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Archäologie in Steinhausen «Sennweid» (Kanton Zug). Ergebnisse der Untersuchungen von 1942 bis 2000. Antiqua 41 (Basel).

Röder, Brigitte; Huber, Renata

Abstract

(English version below) In der Sennweid bei Steinhausen ZG wurden zwischen 1942 und 2000, während fast 60 Jahren also, immer wieder archäologische Untersuchungen durchgeführt. Besonders in den letzten 20 Jahren hat die Expansion der Gewerbeareale regelmässig punktuelle Abklärungen und flächige Rettungsgrabungen erforderlich gemacht. Die wichtigsten Untersuchungen waren die Sondiergrabungen von 1942/43, die grossflächigen Rettungsgrabungen von 1988 bis 1991, die Rettungsgrabung Cosmetochem von 1995, die Rettungsgrabung Sumpfstrasse-West von 1998/99 sowie die grosse Rettungsgrabung Chollerpark von 1999/2000. Durch den Beizug der Sedimentologie liessen sich aus den meisten archäologischen Untersuchungen zusätzliche stratigraphische Daten gewinnen. In Kombination mit den archäologischen Auswertungen und den naturwissenschaftlichen Datierungen konnte eine Hypothese zur Rekonstruktion der Landschaft sowie zur Dynamik des Naturraums durch die verschiedenen Perioden hindurch vorgelegt werden. Es zeigte sich, dass der Zugersee während Jahrtausenden viel weiter nach Norden reichte: Die Sennweid lag an einer Bucht am See, die immer wieder besiedelt wurde! Die Funde und Befunde decken – wenngleich nicht lückenlos – 14 000 Jahre Kulturgeschichte in der Region ab. Es handelt sich dabei mehrheitlich um die Reste von Seeufersiedlungen («Pfahlbauten»). Anders als bei anderen bekannten Pfahlbaustationen liegen in der Sennweid die Reste verschiedener Dörfer nicht als «Superstratigraphie» übereinander. Vielmehr sind sie als einzelne, über das Gebiet Sennweid/Allmend verteilte Fundplätze auf uns gekommen. Auf der Basis der zeitlichen Abfolge der Fundplätze wurde versucht, eine Besiedlungsgeschichte zu rekonstruieren. Dies hat sich als schwieriges Unterfangen erwiesen, denn die archäologischen Quellen sind sehr lückenhaft; einzelne Phasen lassen sich nur mit wenigen Funden oder 14C-Daten belegen, andere Zeitabschnitte sind sowohl gut durch Befunde als auch tausende von Funden belegt. Die ältesten Hinweise auf Menschen reichen ins Spätpaläolithikum zurück. Weitere Funde stammen aus dem Früh- und Spätmesolithikum. Vor allem sind aber verschiedene Abschnitte des Neolithikums belegt, darunter umfangreiche Funde aus der späten Horgener Kultur. Die neolithische Siedlungsgeschichte setzt sich mit Überresten der Schnurkeramik-Kultur fort. Die Mittel- und Spätbronzezeit sind durch Schwemmsäume oder Einzelfunde an praktisch allen Fundstellen des Untersuchungsgebiets belegt oder zu vermuten. Die Fundstelle Chollerpark mit ihren beiden in Europa einzigartigen mittel- beziehungsweise spätbronzezeitlichen Ensembles aus Bauhölzern, Schiffsteilen, Paddeln und rätselhaften Trapezkonstruktionen wurde im Rahmen einer anderen Monographie bereits vorgestellt. Ebenfalls separat publiziert wurden die bekannten spätbronzezeitlichen Uferdörfer von Zug-Sumpf, die etwas ausserhalb des Arbeitsgebiets, aber auch an der ehemaligen Steinhauser Seebucht lagen. Funde aus der Eisenzeit, der römischen Epoche sowie dem Früh- bis Hochmittelalter sind zwar seltener, doch belegt ihre Existenz die vermutlich ununterbrochene Besiedlung des Arbeitsgebietes. 1591/92 wurde der Seespiegel des Zugersees künstlich abgesenkt. Damit wurde aus dem ehemals im Seeuferbereich gelegenen südlichen Gemeindegebiet Steinhausens zwar sumpfiges, aber doch als Weideland nutzbares Terrain. 1942 wurde das Areal im Zuge der Anbauschlacht drainiert und in der Folge landwirtschaftlich genutzt. Heute befindet es sich mitten im Gewerbegebiet der Gemeinde Steinhausen. Over a period of almost 60 years between 1942 and 2000, archaeological excavations were carried out repeatedly in the Sennweid near Steinhausen, Canton Zug. Expanding industrial estates made it necessary to undertake regular small-scale examinations and open-area rescue excavations, particularly in the past 20 years. The most important examinations were the test excavations of 1942/43, the large-scale rescue excavations of 1988–91, the rescue excavation Cosmetochem of 1995, the rescue excavation Sumpfstrasse-West of 1998/99 and the large rescue excavation Chollerpark carried out in 1999/2000. The application of sedimentology made it possible to gather stratigraphical data from most of the archaeological excavations. Combined with the archaeological analyses and the scientific dates, it was possible to develop a hypothesis concerning the reconstruction of the landscape and the dynamic of the environs over the various periods examined. It was shown that, for millennia, Lake Zug had reached much further north: the Sennweid site had been located in a bay on the lake and this bay had been repeatedly settled! The finds and features cover—although not continuously—14,000 years of cultural history of the region. They mainly represent the remains of lakeside settlements (“pile dwellings”). Contrary to other known pile dwelling sites, the remains of the various villages in Sennweid are not lying on top of each other in a “super stratigraphy”. They have come to light, rather, as individual sites spread throughout the area Sennweid/Allmend. Based on the chronological sequence of the sites, we have attempted to reconstruct a settlement history. This has proven a difficult feat, as the archaeological sources were quite incomplete; certain phases were only represented by a small number of finds or radiocarbon dates, while other periods were well represented by numerous features with thousands of finds. The earliest evidence of human presence dates back to the Late Palaeolithic, other finds date from the Early and Late Mesolithic. However, the main bulk of finds represents various phases of the Neolithic period, among them numerous artefacts from the Late Horgen Culture. The Neolithic settlement sequence then continues on with remains from the Corded Ware Culture. The Middle and Late Bronze Ages are represented or can be presumed to have existed due to debris lines or individual finds in practically all of the sites in the study area. The Chollerpark site with its two Middle and Late Bronze Age assemblages of construction timbers, ship parts, paddles and mysterious trapezoidal constructions, unique in a European context, has already been dealt with in another monograph. The famous Late Bronze Age lakeside villages of Zug-Sumpf, which were located somewhat outside the study area, but also at the former Steinhausen bay of the lake, have also been published separately. While finds from the Iron Age, the Roman period and the Early to High Middle Ages were less numerous, their existence still proves that the study area was probably continuously settled. The water level of Lake Zug was artificially lowered in 1591/92. This turned the southern area of the community of Steinhausen, which had previously been on the shore of the lake, into swampy but still usable pasture land. In 1942, in the course of the Cultivation Battle, the area was drained and subsequently used as farmland. Nowadays it is situated in the middle of the industrial zone of the community of Steinhausen.

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ISBN 978-3-908006-33-6 Antiqua 41 Brigitte Röder und Renata Huber Archäologie in Steinhausen «Sennweid» (ZG) Antiqua 41 ARCHÄOLOGIE IN STEINHAUSEN «SENNWEID» (KANTON ZUG) Ergebnisse der Untersuchungen von 1942 bis 2000 Brigitte Röder und Renata Huber Steinhausen_Sennweid 26.4.2007 16:00 Uhr Seite 1 Brigitte Röder und Renata Huber Archäologie in Steinhausen «Sennweid» (Kanton Zug) Ergebnisse der Untersuchungen von 1942 bis 2000 Steinhausen_Sennweid 23.3.2007 14:07 Uhr Seite 1 Veröffentlichung der Archäologie Schweiz Publication d’Archéologie Suisse Pubblicazione d’Archeologia Svizzera Publication of Swiss Archaeology ANTIQUA 41 Steinhausen_Sennweid 23.3.2007 14:07 Uhr Seite 2 Archäologie in Steinhausen «Sennweid» (Kanton Zug) Ergebnisse der Untersuchungen von 1942 bis 2000 Mit Beiträgen von: Irmgard Bauer Isabelle Chenal-Velarde Andreas Cueni Markus Fischer Eda Gross Stefan Hochuli Matthieu Honegger Beat Horisberger Kristin Ismail-Meyer Stefanie Jacomet Ebbe Nielsen Philippe Rentzel Eva Roth Heege Beatrice Ruckstuhl Ulrich Ruoff Gishan Schaeren Jörg Schibler Josef Speck † Karlheinz Steppan Brigitte Röder und Renata Huber Steinhausen_Sennweid 23.3.2007 14:07 Uhr Seite 3 4Impressum Umschlagbild: Der Zugersee und das Gebiet der Sennweid aus der Luft. Hervorgehoben und in der unteren Bildreihe dargestellt sind die im Band behandelten Rettungsgrabungen (von links nach rechts) Chollerpark, Sumpfstrasse-West, Cosmetochem, Sennweid und – ausserhalb des Luftbildausschnitts – Schlossberg, alle auf Gemeindegebiet von Steinhausen ZG. Fotos vgl. Bildnachweise zu Abb. 1 (Luftbild) sowie Abb. 7, 175, 4, 17, 9, 22 (untere Reihe v. l. n. r.). Herausgegeben von der Kantonsarchäologie Zug. Publiziert mit Unterstützung des Kantons Zug. Redaktion, Satz, Gestaltung, Korrektorat und Layout: Edition arcHart, Daniel Hartmann, Muri AG. Übersetzungen: Catherine Leuzinger-Piccand, Winterthur (Französisch), Rosanna Janke, Giumaglio (Italienisch), Sandy Hämmerle, Galway, Irland (Englisch), Brigitte Röder, Allschwil (Deutsch). Druck und Ausrüstung: Multicolor Print AG, Baar ZG. Lithos: Edition arcHart, Muri AG; Lichtpaus+Repro Hüsser AG, Zug; Multicolor Print AG, Baar ZG. Alle Rechte der Vervielfältigung, der Fotokopie und des auszugsweisen Nachdrucks vorbehalten. Copyright © 2007 by Archäologie Schweiz, Basel. ISBN: 978-3-908006-33-6. Steinhausen_Sennweid 23.3.2007 14:07 Uhr Seite 4 5 Vorwort (Stefan Hochuli) . . . . . . . . . . . . . . . 9 I. Geschichtsquellen im Untergrund (Brigitte Röder, Stefan Hochuli) . . . . 12 1 Einst im Flachwasser und am Ufer, heute im Gewerbegebiet . . . . . . . . 12 2 Erste archäologische Entdeckungen: Sondiergrabung 1942/43 . . . . . . . 13 3 Ein Grossprojekt mit Sonderkredit: Die Rettungsgrabungen an der Sennweidstrasse von 1988 bis 1991 13 4 Untersuchungen am Schlossberg im Jahre 1993 . . . . . . . . . . . . . . . . . . 15 5 Rettungsgrabung Cosmetochem im Jahre 1995 . . . . . . . . . . . . . . . . . . 15 6 Flechtzäune im Boden: Rettungsgrabungen Sumpfstrasse-West 1998/99 15 7 Aussergewöhnliche Funde beim Chollerpark . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16 8 Kein abgeschlossenes Kapitel: Die Forschung geht weiter . . . . . . 17 Kasten Eine Ausgrabung, die zu reden gab … (Stefan Hochuli) . . . . . . . . . . . . . . . 18 Kasten Der Film «Unter dem Boden» (Stefan Hochuli) . . . . . . . . . . . . . . . 20 II. Die Sondiergrabung in den Jahren 1942 und 1943 und spätere Oberflächenfunde (Josef Speck †) . . . . . 21 1 Zur Entdeckungsgeschichte . . . . . . 21 2 Die Sondiergrabung 1942/43 . . . . 21 3 Zum Fundgut der beiden Kulturschichten . . . . . . . . . . . . . . . 23 4 Spätere Oberflächenfunde im Siedlungsbereich . . . . . . . . . . . . . . 25 5 Zur kulturellen Stellung der neolithischen Funde . . . . . . . . . . . 25 6 Topographischer Zusammenhang zwischen den Grabungen 1942/43 und 1988–91 . . . . . . . . . . . . . . . . 26 7 Streufunde im Umkreis der Siedlung26 8 Fragment eines Einbaums . . . . . . . 28 III. Archäologische Untersuchungen seit 1987 (Brigitte Röder) . . . . . . . . 29 1 Beobachtungen in den Jahren 1987 und 1988 . . . . . . . . . . . . . . . 29 2 Die Rettungsgrabungen von 1988 bis 1991 . . . . . . . . . . . . . . . . 30 2.1 Verlauf der Grabungen . . . . . . . . . 30 2.2 Grabungstechnik und Dokumentation . . . . . . . . . . . . . . . 31 2.3 Der ausgegrabene Ausschnitt des horgenzeitlichen Siedlungsplatzes . 34 2.4 Die mesolithische Fundstelle . . . . . 34 3 Untersuchungen am Schlossberg 1989 und 1993 . . . . . . . . . . . . . . . 35 4 Rettungsgrabung Cosmetochem 1995 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 35 5 Weitere Untersuchungen . . . . . . . . 36 IV. Stratigraphische Beobachtungen (Kristin Ismail-Meyer, Philippe Rentzel, Brigitte Röder) . . . . . . . . . . 37 1 Von der Recherche der Versatzstücke zum lückenhaften Gesamtbild . . . . 37 1.1 Dynamik am Seeufer . . . . . . . . . . . 37 1.2 Erhaltungschancen für Erdschichten37 1.3 Ein Bild mit Fehlstellen . . . . . . . . . 38 2 Die natürliche Schichtabfolge . . . . 38 2.1 Die geologische Karte . . . . . . . . . . 38 2.2 Ergänzungen durch Bohrungen und geologische Gutachten . . . . . 39 2.3 Zwischenbilanz: Präzisierungen der geologischen Karte . . . . . . . . . 41 3 Archäologische Stratigraphien . . . . 41 3.1 Die Sondiergrabung 1942/43 . . . . 41 3.2 Sondierungen an der Sennweidstrasse 1987 . . . . . . . . . . 42 3.3 Rettungsgrabung Cosmetochem 1995 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 44 3.4 Sondierung auf Parzelle 750 im Jahr 2000 . . . . . . . . . . . . . . . . . 50 3.5 Rettungsgrabungen Sennweidstrasse 1988–91 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 55 3.5.1 Dokumentationslage . . . . . . . . . . . 55 3.5.2 Ziele und Fragestellungen . . . . . . . 58 3.5.3 Vorgehen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 58 3.5.4 Sedimentologische Beschreibung der Fotoprofile . . . . . . . . . . . . . . . 59 3.5.5 Schlussfolgerungen . . . . . . . . . . . 67 3.6 Rettungsgrabungen SumpfstrasseWest 1998/99: geologische Untersuchungen . . . . . . . . . . . . . . 73 3.6.1 Untersuchungsmethoden . . . . . . . 73 3.6.2 Schichtverhältnisse . . . . . . . . . . . . 74 3.6.3 Ergebnisse der Laboranalysen . . . . 77 3.6.4 Schlussfolgerungen . . . . . . . . . . . . 79 3.7 Chollerpark 1999/2000: geologische Untersuchungen . . . . 80 3.7.1 Einleitung und Fragestellung . . . . . 80 3.7.2 Methodik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 81 3.7.3 Geographische Lage des Chollerparks . . . . . . . . . . . . . . . . . 81 3.7.4 Die Sedimenttypen und ihre Entstehung . . . . . . . . . . . . . . . . . . 81 3.7.5 Die untersuchten Profile . . . . . . . . 85 3.7.6 Die Stratigraphie . . . . . . . . . . . . . . 86 INHALTSVERZEICHNIS Steinhausen_Sennweid 23.3.2007 14:07 Uhr Seite 5 6Inhaltsverzeichnis 3.7.7 Schichtbildungsprozesse . . . . . . . . 95 3.7.8 Rekonstruktion des Ablagerungsszenarios . . . . . . . . . . 96 3.7.9 Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . 98 V. Seespiegel und Ufernutzung in der Sennweid (Philippe Rentzel, Brigitte Röder . . . . . . . . . . . . . . . . . 99 1 Landschaftsund siedlungsgeschichtliche Daten . . . . 99 2 Fundstellen und vermuteter Seespiegel im Mesolithikum . . . . 104 3 Fundstellen und vermuteter Seespiegel im Neolithikum . . . . . 104 4 Fundstellen und vermuteter Seespiegel in der Bronzezeit . . . . 107 5 Fundstellen und vermuteter Seespiegel in der Eisenzeit und der römischen Zeit . . . . . . . . . . . . . . 109 6 Fundstellen und vermuteter Seespiegel vom Frühmittelalter bis ins Hochmittelalter . . . . . . . . . . . 111 7 Siedlungsund landschaftsgeschichtliche Aktivitäten der jüngsten Zeit 112 VI. Naturwissenschaftliche Datierungen 113 1 14C-Daten der Rettungsgrabungen 1988–91 und der Rettungsgrabung Cosmetochem (Renata Huber, Gishan Schaeren) . . . . . . . . . . . . . 113 1.1 Material und Methoden . . . . . . . 113 1.2 Resultate . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 114 2 Dendrochronologische Auswertungen der Rettungsgrabungen 1988–91 und der Rettungsgrabung Cosmetochem (Ulrich Ruoff) . . . . . . . . . . . . . . . . . 119 2.1 Probleme und Lösungen . . . . . . . 119 2.1.1 Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . 119 2.1.2 Die Zuverlässigkeit von Mittelkurven . . . . . . . . . . . . . . . . 120 2.1.3 Das Überprüfen von Mittelkurven 121 2.1.4 Entscheiden aufgrund von Dreiergruppen . . . . . . . . . . . . . . . 122 2.1.5 An der Grenze der Zuverlässigkeit 123 2.2 Die dendrochronologische Untersuchung der Hölzer vom Areal der Rettungsgrabungen 1988–91 126 2.2.1 Das Probenmaterial und die erste dendrochronologische Analyse . . 126 2.2.2 Der Aufbau und die Datierung von Mittelkurven . . . . . . . . . . . . . 126 2.2.3 Korrelationen und archäologischer Befund . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 129 2.2.3.1 Die Siedlungsareale . . . . . . . . . . . 129 2.2.3.2 Hinweise zur Bebauung . . . . . . . . 132 2.2.4 Fazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 135 2.3 Die dendrochronologische Untersuchung der Hölzer vom Areal der Rettungsgrabung Cosmetochem . . . . . . . . . . . . . . . 136 2.3.1 Das Probenmaterial und seine Analyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 136 2.3.2 Korrelationen und archäologischer Befund . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 138 2.3.3 Die absoluten Datierungen . . . . . 139 2.3.4 Fazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 139 VII. Befunde . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 143 1 Die Befunde der Rettungsgrabungen 1988–91 (Renata Huber) . . . . . . . 143 1.1 Ausgangslage . . . . . . . . . . . . . . . 143 1.1.1 Bemerkungen zur Dokumentation 143 1.1.2 Wenige dendrochronologisch abgesicherte Rekonstruktionen von Hausgrundrissen . . . . . . . . . . . . . 144 1.1.3 Mehrphasigkeit des Siedlungsplatzes . . . . . . . . . . . . . 144 1.1.4 Erhaltung . . . . . . . . . . . . . . . . . . 145 1.2 Zielsetzung und Vorgehen . . . . . 145 1.2.1 Zielsetzung . . . . . . . . . . . . . . . . . 145 1.2.2 Vorgehen . . . . . . . . . . . . . . . . . . 146 1.3 Befunde . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 147 1.3.1 Steinkonzentrationen (Befundnummern 23–46) . . . . . . 147 1.3.2 Lehm (Befundnummern 1–22) . . 152 1.3.3 Kombinationen von Pfahlfeld, Steinkonzentrationen und Lehmlagen . 157 1.3.4 Liegende Hölzer . . . . . . . . . . . . . 158 1.3.5 Rinden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 160 1.3.6 Artefaktverteilungen . . . . . . . . . . 160 1.4 Resultate . . . . . . . . . . . . . . . . . . 170 1.4.1 Die mesolithischen Befunde . . . . 171 1.4.2 Die spätneolithischen Befunde . . 171 1.5 Zusammenfassung . . . . . . . . . . . 179 2 Frühund hochmittelalterliche Fischfanganlagen am Zugersee: Ergebnisse der Rettungsgrabungen Sumpfstrasse-West 1998/99 (Eva Roth Heege, Stefanie Jacomet) 181 2.1 Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . 181 2.2 Die Befunde . . . . . . . . . . . . . . . . 182 2.2.1 Der obere Holzhorizont . . . . . . . . 182 2.2.2 Die mittlere Holzschicht . . . . . . . 184 2.2.3 Der untere Holzhorizont . . . . . . . 184 2.2.4 Datierung der Befunde . . . . . . . . 185 2.3 Die Funde . . . . . . . . . . . . . . . . . . 186 2.3.1 Netzschwimmer . . . . . . . . . . . . . 187 2.3.2 Bretter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 187 2.3.3 Teller und Griff . . . . . . . . . . . . . . 188 2.3.4 Reste von Reusen? . . . . . . . . . . . . 189 2.3.5 Übrige Funde . . . . . . . . . . . . . . . 190 2.4 Interpretation . . . . . . . . . . . . . . . 190 Steinhausen_Sennweid 23.3.2007 14:07 Uhr Seite 6 7 2.4.1 Anhaltspunkte für eine Flachsröste 190 2.4.2 Interpretation als Fischfanganlage 191 2.5 Ergebnisse der Untersuchung der botanischen Makroreste . . . . . . . 193 2.5.1 Fragestellung, Material und Methoden . . . . . . . . . . . . . . . . . . 193 2.5.2 Ergebnisse: das Pflanzenspektrum (mit Kurzverweis auf das zoologische Spektrum) . . . . . . . . 193 2.5.3 Diskussion . . . . . . . . . . . . . . . . . . 195 2.5.3.1 Rekonstruktion der Vegetation vor Ort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 195 2.5.3.2 Zur möglichen Funktion der Holzkonstruktionen . . . . . . . . . . . 195 2.5.4 Fazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 197 VIII. Die Funde . . . . . . . . . . . . . . . . . . 198 1 Das Fundmaterial der Sondiergrabung 1942/43 und Lesefunde aus dem Grabungsbereich (Irmgard Bauer, Eda Gross) . . . . . .198 1.1 Funde aus dem Neolithikum . . . . 198 1.1.1 Keramik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 198 1.1.2 Geweihartefakte . . . . . . . . . . . . . 200 1.1.3 Knochengeräte . . . . . . . . . . . . . . 201 1.1.4 Felsgestein . . . . . . . . . . . . . . . . . . 201 1.1.5 Silex . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 201 1.2 Funde aus der Spätbronzeund der Hallstattzeit . . . . . . . . . . . . . . 202 1.2.1 Keramik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 202 1.2.2 Bronze . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 202 1.3 Zeitlich unbestimmte Funde . . . . 203 1.3.1 Steinartefakte . . . . . . . . . . . . . . . 203 1.3.2 Holz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 203 2 Die Funde der Sondierungen von 1987 (Brigitte Röder) . . . . . . . . . . 203 3 Rettungsgrabungen 1988–91 . . . 204 3.1 Die geschlagenen Steinartefakte (Matthieu Honegger) . . . . . . . . . . 204 3.1.1 Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . 204 3.1.2 Kritische Auseinandersetzung mit der Stratigraphie . . . . . . . . . . . . . 205 3.1.3 Rohmaterialien . . . . . . . . . . . . . . 206 3.1.4 Technologie . . . . . . . . . . . . . . . . . 207 3.1.5 Allgemeine Charakteristika der Geräte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 209 3.1.6 Die mesolithische Komponente des Fundinventars . . . . . . . . . . . 211 3.1.7 Die neolithische Komponente des Fundinventars . . . . . . . . . . . . . . . 212 3.1.8 Bemerkungen zur räumlichen Verteilung der Silices . . . . . . . . . . 213 3.1.9 Die kulturellen Charakteristika des späthorgenzeitlichen Geräteinventars aus der Sennweid . . . . . 215 3.1.10 Zusammenfassung . . . . . . . . . . . 219 Kasten Paläolithische und mesolithische Silexfunde (Ebbe Nielsen) . . . . . . . 220 3.2 Die Keramikfunde (Brigitte Röder, Eda Gross) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 222 3.2.1 Pragmatische Zielsetzung: Statt regulärer Auswertung Konzentration auf zwei Aspekte . . . . . . . . . . . . . 222 3.2.2 Ausgangslage . . . . . . . . . . . . . . . 222 3.2.3 Sichtung des Fundmaterials . . . . . 223 3.2.4 Ergebnisse der Sichtung . . . . . . . 223 3.2.4.1 (Aufnahme-)Zustand der Keramikfunde und Folgen für die Auswertbarkeit . . . . . . . . . . . . . . 223 3.2.4.2 Charakterisierung der Horgener Keramik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 224 3.2.4.3 Vergleiche mit anderen Fundstellen und Datierung . . . . . . . . . . . . . . . 226 3.2.4.4 Fremdformen . . . . . . . . . . . . . . . 229 3.2.4.5 Keramikfunde anderer Zeitstellung236 3.3 Die Artefakte aus Felsgestein (Beatrice Ruckstuhl) . . . . . . . . . . . 238 3.3.1 Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . 238 3.3.2 Das Fragment einer Lochaxt . . . . 238 3.3.3 Beilklingen . . . . . . . . . . . . . . . . . . 240 3.3.3.1 Übersicht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 240 3.3.3.2 Gruppierungen . . . . . . . . . . . . . . 240 3.3.3.3 Datierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . 242 3.3.3.4 Vergleich mit den Beilklingen aus Hünenberg-Chämleten . . . . . . . . 242 3.3.3.5 Fragmente und Werkstücke von Beilklingen . . . . . . . . . . . . . . . . . . 243 3.3.3.6 Sägetechnik und Sägeplättchen . 243 3.3.3.7 Rohmaterialauswahl . . . . . . . . . . 244 3.3.3.8 Vergleich der Rohmaterialien aus Steinhausen-Sennweid und ZürichMozartstrasse . . . . . . . . . . . . . . . 245 3.3.3.9 Ergebnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 246 3.3.4 Die übrigen Steingeräte . . . . . . . 246 3.3.4.1 Klopfer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 246 3.3.4.2 Mühlen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 247 3.3.4.3 Schleifsteine . . . . . . . . . . . . . . . . 248 3.3.4.4 Netzsenker . . . . . . . . . . . . . . . . . 248 3.4 Schmuck aus Stein und Mollusken (Beatrice Ruckstuhl) . . . . . . . . . . . 249 3.4.1 Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . 249 3.4.2 Steinanhänger . . . . . . . . . . . . . . . 250 3.4.3 Flügelperlen und eine Scheibenperle . . . . . . . . . . . . . . . 250 3.4.4 Röhrenperlen und Anhänger aus Muscheln und Schnecken . . . . . . 250 3.5 Die Knochenund Geweihartefakte 252 3.5.1 Chronotypologie der Knochenund Geweihartefakte (Karlheinz Steppan) . . . . . . . . . . . 252 3.5.1.1 Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . 252 3.5.1.2 Knochenartefakte . . . . . . . . . . . . 252 Steinhausen_Sennweid 23.3.2007 14:07 Uhr Seite 7 naue Lokalisierung von archäologisch sensiblen Zonen, die durch die anstehenden Baumassnahmen gefährdet waren. Das Ergebnis der Sondierungen war einerseits fast sensationell, andererseits aber auch alarmierend: Man war grossflächig auf Überreste von urgeschichtlichen Siedlungen gestossen, die es gemäss dem gesetzlichen Auftrag der Kantonsarchäologie vor der unkontrollierten Zerstörung durch die Baumaschinen zu bewahren galt. Nach Ausweis der ersten Funde waren die entdeckten Siedlungsreste in die kaum bekannte Spätphase der Horgener Kultur zu datieren und liessen grundlegende Erkenntnisse über die Endphase dieser Kultur erwarten. Die Erwartungen wurden ausserdem durch den – für Zuger Verhältnisse – hervorragenden Zustand der gefundenen Hölzer verstärkt. Die aussergewöhnlich gute Erhaltung von Holz und anderen organischen Materialien versprach wichtige Aufschlüsse über die Baustrukturen des Dorfes und über das Alltagsleben seiner Bewohner und Bewohnerinnen in einer Zeit des Umbruchs und Wandels. Voraussetzung für all dies war freilich die Rettung der Horgener Siedlung vor der Baggerschaufel; die Sondierungen hatten nämlich gezeigt, dass grosse Teile durch ein Bauvorhaben unmittelbar gefährdet waren. In Absprache mit dem Bauherrn beschloss die Kantonsarchäologie, der drohenden Zerstörung zuvorzukommen und die Fundstelle noch vor Baubeginn planmässig auszugraben. Die Rettungsgrabungen, bei denen durchschnittlich 16 Personen aus dem Inund Ausland beschäftigt waren, dauerten von 1988 bis 1991. Sie waren das grösste und teuerste Grabungsprojekt, das jemals im Kanton Zug in Angriff genommen wurde. Es bot aber auch ausserordentliche Chancen: Man erhoffte sich, mit der planmässigen Ausgrabung der Siedlung Licht in einen kaum bekannten Zeitabschnitt der Urgeschichte zu bringen. Aussichtsreich waren auch die von Anfang an durchgeführten naturwissenschaftlichen Analysen: Sie sollten – beispielsweise durch die jahrgenaue Datierung von Bauhölzern – die Aussagen der archäologischen Quellen erweitern. Das während der Rettungsgrabungen 1988–91 geborgene Fundmaterial übertraf die Erwartungen sowohl in quantitativer als auch 14 I. Geschichtsquellen im Untergrund Abb. 3 Das nördliche Zugerseegebiet mit der Sennweid. Kartiert sind neolithische Seeufersiedlungen. Ihre Lage zeigt, dass das östliche Nordufer des Zugersees bereits im Neolithikum etwa dem heutigen Uferverlauf entsprach. Im Westen muss der Zugersee jedoch eine grosse Bucht gebildet haben, denn die einstigen Ufersiedlungen befinden sich heute im Landesinnern. Legende: 1: SteinhausenSennweid und Sondiergrabung 1942/43 2: SteinhausenCosmetochem 3: Zug-Galgen 4: Zug-Brüggli 5: Zug-Schutzengel 6: Zug-Schützenmatt 7: Zug-Vorstadt 8: Cham-Bachgraben 9: Cham-Sankt Andreas 10: Cham-Eslen 11: Hünenberg-Chämleten, Strandbad 12: Risch-Hechtmattli N 2 1 8 Steinhausen_Sennweid 23.3.2007 14:07 Uhr Seite 14 in qualitativer Hinsicht. Neben den immensen Fundmengen war es die für eine neolithische Siedlung am Zugersee aussergewöhnlich gute Erhaltung von organischen Materialien, die zunächst ins Auge sprang. Sie ist dem sumpfigen Untergrund zu verdanken, der bis zu seiner Entwässerung in den 1940er-Jahren mit seinem konstant feuchten, moorigen Boden gute Konservierungsbedingungen bot. Die Geräte aus Knochen, Hirschgeweih und Holz sowie die Reste von Nahrungsmitteln sind denn auch eine wertvolle Ergänzung zu den robusteren Alltagsrelikten aus Stein und Keramik, die sonst häufig die einzigen Fundgattungen ausmachen. 4 Untersuchungen am Schlossberg im Jahre 1993 Dass der am Nordrand der Sennweid gelegene Schlossberg archäologisch ebenfalls interessant sein könnte, war schon aufgrund seiner Topographie zu vermuten. Erste Hinweise auf eine urgeschichtliche Besiedlung ergaben sich im Jahre 1993: Neben zwei neolithischen Keramikscherben, die am Südwesthang entdeckt wurden, lieferten Sondierungen der Kantonsarchäologie am Südwestfuss des Hügels Artefakte aus der Bronzeund der Eisenzeit3. 5 Rettungsgrabung Cosmetochem im Jahre 1995 Rettungsgrabungen unter Zeitund Finanzdruck sind in der Kantonsarchäologie der Normalfall, auf den mit einer gewissen Routine reagiert wird. Besondere Anforderungen stellen unerwartete Fundmeldungen bei laufendem Baubetrieb, die blitzschnelles Handeln erfordern. Eine solche Situation ergab sich am Abend des 20. Februars 1995, als Johannes Weiss, Ausgrabungstechniker bei der Kantonsarchäologie, in einer Baugrube einige zugespitzte Holzpfähle entdeckte. Bereits am nächsten Morgen startete eine eilends angesetzte Rettungsaktion, die unter widrigsten Bedingungen parallel zu den Aushubarbeiten erfolgte (Abb. 4). Von einer ordentlichen Ausgrabung konnte nicht die Rede sein: Die kleine Grabungsequipe musste sich auf eine punktuelle Dokumentation der Schichtverhältnisse beschränken und konnte auch nur diejenigen Funde bergen, welche die Baggerschaufel zufällig freilegte oder die sich anschliessend noch im Abraum fanden. Gut dokumentiert sind dagegen die rund 400 Pfähle, die eingemessen und – sofern möglich – für eine dendrochronologische Untersuchung geborgen wurden. Angesichts dieser ungünstigen Voraussetzungen sind die Ergebnisse der Rettungsaktion umso erfreulicher. Die Funde und Bauhölzer aus bis dahin nicht belegten Epochen erweitern die Kenntnisse der Siedlungsgeschichte der Sennweid. Wichtig sind auch die stratigraphischen Beobachtungen, da sie – wie sich im Laufe der Arbeit an diesem Buch zeigte – ein wichtiges Element zum Verständnis der Abfolgen von natürlichen und archäologischen Bodenschichten in der Sennweid darstellen. 6 Flechtzäune im Boden: Rettungsgrabungen Sumpfstrasse-West 1998/99 Mit jedem neuen Eingriff in den Boden sind weitere Überraschungen möglich – auch wenn nicht immer auf Anhieb klar ist, worum es sich handelt. Das war beispielsweise im Februar 1998 der Fall, als Sondierungen im Vorfeld eines Bauprojektes etliche Pfähle und bearbeitete Hölzer ans Tageslicht beförderten. Da datierbare Begleitfunde (beispielsweise Keramikscherben oder Metallgegenstände) fehlten, blieben Bedeutung und Zeitstellung der neuen Fundstelle zunächst unklar. Zwei kleine 1998 und 1999 durchgeführte Grabungen machten die Sache dann noch spannender: Zahlreiche bearbeitete Hölzer sowie gut erhaltene, niedrige Zäune aus Weidengeflecht waren zwar sichere Belege für menschliche Aktivitäten an dieser Stel3 Gnepf 1995, 60–65. 15 4–6 Untersuchungen und Grabungen Schlossberg, Cosmetochem und Sumpfstrasse-West Abb. 4 Steinhausen, Rettungsgrabung Cosmetochem im Februar 1995. Die Rettungsgrabung fand unter enormem Zeitdruck und widrigsten Wetterverhältnissen parallel zu den Aushubarbeiten statt. Steinhausen_Sennweid 23.3.2007 14:07 Uhr Seite 15 le, doch wer hier wann was gemacht hatte, blieb auch weiterhin offen. Die Antwort auf diese Fragen brachte erst die Auswertung der archäologischen Quellen sowie die sedimentologische und botanische Analyse der an der Fundstelle entnommenen Bodenproben: Bei den rätselhaften Flechtzäunen handelt es sich wahrscheinlich um Fischfanganlagen aus dem 8. bis 11. Jahrhundert n. Chr., die einst im Flachwasser des Zugersees standen. 7 Aussergewöhnliche Funde beim Chollerpark Stefan Hochuli Seit den Entdeckungen im Baugebiet Sumpfstrasse-West war klar, dass im Bereich der verlandeten Seebucht mit Funden gerechnet werden musste. Im Sommer 1999 gelang es der Kantonsarchäologie Zug im Rahmen von Sondierarbeiten, auf dem zur Überbauung vorgesehenen Gelände Chollerpark eine ausserordentliche Fundstelle zu lokalisieren. Rund 600 m südöstlich der Areale der Rettungsgrabungen 1988–91 und Cosmetochem stiessen die Archäologen auf tausende von rätselhaften Holzobjekten aus der Bronzezeit (Abb. 5). In einer eilig organisierten Rettungsgrabung wurden auf einer Fläche von rund 5000 m2 neben tausenden von unbearbeiteten Hölzern knapp 2400 Bauhölzer geborgen (Abb. 6). Im Wesentlichen handelt es sich um Strandgut, das am Nordufer einer heute verlandeten, ursprünglich weit nach Norden reichenden Bucht des Zugersees abgelagert wurde. An derselben Bucht befanden sich einst die bronzezeitlichen Dörfer von Zug-Sumpf4sowie die urgeschichtlichen Dörfer der Sennweid. Etliche Gegenstände vom Chollerpark scheinen von Booten zu stammen. Zudem sind rund 65 Paddel und paddelartige Objekte zum Vorschein gekommen. Rätselhaft bleibt die Funktion von insgesamt fünf trapezförmigen Holzrahmen, von denen sich zwei noch im Verband befanden (Abb. 7). Sie weisen Längen zwischen 7 m und 15 m auf und werden versuchsweise als Arbeitsplattform, Uferverbauung oder Fischfanganlage interpretiert. Die im Grundwasser erhaltenen Funde stammen aus zwei Schichten. Die obere datiert in die Spätbronzezeit (1060–860 v. Chr.), die untere hat vor allem Daten aus dem Übergang von der Mittleren zur Späten Bronzezeit erbracht (erste Hälfte 14. Jahrhundert v. Chr.). Das reiche Ensemble 16 I. Geschichtsquellen im Untergrund Abb. 5 Steinhausen-Chollerpark, Grabung 1999/2000. In rund 1 m Tiefe kamen tausende von bronzezeitlichen Hölzern zum Vorschein, die sich dank ihrer Einlagerung im Grundwasser erhalten hatten. Abb. 6 Steinhausen-Chollerpark, Grabung 1999/2000. Es konnten rund 2400 Bauhölzer mit speziellen Bearbeitungen dokumentiert werden. Abb. 7 Steinhausen-Chollerpark, Grabung 1999/2000. Erhalten haben sich auch Reste von bis zu 15 m langen trapezförmigen Holzrahmen, wovon sich zwei noch im Verband befanden. Ihre Verwendung bleibt rätselhaft. Steinhausen_Sennweid 23.3.2007 14:07 Uhr Seite 16 aus Bauhölzern, Schiffsteilen und Paddeln sowie insbesondere die rätselhaften Rahmenkonstruktionen sind in Europa bisher einzigartig. Die Fundstelle wurde bereits ausführlich publiziert.5 8 Kein abgeschlossenes Kapitel: Die Forschung geht weiter Der Untergrund der Sennweid scheint ein schier unerschöpfliches Reservoir archäologischer Quellen zu sein. Die bereits bekannten Fundstellen erstrecken sich über die ausgegrabenen Areale hinaus bis in Bereiche hinein, die noch nicht untersucht wurden. So ergaben Sondierungen auf einer grossen Parzelle, die zwischen den Arealen der Rettungsgrabungen 1988–91 und der Grabung Cosmetochem liegt, dass die bereits ausgegrabenen Siedlungsplätze bis auf die Nachbarparzelle reichen. Selbst die grossflächigen Rettungsgrabungen von 1988 bis 1991 haben also nur Ausschnitte der urgeschichtlichen Siedlungsplätze erfasst. Dass sie von beachtlicher Grösse gewesen sein müssen, lassen auch Lesefunde auf einem Acker nordwestlich des Bereichs der Rettungsgrabungen 1988–91 vermuten, die Daniela Arnold, eine ehrenamtliche Mitarbeiterin der Kantonsarchäologie, dort im Jahre 1993 aufsammelte. Darüber hinaus ist aber auch mit neuen Fundstellen zu rechnen. Dies legen die zahlreichen von Michael Speck gemachten Lesefunde aus den 1940erund 1950er-Jahren ebenso nahe wie jene des Schülers Aldo Laim aus dem Jahre 1992, die fast über das gesamte Gebiet der Sennweid streuen. Man darf gespannt sein, welche Aufschlüsse weitere archäologische Untersuchungen hier noch erbringen werden. Mit der ersten Bilanz, die wir in diesem Buch ziehen, wird die Erforschung der Sennweid also bei weitem nicht abgeschlossen sein. 4 Seifert et al. 1996. 5 Eberschweiler 2004; Hochuli/Röder 2001. 17 7 Chollerpark 8 Ausblick Steinhausen_Sennweid 23.3.2007 14:10 Uhr Seite 17 18 I. Geschichtsquellen im Untergrund Eine Ausgrabung, die zu reden gab … Von Stefan Hochuli Zuger Archäologie in Bewegung Während Jahrzehnten lag die archäologische Forschung im Kanton Zug in den Händen von Privatpersonen und Amateuren. Vor der Schaffung der vollamtlichen Kantonsarchäologenstelle im Jahre 1986 wurden die entsprechenden Aufgaben meist ehrenamtlich wahrgenommen. In den Jahren 1988 und 1989 gelangte das Gesetz über Denkmalpflege, Archäologie und Kulturgüterschutz (Denkmalschutzgesetz) in die politische Beratung und wurde am 26. April 1990 in Kraft gesetzt. Damit war der Grundstein für eine zweckmässige Organisation der Archäologie im Kanton Zug gelegt. Dies führte auch zur personellen Aufstockung des Kantonalen Museums für Urgeschichte beziehungsweise zur Einrichtung der vollamtlichen Konservatorenstelle per 1990. Mit der Schaffung der Kantonsarchäologenstelle wurde die Institution zwar finanziell ausgebaut, die personelle Infrastruktur jedoch vorerst nicht angemessen verstärkt. Dies führte dazu, dass viele der anfallenden Aufgaben nicht mit eigenem Personal, sondern nur mit Hilfe auswärtiger Dienstleister bewältigt werden konnten, was sich nachteilig auf die Kontinuität der Arbeit und die Qualität zahlreicher Rettungsgrabungen auswirkte. Zudem entschied der Regierungsrat am 3. Juli 1990, die Kantonsarchäologenstelle per 1. April 1991 neu zu besetzen. In diese Phase dynamischen Aufund Umbaus der Kantonsarchäologie Zug fiel die Rettungsgrabung der neolithischen Dörfer in der Sennweid. In der Zeit zwischen Juli 1988 und Februar 1991 wurde in zwei Etappen eine Grabung in einer für den Kanton Zug bisher unbekannten Grössenordnung durchgeführt: insgesamt rund 30 Mitarbeitende, 2,8 Mio. Fr. Gesamtkosten, 3800 m2Grabungsfläche, 5000 Pfähle, 1400 kg Keramik, rund 400 Steingeräte, etwa 7000 Silexfunde, viele hundert Knochenund Hirschgeweihgeräte sowie über 10000 unbearbeitete Knochen und Hirschgeweihteile. Rekordverdächtig waren allerdings nicht nur die während der Grabung geborgenen Funde sowie die dabei angefallenen Daten, sondern es gab auch noch nie eine archäologische Untersuchung derart viel zu reden. Die Ausgrabungen schlugen in der Politik und in der Öffentlichkeit hohe Wellen und schrieben so archäologische Forschungsgeschichte. Es erscheint deshalb angebracht, den Verlauf der damaligen Debatte stichwortartig nachzuzeichnen.1 Eine Entdeckung mit Folgen Im Sommer 1987 stiess man bei Sondierungen für einen Industriebau auf die prähistorischen Seeufersiedlungen in der Sennweid. Da die Erforschung dieser Fundstelle, welcher von den Verantwortlichen nationale Bedeutung beigemessen wurde, mit dem ordentlichen Jahresbudget nicht durchzuführen war, unterbreitete die Baudirektion dem Regierungsrat einen Zusatzkredit. Die Rettungsgrabung begann am 1. Juli 1988 und endete offiziell am 1. März 1989. Mit den Arbeiten wurde das Büro BATS (Bureau d’Archéologie Terrestre et Subaquatique) von Nagui Elbiali beauftragt. Für die Grabung auf einer Fläche von rund 800 m2wurden insgesamt Fr. 900000.– aufgewendet. Die Ausgrabung fand bei Bevölkerung und Fachwelt grosse Beachtung. Die in der Zwischenzeit vorgesehene Erweiterung des Bauprojektes hatte zur Folge, dass eine wesentlich grössere Fläche der prähistorischen Siedlung von der Zerstörung bedroht wurde, als ursprünglich geplant war. Deshalb wurde eine zweite Grabungskampagne geplant, mit der zusätzlich rund 1600 m2untersucht werden sollten. Am 12. Juni 1989 beantragte der Regierungsrat dem Parlament dafür einen Kredit von 4,3 Mio. Fr. Die Staatswirtschaftskommission forderte den Einsatz einer vorberatenden Kommission. Diese Aufgabe wurde der kantonsrätlichen Kommission übertragen, welche auch mit der bereits laufenden Beratung des Denkmalschutzgesetzes beauftragt worden war. Am 18. Juli 1989 wurde eine Interpellation der Kantonsräte Hanspeter Uster und Madeleine Landolt betreffend archäologische Grabung Sennweid eingereicht, und auch in der Presse häuften sich die kritischen Stimmen zur Sennweid-Grabung: Unter anderem wurde der Verdacht geäussert, dass die zweite Etappe ohne Kreditbewilligung bereits in Angriff genommen worden sei, denn offensichtlich wurde trotz des offiziellen Endes der ersten Etappe per 1. März 1989 auf der Sennweid bis Ende Juni 1989 weiter gegraben. Zudem wurden kritische Fragen zur organisatorischen und wissenschaftlichen Integrität des Grabungsleiters gestellt, und auch die Kosten-NutzenAnalyse beziehungsweise die Verhältnismässigkeit der archäologischen Arbeiten gaben zu reden. Es entstand eine längere politische und öffentliche Debatte. Zudem wurde eine eigens für die Sennweid-Grabung bestimmte archäoSteinhausen_Sennweid 23.3.2007 14:10 Uhr Seite 18 19 logische Expertengruppe eingesetzt. Schliesslich bewilligte der Kantonsrat am 1. Februar 1990 in zweiter Lesung einen Kredit in der Höhe von 2,5 Mio. Fr. In der Zeit zwischen dem 3. April 1990 und dem 28. Februar 1991 fand die zweite Grabungsetappe auf effektiv 3000 m2statt. Diese stiess bei Bevölkerung und Fachleuten erneut auf grosses Interesse. Die Baudirektion vermeldete, dass trotz des gekürzten Kredits die bereitgestellten finanziellen Mittel ausreichten, die Qualität der Grabung gewährleistet sei und der Terminplan eingehalten würde. Dennoch entwickelte sich die Situation ungünstig. So gestaltete sich die Zusammenarbeit zwischen dem beauftragten Grabungsbüro einerseits und der archäologischen Fachkommission und der Kantonsarchäologie andererseits zunehmend schwierig, insbesondere in der Zeit nach der Grabung und in der Phase der beginnenden Aufarbeitung und Auswertung. So sah sich der Kanton Zug unter anderem zwischen 1995 und 1999 mit zwei gerichtlichen Klagen konfrontiert, welche finanzielle Forderungen aus der Zeit der ersten Grabungsetappe zum Inhalt hatten und durch aussergerichtliche Vergleiche abgewendet werden konnten. In der Zwischenzeit bewilligte der Bund eine finanzielle Unterstützung der Grabungen in Höhe von Fr. 375400.–, und im Jahre 2000 genehmigte der Kantonsrat die Schlussabrechnung für die archäologische Ausgrabung «Sennweid – 2. Etappe». Nach der juristischen und finanziellen Aufarbeitung der Grabung Sennweid erstellte eine neu ins Leben gerufene Projektgruppe innerhalb der Kantonsarchäologie zuerst einmal eine Bestandesaufnahme über das Fundmaterial und die nach Grabungsund Prozessende überhaupt noch greifbaren, dem Kanton Zug ausgehändigten Teile der Dokumentation. Danach wurden die Auswertungsarbeiten der über die ganze Schweiz und darüber hinaus verstreuten Spezialisten miteinander koordiniert, deren Beiträge inhaltlich und formal aufeinander abgestimmt, Lücken in der Auswertung – soweit möglich – geschlossen und die hier vorliegende Publikation vorbereitet. 1 Die Debatten schlugen sich auch in der Zuger Presselandschaft nieder: Zuger Nachrichten, 27. Mai 1988; LNN, 15. Juni 1988; Zuger Tagblatt, 24. Juni 1988; Zuger Tagblatt, 30. Juli 1988; Zuger Tagblatt, 28. Juni 1989; Zuger Tagblatt, 18. Juli 1989; Zuger Nachrichten, 19. Juli 1989; Zuger Tagblatt, 19. Juli 1989; Vaterland, 19. Juli 1989; Zuger Tagblatt, 26. August 1989; Zuger Nachrichten, 28. August 1989; LNN, 28. August 1989; Zuger Tagblatt, 28. August 1989; Zuger Nachrichten, 6. September 1989; Zuger Tagblatt, 6. September 1989; LNN, 7. September 1989; Vaterland, 7. September 1989; Zuger Tagblatt, 25. November 1989; Zuger Tagblatt, 22. Dezember 1989; Zuger Nachrichten, 18. Juli 1990; Zuger Nachrichten, 20. Juli 1990; Zuger Nachrichten, 28. August 1990; Zuger Tagblatt, 28. August 1990; Zuger Zeitung, 28. August 1990; Zuger Tagblatt, 19. November 1990; Zuger Nachrichten, 28. Februar 1991; Neue Zuger Zeitung, 16. Juni 2000; Neue Zuger Zeitung, 1. September 2000. Steinhausen_Sennweid 23.3.2007 14:10 Uhr Seite 19 20 I. Geschichtsquellen im Untergrund Noch während der Ausgrabung entstand die Idee, nicht nur die ausgegrabenen archäologischen Überreste, sondern auch den Ausgrabungsvorgang selber zu dokumentieren. Die kantonale Erziehungsdirektion fragte den aus Zug stammenden Filmemacher Erich Langjahr an, ein auch für Schulen verwendbares Video zu produzieren. Mit einem namhaften finanziellen Beitrag des Kantons Zug entstand in der Folge der Film «Unter dem Boden» (16 mm, 35 Minuten)1. Der Film feierte am 17. Oktober 1992 am internationalen Festival des Dokumentarfilms in Nyon seine Vorpremiere2und am 4. November 1992 im Zuger Burgbachkeller seine Premiere3. Der Film vermittelt ein lebendiges Bild von der Stimmung auf einer archäologischen Ausgrabung. Die Bevorzugung einer lebhaften Bildsprache gegenüber einer nüchternen Wissensvermittlung im Film ist beabsichtigt. Im Gegensatz zu einem vom Schweizer Fernsehen DRS im Januar 1989 ausgestrahlten Beitrag über die Ausgrabungen in Steinhausen4verzichtet der Film von Erich Langjahr fast gänzlich auf einen gesprochenen oder geschriebenen Kommentar, die Filmbilder sprechen für sich. Für die Verwendung des Films als Lehrmittel ergab sich dennoch die Notwendigkeit einer didaktisch ausgerichteten Begleitpublikation. Mit der zur Premiere erschienen Schrift «Archäologische Ausgrabungen in der Sennweid bei Steinhausen Zug» wird der Film auf eine populärwissenschaftliche Art mit archäologischen Sachkenntnissen ergänzt.5Daraus zitieren wir die «Gedanken des Filmemachers»: «Vor 10000 Jahren, am Ende der letzten Eiszeit, ziehen sich die Gletscher zurück. Sie machen Platz für neues Leben. Auch hier im schweizerischen Mittelland. Die ersten Bauern siedeln sich an. Überall – in ganz Europa. Das war vor 7000 Jahren. Und sie haben nichts aufgeschrieben. Im Gleichschritt mit der Bautätigkeit unserer Zeit sind die Archäologen überall mit Ausgraben beschäftigt. Im Betonzeitalter droht den urgeschichtlichen Altertümern im Boden die totale Zerstörung. Die Archäologen retten, was zu retten ist. Sie graben sich von einer Notgrabung zur andern. Die Museen sind randvoll. Die Zeit fehlt, um die Bedeutung der einzelnen Grabungen abzuklären. Doch vorerst geht es darum, die Kultursituation unter dem Boden sichtbar zu machen und die gefundenen Kulturgüter sicherzustellen. Es gibt ein Bedürfnis nach Abenteuer in unserer Zeit. Ein Bedürfnis nach etwas, was ich nicht kenne, nach dem Unbekannten, dem Unbewussten. Nach unten graben. Die Wahrheit suchen. Nach unten hoffen, nachdem der Glaube an das Oben schwieriger geworden ist. Eine junge Generation schaut unter den Boden, auf der Suche nach dem Menschen. Graben, schauen, suchen, finden, ergründen, in einer Zeit, wo es scheinbar nichts mehr zu entdecken gibt. Wo alles bestimmt, kalkuliert, berechnet und kauffertig zum Konsum angeboten wird. Wo der eigene Wert immer mehr von aussen bestimmt wird. In dieser Zeit gibt es ein Bedürfnis nach dem Subjektiven, nach Erlebnis, nach Sinn. Suchen und graben. Unter den Boden greifen. Begreifen. In der Erde wühlen wie Maulwürfe, Haufen aufstossen, Schichten freilegen, durchtrennen und entblättern. Den Untergrund durchsieben und seinen Gehalt prüfen. Funde befragen und deren Sprache entziffern. Und weiter in die Tiefe schürfen, als ob die Höhen des Himmels verloren wären, um sich zu finden. Woher komme ich? Was für ein Boden trägt mich? ‹Unter dem Boden› ist meine Begegnung mit der Zeit – ist mein Erlebnis und meine Hoffnung, einen Fund zu machen.»6 1 Am 19. September 1988 und am 25. März 1991 sprach der Regierungsrat den Kredit beziehungsweise den Nachtragskredit für die Herstellung des Films. 2 Zuger Zeitung, 8. Oktober 1992; Zuger Nachrichten, 29. Oktober 1992. 3 Zuger Nachrichten, 6. November 1992; Zuger Zeitung, 7. November 1992. 4 Sonntagsmagazin vom 22. Januar 1989, 22 Minuten. 5 Hochuli 1992. 6 Erich Langjahr in: Hochuli 1992, 1. Videokopien des 16-mm-Films können bei der Kantonsarchäologie Zug bezogen werden. Der Film «Unter dem Boden» Von Stefan Hochuli Steinhausen_Sennweid 23.3.2007 14:10 Uhr Seite 20 1 Zur Entdeckungsgeschichte Man schrieb das Kriegsjahr 1942. Um der drohenden Nahrungsmittelknappheit zu begegnen, mussten ausserordentliche Massnahmen ergriffen werden. Der «Plan Wahlen»6sah eine Steigerung der einheimischen Getreideproduktion um 100 Prozent vor. Seine praktische Umsetzung ist als «Anbauschlacht» in die Geschichte eingegangen. Auch die zugerische Landwirtschaft hatte ihren Beitrag zu leisten. So wurde die sumpfige Sennweid ins Meliorationsprogramm miteinbezogen. Die Entwässerung des rund 8 ha grossen Geländes erfolgte in üblicher Weise durch ein fächerförmig angelegtes System von Drainagegräben mit offen geführtem Vorfluter (Abb. 8). Ein glücklicher Zufall will es, dass uns die komplizierte Anlage durch eine zeitgenössische Luftaufnahme der Eidgenössischen Landestopographie vom 24. Juni 1942 auch im Bilde überliefert ist (Abb. 9).7 Im Zuge der kurz vorher – Ende Mai! – erfolgten Eindeckung der Gräben und Einebnung des Areals stiess ein internierter polnischer Soldat auf eine etwas verbogene Lanzenspitze aus Bronze (Kat. 79, Abb. 10; vgl. Kap. VIII.1.2.2). Es erfolgte zwar keine Fundmeldung, doch ein entsprechendes Gerücht hielt sich hartnäckig. Als es Albert Weiss, dem unermüdlichen und zeitlich weitgehend unabhängigen Mitarbeiter von Michael Speck zu Ohren kam, ging er der Sache nach. Die Bronzelanze war indessen bereits nach dem luzernischen Römerswil am Lindenberg gelangt. Am 26. Juni 1942 fand sie den Weg zurück ins Kantonale Museum für Urgeschichte Zug. Ihr Fundort wird mit dem Hinweis «beim zweiten Hochspannungsmast» näher umschrieben (Abb. 11,1). Anschliessende Geländebegehungen von Albert Weiss und Michael Speck erbrachten eine Reihe weiterer Oberflächenfunde (Abb. 11,2), so einen Klopfstein, eine Klinge aus weissem Silex, eine Hirschgeweihsprosse und ein Schädelfragment mit Geweihansatz, ebenfalls vom Hirsch.8Man hatte es also nicht bloss mit einem Einzelfund zu tun, sondern man war auf einen neuen Siedlungsplatz, seiner Lage nach einen «Pfahlbau», gestossen. Er erhielt aufgrund des Flurnamens die Bezeichnung «Sennweid». 2 Die Sondiergrabung 1942/43 Gesicherte Anhaltspunkte über die Schichtverhältnisse sowie die zeitliche und kulturelle Einstufung der neuen Siedlung konnten nur von Sondierungen erwartet werden. Trotz der widrigen Zeitumstände entschloss sich Michael Speck dazu. Der damalige Besitzer der Parzelle 2339gab bereitwillig seine Zustimmung. Noch war die Sommerernte abzuwarten, denn das Meliorationsgebiet war, alles im Zeichen der «Anbauschlacht», bereits mit einem Tiefpflug umge6 Nach Friedrich Traugott Wahlen (1899–1985), Professor für Pflanzenbau an der ETH 1943–49, dann Direktor und Generaldirektor der FAO (Food and Agriculture Organization der Vereinten Nationen), schliesslich Bundesrat 1959–65. Er war der Schöpfer des Schweizerischen Anbauwerkes, in dessen Verlauf die offene Anbaufläche von 210000 ha (1939) auf etwa 336000 ha (1945) ausgedehnt wurde. Im gleichen Zeitraum verdoppelte sich die Getreideproduktion, die Kartoffelernte verdreifachte sich und jene von Gemüse stieg sogar um das Vierfache an (Aargauer Zeitung, 10. April 1999). 7 Für Vermittlung und Reproduktionserlaubnis danken wir dem Bundesamt für Landestopografie, Wabern BE. 8 Originalzitat im Rapport von Michael Speck vom 26. Mai 1942: «E der Bahnlinie Zug-Steinhausen, beim 2. Hochspannungsmast» (vgl. Archiv Josef Speck – AJS, KA ZG –, das auch weiteren zitierten Stellen zugrunde liegt). 9 Josef Schlumpf, Landwirt, Vorderhöf, Steinhausen. Ihm sei an dieser Stelle für sein Entgegenkommen posthum gedankt. Im Zuge der Güterzusammenlegung ging das Grundstück ins Eigentum der Erbengemeinschaft Meyer, Schlosshof, über. Heute ist es überbaut. 21 1 Entdeckungsgeschichte 2 Sondiergrabung 1942/43 II. Die Sondiergrabung in den Jahren 1942 und 1943 und spätere Oberflächenfunde Von Josef Speck † Die ersten archäologischen Untersuchungen auf dem Gebiet der Sennweid fanden in den Jahren 1942/43 statt. Damals wurde in der Sennweid im Rahmen der sogenannten Anbauschlacht ein Entwässerungssystem angelegt. Im Zuge dieser Arbeiten kamen archäologische Funde zutage, die den Privatforscher Michael Speck veranlassten, eine erste Sondiergrabung durchzuführen. Die Grabungsequipe stiess zunächst auf die Überreste einer spätbronzezeitlichen Siedlung. Darunter fanden sich weitere Siedlungsreste der Horgener Kultur, die auch zwei schnurkeramische Scherben lieferten. Weitere neolithische sowie mesolithische und römische Oberflächenfunde aus dem näheren und weiteren Umkreis der Grabungsstelle deuteten schon damals an, dass die Sennweid ein archäologisch interessantes Gebiet sein dürfte. Steinhausen_Sennweid 23.3.2007 14:10 Uhr Seite 21 brochen und sogleich als Ackerland genutzt worden. Anfangs September 1942 war es so weit. Michael Speck konnte mit der Sondierung beginnen. Er setzte sie linksseitig am Oberende des offenen Vorflutgrabens an (Abb. 11,3). Sie stand, nicht zuletzt angesichts des dramatischen Zeitgeschehens, unter keinem guten Stern.10 Nach drei Samstagnachmittagen bekennt der Ausgräber gegenüber Otto Tschumi, Konservator am Historischen Museum Bern, dass er sich hinsichtlich Stratigraphie und Lage des Siedlungszentrums noch nicht ganz im Klaren sei.11 Dann aber kommt er zur Einsicht, dass unter einem durch die aufgefundene Lanzenspitze gleichsam angekündigten (spät-)bronzezeitlichen Horizont nach einer fundleeren Zwischenschicht noch eine jungsteinzeitliche Kulturschicht folgen müsse, die auf der Seekreide liegt. Zusammenfassend kann das von ihm erkannte Profil wie folgt dargestellt werden:12 – 30 cm: Rasen – 20 cm: «Turben» (Torf), Bronzezeitschicht 22 II. Sondiergrabung 1942/43 und spätere Oberflächenfunde Abb. 8 Meliorationswerk SteinhausenSennweid. Projektplan Albert Hilfiker, Februar 1942. Eingezeichnet sind die ungefähre Lage der Sondiergrabung von Michael Speck 1942/43 sowie der Fundort der Lanzenspitze. Original-Massstab 1:1000, stark vereinfacht. Fundort Bronzelanze Sondiergrabung 1942/43 050 100 m Weg Offener Vorfluter Hochspannungsleitung Parz. 233 Parz. 231 Parz. 230 Parz. 229 Parz. 232 417 416,25 417,50 418 418,50 416,50 N Abb. 9 Meliorationswerk SteinhausenSennweid. Flugaufnahme des Drainagenetzes vom 24. Juni 1942. Reproduziert mit Bewilligung von swisstopo (BA057554). Steinhausen_Sennweid 23.3.2007 14:10 Uhr Seite 22 – 20 cm: «eine Art Turben», Zwischenschicht – 20 cm: «eine Art Turben», neolithische Fundschicht – Seekreide Die jungsteinzeitliche Kulturschicht ist von vielen Steinen durchsetzt, die eine pflasterähnliche Anordnung annehmen können (Gehhorizont?). Das gesamte Schichtpaket über der Seekreide erinnert an Torf und führt viele Holzreste. Die Pfahlstümpfe sind tadellos erhalten («chärngsund»). Eigentlicher Decklehm, wie man ihn in Analogie zu den Schichtverhältnissen im Sumpf13 erwarten könnte, fehlt. Die Sondierung in der Sennweid dauert bis anfangs April und muss dann mit Rücksicht auf die Aussaat, aber auch aus finanziellen Gründen unterbrochen werden. Ihre Wiederaufnahme war zwar vorgesehen, ist dann aber unterblieben, wohl nicht zuletzt deshalb, weil die Entdeckung der römischen Mühlenanlage in der Lorzenniederung bei Hagendorn14 in der Folgezeit alle verfügbaren Arbeitskräfte in Anspruch nahm. 3 Zum Fundgut der beiden Kulturschichten Die jungsteinzeitliche Schicht wartete mit einem erfreulich zahlreichen Fundgut auf. Zwar musste den Ausgräber das Fernbleiben von Beilklingen und Werksteinen mit Sägeschnitten zunächst befremden, umso willkommener waren dafür die Hirschgeweihund Knochengeräte (Tafel 7 und 8; vgl. Kap. VIII.1.1.2 und VIII.1.1.3), die ja in den Uferstationen des Zugersees zu den Raritäten zählen. Auch die Erhaltung tierischer und pflanzlicher Abfälle war ausgezeichnet. Demgegenüber war der Fundanfall in der bronzezeitlichen Schicht eher bescheiden, was möglicherweise damit zusammenhängt, dass die Siedlung nur randlich angeschnitten wurde. In erster Linie sind hier zwei aus zahlreichen Bruchstücken zusammensetzbare Tongefässe zu nennen, die sich in Form und Verzierungsart eng an jene der knapp 1 km entfernten spätbronzezeitlichen Ufersiedlung «Sumpf» anschliessen15 (vgl. Kap. VIII.1.2.1). Die Bronzezeitschicht muss offenbar ansehnliche Reste von Holzkonstruktionen aufgewiesen haben.16 Balken mit Beilhiebspuren wurden dem KMUZ überwiesen, sind aber mangels Konservierungsmöglichkeiten nicht erhalten geblieben. Hervorzuheben ist das 10 Dem Ausgräber Michael Speck, damals 63-jährig und noch berufstätig, standen nur die freien Samstagnachmittage zur Verfügung. Insofern glich die Situation jener auf der Spätbronzezeitstation «Sumpf» (1923–37), doch musste er auf seine gewohnte Mitarbeiterequipe (Albert Weiss und Josef Speck jun.) verzichten, da sich diese im Militärdienst befanden. So war er auf sich selbst gestellt. Nur das Abgraben der fundleeren Deckschichten konnte er später einem Bauhandlanger überlassen. Auch die Verkehrsverhältnisse waren, wieder durch die Ungunst der Kriegszeit bedingt, miserabel. So schlug Speck wohl oder übel den gleichen Weg ein, den er zur Zeit der Sumpfgrabung benutzt hatte, nämlich von seinem Wohnsitz südlich der Stadt mit dem Ruderboot zur «Chollermüli» und von da zu Fuss und mit dem Leiterwagen (!) zum Grabungsplatz. Es blieben bis zum Einbrechen der Dunkelheit, besonders in den Wintermonaten, nur wenige effektive Grabungsstunden. Dann galt es nach strenger körperlicher Arbeit wieder den Heimweg anzutreten, wobei die Rückfahrt per Ruderboot nicht selten bei Wind, Regen und Schneetreiben erfolgte. 11 Brief vom 29. September 1942 (AJS). 12 JberKMUZ 1942/43 (in Mundart abgefasstes Manuskript, AJS); Schweizer Naturschutz 10, 1944, 24; JbSGU 34, 1943, 43. 13 Speck 1955, Taf. 2. 14 Am 13. März 1944 im Verlaufe von Meliorationsarbeiten entdeckt. 15 Seifert et al. 1997, 91. 16 JberKMUZ 1942/43; AJS. 23 3 Zum Fundgut der beiden Kulturschichten Abb. 10 SteinhausenSennweid. Bei den Meliorationsarbeiten zutage gekommen: Bronzelanzenspitze mit rippenverzierter Tülle (Kat. 79). Spätbronzezeit (Stufe Ha B3). M. ca. 1:2. Steinhausen_Sennweid 23.3.2007 14:10 Uhr Seite 23 2 Die Rettungsgrabungen von 1988 bis 199153 2.1 Verlauf der Grabungen Die Arbeiten begannen unmittelbar nach den Sondierungen am 1. Juli 1988. Mit ihrer Durchführung hatte die damalige Kantonsarchäologin Béatrice Keller wiederum das Bureau d’Archéologie Terrestre et Subaquatique (BATS) beauftragt. Die Rettungsgrabungen unter der Leitung von Nagui Elbiali erfolgten in zwei Etappen. Die erste Kampagne dauerte ein Jahr (Juli 1988 bis Juni 1989) und galt in erster Linie einer Fläche von etwa 800 m2nördlich der Sennweidstrasse (Abb. 15,5 und 16: heller Raster). Darüber hinaus wurden noch zwei Kanalisationsgräben südlich der Strasse archäologisch untersucht (Abb. 15,6). Eine Änderung des Bauvorhabens, die einen weiteren Teil der Fundstelle gefährdete, machte im 30 III. Archäologische Untersuchungen seit 1987 Abb. 15 Gesamtplan der Fundstellen von Steinhausen-Sennweid. Legende: 1: Sondierung 1987: Kanalisationsgräben 2: Sondierung 1987: Bohrungen 3: Sondierung 1987 im letzten Teilstück der Sennweidstrasse 4: Sondierung Januar 1988: Kanalisationsgraben = Vorfluter von 1942/43 5: Rettungsgrabungen von 1988 bis 1991; hell: 1. Etappe; dunkel: 2. Etappe 6: Sondierung 1988: Kanalisation an der Sennweidstrasse 7: Rettungsgrabung Cosmetochem 1995 8: Schlossberg: Sondierung 1989 9: Schlossberg: Geologisches Gutachten 1989 10: Schlossberg: Neolithische Lesefunde 1993 11: Schlossberg: Sondierung/Notgrabung Werkhof und Sennweidstrasse Nord 1993 12: Sondierungen und Ausgrabungen Sumpfstrasse West 1998/99 13: Lesefunde 14: Sondierungen im Jahr 2000 auf Parzelle 750 12 4 2 2 2 66 11 9 10 8 13 3 5 7 1 14 8 Schlossberg 150 m Sennweidstrasse Autobahn Luzern–Zürich Bahnlinie Zug–Affoltern N Steinhausen_Sennweid 23.3.2007 14:10 Uhr Seite 30 Frühjahr 1990 erneut eine Kampagne notwendig. Sie dauerte von März 1990 bis Februar 1991 und erweiterte das Grabungsareal um etwa 3000 m2auf nunmehr ungefähr 3800 m2(Abb. 15,5 und 16: dunkler Raster). Um die Grenzen des Siedlungsplatzes abzuklären, wurde etwa 10 m jenseits der nördlichen Grabungsgrenze noch ein rund 100 m langer und 20 m breiter Streifen mit dem Bagger abgezogen. 2.2 Grabungstechnik und Dokumentation Entgegen dem verbreiteten Klischee, dass in der Archäologie ausschliesslich mit Kelle und Pinsel gearbeitet wird, kommt zu Beginn der meisten Ausgrabungen schweres Gerät zum Einsatz: Bagger oder Planierraupen schieben den Humus ab, in dem archäologische Bodenstrukturen in der Regel ohnehin durch die Wurzeln des Pflanzenbewuchses, Tiergänge oder auch durch den Pflug stark gestört sind. Dieses Vorgehen bringt keinen grossen Informationsverlust, dafür aber eine beträchtliche Zeitersparnis mit sich – ein Faktor, dem insbesondere bei Rettungsgrabungen elementare Bedeutung zukommt. Ist anhand von Sondierungen und ersten Erfahrungen auf dem Terrain klar, in welcher Tiefe archäologische Befunde zu erwarten sind, wird die Zeitersparnis häufig weiter dadurch erhöht, dass der Boden bis knapp über dieses Niveau maschinell abgetragen wird. Dies scheint auch bei den Rettungsgrabungen 1988–91 der Fall gewesen zu sein. Der Grabungsbericht54 gibt darüber zwar keine Auskunft, doch aus diversen Grabungsfotos ist zu schliessen, dass der Humus maschinell entfernt wurde. Der Vorbereitung des Terrains schloss sich der Aufbau eines Vermessungsnetzes an, mit dessen Hilfe alle Funde und Befunde eingemessen wurden. Zudem diente das Vermessungsnetz auch zur Aufteilung des Grabungsareals: Gegraben wurde in 6 m × 4 m grossen Feldern, die mit einem Zelt überdacht werden konnten, um den Fortgang der Arbeiten auch bei schlechter Witterung zu gewährleisten (Abb. 17). In jedem Feld arbeitete eine Equipe von vier Personen nach einem festgelegten Schema:55 Zunächst wurde die Erde mit der Kelle zentimeterweise abgetragen. Diese Form der Feingrabung gewährleistete offenbar selbst die Entdeckung kleinster Artefakte, da das stichprobenartige Schlämmen, bei dem der Abraum durch Siebe verschiedener Maschenweite gespült wurde, kaum weitere Funde ergab. Da das Ergebnis der Schlämmversuche, die anfangs durchgeführt wurden, zufrieden stellend war, wurde im Weiteren auf diese Kontrollmöglichkeit verzichtet. Die Funde, die beim Abtragen der Erde freigelegt wurden, erhielten umgehend eine Markierung mit einem Plastikfähnchen. Auf diese Weise waren auch kleine Artefakte beim späteren Zeichnen der ausgegrabenen Fläche und bei der Bergung der Fundstücke nicht zu übersehen. Dank der gesetzten Markierungen ist auf den Grabungsfotos auch die Verteilung der Funde sehr gut zu erkennen (Abb. 18). Nachdem die Equipe ein Drittel eines Grabungsfeldes auf ein bestimmtes Niveau, beispielsweise bis auf die Oberfläche einer Kulturschicht, abgetieft und alle Fundstücke markiert hatte, wurden die ersten acht Quadratmeter gezeichnet. Die erstellten Pläne im Massstab 1:10 dokumentieren alle Funde und Befunde. Parallel zu den Zeichenarbeiten 53 Fundmeldungen in: JbSGUF 73, 1990, 187; 74, 1991, 238; 75, 1992, 187. – Tugium 7, 1991, 32; 8, 1992, 39. – Vorberichte: Elbiali 1989a; 1989b; 1990; 1992; 1993a; 1993b. – Hochuli 1992. 54 Elbiali 1993a. 55 Elbiali 1993a, 16–18. 31 2 Rettungsgrabungen von 1988 bis 1991 N 2. Etappe 1. Etappe 0 10 20 m Abb. 16 SteinhausenSennweid, Areal der Rettungsgrabungen 1988– 91. Hell markiert ist die Fläche der ersten, dunkel die der zweiten Grabungsetappe. Weiss ausgespart sind die Drainagegräben von 1942/43 sowie eine weitere Störung im Ostteil der Grabungsfläche. N Steinhausen_Sennweid 23.3.2007 14:10 Uhr Seite 31 wurde bereits das nächste Drittel des Feldes ausgegraben. Nachdem auch das letzte Drittel eines Feldes abgetieft und gezeichnet war, folgte dessen fotografische Dokumentation auf Dia-, teilweise auch auf Schwarzweissfilm. Nach diesen Dokumentationsarbeiten wurden die Funde geborgen. Zunächst erhielt jedes Fundstück eine Nummerierung, die auch an dem entsprechenden Objekt und auf der Zeichnung des Feldes vermerkt wurde, um seine exakte Fundlage festzuhalten. Anschliessend wurde jeder Fund in einer Fundliste erfasst, die auch Informationen über den Fundzusammenhang (Koordinaten und Fundhöhe) enthält. Die Fundliste diente später als Basis für den tabellarischen Fundkatalog. Das Bergen der Fundstücke aus der Grabungsfläche gestaltete sich teilweise äusserst schwierig. So war insbesondere ein Teil der Keramikscherben so weich und bröselig, dass sie zunächst gehärtet oder für eine spätere Freilegung in der Restaurierungswerkstatt mit der anhaftenden Erde eingegipst werden mussten. In den Jahren 1988 und 1989 halfen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Museums für Urgeschichte Zug bei den Konservierungsmassnahmen auf dem Terrain. Später – der genaue Zeitpunkt ist nicht mehr rekonstruierbar – beschränkte man sich laut Aussage von Grabungsmitarbeitern auf das Wiegen der Keramikfragmente und gab deren Bergung und Konservierung aus Kostengründen ganz auf. Auch die weitere Behandlung der Fundstücke war mit grossem Zeitaufwand verbunden. Sie mussten gereinigt, inventarisiert und depotgerecht verpackt werden, was allerdings nur bei einem Teil der Funde erfolgte. Besonders aufwendig war die Behandlung der Funde aus organischen Materialien wie Hirschgeweih, Knochen oder Holz. Um sie bis zu ihrer endgültigen Konservierung vor Schäden zu bewahren, war eine spezielle Verpackung notwendig. Zu Beginn der Kampagne wurden sie mit etwas Wasser unter Vakuum gesetzt und in Plastiktüten eingeschweisst; später wurden sie dann mit etwas Wasser und Fungizid, das der Entstehung von Schimmelpilzen entgegenwirken sollte, in Plastikfolie verpackt. Die endgültige Konservierung herausragender Stücke besorgten das Kantonale Museum für Urgeschichte Zug sowie im Auftragsverhältnis das Musée cantonal d’Archéologie de Neuchâtel. Auf dem Grabungsgelände gingen die Arbeiten nach dem Bergen der Funde wie folgt weiter: Zunächst wurden die noch im Untergrund steckenden Holzpfähle herausgezogen. Danach wurden von jedem Pfahl zwei Holzscheiben abgesägt, die als Dendroprobe beziehungsweise als entsprechende Reserve dienen sollten. Um sie bis zu ihrer Untersuchung zu konservieren, wurden sie ebenfalls mit etwas Wasser unter Vakuum gesetzt und eingeschweisst. Nachdem alle Funde und Pfähle geborgen beziehungsweise beprobt waren, überprüfte die Equipe mittels punktueller Sondierungen stichprobenartig, ob die geborgenen Hölzer komplett herausgezogen worden waren, und stellte sicher, dass sich in der Seekreide unter der Kulturschicht keine Artefakte mehr befanden. Mit diesen Kontrollen wurden die Arbeiten in der Regel beendet. Die Aufnahme und Dokumentation der stratigraphischen Verhältnisse im Grabungsareal scheint in erster Linie anhand der alten Drainagegräben aus den Jahren 1942 und 1943 erfolgt zu sein, die im Laufe der Grabung wieder gefunden wurden (Abb. 16). Diese wurden ausgenommen, womit sechs durchgehende Profile entstanden, welche die Grabungsfläche leicht diagonal vom Nordzum Südrand durchzogen. Die stratigraphische Dokumentation beschränkte sich dann auf vier der sechs Drainagegräben. Die Funde aus allen sechs Gräben wurden geborgen und als Lesefunde behandelt. Schliesslich ist noch kurz auf die Untersuchung der beiden Kanalisationsgräben südlich der Sennweidstrasse einzugehen (Abb. 15,6), die während der ersten Grabungsetappe stattfand. Zu dieser Aktion liegen kaum Informationen vor. So ist lediglich bekannt, dass die Funde quadratmeterweise eingesammelt und auf das Koordinatensystem der Grabung bezogen wurden. Zeichnungen wurden nicht erstellt.56 Soweit die Informationen zu Grabungstechnik und Dokumentation aus dem Grabungsbericht des Grabungsleiters. Angesichts der Grösse des Grabungsareals ergeben sich 32 III. Archäologische Untersuchungen seit 1987 Abb. 17 SteinhausenSennweid, Rettungsgrabungen 1988–91. Um den Fortgang der Arbeiten bei jeder Witterung zu gewährleisten, wurden die Grabungsfelder mit Zelten überdacht. Steinhausen_Sennweid 23.3.2007 14:10 Uhr Seite 32 für die Dokumentationsunterlagen beeindruckende Zahlen: Pläne von etwa 250 Laufmetern Profilen und von ungefähr 10300 m2 ausgegrabenen Flächen, des Weiteren rund 47800 Fundblätter, 4500 Dias und 3400 Schwarzweissfotos.57 Trotz dieser schier erdrückenden Menge an Unterlagen weist die Dokumentation Lücken auf, welche die Auswertung der Grabung empfindlich einschränken.58 So wurde auf das ansonsten übliche Führen eines Grabungstagebuches verzichtet, anhand dessen beispielsweise der Fortgang der Arbeiten nachvollziehbar gewesen wäre. Weitaus gravierender als das Fehlen eines Grabungstagebuches ist, dass für Schichten und Befunde keine Positionsnummern vergeben und die zeichnerisch und/oder fotografisch dokumentierten Flächen und Profile nicht beschrieben wurden. Informationen über die Beschaffenheit und Zusammensetzung der Bodenschichten fehlen folglich weitgehend. Lediglich einige klar unterscheidbare Sedimenttypen wie Sand oder Lehm wurden auf den Plänen farbig gekennzeichnet; der verwendete Farbschlüssel ist aus sporadisch angegebenen Beschriftungen teilweise zu erschliessen. Wie konsequent die farbliche Markierung von Sedimenten durchgeführt wurde, ist allerdings offen. Eine weitere Schwierigkeit besteht darin, dass die Befundanschlüsse zwischen den einzelnen Grabungsfeldern häufig nicht dokumentiert sind, so dass es anhand der Pläne kaum möglich ist, den weiteren Verlauf der dokumentierten Schichten über das jeweilige Feld hinaus zu verfolgen. Die Lesbarkeit der Zeichnungen, Fotos und Dias ist für den heutigen Betrachter also stark eingeschränkt, was nicht nur den Arbeitsaufwand bei der Auswertung, sondern auch die Gefahr von Fehlinterpretationen drastisch erhöht. Ist ein Teil der Informationen, die üblicherweise in den Beschreibungen festgehalten werden, durch akribische Detektivarbeit noch rekonstruierbar, so sind andere Hinweise unwiederbringlich verloren. Dazu gehören beispielsweise exakte Sedimentbeschreibungen sowie Beobachtungen und Überlegungen zur Schichtund Befundentstehung, die aus den Zeichnungen allein nicht abzuleiten sind. Speziell für die fotografische Dokumentation kommt noch das Problem hinzu, dass viele Dias und Fotos auf den Fotolisten nicht ausreichend oder offensichtlich falsch gekennzeichnet und beschrieben sind, was die Identifikation und Lokalisierung der fotografierten Objekte zum Teil nur annäherungsweise erlaubt, manchmal sogar verunmöglicht. Mangelhaft oder überhaupt nicht dokumentiert ist auch die Entnahme etlicher Proben für naturwissenschaftliche Analysen. Ihre Herkunft ist heute nur ungefähr beziehungsweise gar nicht mehr auszumachen; ihre Analyseergebnisse sind infolgedessen nicht zu verwerten. Die Konsequenzen dieser Dokumentationslücken liegen auf der Hand. Weiter verschärft werden sie durch den Umstand, dass wichtige Teile der Dokumentation in der Kantonsarchäologie Zug nicht vorliegen. Neben Verteilungsplänen bestimmter Fundgattungen betrifft dies insbesondere die zeichnerische und fotografische Aufnahme der Profile: Insgesamt sollen rund 250 Laufmeter Grabenwände dokumentiert worden sein.59 Von dieser Dokumentation sind im Archiv der Kantonsarchäologie jedoch nur Teile vorhanden: Dias und Schwarzweissfotos von drei der vier dokumentierten Drainagegräben sowie drei Zeichnungen von insgesamt etwa neun Laufmetern Profil. Die zeichnerische Dokumentation der stratigraphischen Verhältnisse im Areal der Rettungsgrabungen 1988–91 fällt demnach quasi komplett aus. Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass die Grabungsdokumentation, die den Autorinnen und Autoren des vorliegenden Bandes zur Verfügung stand, nicht den üblichen Standards entspricht. Vielmehr weist sie Mängel, Fehler, vor allem aber auch empfindliche Lücken auf, die teilweise nicht mehr geschlossen werden konnten, so dass die Auswertung in manchen Bereichen zwangsläufig an der Oberfläche bleiben musste. 56 Elbiali 1993a, 19. 57 Elbiali 1993a, I; Hochuli 1992, 6. 58 Weitere Details dazu in den Kap. IV.3.5.1, VII.1.1.1 und VIII.3.2.4.1. 59 Elbiali 1993a, I. 33 2 Rettungsgrabungen von 1988 bis 1991 Abb. 18 SteinhausenSennweid, Rettungsgrabungen 1988–91. Blick auf eine freigelegte Grabungsfläche, auf der die Funde in situ mit farbigen Fähnchen markiert sind. Die Farben bedeuten: rot = Keramik, gelb = Knochen, blau = Silex. Steinhausen_Sennweid 23.3.2007 14:32 Uhr Seite 33 2.3 Der ausgegrabene Ausschnitt des horgenzeitlichen Siedlungsplatzes Die Verteilungen der Pfähle, Pfostenlöcher und Funde zeigen deutlich, dass die Rettungsgrabungen lediglich einen Ausschnitt der horgenzeitlichen Besiedlung erfasst haben, die – wie sich durch die Auswertung der Dendrodaten zeigte (vgl. Kap. VI.2.2) – zu zwei Dörfern aus dem 29. und 28. Jahrhundert v. Chr. gehörte. Nach Norden, Westen und Osten hin scheinen die Verteilungen etwas auszudünnen. Zumindest im Norden und Osten des untersuchten Areals könnte dieses Bild jedoch auch eine Folge der Erhaltungsbedingungen sein, die hier zunehmend schlechter werden (vgl. Kap. IV.3.5.5). Vor diesem Hintergrund ist auch die Tatsache zu verstehen, dass der erwähnte Baggerschnitt nördlich der Grabungsfläche weder Baustrukturen noch Funde erbrachte.60 Aussagen darüber, wie weit sich die Horgener Dörfer jenseits der Grabungsgrenzen erstreckten, sind also rein spekulativ. Sicher scheint indessen, dass der südliche Rand der Horgener Siedlungen ein gutes Stück ausserhalb des Grabungsareals zu suchen ist. Dafür sprechen die Verteilungen der Pfähle, Pfostenlöcher und Funde, die durch die Grabungsgrenze jäh abgeschnitten werden (Abb. 16 und 155). Insofern ist davon auszugehen, dass die Funde aus den beiden Kanalisationsgräben südlich der Sennweidstrasse (Abb. 15,6) ebenfalls von der Horgener Besiedlung stammten. Vermutlich gehörten zu ihr auch die Weichhölzer, die im 1988 untersuchten Leitungsgraben (Abb. 15,4) entdeckt wurden. Ob die Horgener Schicht, die Michael Speck mit seiner Equipe in den Jahren 1942/43 freilegte (vgl. Kap. II.2), zu dem von 1988 bis 1991 ausgegrabenen Siedlungsausschnitt gehörte, ist heute kaum noch zu beurteilen. Die Chance, diese Frage während der Rettungsgrabungen 1988–91 mit Hilfe eines Verbindungsschnittes zu klären, wurde nicht genutzt. Anhaltspunkte für das Verhältnis der beiden Fundstellen zueinander hätte auch das Profil des 1988 untersuchten Leitungsgrabens liefern können, für das jedoch keine Dokumentation vorliegt. Der Graben befindet sich nämlich zwischen den beiden Fundstellen (Abb.15,4) und ist sehr wahrscheinlich mit dem Vorfluter des Drainagesystems von 1942 identisch, an dessen Südende die Grabung von 1942/43 (Abb. 8) angesetzt wurde. Da die hier gefundenen Hölzer möglicherweise zu dem von 1988 bis 1991 ausgegrabenen Ausschnitt der Horgener Siedlungen gehörten (siehe oben), wäre es durchaus denkbar, dass diese bis in die Grabungsfläche der Jahre 1942/43 hineinreichte. Dafür sprechen auch die lagigen Steinkonzentrationen, die an beiden Fundstellen beobachtet wurden. Darüber hinaus ist das 1942/43 geborgene Fundmaterial gut mit demjenigen der Rettungsgrabungen von 1988 bis 1991 vergleichbar. Noch schwerer zu beurteilen sind die neolithischen, nur zum Teil sicher horgenzeitlichen Lesefunde aus dem Umfeld der Siedlung (Abb.15,13; vgl. Kap. VIII.1) sowie die horgenzeitlichen Funde, welche die Sondierungen im Jahr 2000 auf Parzelle 750 (Abb. 15,14) zutage förderten. Zusammen mit den anderen horgenzeitlichen Fundstellen aus dem Umfeld des von 1988 bis 1991 ausgegrabenen Areals (Abb.15,5) deuten sie an, dass die hier angeschnittenen Siedlungen einiges grösser gewesen sein könnten, als es der erfasste Ausschnitt erwarten lässt. 2.4 Die mesolithische Fundstelle Während der Ausgrabung noch nicht bemerkt, zeigte die Bearbeitung der geschlagenen Steinartefakte durch Matthieu Honegger, dass das Fundgut der Rettungsgrabungen von 1988 bis 1991 auch einige wenige spätpaläolithische, vor allem aber zahlreiche mesolithische Artefakte enthält (vgl. Kap. VIII.3.1). Sie waren in dieselben Schichten wie die horgenzeitlichen Funde eingebettet und verteilten sich über die gesamte Ausgrabungsfläche. Matthieu Honegger interpretiert die festgestellten Konzentrationen mesolithischer Steinartefakte als ehemalige Schlagplätze und stellt sie somit in einen Siedlungszusammenhang, der mangels genauer Befundbeobachtungen jedoch nicht näher zu spezifizieren 34 III. Archäologische Untersuchungen seit 1987 Abb. 19 SteinhausenSchlossberg, Sondierung/Notgrabung 1993. Sondierschnitt. Steinhausen_Sennweid 23.3.2007 14:32 Uhr Seite 34 ist. Die Verteilung der überwiegend mesolithisch zu datierenden Silexlamellen (Abb. 202) zeigt, dass mit einer grösseren Fundstelle zu rechnen ist, die nur ausschnittweise erfasst wurde. 3 Untersuchungen am Schlossberg 1989 und 1993 Im Vorfeld eines Bauvorhabens führte das BATS im Auftrag der Kantonsarchäologie 1989 Sondierungen am Schlossberg durch.61 Dabei wurden an der Südwestseite und im südlichen Vorgelände der Anhöhe 13 kleine Sondierschnitte abgetieft und untersucht (Abb. 15,8). Sie ergaben jedoch keinerlei Hinweise auf archäologische Fundstellen. Auch die geologisch-bodenkundliche Aufnahme eines Baggerschnittes am südlichen Hangfuss (Abb. 15,9) lieferte keinen Anhaltspunkt für die Anwesenheit archäologischer Bodendenkmäler.62 Diese stellten sich erst 1993 ein. In diesem Jahr wurden am Südwesthang, in unmittelbarer Nähe der negativ verlaufenen Sondierungen, zwei neolithische Keramikscherben gefunden (Abb. 15,10). Möglicherweise stammten sie ursprünglich vom Plateau des Schlossbergs. Sondierungen, die dort im Jahre 198463 vorgenommen worden waren, hatten zwar weder neue Anhaltspunkte für die mittelalterliche und frühneuzeitliche Bebauung64 noch Hinweise auf eine ältere Besiedlung des Hügels erbracht. Es hatte sich jedoch gezeigt, dass das Gelände offenbar einmal abgesenkt und neuzeitlich wieder aufgefüllt worden war. Diese Erdarbeiten könnten die Auffindungschancen für eventuell vorhandene Überreste einer mittelalterlichen beziehungsweise vormittelalterlichen Besiedlung des Plateaus empfindlich verschlechtert haben. Das Negativergebnis der Sondierungen auf dem Plateau, die ohnehin nur eine relativ kleine Fläche betrafen, schliesst eine frühere Besiedlung des Hügels also nicht grundsätzlich aus. Dass auf oder am Schlossberg tatsächlich mit urgeschichtlichen Fundstellen zu rechnen ist, demonstrieren auch archäologische Vorabklärungen, welche die Kantonsarchäologie ebenfalls 1993 im Vorfeld des Baus des gemeindlichen Werkhofes und der Erschliessungsstrasse Sennweid-Nord durchführte.65 Wiederum am Südwestfuss des Hügels angesetzt (Abb. 15,11), lieferten die Sondierungen diesmal ein positives Ergebnis: Fünf der insgesamt 17 Baggerschnitte (Abb. 19) sowie zwei untersuchte Flächen von jeweils 12 m2 enthielten Keramik, Hüttenlehm und Silices – ein für Siedlungen typisches Fundspektrum. Die Artefakte stammten aus drei übereinander liegenden Bodenschichten. Die Funde aus der unteren Schicht datieren schwerpunktmässig in die Mittelbronzezeit, diejenigen aus der mittleren und der oberen Schicht in die Spätbronzezeit. Darüber hinaus kam in allen Schichten auch hallstattzeitliche Keramik vor, wobei sich ihr höchster Anteil in der oberen Schicht fand.66 Diese Fundverteilung, der stratigraphische Befund sowie das Fehlen von Baubefunden sprechen allerdings dafür, dass die eigentlichen Siedlungsplätze nicht erfasst wurden, sondern wahrscheinlich in unmittelbarer Nähe zu suchen wären. 4 Rettungsgrabung Cosmetochem 1995 In unmittelbarer Nähe der von 1988 bis 1991 untersuchten Fläche begannen im Februar 1995 die Aushubarbeiten für einen Neubau der Firma Cosmetochem. Das Ergebnis eines Kontrollgangs, bei dem ein Mitarbeiter der Kantonsarchäologie mehrere angespitzte Pfähle in der Baugrubenwand entdeckte, kam denn auch nicht ganz unerwartet. Die eilends angesetzte Notgrabung stand unter enormem Zeitdruck und fand parallel zu den Aushubarbeiten statt. Die Grabungsequipe musste sich deshalb weitgehend auf die Überwachung der Aushubarbeiten beschränken. Die Rettungsaktion betraf eine Fläche von rund 1000 m2(Abb. 15,7) und dauerte vom 21. Februar bis zum 16. März 1995.67 Das Ausheben der Baugrube erfolgte in zwei Etappen. Zunächst wurde die West-, dann die Osthälfte ausgebaggert. Die Aushubarbeiten waren so organisiert, dass der Bagger 60 Elbiali 1993a, 20. 61 Objekt Nr. 321; Tugium 7, 1991, 32. 62 H. Sticher (1989). Baudirektion des Kantons Zug, Amt für Denkmalpflege und Archäologie. SchlossbergSennweid, 6312 Steinhausen. Bodenkundlich-geologischer Feldbefund (unpublizierter Bericht im Archiv der KA ZG, Objekt Nr. 321). 63 Objekt Nr. 107; Tugium 1, 1985, 66; 2, 1986, 56. 64 Birchler 1934, 377 f. 65 Objekt Nr. 445/321; Gnepf 1995, 60–65. 66 Gnepf 1995, 61–65. 67 Objekt Nr. 572; JbSGUF 79, 1996, 237 f.; Tugium 12, 1996, 33 f. 35 3 Untersuchungen am Schlossberg 1989/93 4 Rettungsgrabung Cosmetochem 1999 Steinhausen_Sennweid 23.3.2007 14:32 Uhr Seite 35 abwechselnd von einem Graben und einer Piste aus arbeitete, so dass die Equipe mehr oder weniger gleichzeitig an zwei Stellen aktiv war (Abb. 20). Als die Notgrabung begann, war das südliche Drittel des Westgrabens bereits fertig gestellt. In diesem Teil der Baugrube wurden deshalb lediglich die Pfähle im Ostprofil des Westgrabens eingemessen, die beim Kontrollgang entdeckt worden waren. Beim Fortgang der Arbeiten zeigte sich schnell, dass auf zwei Niveaus mit Pfählen zu rechnen war. Es wurde deshalb mit der Baufirma abgesprochen, den Erdabtrag in zwei Schritten, zunächst auf die Höhe des oberen, dann auf die Höhe des unteren Pfahlniveaus reichend, vorzunehmen. Nach jedem Schritt blieb der Equipe etwas Zeit, die Pfähle mit Hilfe eines Theodoliten einzumessen, sie für eine dendrochronologische Untersuchung zu bergen, nach Funden und Befunden Ausschau zu halten und 14C-Proben zu entnehmen. In Bereichen, wo oben in der Baugrube weder Pfähle noch Funde vorhanden waren, erfolgten die Aushubarbeiten in einem Zug bis auf das untere Pfahlniveau. Während Befunde nur vereinzelt beobachtet wurden, waren fast flächendeckend in der gesamten Baugrube drei Schichten mit Artefakten zu verfolgen, die mit sechs Profilen dokumentiert wurden (vgl. Kap. IV.3.3). Die beobachteten Funde wurden geborgen, herausragende Stücke auch in Fundlage fotografiert und eingemessen. Die wenigen festgestellten Befunde sind im Grabungstagebuch beschrieben, eingemessen und teilweise fotografiert. Die Stratigraphie wurde an mehreren Stellen zumindest mit einer schematischen Skizze, in einem Fall auch mit einer regulären Profilzeichnung dokumentiert. Die horizontale Ausdehnung der fundführenden Schichten wurde darüber hinaus auch im Grabungstagebuch festgehalten. Das Bemühen um eine möglichst lückenlose Dokumentation der archäologischen Relikte wurde durch mehrere Rutschungen sowie das Einbrechen der Grabenränder erschwert, durch die auch einige Pfähle und Funde verloren gingen. Die Rekonstruktion der Siedlungsabläufe im untersuchten Areal dürfte durch diese Verluste jedoch kaum beeinträchtigt worden sein. 5 Weitere Untersuchungen In den folgenden Jahren fanden weitere Untersuchungen statt. Zu nennen sind die Rettungsgrabungen an der Sumpfstrasse-West in den Jahren 1998/99 (Abb. 15,12), die in Kap. VII.2 ausführlich behandelt werden, sowie die Grabungen auf dem Areal Chollerpark (vgl. Kap. I.7) in den Jahren 1999 und 2000, die bereits publiziert wurden68. Ebenfalls im Jahr 2000 führte die Kantonsarchäologie Zug eine Sondierung auf einer grossen Parzelle (Abb. 15,14) zwischen den Arealen der Rettungsgrabungen von 1988 bis 1991 (Abb. 15,5) und 1995 (Abb. 15,7) durch. Mit der Sondierung sollte geklärt werden, ob sich die umliegenden Fundstellen auf dem bislang unbebauten Grundstück fortsetzen, damit im Fall einer Überbauung vor Beginn der Baumassnahmen rechtzeitig eine Rettungsgrabung durchgeführt werden könnte. Die Ergebnisse der Sondierungen zeigten nicht nur, dass auf der gesamten Parzelle archäologische Schichten vorhanden sind, sondern ergaben ausserdem wichtige Informationen, die massgeblich zum Verständnis der Abfolgen von natürlichen und archäologischen Schichten in der Sennweid beitragen (vgl. Kap. IV.3.4). 36 III. Archäologische Untersuchungen seit 1987 Abb. 20 SteinhausenSennweid, Rettungsgrabung Cosmetochem 1995. Arbeit vor der Baggerschaufel. 68 Eberschweiler 2004. Steinhausen_Sennweid 23.3.2007 14:32 Uhr Seite 36 1 Von der Recherche der Versatzstücke zum lückenhaften Gesamtbild Brigitte Röder 1.1 Dynamik am Seeufer Der Wasserspiegel des Zugersees ist seit Jahrhunderten annähernd stabil. Die letzte grosse Änderung fand in den Jahren 1591/92 statt und war nicht die Folge natürlicher Prozesse, sondern das Ergebnis einer wasserbautechnischen Pioniertat: Der Zuger Stadtbaumeister Jost Knopfli liess im Flussbett der Lorze eine natürliche Stauschwelle am Ausfluss des Sees abgraben und senkte den Wasserspiegel so um etwa 2,5 m.69 Diese Pegeländerung war weder die erste noch wird sie die letzte sein. An dieser Erkenntnis hat auch die Archäologie ihren Anteil, denn gerade von archäologischen Fundstellen stammen zahlreiche Nachweise dafür, dass es in der Vergangenheit häufig – mitunter erhebliche – Seespiegelschwankungen gab. Ursache der Pegeländerungen waren Klimaschwankungen. Bereits kurzfristige Schwankungen zeigten grosse Wirkung, und so ist für die Uferbereiche von einem ständigen Wechsel zwischen Überschwemmung und Trockenfallen auszugehen. Aus archäologischer und klimageschichtlicher Perspektive scheinen die relativ stabilen Verhältnisse der letzten 400 Jahre am Zugersee deshalb eher die Ausnahme als die Regel zu bilden. Die Seespiegelschwankungen des Zugersees sind noch nicht systematisch erforscht (vgl. Kap. V). In den letzten Jahren haben geologische Untersuchungen70 sowie ein von der Kantonsarchäologie Zug lanciertes Forschungsprojekt unter der Leitung von HansRuedi Schneider, Hochschule für Technik Rapperswil, das in eine Diplomarbeit mündete71, weitere Ergebnisse zu urgeschichtlichen Seeständen erbracht, die in dieses Buch eingeflossen sind. Umgekehrt werden in die genannten Projekte auch Beobachtungen aus der Sennweid eingehen, da dieses Gebiet für die Rekonstruktion von Seespiegelschwankungen in den letzten Jahrtausenden besonders interessant ist: Hier im flachen Gelände machten sich Pegeländerungen sofort – vor allem aber auch drastisch – bemerkbar, da sich die besiedelbare Fläche bereits bei kleinen Änderungen des Wasserstandes spürbar verkleinerte beziehungsweise vergrösserte. 1.2 Erhaltungschancen für Erdschichten Die während der Urgeschichte vielfach aufgetretenen Wechsel zwischen Trockenfallen und erneuter Überschwemmung der seenahen Bereiche sind im Boden teilweise noch an der Abfolge von Landund Seesedimenten abzulesen. Allerdings ist die Dokumentation der Pegeländerungen nicht vollständig, denn durch einmündende Bäche oder Flüsse und durch den Wellenschlag des Sees konnten Erdschichten wieder abgetragen werden. Noch in weitaus höherem Masse als die natürliche Erosion im Schwemmkegel von Bächen und Flüssen fungierte jedoch das Klima als Quellenfilter: Stieg der Seespiegel infolge einer Klimaverschlechterung deutlich an, gerieten die Uferbereiche unter Wasser. So lange sie sich im Flachwasser befanden, wurde die Oberfläche der überschwemmten Erdschichten zwar durch den Wellenschlag teil69 Ammann 1993a; Speck 1993. 70 Untersuchungen durch Philippe Rentzel, IPNA. 71 Annen 2003. 37 1 Von der Recherche der Versatzstücke zum lückenhaften Gesamtbild IV. Stratigraphische Beobachtungen Von Kristin IsmailMeyer, Philippe Rentzel und Brigitte Röder Dass in der Sennweid seit der Urgeschichte immer wieder gesiedelt wurde, ist bereits ein Ergebnis. Doch im Grunde fangen die Fragen jetzt erst richtig an: Wo lagen die Siedlungen – direkt am Ufer oder im trockenen Hinterland des Sees? Warum wurden die Dörfer verlassen? Wurden sie an denselben Stellen wieder aufgebaut? Und wie sah die Landschaft damals aus? Antworten liefern die Erdschichten, in welche die Überreste der einstigen Siedlungen eingebettet sind. Darüber hinaus sind auch Beobachtungen am natürlichen Untergrund ausserhalb der archäologischen Fundzonen aufschlussreich. Aus zahlreichen Einzelbeobachtungen wird ein Gesamtbild zusammengesetzt, das Ausgangspunkt für die Rekonstruktion der Landschaftsund Besiedlungsgeschichte am nördlichen Zugersee sein wird. Steinhausen_Sennweid 23.3.2007 14:32 Uhr Seite 37 weise erodiert, ausgewaschen oder aufgearbeitet. Sobald der Seespiegel jedoch weiter stieg, hatten die überschwemmten Erdschichten gute Erhaltungschancen. Ausgezeichnete Erhaltungsbedingungen hatten die Schichten schliesslich ab einer Wassertiefe von etwa 0,5 m. Ab 0,5 m bis 1 m Wassertiefe setzt üblicherweise die Ablagerung von Seekreide ein, welche die überschwemmten Schichten überdeckt und so konserviert. Je schneller und mächtiger die Seekreidesedimentation ausfiel, desto besser war auch der Schutz für die überdeckten Schichten. Zog sich der See in warmen und trockenen Phasen zurück, fielen die zuvor unter Wasser geschützten Schichten trocken. Wenn im neuen Uferbereich keine schnelle Überdeckung, beispielsweise durch Bachschotter oder Strandsedimente (Sande), erfolgte, war die Oberfläche fortan der Verwitterung ausgesetzt und wurde nicht selten unter dem Einfluss von Wind und Wetter abgetragen. Die schlechtesten Erhaltungschancen hatten also an Land gebildete Sedimente, die bei Hochständen des Seespiegels in kühlen und feuchten Klimaphasen entstanden waren. Sie hatten keine Chancen, unter Wasser geschützt zu werden und waren bei nachfolgenden Seespiegelabsenkungen der Verwitterung am stärksten ausgesetzt. Die besten Erhaltungschancen hatten hingegen Ablagerungen, die bei extremen Niedrigständen in warmem und trockenem Klima entstanden. Beim nächsten Pegelanstieg wurden sie überflutet und hatten somit günstige Voraussetzungen für eine Konservierung unter Wasser. Landsedimente aus klimagünstigen Zeitabschnitten sind deshalb auch massiv überrepräsentiert. Die Folgen, die diese natürlichen Sedimentationsund Erosionsprozesse für die Erhaltung archäologischer Fundstellen und damit für die Rekonstruktion der Besiedlungsgeschichte von Seeufern haben, liegen auf der Hand: In der Regel sind «bis heute nur Siedlungsreste aus Zeiten niedriger Seespiegel, das heisst ganz überwiegend aus warmen Zeitabschnitten erhalten geblieben»72. 1.3 Ein Bild mit Fehlstellen In der Sennweid sind an etlichen Stellen Landund Seesedimente aus ganz verschiedenen Zeiten dokumentiert. Sie wurden im Rahmen von archäologischen und geologischen Untersuchungen aufgeschlossen und sind durch Artefakte oder naturwissenschaftlich datiert. Die aufgeschlossenen Erdschichten sind Einzelteile eines Puzzles, die zusammengesetzt und interpretiert ein Bild von der Landschaftsund Siedlungsgeschichte der Sennweid ergeben; der zeitliche Fokus liegt dabei auf der Spanne vom Ende der Eiszeit bis zur frühen Neuzeit. Dass dieses Bild klimatisch bedingte Fehlstellen aufweist, wurde bereits ausgeführt. Weitere Fehlstellen sind eher zufällig und betreffen die Chance, dass irgendwo Erdschichten aufgeschlossen und obendrein auch noch archäologisch oder geologisch untersucht werden. Die 1942 durchgeführte Melioration sowie die Umwandlung des ehemals landwirtschaftlich genutzten Geländes in ein Gewerbegebiet seit den 1980er-Jahren sind die entscheidenden Faktoren, welche die Auffindungschancen in der Sennweid beeinflussten. Als Basis für die Rekonstruktion der Landschaftsund Besiedlungsgeschichte werden im Folgenden alle derzeit verfügbaren Informationen über die natürlichen und archäologischen Schichtverhältnisse in der Sennweid vorgelegt. Trotzdem wird am Ende der Puzzle-Arbeit ein lückenhaftes und vorläufiges Bild stehen. In seiner Grundstruktur dürfte es jedoch Bestand haben, wobei künftige Entdeckungen es sicherlich noch zu verdichten und ergänzen vermögen. 2 Die natürliche Schichtabfolge Brigitte Röder 2.1 Die geologische Karte Betrachtet man die geologische Karte von der Sennweid (Abb. 21), so ist von all diesen komplizierten Vorgängen wenig zu erahnen. Dennoch gewährt sie einen guten Einblick in die geomorphologischen Gegebenheiten des Arbeitsgebietes: Am Nordrand der Sennweid erhebt sich der Schlossberg bis zu maximal 30 m über das relativ flache, leicht nach Südwesten abfallende Gelände. In der Moränenlandschaft nördlich des Zugersees stellt der Schlossberg einen vom Gletscher überfahrenen Hügel (Drumlin) dar, der in der letzten Eiszeit entstand. Sein ellipsenförmiges Gipfelplateau wird von Hangschutt aus Moränenschottern umsäumt, auf die in östlicher Richtung Gehängeund Schwemmlehme folgen. In der Ebene südlich des Schlossberges 38 IV. Stratigraphische Beobachtungen Steinhausen_Sennweid 23.3.2007 14:32 Uhr Seite 38 stehen Seesedimente an. Im Südwesten, auf dem Kartenausschnitt randlich gerade noch erfasst, schliesst sich ein Sumpfgebiet an. Die auf der Karte dargestellten Verhältnisse können natürlich nicht direkt in die Urgeschichte übertragen werden. Dies gilt nicht nur für die ausserhalb des Kartenausschnittes gelegene Uferlinie des Zugersees, sondern auch für das Relief, das durch die Melioration im Jahre 1942 verändert wurde. Deshalb haben wir der geologischen Karte einen Höhenlinienplan von 1942 unterlegt, der im Vorfeld der Meliorationsarbeiten erstellt wurde.73 Auf diesem Plan ist deutlich ein Geländesporn zu erkennen, der die Ebene in nordöstlich-südwestlicher Richtung durchzog (Abb. 21). Im Zuge der Melioration wurde er eingeebnet. Das heute nahezu ebene Gelände war früher also wesentlich stärker gegliedert. 2.2 Ergänzungen durch Bohrungen und geologische Gutachten Etwas weniger detailliert ist die geologische Karte hinsichtlich der Beschreibung des geologischen Untergrundes, vor allem was die nacheiszeitlichen Sedimente anbelangt. So haben Recherchen ergeben, dass über den Seesedimenten (Abb. 21) an zahlreichen Stellen Verlandungssequenzen mit Torfbildungen folgen. Ferner sind auch von Flüssen und Bächen abgelagerte Sande und Kiese sowie Auenlehme nachgewiesen. Die ältesten dieser Beobachtungen stammen vom Kantonsingenieur A. Hilfiker, der im Jahre 1941 zur Vorbereitung der Melioration geologische Sondierungen vornahm. Im Bereich des späteren Drainagesystems führte er 18 überwiegend 2,5 m tiefe Bohrungen durch, deren Profile er dokumentierte.74 Weitere geologische Bohrungen stammen vom Geotechnischen Büro Dr. von Moos AG, Zürich, aus den 1980er-Jahren. Im Archiv der Kantonsarchäologie befinden sich Profilbeschreibungen von acht lokalisierbaren Bohrungen der Dr. von Moos AG, die zwischen 1,4 m und 8,3 m tief waren.75 Neben den erwähnten Bohrungen liegen zwei bodenkundlich-geologische Gutachten des Geologen Herbert Bühl vor, der diese im Auftrag der Kantonsarchäologie Zug erstellte. Ein Gutachten betraf einen 2 m tiefen Baggerschacht am südlichen Hangfuss des Schlossberges (Abb. 21 und 22). Die oberen 1,3 m des Profils identifizierte Herbert Bühl als Rutschmasse, die vom Hang des Schlossberges stammt. Den Hangrutsch datiert Herbert Bühl in die letzten Jahrzehnte; er ist lokal begrenzt und im Gelände noch gut zu erkennen. Die unteren 0,7 m des Profils bestehen aus Moräne.76 Dieser Befund zeigt, dass die Moränenschotter des Schlossberges offenbar weiter nach Süden reichen als auf der geologischen Karte eingezeichnet. In dieselbe Richtung weisen auch Profilaufnahmen der Kantonsarchäologie Zug, die 1993 am westlichen Hangfuss des Schlossberges, in der Nähe des von Herbert Bühl begutachteten Baggerschnittes, 17 Sondierschnitte und zwei kleine Ausgrabungsfelder untersuchte.77 Das zweite bodenkundlich-geologische Gutachten78 wurde während einer archäologischen Sondierung (Objekt Nr. 270) im Bereich des 1942 abgetragenen Geländesporns erstellt (Abb. 21). Laut geologischer Karte stehen hier Seesedimente an, die sich im unteren Bereich des 1,16 m hohen Profils auch fassen lassen. Über den beobachteten seekreidehaltigen Seeablagerungen folgt jedoch eine 33 cm starke Verlandungssequenz aus Sandmudde, Schluffmudde und Niedermoortorf, die von 70 cm braunem Auenlehm überlagert wird. Die Mudden enthalten viele Schwemmhölzer, von denen ein Weisstannenpfahl mit Hilfe der 14C-Methode in die Spätbronzezeit, und zwar in die Zeitspanne von 1290 bis 900 v. Chr., datiert wurde.79 Das spätbronzezeitliche 14C-Datum sowie die Auskunft des Grabungsleiters Nagui Elbiali, dass in den Muddeschichten spätbronzezeitliche Scherben gefunden worden seien, veranlassten Herbert Bühl, den Beginn der Verlandung des Untersuchungsgebietes mit der späteren Torfbildung in diesen Zeitraum zu datieren. Die Datierung des Fundmaterials konnte leider nicht verifiziert werden, da es verschollen ist. Die Datierung des nach Herbert Bühl in der Spätbronzezeit einsetzenden Verlandungsprozesses stützt sich streng genommen also nur auf ein 14C-Datum. Funde und Stratigra72 Maise 1997, 341. 73 Hilfiker 1942. Den Hinweis auf diesen Plan verdanke ich Josef Speck. 74 Hilfiker 1941. Auf die dokumentierten Bohrungen machte mich freundlicherweise ebenfalls Josef Speck aufmerksam. 75 Archiv KA ZG, Objekt Nr. 9. 76 Bühl 1989. 77 Gnepf 1995, 62 f. 78 Bühl 1987. 79 ARC-128, 2890 ±65 BP beziehungsweise 1290– 900 cal BC (2 Sigma, vgl. Abb. 87). 39 2 Die natürliche Schichtabfolge Steinhausen_Sennweid 23.3.2007 14:32 Uhr Seite 39 46 IV. Stratigraphische Beobachtungen Horizont Profil 1 Schicht Schichtoberkante unter Gehniveau Höhe (m ü. M.) Schichtbeschreibung laut Dokumentation Datierung 1 1 0417,04 Humus und moderne Auffüllung 2 2 –1,02 416,02 reliktischer Humus, grünlich grau bis beige, geringer Anteil inkohlter Pflanzenteile 3 3 –1,29 415,75 rötlich brauner, organischer Teppich aus verrotteten oder als Faserbündel erkennbaren Pflanzenteilen, kleinen Stückchen inkohlter Pflanzenteile sowie unverrotteter Holzstücke (Äste, Wurzeln usw.) Hallstattkeramik, undatierte Fackeln 4 4 –1,39 415,65 gebänderte Abfolge von Sand, Feinsandbändern und verschwemmtemTerrain; konzentrische Ansammlungen von Schwemmholz; Funde im oberen Teil des Schichtpakets römisch evtl. Spätlatène Frühlatène Hallstatt/Frühlatène Hallstatt 5 5 –1,74 415,30 rötlich braune, stellenweise schwärzliche organische Lage aus Pflanzenfasern (wie Schicht 3) mit einem 1–4 cm starken dunklen Band an der Oberkante von Schicht 5; inkohlte Pflanzenteile SBZ: Skelettreste von Oberkante Schicht 5, unter dem dunklen Band 14C: 1120–810 cal BC (2 Sigma) 6 6 –1,90 415,14 Gemisch aus Seekreide und sandigen Ablagerungen mit vielen Molluskenschalen und aus Schicht 5 eingelagertem organischem Material; Grenze zu Schicht 7 sehr wellig: Trittspuren? 1 Scherbe (Bz D?) auf Schicht 6 aufliegend: Paddel, 14C: 1650– 1050 cal BC (FBZ– Bz D) 7 7 –2,30 441,74 Seekreide Funde von der Oberkante Neolithisch Keramik: Cortaillod 14C: Pfyn, Pfyn/HG, HG/SK 3650–3360 cal BC 3650–3000 cal BC 3100–2500 cal BC Profil 2 Schicht Schichtbeschreibung laut Dokumentation 1Humus und moderne Auffüllung 2 grünlich grauer Lehm 3 bräunlich grauer, leicht torfiger Lehm 4 hellgrauer Sand 5 brauner Torf mit Holz 6bräunlich beiger, leicht torfiger Silt 7heller, leicht seekreidehaltiger Silt mit Muschelschalen 8bräunlich beiger, leicht torfiger Silt 8 grauer, sandiger Silt mit einzelnen bis zu faustgrossen Steinen 9 Seekreide Profil 3 Schicht Schichtbeschreibung laut Dokumentation 1Humus und moderne Auffüllung 2 grauer, siltiger Lehm 3 bräunlich grauer, leicht organischer siltiger Lehm 4 heller, feiner Sand 5organisches Bändchen 6etwas dunklerer, leicht gröberer Sand 7 bräunlicher Torf mit Holzteilchen und anderem organischem Material, einzelnen Holzkohlen siltiger Torf mit vereinzelten Holzkohlen (davon 14C-Probe) 8 9siltige Seekreide 10 beige-grauer seekreidehaltiger Silt mit einem helleren Band 11 Seekreide Abb. 27 Steinhausen-Sennweid, Rettungsgrabung Cosmetochem 1995. Schichtenabfolge der Profile P1 bis P6 und Datierungen. Legende: HG: Horgen SK: Schnurkeramik Schicht mit anthropogenen Einflüssen Steinhausen_Sennweid 23.3.2007 14:32 Uhr Seite 46 47 3 Archäologische Stratigraphien Profil 4 Schicht Schichtoberkante unter Gehniveau Schichtbeschreibung laut Dokumentation 10Humus und moderne Auffüllung 2 –1,00 humoser, gräulich brauner, lehmiger Silt 3 –1,30 Schwemmsandschichten 4 –1,50 leicht siltiger Torf mit Holzteilen und vereinzelten feinen Silt-Schichten 5 –2,10 beige-brauner, lehmiger Silt mit wenig organischem Material 6 –2,40 Seekreide Profil 5 Schicht Schichtoberkante unter Gehniveau Schichtbeschreibung laut Dokumentation 10Humus und moderne Auffüllung 2 –1,00 humoser, lehmiger Silt, gräulich braun 3 –1,30 Sandschichten mit feinen organischen Bändchen 4 –1,70 leicht siltiger Torf mit Hölzchen und einzelnen feinen Siltzwischenschichten; liegendes Holz 5 –2,06 beige-brauner, lehmiger Silt mit wenig organischem Material Profil 6 Schicht Schichtoberkante unter Gehniveau Schichtbeschreibung laut Dokumentation 10Humus und moderne Auffüllung 2 –1,00 humoser, lehmiger Silt, gräulich braun 3 –1,30 bräunlicher Sand mit liegendem Holz 4–1,40 sandiger Torf 5–1,47 heller, feiner Schwemmsand 6 –1,52 leicht siltiger Torf mit Holzteilen und einzelnen feinen Siltschichten 7 –2,05 beige-brauner, lehmiger Silt mit wenig organischem Material 8 –2,35 Seekreide FBZ: Frühbronzezeit SBZ: Spätbronzezeit Bz D: Bronze D Steinhausen_Sennweid 23.3.2007 14:32 Uhr Seite 47 Grabungsfläche in einer ehemaligen Uferzone befindet. So dürften die torfigen, zum Teil lehmigen beziehungsweise siltigen Schichten der Horizonte 3 und 5 Verlandungsschichten im Uferbereich darstellen, in denen sich möglicherweise angeschwemmte Hölzer und Pflanzenteile akkumulierten. Auch das zwischen den Torfen liegende Schwemmsandpaket (Horizont 4) spricht für eine Ufersituation: Es dünnt nach Norden hin aus und fehlt in der Nordwestecke der Grabungsfläche ganz. Am nordwestlichen Grabungsrand machten die Sandschichten teilweise einen verwirbelten Eindruck (Abb. 28). Die Sande wurden wahrscheinlich durch einen Bach im Uferbereich abgelagert. Auch die limnischen Schichten der Horizonte 6 und 7 müssen sich aufgrund der in ihnen enthaltenen Artefakte im Uferbereich befunden haben. Interpretation Mit Ausnahme des Humus (Horizont 1) haben alle Horizonte archäologische Funde geliefert – ein Umstand, der jedoch nicht zwangsläufig auf Siedlungsplätze hinweist. Vielmehr können die Funde auch verlagert sein oder von menschlichen Aktivitäten ausserhalb der Siedlungen herrühren. Deshalb werden zur Beurteilung der Schichten auch die Überlegungen zur Schichtgenese sowie Befundbeobachtungen in der Fläche herangezogen. Da eine flächige Ausgrabung der Schichten nicht möglich war (vgl. Kap. III.4), sind die Befundbeobachtungen zwangsläufig zufallsbedingt und lückenhaft. Dennoch kann beurteilt werden, ob es sich um archäologische Siedlungsschichten handelt. So wurden in der oberen Torfschicht (Horizont 3) keine Befunde beobachtet, die auf einen Siedlungsplatz hindeuten. Die vereinzelten Keramikscherben aus diesem Horizont sind vermutlich verlagert (siehe weiter unten zur Datierung). Dennoch lassen sich menschliche Aktivitäten in diesem Horizont fassen: Im nördlichen Teil der Grabungsfläche steckten kienspanähnliche, teils angekohlte Hölzer in der Torfschicht (Kat. 580, Abb. 261). Solche Hölzer wurden auch in der benachbarten Fundstelle Chollerpark gefunden und vom Bearbeiter des Fundplatzes im Zusammenhang mit nächtlichem Fischfang interpretiert.85 Die Schwemmsandschichten in Horizont 4 enthielten Funde – überwiegend Keramik – aus verschiedenen Zeithorizonten. Die chronologische Heterogenität der Funde sowie der Umstand, dass einige Keramikscherben an den Bruchkanten stark verrundet sind, sprechen dafür, dass das Fundmaterial zusammen mit den Sandschichten aus dem Hinterland ans Seeufer geschwemmt wurde. In den Schwemmsandschichten wurden ein sicher ortsfremder Sandstein sowie eine «Steinsetzung» beobachtet. Sowohl der ortsfremde Sandstein als auch die «Steinsetzung» sind als Indizien für menschliche Aktivitäten in diesem Bereich zu werten. Vereinzelte Steine sowie eine Steinansammlung wurden auch in der unteren Torfschicht (Horizont 5) beobachtet. Vermutlich ist ihre Anwesenheit in der Torfschicht anthropogen bedingt, während die ebenfalls in der Torfschicht liegenden Hölzer durchaus infolge natürlicher Prozesse abgelagert worden sein könnten. Aus Horizont 5 stammen auch Teile eines menschlichen Skeletts (vgl. Kap. IX.2). Indizien für eine reguläre Bestattung wurden während der Ausgrabung nicht festgestellt. Archäologisches Fundmaterial wurde in der Torfschicht nicht beobachtet, so dass auch hier von einer Off-Site-Situation auszugehen ist. Im Gegensatz dazu könnte Horizont 6 ein vom Wasser stark aufgearbeiteter Kulturschichtrest einer Seeufersiedlung darstellen. An archäologischen Funden wurden aus dieser Schicht zwar nur eine Keramikscherbe und ein auf der Schicht aufliegendes Paddel 48 IV. Stratigraphische Beobachtungen Abb. 28 SteinhausenSennweid, Rettungsgrabung Cosmetochem 1995. Die Sandschichten am nordwestlichen Grabungsrand machten teilweise einen verwirbelten Eindruck. Dies lässt darauf schliessen, dass sie von einem Bach abgelagert wurden. Steinhausen_Sennweid 23.3.2007 14:32 Uhr Seite 48 gefunden, doch in den Profilbeschreibungen sind auch organische Materialien und Steine erwähnt. Ausserdem könnte die wellige Untergrenze zu Horizont 7 von Trittspuren herrühren. Auch bei Horizont 7 dürfte es sich um die ausgewaschenen Reste einer, wahrscheinlich sogar mehrerer neolithischer Siedlungsschichten (siehe weiter unten) handeln, die den üblichen Fundniederschlag von ehemaligen Seeufersiedlungen enthielten: Keramik, Silices, Tierknochen, Holzkohle und viele Steine. Die Funde stammen alle von der Oberkante des Horizontes, könnten möglicherweise also auch mit Horizont 6 in Verbindung stehen. Das stratigraphische Verhältnis der Pfähle zu den Schichten Bei der Ausgrabung wurden zwei Niveaus mit Pfählen festgestellt (vgl. Kap. III.4 und VI.2.3). Die Korrelation der Pfähle mit bestimmten Erdschichten ist nicht möglich, doch im Grabungstagebuch sind einige Beobachtungen festgehalten, die Hinweise in diese Richtung geben. So ist für die Eichenpfähle des oberen Niveaus vermerkt, dass die Pfahlköpfe bis über die Schwemmsande (Horizont 4) reichten und bis auf eine Ausnahme oberhalb der Seekreide endeten. Sie sind die stratigraphisch jüngsten Pfähle. Die Pfahlköpfe der Weichholzpfähle des oberen Niveaus tauchten erst etwas tiefer, nämlich in der Schwemmsandschicht (Horizont 4) auf. Sie reichten durch die torfige Schicht (Horizont 5) 50 cm bis 70 cm weit nach unten und endeten ebenfalls oberhalb der Seekreide. Die Pfähle des oberen Niveaus müssen also deutlich jüngeren Datums sein als die Seekreide (Horizont 7). Vermutlich sind sie auch jünger als die torfige Schicht (Horizont 5) – wie viel jünger ist nicht zu entscheiden, da in den aufgenommenen Stratigraphien für keine der Schichten Pfahlverzüge, Spültrichter oder andere konkrete Datierungshinweise zu erkennen waren. Laut Grabungstagebuch sollen die Pfähle des unteren Niveaus von der Unterkante der unteren Torfschicht (Horizont 5) ausgegangen sein. Vermutlich waren ab dieser Höhe die Pfahlköpfe sichtbar. Für einen Pfahl des unteren Niveaus (Nr. 437) ist vermerkt, dass sein Kopf an der Oberkante der Seekreide (vermutlich Horizont 7) sichtbar war und die Fundschicht (vermutlich oberer Bereich von Horizont 7) durchschlug. Dieser Pfahl dürfte demnach gleichzeitig oder jünger als Horizont 7 sein. Schliesslich ist für ein Holz des unteren Niveaus (Nr. 537) festgehalten, dass es auf der grauen Muschelschicht (Horizont 6) lag. Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die Hölzer nicht sicher mit den Horizonten zu korrelieren sind. Es deutet sich jedoch an, dass die Pfähle des oberen Niveaus von mindestens zwei, die Pfähle des unteren Niveaus von mindestens einer weiteren, möglicherweise auch von zwei oder drei weiteren Siedlungsphasen stammen. Auf Basis des stratigraphischen Verhältnisses der Pfähle zu den Schichten ist also mit mehr Siedlungsphasen zu rechnen, als es sich anhand der Horizonte abzeichnete (vgl. Kap. VI.2.3). Es ist zu vermuten, dass die einst zu den Pfählen gehörenden Siedlungsschichten der Erosion zum Opfer gefallen sind. Datierung der Schichten Um die Funde den dokumentierten Schichten zuzuweisen, bediente sich die Grabungsequipe der in Profil 1 erfassten Schichtabfolge als Referenz, die sich in Form der oben beschriebenen Horizonte auch in den anderen Profilen nachvollziehen liess. Die Grabungsequipe hat die Funde während der Ausgrabung letztlich also diesen Horizonten zugeordnet und hat nicht weiter nach den Schichten innerhalb einzelner Horizonte differenziert. Insgesamt liegt von der Fundstelle relativ wenig datierbares Material vor (vgl. Kap. VIII.4). Die obere torfige Schicht (Horizont 3) hat urgeschichtliche Keramik geliefert, die aufgrund ihrer Machart und der typologisch einordenbaren Stücke am ehesten in die Hallstattzeit zu stellen ist. Hallstattkeramik stammt auch aus den Schwemmsanden (Horizont 4), die darüber hinaus auch typologisch jüngere Späthallstatt-/Frühlatène-Keramik, scheibengedrehte Frühlatène-Keramik, ein spätlatènezeitliches Tüllenbeil sowie möglicherweise einige Scherben von SpätlatèneKeramik enthielten. Neben den eisenzeitlichen Funden haben die Schwemmsande aber auch etliche römische Scherben aus der ersten Hälfte des 2. Jahrhunderts n. Chr. geliefert. Da Horizont 4 zahlreiche Fundstücke enthielt, die jünger datieren als die Funde aus dem ihn überlagernden Horizont 3, ist davon auszugehen, dass die Funde aus beiden Horizonten se85 Eberschweiler 2004, 167 f. 49 3 Archäologische Stratigraphien Steinhausen_Sennweid 23.3.2007 14:37 Uhr Seite 49 kundär verlagert, das heisst angeschwemmt wurden. Der Zeitpunkt, zu dem diese Verlagerungen erfolgten, ist leider nicht genau zu ermitteln: Da das jüngste Fundmaterial aus Horizont 4 in die erste Hälfte des 2. Jahrhunderts n. Chr. datiert, kann Horizont 4 frühestens in dieser Zeit abgelagert worden sein. In der unteren Torfschicht (Horizont 5) wurden menschliche Skelettreste entdeckt, die laut ihrer 14C-Datierung aus der Spätbronzezeit stammen.86 Horizont 6 enthielt lediglich ein Paddel, das ein 14C-Datum aus der Zeitspanne Frühe bis Späte Bronzezeit ergab87, sowie eine Scherbe, die in die Stufe Bronze D gehören könnte. Aus dem obersten Bereich der Seekreide (Horizont 7) stammen ausschliesslich neolithische Funde; die Keramik dürfte am ehesten der Cortaillod-Kultur zuzuweisen sein. Die Radiokarbondatierungen von drei Holzkohleproben aus diesem Horizont ergaben jedoch auch deutlich jüngere neolithische Daten aus dem Zeitraum der Pfyner, der Horgener und der schnurkeramischen Kultur88, so dass für Horizont 7 mit einer breiteren Datierungsspanne innerhalb des Neolithikums zu rechnen ist. 3.4 Sondierung auf Parzelle 750 im Jahr 2000 Brigitte Röder Parzelle 750 weist eine Fläche von rund 12000 m2auf, die mittels 16 Baggerschnitten (Abb. 23,5) innerhalb von nur zwei Tagen sondiert werden musste. Die Aufnahme der Stratigraphien der Baggerschnitte durch eine Mitarbeiterin und einen Mitarbeiter der Kantonsarchäologie Zug erfolgte unter enormem Zeitdruck und war in erster Linie von der Fragestellung geleitet, ob und auf welchem Niveau im Hinblick auf eventuelle Baumassnahmen auf der Parzelle mit archäologischen Überresten zu rechnen ist. Obwohl die Dokumentation der Schichtabfolgen angesichts des Zeitdrucks mit Hilfe schematischer Zeichnungen erfolgen musste und die Entfernung zwischen den Schnitten mindestens 20 m, häufig aber auch deutlich mehr betrug (Abb. 23,5), lässt sich der Schichtenverlauf auf der Parzelle recht gut nachvollziehen. Auf Abb. 29 sind von Nord nach Süd die schematischen Profilaufnahmen der Sondierschnitte dargestellt, die auf einer Flucht in West-Ost-Richtung lagen. Auf diese Weise ergeben sich vier, ungefähr parallel zum heutigen Seeufer verlaufende Transsekte, die den Schichtenverlauf quer durch die Parzelle, von West nach Ost, dokumentieren. Diese West-Ost-Transsekte werden durch einen Nord-Süd-Transsekt (Abb. 30) ergänzt, der den Schichtenverlauf von der Landseite (Norden) zum See (Süden) zeigt. Die Schichtabfolge Die aufgenommenen Profile (Abb. 29 und 30) zeigen, dass sich auf der gesamten Parzelle unter dem Humus (Horizont 1) eine moderne Auffüllung von 0,30 m bis 1,5 m Mächtigkeit befindet (Horizont 2). Es dürfte sich um dieselbe Auffüllung handeln, die zuvor bereits auf der sich östlich anschliessenden Grabungsfläche Cosmetochem beobachtet worden war. Unter der modernen Auffüllung folgt die alte Deckschicht mit einer Stärke zwischen 0,2 m und 0,5 m (Horizont 3). Im Norden besteht sie aus humosem Silt, der nach Süden hin zunehmend torfig wird. Im Südteil der Parzelle ist die Deckschicht schliesslich als humoser Torf zu bezeichnen. Unter der Deckschicht liegt ein zwischen 0,1 m und 0,9 m dickes Schichtpaket, das aus bänderartigen Ablagerungen aus Sanden, Silt, Torf, Seekreide sowie – im oberen Bereich – teilweise auch aus Schilfresten besteht (Horizont 4). Archäologisch interessant ist der Torf, der als humos und siltig beschrieben wird und neben liegenden Hölzern und Holzkohlen auch andere organische, nicht näher bestimmbare Materialien enthielt. In manchen Sondierschnitten lieferte er auch Tierknochen, Rindenstücke und Mollusken, jedoch leider keine Artefakte. Die Torfschicht wurde nicht in allen Sondierschnitten beobachtet. Vielmehr scheint der Torf vor allem im östlichen, an die Grabungsfläche Cosmetochem angrenzenden Teil der Parzelle sowie im West-Ost-Transsekt 3 (Abb. 29) vorzukommen. Weitere archäologische Niveaus wurden innerhalb des Schichtpakets (Horizont 3) in Sondierschnitt 9 (Abb. 29, Transsekt 2) beobachtet. Hier folgten unter Horizont 3 (alte Deckschicht) im oberen Bereich von Horizont 4 zwei Schichten mit anthropogenen 50 IV. Stratigraphische Beobachtungen 86 Ua-11733: 2790 ±65 BP beziehungsweise 1120– 810 cal BC (2 Sigma; vgl. Kap. VI.1). 87 Ua-10414: 3100 ±85 BP beziehungsweise 1650– 1050 cal BC (2 Sigma; vgl. Kap. VI.1). 88 Ua-10411: 4720 ±75 BP beziehungsweise 3650– 3360 cal BC (2 Sigma); Ua-10413: 4600 ±85 BP beziehungsweise 3650–3000 cal BC (2 Sigma); Ua-10412: 4235 ±90 BP beziehungsweise 3100–2500 cal BC (2 Sigma; vgl. Kap. VI.1). Steinhausen_Sennweid 23.3.2007 14:37 Uhr Seite 50 51 3 Archäologische Stratigraphien Abb. 29 SteinhausenSennweid,Sondierungen auf Parzelle 750. Schichtabfolge mit archäologischen Niveaus (schwarz markiert) in den West-Ost-Transsekten, von Nord nach Süd. Legende: H1: Humus H2: moderne Auffüllung H3: alte Deckschicht H4: gebändertes Schichtpaket aus Sanden, Silt, Torf, Seekreide und Schilfresten mit archäologischen Niveaus, die unter anderem Hölzer, Holzkohlen, Rindenstücke, grosse Steine und Tierknochen – allerdings keine Artefakte – enthielten. H5: ausgewaschene Schichtreste neolithischer Seeufersiedlungen in einem seekreidehaltigen Silt mit Funden der Horgener und schnurkeramischen Kultur H6: Seekreide H1 O H1 H2 H3 H4 H5 H6 H1 H2 H3 H4 H5 H6 H2 H3 H4 H5 H6 10 987 5 4 3 21 15 12 21 20 18 16 W H1 H2 H3 H4 H5 H6 01020m West-Ost-Transsekt 4 West-Ost-Transsekt 3 West-Ost-Transsekt 2 West-Ost-Transsekt 1 H6 NS H1 H2 H3 H4 H5 39 18 24 01020m Abb. 30 SteinhausenSennweid, Sondierungen auf Parzelle 750. Schichtabfolge im NordSüd-Transsekt. Legende siehe Abb. 29. Steinhausen_Sennweid 23.3.2007 14:37 Uhr Seite 51 Anzeigern: ein 0,12 m starkes Gemisch aus Silt und Seekreide mit liegenden Hölzern, Holzkohlen und anderen organischen Materialien sowie darunter ein 0,06 m dickes Seekreideband mit Holzkohlen und grossen Steinen. Bei beiden Schichten könnte es sich um ausgewaschene Schichtreste von Seeufersiedlungen handeln. Artefakte kamen allerdings in keiner der beiden Schichten zutage. Unter Horizont 4 (Schichtpaket mit Torf) schliesst ein beige-grauer bis grauer, seekreidehaltiger Silt mit zahlreichen Mollusken an (Horizont 5). Neben liegenden Hölzern, Rindenstückchen und Holzkohlen enthielt die Siltschicht auch Keramik, Silexund Hirschgeweihartefakte, Lehmstückchen, Tierknochen und kantige Steine (Hitzesteine?). Es dürfte sich demnach um weitere ausgewaschene Schichtreste von Seeufersiedlungen handeln. Nach Ausweis der datierbaren Funde (vgl. Kap. VIII.5) handelte es sich vermutlich um Siedlungen der Horgener und der schnurkeramischen Kultur. Diese Schichtreste liegen unmittelbar auf der anstehenden Seekreide auf (Horizont 6). Heute befinden sich die Kulturschichtreste von Horizont 5 oberhalb des Grundwasserspiegels. Die gute Erhaltung der Hirschgeweihartefakte spricht jedoch dafür, dass die Schichtreste früher – vermutlich bis zur Trockenlegung der Sennweid in den Jahren 1942/43 – im Grundwasserbereich lagen. Pfahlfeld Bei den Sondierungen kamen zahlreiche Pfähle zutage. In der Regel waren die Pfähle ab Horizont 4 (gebändertes Schichtpaket) sichtbar; in einem Schnitt tauchten sie bereits in der Deckschicht (Horizont 2) auf. Im Rahmen der Sondierung ergaben sich keine Hinweise für die Korrelation der Pfähle mit bestimmten Schichten. Es konnte lediglich beobachtet werden, dass die Pfähle die auf der Seekreide aufliegenden Kulturschichtreste (Horizont 5) durchschlagen. Möglicherweise stammen die Pfähle von zwei Siedlungsphasen. So war auffallend, dass sich im Nordteil der Parzelle überwiegend Weichholz-, im Süden überwiegend Eichenpfähle fanden. Die Pfähle wurden nicht datiert. Es ist jedoch anzunehmen, dass die Weichholzpfähle im Nordteil der Parzelle die südliche Fortsetzung der Pfahlfelder im Bereich der Rettungsgrabungen von 1988 bis 1991 darstellen. Diese ergaben Daten in den 2860er-Jahren v. Chr. und zwischen 2764 und 2762 v. Chr. (vgl. Kap. VI.2.2.3.1). Bei Kanalisationsarbeiten im Jahre 1988 (vgl. Abb. 15,4) war man auf Parzelle 750 bereits auf zwölf Weichholzpfähle gestossen. Ein Eschenpfahl wurde 14C-datiert und ergab ein kalibriertes Datum, das in die späte Horgener oder in schnurkeramische Zeit fällt.89 Da die beiden Schlagphasen der datierten Pfähle aus dem Bereich der Rettungsgrabungen 1988–91 in dieser Datierungsspanne liegen, könnte es durchaus sein, dass der Eschenpfahl von Parzelle 750 zu einem der beiden Pfahlfelder gehört. Im Hinblick auf die Eichenpfähle, die hauptsächlich im Südteil der Parzelle zum Vorschein kamen, sei darauf hingewiesen, dass auf der Grabungsfläche Cosmetochem Eichenpfähle gefunden wurden, die in die Zeit zwischen 85 v. Chr. und 145 n. Chr. datiert werden konnten (vgl. Kap. VI.2.3.3). Allerdings kamen die Eichenpfähle in der Nordwest-Ecke der Grabungsfläche zum Vorschein, was eher gegen einen Zusammenhang mit den im Südteil von Parzelle 750 entdeckten Eichenpfählen spricht. Da von der Grabungsfläche Cosmetochem Keramik bekannt ist, die am ehesten ins Cortaillod datiert (vgl. Kap. VIII.4.1), wäre als Arbeitshypothese auch eine Datierung der Eichenpfähle in die CortaillodKultur in Betracht zu ziehen. Korrelation der Schichtabfolgen von Parzelle 750, Rettungsgrabung Cosmetochem und Sondiergrabung 1942/43 Auch wenn die Datierung der Pfähle aktuell nicht zu klären ist, kann aufgrund der stratigraphischen Beobachtungen und der Verteilung von Weichholzund Eichenpfählen auch für Parzelle 750 von mehreren urgeschichtlichen Siedlungsphasen ausgegangen werden. Weitere Anhaltspunkte für die Datierung der archäologischen Niveaus auf Parzelle 750 ergeben sich, wenn man versucht, die Schichten mit datierten Schichten der Rettungsgrabung Cosmetochem (Abb. 23,4) und der Sondiergrabung 1942/42 (Abb. 23,1) zu korrelieren. Dabei ist vorauszuschicken, dass die Korrelation nur als Annäherung zu verstehen ist. Die Sedimentbeschreibungen stammen von verschiedenen Personen und unterscheiden sich infolgedessen, und auch die Höhenangaben zeigen Differenzen. Der Versuch erscheint trotzdem lohnend, zumal sich aus den Korrelationen neben Hinweisen auf die Datierung einzelner Schichten auch Indizien für Seespiegelstände und damit auch für die landschaftsgeschichtliche Entwicklung im Bereich der Fundstellen ergeben. 52 IV. Stratigraphische Beobachtungen Steinhausen_Sennweid 23.3.2007 14:37 Uhr Seite 52 Die Tabelle in Abb. 31 stellt die Schichten von Schnitt 7, Parzelle 750, sowie von Profil 1, Rettungsgrabung Cosmetochem, gegenüber (zur Lokalisierung siehe Abb. 23 und 26): In beiden Stratigraphien folgen unter dem modernen Humus die moderne Auffüllung und der alte Humus. In Profil 1, Cosmetochem, befindet sich unter Letzterem ein «organischer Teppich» beziehungsweise die obere Torfschicht mit hallstattzeitlichen Funden, die angeschwemmt wurden. Diese Schicht fehlt auf Parzelle 750. Hier schliesst sich unter dem alten Humus unmittelbar eine holzkohlehaltige Sandschicht an, die möglicherweise den Schwemmsanden mit verlagerten eisenzeitlichen und römischen Funden auf der Grabungsfläche Cosmetochem entspricht. Darunter folgt in beiden Stratigraphien ein Torf beziehungsweise eine «organische Lage» mit anthropogenen Einflüssen; die in der Schicht enthaltenen menschlichen Skelettreste von der Grabung Cosmetochem datieren in die Späte Bronzezeit. Auch die darunterliegende Schicht, die in Profil 1, Cosmetochem, das frühbis spätbronzezeitliche Paddel enthielt, korreliert sedimentologisch mit der entsprechenden Schicht von Parzelle 750 (Horizont 4), wenngleich hier keine anthropogenen Einflüsse beobachtet wurden. Als unterster Horizont, direkt auf der Seekreide, befinden sich in beiden Stratigraphien die verschwemmten Kulturschichtreste, die von Parzelle 750 späthorgenzeitliche und schnurkeramische, von der Grabungsfläche Cosmetochem schnurkeramische 14C-Daten und vermutlich cortaillodzeitliche Funde geliefert haben. Wahrscheinlich fassen wir hier einen parzellenübergreifenden Reduktionshorizont, der Siedlungsreste aus mehreren neolithischen Phasen enthält. Die Tabelle in Abb. 32 mit der Gegenüberstellung der Stratigraphien von Schnitt 16, Parzelle 750, und von Profil 6, Cosmetochem (zur Lokalisierung siehe Abb. 23 und 26) führt zu einem ähnlichen Ergebnis. Auch hier lässt sich die Schichtabfolge in ihren groben Zügen über die jeweiligen Grabungsgrenzen hinaus korrelieren. Bezieht man in die Betrachtung die West-Ost-Transsekte von Parzelle 750 ein (Abb. 29), lässt sich folgern, dass die stratigraphischen Abfolgen auf Parzelle 750 und auf der Grabungsfläche Cosmetochem sehr ähnlich sind und auf ähnliche Prozesse der Schichtgenese zurückgeführt werden können. Auch hier zeichnet sich die im geologischen Gutachten von Herbert Bühl festgestellte und in die Bronzezeit datierte Verlandungsphase ab (vgl. Kap. IV.3.2), und es zeigt sich, dass auf der Seekreide ein Reduktionshorizont mit Resten von unterschiedlich datierenden neolithischen Siedlungen, die vermutlich von der Cortaillodbis zur schnurkeramischen Kultur reichen, liegt. Etwas anders stellt sich die Situation in der Südwestecke der Parzelle dar. Während die Stratigraphie von Schnitt 21 weitgehend dem oben beschriebenen Schema entspricht – der einzige Unterschied ist, dass die neolithischen Schichtreste nicht erkannt wurden oder nicht vorhanden waren –, wurde bei der Sondiergrabung von 1942/43, die auch in diesem Bereich zu lokalisieren ist, eine andere Schichtabfolge dokumentiert (Abb. 33): Hier folgen unter dem Humus bis zur anstehenden Seekreide ausschliesslich Torfschichten. Die obere Torfschicht enthielt spätbronzezeitliche Funde, wäre also möglicherweise mit der oberen Torfschicht beziehungsweise «organischen Lage» von der Grabungsfläche Cosmetochem und dem Torf mit den anthropogenen Anzeigern von Parzelle 750 in Horizont 4 zu korrelieren. Die beiden unteren Torfschichten – die sogenannte Zwischenschicht und die neolithische Fundschicht – haben zumindest aus sedimentologischer Sicht in den limnischen Schichten im unteren Bereich von Schnitt 21 keine Entsprechung. Eine Erklärung dafür könnte im Geländeverlauf begründet sein (siehe dazu weiter unten). Ein weiterer, sehr auffallender Unterschied zwischen den Stratigraphien von Schnitt 21 und der Sondiergrabung von 1942/43 besteht in der Mächtigkeit der Schichten: Die Stärke des Torfpakets zwischen Humus und Seekreide wird in der Dokumentation von 1942/43 mit 60 cm angegeben. In Schnitt 21 beträgt die Dicke der Schichten zwischen dem alten Humus und der obersten Seekreideschicht in Horizont 5 dagegen nur 8 cm. Eine denkbare Erklärung für diesen beträchtlichen Unterschied kann in Setzungsund Kontraktionserscheinungen gesehen werden, die nach der Melioration von 1942 als Folge der Austrocknung des Geländes stattgefunden haben. Darüber hinaus 89 ARC-162: 4160 ±65 BP beziehungsweise 2900– 2570 cal BC (2 Sigma; vgl. Kap. VI.1). 53 3 Archäologische Stratigraphien Steinhausen_Sennweid 23.3.2007 14:37 Uhr Seite 53 könnten die Schichten auch durch das Gewicht der modernen Auffüllung, die teilweise bis zu 1,5 m mächtig war, zusammengedrückt worden sein. Frühere Geländeverläufe Wie bereits angedeutet, könnte eine Erklärung für die unterschiedlichen Sedimentabfolgen in der Südwestecke von Parzelle 750 auch in einem alten Geländeverlauf zu suchen sein. Anhaltspunkte für das Relief vor der in den 1970er-Jahren erfolgten Aufschüttung des Geländes liefern die West-Ost-Transsekte und der Nord-Süd-Transsekt. Letzterer (Abb. 30) spricht dafür, dass das Gelände nach Süden, Richtung See, leicht abfiel, wobei im unteren Bereich wieder ein kleiner Anstieg zu verzeichnen ist. Die West-Ost-Transsekte 1 bis 3 zeigen, dass die Oberfläche vor der Aufschüttung und die Torfschicht von Ost nach West leicht abfielen (Abb. 29). In Transsekt 4, an dessen Westende sich Schnitt 21 befindet, steigen die Schichten Richtung Westen jedoch stark an. Möglicherweise war das Gelände auch in urgeschichtlicher Zeit in diesem Bereich höher und befand sich so in einem stärker terrestrisch geprägten Milieu als die limnisch geprägten, tiefer liegenden Schichten. Der Anstieg des Geländes könnte sich bis zur Stelle der Sondiergrabung von 1942/43 fortgesetzt haben, was das starke Torfpaket erklären würde. In neolithischer Zeit scheint der Geländeverlauf im Nordteil der Parzelle etwas an54 IV. Stratigraphische Beobachtungen Abb. 31 SteinhausenSennweid, Sondierung Parzelle 750 und Rettungsgrabung Cosmetochem. Schichtabfolgen in Schnitt 7, Parzelle 750, und Profil 1, Cosmetochem, im Vergleich. Legende: HG: Horgen SK: Schnurkeramik Schicht mit anthropogenen Einflüssen Sondierung Parzelle 750, Schnitt 7 Horizont Schicht Höhe unter Oberfläche Schichtbeschreibung Datierungshinweise 1 1 0Humus 22–0,20 moderne Auffüllung 3–0,75 dünnes torfiges Band mit Schilf 3 4 ehemaliger Humus: humos, torfig 4 5 –1,24 feinkörniger Sand mit Holzkohle 6–1,33 Torf mit dunklem, organischem Material 7 –1,40 siltiger Torf mit viel organischem Material, an der Unterkante liegende Hölzer, Holzkohle keine Artefakte 8 –1,65 Sand mit Molluskenschalen 9–1,68 ockerfarbener Silt 510 –1,90 dünnes Band mit Molluskenschalen Funde: Horgen, Schnurkeramik 611 –1,91 graue Seekreide 12 –1,98 weisse Seekreide Steinhausen_Sennweid 23.3.2007 14:37 Uhr Seite 54 ders gewesen zu sein: Die Schicht mit den neolithischen Funden fällt in den Transsekten 1 und 2 – gegenläufig zur Deckschicht – von West nach Ost ab. Die Deckschicht und der neolithische Reduktionshorizont laufen im Nordostteil der Parzelle also auseinander. Dazwischen liegt das gebänderte Schichtpaket aus Sanden, Silt, Torf und Seekreide (Horizont 4). Die Sandund Siltschichten dürften – ähnlich wie das bereits für den Nordteil der Grabungsfläche Cosmetochem festgestellt wurde – durch Bäche aus nordwestlicher Richtung eingeschwemmt worden sein. Diese Einschwemmungen dürften im Nordteil der Parzelle zwischen Neolithikum und Bronzezeit zu einer natürlich bedingten Nivellierung des Reliefs geführt haben. 3.5 Rettungsgrabungen Sennweidstrasse 1988–91 Philippe Rentzel und Brigitte Röder 3.5.1 Dokumentationslage Wie sich die Fortsetzung der Schichtabfolge auf Parzelle 750 nach Norden gestaltete, kann auf dem Areal der Rettungsgrabungen von 1988 bis 1991 nachvollzogen werden (Abb. 23,6). Wie bereits in Kap. III.2.2 ausgeführt, ist die Nachvollziehbarkeit heute jedoch durch verschiedene Faktoren eingeschränkt. So wurden während der Ausgrabung vergleichsweise wenige Profile dokumentiert, da Stratigraphien in den Grabungsschnitten generell nicht gezeichnet und auch nur selten – und dann ohne Erläuterungen – fotografiert wurden. Zeichnerisch dokumentiert wurden allein die Profile von vier (von 55 3 Archäologische Stratigraphien Cosmetochem Profil 1 Horizont Höhe unter Oberfläche Höhe (m ü. M.) Schichtbeschreibung Datierungshinweise 10417,04 moderne Auffüllung 2–1,02 416,02 alter Humus 3–1,29 415,75 organischer Teppich angeschwemmte Hallstattfunde 4 –1,39 415,65 gebänderte Abfolge von Sand, Feinsandbändern und verschwemmtem Terrain; Schwemmholz; Funde im oberen Teil des Schichtpakets angeschwemmte Funde: römisch Hallstatt/Frühlatène Hallstatt 5 –1,74 415,30 organische Lage wie Schicht 3 mit dunklem Band aus inkohlten Pflanzenteilen an der Oberkante von Schicht 5 Spätbronzezeit: Skelettreste 14C: 1120–810 cal BC (2 Sigma) 6 –1,90 415,14 Gemisch aus Seekreide und sandigen Ablagerungen mit vielen Molluskenschalen und aus S5 eingelagertem organischem Material Frühbis Spätbronzezeit: Paddel, 14C 1650–1050 cal BC 1 Scherbe (Bronze D?) 7 –2,30 441,74 Seekreide Funde von der Oberkante Neolithisch Keramik: Cortaillod 14C: Pfyn, Pfyn/HG, HG/SK 3650–3360 cal BC 3650–3000 cal BC 3100–2500 cal BC Steinhausen_Sennweid 23.3.2007 14:37 Uhr Seite 55 Fundschicht handeln dürfte. Diese wurde aber – wie auch jüngere Sedimente – maschinell gekappt. Aufgrund ihrer oberflächennahen Lage scheint Schicht 1 zusätzlich humifiziert, das heisst durch bodenwühlende Tiere und Wurzeln überprägt. Ausschnitt 3 (Abb. 39 und 40) Ausschnitt 3 liegt nur wenige Meter vom vorangehenden entfernt, zeigt aber trotzdem einen davon abweichenden Profilaufbau, was die Komplexität der stratigraphischen Verhältnisse innerhalb des Grabungsperimeters weiter unterstreicht. Der unterste Teil (Schicht 4) besteht aus einem Paket feingeschichteter Seekreiden mit einer Wechsellagerung zwischen weissen Bändern und hellgrauen Schichten. Die älteren archäologischen Fundschichten, die im nahen Profil von Ausschnitt 2 nachgewiesen sind, fehlen in dieser Zone. Offensichtlich verbirgt sich an der Oberkante der Seekreide eine markante Schichtlücke. Diese Vermutung stützt sich nicht zuletzt auch auf die in dieser Kontaktzone immer wieder vorkommenden Steine, die im Sinn eines Reduktionshorizontes den oberen Abschluss der Seekreidesequenz bilden. Unmittelbar über dieser höchstwahrscheinlich erodierten Seekreide folgt die untere archäologische Hauptfundschicht (Schicht 3). Es handelt sich um einen grauen Lehm von variabler Mächtigkeit mit zumeist horizontaler Untergrenze, vereinzelten Steinen und meist waagrecht liegenden organischen Resten. Farbe, Zusammensetzung und Chemismus der Ablagerung lassen die Frage auftauchen, ob es sich um eine (nachträglich?) durch Wasser und Wellenschlag überprägte, also lessivierte Fundschicht handelt. Phosphate sind vorab an der Schichtbasis, im Kontakt zur unterlagernden Seekreide nachgewiesen und scheinen somit infiltriert. Die Oberkante der Schicht ist gewellt und der Übergang zur jüngeren archäologischen Schicht 2 – hier ohne sterile Zwischenschicht – recht deutlich. Letztere ist bis rund 10 cm mächtig und durch den hohen Holzkohleanteil charakteristisch schwarz gefärbt. Andeutungsweise lässt sich eine Schichtung erkennen, und vereinzelte Steine finden sich mehrheitlich im oberen Bereich. Die obere Hauptfundschicht 2 wird von einem grauen karbonatischen Lehm (Schicht 1) überdeckt, der einen unruhigen Verlauf und eine scharfe, vermutlich erosive Untergrenze zeigt, was eine oberflächliche Verlagerung der jüngeren neolithischen Schicht erahnen lässt. Dieses Seesediment (Schicht 1) ist ebenfalls maschinell gekappt. Ausschnitt 4 (Abb. 41 und 42) Im seeseitigen Bereich von Drainage II stehen neben der Fotodokumentation auch eine Originalprofilzeichnung und sechs Bohrprofile zur Verfügung (Abb. 43). In Verbindung mit den neu interpretierten Analysendaten der wenige Meter entfernten Geologie-Kolonne C3 ergeben sich folgende Aussagen zur Stratigraphie: 62 IV. Stratigraphische Beobachtungen Abb. 39 SteinhausenSennweid, Rettungsgrabungen 1988–91. Profilausschnitt 3. Zur Definition der Schichtnummern siehe Abb. 40. 1 2 3 4 Schicht Geologie Deutung 1Karbonatischer Lehm, diskontinuierlich; erosive Untergrenze? heterogene Zusammensetzung im landseitigen Bereich Auensediment 2Homogene, schwarze, holzkohlehaltige Schicht mit vereinzelten Steinen, vorab im oberen Bereich; geschichtet Obere archäologische Hauptfundschicht 3Grauer Lehm von variabler Mächtigkeit, mit horizontaler Untergrenze und gewellter Obergrenze; lokal Steine an der Schichtbasis; horizontal liegende organische Reste; Phosphatnachweis im unteren Teil der Schicht; ausgewaschene Schicht? Untere archäologische Hauptfundschicht 4Feingeschichtete Seekreide; Wechsellagerung zwischen weissen Bändern und hellgrauen Schichten, teils leicht oxidiert; scharfe Schichtoberkante als Hinweis auf Erosion Seeablagerung Abb. 40 SteinhausenSennweid, Rettungsgrabungen 1988–91. Schichtansprache Profilausschnitt 3. Legende: archäologische Hauptfundschicht Steinhausen_Sennweid 23.3.2007 14:37 Uhr Seite 62 Schicht 8 entspricht einer hellbraunen, gebänderten Seekreide mit vereinzelten Eisenausfällungen.103 Darüber liegt ein weiteres Paket (Schicht 7) einer hellen, ebenfalls gebänderten Seekreide, deren Kalkgehalt nach oben hin stetig abnimmt.104 In der Kontaktzone zu Schicht 6 findet sich – in ähnlicher Weise wie bei Ausschnitt 3 – ein aus Steinen bestehender Reduktionshorizont. Schicht 6 kann anhand der verfügbaren Fotos und Analysendaten als lehmige Seekreide, durchsetzt mit archäologischen Resten, angesprochen werden. Es handelt sich um ein dunkelgraues Band mit Holzkohlen, wobei auch hier die Befunde eine durch Wellenschlag lessivierte Fundschicht erahnen lassen. Aus den summarisch dokumentierten Bohrungen an der Seeseite von Drainage II (Abb. 43) geht ebenfalls hervor, dass die Seekreideschicht 7 gegen oben zunehmend lehmiger wird und von einer Holzkohleschicht sowie von einem lehmigen Sand mit vereinzelten Holzkohlen überdeckt wird. Die beiden in den sechs Bohrprofilen beschriebenen sandigen und holzkohlehaltigen Niveaus innerhalb Schicht 6 könnten der unteren Hauptfundschicht entsprechen und unterstützen die Deutung als Strandablagerung beziehungsweise als ein Sediment, das gegenüber der liegenden Seekreide einen deutlich niedrigeren Seespiegel anzeigen dürfte und während dessen Bildung auch mit Erosionsphasen zu rechnen ist. Mit der darüberfolgenden Schicht 5 fassen wir wohl ein mehrphasiges archäologisches Schichtpaket, das – nach Aussage der Fotodokumentation – viel Holzkohle, grosse Steine und einzelne gerundete Blöcke führt. Diese Strate entspricht offenbar der oberen Hauptfundschicht. Sie wird oben von einem dünnen, partiell vorhandenen Seekreideband oder anthropogen eingebrachtem Lehm (Baulehm?; Schicht 4) geschnitten, welches das leicht gewellte Relief der Schicht 5 ausgleicht. Unmittelbar darüber liegt höchstwahrscheinlich eine weitere archäologische Schicht (Schicht 3), die wir als organische, mit Holzkohlen und vereinzelten Steinen durchsetzte Fundschicht deuten. In den geologisch dokumentierten Profilen wird diese Schicht nur sehr indifferent als «brauner organischer Lehm» beschrieben, was leider keine weiterführenden Schlüsse erlaubt. Es stellt sich somit die Frage, ob wir mit Schicht 3 die Überreste einer jüngeren, neolithischen (?) Fundschicht fassen. Diese mutmasslich jüngere Fundschicht 3 wird überdeckt von einer Seekreide, die mit organischen Zonen durchsetzt ist (Schicht 2) und teils schon maschinell abgetragen worden war. Zuoberst erscheinen 103 Die Seekreide ist mit einem Kalkgehalt von 85% stark karbonatisch. Die sekundären Eisenausfällungen scheinen im Zusammenhang mit Schwankungen des Grundwasserspiegels zu stehen. 104 Abnahme des Kalkgehaltes bis auf 68%. 63 3 Archäologische Stratigraphien Abb. 41 SteinhausenSennweid, Rettungsgrabungen 1988–91. Profilausschnitt 4. Zur Definition der Schichtnummern siehe Abb. 42. 1 2 3 4 5 6 7 8 Schicht Geologie Deutung 1Stellenweise sind Reste einer dunklen archäologischen Schicht erhalten Archäologische Schicht, maschinell gekappt 2Seekreide mit organischen Zonen im unteren Abschnitt Seesediment 3Dünne dunkelgraue Schicht mit scharfer Obergrenze; holzkohlehaltig und organisch Archäologische Schicht, als dünnes Band 4Seekreideband, diskontinuierlich, mit scharfer Untergrenze, das Relief der darunterliegenden archäologischen Schicht ausgleichend Seekreide oder anthropogen eingebrachter Lehm (Baulehm?) 5Dunkelgraues bis schwarzes, wohl mehrphasiges Schichtpaket mit grossen Steinen und gerundeten Blöcken; unruhige, vermutlich erodierte Obergrenze. Obere archäologische Hauptfundschicht 6Dunkelgrauer Lehm mit Seekreide; im untersten Teil mit einer Steinlage und Holzkohleresten Untere archäologische Hauptfundschicht 7Hellgraue gebänderte Seekreide, mit gegen oben abnehmendem Kalkgehalt Seesediment 8Hellbraune gebänderte Seekreide, mit braunen Eisenausfällungen Seeablagerung, oxidiert Abb. 42 SteinhausenSennweid, Rettungsgrabungen 1988–91. Schichtansprache Profilausschnitt 4. Legende: archäologische Hauptfundschicht mutmassliche archäologische Schicht Steinhausen_Sennweid 23.3.2007 14:37 Uhr Seite 63 64 IV. Stratigraphische Beobachtungen 42 43 41 40 39 38 30 cm 25 cm 20 cm 15 cm 10 cm 5 cm 0 cm 2 3 4 5 6 7 8 Abb. 43 SteinhausenSennweid, Rettungsgrabungen 1988–91. Zeichnungen der Profilkolonnen S1 bis S6 am Südrand der Grabungsfläche. Legende: Seekreide Lehm Sand Mollusken Stein Holz Holzkohle Knochen Archäologische Schicht gestört Abb. 44 SteinhausenSennweid, Rettungsgrabungen 1988–91. Profilausschnitt 5. Zur Definition der Schichtnummern siehe Abb. 45. 12 3 4 56 7 8 Schicht Geologie Deutung 1Dunkelgrauer Lehm Auenlehm, maschinell gekappt 2Organisches Sediment, als dunkles Band Archäologische Schicht, maschinell gekappt 3Heterogener grauer Lehm, mit organischen Zonen Auenlehm, vermutlich mit Trittsiegel 4Dünne dunkelgraue Schicht; holzkohlehaltig und organisch Obere archäologische Hauptfundschicht 5Seekreideband, sandig, mit scharfer Schichtuntergrenze Seesediment 6Geschichtete organische und holzkohlehaltige Sedimente mit basaler Steinlage, dunkelgrau bis schwarz Untere archäologische Hauptfundschicht 7Hellgraue sandige Seekreide Seeablagerung 8Sandige Seekreide, inhomogen und stark gefleckt Seeablagerung Abb. 45 SteinhausenSennweid, Rettungsgrabungen 1988–91. Schichtansprache Profilausschnitt 5. Legende: archäologische Hauptfundschicht mutmassliche archäologische Schicht Steinhausen_Sennweid 23.3.2007 14:37 Uhr Seite 64 lokal Reste einer dunklen Schicht (1), die ebenfalls grossflächig durch Baggerabtrag entfernt wurde und bei der es sich wahrscheinlich um eine weitere archäologische Fundschicht handelt. Ausschnitt 5 (Abb. 44 und 45) Ausschnitt 5 in Drainage II vermittelt einen Einblick in den Schichtaufbau im Zentrum der Grabungsfläche. Die Schichtansprache stützt sich hier zusätzlich auf eine originale Profilzeichnung und die geologisch untersuchte Kolonne C2. Schicht 8 entspricht einer inhomogenen, fleckigen Seekreide mit merklichem Sandanteil. Sie geht gegen oben in eine hellgraue, ebenfalls sandige Seekreide (Schicht 7) über. Oberhalb liegt die archäologische Schicht 6, eine organische Ablagerung mit einer deutlichen Steinlage im unteren Bereich. Vermutlich handelt es sich dabei um die untere Hauptfundschicht, die hier allerdings deutlich dunkler ist. Ferner scheint hier auch die hellgraue (lessivierte) Zone an der Basis der Schicht zu fehlen. Ihre Obergrenze ist sehr deutlich und verläuft nahezu horizontal. Ein dünnes Seekreideband (Schicht 5) trennt sie von der darüberfolgenden archäologischen Schicht 4 (obere Hauptfundschicht) ab, die relativ geringmächtig ist und diskontinuierlich verläuft. Schichten 4 und 6 entsprechen hier den beiden archäologischen Hauptfundschichten. Schicht 3 deuten wir als heterogenen Auenlehm mit organischen Zonen. Vermutlich fassen wir in diesem Bereich erneut Trittspuren, die sich als deformierte organische Bänder abzeichnen. Bei Schicht 2 handelt es sich um ein diskontinuierliches, dunkelbraunes Band, das aus archäologischer Sicht verdächtig erscheint. Möglicherweise sind es die Überreste einer jüngeren archäologischen Schicht. Den oberen Abschluss des Profils bildet ein dunkelgrauer Auenlehm, der maschinell gekappt ist. Ausschnitt 6 (Abb. 46 und 47) Der gut 4 m lange Ausschnitt befindet sich im landseitigen, nördlichsten Bereich von Drainage II, unweit der Probenentnahmestelle der geologischen Kolonne C1. Im Gegensatz zu den vorangehenden Fotoprofilen sind hier keine Seekreiden und Auenlehme aufgeschlossen, sondern vorab Sande, die als feinkörnige Bachschüttungen aus dem Hinterland gedeutet werden. Über der Grabensohle der Drainage liegt Schicht 9, ein brauner, oxidierter Feinsand mit deutlichem Kalkgehalt. Er wird überdeckt von einem hellgrauen, ebenfalls kalkführenden Feinsand (Schicht 8). Bei beiden Schichten handelt es sich um durch Bachaktivität eingeschwemmtes Feinmaterial, das aufgrund der Kalkkonkretionen und der Schneckenfauna zudem einen limnischen Einfluss erkennen lässt. Offensichtlich zeigen hier die Sedimente den Bereich einer ehemaligen Strandplatte an. Die Schichten 5 und 7 entsprechen einem dunkelgrauen, lehmigen Feinsand, der sehr kalkarm ist.105 Dazwischen findet sich lokal eine helle Sandlinse (Schicht 6). Alle Beobachtungen und Analysendaten sprechen für ein verwittertes Schichtpaket: Höchstwahrscheinlich handelt es sich bei den Schichten 5, 6 und 7 um eine Bodenbildung, die sich aus einem limnischen Feinsand entwickelt hat. Für diesen Bereich der Fundstelle ist somit vor der Ablagerung der archäologischen Schicht 4 von terrestrischen Verhältnissen auszugehen. Ob es sich bei Schicht 4 um die in den anderen Profilausschnitten beobachtete untere archäologische Hauptfundschicht handelt oder ob die untere und obere Hauptfundschicht hier im landseitigen Bereich der Grabungsfläche in einem Schichtpaket liegen und nicht unterschieden werden können, ist unklar. Schicht 3 ist ein heller Sand, der lokal stark ausdünnt, so dass die darüberliegende schwarze Schicht 2 stellenweise mit der archäologischen Fundschicht 4 ein einziges mächtiges Paket bildet. Die Datierung der mit vielen organischen Resten durchsetzten Schicht 2 ist nicht geklärt. Falls die beiden Hauptfundschichten in diesem landseitigen Bereich getrennt sind, dürfte es sich um die andernorts belegte obere Hauptfundschicht mit überwiegend neolithischen Funden handeln. Falls die beiden Hauptfundschichten hier zusammenfallen, könnte es sich bei Schicht 2 aber auch um das jüngere archäologische Niveau handeln, für das wir eine bronzezeitliche Datierung vermuten (siehe weiter unten). Den oberen Abschluss des Profils bildet ein hellgrauer, lehmiger Sand (1), vermutlich ein Strandsediment mit Auenlehmanteil, der wiederum maschinell gekappt ist. Ausschnitt 7 (Abb. 48 und 49) Ein weiterer fotografisch dokumentierter Ausschnitt liegt in der Nordhälfte von Drainagegraben III unweit der geologischen Kolonne C4. Auch in dieser Zone der Fundstelle ist von interessanten, jedoch recht komplexen stratigraphischen Verhältnissen auszugehen, wie der folgende Schichtbeschrieb zeigt. Das Profil beginnt an der Basis mit einer gebänderten Seekreide (Schicht 8), die von einem relativ mächtigen archäologischen Schichtpaket (Schicht 7) bedeckt wird. Letzteres erscheint speziell an der Basis geringfügig heller und ist wohl lessiviert. Analog zu Befunden aus den Drainagegräben I und II könnte es sich hier um die untere archäologische Hauptfundschicht handeln. Über dieser hellen und mit grösseren Steinen durchsetzten Basiszone ist die untere Hauptfundschicht markant dunkelgrau bis schwarz gefärbt. Sie ist in diesem Bereich auch recht homogen, das heisst eine interne Feinschichtung lässt sich nicht feststellen. Nach oben geht sie mit undeutlicher 105 Der Kalkgehalt liegt unter 5%. 65 3 Archäologische Stratigraphien Steinhausen_Sennweid 23.3.2007 14:53 Uhr Seite 65 66 IV. Stratigraphische Beobachtungen Abb. 46 SteinhausenSennweid, Rettungsgrabungen 1988–91. Profilausschnitt 6. Zur Definition der Schichtnummern siehe Abb. 47. 12 34 5 678 9 Schicht Geologie Deutung 1Hellgrauer lehmiger Sand Sandablagerung, maschinell gekappt 2Schwarzer lehmiger Sand mit organischen Resten, holzkohlehaltig Archäologische Schicht (?), nur lokal vorhanden 3Hellgrauer Sand, teils diskontinuierlich Sandablagerung 4Schwarzer, holzkohlehaltiger, sandiger Lehm; geringe Mächtigkeit Archäologische Hauptfundschicht 5 } Dunkelgrauer lehmiger Feinsand Verwitterte Sandablagerung; Bodenbildung 6 7 8Hellgrauer Feinsand Sandablagerung, limnisch überprägt, unverwittert 9Hellbrauner Feinsand Detritische Sandablagerung (Bachschüttungen), limnisch überprägt; oxidiert Abb. 47 SteinhausenSennweid, Rettungsgrabungen 1988–91. Schichtansprache Profilausschnitt 6. Legende: archäologische Hauptfundschicht mutmassliche archäologische Schicht Abb. 48 SteinhausenSennweid, Rettungsgrabungen 1988–91. Profilausschnitt 7. Zur Definition der Schichtnummern siehe Abb. 49. 1 2 3 4 5 6 7 8 Abb. 49 SteinhausenSennweid, Rettungsgrabungen 1988–91. Schichtansprache Profilausschnitt 7. Legende: archäologische Hauptfundschicht mutmassliche archäologische Schicht Schicht Geologie Deutung 1Hellgrauer karbonatischer Lehm Auenlehm, maschinell gekappt 2Dunkelgrauer organischer Lehm Mutmassliche archäologische Schicht 3Graue gebänderte Seekreide, mit organischen Resten Seesediment 4Hellgrauer karbonatischer Lehm Auensediment 5Wechsellagerung von drei dunkelbraunen bis schwarzen, holzkohlehaltigen Schichten und hellen Seekreidebändern Obere archäologische Hauptfundschicht 6Hellgraue Seekreide, lokal auskeilend Seesediment 7Dunkelgraue bis schwarze Schicht; an der Basis mit heller, vermutlich lessivierter Übergangszone Untere archäologische Hauptfundschicht 8Feingeschichtete, hellgraue Seekreide Seesediment Steinhausen_Sennweid 23.3.2007 14:53 Uhr Seite 66 Grenze in ein helles Seekreideband (Schicht 6) über, das gegen Süden hin auskeilt. Oberhalb davon reiht sich mit Schicht 5 eine Abfolge von drei dunkelbraunen bis schwarzen archäologischen Schichten an, die durch wenige Zentimeter dicke Seekreideniveaus voneinander getrennt sind. Wir gehen davon aus, dass diese Straten sich zur oberen archäologischen Hauptfundschicht zusammenfassen lassen, obschon eine strikte Korrelation mit der andernorts beobachteten oberen Fundschicht nicht gesichert ist. Es bleibt festzuhalten, dass der ausgewählte Profilabschnitt eine Auffächerung, das heisst deutliche Dreiteilung und Einschaltungen von höchstwahrscheinlich limnischen Ablagerungen erkennen lässt. Anschliessend folgt ein heller karbonatischer Lehm (Schicht 4), der mit diffuser Obergrenze in eine gebänderte, graue Schicht 3 – offenbar eine Seekreide mit organischen Resten – übergeht. Schicht 2 schliesslich ist ein dunkler organischer Lehm, in dem wir ein weiteres archäologisches Niveau vermuten. Den oberen Abschluss bildet ein heller karbonatischer Lehm, der künstlich gekappt ist. 3.5.5 Schlussfolgerungen Bei unseren Schlussfolgerungen orientieren wir uns an den in Kap. IV.3.5.2 formulierten Zielen und Fragestellungen. Zu Fragestellung 1: Überblick über den Verlauf und die Genese der natürlichen und anthropogenen Schichten auf dem Grabungsareal Die fotografisch dokumentierten Aufschlüsse aus den Drainagekanälen sowie die nachträgliche Auswertung der daraus stammenden sedimentologisch bearbeiteten Profilkolonnen erlauben es, einige generelle Beobachtungen zum Schichtaufbau, zur Schichtgenese und zur Verteilung der unterschiedlichen Sedimenttypen auf dem Grabungsareal festzuhalten (Abb. 50). Seeseitiger Bereich Im südlichen, seeseitigen Bereich liegt die untere archäologische Hauptfundschicht direkt auf Seekreideablagerungen, die in den Profilkolonnen auf den obersten gut 1,1 m näher erfasst wurden. Sie sind durchwegs archäologisch steril, schliessen aber rund 60 cm unterhalb der unteren archäologischen Hauptfundschicht ein dünnes Holzkohlenniveau aus dem älteren Atlantikum beziehungsweise aus spätmesolithischer Zeit ein. Eine scharf begrenzte Seekreideoberfläche, die auch partiell mit Steinen bedeckt ist, lässt auf Sedimentationsunterbrüche und Erosionsphasen schliessen. Im Rahmen solcher Prozesse dürften Seekreiden abgetragen worden sein, was zu einer selektiven Anreicherung von grobem Material führte. Hinweise für einen entsprechenden Reduktionshorizont finden sich auch in dieser seeseitigen Zone. Derartige Vorgänge dürften dafür verantwortlich sein, dass die archäologischen Hauptfundschichten Artefakte aus verschiedenen chronologisch weit auseinander liegenden Zeitabschnitten (Spätpaläolithikum bis Späte Bronzezeit) enthielten. Den pollenanalytischen Ergebnissen zufolge106 liegt der Reduktionshorizont auf spätmesolithischem Seekreidesediment auf, was die grosse Menge mesolithischer Funde und ihre Vergesellschaftung mit jüngerem Fundmaterial erklärt. Bei den spätpaläolithischen Artefakten könnte es sich indessen um Stücke handeln, die urgeschichtliche Bewohner irgendwo gefunden und in die Siedlung mitgebracht haben. Eine andere Möglichkeit, die auch für die vereinzelten Pfyner, schnurkeramischen und spätbronzezeitlichen Funde in Betracht zu ziehen ist, bestünde darin, dass solche Funde durch Bachaktivitäten in die spätmesolithischen und späthorgenzeitlichen Siedlungsplätze eingeschwemmt wurden. Limnische Bedingungen dürften auch die Bildung der unteren archäologischen Hauptfundschicht mitbeeinflusst haben, was sich zum Beispiel in molluskenführenden, sandigen und lokal offenbar auch lessivierten (aufgehellten!) Fundschichten äussert. Diese Vermutungen werden auch durch die sedimentologischen Beobachtungen an mehreren Bohrprofilen vom Südrand der Drainage II gestützt. Zudem zeichnet sich im seewärtigen Bereich eine allgemeine Auffächerung des gesamten archäologischen Schichtpakets sowie der darüberfolgenden Ablagerungen ab. Zentraler Bereich Im zentralen Bereich der Grabungsfläche finden sich sandige Seekreiden, sowohl unter106 Gutachten Helga Liese-Kleiber, Archiv KA ZG. 67 3 Archäologische Stratigraphien Steinhausen_Sennweid 23.3.2007 14:53 Uhr Seite 67 68 IV. Stratigraphische Beobachtungen Abb. 50 Steinhausen-Sennweid, Rettungsgrabungen 1988–91. Schematischer Transsekt durch die Fundstelle, basierend auf den Bohrprofilen C1–C3. Im seeseitigen Teil dominieren Seekreiden mit einem Holzkohleniveau auf einer Höhe von 414,90 m ü. M. Die archäologischen Schichten zeigen in dieser südlichen Zone eine deutliche Auffächerung in mehrere dünne Niveaus (vgl. dazu auch Abb. 35 ff.). Im zentralen Bereich der Fundstelle liegen die deutlich ausgeprägten archäologischen Hauptfundschichten auf sandigen Seeablagerungen. Letztere gehen landseitig in einen sandigen Schwemmkegel über, an dessen Oberkante die archäologischen Schichten schlecht erhalten sind. Profil überhöht dargestellt. Verändert nach Billaud 1988 und Van der Plaetsen 1992. Seekreide Seekreide Seekreide, sandig Sand Sand, mit Mollusken Sand, verwittert Sand Seekreide, teils sandig Seekreide, feingeschichtet Auenlehm Archäologische Hauptfundschicht Archäologische Schicht Holzkohleniveau Archäologische Hauptfundschicht C1 C3 C2 010 20 m C3 C2 C1 Seeseite Landseite 415,50 415,00 414,50 416,00 Landseite Seeseite N Steinhausen_Sennweid 23.3.2007 14:53 Uhr Seite 68 halb als auch lokal eingeschaltet zwischen den beiden archäologischen Hauptfundschichten. Stellenweise sind Letztere aber relativ dünn, so dass die archäologischen Schichten schwer zu trennen sind. Eine Erklärung für diese Phänomene dürfte in verstärkten, offensichtlich auch lokal wirksamen Erosionsvorgängen zu suchen sein. Die über der oberen Hauptfundschicht liegenden Überflutungssedimente werden als Auenlehme gedeutet und entsprechen somit keinen eigentlichen Seeablagerungen mehr. In dieser Zone der Fundstelle machen sich also bereits terrigene107 Einflüsse bemerkbar, die sich im Eintrag von feinkörnigen Erosionsprodukten aus dem Hinterland äussern und die höchstwahrscheinlich durch Bachaktivitäten gesteuert wurden. Betrachtet man den Transsekt (Abb. 50), so fällt weiter auf, dass nördlich der Bohrung C2 die Schichten relativ deutlich, das heisst auf einer Strecke von 15 m um rund 40 cm, ansteigen. Dieses Gefälle dürfte eine Folge von zwei unterschiedlich stark komprimierten Substraten sein und stellt somit kein detailgetreues Abbild der neolithischen Ufersituation mit anschliessendem Flachwasserbereich dar. Aufgrund von Bohrungen ist bekannt, dass im seeseitigen und teils auch im zentralen Teil der Fundstelle Seekreiden im Untergrund vorkommen. Diese zu Beginn nur schwach verfestigten Kalkablagerungen neigen im Lauf der Zeit zu weit stärkeren Setzungserscheinungen als beispielsweise die minerogenen108 Sandablagerungen im Nordteil der Ausgrabungsfläche. Diese Tatsache lässt erahnen, dass die Schichten zur Bildungszeit nach Süden hin wohl weit weniger stark einfielen, als dies aus dem Längsprofil hervorzugehen scheint. Landseitiger Bereich Der nördliche, landseitige Teil der Grabungsfläche befindet sich wie erwähnt auf einem sandigen Schwemmkegel (Abb. 51), der als breiter, fächerartiger Sedimentkörper auf die unmittelbare Nähe eines ehemaligen Bachlaufes hinweist. Wir gehen davon aus, dass die Sandablagerungen hier den Verlauf einer alten Strandplatte markieren, deren Lage im Lauf der Zeit schwankte beziehungsweise von der natürlichen Seespiegeldynamik abhing. Der Nachweis einer Bodenbildung an der Oberkante dieses Schwemmkegels macht deutlich, dass vor der neolithischen Besiedlungsphase – zumindest zeitweise – mit terrestrischen, das heisst «trockenen» Verhältnissen zu rechnen ist. In diesem seenahen, littoralen Bereich spielten sich die spätmesolithischen und die neolithischen Besiedlungen ab, wobei Letztere zur Bildung einer sandigen, holzkohlehaltigen Fundschicht führten. Darüberliegende sandige Bachschüttungen belegen eine Fortsetzung der fluvialen Aktivität. Möglicherweise wurden die Siedlungsplätze bewusst in Bachnähe angelegt. Zu Fragestellung 2: Identifikation der beiden Kulturschichten («Schicht 4» und «Schicht 5» laut Grabungsbericht und Vorberichten) auf den Dias und in den schematischen Profilzeichnungen der Kolonnen Wie bereits erwähnt, stammen die geborgenen Funde laut Fundinventar aus zwei Schichten, die auf der Ausgrabung als «Schicht 4» beziehungsweise «Schicht 5» bezeichnet wurden. Die Identifikation dieser beiden Schichten erschien umso dringlicher, als sich während der Arbeiten an diesem Band zeigte, dass das Fundmaterial zeitlich heterogen ist und dass auf benachbarten Parzellen auch Schichten mit bronzeund eisenzeitlichen Funden vorhanden sind. Auch der Umstand, dass in den Fotoprofilen und in den sedimentologisch analysierten Profilkolonnen weitere Kulturschichten dokumentiert sind, unterstrich die Notwendigkeit, die während der Ausgrabung erkannten und ergrabenen Schichten zu identifizieren. Der Identifikation liegen folgende Vorannahmen zugrunde: – Die Fundschichten sind nicht nur punktuell, sondern grossflächig vorhanden. Das leitet sich aus dem Umstand ab, dass die Schichten 4 und 5 mit einzelnen Ausnahmen für die gesamte Grabungsfläche mit Flächenzeichnungen dokumentiert sind. – Die untere der beiden Schichten liegt auf der anstehenden Seekreide auf. Dies ist in allen Vorberichten und im Grabungsbericht so beschrieben. – Die beiden Schichten enthalten Steine. Diese sind auf den Flächenzeichnungen für beide Schichten dokumentiert (vgl. Abb. 124 und 130). Vor dem Hintergrund dieser Vorannahmen ist unter Berücksichtigung aller uns verfügba107 Terrigen: auf dem Land entstanden. 108 Minerogen: mit hohem mineralischem Anteil. 69 3 Archäologische Stratigraphien Steinhausen_Sennweid 23.3.2007 14:53 Uhr Seite 69 ren Dokumente zur Stratigraphie festzuhalten, dass die beiden archäologischen Schichten 4 und 5 mit grosser Wahrscheinlichkeit lokalisiert werden konnten. Mit Ausnahme des am nördlichsten gelegenen Profilausschnittes 6, wo sich eine holzkohlehaltige Schicht unmittelbar über verwitterten Sandschichten abzeichnet, befindet sich die untere Fundschicht jeweils auf der Seekreide. Im zentralen und südlichen Areal der Sennweid lassen die beiden Kulturschichten limnische Einflüsse erkennen, die – vor der endgültigen Überdeckung und Einbettung – vermutlich auch zu einer Überprägung der Sedimente durch Erosion und Lessivierung109 geführt haben dürften. Inwiefern die im Zentrum der Fundstelle nachgewiesene Auenlehmsedimentation – wohl als Folge von fluvialen Überschwemmungsereignissen (der Lorze ?) – die Schichtbildung mitbeeinflusst hat, lässt sich nachträglich nur schwer abschätzen. Eine Überprägung zumindest der jüngeren, oberen Hauptfundschicht ist aber auch hier anzunehmen, zumal landseitig ein Ausdünnen der archäologischen Horizonte fassbar ist. Die schlechtesten Erhaltungsbedingungen weisen demnach die auf dem landseitigen Sandrücken befindlichen Kulturschichten auf, was sich sowohl im Auskeilen der Schichten als auch in der geringen Schichtmächtigkeit ausdrückt. Zudem ist auf dem Sandrücken davon auszugehen, dass die im Strandbereich liegenden organischen Ablagerungen während und nach der Sedimentation einem verstärkten Wellenschlag ausgesetzt waren und nicht zuletzt auch aufgrund der Überdeckung durch lockere, luftdurchlässige Sande allgemein schlechtere Erhaltungschancen besassen. Es sei nochmals darauf hingewiesen, dass wir nicht an den Feldarbeiten teilnehmen konnten und somit auch nie die Möglichkeit bekamen, ein unmittelbares Bild der Originalbefunde zu gewinnen. Ohne detaillierte und beispielsweise durch mikroskopische Analysen abgesicherte Beobachtungen zur Feinstratigraphie lassen sich heutzutage auch keine gesicherten Angaben zur Schichtentstehung ableiten, so dass diesbezügliche Aussagen für die Sennweid aus unserer Sicht kaum möglich sind. Speziell die im Rahmen von Seeufersiedlungen wichtigen Fragestellungen zum Ablagerungsmilieu, zum Wasserstand und damit letztlich auch zum Problemkreis der Bauweise der Häuser (abgehoben oder ebenerdig?) lassen sich infolge der schmalen Datenbasis nur unzureichend beantworten. Zu Fragestellung 3: Identifikation von weiteren archäologischen Schichten, die älter oder jünger sind als die beiden Hauptfundschichten Neben den beiden Hauptfundschichten (sogenannte Schichten 4 und 5) konnten ausser in Profilausschnitt 3 in allen Ausschnitten auch jüngere archäologische Schichten identifiziert werden (Abb. 36, 38, 42, 45, 47, 49). In Ausschnitt 2 sind darüber hinaus unter den beiden Hauptfundschichten auch zwei ältere archäologische Niveaus erhalten (Abb. 38). Im Gegensatz zu den beiden Hauptfundschichten, die nach Ausweis der Fotodokumentation der Drainagegräben I bis III grossflächig vorhanden waren, handelt es sich bei den älteren und jüngeren Schichten um kleinräumigere Phänomene. Ihre Erhaltung ist vermutlich speziellen lokalen Verhältnissen (beispielsweise flachen Mulden oder Senken) sowie dem Umstand zu verdanken, dass an manchen Stellen der maschinelle Abtrag des Humus und der Schichten über den beiden Hauptfundschichten nicht komplett erfolgte. Dadurch blieben jüngere Schichten lokal erhalten. In den publizierten Vorberichten und im Grabungsbericht werden jüngere oder ältere archäologische Schichten nicht behandelt. 70 IV. Stratigraphische Beobachtungen Abb. 51 SteinhausenSennweid, Rettungsgrabungen 1988–91. Natürliche Sandund Kiesschichten, die auf einen ehemaligen Bachlauf schliessen lassen. Legende: Kiesschichten Kies unsicher Sandschichten Sand unsicher 20 m N S Steinhausen_Sennweid 23.3.2007 14:53 Uhr Seite 70 Um dennoch die Datierung dieser älteren und jüngeren Niveaus etwas eingrenzen zu können, werden im Folgenden auch Ergebnisse herangezogen, die Renata Huber durch eine Auswertung der Flächenzeichnungen erzielte. So belegen die Flächenzeichnungen, dass während der Ausgrabung sowohl ältere als auch jüngere archäologische Niveaus ausgegraben, dokumentiert und die darin enthaltenen Funde und Hölzer auf den Zeichnungen nummeriert worden sind (siehe Zusammenstellungen in Abb. 52 und 53). Von den auf den Plänen eingezeichneten Funden werden jedoch nur zwei Keramikscherben aus Schicht 3 (Nr. 5394 und 5395 in Abb. 53) im Fundkatalog des Grabungsberichts geführt – dies allerdings mit der Schichtbezeichnung 5/2, was vermuten lässt, dass man sie der horgenzeitlichen Siedlungsphase zuordnete. Die restlichen Funde wurden offenbar nicht inventarisiert. Der Abstand der älteren archäologischen Schichten auf den Flächenzeichnungen zu Schicht 5 (= untere Hauptfundschicht) war unterschiedlich – er schwankte zwischen etwa 14 cm und 60 cm (Abb. 52). Hinweise auf die Datierung der älteren Schichten gibt es im Fall der Pläne Nr. 343 und 683, da auf ihnen sowohl Silices als auch Keramikscherben eingezeichnet sind. Hier dürfte es sich folglich um ältere neolithische Niveaus handeln. Im Falle von Schichten, für die auf den Plänen ausschliesslich Silex (Plan Nr. 697) oder Hölzer (Pläne Nr. 307–309, 280, 281, 914, 931 und 944) dokumentiert sind, ist neben einer älteren neolithischen auch eine mesolithische Datierung in Betracht zu ziehen. Für die Anwesenheit älterer neolithischer Siedlungsphasen sprechen 14C-Daten (vgl. Kap. VI.1.2) sowie zwei mögliche Pfyner Keramikscherben (Kat. 326 und 327). Auch einige Steinbeile aus Eklogit könnten aus einer älteren neolithischen Siedlungsphase stammen (vgl. Kap. VIII.3.3). Eine spätmesolithische Besiedlung ist durch zahlreiche Silexfunde aus den beiden Hauptfundschichten gut belegt (vgl. Kap. VIII.3.1) und widerspiegelt sich auch in den 14C-Daten (vgl. Kap. VI.1). Möglicherweise handelt es sich bei einem Teil der älteren archäologischen Niveaus um Schichtreste aus diesen Siedlungsphasen – eine Datierung in eine ältere mesolithische Phase ist aber auch denkbar (vgl. Kasten «Paläolithische und mesolithische Silexfunde», S. 220 f.). Auszuschliessen ist hingegen eine spätpaläolithische Zeitstellung, da der Fundplatz in dieser Zeit ein gutes Stück im See lag (vgl. Kap. V). Die jüngeren archäologischen Schichten befanden sich zwischen etwa 5 cm und 35 cm über Schicht 4 (= obere Hauptfundschicht). Da die Funde nicht beurteilt werden können und auch die Nummern der entnommenen 14C-Proben (Abb. 53, Pläne Nr. 1318– 1320 und 1337–1339) nicht eruierbar sind, kommt für die jüngeren Schichten aus stratigraphischen Gründen eine späthorgenzeitliche oder eine jüngere Datierung in Betracht. Anhaltspunkte könnten hier die von der Grabungsfläche stammenden schnurkeramischen Scherben (vgl. Kap. VIII.3.2.4.5) und spätbronzezeitlichen Geweihund Knochenartefakte (vgl. Kap. VIII.3.5.1) sowie einige jüngere 14C-Daten (vgl. Kap. VI.1) bieten. Ausserdem ist zu bedenken, dass in unmittel109 Auswaschung, Verspülung. 71 3 Archäologische Stratigraphien Abb. 52 SteinhausenSennweid, Rettungsgrabungen 1988–91. Planzeichnungen von älteren archäologischen Schichten. Zelt Plan Nr. Schichtbezeichnung Dargestelltes Abstand zu Schicht 5 Bemerkungen 8+19 307–309 5.3 unter der Kulturschicht Tannenstamm (3036) in der Seekreide quer durchs ganze Feld, laut Plan mit Bearbeitungsspuren (Loch u. a.), ein Pfahl (6192) daneben ca. 35 cm bei Zelt 19 eingeordnet 17 280–281 5.3 liegendes Holz (3032), Pfahl (6107), der es wohl durchschlägt ca. 14 cm in Analogie zu Zelt 19 und 22 ebenfalls zu «darunter» gezählt 22 343 5.3 unter Schicht 5, Pfostenentnahme liegendes Holz (3035) zugespitzt?, drei Pfähle (6209, 6384, 6220), einer durchschlägt das Holz, zwei Scherben in einem Tiergang, ein Knochenfund, ein weiteres Holzfragment 14 cm 58 683 5.2 westlich des Drainage-Schnittes Holz (3077 s. Zelt 59), Knochenfunde (III 6600, III 6601), ein Silex (Y446), ein Pfahl (1/6857) sowie etwas weiter entfernt zwei Scherben (65639, 65640) Situation schwierig zu beurteilen, da offenbar in alle Richtungen abschüssig, daneben 5.2 s. Zelt 59 Schichtverhältnisse im Planum schwierig 59 697 sous couche 5 grosses liegendes Holz (3077), das evtl. von Pfahl 1/6741 durchschlagen wurde (Darstellung nicht ganz klar), sowie ein Silex (ebenfalls 3077?) 12 cm s. Zelt 58 101 914 4.2 grosses liegendes Holz/Baumstamm (3081), Pfahl (1/6923) 60 cm Fortsetzung im Zelt 118 fehlt 102 931 5.2 liegendes Holz (3079 von Andy Marti mit «annulé “MC”» bezeichnet), Pfahl (1/6842) 24 cm keine Fortsetzung im Nachbarzelt 108 103 944 sous la couche verkohltes Objekt, auf Niveau 5.1 eingezeichnet, aber als darunterliegend angeschrieben kein Niveau Steinhausen_Sennweid 23.3.2007 14:53 Uhr Seite 71 78 IV. Stratigraphische Beobachtungen Schicht Probe Kalkgehalt (%) Organ. Anteil (%) Phosphat (FE) Humus (FE) pH 6S1 059 57,7 6,3 6S2 040 3,8 6,3 6,4 7S3 025 3,1 2,4 6,5 10 S4 035 3,7 2,6 6,2 10 S5 035 3,6 2,6 6,2 10 S6 030 3,7 2,1 6,3 10 S7 031 3,7 2,5 6,2 10 S8 023,5 3,2 1,8 6,1 10 S9 021,5 3,1 1,8 6,1 10 S10 024 2,8 1,9 6,3 11 S11 915,5 2,6 1,7 6,9 11 S12 10 17,5 2,9 1,7 7,3 024681012 S12 S11 S10 S9 S8 S7 S6 S5 S4 S3 S2 S1 Kalkgehalt % 0123456 Phosphat FE 0 20406080 S12 S11 S10 S9 S8 S7 S6 S5 S4 S3 S2 S1 Organischer Anteil % 0246810 S12 S11 S10 S9 S8 S7 S6 S5 S4 S3 S2 S1 Humus FE Abb. 60 Steinhausen, SumpfstrasseWest. Resultate der geochemischen Analysen am Auenlehm (S12–S4), am oberen archäologischen Horizont (S3) und am lehmigen Torf (S2, S1). FE = (relative) Farbeinheit (Humusund Phosphatgehalt von Sedimenten). 5,5 6,0 6,5 7,0 7,5 2 0 9 8 7 6 5 4 3 2 pH Steinhausen_Sennweid 23.3.2007 14:53 Uhr Seite 78 nes Lehmband auf, ein Indiz für ein kurzfristiges Überflutungsereignis mit terrigenem Eintrag aus dem nahen Hinterland. Einheit IV Schicht 11 Der Auenlehm der Schicht 11 zeichnet sich durch einen geringen Kalkgehalt von 10% beziehungsweise 9% aus, enthält aber einen relativ hohen organischen Anteil von 17,5% beziehungsweise 15,5%. Der pH-Wert liegt an der Basis der analysierten Profilkolonne noch im leicht alkalischen Bereich und erreicht in der darüberliegenden Probe S11 einen neutralen Wert. Diese Kennwerte belegen, dass Schicht 11 keiner Seekreide entspricht, sondern einem organischen Überflutungssediment, das neben einem geringen Kalkanteil vereinzelte detritische Sandkörner (Quarze, Feldspäte, wenig Kalzit), einen deutlichen Ton-/Siltanteil und organische Reste in verschiedenen Inkohlungsstadien führt. Hinweise auf eine anthropogene Überprägung der Schicht, die unmittelbar unterhalb des älteren archäologischen Fundhorizontes anschliesst, sind nicht vorhanden. Bezüglich des Bildungsmilieus handelt es sich um ein feinkörniges, schwebstoffreiches Überflutungssediment, das sich in einem ruhigen, untiefen Uferbereich ablagerte.119 3.6.4 Schlussfolgerungen Die in den Sedimenteinheiten III und IV gefasste Schichtabfolge mit den drei archäologischen Holzhorizonten 40, 33 und 7 dokumentiert eine klassische Verlandungssequenz, beginnend an der Basis mit einer Seekreide (Schichten 19–16), die von Auenlehmen (Schichten 12 und 11) überlagert wird. Aufgrund der Sedimentanalysen handelt es sich bei diesen Überflutungssedimenten um Flachwasserbildungen mit einem leichten limnischen Einfluss, abgelagert in einem schwach bewegten Milieu nahe der geschützten Uferzone. Analog zu den mikromorphologisch untersuchten Befunden vom Chollerpark dürfte es sich auch hier um sogenannte Auenverlandungstorfe handeln, die im Einflussbereich des Sees und der Mündungszone der Lorze standen. An der Oberkante dieses organischen Überflutungssedimentes befindet sich das ältere archäologische Niveau (7.–9. Jahrhundert n. Chr.) mit den vertikal stehenden Staketen und Flechtwerken (Schicht 40), die Teil eines Systems von Grossreusen sind (vgl. Kap. VII.2.3.2). Der dazu gehörende Zerstörungshorizont 33 mit den abgeknickten und verlagerten Holzresten folgt unmittelbar darüber. Unter Berücksichtigung der sedimentologischen Ergebnisse dürfte die Wassertiefe zur Benutzungszeit dieser älteren Fischfanganlagen annähernd im 0,5-m-Bereich gelegen haben, das heisst, es ist – in Abhängigkeit der jahreszeitlichen Schwankungen – von mindestens «knietiefen» bis gut «hüfthohen» Wasserständen auszugehen. An dieser Stelle seien ein paar Bemerkungen zum Zusammenhang zwischen Seespiegelständen und Klimaschwankungen angeführt.120 Aus paläoökologischer Sicht zeichnet sich für den Zeitraum zwischen rund 700 und 900 n. Chr. anhand von Klimaindikatoren aus den Jahresschichten der polaren Eiskappen ein globaler Temperaturrückgang ab.121 Diese klimatische Kühlphase ist auch in Europa nachgewiesen und führte unter anderem in Westschweizer Seen zu einem Pegelhochstand.122 Für Talsiedlungen des Juras ist im gleichen Zeitraum eine verstärkte Erosionstätigkeit nachgewiesen.123 Es stellt sich nun die Frage, ob diese Phase der Klimaverschlechterung in den Ablagerungen des Zugersees ebenfalls aufgezeichnet ist. Auf der Grundlage der sedimentologischen Resultate ist gerade während des Bestehens der frühmittelalterlichen Fischfanganlagen von einer verstärkten Auenlehmsedimentation der Lorze und – damit einhergehend – auch von höheren Seespiegeln auszugehen. Insofern scheint sich in diesem Fall ein Zusammenhang zwischen einer Klimaverschlechterung und der Auenlehmsedimentation beziehungsweise einem erhöhten Eintrag von Schwebstoffen im Uferbereich abzuzeichnen. Es darf aber nicht ausser Acht gelassen werden, dass – über die klimatischen Ursachen hinaus – beispielsweise auch Rodung, intensivierte landwirtschaftliche Nutzung und die damit verbundene Erosion im Hinterland zur Ablagerung von lehmigen (Fluss-)Auensedimenten führen können.124 Die jüngere archäologische Schicht 7 mit den Fischfangkammern aus dem 8. bis 10. 119 Die für eine Seekreidesedimentation nötige minimale Wasserüberdeckung von rund 0,5 m bis 1 m sowie die geochemischen Rahmenbedingungen (Kalksättigung, Wassertemperatur) waren offensichtlich während der Entstehung von Schicht 11 nicht erfüllt. 120 Einen guten zusammenfassenden Überblick über prähistorische Klimaschwankungen und Seespiegelstände gibt Maise 1998. 121 Mayewski et al. 1997. 122 Transgression von Petit Maclu (Magny 2004). 123 Aubry et al. 2005. 124 Leser et al. 1984, 42. 79 3 Archäologische Stratigraphien Steinhausen_Sennweid 23.3.2007 14:53 Uhr Seite 79 Jahrhundert n. Chr. liegt ebenfalls in einem Auenlehm und hebt sich weder geochemisch noch sedimentanalytisch von diesem ab. Mit Ausnahme der archäologisch fassbaren Holzartefakte lassen sich also auf sedimentologischem Weg keine weiteren menschlichen Zeiger innerhalb dieses Überflutungslehms nachweisen. Auch dieser Auenlehm repräsentiert eine Ablagerung aus der Flachwasserzone, wobei sich aufgrund der nach oben kontinuierlichen Zunahme des organischen Anteils ein allmählicher Rückgang der Wasserführung rekonstruieren lässt. Diese einsetzende Regressionsphase schlägt sich auch im Spektrum der botanischen Grossreste nieder. Die Makrorestanalysen an Proben aus Schicht 10 sprechen für eine Ablagerung, die innerhalb des Schilfröhrichtgürtels oder unmittelbar daran anschliessend gebildet wurde (vgl. Kap. VII.2.4). Der sich schon in Schicht 10, das heisst während des Bestehens der jüngeren Fischfangkammern abzeichnende Verlandungsbeginn der Bucht setzt sich im torfhaltigen Auenlehm der Schicht 6 nun weiter fort. Ein stark organischer Auenlehm versiegelt die bereits abgeknickten Flechtwerkzäune des oberen archäologischen Niveaus, das eine Nutzung des Areals noch bis in die zweite Hälfte des 11. Jahrhunderts n. Chr. dokumentiert. Für die Rekonstruktion der Landschaftsgeschichte sind diese dendrochronologisch datierten Befunde sehr wertvoll. Sie zeigen, dass die Verlandung in diesem Bereich der Bucht von Steinhausen erst im ausgehenden 11. Jahrhundert n. Chr. voll eingesetzt hat. Anschliessend dürfte der Wasserspiegel weiter gefallen sein, was sich in der Bildung des Niedermoortorfes der Schicht 4 äusserte. In diesem Zusammenhang ist ferner zu erwähnen, dass parallele Entwicklungen mit Seespiegeltiefständen im 11. und 12. Jahrhundert n. Chr. auch in den Seen der Westschweiz und des Juras überliefert sind.125 Diese Phase der Torfbildung wird durch die Ablagerung eines dünnen Auenlehms an der Basis der Schicht 3 unterbrochen, was auf eine erneute flächenhafte Überflutung des zuvor gebildeten Torfes weist. Es ist möglich, dass dieses Ereignis mit dem auch andernorts registrierten Seespiegelanstieg im 13. Jahrhundert n. Chr. korreliert.126 In Schicht 3 setzt sich die Anreicherung von organischem Material zunächst über einen wohl längeren Zeitraum fort. Der dadurch entstandene Torfhorizont unterliegt aber in der Folge vermutlich einer ausgeprägten Verwitterungsphase, die im Zusammenhang mit einem abrupten Seespiegelrückgang zu stehen scheint. Möglicherweise fassen wir hier die Auswirkungen der künstlichen Seeabsenkung von 1591/92, die nach einem drastischen Abfall des Wasserpegels um etwa 2,5 m zu einem Trockenfallen und damit zu einer Humifizierung des zuvor gebildeten lehmigen Torfes führte (vgl. Kap. IV.1.1). Die vereinzelt geborgenen Holzobjekte aus diesem alten Oberboden werten wir als Indizien für eine Nutzung (Viehwirtschaft?) des entwässerten Gebietes. Der anschliessend abgelagerte helle Auenlehm mit Sandeinschaltungen (Einheit I, Schicht 2) markiert das letzte fassbare Überflutungsereignis im Untersuchungsgebiet. Hinsichtlich der Landschaftsentwicklung stellt sich die Frage, ob diese Überschwemmungen in Beziehung zu mutmasslichen Geländesenkungen127 als Spätfolgen des Seespiegelabfalls nach 1592 stehen. Eine weitere Ursache für die erneute Auenlehmsedimentation könnte aber auch in den markanten klimatischen Rückschlägen bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts («Kleine Eiszeit») liegen. Speziell für das erste Viertel des 19. Jahrhunderts sind mehrere klimatische Extremereignisse überliefert, die unter anderem auch zu verstärkter Wasserführung der Flüsse und zu saisonalen Seespiegelhochständen in Schweizer Mittellandseen geführt haben.128 Analoge Entwicklungen lassen sich auch für die breite Schwemmebene der Lorze beim Übergang zum Mündungsgebiet des Zugersees postulieren. Aus diesem beigen Überflutungslehm hat sich der anmoorige Humushorizont entwickelt, der ab 1942 intensiv als Weideland genutzt wurde. 3.7 Chollerpark 1999/2000: geologische Untersuchungen Kristin Ismail-Meyer und Philippe Rentzel 3.7.1 Einleitung und Fragestellung Während der archäologischen Ausgrabungen auf dem Areal des Chollerparks wurde die Schichtabfolge begutachtet und mittels Bodenproben dokumentiert. Aus mehreren Profilen konnten mikromorphologische und geochemische Proben entnommen werden, deren Analysen Hinweise auf das Milieu und die Bildungsbedingungen der Schichten liefern sollten. 80 IV. Stratigraphische Beobachtungen Steinhausen_Sennweid 23.3.2007 14:53 Uhr Seite 80 Die Mikromorphologie als geologischbodenkundliche Analysemethode beschäftigt sich mit der Zusammensetzung, dem Aufbau und der Entstehung sowohl natürlicher als auch vom Menschen beeinflusster Ablagerungen. Welche Rolle die natürlichen und die anthropogen ausgelösten Prozesse bei der Bildung einer Schicht spielen, ist während geologischer Feldarbeiten jedoch meist nur schwer zu beurteilen. Da diese Fragen aber letztlich die Entstehungsgeschichte einer gesamten Fundstelle betreffen, sind sie von erheblicher Bedeutung, nicht nur für die Archäologie, sondern auch für weitere an der Auswertung beteiligte naturwissenschaftliche Disziplinen. Aus diesem Grund wurden im nördlichen Bereich des Chollerpark-Areals aus typischen, repräsentativen Schichten orientierte Bodenproben aus den Profilen gestochen und diese anschliessend im Labor mittels Mikroskop untersucht. Das Schwergewicht der Analysen lag auf der Beurteilung der Schichtzusammensetzung und der Feinstrukturen im Hinblick auf Aussagen zu den Ablagerungsprozessen.129 Die Rolle des Zugersees und des nahe der Ausgrabung durchfliessenden Flusses Lorze waren dabei von besonderem Interesse. 3.7.2 Methodik Während der Ausgrabungen im Bereich des Chollerparks im Herbst 1999 konnten drei Stratigraphien detailliert aufgenommen und beprobt werden (Abb. 61). Für mikromorphologische Untersuchungen wurden sieben orientierte Blöcke (M1–M7) direkt aus den Profilen mit Hilfe von Plastikkästen herausgestochen. Im Labor haben wir die getrockneten Proben anschliessend in Kunstharz eingegossen und nach vollständiger Aushärtung mit einer Diamantsäge in mehrere rund 1 cm dicke Tranchen aufgetrennt. Diese Anschliffe lassen die Schichtverhältnisse gut erkennen und stellen einen wertvollen Beleg der originalen Stratigraphie dar. Im Hinblick auf die mikroskopischen Untersuchungen wurden anschliessend quadratische Plättchen (47 mm × 47 mm) herausgesägt und zu neun Dünnschliffen130 verarbeitet. Proben: Lage: M1 Feld 40, Ost-Profil M2 Feld 40, Ost-Profil M3 Feld 40, Ost-Profil M4 Feld 40, Ost-Profil M5 Feld 27, Ost-Profil M6 Feld 29, Ost-Profil M7 Feld 29, Ost-Profil Zusätzlich stammen aus dem Ostprofil von Feld 40 insgesamt 19 sedimentologische Proben131, die im Labor geochemisch sowie auf ihre Korngrössenzusammensetzung hin untersucht wurden.132 3.7.3 Geographische Lage des Chollerparks Die Fundstelle befindet sich in der Lorzeebene in 900 m Distanz zum Zugersee (vgl. Abb. 23,9). Während der Bronzezeit lag in dieser Ebene zeitweise eine Bucht, die sich gegen Nordosten zog. Am nordöstlichsten Randbereich dieser ehemaligen Bucht befindet sich das Areal des Chollerparks.133 In unmittelbarer Nähe muss sich das Flussbett oder ein Arm der Lorze befunden haben, deren lehmige Sedimente während der Ausgrabung erfasst wurden. Möglicherweise trug auch der Ochsenbach, der heute nördlich des Untersuchungsgeländes durchfliesst, zur Auenlehmsedimentation bei.134 Die allgemeinen geologischen Verhältnisse der näheren Umgebung wurden in den einführenden Kap. IV.1 und IV.2 bereits näher erläutert. 3.7.4 Die Sedimenttypen und ihre Entstehung Bevor wir auf die Stratigraphie eingehen, sollen an dieser Stelle kurz die verschiedenen Sedimentfazien vorgestellt werden (Abb. 62). 125 Magny 2004. 126 Magny 2004. 127 Senkungen durch Kompression der liegenden Seekreiden und der Torfe. – Für das weiter südwestlich gelegene Gebiet «Zug-Sumpf» zeigen modellhafte Berechnungen, dass im Zeitraum zwischen 1592 und heute mit Setzungen der Seekreide von bis zu 60 cm zu rechnen ist (Annen 2003). Unter Einbezug der in diesen Berechnungen nicht berücksichtigten oberflächennahen Torfe dürften die Setzungen im Areal Sumpfstrasse-West wohl noch weit stärker ausgefallen sein. 128 Pfister 1999. 129 Courty et al. 1989. 130 Dünnschliff: 30 µdicker Gesteinsschnitt, der auf einen Glasträger geklebt und von einem Deckglas geschützt wird. Die Herstellung der Dünnschliffe übernahm freundlicherweise Thomas Beckmann, Braunschweig. Zur Methodik der Dünnschliffherstellung vgl. auch Beckmann 1997. 131 Lockersedimentproben. 132 Zur Methodik vgl. Brochier/Joos 1982. Die Ergebnisse dieser klassischen Laboranalysen sind direkt in den Sedimentationsbeschrieb eingeflossen. 133 Eberschweiler 2004, 17–20. 134 In der Folge wird als Quelle von Überflutungslehmen der Einfachheit halber von der Lorze die Rede sein, obschon auch mit einem Einfluss des Ochsenbaches zu rechnen ist. 81 3 Archäologische Stratigraphien Steinhausen_Sennweid 23.3.2007 15:40 Uhr Seite 81 82 IV. Stratigraphische Beobachtungen Abb. 61 SteinhausenChollerpark. Baugrube mit den archäologisch untersuchten Grabungsarealen (Grauraster) und der Feldereinteilung. Die beprobten Profile (rot) und die in Abb. 67 abgebildeten Fototranssekte (blau) sind mit der Feldnummer ergänzt, die Pfeile geben die Blickrichtung an. M. 1:500. N 29 27 3131 21 20 40 51 226.694 226.670 226.664 226.606 679.560 679.570 679.580 679.590 Steinhausen_Sennweid 23.3.2007 15:41 Uhr Seite 82 Seekreide An der Basis der Abfolge konnte eine stark karbonathaltige weissliche Schicht erfasst werden, die als Seekreide bezeichnet wird. Sie besteht hauptsächlich aus einem Karbonatschlamm, der sich aus feinsten Kalkkristallen zusammensetzt. Der sogenannte Mikrit135 entsteht durch den Stoffwechsel von Wasserpflanzen, indem durch Photosynthese Kalk ausgefällt wird, der sich im ufernahen Bereich von Seen ablagern kann.136 Damit Seekreidebildung auftritt, muss die Wassertiefe zwischen 0,5 m und 6 m betragen.137 Auenlehm Grössere Flüsse bilden bei jährlich wiederkehrendem Hochwasser eine Überflutungsebene, die mit feinkörnigen lehmigen Ablagerungen bedeckt wird. In Mitteleuropa ist Auenlehm erst seit dem Neolithikum nachweisbar, was mit Rodungsaktivitäten für den Ackerbau in Zusammenhang gebracht wird. Dadurch verstärkte sich die Bodenerosion.138 Der Auenlehm vom Chollerpark besteht aus einem tonigen Silt (mineralischer Gehalt durchschnittlich 65%), der komplett kalkfrei ist (Abb. 63). Dazu kommen im Mittel 20% organisches Material, das zum grössten Teil von Wurzeln, aber auch von Stengeln krautiger Pflanzen stammt. Die Fracht der Lorze bestand an dieser Stelle nur noch aus den feinsten Partikeln, während Kies und Sand weiter oben im Flusslauf abgelagert wurden. Vermutlich verbreiterte sich der Flusslauf gegen den Zugersee hin beträchtlich, so dass die Fliessgeschwindigkeit des Wassers stark abnahm und sich Feinmaterial absetzen konnte. Die pflanzlichen Reste entsprechen grösstenteils denjenigen der torfigen Schichten. Möglicherweise wurden bei Hochwasserständen anstehende Torfe stellenweise abgetragen und das erodierte pflanzliche Material mit der mineralischen Flussfracht zusammen abgelagert. Der Zugersee scheint eine eher geringe Rolle bei der Ablagerung dieser Lehme gespielt zu haben. Sicher wurde aber die dem See nahe Flussebene während Hochwasser-Perioden regelmässig überflutet. Torfige Schichten Auf wasserundurchlässigen Schichten können je nach Topographie unterschiedliche Arten von Mooren entstehen. Durch intensiven Pflanzenbewuchs akkumuliert sich organisches Material, das infolge des hohen Was135 Mikrit: mikrokristalliner Kalkschlamm. 136 Magny 1992, 30 f. 137 Brochier 1983, 250. 138 Leser et al. 1984, 42; Mekic 1999, Kap. 3. 83 3 Archäologische Stratigraphien Abb. 62 SteinhausenChollerpark. Überblick über die Stratigraphie mit den jeweiligen Positionsnummern (Schichtbeschrieb vgl.Abb.66a). Ostprofil des Feldes 20. 12 13 14 16 3 15 1 8 9 Abb. 63 SteinhausenChollerpark. Auenlehmschicht Pos. 16 mit Überresten von schwarzen krautigen Stengeln in der Bildmitte links (Probe M3 aus Feld 40). 5 mm Steinhausen_Sennweid 23.3.2007 15:41 Uhr Seite 83 sergehaltes von Mooren unter Luftabschluss konserviert wird. Das nicht vollständig abgebaute Material wird als Torf gespeichert. Je nach Wasserzufuhr unterscheidet man Hochmoore (Regenmoore), die durch atmosphärisches Wasser gespiesen werden, und Niedermoore, deren Wassergehalt auf Grundund Oberflächenwasser zurückgeht.139 Ein Teil der Schichtabfolge im Chollerpark besteht aus dunkelbraunen bis schwarzen torfigen Ablagerungen (Abb. 64). Die locker geschichteten pflanzlichen Reste des Torfes (Porosität 25%) weisen einen durchschnittlichen organischen Anteil von 50% auf. In den meisten torfigen Schichten ist zudem ein toniger Silt vorhanden (Gehalt im Mittel 20%), der teilweise auch in Form von Bändern vorliegt. Das organische Material setzt sich hauptsächlich aus Wurzeln und Rhizomteilen (Speicherwurzeln) von Schilf zusammen.140 Ferner wurden auch Blätter, Stengel von krautigen Pflanzen und Rindenfragmente häufig festgestellt. Seltener vorhanden sind Holzreste und Holzkohlen.141 Anhand des botanischen Spektrums und der Art der Wasserzufuhr kann man die organischen Schichten als Niedermoortorf bezeichnen.142 Die in den Torfen enthaltenen dünnen Auenlehmbänder aus tonigem Silt gehen vermutlich auf Wasserhochstände der Lorze zurück. Dies weist darauf hin, dass die Torfschichten des Chollerparks zu den Auenüberflutungsmooren gezählt werden können. Hier führten phasenweise auftretende Überflutungen im Stillwasserbereich zur Ablagerung von Auenlehm oder mineralreichen Torfen. Einige Pflanzen mit einer festen Verwurzelung wie Röhrichte, Erlen, Weiden und bestimmte Grossseggenriede können an solchen Standorten gedeihen.143 Dies stimmt mit dem botanisch festgestellten Spektrum der Torfe gut überein.144 Der nahe gelegene Zugersee scheint die Torfschichten ab und zu überschwemmt zu haben, wobei nicht von einer grossen erosiven Kraft auszugehen ist. Vielmehr wurde Schwemmgut eingebracht, das sich in die entstehenden Schichten eingelagert hat. Sandschichten In mehreren Profilen liessen sich zusätzlich zu den Auenlehmund Torfschichten auch bis 80 cm mächtige Sandablagerungen fassen (Pos. 4 und 5), die als Nord-Süd-verlaufender Sandrücken rekonstruiert werden (Abb. 68).145 Der gut sortierte Feinsand (Gehalt durchschnittlich 40%) weist einige limnische Anzeiger auf wie Fruchtkörper von Armleuchteralgen (Chara-Oogonien) und Sparitkristalle (Kalkkristalle in Feinsand-Fraktion, Anteil etwa 10%), die in der ebenfalls am Zugersee gelegenen Fundstelle Risch-Aabach auf eine limnische Entstehung hinweisen.146 Der Gehalt an organischem Material, das in einem Teil der Proben enthalten war, schwankt zwischen 5% und 50% (Abb. 65). Es ist wahrscheinlich, dass während einer wasserreicheren Periode die Lorze vermehrt Sand in den Zugersee eintrug, der in der Folge im See leicht überprägt wurde (Sparitkristalle, Armleuchteralgen). Während eines Seehochstandes müssen beachtliche Mengen an Sand ins Areal der Fundstelle gespült worden sein, wobei organische Schichten zum Teil erodiert und das pflanzliche Material mit dem Seesand vermischt wieder ab84 IV. Stratigraphische Beobachtungen Abb. 64 SteinhausenChollerpark. Ausschnitt aus einer reinen Torfschicht Pos. 7/1, bestehend aus nicht näher bestimmbaren, locker gepackten organischen Resten (Probe M2 aus Feld 40). 1 mm Abb. 65 SteinhausenChollerpark. a: Torfige Sandschicht Pos. 4 (untere Bildhälfte), durchsetzt mit viel organischem Material. Im oberen rechten Teil die Sandschicht Pos. 5 (Probe M6 aus Feld 29). b: Wie a, Aufnahme jedoch mit gekreuzten Polarisatoren. Die Sandkörner treten grau bis weiss hervor. 1 mm1 mm 1 mm a b Steinhausen_Sennweid 23.3.2007 15:41 Uhr Seite 84 gelagert wurde. Der Sand hat sich dabei vermutlich durch Wellengang parallel zur damaligen Uferlinie abgesetzt. Kurz darauf wurde wohl ein grosser Teil dieser vermischten Sandschicht im seewärtigen Teil des Chollerparks durch Wellenaktivität wieder abgetragen, so dass ein Rücken stehen blieb. Ob dies mit einem sinkenden Seespiegel oder vermindertem Wellengang zusammenhängt, ist nicht zu entscheiden. Archäologische Fundschichten Die Fundstelle Chollerpark lieferte drei unterschiedlich reichhaltige Fundniveaus, wobei hauptsächlich Hölzer zum Vorschein kamen. Das älteste Schichtpaket (US, Pos. 9; Abb. 62 und 66) enthielt Funde aus der Mittelbronzezeit zwischen etwa 1700 und 1350 v. Chr. und lieferte fast 500 bearbeitete Hölzer. Abgesehen von den fünf einzigartigen Trapezkonstruktionen unbekannter Funktion, die zwischen 7 m und 15 m lang sind, konnten auch Überreste eines Einbaums und fast 30 Paddelfragmente geborgen werden.147 Ausrichtung und Anordnung der Funde auf einer schmalen Zone liessen schon während der Grabung vermuten, dass es sich beim Fundmaterial um Schwemmholz handelt, das durch den Zugersee eingebracht wurde.148 Dieses Szenario wird auch durch die mikromorphologischen Sedimentuntersuchungen gestützt, die zeigen, dass die torfige Fundschicht keine anthropogene Überprägung aufweist, die sich beispielsweise in Holzkohlen oder Knochensplittern manifestieren würde. Das Fundmaterial der oberen Fundschicht (OS, Pos. 7/1; Abb. 62 und 66) wird in die Spätbronzezeit auf etwa 1100 bis 900 v. Chr. datiert. Die Schicht enthielt über 1500 einzelne Hölzer. Unter anderem stammen aus dieser Schicht rund 40 Paddelfragmente und unzählige Schindelreste. Auffallend ist die Ähnlichkeit des Materials mit den Funden aus der nahe gelegenen Fundstelle ZugSumpf.149 Auch in dieser Schicht dokumentiert die Fundverteilung, dass es sich um eingeschwemmtes Strandgut handelt.150 Die Artefakte befanden sich in einer stark torfigen Schicht, wobei hier ebenfalls keine mikromorphologischen Hinweise auf unmittelbare menschliche Präsenz vorliegen. Im leicht organischen Auenlehm Pos. 16 (Abb. 62 und 66) befanden sich einige Funde wie Keramikscherben und Pfähle, die in die späteste Bronzezeit bis früheste Hallstattzeit (990–790 v. Chr.), in die Hallstattbis Frühlatènezeit (800–420 v. Chr.) und ins Frühbis Hochmittelalter (420–880 n. Chr.) datiert wurden.151 Die Schicht weist – wie auch in den anderen Fällen festgestellt – keine mikromorphologisch fassbaren Spuren menschlicher Anwesenheit auf. 3.7.5 Die untersuchten Profile Für die mikroskopische Auswertung der Schichtabfolge wurden drei Profile ausgewählt (vgl. Abb. 61). Das am nördlichsten gelegene Ost-Profil befindet sich in Feld 29, gefolgt vom Ost-Profil in Feld 27, das ungefähr 10 m weiter südlich auf derselben Achse liegt. Weitere 30 m gegen Süden, in Feld 40, wurde die ausführlichste Aufnahme des Ost-Profiles durchgeführt. An dieser Stelle folgt eine Übersicht über die untersuchten Profile mit schematischen Umzeichnungen und einer Kurzbeschreibung der dokumentierten Schichten (Abb. 66). Zum Schichtverlauf Der Verlauf der Schichten im Areal des Chollerparks ist recht komplex, generelle Tendenzen sind schwer auszumachen. Dies hängt auch damit zusammen, dass während der Grabung nur eine beschränkte Anzahl Profile zeichnerisch aufgenommen werden konnte. Es lässt sich immerhin festhalten, dass die Abfolgen von Nordwesten nach Südosten, das heisst gegen den heutigen See hin, mächtiger werden (Abb. 67). Einzelne Schichten nehmen dabei seeseitig effektiv an Mächtigkeit zu (Pos. 13 und 1). Verschiedene Ablagerungen waren aber im nordwestlichen Bereich nicht (mehr) vorhanden (Pos. 13, 15, 8, 9 und 18). Vermutlich hängt das Fehlen gewisser Schich139 Succow/Joosten 2001, 2 f. 140 Die Wurzeln gehen auf in situ gewachsene Pflanzen zurück. Sie konnten sicher beachtliche Tiefen erreichen und auch in Schichten eindringen, die nicht als Torfe klassifiziert werden. 141 Eberschweiler 2004, 50, 107. 142 Jacomet 1999, 1. 143 Succow/Joosten 2001, 344. 144 Eberschweiler 2004, Abb. 41 und 128. 145 Eberschweiler 2004, 106. 146 K. Ismail-Meyer/Ph. Rentzel, unpubl. Vorbericht der mikromorphologischen Auswertung von RischAabach, 2004 (Archiv KA ZG). 147 Eberschweiler 2004, 50–84. 148 Eberschweiler 2004, 53. 149 Seifert/Wunderli 1997. 150 Eberschweiler 2004, 109, 130–133. 151 Eberschweiler 2004, 161–167. 85 3 Archäologische Stratigraphien Steinhausen_Sennweid 23.3.2007 15:41 Uhr Seite 85 ten im Nordwesten mit der Bildung des Sandrückens (Pos. 4 und 5) zusammen, die lokal Erosionserscheinungen bewirkte (Abb. 68). Es lassen sich grob drei parallele Zonen unterscheiden, die von Norden nach Süden verlaufen. Die westlichste Zone wurde durch die Seeüberschwemmung am stärksten tangiert, wo die Schichten Pos. 18, 9 und 8 erodiert und die Sandschicht Pos. 4 sedimentiert wurde. In der mittleren Zone konnte die Schicht Pos. 8 nur noch oberflächlich abgetragen werden. Die darüberfolgende Sandschicht ist hier am mächtigsten ausgebildet und besteht aus den Positionen 4 und 5 (Bereich des Sandrückens). Im östlichsten Bereich kam die Sandschicht Pos. 4 und 5 gar nicht zur Ablagerung, wobei vermutlich auch hier der oberste Teil der Schicht Pos. 8 erodiert wurde. Weiter lässt sich festhalten, dass im nördlichsten Bereich die Bodenbildung Pos. 13 nicht vorkommt, wohl deshalb, weil dieser Bereich dem See am nächsten lag und die schwächsten Verlandungsanzeiger aufweist. 3.7.6 Die Stratigraphie Der Schichtaufbau gliedert sich in Wechsellagerungen von Auenlehm und Torfschichten, die auf einer Seekreide abgelagert wurden (Abb. 62). Die umfassendste Beprobung führte man am Ostprofil des Feldes 40 (Abb. 66a) durch, wo neben vier mikromorphologischen Blöcken auch die 19 sedimentologischen Pro86 IV. Stratigraphische Beobachtungen Organischer Auenlehm Organischer Auenlehm (gegen unten in Torf übergehend) minerogener Torf leicht minerogener Torf (gegen Norden Auenlehm) Torf, gegen unten minerogene r organischer Auenlehm, gegen unten minerogener Torf, gegen oben minerogener 8 9 17 / 15 3 16 14 13 12 M3 M1 M4 M2 417,00 Bodenbildung aus Auenlehm (B-Horizont) Humushorizont aus Auenlehm (gegen Süden Torf) 416,00 226.647 226.646 226.645 a 417,00 416,00 M5 15 8 9 6 18 4 5 1 16 12 13 14 3 Bodenbildung aus Auenlehm (B-Horizont) Humushorizont aus Auenlehm (gegen Süden Torf) schwach organischer Auenlehm organischer Auenlehm (gegen unten in Torf übergehend) Torf Auenlehm (gegen Süden Torf) Torf mit Holzfunden Sandschicht mit organischen Linsen organischer Sand mit Holzfunden, stellenweise torfig Auenlehm mit Holzresten Auenlehm mit organischen Resten (gegen S Torf) organischer Auenlehm Seekreide 226.670226.671 b Steinhausen_Sennweid 23.3.2007 15:41 Uhr Seite 86 ben entnommen wurden. In den Feldern 27 und 29 konnte nur jeweils der Bereich des Sandrückens für mikroskopische Analysen (Pos. 4 und 5) beprobt werden. – Die mikromorphologischen Beschreibungen der Schichten beziehen sich hauptsächlich auf Feld 40, beginnend mit den ältesten Ablagerungen. Karbonathaltiges Seesediment (Pos. 10, Feld 29) In einem einzelnen Profil liess sich auf der Seekreide (Pos. 6) ein mikritischer Feinsand (Pos. 10) beobachten.152 Die ungeschichtete Ablagerung besteht aus etwa 20% Quarzsand und enthält einen geschätzten Karbonatanteil von 50%, wobei ein Teil als Mikrit und der andere Teil als Sparitkristalle in Feinsandfraktion vorliegt. Der organische Gehalt beträgt 20% und geht hauptsächlich auf Wurzeln zurück. Sowohl der Mikrit als auch die Sparitkristalle weisen auf eine limnische Entstehung hin. Diese Schicht scheint nur im nördlichsten Bereich des untersuchten Areals abgelagert worden zu sein. Vermutlich hängt dies mit dem verstärkten Seeeinfluss in dieser Zone zusammen. Minerogene Torfschicht (Pos. 9, US, Feld 40) Das untere archäologische Schichtpaket (US) enthielt die Überreste von fünf Trapezkonstruktionen aus Holz. Das Relief der Fundstelle weist gegen Osten einen leicht ansteigenden Rücken auf, an dem sich das eingeschwemmte Fundgut konzentriert hat. Dort wurde es auch einsedimentiert. Der grösste Teil des Fundmaterials war komplett in der Torf152 Bis jetzt nur im Ostprofil des Feldes 29. 87 3 Archäologische Stratigraphien 417,00 416,00 M7 M6 16 3 5 4 1 12 11 moderner Humushorizont (A-Horizont) Bodenbildung aus Auenlehm (B-Horizont) schwach organischer Auenlehm limnischer Sand mit organischen Resten (gegen Süden Auenlehm ) Auenlehm (gegen Süden Torf) Torf mit Holzfunden Sandschicht mit organischen Linsen organischer Sand mit Holzfunden, stellenweise torfig karbonatisches Seesediment Seekreide 14 6 10 226.687 226.688 c Abb. 66 Steinhausen-Chollerpark. a: Umzeichnung des Ostprofiles aus Feld 40 mit den entnommenen Proben M1 bis M4. Die Schichtansprache basiert auf den mikromorphologischen Untersuchungen. Pos. 16 tritt mikromorphologisch als Auenlehm auf, während die Feldansprache auf Torf lautet. Pos. 15 erscheint hier als Torf, geht aber gegen Norden in einen Auenlehm über. b: Umzeichnung des Ostprofiles aus Feld 27 mit der entnommenen Probe M5. Die Schichtansprache basiert auf den mikromorphologischen Untersuchungen. Auch hier wird die Pos. 16 mikromorphologisch als Auenlehm angesprochen. Der Torf Pos. 4 weist Stellen mit sandigeren und torfigeren Bereichen auf und wird mikromorphologisch als Sandschicht angesprochen. Pos. 9 tritt an dieser Stelle als Auenlehm auf, die Schicht geht aber gegen Süden in einen Torf über. c: Umzeichnung des Ostprofiles aus Feld 29 mit den entnommenen Proben M6 und M7. Die Schichtansprache basiert auf den mikromorphologischen Untersuchungen. Im Norden tritt die Schicht Pos. 3 als Auenlehm auf, während sie gegen Süden in einen Torf übergeht. M. 1:20. Legende: Torf Auenlehm Sand siltige Seekreide Seekreide Bodenbildung Verwitterungshorizont Holz Steinhausen_Sennweid 23.3.2007 15:41 Uhr Seite 87 flussbereich der Hochwassersedimente der Lorze entstanden sein, wobei sich stellenweise torfhaltige Ablagerungen bildeten. Es ist zu vermuten, dass auch der Zugersee einen leichten Einfluss auf die Schichtbildung ausübte, obschon dies mikromorphologisch kaum zu fassen ist. Organischer Auenlehm (Pos. 16, Felder 40 und 29) Über dem Torfband Pos. 15 lagerte sich mit den Schichten Pos. 3 und 16 eine relativ mächtige Sequenz von Auenlehmsedimenten ab, wobei die Ablagerung der unteren Schicht Pos. 3 mit einem erhöhten Torfanteil ausfiel. Wie weiter oben erwähnt, enthielten die Schichten archäologisches Fundmaterial, das hauptsächlich in die Hallstattzeit und ins Frühmittelalter datiert. Die obere Schicht Pos. 16 wurde mikromorphologisch untersucht. Der leicht geschichtete Auenlehm besteht in Feld 40 aus einem Silt (Gehalt um 55%), der einen organischen Anteil von 25% aufweist, was hauptsächlich auf Wurzeln zurückgeht (vgl. Abb. 63). Weiter nördlich präsentiert sich diese Schicht Pos. 16 sehr unterschiedlich. Wir erfassen in Feld 29 ein sandig kiesiges Sediment (Anteil 30%), das rund 30% pflanzliches Material und nur etwa 10% Auenlehm enthält. Das vielfältige organische Spektrum, von grossen Holzkohlefragmenten über Laubund Nadelholzschnipsel, Rindenstücke und Blätter bis zu Samen, hat mit den bisher bekannten Torfen vom Areal des Chollerparks wenig gemein. Mehrere Fruchtkörper von Armleuchteralgen deuten einen limnischen Einfluss an. Vermutlich hat sich die Ablagerung Pos. 16 im Einflussbereich von verschiedenen Milieus gebildet. Der vorherrschende, leicht organische Auenlehm dürfte eine Suspensionsablagerung der Lorze repräsentieren. Allerdings hat zumindest im nördlichen Bereich der Grabung der Zugersee grössere Mengen an Sand eingebracht, der verlagertes organisches Material enthält. Die Holzkohlen, die bis 8 mm im Durchmesser aufweisen, lassen keine deutlichen Transportspuren erkennen. Interessant ist zudem, dass hier nicht das übliche organische Spektrum der Torfund Auenlehmschichten enthalten war, sondern eher Reste einer Siedlungsschicht. Vermutlich befanden sich diese Fundschichten in unmittelbarer Nähe, wurden vom See erodiert und vermischt mit Sand im nördlichen Bereich des Untersuchungsgebietes abgelagert. Es kamen hier wohl ähnliche Prozesse zum Zuge, wie sie schon bei der Ablagerung der Sandschichten Pos. 4 und 5 gespielt haben, allerdings in abgeschwächter Form, da offensichtlich nur der nördliche Grabungsbereich betroffen war. Organischer Auenlehm (Pos. 14, Feld 40) Makroskopisch deutlich vom Auenlehm Pos. 16 abgrenzbar, folgt ein mächtiges Auenlehmpaket von bis zu 30 cm Dicke. Der leicht geschichtete, lehmige Silt enthält Eisenausfällungen und weist infolge von oxidierten und reduzierten Bereichen ein fleckiges Aussehen auf. Die Porosität nimmt gegen oben von etwa 20% auf 5% ab. Organisches Material macht einen Anteil von ungefähr 20% aus und besteht aus Wurzeln, krautigen Stengeln und seltenen Erdbeersamen (Abb. 77). Erstmals treten zudem schwarze Zellketten auf, die Rhizomteilen von Gräsern ähnlich sehen.163 Relativ häufig sind Algenzysten vorhanden. Den Lehm deuten wir als Überflutungssediment, wobei die häufigen Algenzysten eine leichte Überprägung durch den Zugersee andeuten könnten. Nach der Ablagerung muss dieser Schichtbereich periodisch Staunässe ausgesetzt gewesen sein, so dass eine hydromorphe Überprägung stattfand. Es ist möglich, dass das Gebiet der ehemals vom See besetzten Bucht verlandete, nachdem in den Jahren 1591/92 n. Chr. der Seespiegel des Zugersees abgesenkt wurde.164 Auenlehm mit Bodenbildung (Pos. 13, Feld 40) Der Auenlehm Pos. 13 gehört im Grunde zur vorangehenden Auenlehmschicht Pos. 14, er unterscheidet sich nur durch eine leichte Verwitterung des Sedimentes nach der Ablagerung. Der geschichtete tonige Feinsilt enthält 10% organisches Material, das aus Wurzeln, krautigen Stengeln und möglichen Rhizomen (siehe oben) besteht. Die Porosität beträgt etwa 20%, was verglichen mit den 5% des darunterfolgenden Lehms Pos. 14 relativ hoch erscheint. Bemerkenswert ist zudem das plattige Gefüge mit horizontalen Rissen 94 IV. Stratigraphische Beobachtungen Abb. 77 SteinhausenChollerpark. Erdbeersamen im Längsschnitt (Probe M7 aus Feld 29). 1 mm Abb. 78 SteinhausenChollerpark. Horizontale Risse im Gefüge der Auenlehmschicht Pos. 13, entstanden infolge einer leichten Bodenbildung (Probe M4 aus Feld 40). 77 78 5 mm Steinhausen_Sennweid 23.3.2007 15:41 Uhr Seite 94 (Abb. 78). Ein hoher Gehalt an Eisenausfällungen und feinsten organischen Partikeln, die sich in der Matrix verteilen, scheint ebenfalls nur hier vorzukommen (Abb. 79). Dieser Auenlehm entstand unter denselben Ablagerungsbedingungen wie der darunterliegende Lehm Pos. 14. Allerdings wurde der obere Auenlehm nicht nur durch stehendes Wasser überprägt, sondern auch durch Frost und eine leichte Verwitterung, so dass ein Teil des organischen Materials in feine Partikel zerfiel. Der hohe Eisengehalt könnte ebenfalls damit zusammenhängen. Wir erfassen hier also eine leichte Bodenbildung165, die vermutlich nach einigen Jahrhunderten von einer weiteren Auenlehmablagerung Pos. 12 unterbrochen wurde. Beobachtungen der Profile und im Feld haben ergeben, dass im nördlichsten Bereich die Bodenbildung 13 nicht vorkommt, während die Schicht gegen Süden in einen Torf übergeht. Es wäre vorstellbar, dass der Boden infolge der Seespiegelabsenkung von 1591/92 n. Chr. entstand, wobei das nördliche Grabungsareal durch den nahe gelegenen Sumpf (siehe Pos. 14) zu feucht für eine terrestrische Bodenbildung war. Im südlichen Teil, der nun dem Zugersee am nächsten lag, herrschten noch Ablagerungsbedingungen vor, die Torfwachstum begünstigten. 3.7.7 Schichtbildungsprozesse Wie eingangs erwähnt, besteht eines der Hauptziele der mikromorphologischen Untersuchungen in der Rekonstruktion des Ablagerungsmilieus einer archäologischen Fundstelle. Im Chollerpark sind die Bedingungen allerdings speziell, da es sich nicht um ein direkt besiedeltes Areal handelt und natürliche Schichtbildungsprozesse dominieren. Hier stellt sich weniger die Frage nach den menschlichen Spuren, sondern vielmehr nach dem Entstehungsmilieu der Schichtabfolge im Einflussgebiet der Lorze und des Zugersees. An dieser Stelle wird auf die Prozesse und das Milieu, die zur Schichtbildung im Chollerpark geführt haben, näher eingegangen. Milieurekonstruktion Ein Grossteil der feinkörnigen minerogenen Sedimente ist vermutlich durch die Lorze oder den Ochsenbach entstanden. Der Auenlehm, das am häufigsten vorkommende Sediment, stellt die Feinfracht des Flusses dar. Er wurde bei fast stehendem Wasser abgelagert (Fliessgeschwindigkeit etwa 1 mm/s). Während einiger Phasen entstanden moorähnliche Bedingungen, was vermutlich im Randbereich des Flusses oder in Buchten möglich war. Man muss sich hier einen sumpfigen Uferbereich vorstellen, bewachsen mit Röhricht und vereinzelten Bäumen (vermutlich hauptsächlich Erlen), der ständig von Wasser überflossen wird.166 Milieuänderungen wie beispielsweise ein Wasseranstieg manifestierten sich dahin gehend, dass in den Torfen dünne Auenlehmbänder eingelagert wurden. Nach diesen Überflutungsphasen setzte das Torfwachstum wieder ein. Trockenphasen während der Torfbildung mit stark zersetztem organischem Material, die sich in Auen relativ rasch ergeben können, scheinen entweder erodiert worden zu sein oder kamen nicht vor. Vielmehr weist das organische Material auf ein ständig feuchtes Milieu hin, in dem die Ablagerungen nicht durch bodenwühlende Organismen oder Verwitterung gestört wurden. Die Wurzeln der Vegetationsdecke konnten das Gefüge stark beeinträchtigen und auch in tiefer liegende Bereiche vordringen, so dass Auenlehme meist ebenfalls Spuren von Wurzeln aufweisen. Vermutlich kann man davon ausgehen, dass Torfschichten während wärmeren Klimaphasen mit weniger Wasserzufuhr entstanden sind. Auenleh163 Grosse-Brauckmann 1972, 55. 164 Ottiger et al. 1990. 165 Hydromorphe Auenbraunerde mit anmoorigem Humushorizont. 166 Succow/Joosten 2001, 344. 95 3 Archäologische Stratigraphien Abb. 79 SteinhausenChollerpark. a: Eisenausfällungen (braun) und zerfallene organische Partikel (Detritus, schwarz) in der Auenlehmschicht Pos. 13, entstanden infolge einer leichten Bodenbildung (Probe M4 aus Feld 40). b: Wie a, Aufnahme jedoch mit gekreuzten Polarisatoren. Die Tonmineralien der Matrix erscheinen graublau, stellenweise sind sie durch Eisenausfällungen orange imprägniert. a b 1 mm 1 mm Steinhausen_Sennweid 23.3.2007 15:41 Uhr Seite 95 me lassen sich eher mit kühleren Episoden assoziieren, wobei auch eine vermehrte Abschwemmung von Material infolge Waldrodung in Frage kommt.167 Schichten mit archäologischem Fundmaterial enthalten keine direkten anthropogenen Spuren wie beispielsweise grössere Mengen an Holzkohlen oder Knochensplitter. Offensichtlich war diese Zone zumindest während der Bronzezeit dauerfeucht und nie direkt begehbar, wie fehlende Spuren oberflächlicher Austrocknung oder von Bodenbildung belegen. Ebenso müssen die Pfähle aus Schicht 16 kein Hinweis auf eine begehbare Oberfläche sein, da sie auch im überfluteten Bereich hätten Verwendung finden können. Erst in viel späterer Zeit, sicher nach dem Frühmittelalter, treten in den Auenlehmschichten 14 und 13 die ersten Spuren von Bodenbildungen auf.168 Der Zugersee ist in der Regel nur durch periodische Überschwemmungen fassbar, die anscheinend wenig Erosionskraft entwickelten. Das Areal wurde wohl unter recht ruhigen Bedingungen überflutet, so dass sich selbst mikromorphologisch kaum Spuren nachweisen lassen. Botanische Untersuchungen können hierzu genauere Informationen liefern, da zumindest in den beiden untersuchten Hauptfundschichten Pos. 9 und 7/1 doch regelmässig Hinweise auf limnische Flora und Fauna auszumachen waren. Den massivsten Einfluss des Zugersees fassen wir mit dem Eintrag der Sandschichten Pos. 4 und 5, bei dem seenahe Bereiche im nordwestlichen Grabungsareal erodiert wurden und ein Teil des Areals mit einem bis zu 80 cm mächtigen Sandpaket zugedeckt wurde. Vermutlich stand dabei das gesamte Untersuchungsgebiet unter Wasser. Sedimentationsraten Eine oft gestellte Frage betrifft die Entstehungsdauer beziehungsweise die Entstehungsgeschwindigkeit eines Schichtpakets. Sedimentationsraten sind allerdings ein heikles Thema, da sie von mehreren Faktoren (Umgebung, Milieu usw.) abhängen. Es sollen hier trotzdem ein paar Tendenzen aufgezeigt werden. Zum Wachstum von Torfsedimenten konnte für nordwestdeutsche Moore eine Rate von rund 0,5 mm pro Jahr ermittelt werden. Etwas höhere Wachstumsraten werden für holozäne Moore aus der Schweiz berichtet.169 Überträgt man diese Werte auf die Befunde vom Chollerpark, müsste man bei den dicksten Torfschichten von einer Bildungsdauer zwischen 300 und 600 Jahren ausgehen. Allerdings kann nicht ermittelt werden, wie viel Volumen der Torfschichten erodiert wurde. Auenlehm kann sich nur bei sehr langsam fliessendem Wasser absetzen. Die Ablagerungen sind so zäh, dass eine spätere Erosion der Lehme als unwahrscheinlich gilt. Unterschiedliche Schichtmächtigkeiten über das Areal hinweg lassen auf eine Dynamik des Flussbettes schliessen, was eine Abschätzung der Sedimentationsraten erschwert (vgl. Abb. 66). Als Berechnungsbeispiel soll der Auenlehm der Pos. 8 dienen, dessen durchschnittliche Höhe 15 cm beträgt. Die enthaltenen Holzfunde der daruntergelegenen Fundschicht Pos. 9 konnten spätestens um 1350 v. Chr. eingeschwemmt werden, während die Bildung der oberen Fundschicht Pos. 7/1 etwa 400 Jahre in Anspruch nahm und um 900 v. Chr. abgeschlossen war.170 Dabei bliebe für die Ablagerung des Auenlehms Pos. 8 eine Dauer von etwa 50 Jahren, was bei kontinuierlicher Bildung eine Sedimentationsrate von 3 mm pro Jahr ergäbe. Die Sedimentationsgeschwindigkeit fiel aber tatsächlich höher aus, da wir nicht voraussetzen können, dass die Überschwemmungsebene eines Flusses ständig von langsam fliessendem Wasser bedeckt war, sondern vermutlich nur während Hochwasserperioden. Wir kommen der geologischen Realität wohl näher, wenn man für die Bildung des 15 cm starken Auenlehms mehrere grosse Hochwasserereignisse innerhalb einer rund 50 Jahre dauernden Sedimentationsperiode verantwortlich macht. Ein Einzelereignis dürfte dabei einen Sedimentzuwachs im Zentimeter-Bereich bedeuten. 3.7.8 Rekonstruktion des Ablagerungsszenarios Auf der Grundlage der geowissenschaftlichen Ergebnisse soll im Folgenden versucht werden, die Bildungsbedingungen der Sedimente zu rekonstruieren und eine Deutung der landschaftsgeschichtlich fassbaren Ereignisse vorzulegen. In diesem Zusammenhang werden die neuen Ergebnisse vom Chollerpark in einen grösseren regionalen Rahmen (Schweizer Mittelland) gestellt und mit den Resultaten der Klimaforschung in Beziehung gesetzt. Berücksichtigt wurden unter anderem auch paläoklimatische Daten aus den Seeufersiedlungen des Zürichsees. Eine strikte Korrelation mit den dort dokumentierten Klimaereignissen ist aber infolge der am Zugersee noch lückenhaften Befundsituation vorerst kaum möglich. 96 IV. Stratigraphische Beobachtungen Steinhausen_Sennweid 23.3.2007 15:41 Uhr Seite 96 An der Basis der Schichtabfolge befindet sich Seekreide (Pos. 6), die bei einem höheren Seespiegel im ufernahen Bereich des Zugersees abgelagert wurde. Ein Vergleich mit der nahe gelegenen Fundstelle Sennweid zeigt, dass dort Seekreide noch während des Neolithikums gebildet wurde, was einen vagen Datierungshinweis ergibt (vgl. Kap. IV.3.5). Die darauffolgende, noch vom See herrührende karbonathaltige Schicht Pos. 10 scheint nur im nördlichsten Bereich des Chollerparks vorzukommen (Feld 29). Dies könnte ein erster Hinweis auf eine dauerhafte Seespiegelabsenkung sein, die in der Mittelbronzezeit, möglicherweise bereits in der Frühbronzezeit eingesetzt haben dürfte. Danach ist der Einfluss des Zugersees nur noch sehr sporadisch und ohne grosse Erosionstätigkeit fassbar. Der erste Auenlehm Pos. 18 deutet erstmals die Nähe eines Flussbettes an. Er lässt sich zeitlich nicht genau eingrenzen, entstand jedoch vermutlich während einer kälteren Klimaphase mit verstärkter Wasserführung. Es ist möglich, dass die Ablagerung in die klimatisch ungünstige Periode vom 20. bis ins 18. Jahrhundert v. Chr. fällt.171 Der Fluss lagerte dabei im Randbereich seiner Überflutungsebene Feinfracht ab, wobei sich der Flusslauf hier vermutlich in der Mündungszone zum Zugersee stark verbreiterte. Die Korngrössenzusammensetzung weist dabei auf niedrige Fliessgeschwindigkeiten (in der Grössenordnung von 1 mm/s) hin. Danach folgte die Entstehung der hauptsächlich torfigen Fundschicht Pos. 9, deren Bildung ungefähr bis 1350 v. Chr. andauerte.172 In der Frühbronzezeit erfasst man klimatisch nach 1700 v. Chr. eine kurze Kaltphase, doch schon von 1650 bis 1500 v. Chr. lassen sich am Zürichsee niedrige Seespiegel feststellen, so dass mehrere Seeufersiedlungen entstehen konnten. Während der Mittelbronzezeit von 1550 bis 1350 v. Chr. folgte eine ausgeprägte Kaltphase.173 Das Klima scheint während der Frühund Mittelbronzezeit also grössere Schwankungen aufzuweisen. Die Torfschicht wurde vermutlich im Wesentlichen während einer wärmeren Phase gebildet, da der Wasserpegel im Gebiet des Chollerparks für eine Torfbildung niedriger sein musste. Die Kaltphasen dürften sich hingegen durch Einschübe von Auenlehmbändern manifestieren, wie in dieser Torfschicht Pos. 9 festgestellt. Auenlehmsedimentation kann – zusätzlich zu den genannten klimabedingten Ursachen – auch eine Folge anthropogen bedingter Erosion und/oder landwirtschaftlicher Nutzung des Hinterlandes sein.174 Insofern müssen nicht alle Auenlehmbänder zwingend mit Klimaverschlechterungen korrelieren. Für das Gebiet des Chollerparks kann man vermuten, dass der See im Lauf der Kaltphase um 1350 v. Chr. über die Ufer trat und dabei Treibholz, das aus einer anderen Fundstelle stammt, einbrachte.175 Ansonsten lassen sich keine Erosionen infolge dieser Überschwemmungen feststellen. Nach der Torfablagerung Pos. 9 erfolgte die Bildung eines leicht organischen Auenlehms Pos. 8, der nur partiell erhalten ist. Er entstand wahrscheinlich während eines Klimarückschlags mit vermutetem Gletschervorstoss im 12. Jahrhundert v. Chr.176 Möglicherweise ereignete sich während der gleichen Kaltphase vom Zugersee her der Sandeintrag der Schichten Pos. 4 und 5, während dessen ein Teil der seenahen Ablagerungen im Nordwesten des Grabungsareals erodiert wurde (Pos. 8, 9 und 18). Dabei muss der Seespiegel beachtlich angestiegen sein, damit sich ein bis zu 80 cm mächtiges Sandpaket akkumulieren konnte. Während der Regression wurde dann wohl der westliche, das heisst seenahe Bereich der Sandschichten teilweise erodiert, so dass ein von Norden nach Süden verlaufender Rücken stehen blieb. Nach diesem vom See verursachten Ereignis kehrten wieder ruhigere Ablagerungsbedingungen ein und die Torfbildung der spätbronzezeitlichen oberen Fundschicht Pos. 7/1 begann. Anfangs lässt sich noch Feinfracht der Lorze in Form von tonig siltiger Matrix feststellen, nach oben liegt der Torf aber in reiner Form vor, so dass man von klimatisch günstigen Bildungsbedingungen ausgehen kann. Tatsächlich fällt diese Epoche in eine Warmphase, wie niedrige Seespiegel 167 Leser et al. 1984, 42. 168 Die darunterliegende Schicht Pos. 16 enthielt unter anderem frühmittelalterliche Holzfunde (Eberschweiler 2004, 165 f.). 169 Ein Wert von 0,5–1 mm pro Jahr dürfte realistisch sein (freundliche Mitteilung Lucia Wick). 170 Daten aufgrund der jüngsten enthaltenen Holzfunde in den Schichten Pos. 9 und 7/1 angenommen (Eberschweiler 2004, 12). 171 Magny et al. 1998, 137. 172 Eberschweiler 2004, 12. 173 Löbben-Schwankung: Magny et al. 1998, 137 f. 174 Leser et al. 1984, 42. 175 Eberschweiler 2004, 98 f. 176 Magny et al. 1998, 138. 97 3 Archäologische Stratigraphien Steinhausen_Sennweid 23.3.2007 15:44 Uhr Seite 97 und das Vorhandensein von Seeufersiedlungen anzeigen. Allerdings konnten auch zwei kurze Klimaverschlechterungen um 1030 und 950 v. Chr. festgestellt werden, während deren die Seespiegel im Mittelland und Jura anstiegen.177 Möglicherweise wurden die diversen Holzfunde während solcher Seespiegelhochstände verschwemmt. Das darauffolgende torfige Band Pos. 15 tritt stellenweise als eindeutiger Torfhorizont auf, während andere Stellen einen Auenlehm erkennen lassen. Dies könnte darauf hinweisen, dass die Schicht im direkten Einflussgebiet der Hochwassersedimente der Lorze entstand, wo aber in geschützten Bereichen auch Torfbildung möglich war. Eventuell lässt sich diese Ablagerung mit einer beginnenden Klimaverschlechterung um 850/800 v. Chr. korrelieren, die noch während eines grossen Teils der nachfolgenden frühen Eisenzeit andauerte. Dies hatte einen Seespiegelanstieg im Mittelland und einen Gletschervorstoss in den Alpen zur Folge.178 In einer klimatisch ebenfalls ungünstigen Phase entstanden auch die Auenlehmschichten Pos. 3 und 16, wobei Schicht Pos. 3 noch eindeutig torfige Abschnitte aufweist. Die archäologischen Funde datieren zwar teilweise noch in die Spätbronzezeit, aber hauptsächlich in die Hallstattzeit (8./7. Jahrhundert v. Chr.) und ins Frühmittelalter. Während der Ablagerung des Lehms Pos. 16 scheint ein weiterer Seespiegelhochstand mit Sandeintrag – ähnlich wie bei den Positionen 4 und 5 – den nordwestlichen Bereich des Grabungsgeländes erreicht zu haben. Ein eindeutig limnischer Sand mit organischen Resten, die aus einer nahen archäologischen Fundstelle erodiert sein könnten, wurde abgelagert. Nach dem Frühmittelalter scheinen die Sedimentationsbedingungen stabiler geworden zu sein, so dass hauptsächlich Auenlehm entstand, dessen organische Reste aber auf eine veränderte Umgebung hinweisen könnten. Auf den Auenlehm Pos. 16 folgte die Ablagerung des Auenlehmes Pos. 14, der nach seiner Bildung stehendem Wasser ausgesetzt war. Dies könnte auf sumpfähnliche Bedingungen deuten. Danach sedimentierte erneut ein Auenlehm (Pos. 13), der eine leichte Bodenbildung aufweist. Er wurde von einem weiteren Auenlehm (Pos. 12) überlagert, der ebenfalls im Laufe der Zeit durch eine Bodenbildung überprägt wurde (B-Horizont). Der Beginn dieser Bodenbildung geht vermutlich auf die Seespiegelabsenkung von 1591/92 n. Chr. zurück. 3.7.9 Zusammenfassung Die Fundstelle Chollerpark befindet sich nahe dem Nordende des Zugersees und liegt im Einflussbereich des Sees und der hier einmündenden Flussebene der Lorze. Während der Bronzezeit bestand im Nordbereich des Sees eine Bucht, die bis nahe an die Fundstelle reichte. Zudem muss ein Flussbett (Lorze oder Ochsenbach) sehr nahe gelegen haben, so dass die Überflutungsebene bei Hochwasser bis ins Untersuchungsgebiet reichte. Nach einer undatierten Seekreideakkumulation, die an der Basis der Stratigraphie erfasst ist, erfolgte ein Seespiegelrückgang. Danach wirkte der Zugersee nur noch sporadisch auf die Ablagerungen ein. In klimatisch ungünstigeren Perioden bildeten sich Auenlehmsedimente, welche die Feinfracht der hochwasserführenden Lorze oder des Ochsenbaches darstellen. Während warmer Klimaphasen kam es zu moorähnlichen Bedingungen, während deren sich unter leicht fliessendem Wasser stark durchwurzelte Niedermoortorfe bildeten. Die Stratigraphie ist denn auch durch Wechsel zwischen diesen beiden Sedimenttypen beziehungsweise Bildungsmilieus geprägt. Der Einfluss des Zugersees lässt sich noch mindestens zwei Mal deutlich fassen. Dabei wurde limnisch überprägter Sand mit vermutlich erodierten archäologischen Schichtresten in den nordwestlichen Bereich der Grabung eingebracht. Diese Ereignisse waren mit stellenweise massiven Erosionen verbunden, wie sich hauptsächlich im nordwestlichen Grabungsbereich zeigt, der dem See offenbar am nächsten gelegen hat. Nach diesem Sandeintrag kehrten wieder die Sedimentationsbedingungen ein, die sich durch Wechsel zwischen Auenlehmund Torfbildung auszeichnen. Schichten mit archäologischen Funden weisen aufgrund mikromorphologischer Untersuchungen keine Spuren von direkter Einwirkung des Menschen auf. Vielmehr scheint das archäologische Material bei sporadischen Überschwemmungen durch den Zugersee angeschwemmt worden zu sein. Den oberen Abschluss der Sequenz bildet eine Serie von Auenlehmschichten, die eine Bodenbildung aufweisen. 98 IV. Stratigraphische Beobachtungen 177 Magny et al. 1998, 138. 178 Magny et al. 1998, 139. Steinhausen_Sennweid 23.3.2007 15:44 Uhr Seite 98 1 Landschaftsund siedlungsgeschichtliche Daten Die im vorigen Kapitel besprochenen Stratigraphien geben nicht nur Aufschluss darüber, wann in der Sennweid gesiedelt wurde, sondern bergen zusätzliche Hinweise auf die Nutzung von Uferund Flachwasserzone, beispielsweise zum Fischfang, sowie auf die landschaftsgeschichtliche Entwicklung der Sennweid. Die unterschiedlichen Sedimente der datierten archäologischen Schichten – Seesedimente, Torfe und Auenlehme – liefern Informationen darüber, ob sich die Siedlungen am Ufer oder im Hinterland des Sees befanden. Zeitlich aufgeschlüsselt, geben die archäologischen Fundstellen (Abb. 80) somit auch einen Einblick in die Entwicklung des Landschaftsbildes, das in der Sennweid zum einen durch die wechselnden Seespiegelstände, zum andern durch die Aktivitäten der Lorze und von Bächen geprägt wurde. Vor diesem Hintergrund stellen die nachgewiesenen Schwemmsäume in ehemaligen Uferzonen und die auf die Lorze oder Bäche zurückzuführenden Schwemmschichten mit archäologischen Funden weitere landschaftsgeschichtlich wertvolle Informationen dar. Im Folgenden werden wir die siedlungsund landschaftsgeschichtlichen Informationen für verschiedene Zeithorizonte gebündelt darlegen (Abb. 81), um auf dieser Basis den Versuch einer Rekonstruktion der jeweiligen Uferlinie zu wagen (Abb. 82–86). Dieser Versuch ist deshalb gewagt, weil wir die Momentaufnahmen, welche die verschiedenen Stratigraphien liefern, für einen grösseren Zeitraum zusammennehmen und sie auf eine Karte projizieren. Die Karte suggeriert für den gesamten Zeitraum stabile Verhältnisse, was aber zum Teil nachweislich gerade nicht der Fall war. Vielmehr gibt es – besonders eklatant etwa für die Zeit vom Spätmesolithikum bis zum Endneolithikum – an manchen Orten markante Schichtund somit auch Dokumentationslücken. Zusammen mit sedimentologischen Indizien lassen sie auf massive Erosionserscheinungen schliessen, die wir jedoch nicht näher fassen können. In diesem Zusammenhang ist die Einbeziehung von Forschungen hilfreich, welche die Korrelationen zwischen Seespiegeländerungen, Klima und Siedlungsgeschichte an anderen Seen des Voralpenraums untersuchen.179 Sie erlauben es, die Daten aus der Sennweid zu überregionalen klimaund siedlungsgeschichtlichen Trends in Beziehung zu setzen und so die Hintergründe für die festgestellten Dokumentationslücken am Zugersee besser zu verstehen. Für die Rekonstruktion der Seespiegelstände im Zeitabschnitt vor dem Holozän (vor etwa 9590 v. Chr.) liegen für das Gebiet der Sennweid bisher keine sicher datierten Seeablagerungen vor, so dass sich an dieser Stelle ein Blick auf die teils sehr gut untersuchten Seen im nahen Mittelland anbietet. Es kann zunächst festgehalten werden, dass der Zugersee mit seiner Fläche von 38,3 km2 bereits zu den grösseren Gewässern im nordalpinen Raum gehört, womit er auf längerfristige globale Klimaveränderungen ähnlich 99 1 Landschaftsund siedlungsgeschichtliche Daten 179 Die Quellen beziehungsweise Synthesedarstellungen zur Klimageschichte der letzen 10000 Jahre, auf die wir uns auszugsweise im folgenden Kapitel stützen werden, sind: Gross-Klee/Maise 1997; Haas et al. 1998; Jacomet et al. 1995; Magny 1995; 2004; Magny et al. 1998; Maise 1997; 1998; 2002; Schmidt/Gruhle 2003; Tinner/Lotter 2001; Wehrli 2005; Wick/Tinner 1997. V. Seespiegel und Ufernutzung in der Sennweid Von Philippe Rentzel und Brigitte Röder Vor rund 12000 Jahren war die Sennweid vermutlich noch vom Wasser des Zugersees bedeckt. In der Folgezeit sank der Seespiegel ab, und es bildete sich eine Strandplatte aus, die mesolithischen Jägern und Sammlerinnen vor rund 8000 Jahren als Lagerplatz diente. Seit dieser Zeit wurde das Landschaftsbild der Sennweid durch wechselnde Seespiegelstände geprägt, welche die besiedelbare Fläche teilweise drastisch verkleinerten beziehungsweise vergrösserten. Markante Veränderungen des Reliefs durch einen starken Eintrag von Auenlehm und Schottern haben hauptsächlich ab der Bronzezeit stattgefunden. Die damit verbundene Erhöhung des Geländes führte zusammen mit dem langfristigen Absinken des Seespiegels zur Verlandung der ehemaligen Bucht. Die für die Sennweid rekonstruierten Grundzüge der Landschaftsund Siedlungsgeschichte passen sich in Forschungen an anderen Seen des Voralpenraums ein, die ebenfalls die Zusammenhänge zwischen Seespiegeländerungen, Klima und Siedlungsgeschichte beleuchten. Steinhausen_Sennweid 23.3.2007 15:44 Uhr Seite 99 100 V. Seespiegel und Ufernutzung in der Sennweid 0 100 200 m Duggeli Rettungsgrabungen 1988–1991 Rettungsgrabung 1995 Chollerpark Zug-Sumpf Sumpfstrasse West Bahnlinie Zug–Affoltern Kantonsstrasse Lorze Ochsenbach Sondiergrabung 1942/43 Zugersee Autobahn Luzern–Zürich Sondierungen 1987 Sondierung 2000 N Abb. 80 Fundstellen in Steinhausen-Sennweid mit heutigem Seeuferverlauf und den kanalisierten Fliessgewässern (Lorze und Ochsenbach). Die Höhenlinien des nördlichen Kartenausschnitts (Äquidistanz 0,5 m) basieren auf dem Meliorationsplan von 1942, diejenigen des südlichen beruhen auf dem Vermessungsplan von 1970 (Vermessungsamt Kanton Zug). Steinhausen_Sennweid 23.3.2007 15:44 Uhr Seite 100 reagiert haben dürfte wie beispielsweise der benachbarte Zürichsee oder vergleichbare Gewässer im nördlichen Voralpengebiet. Verschiedene Studien der letzten Jahre haben für die Seen des Schweizer Mittellandes denn auch klar belegt, dass die Höhe ihrer Wasserstände in Abhängigkeit von klimatischen Einflüssen im Lauf der letzten 10000 Jahre mehrfach und synchron variierte. Wechselnde Wasserpegel in geschlossenen, das heisst nicht von Flüssen durchströmten Becken widerspiegeln dabei die sogenannte effektive Feuchtigkeit (Niederschlag abzüglich direkte und indirekte Verdunstung durch Luft und Vegetation) in ihrem Einzugsgebiet. Daraus lässt sich folgern, dass Seespiegel eine kombinierte Information einerseits zum Niederschlagsregime, andererseits zu den Temperaturverhältnissen enthalten, wobei Schwankungen mit den Veränderungen des Klimas parallelisiert werden können – ein Sachverhalt, der in dieser Form auch für den Zugersee gelten dürfte. Während die global fassbaren, nacheiszeitlichen Klimarückschläge im inneralpinen Raum beispielsweise mit Gletschervorstössen, Hangrutschungen oder einem allgemeinen Absinken der Waldgrenzen verbunden sind, gehen im nördlichen Alpenvorland die entsprechenden Klimadepressionen auch mit Phasen höherer Seespiegel (Transgressionen) einher. Dagegen beobachtet man im Verlauf klimatischer Gunstphasen tendenziell tiefere Wasserspiegel (Regressionen). Spezielle Bedeutung bei der Datenerhebung zur Rekonstruktion von weltweiten Klimaveränderungen im Holozän kommt sowohl der Jahrringanalyse an fossilen Hölzern (Kohlenstoffgehalt als Klimaindikator) als auch der Isotopenuntersuchung an marinen Tiefseeablagerungen und an den Eisbohrkernen aus den Polargebieten zu.180 Eine kombinierte Auswertung dieser Archive erlaubt eine annähernde Rekonstruktion der Klimaveränderungen und ihrer Auswirkungen auf die Seespiegelhöhen.181 Im Rahmen unserer Darstellung über das Gebiet der Sennweid möchten wir deshalb Informationen aus diesen zum Teil detailliert untersuchten (See-)Archiven hier summarisch vorlegen und in die Gesamtbetrachtung für die Bucht von Steinhausen einfliessen lassen. Eine grosse Schwierigkeit bei der Rekonstruktion der Uferlinien (siehe dazu weiter unten) bestand darin, dass die Daten zur Paläotopographie des Arbeitsgebietes noch sehr lückenhaft sind. Markante Veränderungen des Reliefs haben vor allem ab der Bronzezeit stattgefunden. So ist für den nordöstlichen Teil des Arbeitsgebietes (Abb. 84) ein starker Eintrag von Auenlehm und Schottern nachzuweisen, die von der Lorze oder alten Bachläufen herantransportiert wurden. Im Bereich dieser Schwemmfächer kam es zu einer Erhöhung und Reliefierung des Geländes. Wahrscheinlich führten die detritischen Einträge auch zu einer Verlagerung des Seeufers Richtung Südwesten. Diese Prozesse haben sich in der Folgezeit fortgesetzt und trugen ebenso wie das langfristige Absinken des Seespiegels zur Verlandung der ehemaligen Sennweid-Bucht bei. Allerdings fehlen uns insbesondere für den südlichen Teil des Arbeitsgebietes sedimentologische Daten, so dass wir die paläotopographische Entwicklung für manche Bereiche nicht nachzeichnen können. Deshalb haben wir uns entschieden, diese Bereiche auf den Abb. 84–86 auszusparen. Neben den Schwemmfächern hatten auch Setzungserscheinungen einen nicht unerheblichen Einfluss auf die Paläotopographie der Sennweid. Da der Untergrund aus weichen, gut komprimierbaren Seeablagerungen besteht, sind beachtliche Setzungserscheinungen anzunehmen, die sich in dem flachen Gebiet deutlich bemerkbar machen können. Vor diesem Hintergrund sind die Abbildungen 82 bis 86 keinesfalls als «topographische Karten» zu verstehen. Sie stellen lediglich den Versuch dar, die derzeit bekannten siedlungsund landschaftsgeschichtlichen Daten zu visualisieren. Die darin dargestellten Grundzüge der Landschaftsentwicklung dürften zwar zutreffen, manche Details sind jedoch sicher diskutierbar und könnten gegebenenfalls durch neue Daten durchaus noch Modifizierungen oder Präzisierungen erfahren. 180 Magny et al. 1998. 181 Magny 2004. 101 1 Landschaftsund siedlungsgeschichtliche Daten Steinhausen_Sennweid 23.3.2007 15:44 Uhr Seite 101 102 V. Seespiegel und Ufernutzung in der Sennweid Perioden Zeit Klimaverlauf und Seespiegel im Jura und Voralpengebiet Landschaftsgeschichtliche Ereignisse in der Sennweid Siedlungen und Funde 14C-Daten Dendrodaten Neuzeit ab 1500 n. Chr. Aufschüttungen (1970er-Jahre) Ab ca. 1980: Gewerbegebiet, Zerstörung Künstliche Gewässerkorrekturen Aufschüttungen (1942) Ab 1942: Drainage und landwirtschaftliche Nutzung Kaltphasen während Kleiner Eiszeit; Überschwemmungen und Seehochstände, v. a. in der ersten Hälfte des 18. Jh. und im 19. Jh. Setzungserscheinungen nach künstlicher Seeabsenkung; Überschwemmungen mit Auenlehmablagerung während der ersten Hälfte des 19. Jh. Nutzung als Viehweide nach 1592 Auenlehmsedimentation, gefolgt von Torfbildung und vermuteten Seehochständen bis 1592, danach plötzlicher Seespiegelrückgang infolge Seeabsenkung Hochund Spätmittelalter 9.–15. Jh. n. Chr. Transgression nach 1400 n. Chr. Ab 9./10. Jh. n. Chr.: Rückgang der Wasserführung in der Schwemmebene, Beginn der Verlandung und Torfwachstum Holzbefunde im Flachwasser, die als Niederschlag von Fischereitätigkeit interpretiert werden 3 Daten 8.–10. Jh. AD 2 Daten 7.–9. Jh. AD 1 Datum 8.–11. Jh. AD 1077 n. Chr. (ohne Splint und Waldkante) Kühlphase ab 1300 bis 1329 n. Chr. 11. und 12. Jh. n. Chr.: Seespiegeltiefstände Frühmittelalter 6.–8. Jh. n. Chr. Kühle und feuchte Klimaphase ab etwa 650 bis 850 n. Chr. mit Seehochständen, verstärkter fluvialer Aktivität und Hangerosion 8. Jh. n. Chr.: Flachwasserzone mit häufigen Überschwemmungen durch die Lorze, Ablagerung von Auenlehmen Warmphase mit tiefen Seespiegeln und geringer Wasserführung der Flüsse bis ins 7. Jh. n. Chr. Schwacher Auenlehmeintrag durch die Lorze (Sumpfstrasse-West) Pfähle im Flachwasser mehrere Daten 660–880 und 420–650 AD Spätantike 4./5. Jh. n. Chr. Seetiefstand ab dem 4. Jh. n. Chr., Kühlphase um 440 n. Chr. Verlandungsphase, Ablagerung von Schwemmsanden; Seetiefstand; wechselnde Aktivität der Lorze, Auenlehmsedimentation Römische Zeit 15 v. Chr. bis 3. Jh. n. Chr. Seehochstand im 3. Jh. n. Chr., kühle Klimaphase um 260 n. Chr. 14C-datierte Hölzer und verschwemmte Funde aus der Hallstatt-, Latèneund aus der römischen Zeit 3 Daten 200 BC–250 AD 3 Daten 800–200 BC weitere Daten zwischen 800 u. 420 BC Tiefe Seespiegel zwischen 100 BC und etwa 200 AD Eisenzeit Latènezeit etwa 450–15 v. Chr. Ab 300 BC: klimatische Gunstphase mit allgemein tiefen Seespiegeln Niedrige Seespiegel? Geringe Wasserführung der Lorze? Klimakrise 400–300 BC Erosionsphasen? Hallstattzeit etwa 800–450 v. Chr. Warmphase zwischen 600 und 410 BC Niedrige Seespiegel? Markante Klimaverschlechterung zwischen 850 und 600 BC Seehochstände und verstärkte Wasserführung der Lorze? Verlegung der Siedlungen auf angrenzende Hügelzone; schiffbare Lorze? Daten zwischen 990 und 790 BC Bronzezeit Spätbronzezeit etwa 1350–800 v. Chr. Warmphase bis 850 BC, unterbrochen durch kurze Kaltphasen um 1150 BC, vermutlich mit Überschwemmungen Zwei weitere Hochstände um 1020 und um 950 BC Torfbildung im Zuge von Verlandungsphasen; kurze Kühlphasen mit Auenlehmsedimentation im 12. Jh. BC; Überschwemmungen mit Holzeintrag während Seehochständen Siedlungen am Ufer und auf Insel oder Halbinsel, Einzelfunde, menschliches Skelett, Schwemmsaum mit bearbeiteten Hölzern, Hinweise auf Ufernutzung Daten (Schwemmsaum) zwischen etwa 1060 und 860 v. Chr. Lange Warmphase nach 1350 BC mit tiefen Seespiegeln Fortsetzung der Verlandung mit Torfbildung; Schwemmsaum im Uferbereich 7 Daten 1370–790 BC 2 Daten 1460–1110 BC 2 Daten 1650–1050 BC Mittelbronzezeit etwa 1550– 1350 v. Chr. Kaltphase (Löbben), Abbruch der Uferbesiedlung zwischen 1500 und 1060 BC Schwemmsaum im Uferbereich nach Überschwemmungen; Siedlungsverlagerung in Hochzonen und auf den Schlossberg (Siedlungsstelle) Schwemmsaum mit bearbeiteten Hölzern aus der Mittelbronzezeit; Hölzer und ein Paddel mit Datierungsspannen von der Frühbis zur Spätbronzezeit Daten (Schwemmsaum) zwischen etwa 1691 und 1361 v. Chr. Frühbronzezeit etwa 2200– 1550 v. Chr. Längere Warmphase mit Seetiefständen und Besiedlung von 1650–1500 BC am Zürichsee Verlandungsphase mit Torfbildung nach dem 18. Jh. BC Kaltphase des 20.–18. Jh. BC Seehochstand und Auenlehmsedimentation im 20.–18. Jh. BC Steinhausen_Sennweid 23.3.2007 15:44 Uhr Seite 102 103 1 Landschaftsund siedlungsgeschichtliche Daten Abb. 81 Synthese aus den landschafts-, klimaund siedlungsgeschichtlichen Daten (einbezogene Stationen: Sennweid, Cosmetochem, Sumpfstrasse-West, Chollerpark und Schlossberg, alle Steinhausen ZG, sowie Zug ZG-Sumpf). 14C-Daten: cal BC/AD 2 Sigma; BC/AD: cal BC/AD; v. Chr./n. Chr.: Kalenderjahre. Perioden Zeit Klimaverlauf und Seespiegel im Jura und Voralpengebiet Landschaftsgeschichtliche Ereignisse in der Sennweid Siedlungen und Funde 14C-Daten Dendrodaten Endneolithikum Glockenbecher etwa 2450– 2200 v. Chr. Klimatische Gunstphase mit Seetiefständen Erosionsphasen? 1 Datum 2470– 2140 BC Schnurkeramische Kultur etwa 2750– 2450 v. Chr. Klimatische Gunstphase mit Seetiefständen; Abtrag von Schichten aus der Zeit um 2560 und nach 2500 BC; schlechte Erhaltung von Schichten aus der Zeit zwischen 2720 und 2600 BC vereinzelte schnurkeramische Funde Pfahlfeld (Palisade) im Uferbereich ohne Funde 7 Daten zwischen 3100 und 2500 BC 19 Daten von dendrodatierten Hölzern der Schlagphasen im 28. und 29. Jh. BC Schlagphase 2724 v. Chr. Spätneolithikum Horgener Kultur etwa 3300– 2750 v. Chr. Klimarückschlag des 29./28. Jh. BC; Erosion von Siedlungsschichten am Zürichsee aus der Zeit um 2900 BC Reduktionshorizont auf Seesedimenten (des frühen Atlantikums) mit spätmesolithischen sowie vereinzelten spätpaläolithischen und jungneolithischen Funden späthorgenzeitliche Siedlungen im Uferbereich; menschliche Skelettreste, die auch schnurkeramisch sein könnten (3010–2620 BC und 2870–2460 BC) Schlagphasen 2869–2859 und 2764–2762 v. Chr. Klimatische Gunstphase mit Seetiefständen nach 3200 BC; Erosionsphasen am Zürichsee: Abtrag von Schichten aus der Zeit um 3100 BC Belege für starke Erosionsvorgänge; Sedimente wurden teilweise bis auf das Substrat mit den spätmesolithischen Funden abgetragen 1 Datum 3650–3000 BC Jungneolithikum Pfyner Kultur etwa 3750– 3300 v. Chr. Klimarückschlag 3600–3200 BC (Piora II); Erosionsphasen am Zürichsee: Abtrag von Siedlungsschichten des 36. und 34. Jh. BC 2 wahrscheinlich Pfyner Keramikscherben; weitere wahrscheinlich jungneolithische Einzelfunde (Beile und Angelhaken); 1 14C-datierter Pfahl und Holzkohlen Kaltphase des 37. Jh. BC mit niedrigen Seespiegeln 1 Datum um 3650–3360 BC Egolzwiler und CortaillodKultur etwa 4375– 3750 v. Chr. Klimarückschlag zwischen etwa 4100 und 3800 BC (Piora I); Anstieg des Zürichsees im späten 39. und beginnenden 38. Jh. BC Siedlungsreste (?) im Uferbereich 1 Datum 4350–3990 BC Frühbis Mittelneolithikum etwa 5500– 4375 v. Chr. Warmphase von etwa 4800 bis 4400 BC mit sinkenden Seespiegeln; Zürichsee mit Tiefständen im 45.–42. Jh. BC Spätmesolithikum etwa 7000– 5500 v. Chr. Zwei Hochstände zwischen etwa 6100 und 5600 BC Ab 6300 BC: Wechsel im Klimamodus, vermehrte Niederschläge, Kühlphase Ab etwa 7400 BC: Beginn des Wärmeoptimums des Holozäns; tiefe Seespiegel ab etwa 7200 bis 6350 BC Seespiegelrückgang und Bildung einer Strandplatte Mutmassliche Lagerplätze auf der Strandplatte 5 Daten (von mutmasslichen Lagerplätzen) zwischen 6480 und 5550 BC Frühmesolithikum etwa 9500– 7000 v. Chr. Transgressionsphase zwischen etwa 7600 und 7200 BC, regionale Abkühlung Holzkohlen und abgerollte Hölzer; Rodungen? verlagerte Feuerstellen? Einzelfunde in neolithischem Reduktionshorizont Transgressionsphase zwischen etwa 8300 und 8000 BC Seesedimente; Sennweid war vom See überdeckt Jungund Spätpaläolithikum vor 9500 v. Chr. Anstieg der Seespiegel (bis etwa 9300 BC) während der Kaltphase Dryas III Seesedimente; Sennweid war vom See überdeckt spätpaläolithische Einzelfunde in neolithischem Reduktionshorizont Seespiegelrückgang zwischen 10000 und 9500 BC? Steinhausen_Sennweid 23.3.2007 15:44 Uhr Seite 103 Für die römische Zeit lassen sich analog zu den Mittellandseen eher tiefe Wasserpegel für den Zugersee voraussetzen. Verlandungsbildungen und Akkumulation von Schwemmsanden weisen jedenfalls auf eine wechselnde Aktivität der Lorze hin. Die Tatsache, dass Juraseen zwischen 100 v. Chr. und 200 n. Chr. Tiefstände erreichen, könnte auch für tiefe Uferlinien am Zugersee sprechen, was durch künftige Untersuchungen noch weiter zu erhärten wäre. Im Rahmen von Klimaverschlechterungen manifestieren sich im Jura Transgressionen um 260 n. Chr. und 440 n. Chr., wobei beide mit Gletschervorstössen im Alpenraum einhergehen. Unmittelbare Einflüsse dieser Klimadepressionen auf die Pegel randalpiner Seen sind dabei sehr wahrscheinlich. Die Klimaentwicklung scheint sich auch in den siedlungsgeschichtlichen Daten widerzuspiegeln: Für die Eisenzeit und die römische Zeit sind in der Sennweid bisher keine Siedlungsplätze nachgewiesen. Damit passt sich auch die Sennweid in den im gesamten Voralpengebiet beobachteten Trend ein, dass die Seeufer nach 840 v. Chr. – von wenigen Ausnahmen wie beispielsweise Ürschhausen TGHorn abgesehen – als Siedlungsraum nicht mehr genutzt wurden. Die eisenzeitlichen Dörfer oder Höfe dürften etwas weiter vom See entfernt zu suchen sein – am nördlichen Zugersee beispielsweise auf dem Schlossberg, in dessen Hangschutt hallstattzeitliche Keramik gefunden wurde.201 Ein frühlatènezeitliches Gräberfeld ist nördlich des Schlossbergs, in Steinhausen-Unterfeld, entdeckt worden und dürfte in Nachbarschaft einer bisher noch unbekannten Siedlung gelegen haben.202 Dennoch ist auch für die Eisenzeit und die römische Zeit von einer Ufernutzung in der Sennweid auszugehen. Davon zeugen Hölzer, die an verschiedenen Stellen gefunden wurden, deren 14C-Datierungen jedoch sehr weite Datierungsspannen einerseits von 800 bis 200 v. Chr., andererseits von 200 v. Chr. bis 250 n. Chr. ergaben (vgl. Abb. 87 und 88 sowie Kap. VI.2.3.3). Weiter liegen von verschiedenen Fundstellen auch Artefakte aus der Hallstatt-, der Frühlatèneund eventuell der Spätlatènezeit sowie aus römischer Zeit vor. Ein Grossteil der Funde scheint jedoch nicht in situ gelegen zu haben, sondern dürfte vielmehr von der Lorze oder von Bächen aus dem Hinterland herantransportiert und abgelagert worden sein (vgl. Kap. VIII.4.1 und VIII.4.3). Erwähnenswert sind in diesem Zusammenhang einige Eichenpfosten aus dem Grabungsareal Cosmetochem, die dicht nebeneinander in einer Reihe eingeschlagen worden sind. Gemäss den sie umgebenden Sedimenten standen sie im Schwemmbereich der Lorze oder eines grösseren Baches. Deshalb wird vermutet, dass es sich bei ihnen um eine Schiffsanlegestelle an einem alten Lorzearm gehandelt haben könnte (vgl. Kap. VIII.4.3). Die Pfähle konnten nicht sicher dendrochronologisch datiert werden, sondern könnten nach Ausweis der 14C-Daten (im 2-Sigma-Bereich 85 v. Chr. bis 145 n. Chr. gemäss den kombinierten Daten in Kap. VI.2.3.3) sowohl spätlatènezeitlich als auch römisch sein. 110 V. Seespiegel und Ufernutzung in der Sennweid Abb. 85 Steinhausen-Sennweid. Fundstellen und vermuteter Seespiegel während der Eisenzeit und der römischen Zeit. 1: Einzelne Pfähle aus der Hallstattbis Frühlatènezeit (800–420 und 750–640 v. Chr.) sowie «Röste» aus parallelen Stangen (802–425 v. Chr.): Niederschlag der Ufernutzung beziehungsweise Hinweise auf Fischereitätigkeit im Bereich der Grabung Chollerpark (Eberschweiler 2004, 162 ff.). 2: Verschwemmte (?) Hallstattkeramik aus Auenlehmund Torfschichten. 3: Verschwemmte Keramik der Hallstatt-, Frühlatène-, Spätlatèneund der römischen Zeit (1. Hälfte 2. Jahrhundert n. Chr.). 4: 14C-datierte Hölzer aus der Zeit von 800 v. Chr. bis 250 n. Chr. 5: Vermutete Strandzone während einer klimatischen Gunstphase mit tiefen Seespiegeln und weit nach Süden reichendem Delta der mäandrierenden Lorze. Die mutmasslichen Seespiegelhochstände im 4. Jahrhundert v. Chr. sowie im 3. Jahrhundert n. Chr. führten wohl zu einer grossflächigen Überflutung der Bucht und damit zu einer nach Norden sowie Nordwesten verschobenen Uferlinie. Zugersee 2 3 4 51 0 100 200 m N Steinhausen_Sennweid 23.3.2007 15:44 Uhr Seite 110 6 Fundstellen und vermuteter Seespiegel vom Frühmittelalter bis ins Hochmittelalter Die Daten zur Zeitspanne Frühmittelalter bis Hochmittelalter sind in Abb. 81 in tabellarischer Form zusammengefasst, auf Abb. 86 sind die entsprechenden Fundstellen sowie der vermutete Seespiegel dargestellt. Paläoklimatische Untersuchungen sprechen für eine Warmphase, die in Westeuropa bis ins 6. Jahrhundert n. Chr. – nach einigen Autoren sogar bis ins 7. Jahrhundert – andauert und dabei mit niedrigen Seespiegeln sowie geringer Wasserführung der Flüsse korreliert. Ab 650 bis rund 850 n. Chr. wechselt das Klimaregime, und es herrschen feuchtere Klimabedingungen vor, was sich in Transgressionen an Juraseen, Hangrutschungen, Gletscherwachstum und erhöhter Wasserführung der Flüsse äussert. Im Gebiet südlich der Sennweid kann für das 8. Jahrhundert eine Flachwasserzone im Mündungsbereich der Lorze rekonstruiert werden, über die weiter oben bereits eingehend berichtet wurde (vgl. Kap. IV.3.6). Auenlehme belegen regelmässige Überschwemmungen der Bucht durch die Lorze. Ab dem 9./10. Jahrhundert mehren sich die Hinweise auf eine Abnahme der Wasserführung, wobei eine Nutzung des Gebietes zu Fischereizwecken noch bis ins 11. Jahrhundert belegt ist. Für das ausgehende 11. Jahrhundert ist südlich der Sennweid eine Verlandung mit Torfbildung nachgewiesen, was auf eine Regression des Zugersees hindeutet. Entsprechende Indizien für Tiefstände im 11. und 12. Jahrhundert stammen auch aus anderen Seen im Mittelland. Auf die Torfbildung nach dem 11. Jahrhundert folgt in der Bucht von Steinhausen die Ablagerung eines Auenlehms der Lorze. Dies spricht für eine weitere Überflutung des Gebietes und stimmt möglicherweise mit dem auch andernorts registrierten Seespiegelanstieg im 13. Jahrhundert überein.203 Im Anschluss daran stellen wir eine Verlandung mit weiterer Akkumulation von Auenlehmen und Torf fest, der aber in der Folge vermutlich einer längeren Verwitterungsphase unterliegt. Diese Verwitterung könnte im Zusammenhang mit der künstlichen Seespiegelabsenkung von 1591/92 stehen, die nach einem Rückgang des Wasserpegels zum Austrocknen und zur Humifizierung des zuvor gebildeten Torfes führte. Isolierte Holzobjekte aus diesem ehemaligen Oberboden sind Indizien für eine Nutzung (Viehwirtschaft?) des entwässerten Gebietes. Im Areal Sumpfstrasse-West dokumentiert ein sandiger Auenlehm eine letzte Überflutung durch die Lorze. Diese könnte in Zusammenhang mit Geländesenkungen als Spätfolgen 201 Gnepf 1995, 60–65 und Kap. I.4. 202 Bauer 1996, 80–82. 203 Magny 2004. 111 6 Fundstellen und Seespiegel vom Frühmittelalter bis ins Hochmittelalter Abb. 86 Steinhausen-Sennweid. Fundstellen und vermuteter Seespiegel vom Frühmittelalter bis ins Hochmittelalter. 1: Einzelne Pfähle aus der Spätantike beziehungsweise dem Frühmittelalter (420–650 n. Chr.; 660– 880 n. Chr.; Eberschweiler 2004, 161 ff.): Niederschlag von Fischereitätigkeit im Flachwasser? 2; Rutengeflechte (Fischfanganlagen?) aus dem 7. bis 9. Jahrhundert n. Chr. im Flachwasser (ein 14CDatum reicht bis ins 11. Jahrhundert). 3: Flechtwerkzäune (Fischfanganlagen?) aus dem 8. bis 10. Jahrhundert n. Chr. im Flachwasser. 4: Einzelner Pfahl aus dem 11. Jahrhundert n. Chr. im Flachwasser. 5: Indizien für die Nutzung des nach der Seeabgrabung von 1592 trocken gefallenen Geländes als Viehweide. 6: Vermuteter Uferverlauf im Frühbis Hochmittelalter. Die Fischfanganlagen der Fundstellen Sumpfstrasse-West und Chollerpark befinden sich in der Flachwasserzone, an die im Norden die periodisch überschwemmte Auenlandschaft des breiten Lorzedeltas anschliesst. Mit der Seeabsenkung von 1591/92 verlagerte sich das Ufer um etwa 700 m nach Süden. Dies entspricht ungefähr dem heutigen Uferverlauf (vgl. Abb. 80). F l a ch w a sser z o n e Zugersee 6 2 3 45 1 0 100 200 m N Steinhausen_Sennweid 23.3.2007 15:44 Uhr Seite 111 der Seeabsenkung und Entwässerung von 1591/92 stehen, doch kommen als Ursachen für die erneute Auenlehmsedimentation auch die bekannten klimatischen Rückschläge bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts («Kleine Eiszeit») in Frage. Für das erste Viertel des 19. Jahrhunderts belegen schriftliche Quellen klimatische Extremereignisse, die zu verstärkter Wasserführung der Flüsse und zu saisonalen Seespiegelhochständen in Schweizer Mittellandseen geführt haben. Es ist nicht ausgeschlossen, dass ähnliche Vorgänge sich auch im Mündungsbereich der Lorze abgespielt haben. Über diesen Überschwemmungslehmen hat sich ein Humushorizont entwickelt, der nach den Drainagemassnahmen im Jahr 1942 als Viehweide genutzt wurde. 7 Siedlungsund landschaftsgeschichtliche Aktivitäten der jüngsten Zeit Im Jahr 1942 wurde die Sennweid im Rahmen der sogenannten Anbauschlacht planiert und anschliessend mit Drainagegräben durchzogen (vgl. Kap. II.1 mit Abb. 8 und 9), um das bis dahin sumpfige Gelände landwirtschaftlich nutzbar zu machen. Eine neue Nutzung, die wahrscheinlich in die 1970erJahre fällt, lässt sich im Bereich der Parzelle 750 und der Rettungsgrabung Cosmetochem fassen: Hier wurden grosse Mengen Bauschutt abgelagert, was lokal zu einer Geländeerhöhung um bis zu 1,5 m führte. Für die archäologischen Schichten, die im Untergrund der Sennweid grossflächig vorhanden sind, machten sich diese Nutzungsänderungen negativ bemerkbar: Durch die Entwässerung fielen archäologische Schichten trocken, die sich zuvor im Grundwasserbereich befunden und somit hervorragende Erhaltungsbedingungen für organische Funde geboten hatten. Ausserdem führte die Entwässerung auch zu einer Komprimierung der archäologischen Schichten – ein Prozess, der durch das Gewicht des abgelagerten Bauschutts weiter verstärkt wurde. Seit den 1980er-Jahren werden die Sennweid und die Steinhauser Allmend zunehmend als Gewerbegebiete erschlossen und flächig überbaut. Aus archäologischer Sicht ist diese Entwicklung ambivalent: Einerseits sind zahlreiche Fundstellen durch die Baumassnahmen bedroht und werden zerstört, sofern sie nicht im Rahmen von Rettungsgrabungen untersucht werden können. Andererseits haben gerade diese Rettungsgrabungen dazu geführt, dass wir heute über die in diesem Kapitel dargelegten siedlungsund landschaftsgeschichtlichen Daten zum nördlichen Zugerseeufer verfügen. 112 V. Seespiegel und Ufernutzung in der Sennweid Steinhausen_Sennweid 23.3.2007 15:44 Uhr Seite 112 1.1 Material und Methoden Probenanzahl Die Gesamtanzahl der von den Rettungsgrabungen 1988–91 und Cosmetochem datierten 14C-Proben beträgt 74. Von den Rettungsgrabungen 1988–91 wurden 49 14C-Proben analysiert, 2 Proben stammen aus den Sondierungen der Jahre 1987/88. 38 dieser Proben wurden durch Archéolabs in Saint Bonnet de Chavagne (F; ARC-Daten, konventionell) teilweise noch während der Grabung datiert. Diese Proben stammen alle aus der Fläche der ersten Kampagne (1988/89, vgl. Abb. 16).13 Proben wurden nachträglich durch die ETH Zürich analysiert (ETH-Daten, AMS). Die entnommenen Proben sind nur in Ausnahmefällen auf den Plänen verzeichnet. Von der Rettungsgrabung Cosmetochem wurden an der Universität Uppsala (S) 23 Proben analysiert (Ua-Daten, AMS). Eignung der Proben Es wurden unterschiedliche Probenmaterialien analysiert, der grösste Teil der Daten wurde aber aus Holzkohle oder Nassholz-Proben gewonnen. Die unserer Ansicht nach geeigneten Daten finden sich zusammengestellt auf Abb. 87, die übrigen haben wir in Anhang A (S. 317) aufgeführt. Eine Unterscheidung in für die Auswertung geeignete und weniger geeignete Daten drängte sich aus verschiedenen Gründen auf: In einigen Fällen wurde Probenmaterial datiert, das aus verschiedenen Holzarten oder mehreren Stücken einer Holzart besteht. Da sich der Befundzu113 1 14C-Daten der Rettungsgrabungen 1988–91 und der Rettungsgrabung Cosmetochem sammenhang im Bereich der betreffenden Proben aufgrund der Dokumentation (vgl. dazu Kap. III.2.2) nicht mehr nachvollziehen lässt, haben wir diese Proben nicht in unsere Überlegungen einbezogen. Ebenfalls nicht berücksichtigt wurden Proben, die aus Holz von unterschiedlichen Pfählen zusammengesetzt waren. Als vollkommen ungeeignet wurden Proben erachtet, die aus ganz unterschiedlichen Materialien204 oder aus Materialien aus verschiedenen Quadratmetern zusammengesetzt sind205. Ebenso problematisch sind Resultate, die aus Seekreide gewonnen wurden, da die Daten aufgrund des Hartwassereffekts verfälscht sein können206. Eine weitere Probe wurde ausgeschieden, da als Holzart Buche angegeben wurde, das Rohdatum aber mit 8400 ±100 BP (ARC-228) eindeutig zu alt für Buche ist. Laut Madlena Beckmann findet die Einwanderung der Buche in unser Gebiet frühestens 1000 Jahre später, um 7500–6500 BP, statt.207 Ferner weist ein Datum (ARC-288) eine so grosse Standardabweichung (±300) auf, dass es ebenfalls nicht in die Auswertung einbezogen wurde. Kalibration Die als geeignet erachteten Proben wurden mit dem Programm Oxcal 3.10 kalibriert.208 VI. Naturwissenschaftliche Datierungen Von Renata Huber und Gishan Schaeren sowie Ulrich Ruoff 1 14C-Daten der Rettungsgrabungen 1988–91 und der Rettungsgrabung Cosmetochem Renata Huber und Gishan Schaeren Die 14C-Daten der beiden Fundstellen reichen vom Spätmesolithikum bis in die römische Zeit. Sie zeigen, dass in der Sennweid zu verschiedenen Zeiten gesiedelt wurde. Eine kontinuierliche Besiedlung lässt sich aus den Daten hingegen nicht ableiten. Vielmehr zeichnen sich zeitliche Schwerpunkte ab, die überwiegend den typologischen Datierungen der Funde und den Dendrodaten entsprechen. So fällt die Masse der Daten in die gut dokumentierten Horgener Siedlungsphasen des 29. und 28. Jahrhunderts v. Chr. Einige wenige könnten aus Zeiten stammen, die in der Sennweid bislang noch nicht mit Funden oder Dendrodaten belegt sind. Dazu gehören fünf Daten, die ausser ins Spätmesolithikum, das durch Funde gut dokumentiert ist, auch ins Frühneolithikum passen könnten. Dieses ist im nahe gelegenen Bibersee-Moor indirekt über Getreidetyppollen nachgewiesen. 204 Z. B. «charbons de bois, bois humide, fragments de galette, graines» (Bericht ARC8/R348 im Archiv KA ZG zu ARC-227). 205 ARC-296. 206 ARC-288a, 289a, 291 (freundliche Mitteilung Philippe Rentzel, IPNA). 207 Beckmann 2004, 17. 208 Kurve von Reimer et al. 2004. Steinhausen_Sennweid 23.3.2007 15:48 Uhr Seite 113 Die sich durch die zeitliche Übereinstimmung (Abb. 88) ergebenden Gruppen von Daten werden im Folgenden besprochen. 1.2 Resultate Spätmesolithikum und Frühneolithikum Die Daten ARC-286, ARC-287, ARC-289, ARC-283 und ARC-219 mit einer Datierungsspanne von 6480 bis 5550 cal BC (2 Sigma) repräsentieren einen späten Abschnitt des Mesolithikums oder eine frühe Phase des Neolithikums. Sie stammen alle aus der Rettungsgrabung 1988–91, von drei Nasshölzern sowie einem angekohlten und einem verkohlten Holzstück. Die Schichtzugehörigkeit für ARC-283 und ARC-219 ist mit «5.2» (unterer Teil der unteren Hauptfundschicht) beziehungsweise «6» (unter der unteren Hauptfundschicht) angegeben, für die übrigen Proben fehlt eine Schichtangabe. In Kap. IV.3.5 sind die Probleme rund um die Dokumentation der Grabung erläutert. An dieser Stelle kann deshalb lediglich festgehalten werden, dass zumindest diese zwei Proben aus einem verhältnismässig tief liegenden Bereich stammen. Für ARC-219 zeigt sich zudem eine Übereinstimmung mit einer Silexkonzentration, die als möglicher Schlagplatz interpretiert wird (Abb. 89; vgl. Kap. VIII.3.1 und Abb. 201). Die fünf 14C-Daten stehen also möglicherweise im Zusammenhang mit den spätmesolithischen Silices (vgl. Kasten «Paläolithische und mesolithische Silexfunde», S. 220 f.) und würden damit einen auch durch Funde belegten Zeitabschnitt datieren. Es lässt sich aber nicht ausschliessen, dass wenigstens durch einen Teil der Daten ein sehr frühes Neolithikum untermauert wird. Dieses ist im Untersuchungsgebiet indirekt über Pollenanalysen im nur rund 2,5 km entfernten Bibersee-Moor in der Gemeinde Cham belegt. Dort sind aus einem leicht früheren Zeitabschnitt erste Getreidetyppollen gefunden worden.209 Neolithikum Die Mehrheit der 14C-Daten bildet einen dichten Block und bestätigt damit die in der Rettungsgrabung 1988–91 durch Funde gut dokumentierten Siedlungsphasen des 29. und 28. Jahrhunderts v. Chr. (Abb. 88; vgl. Kap. VIII.3). Jungneolithische Daten? Die fünf Daten Ua-15714, Ua-10411, ARC307, ARC-303 und Ua-10413 scheinen sich vom Block etwas nach hinten abzusetzen. Bei ARC-307 und ARC-303 handelt sich aber um 14C-Daten von Pfählen, die dendrodatiert werden konnten und demnach beide ins 29. Jahrhundert v. Chr. gehören (vgl. Kap. VI.2.2.2). Ua-15714 stammt ebenfalls von einem Pfahl, der dendrochronologisch untersucht wurde, aber nicht datiert werden konnte (vgl. Kap. VI.2.3.3). Seine Datierungsspanne von 4350 bis 3390 cal BC fällt ganz ins Jungneolithikum. Die zwei anderen Ua-Daten, beide von Holzkohleproben stammend, haben mit 3650–3360 beziehungsweise 3000 cal BC eine Datierungsspanne, die bis ins Spätneolithikum reicht, allerdings nicht bis in die dendrodatierten Phasen. Letztere drei Daten könnten in Zusammenhang mit den jungneolithischen Keramikfunden von Cosmetochem stehen, obwohl diese typologisch nicht einfach einzuordnen sind (vgl. Kap. VIII.4.1). Spätund Endneolithikum Von den Daten des spätund endneolithischen Blocks stammen zwei von den gefundenen menschlichen Skelettteilen (vgl. Kap. IX.1) und drei von Holzkohlestücken (vgl. Abb. 87). Bei elf Werten (alles ETH-Daten) handelt es sich um Daten, die nachträglich gemessen wurden, um die Einordnung der Mittelkurven des 29. und 28. Jahrhunderts unter anderem mittels Wiggle-Matching abzusichern. Diese und alle weiteren Daten von Pfählen, die auch dendrodatiert wurden (von der Rettungsgrabung 1988–91 und Cosmetochem, vgl. Spalte «Bemerkung Herkunft» in Abb. 87), werden im Kap. VI.2 besprochen. Auf Abb. 90 ist die Verteilung der Daten über die Grabungsfläche, projiziert auf die Befunde der Rettungsgrabung 1988–91, abzulesen. Zwei Daten (ARC-162 und ARC-226) konnten nicht kartiert werden, da ihre Koordinaten fehlen. Nur für zwei Daten (ARC-305 und ARC297) von der Rettungsgrabung 1988–91 besitzen wir eine Schichtangabe (über der oberen Hauptfundschicht beziehungsweise untere Hauptfundschicht), die Proben von Cosmetochem stammen aus Schicht 7. 114 VI. Naturwissenschaftliche Datierungen Abb. 87 SteinhausenSennweid, 14C-Daten. Zur Kalibrierung geeignete 14C-Daten der Rettungsgrabungen 1988– 91 sowie der Rettungsgrabung Cosmetochem. Anmerkungen zu einzelnen Spalten: Labornr.: ARC = Archéolabs (F) ETH = EidgenössischTechnische Hochschule Zürich Ua = Universität Uppsala (S) Kal. Daten (BC): Kalibrierung im 2-SigmaBereich mit Oxcal 3.10 X (neu), Y (neu): bereinigte Grabungskoordinaten (nur SennweidProben). 209 Beckmann 2004, 141–144. Steinhausen_Sennweid 23.3.2007 15:48 Uhr Seite 114 115 1 14C-Daten der Rettungsgrabungen 1988–91 und der Rettungsgrabung Cosmetochem Labornr. Rohdaten (BP) Kal. Daten (BC) Dendronr. Beschreibung Probe (Holznr.) Lokalisierung Schicht (bzw. Höhe ü. M.) X (neu) Y (neu) Bemerkung Herkunft ARC-286 7540 ± 50 6480–6250 Abies ungenau 415,34 m ü. M. 45 133 Rettungsgrabungen 1988–91 von Rinden und Hölzern (ohne Dendro) ARC-287 7290 ± 50 6240–6040 abies humide avec goudrons végétaux ungenau 415,05 m ü. M. 39 128 Rettungsgrabungen 1988–91 von Rinden und Hölzern (ohne Dendro) ARC-289 6920 ± 150 6100–5550 Abies ungenau 415,81 m ü. M. 45 132 Rettungsgrabungen 1988–91 von Rinden und Hölzern (ohne Dendro) ARC-283 6900 ± 50 5900–5670 bois de sapin (abies) roulé et légèrement carbonisé sicher 5.2 47 111 Rettungsgrabungen 1988–91 aus Schicht 4 und 5 (Hauptfundschichten) ARC-219 6850 ± 70 5890–5620 Holz, karb. sicher 642 106 Rettungsgrabungen 1988–91 Ua-15714 5360 ± 80 4350–3990 49884 Pfahl sicher Grabung Cosmetochem (mit Dendro) Ua-10411 4720 ± 75 3650–3360 Holzkohle sicher 7Grabung Cosmetochem ARC-307 4620 ± 50 3650–3100 527 Pfahl (2603) sicher 40.43 108.19 Rettungsgrabungen 1988–91 von Hölzern (mit Dendro) ARC-303 4610 ± 50 3650–3100 2343 Pfahl (6187) sicher 47.18 120.29 Rettungsgrabungen 1988–91 von Hölzern (mit Dendro) Ua-10413 4600 ± 85 3650–3000 Holzkohle sicher 7Grabung Cosmetochem ETH-28996 4370 ± 50 3320–2880 1690 Pfahl (6921) sicher 37.1 116.65 Rettungsgrabungen 1988–91 von Hölzern (mit Dendro) ARC-836 4300 ± 50 3090–2750 540 Pfahl (2617) aus Palisade sicher 39.46 108.71 Rettungsgrabungen 1988–91 von Hölzern (mit Dendro) Ua-15717 4290 ± 70 3100–2600 49787 Pfahl sicher Grabung Cosmetochem (mit Dendro) ETH-28997 4290 ± 50 3090–2700 1690 Pfahl (6921) sicher 37.1 116.65 Rettungsgrabungen 1988–91 von Hölzern (mit Dendro) ARC-308 4270 ± 50 3030–2670 412 Pfahl (2462) sicher 41.65 120.13 Rettungsgrabungen 1988–91 von Hölzern (mit Dendro) Ua-15718 4265 ± 70 3090–2620 49844 Pfahl sicher Grabung Cosmetochem (mit Dendro) ARC-300 4260 ± 50 3020–2670 801 Pfahl (3017) sicher 24.97 129.45 Rettungsgrabungen 1988–91 von Hölzern (mit Dendro) ETH-28994 4250 ± 50 3010–2660 1874 Pfahl (106119) aus Aussenraum sicher 48,11 136.04 Rettungsgrabungen 1988–91 von Hölzern (mit Dendro) ARC-226 4250 ± 60 3020–2630 bois carbonisé fehlt Rettungsgrabungen 1988–91 von Rinden und Hölzern (ohne Dendro) ETH-26130 4240 ± 55 3010–2620 Skelett Frau sicher 31 126.5 Rettungsgrabungen 1988–91 aus Schicht 4 und 5 (Hauptfundschichten) ARC-297 4240 ± 80 3030–2570 Holzkohle, Abies sicher 5.1, sommet de la craie lacustre 34 130 Rettungsgrabungen 1988–91 aus Schicht 4 und 5 (Hauptfundschichten) Ua-10412 4235 ± 90 3100–2500 Holzkohle sicher 7Grabung Cosmetochem ARC-304 4220 ± 50 2920–2630 69 Pfahl (2075) sicher 30.48 104.44 Rettungsgrabungen 1988–91 von Hölzern (mit Dendro) ETH-28993 4210 ± 50 2910–2630 1874 Pfahl (106119) aus Aussenraum sicher 48.11 136.04 Rettungsgrabungen 1988–91 von Hölzern (mit Dendro) ARC-302 4200 ± 50 2910–2620 593 Pfahl (2672) sicher 29.94 127.16 Rettungsgrabungen 1988–91 von Hölzern (mit Dendro) Ua-15716 4195 ± 70 2920–2570 49808 Pfahl sicher Grabung Cosmetochem (mit Dendro) ARC-162 4160 ± 65 2900–2570 Pfahl fehlt Leitungsgraben 1988 ETH-28998 4145 ± 50 2880–2570 1690 Pfahl (6921) sicher 37.1 116.65 Rettungsgrabungen 1988–91 von Hölzern (mit Dendro) ARC-306 4140 ± 60 2890–2570 137 Pfahl (2150) sicher 42.09 113.1 Rettungsgrabungen 1988–91 von Hölzern (mit Dendro) ETH-28999 4115 ± 50 2880–2500 106 Pfahl (2117) aus äusserer Palisade sicher 39.77 114.37 Rettungsgrabungen 1988–91 von Hölzern (mit Dendro) ETH-28991 4110 ± 50 2880–2490 2318 Pfahl (306892) sicher 39.06 80.08 Rettungsgrabungen 1988–91 von Hölzern (mit Dendro) ETH-28990 4100 ± 50 2880–2490 2318 Pfahl (306892) sicher 39.06 80.08 Rettungsgrabungen 1988–91 von Hölzern (mit Dendro) ETH-28995 4090 ± 50 2880–2490 1874 Pfahl (106119) aus Aussenraum sicher 48.11 136.04 Rettungsgrabungen 1988–91 von Hölzern (mit Dendro) ETH-26129 4045 ± 55 2870–2460 Kinderskelett sicher 43.5 100.5 Rettungsgrabungen 1988–91 aus Schicht 4 und 5 (Hauptfundschichten) ETH-28992 3975 ± 50 2620–2300 2318 Pfahl (306892) sicher 39.06 80.08 Rettungsgrabungen 1988–91 von Hölzern (mit Dendro) ETH-28989 3930 ± 50 2570–2280 2318 Pfahl (306892) sicher 39.06 80.08 Rettungsgrabungen 1988–91 von Hölzern (mit Dendro) ARC-305 3840 ± 50 2470–2140 829 liegendes Holz (3068) sicher au dessus de la couche 4 47 139 Rettungsgrabungen 1988–91 von Hölzern (mit Dendro) Ua-15713 3145 ± 70 1610–1250 49871 Pfahl sicher Grabung Cosmetochem (mit Dendro) Ua-10414 3100 ± 85 1650–1050 Paddel sicher Grabung Cosmetochem Ua-15709 3070 ± 65 1460–1120 49858 Pfahl sicher Grabung Cosmetochem (mit Dendro) Ua-15707 3045 ± 65 1450–1110 49895 Pfahl sicher Grabung Cosmetochem (mit Dendro) Ua-15712 2905 ± 65 1300–910 49872 Pfahl sicher Grabung Cosmetochem (mit Dendro) Ua-15708 2905 ± 75 1370–900 49896 Pfahl sicher Grabung Cosmetochem (mit Dendro) ARC-128 2890 ± 65 1290–900 Pfahl (4019) fehlt Sondierung 1987 Ua-15711 2845 ± 70 1220–830 49889 Pfahl sicher Grabung Cosmetochem (mit Dendro) Ua-15719 2830 ± 70 1210–820 49862 Pfahl sicher Grabung Cosmetochem (mit Dendro) Ua-11733 2790 ± 65 1120–810 Skelett sicher Grabung Cosmetochem Ua-15710 2725 ± 60 1010–790 49888 Pfahl sicher Grabung Cosmetochem (mit Dendro) Ua-15715 2470 ± 70 780–400 49886 Pfahl sicher Grabung Cosmetochem (mit Dendro) Ua-16836 2405 ± 75 780–380 49866 Pfahl sicher Grabung Cosmetochem (mit Dendro) Ua-16837 2385 ± 75 800–200 49866 Pfahl sicher Grabung Cosmetochem (mit Dendro) Ua-15706 2025 ± 65 200 BC–130 AD 18038 Pfahl sicher Grabung Cosmetochem (mit Dendro) Ua-15704 1940 ± 80 170 BC–250 AD 18034 Pfahl sicher Grabung Cosmetochem (mit Dendro) Ua-15705 1910 ± 65 50 BC–250 AD 18037 Pfahl sicher Grabung Cosmetochem (mit Dendro) Steinhausen_Sennweid 23.3.2007 15:48 Uhr Seite 115                                                                                                                                                                                                                                                                                      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Naturwissenschaftliche Datierungen Abb. 88 (S. 117) Steinhausen-Sennweid, Multiplot der kalibrierten 14C-Daten der Rettungsgrabungen 1988–91 (ARCund ETH-Daten) sowie der Rettungsgrabung Cosmetochem (Ua-Daten) aus OxCal v3.10. Die Skala der kalibrierten Alter reicht von 8000 v. Chr. bis 1000 n. Chr. Dass ein Grossteil der schon während der Grabung analysierten Proben der Rettungsgrabung 1988–91 ins 29. und 28. Jahrhundert v. Chr. datiert, überrascht angesichts der typologischen Einordnung der dort gemachten Funde nicht (vgl. Kap. VIII.3). Die Daten der Rettungsgrabung Cosmetochem, die in diesen Block fallen, können mit der dortigen Siedlungsphase des 28. Jahrhunderts, die etwas jünger ist als diejenige der Rettungsgrabungen 1988–91 (vgl. Kap. VI.2.3.3), in Verbindung gebracht werden (Ua-15717, Ua15718, Ua-10412 und Ua-15716). Ein glockenbecherzeitliches Datum? Eine Probe (ARC-305) scheint sich vom besprochenen Block etwas nach vorne abzusetzen; es ist nicht auszuschliessen, dass das liegende Holz, das damit datiert wurde, in die Glockenbecherzeit gehört. Dessen Lage im «oberen» Schichtbereich spricht ebenfalls dafür. Bronzezeit Elf Proben (zehn von Cosmetochem und ARC-128 aus der Sondierung 1987) datieren in die Bronzezeit (vgl. Abb. 88). Die Probe Ua-10414 gehört zum Paddel (vgl. Kap. VIII.4.2) aus Schicht 6 von Cosmetochem. Die Probe Ua-11733 wurde aus den menschlichen Skelettresten von der Oberfläche der Schicht 5 von Cosmetochem (vgl. Kap. IX.2) entnommen. Die übrigen Daten von Cosmetochem wurden aus dendrochronologisch untersuchten Pfählen (vgl. Kap. VI.2.3.3) gewonnen. Die Probe ARC-128 stammt von einem Pfahl der Sondierung 1987 und datiert diesen mit einer Datierungsspanne von 1290 bis 900 cal BC in die Spätbronzezeit. Eisenzeit und römische Epoche Von den dendrochronologisch untersuchten Pfählen der Rettungsgrabung Cosmetochem (vgl. Kap. VI.2.3.3) weisen je drei 14C-Daten in die Eisenzeit und in die römische Epoche. Auf der Grabung Cosmetochem kamen sowohl eisenzeitliche als auch römische Funde zutage (vgl. Kap. VIII.4.1 und 4.3). Abb. 89 SteinhausenSennweid, Rettungsgrabungen 1988–91. 14CDaten des Spätmesolithikums/Frühneolithikums (Quadrate mit Labornummern), auf die Verteilung aller Silices projiziert, von denen die Mehrheit mesolithisch sein dürfte (vgl. Kap. VIII.3.1). Legende: spätmesolithische/ frühneolithische 14C-Daten Silices                  ARC-219 ARC-283 ARC-287 ARC-286 ARC-289 N 20 m Steinhausen_Sennweid 23.3.2007 15:48 Uhr Seite 116 117 1 14C-Daten der Rettungsgrabungen 1988–91 und der Rettungsgrabung Cosmetochem ARC-286: 7540 ± 50BP ARC-287: 7290 ± 50BP ARC-289: 6920 ± 150BP ARC-283: 6900 ± 50BP ARC-219: 6850 ± 70BP Ua-15714: 5360 ± 80BP Ua-10411: 4720 ± 75BP ARC-307: 4620 ± 50BP ARC-303: 4610 ± 50BP Ua-10413: 4600 ± 85BP ETH-28996: 4370 ± 50BP ARC-836: 4300 ± 50BP Ua-15717: 4290 ± 70BP ETH-28997: 4290 ± 50BP ARC-308: 4270 ± 50BP Ua-15718: 4265 ± 70BP ARC-300: 4260 ± 50BP ETH-28994: 4250 ± 50BP ARC-226: 4250 ± 60BP ETH-26130: 4240 ± 55BP ARC-297: 4240 ± 80BP Ua-10412: 4235 ± 90BP ARC-304: 4220 ± 50BP ETH-28993: 4210 ± 50BP ARC-302: 4200 ± 50BP Ua-15716: 4195 ± 70BP ARC-162: 4160 ± 65BP ETH-28998: 4145 ± 50BP ARC-306: 4140 ± 60BP ETH-28999: 4115 ± 50BP ETH-28991: 4110 ± 50BP ETH-28990: 4100 ± 50BP ETH-28995: 4090 ± 50BP ETH-26129: 4045 ± 55BP ETH-28992: 3975 ± 50BP ETH-28989: 3930 ± 50BP ARC-305: 3840 ± 50BP Ua-15713: 3145 ± 70BP Ua-10414: 3100 ± 85BP Ua-15709: 3070 ± 65BP Ua-15707: 3045 ± 65BP Ua-15712: 2905 ± 65BP Ua-15708: 2905 ± 75BP ARC-128: 2890 ± 65BP Ua-15711: 2845 ± 70BP Ua-15719: 2830 ± 70BP Ua-11733: 2790 ± 65BP Ua-15710: 2725 ± 60BP Ua-15715: 2470 ± 70BP Ua-16836: 2405 ± 75BP Ua-16837: 2385 ± 75BP Ua-15706: 2025 ± 65BP Ua-15704: 1940 ± 80BP Ua-15705: 1910 ± 65BP 8000 7000 6000 5000 4000 3000 2000 1000 0 1000cal BC/AD Steinhausen_Sennweid 23.3.2007 15:48 Uhr Seite 117 118 VI. Naturwissenschaftliche Datierungen                     20 m spätund endneolithische 14C-Daten aufgrund der Dendrochronologie mögliche Hausgrundrisse aufgrund der Lage von vier Mahlplatten postulierte hypothetische Hausgrundrisse Steinlagen Steinhaufen Lehm Palisaden «steinarme» Zonen Hüttenlehm Abb. 90 Steinhausen-Sennweid, Rettungsgrabungen 1988–91. Verteilung der 14C-Daten des Spätund Endneolithikums (Quadrate mit Labornummern) über die Grabungsfläche, projiziert auf die Befunde (vgl. Kap. VII.1, Abb. 160). Legende: ETH-26129 ETH-28999 ARC-306 ARC-303 ARC-297 ARC-302 ARC-300 ARC-304 ETH-26130 ARC-308 ARC-307 ARC-836 ETH-28989 ETH-28990 ETH-28991 ETH-28992 ETH-28996 ETH-28997 ETH-28998 ETH-28994 ETH-28995 ARC-305 ETH-28993 A k m i l b g D C EF H                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                            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S S S S S S S S S S S S S S S S S S S S S S > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > > + + + + + + + + + + + + + + + + + + + + + + + + + + + + + + + + + + + + + + + + + + + + + + + + + Steinhausen_Sennweid 23.3.2007 15:48 Uhr Seite 118 119 2 Dendrochronologische Auswertungen Rettungsgrabungen 1988–91 und Cosmetochem 2.1 Probleme und Lösungen 2.1.1 Einleitung Die dendrochronologischen Proben der Rettungsgrabungen 1988–91 und Cosmetochem wurden relativ bald nach Abschluss der Grabungen von zwei verschiedenen Labors analysiert.210 Eine Diskussion der Resultate unter Berücksichtigung der archäologischen Fakten konnte zur Zeit jener Analysen nicht stattfinden, da das Grundlagenmaterial dazu noch nicht aufgearbeitet war. Es schien deshalb sinnvoll, dies nun für die Gesamtpublikation nachzuholen und eine Synthese aller dendrochronologischen Resultate vorzulegen.211 Dazu war es natürlich notwendig, sich eine Übersicht darüber zu verschaffen, welche Sicherheit die einzelnen dendrochronologischen Zuordnungen von Proben zu einer Gruppe, das heisst die relativen Datierungen, und weiter dann auch die absoluten Datierungen beanspruchen konnten. Im Fall der Sennweid schien uns dies besonders wichtig, da dort die publizierten dendrochronologischen Ergebnisse angeblich auf Langhäuser hinwiesen212, ein Schluss, den wir als sehr zweifelhaft erachteten. Es wurde bald klar, dass nur mit einer eigenen, vollständig neuen Analyse der Messwerte die komplexen Probleme erfasst, Zweifel ausgeräumt oder andere Beurteilungen vorgenommen werden konnten. Dies sei an einem Beispiel dargestellt: Es stellte sich die Frage, ob die Korrelationsergebnisse wirklich mit grosser Sicherheit erlaubten, die Pfähle einander so zuzuordnen, wie dies auf dem Plan in den bereits publizierten Vorberichten213 mit Verbindungslinien angedeutet war und hier in Abb. 91a wiedergegeben ist. Es fiel uns auf, dass manche der so miteinbezogenen Pfähle keine Waldkante mehr aufgewiesen haben und somit keine genauen Schlagdaten geliefert haben können. Von den Dendroproben der mit schwarzen Kreisen markierten Pfähle in Abb. 91a etwa besassen nur zwei Waldkanten (mit dicken schwarzen Kreisen markiert). Ferner ergab sich, dass die Schlagdaten der übrigen bis weit über ein Jahrzehnt differiert haben könnten. Zudem ist auf Abb. 91b zu erkennen, dass für den Pfahl links oben (Kurve 2340) die richtige Korrelation mit den anderen Pfählen nicht sicher zu treffen war. In Abb. 91b ist links die gemäss den Vorberichten vorgeschlagene Zuordnung zu den Kurven von zwei anderen Pfählen dargestellt, rechts dagegen eine um zwei Jahre verschobene Korrelation, der wir den Vorzug geben würden. 2 Dendrochronologische Auswertungen der Rettungsgrabungen 1988–91 und der Rettungsgrabung Cosmetochem Ulrich Ruoff Die Voraussetzungen für dendrochronologische Untersuchungen waren bei beiden Fundstellen äusserst ungünstig, da überwiegend junge Weichhölzer mit kurzen Jahrringsequenzen verbaut worden waren. Eichenholz, das sich in der Regel am besten datieren lässt, gab es nur wenig. Nur für eine sehr beschränkte Anzahl Proben liessen sich wirklich sichere absolute Daten ermitteln. Im Fall der Rettungsgrabungen 1988–91 auf dem Areal Sennweid liegen die Schlagdaten zwischen 2869 und 2859 v. Chr. sowie zwischen 2764 und 2762 v. Chr. Für die Spätphase der Horgener Kultur zeichnen sich also zwei Siedlungsphasen ab. Von den Hölzern der Rettungsgrabung Cosmetochem liessen sich nur die Erlen zuverlässig datieren: Sie wurden im Jahr 2724 v. Chr. geschlagen und belegen somit eine schnurkeramische Siedlung, zu der aber keine Funde vorliegen. Die Rekonstruktion von Baustrukturen wie Hausgrundrissen, Palisaden oder Zäunen war nur in Einzelfällen möglich. Allerdings konnte die ältere Meinung, wonach die späthorgenzeitliche Bebauung aus Langhäusern bestanden hätte, klar widerlegt werden. 210 Die Proben der Rettungsgrabungen 1988–91, im Folgenden als «Sennweid» bezeichnet, wurden durch das Laboratoire Romand de Dendrochronologie, Moudon VD, diejenigen von Cosmetochem durch das Labor für Dendrochronologie der Stadt Zürich untersucht. 211 Dazu wurden für die Rettungsgrabungen 1988– 91 die Rohdaten der Einzelproben, für Cosmetochem die Rohdaten der Einzelproben sowie die errechneten Mittelkurven verwendet. 212 Tercier et al. 1996, 576. 213 Orcel et al. 1993; Tercier et al. 1996. Steinhausen_Sennweid 23.3.2007 15:48 Uhr Seite 119 einstimmungen auftreten können. Weiter zeigt die – ebenfalls ungültige – Korrelation in Abb. 98, dass es sogar immer wieder Fälle gibt, wo sich der übereinstimmende Verlauf erstaunlicherweise über mehr als zwei Jahrzehnte erstreckt. Dabei täuschen besonders Stellen mit einem zackigen Kurvenbild leicht eine falsche Synchronlage von Kurven vor. 2.2 Die dendrochronologische Untersuchung der Hölzer vom Areal der Rettungsgrabungen 1988–91 2.2.1 Das Probenmaterial und die erste dendrochronologische Analyse Die Jahrringmessungen an den Holzproben und eine erste Analyse sind im Laboratoire Romand de Dendrochronologie (LRD, Moudon VD) vorgenommen worden. Bei Beginn der Arbeit für die vorliegende Publikation war zunächst nur eine Zusammenfassung und Kommentierung der Ergebnisse dieser ersten Untersuchung vorgesehen.216 Wie zu Beginn von Kap. VI.2.1 ausgeführt, wurde dann aber das gesamte Datenrohmaterial einer neuen Analyse unterworfen, um die Vergleichbarkeit der beiden Stationen Steinhausen-Sennweid und Steinhausen-Cosmetochem zu gewährleisten. Unsere Analyse erlaubte es dank dem oben beschriebenen Einsatz neuartiger Methoden auch, die bei den einzelnen Arbeitsschritten notwendigen Entscheidungen auf einer besonders breiten Basis von Indizien zu treffen. So sind von den Untersuchungen des Laboratoire Romand de Dendrochronologie nur die Holzartenbestimmungen und die Messwerte der Jahrringe übernommen worden. Es wurde oben schon erwähnt, dass es sich zum grossen Teil um Proben mit relativ wenigen Jahrringen handelt, deren richtige Korrelierung in vielen Fällen nicht mit der wünschenswerten Sicherheit bestimmt werden kann. Die rund 2370 Proben zählten durchschnittlich 27 Jahrringe, 33% davon weniger als 15 Ringe und nur 13% mehr als 50 Ringe. Die absolute Datierung der Hölzer wird aber nicht nur durch die mehrheitlich sehr geringe Jahrringanzahl, sondern auch dadurch erschwert, dass es sich vorwiegend um Holzarten handelt, für die absolut datierte Vergleichsmaterialien beziehungsweise entsprechende Referenzkurven aus den fraglichen Zeiträumen entweder gar nicht oder nur in geringer Zahl existieren. Mit 31% machen die Erlenproben den grössten Anteil aus, gefolgt von den Eschenproben mit 27%. Die am ehesten absolute Datierungen ermöglichenden Eichenproben sind nur mit 5,5% vertreten und damit noch schlechter als die Proben von Hasel (10%) beziehungsweise von Weide (8%). Für die dendrochronologische Auswertung und den Versuch einer archäologischen Interpretation in Zusammenhang mit den bei der Ausgrabung erhobenen Befunden wirkte sich besonders negativ aus, dass nur von einem mittleren, der ersten Grabungsetappe entsprechenden Teil der untersuchten Fläche alle Hölzer der dendrochronologischen Analyse zugeführt werden konnten und dass selbst die Bestimmung der Holzart der ausgegrabenen Pfähle nur für dieses Areal vorgenommen worden ist. Von den Hölzern der zweiten Etappe wurden aus finanziellen Gründen nur knapp 50 Proben von Eichenpfählen und einige ganz wenige von anderen Holzarten gemessen (vgl. Abb. 106). 2.2.2 Der Aufbau und die Datierung von Mittelkurven In einem ersten Durchgang wurden allein diejenigen Korrelationen für die Kurven einer jeden Holzart ermittelt, die ohne nennenswertes Irrtumsrisiko als richtig betrachtet werden konnten. Anschliessend wurden die resultierenden Mittelkurven berechnet, dann folgten nochmals ein rechnerischer Vergleich jeder Kurve mit allen anderen sowie eine optische Prüfung aller noch nicht berücksichtigten Korrelationen, deren errechnete Werte auf eine gewisse Übereinstimmung hinwiesen. Der Anspruch, welchen Grad diese Übereinstimmung für eine gültige Korrelation erreichen musste, wurde jetzt ein wenig gesenkt, dafür aber gefordert, dass die Hölzer, von denen die Kurven stammten, zu einer auf dem Grabungsplan erkennbaren Struktur gehörten. Vorteilhaft wirkte sich beim Analyseverfahren mit Dreiergruppen aus, dass gleichzeitig die Zusammenhänge zwischen 126 VI. Naturwissenschaftliche Datierungen Abb. 97 SteinhausenSennweid, dendrochronologische Auswertungen. Bei sehr kurzen Vergleichslängen dürfen Korrelationen auch bei bester Übereinstimmung nicht als sicher angesehen werden. 114:1436 114:2323 –2880 –2890 Abb. 98 SteinhausenSennweid, dendrochronologische Auswertungen. Gewisse Kurvenformen, zum Beispiel zackige Kurven, täuschen oft eine Zuverlässigkeit von getroffenen Korrelationen vor, die bei weitem nicht gegeben ist. Die gezeigten Jahrringkurven dürfen einander nicht zugeordnet werden, da sie von Proben aus ganz verschiedenen Zeiträumen stammen. 1035:2311 –2870 –2860 –2850 Steinhausen_Sennweid 23.3.2007 15:48 Uhr Seite 126 mehreren Korrelationen und der Herkunft der Proben beobachtet und den Entscheidungen zugrunde gelegt werden konnten. Da auch nach dem zweiten Durchgang die Zahl der Korrelationen, die wir als genügend zuverlässig taxiert hatten, weit unter der erhofften lag, wiederholten wir die beiden Analyseschritte, ohne uns in irgendeiner Form auf die vorher erzielten Ergebnisse zu stützen. Mit wenigen Ausnahmen kam es aber zu keinen weiteren oder anderen Zuordnungen zu den schon erkannten Gruppen von recht eindeutig korrelierenden Kurven. Die Gruppen von Kurven, die zu zwei Eichenmittelkurven (MK 4514 und 4515) geführt hatten, entsprachen im Wesentlichen den zwei Blöcken von Kurven in Abb. 92, anhand deren oben erläutert worden ist, dass trotz hoher Belegung aller Werte einer Mittelkurve Schwachstellen vorhanden sein können. Die neue Analyse hatte auch tatsächlich keine Indizien ergeben, die eine Verbindung der beiden Gruppen, wie sie postuliert worden war, gerechtfertigt hätte. Weder die einzelnen sich im fraglichen Bereich überlappenden Kurven noch die Mittelkurven der beiden Gruppen zeigten eine für die entsprechende Zuordnung genügende Korrelation (Abb. 99). Der Vergleich mit vielen urgeschichtlichen Mittelund grossen Referenzkurven deutete hingegen auf eine Datierung der Mittelkurve (MK 4514) des einen Blocks auf 2861 v. Chr. hin, was mit der publizierten Datierung der zugehörigen Proben durch das Laboratoire Romand de Dendrochronologie übereinstimmte.217 Die Korrelationen mit den im Zürcher Labor gespeicherten Mittelkurven 610 von Sempach LU-Festhütte und 2401 von Freienbach SZ-Vor der Kirche sind in Abb. 100 grafisch dargestellt. Die Datierung darf als sicher gelten, obwohl die dazu führenden Korrelationen keine optimalen waren. Bei weiteren Überprüfungen jedoch, zum Beispiel bei einem Vergleich mit über 2500 Einzelkurven, die für eine Datierung im Datierungsspielraum von 3500 bis 2500 v. Chr. in Frage kamen, gehörten die auf das Datum 2861 v. Chr. hinweisenden Korrelationen stets zu den besten. Leider ergaben die wenigen 14C-Datierungen, die zu verschiedener Zeit in Auftrag gegeben worden waren, keine klaren zusätzlichen Anhaltspunkte (Abb. 101). Bei der besonders sorgfältig vorbereiteten Analyse von drei Proben des Pfahls 1874 (106119) lag das Dendrodatum aber doch noch ganz knapp innerhalb des mit WiggleMatching bestimmten Vertrauensbereichs von 2 Sigma. An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass mit der 14C-Analyse von drei Proben des Erlenpfahls 1690 (6921) die Datierung unserer Eichenkurve indirekt unterstützt wurde. Die Kurve des Erlenpfahls gehört nämlich zur Gruppe der Mittelkurve 4516, für die sich aufgrund einer recht guten Korrelation mit der hier diskutierten Mittelkurve 4514 ein Datum von 2859 v. Chr. (für Pfahl 1690: 2865 v. Chr.) ergab. Die absolute Datierung der zweiten Gruppe von Eichenhölzern, das heisst der Mittelkurve 4515, war schwierig. Die rechnerisch-statistischen Testwerte für Vergleiche mit vielen anderen datierten Mittelkurven ergaben zwar verhältnismässig gute Werte für 2762 v. Chr., die Grafiken der Kurvenpaare überzeugten aber nicht voll. Erst der rechnerische Vergleich mit rund 5800 Einzelkurven (über 376000 Einzelpositionen, die Mindestanforderungen an die Korrelation genügten), welche die verschiedensten Zeitabschnitte von 4500 bis 500 v. Chr. belegten, gewährte grössere Sicherheit. Die beste Korrelation so216 Ein umfangreicher Bericht zu der ersten Untersuchung mit vielen Tabellen und Grafiken befindet sich in der KA ZG (Objekt Nr. 9): Ch. Orcel/A. Orcel/J. P. Hurni/ J. Tercier, Analyses dendrologiques et dendrochronologiques de bois provenant du site lacustre de «Sennweid» à Steinhausen (ZG), Moudon, 30 décembre 1992. 217 Orcel et al. 1993, 206; Tercier et al. 1996, 575 f. 127 2 Dendrochronologische Auswertungen Rettungsgrabungen 1988–91 und Cosmetochem Abb. 99 SteinhausenSennweid, dendrochronologische Auswertungen. Bei der neuen Analyse des Materials ergaben sich annähernd dieselben beiden Gruppen von Kurven von Eichenhölzern wie bei der ersten Bearbeitung. Die daraus errechneten Mittelkurven korrelieren jedoch in keiner Lage genügend. Die publizierte Datierung der jüngeren Kurve auf 2840 v. Chr. konnte nicht bestätigt werden. 4514:4515 –2900 –2890 –2880 –2870 Abb. 100 SteinhausenSennweid, dendrochronologische Auswertungen. Korrelationen der Mittelkurve 4514 der älteren Gruppe von Eichenhölzern mit den datierten Mittelkurven 610 von Sempach LU-Festhütte und 2401 von Freienbach SZ-Vor der Kirche. 4514:610 –2960 –2950 –2940 –2930 –2920 –2910 –2900 –2890 –2880 2870 –2960 –2950 –2940 –2930 –2920 –2910 –2900 –2890 –2880 2870 4514:2401 Steinhausen_Sennweid 23.3.2007 15:48 Uhr Seite 127 wie manche weitere wies auf die Richtigkeit der vermuteten Datierung hin. Die beste rechnerische Korrelation, nämlich diejenige mit Kurve 48036 (1) von Cham ZG-Oberwil/ Grossmoos, schnitt auch bei der Beurteilung aufgrund der Kurvengrafik recht gut ab (Abb. 102). Um das Irrtumsrisiko bei der absoluten Datierung, das wegen der Kürze der Kurve (nur 61 Jahre) doch nicht ganz unerheblich war, stark zu vermindern, wurde versucht, mit 14C-Datierungen den möglichen Datierungsspielraum einzuengen. Vom Pfahl 2318 (306892) wurden vier Proben aus genau festgehaltenen Bereichen der ganzen Jahrringsequenz entnommen. Leider schränkte dann das Wiggle-Matching bei der Kalibrie128 VI. Naturwissenschaftliche Datierungen Abb. 101 Steinhausen-Sennweid, dendrochronologische Auswertungen. 14C-Daten von Hölzern, die dendrochronologisch analysiert wurden. Legende: MKnr.: Mittelkurvennummer Labornr.: Labornummer (ARC = Archéolabs; ETH = Eidgenössisch-Technische Hochschule Zürich) Nr.: Holznummer (Grabungsnummer) Dendronr.: Nummer der Dendroprobe Kal. Datum (BC): Kalibrierung im 2-Sigma-Bereich mit Oxcal 3.10. Probenbereich: Jahrringe, aus denen 14C-Probe entnommen wurde (von innen nach aussen) Palisade = ja: Pfahl gehört vermutlich zu einer Palisade MKnr. Labornr. Nr. Dendronr. Kal. Datum (BC) Jahrringanzahl Probenbereich Dendrodatum Holzart Palisade 4515 ARC-304 2075 69 2920–2630 38 1–20 2764 v. Chr. Eiche ARC-306 2150 137 2890–2570 Erle ja ARC-308 2462 412 3030–2670 Weisstanne ARC-307 2603 527 3650–3100 Erle ARC-836 2617 540 3090–2750 Weide ja ARC-302 2672 593 2910–2620 Esche ARC-833 2732 642 3330–2910 Weide ja ARC-833 2733 643 3330–2910 Weide ja ARC-300 3017 801 3020–2670 Weisstanne ARC-835 6742 1522 3300–2890 Pappel ARC-835 6919 1688 3300–2890 Pappel ja ARC-834 106181 1934 2880–2510 Pappel ARC-303 6187 2343 3650–3100 37 1–20 Eiche ARC-309 2092 83 Weide ja ARC-309 2615 538 Weide ja ARC-309 2616 539 3310–2900 Weide ja ARC-309 2720 632 Weide ja ARC-309 2799 705 Weide ja ARC-128 4019 1290–900 Weisstanne ETH-28993 1874 2910–2630 118 2–7 4514 ETH-28994 106119 1874 3010–2660 118 51–55 2864 v. Chr. Eiche ETH-28995 1874 2880–2490 118 101–105 ETH-28989 2318 2570–2280 57 1–5 4515 ETH-28990 306892 2318 2880–2490 57 21–25 2762 v. Chr. Eiche ETH-28991 2318 2880–2490 57 35–40 ETH-28992 2318 2620–2300 57 52–57 ETH-28996 1690 3320–2880 91 2–7 4516 ETH-28997 6921 1690 3090–2700 91 41–45 2865 v. Chr. Erle ETH-28998 1690 2880–2570 91 85–90 ETH-28999 2117 106 2880–2500 36 2–7 Erle Steinhausen_Sennweid 23.3.2007 15:48 Uhr Seite 128 rung der 14C-Resultate (Abb. 101) den Vertrauensbereich doch nicht so stark wie erhofft ein, aber immerhin genügend für die Behauptung, ein Fehler bei der dendrochronologischen Datierung könne nahezu ausgeschlossen werden. Unter den Korrelationen mit Einzelkurven des verbleibenden Datierungsspielraums fanden sich noch weitere das Endjahr 2762 v. Chr. für die Mittelkurve 4515 bestätigende Korrelationen, wie Abb. 103 aufzeigt, so etwa von den Fundorten Greifensee ZH-Storen/Wildsberg oder Zürich-Breitingerstrasse. Fast 200 Kurven wurden in der ErlenMittelkurve 4516 zusammengefasst. Sie konnte mit dem Eichenmittel 4514 korreliert und damit ihr Endjahr auf 2859 v. Chr. datiert werden (Abb. 104). Das Resultat entspricht der Zuordnung zu den Eichen, die schon das Laboratoire Romand de Dendrochronologie beobachtet hatte.218 Die Korrelation der Mittelkurven, in die alle Einzelhölzer einbezogen worden sind, ist zwar etwas schwach, darf aber doch als eindeutig betrachtet werden, vor allem da die schon oben erwähnte 14C-Datierung des Pfahls 1690 dafür spricht, dass die Kurven nicht aus völlig verschiedenen Epochen stammen. Vergleiche von Mittelkurven eines Teils der Kurven der beiden Gruppen zeigten die Übereinstimmung zum Teil besser, und beim Vergleich von Einzelhölzern fanden sich unter den etwas längeren Kurven etliche, bei denen der ähnliche Verlauf sofort auffiel, wie zum Beispiel bei der Erlenkurve 471 und der Eichenkurve 2108 oder bei der Erlenkurve 1109 und der Eichenkurve 2289 (vgl. Abb. 105). Das oben erwähnte und in Abb. 98 dargestellte Beispiel warnt uns aber eindrücklich davor, einer guten Übereinstimmung von zwei sich lediglich auf kurzer Strecke überlappenden Kurven zu viel Beweiskraft zumessen zu wollen. 2.2.3 Korrelationen und archäologischer Befund 2.2.3.1 Die Siedlungsareale Zunächst sei in Erinnerung gerufen, dass die dendrologische und dendrochronologische Untersuchung der Pfähle nur einen Drittel des Areals (= Areal der ersten Grabungsetappe) betraf. Von den restlichen Flächen wur218 Tercier et al. 1996, 574, Tab. 5. 129 2 Dendrochronologische Auswertungen Rettungsgrabungen 1988–91 und Cosmetochem Abb. 102 SteinhausenSennweid, dendrochronologische Auswertungen. Korrelationen der Mittelkurve 4515 der jüngeren Gruppe von Eichenhölzern mit der datierten Kurve 48036 von Cham ZG-Oberwil, Grossmoos. 4515:48036 –2820 –2810 –2800 –2790 –2780 –2770 Abb. 103 SteinhausenSennweid, dendrochronologische Auswertungen. Korrelationen der Mittelkurve 4515 der jüngeren Gruppe von Eichenhölzern mit den datierten Mittelkurven 377 von Greifensee ZH-Storen, Wildsberg) und 1542 von Zürich-Breitingerstrasse. 4515:377 –2820 –2810 –2800 –2790 –2780 –2770 4515:1542 –2820 –2810 –2800 –2790 –2780 –2770 4514:4516 –2950 –2940 –2930 –2920 –2910 –2900 –2890 –2880 –2870 Abb. 105 SteinhausenSennweid, dendrochronologische Auswertungen. Korrelationsversuche zwischen Erlenund datierten Eichenkurven. Das untere Beispiel zeigt eine Korrelation, die nicht der richtigen Datierung entspricht. 471:2108 –2930 –2920 –2910 –2900 –2890 –2880 –2870 1109:2289 –2930 –2920 –2910 –2900 –2890 –2880 –2870 Abb. 104 SteinhausenSennweid, dendrochronologische Auswertungen. Korrelation der älteren Eichenmittelkurve 4514 mit der Erlenkurve 4516. Steinhausen_Sennweid 23.3.2007 15:50 Uhr Seite 129 den nur von Eichenpfählen Proben genommen und untersucht. Ob indessen alle Eichen einbezogen wurden, ist nicht bekannt (Abb. 106). Das Auffälligste an der Pfahlverteilung sind zwei bogenförmige, annähernd parallel verlaufende Streifen von Pfählen, offensichtlich Zäune oder Palisaden. Der äussere Bogen ist mehr oder weniger doppelt geführt (Befundnummer 49 in Kap. VII.1). Ferner fällt auf, dass viele der sonstigen Pfähle des ganzen Feldes – vor allem ausserhalb der beschriebenen Bogen – deutlich rechtwinklig zueinander stehende Reihen bilden, im östlichen Teil annähernd gleich wie das Koordinatennetz der Grabung ausgerichtet, im westlichen Teil um knapp 20 Grad gegen Norden abgedreht. Das muss nun nicht automatisch heissen, dass es sich um die Hinterlassenschaft aus zwei unterschiedlichen Zeitphasen handelt. Obwohl die Dendrochronologie zum westlichen Teil des Feldes wegen der Beschränkung auf die Untersuchung von Eichenproben nur einen kleinen Beitrag leisten kann, liefert sie doch gerade hier ein Indiz für eine einheitliche Zeitstellung. Die Kartierung jener Pfähle, die in die 2860er-Jahre, vor allem ins Jahr 2861 v. Chr., datiert werden konnten (Abb. 107), zeigt, dass im östlichen Teil die rechtwinklige Struktur mindestens zu einem grossen Teil aus dieser Zeit stammt. Bei der genaueren Betrachtung einzelner Bereiche dieses Teils werden wir auch sehen, dass sie dort klar die bogenförmig angeordneten Pfahlstreifen – sie werden im Folgenden als Palisaden bezeichnet – überschneidet. Nun gibt es aber auch ganz im Westen des Pfahlfeldes drei Pfähle aus der Periode der 2860erJahre v. Chr., nämlich einen Pfahl von 2861 v. Chr. innerhalb und zwei weitere ausserhalb des Palisadenbogens. Bei Letzteren konnte allerdings das Fälldatum wegen fehlender Waldkanten nicht genau bestimmt werden, weshalb sie auf Abb. 107 nicht eingezeichnet sind. Die nach der Beobachtung dieses Falls vorgenommene Kontrolle lässt jedoch keinen Zweifel an der richtigen Datierung des Pfahls mit Waldkante zu, und auch die beiden anderen Pfähle scheinen zuverlässig eingeordnet zu sein. Die Kartierung der Pfähle aus den Jahren 2764 bis 2762 v. Chr. gibt hingegen ein ganz anderes Bild (Abb. 108, rote Punkte). Mit einer Ausnahme stammen sie alle aus dem Bereich, der durch die Palisaden abgegrenzt wird, und in zwei Fällen aus der äusseren Palisade selbst. Dendrochronologische Datierung und archäologischer Befund decken sich somit. Auch der Pfahl ausserhalb passt ins Bild, denn er steht dort, wo ein Weg aus der palisadenbewehrten Siedlung herausgeführt haben könnte, jedenfalls stehen in einem entsprechenden Streifen relativ viele Pfähle, und die Palisaden sind dort unterbrochen. Der Befund ist leider nicht sehr klar, denn bei der mutmasslichen Öffnung der Palisaden war die Situation durch einen alten Drainagegraben gestört, zudem verläuft dort die Grenze zwischen nicht gleichzeitig untersuchten Ausgrabungsfeldern. Streng genommen geben auch die beiden Eichenpfähle im Pfahlstreifen der äusseren Palisade keine volle Sicherheit bezüglich ihrer Datierung, denn sie könnten theoretisch in einer anderen Phase zufällig gerade dort eingeschlagen worden sein. Es gibt in den Strei130 VI. Naturwissenschaftliche Datierungen Abb. 106 SteinhausenSennweid, dendrochronologische Auswertungen. Pfahlfeld. Legende: Pfahl Pfahlprobe für Dendrochronologie Eichenprobe 20 m N Steinhausen_Sennweid 23.3.2007 15:50 Uhr Seite 130 fen verschiedenste Beispiele nicht zugehöriger Pfähle, zudem wurde sonst für die Palisaden fast ausschliesslich Weichholz verwendet. Recht schwierig ist ferner die Frage zu beantworten, ob es sich um ein einheitliches, gleichzeitig erstelltes Palisadensystem handelt. Der etwas unterschiedliche Anteil der einzelnen Holzarten (Abb. 109) – beim inneren Palisadenbogen dominieren Weide und Pappel, beim äusseren Erle – stellt kaum ein starkes Argument gegen eine Gleichzeitigkeit der beiden Bogen dar. Dieser Unterschied erschwert aber zusätzlich zur geringen Jahrringzahl fast aller Proben den Versuch eines Nachweises von Gleichzeitigkeit über eine dendrochronologische Korrelation von Proben. Es wurde oben bei der Frage nach den Grenzen der Zuverlässigkeit (vgl. Abb. 96) das Beispiel von je drei Proben von beieinander stehenden Weidenpfählen erwähnt, die wegen dieser Nachbarschaft trotz einer sehr geringen Zahl von Jahrringen mit einiger Sicherheit korreliert werden können. Auf Abb. 110 sind diese beiden Gruppen mit grünen Symbolen kartiert. Wir warnten aber auch davor, die recht gute Korrelation zwischen den beiden Gruppen von Kurven minimaler Länge, ohne deutlichen Hinweis auf eine Zugehörigkeit zu ein und derselben Konstruktion, als tragkräftiges Indiz für eine einheitliche Datierung zu werten. Wie wir nun sehen, ist diese Voraussetzung hier nicht gegeben. Weitere Gruppen von Korrelationen, welche die beiden Palisaden in sich verbinden würden, hatten sich bei der dendrochronologischen Analyse nicht ergeben, sondern immer nur zwischen Pfählen des äusseren Bogens und dem Innern (vgl. Abb. 110). Ebenso wenig führte der systematische Vergleich aller mindestens 20-jährigen Kurven von Proben aus den beiden Palisadenbogen zu einem positiven Resultat. Deshalb bleibt leider nur festzuhalten, dass der Nachweis einer Zusammengehörigkeit der beiden Pfahlstreifen dendrochronologisch nicht erbracht werden kann. Dasselbe ist von dem Stück Pfahlreihe oder -streifen auf der Ostseite zu sagen, das wie eine Weiterführung der inneren Palisade aussieht, aber erst nach einer Lücke beginnt. Die äussere Palisade, die sich vom vermuteten Eingang her immer mehr der inneren genähert hat, ist dort nicht mehr vorhanden, was der Situation auf der Westseite entspricht. Die Anlage der äusseren Palisade kann als Verstärkung des Eingangsbereichs 131 2 Dendrochronologische Auswertungen Rettungsgrabungen 1988–91 und Cosmetochem Abb. 107 SteinhausenSennweid, dendrochronologische Auswertungen. Datierte Pfähle der älteren Phase mit Waldkante. Die bogenförmigen Palisaden gehören offensichtlich nicht zu dieser älteren Phase. Legende: 2859/2860 v. Chr. 2861 v. Chr. 2862/2863 v. Chr. 2864/2865 v. Chr. 2866–2869 v. Chr. 20 m 20 m N N Abb. 108 SteinhausenSennweid, dendrochronologische Auswertungen. Verschiedene Gruppen gleich alter Pfähle. Legende: Pfähle mit Waldkante, datiert 2764–2762 v. Chr. Steinhausen_Sennweid 23.3.2007 15:50 Uhr Seite 131 [Document text truncated for crawler view.]