungen, die Beweggründe und Vorgehen bei Grabung und Auswertung offen- legen, sowie eine reiche Bebilderung sollen – so hoffen wir – das Buch auch für ein interessier- tes Laienpublikum sowie für Studierende attraktiv machen. Ich danke der Projektleiterin und Hauptautorin Katharina Müller, dem Entdecker und technischen Grabungsleiter Johannes Weiss, dem Leiter des Fachbereichs Ur- und Frühge- schichte Gishan F. Schaeren, dessen Stellvertreterin Renata Huber sowie der Leiterin des Fachbereichs Dokumentation und Funde und stellvertretenden Kantonsarchäologin Eva Roth Heege, den weiteren Autorinnen und Autoren, dem Redaktor Daniel Hartmann sowie allen an der Ausgrabung und an der Restaurierung, am Auswertungsprojekt und an der Buchpro- duktion beteiligten Personen und Institutionen für ihre qualitätvolle Arbeit und ihre grosse und vielfältige Unterstützung ganz herzlich! Stefan Hochuli, Vorsteher des Amtes für Denkmalpflege und Archäologie des Kantons Zug und Kantonsarchäologe, Direktion des Innern 14 Vorwort des Kantonsarchäologen I,II,III_031210.indd 1 12//10 3:0 PM Wenn ich Übersetzer bin, aber niemand, weder Tier noch Mensch, mir sagen kann, ob ich die Sprache beherrsche, aus der zu übersetzen ich mich aufgefordert fühle. Hier, genau hier liegt der Reiz, wird es interessant. Marcel Beyer 1 Der Spurenleser vergisst allzu leicht, dass das Lesen von Indizien am Ende vor allem etwas über den Indizienleser selbst sowie sein Publikum aussagt. Cornelius Holtor f 2 Zeit 1300 Jahre sind viel Zeit. Diese Zeitspanne galt es bei der Auswertung der frühmittelalter- lichen Gräber von Baar-Früebergstrasse zu überbrücken. Verglichen mit jahrtausende alten Fundstellen ist dies wenig. Aber macht die Anzahl vergangener Jahre überhaupt einen Unter- schied? Bleibt der Versuch, die Spuren der Vergangenheit zu lesen und zu übersetzen, nicht immer der gleiche? Herantasten Archäologische Arbeit – auf der Ausgrabung, im Labor, bei der Auswertung, … – ist immer ein Herantasten an das, was noch da ist. Bei Baar-Früebergstrasse waren es nach dem ersten Herantasten/Freilegen vor allem Ske- lette, eine grosse Ansammlung rostiger Objekte und meist diffuse organische Verfärbungen. Abtragen, Herantasten, Freilegen, Bergen, Durchleuchten, langsames, vorsichtiges Heranspü- ren, Beobachten, Dokumentieren, Untersuchen, Analysieren, Ablagerungen entfernen, Suche nach der Originaloberfläche, Aneinanderfügen, Zusammenhänge finden, Kombinieren … Erkennen Zu sehen/erkennen versuchen, was zu sehen ist. Ein Puzzle, bei dem die meisten Teile fehlen. Was wir wohl alles übersehen! Übersetzen Dieses Buch ist ein Versuch, herausgelesene Informationen in Bild- und Textform weiterzuge- ben. Mögen Sie darin Antworten auf Ihre Fragen finden, Anregungen erhalten, verblüfft wer- den, daraus schöpfen können. Dank Ich danke dem Zuger Kantonsarchäologen Stefan Hochuli für sein Vertrauen und dafür, dass ich die interessante Möglichkeit erhalten habe, ein Grossprojekt von der Ausgrabung bis zur Veröffentlichung zu begleiten und von der Laborgrabung bis zur Publikation zu leiten. Ich bedanke mich herzlich bei Gishan F. Schaeren, dem Fachbereichsleiter Ur- und Früh- geschichte, in dessen Ressort dieses Projekt angesiedelt war, insbesondere für seinen grossen Einsatz bei Lösungsfindungen und für seine Unterstützung. Ein grosser Dank geht an die Ausgrabungsequipe unter der wissenschaftlichen Leitung von Brigitte Röder und Stefan Hochuli und unter der technischen Leitung von Johannes V orwort 1 Zitat aus dem Anfang der ersten Zürcher Poetik- vorlesung 2009 von Marcel Beyer . NZZ, 7. November 2009, 65. 2 Holtorf 2003, 541. 15 I,II,III_031210.indd 1 12//10 3:0 PM Weiss und Kilian Weber. Der Sachverstand jeder einzelnen Mitarbeiterin und eines jeden Mitarbeiters, ein materialgerechtes Vorgehen sowie eine gewissenhafte Dokumentation auf der Ausgrabung waren die unverzichtbare Grundlage für alle weiteren Arbeits- und Auswer- tungsschritte. Allen am Projekt Baar-Früebergstrasse beteiligten Personen möchte ich für ihr grosses En- gagement bestens danken (vgl. ausführliche Nennung im Vorwort von Stefan Hochuli, S. 11– 13). Maria Ellend Wittwer war in das Projekt von Anfang bis Schluss involviert. Sie war, spä- ter zusammen mit Dino Zimmermann, verantwortlich für die Freilegung der Blockbergungen im Fundlabor und deren Dokumentation. Später war sie zudem für die Restaurierung zahl- reicher Eisenfunde und der Kämme zuständig. Ihre materialgerechte, genaue und lösungs- orientierte Arbeitsweise waren essentiell für das gute Voranschreiten der Freilegungs- und Restaurierungsarbeiten. Mit ihrem Publikationsbeitrag hat sie zudem ein «Handbuch» für die (Block-)Bergung, Dokumentation und Freilegung von frühmittelalterlichen Gräberfeldern ge- liefert. Ich möchte ihr herzlich für die gute Zusammenarbeit danken. Ein grosser Dank geht an Antoinette Rast-Eicher, Expertin für organisches Material, die mir mit ihrer ansteckenden Begeisterung ein neues Forschungsfeld erschlossen hat: die auf den ersten Blick unscheinbaren, auf den zweiten jedoch hochspannenden organischen Mate- rialien. Die wissenschaftlichen Zeichnerinnen Eva Kläui und Sabina Nüssli Bouzid und der wis- senschaftliche Zeichner Salvatore Pungitore haben Hunderte von Funden, Plänen und Rekon- struktionen gezeichnet. Für ihre gekonnte und ideenreiche Umsetzungsarbeit, ihr grosses En- gagement und die inspirierende Zusammenarbeit möchte ich mich ganz herzlich bedanken. Eva Kläui war vor allem für die komplexe zeichnerische Umsetzung der Detailbefunde zuständig und war dabei Zeichnerin und Detektivin in einem. Ihre Rekonstruktionsbilder vi- sualisieren die Forschungsresultate in hervorragender Weise. Sabina Nüssli Bouzid hat durch ihre genaue und analytische Betrachtung der Metall- funde beim Zeichnen wertvolle Ideen und Forschungsanregungen geliefert. Ohne ihre Inputs wären das Wadenbinden- und das Werkzeug-Kapitel so nie entstanden. Salvatore Pungitore zeichnete einen Grossteil der Metallfunde und Grabpläne, wobei er überzeugende Lösungen für die zeichnerische Umsetzung insbesondere der zahlreichen tau- schierten Eisenobjekte gefunden hat. Der Grafiker Patrick Rohner war für die Gesamtgestaltung zuständig. Er hat Layout- lösungen entwickelt, die den Inhalt in Bild- und Textform so transportieren, dass Verständ- lichkeit, Orientierung und Nachvollziehbarkeit gewährleistet sind und ein ruhiges Gesamtbild entstand. Ich danke ihm für seine klaren und überzeugenden Lösungen herzlich. Die meisten Funde, vor allem die Metallfunde, sind erst lesbar und auswertbar, wenn sie konserviert und restauriert sind. Diese Arbeit erfordert grosse Ausdauer und Sachverstand. Ich danke allen beteiligten KonservatorInnen-RestauratorInnen. Sie haben den Funden einen Teil ihrer ehemaligen Ausstrahlung zurückgegeben. Besonders hervorheben möchte ich Stéphane Ramseyer, der den Grossteil der Eisenfunde restauriert hat, sowie Rolf Fritschi, der für die meisten Bronzefunde zuständig war. Folgende Personen und Institutionen haben unentgeltlich gearbeitet, ihnen gebührt ein grosser Dank: Kurt W. Alt und Wolfgang Haak, Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Insti- tut für Anthropologie, welche die molekulargenetischen Analysen im Rahmen eines aDNA- Vorprojekts durchgeführt haben; Gerhard Heck, Staatliche Museen zu Berlin, Stiftung Preus- sischer Kulturbesitz, Rathgen-Forschungslabor, für die Herkunftsanalysen des Bernsteins; Peter Hoffmann, Technische Universität Darmstadt, Material- und Geowissenschaften, Che- mische Analytik, für die Glasanalysen; Eberhard Lehmann und Team vom Paul Scherrer Insti- tut in Villigen für die Neutronen- und Röntgenanalysen; dem Zuger Kantonsspital für die zahlreichen Röntgenaufnahmen. 16 Vorwort I,II,III_031210.indd 1 12//10 3:0 PM Renata Huber, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Kantonsarchäologie Zug, danke ich herzlich für das genaue Lektorat aller Beiträge und die vielen das Buch verbessernden Anre- gungen und Vorschläge sowie für ihre Unterstützung beim Kürzen aller Beiträge und bei de- ren Begleitung von der Redaktion bis zum Druck sowie für ihre communication skills . Ich danke meiner Professorin Prof. Dr. em. Margarita Primas, die Teile dieser Publikation 2003 als Lizentiatsarbeit an der Universität Zürich angenommen hat. Besten Dank an Prof. Dr. Werner E. Stöckli und Prof. Dr. Felix Müller für ihre Offenheit und ihr Interesse. Allen MitarbeiterInnen der Kantonsarchäologie Zug möchte ich für ihre Unterstützung bestens danken. Last but not least geht ein ganz grosses Dankeschön an Patrick Rohner, Aurelian Schumacher und Helga Schlumpf fürs Coaching. Ihr habt die Dinge analytisch von einem an- deren Blickwinkel aus beleuchtet. Merci! Merci pout tout an Heidi und Hansrudolf von Rotz-Hager und Ilva und Sebe Hager-Morini. Katharina Müller, Projektleiterin und Hauptautorin 17 I,II,III_031210.indd 1 12//10 3:0 PM 18 I. Einleitung Am besten wäre es, wenn hie und da Gräber, die organische Spuren vermuten lassen, als Ganzes gehoben und ins Laboratorium übergeführt würden, wo sie mit allen moder- nen Hilfsmitteln untersucht werden können. Auch für dieses Gebiet gilt also die Erkenntnis und Warnung, dass Ausgrabungen immer schwieriger, zeitraubender und verantwortungsvoller werden. Emil Vogt, 1960 3 W as Emil Vogt bereits vor 50 Jahren als optimales Vorgehen bei Gräbern mit organischen Materialien erkannt hat, ist bis heute nicht Standard. Die Gründe dafür hat er genannt. Dabe i ist d as Auss ag epotentia l de s orga - n isc hen Mater ia ls i m mens. I n Kombinat io n m i t dem Grabbau, dem Kör p er ( Skelet t), den Grabb eigab en u nd dere n L age zuei na nder las sen sich v i el fä lt ige In format ion en üb er d ie Mens chen von da ma l s g ew i n nen. Be i Ba a r -Fr üebe rgst ra sse si nd w i r den «sc h w ier igen, ze itraube nden u nd v er a n t wor - t u ngs v ollen» W eg gegangen – au f der Ausg ra - bu ng u nd im L ab or . D en n wa s auf der Aus - g rabu ng , dem O r t de r Que l lenbe sch af f ung , n ich t doku mentier t u nd g eborgen w ird, i st f ü r i m mer verlo ren. D ie Ausgr abu ngstec hn i k ( Kap. II I. 3. 1 u nd V . 1 ), i nsb esondere d ie Block be rg u ngen ( K ap . V . 2 ), de ren Fre i leg un g u nd Doku mentation im L ab or (K ap. V .2 . 1) u nd die Un ter suchu ng des orga n isc hen Ma - ter ia ls ( K ap . V . 2 . 2 ) er mögl ichten es, z u za h l- re i ch en F undk a t e g ori en un d zur Bes ta t tung s - si t te neue A uss agen zu m achen ( K ap . V . 2 .2 , V . 3, V .4, V I. 1 .2 u nd V I. 2 . 2 ) . D ie ne ue n For s c hu ngs re su lt ate ba sie r e n al l e a u f d em ma terialger ech t en V org ehen u nd der seh r g uten Doku mentation auf de r Ausgr abu ng u nd im L ab or . W as Sie, liebe L e ser in, l iebe r L ese r , i m Buch e r wa r tet, sol l fo lgender Kurz üb erbl ick zeigen : Nac h der E in leit u ng fo lg t i n Kap. II ei ne Ü b er sicht über d ie Fu nd- u nd Si ed lu ngs - stel len des Fr ü h m i t tela lt er s, der Z eit z w i - sc hen dem 5. u nd 8. Jh., im K a nt on Zug . I n Kap. II I stehen d ie Gräb er im Zen - t r u m. D e r Fr ied hof Ba a r - Fr üeb er gst ra sse w i rd vo rgestel l t, u nd es w ird d a rgeleg t, w ie v iele Gräbe r aus welchen Gr ü nden fe hlen . Zudem werden die B auw ei se der Gr äbe r , Grabma r - k i er ung en, Besta tt u ng sar ten , T ot eng estus u nd die gestörten u nd be raubten Gräbe r be - h a n de lt . K ap . I V w idmet sich de n Generation en , der A nt hrop ol og ie. K ap . V i st mit dem T hem a «G abe n : Fu n - de u nd B ef u nd e» d a s e ige nt l ic he H aupt k api - tel. De r P rozess ablauf der w iss ens cha f t lic hen Be a rbe i t u ng de r Be f u nde und Fu nde vo n Ba a r - Fr üebe rgst ra sse von der Ausg rabu ng bis z u r A us wer t u ng w ir d erläu ter t, u nt er a nde - rem m it f ü n f Kapit el n z u den T hemen Fr ei le- g u ng u nd Doku mentation im L ab or , Un te r - suchu ng u nd A u swer t u ng der orga n isc hen Ma terialien un d (Be-) Fu n d k ons er v i er ung/ - rest aur ier u ng. Get re nnt nach Frauen- u nd Mädcheng räb er n sow ie Mä n ner - u nd K n a - be ng räb er n werde n d ie Funde u nd die d a z u- g eh örig en a ussa g ek räf tig en Detailbef und e u nd die aus i h nen ablei tba re n In for matio - nen i n Bild- u nd T e xt for m in K ap . V . 3 u nd V .4 präse n t ier t. Ne ue Resu l tate k onnten auf - g r u nd der D et ai lb ef u nde bei de n Frauen- u nd Mädcheng räb er n z u r T rag weise de r Ohr- r i nge (K ap . V . 3.2 . 1), der Perlen ( K ap . V . 3.3. 3) , der Gü r tel g eh än g e ( K ap . V .3.9 . 1), der W aden - binde n (K ap . V . 3. 12 . 1 ) , z u r K leidu ng und z u r Be statt u ng ( Kap. V .2 . 2 , K asten «Det a ilb e - f u nd Fraueng rab 1 89 : d ie T oten her r icht u ng » , S. 458 – 46 1 ) erz ielt werden. B ei de n Mä nner- und K naben gräber n er ga ben s i ch a us d en Det a i lbef u nden vo r a lle m neue In form a t io - nen z u r Best att u ngssitte bz w . V er p ack u ng vo n Grabb eigabe n u nd Le ichen t üc her n res - pe kt ive Fel lm änteln ( K ap . V . 2 . 2 u nd V .4. 1 . 2 . 3 m i t K asten «De r Ma nn m it dem Z ieg en fel l - ma nt el aus Grab 2 1 3» , S. 3 39 – 3 4 2 , s o w i e pra kt i sch a l le Det a i lbef u nde der Mä n ner - u nd K nabe ng räb er). D u rch d ie vorsich t ige R es ta urie r ung un d g ena u e U n t ers uc h ung ko n n ten b ei den T a sche ni n ha lt en de r Mä n - n er T a uschierwer k zeu g e er ka nn t w erden. U n - ter E inb e zug de r a n t h rop ol og i sc hen Dat en wa r es mögl ich, den L e ibu m fa ng ei nes Ma n- nes z u be rec h nen (K ap. V . 4. 2 .3. 3 ). I n K ap . V fi nden sich Un ter suchu ngen und Resu ltate zu ein zeln en F ra g est ellung en , zum Beisp i el, ob es i m Fr ü h m i t tela l ter S chuh sc hna l len gab , was d ie ja pa n isc he K l in g en k u nde f ü r d ie I . E inleitung Katharina Müller 3 V ogt 1960, 90. I,II,III_031210.indd 1 12//10 3:0 PM 19 U n t ersuch ung v o n fr üh mi ttelal t erli ch en Sc hw er t k l i ngen br ing t u nd w ie dies e d ie m e - t a l log r aph i sc he n Unter s uc hu ngen met ho - dis ch e rg änzt . De n V erz ier u ngsmo t iven ist K ap . V .5 ge - w idmet . Hier i st bes on der s d ie tie rst i lv er zier- te Sa x k l i nge a us Grab 6 4 von Baa r -Fr üeb erg- strasse her v orzu h eben. Im A nsc hluss dara n w i rd der Frage nachgega ngen, welches auf - g r u nd der Q uel len lag e u nd der Mater ia lei - g ens chaf t en die wahrsch einli chst e F arbwir - k ung de r taus ch ier ten E ise nob jek te im Fr ü h- m it te l a lt e r w a r. K a p. V I be ha n de l t d ie Beleg u ngs abf olg e u nd die Be statt u ngs si t te. Drei Lebensbilder (das eine in Kap. V .4.1.2.3 «Der M an n m i t de m Ziegen fel lm an - tel aus Grab 2 1 3» , d ie be iden a nderen i n K ap . V I ) v isu a li sieren z us a mmen fa sse nd die For - sc h un gs r es ul ta t e zur Be s ta ttun gs s i tt e d er Frauen u nd Män ner u nd zu m Baby i n Grab 1 50 von Baa r - Fr üeb ergst r ass e. I m Ka sten «F a zit P ro jek t Baa r Fr üeb erg - st ras se» w i rd ei n Kur zf az it zu m V orgehen be im Aus wer t u ngs-, Ausgr abu ngs- u nd P ubli- kat io ns pro jek t Baa r -Fr üebe rgst ras se gezogen. I n der Sy n t hese fi ndet si c h die A nt w or t auf d ie Frage « W a s hat die Un ters uchung von Ba a r -Fr üebe rgst ra sse gebracht ?» in For m ei - ner Zus am men fa ssu ng a ller Resu ltate und in s - be sondere a lle r n e uen Forsc hungsre su l tate. I,II,III_031210.indd 1 12//10 3:0 PM A us dem Frühmittelalter, der Zeit zwi - schen dem 5. und 8. Jh., sind im Kanton Zug bis anhin 35 Fund- und Siedlungsstellen bekannt (Abb. 1). Ihre Identifizierung beruht auf unterschiedlichen Methoden verschiede- ner Forschungsrichtungen. Es sind Resultate der archäologischen Ausgrabungen und Un - tersuchungen von Gräbern, Kirchen und Siedlungen, hinzu kommen Untersuchungen der Ortsnamenforschung sowie Ergebnisse angewandter naturwissenschaftlicher Metho - den wie Dendrochronologie, Radiokarbon - datierung und Pollenanalyse. Die folg e nde A u fl ist u ng s oll e i nen Kur z- übe rbl ick üb er d ie Fu ndstel len gebe n. D ie N um mer n i m nac h folg e nden T e xt b e z iehe n sic h au f d ie Fu nd ste l le n nu m me r ie r u n g i n A b b. 1. 4 Archäologie Archäologisch nachgewiesene Friedhöfe (Abb. 2) Frühmittelalterliche Bestattungen liegen von acht Fundstellen aus dem Kanton Zug vor. Die Grä ber v on Hünen berg, M a rl achen 5 (3 ) w u rde n be re its 1 8 8 7 e nt de c kt u nd spi e - len be i de r Frage nach der B e sied lu ngs - gesch ic h te der Z e ntra lsc hweiz e i ne w ichtige R olle . Denn H ü n enberg -Marla chen 6 ist ne - be n Ob erk u l m AG , S c h losse r t u r m 7 u nd H it z - k i rc h LU , St. Pa n k ratius 8 di e am sü dli ch st en g ele gen e v on d rei Innersch weizer Funds tel - len, d ie Grabf u nde des 6 . J h. gel iefer t hab en. 9 Die in H ü nen berg -Marla chen besta ttet en Per s one n gehör ten som it nac h heut ige m For - sc hungs sta nd zu r e r sten Wiede rb esied lungs - generation in d iese m R aum. Un ter de r B e ze ich nung Fr ied hof Ba a r , Zug e r st ra ss e / Rest au ra nt Frei hof ( 12 ) werden d ie Gräbe r b ei de r K i rc he St. Ma r t i n 10 , b e i m Re st au r a nt Fr e i ho f 11 u nd u n ter de r Zugerst ra s - se 12 z us a m mengefa sst. Sie gehör ten a l le z u m gleiche n Fr ied hof w ie auch da s weiblic he K lei n k i nd in e i nem T uf f stei npla t teng rab m it Memor ia, e i nem hölze r nen Grab üb erb au, da s sich u nter der K i rc he St. Ma r t in (1 4, vgl. u nt e n) bef a nd. Ü b er d ies em Gr ab w u rde d ie er ste K i rc he St. Ma r t i n e rbaut. De r Fr ied hof Ba a r, Zug e rst ra ss e / Restau - ra nt Frei hof w u rde vo m Fr ü h m i t tela lter bis m i nde ste n s i n s Ho c h- / Sp ät m it te l a lte r b e le g t . Die b eigab en lose n Gräb er 2 u nd 35 w u rden aufg r u nd der C1 4 - Daten eventue l l b er eits i m 5. / 6 . J h., j e doc h spätestens i m 7 . J h. – w ie d ie a ndere n b eigab e n f ü h re nden Gräb e r – a nge - leg t . 13 Nach w ie vor s i nd m i ndestens 50 bi s 1 0 0 Gräbe r n icht ausg eg r abe n u nd be fi nde n sich – geschütz t du rc h ei ne sp e z iel le Str as - sen ko f fer u ng – noc h i m B o den. 1 9 98 w u rde da s f r ü h m itte la lterliche Gräbe r fe ld v om Re - gier ungsra t un ter Denk malsch utz g est ellt . 14 De r Fr ied hof B aa r -Fr üeb e rg st ra s se 15 (1 3 ) ist G egenst a nd der vorliegenden P ubl i k ation. V on Zug, Fis ch m a rkt 5 16 (27) l ie g t d ie Be stat t u ng ei nes Ma n nes m it Grabbe igabe n aus der 1. Häl f te des 7 . J h. vor . D ie Fu nde si nd i m K a nt ona len Mus eu m f ü r Urg e schi ch te(n ) Zug ausg estel lt u nd bilden d ie Gr u ndl age ei- nes 1: 1-L ebe nsbi ldes, der Fig u r de s bogen - sc h iesse nden G e r nots. Die er sten Gräb e r des Fr ie d hofs Zug, L ö - beren 17 (2 8 ) w u rde b e re its u m 1 50 0 u nt e r ei- nem W e i nbe rg e nt de c k t. Ausgegr abe n w u r - den i n sg e sa m t m i ndesten s 27 Bestat t u ngen. Die B eigab e e i nes ma ssiven Kur zs a xes, 5 7 0 / 8 0 bis 6 30 /4 0, sow ie ei nes le icht e n Bre itsa - xes, 5 70 / 8 0 bi s 66 0 /70 , 18 zeigen, d as s der Fr ied hof si c herl ich i m 7 . Jh . , v iel leic ht bere its f r ü her u nd /o der auc h spät e r , b enutz t w u rde. II . Das Frühmittelalter im Kanton Z ug Katharina Müller 4 An dieser Stelle wird die Fundstelle Baar-Früeberg- strasse zeitlich und geografisch kontextualisiert; es wird keine siedlungsarchäologische Auswertung vorgenom- men, wie sonst üblich (vgl. z. B. Horisberger 2003a, Marti 1995). 5 Cueni 2000, 160–168; Bolliger/Hochuli 1996, 94 f., Abb. 3–5, Titelbild AS 19/2, 1996; Speck 1984, 225 f., Abb. 28 und 29; Speck 1958, 78–80, T af. 9 und 10; Speck/Speck 1952, 37; JbSGU 28, 1936, 82; JbSGU 16, 1924, 111; JbSGU 2, 1909, 143. 6 Eine Gürtelschnalle aus Buntmetall mit geripptem Kolbendorn (Bolliger/Hochuli 1996, Abb. 4,1) kann ins dritte Viertel des 6. Jh. datiert werden. Vgl. Marti 1990, 75. 7 Moosbrugger-Leu 1971a, 200, 202; Moosbrug- ger-Leu 1971b, T af. 51,16. 8 Martin 1988a. 9 Marti 1995, 114–116. Die rund sechs Gräber mit zahlreichen Funden, die 1887 ausgegraben wurden, sind noch nicht umfassend publiziert. 10 JbSGU 32, 1940/1941, 177; JbSGU 17, 1925, 103; JbSGU 15, 1923, 116. 11 Horisberger et al. 2004; Cueni et al. 1997/98; Hochuli/W eiss 1998. 12 Horisberger et al. 2004; Hochuli 1999/2000; Hochuli 1999a; Hochuli 1999b. 13 Horisberger et al. 2004. 14 Hochuli 1999b, 105 f. 15 Hochuli/W eiss 2001. 16 Bolliger/Hochuli 1996, 96 f., Abb. 7 und 8; Aklin/ Horat 1993, 10 f.; Hochuli/Rothkegel 1993. 17 Bolliger/Hochuli 1996, 95 f.; Speck 1984, 226; Speck 1977; Speck 1970, 10 f.; Speck 1958, 80–82; Speck/Speck 1952, 37; Speck 1950. 18 Abbildung: Speck 1950, T af. II. Datierung: W ernard 1998, vgl. Kap. V .4.1.2.1. 20 II. Das Frühmittelalter im Kanton Zug I,II,III_031210.indd 20 12//10 3:0 PM Lorze Lorze Reuss Sihl Ä g e r i s e e Z u g e r s e e Z ü r i c h s e e Cham Baar Hünenberg Oberägeri Unterägeri Zug Steinhausen Risch ? 1 2 3 5 6 7 8 9 10 11 12 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 32 30 31 33 34 ? 4 13 35 5 km 0 Archäologisch nachgewiesene Siedlung Heutiger Ortsname Abgegangener Ortsname Einzelfund Archäologisch nachgewiesene Ki rc he Archäologisch nachgewiesener Friedhof Pollenanalyse Dendrodatierte Pfähle 1 Risch, St. V erena 2 Risch, Ibiken 3 Hünenberg, Marlachen 4 Hünenberg, Dräliken 5 Cham/Hünenberg, Eichmatt 6 Cham, Äniken 7 Cham, Rumetik 8 Cham, Isliken 9 Cham, T ellikon 10 Steinhausen, Baltrikon 11 Steinhausen, Chollerpark 12 Baar , Zugerstrasse/Restaurant Freihof 13 Baar , Früebergstrasse 14 Baar , St. Martin 15 Baar , Dorfstrasse 38/40 16 Baar , Blickensdorf 17 Baar , Deiniken 18 Baar , Notiken 19 Baar , Büessiken 20 Baar , Inkenberg 21 Baar , Gerlikon 22 Baar , Juntikon 23 Baar , Baarburg 24 Neuheim, Neuheim 25 Menzingen-Edlibach, Kiesgrube Bethlehem 26 Menzingen, Egelsee 27 Zug, Fischmarkt 28 Zug, Löberen 29 Zug, T rubiken 30 Zug, Industriestrasse 46 31 Zug, Unteraltstadt 18/20 32 Zug, Burg 33 Zug, St. Michael 34 Unterägeri, Hotel Seefeld 35 Oberägeri, Seematt A bb. 1 Archäologi - sche Fundstellen und Or tsnamen des Früh - mittelalters (5. bi s 8. Jh.) im Kanton Z u g. A bb. 2 Frühmittel - alterliche Gräber im Kant on Zug. D ie Zah- len in K lammer n bezie- hen sich auf A bb. 1 . Fundort Entdeckungs-/ Ausgrabungsjahr(e) ausgegrabene Bestattungen Datierung Hünenberg, Marlachen (3) 1887 6 6./7. Jh. Baar, Zugerstrasse/Restaurant Freihof (12) 1923, 1997, 1998 26 5.?/6.?/7. Jh. Baar, Früebergstrasse (13) 2000 217 7. Jh. Baar, St. Martin (14) 1770/71?, 1961 4 ?/um 700/? Zug, Fischmarkt (27) 1991 1 7. Jh. Zug, Löberen (28) 16. Jh., 19. Jh., 20. Jh. mind. 27 ?/7. Jh./? Unterägeri, Hotel Seefeld (34) 1908 2 ? Oberägeri, Seematt (35) 1955, 1959, 1962 5? 7. Jh. 21 I,II,III_031210.indd 21 12//10 3:0 PM f r ü h m i t tel a l te rl ic he Fu nde w ie Gl a s p e rle n, Sp innwi rtel un d ein klein es M esser geh ö ren. 26 Be i der z weit en Sied lung h a ndelt es sich u m d iejen ige an de r Dor f st r as se 38 /4 0 i n Baar ( 1 5). Hi er k onn t en m ehrere Pf ost enba u - ten sow ie ei n 3, 3 m × 3 m g ross es Gr ube n - ha us er kan n t w erden. Bei zwei wei ter en rec hteck igen, flach soh l igen Gr ub e n von 1 1– 12 m 2 könnt e es sich eb e n fa l l s u m Gr ub en - hä user hand eln. Z um f r ü hm i ttelal t er lich en Gesamt bef u n d g eh ör en zud em F euers tell en, gr ubenähn lich e V ertief ungen und St ei nset - z u ngen. D ie C 1 4 - Daten weise n i ns 5.–7 . J h. E i n herausr agender Fu nd ist e i ne bronze ne Sc h muck nade l m it w ü r fel för m igem, m it Ei n - lagen aus rotem Glas verz ier tem Kopf . 27 Einzelfunde Von fünf Fundstellen im Kanton Zug liegen Einzelfunde vor, die typologisch ins Frühmit - telalter gestellt werden können. Auf de r Ba a rb u rg ( 2 3) w u rde ei ne u nver - z ier te R iemen z u nge gef u nden, d ie wa h r - sc hei n l ich i n d ie 2 . H ä l f te des 8 . J h. gehör t. 28 Aus Men z i ngen, E d l ibach, K iesg r ub e Be t h lehem ( 25) st a m mt ei ne byz a nti n i sc he Mü n z e : K a i s e r r e ic h, M au r ic iu s T i b e r iu s , C on - st a nt i nopol i s, Pe nta num m iu m, 582 – 6 0 2 . 29 A n de r I ndust r iest ra ss e 46 i n Zug (3 0 ) w u rde ei ne e ise r ne f r ü h m ittela lt erl iche L a n- zensp i tze g ef u n den. 30 V on der Un tera ltst adt 1 8 / 2 0 / Su st i n Zug (3 1), aus Posi t ion 53 , Phas e I, sta m mt eine k ugelige, gr ü ne, o pa ke Glaspe rle (F N 2 1 3 ), die ursp r ünglich T eil einer Mehrfach perl e w a r. 31 Sie k a n n i n d ie d r itte Phase von E lgg , k u rz vor Mitte des 7 . J h. bis i n d ie 2 . H ä l f te 7 . J h., datier t werden. 32 Die f r ü hesten Sied lun gsspu ren au f de m A r ea l de r Bu r g Zug (32) , Sied lung sphas e I, werden nac h de r Neub ea rb eit u ng de r B ef u n - de n icht m eh r a ls f r ü h- 33 , sonder n a l s hoc h- m it te l a lt e r l ic h 34 ang eseh en. V om ganzen A r ea l de r Bu rg Zug l ieg t nu r ei ne R a nds che r - be e i nes f r ü h m ittela lterlichen ( 6 . /7 . J h.) T op - fes 35 vor . Sie be fa nd si c h u mgelager t i n e i ner Auf sc hütt u ng , d ie z u r Sied lu ngs phase I I (1 1. /12 . J h .) ge hör t . 36 Ortsnamenforschung 37 : Ortsnamen des 6./7. Jh. bzw. 6.–8. Jh. -dorf Den frühesten Hinweis auf eine alamannische Siedlung im Kanton Zug aus dem 6./7. Jh. liefert in der Endung -dorf der Ortsname Bli - ckensdorf in Baar (16). Der Name kann als Die z wei Gräb e r von U nteräger i, Hotel Seefel d 19 ( 34 ) w u rde n 1 9 0 8 von A rb e it er n be i m Aushub f ü r d ie Fu nd a ment e ei nes neu - en Ga st hofs entdeck t. D ie Gräbe r wa re n W est - Ost - ori en tiert, un d ein e eis er n e Schnal - le bef a nd si c h gemä ss dem W i r t de s Se e feld « i n der Nä he de r Sk elet te» . In Oberä g eri, Seema t t 20 (34 ) w u rden 19 55 und 1 95 9 Sk elettrest e m eh rerer In div i du en entdeck t. B ei m A n legen ei nes K a n a l is ations - g rab e ns i m Ju l i 1 962 s t iess m a n z udem au f zwei W est - Ost - orien t ierte Sk elett e, w o v on ei - nes a ls Grabb e igab e ei nen s c hw er en Br eits a x , 1 . Vier tel 7 . J h. bis 6 8 0, 21 au f w ie s . Archäologisch nachgewiesene Kirchen Die erste Kirche von St. Verena in Risch (1) datiert ins 8. Jh. und lässt sich indirekt über 14 Ost-West-orientierte beigabenlose Gräber erschliessen. 22 I n St. Ma r t i n i n B aa r ( 1 4 ) w u rde d ie er ste K i rche, ei n Stei nbau, be reits i m 7 . / 8 . J h. i n u nd auf den F u nda menten ei nes röm is chen Gut sho fe s 23 er r ic ht et. E s wa r ei ne S aa l k i rche m it einge zogenem, i m Gr u ndr is s v ier ec k i - gem A lta rhaus u nd V orha l le. I m I n ner n de r V orhal le b efa nden sich z wei T u f f stei npla t - teng r äbe r , wo vo n da s e i ne da s Skelett e i nes Ma n nes m it der B eigab e e i nes K lapprasier - messe rs, d a s a ndere d ie B est att u ngen z we ier K leink ind er en t hiel t. Bei de Grä ber m üssen n icht zw i ngend zu m er sten K i rc henbau ge - hören, sie k önnten ber eits vor desse n Bau b e - sta nde n hab en u nd T e i l des Fr ied hofs B aa r - Zug er st r as se (1 2 ) gewesen s ei n. D ies ist z u - m i ndest f ü r da s T u f f stei npla t teng rab ei nes weiblichen K lei n k i ndes m it hö l ze r nem Grab - bau, da s st rat ig r a fi sc h u nter dem A lta rhaus der K i rc he des 7 . / 8 . J h. lag, de r Fal l. 24 Fü r St. M ic hael i n Zug (33 ) k a n n a nge - nommen werde n, da ss d ie K i rc heng r ü ndung a ufs Frühmi tte l al t er zur ü ckg eh t. Dafür s p re - chen d a s Patroz i n iu m sow ie d ie a rc häol og i - sc hen Un ters uchu ngen, d ie röm isc he Fu nde gelie fer t hab en, wa s i nd i re kt au f e i ne K i r - c he n g r ü ndu n g i n ne rh a l b e i ne s r öm i s c he n Bauwerk es (w ie z u m B ei spiel Ba a r St. M a r t i n) h i nwei s e n d ü r f te. 25 Archäologisch nachgewiesene Siedlungen Archäologisch sind nur zwei Siedlungen im Kanton Zug nachgewiesen. Die s is t zum einen Cham/ H ünen berg, E ich mat t (5) , wo ei ne gan ze Rei he von 2 – 3 m br ei ten und 4 – 6 m lang en G r ubenhä usern ausg eg r abe n w u rde, zu de nen e i n ige wen ige 22 II. Das Frühmittelalter im Kanton Zug I,II,III_031210.indd 22 12//10 3:0 PM Pollenanalysen Aus Menzingen, Egelsee 47 (26) sind pollenana - lytische Hinweise zur Besiedlungsgeschichte in der Umgebung des Egelsees vorhanden. Für die Zeit ab 400 n. Chr. lassen sich an - hand der deutlich ansteigenden Nicht-Baum- pollen-Werte Rodungen und eine Intensivie- rung der Landwirtschaft belegen. Zudem zei- gen die vielen Hanfpollen, dass Wasserröste von Hanf betrieben wurde. 48 ‹Dorf des Bliggin› übersetzt werden. 38 Bliggin ist ein Männername und bedeutet «der Strah - lende, der Glänzende». 39 Er war der Namen - geber der Siedlung, entweder der Siedlungs - gründer oder ein wichtiger Sippenältester. 40 -heim Neuheim (24) und Inkenberg (20) in Baar ge- hören ebenfalls zu den ältesten alamanni - schen Namen der Region und datieren in die Zeit des alamannischen Landesausbaus des 6. bis 8. Jh. 41 Ortsnamen des 7./8. Jh. -ikon Die Ortsnamen auf -ikon datieren ins 7./8. Jh. 42 und weisen auf einen Landesausbau durch alamannische (Einwanderer-)Siedlungen/Ge - höfte hin. 43 Die Endung -ikon bedeutet ‹bei den Höfen der Leute des …›, wobei im ersten Namensteil der Anführer der Sippe genannt ist. 44 So kann der Name Notiken (18) als ‹bei den Höfen der Leute des Nordo›, Büessiken (19) als ‹bei den Höfen der Leute des Puozo›, Gerlikon (21) als ‹bei den Höfen der Leute des Gerilo›, Juntikon (22) als ‹bei den Höfen der Leute des Junto› und Deiniken (17) als ‹bei den Höfen der Leute des Tegin› übersetzt werden. 45 Weitere Ortsnamen mit -ikon des 7./8. Jh. sind Ibiken in Risch (2), Dräliken in Hünenberg (4), Äniken (6), Rumetik (7), Is - liken (8) und Tellikon (9) in Cham, Baltrikon in Steinhausen (10) und Trubiken in Zug (29). Dendrochronologie Aus Steinhausen, Chollerpark (11) liegen dendrodatierte Pfähle aus den Zeitspannen 420–650 AD cal und 660–880 AD cal vor, die auf mögliche Aktivitäten wie Fischereitätig - keit, Einzelbauten oder Verkehrsbauten bzw. -wege oder Landwirtschaft im ufernahen Be- reich hindeuten. 46 19 Bolliger/Hochuli 1996, 98; JbSGU 15, 1923, 125; JbSGU 1, 1908, 120. 20 Bolliger/Hochuli 1996, 98; JbSGUF 56, 1971, 243, T af. 30,3; Speck 1964, 9 f., T af. 2. 21 W ernard 1998. 22 Eggenberger et al. 2008, 227–233. 23 Horisberger 2003a. 24 Eggenberger et al. 2008, 130–140. 25 Eggenberger et al. 2008, 253. 26 Hochuli/Schaeren 2008. 27 Schaeren/Hochuli 2002; W eber/Hochuli 2002. 28 Stöckli 2000, 13, 11, Abb. 4,13. 29 Doswald/Della Casa 1994, 65, T af. 2,1704-3.1:1. 30 JbSGU 38, 1947, 53. 31 Senn-Luder 1998, 131, Abb. 16,7.13, Katalognr . 7 und 151; ehemalige Bezeichnung Zug-Untergasse 18/20. 32 W indler 1994, 83 f., 120. 33 Bolliger/Hochuli 1996, 94 f., Abb. 1 und 2. 34 Hofmann 2003, 35. 35 Horisberger 2003b, 290 f., Abb. 345, T af. 1,3. 36 Hofmann 2003, 41. 37 Alle Zuger Ortsnamen finden sich bei Dittli 2007. 38 Dittli 2007, Band 1, 228. 39 Dittli 1991/92, 32. 40 Dittli 1991/92, 30. 41 Dittli 2007, Band 3, 411; Dittli 1992, 146, 149. 42 Dittli 2007, Band 3, 98 f.; Dittli 1992, 159, 214. 43 Dittli 1992; Dittli 1991/92. 44 Dittli 2007, Band 3, 98; Dittli 1992, 159. 45 Dittli 1992, 161–168. 46 Eberschweiler 2004, 167–170, Abb. 230. 47 W ehrli 1999; W ehrli 2005; W ehrli 2007. 48 W ehrli 2005, 109. 23 I,II,III_031210.indd 23 12//10 3:0 PM chen B aa re r Ze n t r u m entfe r n t be fi n det sich der Fr ied hof Baa r -Fr üeb erg str ass e. Er l ieg t auf ± 439 m ü. M. auf de m A re al Fr üebe rgst ras se zwi s c hen der Müh legass e im Norde n, der Fr üeb er gst ras se i m W esten, de r W erk hofst r as - s e i m Süden und e iner W ohnübe rbauung i m Osten (Abb. 4) . E n tde ck t w u rde de r Fr ied ho f a m 9 . Ma i 2 0 0 0. Jo ha nnes W e iss, Grabu ngstec hn i ker der K a n tonsa rc häol og ie Zug, e rka n n te a u f der B austelle de r W ohnübe rbauung Fr üe - b erg str asse i n Ba a r in de r Bös chung de r be - re it s b es te hend en Baup is te me ns c h l ic he K noc hen, ei n eis er nes S chwer t u n d ei n ige Gla sp e rlen, d ie von a n ges c h n itte ne n f r ü h - mi ttelal ter li chen Gräbern stamm t en. Da d ie Gräber du rc h da s Bauv orhaben be d roh t wa re n, l eitet e d ie Ka nt onsa rc häol o - g ie Zug umgehend ei ne Rett u ngsg rabu ng e in. Dies e dauer te bis z u m 1 5. De ze mber 2 0 0 0 und f ö rd erte ein en fr ü hmitt elal ter li chen Fr ied hof mit über 2 0 0 B est a t t u ngen, bronze - ze it l ic he H au sg r u nd r i ss e 51 , ei n sc h n u rk e ra- m i sc he s Gr ub e n h aus 52 s ow ie za hl re iche Ei n- ze lf u nde v er sc hie denster E po chen, von der Bron ze zeit bis in s M i t tel alter , z u T age. Da nk e i ner sorg fä ltigen Pla nung , die sich den E r forder n isse n des B au be tr iebs a npas ste , ko n n te d ie arc häol og isc he R et t u ngsg rabu ng dur chgef ü h r t werden, oh ne dass sich d ie Bau- arbei t en v erzög er ten . T erm ing erech t s tand en d ie Hausbl öc ke 1 2 Monate nach Grabu ngs - en de ei n z ugsber eit. De r Baubet r ieb f ü r d ie W oh nü be rbauung u nd d ie A u sg rabu ngen l ie- fen pa ra l lel nebe neina nder ab (Abb. 5). Störungen (Abb. 7) Der Friedhof Baar-Früebergstrasse war in sei- nem Westbereich massiv durch die Baupiste und die damit verbundenen Baggerarbeiten gestört worden. Von den Gräbern 29 bis 33 und 197 konnten nur noch Reste in der Bö- schung der Baupiste dokumentiert werden. 1 Friedhof B aar liegt 2,5 km nördlich des Kantons- hauptortes Zug (Abb. 3a). Baar, *barros, ist ein keltischer Name, der eine Anhöhe oder einen Ort, der auf oder bei einer Anhöhe gele- gen ist, beschreibt. Die Bezeichnung wurde wohl ursprünglich für die Baarburg verwen- det, von wo aus der Name auf die Siedlung am Fusse der Baarburg übertragen wurde. 49 Aufgrund des «keltischen» Ursprungs des Na- mens kann für das frühmittelalterliche Baar eine ansässige, «keltoromanische/romani- sche» Bevölkerung angenommen werden. 50 I m Ze n t r u m v on Baa r l ieg t m i t de r Sied- lung B aa r - Dor fst ra sse 38 /4 0 ( 1 5, siehe Kap . II u nd Abb . 1 ) , dem Fr ied hof Ba a r -Zugerst r as s e/ Restau ra nt F re ihof ( 12 , siehe Kap . II u nd Abb. 1 ) u nd dem er sten St ei nbau der heuti- gen P fa r rki rc he St. Mar t i n ( 1 4, siehe Kap . I I u nd Abb . 1 ) d ie d ich teste K on ze n t ration v on fr üh m i ttel alt erli c h en Funds t ellen des Kan- tons Zug v or ( Abb. 3b). 70 0 m Lu f t l in ie vo m heutigen u nd w ohl be reits f r ü hm ittela lterli- III. Gräber: Der Friedhof Baar-Früebergstrasse Katharina Müller, mit einem Beitrag von Marlu Kühn A bb . 3a Lage von B aar in der Sch wei z. Ab b. 3 b F rüh mi tt el- alterliche F undst el len in B a a r. 1 : Fr üebe rgstrasse 2: P farr kirche St. Mar tin 3 : Dor fstrasse 3 8/40 4 : Zuge rstrasse 5: Fr eihof Baar 49 Dittli 2007, Band 1, 123; Dittli 1992, 54–58; Dittli 1991/92, 26 f., 29, Karte 1. 50 Dittli 1991/92, 32. Vgl. R. Martis V erbreitungskar- te der vorgermanischen Ortsnamen im Raum der Inner- schweiz. Seiner Meinung nach geben Häufungen vor- germanischer Namen Hinweise auf eine spätantik-früh- mittelalterliche Siedlungskontinuität oder zumindest ei- nen Landesausbau durch die romanische Bevölkerung. Marti 1995, 117, Abb. 37. 51 Auswertung der bronzezeitlichen Funde Bigler 2003 und Bigler 2006. 52 Gnepf Horisberger et al. 2005. A bb. 4 Das A r eal der W o hnüberbauung Fr üeb ergstrasse i n B aar währ end der Rettung s- grabung. Blick gegen Südwest en. A ufnahme vom 2 . Juni 2000. A bb. 5 A re a l Fr üeb ergstrasse i n B aar . B aubetrieb und archäo - logische Rettung sgr a- bung laufen parallel. B lick gegen N ordost en . Im Hintergrund ist die B aarb urg gut erkenn- b a r. 2 3 4 5 1 100 m 24 III. Gräber: Der Friedhof Baar-Früebergstrasse I,II,III_031210.indd 2 12/13/10 11:3 M Pfostenloch, Grube Grabgrube Einzelfund Baupiste Baujahr 1968 Baujahr 1978 Mühlegasse Mühlegasse Früebergstrasse W erkhofstrasse A bb. 6 Das A real der W ohnü berb auun g Früebergs tra sse in B aar mit dem frühmitt elalt er - lichen F ried hof. Das ganz e Areal wurde – auc h ausserhalb der Gräbergr upp en – mit dem B ag ger in der kr itis chen T ie fe vorsichtig untersucht, so - das s davon aus gegangen we rden k ann, das s alle noc h nicht zerst ör ten – s ei es du rch mod erne mens chliche Eingrif fe oder durch L orz eüber - schwemmungen – Gräber er fasst w erden konnt en. M . 1: 8 0 0. 25 1 Friedhof I,II,III_031210.indd 2 12//10 3:0 PM 5.1 5.2 2 3 1 32 33 30 29 31 197 213 207 204 211 210 209 212 208 206 205 202 199 55 152 155 156 158 159 157 154 54 58 160 82 83 57 60 61 84.2 84.1 81 53 50 56 49 59 11 51 48 47 52 4 10 43 40 44 38 9 14 41 39 18 17 13 34 42 15 16 19 20 35 36 23 22 21 24 25 62 63 100 46 37 80 69 70 86 67 45 65 66 68 101 64 26 98 99 97 27 96 133 85 71 78 135 79 77 92 93.1 93.2 136 75 74 137.1 137. 21 39 73 28 95 72 103 102 121 104 124 107 106 122 120 105 108 111 127 128 118 123 76 163 89 131.2 131.1 130 87 140 88 90 168 167 166 91 94 165 162 161 145 181 142 143 144 169 182 177 183 190 150 149 148 146 147 180 151 198 170 x 126 125 171 132 179 119 117 129 138 109 110 134 112 113 141 114 153 115 116 178 175 173 172 174 176 186 185 194 201 184 203 200 189 196 192 195 191 187 193 188 Ostprofil 1 Nordprofil Ostprofil 2 Baupiste KN KS GS 267 142 139 148 61 58 62 141 140 6 137 138 Bagger 164 228.140 228.130 228.190 228.180 228.170 228.160 682.250 682.240 682.230 682.220 682.210 682.200 682.190 682.180 682.260 682.270 682.280 228.150 GS: geologischer Sondierschnitt Bagger Baupiste KN: Kiesaushub Nord KS: Kiesaushub Süd Einzelfund Grabgrube 138 Positionsnummer Pfostenloch, Grube moderne Störungen: 10 m A bb. 7 B aa r - Fr ü ebe rgstrasse. Üb er sic htsp la n des Friedhofs mit modernen S törungen. 26 III. Gräber: Der Friedhof Baar-Früebergstrasse I,II,III_031210.indd 2 12//10 3:0 PM 5.1 5.2 2 3 1 32 33 30 29 31 197 213 207 204 211 210 209 212 208 206 205 202 199 55 152 155 156 158 159 157 154 54 58 160 82 83 57 60 61 84.2 84.1 81 53 50 56 49 59 11 51 48 47 52 4 10 43 40 44 38 9 14 41 39 18 17 13 34 42 15 16 19 20 35 36 23 22 21 24 25 62 63 100 46 37 80 69 70 86 67 45 65 66 68 101 64 26 98 99 97 27 96 133 85 71 78 135 79 77 92 93.1 93.2 136 75 74 137.1 137. 21 39 73 28 95 72 103 102 121 104 124 107 106 122 120 105 108 111 127 128 118 123 76 163 89 131.2 131.1 130 87 140 88 90 168 167 166 91 94 165 162 161 145 181 142 143 144 169 182 177 183 190 150 149 148 146 147 180 151 198 170 x 126 125 171 132 179 119 117 129 138 109 110 134 112 113 141 114 153 115 116 178 175 173 172 174 176 186 185 194 201 184 203 200 189 196 192 195 191 187 193 188 Ostprofil 1 Nordprofil Ostprofil 2 Baupiste KN KS GS 267 142 139 148 61 58 62 141 140 6 137 138 Bagger 164 228.140 228.130 228.190 228.180 228.170 228.160 682.250 682.240 682.230 682.220 682.210 682.200 682.190 682.180 682.260 682.270 682.280 228.150 GS: geologischer Sondierschnitt Bagger Baupiste KN: Kiesaushub Nord KS: Kiesaushub Süd Einzelfund Grabgrube 138 Positionsnummer Pfostenloch, Grube moderne Störungen: 10 m 27 1 Friedhof I,II,III_031210.indd 2 12//10 3:0 PM Das si ltige Aush ubmat er ia l des M i t t el - st ück s der B a upiste , da s unter dem Hu m us z um V orsc hein gekomme n war u nd in de m sich sicherl i ch auch Gräb er b efa nden, wa r berei ts ab g ef ühr t w o rd en. Der Berei ch w es t - l i ch de r Bau piste wa r insb esondere i m Be - reic h um d ie Gräber 1 u nd 2 teilwei se schon t ief gestö r t. De r Humus u nd eine i n dies em Be reich e h ema ls e t wa 1 , 5 m mächtige K ies - schi ch t, die s i ch un ter ein er S il tschich t be - fa nd, ware n in z wei Hau fen öst lich de r Bau- piste depon ier t w orden. Aus d iesen b eiden K iesdep ots, K iesaushub Süd (K S ) u n d K ies - aushub No rd ( K N ), konnt en z ah l reiche f r üh - m i ttela lt erl i che Objekte – Reste der ze rstör - ten Gräbe r westl ich der B au piste – h erausge- lesen werde n. Diese F unde sind auf de n T a - fel n unter der B eze i ch nung St reu f u nd 1 b is 32 ab gebildet. E ine wei tere mode rne Stör ung i st der geol og isc h e Sond i er sch n i tt ( GS ), de r im Ju ni 1 999 f ü r da s Sc hachtprofi l 5 a ng eleg t w u rde u n d der d ie Gräber 1 05 bis 1 0 7 , 1 1 1 , 12 7 u nd 128 a ns ch nitt . Die O stgre n ze des Gräb er feldes k onnte n i cht m eh r gefas st w erde n , da e ine W oh n - übe rbau u ng die i n dies em Be reich z u er wa r - t en den G räber berei ts in den 1 9 7 0 er -Jahren ze rstört h a tte (Abb. 6). Die Südg ren ze de s Gräbe rfe l des konnt e öst lich de r Baupiste k lar gef asst werde n. Bei Posi tion 6 ha n delt es sich u m eine P ferde - «Dep o n i er u ng » (Abb . 8) , eventue ll ei ne Ab - dec k erg r ub e, die aufg r u nd der C1 4 - Da tie - r u ng im 2 - Sig ma- Be reich i n d i e Z ei t z w i - sc h en 13 1 0 und 1 650 gehör t. 53 Das P ferd ist s om it sp ät m it te l a lte rl i c h o de r f r ü h n eu z e it - l i ch u nd g ehör t nicht zu m f r ü hm i t t ela lt erli- chen G rä berfel d. Die Nordg ren ze de s Frie dhofes l i eg t be i den Gräb er n 207 / 2 1 3. Die Gräbe rfe l d lücke z w isc h e n der Gräb erg r uppe i m Norden (Gr ä- be r 20 4 bis 2 13) u n d de r Gräbe rfeldg r uppe i m Sü de n ist d ie F olg e me hre rer L orze über - sch w emm u n g en (Ka p . III .2 ). D as g anze A r eal Baar -F r ü e ber gs tra ss e w u rde – au ch au sserha lb der Gräbe rg r uppen – m i t de m Bagger i n der k r i t isc h e n Tiefe vo r - sichtig u n ter sucht, sod ass d a von ausg ega ngen werden k a nn, da ss a lle noch n icht zer st ör ten – sei e s durc h moder ne mensc hl iche Ei ng r if- fe ode r durc h Lorz eübe rsc h wem mungen – Gräbe r er fasst werde n k on n ten. Zu den üb er 1 9 0 Gräber n m i t meh r al s 2 0 0 Best a t t ungen müsse n aufg r u n d der B ele- g u ngsd ich te r u nd 50 Gräber h i nz ug e rec hnet werden, d ie durc h die Baupiste und den B ag - ger zer stört w u rden. H in zu kom m e n si c her - l i c h mi ndestens 3 0 Gräber , welche durc h d i e W oh n üb erbauu ng im O st e n zer stört w u rden. Da zu z u re ch n en si nd zu sä t zl ich et wa 1 0 0 Gräbe r , d ie sich z w isc h e n der Gräb er fel d - g r uppe i m Sü den u nd der Gräbe rg r uppe im Norden b efa n den. D ies macht ein T ota l von u rspr ü ngl ich u ngefä hr 3 80 Gräb er n. Da s heisst, d ass noc h et wa z wei Dr itte l des ur - spr ü ngl i c hen Gräbe rfe l de s arc häo logi sch e r - fas st w e rden konnt e n. 2 Stratigrafie Z um Verständnis der Schichtverhältnisse im Bereich des Friedhofes wurden die Be- funde in der Fläche, die gross angelegten Pro- file (vgl. Abb. 7) und die Funde aus den Posi- tionsnummern hinzugezogen. Nicht berück - sichtigt wurden die Plana der prähistorischen Schichten im Gräberfeldbereich, da sie sepa - rat ausgewertet werden sollen. 2.1 Befund in der Fläche/ «Baggerplanum» Infolge Zeitdrucks wurde mit dem Bagger das Sediment bis auf das Niveau abgetragen, auf dem die Grabgruben erkennbar waren. Im Laufe der Grabung und je nach Befund wur- de dieses erste Erkennungsniveau aus Zeit - gründen um etwa 40 cm unterschritten. Aus- nahmen bildeten Gräber mit Metallobjekten, welche das Metallsuchgerät zu erkennen gab. Dieses «Baggerplanum» wurde auf 1:20-Plä - nen festgehalten. 54 Die A nspr ache des Se di ments z w ische n den Gräb er n er folgte b esc hre ibend, ohne Po - si t ionsnum mer n ver gabe. P ri mä r w u rde z wi - sc h e n Silt und K ies u n ter sch ieden. W e rden d iese Silt - u nd K iesber eiche fa rblich au f den Gräbe r feld pla n u mg ese tz t, so er gibt sich e in i n teres sa n tes Bi l d : E s lässt sich e ine Ost - W est - « F lie ss rich t ung » er kenn en. Dies z eig t au c h d i e K a rt ier u ng der Sc h wem mr i nnen (Abb. 1 0 ) . In sbesonder e im Be reich z w isc hen der Gräb erg r uppe i m No r - den ( Gräbe r 20 4 bis 2 13) u n d de r Gräbe rfeld - g r uppe im Süde n k on n ten meh rer e si c h über lag er n de Sch wemmr innen do k um en - t ier t w e rden. Aus i hnen st am men z ah lr eiche Streuf und e un t erschiedl i cher Z ei t s tell u ng en. A bb. 8 B a a r- Fr üebe rgstrasse. Spä t - mitte lalt erliche bis früh - neuz eitl iche P ferde- «De poni erung», Po siti - on 6. C1 4 -D atierung : 1 3 1 0 –1 65 0 (2 Sigma) . 28 III. Gräber: Der Friedhof Baar-Früebergstrasse I,II,III_031210.indd 2 12//10 3:0 PM Sa ndsc hicht mit mäs s ig v iel K ies, da r übe r fo lgen i n 3 m b is 2 ,3 m Tie f e abwec hsel nd s i l - t ige, sand ige u nd k iesige Sc h icht en, i n 2 , 3 m bis 0,8 m Tie fe gefo lg t von ei ner g rob e n K ie s ss c h ic ht m it v ie le n Ste i ne n . D ie nä c h st - fo lgende Sc h icht in 0,8 m bi s 0,3 m T iefe zeic h net sich durc h si ltigen S a nd m it vie l K ies u nd g robe n Stei nen aus. Da r i n b e fi nden sich d ie Gräbe r . De n n be i den a ls T onsc her - ben ang es p roch en en Ob j ekt en han del t es sich m it gro sse r Sicherhei t u m K noc hen u nd Sc häde l k a lotte n der du rc h S c hac ht 5 ange - sc h n ittenen Gräb e r 1 05 bis 1 07 , 1 1 1 , 1 2 7 und 128 . Da r üb er l ieg t de r Humus . I n den g rosse n P rof i len – O st prof i l 1 , Ost profi l 2 u nd Nordp rofi l – konnt en d iese Ü bersc h w emm ungs sedimen t e d er Lorz e zei t - lich w ei t er a useinan der dividi ert wer den . Di e a rc häol og is c hen P rofi le bi lden som it Doku - men tat ionsbr ücken z w i sc hen den geologi sc h do k u m en ti erten Lor zea b la g eru ng en , ins be - sondere k u rz n ach de r let z ten E is ze it , u nd den h i stori sc h dok u mentier ten Ü b er s chwem - mu n ge n. Be t rac ht et ma n d ie Höh en – m it al le n E i ns ch r ä n k u ngen, welche sich du rch d ie Bag gerabt r äge ergebe n –, so sc hei nt ei n ge - ring es O s t - W es t -Gefäll e v or zuli e g en. G r a b 1 72 im O sten l ieg t au f 439 , 99 m ü. M., Grab 1 1 i m W esten au f 439 ,46 m ü. M. De r Höh en - u nt er sc h ied l ieg t b ei 0, 53 Meter n. Be i de r P u n kt wolke v on Stre u f u nden vor al l em fr ü hm i ttel al t er li ch er Zei ts t ell ung w est - l ich der B aupiste handelt es sich au fg r u nd der festgestel lt en «F l iessr icht u ng» somit um f r ü h m it tela lt erl iche Gräbe r , die dur ch W a s - se rläufe gestör t w u rde n. B ei de n W a sse rläu - fen ha ndelt es sich wa h r sc hei n l ich u m Ne - be na r me der L orze u nd b ei de n Si lt - u nd K ies berei c hen um Ü berschw em mung sab la - g er ung en d ersel ben. De r Na me L orze, keltis c h *la ur-ant ia, be - deutet «G eröl l u nd Ge sc h iebe f ü h r ender F lu s s » 55 u nd cha r a k ter i sier t d ie L orze b es - tens. D ie L orz e wa r bis z u i h rer Kor re k t ion u nd V e rleg u ng z w is c hen Ba a r u nd Zugers ee, d ie 1 9 78 ih r en A bsc h lus s fa nd, 56 ein unbere - chenba re r u nd im mer w iede r f ü r Ü b er - sch w emm ung en so rg end er Fl uss. Geo l o gi - sc he P rofi le zeigen, d as s d ie L orze b e re its in der let z ten E i sz eit, im Wür mg la z i a l 57 , u nd in der Na ch eisz ei t f ür Ü ber sch w emm ung en u nd da m it verbu ndene Se d i mentablager u n - gen u nd Erosionen sorg te. 58 K a r ten des 1 7 . u nd 1 8. J h. si nd d ie im mer w ie der wec h se l n- den L orze läufe z w i sc hen Ä ger i- u nd Zug er se e zu en tn ehmen . 59 H istor is ch b e leg t sind d ie Hoc hwass er de r Jah r e 1 702, 1 7 50, 1 790, 1 8 46 , 1 852, 1 86 1 , 19 1 0, 1 9 34 u nd 1 9 65. 60 Die Ü b er sc hwem mung de r L orz e vo m 9 . und 1 0. S epte mbe r 1 9 34 wa r wo hl e i ne der g rös s - ten u nd hat die ga n ze L orze eb ene übe r flutet (Abb . 9) . E s soll de sha lb n icht erst au nen, da ss d ie L orze auch i n B a a r -Fr üebe rgst r as se i h re Sp u- ren hin t er l assen ha t. Di e g eol o gischen U n - t ersuch u ng en 61 a us de m Jah r 1 99 9 f ü r da s A r ea l B aa r -Fr üeb e rgst r as se ze igen, da ss sich u ngefä h r 1 0 m u nt er der heut igen Ob er flä - che der L orze sc hotter b e fi ndet, der von der L orze n ach de m Rück z ug des w ü r mei sze itl i - chen Re ussg letsc her s abgelager t w u rde. Da r - übe r folgt e i n sogena n nter « u n r u h iger W e c h- sel» , ei ne Abfolg e v on Bach sc hu t t u nd Ü b e r - sc hw em mu ngss ed i ment en. Fü r den Gräb e r - feldbe re ich w ichtig ist nu n d ie Sc h ichtabfol- ge im S ondier sc hac ht 5 ( Abb . 1 0, GS : geol o - g is c her Sond ier sc h n itt) : Ü b e r dem «u n r u h i - gen W e ch se l» in 6 m bis 3, 3 m Tiefe folg t z w i sc hen 3, 3 m u nd 3 m Tiefe ei ne silt ige A bb. 9 Über - schw emmung der L orz e vom 9 . und 1 0. Sep - tember 1 9 34 . Roter Punkt: B a ar -Fr üeberg - strasse. 53 Labornummer: Ua-16 835. G. Possnert und M. Söderman vom Ångström Laboratory , Div . of Ion. Physics, 14 C-Lab, Uppsala University , 27. Oktober 2000. 54 Genaue und klare Aufnahme der Befunde auf 1:20-Plänen: J. Contin. 55 Dittli 2007, Band 3, 228; Dittli 1991/92, 28. 56 Huber 1993, bes. 74, Abb. 3. 57 Ammann 1993. 58 Gnepf Horisberger 2003. 59 Zusammengestellt bei Ammann 1993, 59, Abb. 11. 60 van Orsouw et al. 2002, 143; Dändliker 1961; Müller 1945. 61 Bericht 6464 des Geotechnischen Büros Dr . von Moos AG Zürich, Archiv der Kantonsar chäologie Zug, 1302. 29 2 Stratigrafie 2.1 Befund in der Fläche I,II,III_031210.indd 2 12//10 3:0 PM 117 4,5 117 3 117 1 117 2 117 7 117 6 119 4 119 2,3 119 1 119 5 1978 unter 1979 unter 1975 2 2 2 2,5 438,84 436,50 UK 214 1 1754.1 437,39 21 214 215 117 130 Schwemmrinne 439,81 1754.2 439,42 438,17 437,75 438,67 445 444 402 164 157 163 162 88 156 158 166 165 155 160 161 136 138 134 137 75 133 132 107 103 120 127 113 112 101 114 42 38 53 97 135 99 52 36 74 85 84 «Grab 8» 48 46 44 40 43 47 82 73 79 «Grab 7» 50 129 80 78 126 49 117 51 37 54, 169 in diesem Bereich 974 2 4 167,168 2292 in diesem Bereich 1860 1857 in diesem Bereich 1755 in diesem Bereich 438,22 3 439,59 439,72 5.1 5.2 2 3 1 32 33 30 29 31 19 7 213 207 204 211 210 209 208 206 205 202 199 55 152 155 156 158 159 157 154 54 58 160 82 83 57 60 61 84.2 84.1 81 53 50 56 49 59 11 51 48 47 52 4 10 43 40 44 38 9 14 41 39 18 17 13 34 42 15 16 19 20 35 36 23 22 21 24 25 62 63 100 46 37 80 69 70 86 67 45 65 66 68 101 64 26 98 99 97 27 96 133 85 71 78 135 79 77 92 93.1 93.2 136 75 74 137.1 137. 21 39 73 28 95 72 103 102 121 104 124 107 106 122 120 105 108 111 127 128 118 123 76 163 89 131.2 131.1 130 87 140 88 90 168 167 166 91 94 165 162 161 145 181 142 143 144 169 182 177 183 190 150 149 148 146 147 180 151 198 170 x 126 125 171 132 179 119 117 129 138 109 110 134 112 113 141 114 153 115 116 178 175 173 172 174 176 186 185 194 201 184 203 200 189 196 192 195 191 187 193 188 Ostprofil 1 Nordprofil Ostprofil 2 Baupiste KN KS GS 267 142 139 148 61 58 62 141 140 6 137 138 Bagger 164 212 436,39 228.140 228.130 228.190 228.180 228.170 228.160 682.250 682.240 682.230 682.220 682.210 682.200 682.190 682.180 682.260 682.270 682.280 228.150 436,21 435,66 437,83 437,47 439,96 437,42 436,99 438,29 438,19 437,45 437,77 437,74 439,19 439,13 437,53 439,99 439,95 439,69 439,56 439,99 439,74 439,85 440,00 439,93 439,25 439,46 438,61 Einzelfund / Streufund Grabgrube 138 Positionsnummer Pfostenloch, Grube moderne Störungen: 10 m Fundkomplexnummer 138 Positionsnummer/Katalognummer 641 vom ganzen Areal 410 aus Bereich westl. der Baupiste, Schwemmrinne Kies 1976 in diesem Bereich 2296 aus Bereich Nordrand des Areals STREUFUNDE 138 GS: geologischer Sondierschnitt Bagger Baupiste KN: Kiesaushub Nord KS: Kiesaushub Süd 10 m A b b . 10 B aar - Früebergs tras se. Schw emm - rinn en (blau ) und Str euf unde (rot) . Di e mit Num - mern (rot : Fundkompl exnummer n) versehenen Fund punkte sind Objekte prähist or ischer bis früh - mittelalterlicher Zeitstellung und w urden im Kata- log er fasst. Bei den Fu ndpu nkten ohne Numme r ist die Z eitstellung of fen. 30 III. Gräber: Der Friedhof Baar-Früebergstrasse I,II,III_031210.indd 30 12//10 3:0 PM 117 4,5 117 3 117 1 117 2 117 7 117 6 119 4 119 2,3 119 1 119 5 1978 unter 1979 unter 1975 2 2 2 2,5 438,84 436,50 UK 214 1 1754.1 437,39 21 214 215 117 130 Schwemmrinne 439,81 1754.2 439,42 438,17 437,75 438,67 445 444 402 164 157 163 162 88 156 158 166 165 155 160 161 136 138 134 137 75 133 132 107 103 120 127 113 112 101 114 42 38 53 97 135 99 52 36 74 85 84 «Grab 8» 48 46 44 40 43 47 82 73 79 «Grab 7» 50 129 80 78 126 49 117 51 37 54, 169 in diesem Bereich 974 2 4 167,168 2292 in diesem Bereich 1860 1857 in diesem Bereich 1755 in diesem Bereich 438,22 3 439,59 439,72 5.1 5.2 2 3 1 3 2 3 3 30 29 3 1 1 97 213 207 204 211 210 209 208 206 205 202 199 55 152 155 156 158 159 157 154 54 58 160 82 83 57 60 61 84.2 84.1 81 53 50 56 49 59 11 51 48 47 52 4 10 43 40 44 38 9 14 41 39 18 17 13 34 42 15 16 19 20 35 36 23 22 21 24 25 62 63 100 46 37 80 69 70 86 67 45 65 66 68 101 64 26 98 99 97 27 96 133 85 71 78 135 79 77 92 93.1 93.2 136 75 74 137.1 137. 21 39 73 28 95 72 103 102 121 104 124 107 106 122 120 105 108 111 127 128 118 123 76 163 89 131.2 131.1 130 87 140 88 90 168 167 166 91 94 165 162 161 145 181 142 143 144 169 182 177 183 190 150 149 148 146 147 180 151 198 170 x 126 125 171 132 179 119 117 129 138 109 110 134 112 113 141 114 153 115 116 178 175 173 172 174 176 186 185 194 201 184 203 200 189 196 192 195 191 187 193 188 Ostprofil 1 Nordprofil Ostprofil 2 Baupiste KN KS GS 267 142 139 148 61 58 62 141 140 6 137 138 Bagger 164 212 436,39 228.140 228.130 228.190 228.180 228.170 228.160 682.250 682.240 682.230 682.220 682.210 682.200 682.190 682.180 682.260 682.270 682.280 228.150 436,21 435,66 437,83 437,47 439,96 437,42 436,99 438,29 438,19 437,45 437,77 437,74 439,19 439,13 437,53 439,99 439,95 439,69 439,56 439,99 439,74 439,85 440,00 439,93 439,25 439,46 438,61 Einzelfund / Streufund Grabgrube 138 Positionsnummer Pfostenloch, Grube moderne Störungen: 10 m Fundkomplexnummer 138 Positionsnummer/Katalognummer 641 vom ganzen Areal 410 aus Bereich westl. der Baupiste, Schwemmrinne Kies 1976 in diesem Bereich 2296 aus Bereich Nordrand des Areals STREUFUNDE 138 GS: geologischer Sondierschnitt Bagger Baupiste KN: Kiesaushub Nord KS: Kiesaushub Süd 10 m 31 2 Stratigrafie 2.1 Befund in der Fläche I,II,III_031210.indd 31 12//10 3:0 PM 1 14 G 13.2 13.1 2 1 12 11 3 17 15.4 15.2 15.3 x6x S 12 16 17 16 13.1 15.1 11 3 440 m ü. M. 440 m ü. M. 14 682 243.621/228 125.261 Ostprofil 1 / C 117 125 131 129 132 128 Grab 145 130.1 130 130 124 133 117 1 125 119 129 133 135 134 127.1 Grab 142/143 119 127.1 126 124 124 2 Grab 144 123 118 119 120 121 11 113 114 156/116 X8 X7 177 X3 X4 21 178 156 179 156 X5 290 X6 114 116 X2 C D E C G F Grab 90 Grab 87/140 2 11 Grab 69 Grab 67 Schädel Grab 65 Grab 63 1 11 2 11 2 2 11 2 11 117 2 121 113 124 114 114 117 127.2 Ostprofil 1 / B 440 m ü. M. 440 m ü. M. 440 m ü. M. 21 156 B 134 440 m ü. M. N X1 215.2 224 215.1 212 216 214 217 219 113 114 116 156 21 X 222 220 215.1 Kiesplanie 211 212 213 214 217 218 215.1 214 206 215.1 207 208 209 210 214 215/248 682 250.156/228 197.958 Ostprofil 1 / A 440 m ü. M. 214 213 212 213 217 219 130 192.2 682 277.187/228 165.313 Sondagestörung E W T 1 182 1 181 182 183 193 192.1 189 190 191 X 149 Nordprofil T: T uffsteine 187.1 181.3 FD E 188 187.3 Grab 174 S1 S1 274 2 m 181.7 187.3 B AC 1 182 183 184 181.9 187.3 181.1 184 188 181.2 181.8 194 193 192 190 181.1 194 181.2 182 185 187.3 187.3 189 186 1 274 195 1 197 181.6 181.5 183 194 193 199 205 200 1 181.4 181.1 197 183 N S Fund Pos 192 1 Fund Pos 195 1 moderne Aufschüttung 278 276 277 201 202 275 198 204 X 273 440 m ü. M. 440 m ü. M. 682 279.29/228 180.25 682 278.11/228 152.27 203 272 G H 187.2 Ostprofil 2 190 Fund Pos 214 1 Fund Pos 193 1 32 III. Gräber: Der Friedhof Baar-Früebergstrasse I,II,III_031210.indd 32 12//10 3:0 PM 1 14 G 13.2 13.1 2 1 12 11 3 17 15.4 15.2 15.3 x6x S 12 16 17 16 13.1 15.1 11 3 440 m ü. M. 440 m ü. M. 14 682 243.621/228 125.261 Ostprofil 1 / C 117 125 131 129 132 128 Grab 145 130.1 130 130 124 133 117 1 125 119 129 133 135 134 127.1 Grab 142/143 119 127.1 126 124 124 2 Grab 144 123 118 119 120 121 11 113 114 156/116 X8 X7 177 X3 X4 21 178 156 179 156 X5 290 X6 114 116 X2 C D E C G F Grab 90 Grab 87/140 2 11 Grab 69 Grab 67 Schädel Grab 65 Grab 63 1 11 2 11 2 2 11 2 11 117 2 121 113 124 114 114 117 127.2 Ostprofil 1 / B 440 m ü. M. 440 m ü. M. 440 m ü. M. 21 156 B 134 440 m ü. M. N X1 215.2 224 215.1 212 216 214 217 219 113 114 116 156 21 X 222 220 215.1 Kiesplanie 211 212 213 214 217 218 215.1 214 206 215.1 207 208 209 210 214 215/248 682 250.156/228 197.958 Ostprofil 1 / A 440 m ü. M. 214 213 212 213 217 219 130 192.2 682 277.187/228 165.313 Sondagestörung E W T 1 182 1 181 182 183 193 192.1 189 190 191 X 149 Nordprofil T: T uffstein e 187.1 181.3 FD E 188 187.3 Grab 174 S1 S1 274 2 m 181.7 187.3 B AC 1 182 183 184 181.9 187.3 181.1 184 188 181.2 181.8 194 193 192 190 181.1 194 181.2 182 185 187.3 187.3 189 186 1 274 195 1 197 181.6 181.5 183 194 193 199 205 200 1 181.4 181.1 197 183 N S Fund Pos 192 1 Fund Pos 195 1 moderne Aufschüttung 278 276 277 201 202 275 198 204 X 273 440 m ü. M. 440 m ü. M. 682 279.29/228 180.25 682 278.11/228 152.27 203 272 G H 187.2 Ostprofil 2 190 Fund Pos 214 1 Fund Pos 193 1 A b b . 11 B aar - Früe bergstr asse. Ostprofil 1 (A – C aneinandergereiht vorz ust ellen) , Ostpro fil 2, Nordp rofi l. Zur Lage der Pro file vgl. A bb. 1 0. M . 1 : 10 0 . 33 2 Stratigrafie 2.2 Profile I,II,III_031210.indd 33 12//10 3:0 PM (vgl. Positionsnummernbeschreibungen Bd. 2, S. 3 1 3) ve rz icht et. Ic h b esc h rä n ke mich i m Folg enden au f d ie V er wendun g der Positions - nu m me r n . Die obersten Schichten, die gefasst werden konn - ten, sind Pos. 1, die rezente Humusschicht, und die moderne Kiesplanie. Die Grabgruben der Gräber 63, 65, 67, 69 und 87/140 wurden direkt unter Pos. 1 entdeckt. Sie waren in Pos. 11 eingetieft. Grab 90 wurde im nördlichen Bereich von Pos. 117 überla- gert. Auf Pos. 117 folgen Pos. 125 und Pos. 119, in die Grab 144 eingetieft wurde. Die Schicht zu be - stimmen, in welche Grab 142/143 angelegt wurde, gestaltete sich bereits während der Profilaufnahme schwierig. Ich habe das Profil nicht «geschönt» und auch gestrichelte, unsichere Schichtverläufe beibehalten. Aus dem Befund ergibt sich keine ein- deutige Lösung, sondern es ergeben sich mehrere Möglichkeiten. Am wahrscheinlichsten scheint mir, dass Grab 142/143 in Pos. 127.2 und 135 ein- getieft wurde, insbesondere da die Unterkante von Pos. 129, die durch Grab 142/143 verläuft, klar ge- fasst wurde und somit als Linie erscheint. Es ist je- doch nicht auszuschliessen, dass Grab 142/143 erst in Pos. 129 oder gar erst in Pos. 119 angelegt wur- de. Dass in diesen Fällen die Schichten der Grab - verfüllung identisch mit den Pos. 129 und 119 sind, liesse sich damit erklären, dass das Aushub - material der Grabgrube wieder «schichtweise» ein- gefüllt wurde. Ebenso schwer lesbar ist die strati - grafische Situation bei Grab 145. Die Eintiefschicht zu bestimmen, gestaltet sich hier jedoch, so schein t es mir, einfacher. Da es sich bei Pos. 128 um einen Raubtrichter handelt und dieser relativ zielgerich - tet die Grabgrube 145 trifft, muss das Grab an der Oberfläche sichtbar oder markiert gewesen sein. Ich nehme deshalb an, dass Grab 145 in Pos. 129 eingetieft wurde. Möglich ist jedoch auch, dass Grab 145 in Pos. 131 oder gar Pos. 130 (nicht mehr sichtbar) oder Pos. 133 angelegt wurde. In diesen Fällen wäre von einer Markierung des Grabes aus - zugehen, welche die Silt- und Kiesablagerungen (Pos. 131 und 130) unbeschadet überstanden hät - te, sodass das Grab von Pos. 129 aus beraubt wer - den konnte. W elche V ar ia nten auc h i m me r z ut re f fe n mö - gen, so ble ibt do c h de r B ef u nd, da s s Grab 9 0 von Pos. 1 1 7 (ei ner K ies sc h ic ht), Grab 1 44 z u s ät z l ic h von Pos. 125 ( e i ner Si lt sc h ic ht mit v iel S a nd) , Grab 1 4 5 z u s ät z l ich m i ndeste ns von Pos . 1 1 9 (ei - ner k iesige n Si lts c h icht) u nd Grab 1 4 2 /1 43 z u s ät z- l ich m i ndeste ns von Pos. 129 ( e i ner e be n f a l l s k ie- sigen Si lt sc h ic ht) übe rlager t w u rde. A l l d ie se Sc h ichten si nd i m O st pr ofi l 1 au f e i ner L ä nge von meh r er e n Mete r n – i m Fa l l von Pos . 1 17 übe r c i rc a 1 5,5 m – z u ve r folgen . Ich i nt e r pr et ier e sie a ls A b - lager u n gss c h ic hten von W a ss erl äu fen, d ie ze igen, da s s W a s se rläu fe üb e r d a s Fr ie d hof sa re a l flos se n u nd K ies, S a nd u nd Si lt abgel ager t hab e n. Da s s d ies e W ass e rläu fe auc h wä h re nd de r B eleg u n gs ze it de s Fr ie d ho fes a kt iv wa r en, m ac ht in sb es onde re 2.2 Profile Die folgenden Versuche, die Schichtabfolge und -entstehung der drei grossen Profile (Ost - profil 1, Ostprofil 2 und Nordprofil) zu erklä- ren, basieren nicht auf sedimentologischen Untersuchungen und haben deshalb einen eher spekulativen Charakter. Durch den Grä- berfeldbereich wurden zwei grosse Profile, Ostprofil 1 und Ostprofil 2, und ein kleines Profil, Nordprofil, gelegt (Abb. 11, vgl. Abb. 10). Die Beschreibungen der Positionsnum - mern befinden sich in Band 2 auf S. 313. 2.2.1 Ostprofil 1 Das Ostprofil 1 verläuft von Norden über den Bereich östlich der Gräbernordgruppe (Grä - ber 204 bis 213), über den «gräberlosen» Be - reich nördlich der grossen Gräberfeldgruppe, durch die Gräberfeldgruppe hindurch bis über ihren Südrand hinaus (vgl. Abb. 10). Ich werde i m Folgenden n icht j e de Sc h icht ei n ze l n b espre c hen, sonder n ver su - chen, d ie Strat ig ra fie m it tels H a r r is - Matr i x (Abb . 12 ) i n g rob en Zügen z u e rläu ter n. Um d ie Abfolg e n icht zu sät z l ich z u komp l i z iere n, w i rd au f e i ne desk r ipt ive Sc h ichta nsprac he A b b . 12 B a a r- Fr üe be rgstrasse. H ar r is- Matrix von Ostpro fi l 1 . G : Gra b . Fu nde : früh - mitt elalt erlich , r öm isc h , hallstatt z eitli ch . 34 III. Gräber: Der Friedhof Baar-Früebergstrasse I,II,III_031210.indd 3 12//10 3:0 PM f u n den (A bb . 1 0 ), d ie si ch i n ei nem z um T eil ü ber 1 ,5 m d icken K ie spa k et b ef a nd. A n h a nd de r St r ati g r a fi e w ie b e re its i m Pla - num z e ig t s ich de ut l ic h, d as s d ie E i n ze l f u nde au s dem « gräberl o sen » Berei ch zw isch en « No rdgr up- pe » ( Gr ä be r 2 0 4 bi s 2 13) u nd «Gr äb e r fe ldg r upp e» st a m me n u nd d as s sic h i n d ie se m jet z t «g r äb erlos » erschein end en Berei ch einst Grä ber befan den, d ie während ei ner oder m ehreren Über sch wemmun- gen ze r stör t u nd de re n I n h a lt 30 m bi s 50 m n ac h W este n t r a n sp or t ier t w u r de. D ie «Nordg r upp e » is t som it kei ne se pa rate Gräb e rg r upp e, sonde r n e i ne von Ü b e r sc hwem mu nge n ver s c honte «Gräb e r - i ns e l» . Ru nd 1 0 0 Gr äb er d ü r f ten, ge ht ma n von einer glei c hb lei benden Belegu ngsdi cht e a us, in diesem Bereich durch Über sch wemmung en zer - stör t worde n se i n. Süd l ic h de s Gräb e r fe ldb e re iche s fi ndet sich i m Os t pro fi l 1 e i ne 2 , 5 m bre ite u nd mi ndeste ns (d ie S oh le von Pos. 1 4 w u rde n ic ht er r e icht) 0, 9 m t ief e R i n ne, d ie wä h re nd v ie r A blager u n gs vorgä n - gen ( Pos . 1 5. 1 bis 15. 4 ) ve r f ü l lt w u r de. Et wa 2 m u nter de n Gr äb e r n 87 /1 4 0 u nd 90 l iegen, du rc h S i lt - u nd K ies sc h ichten get r e n nt, d ie prä h istor is c hen S c h ichten (i n d er H a r r i s -M at r i x der Blo c k u nter Pos . 1 1 3) . D iese we rde n i n d er B e - sp rechung a usg ek lammert, da i hre A uswert ung and er wei tig erf olg en so ll. 2.2.2 Ostprofi l 2 Das Ostprofi l 2 (Abb. 13) zeichnet sich wie das Ost- profi l 1 durch zahlreiche Silt- und Kiesschichten aus, die im Profi l auf einer Länge von über 10 m verfolgt werden können. Das grösste Ereignis, ver- gleichbar mit Pos. 130 von Ostprofil 1, stellt Pos. 274 mit der Verfüllung Pos. 195 dar, welche im Norden bereits auf der Ausgrabung in die Pos. 277 und 278 aufgeteilt wurde. Mit einer maximalen Breite von 2,4 m im unteren Bereich und über 10 m im oberen Bereich, einer minimalen Tiefe von 2,5 m und fast vertikalen Rinnenwänden im unteren Be- reich handelt es sich hier wiederum um eine Schwemmrinne, entstanden durch einen Wasser- lauf mit hoher Fliessgeschwindigkeit. Wahrschein- lich ist auch dieser ehemalige Wasserlauf für die Zerstörung von Gräbern zuständig. Die Rinne wur- de kontinuierlic h aufgefüllt, lediglich im Nordbe- reich fl oss ein kleiner Wasserlauf, der schnell mit Kies verfüllt wurde (Pos. 276), worauf eine weitere Verfüllung von Pos. 274 mit Kies (Pos. 278) erfolgte. Pos. 1 19 wa h r sc he i n l ic h, welc he Grab 1 4 4 du rc h- sc h l äg t, je do c h Gra b 1 45 mit zie m l ic h g ros se r W a hr scheinlichk eit überl ag ert. Da n ic ht n u r m it Se d i mentabl ager u n gen, sonde r n auc h m it - e rosione n z u re c h ne n ist, i st auch d a s b ei m Bag ge rab t rag b e ob ac htete, jedoc h nich t d okumen t ierte erste E rk ennungs n iv eau der Gräb e r n ic ht unb e d i n g t m it dem u r spr ü ng l ic hen G eh hor i z ont gle ich z u se t z e n. H ie rz u kom mt, d as s d ie Grab g r ub e n i m k iesi gen u nd i n sb es onder e i m si lti gen Un ter g r u nd sc hwer o de r fa st ga r n icht z u erken nen w a re n . Aus d ie se n Gr ü nde n kon nte d ie Grabg r ub e ntie fe n ic ht al s s oz ia le r I nd i k ator i n d ie A usw er t u ng des Gra bba us einbezo gen w erden . Die E i ntie f n ive aus de r Gr äb er, so w ie sie i m Ost pro fi l 1 doku ment ier t si nd, z ei gen – m it a l le n er wä h nten E i n sc h r ä n k u ngen – i n e t wa de n G e - lä nde verlau f. D as G el ä nde fi el von Süde n nac h Norde n leic ht ab. Z w i sc he n de n Gräb e r n 6 3, 6 5, 6 7 , 69 , 87 /1 4 0 u nd 90 s ow ie de n Gr äb e r n 1 4 4, 1 42 /1 43 u nd 1 45 g ibt es e i ne n Höhenu nter sc h ie d von r u nd e i nem h a lb e n Mete r. Nörd l ic h von Grab 1 45 folg te im O st profi l 1 ei ne e t wa 7 ,6 m br eite u nd m i nde sten s 1, 7 5 m t ie - fe R i n ne, d ie m it g rob e m K ies , ver m i sc ht m it sil- t ig- sa nd igem S e d i me nt, ver f ü l lt wa r ( Pos . 130 ) . E s l iess e n sich i m P rofi l i n e t w a d r ei S c hüb e fe st stel - len. W e st l ich de s Grä b er felde s au f de r Höhe v on Pos. 130 b e fi nde t sic h d ie P u n k t wolke von Ei n ze l- Ab b. 1 3 B aar - Fr üebergstrass e. H arr is- Matrix von Ostpro fi l 2 . Gra b . Mo derne Auf schütt ungen . Funde : 8. / 9 . Jh. , frühmittelalt erlich , r öm isc h . Ab b. 1 4 B aar - Fr üe be rgstrasse. H ar r is- Matrix vom No rdpro fi l. x = Gr enz ebene  Ab b. 1 5 B aar - Fr ü eb ergs trasse, Pos . 1 9 2, Fund 1 . A us dem Ostpro fi l 2 . B ronz en es, v ergoldet es ( B eschlag- ?) Fragmen t mit nordi scher Gr eif tier stilverz ier ung. 8. / 9 . Jh. n. Chr . F oto und Um zeichnung der V o rder - und R ück- seit e. M . 2:1 und M . 1 : 1. 35 2 Stratigrafi e 2.2 Profi le I,II,III_031210.indd 3 12//10 3:0 PM I n der Grabver f ü l lung von Grab 1 55 be - fa nd sich da s B ode n f rag ment 1 55.3 ei nes T erra- Sigilla ta- T el lers mi t T ö pfers t empel. A n - ha nd des Sta ndr i nges läs st er sich a m ehes - ten der For m C on sp. 3.2 . 1 63 zuordnen. D er T öp ferst empel OSCVS läss t si ch m öglich er - weise m i t de m Töp fer stempel OF C VS g leich - set zen. D e r T e l ler wä r e da n n i n L a Grau fe - se nque ( F ) i n fl av is c her Z eit hergestel lt w or - den. 64 I n der Grabver f ü l lung von Grab 99 w u r - de ei n e feing ema gerte u nd mö gl ich er wei se a ls röm is c h a n z u spre c hende Ra ndsc herb e (9 9 .6) u nd in de r Grabver f ü l lun g von G r ab 1 45 ei ne T e r ra - Sig i l lata-W a nds c herb e m it v e r - r unde ten B r uchkan ten un d erodierter Ober - fläc he ( vgl. K ata log, 12 89 .3 735) g e f u nden. Un ter der Hu muss ch icht, di re k t übe r Grab 62 w u r de da s musc helgesta lt ige Ende eines römisch en g eg ossen en Schö pfer g r i ffs aus Bron ze gef u nden. I n Wi nd is c h-Br eite , 7 . Holzbauper iode, fi ndet sich ei n fa st identi- sch es V erglei chsbeis piel . 65 De r Gr i f f e nt - spr icht dem T y p R ad nót i 43 mit musc helge - sta lt igem Abs c h luss u nd w i rd i n s 1 . bi s 2 . J h. d at ie r t . 66 A l s bron ze z eit l ich a n z uspre c hen ist d ie grob g emag er te Ra ndsch erbe 1 73 . 2 a us der Grab ver f ü l lu ng von Gr ab 1 73 67 s ow ie d ie W andsc her be m it glat ter L e iste aus Grab 6 7 ( vg l. K ata log, 588 . 3436 ) . H i n z u kommen W a nds che rb en von mit t - lere r ode r g rob e r Mager u ng m it m e ist ver r u n- deten Br uch k a nten aus den Grabver f ü llu ngen der Gräb e r 7 6, 8 1 , 1 02 , 1 1 8 u nd 1 69 , d ie ich a ls prä h istor is ch a nspre c hen möc h te. De s W e it ere n w u r den ver mu t l ich röm i - sc he Ziegel f r ag ment e m it ebe n fa l l s ver r u nde - ten Br uch k a nten aus den Grab ver f ü l lu ngen der Gräb er 4 0, 1 69 und 1 82, e i n Si lex abspl iss i n der Grabver f ü l lung von Grab 1 1 8, e i n v ierk a ntiger Nagel ( 1 8 8.6 ) aus de r Grabver - f ü l lung von Grab 1 8 8 u nd ei ne hel ltü rk isfa r - be ne Glassc herb e ( 8 1. 4 ) aus Grab 8 1 gebor - gen, dere n Z eitstel lu ng n ic h t b e st i m mt wer - den k a n n. A l le d ie s e O bje k te ge la n g te n mög l ic he r - weis e be re its m it dem Er d mater ia l, m it dem d ie Grabg r ube n ver f ü l lt w u rden, i n d ie Grä- be r ode r w u rde n – b ei de n neu z eitl ic hen Ob - jekte n ist nu r d iese V a r ia nt e mög l ich, abgese - hen vo m u nbe absichtig ten E i nbr i ngen wä h- rend der Ausg r abu ng – von W a ss erläufe n i n di e G rä ber hin ein tran sp orti ert. Das wohl sc hönste Bewei sobjek t f ü r d ie - se W asser a kt ivi t ä ten i m G räberfel dberei ch ist Da s ei n z ige Grab, da s i m O st p rofi l 2 a nge - sc h n it te n w u rde, i st Gra b 1 7 4, d as i n Po s. 1 87 . 3 ei n get ie f t w u rde. St rat ig ra fi sc h e r folg te d ie A n lage von Grab 1 7 4 vor der g r oss e n Ü be r s c hwem mun g Pos. 19 5. 2.2.3 Nordprofil Das Nordprofil (Abb. 14) zeigt nur einen kleinen West-Ost-Ausschnitt östlich von Grab 187. Die Schichtabfolge entspricht der Abfolge von Ostpro- fil 2 im Bereich des Nordprofils. Be i de r A ns prac he de r S c h ichten a l ler d r e i P rofi le fi nde n sic h i m mer w ie de r d ie se lb en S e d i - mente : S a nd, Si lt, K ies, K ie se l, Stei n u nd G er öll . A l le S c h ic hten sc he i nen du r c h Ablage r u ng s- u nd E rosion s vorgä nge von W a ss e rläu fe n, Ü b er s c hwem - m u ng en oder Bächen ents ta nd en zu sein. Die F l ies sgesc hw i nd ig keit lä sst sic h i m P rofi l a n ha nd der K ant en verl äufe der Ri nnen era hnen. Die Abla - ger u nge n er folg ten au f e i ne r Bre ite von 1 5 m u nd 2 0 m sow ie – im Fa l l von Pos . 2 15 (O st p rofi l 1) – von übe r 3 0 m (i m P r ofi l e r f as st) . Das Bild, welches die Befunde in der Fläche (Kap. III.2.1) angedeutet haben, wurde durch die Profile bestätigt. Alle Schichten mit vor - läufiger Ausnahme der prähistorischen schei- nen durch Ablagerungs- und Erosionsvor - gänge von Wasserläufen der Lorze entstanden zu sein. Dass es während der Belegung des Gräberfeldes Überschwemm ungen gab, zeigt Pos. 119 im Ostprofil 1. Eine oder mehrere grosse Überschwemmungen sind für die Grä- berfeldlücke zwischen der Gräberfeldgruppe und der Gräbernordgruppe zuständig. Sie zer - störten die Gräber und transportierten Skelet - te und Grabbeigaben nach Westen, wo sie westlich des Gräberfeldes abgelagert wurden. 2.3 Funde Im Folgenden werden diejenigen Funde be - handelt, die mit den stratigrafischen Beson - derheiten des Gräberfeldes, wie sie vorange - hend skizziert wurden, im Zusammenhang stehen. 2.3.1 Funde aus den Grabverfüllungen In den Grabverfüllungen fanden sich neu - zeitliche, römische, prähistorische sowie zeit- lich nicht genauer bestimmbare Objekte. I n der Grabver f ü l lung von Grab 1 73 be - fa nd sich ei n neu zeit l icher , r u nd stabiger Na- gel mit r u nder Kop f plat te ( 1 73. 3) , i n de r Grab - ver f ü l lu ng vo n Gr ab 1 45 ei n R a ndst ück e i nes wahrsch einli ch n euzei tl i che n Fla ch zi eg els 62 ( 1 45.3 ) u nd in Grab 87 eine neu z eit l iche R a nd sc herb e ( 87 . 7) . 36 III. Gräber: Der Friedhof Baar-Früebergstrasse I,II,III_031210.indd 3 12//10 3:0 PM Dr eh sc heibe nwar e, w ie sie in de r Nordost - 75 u nd N or dwe st s c hwe i z 76 ve rbre it et ist. T y po - logi sc h läs st er sich a m b esten de r For m rR1 8 der ra uwan d ig en Dreh schei ben ware v o n R. Marti 77 z uord nen. B ei de r Form rR1 8 ha n- delt es sich u m ei nen T opf mit verd ick tem L ippen ra nd, der a ls Spätfor m des Wö lbwa nd - to pfes rR 6 ang esehen wi rd. Diese Spä tform zei chnet si ch d u rch ei n en f la u v erdickt en und kaum m ehr a usb ie g end en Li ppenrand aus. Dat ier t w i rd d ie Form i n s späte 6. und f r ü he 7 . J h. 78 A us ders elben P osi t io n s tam men zwei bronz ene t rape z för m ige k e rbsc h n itt ver z ier te Gu r tb esc h läge mit je dr ei Niet löc her n u nd z wei Steg öse n ( Pos. 1 1 9 , Fu nde 2 u nd 3) . D ie K erbschni t t verzi er u ng ist f lä chen deck end u nd besteht aus aufgelösten, veg et abil a n mu - tenden F lec htbänder n. B e ide Besc h läge las - sen sic h den spät röm isc hen Kerb sc h n itt - Gü r telga r n i t u re n aus dem let z ten D r it tel des 4. J h. bis i ns f r ü he 5. Jh. z uord nen. 79 Au s Position 1 33 sta m mt eine T er ra - Sig i l- lat a -W a nd s c he r b e m it ve r r u nde te n B r u c h - ka nten u nd erod ie r ter Ob er fläc he. I n Pos it i o n 192 f a nd si c h ei n Fr ag ment ei nes vergol deten Bron ze objektes, wa h r - sc hei n lic h ei nes B esc h lages (Pos. 19 2 , Fu nd 1; Abb. 1 5) . D er B esc h lag ist b e idse i t ig i m nor - dischen Greift iers t il 80 ve rz ier t, de r i m Hoc h- relief mit Ra hmen wer k ersch ei n t. A uf der ei - nen Se it e si nd ei n Tierkopf in Fron t a la nsic h t der A ngel ha ken 5 1. 1 aus Gr ab 5 1 , der von ei- nem W ass erlau f i ns Grab h i nei ngespü lt w or - den s ei n muss, w i ll m a n n icht an neh men, da ss e s sich h ierb ei u m e i ne Grabbe igabe ha ndelt, was ich au fg r u nd der D ist a n z des Objekt s z u r B est atteten i n der Gr abg r ube e i- gen t l ich aus sc h l iesse. 2.3.2 Funde aus den Profilen und Positionen Die Funde aus den Profilen und Positionen wurden alle im Katalogteil aufgelistet. Dieje - nigen Objekte aus den Positionen der Profile, deren zeitliche Stellung bestimmt werden konnte, werden im Folgenden genauer be - trachtet. I n Pos it ion 2 f a nden sich u nt e r a ndere m d ie W a nd sc herb e ei ner A mph ore ( Pos. 2 , Fu nd 3) , ei ne Sa ng u isuga fib el ( Pos. 2 , F u nd 4) s ow ie da s Frag ment ei ner Pau ken- ode r Dopp elpauken fib e l ( Pos. 2 , Fu nd 5). B e i der A mpho re nwand sc herb e ha ndelt es sich au f - g r u nd der T ona r t, d ie a m b esten m it der T on - g r uppe TG 5 von St. Ma r t i n-K i lche r 68 ve r - gleic hba r ist, u m ei n Fr ag ment einer D re sse l- 2 0 -A mpho r e 69 , e iner s üdspa n isc hen Öla m - pho re. I n Augst BL und K a is er augst A G lä sst sich d ie E n t w ic k lu ng d ies er Öla mpho re n - form von au g ustei sc her Z eit bis i n d ie Spä t - a n t i ke ver fo lgen. 70 Die T ong r upp e TG 5 i st a m häu figsten m it der P rofi lg r uppe E d ies er Öla mphore n for m ver gese l l sc h a f tet, kom mt abe r be re its be i der P rofi lg r uppe C u nd auch noch i n de r P rofi lg r upp e G v or . 71 Dara us er - g ibt sich f ü r d ie W a ndsc herb e aus Position 2 eine Da tier ungss pan n wei te v on a ug ust eisch er Z eit bis a n den Ü b er ga ng z u m 3. J h. 72 Die S a ng u isuga fi be l m it massivem Bügel sta m mt aus Ob er ita l ien ode r dem s üda lpi - nen Be re ich u nd gehö r t i n d ie St u fe A3 ( F I b) bz w . Ha D 1 u nd somit in d ie Ze it um 6 0 0 v . Ch r . ode r k u rz d a nac h. 73 Das P a uken- oder Doppel pauk enf ibel - f rag men t i st Ha D2/ D3 -ze itl ich. 74 I n Pos it ion 1 1 7 b efa nden sich neb en zah lreich en Eisenschla cken , ein em Schleif - st ei n und einem Hufei sen, d i e m öglich er wei - se au f ei ne Sc h m iedet ätig keit hi nw e ise n, ei n wahrsch einl i ch fr ühmitt elal t er lich er vie r - ka nt iger Gü r teldor n aus E is en ( Pos. 1 1 7 , Fu nd 4) u nd ei ne f r ü h m it tela lt e rliche Mes - ser k li ng e mi t g ek n ickt em K l ing enr ück en ( Pos. 1 1 7 , Fu nd 1 ) . Au s Positio n 1 1 9 stammen mehrere Fra g - ment e ei nes r auwand igen T opfes ( Pos. 1 1 9 , Fu nd 1 ), de r auf de r Sc hu l ter e i ne h or i z on t a- le R i l le auf we ist. E r gehör t z u r rauwa nd igen 62 Freundliche Information von L. T onezzer , Stiftung Ziegeleimuseum, Cham. 63 Ettlinger et al. 1990, T af. 3. 64 Oswald 1964 2 , 380. 65 Hagendorn et al. 2003b, T af. 64,Me 553 und Huber 2003, 425. 66 Radnóti 1938, 101 f., T af. VIII. 67 Bigler 2003, 135, 210, T af. 17,408. 68 Martin-Kilcher 1987/94, 68, Farbtaf. A. 69 Ich danke B. Horisberger , Ottenbach, für den Hin- weis. 70 Martin-Kilcher 1987/94, 49. 71 Martin-Kilcher 1987/94, 69. 72 Martin-Kilcher 1987/94, 54, 56. 73 Bigler 2006, T af. 6,223; Bigler 2003, 138 f. 74 Bigler 2006, T af. 6,222. 75 W indler 2002, 214. 76 Marti 2000a, 218–222. 77 Marti 2000a, 220, Abb. 123. 78 Marti 2000a, 220 f. 79 Böhme 1986. 80 Ich danke K. Schäppi, Andelfingen, für den erhel- lenden Hinweis (Greiftierstil) betreffend der V erzierung des Bronzebeschlages; Kurzüberblick über den Greiftier- stil bei Muhl/W eiss 1992. 37 2 Stratigrafie 2.3 Funde I,II,III_031210.indd 3 12//10 3:0 PM ( Süddeutsc hla nd- ) Phase 6, d ie sie über meh- rer e T er m in i post que m v er sch iede n er Mü nz - g rabf u nde zw i schen 555 und 58 0 an set zt . 91 R . W i nd ler d at ie r t d ies e Gü r te ls ch na l le n - form, i nsbe sondere aufg r u nd der Fu ndv erge - sel ls cha f t un g mit ei n er Si lber mün ze de s J us - t in ia n, g epräg t zw i schen 55 2 u nd 5 65, a us ei nem Grab vo n Zü rich -Bäc k er stra sse u ng e - fä h r in d ie gleiche Z eit wie U . Koch, i ns 3. Vier tel des 6 . Jh. 92 D ie Gü r te ls c hn a l le, d ie au s ei ne m ve r - sc h wem m ten Grab des Gräb er feldes Ba ar - Fr üe b ergst ras se sta m m en muss, i st v on gro s- ser B ede u t u ng f ür de n Be l eg u ngsbeg i nn des Gräbe r feldes. G eh t ma n davon a us, d ass d ie be stattete Per son, zu der d ie Gü rtel sch na lle gehörte, n i cht im hohen A l ter ver sta rb ode r d ie Gür tels ch na lle be reits e in A ltst ück wa r , da n n läg e hier e in e rstes I n d iz f ü r den Be - g in n der Fr ied hofsbe n ü t z ung i m 6. J h. v or . I n P ositio n 2 1 7 bef and sich ei ne t u t u l us - ä hn lic h e Fibe l (Pos. 2 1 7 , Fu nd 1 ), d ie zu de n Back enschar ni erfibeln geh ört. Das zen tra l e Näpf chen w ar wohl e h ema ls m it eine r G las - paste gef ü llt. Die Fibe l gehö r t zu r V ar ia n te 7 . 1 1 . 2 der t ut u l us äh n lichen Fibe ln n ach der T y p ol og ie von E . R ih a und wa r v on der 2 . Hä lf - te des 1 . J h. bis A n fa ng des 3. J h. in Mode. 93 Ü b er d ie Funde aus de n P ositionsnum - mer n erg ibt sich f ü r d ie Abla ger u ngsvorgänge fo lgendes Bild (Abb. 1 2 u nd 1 3, fa rbige Ma r - k i er u n g d er Zei tstell u ng ) : Frü hmi ttelal ter li - che Fu nde finden sic h in den Positionen 1 1 7 , 1 1 9 , 19 3 u nd 2 1 4. I m Fal l v on Posi t ion 1 1 7 ( Ost profi l 1 ) h a t ei n W a sse rla u f wäh re n d ode r nach de r Beleg u ng des Fr ied hofes Grä - be r zer stört . Im Fal l von P osition 1 19 (Ost pro - fi l 1 ) fa nden, w ie die f r ü hm ittela lt erl i che n T opf f rag men te k la r ze ig en, d ie g räbe rzer stö - ren den Ü bersch wemmung en während der Be leg ungs zeit des Fr ied h ofes stat t. Die Posi t i- on 1 93 (O stprofi l 2 ) ist eb en fal ls i m Zusa m - m enhang mi t Üb ersch wemm ungszers t öru n - gen vo n Gräbe r n zu se hen. Die S ch i cht fi n det sich nördl ich von G rab 1 7 4 i m « g räb erl ose n » Be reich. Position 2 1 4 (O stprofi l 1 ) stel lt ein w ei teres Ü bersch w emmung sereignis dar , bei dem Gräb er ze rstör t w urde n. Die S ch i cht fi n- det sich b eze ich n ender wei se nö rd lich de r g rosse n Sc h wem m r in ne P osi t i on 1 3 0 im jet z t « gräberl osen » Berei ch. A l le Po sit io ne n m it f r ü h m it te l a lt e rl i - chen F unden l ieg en a lso i m nördl ichen Grä - berfel dberei ch und im « g rä ber l osen » Berei ch z w isc h en de r Gräber feldg r uppe u nd der Grä- be r n ordg r u ppe ( Gräb er 2 04 bis 21 3) . mi t zwei Au g env er tief ung en, in den en s i ch Reste ei n er g las ar t igen Subst an z b efi nden, 81 u n d ei n Tierlau f mit T at ze u n d «Man schet - te» , der von einer identi schen T atz e erg r if fen w ir d – deshalb d ie Be zeich nung Gre if t ierst i l – darg es t ellt . A u f der and eren Sei t e ersch ei - nen z wei Tierkö pfe in Fronta lan si cht mit je zwei A ug en vertief ung en und langg e zo g en e K örper t ei l e. Die b esten V e rgleic hsst ücke f ü r die V er - z i er u ng fi nden sich auf de n vergo ldeten bron- ze n en Z aum ze u gb esc hlägen von Broa auf G ot la nd ( S chwe den) 82 u n d auf de r bronz e - nen Rücken k nop f fibe l v on Gumba lda, eb en- fa ll s a u f Got la n d ( Sc h weden) 83 . De r Grei ft ier sti l kommt in Ska ndi nav ien vo m 8. bi s ins 1 0. J h. v or . 84 D i e be iden V e r - gleic hsbei spiele sind im Bro ast il verz ier t, der ze i t l i ch m it dem f r ü h en O sebe rgst il u nd dem B erda lst i l gleich z uset ze n ist, w obe i der Beg i nn de s Berd a lsti ls i n der M i t te oder der 2 . Hä lf te des 8. J h. lieg t. 85 M i t de m eigent - l i chen Bro ast il ist ab de m letz ten Dr ittel de s 8. J h. z u rec hnen. 86 I n Positio n 1 9 3 b efa nd si ch e in ger ipptes Bron zeba n d f rag men t m it ei n er ga n zen u nd einer aus g er issen en Ni et l ochung (Pos . 1 9 3 , Fu nd 1 ), b ei dem e s si ch mögl icher wei se um das F ragm en t eines f r ühm i t t elalt erli ch en Mes sersch eidenm u n dbl echs 87 ha n del n kö n n te. Aus Position 195 stammt unter anderem ein stark verrundetes Ziegelfragment (Pos. 195, Fu nd 1 ), d as event uel l in d ie römis che Ze i t gestellt werden k an n. I n Positio n 1 9 7 fand sich u n ter a nderem ein Amp ho renhenk elf ra g m en t (P os. 1 9 7 , Fu nd 1 ) . Es i st g e k eh lt zwei stabig u nd lässt sich der A mpho ren hen k el form 4 von St. Ma r - ti n -K ilch er zuw eisen. 88 E s sta mmt v on ei n er A mp hore der For m Dre ssel 2 - 4, ei ner W ei n - a m pho re von l eicht ovaler For m. Dies e W ei n- a m pho ren form kommt in de r Mit t e des 1. Jh. auf u nd fi n det i hre g rös st e V e rbreit u ng im 1 . u nd im f r ü hen 2 . Jh. V er sch iede n e P rodu k - t i onen laufe n aber noc h bis i ns späte 2. u nd i ns 3. Jh. I n der P ositio n 2 1 4 w u rde ei n e bronz ene Gü r t el sch na lle m i t I nnen ra ndlei st e u nd ab - geset zte r Dor nr ast ( Pos. 2 1 4, F und 1 ) gef u n - den, wobe i der Dor n feh lt. Es ha ndelt si ch u m ei n e Form, d ie v or al lem i m Gebiet z w i - sc h en Regensbu rg ( D) , Nec ka r , Si ng en ( D ) u n d Ba sel verbre i tet ist, jedoc h au ch i n Slo - wen i en, Nord f ra nk re i ch u nd a m Ni ede r r hei n vorko m mt. 89 D ie Gü r te ls c hn a l len for m ge - hört nac h U . Koc h 90 meh rh eitl ich i n ih re SD 38 III. Gräber: Der Friedhof Baar-Früebergstrasse I,II,III_031210.indd 3 12//10 3:0 PM E i ne w eitere, noch u ngesc h lä m mte Sed i - men t prob e aus Grab 1 89 ( F K 23 4 1; V ol u men 4,5 L iter ) w u rde a m I PNA m it tels Ha lbflotat i- on in Fr a kt ionen vo n 4 m m, 1 mm, 0,5 m m u nd 0 , 25 m m au fget ren nt. A l le Fra k t ion e n w urden au f P fl a n ze n reste h in du rc hgese hen. Die S a men/ Fr üch te w u rde n be st i m m t u nd in ei ner T abel le er f asst . P robe n, d ie aus dem sel- be n Be re ich ei nes Grab es st a m men, w u r den zu j ew ei ls ein er P ro be zusam m eng efasst . 95 Sc h l iessl ich w urden F u nde a us 1 4 4 P rob e n aus 92 Gräber n in d ie T ab el le aufgenom - me n. 96 2.3.3.2 Ausgelesene Reste Drei Proben enthielten keinerlei Reste (Grab 99, FK 2016 «Kopfbereich»; Grab 141, FK 2239 bei «Täschchen proximales Ende rechte Tibia»; Grab 175, FK 2272 «Becken, Unterkör - per»). Die verbleib enden P roben w i ese n se h r wen ig Fu nde auf. Die meisten F u nde sind u nv erko hlt erha lten ( Abb. 1 6) . Nu r e i nige wen ige Obj ek te liegen i n verk ohltem Zu - s t a n d v o r. 1 45 ve rkoh lte u nd u nverkoh lte P f l a n - ze nr este ko n n ten genauer be st i m m t werden. Sie w u rde n 12 vers ch ie denen T a x a z ugewie - sen . Es h a ndelt s ich z u meist u m E i n z el f unde. Die r ömische T erra- Sigi llata- W andscher - be i n Position 1 33, d ie römis c he A mp horen- wa ndsc herb e u nd d ie beiden ha l l stat t ze itl i - chen Fib el n aus Position 2 (O st profi l 1 ) sow ie d ie prä hi stori sc hen, bronz ez eit lic hen, römi - sc hen u nd ne u z e it l ic he n F u nde au s d e n Grabver f ül lu ngen ze igen, da ss d ie Ü ber - sc hw em mu ngen auf de m A r ea l Ba a r -Fr üe - be rgst r ass e ei ne la nge « T r ad i t ion » hab en u nd sich bis i n d ie Neu z eit ere ig neten. B ei de n meisten F u nden ha ndelt es sich u m w ie der - ho lt umgelager te Objekte. Ga n z deut l ich ze i- gen d ies d ie ver r undeten Br uch ka nten der K eram iksc h erben un d Z i eg elf ragmen te , die Grabver f ül lun gsf u nde u nd die röm isc hen Fu nde in de n Positionen 1 95 und 1 97 (O st - profi l 2 ), d i e nach de r A n lage vo n Grab 1 7 4 abgelag er t w u rden. D ass elb e g i lt f ü r den ver- go ldeten Bron z ebes c hl ag im Bro ast i l, der a n s E nde des 8. u nd den B eg i n n des 9 . Jh. d a - t ier t, aus Position 1 92, de r sich i m Ost profil 2 st ratig ra fis ch u nter Posi t ion 1 93 mit ei nem f r üh m ittela l terl ichen Fu nd be fi ndet. Die Men sc hen, d ie ih r e T oten auf de m Fr ied hof «Ba a r - Fr üeb e r gs t r a ss e » b e st at te te n, m üssen v on den Ü berschw emmung en g e - w usst ode r sie gar se lbst erlebt habe n. Dies h inder t e sie jedoc h nic h t da r a n, ih re T ot en h ier z u be erd ig e n. 2.3.3 Ergebnisse der archäobotanischen Untersuchung Marlu Kühn 2.3.3.1 Fragestellung und methodisches Vorgehen F ür die Archäobotanik galt es, die Frage nach dem Vorhandensein pflanzlicher Nahrungsbeigaben zu beantworten. 163 Sedi- mentproben aus den Gräbern des frühmittel- alterlichen Gräberfeldes standen für die ar - chäobotanischen Analysen zur Verfügung. Die Gräber befanden sich ausserhalb des Grundwassereinflusses, es handelt sich also um Trockenbodenerhaltung. Die Proben wur- den durch die Kantonsarchäologie Zug ge - schlämmt und potentielle Pflanzenreste frak- tionsweise ausgelesen. Es ist nicht bekannt, wie viel Liter Sediment pro Probe aufbereitet wurden. Das Schlämmen des Erdmaterials er- folgte in einer Siebkolonne, wobei die kleins- te Maschenweite 2 mm betrug. War von Auge organisches Material aufgefallen, so wurde bis zu einer Maschenweite von 1 mm ge - schlämmt. 94 81 Beobachtung des Restaurators R. Fritschi, Stein- maur . 82 Fugelsang 1992, 177, Abb. 1 (Farbfoto); W amers 1999, 202, Abb. 8 (Schwarzweissfoto); Umzeichnungen bei W ilson 2001, 135, Abb. 3c und Steuer 1994, 669, Abb. 2,1. 83 W ilson 2001, 137, Abb. 6 (Schwarzweissfoto); W amers 1999, 197, Abb. 3 (Umzeichnung). 84 W ilson 2001, 137. 85 Steuer 1994, 649–652, 668, Abb. 1. 86 W amers 1999, 200. 87 Vgl. Grünewald 1988, T af. 20 B79/80 1. 88 Martin-Kilcher 1994, 333, Abb. 121. 89 Koch 2001, 311, Abb. 121, 580. 90 Koch 2001, 309. 91 Koch 2001, 77. 92 W indler 1994, 51. 93 Riha 1979, 186 f. 94 Für zukünftige Untersuchungen ist es wünschens- wert, auch kleinere Siebmaschenweiten beim Schläm- men zu benutzen. Zwar sind in der einzigen Schlämm- probe zufällig keinerlei Pflanzenreste gefunden worden. T rotzdem kann nicht mit Sicherheit ausgeschlossen wer- den, dass nicht der eine oder andere Fund wegen dieser für das Erfassen pflanzlicher Makroreste unzureichenden Methode verloren ging. 95 Es handelt sich dabei um Proben mit gleicher Grab- und FK-Nummer . 96 Für weitere Informationen bezüglich methodi- scher V orgehensweisen vgl. Jacomet/Kreuz 1999. 39 2 Stratigrafie 2.3.3 Archäobotanische Untersuchung I,II,III_031210.indd 3 12//10 3:0 PM Funde W eisstanne, Nadelfragment (Abies alba) Borretsch, Frucht (Borago officinalis) W eisser Gänsefuss, Same (Chenopodium album) V ogelknöterich, Frucht (Polygonum aviculare) Birne, Kelch (Pyrus) W eintraube, Same (Vitis vinifera) Insekt Hasel, Schalenfragment (Corylus avellana) Gerste, Frucht (Hordeum distichon/vulgare) W alnuss, Schalenfragment (Juglans regia) Süssgräser , Frucht (Poaceae) wohl Emmer , Frucht (T riticum cf. dicoccum) Emmer/Dinkel, Dreschrest (T riticum dicoccum/spelta) Holz Amorphes Objekt Same/Frucht Unbestimmter Rest Erhaltung unv unv unv unv unv unv unv verk verk verk verk verk verk verk verk verk Summe der Funde 1 1 2 1 1 126 2 5 1 3 1 2 1 5 10 Grab FK Bereich der Probenentnahme 4 2162 1 2 x 4 2162 x Oberkörper 9 2166 x 3 ganzer Körper 10 2194 x Becken und Beine 11 2168 x Unterkörper 11 2168 x Oberkörper 13 2170 x Oberkörper 13 2170 x Unterkörper 15 2172 x x Schädel 17 2285 x 1 Beckenhöhe 17 2287 x 18 2174 x Oberkörper 19 2176 1 x Unterkörper 20 2283 x 20 2283 1 x Oberkörper 22 2178 1 x Oberkörper 23 2180 2 x x Oberkörper 23 2180 1 Unterkörper 24 2182 7 Knie- bis Beckenbereich 24 2182 4 Knie- bis Fussbereich 24 2182 3 Kopf- bis Brustbereich 25 2184 1 Oberkörper/Bauch (Bestattung in Bauchlage) 26 2186 1 1 1 19 x 26 2186 1 Schädelbereich 28 2284 x Becken- bis Kniebereich 28 2284 3 x 1 ganzes Grab 33 2188 2 x Grabverfüllung über Skelett 35 2192 x Kniebereich Süd 36 2204 x Brustbereich 38 2111 x Rumpfbereich 38 2111 x Oberkörper 39 2112 x Erde untere Hälfte 39 2112 x Schädelbereich 40 2115 x Schädelbereich 41 2117 x Beckenbereich 41 2117 x Schädelbereich 41 2117 x Becken/Beine, Sack 2 42 953 1 Rumpf (aus oberem Bereich) 42 2119 1 x Beckenbereich 42 2119 1 nach der Bergung 42 2119 3 x Rumpfbereich 43 2121 x Schädelbereich 44 2205 x Oberkörper 45 2124 x Becken bis Fuss links 45 2124 x Kopf bis Becken links 46 2207 1 Becken- bis Beinbereich (gestörter Bereich) 49 2209 x x Becken-bis Bauchbereich 51 2131 1 rund um den Kopf 51 2131 x Brustbereich 52 2133 1 1 1 x Oberkörper 53 2286 x Schädelbereich 54 2212 x 55 2136 x Kopf- bis Schulterbereich 55 2136 x Rumpfbereich 56 2138 1 x x Ostteil des Grabes 59 2142 x x Rumpfbereich 59 2142 x Schädel- bis Rumpfbereich 59 2142 x Fussbereich (Grab gestört) 62 2145 x 63 2147 x Becken- und Femurbereich 64 2149 x Fuss- und Beckenbereich 64 2149 x Rumpfbereich 65 2151 x Kopfbereich 67 2289 1 Grabverfüllung (bei Freilegen von FK 587 gefunden) 69 582 1 x Kopfbereich 71 2154 x Schädel- bis Ellbogenbereich 73 1984 x Unterkörper 76 1987 x Fussbereich 77 1989 x 78 821 1 bei der nördlichen Hand 78 1991 x Kopf bis Becken 80 1993 1 Becken- bis Fussbereich 81 2117 x Kopf- bis Beckenbereich links 84 1998 2 gestörtes Grab 85 1997 1 Schädel- bis Ellbogenbereich 86 2000 x 87 2002 x Oberkörper (gestörtes Grab) 92 2006 x bei rechter Hand 95 2010 x Becken bis Füsse 95 2010 x Kopf- bis Beckenbereich 96 797 x im Aushub 96 2012 1 x Kopf bis Brust 96 2012 x Bein- bis Fussbereich 96 2012 x 3 Brustbereich 98 2014 6 Brust- bis Schädelbereich 98 2014 11 Becken aufwärts 98 2014 1 Becken abwärts 99 2016 3 Beckenbereich 99 2016 3 Kopfbereich 99 2016 8 x Schädel- bis Brustbereich 99 2016 2 x unterer Bereich 99 2016 x Beinbereich 99 2016 keine Funde Kopfbereich 100 672 3 Höhe Schädel 100 2227 1 Unterkörper Grabsohle 101 2022 2 Becken- und Beinbereich 101 2022 5 x x Schädelbereich 101 2022 1 1 x x Brustbereich 102 2024 1 x A b b . 16 B a a r- Fr üe bergst rasse. L iste der ausgelesenen P flan - z enr est e. unv : unver ko hl t ver k : ver ko h l t x : ungezählt, 1 bis 1 0 Stü c k 40 III. Gräber: Der Friedhof Baar-Früebergstrasse I,II,III_031210.indd 0 12//10 3:0 PM W ei t erhin w urden ein zelne unv er ko hl t e Insekten , v er k ohl t e «am orph e O bj ekt e» , v er - koh lte «un b est i m mte S a me n / Fr üc hte» u nd « unbestimm te Res t e» a us gel esen . Bei d en «a mor ph e n Objekten» handelt es sich u m st r u kt u rl ose, glä n z ende, b la sig e Objekte u n - k la re r Herk un f t . Es k a n n sich u m verk ohltes Fruch tfleisch od er um Speis e zuberei tu ng en (z . B. Bre i ode r Brot), aber auc h um H ar z ha n - del n. D ie nicht näher b est i m m ten « Sa men / F r üc hte » l a s se n si c h z wa r a ls S a me be zie - h ungsw eise F r uch t erk en n en, we g en ihrer sc hlec ht en E rha ltu ng i st ei ne w e i tere B est i m - mung a l lerd i ngs n ich t mögl ich. B ei den «u n- be st im mten Resten » ha ndelt es sich u m u n - be ka n nt e Objek te, deren He rku n f t n icht w e i - t er eing egrenz t w er den kann. 2.3.3.3 Diskussion der Funde Wie der Tabelle Abb. 16 zu entnehmen ist, sind die Gräber aus botanischer Sicht nahezu fundleer. Da es sich um Körpergräber han - Un t e r den verko h l ten Resten fi nden sich drei K ultur pflan zen taxa (G erst e , H o rd e u m d i s - t ic hon / v u lga re ; Wa l n u s s , Ju gla n s reg i a ; Emm er / D i n ke l, T r itic u m dicoccon / T rit ic um spelta 97 ) . Bei d er Haseln uss ( Cor yl u s avellana ) , v on der v erk o hl te Schalenf ra g m en t e g ef un den w ur - den, ha ndelt es sich u m ei ne Sa m melpfla n ze. Die Erhaltung der einzelnen verkohlten Frucht ei nes Süssg ra se s (Poace ae) ist se hr s ch lec h t, sie ko n nt e da her n icht g en auer best i m m t wer de n. I n unverk ohltem Zust a nd liegen d ie Sa - men von dre i Kult u r pfl a nz enta x a vo r ( B or - retsc h, B orago o f fic i na lis ; B i r ne, P yr us ; We i n , Viti s v inif era ). W ei t ere un ver k o hlt e Pflan zen - tei le sta m men vo n de r W e isst an ne ( A b i e s alba ) u nd den b eiden Ruder alpfla n z en W e is - ser G änsef uss ( C he nopodi um album ) u nd V o - g elk nö t er i ch ( Polygonu m av ic ul are ). Ein zig Samen v on W ein t ra uben w u rd en i n mehr ere n P robe n be st im mt. Meh r a ls 1 0 T r auben sa men w u rden nur i n de n Gräbe r n 2 4, 26, 98, 9 9 und 1 0 8 gez äh lt ( vgl. Abb. 1 6) . 98 Den hä ufigst en F u n d t y p st ellen k lein e Hol z ko h le- St üc kchen da r. Si e si nd in fa st je- der P rob e enth alten, wen n auch jeweil s nur i n g e r inger Z a h l. 106 803 1 unterhalb des Beckens 106 2029 1 107 2032 x Beckenbereich 108 2033 1 Füsse 108 2033 3 Oberkörper 108 2033 1 1 x x Beckenbereich 108 2033 5 1 x x Kopf 108 2033 1 x x Becken- bis Brustbereich 108 2033 1 x x Oberkörper 110 2035 x Fussbereich (in Grabgrube 134) 110 2035 x Brustbereich 111 2036 1 Becken abwärts 114 2042 x Brustkorb 118 897 3 V erfüllung Fussbereich 119 2047 x Kopfbereich 122 2051 x 124 2053 x Rumpfbereich 126 2232 x Oberkörper 128 2057 1 x 129 2058 1 Unterkörper 129 2058 2 x x Oberkörper 135 2064 1 Kopf- bis Brustbereich 135 2064 x Becken bis Knie 135 2064 x Kopf- bis Brustbereich 137 2237 1 Rumpf (gestörtes Grab) 137 2237 x Fuss (gestörtes Grab) 139 2067 x Schädelbereich 140 2069 x Oberkörper 141 2239 keine Funde bei «Täschchen» proximales Ende rechte Tibia 145 2071 1 x 1 x 157 2253 x Bereich Schädel (gestört) 158 1456 x 5 unter rechtem Knie (evtl. Sargreste) 160 2258 x Brustbereich 167 2263 x linke Schulter/Brust 172 2265 x Oberkörper 172 2265 x Unterkörper 174 2270 x x Kopf (?) 174 2270 x fussseitig 174 2270 x linkes Bein und Hüfte 175 2272 keine Funde Becken/Unterkörper 185 2279 1 x gestört 189 2341 x Schädelbereich 191 2086 x Grabverfüllung unter FK 1608/1609, ab 10 cm über Grabsohle 201 2094 x gestört 204 2099 x x Brustbereich 97 Die Nomenklatur der T axa folgt Aeschimann/Heitz 2005. 98 Eine W eintraube enthält maximal zwei bis vier Sa- men. Funde W eisstanne, Nadelfragment (Abies alba) Borretsch, Frucht (Borago officinalis) W eisser Gänsefuss, Same (Chenopodium album) V ogelknöterich, Frucht (Polygonum aviculare) Birne, Kelch (Pyrus) W eintraube, Same (Vitis vinifera) Insekt Hasel, Schalenfragment (Corylus avellana) Gerste, Frucht (Hordeum distichon/vulgare) W alnuss, Schalenfragment (Juglans regia) Süssgräser , Frucht (Poaceae) wohl Emmer , Frucht (T riticum cf. dicoccum) Emmer/Dinkel, Dreschrest (T riticum dicoccum/spelta) Holz Amorphes Objekt Same/Frucht Unbestimmter Rest Erhaltung unv unv unv unv unv unv unv verk verk verk verk verk verk verk verk verk Summe der Funde 1 1 2 1 1 126 2 5 1 3 1 2 1 5 10 Grab FK Bereich der Probenentnahme 41 2 Stratigrafie 2.3.3 Archäobotanische Untersuchung I,II,III_031210.indd 1 12//10 3:0 PM Um alle Klein- und Kleinstobjekte wie zum Bei- spiel Perlen zu erfassen, wurde zu Beginn der Grabung weniger, gegen Ende ziemlich syste- matisch das Erdmaterial im Skelettbereich der Gräber geschlämmt. Das Schlämmen erfolgte in einer Siebkolonne, wobei die kleinste Ma- schenweite 2 mm betrug. War von Auge orga- nisches Material aufgefallen, so wurde bis zu einer Maschenweite von 1 mm geschlämmt. 1 Es war aber nicht das erklärte Ziel, repräsentati- ve Erdproben zu gewinnen und auszuschläm- men, um Aussagen über pfl anzliche Grabbei- gaben oder die Umwelt machen zu können. Die botanischen Reste waren vielmehr Neben- produkte des Schlämmens nach Artefakten. Trotz dieser unsystematischen Probenauswahl stellte sich die Frage, ob allenfalls Pfl anzenreste vorliegen, die als pfl anzliche Nahrungsbeiga- ben anzusprechen sind. Denn bereits beim Schlämmen auf der Ausgrabung waren Trau- bensamen und Haselnussschalenfragmente aufgefallen. Die Trockenbodenbedingungen von Baar- Früebergstrasse liessen jedoch am frühmittel- alterlichen Alter der unverkohlten Pfl anzenreste zweifeln. Um die Frage zu beantworten, ob die unverkohlten Pfl anzenreste wirklich über 1300 Jahre alt sind, wurde der Weintraubensamen aus Grab 25 C14-datiert. Die Wahl fi el auf die Weintraubensamen, da sie als einzige regel- mässig in den Proben vorhanden waren und im ganzen Südbereich des Gräberfeldes vorka- men (Abb. 17). Zudem wäre der Nachweis von Weintrauben als Nahrungsbeigabe in frühmit- telalterlichen Gräbern ziemlich spektakulär, da bislang fast keine vegetabilen Beigaben aus frühmittelalterlichen Gräbern bekannt sind. 2 Grab 25 wurde gewählt, da das Grab unge- stört ist und die Provenienz des Weintrauben- samens klar vermerkt wurde: Er stammt aus dem Oberkörper-Bauch-Bereich der in Bauchlage bestatteten Frau. Er lag also unter dem Skelett. Die C14-AMS-Datierung 3 ergab folgendes Alter: AMS-C14 Alter (y BP): –1860 ±40 Kalibriertes Alter (BC/AD): AD 1958–1962 (17,1%) AD 1979–1983 (82,9%) Der Weintraubensamen aus Grab 25 ist also neuzeitlich. Diese Zeitstellung ist wohl auch für die anderen unverkohlten Weintraubensamen und Pfl anzenreste anzunehmen. Die Pfl anzenreste könnten mit dem Dünger in den Boden gelangt 4 oder durch Wasserläufe (Kap. III.2) eingeschwemmt worden sein. Der kiesige und siltige Boden war anscheinend durchlässig genug, damit Pfl anzenreste bis in die Gräber und unter die Skelette vordringen konnten. Drei neuzeitliche Funde in den Verfül- lungen der Gräber 87, 145 und 173 weisen in die gleiche Richtung (Kap. III.2.3.1). C14-Datum des Weintraubensamens aus Grab 25 Von Katharina Müller 32 33 30 29 31 197 213 207 204 211 210 209 212 208 206 205 202 199 55 152 155 156 158 159 157 154 54 58 160 82 83 57 60 61 84.2 84.1 81 53 50 56 49 59 11 51 48 47 52 4 10 43 40 44 38 9 14 41 39 18 17 13 34 42 15 16 19 20 35 36 23 22 21 24 25 62 63 100 46 37 80 69 70 86 67 45 65 66 68 101 64 26 98 99 97 27 96 133 85 71 78 135 79 77 92 93.1 93.2 136 75 74 137.1 137.2 139 73 28 95 72 103 102 121 104 124 107 106 122 120 105 108 111 127 128 118 123 76 163 89 131.2 131.1 130 87 140 88 90 168 167 166 91 94 165 162 161 145 181 142 143 144 169 182 177 183 190 150 149 148 146 147 180 151 198 170 x 126 125 171 132 179 119 117 129 138 109 110 134 112 113 141 114 153 115 116 178 175 173 172 174 176 186 185 194 201 184 203 200 189 196 192 195 191 187 193 188 Ostprofil 1 Nordprofil Ostprofil 2 KN KS GS 267 142 139 148 61 58 62 141 140 6 137 138 164 682.250 682.240 682.230 682.260 682.270 682.280 1 1 2 1 14 16 4 18 1 2 1 1 1 6 19 1 1 3 2 1 11 1 2 1 3 3 1 8 Kartierung der unverkohlten W eintraubensamen Zahl = Anzahl Samen C14-AMS-Datierung 6 1 Freundliche Mitteilung (Mai 2001) von D. Arnold, die für einen Grossteil des Schlämmens auf der Grabung zuständig war . 2 In ein Grab von Flaach ZH, Chrumben wurden Haselnüsse, Äpfel oder Birnen in Bronzegefässen mitgegeben (Klee 1998). 3 Die C14-AMS-Datierung wurde von G. Bonani am Institut für T eilchenphysik der ETH Zürich durchgeführt. Labor Nr .: ETH-25 199, Proben-Nr .: 2184. 4 Frau Schelbert, die etwa zehn Jahre lang zusam- men mit ihrem Mann das Grundstück Früeberg- strasse gepachtet hatte, informierte mich (Mai 2002), dass sie integriert produziert, also mit Gülle und Mist gedüngt und lediglich den Garten- und Haushaltskompost zweier Häuser aufs Feld ge- bracht hätten. Abb. 17 Baar-Früebergstrasse. Kartierung der Anzahl unverkohlter Weintraubensamen pro Grab (rot). Gelb hervorgehoben ist Grab 25, des- sen Weintraubensame C14-AMS-datiert wurde. 32 33 30 29 31 197 213 207 204 211 210 209 212 208 206 205 202 199 55 152 155 156 158 159 157 154 54 58 160 82 83 57 60 61 84.2 84.1 81 53 50 56 49 59 11 51 48 47 52 4 10 43 40 44 38 9 14 41 39 18 17 13 34 42 15 16 19 20 35 36 23 22 21 24 25 62 63 100 46 37 80 69 70 86 67 45 65 66 68 101 64 26 98 99 97 27 96 133 85 71 78 135 79 77 92 93.1 93.2 136 75 74 137.1 137.2 139 73 28 95 72 103 102 121 104 124 107 106 122 120 105 108 111 127 128 118 123 76 163 89 131.2 131.1 130 87 140 88 90 168 167 166 91 94 165 162 161 145 181 142 143 144 169 182 177 183 190 150 149 148 146 147 180 151 198 170 x 126 125 171 132 179 119 117 129 138 109 110 134 112 113 141 114 153 115 116 178 175 173 172 174 176 186 185 194 201 184 203 200 189 196 192 195 191 187 193 188 Ostprofil 1 Nordprofil Ostprofil 2 KN KS GS 267 142 139 148 61 58 62 141 140 6 137 138 164 682.250 682.240 682.230 682.260 682.270 682.280 1 1 2 1 14 16 4 18 1 2 1 1 1 6 19 1 1 3 2 1 11 1 2 1 3 3 1 8 Kartierung der unverkohlten W eintraubensamen Zahl = Anzahl Samen C14-AMS-Datierung 6 42 III. Gräber: Der Friedhof Baar-Früebergstrasse I,II,III_031210.indd 2 12//10 3:0 PM Um alle Klein- und Kleinstobjekte wie zum Bei- spiel Perlen zu erfassen, wurde zu Beginn der Grabung weniger, gegen Ende ziemlich syste- matisch das Erdmaterial im Skelettbereich der Gräber geschlämmt. Das Schlämmen erfolgte in einer Siebkolonne, wobei die kleinste Ma- schenweite 2 mm betrug. War von Auge orga- nisches Material aufgefallen, so wurde bis zu einer Maschenweite von 1 mm geschlämmt. 1 Es war aber nicht das erklärte Ziel, repräsentati- ve Erdproben zu gewinnen und auszuschläm- men, um Aussagen über pfl anzliche Grabbei- gaben oder die Umwelt machen zu können. Die botanischen Reste waren vielmehr Neben- produkte des Schlämmens nach Artefakten. Trotz dieser unsystematischen Probenauswahl stellte sich die Frage, ob allenfalls Pfl anzenreste vorliegen, die als pfl anzliche Nahrungsbeiga- ben anzusprechen sind. Denn bereits beim Schlämmen auf der Ausgrabung waren Trau- bensamen und Haselnussschalenfragmente aufgefallen. Die Trockenbodenbedingungen von Baar- Früebergstrasse liessen jedoch am frühmittel- alterlichen Alter der unverkohlten Pfl anzenreste zweifeln. Um die Frage zu beantworten, ob die unverkohlten Pfl anzenreste wirklich über 1300 Jahre alt sind, wurde der Weintraubensamen aus Grab 25 C14-datiert. Die Wahl fi el auf die Weintraubensamen, da sie als einzige regel- mässig in den Proben vorhanden waren und im ganzen Südbereich des Gräberfeldes vorka- men (Abb. 17). Zudem wäre der Nachweis von Weintrauben als Nahrungsbeigabe in frühmit- telalterlichen Gräbern ziemlich spektakulär, da bislang fast keine vegetabilen Beigaben aus frühmittelalterlichen Gräbern bekannt sind. 2 Grab 25 wurde gewählt, da das Grab unge- stört ist und die Provenienz des Weintrauben- samens klar vermerkt wurde: Er stammt aus dem Oberkörper-Bauch-Bereich der in Bauchlage bestatteten Frau. Er lag also unter dem Skelett. Die C14-AMS-Datierung 3 ergab folgendes Alter: AMS-C14 Alter (y BP): –1860 ±40 Kalibriertes Alter (BC/AD): AD 1958–1962 (17,1%) AD 1979–1983 (82,9%) Der Weintraubensamen aus Grab 25 ist also neuzeitlich. Diese Zeitstellung ist wohl auch für die anderen unverkohlten Weintraubensamen und Pfl anzenreste anzunehmen. Die Pfl anzenreste könnten mit dem Dünger in den Boden gelangt 4 oder durch Wasserläufe (Kap. III.2) eingeschwemmt worden sein. Der kiesige und siltige Boden war anscheinend durchlässig genug, damit Pfl anzenreste bis in die Gräber und unter die Skelette vordringen konnten. Drei neuzeitliche Funde in den Verfül- lungen der Gräber 87, 145 und 173 weisen in die gleiche Richtung (Kap. III.2.3.1). C14-Datum des Weintraubensamens aus Grab 25 Von Katharina Müller 32 33 30 29 31 197 213 207 204 211 210 209 212 208 206 205 202 199 55 152 155 156 158 159 157 154 54 58 160 82 83 57 60 61 84.2 84.1 81 53 50 56 49 59 11 51 48 47 52 4 10 43 40 44 38 9 14 41 39 18 17 13 34 42 15 16 19 20 35 36 23 22 21 24 25 62 63 100 46 37 80 69 70 86 67 45 65 66 68 101 64 26 98 99 97 27 96 133 85 71 78 135 79 77 92 93.1 93.2 136 75 74 137.1 137.2 139 73 28 95 72 103 102 121 104 124 107 106 122 120 105 108 111 127 128 118 123 76 163 89 131.2 131.1 130 87 140 88 90 168 167 166 91 94 165 162 161 145 181 142 143 144 169 182 177 183 190 150 149 148 146 147 180 151 198 170 x 126 125 171 132 179 119 117 129 138 109 110 134 112 113 141 114 153 115 116 178 175 173 172 174 176 186 185 194 201 184 203 200 189 196 192 195 191 187 193 188 Ostprofil 1 Nordprofil Ostprofil 2 KN KS GS 267 142 139 148 61 58 62 141 140 6 137 138 164 682.250 682.240 682.230 682.260 682.270 682.280 1 1 2 1 14 16 4 18 1 2 1 1 1 6 19 1 1 3 2 1 11 1 2 1 3 3 1 8 Kartierung der unverkohlten W eintraubensamen Zahl = Anzahl Samen C14-AMS-Datierung 6 1 Freundliche Mitteilung (Mai 2001) von D. Arnold, die für einen Grossteil des Schlämmens auf der Grabung zuständig war . 2 In ein Grab von Flaach ZH, Chrumben wurden Haselnüsse, Äpfel oder Birnen in Bronzegefässen mitgegeben (Klee 1998). 3 Die C14-AMS-Datierung wurde von G. Bonani am Institut für T eilchenphysik der ETH Zürich dur chgeführt. Labor Nr .: ETH-25 199, Proben-Nr .: 2184. 4 Frau Schelbert, die etwa zehn Jahre lang zusam- men mit ihrem Mann das Grundstück Früeberg- strasse gepachtet hatte, informierte mich (Mai 2002), dass sie integriert produziert, also mit Gülle und Mist gedüngt und lediglich den Garten- und Haushaltskompost zweier Häuser aufs Feld ge- bracht hätten. Abb. 17 Baar-Früebergstrasse. Kartierung der Anzahl unverkohlter Weintraubensamen pro Grab (rot). Gelb hervorgehoben ist Grab 25, des- sen Weintraubensame C14-AMS-datiert wurde. 32 33 30 29 31 197 213 207 204 211 210 209 212 208 206 205 202 199 55 152 155 156 158 159 157 154 54 58 160 82 83 57 60 61 84.2 84.1 81 53 50 56 49 59 11 51 48 47 52 4 10 43 40 44 38 9 14 41 39 18 17 13 34 42 15 16 19 20 35 36 23 22 21 24 25 62 63 100 46 37 80 69 70 86 67 45 65 66 68 101 64 26 98 99 97 27 96 133 85 71 78 135 79 77 92 93.1 93.2 136 75 74 137.1 137.2 139 73 28 95 72 103 102 121 104 124 107 106 122 120 105 108 111 127 128 118 123 76 163 89 131.2 131.1 130 87 140 88 90 168 167 166 91 94 165 162 161 145 181 142 143 144 169 182 177 183 190 150 149 148 146 147 180 151 198 170 x 126 125 171 132 179 119 117 129 138 109 110 134 112 113 141 114 153 115 116 178 175 173 172 174 176 186 185 194 201 184 203 200 189 196 192 195 191 187 193 188 Ostprofil 1 Nordprofil Ostprofil 2 KN KS GS 267 142 139 148 61 58 62 141 140 6 137 138 164 682.250 682.240 682.230 682.260 682.270 682.280 1 1 2 1 14 16 4 18 1 2 1 1 1 6 19 1 1 3 2 1 11 1 2 1 3 3 1 8 Kartierung der unverkohlten W eintraubensamen Zahl = Anzahl Samen C14-AMS-Datierung 6 43 2 Stratigrafie 2.3.3 Archäobotanische Untersuchung I,II,III_031210.indd 3 12//10 3:0 PM st ra sse sc hei nt g egen ei ne vergleic hba re P ra - x is i m Fr ü h m i t tela lter z u sprec hen. Da v ie le fr ühm i t t elalt er lich e K örperg räber jed och ein rei chhaltig es ma teri elles Bei ga benspektr u m entha l ten, lä sst sich auch d ie Be igabe pfl a n z- l icher Na h r u ng smit tel – se i d ies i n Form von Speisezuberei tu ng en od er in For m von S a - men/ Fr üchten – nic h t auss ch l ies sen . Ih r e E r - ha lt u ng ist jedo ch oh ne den E i n f luss von Feuer – w ie bei spiels weise i m Fa l le der röm i- sc hen Bra ndb est att un gen – nic h t mögl ich. De r feh lende Nachweis pf la n z l icher Na h - r ungsmi ttel in f r üh mitt elalt er lich en G rä be r n be r u ht som i t au f ei nem E rha lt u ngsproblem. 2.3.3.4 Fazit Basierend auf den Funden pflanzlicher Reste konnte für die frühmittelalterlichen Gräber von Baar-Früebergstrasse die Sitte der Beigabe von Nahrungsmitteln nicht belegt werden. Die Frage, ob diese Praxis üblich war oder nicht, kann jedoch nicht schlüssig beantwor- tet werden. Da es sich um Körpergräber han- delt, ist der Nachweis verkohlter Reste nicht zu erwar ten. Mit der unverkohlten Erhaltung pflanzlicher Grabbeigaben ist unter Trocken- bodenbedingungen nicht zu rechnen. Ähn - liche Ergebnisse wie diejenigen von Baar-Früe - bergstrasse lieferten die archäobotanischen Untersuchungen weiterer frühmittelalter - licher Gräberfelder (Flaach ZH, Chrumben 103 ; Eschen (FL), Alemannenstrasse 104 ; Langen - thal BE, Unterhardt 105 ). Auch die Gräber die- ser Fundstellen enthielten nur sehr wenige Pflanzenreste. Einzelne unverkohlte, metall - konservierte Haselnussschalen aus einem Bronzegefäss in einem Frauengrab von der Fundstelle Flaach werden als mögliche Beiga- ben gedeutet. delt, Feuer bei der Bestattung also keine Rolle spielte, ist die Tatsache, dass nicht mehr ver- kohlte Pflanzenreste zum Vorschein kamen, erklärlich. Bei den wenigen verkohlten Pflan- zenresten handelt es sich um (frühmittelal - terliche?) Streufunde aus der Umgebung, die nicht zwingend zeitgleich mit den Bestat - tungen sind und die aus unbekannten Grün- den in die Gräber gelangten. Ihre Interpreta- tion als vegetabile Grabbeigabe ist unwahr - scheinlich, sie können allenfalls Hinweise auf menschliche Aktivitäten in der Umge - bung der Fundstelle geben. Die ei n z igen Reste, die regel mä ssig in den Gräb er n gef u nden w u rden u nd d a her ei ne I n ter pret ation al s Be igab e mögl ich er - sc hei nen lass en, si nd die u nv e rk ohlten Sa - men von W ei n. Un ter T roc kenbo den- o der M iner a lbo denb ed i ng u ngen, w ie sie in B aa r- Fr üeb e rgst ras se vorliegen, können sic h je - doc h nur verko h lte (oder m i nera l i sier te) P f l a n ze n re ste e rha lten. Unverkoh lte Re ste hinge g en w erden durch M ik roo rganism en i m Bo den z er set zt. 99 Denk b ar w är e al l enf all s di e Er h al tung h arts chal ig er , d. h. s t a rk ve r - ho l z ter Sa men ode r Fr üc h te übe r ei nen lä n - g eren Zei traum , wie z. B. Schalen v o n N üs - sen, d ie Ker ne von S tei nobst u nd v on Brom- be er e ode r auch d ie Sa men von W ei ntr au - be n. Of t ma l s bleibt ih r A l ter je doc h u n k la r . U n ver k o hlt e Pflan zen t eile a us Min era l boden - se d i men ten wer den d a her i n der Regel a ls subre ze n t e ingest uf t u nd nicht in d ie Aus - wer t u ng a rch äobota n i sc her Spe kt ren e i nbe - zogen. D ie C 1 4 - Dat ier u ng e i nes T rauben sa - mens aus Grab 2 5 er gab ei n neu ze itl iches Dat u m ( K asten « C1 4 -Dat u m des W ei ntr au - be ns a mens aus Gr ab 25» , S. 42 f.) u nd best ä- t ig t som it die R ich t ig kei t d iese r A n na h me. E i n ä h n lic hes E rgebni s erbr acht e d ie C1 4 - Dat ie r u n g e i ne s u nve rkoh lte n H olu nd e r - s a me n s ( Sambuc u s ) aus e iner m it telbronz e - ze i t l ichen Fe uer stel le ( Mau r -E bmati ngen Z H, Hof ac her), d ie ei n A lter v on et wa 50 Jah r en e r g a b. 100 E s muss d a her davon a usgegangen w erden , dass es s ich bei al l en un ver k ohl t en P fla n z enteilen u m s ubre zente R este ha ndelt, d ie ä h n l ic h w ie d ie ve rkoh lte n S a men / Fr üc hte z u fä l l ig i n d ie Gräbe r ei nget ragen w u rden. I n römi sc hen Bra ndg räbe r n w ie z. B . denj e n igen v on Wi nd isc h A G, Dägerli 101 o der Aug st BL 102 w ir d of t ei ne Viel z a h l verko h l ter Reste g ef u nden (e i n hei m isc he und i mpor - t ier te Na h r un gspfla n zen, ab er auc h Spe ise - z ube reit u ngen) . Die ger i nge A n z a h l a n P fl a n - zen f u nden i n den Gräb e r n a n der Fr üebe rg - A b b . 18 A real B aa r - Fr ü ebe rgstrasse. B a up iste mit östlich und westlich da von gelege nen Grä- bern . Die Grabgr uben sind als dunk le V er färbun - gen erkennbar . Blick g egen W esten. 44 III. Gräber: Der Friedhof Baar-Früebergstrasse I,II,III_031210.indd  12//10 3:0 PM Ausgrabungstechnisch 106 wurde beim Fried - hof Baar-Früebergstrasse folgendes Vorgehen bei der Freilegung der Gräber angewandt: Der Humus und die darunterliegenden Sedimente wurden mit einem Bagger vorsichtig abgetra- gen, bis sich im kiesigen Untergrund die früh - mittelalterlichen Grabgruben durch eine dunklere Verfärbung abzeichneten (Abb. 18). Ein Metalldetektor unterstützte die Suche. Um Zeit zu sparen, die Grabverfärbungen besser erkennen und in den weniger tiefen Grabgruben leichter arbeiten zu können, wurde mit dem Bagger die Grabverfüllung um weitere etwa 40 cm abgetragen. E n tdec kte Gräb er ma rk ier te ma n m it K a lk , u nd g rosse Pla st i kba h nen s chütz ten sie bis z u r Fre i leg u ng vor dem Austro c k nen. Je - des Grab w u rde num mer ier t u nd m ittels z weier Mes spu n k te, die sich au f sei ner M it - telac hse je et wa 2 0 c m von der öst l ichen u nd west l ichen Grabg r ub eng ren ze ent fer nt be - fa nden, i n L a ndeskoord i nat en e i ngemesse n. Auf e i nem Ü b e rsic h tspla n i m Ma ssst ab 1: 1 0 0 w u rden d ie Gräb er e r fas st. Die T o ten b efa nden sic h in e i ner Tie fe vo n bis z u 1 , 5 m u nt er de m heutigen B ode n. Dies b e deutet e f ü r d ie Mita rb eiter i n nen u nd M i ta rb eiter der K a nt onsa rch äol og ie Zug j e nach L age des Sk e let t s ha r te A r be it mit Pic kel u nd Sc haufe l. Zu näch st hob ma n im O sten der Gr ub e, wo die Sc h ienb ei ne z u ver mut en wa r en, d ie Grabver f ü l lu ng aus (Abb . 1 9 ) . De n n i n d ie - sem B e reic h wa r d ie Ge fa h r ger i ng , et wa s u n- w iede rbr i ng l ich z u ze rstör ten. D ies er gab da s Grabprofi l, in de m der R a nd der Grabg r ub e, d ie L ag e des Skelet ts u nd Grab ei nbaut e n w ie Sä r ge m e ist g ut si chtba r wa re n. In z a h l re i - chen Fä l len l iesse n sich Reste v on Grabe i n - bau ten w ie Holz sä r ge und -k i sten nur i m P ro - fi l, jedoc h n icht im Pla num e r kennen, d a da s 3 Gräber Gräber als Quellen G räber sind historische Quellen. Ihre Be - arbeitung läuft grundsätzlich nach den gleichen Prinzipien wie bei Text-, Bild- oder Objektquellen ab und gliedert sich ideal - typisch in drei Phasen: – Quellen beschaf f u ng: Mi t der Aus g ra - bu ng e r fo lg t d ie Q uel lenb esc ha f f u ng. Die Q uel len, d ie Grabb ef u nde u nd -f u n- de, werden doku mentie r t u nd d ie Funde (u nd teilweis e Be f u nde w ie Bl oc kb er - g u ngen) werde n geborgen. Nach de r Ausgr abu ng geht die Q uel len- be sc ha f f u ng weiter . D ie Fu nde u nd Bl ockberg u ng en w erden f reig elegt, k on - se r v ier t-restau r ier t u nd an a lysier t . E rst dadu rc h werden sie «l e sba r » . – Q uel len k r iti k : Die Grabb ef u nde u nd -f u nde w erde n e iner Q uel len k r iti k u n - terz ogen. Gr u nd leg end be i Gräb er n ist d ie T aph onomie. Sie f rag t nac h den V or - gä ngen, d ie a u f da s Grab vom A n leg en bis z u r Au f fi ndun g ei nw i rkten, nac h den E rha l t u ngsb ed in g u ngen u nd nac h den dadu rc h be d i ng ten V erä nder u ngen z w i- sc hen dem Z e itpu n k t de r Be stat t u ng u nd der Auf fi ndung des Gr abe s. Die ( k r it isc he) Q uel lenb esc h re ibu ng de r Be f u nde und Fu nde er folg t i m K ata log, auf de n T a fel n u nd i m T e xt. – Quellenin terpreta t i on: In fr üh mitt el - a lt erl ichen Gräb er n sind nebe n Grab u nd K ör p er i nsb es ondere d ie v iel f ä ltigen Be igabe n Be deut u ng st räger . D iese g i lt es z u entsc h lüsse l n. 3.1 Ausgrabungstechnik Die Ausgrabung, die Quellenbeschaffung, ist der wichtigste Schritt bei der Bearbeitung von Gräbern. Was hier nicht dokumentiert wird, ist für immer verloren. Dabei spielen die sich gegenseitig beeinflussenden Faktoren Fragestellung/Ziele/Qualität, Zeit und Kosten eine grosse Rolle. Fragestellung/Ziele/Qualität Zeit Kosten A b b . 19 B a a r- Fr üe bergstrasse, Grab 65 . Grabpr ofi l im Osten der Grabgr ube. Der Rand der G rabgr ube, die Schie nbeine und d ie S teinhint er füll ung des voll st ändig v ergange - nen Sarges s ind erkenn - bar (v gl. Grabplan Ta f . 51) . 99 Die Erhaltung unverkohlter Pflanzenreste ist nur an völlig trockenen Ablagerungsorten möglich, an de- nen die zersetzenden Mikroorganismen nicht existieren können. In Mitteleuropa werden trocken erhaltene Pflan- zen z. B. in Abris (Grottenburg Marmorera GR, Akeret/ Kühn 2008) oder Fehlböden von Fachwerkhäusern (Arlesheim BL, Mühle, Ernst/Jacomet 2005) gefunden. 100 Mündliche Mitteilung von Ch. Brombacher , IPNA. 101 Petrucci-Bavaud et al. 2000. 102 u. a. Jacomet/Dick 1986, Jacomet/Bavaud 1992, zusammenfassend Flutsch et al. 2002, 22–29. 103 Klee 1998. 104 Klee 2001. 105 Klee 2008. 106 Die grabungstechnische Leitung der Rettungsgra- bung Baar-Früebergstrasse lag bei J. W eiss und K. W eber , KA ZG. 45 3 Gräber 3.1 Ausgrabungstechnik I,II,III_031210.indd  12//10 3:0 PM ch ige Sk elet t t e ile. Die Frei leg ung de r Bl oc k - be rg un g en fa nd spä ter i m L abor der K an - tonsa rchäologie Zug stat t (K a p. V . 2. 1 ) . Die Ausg rabu ng w u rde v on der Ausg ra - bu ngsmita rb ei ter i n Ch. A ll isson m i t e iner Videoka mera doku men t ier t. Auf d rei V i deo - ka sset ten sind tota l n e un St u n den Fi lm ge - ba nnt. Die A rb ei t ssch r i t te be i der Ausgr a - bu ng sind dadu rch s ehr g ut nac h vo l lz iehba r , u n d d as Fil m ma ter ia l liefe rt i nsbe son de re ei- ne g u te Ü be rsicht über d as V orgehen u n d d ie Si t u a t i on vor Or t, w ie es ei n e re in fotogr a - fis che Doku men t a t i on n i c h t zu l iefer n ver - ma g. 108 3.2 Gräbertypen Zur nachfolgenden Unterteilung in Erdgrab und Grab mit Holzeinbau müssen zwei Vor - bemerkungen gemacht werden: – Be i den a n t ik u n d mode r n g estör t e n G r ä - be r n ist ei n e B eu rtei lung , ob da s G r ab ursprü ngli ch einen Ho lzeinba u en thiel t, n i c h t mehr mögl ich ode r äusser st schw ie - r i g. Da da s E rdmater ia l bei de r Be ra u - bu n g u mges ch ic h te t w u rd e, ent h ielte n d i e Gräb er , d i e jet zt a ls E rdg räbe r er - sch ei n en , m öglich er w eise u rsp r üngli ch einen Ho lzeinba u. – Spu ren ei nes Grabe inbaus wa ren i n der ( K i e s-) F läche sc h w ier ig z u erk en nen u n d häu fig n u r im Grabprofi l sich tba r . Aus d i es em Gr und sol l te – bei B aa r -Fr üe - be rgst rass e war d ies häu fig der Fa ll – je - wei ls be i al len Gräbe r n ein Grab profil a ng e l eg t u n d doku men t ier t werden. Ic h habe a l l e Grabprof i l e, d i e vor ha nden u nd b et r ef fe nd Gr abb au au f sc h lus sre ic h wa ren, auf de n T a f e ln abgebildet. Allgemein muss wohl davon ausgegangen werden, dass die meisten Gräber Holzein - bauten enthielten. 3.2.1 Erdgrab 21 Gräber scheinen Erdgräber gewesen zu sein, wobei die gestörten Gräber nicht be - rücksichtigt wurden. Dazu gehören 13 unge- störte Gräber 109 , bei denen ein Grabprofil fehlt, sodass sich unter ihnen nicht erkannte Gräber mit Holzeinbauten «verstecken» könn - ten. Vi er Erd g rä ber 110 zei chn et en s i ch d urch ei ne S tei nein fas sung au s. Bei a l l e n handelt es sich u m ungestör t e Nachb estat t ungen, u m Su per po si tio nen in berei ts best eh end en G rab - k iesig-silt ig e Ba ar er E rdmater ial d ies fa st un- mögl i c h mach te. Das A n le gen de r G r abpro - fi l e wa r a lso n ich t nur si nnvo l l f ür e ine ef fi- z i e n te Frei l eg u ng der Skelet te und Grabb ei - gabe n , s o nder n auch f ü r d i e B eant w or t u ng der Frage nach Grab ei nba uten. Be i Gräbe rn werden Grabprofi le selten an g eleg t u n d noc h se l tener publ iz ier t. Ei ne A u snah me ist zu m Be ispiel der f r ü hbro n ze zeitl iche Frie dhof Ge - me in leb a r n (A) . 107 Wic h tig i st aber fest z uh al- t en, das s bei schl ech ten E r hal t ung sbedin - g u ng e n a uch b ei d iesem V orgehen n i e a lle eh emals v or hand enen Gra beinba u ten gef asst werden können. Nach de m An legen des Grabprofi ls u n d des sen zei chnerischer u n d f o to g rafischer Do - ku m en ta tio n so w i e ein em w ei teren Abtrag m i t P i c k el u nd Sc ha u fel w u rde im H andab - trag m i t fein eren Arbei tswer k zeu g en wie Spi t z k el le, S pac h tel u nd Pi nse l die Grabver - f ü llun g bis a u f d i e Höhe des Sk elet ts u nd der Grabbe igaben f re ig e l eg t (Abb . 2 0 ). Das E rd mat e ria l i m Sk elet tbe reich w u r - de nach Kör pe rreg ionen getre nnt abg epac kt. A nsc hl iesse n d w u rde es i n ei n er Siebko lonne m i t Mas chenw eiten bis z u 2 mm, tei lw e ise bis z u 1 m m g esc hl äm m t, u m a uc h K l e in- und K leins to bj ekte w i e zum Beispi el P erl en z u er fasse n ( Abb. 2 1 ). W a r da s Grab g e st ör t und b efa n de n si c h Be igaben i n der V e rf ü llu ng oder w are n R e st e vo n Grab ei nba uten vor ha nden, so w u rden di es e n umme rie rt (F un dk o m p le xnumm er ), ei ngemesse n (Höh e ), be sch r i eb en u n d je nach Be f und /F und ze i c hner is ch im Pla num fest - g ehalt en. Die Grabg r ube, d as Sk e l et t u nd die Grab - be igaben w u rden nac h der Fre ileg ung b e - sc hr ieben, i m Massst ab 1: 1 0 ( die Perlen i m Mas sstab 1: 1 ) gez eich n et, e ingemess en ( H ö - he) und foto g ra fier t ( vgl. A bb . 2 83) . V orange - hend oder a ns ch liesse n d e rfolgte d ie anth ro - pologi sche Dat e nauf na hme der Skelet te in F u nd lage . Da nach konnt e n die m i t den F u nd kom - pl ex n ummern v ersehen en S kel ette , Bei gaben u n d geg eb enen fal ls P robe n g eborgen wer - den. K a m en we i tere Fu nde und Be f unde beim Ber g u ngsvorgang z u m V orsc h e in, so w u rden d ie se eb enf al ls doku men t ier t. L agen kompl e xe Fu ndsit uat ion e n, in sbe - sondere m i t orga n ische m Ma ter ia l, v or ode r wa r der Z ei td r uck g ross, so w u rden ga n ze Fund ensemb l es mi t dem umge bend en Erd - mater ial a ls Bloc k im Gips oder i n ei ner Holz k iste g eborgen. D ies galt au c h f ür br ü - A b b. 20 B a a r- Fr üebe rgstrasse. Frei - legen der G rabgrube, des Skeletts und der Grabbeigaben. A b b . 21 B a a r- Fr üebe rgstrasse. Schlämmen des Er dma - terials aus dem Sk elet t - bereich in einer Sieb - kolonne. 46 III. Gräber: Der Friedhof Baar-Früebergstrasse I,II,III_031210.indd  12//10 3:0 PM ze r a ls E ic he und i n Grab 1 8 1 a ls B uche be - st i m mt w e rden konnten. Be i den M ädcheng räb er n 34 u nd 1 1 8 fa nden sich jewei l s v ier i n e i nem Rec hteck a ngeord nete St ei ne auf de r Grabg r ub en soh - le. W a h r sc hei n l ich hat ten sie die g leiche Fu n k t ion w ie d ie Unterla gsb a l ke n. Sie d ie n - ten a ls Un ter bau f ü r e i nen Holz sa r g ode r ei - ne Ho l z k i ste. Das Gleiche g i l t wo h l auch f ü r d ie St ei ne auf de r Grabsoh le des Babyg rab es 15 0 . 3.2.2.1 Grab mit Holzsarg (und Steinhinterfüllung) Bei 17 Gräbern 121 konnte entweder im Pla - num oder im Grabprofil das Negativ eines Holzsarges, wahrscheinlich eines Baum - sarges, dokumentiert werden. Bei vier Grä - bern 122 war der Holzsarg zusätzlich mit Stei - nen hinterfüllt und bei drei Gräbern 123 lies - sen sich Vierkanthölzer als Unterlagsbalken nachweisen. Auch in Grab 98 fand sich unter den Unterschenkeln ein Vierkantholz von 0,1 m Breite. Aufgrund der Grabgrubengrös - se, insbesondere der geringen Breite, gehe ich auch hier von einem Holzsarg aus. Be i Grab 13 fand sich ei n S a rg wa nd ne - gativ , a u fg r u nd desse n d ie Sa rgbr eite mit et - wa 0, 4 6 m a ngeg eb e n werden k a n n. g r ube n m it leich t vo n de r E r stb est att u ng ab - weichender Grab or ientier u ng u nd m it ange - w i n kelt en A r men, wobei d ie Hä nde unter bz w . üb er de m B ec ken lagen ( T otengest u s e, vgl. K ap . II I . 3. 4 . 2 u nd Abb. 28 ) . Bei vier G räbern 111 ha ndelte es sich u m E rdg räb e r m it einem de n Kopf b z w . Ob e rk ör- per einfassen den S teinhalb k reis. Bei G rab 1 45 war z u sät z l ich e i ne St ei npflä ster u ng u n- t er d em Oberk ö r perberei ch v or hand en. 3.2.2 Grab mit Holzsarg oder Holzkiste Das Holz der Holzeinbauten war in den meis- ten Fällen bereits so stark abgebaut, dass im Idealfall lediglich Negative, Holzschatten, Verfärbungen dokumentiert werden konn - ten. Anhand dieser Befunde lässt sich bei zahlreichen Gräbern nicht entscheiden, ob sich ursprünglich eine grössere Holzkiste und/oder ein Holzsarg im Grab befand. Des - halb wird der übergeordnete Begriff Holzein- bau verwendet. Anhand der besser erhal - tenen Befunde lassen sich Holzeinbauten von 0,4 m bis 0,54 m Breite und Holzein - bauten von 0,6 m bis 0,82 m Breite unter - scheiden. Aufgrund der Befunde aus den Grä - berfeldern von Oberflacht (D) und Lauch - heim-Wasserfurche (D) lassen sich die einen als Holzsärge, wahrscheinlich Baumsärge 112 , und die anderen als Holzkisten anspre - chen 113 . Dass es sowohl von Holzsärgen als auch von Holzkisten viele Varianten gab, zei- gen die Befunde aus Soyria (F). 114 Ob d ie v ie rka ntigen E i se n nägel, d ie in f ü n f Gräb e r n 115 gef u nden w u rde n, d ie Holz- br etter der H olzeinb au ten zusa mmenhiel ten , w ie d ies z u m B e ispiel i m Fr ied hof P ré de la Cu re i n Yverdon-l e s -B a i ns V D 116 o der i n L ou - v ie r s ( F ) 117 de r Fal l w a r , k a n n au fg r u nd der E rhalt u ngsbe d i ng u ngen nicht g e sag t werde n. Holze i nbau ten, be i denen n icht be - st i m mt w e rden k a n n, ob es sic h u rs pr ü ng l ich u m ei nen Hol zs a rg o de r ei ne Holz k iste ha n - delte , kon n ten i n 1 6 Gräb er n 118 a n ha nd der St ein hint erf ül lung nachg ewiesen wer den . H i n z u kommen d ie Gräb er 35 u nd 1 0 0, i n de - nen neben de r Stei n h i n ter f ü l lung Reste von Vi erkan t hö lzer n, wel c h e als U n t er la gsb alken f ür einen H o l zeinba u dien ten , v or hand en wa re n. Wurde de r S a rg m it Sei le n i n d ie Grabg r ub e h i nunt ergela ss en, s o ko n n ten d ie Se i le da n k de r Un terlagsba l ken a ns ch l ies send probl em los w ie der her ausg e z ogen werden. 119 Vierka n t hölze r konnt e n i n 12 weit e re n Gräb e r n 120 fe stg estel lt w erde n, w obe i be i Grab 1 7 4 die in kohlten Ho l z reste der V ierka nthöl- 107 Neugebauer 1991, z. B. T af. 17, Grab 15, T af. 23, Gräber 41 und 42, T af. 59, Grab 170. 108 Daraus entstand eine DVD mit zwei Kurzfilmen: eine Ausgrabungsdokumentation «Baar Früebergstrasse vor 1300 Jahren oder wie man die V ergangenheit aus- gräbt» und ein Interviewteil mit den Ausgräberinnen und Ausgräbern mit dem Titel «Baar Früebergstrasse vor 1300 Jahren oder wie man die V ergangenheit erlebt». Kantonsarchäologie Zug 2005. 109 Gräber 10, 17, 19, 25, 37, 72, 82, 97, 103, 138, 165, 178 und 206. 110 Gräber 75, 109, 110 und 114. 111 Gräber 11, 66, 112 und 145. 112 Baumsärge in Lauchheim-W asserfurche bei Stork 1997a, 293, Abb. 312. 113 Oberflacht: Schiek 1992; Lauchheim-W asserfur- che: Stork 1996; Stork 1995, bes. 58–61; Stork 1993, 232–239. 114 Pétrequin et al. 1980, 180, Abb. 17. 115 Gräber 14, 51, 95, 174 und 188. 116 Steiner/Menna 2000, 74 f., bes. Abb. 41. 117 Carré/Jimenez 2008, 74, Abb. 45. 118 Gräber 4, 21, 24, 27, 28, 54, 67, 74/137/139, 78/135, 79, 105, 117, 119, 127, 141 und 199. 119 Ich danke J. W eiss, Grabungstechniker der Kan- tonsarchäologie Zug, bestens für diesen Hinweis. 120 Gräber 36, 61, 140, 155, 171, 174, 176, 181, 182, 202, 209 und 210. 121 Gräber 3, 38, 39, 41, 42, 43, 44, 45, 51, 81, 106, 107, 157, 160, 161, 163 und 167. 122 Gräber 3, 41, 106 und 107. 123 Gräber 160, 161 und 163. 47 3 Gräber 3.2 Gräbertypen I,II,III_031210.indd  12//10 3:0 PM hinterfüllung ab. Der sich darin befindende 0,5 m breite (Baum-)Sarg, der sich bereits in der «geschlossenen» Skeletthaltung (Arme eng am Körper anliegend) zu erkennen gab, konnte im Grabprofil dokumentiert werden. Vom Holzsarg haben sich zudem inkohlte Reste des Eichendeckels über dem Skelett er- halten. Vergleichbare Befunde mit einem Baumsarg in einer Holzkiste liegen zum Bei - spiel aus Denkingen (D) und aus den Gräbern 974 132 und 1119 133 von Lauchheim-Wasser - furche (D) vor. Die Holzkiste aus Denkingen mass 1,6 m auf 0,9 m, und der Totenbaum war 0,5 m breit. Die «Zeitstellung des gebor - genen Holzes» ergab ein Fälldatum von 599. 134 3.2.2.4 Kammergrab? Bei Grab 190 handelt es sich möglicherweise um ein Kammergrab. Davon haben sich je - doch nur noch sechs Pfosten-/Staketennega - tive (A–F) mit einem Durchmesser von 6– 12 cm erhalten, die südlich entlang des Holz- kistennegativs (L. 2,51 m, Br. 0,65 m, plus ein Vierkantholznegativ unter dem Schädel) verliefen. Hinzu kommen nördlich zwei wei- tere Negative (G und H) mit einem Durch - messer von etwa 4 cm entlang des südlichen Grabgrubenrandes. I n Grab 1 3 7 v on T auber bisc hofshei m- Dit t ig hei m ( D ) wa r d ie Grabg r ub e m it Ei - chen di elen a usg eklei d et, die mit zug es pi tz - t en S pal t h ö lzer n v erst eif t w u rd en. 135 B e i Grab 1 90 könnt en d ie Sta keten ei ne äh n l ic he Fu n k t ion g ehabt h abe n. Auch ei ne F lec ht - werk konst r u k t ion zw is c hen den St a keten wä re de n kba r . Nicht a u sz u sc h l iesse n ist, d as s d ie Sta ngen z u r ob e r i rd i sc hen B efe st ig u ng ei ner Stoff ba h n ode r von et wa s Ä h n l ic hem dien t en. 136 3.2.3 Grab mit Tuffstein: Grabbau oder Grabmarkierung In zehn Gräbern 137 befanden sich Tuffsteine, die zum Teil behauen waren. In allen Fällen handelt es sich um Kalktuff, der wahrschein- lich aus dem Lorzentobel stammt, wo er sich heute noch bildet. 138 I n der V e r f ü l lun g der gestör ten u nd be - raubten Gräb er 1 6 1 und 1 7 7 be fa nd sich je ei n T u f fstei n, u nd i n der V e r f ü l lu ng des ge - störten Grab e s 2 02 u nd des Grab es 9 sow ie i m Be c kenbe re ich des gestör ten Grab es 6 6 la - gen je zwei T u f f stei ne. Bei Gr ab 1 81 war e i ne ovale Gr ube i n d ie Grabver f ü l lu ng des ge - störten Gr abe s ei nget ief t worden, die sich du rc h e i ne H ol z koh le - A s c he - Ko n z e nt rat ion Be i 1 4 Gräbe r n 124 ka n n a n ha nd des B e - f u ndbildes de r gestörten K noc hen au f e i nen Holz sa r g gesch loss en werde n. D ie be i der a n - t i ken Be raubu ng gestörten K no chen b e fi n - den sich n ä m l ich i n e i nem beg re n z ten B e - reic h, welcher i n et wa e i nem re chteck igen Holz sa r g entspr ic h t. B e i z wei Gräb er n 125 w i rd d iese Negat ivev iden z du rc h ei ne Stei n h i n ter - f ü l lung b e stä rk t. B ei Grab 2 05 wa r en 15 cm bis 2 0 c m üb e r dem Skelet t d ie Reste ei nes Buchenbret tes, wa h r sc hei n l ich Reste des Sa r gdeckel s, nachweisba r. Auch be i Grab 1 7 2 wa r d as Negat iv ei nes Holzbre t tes, wa h r sc hei n l ich eb e n fa l ls e i n Sa r gdeckel, übe r de m Skelett vorhanden. F ü r ei nen Holz s a rg spr ic h t z udem d ie «gesch los - sene» Skelet t lage (eng a n l ieg ende A r me) . Da s Glei c he g i lt f ü r Grab 126, i n de m z udem e i ne St einhi n t erf ül l ung na chg ewiesen wer den ko n nte . I m Grabprofi l von G rab 4 4 ze ig te sich ei n t r ape z förm iges Negativ (4) von et w a 0, 4 m Bre it e 0,2 m üb er de m Holz s a rg nega t iv (3 ) . M it gros se r W a h r s che in l ich keit handelt es sich u m den B aum sa rgdec kel, vergleichba r mi t zah lreich en Ba umsarg deck eln a us Ober - fla c h t (D). 126 Be i z wei Gräb er n m it Ho l zs a rg 127 b e fa nd sich u nt er de m Sc häde l ei n g ross er Stei n, der wahr sch ein lich als K o pfu n t erl ag sst ein dien - te. A ls V e rg leich sbe f u nde können z u m B ei - spiel d ie g rosse n Kopf u nt erlagsstei ne i n den Gräbe r n 2 2 u nd 1 0 v on Mö hl i n AG , L a ng - ach er ang efü hr t wer den . 128 3.2.2.2 Grab mit Holzkiste (und Steinhinterfüllung) Bei 14 Gräbern 129 konnte im Planum oder im Grabprofil das Negativ einer Holzkiste jeweils mit Steinhinterfüllung dokumentiert wer - den, wobei sich nur in den Gräbern 64 und 104 Vierkantholznegative (L. 1,19 m und Br. 12 cm sowie Br. 10 cm) nachweisen lies - sen. Bei 10 Gräbern 130 war ein Holzkistenne - gativ mit Vierkantholznegativen vorhanden. In Grab 23 lässt sich anhand eines Holzbrett- negatives eine Holzkiste von etwa 0,6 m Brei- te nachweisen. In 9 weiteren Gräbern 131 wa - ren Holzkisten im Grabprofil oder -planum ersichtlich. 3.2.2.3 Grab mit Holzsarg und Holzkiste Einzig in Grab 14 konnten sowohl eine Holz- kiste als auch ein Holzsarg nachgewiesen bzw. erkannt werden. Die Holzkiste von 0,9 m Breite zeichnete sich als Negativ in der Stein- 48 III. Gräber: Der Friedhof Baar-Früebergstrasse I,II,III_031210.indd  12//10 3:0 PM und aneinand erg efügten T uf fst ein en h an - del n, d ie bei de r Be raubu ng des Grab es her - ausg enommen u nd a ns ch l iesse nd w ieder au f der ver f ü llten Grabg r ub e dep onier t w u rden. 3.3 Grabmarkierungen Es fällt auf, dass nur wenige Grabüberschnei- dungen vorhanden waren. Dass wohl von zahlreichen Grabmarkierungen in Form von Holzpfosten/Grabstelen und Tuffsteinblö- cken (siehe oben), die neben bzw. auf dem Grab aufgestellt waren, ausgegangen werden muss, zeigten einige wenige Gräber. Im kie - sigen Untergrund war es jedoch nicht leicht, sie zu erkennen. Zudem hat die Erosion wohl auch ihren Beitrag geleistet, indem sie die Spuren der Holzpfosten verwischte. m it T u f f s te i n st üc kc hen au sz e ic h ne te. D a ne - be n be fa nden sich z wei g ros se T uf f steine. Ich i nt er pre t iere d ie St ei ne a ls Grabma r - k ier u ngen, al s Grabstei ne , d ie bei de r Be rau- bu ng des Grab es z u r ück i n d ie Grabver f ü l - lung gewo r fen ode r soga r be w u sst geset z t w u rde n. 139 Grab 1 4 9 ist wa h r sc hei nl ich u n - ges tör t , u nd z we i T u f f ste i n g r abm a rk ie r u n - gen be fi nden sich et wa 2 0 cm üb er de r Be - st at t u n g. Die B ef unde la sse n sich möglic her weis e m i t Grab 1 4 v on Heiden heim - Grossk uche n (D ) v ergl ei ch en . 140 0,50 m über de m gestör - ten Frauenskelet t lagen d rei g rosse K a l k stein - broc ken im west l ichen T e il de r Grabg r ub e. Obwo hl sie a ls S chutz gegen Wieder gän ger in t er p retiert w urden , 141 könnte es si ch auch h ier u rspr ü ngl ich u m e i ne Grabma rk ier u ng geha ndelt haben. 45 cm üb er de m g estör ten Grab 1 0 0 ver - lief en zw ei R eih en v er k i pp t er , beha u ener , tei lweise se h r g ross er T uf f stei ne (Pos. 6 0 ). O b es sich u m Sp olien ha ndelt, m uss of fe nbl ei - ben. M ö rtels puren 142 fa nden sich abe r keine. 40 c m üb er de r Grabsoh le des g estör ten Grabe s 1 9 1 b efa nden sich e i ne St ei npack u ng a us Bo ll enst ein en so w ie beh a uen e T u ffstein e ( T 1– T5) u nd T uf f ste i n f rag me nte. A ls V erglei chs bef und e k önnen g eg ebe - nen fa l ls d as Mä n nerg rab 7 von Vil l igen A G u nd even t uel l d ie Gräbe r 24, 33 u nd 2 1 v on Eschen (F L), Alemannens trasse ang efü hr t werden. B ei Grab 7 von Vi ll igen b efa nd sich z w is chen 0,65 m u nd 0,8 m übe r der Grab - sohle e ine ei n re ih ige Stein set z u ng aus nat ü r - lich belassen en Kal kst einen . 143 Über den Gräbe r n 2 4, 33 und 2 1 v on Es chen-A lema n- nenst ra sse w ar en c i rca 1 m ob erha lb der Ske - let te re c hte c k i ge Ste i ns e t z u n gen a nge leg t wo rden. 144 Fü r den B ef u nd der z wei verk ippten T uf fstei n re ihen üb er Grab 1 0 0 und der g ros- sen zubeh a uen en T u ffst eine über Gr ab 1 9 1 ergeb en sich ver sc h iedene E rk lä r u ngsmög - l ichkeiten. Es könnte si ch b ei d iese n Stein re i - hen u nd St ei nse t z un g en u m e igen tl iche Grabma rk ier u ngen ha ndel n. Ode r sie d ien - ten a ls S chutz vor r ich t u ng geg en de n Grab - raub , w obe i sie im Fal l des b er aubt en Grab es 1 0 0 n ich t gerade seh r e f fek tiv gewese n wä - ren. D es W ei teren w ä re a n d ie Grabei n fas - sung ein er N a chbes ta tt ung, ein er S u per pos i - t ion ana log zu m B ef u nd v on Grab 1 1 4, zu den ken, d ie spä ter gä n z lic h ex hu m ier t w u r - de. 145 A ls v ier te Möglic hkeit k ön n te es si ch u m R es te e i ne s Gr ab e i n bau s au s b eh aue ne n 124 Gräber 13, 42, 53, 59, 71, 81, 85, 95, 99, 116, 166, 169, 203 und 205. 125 Gräber 95 und 99. 126 z. B. Schiek 1992, T af. 106. 127 Gräber 42 und 205. 128 Ich danke der Aargauer Kantonsarchäologin E. Bleuer , dass sie mir Einblick in die Grabungs- und Ana- lysedokumentation von Möhlin-Langacher (Objekt: Mol.000.2) gewährt hat. Vgl. auch die Zusammenstel- lung bei Descœudres 1999, 15. 129 Gräber 26, 40, 46, 50, 62, 63, 64, 76, 104, 108, 113, 134, 184 und 208. 130 Gräber 65, 80, 83, 89, 94, 148, 154, 156, 168 und 185. 131 Gräber 20, 47, 96, 111, 122, 198, 200, 207 und 213. 132 Stork 1997a, 293, Abb. 312. 133 Stork 1996, 257. 134 Fingerlin/Hietkamp 1998, 194. 135 Stork 1997b, 420 f., Abb. 476a. 136 Vgl. die Rekonstruktion eines Baldachins über der Sechspfostenkonstruktion über Grab 8 von Niedenstein- Kirchberg (D; 1. Hälfte 8. Jh.). Krohn 2002, 323, Abb. 5. 137 Gräber 9, 66, 100, 149, 161, 177, 181, 189, 191 und 202. 138 Hotz 1999, 46. Vgl. zudem die drei Gräber in der Pfarrkirche St. Martin in Baar (Speck 1974, 28 f., Abb. 10 und 12; Speck 1964, T af. 3,1.2) und drei Gräber von Zug-Löberen (Speck 1950, T af. 1 und 2, Abb. 1), die aus T uffsteinplatten gefügt waren. 139 In Saffig (D) waren die Grabsteine, teilweise aus T uff zubehauen, der antik beraubten Gräber immer be- schädigt oder ganz zerschlagen, was W . Melzer als T o- tenentehrung interpretiert. Melzer 1993, 20, 31. 140 Heege 1987, Abb. 23,1. 141 Heege 1987, 23. 142 Vgl. z. B. die Mörtelspuren an den T uffsteinplatten von Grab 101 von Le Bry-La Chavanne FR. W ey/Auber- son Fasel 1992, 103 f., Abb. 9. 143 Reich 1996, 70 f., Abb. 5. 144 Mayr 2001, 260 f., Abb. 34. 145 Vgl. z. B. die T uffsteingräber des Gräberfeldes am St.-Peter-Hügel in Zürich. Schneider/Etter 1979. 49 3 Gräber 3.3 Grabmarkierungen I,II,III_031210.indd  12//10 3:0 PM 439,74 439,62 439,52 439,30 439,60 439,50 m ü. M. 1 2 2 4 3 439,42 439,52 439,42 439,40 m ü. M. 1 3 2 439,00 m ü. M. 439,22 1 1 439,00 m ü. M. 439,29 3 2 Position 58 Position 61 Position 62 Position 140 Position 148 Position 267 Position 141 Position 142 Position 137 Position 138 Position 139 1 1: leicht humoser kiesiger Silt (Höhenangaben nicht vorhanden) 1: Silt 2: Silt, mit ein wenig Erdmaterial 3: Silt, mit ein wenig Erdmaterial, wenig Kies 4: siltige Erde, viel Kies, wenige Holzkohle-Flitter 1: Pos. 127 2: Lehm mit grossen Steinen 3: lehmig-humoses Sediment mit Kieseln 4: humos-siltiges Sediment mit kleinen Kieseln 1: Sand mit Kieseln 2: Silt mit Holzkohle-Partikeln 3: Kiesel 4: Silt mit Sand 5: Silt mit Holzkohle-Partikeln 6: Silt mit kleinen Kieseln, Holzkohle-Partikel 7: Silt 1: Kies mit Sand 2: Beschreibung fehlt 3: kiesiger als 2 4: Erde mit Holzresten 5: Hohlraum 1: feiner Sand 2: leicht lehmiger Sand-Silt 3: Kies-Sand-Humus, wenig Holzkohle 1: humoser Sand 1: Pos. 2 2: sandig-siltiges Sediment mit einzelnen Kieseln 3: lehmig-humoses Sediment mit kleinen Kieseln und wenig Holzkohle 1: humoser Sand Ostprofil W estprofil W estprofil W estprofil Nordprofil Südprofil 439,00 m ü. M. 4 3 2 1 439.00 439,00 m ü. M. 439,16 439,12 439,00 2 3 W estprofil 439,00 m ü. M. 439,30 2 2 1 6 6 2 5 5 2 3 4 7 7 7 7 7 439,30 m ü. M. 439,19 1 439,50 m ü. M . 439,57 2 1 3 5 4 3 2 A bb . 22 B a a r- Fr üeb ergstrasse. Grab - kenn z eichnungen : Holzpfo sten (Pos. 1 3 7 , 1 4 1 , 2 6 7 , ev tl. Pos. 58, 6 1 und 6 2) und Gru - ben unbekannter Funk - ti o n ( P os . 1 38 –1 40, 1 4 2 , 1 48) . D iese war en auf der Ausgr abung mi ttels Skizzen fe stge - halten w orden. M . 1: 20 . 146 Fremersdorf 1941, 417. 147 Evison 1987, 14, Abb. 2. 148 Dannheimer 1987, 32. Vgl. zudem Grab 764 von München-Aubing (D), bei dem an allen vier Ecken Pfos- ten standen, sodass ein Überbau angenommen werden kann. Dannheimer 1987, 33, Abb. 18. 149 Böhner 1944–50, 65. 150 Lüdemann 1994, 504. Eine Literaturangabe fehlt. 151 Mercier/Mer cier-Rolland 1974, 23. 3.3.1 Holzpfosten Die Positionen 137, 141 und 267 sind nach ihrem Befundbild klar als Pfostenlöcher an - zusprechen (Abb. 22). Die Positionen 58, 61 und 62, bei denen es sich möglicherweise auch um Pfostenstellungen handelt, lassen sich nicht mehr beurteilen, da die runden Bodenverfärbungen nicht geschnitten oder die Schnitte nicht dokumentiert wurden. V erg leichsb ef u nde liegen i n W e i den ( D ), Dover -Buc k la nd (GB ), Mü nchen-Aubing ( D ), Se lby (GB ) , Gam mer t i ng e n (D ) u nd Mo n net - la- Vi lle ( F ) v or . In W eiden ( D ) w u rde «ei n u ng ewöhn lich g ro sser Grabs chac h t ( 1 , 7 6 × 3,85 m), vor desse n Ostende ei n g rosse s Pfos - t enloch mi t S t einv er k eilung la g, … » 146 beob - acht et. Au f dem a ngels ächsis chen Fr ied hof vo n D o ver -B uck la nd ( GB) l iesse n sich d rei Pfo st enlöch er n ach w eisen , 147 wo z u sich d ie A u to ri n V . I. E vison lei d er ni ch t w ei t er ä us - ser t . Fü r da s Gräber feld von M ü nchen- Aubing ( D ) w e rden za h l reiche P fost eng r u - be n neben e iner E c k e des Grab es e r wä hnt, w elch e als G ra bst el en in t er p retiert w erd en. 148 K . Böhne r er wä h n t ei nen re cht ec k igen höl - ze rne n Grabpfeile r , der noc h ei n e Höhe v on 86 c m u nd eine Bre i te v on 25 c m hat te , aus dem Gräb er feld v on Se lby , Y orksh ire ( GB ) u nd einen E ichenpfei l e r v on 1 ,5 m L ä ng e aus dem Gräb er feld vo n Ga m m er t i ngen ( D) . 149 H. Lüdema n n nen n t Holz pfost e n al s mögli - che Grabma rk ier u ngen i n Be lg ien, 150 u nd im Gräbe r feld Monnet -la- Vi lle ( F ) ko n n te ei ne Ho lzst el e bei ein em G ra b na chg ewiesen wer - den. 151 50 III. Gräber: Der Friedhof Baar-Früebergstrasse I,II,III_031210.indd 0 12//10 3:0 PM 439,74 439,62 439,52 439,30 439,60 439,50 m ü. M. 1 2 2 4 3 439,42 439,52 439,42 439,40 m ü. M. 1 3 2 439,00 m ü. M. 439,22 1 1 439,00 m ü. M. 439,29 3 2 Position 58 Position 61 Position 62 Position 140 Position 148 Position 267 Position 141 Position 142 Position 137 Position 138 Position 139 1 1: leicht humoser kiesiger Silt (Höhenangaben nicht vorhanden) 1: Silt 2: Silt, mit ein wenig Erdmaterial 3: Silt, mit ein wenig Erdmaterial, wenig Kies 4: siltige Erde, viel Kies, wenige Holzkohle-Flitter 1: Pos. 127 2: Lehm mit grossen Steinen 3: lehmig-humoses Sediment mit Kieseln 4: humos-siltiges Sediment mit kleinen Kieseln 1: Sand mit Kieseln 2: Silt mit Holzkohle-Partikeln 3: Kiesel 4: Silt mit Sand 5: Silt mit Holzkohle-Partikeln 6: Silt mit kleinen Kieseln, Holzkohle-Partikel 7: Silt 1: Kies mit Sand 2: Beschreibung fehlt 3: kiesiger als 2 4: Erde mit Holzresten 5: Hohlraum 1: feiner Sand 2: leicht lehmiger Sand-Silt 3: Kies-Sand-Humus, wenig Holzkohle 1: humoser Sand 1: Pos. 2 2: sandig-siltiges Sediment mit einzelnen Kieseln 3: lehmig-humoses Sediment mit kleinen Kieseln und wenig Holzkohle 1: humoser Sand Ostprofil W estprofil W estprofil W estprofil Nordprofil Südprofil 439,00 m ü. M. 4 3 2 1 439.00 439,00 m ü. M. 439,16 439,12 439,00 2 3 W estprofil 439,00 m ü. M. 439,30 2 2 1 6 6 2 5 5 2 3 4 7 7 7 7 7 439,30 m ü. M. 439,19 1 439,50 m ü. M . 439,57 2 1 3 5 4 3 2 51 3 Gräber 3.3 Grabmarkierungen I,II,III_031210.indd 1 12//10 3:0 PM 5.2 2 3 1 32 33 30 29 31 197 213 207 204 211 210 209 212 208 206 205 202 199 55 152 155 156 158 159 157 154 54 58 160 82 83 57 60 61 84.2 81 53 50 56 49 59 11 51 48 47 52 4 10 43 40 44 38 9 14 41 39 18 17 13 34 42 15 16 19 20 35 36 23 22 21 24 25 62 63 100 46 37 80 69 70 86 67 45 65 66 68 101 64 26 98 99 97 27 96 133 85 71 78 135 79 77 92 93.1 136 75 74 137.1 137.2 139 73 28 95 72 103 102 121 104 124 107 106 122 120 105 108 111 127 128 118 123 76 163 89 131.2 130 87 140 88 90 168 167 166 91 94 165 162 161 145 181 142 143 144 169 182 177 183 190 150 149 148 146 180 151 198 170 x 126 125 171 179 119 117 129 138 109 110 134 112 113 141 114 153 116 178 175 173 172 174 176 186 185 194 201 184 203 200 189 196 192 195 191 187 193 188 Ostprofil 1 Nordprofil Ostprofil 2 Baupiste KN KS GS 267 142 139 148 61 58 62 141 140 6 137 138 Bagger 164 5.1 84.1 147 132 131.1 93.2 115 228.140 228.130 228.190 228.180 228.170 228.160 682.250 682.240 682.230 682.220 682.210 682.200 682.190 682.180 682.260 682.270 682.280 228.150 Einzelfund/Streufund Grabgrube 138 Positionsnummer Pfostenloch, Grube 10 m Doppelgrab Mehrfachgrab: 3 Individuen Mehrfachgrab: 4 Individuen Nachbestattungen: Superposition + additives Grab 178 GS: geologischer Sondierschnitt Bagger Baupiste KN: Kiesaushub Nord KS: Kiesaushub Süd Grab Geschlecht biologisches Alter Lage Grab Geschlecht biologisches Alter 5.1 Mann 34–40 über 5.2 eher Mann 40–49 58 Mann 48–54 südl. 160 Mann 25–34 74, 137.1, 137.2 Frau, Frau, indet. 40–49, 36–43, 8–9 über 139 Frau 35–44 75 eher männlich 14–16 über 136 eher männlich 7–9 78 Mann 34–43 nördl. 135 eher männlich 8–9 84.1 indet. 3–4 über 84.2 eher Mann 50–59 85 Frau 50–59 über 133 eher Mann matur–senil 87 Frau 70–80 nördl. 140 Mann 40–49 93.2 Frau erwachsen über 93.1 Mann 40–50 109 eher weiblich 16–18 über 138 Mann 44–53 110 Frau 50–59 über 134 eher Frau 34–40 114 Frau 46–52 über 141 Mann 45–54 115 eher Frau 50–59 über 153 Mann 53–59 131.1 Mann 49–55 über 131.2 eher Frau erwachsen 132 Mann 40–46 über 179 Frau 51–57 142 eher Mann erwachsen nördl. 143 eher Frau erwachsen 147 Mann 27–32 über 180 Frau 70–80 170 über x Mann, ? 35–44, ? über 198 indet. erwachsen 173/Grube 2 = leeres Grab Frau 24–30 über Grube 1 = leeres Grab ? ? 178 Frau 35–44 nördl., über 116 Frau 36–45 184 Mann 45–50 über 201 Mann 40–49 213 Mann 42–49 nördl., nach 207 Mann 51–57 A b b. 23 B a a r- Fr üeb ergstrasse. Do ppel - und Mehr fach - gräber . 2 0 2 er - Gräber , da von 1 6 S uperposi tione n 3e r- G r a b 4 e r- G r a b Kindergräber A b b . 24 B a a r- Früe b ergstra sse. Kar tie - run g der Do ppel - und Mehr fachgräber . 52 III. Gräber: Der Friedhof Baar-Früebergstrasse I,II,III_031210.indd 2 12//10 3:0 PM 5.2 2 3 1 32 33 30 29 31 197 213 207 204 211 210 209 212 208 206 205 202 199 55 152 155 156 158 159 157 154 54 58 160 82 83 57 60 61 84.2 81 53 50 56 49 59 11 51 48 47 52 4 10 43 40 44 38 9 14 41 39 18 17 13 34 42 15 16 19 20 35 36 23 22 21 24 25 62 63 100 46 37 80 69 70 86 67 45 65 66 68 101 64 26 98 99 97 27 96 133 85 71 78 135 79 77 92 93.1 136 75 74 137.1 137.2 139 73 28 95 72 103 102 121 104 124 107 106 122 120 105 108 111 127 128 118 123 76 163 89 131.2 130 87 140 88 90 168 167 166 91 94 165 162 161 145 181 142 143 144 169 182 177 183 190 150 149 148 146 180 151 198 170 x 126 125 171 179 119 117 129 138 109 110 134 112 113 141 114 153 116 178 175 173 172 174 176 186 185 194 201 184 203 200 189 196 192 195 191 187 193 188 Ostprofil 1 Nordprofil Ostprofil 2 Baupiste KN KS GS 267 142 139 148 61 58 62 141 140 6 137 138 Bagger 164 5.1 84.1 147 132 131.1 93.2 115 228.140 228.130 228.190 228.180 228.170 228.160 682.250 682.240 682.230 682.220 682.210 682.200 682.190 682.180 682.260 682.270 682.280 228.150 Einzelfund/Streufund Grabgrube 138 Positionsnummer Pfostenloch, Grube 10 m Doppelgrab Mehr fachgrab: 3 Individuen Mehr fachgrab: 4 Individuen Nachbestattungen: Superposition + additives Grab 178 GS: geologischer Sondierschnitt Bagger Baupiste KN: Kiesaushub Nord KS: Kiesaushub Süd 53 3 Gräber 3.4 Bestattungen I,II,III_031210.indd 3 12//10 3:0 PM handenen Skelette anthropologisch unter - sucht werden konnten (Kap. IV.1). Zu den E i nz elbest a t t ungen w u rden d ie E rstbe statt u ngen, auf d ie spä ter Nachbe stat - t u ng en / Super p osi tionen fo lg ten, sow ie G rab 1 1 6, a n w elches später da s addit iv e Grab 1 78 a ng ebau t w u rde, g ez ä hlt. 3.4.1.1 Einzelbestattungen Die meisten Verstorbenen (186 Individuen, 87%) wurden einzeln bestattet. Das heisst, sie erhielten eine eigene, eigens für sie angelegte Grabgrube mit oder ohne Holzeinbau. 3.4.1.2 Doppelbestattungen Doppelbestattungen, im Sinne einer gleich - zeitigen Bestattung von zwei Individuen 154 in der gleichen Grabgrube, lagen bei 10 Indivi - duen (5%) vor (Abb. 23 und 24). I n den Gräbe r n 8 7 / 1 4 0 und 1 42 /1 43 wa- ren je e in Ma n n und ei ne Frau zu sa mmen b est at tet w ord en. Die se G esc h le c h terkomb i - nation ist d ie häufi gst e i n fr ü hm i t tela l terli - chen Fr ied höfen der S chweiz , De u tsc h lands, Be lg iens u nd F ra n k reich s. 155 Auf fä l lig b ei de r Doppe lbest a t t ung de r be i den Mä n ner 58 und 1 6 0 ist, d ass sie den gleic h en T ot engest u s (T otengest us d, vgl. K a p . II I. 3. 4.2 u nd Abb. 28 ) hatten. Die D oppelb estat t ung de s K nabe n 1 35 u n d des Ma n n es 78 fä llt durc h ih re kör perl i- che Nä he zuei na nder auf (Abb. 25) : De r Sc hä - del de s K nabe n lag a u f dem rec h ten Ob era r m des Ma n n es, der S a x des Ma n n es b efa nd si ch auf de r li nken B ec k ens chau fel des K n aben. Obwo hl d as Grab s o w ie die b eiden V e rstorbe - nen gestö r t/ b eraubt w u rden, sc heint d i ese Nä h e n i cht (oder nu r g er i ng f ügig ) verä nder t wo rden z u sei n. O der d ie Lage der V e rstorbe - nen w u rde nac h der Stör ung / Be raubung b e - w uss t ( w i eder ) h erg est ell t. W elch e Bezieh ung d ie N ä h e der b eiden V e rstorbe nen im Grab z um Aus dr uc k brachte , ob be ispielswe ise ei ne fa mi l iär e V er bindung b esta nd, bleibt o h n e V e rwan d tsch af t san aly s en (aD NA ) o ffe n . 3.4.1.3 Mehrfachgräber Drei Individuen wurden ursprünglich in Grab 170/x/198 bestattet, wobei die Grabgru- be x weder ein Skelett noch Grabbeigaben enthielt (vgl. Abb. 23 und 24). Das Grab scheint vollständig geleert worden zu sein. Vier I ndiv iduen be fa n den sich i n Grab 7 4/1 3 7 . 1/ 1 3 7 .2 /1 39 . Es h andelt sich dab ei u m d rei e r wachs ene Frauen und ei n 8 bis 9 Ja hre a l tes K ind. Ob die Ho l zp f os t en M arkieru ng en einzel - n er G rä ber 152 oder von Gräber g r uppen wa re n ode r ei n e ga nz a ndere Fu n kt ion ha tte n , bleibt of fen. E s macht j edoc h den A n schei n, a ls ob da s Pfosten loch Position 1 4 1 zu Grab 1 6 7 und da s P f osten loch Position 1 3 7 ent weder z u Grab 1 6 1 oder Grab 1 63 i n ei nem Be zug steht. Der lan g o b ardis ch e Geschi ch ts schrei ber u n d Mön ch Pau lus Diaconus (725/3 0 –7 9 7 / 99 ) bietet zu Grabm ark ier u ngen i n sei ner Hist or i a Lang obar doru m , der Ge sch icht e der L a ngobar - den, ei ne T e xtstel le, die ei nen vo n v ielen mög l ic hen I nter pr et at ion sa n sä tzen lief ert: «Die Köni g in R odelinda a ber g r ü ndete a us- serhalb de r Mauer n d er Sta dt Ticinu s an de n Stangen e ine Kirc he de r heili gen Mut te r Got tes mit besond erer Ku nst und zie r te sie mit her rli - chem S c hmu ck . An den St angen abe r hei ss t die- ser O r t dar um, weil hie r vor mals auf rechte Sta n- gen sta nde n, die nach lang obardischer Sit te au s f o l g end er U r s ac he ge s e tzt z u w er den p fl e g ten: W e nn ein er im K riege ode r sonst wo umgek om - me n w ar , so set zte n seine Bluts ver wandte n auf ihren Grabs tät te n ein e Stange , auf de r en Spit ze sie eine hölze r ne T a ube befest i g te n, die nach der Gegend hinge wende t w ar , wo der G eliebte ges tor- be n w ar , da mit man nämlich wü ss te, wo der T o - te sein e Ruhestät te h abe. » 153 Histor ia La ng obardor um, Lib . V , 34 ,4 – 1 2. 3.3.2 Gruben Die Positionen 139 und 142 (vgl. Abb. 22) er- gaben im Profil flache Gruben, die humosen Sand enthielten. Möglicherweise stehen sie in Bezug zu den beiden Frauengräbern 166 und 167. Ihre Funktion (ebenfalls Grabmarkie - rungen?) lässt sich nicht mehr erschliessen. Die Posi t i onen 1 38 und 1 4 8 fa llen du rch i hre fa st sen k re cht en Gr ub en wä nde und d ie hori zonta len Gr ube nsoh len auf. I hre F un kt i - onsbe sti m m ung f äl lt so schwer w ie d i ejenige der Position 1 4 0. In de r langova len Gr ube, d ie mit k leinen Stei nen abgedec kt ist, l iessen sich d rei u n ters ch iedl iche V e rf ül lungs - sc hichten fest ha l t en. I n keiner de r «Gr ube n » be fa n den sich F unde. 3.4 Bestattungen 3.4.1 Bestattungsarten Die Gesamtzahl der Individuen setzt sich aus der Anzahl Skelette plus den gestörten/ beraubten Gräbern ohne Skelettreste (Kap. III.3.4.3) zusammen. Dies macht total 214 Bestattungen, wovon 208 anhand der vor - 54 III. Gräber: Der Friedhof Baar-Früebergstrasse I,II,III_031210.indd  12//10 3:0 PM – sie ei ne v on der E r stbe stat t u ng u nd de - ren Gr abg r ube le icht abw eiche nde Or i - en tieru ng 161 auf wei sen, – sie a u fg r u nd des T otengest us e (vgl. Kap. I I I. 3. 4. 2 u nd Abb. 28 ) m it angew i n kel - ten A r men u nd übe r dem B ec ken po si - t ionier ten Hä nden 162 wohl ze itl ich a ns Be leg u ngs ende des Gräb er fe ldes z u stel - len si nd, – sie w egen der kom pa k ten Kör pe rha lt u ng (e ng a n l ieg ende A r me u nd eng z us a m - m enl i eg en de Beine ) m ö glich erweise in einem Leich en tuch eing ew ick elt und v on S tein en eing ef asst waren. Additives Grab 178 Ein addditives Grab, also zwei Gräber mit ei- ner gemeinsamen Seitenwand, 163 liegt nur in einem Fall vor. Die Grabgrube der Frau 178 wurde im Nordwesten direkt an die Grabgru- be der Frau 116 angebaut. Die Grabsohle 178 liegt zudem etwa 14 cm über der Grabsohle 116. Das Individuum 116 ist antik gestört, und die Grabbeigaben wurden entfernt. Das Individuum 178 hat gar keine Grabbeigaben erhalten. Anhand des Totengestus (Toten - gestus f, vgl. Kap. III.3.4.2 und Abb. 28) von 178 mit angewinkelten Armen und über dem 3.4.1.4 Nachbestattungen: Superpositionen und additives Grab 17 Gräber (8%) waren Nachbestattungen. Superpositionen 16 Nachbestattungen, im Sinne von sukzessi- ven Bestattungen von zwei oder mehr Ver - storbenen in derselben Grabgrube, liegen vor. Dabei handelte es sich in allen Fällen um Superpositionen (Abb. 26). Die Skelette lagen übereinander mit einer trennenden Erd - schicht dazwischen. 156 Bei allen Gräbern war die Erstbestattung gestört, und die Beigaben fehlten teilweise oder gänzlich. Die Nachbe - stattungen/Superpositionen waren teilweise ebenfalls gestört. E s muss davon a usgegangen wer den, da ss d ie E r stbe stat t u ngen b ei m E i nbr i ngen der Nac hbest att u ngen gestör t u nd die B eiga - be n ent fer nt w u r den. Ic h sprec he h ier ab - sichtl ich n icht v on ei ner B eraubu ng. D ies ge- sc h ieht a us z wei Ü b e rleg u ngen, die au f z wei A nnah men ber uhen: Ich gehe davo n aus, da ss Supe r p ositio - nen, w ie auch Dopp elb est att u ngen u nd ad - d itive Gräbe r , ei ne enge Be z iehung de r I nd i- v iduen z uei n a nder z u m Ausd r uc k br i ngen, son st h ä tten alle V ers to rben en ein e ei g en e Grabg r ube e rha lt en. O b H. Lüdem a n ns V er - m u t ung, m ehrfach bel e g te G räber sei en ein Ausd r uc k vo n Platz ma ngel auf de m Fr ied - hof, 157 f ü r B aa r -Fr üeb er gst ra sse z utr i f f t, muss offen b l eiben. Hinw eise a uf eine Friedho fs be - gre nzung zum Be is p i el d urch e in en Za un fa nden sich kei ne. A uch wen n m a n ei nen Pla t z ma ngel a n n i m mt, so bl eibt i m mer noc h d ie Frage , wer aus welchem Gr u nd mit/ be i wem b est attet w u rde / werden du r f te u nd in w elch er sozial en Bezieh ung die V erst or benen z uei na nder st a nden. Zw eitens w i rd m it Be raubu ng d as u n - rec htm ässige E ntfer nen von et wa s b ez eic h - net. W a re n d ie I ndiv iduen jedoc h ver w a ndt , so stel lt si ch d ie Frag e, ob da s E ntfer nen der Be igabe n du rc h Fam i l iena ngehör ige 158 a l s Be raubu ng z u b e ze ich nen i st. 159 Ob die b ei - den V er st o rben en mi t einander v er wand t w a - ren , k ö nn ten aDNA- A nalysen zeig en. Gehö r - ten d ie V er storbe nen jedo ch «led igl ic h » z u r sel ben fa m il i a , so ist d ies n ic h t m ittel s mo le- ku larg en etischer A nalysen na ch zuw eisen. Drei S u per posi t io n en 160 fa l le n d adu rc h auf, da ss – si e k ei n e Beig aben en thiel t en, – d ie da r u nt erl iegenden Er stb est att u ngen gestö r t wa ren, A b b . 26 B a a r- Fr üe bergst rasse. Er st - bestattung Gr ab 1 3 8 mit Nach bestattung Grab 1 09 , einer Super- position . 152 Hierzu ein V er weis auf die Markierung der Gräber der «heiligen Krieger» mit Stangen mit Halbmond auf dem Friedhof von Alchan-Kala, T schetschenien 2002. NZZ am Sonntag, 22. Dezember 2002, 3. 153 Regina vero eius Rodelinda basilicam sanctae Die ge- nitricis extra muros eiusdem civitatis Ticinensis, quae Ad perticas appellatur , opere mirabili condidit oramentisque mirificis decoravit. Ad perticas autem locus ipse ideo dicitur , quia ibi olim perticae, id est trabes, erectae steterant, quae ob hanc causam iuxta morem Langobardorum poni so- lebant: si quis enim in aliquam partem aut in bello aut quo- modocumque extinctus fuisset, consanguinei eius intra se- pulchra sua perticam figebant, in cuius summitate colum- bam ex ligno factam ponebant, quae illuc versa esset, ubi illorum dilectus obisset, scilicet ut sciri possit, in quam par- tem his qui defunctus fuerat quiesceret. Pauli historia Lan- gobardorum. In: W aitz et al. 1878, 12–219. 154 Lüdemann 1994, 432. 155 Lüdemann 1994, 515. 156 Vgl. die Definition bei Lüdemann 1994, 438. 157 Lüdemann 1994, 519. W er mit/bei wem bestattet werden durfte, ist dabei aber noch nicht geklärt. 158 T otenwache und Bestattung waren V erwandten- pflicht. Stork 1997b, 432, Anm. 52. 159 Lüdemann 1994, 514. 160 109 (weiblich) über 138 (männlich), 110 (weib- lich) über 134 (weiblich), 114 (weiblich) über 141 (männlich). 161 109: NW -SO, 110: NW-SO, 114: SW -NO. 162 Grab 109 ist im Beckenbereich leider durch eine Sondage gestört. 163 Lüdemann 1994, 439. A bb . 25 B a a r- Fr üe bergst rasse. D o p - pelbestattung 78/ 1 3 5 . Der 34 – 4 3 Ja hre alt e Mann war zu sammen mit einem 8 –9- jähr ige n Knab en bestattet wor - den. 55 3 Gräber 3.4 Bestattungen I,II,III_031210.indd  12//10 3:0 PM Becken übereinandergelegten Handgelenken kann das Grab ans Ende der Jüngeren Mero- wingerzeit gestellt werden. 164 3.4.2 Totengestus Im Folgenden wird die Totenlage der Bestat - teten betrachtet. Dabei handelt es sich um einen eigentlichen Totengestus, wodurch der/die Verstorbene im Grab als Tote/r darge- stellt wird. Die auftretenden Gebärden sind dabei so übereinstimmend, dass von einer einheitlichen Vorstellung ausgegangen wer - den kann, wie der/die Verstorbene darzustel- len sei. 165 Be i za h l re ichen Skeletten konnte die u r - spr ü ng l iche T oten lag e n icht mehr b est i m mt werden, d a sie sta rk g estör t wa re n. Da, wo ei- ne Best i m mung mögl ich wa r , wa r en d ie V e r - storbenen m it ei ner Ausna hme i n gest rec kter Rücken lage ins Grab geleg t worden. De r Kör - pe r wa r W est - O st - or ientie r t. De r Kopf lag im W esten, die Fü sse lagen i m Osten. D ie Be ine wa re n ausg est re c kt (Abb. 2 7) . Dies wa r d ie üb - l ic he f r ü h m it te l a lterl ic he B es t at t u ng swe i se . Be i den B est a t t u ngen in gest re ck ter Rü - cken lage lass en sich f ü nf ve rsc h iedene A r m- stel lungen u n ter sc heiden (Abb . 2 8 ) . A m häu- figsten lagen d ie A r me seit lic h a n ( T otenges- t u s b : 73 %) . I n wen igen Fäl len w ar e nt weder der re c h te ( T otengest u s c: 9 %) o der de r l in ke ( T otengest u s d : 1 1 % ) A r m a ngew i nkelt, und d ie Ha nd lag a u f dem B ec ken. Dies e er sten d rei T o tengest u s sind wede r zeit - noch a lters - sp e z i fi s ch, 166 sc hei nen jedoc h auf de n «a la - ma n n isc hen» Raum b eg re n zt gewese n z u sei n. 167 Bei 5 % der B est att u ngen w ar en b eide A b b . 27 B a a r- Früeb ergs trasse . T ot en - gestus: Di e Bestattet en lagen in gest reckt er Rückenlage , mit dem Kopf im West en und den Füssen im Ost en, im Gra b. 1 1 28 2 + (41) 3 4 4 + (5) 5 8 6 + (2) 7 4 8 + (1) 9 1 10 1% 73% 9% 11% 5% 1% a b c d e f A b b . 28 B aar - Fr üebergstr asse. T otengestu s d er B e s tat te te n. n = ungestör te G räber (n) = gestör te G räber a B auchlage, Arme angewinkel t auf Lenden - wirb elhöhe, Handgel enk e übereinanderge - legt, Unterschenk el über kreu zt b gest reckt e Rückenlage , Ar me sei tlich anlie - gend c gestr eckte Rückenlage, recht er Arm angewin - kelt, Hand über de r recht en B eckens cha ufel, linker Arm seitlich anliegend d gestr eckte Rückenlage, linker Arm angewin - kelt, Hand über de r linken Bec ken schaufel, recht er A rm seitlich a nliegend e gestr eckte Rückenlage, beide A rme angewin - kelt, Hände über d em Be cken f ge streckt e Rück enlage, beide Arme angewin - kelt, Handgelenke über dem Be cken über ein - andergele gt 1 Gra b 25. 2 Gräbe r 3, 5, 1 4, 1 8, 20, 2 3, 2 4, 3 5, 44, 64, 7 4, 78, 82 , 1 0 4, 1 2 6, 1 38, 1 58, 1 7 0, 1 72, 1 99 , 200, 204, 206, 20 7 , 2 09 , 2 1 0, 2 1 1 und 21 3. 3 Gräbe r 4, 1 0, 1 1 , 1 3, 28, 36, 3 9 , 40, 4 1 , 4 2, 4 5, 46, 4 7 , 5 1 , 5 2, 5 7 , 6 1 , 63, 66, 71 , 73, 79 , 8 3, 85, 9 5, 96, 99 , 1 06, 1 0 7 , 1 0 8, 1 1 5, 1 22, 1 29 , 1 34, 1 5 1 , 1 58, 1 6 7 , 1 7 5, 1 77 , 1 96 und 208 . 4 Gräbe r 1 , 1 7 , 7 5 u nd 98. 5 Gräbe r 2 7 , 5 3, 65, 1 0 3 un d 20 5. 6 Gräbe r 1 9 , 58, 62, 9 7 , 1 55 (?) , 1 60, 1 8 4 und 1 89 . 7 Gräbe r 2 und 1 6. 8 Gräbe r 3 7 , 1 1 0 ( Ar me u nter dem B ec ken lie gen d) , 1 1 4 u nd 1 92 . 9 Grab 66 . 10 G r a b 17 8 . A r me a ngew i nkelt, und d ie Hä nde lag en übe r dem B ec ken ( T otengest u s e) . Diese T o - ten ha ltu ng e rs chei nt in E lg g Z H er st u m 620 /4 0 bzw . 6 50. 168 Sie sc heint zude m vo r a l- lem i m « roma n isc h-b u rg u nd isc hen» Raum v erbrei tet g ew esen zu sein. 169 Nu r ei ne Frau hatte b eidse itig a ngew i n k e l te A r me u nd über dem Becken übereinan derg el egte H a n dg e - len k e ( T otengest us f ) . D ieser T ot e ngest us t r it t i n Elg g er st i n der let z ten Be leg u ngsphas e, i m let zten D r itte l des 7 . Jh., auf. 170 Auc h d ie se T oten ha ltu ng s chei nt v or a l lem im «roman i- sc hen » G ebiet verbre i tet gewesen z u se i n. 171 E in z ig d ie Frau i n Grab 25 ( T otengest u s a ; Abb. 29) w u rde au f dem B au c h l ieg end, m i t de m Ge si c ht na c h u n ten, dem Kopf im 56 III. Gräber: Der Friedhof Baar-Früebergstrasse I,II,III_031210.indd  12//10 3:0 PM konnten zahlreiche antike Grabstörungen beobachtet werden. Diese stehen zum Teil mit antikem Grabraub im Zusammenhang. Alternative Erklärungsmöglichkeiten habe ich bereits in Kap. III.3.4.1.4 im Zusammen - hang mit Nachbestattungen gegeben. In die- sem Kapitel werden weitere zur Sprache kom - men. Be i den a nti k gestör ten Gräbe r n konn - ten folg ende B ef u ndbi lder u n ter sc hie den w erden: Knoch en la g en v ersch oben 179 , w i r r du r c hei na nd e r 180 ode r z us am menges cho - ben 181 ( Abb. 30 ), E x t rem ität en wa r en i m Se h - n en ver band versch o ben w or den 182 , Ske le t t- te i le fe h lte n 183 u nd/ oder f a nden si c h in de r Grabverf ül lung 184 , u nd /ode r auch Grabbe iga - be n lagen in de r Grabver f ü l lung 185 . Be i acht Gräbe r n konnt e z udem i m Grab - profi l ei n R aubtr ichter erka n nt w erde n. 186 Ost en un d d en Füs sen im W est en besta tte t. Auch be t ref fe nd Ar m- und B ei n ha l t u ng n im mt die Frau aus Grab 25 e i ne Sonderstel- lung e in. D ie A r me wa ren au f Höh e der L e n- denw i rbe l a ngew in kelt, und da s li n ke Hand- gelen k wa r übe r da s rec h te gelegt . Ei ne Fesse - lung i st nicht ausz us ch l iesse n. 172 D ie Unter - sch enkel waren ü berkreu zt un d m ögli cher - weis e ebe nfa l ls z u sa m mengebu nden. E s ha ndelt si ch u m e ine S on der best att ung , a lso u m ei ne v on der Nor m abweichende Be stat - t u ng. 173 Kei ne der v on M. K ra f t i n ih re r U nt er su - chu ng z u u ngew öh n lic hen Sk elet t lagen au f - g ef üh rten 26 Ba uchla g en 174 e nt s p r ic ht b e - t ref fe nd A r m- u nd Bei n ha ltu ng genau I ndi - v iduum 2 5. Bei d r ei I ndiv iduen wa re n je - doch en t w eder di e U nt erschenk el g ek reu zt, ode r d ie Hände lagen auf dem Rüc ken, w obe i bei allen eine Fes sel ung ang en omm en wi rd . 175 M. K ra f ts Zu sa m menste llu ng ze ig t, da ss d iese B estat t u ngsa r t n u r be d ing t auf ei nen a rch äo log isc h u nd ant hrop ol og is ch fa ssba - ren P er so nenkreis eing egrenzt wer den ka nn. Bauchb estat t u ngen wa re n z wa r meist E r - wa chsen e, Fra uen wie Männer , un terschi ed - l ichen A lt e rs, de ren Grabb ei gabe n in d ie Q ua l itä t sst u fen A u nd B (nach R . C hr ist - le i n 176 ) g eh ör en. 177 E s gab ab er auch e ine K in - derbauc hbest att u ng. Auf fa l lend er schei nt mi r d ie R ichtu ng der Nor mabwe ichung. I m V er gleich z u de n a nderen B est att ungen au f dem Fr ie d hof la g d ie Frau in Grab 2 5 bet re f fend Or ie n t ier u ng u m 1 8 0 ° verkehr t i m Grab. Zusät z lic h lag si e auf de m Bauch, m it dem G esicht nach u n - ten, w ieder u m verk eh r t i m V e rgle ich z u den a nderen B est att u ngen. D er Gü r te l wa r ih r ebe n fa ll s verk eh r t her um a ngeleg t worden. Sie w eic h t m i t den üb erk re u zten E xt rem itä - ten a lso du rc h ei ne v ier fac he V erkehr u ng vo n der Nor m ab. Ih re ( T ot e n-) W e lt ist ver - ke h r t : mund us in versu s . W as wa r de r Auslöser f ü r d iese «verkehr - te» Best att ungs a r t? Die Et hnol og ie u nd die V olk sk u nde liefe r n ei n ga n zes Sp ek t r u m mög - l icher E rk lä r u ngen, w ie z um B ei spiel S elbst - m ord a ls «sc h li m mer T o d» , ei ne soz ia l re l i g iö - se S on der stel lung o der e ine soz ia le A us - sensei terro lle . 178 3.4.3 Gestörte/beraubte Gräber Neben den modernen Grabstörungen, zum Beispiel Baggerstörungen, die dem Katalog zu entnehmen sind und die teilweise nur noch die Füsse und Unterschenkel in situ beliessen, A b b. 29 B a a r- Fr üeb ergstrasse, Grab 25 . Di e v er st orb ene Frau wurde als einz ige des Friedho f es B aar - Fr üeb ergstrasse i n B auchlage mit auf Len - denwirbelhöhe ange - winkelt en A rmen und übereinandergelegten Handgelen k en sowie mit über kreu zten Un- ter sc he n kel n b es ta t tet . A b b. 30 B a a r- Fr üeb ergstrasse, Grab 1 2 1 . D ie Kno chen des V er storbenen wurden bei der St ö rung / Berau - bung de s Gr abes i n der Grabmitte z u einem Haufen z usammenge - schoben ( vgl. G rabplan Ta f . 8 8 ) . 164 W indler 1994, 21. 165 Descœudres 1999, bes. 17. 166 W indler 1994, 21. Vgl. auch die Zusammenstel- lung der T otengestus für Lavoye, Dieue-sur-Meuse, Mézières-Manchester und Mazerny bei Y oung 1984, 31, Abb. 7, 69, Abb. 17, 97, Abb. 26, 133, Abb. 37. 167 W indler 1994, 23, Abb. 35; Motschi 1991, 21, Abb. 11; Ulrich-Bochsler/Schäublin 1983, 72, T ab. 2. 168 W indler 1994, 21. 169 Ulrich-Bochsler/Schäublin 1983, 72, T ab. 2. 170 W indler 1994, 21, 118. 171 W indler 1994, 21. 172 Freundliche Mitteilung des Anthropologen A. Cueni, Kriens. 173 Schultz 1997, 11; Kraft 1994, 11. 174 Kraft 1994, 14–31. Vgl. auch die vier Bauchlagen aus dem Gräberfeld von Pleidelsheim (D). Koch 2001, 154. 175 Kraft 1994, 16 f. 176 Christlein 1973. 177 Kraft 1994, 29 f. 178 Meyer-Orlac 1997, 10. 179 z. B. Gräber 11, 13, 66, 81, 95, 99, 106, 107, 113, 115, 116, 145, 152, 161 und 205. 180 z. B. Gräber 56, 59, 76, 102, 118, 139, 163, 169, 174, 180, 185 und 208. 181 z. B. Gräber 48, 87, 88, 90, 105, 148, 166, 173, 182, 183, 187 und 203. 182 z. B. Gräber 11, 71, 79 und 145. 183 z. B. Gräber 26, 40, 48, 51, 79, 86, 93.2, 95, 100, 107, 113, 134, 137, 157 und 179. 184 z. B. Gräber 76, 88, 102, 116, 118, 119, 132, 139, 145, 152, 161, 174, 182, 185, 188 und 203. 185 z. B. Gräber 60, 71, 86, 87, 88, 90, 99, 102, 139, 157, 165, 166, 173, 180, 182, 185, 188 und 208. 186 Grab 86, W estprofil (Pos. 5); Grab 87, Ostprofil 1; über Grab 145, Ostprofil 1 (Pos. 128, Ostprofil 1); Grab 152, am südlichen Grabgrubenrand zum Brust-/Kopf- bereich hin (zeichnerisch nicht festgehalten); Grab 169, Beraubungstrichter (3) mit neun Auffüllschichten (2a–h) und humosem Silt (3); Grab 174, Raubtrichter (174 H) im Grabprofil (Ostprofil 2); Grab 183, im Grabprofil Raubtrichter mit sechs Einfüllschichten; Grab 203, Raub- trichter mit Knochenhaufen, zwei Glasperlen (2) und ei- ner Bernsteinperle (3). 57 3 Gräber 3.4 Bestattungen I,II,III_031210.indd  12//10 3:0 PM dem z ufolg e wa hr schei n lich auch e in Buchen sa rg dec k el nac h r und 30 Ja hre n ei nbric h t, m uss d ie St ör u ng/ Ber a ubu ng i nnerha l b d ieser et wa 3 0 J a hre nac h der Grableg ung e rfolgt s ein. Das antik gestörte Skelett aus Grab 183 weist alte postmortale Verletzungen auf, die sehr wahrscheinlich von einem Werkzeug stam - men, mit welchem das Grab geöffnet wurde. 194 Auf fä ll ig sind d i e a n ti k gestö r ten und b e- ra ub t en G rä ber , bei d en en S k el ettteile f eh - le n. 195 W as gesc ha h mit dies en be im Grab rau b en tfern t en Knoch en? W urd en s ie einfach weggew or fen oder e rhielt en sie ei ne besonde - re B eha n d l ung , die sich jedoc h im a rch ä ol og i - sc h en Spu renbi ld nicht niede rsc hläg t? I n s iebe n G räb er n ( Abb. 3 1 ) b efa nden sich nac h der Graböf f n u ng u n d Stör ung /B e- raubu ng T ei l e des Skelet ts der bz w . des V er - storbenen i n der Grabver f ü llung. B ei dies en oder bei d en ung est örten S k el ett t ei l en la g en Tierk noc h en. Au ff äl liger weis e sind d i es i n se chs Gräb er n Zä hne o der K iefer (f ragmente) vo n Sc ha f/Z ieg e, Schwei n und R i n d. I m g e - störten / ber a ubten Grab 1 45 lag bei m Ob er - u n d U nt erk iefer ( !) des gestör ten Sc hädels der Frau e in Frag men t ei nes Sc h weineu nt er - k i efers und zw isch en den Obersch enkeln ein Fra g m en t eines R in der un ter k ief ers ( Abb . 3 2) . Dies e Bef u nde sind n i cht sing u lä r . I m fr üh mi ttel alt erli chen Friedh of v on Hailfi ng en ( D) w u rden i n der V e rf ü l l u ng ein iger Gräbe r Sch wein ezä hn e , einzeln oder p aar w eise , en t - dec kt. 196 90 c m über de r Best a t t u ng in Grab 126 von Hai l fingen ( D) w ar e in ga nz er R in - der schäde l depon i er t wo rden. I n ei nigen b e- ra ub t en fr ühm i ttelal ter lich en Gr äbern Sü d - deutsc hl ands w u rden nac h der Graböf f n u ng Sc hädel (tei l e) von Tieren o der ga nz e Tiere w ie H u n de, Kat zen, Fuc hs, Wid der u nd Ro t - h ir s ch n ie der geleg t . 197 Zu r Deut ung d ieser Ha ndlu ng en g ibt es ve rs ch ie dene Mögl ic hke i te n. D ie D epo nie - Be i manc h en Gräb er n ist es u nk la r , ob ei ne anti k e Stör ung st a t tgef u n den hat u n d Be igaben e n t nommen w u rden. Bei zahl rei chen Gr äbern waren g enau j e - ne Ber eiche g estör t, w o d ie Be ig abe n g emä ss Be igaben si t te liegen sol l te n: b ei den Mä n - n er n beisp i elsw eise der rech t e O berschenk el - be reich, wo der Sa x lag. Be i ei nigen Gräb er n fanden sic h Hi n - weise, i n welchem Z ei t raum nac h der Best a t - t un g die Stö r u ng und Be raubung e rfolg t e : – G e zie lt a ngebr achte ( R aub - ) S ch ächte 187 ze ig e n, dass z u m Zeit pun kt de r St ör ung / Be raubun g das Grab ob er fläch l i ch g ut sich tba r wa r . D i es ist de r F a ll be i ei n er vo rha n denen Grabm ark ier u ng oder wen n die Grabauf schütt u ng noch sicht - ba r ist, al so ku rze Z eit nach der B estat - t u n g. – Im Sehnen verb and versch obene Ex tremi - t äte n 188 erg eben einen Zei traum v on drei bis ma x im al ze hn Ja hre n nach der Grab - l egung f ür di e S tö r un g/Ber a ub un g . 189 – I n ein igen Gräbe r n 190 w ur den d i e K no - chen b ei der Stör u ng/ Ber a ubu ng zu sa m- mengesc h obe n. Si e wa ren z u d i ese m Zei tpu nkt s omi t berei ts en tfleisch t oder z um indest n ich t meh r im S ehne n ve r - ba n d. Je nach B ode n be scha f fen h eit er - fo lg te die Be raubung s o m i t f r ü hest en s r u n d 1 0 Ja hre nac h der Be erd ig ung. 191 – H i erb ei stel l t sich z udem d ie F rage, ob sich i n den z usa mmen g e schobe nen K noc h en ei n « pietät vo ller » U mga ng mit den G ebei nen der V e rstorbe n en w ider - s pie ge lt. 192 – Et wa 1 4 c m über de r g estör ten Best a t - t u ng 205 b efa nd si ch de r n oc h inta kte Sa rgdec k e l a us Buc h en ho l z. Da s h eis s t, der Holz ei n bau oder S ar g war geöf f n et – d i e Be statt u ng g estör t und wa h rsc h ei n - l i ch b eraubt – u n d w ieder ver sch lossen wo rden. Da e in E ichens argdec k el 193 u nd Grab Verstorbene/r Lage der Tier knochen im Grab Tierart Skelettteil Alter 81 gestört/beraubt, Knochen teilweise in Grabverfüllung Grabverfüllung Schaf/Ziege Oberkiefer-Zahn, M3 adult, > 3 J. 132/ 179 gestört/beraubt, alle Knochen in Grab- verfüllung, bis ca. 10 cm über dem Individuum 179 in Grabverfüllung von Grab 179, bis ca. 10 cm über dem Indivi- duum 179 Schwein Unterkiefer-Fragmente senil, > 3 J. 145 gestört/beraubt, Knochen teilweise in Grabverfüllung beim Ober- und Unterkiefer des gestörten Schädels 145 Schwein Unterkiefer indet. 145 gestört/beraubt, Knochen teilweise in Grabverfüllung zwischen gestörtem linkem und rechtem Oberschenkel Rind Unterkiefer adult, > 3 J. 148 gestört/beraubt, Knochen teilweise in Grabverfüllung Grabverfüllung Schaf/Ziege Humerus rechts, proximales Ende adult 175 gestört/beraubt, Knochen teilweise in Grabverfüllung Grabverfüllung Rind Unterkiefer-Zahn, M2 subadult, 19–24 Mt. 203 gestört/beraubt, Knochen teil weise in Grabverfüllung und im Raubtrichter bei Skelettknochen gestört im Raubtrichter Rind Oberkiefer-Zahn, P4 adult, > 3 J. A b b . 31 B a a r- Fr üebe rg strasse. T ier - knochen in gestör t en/ beraubten G räbern. Ein Hinweis auf einen A b - wehrz au ber ? Grau : Z ähne od er Kie f er (fragment e) . 58 III. Gräber: Der Friedhof Baar-Früebergstrasse I,II,III_031210.indd  12//10 3:0 PM r ung d er Ti erzähne und Ti er k i efer(fragm en t e) – «bei sse nder E lemen te» – in B aa r -Fr üebe rg - st ras se könn te al s Sc hu t z mas snah me, a ls «Ab - w ehrzau ber» in t erpretiert w erd en. Ha tt en die Grabräube r oder V er w a nd te n A ngst, da ss d ie V erst o rben en ihre en tnomm enen G rabbeig a - be n z ur ück ho len w ür den? W as wa re n d ie Gr ünde f ür d ie B erau - bu ng der Gr äber? Zu m ei nen w i rd d ie T hese ver t re ten, da ss der Grabr aub p r i mä r mater iel l mo t i v i e r t w a r. 198 Ei n I ndi z d af ü r ist d ie U n - ter suchu ng v on A . Heege, der a m Be ispiel des Gr äberfel des v on Hei denheim-Gro ss kuch en ( D) z eigen konnt e, da ss ei ne Ko r rel a t ion zw i- sc hen Grabg r ub eng rös se u nd Ber aubung b e - s te ht . 199 B. Hä n sel u nd N. K a lic z weis en – i m Zu- sa m men ha ng m i t den b er au bten Gräb er n des m ittelbron ze ze i t l ichen ( M D I I I spät ) Grä - be r feldes von Mezö cs át (Unga r n) – jedoc h da r auf h in, d ass sic h im Grabr aub nicht un- be d i ng t «sc h nöde Habg ier » w ider spieg e l n muss. E be nsog ut k ön nen B esitz verhä ltn i sse u nd rel ig iöse V orstel lun g en z u m Ausd r uck ko m men. Zu m Be ispiel, da ss d ie /der T ote d ie m i tge gebenen G egenst ä nde n u r ei ne g ew is se Z eit beha lten du r f te und d ass d ie Fam i l ie na ch ein er f es tg ele gten T ra uer zei t diese Ge - gen s tä nde z u r üc k hole n kon nte 200 o d e r g a r z ur ück ho len musste, w en n sie den mater iel- le n V erlu st n icht ve rk ra f te n kon nte. 201 E s schei nt al so , a ls ob ver sc h iedene Be - wegg r ü nde in Frage k ommen, Gräb er w ie der zu öffnen un d Bei ga ben h erauszunehm en. Auf jede n Fal l zeig t d ie gros se A n z a hl a nti k gestö r ter Gräb er , d as s es sich be i m sogena nn - ten Grabraub nic h t u m Nach t - und Neb el - akt i on en g ehan del t ha ben kann 202 , s onder n da ss d ie G emei nsc ha f t, welc he ih re T oten auf d em Fr ie d hof Baa r -Fr üeb erg st ras se b e - stat tete , seh r wo h l davo n w u sste und d ies wa h rs chei n lic h au ch toler ier te, wä hr end auf G eset z eseb ene, zu m B ei spiel i m Pa c t u s A l a - mannor um u nd in der L ex Al amannor um , der Grabraub mit Bus sg e lder n gea hndet w u rde. 203 IV . G Ab b. 3 2 a und b B aar - Fr üeb ergstrasse, Grab 1 4 5. Beim O ber - und Unt erki efer des gestör - ten Schädels der gest ör - ten / b e ra u bte n B e sta t - tung befand sich ein Fragment eines Schwei - neunt erkie f ers , zwi - schen den Ober schen - keln ein Fragment eine s Rinder unterkiefers . v 192 Vgl. auch Grab 30 von Seewen SO, Galgenhügel. Motschi 1991, 22, 66. 193 W indler 1994, 20; Grünewald 1988, 36. 194 Auf die Frage, welche W erkzeuge ver wendet wur- den, können zwei Gräber aus zwei anderen Friedhöfen Hinweise liefern: Im gestörten und beraubten Frauen- grab 378 von München-Aubing (D) fand sich eine 8,6 cm lange Eisenspitze mit offener Tülle, welche wahr- scheinlich zu einer Holzgabel gehörte (Dannheimer 1987, 16–18, Abb. 6), mit welcher die Beigaben aus dem Grab «gefischt» wurden. Das gestörte und beraub- te männliche Skelett in Grab 8 von Friedberg-Bruchen- brücken (D) weist auf der V orderseite des linken Schien- beins eine kleine rechteckige Öffnung auf, die auf eine Eisenspitze hinweisen könnte, welche als «Sondagestab» verwendet wurde (Thiedmann/Schleifring 1992). 195 z. B. Gräber 26, 40, 48, 51, 79, 86, 93.2, 95, 100, 107, 113, 134, 137, 157 und 179. 196 Arends 1978, 151, 155. 197 W ild 2006, 50 f. 198 Pause 2001, 21; Stork 1997b, 429; Grünewald 1988, 41; Roth 1978, 55. 199 Heege 1987, 24, Abb. 6. 200 Hänsel/Kalicz 1986, 52. 201 Siegmund 2000, 121 f. 202 Koch 1996, 736. 203 Nehlsen 1978, bes. 127–129. Pactus Alamanno- rum , Kap. XVI,3 (Beraubung von Gräbern): «Und wenn welchem T oten auch immer , sei es einem Ermordeten oder einem, der eines natürlichen T odes gestorben ist, etwas ent- wendet oder fortgenommen wurde, wenn ferner dieser aus dem Grab, in das er gelegt wurde, ausgegraben und des- sen, was er dort trug, beraubt wurde, soll er [der Grabräu- ber] dies zurückgeben und 80 Schillinge zahlen.» 187 z. B . Gr äb e r 86, 87 , 1 45, 1 52, 1 69 , 1 7 4, 1 83 un d 203. 188 z. B. Gräber 11, 71, 79 und 145. 189 W indler 1994, 20; Grünewald 1988, 36; Rittershofer 1987, 14; Heege 1987, 24, Anm. 53. 190 z. B. Gräber 48, 87, 88, 90, 105, 148, 166, 173, 182, 183, 187 und 203. 191 Freundliche Mitteilung des Anthropologen A. Cueni, Kriens. a b 59 3 Gräber 3.4 Bestattungen I,II,III_031210.indd  12//10 3:0 PM 60 IV. Generationen 1 Anthropologische Untersuchungen zum frühmittelalterlichen Gräberfeld von Baar-Früebergstrasse Brigitte Lohrke † und Andreas Cueni, Fachredaktion Sandra Pichler 1.1 Einleitung I m Verlauf der Grabung Baar-Früebergstrasse konnten die Skelette von 208 Individuen freigelegt, geborgen und der anthropologi - schen Untersuchung zugeführt werden. Die Aussagekraft der vorliegenden Untersuchung wird durch den Umstand eingeschränkt, dass sich der Erhaltungszustand der Skelette als Folge der zahlreichen anthropogenen Störun - gen und des ungünstigen Liegemilieus als schlecht erwies. Durch die Mitarbeit des An- thropologen (A. Cueni) auf der Grabung war es allerdings in vielen Fällen möglich, die Ge - schlechtsdiagnose sowie eine möglichst grosse Zahl von metrischen und morphognostischen Beobachtungen bereits in situ festzuhalten. W as d ie K en n t ni sse hi nsichtl ich der f r ü h - mi t t ela l ter l i ch en Bev ölk er ung en der Sch weiz be tr if f t, so fi n den sic h bish er i m Sc hr if t t um nur verhä l t nismä ssig wenige ausf ü hrl i che Da rstel l u ng en, d ie den A nforder u ngen ei n er br ei t ang elegten an th r opo lo gischen U n t ersu - chu ng a u f P opu la t i onsn iv eau genü gen. 204 Hin z u k ommen e in ig e meist au f die Be sti m- mung de r m or ph ol og isc h en Gr u n dpa rame - te r be sc h rä n kte, n ic h t r epr äs entat ive K lei n - ser ien o der d i e V or lage v on Ei nz elf u n den. 205 Dies er Ma ng el a n ver wer tba ren Daten ist z um ei nen auf d ie f r üher üblic h en Fragestel- lungen de r Sk elet ta n t hropolog i e z ur üc k zu - f ü hre n, die sich z umei st a u f t y polo g isc he Be obachtu ngen a n Sc hädeln u nd rass en - k und liche Deut un g en b esch rä nkte n , z um a n der en abe r a uch au f das of t ma ls g er i ng e I n ter esse der d am al ig en A rc häo log en a n den E rg ebn issen de r histor isc h en A nth ropolo g ie. Das Gräb er feld v on der Fr üebe rgst rasse i n Ba ar e r laubt es e rst mal s, n eue E rk en n t nis se über die fr ühmitt elal ter l i c h e Bev ö lk er ung der Zen tra l sch w eiz zu erl ang en. Die w is sen - sc haf t lic h e Be deutu ng der Skelet tse rie ist d a- be i nicht n u r in der z ei t lichen Stel lung b e - g r ündet, sonder n auch i n dem U mst and, da ss h i er e ine der bisla ng g rössten B ev ölke - r u ngsstic h proben aus de m Fr üh mit t ela lt er der S chw ei z vo rlieg t. Da s G räb er feld v on der Fr üebe rgstr asse i n Ba ar stel l t da her ei nen w ich t ig en Stei n in de m M osa i k a us A nth ro - pologie u n d A rch ä ol og ie da r , da s vers u cht, Lebensb ild er fr üh erer Bev ölk er ungen zu z eic h nen . De r al lg emei n sc hlec h te E rhalt ungs zu - sta nd der vo rliegenden S er i e verhi nder t die E r hebu ng sä m t l i cher Daten, d i e f ü r ei n e er - sc h öpfende Dar stellu ng der f r üh m i t tela l terli- c he n B evö lke r u ng von Ba a r-F r üe b er gs t ra s se not w end ig wär en. De r Ber icht v er sucht j e - doc h, über e ine möglic hst v oll stä n d ig e Dok u - m en ta tio n v on M er k mal en der einzel n en In - d ividuen e in ig e A spek t e des L ebe ns der Men - sc h en von Ba ar a nh and der pa läode m og ra - ph is c hen, mor pholog i sc hen u nd pa lä opat ho - l ogischen Bef un de zu er hellen . Hi erzu dien en sow ohl d ie Disk ussion der G esch lechter ver - tei l u ng als auch d ie Absc hätz u ng der L eben s- er wa r t ung u nd der gesch lechtssp ez i fisc h en Sterblic hkeit mit Hi lfe von St erb eta fel n. Die met r i sc he n u nd mor pho g nost i sc hen Daten erlauben e s, das physisc h e E rsc h ei nungsbi l d der d ama ls leb enden Mens chen z u rekon - st r u ie re n, d ie pa läo pat holog i sc hen Be f u nde er la uben A ussa g en zu ihrer Arbei ts- un d K ra nk heitsb elast u ng . Aus a ll d iesen I nfor ma- t i onen erg ibt sich ei n spa nnender E inbl i ck i n da s al l täg liche L eben i n der S chw ei z des f r ü- h en Mi ttelal t ers. 1.2 Methoden der Skelettuntersuchung 1.2.1 Alters- und Geschlechtsbestimmung Die Sterbealter- und Geschlechtsdiagnosen erfolg - ten anhand von morphognostischen Merkmalen des Beckens, des Schädels und der Langknochen nach den anthropologischen Standardmethoden. 206 Fü r d ie Alter ssc hät zu ng de r Er wac hs enen wa - re n die Obl it e ration der S ch ädel nähte, d i e A lters - ver ände r unge n der Sp ong i os ast r uk t ur von Hu me - r us u nd Femu r sow ie die V e rä nder u ngen des Sy m- physe nr elie fs ma ssgeblic h, die nac h der kombi nie r - ten Me tho de zu e ine m wah r sche in lic h e n St e rbe - alt ersberei c h zusam m eng efasst wu r den . Dan eben w urden in Z weifels fäl l en die ekt o k raniale V er k n ö - che r un g der Haupt nä h te des S ch ädels n ach de m Sc hema von V a l l ois 207 , der e ndo k ra n ia l e Na h t ver - sc hlu ss nach de r Met hode von Per i zon i us 208 u nd die A l tersv eränderungen der Oberfläch e d es Capu t femor is n ach Ha ns en 209 beurteil t. Di e V erän deru n - g en d er s ternalen Gelenk flä ch en d er Schlüss elbein e w u rden n ach Sz ilv áss y 210 kl as s ifiz i ert . Fü r 1 6 I n d iv iduen m i t u nsiche ren A lter sbe - s timm un g en w ur de zur A bs i che rung bezi eh un gs - IV. Generationen Brigitte Lohrke † und Andreas Cueni, mit einem Beitrag von Katharina Müller IV_021210.indd 60 12/6/10 3:10 PM 61 1 Anthropologische Untersuchungen wei se E i ng re n z u ng de r D iag nos e n z us ät z l ich d a s V erfah ren der Zah nzemen tann ula tio n 211 a nge - wa ndt ; d ie E rgebn i ss e der Unter suc hu ng si nd i m K ata log ver merk t (vgl. A n h a ng 1, S. 1 0 7 – 1 12 ) . Die A lter sbe st i m mu ng N ichter w ac hs ene r ge- sc ha h a n ha nd de r D u rc hbr uc hs - u nd M i ner a l is a - t ions verhä lt n is se de r Z ä h ne nac h de m Sc he ma von U b e l a ke r 212 , des V e r sc h lus se s der E piphyse n de s p ost k r a n i a le n Ske let te s 213 sow ie de r L ä nge n der lang en Ext remi tä t enk noch en 214 . Auf g r u nd des au sgepräg ten G e sc h lec hts d i mor - ph ismus i n de r S e r ie wa r e i ne Zuwei su ng d er e r - wac hs ene n I nd iv iduen i n de r Regel auc h b ei sc h lec hter E rha lt u n g m it hi n lä n gl ic her Sic herhe it mögl ic h. E rg ä n ze nde met r is c he V e r fa h r en w ie l i - nea re D i sk r i m i na n z a na lys en a n S c häde l n o de r a n Zä hnen w urden n ur a usnahmsweise ang ew en - det. 215 Fü r d ie G e sc h lec htsb e st i m mun g subadu lter I nd iv idue n w u rde n d ie mor phog nost is che n Me rk - ma le a m Unterk ief er u nd a m Da r mb ei n n ac h S c hut kow s k i he r a n ge z oge n . 216 A rch äo l ogisch e Hin we is e z u m G es c h lec ht w u rde n n icht b er üc k - si c ht i g t . 1.2.2 Demographische Methoden Die Paläodemographie fasst die erhobenen Indivi- dualdaten 217 einer Skelettserie zusammen und ana- lysiert diese auf dem Populationsniveau 218 . Die Be- rechnung der Sterbetafeln für die Bevölkerung von Baar-Früebergstrasse sowie die Beschreibung der Geschlechterproportion erfolgten nach den eta - blierten Verfahren. 219 Das Kleinkinderdefizit wurde mittels des Verfahrens von Bocquet und Masset 220 korrigiert. Bei der Schätzung der Anzahl der gleich- zeitig lebenden Individuen der Baarer Population gelangte die Methode von Acsádi und Nemeskéri zur Anwendung. 221 1.2.3 Morphologie und Metrik Die Erhebung der osteometrischen Daten erfolgte auf der Grundlage der allgemein verbindlichen Massdefinitionen von Martin, ebenso die Beschrei- bung der Schädel- und Gesichtsmorphologie. 222 Stichprobenparameter der Schädel und postkrani - alen Skelette von Männern und Frauen aus Baar- Früebergstrasse unter Angabe der verwendeten Masse und Indizes finden sich in den Tabellen 1–4 in Anhang 3 (S. 115–120). 223 Die S c hät z u ng d er Kör p e rhöhe w u rde f ü r d ie Skelet te E r wac h se ner du rc hweg auf d er Gr u nd lage der Reg re ssionsfor mel n von Pea r son vorgenom - men , da die se M et h ode a uf einer Referenzserie von Ind iv iduen vor de m E i ns et z en d er s ä k u la r en A k ze ler at ion be r u ht u nd da m it f ü r h istor is che B e - v ö lk er ung en am bes ten g eeignet erschein t. 224 A ls z us ät z l iches A rg u ment f ü r d ie V e r we ndun g der For mel n von Pea rs on spr ic ht der Umst a nd, d a ss d ie so e r r ec h nete n Kör p erhöhen r ec ht genau de n in sit u gem essenen Sk el ettlä ng en ( V ertex bi s T al us) ents pre c hen, wobe i e i ne pos t mor t a le St re c k u ng von dur ch sc h n it t l ic h et wa 2 c m b er üc k sic htig t w i rd . E i ne Umre c h nu ng au f Kör p erhöhen nac h den V e r fa h r en n ach B re iti nge r u nd Bac h k a n n m itte ls Ap proxi m ation sfor mel n vorgenom men werden. 225 L ä ngen m a sse, d ie du r ch Re konst r u k t i- on aus T ei l st re c ken e r m it telt w u rde n, fa nde n nur V e r we ndu ng , wen n d ie e r re c h nete L ä n ge mit de n g em essen en In-s it u - W er ten übereinstim m te. Di e K örperh öh enschä t zungen der su ba dult en Indivi - duen b e r u hen au f de n T ab el le n von Sc h m id u nd Kü n le be z ie hun gs wei se de n Reg re ssion sfor mel n von T el k k ä et a l. 226 D ie E rheb u ng d e r epi gene t i sc he n Me rk ma le ( Di sk ret a) a n d er Skele t ts er ie st üt z t sich au f d ie Da r stel lu nge n von Cz a r net z k i u nd Koautoren s o - w ie von Haus er u nd De Ste fa no. 227 F ü r ei n ige we n i- g e Bes t a t t ungen l ie gen überdi es mo lekulargen eti - sc he Daten (A na lys en de r a DN A) vor (K ap. I V .2 ) . 228 204 z. B. Bay 1976; Brunner 1972; Etter 1982; Gombay 1976; Hauser 1939; Hug 1940; Kaufmann 1989; Kaufmann/Schoch 1983; Kaufmann/Xirotiris 1991; Langenegger 1994; Simon 1982; T rudel 1938; Ulrich- Bochsler 1994; Ulrich-Bochsler 2006; Ulrich-Bochsler/ Meyer-Hofmann 1990; Ulrich-Bochsler et al. 1985. 205 z. B. Bay 1936; Hug 1961; 1962/63. 206 Acsádi/Nemeskéri 1970; Ferembach et al. 1979; Nemeskéri et al. 1960; Sjøvold 1988; Szilvássy 1988; Szilvássy/Kritscher 1990. 207 Modifiziert gemäss Rösing 1977, 60. 208 Perizonius 1984, 203. 209 Hansen 1953, 56. 210 Szilvássy 1978, 167. 211 Caplazi 2004; Herrmann et al. 1990, 204 f.; Obertová/Francken 2009; Renz/Radlanski 2006. 212 Ubelaker 1978. 213 Scheuer/Black 2000; W olf-Heidegger 1961. 214 Stloukal/Hanáková 1978. 215 Henke 1973; Alt et al. 1995; 1998; Ditch/Rose 1972; Sjøvold 1988. 216 Schutkowski 1990. 217 Vgl. Kap. IV .1.2.1. 218 Bocquet-Appel 2008; Chamberlain 2006; Drenhaus 1992. 219 Acsádi/Nemeskéri 1970; Drenhaus 1992; Grupe et al. 2005; W ittwer-Backofen 1987. 220 Bocquet/Masset 1977. 221 Acsádi/Nemeskéri 1970. 222 Masse und Indizes nach Martin/Saller 1957–66; vgl. auch Bräuer 1988; Schwidetzky/Knussmann 1988. 223 Auf einen Abdruck der vollständigen metrischen und morphologischen Individualdaten wurde verzichtet; diese können bei der Kantonsarchäologie Zug angefor- dert werden (Bezugsadresse siehe S. 502). 224 Pearson 1899; vgl. auch Herrmann et al. 1990, 91. 225 Bach 1965; Breitinger 1937. Approximations- formeln errechnet auf der Basis von 667 frühmittelalter- lichen Skeletten; Cueni 2001. 226 Schmid/Künle 1958; T elkkä et al. 1962. 227 Czarnetzki et al. 1985; Hauser/De Stefano 1989. 228 Die Analysen wurden am Institut für Anthropolo- gie der Universität Mainz durchgeführt. IV_021210.indd 61 12/6/10 3:10 PM 1.2.4 Pathologische Befunde Osteopathologische Veränderungen wurden an - hand der einschlägigen Handbücher beurteilt. 229 Osteoporotische und spondylotische Veränderun - gen der Wirbelsäule wurden nach Stloukal et al. be- ziehungsweise Brocher und Dihlmann klassifi - ziert. 230 Die Beurteilung der skelettalen Stressmar - ker beziehungsweise Mangelerkrankungen erfolgte für die Schmelzhypoplasien auf Basis der Arbeiten von Boyde und Schultz 231 , für die sogenannten Cribra orbitalia vergleiche man die Publikationen von Hengen und Braun 232 . De r Z ah n stat us w u rde nac h den de rz eit übli - chen R i ch tl inien erh oben . 233 Neben d er j ew eil i - gen Z a hnp osition i n nerha lb der Q u ad ra n ten d es Daue r - und M i lchgebi sse s w u rde n die K iefe rk no - che n h in sicht lic h des i ntr av ita len u nd pos tmor - ta le n Za h nverluste s und de r A lveola rat roph ie be - u r tei l t. D ie E intei lun g der K a r iesg rade u nd der A lveola r a t roph ie er folg te nach de m Sc hem a von S c hu lt z . 234 D er A bra sionsg rad de r Mola ren w u rde nac h dem S che ma von Brot hwel l bes ti m mt. 235 1.3 Material und Erhaltung Fü r d ie anth ropolog isc he U n ters uchung sta nden d ie Sk elet te v on 2 0 8 Ind iv i duen z u r V er f üg u ng. Sie sta mme n v on 79 Frauen (da - vo n 13 als « eher Frau» b est im mt ), 92 Mä n - ner n (d ar unter 8 a ls «eher M an n » d iag nosti- z ier t ), 7 n icht näher b est i mmba re n Er w ach - senen u nd 30 Nic h ter wach senen (Abb. 33) . Sie st el len nur e inen Aus sch n i t t aus dem u r - spr ü ngl ichen Be statt u ngsplat z da r , dessen Umfa ng von Katha r i na Mül ler auf e t wa 38 0 Gräbe r geschät zt w i rd ( Kap. II I. 1 , S . 2 8) . E n t - spre chend der a n t h ropolo g is chen St and ard - ei n tei lung f ü r e r wach sene Ind iv iduen in A l- t ersk las sen v o n j ew eils zehn J ahren w erden säm t li che Indi v i du en mi t ein er S t erbeal t ers - g ren ze von u n ter 20 Ja hr en a ls Nichter wach - se ne b e z e ich ne t. De r Zusta nd der K nochen e r w ies sich a ls mäs sig, übe r w ieg end soga r al s sch lec h t. Die Gr ü nde da f ü r sind ei ner seits i m wech sel - feuchten L ieg em il ieu, a nderer se i ts i n den a n - t hrop og ene n St ör u ngen du rch d ie Ber au - bu ng der Gräb er z u suc hen. Aufg r u nd der e xt remen Br üch igkeit der K noc hen er forder - ten vor al lem d ie Schäde l ei ne R ekonst r u kt i- on aus za h lre ichen Br uch st ücken, w obe i sich jedoc h d ie besonder s f rag ile n Gesic h tsskelet - te in de n m e isten Fäl len n ich t w iede rh er stel- l en lie ssen. A uch die Extremitä t enk n ochen ben ötigten einen beträch tlich en R ek o nstr uk - tio nsa uf wa n d. Bei der überw ie g end en Zahl der Skelet te k onnten die e m pfi ndl ichen E pi- ph ysen re gio nen der La ngknoch en ni ch t wie - derhergestel l t werden. I n d iese n Fäl len w u r - den f ür Aus wer t u ng en d ie in sit u er h oben en Dat en z u H il fe genommen. 236 Be i der Un tersuc hung ze ig te si ch, d ass d ie Sk elet te der Mä n ner v on Ba a r -Fr üebe rg - st rass e im A l lgemei nen ei nen deutl ich schlech t eren Er hal t ungs grad a uf weis en als d iej en igen der Fr au e n. Gr ünde d af ü r sind aus a n t hrop ol og isc her Sicht nicht erk en nba r . Za hlrei che V er la g er ung en v o n S k ele ttel e - ment en u nd v or a lle m alte , p ostmor ta l e n t - sta ndene Br üche a n den K nochen de ut en je - doc h da rau f hi n, d ass es sic h dab ei u m ei ne Folg e der e inga ngs e r wä hnt en Stör u ngen ha ndel t. A l s mö g liche Ursac he ka nn e ine i n- t ensi ver e Bera ubung der M än n ergräber v er - mutet we rd en . 1.4 Demographische Analysen P rä hi stori sche u nd histor isc he Gräbe rfe lder kö n nen häu fig nic h t v oll stä ndig ausgeg rabe n werden. D ie a u s ih nen sta m menden Sk elet t - serien weis en daher einen S tich p ro bencha - ra kter au f und b esi t ze n n u r ei ne einge - sch rän kte Rep räse n ta tiv i tät im Hinblick a uf d ie ehema ls lebe n de B evö lker un g . Cha ra k te - r ist isc he Grössen w ie d ie S terbl ich k eit der Neugebore nen, die G esc hle cht er r elation ode r d ie An z a hl g leich zeitig leb ender I ndiv iduen kö n nen da her n ich t d i rek t aus den erhobe - nen Dat en abgeles en werden, sonder n sie müsse n g es chät zt b ez iehungs weise m it R e - gressi o nsgl ei ch ungen berechnet w erden . 237 Die Merk ma le ei ner f ü r d ie demogr ap h i- sc he A uswe rt u ng g ee ig neten Sk elet t ser ie hat Wi tt w er -Ba ck of en 238 fo lg en dermassen f orm u - l ier t : – Die Skelet tse r ie m uss voll stä ndig o der da s Ausmas s ih rer V ol lstä nd igkeit ab - schät zbar sei n. – Die ze i t lic he S tel lung de r ei nz el n e n Be - stat t un g en u nd d ie Beleg u ngsd auer des Gr äberfel ds m üssen beka nn t s ein. männlich und eher männlich weiblich und eher weiblich unbestimmt n % n % n % Erwachsen 92 44,2 79 38,0 7 3,4 Juvenil 1 0,5 2 1,0 2 1,0 Infans II 5 2,4 2 1,0 4 1,9 Infans I 3 1,4 6 2,9 5 2,4 Total 101 48,5 89 42,9 18 8,7 A b b . 33 B a a r- Fr üeb ergstrasse. A lters- und Ges chlechtsver tei - lung (n = 208) . 62 IV. Generationen IV_021210.indd 62 12/6/10 3:10 PM u nd st el lt da m it ein M ass f ü r da s G esc h lec h- ter ve rhä l t n is de r i m Gräbe r feld b est atteten In di vi d ue n dar . 241 Er e r re c hnet sich n ach de r For me l : Mä n ne r × 10 0 sd f M I = lk dfsdf jsdsdfsd fsdd flkja Frauen sjd f j Der Mas ku lini tä tsin dex w ird na chs te - hend f ü r a l le 1 7 1 gesch lec htsbest i m mba re n I ndiv iduen e r m ittelt. Wie i n der Pa läode mo - g raphie a l lgemei n üblich, w ird i m Folg enden n icht mit Prom i l le-, sonder n m it P rozent - wer ten gere c h net, um d ie Ung enau igkeit der a n t h ropologi sc hen Roh daten sow ie die k l ei - nen St ichprobeng rö sse n z u be r üc k sichtigen. 242 Fü r d as Gräb er fe ld v on der Fr üeb er gst ra sse i n Ba a r er g ibt sich so f ü r d ie Best atteten i m E r - wa chsen enal ter ein W ert v o n 1 1 6 ,5; unt er E i nbe z ug der gesc h lec htsmäs sig be st im m - ba re n Subadulten fo lg t der et was n ied rigere W er t von 1 13 ,5. 243 Obsc hon unter den Ab or ten u nd T otg e - bore nen d ie A n z a h l de r K naben wes entl ic h hö her ist a l s jene der Mädc hen, sind K naben - gebur ten häuf ig er a ls M ädchengebu r ten . D ies e s s e k u nd ä re G e s c h le c hter ve rhä ltn is b e - t räg t b ei L ebendgeborenen i m D u rc hs ch n itt et wa 1 ,06, d . h. es werde n 1 0 6 K naben au f 1 0 0 Mädc he n gebor en . 244 D iese Z a hle n si nd t eilw eise g enetisch d et er m iniert (g en oty pi - sc he Ge sc h lechts d i f fere n z ier un g), wobe i d ie Ursac hen f ü r d ie B eg ü n st ig ung de r Y -t r agen- den Sp er mien de rze it nicht v öll ig gek lä rt sind. Sie va r i ier en jedo c h vo n Populat ion zu – Die A n za h l der Skelet te des Gräb er feld s muss m it j ener de r V er storbe nen der L e - be ndpopu lation iden ti sc h se i n. – Der Ch ara kt er d er Bev ö lkeru ng m uss h i nsic h t l ich i h re r «Nat ü rl ich keit » ( Sie d - lung , K loster , Mi l itä ra n lage usw .) be u r - t eilbar sein . Dies e v ier K r iter ien werde n i n vo llem Um - fa ng nur se lt en e r f ü l lt. Fü r d as Gräb er fe ld vo n Ba a r -Fr üeber gst ra sse si nd vo n den ge - na n nt en B ed i ng un gen d ie beiden e r sten ei n i - ger ma sse n er f ü l lt. Die let zte Forder u ng t r i f f t soga r i n vo lle m U m fa nge zu . Es h a ndelt si ch be i der Skelet t se r ie m it h oh er W a h r sc hei n - lichk eit um ein e bä uer li che B ev ölk er ung a us G ehöf ten, d ie zu sa m men e i ne Stre usie d lung bildeten. Da s d r it te K r iter ium i st h in geg e n i n keiner W e is e er f ül lt. Die Z a h l der e rg rabene n Skelette i st aufg r u nd des K i nde rdefi zits 239 – vo r a l lem du rch d a s vo ll stä nd ige Fehle n vo n Neugebore nen ( Kap. I V . 1. 4. 3 ) – u nd des U m- sta nd s, da ss nur k napp zwei D r it tel der ge - sc hätz ten A nz a h l Gräb er geborgen werde n konnt en, m it Si c herheit nicht mit der Z a h l der e i nst ma l s L eb enden ident isc h. Auss agen z u r ehema l igen L eb e ndbevö l ker u ng si nd al so nur m it g ew i sse n E in sc h rä n k u ngen mögl ich. 1.4.1 Die Geschlechterverteilung Sowo h l da s pr i mä re a ls auch da s se k u ndä re G e sc h lec hter ve rhä l t n i s, we lc he d ie Re lat io - nen be i Konz ept ion und G ebu r t b es ch re i - be n, sind be i h istor isc hen Popu lationen ga r n icht oder nur ausna hms weis e rekonst r uier - b a r. 240 Die Q uel len lage erlaubt es auf Gräb er - felder n led ig l ich, d ie V er te ilu ng der G e - schlech ter inner ha lb der T o teng emeinsch af t zu berechnen. Be i 1 71 d er i n sg esa mt 1 78 E r wac hs enen m i t ei nem Sterb ea lter vo n meh r a ls 2 0 Ja h - ren konnte das G e sc h lecht mit Sicherhei t ode r wen igsten s m i t ho her W a hr sc hei n lic h - kei t be st im mt werden (Abb. 34) . D ie Sk elet te vo n 1 9 K i nder n u nd Jug end lic hen gestat te - t en e benfal ls ein e hi nrei chen d si chere G e - sc h lec h tsb est i m mung. D ie resu ltie rende G e - schlech terverteil ung en tsprich t im W esen tl i - chen de r jen igen, d ie l ed ig l ich d ie er wachse - nen I ndiv i duen be r ü ck si chtig t. Die sub adu l - ten I ndiv iduen, f ü r d i e ei ne Ge schl ech ts - z uweisu ng mögl ich w a r , konnten d a he r f ü r einig e Berechn ung en ebenfalls h er a n ge zo ge n werden. De r Ma sku li n itätsinde x M I g ibt d ie A n - za h l de r Mä n ner i n Relat ion zu de r A n z a h l der Fraue n in nerha lb e i ner Popul ation an A bb. 34 B a a r- Fr üe bergstrasse. Ges chlecht er ver te ilung. a : unter Ber ü ck sichti - gung der geschlechts - bestimmten Subadulten ( n = 20 8 ) ; b : n ur er wach sene Indi - vidu en (n = 1 7 1 ) . 229 Brothwell/Sandison 1967; Eder/Gedick 1984; Holzner 1985; Janssens 1970; Ortner/Putschar 1981; Steinbock 1976; Zivanovic 1982. 230 Stloukal et al. 1970; Brocher 1966; Dihlmann 1987. 231 Boyde 1970; Schultz 1988. 232 Braun 2004; Hengen 1971. 233 Vgl. etwa Alt 1989 und Alt/Türp 1997. 234 Schultz 1988. 235 Brothwell 1981, 212. 236 Die im V erlauf der Ausgrabung beobachteten und teilweise dokumentierten spärlichen Reste der Gräber 43 und 69 standen weder in situ noch im Labor einer anthropologischen Begutachtung zur V erfügung. Sie müssen als verschollen betrachtet werden. 237 Acsádi/Nemeskéri 1970; Angel 1969; Bocquet/ Masset 1977; Drenhaus 1977; Grupe et al. 2005. 238 W ittwer-Backofen 1987, 3. 239 Czarnetzki 1995, 95; vgl. auch Kokkotidis 1999. 240 Flügel et al. 1986, 15. 241 Herrmann et al. 1990, 310. 242 Bocquet-Appel 2008; Chamberlain 2006. 243 Für die Rohdaten vgl. Abb. 33. 244 Flügel et al. 1986, 14. Geschlechtsverteilung Er wachsene weiblich und eher weiblich männlich und eher männlich indet. weiblich und eher weiblich männlich und eher männlich indet. Geschlechtsverteilung Gesamt b Geschlechtsverteilung Er wachsene weiblich und eher weiblich männlich und eher männlich indet. weiblich und eher weiblich männlich und eher männlich indet. Geschlechtsverteilung Gesamt a 63 1 Anthropologische Untersuchungen IV_021210.indd 63 12/6/10 3:10 PM Populat ion n u r ger ing f üg ig. Das deut lich vo m pr i mä re n V erhä ltn is abweic hende se- k und är e Ge sc hle cht e r verhä ltn is de r L ebe nd- geborenen w ird du rc h d ie grös ser e nachge - b u r t l ic he S ter bl ic h keit m ä n n l ic he r I nd iv idu - en weiter z u Gun sten des weiblic hen Po pu la - t ionsa n tei ls ver ä nder t. D ieses G esc h lec h ter - v er h äl tnis wird al s t erti äre Se xualr el a ti o n b e- ze ichnet u nd wa ndelt si ch von A lt e rsg r uppe z u A lt er sg r uppe. E s b et räg t b ei re ze n ten Po - pu lationen i m m i t t lere n L ebe ns a l ter et wa 1 :1. 245 Na ch n eueren U n tersu ch ung en en t - sprec hen re ze n te M I-W er te v on 1 03 bis 1 13 einem Gesch l ech terver hältnis inner halb der « nor ma len» V ar iabi l ität. 246 W e r te u nter 10 0 u nd da m i t g röss ere Fr auena n tei le an de r G e- sa mtbevölker u ng si nd f ü r höh er e L ebe ns - alt er k ennzeichn end. 247 De r f ü r d as Gräb er fe ld v on Ba a r -Fr üe - be rgst ra sse e r rec h nete Za h lenw er t v on 1 1 6,5 w eist a uf ein en l ei ch ten Män n er übersch uss h in. S ol c he Ü be rs chüss e oder Fr au e ndefi z it e kö n nen auf Gr äber fe lder n des Fr ü h m ittel- a l ter s häu fi g festg estel lt werden. 248 Fü r lä ndl i- che B evö l ker u ngen u r - und f r ü hgesch ichtl i- c he r E p oc he n sc he i ne n hohe Ma sk u l i n it ät s- i ndi ze s und d am it Mä nne r üb er schüs se a ls dur chweg t y pis ch z u gelt en. S o si nd a uc h f ü r merow inger zeit liche B estat t u ngsplätz e häu- fi g I ndi ze s v on deut l ich meh r a ls 1 0 0 e r rec h- net w orden. B ei e i ner Gegenübe rstel lung m it den Za hlen w er t en and erer z ei tgl ei cher Grä- be r felder des südde u t sc hen und sc hw ei z e- rischen Raums lie g en die jeni gen v on Baa r - Fr üeb ergst ra sse i m m itt ler en B ere ich der V a - ria t i ons brei te d er V er glei chsda ten . Ab bil- dun g 35 zeig t d ie V a r iat io nsbre it e des M I au f ze i tgleic hen Gräbe r felder n des südde utsc hen R aums . Die M I-W e r te liegen z w is chen de n E xt r emen 72,0 u nd 1 4 7 , 4. I n ur - u nd f r ü hgesc h ich t l ichen B evö l k e - r u ngen muss au fg r u nd der Ü ber sterbl ich kei t j ü ng erer Fra u en bez i eh ungsw eise d er bel eg - ba r n ied r igeren L eb en ser wa r t u ng der Fr auen i n der er wach se nen L ebe ndbevölker u ng i n der Re g el mi t einem Män n er übersch uss g e- re ch net werden 249 , der sich i n der z ugehör i- g en T o t eng emeinschaft jed och w ei tg eh end a usgl ei chen soll t e , da er kein en Einf l uss n im mt a u f d ie g r u ndsät z liche G esc h lechter - v er teil ung inner halb der Be vö lk er ung 250 . Wä hr end entsprec hend Abb. 35 a u f ei n igen fr ü hm i ttelal t erli chen Grä ber f eld er n m ehr Mä n ner a ls Frauen b ee rd ig t w u rde n, ist im Gr äberfel d Baar -Früeber gstrasse der W ert f ür den Ma sk u li n itätsinde x m i t 1 1 6,5 ( be z ie- hungs weis e 1 13 , 5 unter E inb e zie hung der Subadulten) zw a r g e rade ausse rhalb de r Ba nd- b reite der nat ürl ichen V a r iabi l i t ä t von 1 03 bis 1 1 3, sti m m t ab er m it den biol og is chen Reg u lationsmec ha n ismen des G es ch lec ht er- a u f baus ein ig ermassen überein. Er sp r i ch t im Ga n ze n f ü r e i ne biolog is c h ge wa c hs e ne B e - vö l ker u ng, i n der M ä nner u nd Frauen i n ei- n em w ei tg eh end a usg ew o g enen V er hältnis lebten u nd in der kei ne ausse rordentl ichen e x ogenen Fak toren w ie et w a K r iege oder M i- g rationsphä nom e ne erk en nba r si nd, die zu Fundort Autor Männer (n) Frauen (n) Erwachsene (n) MI Neresheim (D) Hahn 1993 67 93 160 72,0 Eichstetten (D) Hollack/Kunter 2001 93 104 197 89,4 Balzers, Runder Büchel (FL) Bill/Etter 1981 34 38 72 89,5 Berslingen SH Kaufmann/Xirotiris 1991 59 65 124 90,8 Munzingen (D) Burger-Heinrich 2001 108 110 218 98,2 Ried FR, Mühlehölzli Kaufmann 1983 31 31 62 100,0 Basel BS, Bernerring Bay 1976 20 18 38 111,1 Donzdorf (D) Abels et al. 1972 21 19 40 110,5 Weingarten (D) Huber 1967 259 225 484 115,1 Sontheim a. d. Brenz (D) Creel 1966 34 31 65 109,7 Baar ZG, Früebergstrasse 92 79 171 116,5 Oberndorf-Beffendorf (D) Bauer 1986 88 72 160 122,2 Stetten a. d. Donau (D) Konieczka/Kunter 1999 99 79 178 125,3 Schiers GR Kaufmann 1975 38 31 69 122,6 Köniz BE, Buchsi Ulrich-Bochsler/Meyer-Hofmann 1990 25 19 44 131,6 Elgg ZH, Ettenbühl Langenegger 1994 70 51 121 137,3 Bonaduz GR Brunner 1972 269 190 459 141,6 Güttingen TG Kaufmann 1989 17 12 29 141,7 Nusplingen (D) Eble 1955 70 49 119 142,9 Fridingen (D) Muth 1987 162 110 272 147,3 Oberwil b. Büren BE Ulrich-Bochsler et al. 1985 28 19 47 147,4 Ab b. 3 5 Über sicht über die M as kulin it äts- indiz es ( MI ) ei niger frü hmittelalt erli cher Gr äber felder des s üd- deutschen und schwe i - z erischen Raums. 0 5 10 15 20 25 0–9 10–19 20–29 30–39 40–49 50–59 60–69 70–x Alter (Jahre) Alter (Jahre) Alter (Jahre) Individuen Prozent Anzahl 0–19 5 000 10 000 15 000 20 000 25 000 30 000 35 000 40 000 20–39 40–64 65–79 80–x Ab b. 3 6 T yp is che Kur ve der St erbehäu fi g- keit en i n vori ndustrie l- len Pop ulationen (n ach Herr mann 1 98 7 , 5 9 , A b b . 1) . 64 IV. Generationen IV_021210.indd 64 12/6/10 3:10 PM (Abb . 3 7) . Fü r 1 8 Ind iv iduen, dere n G e - sc h lec h t sich n icht er m ittel n l ies s, k on n ten le d igl ic h g rob e K las si fi z ier u ngen i m Sin ne der A lt er sst u fe n vo n Ma r t i n 252 b e z ie hu ng s - weise e i ne E in st u f u ng a ls e r w ach se n vo rge- nommen werde n ; sie w u rden f ü r d ie nach- stehende U n ter suc hung ausgesch ie den. D ie Be re c h nung de r Sterb ek u r ve ba sier t s om it a u f 92 Män ner n, 86 Frauen u nd 1 2 gesc h lec htl ich n icht best i m mba re n I ndiv iduen. Die V er tei- lung de r Sterb e häu fi g keit en i n abs olu ten u nd rel ativen W e r ten geht aus Abb. 3 7 her vo r . einer deu t lich ungl ei chg ewi ch tig en Z usam- m ensetz ung d er Bev ö lk er ung beig etra g en h ät te n . Sucht man n ach de r Ursac he der G e - sc h lec ht er verhä ltn i sse au f e ine m Gräbe r feld, so si nd au c h d ie Sterblich keiten der Mädc hen u nd J u ngen von bes onderem I nteress e. I m vo rl ieg enden Gr äbe r fe ld v on Ba a r -Fr üebe rg- st ra sse üb e r w iegen unter den K lei n k i nder n ( I n fa n s I ) d ie Mädchen m it ei nem doppe lt so ho hen A nteil de utl ic h ( vgl. A bb. 3 3 ) ; sc hon i n der näc hsten A ltersst u fe I n fa n s I I si nd al- lerd i ngs meh r a l s doppe lt so v iele Jungen b e - erd ig t worden, sod as s d ie Ge sc h lec ht er re lati- on in nerha lb de r A lters st u fe I n fa n s i nsgesa mt ausg egl ic hen ist. G e sa mth a f t i st der A nt ei l a n gesch lec h t sbest i m mba re n Subadu lt en m it 6,8 % i m Gräb e r feld Ba a r -Fr üebe rgst r ass e je- doc h so k lei n, da ss aus de n vor l iegenden Z a h len kei ne si c here n Aussagen i n B e z ug auf ei ne gesch le chtssp e z i fi sc he St er blich keit der K inde r getrof fe n werden können . 1.4.2 Altersverteilung und Sterblichkeitsstruktur Die Alt ersv er teil ung en zahlreich er G rä berfel- der de r vori ndust r ie l len Z eit zeigen e i ne a u f- fallen de Ü berei nstimmung d er S t erbehä ufi g - k ei t en. N a ch einer h oh en St erb lichk ei t im K i nd es a lter si n k t d ie Z a h l de r S te rb e f ä l le ra sc h ab u nd er r eicht in de r juveni le n A lters - g r uppe i h re n Tie fst st a nd. I m E r w ach se nen- a lt er neh men d ie St er be fä l le ma rk a nt zu u nd er reiche n meist i n der f r ü h- ode r spät mat u- ren A ltersk la sse i h r en Höhepu n kt . Fü r d ie h öh eren A l t ersklassen i st m eist ein r asche s Abs in k en d er S ter befäl le zu ver zei ch n en (Abb . 36) . D ie Z a h l de r V er storbe nen ei nes Fr ied hofs k u mu l ier t z u e i ner Sterb ek u r ve, de- ren C ha r a kte r ist i k f ü r B evölker u ngen auf vor - i ndust r iel lem Niveau i m mer ä h n l ich ist . 251 V on den in sgesa mt 20 8 i m Gräb er feld vo n Ba a r - Fr üeb e rgst r ass e Be st atteten konnte be i 1 90 gesc h lec htsbest i m mba ren I nd iv idu- en das S t erbeal t er mi t ein er K lassen b rei t e vo n ma x i ma l 1 0 Jah r en a ngegeben werde n Altersintervall (Jahre) Gesamtstichprobe männlich und eher männlich weiblich und eher weiblich geschlechtlich nicht bestimmbare Individuen n % n % n % n % 0–9 21,5 11,3 6 3,2 9 4,7 6,5 3,4 10–19 8,5 4,5 3 2,1 1 0,5 4,5 2,4 20–29 15 7,9 8 1,6 7 3,7 –– –– 30–39 38,5 20 21 4,2 17,5 9,2 –– –– 40–49 43,5 22,9 21 11,1 21,5 11,3 1 0,5 50–59 40 21,1 20 10,6 20 10,6 –– –– 60–69 21 11,1 13 6,8 8 4,2 –– –– 70–x 2 1,1 –– –– 2 1,1 –– –– Total 190 100,0 92 48,4 86 45,3 12 6,3 Ab b. 3 7 B aar - Früeb ergst rasse . V er tei- lung der a bsolut en und relativ en St erb ehäu fi g- keit en auf Dezennien für die Individuen mit einem genauen St erb e- alter (n = 1 90) . 245 Flügel et al. 1986, 15. 246 Kemkes-Grottenthaler 1997, 270. 247 Flügel et al. 1986, 15. 248 Kokkotidis 1999, 165; Konieczka/Kunter 1999, 239. 249 Ulrich-Bochsler et al. 1985, 84. 250 Herrmann et al. 1990, 310–313. 251 Herrmann 1987, 59. 252 Martin/Saller 1957–66. Ab b. 3 8 B aar - Fr üe bergst rasse. a) Pro z entuale V er tei- lung der St erbehä ufi g- keit en alt ersbestimmter Indiv iduen a us dem Gräber feld. Dem geg en- über gest ellt in Dia- gramm b die Sterbe- häuf igkeit nach A lters- klassen in der Schweiz 2 0 0 7. 0 5 10 15 20 25 0–9 10–19 20–29 30–39 40–49 50–59 60–69 70–x Alter (Jahre) Alter (Jahre) Alter (Jahre) Individuen Prozent Anzahl 0–19 5 000 10 000 15 000 20 000 25 000 30 000 35 000 40 000 20–39 40–64 65–79 80–x b a 65 1 Anthropologische Untersuchungen IV_021210.indd 65 12/6/10 3:10 PM Die A lt er sver tei lung de r i n B aa r be stat te - t en In d ivid u en zei g t einig e Bes on der h ei t en , d ie zu m ei nen m it dem u nbe f r ied igenden E r - ha lt u ngsz u st a nd der Skelette u nd der d a m it v erbund en en U ns ich er h ei t einig er Al tersdia - g nose n z us a m men h ä ngen können, z u m a n- dere n ab er a ls Ausd r uc k mögl icher de mog ra - p hischer Eig enhei t en der damalig en Bev ö l - ker u ng von Baa r z u we r ten si nd . I n ne rh a lb der St ichprobe von Baa r -Fr üebe rgst r as se ze ig t d ie V er tei lung de r Sterb ef ä l le auf d ie e i n ze l - nen L eb en sjah r ze h nt e a nge nä her t den V e r - lauf de r Häu fig keiten, der f ü r Be vö l ker u ngen auf vor i ndust r ie l lem Niveau a ls c ha r a k ter i s - t is ch gelten da r f ( vgl. A bb. 3 6 ) . D e ut l ic he A b - w eich ung en v o n di eser ty pi schen V erteil ung be stehen be i de n K i nder n u nd Jug end l ichen u nt er 2 0 Ja h re n (Abb . 38 ) . I m V erg leic h z u m er sten D e ze n n ium m it 1 1 , 3 % n i m mt im V er- lauf de s z weiten J a h rz eh nts d ie Z a h l de r T o - desfä lle u m meh r a ls d ie Hä l f te (4,5% ) ab. A l s Folg e des K i nderde f i z its er sc hei nt d ie Sterblic h keit der K i nder de ut l ich z u ger i n g, wä h re nd sie f ü r d ie juven i le und d ie adulten A l t ersklassen n äher ungsw eise d em V er la uf der Ku r ve in A bb. 36 e nt s p r ic ht . I m f r ü h e n Adu ltst ad iu m (2 0 – 29- jäh r ig) i st d ie Sterbe - rate mit 7 , 9 % geg enübe r der juven i len A lters - st u fe e r wa r t u n gsgemäss e t wa s erhöh t, z eig t je do c h d ie n ie d r ig ste n W e r te de s ge s a mte n Er wachsen enalt ers. Ab dem vierten Jahr - ze h n t n i m mt die Sterblic h kei t ra sc h au f 2 0 % z u, u m f ü r d ie be iden folg e nden D e ze n n ien auf e i nem na he z u g leichbleibe nden Niveau z u verha r r en. D e r Höh epu n k t de r Mor ta lität fä l lt mit 22 , 9 % i n s f ü n f te Jah r zeh n t. Ab e r auch i m se c hsten D e ze n n ium i st m it 2 1 , 1% ei ne überdu rc h schni tt li ch h o he St er beziffe r z u verz eich ne n, und auf d a s siebte De ze n n i- um en t fallen immer hi n n och 1 1 , 1% . Z wei I ndiv iduen, die Frauen aus de n Gräb er n 8 7 u nd 1 8 0 (1 , 1%), h abe n soga r d a s achte J a hr - zeh n t er reic h t. D er a r t hohe A n tei le a n ä lt e - ren u nd alten Mens c hen fi nden sich i n f r ü h- mi t tel alt erli chen Gräberfel dern, a ber a uch in solchen des Ho ch- u nd Spä t m itte la lters nur sel ten , k ommen aber g ele g en t l i ch v or . A l s Be i spiel da f ü r ka n n da s Gräb er feld vo n K a l l nac h BE a ngef ü h r t we rden. 253 I m Gräbe r fe ld v on Stette n ( D ) a n de r Donau 254 w ies en 1 6,8 % de r gesa m ten Skelet t p opu lat i - on ei n A l ter von m eh r a ls 6 0 Jah r en au f, in Gütt i n gen TG b et räg t der e ntsprec hende A n - tei l et wa 13 % . 255 Ein e ähnl i ch e C har akt eris - t i k ze ig t auch da s Gräb er feld vo m Ru nden Büchel i n B a l z er s ( F L) mit 2 0,5 % . 256 I n Mu n - zin g en (D) 257 si nd hi ngegen nur 0,8 % de r B e - stat teten ä lt er a ls 6 0 Jah re gew orden, u nd im fr üh mitt elal ter lich en Elgg Z H 258 be t r ug der A nteil de r übe r 6 0 -Jä h r igen 3, 2 % . Dies e Ster - be z i f fer n habe n of fenba r auch f ü r d ie nach - fo lgenden Ja h rh u nder te ih r e Gü ltig keit be - ha lten . E t te r 259 er wä h nt in d ies em Zu sa m - men ha ng e i n Z itat des Papstes In nozen z I I I . aus dem 12 . J h. : « W e n ige er r eic hen jet z t 6 0, ga n z wen ige 70 J a h re» . Die Hauptster blich - kei t fiel d a ma l s i n der Regel in d a s f ü n f te ode r se ch ste L ebe nsja h rze h nt, um i m siebten De z en n iu m ra sc h gegen Nul l h i n abz u f a l len. V on Interess e sind h ierb e i neuere Un ter - su ch ungen , in den en ein e sys tem a tische Ü ber pr üf ung d er k on ven t i on ellen M et h oden der A lt er sb est im mung vorgenommen w u r - den. 260 H ier be i gela ng d ie Feststel lu ng, d a ss vo r a l lem d ie über 50 -Jä h r igen, a l so Skelet te ab der spät mat u r en A ltersst u fe, tenden z ie l l i n i h rem A lter unters ch ätz t werde n. S o konn- t e f ür das fr üh mi t tel a l ter l i che Grä b erfel d vo n W en ig u m st adt (D ) e i n A n steigen des W er tes der üb er 6 0 -Jä h r igen von 3,2 % n ach ko nven t ion el ler Me t hode au f 1 9 ,4 % nac h h i s tolog i s c he r Me t ho de ( O ste o ne n z ä h lu ng ) be obac ht e t werden . 261 I n der G egenwa r t, h ie r a m B ei spiel de r Sc hwei z f ü r da s Ja h r 2 0 07 , zeig t d ie Sterblic h- keit e i ne na he z u vol l s t ä nd i ge Um keh r u ng der f r ü here n V e rhä ltn i sse : D ie Mort a l itätsrate junger Me ns chen bi s z u m 2 0. A lt er sjah r i st seh r nie d r ig , jene der S äugl i nge lieg t heute be i et wa 4, 5 ‰ ; d ie Hauptsterbl ich keit en t fä l lt jet z t auf d ie üb er 8 0 - Jäh r igen (Abb . 39) . 262 D ie n ac h G e s c h le c hter n get r e n nte Un - ter suc hung de s Gräbe r fe lds von Baa r - Fr üe - bergs trasse zei g t fü r die erst en sechs Dezen - nien eine ä hn lich e V erteilung der S ter behä u - fig kei ten f ü r M ä n ner u nd Frauen (Abb. 40 ) . K enn zeichn en d sin d niedr ig e St erbera ten bei den jung en Er wachsen en und deu t lich er - hö ht e Sterbe z if fer n ab dem 3 0. A ltersjah r. M it 1 1 , 1% ver sta rb ei n b et räc h t l icher A nt e i l a n Mä n ner n be re its im A lter z w i sc hen 30 u nd 40 Ja h re n. I n den d r ei folg ende n De z en- nien bl eiben di e S t erbez if fern etwa gl ei ch hoch . Auch f ü r d ie Frauen sind d ie A nteile ab dem 3 0. bis z u m 60. A ltersjah r m a rka nt er - hö ht, w ob e i d ie Hauptsterblic h keit mit 1 1 , 3 % jedoc h i n s f ü n f te Jah r ze h nt fäl lt, abe r auch f ü r da s se c hste De z en n iu m üb er ra sc hend hoch bleibt. F ü r d as siebte J a h rz eh nt erg ibt sich ei n de utl ic hes Ü be r w iegen der Mä n ner: 1 3 Mä n ner ( 6, 8 % ), je doc h nu r 8 Frauen (4,2 % ) sind i n d ies em L ebe n sabs c h n itt ve rstorb en . 66 IV. Generationen IV_021210.indd 66 12/6/10 3:10 PM ner a ls auch Frauen e in f ü r f r ü h m ittela lterli- che V er hältnisse ho h es S t erbealt er er rei ch t. Ursac hen hie rf ü r k ön n ten i n den L eb en su m- stä nden l iegen, et wa e iner g ut en E r n ä hr un g bei gl eichzei tig g eri ng er Arbei tsbelas t ung . 1.4.3 Kindersterblichkeit Auf fä l l ig ist de r g e r i nge Anteil a n K inder n u nd J ugendl ichen i m Gräb er fe ld v on Ba a r - Fr üeb ergst ra sse. V on den i nsgesa m t 2 0 8 I n - d iv iduen, die b estat tet w u rde n, verst a rbe n led ig lic h 30 vor dem E r re ichen des 2 0. L e - be nsjah re s u nd n u r 22 vor dem 1 0. L ebe ns - jah r . D ies entspr icht A n tei len von 1 4, 4 % b e- Das ac h te Jah rz eh nt haben h i ngeg e n aus - schliess lich F ra uen errei ch t. Die wei tg eh end glei chfö r mig e S ter bever - tei lung m it einem hohen A nt ei l a n üb er 50 - j ä h r igen Mä nne r n u nd Fra uen stel lt ei ne Ab - weichun g v on der r egelm ässig b eob acht ete n T ats ache da r , d ass d ie Hauptsterbl ich k e i t de r Mä n ner i m gan z en M itte la l ter u nd bis weit i n die Ne u ze i t h i nein i n e inem A l ter sber eich lag, de r ge genüber de n Frauen u m et wa ei ne St u fe nach ob en ver sc hobe n wa r . 263 D i e häu - fig f est ge st ellt e Ü berster bli chkei t j ü ng erer Frauen i m gebär fä h igen A lter ist i n Ba a r - Fr üeb e rgst ra ss e n icht zu v er mer ken – al l en - fa l ls f ü r d ie K lasse de r 4 0 – 49- Jä h r i ge n . 264 D ie g er ing e S ter behä u figk ei t fr ü ha dul t er (20 –29- jäh r iger) Fra ue n lässt d ie V e r mu t u ng z u, d ass in dies em Alt ersberei ch Schw angersch a fts- u nd Gebu r t skom pli k ation e n keine g röss ere Ro l le spiel ten, sonder n d as s d iese eher ä ltere Mü t ter b et ra fe n, die sc hon meh rf ach gebo - ren h a t ten. E r wä h nu n g ve rd ie nt d a s V orkom me n z weier Frauen, d ie mi ndestens 70 J a h re a lt gew orden si nd, möglic her weis e soga r ä lt er ( Gräbe r 8 7 und 1 8 0 ). Da r in könnt e d ie heut e a ll g e mei n hö here L eb en se r wa r t ung de r Frau - en, d ie aufg r und i hr er c hromosoma len A nla - ge g enet is ch b ed i ng t i st, wenigsten s i m A n - sat z zu m Aus dr uck kommen. 265 Ges am thaft be t rachtet habe n abe r in B aa r s ow ohl Mä n - 0 5 10 15 20 25 0 5 10 15 20 25 0 – 19 20 – 39 40 – 64 65 – 79 80 – x Alter (in Jahren) Anzahl (in T ausend) Männer Frauen Anzahl (in T ausend) A b b . 39 V er teilung der St erb efälle in d er Schweiz im Jahr 200 7 . A b b. 40 B a a r- Fr üeb ergstrasse. Sterb e - fälle der Frauen u nd Männer im Gräber feld. 0 5 10 15 20 25 0–9 10–19 20–29 30–39 40–49 50–59 60–69 70–x 0 5 10 15 20 25 Männer Frauen Anzahl Anzahl Alter (in Jahren) 253 Ulrich-Bochsler 2006, 123, Abb. 148. 254 Konieczka/Kunter 1999, 273. 255 Kaufmann 1989, 9. 256 Bill/Etter 1981, 63. 257 Burger-Heinrich 2001, 354. 258 Langenegger 1994, 180. 259 Etter 1982, 187. 260 Bindl 2008; Falys et al. 2006; Obertová/Francken 2009; Schmitt/Murail 2004. 261 Grupe/Beilner 2002, bes. 147; Cipriano-Bechtle et al. 1996. 262 Bundesamt für Statistik 2009. 263 Bach/Simon 1978, 18. 264 Ulrich-Bochsler et al. 1985, 84. Eine ähnlich gerin- ge Sterblichkeit jungadulter Frauen bestand auch im frühmittelalterlichen Gräberfeld von Balzers, Runder Büchel (Bill/Etter 1981, 63). 265 Bach/Simon 1978, 12. 67 1 Anthropologische Untersuchungen IV_021210.indd 67 12/6/10 3:10 PM z iehungs wei se 1 0,6 % der gesa m ten Skelet t - popu lat ion. Säugl i nge und K lei n k i nder bi s z u ei nem A lt e r vo n 5 Ja h ren si nd nur du rc h 1 4 I ndiv iduen (6,7%) ver t re ten. Neugebore - ne und K lei nst k i nder i m A lt e r z w i sc hen 0 u nd 3 Mo naten feh len gä n z l ic h. Für fr üh mi t tel alt er l i che Grä ber fel der sind n ied r ige K i ndera nteile gerade z u c ha ra k - teristisc h ( Abb . 4 1 ). 266 Der A n t ei l su ba dul ter I ndiv iduen lieg t au f de n meisten Gr äbe r fel - der n z w i sc hen 1 3 % u nd 30 % . Selten si nd Gräbe r felder m it ei nem A n tei l von 40 % u nd me h r. 267 N ie d r ige K i nd er z a h le n si nd je do c h be i W eit e m häu figer z u b eobac ht e n. Gr u nd - sä t zlich s chein t d er überw ie gen de T eil aller un t ersu ch t en ur - un d fr ü hg es chich t li che n Nek rop olen ei n De fi z it an K i nder n u nd Ju - g endlich en a ufz uw eisen. 268 Ursac hen u nd Gr ü nde des sogena n nt en K le in k i nderde fi z its si nd schon meh r fac h d is - k utier t worden 269 , we sh a l b sie a n d ie s e r Ste l le nur k u rz r ek api t u l ier t werde n solle n : – R as che V e r w itter u ng de r ze rbre ch l ichen K i nder skelet te a ls Folg e i h re r ger i ngere n K no c he nd ic hte ; a b e r : Z ä h ne u nd Z a h n - k ronen sol lt e n sich erha lten. – K i nder g räb e r sind ger i nger e in getief t a l s die Be sta t t ung en Er wachs ener; K i n der - g räb er si nd da her of t i n nerha lb des P flug hor i z onts a n z ut r ef fe n u nd du r c h la ndw i r t s c h a f t l ic he N ut z u n g m ög l ic he r - w eise zu ein em beträch tlich en Ant eil ze r s tör t. – K i nder w u rden mögl icher wei se i n ge - sonder ten B er eichen b est attet ; der a r t ige Sondera rea le m it ei ner ho hen D ichte an K indern in ein em G räberfel dabschni t t sind aus de r Sc hweiz bi sher nur aus Nie - der wa ngen BE b ek a n nt g eworden. 270 Neue re B ef u nde, w ie et w a aus den f r ü h- mi t tel a l t erli chen S i ed lung en vo n Schlei t - he i m S H 271 , L auc h he i m ( D ) 272 o der i n Su r s ee LU , Mü l i hof 273 deuten d a rau f h i n, da ss z u m i ndest ei n T e i l der K lei n- u nd K le i nst k i nder bis z u e i nem A lter vo n et - wa 3 Jah r en i n nerha lb der Sie d lungen ode r G ehöf te u nd da m it nicht auf dem Fr ied hof be igeset z t worden ist. – Aufg r u nd i h rer s ozi a len Stellu ng w u r - den K i nder n icht zu sa m me n m i t de n E r - wach se nen be e rd ig t. I m Gräbe r fe ld v on Ba a r - Fr üeb er gst ra ss e si nd led ig lic h d rei K i nder m it ei nem Sterb ea lt e r u n ter 3 Ja h re n z u verz eich ne n; d ie Gr uppe der 3 – 6 - Jäh r igen i st h in geg en b er eits du rc h elf Indi v id uen r epräsen t iert. I m zeitgleichen Fr ie d hof v on Aesch BL , Z ielac her feh len d ie 0 – 3 -jä hr igen K i nder vo l lst ä nd ig, w ä h re nd die 3 – 6 -jäh r igen du rc h v ier Gräb er ve r t re ten sind. E i ne Zu na h me der B est att u ngen von K i nder n de r A ltersk la s - se I n fa n s I b ( 3 – 6 J a h re ) geg enübe r der K la ss e Infan s Ia ( 0 – 3 Ja hr e) sc hei nt a uc h auf de n Gr äberfel dern v on Bers li ng en S H 274 u nd Ste t - ten a. d. D onau ( D ) 275 feststel lba r z u s ei n. D ie Be f u nde aus den gena n nt e n Gräbe r fe lder n verleit e n z u r V er mu t u ng , da ss au f merow i n- g erzei tl i chen Grä ber fel dern K ind er erst ab ei nem Sterb e a lt er von et wa 2 ,5 –3 Ja h re n i n ver meh r tem Ma sse e i ne Best att u ng au f dem regu lären G räberfel d er hal ten haben . I n za h l r eichen h i stori sc hen Q uel len de s 1 7 . u nd 1 8 . J h. si nd K i nder sterbl ich keit en vo n 50 % u nd mehr z we ife lsf r ei b eleg t . 276 Da - be i mac h ten d ie S äugli nge i n der Regel et wa d ie Hä l f te der G es a mtz a h l a n ve rstorb enen K i nd e r n au s . 277 No c h z u Beg i n n des 2 0. J h. ist i n Eu ropa e i ne Säugl i ngssterbl ich keit v on 22 , 5 % b e le g t. 278 Zum V ergl eich sei erwäh n t, da ss d ie S äugli ngs sterblic h kei t i m heutigen Eu ropa du rc hs ch n it t l ich noc h 4,5‰ be - t räg t . 279 Zwar könnt e au fg r u nd g ü n st iger L e - bensbeding u ng en un d eine s h ochst ehen den Fürsorg ev erh a l t ens bei fr ü hm i t t elalt er lich en Bev ö lkeru ng en das S t erber isik o g eringer g e - wesen sein, 280 da du rc h ei ne i nt en sivere Zu - w end ung, ein e g ünstig ere Ernäh r u ngs weise w ie ei ne lä ngere L a kt at ionspe r iode i n folg e g röss er er G ebu r tenabst ä nde sow ie du rch e i - n e g er ing ere Infektio ns gefährdung die Über - lebe nsc ha nce f ü r K lei n k i nder steig t. Da s Feh len von Säugl i ngen u nd K lei n st k i nder n auf Gräb e r felder n des Fr ü h m it tela lters d a r f jedoc h n icht zu r g r u nds ätz l ic hen A n na h me verlei ten, d ass d ie da ma l ige K i nderster blich - k ei t er he bli ch g er ing er einz uschä tzen wäre a ls bisla ng a ngeno m men 281 u nd da ss d ie fest- Lokalität Autor Infans I Infans 2 Juvenil Σ Weingarten (D) Huber 1967 6,0 5,5 6,3 17,8 Stetten a. d. Donau (D) Konieczka/Kunter 1999 15,8 4,6 5,0 25,4 Munzingen (D) Burger-Heinrich 2002 3,1 5,1 6,8 15,0 Elgg ZH, Ettenbühl Langenegger 1994 7,4 3,7 4,8 15,9 Güttingen TG Kaufmann 1989 7,5 12,5 — 20,0 Balzers, Runder Büchel (FL) Bill/Etter 1981 3,8 7,7 5,1 16,6 Berslingen SH Kaufmann 1991 21,1 10,5 4,3 35,9 Schiers GR Kaufmann 1975 10,1 4,2 3,4 17,7 Bonaduz GR Brunner 1972 4,1 5,5 5,5 15,1 Zürich ZH, Münsterhof Etter 1982 30,5 12,0 3,6 46,1 Baar ZG, Früebergstrasse 6,7 5,3 3,8 15,8 A b b . 41 V er gleic h der Kind ersterblichkeit in fr ühmittelalt er lichen Gr äber feldern des süd - de utsc h -schwe iz er isch en Raums, b asier end a uf den nachge wiesenen Indivi duen, in Pro zent - wer ten. 68 IV. Generationen IV_021210.indd 68 12/6/10 3:10 PM ma ngels, sogena n n te Meh lnä h rs chäde n, k ön - n en d urch F ehl en es sen ti eller Am ino sä uren u nd Vi ta m ine z u Brec hdurc hf al l ( D ysp epsie) u nd da mit zu M angel sch äden ode r soga r z um T ode f ü hr en. Die steigende Z ah l a n Be - stat t u ng en von K i nder n, die i m A lt er von übe r 3 J a hr en ver sto rbe n sind, könnt e a lso v iel fä l t ige U r sac hen habe n, die n ich t nur i n de r s ch le c hten E rha lt u n g b e z iehu n gs wei se Auf f i ndbarkei t der Gräb er z u suchen s ei n dü r f te n. 1.4.4 Lebenserwartung Um der Ungenauigkeit der Altersbestimmung Rechnung zu tragen, werden in der Paläo - demographie Sterbetafeln mit Klassengrössen von 10 Jahren, sogenannte abgekürzte Ster - betafeln, verwendet. Die unkorrigierten Werte g es tell ten K ind erzahlen die ta tsächlich en V er - hä l t ni sse w ider spieg el n w ü rden. D ie ger inge A n za h l von K inderb est a t t u ngen auf f r ü h - mi ttelal t er li chen G räberfel der n kan n mi t g u - ten Gr ü nden a ls vom Mensc hen ver u r sach - tes K i nderdefi z it anges ehen werden. I m Gräbe rfe ld v on Baa r -Fr üeb ergst r asse ist d ie St erb erate f ü r Säugl inge u nd K inder u n ter 1 0 Ja hre n m i t n u r 1 0,6 % u nd f ür K i n- der u nd Hera nwach sende m i t 1 4, 4 % a u f ei - nem be merk en swer t n ied r ig en Niveau. B eide A lt er sk las sen si nd in der B evö l k er u ngs stich - probe von Baa r i n erheblichem Ma sse u nt er - rep räsen t i ert. Ein K l eink i n d erd ef izi t kann da her i n n erha lb der vorlieg enden St ichprobe a ls gesicher t a ngenommen werde n. Dabei i st vo r a lle m jene G r uppe, d ie üb l i c h er we ise d ie h öchst en St erbera t en zu v erzei ch n en h a t , di e der S äu gl i nge und K lei nst k i nder bis z u ei - nem A lt er von 3 J a hr en, mit nur f ü n f Ind iv i- duen (2 , 4 % ) in b esondere m Mas se u n ter ver - tret en. N eu g ebo ren e fehl en v ollstän dig, Säugl i ng e bis z u ei nem Jah r si n d nur du rch ei n ei n ziges K i nd be legt ( Grab 1 50 ). V om 3. L ebe nsjah r a n zeic hnet sich e ine Zu na h - me der Be statt u ngen ab . Bis z u d iesem A lter ka n n da s Sti l len a ls E r näh r u ngsg r u ndlage a ngeno m men werden. D er A nst ieg der T o - desfä l le k önnt e m i t der Umstel l u ng der E r - nä h r u ng auf E r wac hse nenkost verb unde n se in. E r nä h r u ngsstör u ngen i nfolge Protei n - 266 Burger-Heinrich 2001, 355; Kaufmann 1989, 9; Langenegger 1994, 180; vgl. auch Kölbl 2004. 267 Lohrke 2004, 48. 268 Kölbl 2004; W ahl 1994, 86–88. 269 Ulrich-Bochsler 1997, 93–104; Lohrke 2004, 38–40. 270 Ulrich-Bochsler/Rüttimann 2005. 271 Hotz 2002, 335. 272 W ahl et al. 1997, 340; Lohrke 1999, 51. 273 Cueni 2004b. 274 Kaufmann/Xirotiris 1991, 245–248. 275 Konieczka/Kunter 1999. 276 Bucher 1974, 78 ff.; Schelbert 1989, 171 ff.; Mathieu 1987, 148–150. 277 Auch anthropo logische Befunde verdeutlichen diesen Sachverhalt. Im Friedhof von Nänikon ZH, Bühl betrug der Anteil der Nichterwachsenen 64%. Davon sind 43,8% bis zum Ende des ersten Lebensjahres ver- storben (Langenegger 1995, 24). Die Hälfte der Neuge- borenen verstarb gewöhnlich am ersten Lebenstag (Bucher 1974, 81). 278 Meyers Grosses T aschenlexikon, Ausgabe 1992. 279 Pschyrembel 2002, 1474. 280 Czarnetzki 1995, 90–99. 281 Stloukal 1990, 229; Ulrich-Bochsler 1997, 99 f. LJ A D x d x l x q x L x T x e x0 0–9 10 22,5 118,4 1000,0 118,4 9408,0 39529,0 39,5 10–19 10 10,5 55,3 881,6 62,7 8539,5 30121,0 34,2 20–29 10 15,0 78,9 826,3 95,5 7868,5 21581,5 26,4 30–39 10 38,5 202,6 747,4 271,1 6461,0 13713,0 18,3 40–49 10 42,5 223,7 544,8 410,6 4329,5 7252,0 13,3 50–59 10 38,0 200,0 321,1 622,9 2211,0 2922,5 9,1 60–69 10 21,0 110,5 121,1 912,5 658,5 711,5 5,9 70–x 2,0 10,5 10,6 995,6 53,0 53,0 5,0 A D x d x l x q x L x T x e x0 10 92,5 313,6 1000,0 313,6 8432,0 28425,0 28,4 10 45,5 154,2 686,4 224,7 6093,0 19993,0 29,1 10 15,0 50,8 532,2 95,5 5068,0 13900,0 26,1 10 38,5 130,5 481,4 271,1 4161,5 8832,0 18,3 10 42,5 144,1 350,9 410,7 2788,5 4670,5 13,3 10 38,0 128,8 206,8 622,8 1424,0 1882,0 9,1 10 21,0 71,2 78,0 912,8 424,0 458,0 5,9 10 2,0 6,8 6,8 1000,0 34,0 34,0 5,0 A b b . 42 B aa r - Frü ebe rgstrasse. A bge kürzte St er betaf el in 1 0- Jahr - Int er vallen (Absolut wer t e ohne Korrekt ur des Kinderde fiz its) . Legend e z u Ab b. 4 2 und 4 3: LJ = A ltersklass e A = Länge d er Altersklasse in Jahren D x = absolut e Zahl der Indivi duen je Altersklasse d x = relative Z a hl der Indiv iduen je A lt ersklasse (‰) l x = relativ e Zahl der Überleb enden je Alterkl as se q x = S te rbe wahrscheinlichkeit j e Altersklass e (‰) L x = Anz ahl der in d er Altersklasse gelebt en Jahre T x = Anz a hl der von allen no ch zu lebenden Ja hr e e x0 = Lebenser war tung A b b . 43 B a ar - Fr üeb ergstrasse. A bg ekürzte St er betaf el in 1 0- Jahr - Int er vallen (Absolut wer t e mit Korrektur des Kin derdefizits; + 7 0 ,5 In divid u- en der A lt ersklasse 0 –1 0 LJ und 34 ,5 Ind ividu en der Kl as se 1 0 –1 9 L J ) . 42 43 69 1 Anthropologische Untersuchungen IV_021210.indd 69 12/6/10 3:10 PM ohne Berücksichtigung des Kleinkinderdefi zits (Abb. 42) ergeben für ein Neugeborenes eine mittlere Lebenserwartung (e x0 ) von 39,5 Jah - ren. Sie nimmt damit einen Wert an, der für ur- und frühgeschichtliche Epochen ausser - halb des wahrscheinlichen Bereichs liegt. Für Erwachsene, die das 20. Altersjahr erreicht hatten, betrug die Lebenserwartung noch 26,4 Jahre. Eine 50-jährige Person hätte dem- zufolge noch fast ein Jahrzehnt zu leben ge - habt, und für 60- und 70-Jährige hätte die Lebenserwartung jeweils noch knappe sechs beziehungsweise fünf Jahre betragen. Fü r d ie Bere ch nung de r ko r r ig ier ten Sterb eta fel w u rde da s wa hr sc h ei n liche De fi - z i t der 0 – 1 4 - J ä hr igen a n hand der Kor rek t u r - forme ln von Bocquet u nd Mas set b ere ch - net . 282 Dabe i m uss a l lerd ing s ber ück sichtig t werden, d ass e ine Korre kt u r der Z a hle n ei n es be sti m m te n Gräbe rfe l des nac h v orgeg eb e - nen Mode llen problemat isc h ist u nd m ög li - cherwei se zu einer Aus b l en dung l okaler Be - sonderhei ten f ü hr t . Die so b erec h net en Z a h- len dü rfe n da her nur a ls Nä her u ngswer te b et r ac h tet wer de n. E in V erg leich der S ch ä t z wer te f ü r d ie St erbewahrscheinl i ch k eit der 0 – 1 4 -J äh rig en nach de n Regr essionsformel n von Bocquet und Masset 283 m i t de n u nkorr ig ier ten W e r - ten aus der Sterb eta fe l ( vgl. A bb . 42 ) g ibt Auf- sc hluss üb er d as mögl iche A u smass de s K lei nk inder defi z i t s der St ichprobe. Der e r - rec h net e W er t der Sterbl ich k eit v on K inder n u n d Ju gendl ichen bis z u m 1 4. A ltersjah r aus den S chät zfor mel n bet räg t 4 4, 1% u nd ist im V e rgleic h mit dem W er t von 1 2,0 % , welche r der u n k orr ig ier ten Sterb et afe l zug r u ndel i eg t, ma rka n t höher . D ies be deut et, da ss in de r Skelett p opu la t io n vo n Ba ar z u sätz l i ch z u den i n der Se r ie v orha ndenen K i nder n u nd J u - g en d lich en mi n dest ens 1 05 wei tere I n d i v i - du en ang en o mmen werd en m üssen , um die St erb lichk eitsv erhäl t nisse ei n er Bev ölk er u n g mi t ung enü gen den H yg i ene bedi ngu n g en , hohe m I n fe k t ions r i si ko u nd u n z u l ä ng l ic her med i zi n isc h er V er sorg u ng w iede rzugebe n. G esa m t haf t w är en da m i t auf de m Gräber feld a n der Fr üeb ergst ra sse 3 1 3 Best attete zu e r - wa r ten. Un ter B er üc k si chtig u ng des korr i - g ier ten W er t s der K i ndersterbl ich k eit mit zu - sät zl ich 1 05 Subadu l ten verä nder t sich d ie Ste r bl i c h ke its st r u k t u r de r B evöl ke r u ng von Ba ar-Fr üebe rgst rass e erheb lic h ( A bb . 43) . De r ko r r ig ier te Anteil de r K i nder unter 1 0 Jah re n l i eg t nun be i 3 1 ,4 % , de r jenige der 1 0 –1 9- J ä h - r igen be i 1 5, 4 % . D ie g er i ngste St e rblic hkeit entf äl lt n u n n ich t mehr au f d iese Gr uppe, sonder n auf d ie K la sse der 2 0 –29 -Jäh r igen. Die Ne uber ech nung de r f r ü hm ittela lt er - l i chen L eb ense r wa r t u ng en a n hand des kor - r ig ier ten K lei n k inderde fi z i t s erg ibt e in Bi ld der L eb ensu mst ä n de, das de n tatsäc hl ichen V erh äl tn iss en d er M ero w ing erzei t we sen t li ch be sser e n t sproc hen habe n dür f te. Aufg r u nd d ieser kor r ig ier ten Dat en (v gl. A bb . 43 ) be - träg t die Leben ser war t ung (e x0 ) im Gräb er - feld v on Baa r - Fr üebe rgst rass e f ü r ein neuge - bore nes K i n d led igl ich noch 2 8,4 J ah re u nd er n ied r ig t si ch d a mit g egen übe r dem u nkor - r ig ier ten W er t u m 1 1 , 1 Jah re. F ür d ie A lt e rs - k la sse der 1 0 –1 9- J ä hr igen ver r i nger t si ch d ie L ebe nser w ar t u ng u m 5 , 1 J a hre au f 29 , 1 Jah - re. I n d iv i duen, d ie das 2 0. A lt e rsjah r er r eicht oder überschritt en h a t t en, besassen un v er - änd erte f er ner e Lebenserwar t ung en ; das mi tt l ere St erbeal t er ein es 20 - j ä hr i g en Er - wa chsen en lag wei ter h in bei 4 6, 4 J ah ren . Auch f ü r d ie 30 -Jä hr igen u nd Ä l teren blei - be n die L eb ense r wa r t u ng en u nv erä nder t. L ebe nser wa r t ungen u m 3 0 J a h re stel len f ü r Neugebore ne im Fr ü h mit tela l te r den Nor - m alf all dar , 284 wobei i m E in ze lfa l l jedoc h be - trä ch tl i che Sch wankung en beo bach t et w er - den können (Abb. 44 ) . Abweichend davon sind i n Ba ar -Fr üeb ergst ra sse d ie rec h t hohen L ebe nser wa r t ungen de r 50 - Jäh r ig en u nd Ä l- tere n. Sie lieg en i m D urc hsc h nit t um 4 – 5 Jah - re übe r den E r wa r t ung swer ten, die a n hand zah lrei ch er G räberfel der de s F r ühm i ttelal ters gew on nen w u rden. 285 D ie nac h G e sc h le c h ter n get r en nte B e - rec h n u ng der L ebe nse r war t un g en 2 0 - Jäh r i - ger (Abb . 45) erg ibt f ü r d ie Mä nner u nd Frau- en von Baa r - Fr üebe rgst ras se ei nen W er t von et wa 2 6 Jah ren ( Mä n ner 26, 1 u nd Frauen 26 ,2 Jah re ). B eide W e r te liegen im m itt lere n Berei ch d er fr üh mi t t elal ter li chen V erglei c hs - serien. Folgl i ch e rg ibt sich aus der B ere ch nung g eschl ech t ss pe zif isch er S terbetafeln d er f r ü hadulten A l tersg r uppe ( 20 – 29 J a h re) e ine ger ing f üg ig n ied r ig ere A n z a hl ver sto rbe ner Frauen ( d x = 9 5, 9) a ls M än ner (d x = 96,4) . Die g r u ndsät zl ich gle i chen V erhä l t ni sse be ste - hen auch f ü r d i e nach folg e nde Altersk la sse der 3 0 – 39- J ä hr igen. E rst f ü r das f ü nf te u nd se chste Jah rze hnt zeich net sich ei ne leich te Umkeh r u ng der Sac hv erha l te ab . I m siebten De ze nn ium ze ig t sich w ieder e ine höh ere re - l a ti ve Anzahl an ve rst o rb en e n M änn ern . I m fr ü hm ittela lt erl i chen B aa r habe n d ie er wac hse nen Frauen i n fast a l l en A ltersk la s - 70 IV. Generationen IV_021210.indd 70 12/6/10 3:10 PM sen g leich häu fig übe rl ebt w ie d ie Män ner . L ed igl ich f ü r den B evö lker u ngs anteil de r meh r al s 7 0 - J ä hr igen be steh t ei n deutl icher Un ters ch ied z w isc hen Mä nner n u nd Frauen : a nsc heinend hab en nur Fr au en d ie Gren ze vo n 7 0 Ja hr en übe rl ebt (vgl. Abb. 3 7) . Aus Abb. 4 5 e rg ibt sich, da ss i m Fr üh - m i t tela lt e r die Frauen mei st ei n e deut lich ge - r in g e re L ebe nse r wa r t un g ha t ten a l s die Mä n - ner . D iese V er m inder u ng der L ebe nse r wa r - t u ng be r u h t au f ei n er ma rka nt erhö hten St erb l i ch k ei t jüng erer F rau en zw ischen dem 2 0. und 4 0. Leb en sj a h r . 286 Die Haupt ste rb - lichk eit der j ü n g eren Fr a uen is t ge gen über der jen ig e n gleich altr iger Mä n ner u m et wa f ü n f bis acht J a h re nach u nt en ver sc hoben u nd lieg t da m i t mei stens b ere i t s im d r itten, v ier ten o der f r ü hen f ü n f ten L ebe nsj a h r - z e h nt . 287 Da m it besteht f ü r die Frauen e ine entspre chend nie dr igere L eb ens er wa r t u ng . A ls Ursac hen der a nder nort s üblicher - w eise g er ing eren Lebenser wart ung der Fra u - en u r - u nd fr ü hg e sch ichtl icher , ab er auch h istoris cher B ev ölker u ngen bis i n die Ne u - ze i t h i n e in w ird – t rot z be sser er genet isc h er V orausset z u ngen – d ie Gef äh rdu ng durc h Sc h wa ngersc ha f t u n d G ebu r t a ng ef ü h r t. 288 Zus ä t z l i c h sind i n prä hi st or isc h er u nd hi st o - rischer Zei t jüng ere F rau en im Al lg em ei n en einer erh öh t en K ran khei tsa nfäll igk ei t a usg e - set z t. Sie w ird au f ei nen ch ron isc h en E is en - ma ngel in de r da ma l ig e n Nah r u ng z ur ück ge - f üh r t. 289 Frauen weis en i m reprodu kt iven A l- t er w eg en de s mens t rua l en Bl u t ver lus t s ei - nen hö heren B ed a rf a n E ise n a u f und reag ie - ren d a her auf E r nä hr u ngsmä ngel e m p find li- cher a ls M än ner . W a hr sc hein l i ch kommt f ü r die Fr a uen fr üherer Bev ö l k er ung en eine a n - d aue r nde kör p er lic he Be la st u ng wä h r end Sc h wa ngersc ha f t und St il l zeit durc h an str en - gende A lltagsa rb eit hi n zu. I m Gegens a t z z u d iesen B ef u nden ist i m Gräbe rfe ld v on Ba a r - Fr üebe rgst rass e die Ster - be wahrsc he inlic hke i t q x f ü r d ie Frau e n der be iden adult en A ltersk la sse n n u r ger i ngf üg ig n ied ri g e r a ls f ü r d ie gleicha ltr igen Mä n ner . Fü r d ie ma t u re n K las sen n im mt si e h i ng egen leicht h öhere W e r t e a n. Im Gräb er feld von Ba ar-Fr üebe rgst rass e best a n d let z t lich f ür d ie 2 0 -jäh r igen Frauen u nd Män ner ei ne nahe zu glei ch lang e f er ner e L e b enserwar t ung . Aufg r u nd der eher n ied r igen Sterbe rat e jünger er Frauen u nd der rec h t hohen A n te ile a n bet ag t en I ndiv iduen müsse n d i e Sterb - lichk ei tss tr u ktu ren der Er wa chsenen i m Grä - be r feld v on B aa r -Fr üeb erg str asse a l s a u sse rge - Lokalität Autor e x0 Jahre e x20 Jahre unkorr. korr . unkorr. korr. Stetten a. d. Donau (D) Konieczka/Kunter 1999 39,1 30,5 29,5 — Munzingen (D) Burger-Heinrich 2001 30,9 23,7 13,13 13,24 Elgg ZH, Ettenbühl Langenegger 1994 30,9 — 26,9 — Güttingen TG Kaufmann 1989 38,1 — 26,6 — Berslingen SH Kaufmann/Xirotiris 1991 30,8 — 25,9 — Balzers, Runder Büchel (FL) Bill/Etter 1981 45,6 — 32,8 — Schiers GR Kaufmann 1975 33,9 — 40,8 — Bonaduz GR Brunner 1982 31,7 — — — Köniz BE, Buchsi Ulrich-Bochsler/ Meyer-Hofmann 1990 — — 26,9 — Baar ZG, Zugerstrasse Cueni 2004a — 19,5 27,5 18,3 Baar ZG, Früebergstrasse 39,5 28,4 26,1 26,2 Lokalität Autor e x20 Männer (Jahre) e x20 Frauen (Jahre) Stetten a. d. Donau (D) Konieczka/Kunter 1999 30,2 28,5 Munzingen (D) Burger-Heinrich 2001 24,2 23,1 Elgg ZH, Ettenbühl Langenegger 1994 28,4 24,8 Güttingen TG, Grauer Stein Kaufmann 1989 30,2 23,2 Berslingen SH Kaufmann 1991 30,1 21,6 Balzers, Runder Büchel (FL) Bill/Etter 1981 33,0 32,7 Bonaduz GR, Valbeuna Brunner 1972 16,8 14,5 Oberwil b. Büren BE Ulrich-Bochsler et al. 1985 29,7 22,5 Köniz BE, Buchsi Ulrich-Bochsler/Meyer-Hofmann 1990 30,6 21,9 Baar ZG, Früebergstrasse 26,1 26,2 282 Bocquet/Masset 1977. 283 Bocquet/Masset 1977. 284 Ulrich-Bochsler/Meyer-Hofmann 1990, 78; Kaufmann 1989, 9; Konieczka/Kunter 1999, 239 f. 285 Konieczka/Kunter 1999, 240; Burger-Heinrich 2001, 364 f. 286 Ulrich-Bochsler et al. 1985, 84 f.; Burger-Heinrich 2001, 360. 287 Etter 1982, 187; Ulrich-Bochsler et al. 1985, 86; Konieczka/Kunter 1999, 240. 288 Ulrich-Bochsler et al. 1985, 84. 289 Bullough 1980, 321. A bb. 44 Lebens er war tungen von Neugeb ore - nen und 20- Jähr igen au f einigen fr ühmittel a lte r - lichen G räber feldern des s üddeutsch- schw eiz eri - schen Raums (unkor rigier t e und korr igier te W er te / S tichprobenumfänge s iehe A bb. 3 7) . A b b . 45 Gesch lec htssp ezifisc he L ebenser wa r - tungen 20- jährig er Männer und Frauen a uf früh - mitt elalterlichen G räber feldern des s üddeutsch- schwei zeris chen Raums. 71 1 Anthropologische Untersuchungen IV_021210.indd 71 12/6/10 3:10 PM wö h n l ich gelt en u nd la sse n b esonder e L e - bensumständ e v er m u ten , d i e m ögli cherwei - se m it ei ner soz ia len Kom ponente und ei ner g uten V er sorg u ngslage v erk n üpf t sei n könn- ten. Da ss et wa be sse re u nd re ich l ichere E r - nähr u ng v erb unden mi t g eringer er Arbei ts - belastung die St erb lichk ei t m arkant senk en ka n n, i st be k a n n t. I n d ies em Zu sa m men - ha ng e rs chei nt im Gräb e r feld vo n Ba a r -Fr üe- be rgst r ass e vo r a l lem d as b e reits e r wä hnt e V orkom me n z we ier f ü r f r ü h m it te la lterl ic he V erhä ltn is se hoc hbe tag te r Frauen m it einem Sterbe a lt e r vo n wa h r sc hei n l ich meh r a l s 70 Jah re n von Bede ut u ng. Zusammenfass en d is t die Friedh ofs bel e - g u ng v on Ba a r -Fr üeber gst ra ss e ch a ra k ter i - si ert durch einen lei ch ten M än nerübersch uss sow ie ei nen n ied ri gen A nt ei l a n K i nder n, vor a l lem a n K lein k inder n, einem Fe h len von Säugl i ngen (e i ne A usna hme) u nd v on Fr ü h - gebur ten. Diese b e iden Pa ra meter si nd t y - pisc h f ür f r ü h m it tela lterliche Gräb er fe lder u nd finden sich i n ä h n l ichen V e rhält n iss en an v iel en zei tgl ei ch en bena chb ar ten F und - pl ä tzen. Bem er k enswert is t die im V ergl ei ch z u a ndere n Gräb er fe lder n hoh e L eb en se r - wa r t un g der Frauen. 1.4.5 Populationsgrösse Die Grösse de r z u m Gräb er fe ld an de r Fr üe - be rgst r as se gehörenden Sied lu ng k a n n a m ei n fac hsten aus de r b ek a n nt en S c hätz for mel nach Ac sád i u nd Nemeskér i 290 berechn et w er - den : P = ( D · e 0 / t) + k D = G esa m t za hl der G e storbenen e 0 = L eb en ser wa r t ung e i nes Neugebore - ne n t = Be leg u ngs ze it des Gräbe r feldes i n Ja h r e n De r Korr ek t u r f a ktor k be sitz t f ür st abi le Be - vö l ker u ngen de n W e r t 0 u nd w i rd f ür w ach- sende Popu lationen m i t 1 , 1 , f ü r s ch r u mpf en - de m it – 1 , 1 a ngese t z t. 291 Das 7 . Jh. ist du rc h u ng ün st ige k l i mati - sc he und w i r tsc ha f tl iche B ed i ng u ngen ge - ken n z e ic h net . E ine de ut l ic he A bk ü h lu ng f ü hr te w iederho lt zu M i sse r nt en u n d Hun - g ersn ö ten . 292 H i n z u kommt, dass d ie regel mä s - sig w iede rkehr enden S e uchen z üge des 6. u n d 7 . Jh . ei n stä r keres A n wach se n der B evö l ke - r u n g w i rk u ngs vo l l verhi nder ten. So s che int gerade i n der M it te des 7 . J h. ei n T ief p u n k t der Bev ö lk er u ngs en t w i ck lung erreich t w or - den z u s ei n. 293 Nac h 54 2 n. Ch r. brachen i m eu ropä i sc h-med iter ra nen R au m verheere nde Pestepidem ien aus, d ie Eu ropa bis we it ins 7. J h . immer wied er ü berzog en. 294 D a neb en müssen auch Po cken, Chol er a u nd T y p hus a ls Det er mina n t en d er Bev ölk er ungsen t w ick - lung e r w ä h n t werde n. Da her ist i n d ies er Z eit m it einer st abi len ode r a l len fa l l s nur m i n i - ma l wac hs enden B evölker u ng z u r ec h nen. De r Korr ek t u r f a ktor muss da he r in de r oben st eh en den F o rmel am eh es t en bei ein em W e r t z w isc hen 0 u nd 0 , 5 a ngeset z t werde n. Dies e ntspr icht einer st abi len o der höc hsten s leicht wachs enden B evölker u ng. Da m it erg ibt sich be i e i ner Be leg u ng sze it des Gräbe r fe lds vo n r und 1 0 0 Ja h ren ( K ap. V I. 2 . 1 . 4, S. 47 4 ) f ür d ie zugehör ige Si ed lu ng ei ne A n za h l von et - wa 1 03 bis 1 12 gleich zeitig lebe nden E i nw oh- ner n (Abb. 4 7 ) . D ie w i rk l iche Grösse de s Grä- be r felds i st n ich t b ek a n nt. Si e könnt e nach A n sicht der A rc häolo g i n b e i et wa 38 0 Grä - be r n gelegen habe n ( K ap . II I . 1 , S . 2 8 ) . V e r w en - det ma n d ies e gesc hätz te u rspr ü ngl iche I nd i- v iduen z a h l u nd set z t sie i n d ie oben stehe nde Glei c hung e in, s o erg ibt si ch f ü r ei nen B ele - g u ngsze itrau m von 80 Ja h re n ei ne A n z a h l vo n 1 35 ode r 1 36 gleic h ze itig L eb enden. W ar der B eleg ungs ze itrau m nur e t wa 2 0 J a h re lä n- ger , so werden nu r 1 08 o der 1 0 9 g leich z eitig lebende Per sonen gesc hätz t. D iese B er ec h - nungsb ei spiele zeigen, w ie va r iabel d i e S ch ät - z u ng der Popu lat ionsgrös se ist, d. h. w ie st a rk sie v on den ei nges et z ten W e r ten abhä ng t. 1.5 Das körperliche Erscheinungsbild – Metrik und Morphologie Sowohl die quantitativen metrischen als auch die qualitativen morphognostischen Daten dienen der Beschreibung der Schädelform, der Körpergestalt, des Wuchses und der Kon- stitution der frühmittelalterlichen Mensche n. Daneben geben sie Aufschluss über die mög- liche Arbeitsbelastung oder anderweitige kör- Skelettzahl Belegungszeit in Jahren k = 0 k = 0,5 k = 1,1 (1) 208 e x0 = 39,5 80 102,7 103,2 103,8 (2) 313 e x0 = 28,4 80 111,1 111,6 112,2 (3) 380 e x0 = 28,4 80 134,9 135,4 136,0 A b b . 47 B a a r- Fr üe bergst rasse. Po pu - lationsgrösse der z um Gräber feld gehörenden Siedlung aufgrund der Anz ahl vorhandener (1 ) , unt er Korrektur des Kinderdefiz its hoch - gerechneter ( 2) und von ar chäolo gis cher Seit e geschät zter (3) Ske l e t te. 290 Acsádi/Nemeskéri 1970; Drenhaus 1992, 608 f. 291 Drenhaus 1992, 609. 292 Ennen/Janssen 1979, 117; Maise 2005, 84. 293 Schott 1988, 427 f. 294 Schott 1988, 428; Rösch 1997, 324. 72 IV. Generationen IV_021210.indd 72 12/6/10 3:10 PM Schädelmass/Index (Martin/Saller 1957) Klasse (Grenzen für Männer/ Grenzen für Frauen) Männer % Frauen % Grösste Schädellänge (M 1) kurz (x–179/x–169) 4 6,5 4 6,7 mittellang (180–189/170–179) 18 29,0 18 30,0 lang (190–x/180–x) 40 64,5 38 63,0 Grösste Schädelbreite (M 8) schmal (x–139/x–134) 21 34,2 19 31,1 mittelbreit (140–149/135–144) 37 60,7 38 62,3 breit (150–x/145–x) 3 4,9 4 6,6 Längen-Breiten-Index (I 1) dolichokran (x–74,9/x–74,9) 42 68,9 30 50,8 mesokran (75,0–79,9/15,0–79,9) 13 21,3 25 42,4 brachykran (80,0–x/80,0–x) 6 9,8 4 6,8 Schädelhöhe (M 20) niedrig (x–112/x–108) 17 29,8 9 15,3 mittelhoch (113–118/109–114) 28 49,1 17 28,8 hoch (119–x/115–x) 12 21,1 33 55,9 Längen-Ohrhöhen-Index (I 4) chamaekran (x–57,9/x–57,9) 13 23,6 5 8,8 orthokran (58,0–62,9/58,0–62,9) 33 60,0 27 47,4 hypsikran (63,0–x/63,0–x) 9 16,4 25 44,9 Stirn (M 9) schmal (x–69,9/x–92,9) 22 37,3 9 15,8 mittelbreit (97,0–101,9/93,0–97,9) 24 40,7 25 43,9 breit (102,0–x 98,0–x) 13 22,0 23 40,4 Grösste Stirnbreite (M 10) schmal (x–120,9/x–115,9) 22 36,1 23 39,7 mittelbreit (121,0–127,9/116,0–122,9) 26 44,3 23 39,7 breit (128,0–123,0) 13 19,7 12 20,7 Transversaler Frontal-Index (I 12) schmal (x–76,9/x–76,9) 6 10,5 5 8,9 mittelbreit (77,0–81,9/77,0–81,9) 26 45,6 17 30,4 breit (82,0–x/82,0–x) 25 43,8 34 60,7 Gesichtshöhe (M 47) niedrig (x– 113,9/x–105,9) 2 6,1 5 14,3 mittelhoch (114,0–121,9/106,0–113,9) 12 36,4 11 31,4 hoch (122,0–x/114,0–x) 19 57,6 19 54,3 Höhe des Obergesichts (M 48) niedrig (x–68,9/x–64,9) 5 14,7 9 25,7 mittelhoch (69,0–73,9/65,0–69,9) 17 50,0 11 31,4 hoch (74,0–x/70,0–x) 12 35,3 15 42,9 Orbitalbreite (M 51) eng (x–38,9/x–38,9) 2 5,6 11 28,9 mittelweit (39,0–41,9/39,0–41,9) 14 38,9 18 47,4 weit (42,0–x/42,0–x) 20 55,6 9 23,7 Orbitalhöhe (M 52) niedrig (x–31,9/x–31,9) 7 20,0 12 31,6 mittelhoch (32,0–34,9/32,0–34,9) 18 51,4 18 47,4 hoch (35,0–x/35,0–x) 10 28,6 8 21,0 Orbitalindex (I 42) chamaekonch (x–75,9/x–75,9) 6 17,1 5 13,2 mesokonch (76,0–84,9/76,0–84,9) 21 60,0 20 52,6 hypsikonch (85,0–x/85,0–x) 8 22,9 13 34,2 Nasenbreite (M 54) schmal (x–22,9/x–22,9) 6 22,2 1 4,3 mittelbreit (23,0–25,9/23,0–25,9) 9 33,3 12 52,2 breit (26,0–x/26,0–x) 12 44,4 10 43,5 Nasenhöhe (M 55) niedrig (x–48,9/x–46,9) 2 8,3 3 12,5 mittelhoch (49,0–51,9/47,0–49,9) 5 20,8 1 4,2 hoch (52,0–x/50,0–x) 17 70,8 20 83,3 Nasal-Index (I 48) leptorrhin (x–46,9/x–46,9) 8 34,8 6 26,1 mesorrhin (47,0–50,9/47,0–50,9) 12 52,2 11 47,8 chamaerrhin (51,0–x/51,0–x) 3 13,0 6 26,1 Unterkieferwinkelbreite (M 66) schmal (x–97,9/x–89,9) 17 37,8 10 26,3 mittelbreit (98,0–104,9/90,0–96,9) 12 26,7 14 36,8 breit (105,0–x/97,0–x) 16 35,6 14 36,8 A bb . 48 B a a r- Fr üeb ergstrasse. Kate - gorielle Z uordnun g der Schädel masse und -indiz es für Männer und Frauen. 73 1 Anthropologische Untersuchungen IV_021210.indd 73 12/6/10 3:10 PM perliche Betätigung und tragen damit We - sentliches zur Kenntnis der Lebensumstände bei. Die Erfassung metrischer und morpho - gnostischer (nichtmetrischer) Merkmale an den Skeletten vermittelt Einblicke in die kör- perliche Beschaffenheit einer Bevölkerungs - gruppe. T abe l len mit den St ichprobenpa ra me - ter n der M ass e u nd Ind iz es de r Mä n ner u nd Frauen f ü r d ie S ch ädel u nd die p ost k ra n ia len Skelette aus de m Gräbe r feld von Baa r -Fr üe - be rgst r ass e sind i m A n ha ng w ieder geg ebe n (An ha n g 3, T abel len 1– 4, S . 1 1 5 – 120 ) . Die I n - d iv idua ldaten kö n nen b ei de r Ka ntonsa r - ch äo log ie Zug angeforder t werde n ( Be z ugs - ad ress e siehe S. 502 ) . 1.5.1 Schädel D ie st a rk u nte r sc h ied l ic he, z u me is t ab e r sc h lechte Erha lt u ng der K noc hen er sc hw er t d ie mo r phometr isc he Be ur tei lung de r Sc hä - del i n erheblichem Ausma ss. Davo n si nd in er ster L i nie d ie Mas se der e mpfi ndl ichen G e - sichtsskelette b et rof fen. A ls auswe r tba r er - w iese n sich d ie metr isc hen Daten v on ma x i- ma l 7 1 Mä n ner n u nd 62 Frauen. 295 E i ne B e - sc h reibu ng de r Sc häde l a nh a nd der Sc hädel- ma sse u nd Ind i ze s ist du rc h d ie Kateg or isie - r u ng von Ma r t i n möglic h, die Daten kö n nen den T ab el len 1 u nd 3 i n A n ha ng 3 ( S . 1 1 5 u nd 1 1 7 f.) so w ie Ab b . 48 e ntnommen werde n. 296 E ine Auswa h l von Män ner - u nd Frau en - sc hädel n aus dem Gr äbe r feld v on Ba a r -Fr üe - be rgst ra sse w i rd in de n Abb. 5 2 – 5 7 vo rge - st e l lt . Id ealisi er t e Mi ttel wertt y pen l assen s i ch w ie fo lg t b esc h re iben : D ie Mä n ner ( vgl. T ab el - le 1 in A nh a ng 3, S. 1 1 5) b esa sse n ausg espro - chen la nge u nd sch ma le bis höc hsten s mit tel- breite Hi r n sc hädel. D u rc h ih re m it telg ross e Höh e er sc hei nen sie insgesa mt rec h t g ross. Die St i r n w i rkt i m D u rch sc hn it t sch ma l bi s ger i ng f üg ig m itte lbreit. Das G esicht er wei st sich a ls mei st hoch, wobe i da s K in n e ine n be t rächt lic hen A nt e il e i n ni m mt. Die k nö - cher nen Au gen hö h len si nd hä u f ig e ck ig, breit und m ittel hoc h, jedoc h im Ga n ze n wo h lp ropor t ion ier t. D ie Nase n zeigen eb en - fa l ls e ine hoh e u nd mit telbreite Fo r m. D ie Breite der Un terk iefer er weist sich a l s sta rk u n ter sc hie d lic h und l iess d ie entspre chen - den G esichtspa r t ien a l s sch ma l bi s k napp brei t erschein en. Die Frauen (v g l. T abe lle 3 i n A n ha ng 3, S. 117 f.) weisen ebenfalls lange und schma le, m ehrh ei tl i ch allerdings mi ttel brei te un d da - bei t eilw eise mitt elho h e , ü ber w ie g end j edoch ho he Hi r n sc hädel au f. Dies kommt in e inem Lä ng en-B rei t en- V er häl tnis zum Aus dr u ck, da s i m D u rch sc h n i t t et was höher l iegt a l s da s der Mä n ner. Die a llgemei ne T enden z, dass F ra uen f r üh mi ttelal t erli ch er P opula t i o - n en einen et was hö h eren Läng en-Br ei ten - I ndex auf weis en a ls d ie Mä n ner der g lei - chen B evölker u ng , a ls o et wa s bre i t sc häd li - ger sind, 297 be stätig t sich da m it au c h a n der Sk e lett se r ie vo n der Fr üebe rgst ra sse i n B aa r. Stir n un d U n ter k ief er s ind m ehrh ei tl i ch m i t telbre i t ode r bre i t geformt. E i n ho hes Ob ergesicht und ei n ausgew ogener A nt e il des K in n s t ragen z u ei nem wo h lpropor t io - n ier t hoh en G e sich t b ei, da s i m W e sent li - chen von m i t tel hoc h u nd mit telbreit g e - f orm ten A ug enh öhl en un d Nas enö ff nung en g ek enn zei ch n et is t. Ne ben den me tr ischen Mer k mal en k ön - nen d ie Hi r n sch ädel auch du rch de sk r iptive For m me rk ma le c ha ra kte r i sie r t wer de n. A l le r - d i ngs stehen i n fo lge der sc h lec h ten E rha lt un g nur re c h t wen ige Da ten z u r V er f üg u n g, so d ass sich qua ntitative A ngab en nu r unter V orbe - ha lt rec h t fer t igen las sen. I n de r Auf sicht b i l - den d ie H i r nsc häde l g rösstent ei l s O vo ide, da- neben fi nden sic h au c h E ll ipsoide, Sp henoide ode r Pentag onoi de ; de r Rest entf ä llt auf d ie übr igen Kateg or ien w ie R hom b oi de, Sphäroi - de, Sph enoide und Bi rs oide ( Abb. 4 9 ). I n der H interhau pts a nsicht besit zen d ie Sc häde l fast aussc h l iesslic h Haus - oder K re isfor m. Nur e i n g er ing er An teil w eis t Bo mben- , K eil- oder Z eltfor m auf (Abb. 50 ) . Die S eit en a nsicht des Sc häde ls ze ig t b ei b eiden G es ch lec ht e r n ei n a u ffal l end stark es Ü ber w ie g en der lei ch t en bis mitt elstark en Schei t elbein- und Hi n t er - ha u ptskr üm m ung en. U nt er den S k el etten fi nden sich jedoc h auch vere in z elt Ind iv idu - en mi t ein er s ta r k en V err und ung v o n Sch ei tel u nd Hi nt erhauptsbe i n ( Ab b . 5 1 ) . Zu r Be ur tei- lung de r G esichtsu m r iss e stehen nur se h r we- n ige Da ten z ur V e r f üg u ng. A u fg r u nd der m eist gering en J ochbo gen br ei ten kan n ang e - nommen werde n, da ss d ie Meh rheit der G e - sicht er e i nen sc h ild för migen Um r iss oh ne he rau s rage nd e Jo c hb o gen b es a s s. E i n k nö - c he r ne r Ch ig non – e i ne he r au sges tel lte Ob e r - sc hu ppe de s H interhau pt sbe in s, d ie v or a l lem be i a la ma n n is chen B evölker u ngen r ec ht hä u - fig vor kommt – findet sich be i 12 Mä nner n u nd 1 3 Frauen ( 1 4,0 %) . E i ne sogena n n te Breg madel le fi ndet sich be i 9 Mä n ner n u nd 7 Frauen. D iese quer verlaufe nde Ei nbuc h t u ng i m Be reic h des Ü be rga ngs vom Sti r nb ei n z u 74 IV. Generationen IV_021210.indd 74 12/6/10 3:10 PM St reuu ngen de r Mess wer te der Frauen mei st k lei ner si nd a ls je ne der Mä n ner. Die grö ss - ten St reuwer te liegen be i de n Mä n ner n u m bis z u 1 0 % hö her a l s be i den Fr auen. Dies e m etr ischen Dif ferenzen s ind als A usdr uck ei - ner ger i ngere n V a r iabi l ität der Grösse n- u nd Robust i z itätsmerk ma le b ei de n Frauen z u wer ten. D e r Auspräg u ngsg rad de r Muskela n- sät ze lä sst jedo ch kei ne g rös ser en Un ter - sc h iede z w i sc hen Mä n ner n u nd Frauen e r - kennen. D as Ma ss de r körp e rliche n Be la s - t u n g z e ig t a n s c he i ne nd ke i ne ge s c h le c hts - spe z i fis che n Un te rs c h iede, d. h. Mä n ner w ie auch Frauen a rb e it eten a k t iv kör pe rlic h. den Schei t elbein en sch ein t bei Bev ölk er u n - gen des Fr ü h m ittela lt er s u nd des f r ü hen Hochmi t tel alt ers v ereinzel t v or gek ommen zu sei n u nd k önnte m ögl ic her wei se du rc h d as gew ohn heitsmä ssige T ragen von La sten au f dem Rüc ken m it Hi l fe ei nes üb er de n Kopf g ele gten Riem ens en tstand en sein. 298 Da b e i be steht j edo c h z w isc hen M ä n ner n u nd Frau- en wede r h i nsic h t l ich de r A n z a h l noc h de r Stä rke der Auspräg u ng e i n deut l icher Un ter - sc h ied. D ie E r sc hei nun g ka n n ebe ns o w ie der k nöch erne Chigno n als erb li ch v eran k er t es Merk m a l gedeutet werden. E i n i ge ju ve n i le u nd e r w ac h s e ne I nd iv i - duen ( 1 0, 9 %) z eigen st ä rkere Abweic hungen vo m gesc h i lder ten M ittelwer t t y pu s ; sie be sit - zen k ü rze re u nd bre it ere (mes ok ra ne) oder soga r k u rz- br eite ( br achyk r a ne) u nd st a rk ver r u ndete S ch ädel m it hochgewöl bter Sc heitelk u r ve u nd k u rz em, stei l abfa l lendem H i n terhaupt (Gräb er 1 9 , 2 4, 2 8, 36, 5 2 , 58, 6 1 , 7 1 , 7 5, 90, 98, 1 04, 1 13, 1 1 4, 1 1 6 , 124, 1 38, 1 6 7 , 1 7 5 u nd 1 8 1 ). D ie Ge sicht er si nd eher n ie d r i g u nd breit, die Augenhöhle n of t n ied r ig u nd teilweis e ger u ndet. Zusammenfass end kan n die f r ü hm i ttel - a lte r l i c h e B e völ ke r u n g vo n B a a r-F r üe b e r g - st ra sse au fg r u nd des gleic h ze itigen V ork om - m ens lang -schmaler Schäd elfo r m en 299 u nd sta rk ver r u ndeter brachyk r a ner T y p en – ä h n- l ich w ie bei de n Gräb er felder n von Elg g Z H, Et te nb ü h l 300 ode r auch vom Runden Büc hel i n Ba l ze rs ( F L) 301 – i m mor pho logi sc hen Si n- n e als « uneinh ei t lich » bezeichn et w erd en. Dabe i bi lden d ie dolichok ra nen E lement e i n j edem F a ll einen d eu tl i chen Schw erpu nkt. Ä h n l ic h u nei n heit l ich prä se ntier t sich auch das G räberfel d v on Baar -Zu gers trasse. 302 1.5.2 Postkraniales Skelett Die met r i sc hen Me rk ma le a n de n p ost k ra n i- alen S k el etten (Masse , Längen -Dick en- und Robust i z itäts -I nd i z es, vgl. T ab el len 2 u nd 4 i n A n ha ng 3, S. 1 1 6 –1 2 0 ) b elegen den i m D u rc hs c h n itt k rä f t iger en K noc henbau der mä n n l ichen I nd iv iduen. A l lerd i ngs lä sst sich der Robu st i z itätsg rad de r Gr upp e häu fig nur nach de r opt i sc hen B eu r tei lu ng u nd n icht nach de n met r i sc hen Daten angebe n, da sehr viel e La ngk noch en ein en so h oh en V er - w it ter u ngsg rad au f weis en, d a ss kei ne qua n t i - tat iven E rhebun gen meh r mögl ich si nd. Be tra ch t et m an di e S ti ch p ro ben par am e - ter der p ost k ra n ia len Ma ss e der Fr auen- u nd Mä n ner skelet te aus dem Gräb er fe ld v on Ba a r -Fr üeb e rgst r as se, so fä l lt a u f, das s d ie Männer Frauen % n n % 29,8 17 Ellipsoide 9 15,5 52,6 30 Ovoide 35 60,3 10,5 6 Sphenoide 6 10,3 1,8 1 Rhomboide 1 1,7 3,5 2 Sphäroide — — 1,8 1 Pentagonoide 6 10,3 — — Birsoide 1 1,7 A b b . 49 B a a r- Fr üe be rgstrasse. Kate - gor isierung der A uf sicht auf die Hirns chädel. A b b . 50 B a a r- Fr üe be rgstrasse. Kate - gor is ier ung der Hi nt er - haupt sansicht der Schädel. Männer Frauen % n n % 54,9 28 Hausform 33 63,5 35,3 18 Kreisform 17 32,7 3,9 2 Bombenform 2 3,8 3,9 2 Keilform — — 2,0 1 Zeltform — — A b b . 51 B a a r- Fr üe be rgstrasse. Kate - gor is ier ung der Seiten - ans icht der Schä del. Männer Frauen % n n % 69,0 40 schwache Wölbung 35 63,6 22,4 13 Übergangsform 17 30,9 8,6 5 starke Wölbung 3 5,5 295 Die Zuverlässigkeit von aufgrund der Erhaltung bereits in situ erhobenen Daten wurde mittels Ausreisser- tests überprüft. Vgl. Sachs 1984, 219. 296 Martin/Saller 1957–66. 297 Ulrich-Bochsler et al. 1985, 89. 298 Etter 1982, 200. 299 Czarnetzki et al. 1982, 21–23. 300 Langenegger 1994, 181. 301 Bill/Etter 1981, 65. 302 Cueni 2004a, 176. 75 1 Anthropologische Untersuchungen IV_021210.indd 75 12/6/10 3:10 PM 5 cm 5 cm 5 cm 52 53 54 b a c 76 IV. Generationen IV_021210.indd 76 12/6/10 3:11 PM 5 cm 5 cm 1 cm A b b. 52 Ba ar - Fr üe bergst rasse, Grab 4 7 . Männer schädel i n Ansicht von vorn, li nks , oben und hinten. A b b . 53 B aa r -F r üeb ergstrasse, Grab 62. Männer schädel i n Ansicht von vorn, li nks , oben und hinten. A bb . 54 B aar - Fr üebergstrasse. Seiten- , A uf- und Hinterans icht der Frauenschädel. a : Grab 44 , b : Grab 1 1 4 , c: G rab 1 34 . A b b . 55 B aar - Fr üebergstrasse. Seiten- , A uf- und Hinterans icht der Männe rschäd el. a : Grab 6 1 , b : Grab 7 5 . A b b . 56 Ba ar-F rü ebe rgstrasse, Grab 1 84. Auf- und Hint eran sicht des Männerschäde ls. A b b . 57 B aar - Fr ü ebergst rasse, Grab 84. Seit ena ns ic ht des Frauens c hädels. 55 56 57 b b a a c 77 1 Anthropologische Untersuchungen IV_021210.indd 77 12/6/10 3:11 PM 1.5.2.1 Konstitution – Muskelmarken Die Mä n n er aus de m Gräber feld von Baa r - Fr üebe rgst rass e sind aufg r u nd ih rer Skelet t - merk ma le über w iegend a ls deutl ich robu st a nz us prec h en (vgl. T abe lle 2 i n A nh ang 3, S. 1 1 6 f.) . Die Frauen si n d merk l i c h g ra z iler (vgl. T abelle 4 in Anhang 3, S. 118–120), zei- gen jedoc h ebe nfa l ls mä ssig e bis k rä f t ige Mu ske l m a rke n. Be i d rei I ndiv iduen w u rden b esonder s bet on te M usk ela nsä tze g ef u n den. Bei zwei I n d iv i duen ( Gräbe r 4 7 u nd 1 4 7) f anden sich a n der Tibia leicht verk nöcher te Se hnen- b e - zieh ungsw eise M usk elansä t ze. Bei m S kel ett ei ner adulten (2 5 – 34 Jah re a lt en) Frau ( Grab 1 7 4) fie l en a m ga nz en Skelett b eton te Mus - k ela nsa t zs tellen auf. Da bei ersta u n t das rela - t iv j u nge Alter – w ie auch be i dem adu l ten Ma nn aus Gr ab 1 4 7 . Dies e Pers on e n ver r i ch - teten m i t Siche r heit über lä ngere Z eit hi nw eg kö r pe rlich a nst re ng e nde A rbeit. I m Gan ze n fä llt auf, da ss f ü r be i de G e - sc hlec h ter häu fig d ie Bei nk no chen deut lich k rä f t ig er ausgebildet sind a ls d ie Ar me. 1 42 I n d iv i duen (6 6 Frauen, 7 0 Mä n ner u n d 6 u n- be st im mba re I ndiv iduen) , d. h. ohne sub - adulte Ind iv i duen fa st 80 % a ller E r wac hse - n en, besi t zen an d en O berschenk el knoch en ei nen sogena nnten P ila ster ( Abb. 58) . Da r u n- ter w i rd ei n e ka m ma rt ig ver stä rkte A usprä - g u ng der L inea a spe ra verst a n den, jener K no - chen leiste, an de r d i e g rosse n H ü f t - u nd Ober - sch enkelm usk eln ( M usc uli ad duct or es, Mus - c u l us biceps fe mo r is [ C a put breve ] und Mus - c u li va sti) a ns et zen. D ieser K no chen ka m m weist au f eine regel mäs sig e u nd a nst rengende For tbeweg u ng zu F uss h in. E i n e genaue Re - ko nst r u kt ion der ausg e f ü hr ten Tät igkeit e n, d ie als Urs ache f ü r dies es Phä n omen in Fr ag e ko m men, ist nicht möglic h, al lerd ings b ed i n- g en d i e v i elfä l t i g en Bew egu ng sm ust er in der t rad i t ion el len L andw i r tsc ha f t mit Acker - u nd W e i defl ächen, da ss regel mässig lä ngere St re - cken z u be wält ig e n sind. Chara kt er is t isch e Sc haf tk r üm m u ng en der B eink n oc h en oder sog ena nn te Rei terfa - cet ten a n den Femu rhäls en, d ie a u f gew ohn- heitsmässiges Reiten hi nw ei sen w ü rden, fa n- den sich a n den Skelet ten nicht. Hoc k e r fa - cet ten, d ie als A n ze i chen f ü r ei n e häu fige kau er n de S i t zst ellung ang eseh en w erd en, ko n n ten eb en fa lls a n kei n em Skelet t festg e - st ellt w erd en. 1.5.2.2 Körperhöhe Die Kör perhöh e de r Mens chen aus de m Grä- be rfe ld v on Ba a r - Fr üebe rgst ras se w u rde auf - g r u nd der L ängen ma sse der i n ta k ten ode r rest aur ier ten g ross en L a ngk noc hen ( H u me - r us, R ad i us, Femu r , Tibia) b erec h n et (v gl. T a - be llen 2 u nd 4 in A n ha ng 3, S. 1 1 6 –1 2 0 ). D ie so e rr ec hneten A ngab en b esc hre iben d ie K örperh öh e im fr ühen Erwachsen ena l t er u n d n i cht den W e r t zu m T odes zeit pun kt, de r je nach Sterb ea l ter u m ei n ig e Z en t imeter u n- ter der ma x i ma len Körp erhö he liegen ka n n. Die nac h den For m el n vo n Pea rs on 303 er rech - neten W e r t e sind n ich t u n mit telbar m it den K örperh öh en and erer G räberfel der v erglei c h - ba r , d ie z. T . a nh and abweichender S chät zfor - mel n ber ech net w u rden. Un ter B er üc ksic h t i- g u ng ei ner durc hsc h nitt l ichen Korr ekt u r der Körp erhö hen nach Br ei t inger u nd Bach 304 vo n – 1 , 9 8 cm b ez iehung sweise – 3, 2 1 c m, die dur ch entspre chende Dat e nv e rgleic h e a n 66 7 f r ü h m it te l a l terl ichen I n d iv i duen (36 0 Mä n - ner u n d 307 Frauen) er m i t telt w u rde, ergeben sich jedoc h W e rte, d ie d en Kör pe rh öhen na ch Pea r s on a n n ä her nd e nts pre c he n. 305 1 cm A b b. 58 B a a r- Fr üeb ergstrasse, Grab 2 00. Mann (4 2– 4 9 Jahre) : rechtes Femur mit de utlichem Pi last e r (Pf ei l). 78 IV. Generationen IV_021210.indd 78 12/6/10 3:11 PM [Document text truncated for crawler view.]