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Verantwortung im Umgang mit dem Fremden. Reflexionen im Anschluss an Hans Jonas

Author: Breitling, Andris; Seidel, Roman
Publisher: Zenodo
DOI: 10.30819/5062
Source: https://zenodo.org/records/17669902/files/978-3-8325-5062-2.pdf
Hans Jonas
Volume 4
Hans Jonas
Volume 4
He ausgegeben on/Edi ed by
P o . D . Holge Bu ckha
P o . D . Michael Bonga d
And is B ei ling & Roman Seidel (Hg.)
Ve an wo ung im Umgang mi dem F emden
Re lexionen im Anschluss an Hans Jonas
Logos Ve lag Be lin
λογος

Hans Jonas
He ausgegeben on/Edi ed by
Holge Bu ckha und Michael Bonga d
Hans Jonas-Ins i u
Bibliog a ische In o ma ion de Deu schen Na ionalbiblio hek
Die Deu sche Na ionalbiblio hek e zeichne diese Publika ion in de
Deu schen Na ionalbibliog a ie; de aillie e bibliog a ische Da en
sind im In e ne übe h p://dnb.d-nb.de ab u ba .
Diese Publika ion wu de du ch die Spa kasse Mönchengladbach, den Landscha s e band
Rheinland und den Ro a y-Club Mönchengladbach-Ge o sowie eine p i a e Spende on
John Jonas ge ö de .
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Abbildungen, Fo os und Tex auszüge e o de gg . wei e e Nu zungsgenehmigungen
du ch den jeweiligen Rech einhabe .
Logos Ve lag Be lin GmbH 2025
ISBN 978-3-8325-5062-2
ISSN 2512-8892
Logos Ve lag Be lin GmbH
Geo g-Kno -S . 4, Gebäude 10
D-12681 Be lin – Ge many
Tel.: +49 (0)30/42 85 10 90
Fax: +49 (0)30/42 85 10 92
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Inhal s e zeichnis
Einlei ung 7
And is B ei ling / Roman Seidel
I. F emd in de Heima , Heima in de F emde 17
Hans Jonas in Mönchengladbach. E inne ungen – Begegnungen – Spu en 19
Ral Seidel / Roman Seidel
Mein Va e Sieg ied Weine (1886–1963). E inne ungen an einen jüdi-
schen Rech sanwal aus Regensbu g 45
Lo e Jonas
II. Ve an wo ung ü F emde 59
En e n e Nächs e. Vom Dazugehö en und Ve schwinden 61
Ral Seidel
Vie Eins ellungen zu Zukun . Spengle – Bloch – Dewey – Jonas 79
Ch is ian Thies
Möglichkei en o enhal en – ü eine E hik de Zukun
Hans Jonas im An h opozän gelesen 85
Meiken End uwei
Poli ische Ve an wo ung
Re lexionen zu Hans Jonas und Hannah A end 105
Wal aud Mein s-S ende
III. Wel emdhei / „De emde Go “ 119
Die Gnosis als das aszinie ende F emde: Hans Jonas und die mode ne
Leidenscha ü eine geheimnis olle Face e de an iken Religions-
geschich e 121
Johannes Zachhube
5
Inhal s e zeichnis
F emd im eigenen Land?
Gnos ische Mo i e in de Spä mode ne im Anschluss an Hans Jonas 141
Till Hü enbe ge
Gnosis als E hik: Jonas gegen den S ich 155
Elad Lapido
IV. Heidegge und „die F emden“ 187
„Fühl ih nich den ie heidnischen Cha ak e on Heidegge s Den-
ken?“
S a ionen eines schwie igen Ve häl nisses 189
Michael Bonga d
Iden i ä / Iden i ä denken: Heidegge , Hans Jonas und die Mig a ions-
deba e 211
Roman Seidel
V. AugenBlickmal 259
AugenBlickmal: Das F emde und das Eigene – eine Annähe ung 261
Ch is iane B. Be hke
Die Bei äge *innen 269
6
Einlei ung
And is B ei ling / Roman Seidel
Ein kons uk i e Umgang mi dem F emden gehö zu den g oßen He aus o -
de ungen in Zei en de Globalisie ung, de Mig a ion und de En s ehung mul i-
kul u elle Gesellscha en. Diese He aus o de ungen lassen sich du ch eine Poli ik
de Ausg enzung ode de Un e d ückung des als emd wah genommenen An-
de en nich bewäl igen. Kon lik e, die im Zuge de Auseinande se zung zwischen
dem Eigenen und dem F emden au e en, im S ei um soziale, kul u elle, eli-
giöse ode poli ische Iden i ä en, lassen sich wede du ch Ve suche de Einebnung
alle Di e enzen noch du ch den Ausschluss des Ande en lösen, sonde n nu – wie
Jü gen Habe mas gesag ha – au dem Weg eine „nich -ni ellie enden und nich
beschlagnahmenden Einbeziehung des Ande en in seine Ande shei “.1Eine solche
„di e enzemp indliche Inklusion“2ziel nich au die Assimila ion on Minde hei-
en du ch Anpassung, sonde n au eine gesam gesellscha liche In eg a ion du ch
Pa izipa ion, Mi sp ache und Mi ges al ung. Da au hinzuwi ken wä e die Au -
gabe eine plu alis ischen, demok a ischen Poli ik, die dem on Hannah A end
als Kennzeichen de condi io humana he ausges ell en Fak um de menschlichen
Plu ali ä Rechnung äg .3Wich ig is dabei au de einen Sei e, du ch e nün i-
ge, k i ische Di e enzie ung de poli ischen Pola isie ung en gegenzuwi ken, die
zu eine Spal ung de Gesellscha üh en kann, und ech spopulis ische Rhe o ik
zu demaskie en, die den i a ionalen Hass au alles F emde schü und iden i ä e
S a egien des Rückzugs au das Eigene e olg , – die Abschließung in e mein -
lich homogene kollek i e Iden i ä en. Au de ande en Sei e gil es, Tole anz im
Sinne des gegensei igen Respek s zu ö de n, die Ane kennung de gleichen Rech e
alle Menschen und die g undsä zliche We schä zung kul u elle Viel al , Di e -
si ä ode Di e enz, – eine wel o ene, dem F emden gegenübe au geschlossene
Hal ung.
Zu Ve sachlichung und Fundie ung de poli ischen Deba e b auch es k i ische
Re lexion, die wissenscha liche Auseinande se zung mi dem Beg i des F emden.
Diese Beg i e ö ne , mi un e schiedlichen A ikeln e sehen, eine seman ische
Di e enzie ung, übe die es sich lohn nachzudenken. So kann sich „de /die F em-
de“ au Pe sonen beziehen, die in einem bes imm en Kon ex als nich zum Eige-
nen dazugehö ig wah genommen we den; dabei kann die Idee des willkommenen
1Jü gen Habe mas: Die Einbeziehung des Ande en. F ank u a. M. 1999, S. 58.
2Ebd., S. 174.
3Vgl. Hannah A end : Vi a ac i a ode Vom ä igen Leben. München, 14. Au l. 2014, S. 17.
7
Einlei ung
ode libe inis ischen Gleichgül igkei gegenübe dem Geschehenden, auch gegen-
übe dem on Menschen e u sach en Leiden und S e ben, und de We schä zung
alles Lebendigen, das in die Ve an wo ung u .“ Im Bei ag „Iden i ä /Iden i ä
denken. Heidegge , Jonas und die Mig a ionsdeba e“ disku ie Roman Seidel im
e s en Abschni „I. Ambigui ä de K i ik. Die Heidegge -Kon o e se und de
(An i)-An isemi ismus“ eine sei s die No wendigkei de K i ik an Heidegge s den-
ke ische Ve s ickung mi Na ionalsozialismus und An isemi ismus und ande e -
sei s die Ambi alenzen und P obleme, die sich aus bes imm en Ansä zen de K i ik
mi Blick au den Umgang mi dem Eigenen und F emden auch ü die ak uelle Mi-
g a ionsdeba e e geben können. Im zwei en Abschni „II. Iden i ä denken. Mi
Jonas Heidegge wei e -denken“ schläg e einen on Hans Jonas ausgehenden und
au Heidegge e weisenden philosophischen Zugang zum Beg i des Eignen o ,
de zum F emden hin no wendig o en is .
Teil V. en häl Bilddokumen e sowie einen Tex de Küns le in Ch is iane B. Be hke
zum Kuns p ojek „AugenBlickmal“, das sie 2017/18 zusammen mi eine G uppe
on Schüle innen und Schüle n de Hans-Jonas-Gesam schule Neuwe k in Mön-
chengladbach du chge üh ha . Au de S aße sp achen sie Passan en an und ba en
diese, ein Augenblicks-Po ai on eine ande en Pe son zu zeichnen, – abe so-
zusagen mi e keh em Blick, indem die zeichnende Pe son die Leinwand o die
eigene B us hiel , so dass die en s ehende Zeichnung ü sie selbs nich zu sehen
wa . Anschließend soll e die po ai ie e Pe son jeweils ih e sei s die/den zu-
e s Zeichnenden kon e eien. Die au den eigenen Kö pe ge ich e en, suchenden
Bewegungen des Zeichens i s wu den so zu Spu eine neugie igen E kundung
des Ande en gegenübe dem eigenen Selbs . Das P ojek – nach dem Konzep de
on Ch is iane B. Be hke en wickel en mobilen Kuns we ks a „A S a ion on
Tou “26 – wu de am 19.01.2018 im Rahmen eine Auss ellung in de Ci yki che in
Mönchengladbach mi de Raum-Dia-Ins alla ion „AugenBlickmal – Das F emde
und das Eigene“ p äsen ie .
Die Bei äge des o liegenden Bandes gehen g öß en eils au Vo äge zu ück, die
im Janua 2018 bei eine on de Hans Jonas Gesellscha e. V. in Koope a ion
mi dem Fachbe eich Sozialwesen de Hochschule Niede hein du chge üh en Ta-
gung gehal en wu den.27 Auch das Kuns p ojek „AugenBlickmal“ wu de im Rah-
26Kuns we ks a „A S a ion on Tou “: h p://www.a s a ion-on- ou .com/ (zule z abge u en
am 09.06.2025).
27Nich en hal en sind zwei be ei s ande no s e ö en lich e Bei äge: 1) Ein Bei ag on P o .
D . Jü gen Nielsen-Siko a, de au seinem E ö nungs o ag zu Tagung sowie au dem biog a-
phischen Teil seine Monog aphie Hans Jonas. Fü F eihei und Ve an wo ung. Da ms ad 2017
basie , is in e wei e e Fo m e schienen als Jü gen Nielsen-Siko a: In ellek uelle Biog aphie. In
Michael Bonga d , Holge Bu ckha , John-S ewa Go don, Jü gen Nielsen-Siko a: Hans Jonas-
Handbuch. Leben – We k – Wi kung. S u ga (J.B. Me zle ) 2021, S. 3–16. 2) De Bei ag on P o .
em. D . D . h.c. Be nha d Walden els, de in seinem Tagungs o ag die Ve an wo ungse hik on
Hans Jonas mi seine Phänomenologie des F emden und de Responsi i ä kon on ie e, e schie-
14

And is B ei ling / Roman Seidel
men de Tagung o ges ell , die un e dem Ti el „Iden i ä und Ve an wo ung in
de Wel on heu e. K i ische Re lexion des Eigenen und F emden im Anschluss
an Hans Jonas“ om 19.–20.01.2018 in Mönchengladbach s a and.28 Au dem
P og amm s anden auße dem zwei ö en liche Diskussions e ans al ungen: Bei ei-
ne Podiumsdiskussion im Mönchengladbache Museum Ab eibe g zum Thema
„F emde: Risiko ode Chance?“, mode ie on dem langjäh igen Vo si zenden de
Hans Jonas Gesellscha D . Ral Seidel, wi k en mi : Michael G osse, Gene alin-
endan des Thea e s K e eld und Mönchengladbach; Ka ima Hajou-Fische , M.A.,
Islamwissenscha le in und Leh e in in Köln; Ina Klein, Schullei e in de Hans
Jonas Gesam schule Neuwe k, Mönchengladbach; P o . D . Bea e Küppe , P o es-
so in ü Soziale A bei in G uppen und Kon lik si ua ionen, Hochschule Niede -
hein; Susanne Ti z, M.A., Di ek o in des S äd ischen Museums Ab eibe g, Mön-
chengladbach. Bei eine Abschlussdiskussion im Anschluss an einen Vo ag on
P o . D . Gün e K ings, MdB, Pa lamen a ische S aa ssek e ä beim Bundesmi-
nis e des Inne n, un e dem Ti el „Mig a ion und In eg a ion als He aus o de ung
unse e Gesellscha “ wu den insbesonde e bildungspoli ische F agen disku ie .
Fü die inanzielle Un e s ü zung de Tagung sowie de o liegenden Publika ion
danken wi de Spa kasse Mönchengladbach, dem Landscha s e band Rheinland
und dem Ro a y-Club Mönchengladbach-Ge o; auße dem danken wi John Jonas
ü die eundliche Un e s ü zung de Publika ion, wo übe wi uns ganz beson-
de s euen. Dem Walhalla u. P ae o ia Ve lag gil unse Dank ü die E laubnis,
den Tex on Lo e Jonas aus dem Regensbu ge Almanach 1989 einschließlich des
Bildma e ials zu e wenden; dem C.C.Buchne Ve lag ü die E laubnis zum Wie-
de abd uck des Tex es on Ch is ian Thies.29 Ein he zliche Dank geh an Annika
Weisenbu ge ü die Bea bei ung des Tex es on Lo e Jonas. P o . D . Michael
Bonga d und P o . D . Holge Bu ckha danken wi schließlich ü die Au nah-
me des Bandes in die on ihnen he ausgegebene Hans Jonas-Reihe beim Logos
Ve lag Be lin.
Die He ausgebe
Bochum/Be lin, im Juni 2025
nen als Be nha d Walden els: F emde Zukun und Ansp üche kün ige Gene a ionen. In: De s.:
Globali ä , Lokali ä , Digi ali ä . He aus o de ungen de Phänomenologie. F ank u a. M. 2022,
S. 227–251. E s e ö en lichung un e dem Ti el: An wo en au Ansp üche Nachkommende . In:
Me odo. In e na ional S udies in Phenomenology and Philosophy. Vol. 5, No. 2 (2017), S. 19–45.
28Das P og amm de Tagung is un e olgendem Link de Websei e de Hans Jonas Gesellscha
einsehba : Hans Jonas Gesellscha , „Tagung im Janua 2018: ‚Iden i ä und Ve an wo ung in de
Wel on heu e“‘, h ps://hansjonas.de/2018/02/01/s and-hans-jonas-symposium-2018/ (zule z ab-
ge u en am 09.06.2025).
29E s e ö en lichung in: Zei sch i ü Didak ik de Philosophie und E hik. He 2, 40. Jg.
(2018), S. 9–13.
15
Teil I.
F emd in de Heima , Heima in de F emde
17
Hans Jonas in Mönchengladbach.
E inne ungen – Begegnungen – Spu en
Ral Seidel / Roman Seidel
„Wi müssen meh den Ozean o uns als uns o dem Ozean schü zen.
Wi sind de Na u ge äh liche gewo den, als sie es jemals wa . Am
ge äh lichs en sind wi uns selbs gewo den, und das du ch die
bewunde nswe es en Leis ungen menschliche Dingbehe schung. Wi
sind die Ge ah , on de wi je z um ungen sind, mi de wi hin o
ingen müssen.“1
Eine k i ische und auch heu e imme noch ak uelle Zei diagnose, die Hans Jonas
bei seine F iedensp eis ede 1987 äuße e. We so sp ich , könn e man meinen,
muss ein zukun sscheue und wohl auch pessimis ische Mensch sein. Nich sel en
is Jonas in diesem Sinne miss e s anden wo den. Doch we ihn kann e, de e leb e
einen im Denken und in seinen Begegnungen s e s dem Leben und de Zukun
zugewand en Menschen.2
1Jonas (1987), S. 9.
2Vo knapp 30 Jah en haben wi au Einladung de Gladbach Bank ein Buch übe den Lebens-
und Denkweg on Hans Jonas ü die Reihe Zeugen S äd ische Ve gangenhei e ass , de zudem
e s mals Jonas’ Abi u sau sa z sowie die eie lichen Emp änge in seine Gebu ss ad zum Anlass des
F iedensp eises (1987) und seine Eh enbü ge scha (1989) dokumen ie e, Seidel / Seidel (1997).
Sei he sind einige wich ige Publika ionen, die das Leben on Hans Jonas e hellen, en s anden. Zu
nennen sind hie insbesonde e d ei Monog aphien: Die E inne ungen on Hans Jonas, in denen e
lebendig und de ail eich übe sein Leben Auskun gib , Jonas (2003). Im selben Jah e schien de
Essay om He ausgebe de E inne ungen, Wiese (2003). Jü gen Nielsen-Siko a ha 2017 eine u.a.
au A chi -Reche chen basie ende Biog aphie als Teil seine Monog aphie übe Hans Jonas publi-
zie . U sp ünglich soll e an diese S elle ein on ihm ü diesen Band e ass e Bei ag mi dem
Ti el „Hans Jonas in Mönchengladbach“ s ehen, de in abgewandel e und e wei e e Fo m auch im
Hans Jonas Handbuch e schien, Nielsen-Siko a (2021). Da es ü die Wiede e wendung des A i-
kels nich zu eine Einigung mi dem Sp inge Ve lag kam, muss en wi leide ku z is ig au diesen
Bei ag e zich en. Fü den Teil I dieses Bands en s and dadu ch eine Lücke, die wi nich ohne
wei e es mi einem so quellen eichen Po ai on Jonas und seinem Ve häl nis zu seine Gebu s-
s ad üllen konn en, wie es de Bei ag on Nielsen-Siko a e moch hä e. Um diesen Ve lus e was
auszugleichen, haben wi ku ze hand en schieden, einen ehe e zählenden Bei ag zu e assen und
du ch eine Reihe on Zi a en, insbesonde e aus den E inne ungen, Jonas selbs zu Wo kommen
zu lassen. Zudem lossen E kenn nisse aus den A bei en on Wiese und Nielsen-Siko a sowie eigene
E inne ungen an Begegnungen mi Jonas in den Bei ag ein.
19

Hans Jonas in Mönchengladbach. E inne ungen – Begegnungen – Spu en
Was Hans Jonas als Pe son auszeichne e, wa nich nu seine um assende geis esge-
schich liche und na u wissenscha liche Bildung sowie seine in ellek uelle O igina-
li ä , sonde n o allem sein s e s au s Neue begeis e es Hinsehen au die „Wunde
diese Wel “. E e kann e sie im Mik okosmos, e wa dem Me abolismus au Zelle-
bene, ebenso wie in de beleb en Na u des Plane en als Ganzem ode im Dasein
des Menschen, im je Einzelnen. „Wenn sich wunde n de An ang de Philosophie
is “, da an e inne e seine F au Lo e imme wiede ,
„so wa dies bei meinem Mann seh ausgep äg . E besaß, möch e ich
as sagen, eine Nai i ä , die es ihm e laub e, die Dinge neu anzuse-
hen, so als hä e sie nie jemand zu o be ach e . [...] E be ach e e die
Wel mi neuen e s aun en Augen und wa on dem ap e en Geh e -
such seines ande halbjäh igen Enkels ebenso begeis e wie on dem
g oßa igen Sonnenun e gang bei uns im Ga en ode übe die he -
liche Poesie de g oßen Dich e , on denen e iele bis in sein hohes
Al e auswendig zi ie en konn e.“3
Dieses Hinsehen wa bei Hans Jonas s e s on eine lebensbejahenden Hal ung be-
glei e : „Sieh hin und du weiß !“,4sch eib e im P inzip Ve an wo ung und weis
dami da au hin, dass de unbeding e Wille des Lebendigen, leben zu wollen, in sei-
nem Lebens ollzug e kennba und ü all diejenigen, die be ei sind, das lebendige
Gegenübe anzusehen, unmi elba einsich ig is . Zugleich is dami ein Ansp uch
au Fü so ge ü den Ande en, den/die F emden e bunden.
Jonas’ Hal ung auch gegenübe eigenen F emdhei s- und En emdungse ah un-
gen p äg en nich nu seine Biog a ie, sonde n auch sein Denken und sein Au e-
en.5E äuße e sich kla und en schieden. Sein U eilen ließ sich on den Wen-
dungen des Zei geis s kaum be üh en. E sah hin, nahm wah , was ü ihn wich ig
wa , abe blieb dabei unabhängig gegenübe den Moden seines Faches. Gegenübe
den S ömungen de Poli ik ha e e eine kla e Meinung. K a oll und bilde eich
wa seine Sp ache. Sie schien gep äg du ch den Blick dessen, de einmal bildende
Küns le we den woll e. Jonas e ein e die Kuns des Denkens mi de des E zäh-
lens. In seinen philosophischen Sch i en, seinen Vo ägen en al e e e s e s ein
Na a i , das seine Lese innen und Zuhö e beim Nach ollziehen seines Philoso-
phie ens lei e . We ihn kann e, wi d ganz besonde s diese ihm eigene Fo m de Re-
de, dieses Du ch-ihn-angesp ochen-Sein im Gedäch nis haben. Nich zule z legen
auch Jonas’ zu seinem 100. Gebu s ag e schienen E inne ungen da übe Zeug-
3Vgl. Gelei wo , in Jonas (2003), S. 7. Auch in pe sönlichen Gesp ächen e wähn e Lo e Jonas
diese Eigenscha o , wenn das Gesp äch au ih en Mann kam.
4Jonas (1979), S. 234.
5Zu These des ezip oken Zusammenhangs zwischen Biog aphie und Denken bei Hans Jonas,
siehe Einlei ung in Nielsen-Siko a (2017), S. 9–16.
20
Ral Seidel / Roman Seidel
nis ab, auch sie basie en au Gesp ächen, au gezeichne wenige Jah e o seinem
Tod.6
Au den olgenden Sei en wollen wi einige on Jonas’ E inne ungen an seine Kind-
hei und Jugend in Mönchengladbach und an die Begegnungen mi Menschen, die
ihn in diese Zei p äg en, zusammen üh en, um einige unse e eigenen E inne un-
gen an Begegnungen mi Hans Jonas und seine Familie e gänzen und Face en des
Nachwi kens on Hans Jonas in seine Gebu ss ad besch eiben.7
Kindhei , Jugend, Emig a ion
Wenn Hans Jonas, de am 10. Mai 1903 in de Gladbache Bahnho ss asse 108 –
an de heu igen Bismacks aße, Ecke Regen ens asse – zu Wel kam,8 on seine
Kindhei be ich e e, begann e meis dami , ein liebe olles und zugleich di e en-
zie es Bild on seinen El e n zu zeichnen. E besch ieb dann sein El e nhaus als
ein jüdisches Bü ge haus, de Va e Gus a Jonas (1864-1938), als äl es e on zehn
Geschwis e n schon üh in den Be ieb seines Va e He z Jonas einge e en, wä e
selbs ge ne an die Uni e si ä gegangen, doch ühl e e sich e p lich e ü seine
Geschwis e zu so gen, da un e d ei Schwes e n, die mi Mi gi e so g we -
den muss en. E s spä konn e e selbs hei a en und eine Familie g ünden. Dieses
p lich bewuss e Leben und de Ve zich ü Be u und Familie, den sein Va e au
sich nahm und ihm o leb e, beeind uck e den jungen Hans Jonas seh . Gus a
Jonas wa , so e inne e sich Hans Jonas,
„ein kleine ku zbeinige Mann, de mi ene gischen Sch i en ging,
mi seinem Spazie s ock jeden Mi ag nach Hause kam, sich eine halbe
S unde hinleg e und dann wiede zu ück in die Fab ik [ging], üb igens
meis zu Fuß, e s seh spä scha en wi uns ein Au o an in den le z-
en Jah en o den 30e n [...] E wa ein e was s enge e Va e , de
abe im G unde genommen ein seh liebende und auch soga weiche
Mensch wa , abe mi eine gewissen Neigung zum Jähzo n, o dem
wi Kinde zi e en, doch de e log seh schnell.“9
6Jonas (2003). Es handel sich um Gesp äche, die Jonas mi de Münchne Li e a u wissenscha -
le in und Buchhändle in Rachel Salamande und ih em Mann S ephan Sa le , die ihn 1983 wäh end
seine E ic-Voegelin Gas p o essu an de LMU kennengele n ha en. Zum Zus andekommen de
Gesp äche und de au diesen basie enden E inne ungen sowie Jonas als E zähle , s. ebd. 11–21 (Vo -
wo Rachel Salamande ) und 387–425 (Nachwo Ch is ian Wiese).
7Zu Jonas’ E inne ungen an seine Kindhei und Jugend in Mönchengladbach siehe Jonas (2003),
25–78; Nielsen-Siko a (2017), S. 9–43; Nielsen-Siko a (2021), S. 3–6. Zu Jonas’ Bezug zu Mönchen-
gladbach, insbesonde e sei dem F iedensp eis 1987, s. Seidel / Seidel (1997), S. 33-36.
8Siehe Gebu su kunde Hans Jonas in: Leo Baeck Ins i u e, Hans and Eleono e Jonas Collec ion
(AR 25645), Se ies I: Pe sonal Pape s, 1917–2003; O icial Documen s, 1936–1965, File — Box: 1, Fol-
de ; Digi alisa ab u ba un e h ps://a chi es.cjh.o g/ eposi o ies/5/a chi al_objec s/961812 (zu-
le z abge u en am 09.10.2025).
9Schelle (1989).
21
Hans Jonas in Mönchengladbach. E inne ungen – Begegnungen – Spu en
Seine Mu e Rosa (1875–1942, geb. Ho owi z), die de damals 36-jäh ige Gus a
Jonas am 4.12.1900 ehelich e, besch ieb Hans Jonas als äuße s liebende Pe son, die
du ch seine Kindhei leuch e e. Mi ih e za en mädchenha en Figu sei sie, so
be ich e e e , on ganz ande em Gemü als de Va e gewesen. „Sie li seh an den
Unge ech igkei en und dem Übel in de Wel , ühl e mi mi emdem Unglück,
Elend und A mu und e such e unau hö lich zu hel en. Sie wa eine ge ühlsmäßig
za e und liebende Pe son.“10
Die Familie Jonas wa ku z o de Jah hunde wende on Bo ken in Wes alen
nach Mönchengladbach gezogen. De Va e , ein Tex il ab ikan , ha e die P oduk-
ion umges ell und „de Mechanisie ung wegen“ in de S ad de au blühenden
Tex ilindus ie einen geeigne en S ando ge unden. De wi scha liche E olg des
Un e nehmens e laub e es de Familie schon bald, eine Villa in de Moza s a-
ße, gegenübe de Kaise -F ied ich-Halle zu e bauen, die im Sep embe 1910 be-
zogen wu de. Übe eigene E lebnisse in seine ühen Kindhei be ich e e Jonas
nich iel, die E zählungen se z en meis in seine Obe schulzei ein. Von de
Moza s aße aus leg e Hans Jonas egelmäßig den ca. 1 km langen Fußweg zum
Ab eibe g beim Gladbache Müns e , dem his o ischen S ad ke n, ins S i isch-
Humanis ische Gymnasium zu ück, wo e , wie e Jah zehn e spä e e zähl e, „keu-
chend und nich sel en zu spä den Klassen aum e eichend“ bis zu seinem Abi u
im Jah e 1921 die Schulbank d ück e.11
Auch sein zwei Jah e äl e e B ude Ludwig besuch e zunächs das gleiche Gym-
nasium, doch als Hans Jonas do als Sex ane eingeschul wu de, konn e diese
au g und eine ch onischen Knochenk ankhei den Schulun e ich nich meh be-
suchen. Fü Abhil e so g e de im Mä z 1912 ge ade e s zum Di ek o des Gym-
nasiums e nann e P o . Wilhelm Schu z, de eine Reihe pädagogische Re o men
sowie – du ch die E ö nung eines ealgymnasialen Zweigs – eine E wei e ung de
Schule bewi ken soll e.12 E schlug de Familie Jonas o , einen äl e en Schüle als
Hausleh e ü Ludwig zu engagie en.13 So s ieß Rudi Vi us zu Familie Jonas und
blieb ih e bunden, auch als seine Hausleh e ä igkei nach ie Jah en ein jähes
Ende nahm. Im Jah e 1916 nämlich s a b Ludwig an den Folgen eines S u zes im
Haus, den e au g und seine K ankhei nich meh ab ede n konn e. Die Fami-
lie Jonas ha e abe un e dessen ein so enges Ve häl nis zu Rudi Vi us au gebau ,
dass sie ihn nach eigenen Angaben wie einen eigenen Sohn behandel en und beim
S udium de ka holischen Theologie auch inanziell un e s ü z en.
Spä e wu de Rudi Vi us P a e in Mönchengladbach. Hans Jonas hiel auch übe
den Zwei en Wel k ieg hinaus b ie lich den Kon ak zu ihm, seinem wich igs en
F eund und Gas gebe in seine Heima s ad , ü Jonas wa Mönchengladbach mi -
10Ebd.
11Zi ie nach Willems (1987).
12Vgl. Be gemann / S appe (2016), S. 14.
13Vgl. Nielsen-Siko a (2017), S. 31.
22
Ral Seidel / Roman Seidel
hin Vi uss ad in besonde em Sinne.14 Umgekeh eu e sich auch Vi us s e s au
den Besuch on Hans und Lo e. Au die Ve leihung des F iedensp eises des Deu -
schen Buchhandels an seinen F eund und dessen anschließend geplan en Besuch
in Mönchengladbach angesp ochen, so e inne sich Ral Seidel, ie Vi us e eu :
„Wenn de Hans komm , dann philosophie en wi , dass die Balken k achen.“
De Tod on Ludwig wa eine Zäsu . De junge Hans Jonas heg e eine innige Zu-
neigung zu seinem g oßen B ude und ha e sich in seine kindlichen Gedanken-
wel ausgemal , wie e e s ein Heilmi el ü dessen K ankhei e inden und an-
schließend mi seinem geheil en B ude den Wel aum e obe n wü de.15 Besch ieb
Jonas seine Kindhei und Jugend o dem E s en Wel k ieg noch als ein wohlbehü-
e es Leben in angesehene gesellscha liche S ellung, so wa die A mosphä e im
Hause Jonas nach Ludwigs ödlichem Un all zunächs o allem du ch die „ eilwei-
se Abwesenhei meine Mu e “ gep äg . Die ohnehin zu Melancholie neigende
Rosa Jonas, de en So ge um ih äl es es Kind ü sie zu eine A Lebensau gabe
gewo den wa , s ü z e in eine schwe e Dep ession, aus de sie e s allmählich und
mi Hil e de Musik, wie Hans Jonas spä e e zähl e, wiede au auch e. Hans’ jün-
ge e B ude Geo g li schwe un e diese mü e lichen Abwesenhei , wäh end
Hans Jonas selbs sich meh und meh auße halb des El e nhauses o ien ie e.
Doch auch jensei s de Moza s aße wa sei Ausb uch des E s en Wel k ieges
die behü e e Jugend be ei s ins Wanken ge a en. Jonas be ich e , wie sein zunächs
nai es Bewuss sein ü das wel poli ische Geschehen mi dem 1. Augus 1914 olle
E wa ung einse z e:
„Mi de dem Kinde eigenen Dummhei ha e ich das Ge ühl, daß nun
endlich e was geschah. Bis dahin wa ich un e be o zug en Bedingun-
gen au gewachsen, in einem Land, das sei Jah zehn en nu F ieden
gekann ha e, das wi scha lich blüh e, als Kind eines Hauses, das gu
ges ell wa , wo de Va e ein geach e e Fab ikan und ein ane kann es
Mi glied de jüdischen Gemeinde wa , wo man in den g oßen Fe ien
imme mi iesigen Ko e n an die No dsee uh und glaub e, das we de
imme so wei e gehen. Mi jedem Jah komm man dem Ziele nähe ,
e wachsen zu sein. Man wi d zwa ielleich nich dasselbe un wie de
Va e , abe es wi d im wesen lichen alles beim al en bleiben – nämlich
im Zus and de äuße en Wel und in de Siche hei , mi de man da in
eingebe e is . I gend so ein Ge ühl ha e ich, denn ich e inne e mich
noch heu e mi eine gewissen Scham an das Ge ühl des Bedaue ns, das
ich ha e, weil es mi e sag blieb, in eine g oßen Zei zu leben, in
de man Helden um zeigen konn e, in de es Siege gab, e en uell auch
Niede lagen, in de jeden alls e was Bedeu endes geschah, an dem ich
hä e eilnehmen ode soga eine Rolle spielen können, und wenn eine
14Vi uss ad is ein Beiname ü Mönchengladbach, de au den S ad heiligen S . Vi us zu ückgeh .
15Jonas (2003), S. 76 .
23
Hans Jonas in Mönchengladbach. E inne ungen – Begegnungen – Spu en
zu Me aphysik de Si en en gegen a . Schon om e s en Sa z diese Abhandlung
– „Es is übe all nich s in de Wel , ja übe haup auch auße de selben zu denken
möglich, was ohne Einsch änkung ü gu könn e gehal en we den, als allein ein
gu e Wille.“–zeig e sich Jonas ungeheue beeind uck , sodass e ihn o an als das
Donne wo Kan s bezeichne e.
Wäh end also die al es amen lichen P ophe en und Kan ihm le z lich den Weg in
ein S udium de Theologie, Judais ik und o allem de Philosophie wiesen, üh e
ihn die Lek ü e Ma in Bube s – insbesonde e seine D ei Reden übe das Juden-
um – zu einem Engagemen ü die Idee des Zionismus.30 Dieses Engagemen ging
abe auch au ganz p ak ische Beobach ungen zu ück, nämlich de ans eigenden
an isemi ischen S immung im Zuge de No embe e olu ion on 1919 und des
Spa akusau s andes. E sah, dass Juden e meh zu Sündenböcken ü die K iegs-
niede lage und die Re olu ionswi en wu den: „Ku z und gu , bei mi en wickel e
sich ein jüdisches Na ionalbewuß sein, wonach wi nich ein ach deu sche S aa s-
bü ge jüdischen Glaubens sonde n eine Volksg uppe wa en [...], [und die Übe -
zeugung], daß die bishe ige A gumen a ionsweise de Emanzipa ions- und Assimi-
la ionsbewegung e sag ha e [...].“31 Diese Posi ion üh e zei weise zu he igen
Spannungen zwischen Hans Jonas und seinem Va e , die sich abe nach einige
Zei be uhig en. Jonas woll e sich be ei s als Un e p imane nich nu heo e isch
ü die Zionis ische Idee engagie en, sonde n auch ak i is isch ä ig we den. Als e
e uh , dass ein gewisse D . Sally Löb, ein jüdisch- heinische Ne ena z und Zio-
nis , nach Mönchengladbach ziehen woll e, wu de e schon bei dessen Einzug bei
ihm o s ellig und g ünde e mi ihm die e s e zionis ische O sg uppe Gladbach-
Rheyd .32 Man a sich egelmäßig in Löbs Wohnung in de Schille s aße, o ga-
nisie e Vo äge ode sammel e Geld ü den Landkau in Paläs ina. Rückblickend
s ell Jonas in diesem Zusammenhang du chaus selbs k i isch es : „Um die a abi-
sche Be ölke ung ha sich damals in unse em zionis ischen K eis üb igens niemand
den Kop ze b ochen. [...] Wi wa en de Ansich , die A abe in Paläs ina wü den
schon i gendwie wei e do leben können.“ Im Wesen lichen habe man „ih e Exis-
enz g oßzügig igno ie “.33 Fü Jonas wa in jene Zei die, wie e schon damals
o he sah, zunehmend bed äng e Lage de Juden in Eu opa und Deu schland de
G und, die Idee eine Heims a ü das jüdische Volk in Paläs ina als Ausweg e ns
zu nehmen, weshalb e sich auch in seine S uden enzei s e s in zionis ischen Ve -
einigungen be ä ig e und au eine mögliche Auswande ung o be ei e e.
Im Jah 1921 mach Hans Jonas am S i ischen Humanis ischen Gymnasium sein
Abi u . In seinem Abi u au sa z im Fach Deu sch om 24. Janua jenes Jah es läss
30Zu Jonas’ Zugang zum Zionismus gl. auch Nielsen-Siko a (2017), S. 33–43; Wiese (2003).
31Jonas (2003), S. 70.
32Ebd., S. 72.
33Ebd., S. 76.
30

Ral Seidel / Roman Seidel
sich be ei s Jonas’ in ellek uelle Begabung und seine Belesenhei deu lich e kennen.
Die Au gabens ellung lau e e:
Wie wähle ich meine S ellung zu dem Wo Goe hes:
Du sehns Dich, wei hinaus zu wande n /
Be ei es Dich zu aschem Flug /
Di selbs sei eu und eu den ande n, /
Dann is die Enge wei genug.
In seine Aus üh ung se z de Abi u ien Jonas die Ve se nich nu gekonn in ein
Ve häl nis mi Goe hes Faus . E besch eib das im e s en Ve s anklingende „Seh-
nen“ als einen dem Menschen innewohnenden „ aus ischen D ang“ und deu e die-
sen auch mi explizi em Bezug au Schopenhaue als einen „ aus isch-dionysischen
Volun a ismus“. Dem se z e schließlich mi Blick au den d i en Ve s die Kan -
sche P lich ene hik als „Kul i ie ung de Pe sönlichkei “ en gegen:
„Diese Une läßlichkei de A bei an de eigenen Pe sönlichkei kön-
nen wi besonde s deu lich an de knapps en und allgemeins en Fo -
mulie ung e kennen, die de e hischen Fo de ung wohl gegeben is , an
Kan s ka ego ischem Impe a i , de in ganz eigena ige Syn hese ge-
ade »die ande n«, ja die ganze Menschhei in en scheidende Weise in
sich einbezieh und doch zugleich das Maß ü das si liche Handeln
das Indi iduum, in das handelnde Subjek selbs e leg . »Handle in
jeden Augenblick so, daß du auch wollen kanns , daß deine Maxime
zum allgemeinen Gese z gehoben wi d.« Zunächs is es na ü lich die
T eue gegenübe den »ande n«, ja gegenübe de Allgemeinhei übe -
haup , die ge o de wi d. Und doch lieg auch de e s e Teil de Goe-
heschen Fo de ung, wenn auch la en , in diese Fassung beschlossen.
Denn wenn du selbs es bis , de das Gu ach en da übe abzugeben ha ,
ob deine augenblickliche Handlungsweise zum allgemeinen Gese z e -
hoben we den kann, so ha diese deine begu ach ende Pe sönlichkei
eine ungeheu e Ve an wo ung gegenübe de Allgemeinhei , und um
sie zu diese Ve an wo lichkei ähig zu machen, um sie nich , wenn
ielleich auch in gu em Willen, in ih em Rich e am e hängnis olle
Fehle machen zu lassen, muß du sie ausbilden, muß du sie zu ih em
schwe en und e an wo ungs ollen Be u e ziehen. [...] So se z de
ka ego ische Impe a i Kan s, obwohl e wie kaum ein ande es Pos u-
la soziale hisch is , das heiß die Gemeinscha in ih e g öß en Aus-
dehnung in sich ein bezieh , doch die P lege de eignen Pe sönlichkei
o aus.“34
34Jonas (1921), in: Seidel / Seidel (1997), S. 72 . Ein Scan des Abi u au sa zes is ab u ba un-
e : h ps://www.huma-gym.de/wp-con en /uploads/Hans-Jonas-Abi u -Au sa z.pd (zule z abge-
u en am 09.10.2025).
31
Hans Jonas in Mönchengladbach. E inne ungen – Begegnungen – Spu en
Nich nu zeig sich hie , wie Jonas seine ühe philosophische Lek ü ee ah ung
achkundig und k ea i einzuse zen weiß, auch zeig sich in seinen Übe legungen
be ei s die Keimzelle eine Ve an wo ungse hik, die e in seinem Al e swe k und
au eine ausgedehn e philosophische Fo schungs ä igkei zu ückschauend, schließ-
lich aus o mulie en wi d.
Mi diesem geis igen Rüs zeug ausges a e und un e s ü z on Va e Gus a Jonas
e ließ Hans Jonas seine Gebu ss ad Mönchengladbach, um ein S udium de Phi-
losophie und Theologie au zunehmen. Die 1920e Jah e besch eib e lebha und
aus üh lich als eine e lebnis eiche, in ensi e und p ägende Zei . So sp ich e in sei-
nen E inne ungen on seine Zei in F eibu g, wo e sein S udium de Philosophie
bei Husse l und Heidegge au nahm, sowie on Be lin, wo e eben alls Philosophie
s udie e, abe auch Judais ik an de Hochschule de Wissenscha des Juden ums,
und sich ausgiebig dem eichen Kul u leben de Me opole hingab. Auch wa e in
jene Zei in zionis ischen S uden en e einigungen ak i .35 E be ich e on seinem
Selbs e such, sich in Wol enbü el als Vo be ei ung au eine mögliche Auswande-
ung nach Paläs ina in de Landwi scha zu üben, de ihn le z lich abe da on
übe zeug e, dass e meh ü Kop a bei denn ü Landa bei geeigne sei.36 Und
na ü lich e zähl e on Ma bu g und Heidegge , den ü ihn he aus agenden Den-
ke und Leh e , dem e 1924 eigens nach Ma bu g ge olg wa , zu dem e doch
s e s eine Dis anz e spü e und dessen poli isches und menschliches Ve sagen in
de NS-Zei ihn spä e so bi e en äusch e. E be ich e on wich igen eund-
scha lichen Begegnungen, die ü sein Leben p ägend wa en. Dem mo alischen
Ve sagen Heidegge s, ü Jonas ein Fiasko de Philosophie übe haup , hiel e die
Hal ung des s e s au ech en, wenngleich wei wenige enommie en Kan iane s
Julius Ebbinghaus en gegen, mi dem Jonas in ühen S udienjah en manche phi-
losophische Di e enzen aus ug, menschlich abe imme e bunden blieb.37 Auch
on Ka l Jaspe s in Heidelbe g, bei dem e ab 1926 s udie e, sp ach e mi g oßem
Respek . We he aus ag in den E zählungen, is de Theologe Rudol Bul mann,
de seine Dok o a bei bei Heidegge mi be eu e und dem Jonas imme in e -
eh ende F eundscha nahe wa .38 Und na ü lich o allem Hannah A end , die
lebenslange engs e F eundin. Jonas le n e sie 1924 in Ma bu g kennen, die bei-
den wa en die einzigen jüdischen S uden en in Bul manns Semina . E bewunde e
ih en scha en Ve s and und ih en Mu . Als A end Jonas in ih heimliches Ve -
häl nis mi Heidegge einweih e, wu de e zu ih em wich igs en Ve au en. Ih
Umgang wa damals so innig, dass Gus a Jonas, de seinen Sohn au eine seine
Geschä s eisen in Ma bu g besuch e, on eine Liebesbeziehung ausging und im
35Vgl. Jonas (2003), S. 79–104.
36Vgl. ebd., S. 104–107.
37Zu Jonas-Ebbinghaus gl. Nielsen-Siko a (2017), S. 47 .
38Zu Jonas und de „Ma bu ge Kons ella ion“, o allem dem Ein luss Heidegge s und Bul -
manns au ih e Schüle gl. G oßmann / K üge (2023). Zu Jonas Ve häl nis zu Bul mann gl. Bul -
mann / Jonas (2020).
32
Ral Seidel / Roman Seidel
e nen Königsbe g, wohe die A end s s amm en, E kundigungen übe die amili-
ä en Ve häl nisse einhol e. Jonas und A end e ließen Ma bu g 1926 und gingen
nach Heidelbe g zu Jaspe s, ielleich auch, um eine äumliche Dis anz zwischen
sich und ih en g oßen Leh e zu b ingen. Jonas p omo ie e 1928 mi eine A bei
übe den Beg i de Gnosis. Zwischen 1929 und 1933 hiel e sich als junge P i a -
geleh e an den Uni e si ä en Köln, F ank u am Main und nochmals Heidelbe g
au , wo e mi dem Soziologen Ka l Mannheim zusammen a . E nu z e jene Jah-
e ü ausgiebige Quellen- und Li e a u s udien, um seine Disse a ion zum e s en
Band on Gnosis und spä an ike Geis auszubauen, de die Gnosis o schung au
eine neue G undlage s ellen und in de Fachwel begeis e au genommen we den
soll e.
In all den Jah en seines S udiums besuch e Jonas egelmäßig sein El e nhaus in
Mönchgladbach, auch F eunde, wie de Sch i s elle Geo g Nebel, den e aus dem
Heidegge -K eis in Ma bu g kann e, wa en gelegen lich zu Besuch in de Moza -
s aße 9. Jonas’ F eundin Ge ud Fische , eine S uden in de deu schen Li e a u ,
die e 1929 in Heidelbe g kennengele n ha e und mi de e seine e s e e ns e
Liebesbeziehung einging, leb e ü ca. ein Jah bei Jonas’ El e n in Gladbach und
begann in diese Zei bei de be ei s e wähn en Cousine Lisl Haas eine Ausbildung
zu Pho og aphin. Mi seine Mu e un e nimm Jonas nach seine P omo ion
und o 1933 gelegen lich Reisen, die e als besonde s schön in E inne ung behiel .
Ku zum, die Jah e zwischen 1921–1933 wa en ü Jonas eine in ensi e, ak i e und
e olg eiche Zei , in de e iel he umkam und zugleich den Kon ak zum El e n-
haus hiel . Gleichzei ig nahm e abe auch wah , wie sich de poli ische Disku s in
Deu schland imme s ä ke adikalisie e und bald auch die Tagespoli ik meh und
meh a izie e. Die Zei enwende e leb e e in Mönchengladbach:
„Ende 1932 alle dings wu de mi kla , daß die Nazis einmal an die Re-
gie ung kommen muß en. Wenn ein so g oße Teil des deu schen Vol-
kes sie meh ach und in s eigendem Maße wähl e, dach e ich, wa es ge-
mäß dem demok a isch-pa lamen a ischen P inzip un e meidlich, daß
sie dann auch einmal d ankamen und zeigen soll en, was sie konn en.
In de Nach om 30. au den 31. Janua ode om 31. Janua au den
1. Feb ua and in de Kaise -F ied ich-Halle in Mönchengladbach ein
g oße Ka ne alsball mi Kos ümen s a – es wa die Faschingszei . Ich
wa dabei, weil Ka ne al jensei s alle Kon essions-, Pa ei- und Klas-
senun e schiede ge eie wu de und ich um die Zei schon zu schä zen
wuß e, wie schön es is , die F eihei , die eine Maske einem bie e , zu
genießen und mi den hübschen Mädchen zu anzen. Und wäh end
wi do eie en, anken und anz en, e b ei e e sich im Saale die
Kunde, Hi le sei zum Reichskanzle e nann wo den. Ich weiß noch,
wie ich nach Hause kam und zu meine Mu e sag e: »Go sei dank.
Endlich is es sowei . Das is die einzige A , wie wi diese Pes wiede
33
Hans Jonas in Mönchengladbach. E inne ungen – Begegnungen – Spu en
loswe den. Die we den inne halb wenige Mona e abgewi scha e ha-
ben.«“39
E me k e bald, dass e sich schwe ge äusch ha e und seine Vo s ellung, Deu sch-
land Rich ung Paläs ina zu e lassen, wu de au einmal seh konk e . Jonas’ En -
scheidung dazu iel am 1. Ap il 1933, dem Tag des Judenboyko s. Das wa de
Momen , in dem ihm kla wu de, dass e nich in einem Land bleiben konn e, das
die Rech e seine Bü ge de a misshandel e. Zu seinem Abschied aus Mönchen-
gladbach und on seine Familie sch ieb e :
„An den Tag als ich Deu schland e ließ, e inne e ich mich genau. Es
wa ein wunde schöne Spä somme ag Ende Augus , und meine El-
e n und ich gingen in unse em Ga en au und ab. Es wa alles o -
be ei e . Ich ha e das Eisenbahnbille , die Papie e, die Ko e wa en
gepack , und auch die spä e e Möbelsendung nach Paläs ina, die um die
Zei , zu de ich dann on England dahin eisen wü de, e olgen soll e,
wa ge egel . Wi gingen do – unse le z es Zusammensein – im Som-
me du ch den Ga en, und plö zlich, wie au ein Signal, b achen wi
alle in ü ch e liches Schluchzen aus. Bis dahin wa keine T äne übe
alle Geschehnisse e gossen wo den, auch nich übe den Beschluss de
Auswande ung, abe als es dann sowei wa und die le z e halbe S un-
de, die le z en zehn Minu en anb achen, da ingen wi sch ecklich an
zu weinen. Und ich a einen heimlichen Schwu , ein Gelöbnis: Nie
wiede zukeh en, es sei denn als Solda eine e obe nden A mee.“40
E ging zue s nach London, a do seinen F eund Leo S auss, den e be ei s
in Be lin kennengele n und bei Heidegge in Ma bu g wiede ge o en ha e. In
London ollende e e den e s en Band seines Gnosis-We kes und übe wach e die
D ucklegung. Anschließend ging e nach Je usalem. Mühsam, abe doch aszinie-
end muss die Zei do im K eis hochgebilde e , aus Deu schland s ammende
Geleh e gewesen sein. Leu e, wie de u sp ünglich Be line Religionshis o ike
Ge shom Scholem, de Kop ologe Hans-Jacob Polo sky, de Al philologe Hans Le-
wy, de Physike Shmuel Sambu sky, deba ie en, s i en und sch ieben Gedich e
in de Sp ache, aus de man sie e ieben ha e. Seh eind ücklich und liebe oll
be ich e Jonas auch, wie e in Je usalem seine spä e e F au Lo e Weine kennen-
le n e, die bei Lewy im La ein-Semina saß.41
Mi g oße En schiedenhei ie Jonas zu Beginn des K ieges alle Juden zum Kamp
gegen Hi le au . Und e en schied sich da ü , so o in die b i ische A mee einzu-
e en, um als Solda gegen Hi le zu kämp en. Die Kapi ula ion e leb e Jonas in
I alien. Do , in Udine bei zwei jüdischen Schwes e n, e uh e de en bewegen-
39Jonas (2003), S. 129 .
40Ebd., S. 132.
41Vgl. ebd. S. 162–184.
34
Ral Seidel / Roman Seidel
de Übe lebensgeschich e, die e spä e imme wiede ie e g i en e zähl e. Sie
wu den on den Bewohne n de S ad , Beam en, Händle n, P ies e n e s eck ,
beschü z und umso g und woll en in I alien, dem Land, de en Menschen ihnen
zu Sei e ges anden wa en, bleiben.
Di ek nach dem K ieg wu de Jonas’ B igade in de Nähe on Venlo s a ionie .
So o mach e e sich au den Weg ins nahe gelegene Mönchengladbach, um sich
nach dem Be inden on Ve wand en und F eunden zu e kundigen. Den on ihm
geschä z en Male Ku Beye lein a e nich meh lebend an, e wa ku z o
Ende des K ieges bei einem Un all ums Leben gekommen. Vo allem woll e Jonas
nähe es übe den Ve bleib seine Mu e Rosa he aus inden. Seine El e n wa en
1936 noch zu Besuch in Paläs ina gewesen, konn en abe nich bleiben, sein Va e
e s a b An ang 1938 in Gladbach an einem K ebsleiden, ü seine Mu e wa es
Jonas anschließend gelungen, einen Au en hal s i el ü Paläs ina zu bekommen.
Alles wa o be ei e , Hab und Gu , ein Teil de Wohnungsein ich ung zu Aus-
schi ung im Hambu ge Ha en be ei , doch dann wu de sein B ude Geo g in de
Pog omnach am 9. No embe in Gladbach e ha e und in Dachau in e nie .
Rose Jonas ließ da au hin ih Visum au ih en jüngs en Sohn umsch eiben, um
die einzige Möglichkei , Geo g eizubekommen, zu nu zen: die so o ige Aus ei-
se aus Deu schland, was auch gelang. Im Somme 1939 e olg e die e zwungene
Au lösung on Fi ma und Haus in de Moza s aße. Alle Bemühungen, e neu
ein Visum ü seine Mu e zu bekommen, schlugen ehl. Das le z e, was Jonas
on ih gehö ha e, wa , dass sie am 26. Ok obe 1941 ins Ghe o on Łód´
z de-
po ie wo den wa . Nun nach dem K ieg zu ück in Gladbach e uh e on de
Übe lebenden Flo a He zbe ge , die Rosa Jonas in Łód´
z gekann ha e, dass seine
so seh gelieb e Mu e in Auschwi z e mo de wo den wa . Diese Nach ich iss
eine Wunde au , die niemals ganz e heilen soll e. In jenen Tagen such e e auch
das Haus in de Moza s aße au . De neue Besi ze ließ ihn he ein, ag e soga
nach dem Be inden seine Mu e , woll e abe die E mo dung und die Be ich e on
den Konzen a ionslage n nich glauben und sp ach on s a dessen on Umsied-
lung.42 De Schme z übe die E mo dung seine Mu e , das En se zen übe die
ungeheue lichen G äuel a en und die Abscheu o dem wei e b ei e en Ve leug-
nen mach en es Jonas zei lebens unmöglich, wiede daue ha nach Deu schland
zu ückzukeh en.
Dennoch eis e e on Gladbach aus du ch das ze s ö e Deu schland, um Men-
schen au zusuchen, on denen e wuss e, dass sie wäh end de Nazizei s andha
geblieben wa en. Besonde s bewegend wa sein Wiede sehen mi Rudol Bul mann,
den e on Gö ingen aus on seinem Ve lege Rup ech kommend in Ma bu g au -
such e.
42Ebd., S. 221 .
35

Hans Jonas in Mönchengladbach. E inne ungen – Begegnungen – Spu en
„Und a sächlich, als ich o de Haus ü e s and und klingel e und mi
F au Bul mann ö ne e, sah sie mich e s einige Sekunden lang an –
es s and ja doch eigen lich ein F emde da mi eine gewissen Ve klei-
dung, im b i ischen Ba led ess mi eine Se ie on Abzeichen au de
B us – und ich sag e auch nich s und ich woll e meinen Namen auch
zue s nich nennen. Ich schau e sie nu an, und plö zlich e kann e
sie mich und b ach in eine S u z lu on Wo en und T änen aus und
sag e: »He Jonas, Sie sind es, wi haben ja so o an Sie gedach , wi
haben so o uns ge ag , ob Sie noch am Leben sind und was aus Ih-
nen gewo den is . Es wa ja so eine sch eckliche Zei , und wi haben
den Sieg Deu schlands nich gewoll , wi haben um die Niede lage ge-
be e , es is ja so gu , daß dieses En se zliche o bei is – kommen Sie
he ein, kommen Sie. Mein Mann wi d sich ja so euen, e lieb Sie
ja so!« Ich wu de in sein S udie zimme ge üh . E sah on seinem
Sch eib isch au . Sie sag e nu : »Rudol , du has Besuch.« E saß wie
imme am Sch eib isch, bleich und abgemage , un e e näh . E sah
mich an und sag e: »He Jonas«. Spä e üb igens ede en wi uns nich
meh mi »He Jonas« und »He Bul mann« an, sonde n mi »liebe
F eund«. Abe damals: »He Jonas!« Und e s and au , e hink e, ha -
e einen Klump uß glaube ich, hink e mi in die Mi e des Zimme s
en gegen und nahm meine Hände – wi ausch en einige Beg üßungs-
wo e aus, ein ach uns gegensei ig bes ä igend, daß wi am Leben sind
und uns nun wiede sehen, und dann kam diese eigen ümliche Mo-
men : Ich hiel da ein Buch un e dem A m, das mi mein Ve lege ü
Bul mann mi gegeben ha e. [...] Und nun s anden wi beide da und
ha en uns nich einmal hingese z . »Ich sehe, Sie haben da ein Buch
un e dem A m, da ich ho en, daß dies de zwei e Band de Gnosis
is ?« Eine de un e geßlichs en Momen e meines Lebens, [...].“43
Wiede begegnungen wie diese – auch mi Jaspe s ode Ebbinghaus – mach en es
möglich, mi de Zei e s e B ücken übe den Abg und zu schlagen, de Jonas on
den Menschen in Deu schland so schme zlich enn e.
Zu ück in Je usalem gelang es nich , eine bezahl e Posi ion an de Je usaleme
Uni e si ä zu e hal en, auch de K ieg nach de Aus u ung des S aa es Is ael 1948
mach e die Lebensums ände komplizie . Die e s e Toch e des Ehepaa Jonas,
Ayalah, wu de im selben Jah gebo en. Mi Hil e on Leo S auss, de in Chicago
leb e und mi dem e be eunde wa , bis das Ve häl nis in den 1960e Jah en ab-
kühl e,44 and Jonas schließlich eine Ans ellung als P o esso in Mon eal. Es olg e
1950 eine P o essu in O awa, wo im selben Jah Sohn Jona han (John) gebo en
wu de. 1951 e eich e Jonas de zu o so seh e sehn e Ru an die Je usaleme Uni-
43Jonas / He mann (1991), S. 70.
44Vgl. Nielsen-Siko a (2017), S. 86 .
36
Ral Seidel / Roman Seidel
e si ä . E lehn e jedoch nach langen Übe legungen und zu En äuschung o
allem on Ge shom Scholem ab, da e seine Familie, wie e eind inglich sag e, ei-
ne e neu e Ums ellung on Sp ache und Kul u nich noch einmal zumu en woll e.
S a dessen nahm e 1955, im Gebu sjah seine jüngs en Toch e Gab ielle, einen
Ru an die New School o Social Resea ch an, wo e bis zu seine Eme i ie ung
als Hochschulleh e wi k e. Die Familie bezog ein schönes Haus in New Rochel-
le nö dlich on New Yo k, das le z lich ü die d ei Kinde wie selbs e s ändlich
zu Heima wu de, wäh end sie an ih en El e n, die mi einande Deu sch sp a-
chen, mi den Kinde n abe English mi s a kem Akzen , ein F emdsein wah nah-
men.45 Dennoch wu de au ih e Weise New Yo k und o allem New Rochelle
auch ü Hans und Lo e zum Heima ha en, hie leb en iele Wissenscha le innen
und Wissenscha le , die aus Deu schland s amm en und mi denen das Ehepaa
Jonas engen Kon ak p leg e. Nich zule z Gesp äche mi diesen, da un e eini-
ge Ma hema ike und Na u wissenscha le , soll en auch de Ausa bei ung seines
zwei en Haup we ks The Phenomenon o Li e en gegenkommen.
Ein wei e e G und, de ein Ge ühl de Ve au hei be ö de e, wa das Wiede an-
knüp en an die F eundscha mi Hannah A end , die inzwischen auch do wi k e.
Ab 1967 wu den sie ga Kollegen an de New School, was die Ve bundenhei noch-
mals in ensi ie e. Sie ausch en Tex e aus und leh en soga gemeinsamen. An de
Ve ö en lichung on A end s Eichmann in Je usalem wä e die F eundscha as
ze b ochen, doch nich zule z Lo e d äng e da au , dass Hans wiede au Hannah
zugehen müsse und es, wie sie sag e, ö ich sei, solch eine einmalige F eundscha
nich o zu üh en. E a es, und die F eundscha e blüh e e neu , bis zu A end s
Tod 1975. Hans Jonas wa es, de bei ih e Beise zung die T aue ede hiel . Zu o
abe ha e Hannah A end noch die En s ehung seines Haup we ks Das P inzip
Ve an wo ung beglei e und nach de Lek ü e de e s en En wü e zu ihm sag e:
„Hans, eines is kla , das is das Buch, das de liebe Go mi di im Sinne gehab
ha .“
Vo und nach dem F iedensp eis
Es wa das P inzip Ve an wo ung, das Hans Jonas in Deu schland – so auch in
seine Gebu ss ad Mönchengladbach – zu jene spä en Ane kennung üh e. Das
Buch, in dem e die Zukun ins Zen um e hischen Denkens s ell e, ö ne e ihm
den Weg zu ück in ein Land, das ihn eins zu Emig a ion gezwungen ha e.
Schon in den 1950e und 1960e Jah en wa Jonas meh ach nach Mönchenglad-
bach zu ückgekeh . Manchmal ging es um ju is ische F agen, um Wiede gu ma-
chungsansp üche. Doch menschlich wich ige wa en ihm die Begegnungen: das
Wiede sehen mi al en F eunden, o allem mi seinem Jugend eund Rudi Vi-
45Vgl. ebd. dazu eine Schilde ung on Ayalah Jonas, S. 109–111.
37
Hans Jonas in Mönchengladbach. E inne ungen – Begegnungen – Spu en
us, bei dem e o zu Gas wa .46 O eis e Jonas in Beglei ung seine F au Lo e,
gelegen lich auch mi einem seine Kinde , denen e die S aßen und O e seine
Kindhei zeig e – Spu en eines Lebens, das hie begonnen ha e.
Zu den Menschen in Mönchengladbach, die sich schon o dem F iedensp eis ü
Jonas in e essie en, gehö e Gün e E kens, de mi ihm ko espondie e, insbe-
sonde e im Zusammenhang mi E kens zweibändige Geschich e de Juden in Mön-
chengladbach. Ral Seidel in e essie e sich aus de Re lexion übe e hisches ä z li-
ches Handeln und die Geschich e de Psychia ie im Na ionalsozialismus ü Jonas’
Sch i en und nahm 1985 den Kon ak au . Auch Helga Hollmann, die Inhabe in
de adi ions eichen Buchhandlung Bol ze, ha e üh den Kon ak gesuch . Beein-
d uck on Jonas’ Sch i Mach ode Ohnmach de Subjek i i ä , sch ieb sie ihm
be ei s An ang de 1980e Jah e – und e hiel bald eine Zusage, dass e eines Tages
nach Mönchengladbach kommen we de, um zu sp echen.
Als Hans Jonas 1987 de F iedensp eis des Deu schen Buchhandels e liehen wu -
de, e üll e sich dieses Ve sp echen au besonde e Weise. Au Einladung de S ad
keh e e nach Mönchengladbach zu ück, um seine F ank u e Dankes ede noch
einmal zu hal en. Es wa ein bewegende Momen , eine Heimkeh des Denke s
an den O , wenn auch nich ins gleiche Gebäude, an dem e 66 Jah e zu o seine
Rei p ü ung abgeleg ha e.47 Eine abe ehl e zu jenem Anlass: „Ja mein liebe
Rudi Vi us hä e sich ganz mäch ig ge eu “, schieb Hans Jonas, als e in einem
B ie seinen Besuch in Gladbach ankündig e.48 Vi us wa be ei s Mi e de 1980e
Jah e e s o ben.
Zwei Jah e spä e , 1989, kam Jonas ein le z es Mal mi seine F au Lo e und sei-
ne Toch e Ayalah nach Mönchengladbach. In eine eie lichen S unde wu de ihm
die Eh enbü ge wü de e liehen – ein Ak de spä en, abe au ich igen Ane ken-
nung.49 In seine bewegenden Dankes ede e inne e Jonas da an, dass ihm 1933
eins das Bü ge ech , „ja soga Mensch ech “ genommen wo den wa . „Nun soll
ich also“, sag e e , „hono is causa do wiede Bü ge de S ad sein, in de ich ge-
bo en wu de und au wuchs, in de kaum noch jemand on denen am Leben is ,
die eins mi mi do jung wa en [...].“ E uh o , dass diese Ane kennung ein
„g oße und ein e äum e Augenblick in meinem Leben is “.50
Besonde e E inne ungen an Begegnungen mi Jonas s ammen on zwei Menschen
aus dem ö en lichen Leben de S ad : Obe bü ge meis e Heinz Feldhege, zu dem
Jonas eine menschlich wa me und o ene Ve bindung ha e, sowie Gün e Buhl-
mann, ehemalige S ad di ek o und Sozialdeze nen , de sich in ensi mi Jonas’
46Spä e wohn e Rudi Vi us bei Mech hild K ings, die sich um Vi us kümme e und so auch zu
eine Bezugspe son ü Jonas wu de.
47Zu Jonas’ Rückkeh an seine al e Schule gl. Seidel / Seidel (1997), S. 33 .
48B ie Hans Jonas an Ral Seidel om 10. Juni 1987.
49Zu Ve leihung de Eh enbü ge scha gl. ebd.
50Fü ein Faksimile de e s en Manusk ip sei en de Dankes ede zu Ve leihung de Eh enbü -
ge scha gl. ebd., S. 54–57.
38
Ral Seidel / Roman Seidel
Sch i en auseinande gese z ha e. Beide ugen dazu bei, dass die Begegnung zwi-
schen de S ad und ih em be ühm en Sohn nich nu eine o male, sonde n eine
pe sönliche wu de – gep äg on Respek , in ellek uelle Nähe und gegensei ige
We schä zung.51
Mönchengladbach e inne an Hans Jonas
Auch nach dem Tod on Hans Jonas 1993 blieb sein Name in Mönchengladbach
lebendig. Noch im selben Jah wu de de kleine „Be gga en“ un e halb des Hauses
E holung – auch au Ini ia i e des damaligen Kul u deze nen en Busso Diekamp
– in Hans-Jonas-Pa k umbenann . Ein O de Ruhe und des Nachdenkens, de
sei he an den g oßen Sohn de S ad e inne .
Im Juni 1996 g ünde e sich die Hans-Jonas-Gesellscha Mönchengladbach, ge a-
gen on dem Wunsch, Jonas’ Denken an seinem Gebu so lebendig zu hal en.
Schon ein Jah spä e , im Mai 1997, and im B unnenho de Ab ei Mönchenglad-
bach das e s e g oße Symposium s a : „Logos und Kosmos. Denken und We k
on Hans Jonas“. Auch Lo e Jonas wa anwesend, die mi einem Humo und
liebe olle Genauigkei das Bild ih es Mannes e gänz e. Ih pe sönliches Po ä
mach e spü ba , wie seh Leben und Denken bei Hans Jonas ineinande e woben
wa en.
Ein wei e es, bleibendes Zeichen se z e 1998 die Skulp u on Hans Ka l Bu ge ,
die im Jonas-Pa k au ges ell wu de. Sie zeig den Philosophen im Gehen – en -
schlossen, nach o n ge ich e , die Bewegung des Lebens und Denkens in eine
Ges e einge angen. Zum 100. Gebu s ag des Eh enbü ge s eie e die S ad 2003
ein ganzes Hans-Jonas-Jah . Ein Fes ak mi eine Rede on Ka dinal Ka l Leh-
mann, ein zwei ägiges Symposium52 und soga eine Hans-Jonas-B ie ma ke, ini i-
ie un e ande em on P a e Eckeha d Goldbe g, zeug en da on, wie ie die
Ve bundenhei geblieben wa . Wei e e Symposien olg en. So widme e sich 2014
ein in e na ional bese z es Symposium „Auseinande se zung mi de Philosophie
de An ike und de klassischen Mode ne“ mi Jonas. 2018 e ans al e e die Hans-
Jonas-Gesellscha gemeinsam mi de Hochschule Niede hein die Tagung „Iden-
i ä und Ve an wo ung in de Wel on heu e“, aus de de o liegende Band
he o ging. Im Dezembe 2020 s a e e de e s e Philosophische Salon de Ge-
sellscha un e dem Vo si z on And is B ei ling, ge olg on eine ö en lichen
Online-Diskussion im Rahmen de „Nachhal igkei s age 2021“ übe Zukun s e -
an wo ung in de echnologischen Zi ilisa ion.53 Sei 2015 e inne das S äd ische
51Vgl. Feldhege (1997), S. 58 .; Buhlmann (1997), S. 60–63. Im selben Band be inde sich auch ein
ku ze Tex on Al bundeskanzle Helmu Schmid (1997), S. 64 .
52De zugehö ige Kon e enzband: Seidel / End uwei (2007).
53Vgl. Websei e de Hans-Jonas Gesellscha Mönchengladbach. h ps://hansjonas.de/ak uelles/
(zule z abge u en am 09.10.2025).
39
Sieg ied Weine (1886–1963). E inne ungen an einen jüdischen Rech sanwal aus Regensbu g
Manchmal, wenn ich an meine d ei Kinde denke, die in d ei e schiedenen Län-
de n gebo en wu den, eines in ls ael, eines in Kanada und das d i e in den Ve ei-
nig en S aa en, dann denke ich: Schade, sie hä en in eine S ad au wachsen sollen
an einem Fluß, mi eine go ischen Ki che, eine B ücke und mi Häuse n, die on
de Ve gangenhei sp echen. Dann hä en sie einen es en Punk in ih en Vo s el-
lungen, wie Dinge sein sollen, wo Landscha , Kuns und Geschich e ein Ganzes
bilden. Beglückend, manchmal abe auch au ig, weil e lo en.
Es is eigen lich mein Va e , de diese Liebe zu eine S ad e kö pe ha und mich
als kleines Mädchen da an ha eilnehmen lassen, und übe ihn will ich sch eiben,
denn sein Leben wa meh mi Regensbu g e bunden als meines, da ich die S ad
schon 1933, mi 17 Jah en, e ließ.
Mein Va e also lieb e diese S ad , mi alle Un e nun , die g oße Liebe eigen
is . E lieb e die Landscha , den Wald, die Winze e Höhen und den D ei al ig-
kei sbe g, abe am meis en lieb e e die Menschen do , de en Dialek e sp ach
und de en Men ali ä e kann e. E lieb e die Hehle und die a men Männe , die
Meineide schwo en, weil sie es nie so genau mi de Wah hei genommen ha en.
E lieb e die Mädchen, die um Alimen e klag en, die Be üge und Wechsel älsche ,
die ielleich nich s ande es als ih Geschä e en woll en und ih en gu en Namen.
E bewunde e den Knech , de un e Mo d e dach s and und sein Alibi nich e -
a en woll e – e wa in de be e enden Nach , au Geheiß seine Gelieb en, de
Magd, bei de Baue s och e gewesen. Und e ha e Ve s ändnis ü die Messe s e-
che eien, die die Zusammenkün e im Do wi shaus am Sams ag o beende en
und es ielleich heu e noch un. Es wa keine poli ische, libe ale Übe zeugung,
die ihn diese Hal ung einnehmen ließ, sonde n seine Menschen eundlichkei , die
om Ochsen nich meh als Rind leisch e lang e und mi un e geßlich den Sp uch
einp äg e: „Die Menschen sind alle a me Hunde, abe was ü a me Hunde wä en
sie e s , wenn sie wüß en, was ü a me Hunde sie sind.“ So mach e e sich, mi
e schien es jeden alls so, zum Sachwal e de A men und Gedemü ig en. Un e -
geßlich is mi de Fall, wo sich d ei Bu schen absp achen, nacheinande zu einem
Mädchen zu gehen, so daß niemand wegen eine möglichen Va e scha ü Ali-
men e belang we den könne. Als dann ein Kind kam, e klag e e sie nich au
Alimen e, das konn e e nich , sonde n au Schadene sa z ü die du ch böswillige
Absp ache en gangenen Alimen e. Und e och dies e olg eich bis zum obe s en
Ge ich sho du ch, so daß das Mädchen schadene sa zbe ech ig wa .
So ühl e e sich eingebe e in das Ge üge de S ad . Wenn e nach de obliga en
Mi ags uhe ans a so o in die Kanzlei zue s noch in ein Ka eehaus ging, so
p leg e e die P o es e meine Mu e , die ihn liebe noch länge zu Hause gehab
hä e, mi den Wo en zu beschwich igen: „Das Volk will seine Lieblinge sehen“,
was wohl nu halb sche zha gemein wa .
Dieses Eingebe e sein in die S ad ha e abe auch noch eine ande e Sei e: Wi
wohn en Hin e de G ieb in einem al en Hause mi einem mi elal e lichen Ge-
46

Lo e Jonas
Abbildung 2: Hochzei sbild de El e n D . Paula Weine , geb. Odenheime , und
Sieg ied Weine – 11. No embe 1914 (Fo o: p i a )
schlech e u m nebenan, wo – das wa mi als Kind ganz kla – Do n öschen
wohnen muß e; abe die T eppe nach oben wa e allen, und man wa da o ge-
wa n wo den, do hinau zugehen; sons hä e man ielleich die böse Fee mi dem
Spinn ad do ge o en. Ging man on unse e Wohnung au den Neup a pla z,
du ch die Un e e Bachgasse, so kam man an einem Haus o bei, wo in Augenhö-
he ein Quade s ein mi heb äischen Buchs aben eingemaue wa (die kann e ich
schon): Es wa ein G abs ein, de aus dem jüdischen F iedho s amm e. Als 1519
das jüdische Ghe o in Regensbu g ze s ö und de F iedho e wüs e wu de, be-
nu z e man manche de G abs eine zum Häuse bau. Jeden Tag au dem Weg zu
Schule kam ich an diesem S ein o bei, und daß e e was D ohendes ha e, wa mi
47
Sieg ied Weine (1886–1963). E inne ungen an einen jüdischen Rech sanwal aus Regensbu g
seh kla . Meinem Va e wohl auch. Als ihn die Sozialdemok a ische Pa ei in den
zwanzige Jah en als S ad e o dne en au s ellen woll e, ie ihm meine Mu e da-
on ab und sag e: „Als Jude has du in de S ad e wal ung nich s zu suchen.“ E
üg e sich ih em Ra . Sie ha spä e o behaup e , sie habe ihm dadu ch das Le-
ben ge e e , denn als die Nazis kamen, wä e e als sozialdemok a ische jüdische
S ad e o dne e unweige lich im KZ gelande .
Obwohl mein Va e ge ne Anwal wa , so ha e dies doch eine nich ganz eiwilli-
ge Vo geschich e. Als e das ju is ische S aa sexamen mi einem „B ucheinse “ ode
einem gu en Zweie bes and, was no male weise dazu be ähig e, in den S aa sdiens
zu e en und Rich e zu we den, wie e es ge ne gewoll ha e, schü el e ihm de
am ie ende Vo si zende die Hand und sag e: „Ich g a ulie e! Sie we den ein ausge-
zeichne e Rech sanwal we den.“ Dami also wa diese Möglichkei e schlossen,
ohne daß ein Wo da übe gesag wu de ode i gend e was in die Ak en kam.
Noch ein E lebnis wu de ich ungweisend ü ihn. Schon au dem Gymnasium
le n e e ech en, weil e spä e au de Uni e si ä eine schlagenden Ve bindung
angehö en woll e. Eines Tages sag e ihm ein ch is liche F eund, de schon S uden
wa : „Weiß du, Kese l [meines Va e s Spi zname – on ‚Pe keo‘],·meine Ve bin-
dung nimm ja eigen lich keine Juden au , abe ich habe es du chgese z , daß sie
dich nehmen – ein ode zwei Juden, das geh schon.“ Mein Va e lehn e dankend
ab und beschloß, eine schlagenden jüdischen, und zwa zionis ischen Ve bindung
in München beizu e en, wo e nich gedulde , sonde n Gleiche un e Gleichen
sein wü de. Das wa im Jah e 1904...
Ob die home ische Kämp e, die e als jüdische Schüle (e besuch e ie Jah e
die jüdische Volksschule) mi den ande en S ad amho e Jungen, in Ro en e sam-
mel , aus ug, einen ka holisch-an ijüdischen Beigeschmack ha en, weiß ich nich .
Zu F onleichnamsp ozession jeden alls we ei e en die jüdischen Haushal e mi
den ch is lichen, die Häuse zu schmücken. We kann es am schöns en? Bi ken
wu den ge äll , um die Haus ü en zu lankie en, die bes en Teppiche zum Fens e
hinausgeleg und Gi landen an die Fens e gehäng . Da wa man ganz ökumenisch.
Mein Va e e zähl e, wie s olz seine Mu e wa , daß de Schmuck ih es Hauses be-
sonde s gelob wu de.
Von de ka holischen Religion bekam mein Va e ein gu es S ück mi : Ein Diens -
mädchen (sie alle üb en einen g oßen kul u ellen Ein luß au unse Leben aus)
leh e ihn das Va e unse und das A e-Ma ia und nahm ihn heimlich – die Mu e
wa k ank und du e nich s wissen – in die Messe mi : So behaup e e mein Va e ,
e habe eine gu e ch is ka holische E ziehung genossen, und e konn e auch die
Haup gebe e noch im hohen Al e auswendig.
Sein Va e in S ad amho wa ein gläubige Jude und o zdem nann e e seinen
Sohn Sieg ied. Au die F age, wa um e ihm den Namen dieses ge manischen Hel-
den gegeben habe, soll mein G oß a e gean wo e haben: „Was wills du denn, es
is ein gu jüdische Name“, und wi klich wu den iele jüdische Kinde in de allge-
48
Lo e Jonas
meinen Wagne begeis e ung mi Namen aus dem „Ring des Nibelungen“ benann ;
Sigmund F eud is nu das bekann es e Beispiel.
Va e wu de 1886 in S ad amho gebo en. Als e noch ein kleine Junge wa , so
e inne e e sich, gab es ein Hochwasse , so daß man mi den Kähnen on Haus
zu Haus uh . Solche E eignisse haben wi in unse e Kindhei seh e miß , ob-
wohl einmal 1928/29 die Donau o al zu o und man on Regensbu g zu Fuß
zum ande en U e gehen konn e. Abe es wa ü ch e lich kal , und wi o en
seh . In Va e s Kindhei schien die Sonne, und iele sonnenübe glänz e Nachmi -
age lag e hin e einem Busch au dem D ei al igkei sbe g, ausges a e mi einem
blü enweißen Taschen uch, das, wie e sag e, seh schwe zu bekommen wa . De
Schlangenkönig mi seine bli zenden K one, angezogen on dem Weiß des Tüch-
leins, wü de seine K one da ablegen, und ein schnelle Junge könn e sie e ga e n.
Une hö e Schä ze wä en dann sein gewesen. Doch das Tüchlein wa nie ein ge-
nug, ode de Knabe schlie übe dem Wa en ein. T o zdem wa en es glückliche
S unden do , denn sons hä en e und seine Schwes e Ka ha ina sich nich noch
im Jah e 1956 da übe einigen können, daß de D ei al igkei sbe g de schöns e
Be g de Wel sei.
Wi ha en jüdische Bekann e, abe unse e wi klichen F eunde wa en Ch is en:
Volksschulleh e Mich l mi seinen un e ö en lich en Gedich en in de Schublade,
ein F eund des Dich e s B i ing und des Male s Achmann, du ch die die Beziehung
zus ande kam; Volksschulleh e Reindl, ein Male , ein neue Meis e de Donau-
landscha , e sch ieb in den zwanzige Jah en und bis 1933 Zei ungsa ikel und
auch D amen, die e Va e s Sek e ä in F äulein Fleischmann dik ie e (Va e ha e
ihm die Sch eibk a , wie es damals hieß, zu Ve ügung ges ell ); schließlich He
S., auch ein Volksschulleh e und Lei e des Liede k anzes, sowie ein halbjüdisches
Ehepaa . Man a sich im Thea e , wo sie alle Abonnemen s ha en, und nachhe
im Thea e ca é, am Sams agnachmi ag im Ca é ode auch eihum in den Häuse n.
Es wu de übe Li e a u gesp ochen; ich e inne e mich noch an leidenscha liche
Diskussionen übe das damals ge ade e schienene ode zu ih e Kenn nis gelang e
Buch „De Un e gang des Abendlandes“ on Oswald Spengle . Übe Poli ik sp ach
man wenig, zu wenig eigen lich, abe das wu de e s spä e kla .
Kla wu de mi auch e s iel spä e , daß diese F eundesk eis eine Regensbu ge
A de Bohème da s ell e, o u eils ei und leidenscha lich an Li e a u und den
Zei s ömungen in e essie , abe doch nich ganz die Gesellscha sklasse meine
El e n da s ellend. Man dach e damals noch in Klassen. Wo wa en die akademisch
gebilde en Kollegen? Die Schulp o esso en, die ch is lichen Ä z e? Man leb e ge-
enn . Man hä e sie ielleich im Tennis e ein ge o en ode auch in de „Schla-
a ia“, wo es zwei ode d ei Juden als Eh ench is en gab. Dazu abe wa mein
Va e zu s olz.
Dazu muß ich ge ech e weise sagen, daß meine Mu e mi ih em Dok o de Na-
ionalökonomie, 1913 e wo ben, au den sie seh s olz wa , mögliche weise auch
49
Sieg ied Weine (1886–1963). E inne ungen an einen jüdischen Rech sanwal aus Regensbu g
ein Hinde nis wa , da es an ande en akademisch gebilde en F auen ehl e. „Kinde ,
Küche, Ki che“ wa ih e Sache nich , obwohl sie gu koch e. Sie spiel e eine Rolle
im allgemeinen F auenin e essen e ein, hiel Vo äge do , sp ach auch einmal in
dem neugeg ünde en Ve ein ü Geschich e de Juden übe die Emanzipa ion. Ich
e inne e mich an diesen Vo ag, weil sie ihn an uns Kinde n – ich ha e un e -
dessen einen B ude bekommen – ausp obie e, die Be onung und die Länge – wi
schä z en das als Kinde nich seh .
Wi ha en zwa jüdische Bekann e, na ü lich auch Klien en, die manchmal einge-
laden wu den – einmal im Jah , e inne e ich mich –, abe die F eunde wa en die
ande en. Wie gu e F eunde wa en sie, als man F eundscha un e Beweis s ellen
muß e? Doch da on spä e .
Mein Va e spiel e eine gewisse Rolle in de jüdischen Gemeinde; abe daß e , wie
gesag , sei seine S uden enzei Zionis wa – „He und F au O sg uppe“, wie
meine El e n sich sche zha nann en, weil sie die einzigen Zionis en in Regens-
bu g wa en –, s and ihm in de Gemeinde, die aus „Cen al-Ve einle n“ bes and
(„Cen al-Ve ein deu sche S aa sbü ge jüdischen Glaubens“ hieß de olle Name,
de sich selbs e klä ), im Wege: e wu de nu zwei e Vo s and; ich glaube, e
wä e ge ne e s e gewesen... Imme hin b ach e e es e ig, einen gebilde en Ge-
leh en, de zu seinem Ve gnügen soga Chinesisch le n e, als Rabbine nach Re-
gensbu g zu b ingen – nich so konse a i wie de ühe e Dis ik abbine Meie ,
was ihm die Feindscha de d ei Meie -Söhne ein ug, die die libe ale e Rich ung,
die D . Ha y Le i de Gemeinde gab, nich haben woll en.
De neue Rabbine wohn e im selben Haus wie wi , und de Bischo Buchbe ge
mach e ihm einen An i sbesuch, wohl als An wo au dessen ühe e Au wa -
ung. Das wu de mi g oße Genug uung in de Gemeinde e me k . In de Re-
ligionss unde, die de Rabbine uns nun gab, e mi el e e mi zum e s en Mal,
was dem o igen Leh e nich gelungen wa , e was on de Schönhei und dem
Reich um des jüdischen E bes. Dazu las ich die „D ei Reden übe das Juden um“
on Ma in Bube . Man konn e s olz sein, ein Jude zu sein.
Wi wohn en je z nich meh Hin e de G ieb, sonde n in de Wi elsbache s a-
ße 7c. Unse Nachba wa de Ri meis e O., de einmal im Jah zum Fü s en on
Thu n und Taxis eingeladen wu de (do wu de zwa de jüngs e O izie , doch
niemals ein Uni e si ä sp o esso eingeladen, die wa en nich ho ähig, wie mein
Va e mi e klä e). Die Kinde des Ri meis e s O. du en nich mi uns spielen,
und wenn sie sich einmal beim Ballspiel e gaßen, wu den sie so o he au gep i -
en. Du ch die Wand, die unse e Wohnung on de ih en enn e, hö e man o
die unau hö liche Ope e enmusik am Kla ie zu uns he übe d ingen: „Dein is
mein ganzes He z“ wu de wohl zwanzigmal wiede hol . Wi anden, daß das nich
unse e Gesellscha wä e. Wi hiel en es mi e ns e e Musik.
An dem eingemaue en heb äischen G abs ein mi seine Bü de on Gewal , Schän-
dung und Mißb auch gingen wi nun nich meh jeden Tag o bei. Vielleich wä e
50
Lo e Jonas
es besse gewesen, wi hä en ihn ag äglich o Augen gehab ; dann hä e es uns
1933 nich so une wa e ge o en.
Noch ein E eignis. Im Jah 1928 ode 1929 wu de im Inne en de Neup a ki che
geg aben; man woll e wohl eine Heizung legen. Da s ieß man au die Übe es e de
al en Synagoge, die 1519 ze s ö wo den wa und au de en Pla z die Neup a ki -
che p ang e. Wa es eine Wa nung? Man a sie ab in diesen au geklä en Zei en,
abe so au geklä wa en die Zei en wohl eben nich .
Abbildung 3: De jüdische G abs ein im Ho des El e nhauses Ecke Hin e de
G ieb/Un e e Bachgasse
51

Sieg ied Weine (1886–1963). E inne ungen an einen jüdischen Rech sanwal aus Regensbu g
Das „D i e Reich“
So kam 1933 he an, und wi e leb en den Boyko -Tag des 1. Ap il, an dem die
Na ionalsozialis en zum e s en Mal den o iziellen Be ehl zu Äch ung de Juden
gaben. Im Ve gleich mi dem, was den Juden spä e passie e, wa das, was an die-
sem Tage geschah, ge ing. Abe die S ad wand e sich gegen uns.
Am Boyko -Tag kamen SA-Männe und nahmen das Kanzleischild on Rech san-
wal Weine on de Maue an de S aße. Die Kanzlei be and sich damals in de
Maximilians aße 4. Va e kam en se z nach Hause und sag e, daß e in einem sol-
chen Land, das seine Bü ge ech e nich ach e, nich bleiben wolle. De Assesso ,
de d ei Jah e bei meinem Va e gea bei e ha e, bo gleich im Ap il an, die Kanz-
lei ü eine seh ge inge Summe zu kau en, was mein Va e empö abwies. De
Schlaue e kann e die Zeichen de Zei . Mein Va e hä e besse da an ge an, das
Angebo anzunehmen, denn nachhe bekam e ga nich s da ü . Imme hin wa es
die zwei g öß e Kanzlei in Regensbu g.
Als nächs es wu de uns die Wohnung gekündig . De ehemalige Ri meis e O.,
dessen Kinde nich mi uns spielen du en und de im Vo s and de Gesellscha
wa , de das Haus gehö e, s eck e wohl dahin e . In d ei Mona en muß en wi
ausziehen.
Dann kam die Hausdu chsuchung du ch die SA. Mein Va e be and sich ge ade
au einem auswä igen Te min. Sie woll en ihn in „Schu zha “ nehmen, was mi
ielen jüdischen Männe n damals geschah. Besonde s empö e es mich, dass die
Männe , die ich in de Wohnung he um üh e, un e den Be en nachsahen. Sie
such en nach meinem Va e . Wie wenig wuß en sie, mi wem sie es zu un ha -
en. Am ande en Mo gen, nach seine Rückkeh , beglei e en meine Mu e , mein
zwöl jäh ige B ude und ich ihn au das Landge ich , wo e so lange gewi k ha e,
und dann zum Ge ängnis. An de kleinen Tü zu S aße e abschiede en wi uns
schwe en He zens. Langsam gingen wi heimwä s. Abe bald kam e uns nach-
gegangen. Die egulä en Behö den do woll en ihn nich haben. „Gehen S’ nu
wiede heim, He Rech sanwal ! Wi b auchen Sie ne “, wa de Bescheid.
Ein al e Mandan melde e sich. Va e ha e einen P ozeß ü ihn e lo en, so daß
e 10 000 Ma k an seine Gläubige zahlen muß e. Nun d oh e e Va e mi dem
Konzen a ionslage , alls e den o geblichen Schaden nich aus seine eigenen
Tasche bezahl e. De Mann wa in de Lage, seine D ohung wah zumachen, da
sein B ude lei end in de Lage e wal ung on Dachau ä ig wa . Va e zahl e,
wie jede e nün ige Mensch es damals ge an hä e: Geld, das uns nachhe bei de
Auswande ung ehl e, was einen ä mlichen Beginn im neuen Land ü uns zu Folge
ha e.
Am Boyko -Tag wu de zu Hause übe leg , ob ich zu Schule gehen soll e. Ja, na ü -
lich, wu de beschlossen. Ich wa damals Schüle in de 8. Klasse am Neuen Gymna-
sium, dem heu igen Alb ech -Al do e -Gymnasium. Wi wa en damals nu zwei
52
Lo e Jonas
Mädchen in de Klasse. Viele de Jungen zeig en mi s olz das Hakenk euz, das
sie damals noch un e dem Re e s ih e Jacke ugen, zum Zeichen, daß auch sie
bei de na ionalen E hebung dabei wa en. Eine de wenigen, die nich mi mach-
en, wa de Sohn eines Sozialdemok a en – de ha e sich ge ade in de Schu zha
e häng .
Mein Ve bleiben in de Klasse wu de une äglich. Da ging ich, ohne meinen El-
e n e was zu sagen, zu meinem O dina ius in seine P i a wohnung und ag e ihn,
ob e mich ielleich p i a au das Abi u o be ei en wolle. Ohne zu zöge n, sag-
e e zu. De gu e al e Deu schna ionale D . Made holz! Ihn hä e ich nach dem
K ieg ge n besuch , abe e wa ges o ben. Ich muß e die E laubnis des Schuldi ek-
o s D . S eie einholen. De wies mich ku z ab. E müsse so einen An ag beim
Minis e ium be ü wo en, und ich wisse ja, daß die Zei en ü Juden nich güns-
ig seien. Daß e ein s amme Nazi wa , e s and ich e s spä e ; seine Loyali ä
gehö eben de Pa ei, nich seinen Schüle n. Dami wa die Möglichkei eine
akademischen Bildung ü mich e ek i abgeschni en. Mi eine gewissen Bi e -
kei hö e ich spä e nach dem K iege dann on den akademischen Be u en as
alle meine ehemaligen Klassenkame aden.
Was mi aus diese Zei unauslöschlich im Gedäch nis bleib , is das langsame Ab-
b öckeln de F eunde. Es wa das Geäch e we den noch ohne den Te o , de nach-
he so o als En schuldigung dien e. Leu e gingen au die ande e S aßensei e, um
nich g üßen zu müssen. Die bes e F eundin, au die ich am Boyko Tag wa e e,
bis es dunkel wu de (ich dach e, im Dunkeln käme sie ielleich ) – sie kam nich .
Ich wa e e und wa e e und konn e es nich glauben. Ein paa Tage spä e la e e
die Hakenk euz ahne on de Fab ik ih es „libe alen“ Va e s.
Was damals in mi o ging, ha ü iele Jah e mein Ve häl nis zu den Menschen
bes imm . Es wa nu de kleine Ve a . Abe die menschlichen Bande, die – so
dach e ich – uns hiel en, ze issen un e dem D uck de Ve häl nisse. Und das wa
nu de An ang. Es gab abe auch Ausnahmen. Volksschulleh e Reindl ging on
de ande en S aßensei e au meine Mu e zu und bo ih an, sie ein S ück zu
beglei en. „Ja, is das denn ich ig ü Sie?“ mein e meine Mu e . „Ja, ich lasse mi
on denen da oben nich o sch eiben, mi wem ich au de S aße gehe“, wa seine
An wo . Sein Gedäch nis is mi ü imme eue .
Auswande ung nach Paläs ina
Wi beschlossen also auszuwande n. Die Möbel wu den an F eunde e kau ; auch
mein Biede meie zimme e kau e mein Va e ü 150 Ma k an F eunde, ohne
mich zu agen. „Ja, was we de ih do un?“ ag e mein beso g e Leh e D . Ma-
de holz. Niemand sons ug das. Wi wuß en es selbe nich . So kam mein Va e
also im Ok obe 1933 nach Paläs ina, ohne die Sp ache zu sp echen, mi seh we-
nig Geld, ohne Be u , denn ein deu sche Anwal konn e do , wo englisches und
53
Sieg ied Weine (1886–1963). E inne ungen an einen jüdischen Rech sanwal aus Regensbu g
auch noch ü kisches Rech gal , nich s machen, gedemü ig und bed ück . E wa
47 Jah e al . Zue s iel e in einen ie en Abg und de Ve zwei lung. Es daue e
Jah e, bis e da aus au auch e. Was e an Mi eln besaß, e lo e bald in einem
kau männischen Un e nehmen, zu dem e wede Geschick noch E ah ung ha e.
Dann ing e bei eine Fi ma als Tele onis an. So ging das dann. Die De ise hieß
„Ums ellung“. Daß sie auch gleichzei ig einen sozialen Abs ieg bedeu e e, wa uns
damals nich kla . Auch ich s ell e mich um und wu de, was man heu e so schön
„Raump lege in“ nenn ; das kling besse als Diens mädchen. D ei Jah e lang a
ich das. Dann le n e ich Säuglingsp lege. Es wa die Ums ellung on de bü ge li-
chen Lebensweise au die p ole a ische. Was das bedeu e , e uh man zwa so o ,
abe man e s and es nich gleich. Es wa en schwe e Jah e damals in Paläs ina.
De schwe s e Schlag abe , de meine El e n in Is ael a – de S aa wa im Mai
1948 ausge u en wo den –, wa de Tod meines B ude s im jüdischen Unabhängig-
kei sk ieg. E iel als Kompanie üh e im Juni 1948 bei Jenin au einem on ihm
gelei e en Vo s oß ins He z des a abischen Gebie es. Schon schwe e wunde , gab
e den Übe lebenden seine T uppe den Be ehl zum Rückzug aus de unhal ba
gewo denen S ellung.
So wa ein Jugend aum meines Va e s e wi klich wo den, ein jüdische S aa ,
abe um welchen P eis! E wa ohne T os . Selbs die Gebu zweie Enkelinnen
ku z danach, meine Toch e und de nachgebo enen meines B ude s, konn e seine
Ve zwei lung kaum linde n. Nich s hiel ihn nun meh in Is ael, nachdem auch ich
mi Mann und Töch e chen au eine akademische Ans ellung meines Mannes hin
nach Kanada gegangen wa .
Rückkeh de El e n nach Deu schland und Wiede sehen mi
Regensbu g
1950 keh e mein Va e wiede nach Deu schland zu ück als ju is ische Mi a bei-
e bei de I. R. S. O., eine Wiede gu machungsbehö de, in F ank u a. M. Nach
Beendigung diese Tä igkei ging e 1953 im Al e on 67 Jah en nach Regens-
bu g, um sich do nochmals als Rech sanwal niede zulassen. Eine Wohnung in
de Ludwig-Ecke -S aße wu de meinen El e n om Wohnungsam zugewiesen.
F äulein Fleischmann, Va e s ehemalige Sek e ä in, schick e zwei S ohsäcke, au
denen sie zunächs einmal schla en konn en. Niemand sons üh e einen Finge .
Langsam ich e en sie sich dann wiede ein. De Zus and meine Mu e , die an
K ebs li , e schlech e e sich de a , daß mein Va e mich aus Kanada kommen
ließ, dami ich meine Mu e noch einmal sähe. So kam ich 1953 zum e s en Mal
nach zwanzig Jah en wiede nach Regensbu g.
Im Zug schon, on München kommend, spü e ich angesich s de bekann en Na-
men de Bahns a ionen eine Au egung in mi au s eigen. Als die e au en Land-
scha en nahe Regensbu g au auch en, wu de mi schwe ums He z. Mein Va e ,
54
Lo e Jonas
de mich schon am Abend o he e wa e ha e, wa nich am Zug. So ließ ich das
Gepäck am Bahnho und ging allein du ch die Maxs aße. Ich e miß e die al en
jüdischen Namen. Wo Holzinge wa , s and nun Woolwo h, wo Mandelbaum,
nun ein ande es Geschä . Kein Schuhgeschä Lilien hal am Neup a pla z. Nun
ja, es ha e sich einiges geände .
Die Schönhei de S ad nahm mich wiede ge angen. Ja, sie wa schöne , als ich sie
in E inne ung ha e. D . Boll, de kuns e s ändige Kul u e e en de S ad , ha e
mi le weile seines Am es gewal e . Ich ging in den Dom, und de lächelnde Engel
beg üß e mich. E wa un e ände geblieben, was man on den al en Regensbu -
ge n nich sagen konn e. E mach e mi das He z nich schwe , ode wenn ja, au
eine ande e Weise.
Jeden Tag uh ich nun mi de S aßenbahn zum K ankenhaus de Ba mhe zi-
gen B üde , wo meine Mu e lag. Die Schwes e n, die sie be eu en, wa en lieb
und gu . Hie wa ein Pla z, wo wiede Menschlichkei he sch e. Sie e hol e sich
zusehends.
Die al en S aßen mi ih en Namen „Ro e He z leck“ und „Zu Schönen Gelegen-
hei “ mach en mich lächeln, und au dem al en Schulweg, den ich wiede abging,
e inne e sich plö zlich mein Fuß, daß hie eine Ve ie ung im P las e wa , und da
wa sie auch wie damals.
In de Schule och es genau wie zu meine Zei ; abe ob de Sp uch in G iechisch
„De Mensch, de nich geschunden wi d, de wi d auch nich e zogen“ noch im
Eingang s and, weiß ich nich . Geschunden wa en wi ja genug wo den, wenn nich
in de Schule, dann nachhe im Leben. Ob wi auch e zogen wa en? Manche ja und
manche nich , wie das so is .
Manche Leh e hä e ich ge ne besuch . Den al en O dina ius D . Made holz, de
uns ü deu sche Li e a u so begeis e ha e, und den al en Ma hema ikleh e Sai-
le , ein Kauz zwa , abe ein au ech e Mann. Doch beide wa en ges o ben. Wen
ich noch an a , das wa eine Leh e in, noch aus de Mülle schen Töch e schu-
le, zu de es mich hinzog: F äulein Rinecke , e ns und s eng, die mich an dem
Boyko -Tag in de Allee au meinem Schulweg zue s geg üß ha e – e was Une -
hö es damals, daß eine Leh e in eine Schüle in zue s g üß e. Sie wa un e dessen
pensionie und eu e sich seh . Sie wa aus gu e ka holische Familie. Mein Va e
ha e noch ih en B ude , den Regie ungs a R., gekann . Ich sag e ih , daß on allen
Leh e innen sie mi im Gedäch nis geblieben sei. Es wa imme hin d eißig Jah e
spä e . Ich sag e nich , wa um. „Wi haben uns ja bemüh , es ich ig zu machen“,
sag e sie. „Wi Schüle innen spü en das“, e wide e ich. Und da wa en wi beide
oh.
Un e meinen Klassenkame aden ha e die na ionale E hebung ih e Op e ge o -
de . Viele wa en o . Nu eine wa da, dem ich genug e au e, um ihn au -
zusuchen. Auch e gu ka holisch, ein ehemalige Domspa z. E wa auch gu zu
meinem Va e gewesen, als de sich wiede niede ließ. Mein Va e ha e seinen Va-
55
En e n e Nächs e. Vom Dazugehö en und Ve schwinden
Gleichwe igkei und Gleichbehandlung so ehemen besch i en wo den, wie on
ihnen. Und doch wu de diese Angleichung an die deu sche Meh hei sgesellscha
on diese als Bed ohung wah genommen. Die ech liche Gleichs ellung de Juden
zog wohl iele o s ein Heimischwe den nach sich. Abe das ging zugleich o mi
eine En we ung des Un e scheidenden, „Auße -o den lichen“ einhe .3
Dies soll e dazu üh en, dass, wie Jakob Wasse mann anschaulich da geleg ha , de
Jude „zwei Ge ühle in seine Seele einig : das Ge ühl des Vo angs und das Ge-
ühl de B andma kung. In dem bes ändigen Anp all, in de Reibung diese beiden
Emp indungss öme muss e leben und sich zu ech inden“.4
Di ek nach de Mach e g ei ung ha e das NS-Regime au allen Ebenen ie ein-
sch änkende E lasse gegen Juden e üg . Ab dem 1. Ap il e olg e de Au u jüdi-
sche Geschä e, Ä z e und Anwäl e zu boyko ie en. Die Reichshaup s ad Be lin
en ließ die jüdischen Wohl ah sä z e aus dem Diens , das baye ische Innenminis-
e ium kündig e alle Schulä z e „jüdische Rasse“. Das „Gese z zu Wiede he s el-
lung des Be u sbeam en ums“ om 7. Ap il 1933 schließlich wa nich s ande es
als ein Be u s e bo ü Juden im Ö en lichen Diens . Zu gleichen Zei wu de
Rech sanwäl en „nich -a ische Abs ammung“ die Zulassung en zogen. Als Hans
Jonas im Somme 1933 ein le z es Mal, be o e Deu schland e ließ, den Theo-
logen Rudol Bul mann besuch e, muss e e wäh end de Zug ah in de Zei ung
lesen, dass de Allgemeine Deu sche Blinden e ein den Ausschluss seine nich a i-
schen Mi gliede beschlossen ha e. Volle En se zen ha e seinem hoch geach e en
Leh e schon bei de Beg üßung da on be ich e .5
Rund 700 jüdische Hochschulleh e wu den aus den Uni e si ä en e jag , Juden
und ih e Ehepa ne du en sich sei dem 18. Ok obe in P eußen nich meh
habili ie en. Be ei s im Sep embe 1933 b ach e es die „Gene alssynode de P eußi-
schen Union de E angelischen Ki che“ ga zus ande, dass „Nich -A ie “ wede als
3De Je usaleme Psychoanaly ike Shmuel H. E lich sch eib , Ralph Waldo Eme son zi ie end:
„En y is he ax ha all dis inc ion mus pay. (Neid is die S eue , die alle Un e schied bezahlen
muss). In oducing a g adien o dis inc ion in o a social g oup leads o en ious a acks, o agg ession
and p ojec ion“. In: E lich (2016), S. 11.
4Be ei s 1921 ha e Jakob Wasse mann seine eigenen Lebensgeschich e zwischen zwei un e ück-
ba bes immenden Polen „Deu sche und Jude zugleich – eines so seh und so öllig wie das ande e,
keines om ande en zu lösen“ un e dem Ti el Mein Weg als Deu sche und Jude da ges ell . Wasse -
mann (1921) de Jude „zwei Ge ühle in seine Seele einig : das Ge ühl des Vo angs und das Ge ühl
de B andma kung. In dem bes ändigen Anp all, in de Reibung diese beiden Emp indungss öme
muss e leben und sich zu ech inden, S. 54.
5„Ich e inne e mich noch an sein Aussehen“, sch ieb Jonas übe Bul mann, „wie plö zlich sein
Gesich leichenblass wu de und e ga nich s sag e, sonde n nu den Kop schü el e. [...] Und dann
sah ich in sein Gesich und wuss e, dass es ga nich nö ig wa , zu eden, dass e beg i en ha e, was
hie geschah.“ In: Jonas (2003), S. 236.
62

Ral Seidel
P a e noch als Beam e de ki chlichen Ve wal ung be u en we den du en. Das
gleiche gal , wenn diese mi Jüdinnen e hei a e wa en.6
Im Sep embe 1935 wu den die „Nü nbe ge Gese ze“ e abschiede , mi denen
die deu schen Juden zu Einwohne n minde en Rech s deg adie wu den. Ab An-
ang Ok obe 1938 wu de – au An egung de Schweiz üb igens – ein o es „J“
in die Reisepässe de Juden ges empel . Zei gleich wu de jüdischen Kinde n de
Besuch deu sche Schulen un e sag . We als „Volljude“, „Gel ungsjude“, jüdische
„Mischling“ e s en ode zwei en G ades, ode als „jüdisch e sipp “ zu gel en ha e
un e lag komplizie en ech lichen Regelungen.7Diese Beg i e bezeichnen keine,
wenn auch noch so agile, „Iden i ä “. Abe sie e weisen doch au ein zugewiese-
nes Zusammengehö en, das als e le z es Ve bundensein wi ksam bleib .8All das
be üh e die Meh hei de deu schen Be ölke ung kaum, ha e jedoch ü die Be-
o enen lebensen scheidende Konsequenzen.
„O e und Pe sonen [...] die quasi jensei s de Zei [...] in einem
Zusammenhang s ehen mi uns“
Be ei s am 14. Mä z 1933 ha e de Medizinal a D . Gus a Hoch die sch i liche
Anweisung des Obe bü ge meis e s de S ad Meißen e hal en, mi so o ige Wi -
kung seine Tä igkei als S ad a z einzus ellen. E wa Sozialdemok a . Sein Va e
wa sozialdemok a ische Reichs agsabgeo dne e und jüdische He kun .
Am 8. Augus übe nahm D . Hoch die P axis eines nach Shanghai ausgewande en
jüdischen A z es in Dessau. E zog nun mi seine jüdischen F au, de Ä z in D .
Hanna Hoch (geb. Go schalk), und seinem 3-jäh igen Sohn F i z, in die Gebu s-
s ad Moses Mendelssohns.
Am 9. No embe 1938 e schienen in den Dessaue S ad nach ich en un e de Übe -
sch i „Nun is es genug! ... Hal e die Augen o en!“ die Namen und Ad essen
alle in de S ad lebenden Juden. Dazu hieß es: „In unse en Maue n hausen 204
6Als unmi elba e An wo au die Übe nahme des „A ie pa ag a en“ de p eußischen Gene-
alssynode ha e jedoch de Be line Pas o Ma in Niemölle den P a e no bund (PNB) geg ünde .
Diese ha e in eine E klä ung die Ablehnung des „A ie pa ag a en“ zum „s a us con essionis“ e -
klä . Au de ande en Sei e ha e ein G oß eil de e angelischen Landeski chen 1939 Ein ich ung
und Un e hal des „Ins i u s zu E o schung und Besei igung des jüdischen Ein lusses au das deu -
sche ki chliche Leben“ in Eisenach – im Volksmund „En judungsins i u “ genann , un e s ü z . Sie-
he: Schoeps (2020), S. 40.
7Wei gehend übe nommen aus: Benz (2020), S. 20–24. Die in die Hunde e gehenden Maßnah-
men und Ve o dnungen gegen Juden we den dem Besuche im his o ischen Epochen aum „Ka as o-
phe“ in de neuges al e en Daue auss ellung des Jüdischen Museums Be lin eind ücklich o Augen
ge üh .
8Ca olin Emcke sp ich in einem ande en Kon ex ,einen Ausd uck de ame ikanischen Poli o-
login Wendy B own übe nehmend, e end on einem „wounded a acchmen “. In: Emcke (2010),
S. 165, 301.
63
En e n e Nächs e. Vom Dazugehö en und Ve schwinden
Juden [...] Wi b ingen heu e die Namen alle Juden unse e S ad ! Wi b ingen sie
bewuss – denn es is nu No weh und Vo beugung.“9
In diese e gi e en A mosphä e sah sich Gus a Hoch, schon wäh end seine
ku zzei igen In e nie ung als „P og omhä ling“ in Buchenwald gezwungen, ge-
meinsam mi seine F au und mi Hil e seines B ude s, die Auswande ung in die
Wege zu lei en. In Vo be ei ung ü diesen Sch i ha e e sich schon selbs Eng-
lisch beigeb ach .
Hoch gehö e de G uppe de sogenann en „jüdischen Mischlinge“ an und wa
übe zeug e Sozialdemok a . Hanna Hoch wa „Volljüdin“. Gus a Hoch ha e
bis dahin, mi Un e s ü zung du ch seine F au, die schon sei 1933 nich meh
als Ä z in ä ig sein konn e, eine g oße A z p axis be ieben. Ab Ok obe 1938
du e jedoch auch e nich meh p ak izie en.10
Im Ap il 1939 wa e schließlich, inzwischen a bei slos, gebe en wo den an eine
jüdischen Schule Englisch zu un e ich en, die Sp ache, die e sich ge ade e s selbs
angeeigne ha e. Ve suche, mi hil e on Ve wand en und Bekann en nach USA,
B asilien, A gen inien, England ode F ank eich zu gelangen, wa en alle, o z in-
ensi s e Ans engungen ehlgeschlagen. Auch de Ve such, den äl e en Sohn in
einem Be line In e na un e zub ingen, wa an dessen e zwei el e Gegenweh
geschei e . Gus a Hoch wa in Zü ich gebo en, seine Mu e wa Schweize in
gewesen, doch auch die Schweiz ha e sich geweige , ungeach e ielsei ige Fü -
sp ache aus seinem Gebu sland, die Familie au zunehmen.11
Nach dem 30. Ap il 1939 wa das „Gese z übe Mie e häl nisse mi Juden“ in
K a ge e en.12 Das Ehepaa Hoch sah sich danach gezwungen mi ih en beiden
kleinen Kinde n, de zwei e Sohn Ka l wa 1935 gebo en, in eine deu lich kleine-
e Wohnung zu ziehen. Inzwischen ha en sie zusä zlich Gus a Hochs Va e und
Hanna Hochs Mu e bei sich au genommen. Hanna Hoch und Gus a Hochs
9„De Mi eldeu sche“, N . 263 om 9. No embe 1938.
10Übe die Ve olgungsmaßnahmen gegen jüdische, sowie zunehmend auch gegen „halbjüdische“,
„ ie eljüdische“ und mi „Jüdinnen“ e hei a e e „a ische“ Ä z e be ich e eind ucks oll und aus-
üh lich: Ka e (2000), S. 291–359.
11De Fluch weg in die Schweiz s and as nu inanziell ode ande wei ig P i ilegie en o en. Sie-
he: Benz (2020), S. 41. D . F i z Hoch ba u. a. mi olgenden Wo en um die Ein eise de Familie sei-
nes B ude s in die Schweiz: „Mein B ude muss nunmeh Deu schland e lassen [...] Zwei Schwes e n
meine Mu e [...] wohnen in Zü ich. Eine ande e Schwes e und ein B ude , de Schweize O izie
wa , sind wie die Mu e in Zü ich ges o ben.“ Das Schweize Konsula gab da au hin knapp zu
An wo : „Au Ih Sch eiben om 21. des Mona s muss ich Ihnen mi eilen, dass eine Übe siedlung
ih es B ude s in die Schweiz nich möglich is , da die Ein eise do hin nu zum o übe gehenden
Au en hal im T ansi e keh ges a e we den kann.“ (Quelle: A olsen A chi es, Leipzig, A chi
de Is aeli ischen Religionsgemeinde).
12Da in heiß es: „Juden können ohne Angabe on G ünden und ohne Einhal ung on F is en
die Wohnung gekündig we den. Sie können zwangsweise in sogenann e »Judenhäuse « eingewiesen
we den.“ Gese z übe Mie e häl nisse mi Juden. Reichsgese zbla , Jhg. 1939, Teil 1 . 30. Ap il
1939, S. 864.
64
Ral Seidel
78-jäh ige Va e muss en sei Beginn des Jah es 1939 Zwangsa bei leis en. Han-
na Hoch wa e s de Ga en e wal ung de S ad zuge eil und muss e spä e bei
de Müllab uh den ange ah enen Ab all nach da in noch e we ba en Me all es-
en absuchen. De ehemalige Reichs agsabgeo dne e Gus a Hoch wa an angs in
einem Außenbezi k de S ad eingese z , wo man ihn zwang, S aßen zu egen.
Dann wu de e eben alls de Müllab uh zuge eil , wo e jedoch nach zwei Tagen
zusammenb ach. Sein Sohn sch ieb übe diese Si ua ion:
„Ebenso ap e wie mein al e Va e ha Hanna sich mi dem Unab-
ände lichen abge unden. Wi sahen meinen Va e om S udie zimme
zum S aßenkeh en gehen. [...] Meine F au wu de on de Ä z in zu
Mülla bei e in. [...] Mein Sohn F i z muss e mi dem Ve me k »übe
den Du chschni begab « im No embe 1938 die Schule e lassen.“13
Am 13. Ap il 1942 wa Hanna Hoch mi den 12- und 7-jäh igen Söhnen zum Des-
saue Bahnho beo de wo den. Gus a Hoch woll e sich nich on seine Familie
ennen und schloss sich ihnen an. In einem Be ich aus dem Dessaue Kalende on
1988 heiß es dazu:
„Schweigend be ach en die Passan en das Ge äh und seine Beglei e
mi den gelben Da ids e nen au de B us ; schweigend auch jene, die
wuss en, we da nach Os en e schick wu de. Sie wa en seine Pa i-
en en gewesen, sie kann en ihn und seine F au: den A z D . Gus a
Hoch, die Ä z in D . Hanna Hoch, gebo ene Go schalk, die Jüdin,
on de e sich o z s ändige D ohungen de Faschis en sei 1933
nich ge enn ha e. [...] Ja, die Dessaue Bü ge kann en die Familie
noch, o allem den A z . Seine S andha igkei , sein Mu , seine T eue
ha e iele Dessaue beweg , o allem die A bei e , die seine P axis
noch au such en, als e be ei s au de Lis e de Ve em en s and, die
auch zu ihm kamen, weil e als A z de A men einen gu en Ru besaß.
[...] Nun wu de e , de Ve olg e, mi seine Familie aus Dessau e ie-
ben, sch i en sie ih e Ve nich ung en gegen, es ging zum T anspo
ins Wa schaue Ghe o, dem ü die Juden aus dem »Reich« als Zwi-
schens a ion in die Ve nich ungslage einge ich e en »Vo ho zu Höl-
le«.“14
Als Gus a Hoch am 4. Sep embe im Ghe o zu eine K ankenbehandlung be oh-
len wo den wa , wuss e e , dass e nach de Rückkeh seine Familie nich wiede
sehen wü de. So sch ieb e zwei Tage spä e an seinen B ude F i z Hoch in Kassel:
„Nie im Leben we de ich den en se z en Ausd uck Hannas, den ängs lichen Blick
meines kleinen Ka ls und das änenübe s öm e Gesich meines F i z e gessen,
13Pe sönliche Au zeichnungen on D . Gus a Hoch jun.(Quelle: A olsen A chi es, Leipzig,
A chi de Is aeli ischen Religionsgemeinde).
14Aus: K üge (1988).
65
En e n e Nächs e. Vom Dazugehö en und Ve schwinden
als ich o zwei Tagen on ihnen weggehol wu de. Wo sie hinge eis sind, weiß
ich nich ...“15
Hanna Hoch und ih e beiden Söhne wa en nach T eblinka depo ie wo den.
We do hin kam konn e nich s hin e lassen.16 Abe auch on Gus a Hoch selbs
ha sich die Spu bald e lo en. Ein B ie noch aus dem Au anglage Wa schau
schein da au hinzuweisen, dass e im No embe 1942 e such ha , sich do das
Leben zu nehmen. Als Todesda um wi d ü ihn schließlich de 12. Juni 1943, als
Todeso Lublin-Majdanek angegeben. Sein Va e s a b 81-jäh ig in The esiens ad ,
seine Schwiege mu e Selma Go schalk wu de in Auschwi z e mo de .17
„Endlösung“
Was ü Juden in Deu schland geblieben wa , wa zunächs eine zu ie s beängs i-
gende Ungewisshei da übe , wohin man gehö e. Die Unsiche hei des Dazugehö-
ens wa schließlich du ch die Nü nbe ge Gese ze zu Gewisshei des Ausschlusses
gewo den. Du ch sie wu den nun auch die sogenann en „jüdischen Mischlinge“ mi
ins Spiel geb ach . Ih e Posi ion des Dazwischenseins am Rande de jüdischen und
de nich jüdischen Lebenswel en üh e dazu, dass sie keine Sei e wi klich ange-
hö en.18 In den le z en K iegsjah en sahen sie sich de Un e d ückung und den
D angsalie ungen des Regimes imme schu zlose ausgese z , so dass selbs ge ing-
ügige Ve s öße gegen NS-Gese ze zu Inha ie ung und Depo a ion üh en konn-
en. Dem Schicksal diese zunächs „p i ilegie en“ Be o enen de Ve olgungen
du ch die Na ionalsozialis en und ih e möglichen Rolle als spä e e Zeugen kam
bishe noch wenig Beach ung on Sei en de Fo schung zu.19
15B ie om 6. Sep embe 1942 aus dem Au anglage Wa schau-Os an D . F i z Hoch. – De
Nachlass F i z Hoch be inde sich im A chi de sozialen Demok a ie, Bonn, Mappe 67, Box 35
(A chi signa u : 1/FHAA000067). D . ju . F i z Hoch (1896–1984) gehö e sei 1919 de SPD an.
1948/1949 wa e Mi glied des Pa lamen a ischen Ra es und on 1945–1961 zunächs Obe p äsiden
on Ku hessen, dann Regie ungsp äsiden in Kassel. Das Haup gebäude des Kassele Regie ungsp ä-
sidiums is nach ihm benann . (Quelle: A olsen A chi es, Leipzig, A chi de Is aeli ischen Religi-
onsgemeinde).
16So besch eib auch de Völke ech le Philippe Sands den Tod seine U g oßmu e Malke
Buchholz, die knapp d ei Wochen nach Hanna Hoch nach T eblinka e schlepp wo den wa . In:
Sands (2018), S. 82.
17Selma Go schalk wa genö ig wo den, noch be o sie nach The esiens ad depo ie wu de,
au An o de ung de „Bezi kss elle Mi eldeu schland de Reichs e einigung de Juden in Deu sch-
land“ om 6.11.1942 einen „Heimeinkau s e ag mi Ve mögense klä ung“ zu ,un e zeichnen, um
bei ih em „Zwischenau en hal o Auschwi z“ einen „Heimpla z“ zuges anden zu bekommen. Aus:
A olsen A chi es, Leipzig, A chi de Is aeli ischen Religionsgemeinde.
18Dazu: Seidel (2010).
19Es is ge ade dahe besonde s e diens oll, dass die His o ike in Bea e Meye diese Thema ik
aus üh lich in eine Monog a ie behandel ha . Siehe: Meye (1999). – Eine eind ucks olle S udie
schilde das Vo - und Nachk iegsschicksal d eie „gemisch e “ Familien, da un e die des enom-
mie en His o ike s und he aus agenden Expe en zu F agen on „Eu hanasie“ und Holocaus Ge -
66
Ral Seidel
Mi den Pog omen de „Reichsk is allnach “ on 1938 wa die legisla i e und admi-
nis a i e Disk iminie ung de Juden in Deu schland schließlich in nack e Gewal
umgeschlagen. Synagogen wu den niede geb ann , jüdisches Eigen um ze s ö ,
Menschen misshandel und in Konzen a ionslage e schlepp , e mo de ode in
den Tod ge ieben. Wem es möglich wa , we e wa die „Reichs luch s eue “ ode
– noch zynische – „Sühneabgabe“20 bezahlen und die en sp echenden Papie e e -
langen konn e, e such e Deu schland zu e lassen. Abe das wa alles ande e als
leich .21
Am 20. Janua 1942 wa in Be lin die „Wannseekon e enz“ausge ich e wo den. Ih
Ziel wa den Massenmo den Rückhal in Ve wal ung und Poli ik zu e scha en,
sie du ch die anwesenden Ju is en „bü ok a isch zu legi imie en“. Adol Eichmann
mein e bei seine Ve nehmung, dass es au de Wannseekon e enz gelungen sei, die
anwesenden S aa ssek e ä e und Am slei e „anzunageln“.22 Wäh end sich bald die
Lage an den F on en, wie in A ika und o allem im Os en ü die Deu schen
d ama isch e schlech e e, soll en sich die Mo dak ionen gegen Juden nun zum
Genozid e dich en.
Doch die Todeslage de „Ak ion Reinha d“, de „Endlösung de Juden age“ ha -
en sowohl was das echnische Vo gehen wie die pe sonelle Auss a ung anbelang e,
ih en „Vo lau “. De wide uh eine G uppe besonde e Menschen am Rande de
damaligen Gesellscha , die sons wenig Beach ung inde : den psychisch K anken
und geis ig Behinde en.
Mi Beginn des Zwei en Wel k ieges wu de du ch den „Gnaden odlass“ die Tö ung
lang is ig psychisch k anke Menschen angeo dne und im Rahmen de „Ak ion
T4“ zwa im geheimen, jedoch bü ok a isch ins Kleins e ge egel , du chge üh .23
ha d Baade (1928–2020): Raggam-Blesch (2019), S. 378–397; und dies. (2013), S. 81–96. – Dazu auch:
Gensch u. G abowski (2010); und G abowski (2012).
20De zu en ich ende An eil eine Sonde s eue die deu sche Juden anlässlich ih e Misshandlung
zu bezahlen ha en.
21Chaim Weizmann, de spä e e P äsiden on Is ael, ha e diese Lage knapp und p äzise au
den Punk geb ach : „Die Wel schien in zwei Häl en ge eil – jene Lände , in denen die Juden nich
leben konn en, und jene, in die sie nich hinein du en“. In: Adle (2015), S. 15. Spä e heiß es: „Man
schä z heu e, dass in den Jah en 1933–39 unge äh 90 000 Emig an en in England Zu luch anden,
wo on 85–90 % Juden wa en. [...] E wa 900 000 [...] ha man nich hinein gelassen.“ (S. 22–23).
22Je emy Adle sch eib übe die Wannseekon e enz om 20. Janua 1942 wei e „Es handel sich
hie bei um eines de wich igs en und zugleich en se zlichs en Zeugnisse de Menschhei . [...] Dieses
Ve wal ungss ück [...] dokumen ie den Rück all in die Ba ba ei. Es p oklamie ein Delik on
bishe nie da gewesenem Um ang: ein »P o okoll«, das bis in die Einzelhei en hinein den Plan en häl ,
ein ganzes Volk auszu o en.“ Adle (2020). Fü Eichmann wa kein Wide sp uch auszumachen.
Dazu auch: A end (1978), S. 202–206.
23Die Ve nich ungsmaßnahmen ha en zwei Tage nach de Kapi ula ion Polens mi de E schie-
ßung polnische psychia ische Pa ien en in Polen begonnen. Eine gese zliche G undlage ü die
geplan en Maßnahmen ha e Hi le s ik abgelehn . Ende Ok obe e ass e e , nach zunächs nu
mündlich e eil e Be ugnis, in einem P i a b ie seinen „Gnaden ode lass“, den e au den 1. Sep em-
be , den Tag des K iegsbeginns, zu ückda ie ha e. Dazu.: Schmuhl (1987); sowie: Meye u. Seidel
67

En e n e Nächs e. Vom Dazugehö en und Ve schwinden
1941 wu de dann die di ek aus de Be line Zen ale ges eue e „Ak ion T4“ ge-
s opp . Doch die Tö ungen lie en danach, wei gehend dezen al abgewickel , o
allem in den bese z en Gebie en wei e . S aa liche bzw. Pa eio gane wa en, un e
Be eiligung on Ä z en, Weisung gebend. Ä z e in de Psychia ie üh en, un e
Einbeziehung ande e Be u sg uppen, o allem des P legepe sonals, die Ve nich-
ungsbe ehle du ch. Alle Ju is en in den obe en Lei ungsposi ionen wa en übe
die Tö ungsmaßnahmen un e ich e . Wide s and gab es kaum, Ve weige ung und
Hil e ü die Be o enen du chaus. Diese kamen am ehes en on Angehö igen de
Pa ien en, on Menschen aus den hel enden Be u en und Ve e e n ki chliche
Ins i u ionen.24
Im Sep embe 1941 lie en in Auschwi z die Massen ö ungen du ch Gi gas an. Dem
wa die „Ak ion 14 13“ o ausgegangen. Sie wa zunächs als T anspo maßnahme
in E holungslage ge a n wo den. In ih em Rahmen wu den poli ische und jü-
dische KZ-Hä linge, noch o de Ins allie ung de Gaskamme n in den Lage n,
selek ie , in Eu hanasieans al en übe üh und da e mo de .25 Dies geschah un e
einem le z en zynischen Scha en o geblich psychia ische Diagnos ik. Die be-
nu z en „Diagnosen“ ließen sich au jeden Menschen anwenden, den das Regime als
„gemeinscha s emd“26 bezeichne e. Als Beispiele seien genann : „Kommunis “,
„Rassenschände “, „einge leisch e Ka holik“, „weh unwü dig“ u. a. Und es wa en
alle Juden in die Ve nich ungsmaßnahmen einbezogen. Das „Judesein“ allein eich-
e als odb ingende „Diagnose“.
(1989), S. 369–396; u. . a. m. Zu Vo geschich e: Hilbe g (1982), S. 590 . Hie heiß es: „Die Eu ha-
nasie wa sowohl eine beg i liche wie auch echnologische und adminis a i e Vo wegnahme de
»Endlösung« in den Todeslage n.“ Und spä e : „Belzec, Sobibo und T eblinka wu den om Eu ha-
nasiepe sonal [...] be ieben“, S. 603. E wa 1/5 des Pe sonals de „Ak ion Reinha d» wu de wei e
bei de »T4-Zen ale« ge üh und auch wei e du ch sie bezahl .
24Siehe dazu: Schmuhl (1987), S. 305–371, und Benz (2018), S. 181 .; F iedlände (2007), S. 953 .
(B ie des Be line Bischo s P eysing an den Paps und die An wo on Pius XII. om 30. Ap il 1943
u. a.). Übe legungen eines Psychia e s zu F age on Schuld und Ve s ickung „de Psychia ie“:
Finzen (1996), S. 31–62 und S. 173 .
25„Nachdem be ei s im Juli 1941 ein T anspo on K anken und e k üppel en Auschwi zhä -
lingen in de Eu hanasieans al Königs ein in Pi na/Sachsen e mo de wo den wa , wu de in Ausch-
wi z selbs Gi gas e s mals An ang Sep embe 1941 zu Massen ö ung on Hä lingen e wand .“
Siehe: Kłodzi´
nski (1987), S. 261. Sie kamen in die „Eu hanasieans al en“ Be nbu g, Sonnens ein bei
D esden und Ha heim bei Linz.
26Als „Gemeinscha s emde “ gal , we sich nich den Vo s ellungen de „Volksgemeinscha “
un e we en woll e ode konn e. Gegen ihn ging man ohne gese zliche G undlage o . „P ak isch
konn en die K i e ien de »Gemeinscha s emdhei « jeden e en, de die No men all äglichen So-
zial e hal ens e le z e.“ In de Konsequenz läu dies au eine „ assis ische Disk iminie ung“ unan-
gepass en Ve hal ens hinaus. Siehe: Peuke (1982), S. 262 u. 263. Diese „Gemeinscha sidee“ s and
das „ ölkische Rech sdenken“ zu Sei e. So sch eib de Zi il ech le Ka l La enz 1935: „Nich als
Indi iduum, als Mensch schlech hin [...] habe ich Rech e und P lich en [...] sonde n als Glied [...] de
Volksgemeinscha . [...] Rech sgenosse is nu , we Volksgenosse is ; Volksgenosse is , we deu schen
Blu es is “. La enz (1935), S. 21.
68
Ral Seidel
In den Ve nich ungslage n,wie in Auschwi z, se z e sich mi den gleichen Me ho-
den und zum Teil demselben Pe sonal dann o , was in den Eu hanasieans al en be-
gonnen wo den wa . In diesem Sinne heiß es in einem Sch eiben aus dem „Reichs-
minis e ium ü die bese z en Os gebie e“ om Ok obe 1941: „Nach Sachlage be-
s ehen keine Bedenken, wenn diejenigen Juden, die nich a bei s ähig sind, mi den
B ackschen Hil smi eln besei ig we den.“27 De ame ikanische Psychia e Robe
Jay Li on bezeichne e die dieses Geschehen lei ende Logik als „Medicalized Kil-
ling“.28
Die massenha en Tö ungen seelisch K anke wa en Mo de, begangen an Men-
schen mi eine uns e s ö enden Wah nehmung de Wel . Doch diese Menschen
gehö en noch, wenn auch siche am Rande, zu de Gemeinscha , aus de man sie
en e n ha . Die P o es e, die sich aus de Be ölke ung he aus gegen die Eu hana-
sieak ionen e hoben haben, zeugen da on.29
Die „Endlösung de Juden age“, das P ojek de Auslöschung des eu opäischen
Juden ums, ging noch da übe hinaus. Hie wu de Menschen de on ologische
G und en zogen. Das NS-Regime ha e sich das Rech genommen allein zu bes im-
men we „dazu gehö “, ja – we ein Mensch is . Dami wa das Zusammenleben de
Menschhei insgesam in age ges ell .30
27Mi „B acksche Hil smi el“ is die Tö ung du ch Kohlenmonoxid gemein . Sie wa zunächs
in den Eu hanasieans al en e p ob und angewand wo den. Vic o B ack wa Obe diens lei e
in de „Kanzlei des Füh e s“ und e wal ungssei ige Haup o ganisa o de „Ak ion T4“. Aus:
Nu Doc.NO-365, zi ie nach: Menges (1972), S. 71.
28Li on (1988), S. 2. Hie heiß es: „Dennoch ha e dieses medikalisie e Tö en eine Logik, die
nich nu ü die na ionalsozialis ischen Theo ien und Ve hal ensweisen hoch signi ikan wa , son-
de n auch ü ande e E scheinungs o men des Völke mo ds gül ig is .“ Spä e sp ich Li on on
„Tö en als he apeu ische Impe a i “,ebenda S. 21. De Psychia e und Soziologe Klaus Dö ne
sch eib dazu, dass, wenn Li on „den gesam en P ozess on de Selek ion bis zu Ve gasung in den
Ve nich ungs-Konzen a ionslage n in seinem medizinischen Cha ak e besch eib und da ü mi
Rech den Beg i des » he apeu ischen Tö ens« inde , so is zu e gänzen, dass dieses neue Bla in
de Geschich e de Menschhei am 15. Ok obe 1939 in Posen au geschlagen wu de.“ In: Dö ne
(1989), S. 57. Am 15. Ok obe 1939 wa in einem lu dich abgeschlossenen Bunke des Fo VII de
Posene Be es igungsanlagen e s mals eine G uppe psychia ische Pa ien en du ch Gi gas, zunächs
„p obeweise“, ge ö e wo den. Dami „wa de Damm zu Indus ialisie ung des he apeu ischen
Tö ens geb ochen“(S. 56). Sie konn e dann in das P og amm de „Endlösung“ übe üh we den.
29Ein eind ucks olles Beispiel da ü bo de Vo mundscha s ich e Lo ha K eyssig,de sich
aus ch is liche Übe zeugung ü die Rech e seine Mündel einse z e und einen empö en B ie an
Reichsjus izminis e F anz Gü ne sch ieb, in dem es heiß : „Rech is , was dem Volke nu z . Im
Namen diese u ch ba en on allen Hü e n des Rech es noch imme unwide sp ochenen Leh e sind
ganze Gebie e des Gemeinscha slebens om Rech e ausgenommen, z. B. die Konzen a ionslage ,
ollkommen nun auch die Heil- und P legeans al en.“ Klee (1983), S. 209.
30A end (1978), S. 395 u. 404; und Ma gali u. Mo zkin (1997), S. 7. De His o ike Dan Dine
weis Ve suche die „Endlösung de Juden age“ mi den K ankenmo den gleichzuse zen und sie aus
ökonomis ischen E wägungen he aus zu e klä en, en schieden zu ück. Dine (1992), S. 377; und
Dine (2007), S. 13–19.
69
En e n e Nächs e. Vom Dazugehö en und Ve schwinden
Doch heiß das, dass ü das Indi iduum als geschich lich Handelndem – und die
F age s ell sich ü Op e wie Tä e schon mi den Pa ien enmo den und schließ-
lich unausweichlich mi de E ah ung de Schoah – de S a us des eigens ändigen
Subjek s au dem Spiel s eh ?31 Kann ein „Subjek “ „ on seinem eigenen Un e gang
Rechenscha ablegen“ wi d es dann in seinem Sp echen und Tun „nu noch in sei-
nem einen S a inden“ zu be ach en sein?32 Is es übe haup möglich die Las
dieses sinnen se z en Geschehens in Beg i e zu assen? Beg i e ü e was Un ass-
ba es, e gleichba dem „Schme z an de G enze zwischen Sinn und Unsinn“, wie
de Psychia e Ka l Pe e Kiske einmal mein e, die dennoch kün igem Handeln
den Weg weisen könn en?33
Können wi uns o s ellen, dü en wi ga mi Im e Ke ész da on sp echen, dass
„de Holocaus ein We is ,weil e übe une messliches Leid zu une messlichem
Wissen ge üh ha und dami eine une messliche mo alische Rese e bi g “?34
Schuld und Ve an wo ung
Mi dem Boyko om 1. Ap il 1933 en schied Hans Jonas,dass e in einem Land
nich wei e leben könne, das den Juden ih e Rech e, ja ih e Wü de, aub e. Nach
31Es handel e sich eben um einen „ e wal e en“ Massenmo d. Hie zu mein de Sch i s elle
H. G. Adle , Übe lebende de Lage The esiens ad und Auschwi z „S eng genommen sag die
Ve wal ung nich s, sie sch eib “, und an ande e S elle: „Die Ve wal ung, s a o den lich dem Le-
ben zu dienen, wi d he isch zum Selbs zweck, das Leben selbs als e wal e e Bes and wi d nu
noch um ih e wegen ane kann .“ In: Adle (1960), S. 634. Ein ande es Mal zi ie Adle einen ge a-
dezu p ophe ischen Wo wechsel Gus a Janouchs mi F anz Ka ka:Ka ka:„Ein Henke is heu e
ein eh same , nach de Diens p agma ik wohlbezahl e Beam enbe u . Wa um soll e nich in jedem
eh samen Beam en ein Henke s ecken? Janouch: Die Beam en b ingen doch keine Menschen um!
Ka ka: Und ob sie es un! Sie machen aus den lebendigen, wandlungs ähigen Menschen o e, jede
Wandlung un ähige Regis a u -numme n.“ Zi ie nach: Whi e u. Whi e (2004), S. 49. Dazu auch:
on Lang (1982), S. 165.
32Agamben (2003), S. 122–123.
33Kiske (1999). Das schließ an Übe legungen des K akaue Psychia e s An oni K˛epi´
nski an,
de als eine de e s en mi seinem Team – au Wunsch de zu ückgekeh en Übe lebenden selbs
– ein noch heu e ich ungsweisendes Fo schungsp og amm zu den psychischen Folgen de Ha in
Auschwi z du chge üh ha . E nahm dabei eine „exis enziell“ zu bezeichnende Nähe zwischen de
„ze b ochenen, kaum e eichba en Wel “ des „psycho ischen“ Menschen und de de En kommenen
de Lage wah . Dabei habe e in de he apeu ischen Begegnung mi beiden e such , ähnlich wie
Kiske , übe die G enze des Unmöglichen hinweg eine wechselsei ige und wi kungs olle Ve s än-
digung mi den Be o enen he zus ellen. – Pe sönliche Mi eilung on P o . Ma ia O wid, eine
Mi a bei e in K˛epi´
nskis sei dem Beginn des Fo schungsp og amms und spä e en Di ek o in de
K akaue Uni e si ä sklinik ü Kinde - und Jugendpsychia ie.
34An eine spä e en S elle sch eib Ke ész „Es schein , dass mi dem Abklingen de lebendigen
Emp indung das un o s ellba e Leid und die T aue in de Quali ä eines We es in einem wei e le-
ben, an dem man nich nu s ä ke als an allem ande en es häl , sonde n den man auch allgemein
ane kann angenommen wissen will.“ In: Ke ész (2002), S. 68 u. 146.
70
Ral Seidel
dem K ieg e zähl e e on dem Tag, an dem e on seinem El e nhaus Abschied
nahm:
„Es wa ein wunde schöne Spä somme ag Ende Augus [...] Es wa
alles o be ei e : ich ha e das Eisenbahnbille , die Papie e, die Ko e
wa en gepack , und auch die spä e e Möbelsendung nach Paläs ina [...]
wa ge egel . [...] Ich a einen heimlichen Schwu , ein Gelöbnis: Nie
wiede zukeh en, es sei denn als Solda eine e obe nden A mee. [...]
Und hie [...] e ass e mich das G undge ühl, dass man meine Eh e
beleidig ha e, dass man du ch die Absp echung unse e Bü ge ech e
und die ande en ech lichen Schikanen, die wi Juden nun meh und
meh on S aa s wegen e uh en, unse e Eh e als Menschen e le z e.
Ich ha e ins ink i das Ge ühl, das könne nu mi de Wa e in de
Hand wiede ausgeglichen we den.“35
Bei Ausb uch des Zwei en Wel k ieges e ass e Jonas dann in Je usalem einen
Au u mi dem Ti el „Unse e Teilnahme an diesem K iege. Ein Wo an jüdische
Männe “. Da in heiß es:
„Dies is unse e S unde, dies is unse K ieg [...] Wi haben ihn in unse-
em Namen, als Juden, mi zu üh en, da sein E gebnis unse n Namen
wiede he s ellen soll. [...] Bei uns s eh dahe nich ein Teil, sonde n
das ganze au dem Spiel. Gegen uns is es wah ha de o ale K ieg.
Denn wi sind negie als Menschenga ung schlech hin, gleichgül ig wel-
ches unse e poli ische, soziale ode ideologische Fo m sei. Unse blo-
ßes Dasein is un e einba mi dem Dasein des Nazi ums.“36
Jonas wu de 1940 Solda de b i ischen A mee und wa ab 1944 Mi glied de „Je-
wish B igade G oup“, mi de e schließlich übe I alien sieg eich nach Deu schland
gelang e. Die unmi elba e Ge äh dung, de sich Jonas als Solda ausgese z sah, ha
ie e Spu en in seinem Denkweg hin e lassen. Sie üh e ihn übe die Philosophie
des Lebens zu eine E hik, die da au abziel , die „Wei e wohnlichkei de Wel “37
zu bewah en.
Wi , die wi aus his o ischem Zu all das Glück haben nich in das damalige Gesche-
hen selbs e s ick zu sein, können zwa „mi denen, die geis ig und mo alisch
s andhiel en wissen, wie es möglich is , sich un e den Bedingungen de Dik a u
zu e hal en“.38 Abe wi wissen nich , ob wi den Mu und die Fähigkei gehab
35Jonas (2003), S. 132.
36Ebenda, S. 186–199, hie S. 186, 187, 188.
37Ausge üh in FN 48.
38Aus de Gedäch nis o lesung de Li e a u wissenscha le in Rachel Salamande zu E inne ung
an die Op e de „Weißen Rose“ am 23. Feb ua 2000 in de Münchne Uni e si ä . Salamande
(2000), S. 39. Do heiß es wei e : „Dami kon on ie en wi alle dings so manchen mi einem Ge-
däch nis, dass die Fluch ins Ungenaue e s ell – in de Rekons uk ion de Geschich e ebenso wie
im mo alischen U eil.“
71

Vie Eins ellungen zu Zukun .
Spengle – Bloch – Dewey – Jonas0
Ch is ian Thies
An eine be ühm en Tex s elle un e scheide Hegel d ei S ellungen des Gedankens
zu Objek i i ä .1In ähnliche Weise möch e ich ie Eins ellungen des Denkens
zu Zukun benennen, ohne dass sich diese alle dings e söhnen ließen. Selbs e -
s ändlich handel es sich bloß um eine zugespi z e Typologie; no male weise gib es
Misch o men, und ielleich sind auch ande e Ein eilungen möglich. His o ische,
soziologische und psychologische Aspek e klamme e ich wei gehend aus, obwohl
die jeweiligen Hal ungen wohl in bes imm en Epochen, Klassen und Al e sg up-
pen besonde e Zus immung inden.
Pessimismus und Op imismus
Ausgangspunk is die klassische Kon o e se zwischen Pessimismus und Op imis-
mus, die Mi e des 18. Jah hunde s deu lich he o i . Sachlich läss sich de
Gegensa z bis in die An ike zu ück e olgen und inde sich gewiss auch in an-
de en Kul u k eisen. Es geh um die gene elle Einschä zung des Lebens und de
Wel . Die Deba e e lage sich jedoch on de allgemeinen On ologie in die Ge-
schich sphilosophie, nachdem die Menschhei du ch Au klä ung, His o ismus und
E olu ions heo ie die Zukun en deck ha .2Die ypisch mode ne F age lau e :
Wi d alles imme besse ode imme schlech e ? Was haben wi on de Zukun
zu e wa en? Was können wi kün ig e eichen?
Cha ak e is ische Ve e e de beiden Posi ionen im 20. Jah hunde sind Oswald
Spengle und E ns Bloch. Beide haben mi ih en Sch i en g oße Au me ksamkei
geziel ; die Ti el ih e Haup we ke, De Un e gang des Abendlandes (1918/1922)
und Das P inzip Ho nung (1954/1959), wu den zu Schlagwo en. Alle dings äh-
nel das wissenscha liche Ni eau beide We ke aus heu ige Sich ehe dem on
Pe e Slo e dijk: gu gesch ieben, gebilde und gedanken eich, abe ohne k i ische
Re lexion de G undlagen und Me hoden, o allem kaum ges ü z du ch A gu-
men e und Empi ie. Dennoch lohn sich ein ku ze Blick au diese adikalen Po-
0Diese Tex is zue s e schienen in: Zei sch i ü Didak ik de Philosophie und E hik 40,2
(Mai 2018), S. 9–13.
1Hegel (1983), §§ 26–83.
2Vgl. Hölsche (2016).
79
Vie Eins ellungen zu Zukun . Spengle – Bloch – Dewey – Jonas
si ionen, zumal wi diesen sowohl in unse em all äglichen Denken als auch in de
Philosophiegeschich e imme wiede begegnen.
Dem geschich sphilosophischen Pessimismus Oswald Spengle s zu olge geh es
kün ig abwä s.3Nich alles, abe doch das, was wich ig is , we de schlech e .
Zwa s ehe uns nich die Ve nich ung be o (die A ombombe wa noch unbe-
kann ); übe haup ha Spengle sich gegen die E ike ie ung als Pessimis geweh .4
Vielmeh sieh e eine lange Zei des Niede gangs o aus, ähnlich de Epoche,
in de gemäß seine e gleichenden Geschich sbe ach ung die an ike Kul u ih e
S ahlk a e lo . Das Ni eau de Kuns sinke wei e , weil Nachahmung und Mas-
sengeschmack imme meh dominie en. Das Leben we de langweilig, Geis und
Seele e kümme n, wäh end sich alles um Mach und Geld d ehe. Bedeu sam sei
kün ig die Maschinen echnik. Poli isch, so Spengle , we den sich au o i ä e Figu-
en du chse zen, die g oße Reiche egie en (Caesa ismus). Imme hin e mag de
dis anzie e Be ach e dem Niede gang einen gewissen äs he ischen Reiz abzuge-
winnen.
Fü den geschich sphilosophischen Op imismus on E ns Bloch geh es hingegen
kün ig au wä s.5Nich alles, abe doch das, was wich ig is , we de besse . Es be-
s ünden objek i - eale Möglichkei en zu g undsä zlichen Ve besse ung de Wel ,
zu de wi alle dings du ch e olu ionä es Handeln bei agen müss en. Was sich
in den un e schiedlichs en U opien ühe e Jah hunde e a ikulie e, ließe sich
ealisie en, so dass unse e Tag äume wah wü den (nich die Nach äume Speng-
le s). E s in eine g ei ba nahen Zukun änden wi zu uns selbs und we de das
Leben lebenswe . Dann komme es soga zu eine Humanisie ung de Na u , zu
de eine neue Allianz echnik bei agen we de, ü die auch die Ke nspal ung ein
Beispiel sei.
Aus k i ische Sich leiden Pessimismus und Op imismus un e komplemen ä en
De izi en. Beide sehen nu die eine Sei e de his o ischen Tendenzen. De Pessimis
igno ie wei gehend das Posi i e, de Op imis das Nega i e. Beispielsweise sieh
de Pessimis nu den Niede gang de klassischen Küns e, nich den Au s ieg neue ;
hingegen en deck de Op imis in allen Kuns we ken den Ru nach F eihei , nich
abe die indi ek e Da s ellung abg ündige Aspek e de menschlichen Na u . De
Pessimis e schließ die Augen o den ielen kleinen Fo sch i en, on denen
gegenwä ig unzählige Menschen p o i ie en. De Op imis igno ie die nega i en
Nebenwi kungen und immensen Kos en, die jede Fo sch i mi sich b ing .
Vo allem abe un e s ellen beide, dass es his o ische Gese zmäßigkei en gebe, die
sich in die Zukun e länge n ließen. Spengle will ausd ücklich den geschich -
lichen Ve lau o he sagen; seine zen ale These is , dass wi uns als Angehö ige
eine bes imm en Kul u unse em Schicksal nich en ziehen können. Bloch s ü z
3Spengle (1972).
4Spengle (1921). Vgl. Pauen (1997).
5Bloch (1980).
80
Ch is ian Thies
sich au den his o ischen Ma e ialismus und die on Ma x pos ulie en objek i en
Tendenzen de Geschich e. Beide Posi ionen lassen sich deshalb mi Poppe dem
His o izismus zuo dnen.6
In de Ö en lichkei , o allem in Deu schland, is de Pessimismus meis ens e -
olg eiche als de Op imismus: Vol ai e ha meh Anhänge als Leibniz, Schopen-
haue e d äng Hegel, au die ku zen Au b uchss immungen on 1968 im Wes-
en und 1989 im Os en Deu schlands olgen lange Phasen eines Wel schme zes.
Schlech e Nach ich en sind eben imme in e essan e als gu e. E s aunliche weise
is de Op imismus gegenwä ig in die Mi e des poli ischen Spek ums ge ück :
Einen op imis ischen Blick au die Zukun haben die neuen globalisie en Libe-
alen.7Pessimis isch sind hingegen die Rech en, die Linken und die G ünen: Alle
d ei sind im wei es en Sinne konse a i , weil sie p imä die zukün igen Ge ah en
sehen, ü den Na ionals aa , ü den sozialen Ausgleich ode ü die Na u .
A gumen a i is jedoch de Op imismus übe legen. Zunächs einmal kann man
nich wollen, dass es schlech e wi d. Den Niede gang, welche A auch imme ,
kann man nu wide Willen ö de n. Inso e n gib es eine schwache anszenden-
alp agma ische Nö igung zum Op imismus: So wie man einen Tex eigen lich nu
e s ehen kann, wenn man ihn wohlwollend lies (Gadame s Vo g i au Vollkom-
menhei ), wi d man sich auch in de sozialen Wel besse zu ech inden, wenn den
Menschen zunächs einmal Ra ionali ä und gu e Absich en un e s ell we den, ob-
schon diese Ve auens o schuss sich o als i ig he auss ell .
Sodann is de Op imismus mo alisch sensible . Zwa igno ie de Op imismus
wei gehend die Op e e gangene Zei en, die Ho kheime und Ado no in ih e
Ve zwei lung zu Rech he auss ellen. Imme hin ha Bloch sei den 1960e Jah en
einen „Op imismus mi T aue lo “ e künde .8Schlimme is abe , dass de Pessi-
mismus die mögliche weise e meidba en Op e kün ige Zei en akzep ie , weil
diese schicksalha und dami no wendig seien. Gegenübe dem he oischen Realis-
mus on Spengle , de mi K ieg und Gewal ein e s anden is , du chzieh Blochs
We k ein humane Ton mi eine Sehnsuch nach Glück und F ieden.
Schließlich sind Pessimis en unglückliche als Op imis en. Wie man empi isch ge-
zeig ha , geling diesen meh als jenen, sowohl im Be u als auch im P i a leben,
sie sind selbs bewuss e und e eichen ein höhe es Lebensal e . Zudem ha die „po-
si i e Psychologie“ de le z en Jah zehn e he ausgea bei e , dass Pessimismus kein
Schicksal und Op imismus e le nba is .9
6Vgl. Poppe (2003), S. 36 .
7Das bes e Beispiel is : Ridley (2011); gl. auße dem: No be g (2016).
8Bloch (1985), S. 241 .
9Seligman (1991).
81
Vie Eins ellungen zu Zukun . Spengle – Bloch – Dewey – Jonas
P agma ismus und Zukun se hik
Alle dings is die Al e na i e on Pessimismus und Op imismus nich das le z e
Wo . Die beiden olgenden Eins ellungen zu Zukun e se zen den heo e ischen
(ode äs he ischen) Blick du ch den p ak ischen (ode mo alischen).
Am deu lichs en wi d dies beim P agma ismus. So weis John Dewey sowohl Pessi-
mismus als auch Op imismus zu ück: De adikale „Pessimismus is eine lähmende
Leh e“, weil e keine Ans engungen zu Ve besse ung de Wel mo i ie . „Un-
eingesch änk e Op imismus [...] is eilich gleich alls ein Alp aum.“ Denn de
Op imis neig dazu, die nega i en Sei en de Reali ä , das konk e exis ie ende
Leid, „wegzudeu en“. An die S elle on Pessimismus und Op imismus möch en e
und ande e P agma is en den Melio ismus se zen, d. h. die Au assung, dass das Be-
s ehende „in jedem Fall e besse we den“ könne.10 Alle dings is Dewey ehe zu
op imis isch, denn un e g ündig bes immen die Ideen on Wachs um, E olu ion
und Fo sch i sein Denken.11
Vo allem kann de P agma ismus, auch in seine neue en Va ian en (Pu nam, Ro -
y u. a.), die F age nach den no ma i en K i e ien nich hin eichend bean wo en:
In welche Rich ung soll die Ve ände ung gehen? Wi b auchen Maßs äbe, um zu
beu eilen, was gu und was schlech is , also eine E hik. Diese wa im Rahmen des
Pessimismus und des Op imismus, auch des P agma ismus meis nu Beiwe k. Das
klassische Beispiel sind die Apho ismen zu Lebensweishei des Pessimis en Schopen-
haue .
Hingegen beansp uch Hans Jonas mi seine be ühm en Sch i Das P inzip Ve -
an wo ung (1979) ausd ücklich, die Zukun zu einem Thema de E hik zu ma-
chen.12 Nich zu Un ech kons a ie e , dass die bishe ige E hik en wede „ e i-
kal“ wa (d. h. sich au das Ewige ich e e wie Pla on, abe auch bei Buddha) ode
„ho izon al“, abe äumlich und zei lich eng beg enz (wie bei A is o eles, abe
auch bei Kon uzius). Die äumliche E wei e ung, d. h. die Ausdehnung des Gel-
ungsbe eichs mo alische No men, is schon o angesch i en; be ei s Nie zsche
sp ach on eine „Fe ns ene hik“. Bishe habe abe kaum jemand an die zei liche
E wei e ung gedach , die no wendig we de du ch die Fe nwi kungen unse e neu-
en Technologien, on de A ombombe übe die Ausbeu ung ossile Ressou cen bis
zu Gen echnik. Dami wu de Jonas zu einem de G ünde ä e de Angewand en
E hik.
Jonas sp ich selbs auch on eine „Zukun se hik“. Eigen lich is jede Mo al
(auch) au die Zukun ge ich e . Die F age „Was soll ich un?“ s ell sich nich
meh ü die Ve gangenhei . Sekundä kann man selbs e s ändlich auch Maßs äbe
ü die Beu eilung be ei s geschehene Ta en ablei en; das Pa adebeispiel is eine
10Dewey (1989), S. 221 .
11Das wi d in seinem Haup we k besonde s deu lich; gl. Dewey (1993), S. 64, 75 ., 108 ., 295 .
12Jonas (1983); gl. auch die Au sa zsammlung: Jonas (1987).
82
Ch is ian Thies
Ge ich s e handlung. P imä jedoch geh es um unse gegenwä iges und kün i-
ges Handeln. Das gil sowohl ü deon ologische als auch ü konsequen ialis ische
Posi ionen. Abe Jonas sieh ich ig, dass die ges eige e Mach menschlichen Han-
delns, o allem du ch die mode ne Technik, wei in die Zukun hinein eich .
Alle dings da man den Ho izon nich zu wei ausziehen; so sei es e wa abwegig,
je z schon an die Re ung de E de o ih em Ve glühen in 7 bis 8 Millia den Jah-
en zu denken. Fü die nächs en Gene a ionen gib es genügend P obleme in den
Be eichen E näh ung, Ene gie und Klimawandel.
In zweie lei Hinsich bleib Jonas dem Pessimismus e ha e : Zum einen o de
e einen Vo ang de nega i en P ognose. Im enge en Sinne is dami nu gemein ,
dass die Exis enz de Menschhei nich au s Spiel gese z we den da . Viele haben
abe Jonas so e s anden, dass ein mögliches nega i es Szena io imme als Ve o
gegen ein Zukun sp ojek auszulegen sei – was zu eine olls ändigen Lähmung
unse es Handelns üh en wü de. Zum ande en lehn e jede U opie ab. Das zeig
e mi eine komp omisslosen K i ik an E ns Bloch. Jonas ha ech , dass man die
Na u und auch die Na u des Menschen nich übe sp ingen ode öllig neu scha -
en kann, wie Bloch und auch He be Ma cuse ho en. Abe u opisches Denken
is als emo ionale T iebk a mo alischen Handelns wünschenswe ; so ha e wa
de g oße E hike Kan mi seine Idee des „ewigen F iedens“ eine inspi ie ende
U opie gelie e .
Aus heu ige Sich äll au , dass Jonas alle mode nen Ansä ze de Mo alphiloso-
phie und poli ischen E hik igno ie (mi Ausnahme Kan s); wede de U ili a is-
mus, dem Pe e Singe ge ade neuen Schwung gegeben ha , noch John Rawls mi
seine Ge ech igkei s heo ie kommen in seinem Haup we k o . Pa adoxe weise
o mulie e soga Sympa hien ü eine s aa ssozialis ische Lösung de ökologi-
schen K ise (ähnlich wie zu selben Zei auch Wol gang Ha ich). Zudem bes ei e
Jonas mi eleologischen A gumen en die Klu zwischen Sein und Sollen. Insge-
sam s eh e in eine seh deu schen T adi ion; disziplinä bleib sein Denken de
Na u - und Geschich sphilosophie e ha e .
Seine g oße Leis ung is es jedoch, einen e wei e en Zukun sho izon ü unse
Handeln zu o de n. In Fo üh ung seine Übe legungen kann man zwei Typen
mo alische P lich en un e scheiden: Die e s en sind so o zu e üllen, die zwei en
e o de n die o angehende E üllung ande e P lich en. Die Ach ung de Men-
schen ech e gehö zum e s en Typ; we diese e le z , kann geäch e und bes a
we den. Hingegen is de Ve zich au ossile Ene gie äge und T anspo mi el
nich ohne Wei e es e zwingba , also wede eine ollkommene mo alische P lich
noch ein Rech sgebo . Dennoch sind diejenigen zu loben, die in ih em indi iduel-
len Lebenss il au das Au o und au Flug eisen e zich en, zumindes en sp echen-
de Ve hal ensweisen eduzie en; solche Handlungen sind supe e oga o isch.
Alle dings kann man es als indi iduelle und kollek i e P lich be ach en, be ei s
je z Maßnahmen zu e g ei en, mi denen de Auss ieg aus de ossilen Ökonomie
83

Vie Eins ellungen zu Zukun . Spengle – Bloch – Dewey – Jonas
und einem da au be uhenden Ve keh ssys em möglich wi d. Fü die ökologische
T ans o ma ion unse e Wi scha sweise wi d man iele Jah e benö igen. Da ü
beda es eine „Dombaumen ali ä “: Wi müssen wiede le nen, an P ojek en zu
a bei en, die in unse e Lebenszei nich meh ollende we den können, schon ga
nich in eine Legisla u pe iode, sonde n e s in de Zukun . So iel Zei wie ü
den Kölne Dom (1248 bis 1880) haben wi abe nich .
Li e a u
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84
Möglichkei en o enhal en – ü eine E hik de Zukun
Hans Jonas im An h opozän gelesen
Meiken End uwei
Einlei ung
Zukun wa einmal das, was in wei e Fe ne lag. Jonas’ Ve diens is es, dieses
zei lich En e n e in die E hik zu b ingen, so dass wi ü Handlungen, die zei lich
e ne Folgen haben, im Je z e an wo lich sind. Jonas en wa mi seinem P inzip
Ve an wo ung Ende de 1970e Jah e den Ve such eine E hik ü die echnologische
Zi ilisa ion. Bald ein halbes Jah hunde spä e ha sich die Wel s a k gewandel :
Wi sind nich meh nu eine echnologische Zi ilisa ion. Wi haben mi de Nu -
zung on Technologie begonnen, die Wel in dem Maße zu e ände n, dass manche
on einem neuen geologischen Zei al e , dem An h opozän, sp echen. Siche is ,
dass unse di ek e und indi ek e Ein luss au die Umwel sich in den le z en ün -
zig Jah en noch einmal gewal ig ges eige ha – und die Folgen dieses Handelns
imme spü ba e und sich ba e we den.
Mi de Ein üh ung on Compu e n, Sma phones und VR-B illen e lassen wi
zudem s ä ke als je zu o die Wel des Realen und auschen sie ein mi dem Vi u-
ellen. Dass auch dies wei eichende – und nich absehba e – Konsequenzen haben
wi d, lieg au de Hand. Mi de Nu zung on KI-ges eue en Bo s, die au F agen
an wo en können, Tex e und Bilde gene ie en, S immen äuschend ech imi ie en
können, en s ehen ganz neue Wel zugänge und eine Ve ände ung de Wel wah -
nehmung. Wi e ände n nunmeh nich meh nu noch unse e Umwel , sonde n
auch das menschliche Denken, Fühlen und E leben.
Was bedeu e es o diesem Hin e g und, heu e eine Vo s ellung on de Zukun
zu en wickeln und wie wi k sich dies au eine E hik aus? Un e welchen Bedin-
gungen muss eine heu ige E hik wi ken können? Mi ande en Wo en: Wie kann
und muss Jonas’ Zukun se hik heu e e wei e we den?
E hik im An h opozän
De Ein lussbe eich des Menschen is gewachsen, so kons a ie Jonas o ün zig
Jah en. Doch die Vo s ellungsweisen und Handlungsa en des Menschen sind nich
in gleichem Maße gewachsen. Und dahe a gumen ie e Jonas, dass eine neue E hik
85
Möglichkei en o enhal en – ü eine E hik de Zukun
o mulie we den müsse. Kan s ka ego ische Impe a i eiche nich meh aus, um
unse Handeln zu lenken:
„De Un e schied zwischen dem Küns lichen und dem Na ü lichen is
e schwunden, das Na ü liche is on de Sphä e des Küns lichen e -
schlungen wo den; und gleichzei ig e zeug das o ale A e ak [...] eine
neue A on »Na u «, das heiß eine eigene dynamische No wendig-
kei , mi de die menschliche F eihei in einem gänzlich neuen Sinn
kon on ie is .“1
Die Klu zwischen dem Handeln und den Folgen des Handelns ha sich in dem
Maße e g öße , in dem Menschen Mi el nu zen, die sie om di ek en Handeln
en e nen können, da ein ande e Mensch, eine Maschine ode eine Technologie ü
sie handeln. Wo zunächs ein ach de Mensch die Folgen seines Handelns e ah en
konn e, e gib sich heu e eine Dis anz, sowei s imm Jonas’ Besch eibung bis je z .
Zusä zlich besch änk sich das Wissen um die Folgen des Handelns: „Die Klu
zwischen K a des Vo he wissens und Mach des Tuns e zeug ein neues e hisches
P oblem.“2
De Ein luss, den wi au die Wel haben, is soga so wei gewachsen, dass sich
in ielen Wissenscha en inzwischen de Beg i des An h opozäns du chgese z
ha . Diese Beg i e deu lich , dass de Mensch Technologien nich nu ü sich
nu z , sonde n dass mi de Nu zung on Technologien die Wel ak i (z.B. du ch
S äd ebau ode Landwi scha ) und passi (z.B. du ch Abgase en s andenen sau en
Regen ode du ch den CO2-Auss oß en s andene Klimae wä mung) g undlegend
e ände wi d:
„Phenomena associa ed wi h he An h opocene include: an o de -o -
magni ude inc ease in e osion and sedimen anspo associa ed wi h
u baniza ion and ag icul u e; ma ked and ab up an h opogenic pe -
u ba ions o he cycles o elemen s such as ca bon, ni ogen, phospho-
us and a ious me als oge he wi h new chemical compounds; en i-
onmen al changes gene a ed by hese pe u ba ions, including global
wa ming, sea-le el ise, ocean acidi ica ion and sp eading oceanic «dead
zones»; apid changes in he biosphe e bo h on land and in he sea, as a
esul o habi a loss, p eda ion, explosion o domes ic animal popula-
ions and species in asions; and he p oli e a ion and global dispe sion
o many new «mine als» and « ocks» including conc e e, ly ash and
plas ics, and he my iad « echno ossils» p oduced om hese and o he
ma e ials.“3
1Jonas (1979/2015), S. 37.
2Ebd., S. 33.
3Wo king G oup on he ‘An h opocene’ (2019); s. auch: Zalasiewicz u.a. (2008).
86
Meiken End uwei
Be ach e man diese wei eichenden Folgen, dann sind wi also längs dabei, mi
unse em Handeln das „Schicksal Ande e in Mi leidenscha “4zu ziehen. Und die-
se Ande en haben ebenso ein Rech , so Jonas, au Exis enz, wie ich ode wi –
somi können wi nich ein ach un, was wi ü uns (unse e Gesellscha ode
unse e Gene a ion) ü ich ig hal en, sonde n müssen auch abwägen, was es ü
die Zukün e de Ande en bedeu e . Mi Jonas Wo en: Das „au s-Spiel-Se zen des
Meinigen [is ] imme auch ein au s-Spiel Se zen on e was [...], das Ande en ge-
hö und wo übe ich eigen lich kein Rech habe“.5Dieses „eigen lich kein Rech
haben“ is de e hische Gedanke, de hie au schein : Ich da nu übe mich und
mein eigenes Leben en scheiden, nich übe das Ande e , auch dann nich , wenn
sie noch ga nich gebo en sind.
Wi bewegen als Menschen Be ge und Flüsse, ügen dem K eislau neue S o e zu,
e saue n ganze Ozeane und b ingen ein Massens e ben ins Rollen. In diesem Sin-
ne sp ich Jonas schon on „Ex emen e ne und g oßen eils unbekann e Wi -
kungen“ menschlichen Handelns, denen gemein is , dass „sie den Gesam zus and
de Na u au unse m Plane en be e en und die A de Geschöp e, die ihn be-
ölke n ode nich be ölke n sollen“.6Zu diesem Handeln sind wi gelang , da
wi als Menschen mi eine Vo s ellung on „Meh “ handeln, so analysie es de
US-Wissenscha le Leidy Klo z in seinem Buch Sub ac .7Das heu e exis ie ende
Gesellscha ssys em basie au eine Vo s ellung on Meh – es muss imme meh
p oduzie und konsumie we den, um den S anda d zu hal en, so Klo z. Das ha
zum einen mi de Ve anlagung des Menschen zu un,8abe auch mi dem Wi -
scha ssys em, das in wei en Teilen de Wel die Basis des Lebens behe sch .9Jonas
sp ich e was allgemeine on „I wege[n] de Selbs e hal ung und Selbs be iedi-
gung, die zum Un e gang üh en können – ielleich ga du ch ih e mäch igs en
T iumphe in de Technik“. Und e wa n : „Abe die Summe all de lau end be-
iedig en Augenblickszwecke [...] kann du ch ih e schie e G öße in ih Gegen eil
4Jonas (1979/2015), S. 82.
5Ebd.
6Ebd., S. 57.
7Klo z zeig au iel äl ige Weise, wa um iele heu ige Kul u en Kul u en des Hinzu ügens (engl.
adding) ode ein ache des „Meh “ sind. His o isch zeichne e dies on de An ike nach, wobei e
be on , dass es ande e sei s imme auch – o allem eligiös beding e – G enzen des Meh gab: „ he
only plausible socioeconomic goal was o main ain one’s s a ion in li e, no ad ance i “ (Klo z, 2022,
S. 109). E s nach dem Zwei en Wel k ieg (mi eine Rede on Ha y S. T uman), so Klo z, nahm
das ungeb ems e Meh (im US-gep äg en Tu bo-Kapi alismus) Fah au : „Mo e was now a mo al
objec i e, he key o peace.“
8Lau Klo z is das abe die g öß e He aus o de ung, da wi als Menschen das Minus schlech
denken und umse zen können (Klo z, 2022, S. 65–68).
9Da das Wi scha ssys em des Globalen No dens ü wei e Teile de Wel gil – sei es du ch die
Kopplung an Wäh ungen, P oduk ionss ä en ode Konsum on Gü e n –, wi d hie keine Di e-
enzie ung gemach , sonde n allgemein om „Wi scha ssys em“ gesp ochen. Poli ische und lokale
wi scha liche Di e enzen, die es zwei elsohne gib , we den dabei nich nähe un e such .
87
Möglichkei en o enhal en – ü eine E hik de Zukun
dem man sich ö ne ü e was, in das man sich einb ing .“35 Dieses Sich-Einb ingen
in die Wel geschieh imme wenige , je as lose wi agie en. Viele unse e Ak i i-
ä en (z.B. mono one ode sinnlose A bei en, Handykonsum) haben zumeis we-
nig mi uns pe sönlich zu un, wede mi unse em Geis noch mi unse em Kö pe .
Wi können nich gleichsam eilnahmslos in de Wel agie en, wenn wi ein „ge-
lungenes Leben“, wie Rosa es nenn , ans eben. Im Gegen eil, wi müssen in eine
Beziehung e en – mi ande en Menschen, abe auch mi de Wel als Ganze .
Um eine Zukun zu „haben“, muss sie uns zu Ve ügung s ehen, e s dann wi d
sie ü uns denkba , g ei ba und ges al ba . Haben heiß dahe auch innehal en.
Wenn die Zei ü uns nu noch aus Zei punk en bes eh , die wi „compu ie en“,
um es mi Flusse zu sagen, so können wi keine Ve an wo ung e ablie en – und
somi auch kein gu es Leben. Die Ve an wo ung en sp ing aus dem kö pe lichen
Dasein, dem gleichzei igen Mi einande mi ande en so wie aus de Vo s ellungs-
k a eine zukün igen Wel . Die Au o *innen de S udie des E hik a s besch ei-
ben die menschlichen Fähigkei en olgende maßen: „Kogni i e Fähigkei en sind in
ih em En s ehungs- und Vollzugsp ozess also an Sinnlichkei und Leiblichkei , So-
ziali ä und Kul u ali ä gebunden.“36 Um Teil unse e Wel zu sein, müssen wi in
ih als einzelne Mensch, abe auch als Teil eine Gesellscha mi allen Sinnen und
unse em Kö pe dabei sein.
Aus dem oben Gesag en läss sich eine Ve schiebung de Wah nehmung on Zei
au zeigen. Einmal übe lage n sich imme s ä ke e ne Zukün e mi den je z
schon ein e enden Folgen. Die Zukun meine Handlungen lieg somi zugleich
in wei e Fe ne (z.B. mögliche Fe n olgen on Mik oplas ik in O ganismen ode
dem Schmelzen des gesam en Eispanze s an den Pola kappen) wie auch in meine
di ek en E ah ung (z.B. häu ige S a kwe e phänomene, e s ä k e Waldb ände).
Zum ande en is unse e Gesellscha s a k au das Je z ixie , so dass die Zukun
scheinba ga nich gedach we den muss. Ein wei e e Aspek is de Ve lus linea-
e E ah ung und dami auch de Ve lus de Kompe enz, Zei o s ellungen wie
Zukun ode Ve gangenhei Bedeu ung zuzumessen und zu e s ehen.
Eine E hik de Möglichkei en und ih e Umse zung
Die hie besch iebenen Ve ände ungen unse es zei lichen und äumlichen Hand-
lungsho izon es u en Jonas au den Plan: „Zugespi z läß sich sagen: die Möglich-
kei , daß es Ve an wo ung gebe, is die allem o ausliegende Ve an wo ung.“37
Wenn wi du ch die Technik zu ohnmäch igen Handelnden we den ode abe
du ch den Ve lus unse es Zukun ssinns zu einen „Je z -Wesen“ we den, dann
können wi keine Ve an wo ung meh übe nehmen. Ve an wo ung, das be-
35Rosa (2024), S. 44.
36E hik a (2023), S. 29.
37Jonas (1984/2015), S. 527.
94

Meiken End uwei
sch eib Jonas auch, is e was, das wi bewuss e g ei en müssen, sie exis ie als
P lich , is abe ein ak i es Handeln. Und hie deu e sich schon an, wo de Mensch
in de on ihm umges al e en Wel seinen Pla z inden kann: De Mensch muss sich
selbs als U hebe „im Hinblick au bes imm e E eignisse und Zus ände“ sehen
können. Das bezeichnen die Au o *innen des E hik a s als Au o scha : „Die Fä-
higkei zu Handlungsu hebe scha kann als G undlage on Au onomie be ach-
e we den, also da ü , dass handelnde Menschen ih e Handlungen nach Maximen
aus ich en können, die sie sich selbe se zen.“38 Es is no wendig gewo den, diese
Au onomie des Menschen wiede in den Fokus zu se zen, sich bewuss zu machen,
wie eine solche Au onomie möglich is .
Die heu ige Wel is ein komplexes39 Sys em in e dependen e Beziehungen. Das
mach es nahezu unmöglich, die Folgen eigene Handlungen abzuschä zen, wie
auch de Design heo e ike und Philosoph Tony F y es besch eib 40 – was wiede -
um, da die Handlungsu hebe scha o unsich ba bleib , e hisches, e an wo li-
ches Handeln e schwe . Nehmen wi e wa einen All agsgegens and: das Handy.
Die Funk ionsweise dieses Ge ä es is den meis en Menschen unbekann , zu Nu -
zung is es auch nich wich ig zu wissen, wie das echnische Innenleben unk io-
nie . Doch um die Folgen unse e Nu zung des Handys abzuschä zen, müss en
wi wissen, z.B. welche Rohs o e da ü abgebau und dann im Ge ä e bau we -
den, wo dies un e welchen A bei sbedingungen geschieh , inwie e n die Umwel
da on beein luss wi d, was es ü den Menschen bedeu e , mi eine wei en e n-
en ande en Pe son zu kommunizie en – ohne diese Ande en zu sehen –, was ü
Folgen ungeb ems e Konsum soziale Medien ha ... die Lis e ele an e Themen
ließe sich lange o se zen. Das mach es no wendig, dass diese un e schiedlichen
Folgen du ch Expe *innen in Poli ik und Wi scha gleichsam euhände isch
mi bedach we den. Ähnlich ha es Jonas o mulie , de o de , dass die nega i-
en Folgen neue En wicklungen mi bedach we den müss en, be o Technologi-
en au den Ma k kommen. Jonas wu de ü diesen Gedanken k i isie , da es den
echnologischen Fo sch i hemmen wü de. Ob jede Technologie ein Fo sch i
is , sei dahinges ell , ebenso o en is , ü wen diese einen Fo sch i da s ell .41
Doch kann es a sächlich nich da um gehen, alle Folgen jegliche E indung ab-
38E hik a (2023), S. 24.
39Hie wi d de allgemeinsp achliche Beg i „komplex“ im Sinne on ielschich ig, mi einande
e loch en und zusammenhängend genu z , ohne nähe au heo e ische Konzep e on Komplexen
Sys emen einzugehen.
40„Mos ly unwi ingly, designing and he designed a e deeply implica ed in he c ea ion o he
s uc u al unsus ainabili y o he wo ld o human ma e ial and imma e ial ab ica ion ( he An h o-
pocene).“ F y (2018), S. 160. F y e läu e auch, wa um Design imme s ä ke geb auch wi d, und
zugleich, wa um es poli isch is . F y (2010).
41Imme hin bedeu e das Wo Fo sch i neben En wicklung auch Au s ieg und S eige ung und
e weis somi di ek au ein „Meh “. Eine En wicklung kann – und soll e angesich s de Wel lage –
abe auch ein Wenige bedeu en können, s. Klo z 2022.
95
Möglichkei en o enhal en – ü eine E hik de Zukun
zuschä zen (auch wenn da aus nich de Schluss zu ziehen is , dass keine Folgen
abgeschä z we den müssen, wenn e was Neues en wickel wi d). Das P oblem is
ku z o mulie olgendes: Wie können wi in de a komplexen Sys emen eine
E hik e ablie en, die das Mi denken de Zukun angemessen be ücksich ig ?
Komplexe Sys eme zeichnen sich allgemein dadu ch aus, dass es ü jedes P oblem
iele Lösungen gib und jede Ände ung an eine S elle un e schiedliche, nich unbe-
ding linea e Auswi kungen au e schiedene Teile des Sys ems haben kann. Auch
eine Po enzie ung de Auswi kungen is möglich. Doch das bedeu e im Allgemei-
nen nich , dass 1. die Folgen übe haup nich abzuschä zen sind, sonde n ielmeh ,
dass sie lediglich ü kü ze e Zei äume modellie ba sind – und die E gebnisse ü
länge e Zei äume s ä ke di e gie en, und 2. bedeu e es ebenso wenig, dass es des-
halb nich nö ig wä e, die Folgen abzuschä zen sowie – ja, a sächlich – nich jede
mögliche Technologie auch wi klich einzu üh en. Denn wenn die Konsequenz ei-
ne Technologie is , dass sie e hebliche nega i e Folgen haben kann – ode schon
un e Ums änden en s eh , die e hischen Ansp üchen zuwide läu –, dann b ing
sie de Menschhei allgemein keinen Nu zen. Wenn wi Technologien ein üh en
und au die da aus esul ie enden Konsequenzen lediglich eagie en, be eiben wi
„Design by Disas e “.42 P oak i es Handeln wä e das Gegen eil und o aussich lich
die besse e Wahl, wie Jonas mi seine „Heu is ik de Fu ch “ da ges ell ha .
„Und je wei e noch in de Zukun , je en e n e om eigenen Wohl
und Wehe und je un e au e in seine A das zu Fü ch ende is , de-
s o meh müssen Hellsich de Einbildungsk a und Emp indlichkei
des Ge ühls ge lissen lich da ü mobilisie we den: eine au spü ende
Heu is ik de Fu ch wi d nö ig, die nich nu ih das neua ige Objek
übe haup en deck und da s ell , sonde n soga das da on (und nie
o he ) au ge u ene, besonde e si liche In e esse e s mi sich selbs
bekann mach [...].“43
Die Risikoeinschä zung muss so g äl ig e olgen – die zug undeliegenden K i e ien
diese Folgenabschä zung dü en dann nich Gewinnmaximie ung und ein „sho
e m hinking“ sein. So e s anden wü de die Heu is ik de Fu ch den Menschen
nich b emsen, ielmeh wi d sie Teil eine E hik, die eine En al ung des Denkens
de Zukun und des Handelns im Je z e s e möglich .
Sinn olles Ges al en (Design) is ein Ges al en, bei dem wi die Folgen bewuss ab-
schä zen. Ein solches Design is nich möglich, wenn wi uns nu selbs im Blick
haben ode wenn wi uns ausschließlich mi uns ähnlichen Menschen gleiche Mei-
nung umgeben. Sinn olles Ges al en geschieh , indem möglichs um ang eich ele-
42Un e dem Beg i „Design by Disas e “ wi d im Fu u e Design das Abwa en g a ie ende
auch unwide u liche Folgen bezeichne , be o ein ak i es Handeln s a inde . De Beg i auch
in un e schiedlichen Zusammenhängen au u.a. auch als Gegenpaa : „by Design o by Disas e “. S.
Wacke nagel (2014); Vic o (2008); B occhi (2024).
43Jonas (1979/2015), S. 418. He o hebung im O iginal.
96
Meiken End uwei
an es Wissen gesich e und dann aus e schiedenen Pe spek i en wei e en wickel
wi d, wobei de Mensch (auch de zukün ige) und unse e Wel imme im Fo-
kus des In e esses s ehen. Eine p ak ische Me hode zu solch einem Ges al en is
das zunächs zu En wicklung on inno a i en P oduk en und Diens leis ungen
en wickel e Design Thinking. Heu e wi d de Ansa z on s a egische Un e neh-
mens üh ung übe Bildungsp ozesse bis hin zu gesellscha lichen F ages ellungen
genu z , um ein möglichs gu es (z.B. nu ze eundliches, nachhal iges ode in-
klusi es) Design zu e eichen. Ein di e ses Team en wickel da ü au Basis on
Wissen und Beobach ung in meh e en Sch i en ein ache P o o ypen44 und es e
diese, wobei Sch i e meh ach (i e a i ) du chlau en we den, um Ve besse ungen
zu en wickeln und auszup obie en.45 Beziehen wi Jonas‘ Heu is ik de Fu ch in
diesen P ozess mi ein, dann kann es nich meh allein da um gehen, in was ü
eine Wel wi leben wollen, was wi also ges al en wollen, um diese Wel und
unse Leben da in besse zu machen. Sinn olles Ges al en bedenk dann auch, in
was ü eine Wel wi übe haup leben können. Wenn unse Handeln da au hin-
ausläu , unse e Lebensg undlage zu ze s ö en ode die zukün ige Gene a ionen,
dann wä e es in diesem Sinne kein sinn olles Ges al en. Ges al en so gedach , is
imme auch poli isch, denn es kann e wa Ein- und Ausschlüsse on Menschen be-
dingen, S e eo ype pe pe uie en ode Pa izipa ion e hinde n – ode be ö de n.46
Dass diese Aspek zumeis nich beach e wi d, is ein Ve säumnis de heu igen
Zei . Dass das Design Thinking häu ig als eines Mi el genu z wi d, um mög-
lichs p o i äch ige und nich unbeding nachhal ige ode soga um dis up i e
Technologien ode Se ices zu ges al en, bedeu e nich , dass de Design-Gedanke
an sich alsch is , sonde n ielmeh , dass e o miss e s anden wi d. Hie b auch
es wiede e hisch handelnde Menschen, die das Mi el zum bes en nu zen, also im
Sinne de Zukun s e an wo ung.47
E olg eiches Ges al en bezieh auch imme die Zukun mi ein, nich als Vo he -
sage, sonde n als Möglichkei s aum, in dem es ande s – also auch besse – we den
kann. Ein solches Design Fu u ing läd dazu ein, die möglichen Zukün e aus dem
Je z he aus zu e kunden. Was wi d wah scheinlich sein, was unwah scheinliche ?
Wie wi d es ü das Indi iduum sein, wie ü die Gesellscha ? – diese und wei e e
F agen üh en dann zu Zukun sszena ien, die als eale Objek e/P ak iken im Je z
44P o o ypen können e ein ach e Modelle on P oduk en ode Teilen eines P oduk s sein, abe
auch Expe imen e, Rollenspiele ode Mus e . Sie dienen dazu, bes imm e Funk ionen ode Konzep e
zu es en, ohne dass schon ein e iges P oduk o lieg ode ein P ozess implemen ie is . P o o y-
pen im Design Thinking we den mi ein achs en Mi eln (e wa Pappe) e s ell , im Li e Design sind
es häu ig Expe imen e, in denen e was in kleins em Rahmen ausp obie wi d (e wa eine Nach im
Zel o eine wochenlangen T ekking-Tou ).
45S. bspw. Meinel u.a. (2015); Uebe nickel u.a. (2015); Pla ne u.a. (2018); hpi Academy (2020).
46Fü einen Einblick in das, was Design ü Menschen bedeu e , die „nich mi gedach “ sind, s.
C iado Pe ez (2019).
47Eine um ang eiche K i ik am Design allgemein s. auch F y (2010).
97
Möglichkei en o enhal en – ü eine E hik de Zukun
an assba gemach we den können.48 Ein wei e es Beispiel sind Rä e ode Ins i u-
ionen, die, wie K zna ik es besch eib , eingese z we den, um die Zukun eil de
ak uellen Poli ik we den zu lassen.49 So wi d zum einen zukün igen Gene a ionen
eine ( ik i e, abe eal hö ba e und leiblich e ah ba e) S imme gegeben. Zum an-
de en e ah en Menschen, wie es sich an ühl , wenn die Folgen heu igen Handelns
ein e en – dadu ch kann Long Te m Thinking eingeüb we den.
So kann aus de e nen Zukun mi all ih en Ungewisshei en ein e ah ba e Raum
we den, in dem wi bzw. au den hin wi e an wo ungs oll agie en können, so
wie Jonas o de e: „In de neuen Handlungsdimension abe handel es sich nich
meh um müßige Phan asien; die P ojek ionen in die Fe ne gehö zu ih em Wesen
und ih e P lich , und ih e Ungewißhei muß dahe eine ande e Vo sch i begeg-
nen.“50 Die Ve an wo ung, die Jonas ans eb , muss in eine poli ische E hik mün-
den, da „die Mach , als in diesem Fall kollek i -soziale, auch kollek i kon ollie
we den muß“.51 Siche is , dass wi nich nu nach de Maxime g öß möglichen
mone ä en Gewinns handeln soll en. Ode nach de g öß möglichen Mach übe
ande e Menschen. Es is eine poli ische Au gabe, dies zu e hinde n, ebenso wie
eine Poli ik die Folgen des menschlichen Handelns e kennba we den lassen muss,
sie gleichsam sich ba und e ah ba machen, be o sie ein e en, so dass En schei-
dungen zu handeln anspa en ge äll we den können.
Es b auch e ne meh als einen simplen – und meis indi iduellen – Ve zich ,
um eine nachhal ige Ve ände ung und eine nachhal ige Wel ü die Zukun zu
(e -) inden. Wenn wi keine Regene a ion meh e möglichen, können wi unse
Leben nich meh ges al en. Pa allel geh die Ausbeu ung de na ü lichen Ressou -
cen mi de Ze s ö ung unse e Lebensg undlagen einhe . In diesem Sinne benö-
igen wi Visionen ü ein neues gesellscha liches Sys em, in dem die indi iduelle
Regene a ion ebenso e möglich wi d wie die de Na u . E s wenn es möglich
is , Ve an wo ung ü mein eigenes Wohle gehen zu haben, kann ich mich selbs
48Beispiele ü solche Szena ien we den bei G oß/Mandi 2022 da ges ell , da un e die Samm-
lung on Saa gu im S alba d Global Seed Vaul (h ps://www.seed aul .no/), mi wachsende Klei-
dung (h ps://shop.pe i pli.com/en-de/pages/abou -pe i -pli) ode die Kuns ins alla ion The Sinking
House zum Klimawandel (h ps://www.colla e .al/en/london-sinking-house- hames-ins alla ion/).
Alle le z e Zug i 15.09.2025.
49Zahl eiche Lände we den bei K zna ik (2020, S. 176–183) au ge üh , die solche „Zukun sko-
mi ees“ haben, da un e Finnland, Tunesien, das Ve einig e König eich und Unga n. In Japan ep ä-
sen ie en in Ve sammlungen zu lokalen En scheidungen die Häl e de Teilnehmenden die ak uellen
Einwohne *innen, die ande e Häl e agen besonde e Män el und ep äsen ie en Einwohne *innen
aus dem Jah 2060. S udien zu diesen Ve sammlungen zeigen: „[...] he u u e esiden s de ise a
mo e adical and p og essi e ci y plans compa ed o he cu en ones, pa icula ly on en i onmen al
policy and heal h ca e.“ K zna ik (2020), S. 181.
50Jonas (1979/2015), S.81.
51Jonas (1984/2015), S. 528.
98
Meiken End uwei
als handelnd wah nehmen.52 E s dieses Zusammenspiel on E ah ung und Selbs -
wi ksamkei e ö ne mi ein Nachdenken übe Handlungs äume, die auch g öße e
sein können als die indi iduelle Ve ände ung. Ein Nachdenken beda imme auch
Zei , de en E ah ung, wie oben gezeig , ja eine s a ken Umwandlung un e lieg .
K zna ic analysie , dass wi „ ime o e lec ion, explo a ion and con e sa ion“53
b auchen, um ande s bzw. Langzei denken zu le nen. Es sind die na a i en P ak-
iken, on denen K zna ic hie sp ich . Mi Paul Ricœu gedach , b auch es eine
E zählung, um ein Selbs und eine Zei e ah ung zu e ablie en. „Mi ande en Wo -
en: daß die Zei in dem Maße zu menschlichen wi d, in dem sie sich nach einem
Modus des Na a i en ges al e , und daß die E zählung ih en ollen Sinn e lang ,
wenn sie eine Bedingung de zei lichen Exis enz wi d.“54 Dazu können Kuns (al-
len o an die Li e a u bei Ricœu ) abe auch Zei en und Räume ü Dialog dienen.
Dabei s eh das Zuhö en im di ek en Aus ausch mi dem Ande en wiede im Fo-
kus sowie auch das eigene E zählen on Geschich e(n) – und nich zule z on
zukün igen Geschich en.
Wich ig schein mi hie zu be onen, dass es nich um einen abs ak en Ande-
en geh , sonde n a sächlich um die Menschhei und das bedeu e auch: um alle
Menschen, so wie sie indi iduell sind. Um eine E hik ü die Zukun agba zu
machen, muss diese Viel al mi gedach we den. Eine Viel al de Ansich en, de
Menschen, de Ande en.55 Ve an wo ung speis sich nich aus dem Gleichen, son-
de n genau auch aus de Ve an wo ung ü jemanden, de ande s is , nich nu
ein Ande e als ich. Ve an wo ung speis sich auch aus dem Un e schied, den ich
zulassen können muss, denn sie is uni e sell und nich nu au bes imm e Pe -
sonen ode G uppen bezogen. Wenn Jonas die zukün igen Menschen besch eib ,
die mögliche weise ande s, abe doch wie wi sind, is dies ein e s e Gedanke in
diese Rich ung. De soll hie noch einmal s a k gemach we den: De Ande e ha
in seinem Ande ssein ein Rech gehö zu we den. Dahe muss ich le nen, diesen
Ande en auch in seine Ande shei wah zunehmen, ihm zuzuhö en und auch in
seinem Ande ssein sein zu lassen – und meh noch: mi diesem Ande en in eine
ech e Beziehung zu e en. Wi b auchen nich ein ach Kon ak , sonde n das, was
Rosa als Resonanz besch eib . Vielleich nich mi jedem einzelnen Menschen, abe
doch mi eine Viel al on Menschen und mi de Wel . Ku zum: Wi müssen uns
als Menschen in eine Mi wel bewegen, on de wi ein Teil sind, nich meh und
nich wenige . Diese schließ die ande en Menschen ebenso ein wie alles Leben-
52Das Zusammenspiel on E ah ung und Selbs wi ksamkei auch in kleinen Handlungen und
Wohlbe inden wu de in de Posi i en Psychologie iel ach beleg , s. Seligman (2011 u. 2018). Es wi d
e wa im Li e Design genu z , wo die „eigenen Ideen umse zba [gemach we den], mi möglichs
wenig Risiko in Bezug au Geld, Zei und Emo ionen“. Ke nbach/Epple (2022), S. 199.
53K zna ic (2020), S. 241.
54Ricœu (1988), S. 87.
55Zu einem küns le ischen Ansa z, den Ande en zu sehen s. den Bei ag on Ch is iane B. Be hke
in diesem Band.
99

Möglichkei en o enhal en – ü eine E hik de Zukun
de und auch die Wel in ih en na ü lichen und küns lichen Fo men. Wi sind nie
allein, wi sind imme mi de Wel .
Dieses „mi de Wel sein“ schließ im An h opozän, wie oben gezeig , auch das
Vi uelle mi ein. Dabei wa de Ve lus des kö pe lichen Seins be on wo den. Ei-
ne Möglichkei , dass Menschen dennoch auch im Vi uellen einen s ä ke en Bezug
au bauen, is das E zählen. Das E zählen, so Paul Ricœu , dien dem E ablie en
eines Selbs . In sozialen Medien beispielsweise e zählen Menschen „ih Leben“.56
Diese E zählungen können als selbs e s ändliche Teil de Pe sönlichkei gesehen
we den, d.h. diese Menschen e ah en sich nich nu als Leib in de Wel , son-
de n auch als E zählung in de Wel . Hie lieg meine Ansich nach ein wich ige
Punk , denn die E zählung is le z lich wiede ückgekoppel an den Leib, on dem
sie ausgeh . Die i uelle Simula ion üh somi nich gänzlich zu eine En kopp-
lung, sonde n die i uell ausge üh en Handlungen bilden einen Teil de Iden i ä
und dami sind sie Teil des ealen Lebens. Doch wi d diese Rückbindung des ein
Vi uellen an das leibliche Sein iel zu o nich hin eichend bedach . Sie einzu-
beziehen, könn e eine E hik als Handlungsmaxime zwischen Menschen wiede in
K a e en lassen, wenn wi in de E zählung die S imme des Ande en hö en
können, sie ü uns als leiblich e ah ba e en gegen i . Dass dies zu zei o en-
sich lich wenige geling , mach ein Nachdenken übe die Technologien und die
Nu zungsbedingungen diese Technologien no wendig.
Eine Gesellscha muss zudem die Möglichkei haben, e ne Gene a ionen zu ima-
ginie en, sich diese emden zukün igen Menschen, die man nie pe sönlich ken-
nenle nen wi d können, o zus ellen, wie sie leben, wie ih e Wel aussehen wi d.
Ku zum: Ihnen du ch die eigene Vo s ellungsk a eine zwa ik i e, abe dennoch
mögliche und e ah ba e S imme geben. Hie is noch einmal Rosa und die on
ihm besch iebene Beschleunigung zu bedenken: Je schnelle de echnologische
Fo sch i , des o wenige können wi absehen, wie die Zukun aussieh . Fü
Gedankenspiele in die Zukun is dann kein Pla z meh , zumal wi – wie oben
besch ieben – nu noch in einem ewigen Je z denken können. Umso d ingen-
de schein es zu we den, dass Gesellscha en das Sich-Vo s ellen diese F emden
kün igen Menschen nich abs ak en Vo he sagen on Expe *innen zu übe las-
sen. Um eine Zukun zu haben, muss diese gedach we den können, on jedem
einzelnen Menschen ü sich selbs , abe auch gesellscha lich als „Zukun de
Menschhei “. Da ü müssen Fähigkei en kul i ie we den, wie die Inne De e-
56F agen nach „Wah hei “ sollen hie ausgelassen we den, da es zu wei üh en wü de. Abe es
is selbs e s ändlich so, dass Menschen ih e E zählungen (unbewuss ) ik ionalisie en und dami
auch bewuss lügen können, ein wei e b ei e es und seh ge äh liches Phänomen ( ake news und
manipula i e Pos s sind Beispiele da ü ).
100
Meiken End uwei
lopmen Goals (IDGs)57 ode das Fu u e C a ing.58 Im Zen um s eh dabei, das
Denken in Möglichkei en, nich in Gewisshei en ode Wah scheinlichkei en. Ziel
wä e es, das k ea i e Po enzial des Menschen zu s ä ken und so iele Baus eine
eine Zukun zu imaginie en.
Das, was hie in un e schiedlichen Ausp ägungen da ges ell wu de, läss sich ol-
gende maßen zusammen assen: Es b auch eine E hik, die nich meh nu den An-
de en im Fokus ha und sein Exis ie en, sonde n ihm seine Möglichkei en zu han-
deln e häl . Die Zukun is ein unsiche es Te ain. Wi können sie zwa beein lus-
sen, doch au g und de Komplexi ä de Vo gänge nich o he sagen. Doch unse
Handeln je z und o allem unse e Vo s ellungen om Je z p ägen die Zukun
maßgeblich. Dahe is eine E hik no wendig, die e lang , dass wi diese Zukun
als Zukun ü ande e Menschen e hal en, was Jonas’ Ansp uch zuspi z : Die zu-
kün igen Gene a ionen müssen nich nu ein „gu es Leben“ haben. Sie müssen
auch o ene Möglichkei en haben, einschließlich de , sich wiede um Zukün e o -
zus ellen. Zukun bedeu e auch, dass es un e schiedliche Möglichkei en gib , wie
diese Zukün e aussehen.59 Diese Möglichkei en ü alle Menschen o enzuhal en
und Zukün e im Je z e ah ba zu machen, soll e das Ziel eine E hik sein.
57Die IDGs wu den on de gemeinnü zigen Open-sou ce-Ini ia i e Inne De elopmen Goals
AB (ge agen on de Ekskä e Founda ion) mi ielen wel wei en Pa ne *innen aus Uni e si ä en
und Fo schungsein ich ungen e a bei e . Zu o wu de in S udien e o sch , was ü Kompe enzen
und Fähigkei en wi als Menschen mi b ingen ode e le nen müssen, dami wi uns ü eine zukün -
ige Wel engagie en können, um eine zukün ige Wel imaginie en und ges al en zu können. Aus-
gangspunk de Übe legungen wa die E ah ung, dass sich nich aus eichend Menschen, O ganisa-
ionen, Un e nehmen und S aa en ü die on de UN en wickel en Nachhal igkei sziele (Sus ainable
De elopmen Goals – SDGs) einse zen, die zum Ziel eine ge ech e e, ied olle e und nachhal ige e
Wel haben, in de e wa die Klimaziele, Gleichbe ech igung und F ieden e eich we den. Die Lücke
zwischen Wissen und Handeln is g oß: Als Menschhei wissen wi , dass de Klimawandel und das
A ens e ben unse e Wel ze s ö en, wi e ände n jedoch nich unse Handeln dahingehend, dass
die no wendigen Maßnahmen in Ang i genommen we den. Die echnischen Lösungen und die
ech lichen Rahmenwe ke bes ehen zumindes in Teilen, doch eichen sie nich aus – denn e ände n
muss sich de Mensch. Ganz allgemein besch eiben die IDGs Fähigkei en und Ve hal ensweisen, die
jede Mensch meh ode wenige ausgep äg be ei s besi z . Die IDG-Ini ia i e sieh diese Kompe-
enzen als Basis da ü , dass Menschen ü En wicklung und Ve ände ung o en sind, zusammen mi
ande en an Lösungen a bei en und das g oße Ganze im Blick haben können. Es sind Fähigkei en, die
uns be eiche n können und au unse Wohlbe inden einzahlen, wenn wi beispielsweise ein Ge ühl
de Ve bundenhei zu ande en und de Na u en wickeln, und sie e möglichen uns, om Denken ins
Handeln zu kommen.
58Einige Beispiele da ü : h p://c a ing u u es.de/. h ps://c a ing u u es.ne /; h ps://www.
u u ec a .je z /. Le z e Zug i 15.09.2025.
59Es wi d hie im Plu al on Zukün en gesp ochen, um au zuzeigen, dass es iele un e schied-
liche mögliche Szena ien ü eine Zukun gib . Im Gegensa z on „de Zukun “ be onen „die Zu-
kün e“ das Po enzial und die O enhei dessen, was in Zukun passie en kann.
101
Möglichkei en o enhal en – ü eine E hik de Zukun
Schluss
Die He aus o de ung ü Jonas wa , eine E hik zu en wickeln, die o en genug is
ü neue En wicklungen – im Posi i en wie im Nega i en – und zugleich uni e sell
genug bleib , um alle Menschen – auch jene, die noch nich gebo en ode en wi-
ckel sind – einzuschließen. Die nächs e He aus o de ung is , diese E hik dann auch
in Poli ik, Wi scha und im Leben zu implemen ie en und ih genug Mach zu
geben, sich gleichsam als Handlungslei aden du chzuse zen. S a eine Technik-
olgenabschä zung b auch es da ü Menschen, die sich konk e e Zukün e o s el-
len, en sp echende E zählungen e mi eln und kollabo a i Visionen e a bei en
können, die in konk e en Szena ios e ah ba und somi ü den einzelnen leiblich
ückgebunden sind. Als Basis b auch es da ü eine E hik, die die Möglichkei en im
Je z un e s ü z und ü die Zukun o enhäl .
In diesem Bei ag habe ich lediglich au einige P ak iken hingewiesen, die eine Ge-
sellscha be ö de n können, die Ve an wo ung in Jonas‘schem Sinne übe nehmen
kann. Da ü b auch es die Möglichkei zu e lek i em Innehal en in Gesp ächen,
im Kuns genuss ode auch allein, dami es zu Gewohnhei wi d, die Zukun mi -
zudenken. Es b auch e lässliche soziale Beziehungen mi ande en Menschen, die
zudem iel äl ige Meinungen, He kün e und Lebense ah ungen haben, um die
Möglichkei zu haben, Ein luss zu nehmen. Es b auch (posi i e) Visionen, dami
wi g öße e Zusammenhänge sehen und dann auch ges al en können. Und dann
müssen wi auch selbs E zählungen ode We ke scha en, in denen Möglichkei-
en sich ba we den, dami wi zu eine Menschhei we den können, die auch in
Zukun ode besse : in Zukün en denkba is .
Wo wi heu e unse e Handlungsop ionen und unse e Zei beg enzen und e engen,
plädie e ich ü eine Zukun se hik als E hik de Möglichkei en, des Imaginä en
und doch e ah ba en, die Handlungs äume o enhäl . Eine solche E hik e s eh
sich ge ade nich als o sch i sk i isch, ielmeh e möglich sie dem Menschen
seine En al ung, da sie die E hal ung seine Lebensg undlage auch aus de Pe -
spek i e de Zukun mi denk .
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103
Poli ische Ve an wo ung. Re lexionen zu Hans Jonas und Hannah A end
Ich möch e diesen le z genann en Gedanken on Jonas au g ei en, indem ich ihn
in Beziehung se ze zu Hannah A end s Ve s ändnis on poli ische U eilsk a .
Jonas selbs heb he o , dass das P inzip de Ve an wo ung de Poli ik beda ,
jedoch bleib das, was e als Poli ik beg ei , im adi ionellen Ve s ändnis on
Poli ik e ha e . Es schein mi deshalb no wendig, das P inzip de Ve an wo ung
als Fe ne hik mi eine Ve an wo ung als poli ische P axis zu e knüp en.
Poli ische U eilsk a als Vo ausse zung poli ische
Ve an wo ung28
Bekann lich se z e sich auch Hannah A end nach den Zi ilisa ionsba ba eien des
zwanzigs en Jah hunde s in eine A „ e enden K i ik“ (Habe mas) mi de Phi-
losophie Kan s auseinande . Gegen die Übe mach gesellscha spoli ische Ve häl -
nisse okussie sie au die „e wei e e Denkungsa “, die Kan in seine „d i en
K i ik“29 en al e , und ück diese ü eine Philosophie des Poli ischen in den Vo -
de g und: „Ans elle des Wo es Geschmack kann man bei Kan übe all U eilsk a
einse zen. Dann is so o o enba , dass es sich in de K i ik de U eilsk a um
eine e s eck e K i ik de poli ischen Ve nun handel .“30 De Gemeinsinn, de
„sensus communis“ is „die Legi ima ion des U eilens“, „e en häl die Bedingung
de Möglichkei des Mi einande s“.31 Diese Fo m des Denkens e lang es dem Ein-
zelnen ab, übe seine p i a en, egois ischen Impulse (Kan s P i a bedingungen, die
wi hie als gesellscha spoli ische Bedingungen in e p e ie en) hinauszugehen und
sich a sächlich o zus ellen, was es heiß , „an de S elle jedes ande en zu denken“.32
Wich ig ü diese Neubes immung des P ozesses de Au klä ung is de Beg i des
sensus communis. Kan de inie ihn als die
„Idee eines gemeinscha lichen Sinnes, d. i. eines Beu eilungs e mö-
gens [...], welches in seine Re lexion au die Vo s ellungsa jedes an-
de en in Gedanken (a p io i) Rücksich nimm , um gleichsam an die
gesam e Menschen e nun sein U eil zu hal en und dadu ch de Illu-
sion zu en gehen, die aus subjek i en P i a bedingungen, welche leich
ü objek i gehal en we den, könn en au das U eil nach eiligen Ein-
luß haben.“33
28Diese Abschni um ass Gedanken übe den Zusammenhang on Plu ali-
ä /U eilsk a /sensus commuins und dessen ma e ialis ische Wendung, die ich an ande e
S elle ausge üh habe (Mein s-S ende 2013, 2016, 2018, 2019).
29Kan (1988), § 40.
30A end (2002), S. 577; Vgl auch Mein s-S ende /Lange (2023).
31Ebd., S. 578.
32Vgl. Mein s-S ende /Lange (2023).
33Kan (1988), S. 225; B 157.
110

Wal aud Mein s-S ende
Dieses geschehe nun dadu ch, so wei e Kan , „daß man sein U eil an ande e nich
sowohl wi kliche, als ielmeh bloß mögliche U eile häl und sich in die S elle je-
des ande en e se z “.34 Die Maximen des Gemeinsinns bes ehen in olgenden „d ei
Denkungsa en“: (1) Selbs denken; (2) an de S elle jedes ande en denken; (3) jede -
zei mi sich selbs eins immig denken. Die e s e Maxime des Gemeinsinns wi d
du ch den adi ionellen Au klä ungsgedanken (Sape e aude!) bes imm . Es is die
Maxime de Vo u eils eihei . Die zwei e zeichne sich du ch einen allgemeinen
S andpunk aus, on dem aus geu eil wi d, indem man sich in den S andpunk an-
de e e se z . Die le z e Maxime is die de e olg eichen Anwendung de o he
genann en, eben die de konsequen en Denkungsa . A end ha nun de zwei en
Maxime – „an de S elle jedes ande en denken“ – eine besonde e poli ische Bedeu-
ung zukommen lassen.
„Vielmeh gil es, mi Hil e de Einbildungsk a , abe ohne die eige-
ne Iden i ä au zugeben, einen S ando in de Wel einzunehmen, de
nich de meinige is , und mi nun on diesem S ando aus eine eigene
Meinung zu bilden. Je meh solche S ando e ich in meinen eigenen
Übe legungen in Rechnung s ellen kann und je besse ich mi o s el-
len kann, was ich denken und ühlen wü de, wenn ich an de S elle de-
e wä e, die do s ehen, des o besse ausgebilde is dieses Ve mögen
de Einsich [...] und des o quali izie e wi d schließlich das E gebnis
meine Übe legungen, meine Meinung sein.“35
Diese P axis nämlich e mögliche ein „Sehen und Gesehen we den“ und ein „Hö-
en und Gehö we den“ alle Gesellscha smi gliede . De P ozess de Au klä ung
heu e hä e die Fähigkei zu ö de n, „an de S elle jedes ande en (zu) denken“, e s
dann könn e aus dem nega i en de posi i e, au geklä e Zus and he o gehen, de
es jede und jedem e laub , „ohne Angs e schieden sein“36 zu können. Zugleich
kann man es hal en, dass de Fokus bei den Maximen häu ig nu au das „Selbe -
denken“ geleg wu de, und dass ohnehin die d ei Maximen nich in einem inne-
en Zusammenhang gelesen we den. A end s He o hebung de zwei en Maxime
e lek ie den Ums and, dass eine de Bedingungen menschlichen Lebens da in
lieg , dass sie au einande angewiesen sind, und dieses Au einande -Angewiesensein
sich in ganz un e schiedliche Weise ges al en läss , nämlich als Gegen-, Fü - ode
Mi einande . Wobei sich ü A end „kein ande e Bes and eil des adi ionellen
philosophischen F eihei sbeg i s als so e de blich e wiesen“ ha , „wie die ihm
inhä en e Iden i izie ung on F eihei und Sou e äni ä .“37 Das Denken übe F ei-
hei wi d sinnlos, wenn es on de Bedingung de Nich -Sou e äni ä menschliche
Exis enz abs ahie . Es is bekann , dass A end ü ih en empa hischen Beg i
34Ebd.
35A end (1994b), S. 342.
36Ado no (1997), S. 131.
37A end (1994a), S. 213.
111
Poli ische Ve an wo ung. Re lexionen zu Hans Jonas und Hannah A end
des Poli ischen das Mi einande als die Möglichkei eines Poli ik- und Mach be-
g i s e s eh , de eine gleichbe ech ig e Fo m de Menschen un e einande im
Denken und Handeln e möglichen soll. Gegen die adi ionellen Konzep e on
Poli ik o de sie einen k i ischen Poli ikbeg i als das „Zusammen- und Mi ein-
ande sein de Ve schiedenen“.38 Menschen sind imme an Ande e gebunden, ih e
Gesam exis enz hänge da an, dass es Ande e gib , weil nu Menschen „im Singu-
la nich exis ie en“ könn en.39 De Beg i de Plu ali ä bezeichne zunächs das
Fak um, dass nich ein Mensch, sonde n iele Menschen die Wel be ölke n, und
um ass , dass Menschen sowohl gleicha ig als auch e schieden sind: Gleicha ig,
inso e n alle Menschen sind; e schieden, inso e n kein Mensch je einem ande en
gleich . Eine sei s gib es ohne Gleicha igkei keine Ve s ändigung un e den Men-
schen, ande e sei s gäbe es ohne Ve schiedenhei keinen G und ü eine Ve s än-
digung, wede ü die Sp ache noch ü das Handeln.40 Das Fak um de Plu ali ä
de Menschen – als eine Vielzahl on Menschen, die Ve schiedene sind – ko e-
spondie mi eine Plu ali ä on Pe spek i en au die soziale Wi klichkei , die
de ein achen Ta sache en sp ing , dass jede und jede einen nu ih /ihm eigenen
O in de Wel ha . Das Fak um de Plu ali ä de Menschen – als eine Vielzahl
on Menschen, die Ve schiedene sind – ko espondie mi eine Plu ali ä on Pe -
spek i en au die soziale Wi klichkei , die de ein achen Ta sache en sp ing , dass
jede und jede einen nu ih /ihm eigenen O in de Wel ha .41 Abe , und das is
ü A end en scheidend: Nu in de ak i en Auseinande se zung mi Ande en en -
al e und kons i uie sich diese Plu ali ä de Menschen, weil sich das „We eine
is “ ode „We wi sind“ im Sp echen und Handeln o enba :
„Handelnd und sp echend o enba en die Menschen jeweils, we sie
sind, zeigen ak i die pe sonale Einziga igkei ih es Wesens, e en
gleichsam au die Bühne de Wel , au de sie o he so nich sich ba
wa en. Im Un e schied zu den Eigenscha en, dem was eine is , is das
eigen lich pe sonale We -jemand jeweilig is , unse e Kon olle da um
en zogen, weil es sich unwillkü lich in allem o enba , was wi sagen
ode un.“42
Um A end s Beg i de Poli ik gegen adi ionelle Poli ikbeg i e zu wenden, die
da au ausgeleg sind, das Bes ehende lediglich zu ep oduzie en und au das Funk-
ionie en de Bü ge *innen zu okussie en, beda es eine Wendung au die so-
zialen, s uk u ellen und ins i u ionellen Vo ausse zungen und Bedingungen ih-
e Bü ge *innen. A end ha zwa dieses „Zusammen- und Mi einande sein(s) de
Ve schiedenen“ mi de Idee und P axis des sensus communis aus de d i en K i ik
38A end (1993), S. 9 .; Vgl. Mein s-S ende (2013); Mein s-S ende /Lange (2023).
39A end (1994), S. 2I3 .
40A end (1985).
41Vgl. Mein s-S ende (2013, 2016).
42A end (2003), S. 219.
112
Wal aud Mein s-S ende
on Kan e knüp , den sie als eine „E hik de Mach “ in e p e ie , inso e n diese
„Ope a ion de Re lexion“ die Möglichkei e ö ne , ande e Pe spek i en au einen
Sach e hal zu e ö nen. Dazu is es abe auch nö ig, A end s Kan -Lek ü e ma e-
ialis isch zu wenden, d. h. dieses „an de S elle jedes ande en Denken“ als Re lexion
au die gesellscha spoli ischen Bedingungen zu beziehen. E s diese E wei e ung
au sozioökonomische Bedingungen e ö ne die Möglichkei , diese „Ope a ion de
Re lexion“ mi F agen de sozialen Ge ech igkei und gesellscha lichen Dehuma-
nisie ungsp ozessen zu e knüp en. Wenn de sensus communis in diese Hinsich
als E hos de Mach gelesen we den kann, dann e möglich poli ische Pa izipa ion
als P axis de „e wei e en Denkungsa “ in ih em Vollzug K i ik.
Bezieh man nun diese Übe legungen on A end au den o he e ö e en Kon-
ex des P inzips de Ve an wo ung und den on Jonas neu o mulie en ka e-
go ischen Impe a i , so zeig sich auch bei A end eine g undlegende K i ik an
de Mo alphilosophie Kan s, denn die Mo al bliebe, so A end , so „me kwü dig
schweigsam [...], so o ensich lich ba jede schöp e ischen An wo , als »mo ali-
sche« und poli ische F agen sie he ausge o de haben“.43 In eine Neuaneignung
de Philosophie Kan s geling es A end , eine Fo m des Denkens eizulegen, die
einen Weg aus den Apo ien adi ionelle Philosophie – also auch de kan ischen
– e möglich . Ih e K i ik an de Philosophie Kan s is inso e n e we end und
e end zugleich. Sie e wi das kan ische „Fak um de Ve nun “, dem sie das
„Fak um de Na ali ä und de Plu ali ä “ en gegense z . Sie lehn nich nu jegli-
che Fo m on Geschich sphilosophie, sonde n auch die Mo alphilosophie Kan s
ab. Und doch knüp sie an Kan s d i e K i ik an – abe nich , um sie so zu las-
sen, wiFe sie is , sonde n um sie poli isch zu wenden. Gegen den ka ego ischen
Impe a i wende sie ein:
„Daß es ein Absolu es gib , die P lich des Ka ego ischen Impe a i es,
die übe den Menschen s eh , in allen menschlichen Angelegenhei en
en scheide und auch um de Menschlichkei in jedem Ve s ande nich
geb ochen we den da – dies is ja den K i ike n de Kan ischen E hik
o als e was Unmenschliches und Unba mhe ziges au ge allen. Abe
diese Unmenschlichkei is nich dem geschulde , dass die Fo de ung
des ka ego ischen Impe a i s e wa die Möglichkei eine zu schwachen
Menschenna u übe o de e, sonde n einzig und allein dem, dass e
absolu gese z is und in seine Absolu hei den zwischenmenschli-
chen Be eich, de seinem Wesen nach aus Bezügen und Rela ionen be-
s eh , au e was es leg , das seine g undsä zlichen Rela i i ä wide -
sp ich .“44
43A end (1994c), S. 119.
44A end (1989), S. 43 .
113
Poli ische Ve an wo ung. Re lexionen zu Hans Jonas und Hannah A end
Hie zeig sich auch die Gemeinsamkei on A end und Jonas in ih e Kan -K i ik,
auch wenn die Gegens andsbe eiche, au die sie sich beziehen, e schiedene sind.
Denn A end geh es hie um die Plu ali ä de Menschen, als Einhei on Gleich-
hei und Ve schiedenhei , die du ch den ka ego ischen Impe a i nich be ücksich-
ig we den kann. So o mulie sie:
„Mein Haup gesich spunk ü die Ausg enzung de U eilsk a als
eine besonde en Fähigkei unse e Geis es wi d de sein, dass U ei-
le wede du ch Deduk ion noch du ch Induk ion zus ande kommen;
ku z, sie haben nich s mi logischen Ope a ionen gemein – wie wenn
man sag : Alle Menschen sind s e blich, Sok a es is ein Mensch, also
is Sok a es s e blich.“45
Hannah A end e knüp die Idee de Plu ali ä des Menschen mi eine p oduk-
i en Relek ü e on Kan s Konzep de e lek ie enden U eilsk a . De en poli i-
sche Rele anz lieg ü sie da in, dass die Wi klichkei nu in de Auseinande se -
zung mi de Pe spek i e ande e e kennba wi d – diese Viels immigkei wi d so
zu G undlage de U eilsbildung.
„Wenn es denn ich ig is , dass ein Ding in de Wel des Geschich lich-
Poli ischen wie in de Wel des Sinnlichen nu dann wi klich is , wenn
es on allen seinen Sei en sich zeigen und wah genommen we den
kann, dann beda es imme eine Plu ali ä on Menschen ode Völ-
ke n und eine Plu ali ä on S ando en, um Wi klichkei übe haup
möglich zu machen.“46
In diese Ve bindung on Plu ali ä und U eilsk a i de sensus communis als
zen ale Ka ego ie he o – jene besonde e Sinn, „de uns in eine Gemeinscha
ein üg “.47
De sensus communis soll e möglichen, dass sich das Sp echen und Handeln au
gleichbe ech ig e G undlage ollzieh , indem die un e schiedlichen Vo ausse zun-
gen und Bedingungen Ande e in de eigenen U eilsbildung mi e lek ie we -
den. Welche Bedeu ung ha diese Ve knüp ung on Plu ali ä mi de U eilsk a
ü eine poli ische Ve an wo ung? Wenn sich soziale Wi klichkei du ch die Plu-
ali ä de Pe spek i en au sie kons i uie , so können subjek i e Sinnwel en, die
„Subjek i i ä des Es-schein mi “ dadu ch au gehoben we den, dass die Viel al
de Pe spek i en on Ande en au den gleichen Gegens and bei de U eilsbildung
be ücksich ig wi d. Kan nenn dies die „e wei e e Denkungsa “, die Fähigkei ,
„an de S elle jedes ande en zu denken“. Mi diese Fo m des Denkens e wei e
und e lek ie man die „P i a bedingungen“ des eigenen Denkens. Man s ell sich
o , wie diese Sach e hal /Gegens and aus eine ande en Pe spek i e und un e
45A end (1985), S. 14.
46A end (1993), S. 105.
47A end (1985), S. 97.
114
Wal aud Mein s-S ende
ande en Bedingungen aussieh . Man e lek ie übe sein eigenes U eil, so A end
in Anlehnung an Kan , wenn man on einem allgemeinen S andpunk denk , den
man nu dadu ch e eich , dass man sich an den S ando Ande e e se z . Mi
Hil e de Einbildungsk a , die diese Fo m de e wei e en Denkungsa e mög-
lich , kann ich mi den S ando de Ande en e gegenwä igen: „den Pla z, au
dem sie s ehen, die Bedingungen, denen sie un e wo en sind, die nie die gleichen,
sonde n „ on Indi iduum zu Indi iduum, on eine Klasse und G uppe zu ande-
en“ e schieden sind.48 Diese Ve knüp ung on Plu ali ä und poli ische U eils-
k a is on en scheidende Bedeu ung, um ein gleichbe ech ig es Mi einande on
e schiedenen Menschen zu e möglichen. Sie e möglich eine Fo m des Denkens,
die adie e Vo u eile und T adi ionen hin e ag , und de en Gül igkei un e
gegenwä igen gesellscha spoli ischen Bedingungen übe p ü . Ande e sei s kann
sie no ma i eine Einbeziehung de Pe spek i en on gleichbe ech ig en Ande en
im Denken und Handeln ö de n, die nich au einem Gegen- ode Fü -, sonde n
au einem Mi einande basie en.
Poli ische Ve an wo ung abe bes eh ü A end nich nu in de Wah ung de
G und ech e, sonde n se z die Teilhabe alle an den ö en lichen Angelegenhei-
en49 o aus. Dies beda eines Rech s au Rech e, eine Mi gliedscha in einem
poli ischen Gemeinwesen, de es übe haup e s e möglich , „au G und on Hand-
lungen und Meinungen beu eil “50 zu we den. Das heiß auch, dass die Bedin-
gungen de Möglichkei gescha en we den müssen, dass zum Beispiel Ge lüch e e
du ch ih e „Handlungen und Meinungen beu eil “ we den, und nich anhand on
exis ie enden Zugehö igkei s- und zusch eibenden Di e enzkons uk ionen essen-
ialis ische A – sei es au eine kollek i en ode indi iduellen Ebene. Es e o -
de ein „ on Ande en Gesehen- und Gehö we den“.51 Du ch das „ on Ande en
Gesehen- und Gehö we den“ we den die Bedingungen, G ünde und U sachen des
Ge lüch e en übe haup e s e ah ba und analysie ba , weil „ein jede on eine
ande en Posi ion aus sieh und hö “.52 Im P ozess des „Gesehen- und Gehö we -
dens“ können de en Ve s ickungen in Un ech se ah ungen und P ozesse de De-
humanisie ung hema isie , a ikulie und k i isie we den. Das „Gesehen- und
Gehö we den“ is also eine poli ische Fo m des Denkens und Handelns, die gegen-
s andsbezogen die Einbeziehung de Pe spek i en on gleichbe ech ig en Ande en
zum Gegens and ha , die Immanuel Kan als „e wei e e Denkungsa “ besch ieb
und die Seyla Benhabib im Anschluss an Hannah A end als „Kul i ie ung de
e wei e en Denkungsa “53 o de . Sie is die P axis poli ische Ve an wo ung,
die auch das P inzip de Ve an wo ung on Jonas übe haup e s e möglich . Die
48A end (1985), S. 61.
49Ebd.
50A end (1949), S. 761.
51A end (1981), S. 56.
52Ebd.
53Benhabib (2013), S. 95.
115

Poli ische Ve an wo ung. Re lexionen zu Hans Jonas und Hannah A end
Fo de ung nach ih is g undlegend, inso e n die Übe nahme on Ve an wo ung
ein Mindes maß an Mach o ausse z .
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117
Teil III.
Wel emdhei / „De emde Go “
119
Die Gnosis als das aszinie ende F emde
gang des ömischen Impe iums be ach e wu de, kann also auch als Dezen-
alisie ung de bekann en Wel mi einem Anwachsen lokale Iden i ä en
und T adi ionen sowie de en in ensi em Aus ausch e scheinen.
2. Im unmi elba en Zusammenhang dami e schein die spä an ike Wel aus
heu ige Sich auch da in uns nahe, dass sie – im G oßen und Ganzen –
Wohls and sowie beach liche wissenscha liche, echnische und medizinische
E ungenscha en he o geb ach ha , wie es sie o he und nachhe sel en in
diese B ei e gab. Siche lich, diese E ungenscha en wa en nich gleich e -
eil , und die Lebenswi klichkei en un e schieden sich zwangsläu ig im Lau e
des halben Jah ausends, das heu e meis un e diesem Beg i eingeschlossen
wi d; dennoch ha die neue e Fo schung an die S elle des adi ionellen, düs-
e en Bildes eine komplexe e Da s ellung gese z , die diese Pe iode ge ade
aus ma e ielle Sich als eine zumindes pa ielle E olgsgeschich e e schei-
nen läss .
3. Die Wel de Spä an ike is eine Wel im Übe gang. Sie sieh das Ende on
Jah hunde e ode ga Jah ausende al en T adi ionen und Religionen und
gleichzei ig das En s ehen und den Au s ieg neue Religionen, die zudem on
g undsä zlich ande e A sind als diejenigen, die bis dahin im Mi elmee -
aum o he schend gewesen wa en. Wäh end adi ionell ehe de „Un e -
gang” des Al en be on wu de, sieh man heu e s ä ke das Sowohl-als-auch;
dem Ende ko espondie e ein An ang, und so seh die Spä an ike das Ve -
schwinden bes imm e O dnungen, Ins i u ionen und Ideen mi sich b ach-
e, so seh wa es eben auch diese Zei , in de sich O dnungen, Ins i u ionen
und Ideen he ausbilde en, die im Fo gang ü die wes liche En wicklung
und nich nu ü sie on g undlegende Bedeu ung wu den.
Die Spä an ike sind nich wi
Diese Wel des globalen wi scha lichen und kul u ellen Aus auschs, in de Al-
es nich meh plausibel schein und du ch neue Impulse e se z wi d, kann uns
auch heu e als nahe e scheinen, wenn wi sie denn so sehen können und wollen.
Gleichwohl gil jedoch auch, dass die Begegnung mi diesen Jah hunde en ü uns
eine Begegnung mi e was F emdem da s ell . Hie kann ich au meine an ängli-
che Beobach ung zu ückkommen: Die Spä an ike is nach wie o kaum Teil de
Allgemeinbildung. Die Namen de Ak eu e, mi denen wi es zu un haben, sind
den alle meis en un e au . His o ische Da en sind, wenn übe haup , nu in g o-
ben Um issen bekann ; zwischen einzelnen Da en kla en ü die Meis en g oße
Lücken.
Da übe hinaus abe müssen sich auch diejenigen, die sich in ensi e mi diese
Zei be assen, einges ehen, dass de Iden i izie ung enge G enzen gese z sind. Wi
blicken in eine lange zu ückliegende Epoche zu ück, die on unse e eigenen Wel
126

Johannes Zachhube
wei en e n is . Das Leben in diese Wel is ü uns un e au , und diese F emd-
hei kann auch nich so ein ach übe b ück we den. Im Einzelnen will ich wiede
au d ei Punk e eingehen.
1. Die Sp achen de Spä an ike sind heu e wei gehend o e Sp achen. Keine Fo -
sche in, kein Fo sche kann sich au eigene Mu e sp achkenn nisse ode au
diejenigen noch lebende Menschen e lassen. Diese F emdhei da nich
un e schä z we den. Sie wi d heu e noch dadu ch e s ä k , dass die a-
di ionelle humanis ische Bildung, die noch bis ins 20. Jah hunde hinein
zumindes eine Bildungseli e einen quasi-mu e sp achlichen Zugang zum
La einischen und (wenige ) zum Al g iechischen e mi el ha , wei gehend
e schwunden is . Ande e sei s is ge ade du ch das Abnehmen eine selbs -
e s ändlichen, g ündlichen Kenn nis de klassischen Sp achen wiede um
deu liche gewo den, dass de en Behe schung ohnehin nie ha e aus eichen
können, um die Spä an ike zu s udie en, da eben die zunehmende Regiona-
lisie ung jene Jah hunde e zu eine Plu alisie ung de li e a ischen Tä ig-
kei üh e. Heu igen Fo schenden is kla , dass eine g ündliche Kenn nis
de Epoche e o de , auch sy ische, kop ische (ägyp ische), ä hiopische, a a-
bische und a menische Tex e einzubeziehen, um nu die wich igs en zu nen-
nen. Abe diese Einsich mach das Eind ingen in diese Wel na ü lich nu
umso schwie ige .
2. Wie haben die Menschen de Spä an ike gedach und emp unden? Zum
G oß eil müssen wi uns einges ehen, dass wi das nich wissen, da uns
zu iele In o ma ionen ehlen, nich zule z übe die g oße Meh hei de
Menschen, die keine sch i lichen Zeugnisse hin e lassen ha . Abe auch da,
wo wi au Quellen zu ückg ei en können, bleib uns ieles un e s ändlich.
P inzipien, We e, Axiome und Ideale, die anscheinend ü iele Menschen
jene Jah hunde e selbs e s ändlich wa en, sind ü uns o kaum nach oll-
ziehba . Wie konn e es z. B. zu den g oßen dogma ischen S ei igkei en de
ühen Ch is en kommen, bei denen es um sub ile heologische F agen ging,
die heu e nu noch wenigen, wenn übe haup , auch nu e s ändlich sind,
damals abe ü g oße G uppen on übe agende Bedeu ung wa en? T o z
iel äl ige Bemühungen on Gene a ionen on Fo schenden s ehen wi hie
bis heu e o einem Rä sel ode eben o e was F emdem.
3. Schließlich – und das is be ei s im Vo igen angeklungen, lieg ein G und ü
die adikale F emdhei de Epoche in de Knapphei de Quellen, die uns
zu Ve ügung s ehen. In manchen Be eichen ließen diese e gleichsweise
üppig, in ande en abe as ga nich . Und diese Un e schiede s ehen leide
o que zu dem, was die meis en Menschen aus heu ige Sich in e essie-
en wü de. So wissen wi e gleichsweise iel übe die En wicklungen de
ch is lichen Religion, besonde s in de Fo m, in de sie ab dem ie en Jah -
hunde S aa s eligion des Römischen Reiches wu de. Wesen lich wenige
127
Die Gnosis als das aszinie ende F emde
sind wi be ei s da un e ich e , wo wi – wie Hans Jonas – de ian e Rich-
ungen un e suchen wollen, eligiöse S ömungen, die, wie die sogenann e
Gnosis, sich nich du chgese z haben und de en o iginale Tex e dahe auch
nich kopie und wei e e b ei e wu den. Hie sind wi o au die Da -
s ellungen angewiesen, die on de en Gegne n und Feinden, also nich on
besonde s objek i en Zeugen e ass wu den. Noch iel schlech e sieh es
eilich aus, wenn wi e s ehen wollen, wie es mi de wi scha lichen En -
wicklung in jenen Jah hunde en aussah. Hie , so muss man es wohl sagen,
i die Fo schung meh ode wenige au de S elle. Es is nich einmal wi k-
lich kla , welche wissenscha lichen Modelle man anwenden soll e, on de
Ka ghei de Da enlage einmal ganz zu schweigen. So komm es auch, dass
übe die wi scha liche En wicklung jene Jah hunde e zum Teil adikal
un e schiedlich geu eil wi d – bis in unse e eigene Zei hinein.16
Ich asse zusammen: die P oblema ik om Eigenen und F emden begegne uns ein
e s es Mal schon bei de Wahl de his o ischen Epoche, mi de sich Jonas’ Fo -
schung beschä ig . Sei de Zei de Au klä ung ha dieses Zei al e imme wiede
in seine F emdhei und du ch sie aszinie ; hin e diese Dis anz, die jene Zei
on de mode nen Wel enn , haben His o ike innen und Philosophen ande e -
sei s imme wiede e s aunliche Pa allelen wah genommen, auch wenn die genaue
A diese Ähnlichkei en sich mi den Wandlungsp ozessen in de Mode ne selbs
imme wiede e schoben ha .
Gnosis und spä an ike Religionsgeschich e
Die g undsä zliche Spannung, die sich zwischen Iden i ika ion und F emdhei ge-
genübe de Spä an ike es s ellen läss , i mi besonde e P ägnanz in de Reli-
gionsgeschich e zu Tage. Es un e lieg keinem Zwei el, dass de Aspek jene Epo-
che, de am o ensich lichs en mi spä e en En wicklungen bis in unse e eigene
Zei hinein zusammenhäng , im Be eich des Religiösen zu e o en is . In jenen
Jah hunde en kommen Religions o men zum E liegen, die den Mi elmee aum
zu o ü zumindes ein Millennium, in einigen Fällen wah scheinlich noch länge ,
gep äg ha en. Gleichzei ig en s ehen im Schmelz iegel de Spä an ike die g oßen
so genann en ab ahamischen Religionen in de Fo m, in de wi sie bis heu e ken-
nen: das abbinische Juden um, das Ch is en um und de Islam. We wenig übe
diese Epoche weiß, dem wi d doch imme hin kla sein, dass in ih die Weichen ü
die olgenden zwei Jah ausende wes liche Religionsgeschich e ges ell wu den.
Abe wenn ich on de Tendenz zu Iden i ika ion sp eche, meine ich nich nu
das Wissen da um, dass in diesen Jah hunde en solche wei eichenden En wick-
lungen eingelei e wu den. Was aus heu ige Sich aszinie , is de Gedanke de
16Jongman (2007).
128
Johannes Zachhube
adikalen eligiösen T ans o ma ion als solche . Religionen sind on ih e Anlage
he au Daue ges ell ; sie legi imie en sich dahe auch meis du ch übe Gene a io-
nen meh ode wenige kons an wei e gegebenen T adi ionen. Dass es im g oßen
S il zum Abs e ben bes imm e Religionen und zu Neugebu ande e komm ,
is in de uns bekann en Menschhei sgeschich e nich allzu o o gekommen. Aus
diesem G und ha das sei dem 19. Jah hunde imme s ä ke emp undene Nach-
lassen de Bindungsk ä e des Ch is en ums in Eu opa die Zei genossen sei he o
beun uhig : In welche Rich ung is eine Gesellscha un e wegs, de ih eligiöses
Fundamen abhandenkomm ? Fü eine An wo au diese F age gib es, wie gesag ,
wenige his o ische Analogien.
Umso in e essan e is in diese Hinsich die Zäsu , die sich uns in den Jah hunde -
en nach de Gebu Ch is i im Mi elmee aum und den ang enzenden Regionen
da s ell . Es is dahe siche lich kein Zu all, dass wissenscha liche Publika ionen
zu diese T ans o ma ion in den e gangenen ün zig Jah en d ama isch zugenom-
men haben. Cha ak e is isch ü diese neue e Tendenz de Fo schung sind e wa die
Vo lesungen, die Guy S oumsa 2004 am Collège de F ance gehal en und danach
un e dem Ti el Das Ende des Op e s: Die eligiösen Wandlungen de Spä an ike e -
ö en lich ha .17 Fü S oumsa sind ie Fak o en zen al: de Au s ieg de Heili-
gen Sch i en; de Bezug de Religion au die pe sönliche Iden i ä ; die Abscha ung
de Blu op e und das Au kommen eine neuen Fo m eligiöse Gemeinscha . Wie
imme man zu den De ails seine Analyse s ehen mag, wo au S oumsa zu Rech
hinweis , is die Ta sache, dass die in de Spä an ike en s ehenden Religionen nich
nu neu, sonde n neua ig wa en; sie ep äsen ie en eine Fo m on Religion, die
undamen al ande sa ig wa als die äl e en g iechischen, ömischen und ägyp i-
schen Kul e.
Diese Radikali ä des Umb uchs mach die Epoche zu einem aszinie enden Spie-
gelbild unse e eigenen Zei . Auch damals muss en sich iele agen, wohin die
En wicklung gehen wü de. Auch damals gab es düs e e Un e gangsphan asien, und
poli ische E schü e ungen, wie e wa die Plünde ung Roms du ch die Go en im
Jah e 410, wu den schnell dem Ve a an den adi ionellen Gö e n zu Las geleg
– ein Vo wu , den de heilige Augus inus in seine g oßen Sch i Vom Go ess aa
( ollende 426) um änglich zu ückzuweisen e such e.
De Ve such, in diesen Umb üchen e was zu en decken, das unse e heu igen Iden-
i ä sk isen e klä en kann, üh eilich wiede um zu de Einsich in die dann
doch wiede g oße F emdhei de Epoche. Das, was genau damals geschah, au
den Beg i zu b ingen, wi d du ch diesen kul u ellen Abs and ex em e schwe .
Schon die Bedeu ung des Beg i s „Religion” bzw. das Ve s ändnis dessen, was da-
mals als eligiös e s anden wu de, be ei e aus heu ige Sich g oße Schwie igkei-
en. In seine bis heu e lesenswe en Un e suchung Con e sion: The old and he
17S oumsa (2004).
129
Die Gnosis als das aszinie ende F emde
new in eligion om Alexande he G ea o Augus ine o Hippo, u eil e de b i isch-
ame ikanische Al e umswissenscha le A hu Da by Nock im Jah 1933, dass es
in de g iechischen An ike die Philosophie wa , die dem am nächs en komm , was
wi un e Religion e s ehen.18 Hin e diese Beobach ung s eh die Einsich , dass
nich nu das Ve s ändnis on Religion, sonde n auch das on Philosophie sich sei
de Spä an ike g undlegend gewandel ha . Philosophie wa , wie besonde s auch
de anzösische Geleh e Pie e Hado be on ha , Lebensweishei mi di ek em
und du chaus p ak ischem Bezug au das, was wi heu e „ eligiöse” F agen nen-
nen: Glückseligkei , Selbs e kenn nis, Sinn des Lebens s anden im Vo de g und,
und de Philosoph soll e on diesen Idealen nich nu heo e isch e was wissen,
sonde n sie im eigenen Leben umse zen.19
Das is abe nu de An ang de Schwie igkei en. Wenn wi übe eligiösen Wandel
sp echen, dann wollen wi e s ehen, was einzelne Menschen ode ganze G up-
pen dazu mo i ie , on bes imm en Angebo en meh ode wenige Geb auch zu
machen. Abe wenn es zu de F age nach indi iduellen Übe zeugungen und Mo i-
a ionen komm , schweigen unse e Quellen zumeis . Wi lesen be ei s im d i en
Jah hunde (also lange o de o iziellen Ch is ianisie ung des Reiches) on Kla-
gen übe die sinkende Be ei scha de Menschen, sich an den adi ionellen Op-
e i ualen zu be eiligen. In welchem Ausmaß das abe so wa , läss sich meis nu
g ob abschä zen, und wenn es um die F age nach G ünden geh , is die Fo schung
wei gehend au Mu maßungen angewiesen.
Au s Ganze gesehen gil dahe ü die Religionsgeschich e de Spä an ike, was on
ih auch sons gil : Sie is sowohl aszinie end als auch ä selha . Sie läd zu Iden-
i ika ion ein, mach es uns dann abe wiede um schwe und in Teilen unmöglich,
diese Neigung Subs anz zu geben. Sobald man sich ih nähe , e s ä k sich de
Eind uck des F emden und Unbekann en.
Wenn Fo schende e suchen, den eligiösen T ans o ma ionsp ozessen de Spä an-
ike au die Spu zu kommen, olgen sie häu ig eine on zwei Lei agen. En -
wede sie agen p imä nach dem En s ehen und Wachs um des Ch is en ums in
einem heidnischen Um eld. Dann is de Endzus and die Ch is ianisie ung des Rö-
mischen Reichs; diese muss in ih e Genese e klä we den. Al e na i kann man
die En wicklung auch in einen wei e en Rahmen s ellen, indem man ag , wie wi
die eligionsgeschich lichen P ozesse in de Spä an ike in ih e Gesam hei e s e-
hen können.
Fü beide F ageweisen komm de Gnosis – um hie bei dem on Jonas geb auch en
Namen zu bleiben – eine wich ige Rolle zu. Wa um is das so? Was ha es mi ih
au sich? In einem e s en, noch ech agen Zugang können wi sagen, dass es sich
bei ih um eine eligiöse S ömung handel , de en Ideen on den maßgeblichen, uns
bekann en ch is lichen, jüdischen und pla onischen Sch i s elle n scha abgelehn
18Nock (1933), S. 164 .
19Hado (1997).
130
Johannes Zachhube
we den. Dabei is das Wo „S ömung“ absich lich gewähl , denn jede denkba e
P äzisie ung, die die Gnosis als eine eigene Religion ode als eine bloße Va ia ion
exis ie ende T adi ionen cha ak e isie en wü de, is be ei s kon o e s.
Gegen die Ve e e de Gnosis, die Gnos ike , wu de iel polemisie ; lange kann-
e die Fo schung das Phänomen übe haup nu aus den sch i lichen K i iken sei-
ne Gegne . Dabei, das da man wohl sagen, wa de en Polemik siche lich auch
deshalb so scha , weil sich in gnos ischen Tex en wiede um Elemen e des Ch is-
en ums, des Juden ums wie auch des Heiden ums inden; dazu kamen o ensich li-
che Pa allelen zum philosophischen Denken de Zei . Dami lieg die Gnosis gewis-
se maßen que zu allen e ablie en eligiösen Op ionen de Zei , ha abe gleich-
wohl zu ihnen allen auch bes imm e Ve bindungen. Ge ade das abe ha sie, sei
man sich zue s mi ih auseinande gese z ha , so a ak i gemach : sie e schein
wie ein Mosaiks einchen, das uns mögliche weise hel en kann, die F age nach de
eligionsgeschich lichen Dynamik de Spä an ike besse zu e s ehen. En schlüs-
sel man die Gnosis, so kann es scheinen, dann wi d gleichzei ig e s ändlich, wel-
che Gä ungsp ozesse die zunächs so es ge üg e Wel de adi ionellen Religionen
ze se z en, um dann zum Au s ieg de bis heu e dominie enden Religionen zu üh-
en.
Abe was genau e hell die Gnosis im Hinblick au die spä an ike Religionsge-
schich e? An diesem Punk komm es da au an, welche de beiden oben einge-
üh en Lei agen man zu G unde leg , ob man also p imä nach den Bedingungen
ag , die zum Au s ieg des Ch is en ums ge üh haben, ode ob de Blick au die
eligiöse Dynamik de Epoche in ih e B ei e ge ich e is . Blick man au das Ge-
sam de eligiösen Lage in den e s en Jah hunde en unse e Zei echnung, dann
indizie die Gnosis die Exis enz eine undamen al plu alen Religionskul u . In
den uns e hal enen Zeugnissen übe die Gnosis e schein diese als cha ak e isie
du ch ein Neben- und manchmal Du cheinande di e se eligiöse und philoso-
phische Ideen. Be ach e man diese Viel al als p ägend ü die zei genössische
Wel insgesam , dann i uns die Spä an ike als eine Alchemis enküche en ge-
gen, in de en Schmelz iegel eine Vielzahl on Ing edienzien, g iechische, ömische,
ägyp ische, pe sische Religionen, das Juden um und die hellenis ische Philosophie
du chmisch wu den, bis sich zule z das Ch is en um als eine un e ielen Ge-
s al en du chse z e. Bis es abe dazu kam, s and den Menschen anscheinend die
Möglichkei o en, sich ih e eligiösen Op ionen „zusammenzubas eln“, ein wenig
so, wie es ja auch heu e iele un. Dies Pa chwo k-a ige de spä an iken Religions-
kul u ha die Fo schung lange Zei als Synk e ismus bezeichne , ein Beg i , de
abwe end gemein wa . Abe aus heu ige Sich kann dasselbe Phänomen du chaus
auch posi i bewe e we den!
Fokussie man den Blick hingegen s ä ke au die En s ehung und das Wachsen des
Ch is en ums, dann komm die Gnosis als das Ande e des ki chlichen Ch is en-
ums in den Blick. Die Auseinande se zung mi ih e schein als eine ühe Wegga-
131

Die Gnosis als das aszinie ende F emde
belung de Ki chengeschich e. Die Gnosis is , so könn e man aus diese Pe spek i e
sagen, ein mögliches Ch is en um, das abe nich ealisie wu de. Die En schei-
dung de ühen Ki che gegen die Au nahme gnos ische Ideen wa ein wich ige
Sch i au dem Weg zu dem o hodoxen Ch is en um, wie es dann die Jah hunde -
e gep äg ha ; ande e Tü en wu den du ch diese En scheidung e schlossen. Das
kann man aus heu ige Sich beg üßen ode bedaue n, und ü beide Einschä zun-
gen inde man Belege in de neue en Li e a u .
Wa um is eine solche Ambi alenz in de In e p e a ion de Gnosis möglich? Auch
hie lieg wiede ein G und im di izilen Quellenma e ial, das o nu ein polemisch
e ze es Bild au gnos ische Ideen und P ak iken e möglich . Hinzu komm , dass
wi p ak isch keine Kenn nis on de sozialen und kul u ellen Basis de Bewe-
gung haben. Wi wissen nich , we die „Gnos ike “ wa en, wie iele es on ihnen
gab und wie sie sich o ganisie en. Jede Ve such, die Eigena diese eligiösen
S ömung in den Blick zu bekommen, is dahe no wendige weise bis zu einem
bes imm en Punk zi kulä : Das Bild, was wi on de Gnosis insgesam haben,
bes imm , welche e hal enen Tex e und Ideen als gnos isch einges u we den. Um-
gekeh abe kann sich das Gesam bild na ü lich nu aus den einzelnen Quellen
ech e igen. Inso e n gleich die Gnosis o einem Vexie bild, das im Be ach en
au ganz e schiedene A e scheinen kann, je nachdem, wie wi es be ach en.
Das gil , wie wi gleich sehen we den, auch ü Hans Jonas und seinen Zugang
zum Phänomen de Gnosis.
Hans Jonas’ In e p e a ion de Gnosis: De Einb uch des F emden in
die g iechische Wel
Mi diesen Beobach ungen is de Boden be ei e ü ein Ve s ändnis de F agen,
die Hans Jonas An ang de 1930e Jah e an seine spä an iken Quellen he an ug.
Fü Jonas s and es , dass die Gnosis eine übe das Ch is en um hinaus eichende
und his o isch hin e das Ch is en um zu ückgehende eligiöse Bewegung wa . Fü
diese Sich weise s ü z e e sich nich zule z au die ein luss eichen A bei en seines
heologischen Leh e s Rudol Bul mann, de auch ein Vo wo zum e s en Band
on Jonas’ We k beis eue e. Die F age, die sich ü Jonas in diese Si ua ion s ell e,
wa die nach de genauen Bes immung dessen, was im Zen um de Gnosis s and.
Wie ließ sich ih Wesenske n bes immen? Was mach e sie a ak i ? Wa um wa
sie ü eine bes imm e Zei so e olg eich, e schwand dann abe wiede on de
Bild läche?
Zu Bean wo ung diese F agen s anden Jonas keine ande en Quellen zu Ve ü-
gung als ande en. E konn e sich, zumindes in seine u sp ünglichen Fo schung,
nich au unbekann e Dokumen e s ü zen, sonde n geb auch e dieselben Ma e ia-
lien, die o ihm on ande en Wissenscha le n geb auch wo den wa en.
132
Johannes Zachhube
Diese leg en es nahe, das Zen um de Gnosis in einem My hos zu sehen. Die-
se My hos, dessen konk e e Ausges al ung a iie und o phan as ische Züge
annimm , e zähl die Geschich e on de En s ehung unse e Wel als einen kos-
mischen Fall. Du ch unglückliche Ums ände, Ve üh ung ode Be ug wu de ne-
ben eine u sp ünglichen, geis igen, on einem gu en Go behe sch en Wel ein
schlech e , ma e ielle Kosmos e scha en. Diese böse Wel is die Wel , in de wi
leben und die wi kennen. In ih sind einzelne Geis wesen ge angen, und de gnos-
ische My hos is le z lich eine E zählung de Be eiung diese e lo en gegangenen
Geis wesen. Um diese Be eiung zu bewe ks elligen, begib sich ein E löse , selbs
Teil de obe en, gu en Wel des Geis es, eiwillig in den ins e en Kosmos, um den
do e i en und ge angenen Wesen den Rückweg in ih e u sp üngliche Heima
zu weisen.
E lösung, so können wi sagen, is ü die Gnos ike Rückkeh in die Wel , zu de
sie gehö en und aus de sie i gendwann einmal e s oßen wu den. Demgegenübe
geh es nich um eine E lösung de ge allenen Wel als solche , denn diese is als
eine undamen al böse im wah en Sinn des Wo es „nich zu e en“. En scheidend
ü die Fähigkei zu E lösung des Einzelnen is de en Fähigkei zu E kenn nis –
dahe de Name de Bewegung (Gnosis, γνῶσις = Wissen). Diese Fähigkei is on
Bedeu ung im P ozess de E lösung; sie en scheide abe auch da übe , we übe -
haup e lös we den kann. Nich alle Menschen haben da ü die Vo ausse zungen,
sonde n nu die, die u sp ünglich zu geis igen Wel gehö ha en. In diesem Sinn
bedeu e Gnosis also auch Selbs e kenn nis; die Einsich , dass das eigene Ich le z -
lich nich Teil des physischen Kosmos is , sonde n zu eine ande en, besse en Wel
gehö , zu de es zu ückkeh en kann und soll.
Fü Jonas s and also es , dass eine eligiöse Bewegung, die au diesem Fundamen
au uh , sei de hellenis ischen Zei im ös lichen Mi elmee aum exis ie e. Was
ihm abe ehl e, wa eine plausible Deu ung de im gnos ischen My hos sich aus-
d ückenden Ideen. Was e dazu in de Li e a u o and, be iedig e ihn übe haup
nich . Zumeis nämlich cha ak e isie e man die Gnosis du ch ih e Tendenz zum
Synk e ismus. Die Gnos ike hä en nich wi klich eigene, o iginelle Ideen; iel-
meh zeh en sie on dem, was man in de hellenis ischen Wel o inden konn e.
Ös liche und wes liche Religionen, philosophische Ideen aus e schiedenen Schu-
len: Alle diese Ressou cen wu den scheinba pa asi ä angezap , um aus ihnen ein
bun es Gemisch zusammenzub auen, dem eilich e was wi klich Eigenes ehl e
und das da um auch le z lich keine his o ische Daue en al en konn e.
Siche lich, die Deu ung de Gnosis als eines Gemischs on un e schiedlichen Ide-
en und Vo s ellungen kann sich jedem leich nahelegen, de sich mi den Quellen
beschä ig . Aus Jonas’ Sich jedoch wa de G und ü diese In e p e a ion nich
ganz so unschuldig. Vielmeh e ie die In e p e a ion de Gnosis als Synk e is-
mus e was übe das ih zu G unde liegende Ve s ändnis de spä an iken Epoche
im allgemeine en Sinn. Diese we de, wie Jonas beobach e , als eine Zei des Nie-
133
Die Gnosis als das aszinie ende F emde
de gangs und Ve alls e s anden, und diese Sich weise leg es dann nahe, ih en eli-
giösen Ausd uck in einem uno iginellen Spiel mi di e sen e e b en heologischen
und philosophischen Mo i en zu sehen.
Gegen dieses Ve s ändnis de Gnosis ich e sich Jonas’ Da s ellung in e s e Linie.
Wenn ih Cha ak e als Synk e ismus e schein , so seine These, lieg das da an,
dass ih wi kliches Wesen nich e kann wi d. Seine eigene Au gabe sah e dem-
zu olge da in, einen Fluch punk zu iden i izie en, on dem he die e wi ende
Viel al de gnos ischen Ideen in ih e Einhei e s anden we den kann. De Schlüs-
sel ü diese Lösung lieg nach Jonas in einem bes imm en Exis enz e s ändnis, das
de Gnosis zu G unde lieg . Jonas geb auch e hie Me hoden seines philosophi-
schen Leh e s Ma in Heidegge , auch wenn e diesen spä e scha k i isie e.20
De konzen ie e Blick au das gnos ische Exis enz e s ändnis, so Jonas, en hüll
die Gnosis als im Ke n mi de g iechischen T adi ion un e einba . In ih zeige
sich ielmeh ein gegenübe dem Hellenismus adikal Ande es und F emdes, ein
„ adikal Ung iechisches im g iechischen Sp ach- und Beg i sgewande de Zei “:
„Das g iechische, o mals pseudophilosophische Beg i sgewand wu de du chs o-
ßen und dahin e e ö ne e sich de Blick au eine emde, noch au de my hischen
Bewuss seinss u e s ehende Wel .“21
Die Sehnsuch des Gnos ike s nach E lösung aus de bösen, ma e iellen Wel , so
Jonas, is meilenwei en e n on de pla onischen Idee, nach de de Mensch eine
in elligible Seele ha . Denn obgleich auch bei Pla on om Leib als einem „Ke ke “
de Seele gesp ochen wi d, lieg seinem Denken wie de gesam en g iechischen
T adi ion doch de ie e Glaube an die Gü e des Kosmos zu G unde: „Das G ie-
chen um wa ein g andiose Ausd uck de Wel heimischkei gewesen und alles in
seine »Theo ie« dien e de en Siche ung, dem es en Einbau des Daseins in die ge-
gens ändliche Anschauungs- und We kwel .“22 Demgegenübe wa es de zu ie s
dualis ische Wide sp uch gegen diese Kosmos ömmigkei de G iechen, de die
Gnosis so ans ößig und le z lich blasphemisch e scheinen ließ: „Die g oße Glei-
chung Wel = Fins e nis (kosmos = sko os) en s eh als p ägnan e Ausd uck de
neuen Wel e ah ung.“23
Ge ade aus diese An i hese jedoch e hell , so Jonas’ These, das adikal Neue und
Ande sa ige des Exis enz e s ändnisses, das sich in de Gnosis aussp ich . De
Gnos ike weiß sich emd in de Wel , in die e ode sie hineingebo en wu de.
Ans a eine Kon inui ä on nich menschliche und menschliche Na u i de-
en adikale Dias ase:
„In de Gnosis [wi d] zum e s enmal (und ü alle Folgezei ) die adika-
le Ve schiedenhei des menschlichen und auße menschlich-wel lichen
20Zum P oblem on Jonas’ Heidegge ezep ion in seinem Gnosisbuch gl. B umlik (2008).
21Jonas (1984), S. 3.
22Ebd., S. 141.
23Ebd., S. 144.
134
Johannes Zachhube
Seins en deck [...], die du ch keine Zwischens u en und Übe gänge
übe b ück wi d, sonde n on ologisch is . Die Wel is das Mensch-
emde, das Ande e ...“24
An die S elle de adi ionell-g iechischen Ve bundenhei des Menschen mi de ihn
umgebenden Wel i in de Gnosis ein an i he isches Ve häl nis de beiden, das
Jonas mi s a ken Wo en besch eib : „Wie dem G iechen aus [seine Umwel ] die
ie e Ve au hei und Ihm-Gemäßhei en gegenschien, [...] – so dem Asia en jene
Tage ih e ü ch e liche Feindseligkei und F emdhei .“ Die Folgen sind „ungeheu e
Daseins-Unsiche hei , Wel -Angs des Menschen, Angs o de Wel und o sich
selbs “.25
Das Ziel de gnos ischen Exis enz is dahe E lösung, die Übe windung de sinnli-
chen Wel und gleichzei ig Heimkeh in die Wel , zu de de Gnos ike eigen lich
gehö . In de P axis heiß das, dass de Gnos ike sich an die Regeln und Ge-
se ze seine Umgebung nich gebunden ühl . In diesem Sinn is die Gnosis eine
Leh e adikale F eihei . Denn die Einsich in die eigene F emdhei , die Nich zu-
gehö igkei zu scheinba alles bes immenden Wi klichkei , üh ü den Gnos-
ike zu Suspension on sozialen und mo alischen Kon en ionen, ja, wie Jonas
es ausd ück , zu „Rase ei“ de Übe legenhei übe „jegliche No men“26 und ei-
nem „Ressen imen gegen die bishe ige Lebenssa zung“.27 Dahe sind aus Jonas’
Sich die Be ich e de ühen ki chlichen Sch i s elle übe die sexuellen Exzesse
de Gnos ike e auenswü dig – ge ade gegenübe dem on de kon en ionel-
len Mo al so s eng ge egel en Be eich de Sexuali ä e weis de Gnos ike seine
Unabhängigkei on den Maßs äben, die in de Wel gel en, on de e sich unab-
hängig weiß: De Libe inismus de Gnosis gehö nach Jonas „ins Zen um des
gnos ischen Umschwunges“.28
An diese S elle lohn es sich, an den Ti el on Jonas’ Buch zu e inne n: Gnosis
und spä an ike Geis . De Ansp uch seine These is demnach nich da au be-
sch änk , das eligiöse Phänomen de Gnosis zu deu en; ielmeh sieh e in ih
pa adigma isch den „Geis “ eine ganzen Epoche au scheinen. Wie wi eingangs
gesehen haben, ha sich die In e p e a ion de Spä an ike in den e gangenen Jah -
hunde en e schoben on ih e In e p e a ion als eine Ve allszei hin zu ih e
Sich als eine Zei des Übe gangs und des Neuan angs. Wi können also sehen,
dass Jonas in diese Hinsich au de le z e en Sei e s eh . Sein P o es gegen die
In e p e a ion de Gnosis als eines Synk e ismus äl e e Mo i e is gleichzei ig ein
Plädoye ü die Wah nehmung de Spä an ike als eine genuin neu- und ande sa -
igen Kul u . Sein di ek e Vo läu e in diese Hinsich , wie e selbs ausd ücklich
24Ebd., S. 170.
25Ebd., S. 143 .
26Ebd., S. 215.
27Ebd., S. 234.
28Ebd.
135
F emd im eigenen Land? Gnos ische Mo i e in de Spä mode ne
seine Fo schungen, die auch bald au Deu sch un e dem Ti el Gnosis. Die Bo -
scha des emden Go es e schien, bis heu e gelesen wi d und ü iele Menschen
ein e s e Zugang zum Phänomen Gnosis is . Bis in die 1970e Jah e ha Jonas die
Fachdeba en e olg , abe sich in den le z en 15 Jah en seines Lebens nich meh
mi eigenen Bei ägen zu Wo gemelde . Die Fo schung ha e inzwischen ande-
e Wege eingeschlagen. Fü die Gnosis-Deu ung wa Jonas’ We k ein Meilens ein,
weil e sich de spä an iken Gnosis nich als Philologe, ch is liche Theologe ode
Religionswissenscha liche angenähe ha , sonde n sie als eine wel anschauliche
Einhei be ach e e und zum e s en Mal im 20. Jah hunde mi den Ka ego ien sei-
nes damals noch e eh en Leh e s Heidegge s eine philosophische Gesam deu ung
e such ha . Seine Auseinande se zung mi de Gnosis is ü das Thema Iden i ä
und Ve an wo ung scheinba wei he gehol , jedoch sei beme k : Im Zen um de
Be agung de Gnosis s eh bei Jonas die F age nach de Iden i ä des Menschen
im Angesich des F emden ode als emd Emp undenen, die F age – mi einem
al en Ki chenlied angedeu e : „Wo inde die Seele, gebunden in eine Wel , die ih
emd is , die Heima , die Ruh?“ Und ielleich , so lau e meine Ve mu ung, kann
die Auseinande se zung bei Jonas und mi Jonas hel en, einige Phänomene unse e
heu igen, spä mode nen Gegenwa , in de wi leben, schä e zu besch eiben.
Kaum ein Wo wi d so b ei und unscha e wand wie das Wo Gnosis.3Als
Gnosis im enge en Sinn wi d ein eligionsgeschich liches Phänomen de Spä an-
ike bezeichne . Mi Gnos ike n we den zue s einmal eine G uppe spä an ike
Philosophen und My hologen om 2.–4. Jah hunde . und Denke im Um eld des
ühen Ch is en ums bezeichne , die wi lange nu aus den polemischen Sch i en
de Ki chen ä e kann en. I enäus on Lyon sch ieb um 180 n. Ch . das ühes-
e We k gegen „die älschlich sogenann e Gnosis“, das bis heu e eine Haup quelle
is . Zu nennen sind Namen wie Ma kion, Valen inus, Basilides und ih e Schüle .
Sie gel en de ki chlichen T adi ion als E zke ze . Abe man muss sie wohl ehe
als ch is liche spekula i e Denke eine Zei e s ehen, in de die F age, was die
ech e Leh e is , sich e s langsam he ausbilde e, und die dann bald de Ve ki ch-
lichung de Theologie und Ins i u ionalisie ung des Ch is en ums zum Op e ge-
allen sind. O iginalsch i en gab es bis zu Mi e des 20. Jah hunde nu wenige.
Das ände e sich e s , als 1945 in de ägyp ischen Wüs e in Tonge äßen eine Samm-
lung on gnos isch iden i izie ba en Sch i en en deck wu de, die „Biblio hek on
Nag Hammadi“, ein Jah hunde und, Sch i en, die heu e mus e gül ig edie und
übe se z o liegen.
Mi gnos ischem Denken we den dann wei e , schon auße halb des Ch is en ums
und auch zei lich spä e , als die Gnosis aus de o iziellen Theologie ausgeschieden
wu de, die he me ischen Sch i en bezeichne , das Sch i um de Mandäe , eine
Tau bewegung im I an, die sich selbs au Johannes den Täu e zu ück üh und
3Zu his o ischen Auseinande se zung mi de spä an iken Gnosis siehe z. B. die jünge en Übe -
blicksda s ellungen zu Gnosis o schung bei Ba ba a Aland und Ch is oph Ma kschies.
142

Till Hü enbe ge
das Denken de Manichäe , eine au den im 3. Jah hunde lebenden pe sischen
Religionss i e Mani zu ückgehenden eligiösen Bewegung. In den 20e und 30e
Jah en des 20. Jah hunde s wu de dieses ielges al ige spä an ike Sch i um un e
dem Sammelnamen Gnosis noch als einhei liche Fo schungsgegens and wah ge-
nommen, so auch in de Gnosis-In e p e a ion bei Hans Jonas.
Von de g iechischen Wo bedeu ung he heiß Gnosis eigen lich schlich „Wissen“
ode „E kenn nis“. Dami is in gnos ischen Sch i en o allem E kenn nis im
Sinne on Selbs e kenn nis übe die S ellung de Seele in de Wel und zu Go
gemein . Ein adikale Dualismus sp ich aus ihnen. Das wah e Selbs gehö nich
diese Wel an, in de es sich o inde .
De Gnosis ha e im Ch is en um imme zugleich eine polemische nega i e An-
mu ung an. Be ei s im Neuen Tes amen wi d im 1. B ie an Timo heus (1. Tim
6,20) die Wa nung ausgesp ochen: „O Timo heus, bewah e die Übe lie e ung und
wende dich ab on dem go losen Geschwä z und den S ei sä zen de älschlich
sogenann en »Gnosis«, zu de sich manche bekann haben und bezüglich des Glau-
bens abgei sind.“ Be ei s hie mi de äl es en Ve wendung des Wo es wi d eine
G enzlinie zwischen Rech gläubigkei und Hä esie ma kie , die ü die Ausein-
ande se zung mi dem Phänomen Gnosis bis heu e gezogen wi d. Gnosis wi d zu
einem Kamp beg i , ein Beg i , de einen Ke ze i el ma kie , die e s e Hä esie
des Ch is en ums.
Doch wie imme in solchen Fällen b auch es nich iel, um den Spieß he umzud e-
hen, dami de Beg i zu Selbs bezeichnung und zum Lei bild wi d, un e dem
sich bis heu e alle lei al e na i e und e leuch e e S ömungen Wissende wiede -
inden konn en und können: Eso e ike , Wel e klä e , An h oposophen, He me-
ike , Ve schwö ungs heo e ike , Geheimnissuche und An i-Mains eam-Denke
– ein illus es, eils sympa hisches, eils unsympa hisches Ne z on selbs e nann-
en Gnos ike n, Wissenden, E kennenden, die sich aus de üben Masse de in
ih e Unwissenhei , Illusionen und Lügen e s ick en Menschhei he ausheben
wollen.4
Übe den U sp ung de Gnosis wu de und wi d lange deba ie . Is es eine Bewe-
gung inne halb des Ch is en ums ode is sie ein Phänomen, das iele Religionen
e ass ?5Diese Deba e muss uns hie nich in e essie en.
Genauso leidenscha lich ges i en wi d übe die zei liche Abg enzung des Phä-
nomens. Ende die Gnosis im 4. Jah hunde mi ih em Ve schwinden aus de
4Eine Fundg ube on inspi ie enden, se iösen und abwegigen Denke n du ch die Jah hunde e
is das zweibändige Lesebuch Wel e olu ion de Seele on Slo e dijk und Macho (1991).
5Übe kaum ein ande es eligionsgeschich liches Phänomen gib es z. T. bis heu e b ei e Di e -
genzen. E s in den le z en Jah en bilden sie, wenn ich es ech sehe, einen gewissen Konsens, dass
es im U sp ung o allem eine ch is liche Bewegung in de Übe nahme pla onische , genaue mi el-
pla onische , Popula philosophie is in eine Zei , in de sich die F age nach ech e Übe lie e ung
e s he ausbilde e.
143
F emd im eigenen Land? Gnos ische Mo i e in de Spä mode ne
Ki che, ode muss sie als un e g ündige Denk-T adi ion be ach e we den, die die
abendländische Geis esgeschich e du ch alle Jah hunde e hindu ch beglei e ? Ode
en s eh gnos isches Daseins e s ändnis in bes imm en kul u ellen, eligiösen ode
gesellscha lichen P oblemlagen imme wiede neu – um einen Ausd uck Pe e Slo-
e dijks au zug ei en – als eine „Selbs en zündung“6des Denkens?
Dami s eh die F age de sachlichen Abg enzung und dami die De ini ion des
Phänomens Gnosis im Raum: Welche Elemen e müssen o handen sein, um ein
Gedankengebäude übe haup als gnos isch zu iden i izie en? Was is das Ve bin-
dende in de e wi enden Viel al de Sys eme? Bei alle Viel al de Ansä ze de
Deu ung kann man, so glaube ich, d ei imme wiede keh ende G undelemen e
wiede inden, die auch die be ühm e Gnosis-Deu ung bei Jonas bes immen.
Gnosis und spä an ike Geis bei Hans Jonas
Ich olge de Gnosis-Deu ung du ch Jonas. „Gnos ische Geis “ is nach Jonas an-
hand meh e e , imme wiede au auchende Cha ak e is ika zu e kennen:
1. Da s eh übe allem, so Jonas, die „ adikal dualis ische S immung, die de
gnos ischen Hal ung als ganze zug undelieg “.7De Mensch e äh sich
als en zwei in de Wel und zugleich die Wel als en zwei on Go . De
Mensch emp inde zwischen sich und de Wel , in de e sich o inde , eine
absolu e Klu , Unbehagen, Angs . Diese Wel is nich meh seine. Gnosis
zeichne eine pessimis ische und nega i e Sich de Wel aus.
2. De Gnos ike weiß sich – und das is seine Gnosis, sein übe legenes und zu-
gleich das Übel übe windende Wissen – zugleich als eins mi einem de Wel
jensei igen und emden Go , und zugleich mi diesem on de als emd
e leb en Wel ge enn . De wah e und e lösende Go is nich de , de die
Wel in ih em So-Sein gescha en ha , noch is e in ih ode wi d in ih
e kann . Die na ü liche e ah ene Wel selbs is keine Schöp ung des wah-
en Go es, sonde n eine niede en K a . Diese Demiu g (Wel e scha e
– Handwe ke ) kann als nu unwissende Mach ode soga als böse Nega i-
on be ach e we den. Dahe schulde ihm de gnos isch denkende Mensch
„keine E gebenhei und seinem We k keine Ach ung“.8Die wah e geis ige
Iden i ä des Menschen – sein pneuma – is nich Teil diese Wel , sonde n
ih anszenden . Gnosis is dahe Go ese kenn nis und zugleich E kenn -
nis de En emdung des geis lichen Menschen in diese Wel . Sie is E lö-
sungswissen übe seine eigen liche, diese Wel emden und wah en Heima
Go es.
6Slo e dijk/Macho (1991), Bd. 1, S. 24.
7Jonas (1987), S. 11.
8Ebd., S. 11.
144
Till Hü enbe ge
3. Das gnos isch-pessimis ische Lebensge ühl is ebellisch. Es wide se z sich
eine posi i en Ges imm hei im Blick au die Wel . Und ihm zug unde
lieg ein Ressen imen . Das gnos ische Lebensge ühl weiß sich on eine
Mach un e d ück , die den wah en Menschen in Unwissenhei und Ve blen-
dung ge angen häl . Das wah e Ich ing um seine Be eiung on den bösen
und e skla enden Mäch en de Wel . Jonas sieh in de gnos ischen Bewe-
gung eine ge adezu e olu ionä e Bewegung gegen die Mach und das Sys em
he schende Religion und Ins i u ion de sich he ausbildenden Mains eam-
Ki che, die den gnos ischen adikalen Dualismus und die He abse zung de
gu en Schöp ung e wo en ha . Jonas e kenn im gnos ischen Dualismus
auch – ein zwei es Ressen imen – eine s a ke A ek hal ung gegen den jüdi-
schen Mono heismus und die Konzep ion eine on Go gescha enen, ge-
lei e en und bewah en Schöp ung, in de de Mensch nach Go es Gebo en
leben da . Sie läss , so Jonas, an dem „jüdischen Wel go ih ganzes ange-
sammel es Ressen imen “9aus, ein „me aphysische An isemi ismus“.10
4. Ein G undbeg i diese Auslegung de Gnosis bei Jonas is de Beg i des
„F emden“. Es is in seine Deu ung die zen ale und ideengeschich lich
neue Idee de gnos ischen Wel anschauung, ih „U beg i “.11 Im gnos i-
schen Denken is das „Leben“ „seinem Wesen nach emd gegenübe diese
Wel und gegebenen alls emd in ih “.12 Jonas besch eib dies als gnos ische
U -E ah ung. Im Folgenden eine Ke ns elle de Gnosis-Deu ung on Jonas:
„Das F emde is das Ande swohe -s ammende, nich He -gehö ige.
Fü das, was hie he gehö , is es dahe das F emda ige, Unbe-
kann e, Unbeg ei liche. Seine Wel is alle dings ü das F emde,
so e n es do e weil , ih e sei s in gleichem Maße unbeg ei -
lich, wie ein emdes Land, e n de Heima . Dann e leide es das
Schicksal des F emdlings, de in eine ge ah ollen Si ua ion ein-
sam, schu zlos, nich e s ehend und un e s anden is . Zum Los
des F emdlings gehö es, sich zu ängs igen und Heimweh zu emp-
inden. De F emde, de sich im emden Land nich auskenn ,
e i sich, e i da in umhe ; kenn e sich jedoch allzugu aus,
so e giß e , daß e ein F emdling is , e e i sich in einem an-
de en Sinn, indem e dem Reiz de emden Wel e äll , in ih
heimisch wi d und sich dahe seinem U sp ung en emde . Dann
is e ein »Sohn des Hauses« gewo den. Aus seine En emdung
is die No geschwunden, abe ge ade da in gip el seine T agödie
als F emde . Die Wiede e inne ung an die eigene F emdhei , das
9Jonas (1988), S. 228.
10Wiese (2003), S. 89.
11Jonas (2000), S. 79.
12Ebd., S. 75.
145
F emd im eigenen Land? Gnos ische Mo i e in de Spä mode ne
E kennen seines Exils als das, was es is , is dann de e s e Sch i
zu ück, das e wachende Heimweh is die beginnende Heimkeh .
Dies alles gehö zu »leid ollen« Sei e de F emdhei . Doch hin-
sich lich ih e He kun is sie zugleich eine Auszeichnung, eine
Quelle eigene K a , eines eigenen geheimen, on de Umwel
gleiche maßen une kann en, le z lich unan ech ba en und den Ge-
schöp en diese Wel unbeg ei lichen Lebens. Diese Seinsübe le-
genhei des F emden, die es, wenn auch insgeheim, be ei s in de
F emde auszeichne , e gib sich aus seine mani es en He lichkei
in seinem auße halb diese Wel liegenden anges amm en Be eich.
Do wohnend, is das F emde das Fe ne, Unzugängliche, Unnah-
ba e, und seine F emdhei gewinn die Bedeu ung des Majes ä i-
schen. In seinem absolu en Sinn is das F emde dahe das ganz
und ga T anszenden e ode das „Jensei s“ selbs , somi abe ein
he aus agendes A ibu Go es.“13
De gnos ische Mensch de Spä an ike ha nach Jonas die klassisch-an ike Hoch-
schä zung des Kosmos de einen, ha monisch geo dne en Wel e lo en. An seine
S elle i die unbehagende E ah ung de Wel als ungas liche F emde und das sie
beglei ende Ge ühl de Ve lo enhei . De Mensch ühl sich diese Wel en em-
de , begegne ih mi Angs und Unbehagen. Diese E ah ung de F emdhei is
au de einen Sei e eine beängs igende E ah ung, sie e äh die Wel und ih en
U hebe als Übel, abe in ih en s eh zugleich die Sehnsuch nach dem ganz An-
de en, nach E lösung, nach Heimkeh zu ande en, jensei igen, emden, wah en
Wel des Lich s, de eigen lichen Heima de Seele. Wel unbehagen und de Jubel
de Be eiung umschlingen sich.
Es wa ein g oße Wu , nach Jah zehn en de philologischen, ki chen- und eli-
gionsgeschich lichen Fo schung zu an iken Gnosis, zum e s en Male – am he -
meneu ischen Lei aden de exis en ialen In e p e a ion – eine zusammenhängen-
de Deu ung gnos ische My hen und du ch sie hindu ch eine Gesam deu ung des
spä an iken Phänomens Gnosis o geleg zu haben. Fü Jonas läss sich die ganze
Epoche de Spä an ike als gnos isch beein luss besch eiben. Da aus esul ie de
wei ausg ei ende Ti el: Gnosis und spä an ike Geis . Jonas sieh in de Gnosis da-
bei nich nu ein Phänomen de Ve gangenhei , sonde n eine ideengeschich lich
neua ige und die eu opäische Kul u on nun an p ägende Weise des Selbs - und
Seins e s ändnisses. Neben dem klassischen Monismus eine om Wel geis du ch-
d ungenen, geo dne en Wel – dem Kosmos – und de jüdisch-ch is lichen Idee
eines jensei igen Go es, de eine gu e Schöp ung gescha en ha e, die e bewah ,
sah e in de Gnosis ein d i es, das wei e e abendländische Denken du ch seinen
13Ebd., S. 76 .
146
Till Hü enbe ge
adikalen Dualismus on Gu und Böse, Lich go und Wel go , p ägendes, neues
Exis enz e s ändnis.
An diese S elle kann und soll nich disku ie we den, ob und inwiewei diese
Deu ung den spä an iken Denke n ge ech wi d. Auch wenn es un e den Fachge-
leh en wohl niemanden meh gib , de ih o behal los zus immen wü de. Ebenso
ha sich die F age nach dem allgemeinen Geis de Gnosis un e de klein eiligen
A bei an den Tex en in de his o ischen Fo schung e lüch ig .
Eine Konsequenz diese philosophischen Lesa de Gnosis jedoch wa olgen eich.
Jonas’ exis en iale In e p e a ion de Gnosis als eine d i e Weise g undlegenden
Exis enz e s ändnisses lös den Geb auch des Beg i s aus de achwissenscha li-
chen Diskussion ode de inne ki chlichen Ke ze polemik he aus und gib ihn ei
ü die Deu ung eine Fülle on analogen Phänomenen. Und so wi d Gnosis in
de 2. Häl e des 20. Jah hunde s zu einem in ielen mode nen Zusammenhängen
benu z en Deu ungs ahmen, wie eind ücklich das on Pe e Slo e dijk und Tho-
mas Macho 1991 he ausgegebene zweibändige Lesebuch Wel e olu ion de Seele
bezeug .
Hans Jonas’ gnos ische Deu ung des Exis en ialismus
Jonas selbs , de Heidegge im Lau e de Zei zunehmend k i ische gegenübe
s and, un e nimm nun den umgekeh en Weg de Deu ung, den e in jungen Jah-
en eingeschlagen ha , und un e zieh nach dem K ieg den Exis en ialismus sei-
nes Leh e s und dessen philosophische He kun selbs eine „gnos ischen“ Lek ü-
e. Jonas e kenn in de Heidegge s En wu in Sein und Zei zug undeliegenden
Wel sich eine Spiela gnos ischen Denkens, die sich du ch Wel angs ode -ekel,
Nich beach ung de na ü lichen Wel und ein ih gegenübe s ehendes, me kwü -
diges Ideal de Eigen lichkei und Übe windung cha ak e isie . Vo sich ig, wie Jo-
nas is , nenn e seine Deu ung einen Ve such. Von Pascals E schü e ung übe die
Lee e des Uni e sums übe Nie zsches e sch ockenen Au sch ei Go is o bis zu
Heidegge s Gewo enhei zieh e eine gedankliche Linie, die e als gnos isch iden-
i izie , weil zwischen dem Ich und de na ü lichen, en zaube en und ih e im-
manen en Sinnha igkei be aub en Wel eine unübe b ückba e dualis ische Klu
sich au u , ein „kosmische Nihilismus“.
Eine undamen ale Di e enz zwischen dem al en und neuen Gnos izismus wi d
jedoch ü Jonas e kennba , und die E kenn nis is ü ihn e sch eckend. Die mo-
de ne Gnosis kenn keine E lösung meh , kein Jensei s, keinen Go , keine Be ei-
ung. Da is kein Go meh , de das Ich aus de diessei igen Ve s ickung be eien
könn e, kein Jubel de Be eiung aus den Mäch en diese Wel . Fü Jonas üh die
gnos ische Denka konsequen in einen Nihilismus de En we ung des Lebendi-
gen, in ein Ressen imen ohne E lösung.
147

F emd im eigenen Land? Gnos ische Mo i e in de Spä mode ne
D ei Beme kungen aus de Dis anz zu diese eind ücklichen Heidegge -Deu ung:
E s ens e such Jonas nich eine du chgängig ekons uie ba e T adi ionslinie
zwischen de his o ischen und de mode nen Gnosis zu ziehen. E e such auch
nich de mode nen Gnosis den mo alischen „Ke ze hu “ au zuziehen, wie es nach
ihm ande e machen we den, an e s e S elle zu nennen ielleich E ic Voegelin in
den 1940e und 1950e Jah en, de au Jonas Bezug nehmend den gewag en Ve such
un e nehmen wi d, die poli ischen o ali ä en Religionen de Neuzei , und dann
in seine Neuen Wissenscha de Poli ik das gesam e neuzei liche poli ische Denken
un e das S ichwo Gnosis zu assen.14 De gnos ische Dualismus en s amm nich
aus eine his o ischen T adi ion, sonde n aus einem E sch ecken und ih olgend
eine Rebellion gegen die Wel , gegen die das T aumbild eigen liche , e lös e Exis-
enz gese z wi d. Wie kann es dazu kommen? Du ch die Begegnung mi F emdem,
das ängs ig , um uns ode in uns. Diese Wide wille kann au kommen, wenn sich
Wel bilde ha im Raum s oßen, wenn de Mensch du ch Begegnung mi s a ken
F emdmäch en geis ige , eligiöse ode poli ische A aus seine Selbs e s änd-
lichkei , seinem Gleichmu und T o au gesch eck wi d. Gnosis is dann eine
nich in eine his o ischen T adi ionske e übe lie e e Wel sich , sonde n ein in
imme neuen Kons ella ionen au e endes geis iges Dissiden en um.
Ein zwei es: In de Zi kelha igkei de gegensei igen In e p e a ion on Exis en ia-
lismus und Gnosis bleib o en, ob und inwiewei es sich bei Jonas g oßa ige und
geschlossene In e p e a ion nich on An ang an um eine neuzei liche P ojek ion
au den spä an iken Be und handel .
Ein d i es: Fü Jonas’ eigenen wei e en Denkweg wa die Iden i ika ion des exis-
en ialis ischen Dualismus on Mensch und Wel de en scheidende Sch i zu
Hinwendung zu lebendigen Na u in de En wicklung eine Philosophie, die den
Menschen und den Geis als Teil eines biologischen, na ü lichen, lebendigen Ge-
sam zusammenhangs beg ei .
Ich möch e jedoch die Spu e olgen, die Jonas’ gnos ische Deu ung des Exis en ia-
lismus geleg ha . Ich möch e e suchen, ange eg on Jonas’ gnos ische B ille au
den Exis en ialismus, diesen Blickwinkel e suchsweise als einen Deu ungs ahmen
au einige unbehagende Phänomene in de gesellscha lichen Selbs e s ändigung
unse e Zei anzulegen. Wah nehmungen, die mi nich zule z in meinem Be u
als P a e und Zei genosse im äglichen Umgang in den le z en Jah en imme s ä -
ke begegnen und mich zu Auseinande se zung he aus o de n. Ich muss wa nen.
Aus den Höhen eines geis esgeschich lichen Disku ses geh es nun in die Niede-
ungen des All ags e gi e e Deba en de Gegenwa .
14Voegelin (1999) passim und Voegelin (2004), S. 119.
148
Till Hü enbe ge
F emd im eigenen Land? Gnos ische Mo i e in den Niede ungen de
Spä mode ne
De Umgang mi dem F emden is eine de Haup agen unse e Gegenwa . Und
diese F agen we den nich nüch e n behandel , sie sind emo ions-, essen imen -
und angs beladen, und sie sind undamen al. Ein Beg i wie Übe emdung, wie e
in de Mig a ionsdeba e zu hö en wa , is kaum noch a ional handhabba .
Ich schaue au die gesellscha liche Auseinande se zung in unse em Land. Die Aus-
einande se zung um Mig a ion und Fluch ha unse e Gesellscha e schü e , die
sich lange in einem siche en Ha en o den P oblemen o den G enzen Eu o-
pas wähn e. Die Zuwande ung o allem im Jah 2015 wa nach dem ku zen Au-
genblick des Hochge ühls nich zule z du ch den Kon oll e lus ein nachhal ige
Schock, de alle Diskussionen um Fluch und Mig a ion sei dem e gi e ha . Die
Deba e en zwei unse e Gesellscha nich nu an den S amm ischen, sonde n bis
in die bü ge liche Mi e hinein. Eine sachliche und di e enzie e Diskussion is
nu noch schwe möglich.
Mi de Mig a ions-Deba e eng e bunden is die sei 2001 zunehmende Wah -
nehmung des Islam als eine unse e Kul u und Iden i ä bed ohenden Mach . Sie
üh eben alls an eu opäische U ängs e o dem F emden, die bis in die Zei Ka l
Ma ells und de „Tü kenge ah “ o Wien im 16. Jah hunde eichen. In de Be-
gegnung mi Muslimen s ehe angeblich unse e ganze eu opäische Iden i ä au dem
Spiel.
Diese Disku s übe das F emde besch änk sich nich au mig a ionspoli ische F a-
gen, e ha iele Felde e g i en. Die Eins ellung zu Eu opa, dessen Iden i ä ge a-
de noch o dem Islam e eidig we den soll e, is bei ielen o genug nega i bis
eindselig. Sie ha sich in den le z en Jah en im Zuge de Schulden age in Südeu-
opa – S ichwo Schuldenk ise –, in de F age nach de S abili ä de Wäh ung –
S ichwo Eu ok ise und Finanzk ise –, und im eu opäischen Umgang mi Zu luch
und Mig a ionen – S ichwo Flüch lingsk ise – gewandel . Eu opa wi d on ielen
Menschen nich meh als eigenes Anliegen, sonde n als emde, he e onome Mach
au ge ass , de en Ziel es is , den Völke n ih e Sou e äni ä und Selbs bes immung
und wiede um le z lich ih e Iden i ä zu auben. Diese Wah nehmungen begegnen
mi nich nu im Feuille on, sonde n bei ielen Menschen, beglei e on einem
Ge ühl de Ohnmach und de Eli en e ach ung.
Die Deba e is , und das is das eigen lich Beun uhigende an den Auseinande -
se zungen, beglei e on eine – ich nenne sie „gnos ischen“ – nega i en Wah -
nehmung unse e Gesellscha , die ih en Ins i u ionen, Ve ah en und demok a-
ischen Konsensen kein Ve auen meh en gegenb ing , die on einem G unde -
leben de En emdung und Ve ach ung ge agen wi d. Inzwischen haben sich pe-
jo a i e Beg i e wie „Al pa eien“ und mi ihnen e bünde – „die gleichgeschal e-
en Mains eam-Medien“ e ablie , eine e was ge ällige e Bezeichnung als die 2016
149
F emd im eigenen Land? Gnos ische Mo i e in de Spä mode ne
au gekommene „Lügenp esse“, jedoch mi gleiche Konno a ion. In einschlägigen
O ganen al e na i e Be ich e s a ung wi d on eine gewoll en Aushöhlung ode
ga dem „Tod“ des Rech ss aa s gesp ochen, wobei angeblich gleichsam du ch einen
poli ischen S aa ss eich de sog. „Al pa eien“ on oben die G und ech e de deu -
schen Bü ge ausgehöhl wü den. Es is e sch eckend, mi welchem Maß an Ve -
ach ung om poli ischen Sys em und seinen Rep äsen an en gesp ochen wi d.
Nich sel en wi d, wenn die nega i e Wah nehmung einmal au diese Spu is ,
de Disku s on alle lei Ve schwö ungs heo ien ode auch -my hologien beglei e
und g undie : Da wi d on geziel geplan e Umwandlung unse e angeblichen
biologischen Iden i ä du ch o cie e Zuwande ung gesp ochen. Gegen eine öko-
logische Klimapoli ik wi d die Rede on de „Klimalüge“ in Anschlag geb ach .
Die Be ei scha zum Ve schwö ungsglauben gebä imme neue Kinde , wenn die
He meneu ik des Ve dach s einmal die Wah nehmung e ass ha . Du ch die Nu -
zung al e na i e , unabhängige , angeblich eie In o ma ionsquellen im In e ne
e eichen solche Theo ien ein imme b ei e es Publikum, eine du ch gegensei ige
Bes ä kung sich s eige nde Plausibili ä und eine Ve ne zung, die wie ein Beschleu-
nige wi k , und die ab einem gewissen Punk nich meh au die „Mains eam-
Medien“ angewiesen is . We das Ne z du chs ei , e sch ick , die Lis e is endlos,
beliebig e wei e ba und on eine G undhal ung ge agen, die au klä ungs esis-
en is .
Man könn e diese Töne ü leide imme schon exis ie ende, un e meidliche, and-
s ändige, ex eme und dahe zu e nachlässigende Beglei phänomene gesellscha li-
chen Disku ses hal en, wenn sie nich , wei übe die einschlägigen Spli e g uppen
hinaus, so meine Wah nehmung, einen uch ba en Näh boden inden wü den.
Teils schü en sie, eils e en sie au ein ganz elemen a es Unbehagen und Ve un-
siche ungsge ühl, und die E ek e e s ä ken sich gegensei ig. Ve schwö ungs heo-
ien und -my hen, abe o allem die sie e s e möglichende Be ei scha , sie auch
zu ezipie en, haben in ech en ode ge ühl en K isenzei en imme Hochkonjunk-
u .
Es wi d nun imme wiede und zu ech da au hingewiesen, dass in eine kompli-
zie e und komplexe we denden Wel das Bedü nis nach ein achen E klä ungen
zunimm , die uns hel en, die Wel in Gu und Böse zu un e scheiden. Diese Deu-
ung is gewiss zu e end, doch ich e mu e, dass sie allein nich aus eich , das
Phänomen in seine exis en iellen Tie e, und o allem nich – so meine These
– als ein gemeinsames Feld zu beg ei en, als Objek i a ionen eines „ e s ehba en
G unde lebens“, eine Daseinshal ung.
In de Begegnung mi diesem Feld geh es nach meine Ve mu ung nich meh um
E klä ungen und A gumen e; mi begegne in meine Wah nehmung ielmeh ein
quasi- eligiöses G undge ühl, in dem ich die d ei on Jonas und ande en he aus-
ges ell en S uk u elemen e de Gnosis als das Ve bindende und Zug undliegende
wiede e kenne. Religiös is hie na ü lich nich meh im Sinne eines z. B. ch is li-
150
Till Hü enbe ge
chen ode jüdischen Wel bilds e s anden, das man hin e sich gelassen ha , auch
nich meh im Sinne eine poli ischen Religion ode Ideologie, wie in den o ali-
ä en Wel anschauungen, sonde n wei ge ass als Ausd uck eine Daseinshal ung.
Wi be inden uns auch au diesem Feld heu e – wenn man e such , die einzelnen
My hologien un e einem einhei lichen Blickwinkel zu deu en – in einem üben,
spä - ode pos mode nen Konglome a on Annahmen und Anschauungen, die ei-
ne wie auch imme kohä en e poli ische Theologie hin e sich gelassen haben.
Wenn man nun den gewiss gewag en – und gewiss nich akademischen – Ve such
mach , dieses e schlungene Bündel an mode nen My hen und de Wah nehmung
gesellscha liche Ins i u ionen in eine exis en ialen In e p e a ion au ein zug un-
deliegendes Exis enz e s ändnis hin zu be agen, könn e die gnos ische B ille hil -
eich sein. Ich habe iele konk e e Menschen o Augen, de en Denken, Mo i e,
Ausd ucks o men ich e s ehen möch e.
E kennba is das dualis ische G undge ühl des Unbehagens, in eine emde Wel
gewo en zu sein, die nich meh die eigene is , die on eindlichen Mäch en ges eu-
e wi d und die ängs ig . Die An wo da au wi d abe nich in de Begegnung
und Auseinande se zung gesuch , sonde n in de Fluch aus den Mühen de Be-
gegnung. Die Be ach ung de Wel wi d sukzessi e nega i e und e g ei imme
meh Felde , bis sie das ganze Lebensge ühl kennzeichne . Diese Hal ung begegne
mi im pas o alen All ag inzwischen in e sch eckende Häu igkei .
Re ung inde de geängs ig e Geis im al e na i en, angeblich on den Mäch en
un e d ück en e bo genen Wissen um die eigen lichen Ve häl nisse, in de Wah -
hei , die nich on diese Wel on T ug und Lüge is , die on den Mäch en diese
Wel , om Ka ell de Eli en, de on ihnen in den Diens genommen Al pa ei-
en und de mi ihnen e bünde en Medien – om Sys em – ode on de Ma ix
e schleie wi d. In diese Bewegung de Abwe ung und Fluch zeig sich kaum
e hohlen als eibende K a das Ressen imen , de nega i e A ek gegen alles, was
diese „Wel “ ausmach , de zu inne en Rebellion gegen die he schenden Mäch e
au u .
Diese spä mode ne Gnosis, wenn man sie so nennen da , ha mi de his o ischen,
selbs mi dem Exis en ialismus, nu noch Ka ego ien gemein. Sie läss jeden phi-
losophischen ode eligiösen Tie sinn e missen, ih e mode nen My hen ö nen
sich keine ie sinnigen Deu ung meh . Diese Gnosis kenn nich s Gö liches meh .
Keine E löse -Ges al zeig sich, die die Vo sehung schicken könn e. Die S elle, wo
in de al en Gnosis noch das Wissen um gö liche Be eiung wa , wi d on eine
Sammlung on Ve schwö ungs heo ien ge üll .
Jensei s de Nega i i ä is die e lösende Al e na i e öllig e schwunden, das Wo-
he de Wah hei und F eihei und Wohin de E lösung. Was bleib , is die Nega i-
i ä . Was bleib , is das blanke Ressen imen . Und das is nich e mu igend.
Wenn diese gnos ische Deu ungs ahmen spä mode nen Ve schwö ungsdenkens
eine gewisse Plausibili ä besi z , dann is die gesellscha liche He aus o de ung,
151
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Teil V.
AugenBlickmal
259

AugenBlickmal: Das F emde und das Eigene – eine
Annähe ung
Ch is iane B. Be hke
Kuns mi en ins Leben de Gesellscha zu b ingen, is du ch pa izipa o ische
Kuns p ojek e besonde s wi ksam. Als Küns le in a bei e ich o in ö en lichen
und sozialen Räumen, mi den A S a ion on Tou -P ojek en mache ich an zen a-
len O en S a ion, um do mi eine G uppe on in e essie en Menschen inhal -
liche und aumbezogene A bei en zu ealisie en.
De Impuls ü ein Kuns p ojek mi Schüle n und Schüle innen zum Thema de
Tagung „Iden i ä und Ve an wo ung in de Wel on heu e“ de Hans Jonas Ge-
sellscha kam on de Hans-Jonas-Gesam schule Neuwe k in Mönchengladbach.
Mi wa so o kla , dass ich mi eine in e kul u ellen G uppe zusammena bei-
en möch e, dami Gedanken und um das F emde und das Eigene schon du ch
die Lebense ah ungen in de G uppe mi schwingen. Die Jugendlichen kommen
aus seh un e schiedlichen He kun slände n, manche leben e s wenige Jah e hie
in Deu schland. Ich en wickel e ü diese A bei das Kuns p ojek AugenBlickmal.
Es en s and zum einen du ch das Mi wi ken on Se da Aseno a, Ba oul Amond,
Max om Do p, A che Hyusein, Elizabe a Salioska, E e Tas und Ismail Zeai e on
de Hans-Jonas-Gesam schule Neuwe k, zum ande en du ch die Be eiligung eine
Vielzahl on Menschen, die wi im S ad zen um on Mönchengladbach spon an
ansp achen.
Begegnungen im Augenblick
Es gab an e schiedenen Tagen Kuns ak ionen in de Innens ad on Mönchenglad-
bach. Ausge üs e mi Zeichenb e e n, A3-Blä e n und Ölk eides i en zogen wi ,
die Jugendlichen und ich, du ch die Fußgänge zone, au den Ma k pla z, in den
Pa k und zum Bahnho – dabei begegne en wi den un e schiedlichs en Pe sonen.
Die Menschen wu den on uns im ö en lichen Raum angesp ochen und mo i ie ,
sich au die Zeichenak ion einzulassen. Das wa das Schwie igs e ü die G uppe,
emde Menschen anzusp echen und sie dann zu begeis e n, sich ü eine spon ane
Zeichenak ion zu ö nen. Vo allem auch mi den ielen Neins umzugehen und
o zdem wei e Menschen anzusp echen. Nich alle Angesp ochenen au en sich,
sich au diese A de Begegnung einzulassen, abe bei denen, die sich au en, en -
261
AugenBlickmal: Das F emde und das Eigene – eine Annähe ung
s anden eine besonde e A on Begegnungen und Annähe ungen, eine in ui i e
und schöp e ische Auseinande se zung mi sich selbs und dem Gegenübe .
Gezeichne wu de jeweils zu zwei , die Au gabe wa es, den Um iss des Kop es und
das Gesich de ande en Pe son zu zeichnen. Da ü s ell en sich beide Pe sonen
gegenübe au , eine Pe son hiel das Zeichenb e und die Ölk eide in de Hand
mi di ek em Blickkon ak zu ande en Pe son, abe ohne Einblick au das eigene
Zeichenbla . Beide Pe sonen zeichne en sich jeweils nacheinande .
F emd und o zdem nah: Du ch diese eie spon ane Me hode en s anden seh ab-
s ak e und e zähle ische Zeichnungen. So e u sch en Augen, Nase, Mund, und
ge ade dadu ch kam eine besonde e, nich zu besch eibende Ausd ucksk a des
gezeichne en Gegenübe s zum Vo schein, manchmal mi seh be üh ende Essenz
und Tie e.
Au jedem Bla eine ande e Wesenseinhei , sel sam, abs ak , me kwü dig, sku il,
biza : Manchmal wi ken die gezeichne en Gesich e hei e , öhlich, manchmal
schme zha ode e s ö end. Es en s and eine Vielzahl on diesen spon anen Po -
ai s, Gesich e on uns, on Passan *innen, on Pendle *innen, on Kinde n,
on E wachsenen, on Menschen e schiedenen Al e s und un e schiedliche He -
kun .
Subjek i e Wesenseinhei en
Ausgewähl e Zeichnungen bilde en eine g oße empo ä e Ins alla ion ü den In-
nen aum de Ci y Ki che: Die Zeichenblä e hingen schwebend an du chsich igen
Fäden, beweg en sich leich hin und he , es en s and ein sensibles Lich - und Scha -
enspiel. Ein o enes Ge lech , das F emde und Eigene wi k e nah und e n, die
Ins alla ion zeig e zum einen eine o ene Lebendigkei und Viel al und die Ve -
schiedena igkei on Nähe und Fe ne.
Au diese ei hängenden Zeichnungen wu den Dias p ojizie , die sie in eine A
Fo oloop übe lage en,1 o allem wa en Augenpa ien on Menschen, die an den
Zeichenak ionen be eilig wa en, zu sehen. Du ch die g oße Diap ojek ion de Fo-
os au das Ge lech de Zeichnungen lös e sich das jeweilige Fo o au den hän-
genden Blä e n in eine Vielzahl on Bild eilen on emden Gesich e n au , und
umgekeh e banden sich die Zeichenblä e du ch die Fo op ojek ion. Die Au-
genpa ien au den Fo os schau en uns an ode blick en in die Fe ne. Eine Raum-
ins alla ion, die uns on subjek i en Iden i ä en e zähl e, sie zeig e En e n es, Ei-
genes, F emdes, Zugehö iges.
1Die Fo os und de Fo oloop wu den on Udo Leis und Ch is iane B. Be hke e igges ell .
262
Ch is iane B. Be hke
Kuns passie
Die Schüle *innen de G uppe haben du ch die Pa izipa ion am Kuns p ojek
AugenBlickmal hau nah mi e leb , wie k ea i e P ozesse en s ehen und wachsen.
Du ch das P ojek en s and ein unmi elba es E leben und E ah en: Es e ö ne e
neue Pe spek i en und Impulse, gab Ans oß zum Hin e agen und konn e au
un e schiedliche A und Weise sensibilisie en.
Die bildende Kuns e möglich die Auseinande se zung übe das Tun und kann
so zu gesellscha lichen Viel al bei agen und eine Auseinande se zung mi un-
e schiedlichen We en eine Gesellscha Raum geben. Eine o ene Gesellscha
e o de Respek o einande , ü das F emde und das Eigene. Es is die Auseinan-
de se zung und die Fähigkei , übe das Tun in Dialoge zu kommen. So en s anden
du ch AugenBlickmal ü alle Be eilig en soziokul u elle E ah ungs- und Begeg-
nungs äume, die zum ach samen Fühlen, Denken und Handeln bei agen.
263
Die Bei äge *innen
Lo e Jonas, geb. Weine , gebo en 1915 in Ka ls uhe; kam 1918, bei Rückkeh des
Va e s aus dem K ieg, nach Regensbu g. Mülle sche Töch e schule und Neues
Gymnasium (je z Alb ech -Al do e -Gymnasium). 1933 Auswande ung nach Pa-
läs ina, sei 1943 e hei a e mi P o . Hans Jonas. Sie wohn e 1949–1954 in Ka-
nada, ab 1955 in den USA. D ei Kinde . Uni e si ä sku se in Je usalem, O awa,
New Yo k. 1965–1979 Leh e in in New Rochelle, N.Y., bei „Heads a “, einem
s aa lichen Spezial-Kinde ga eng og amm ü sozial benach eilig e Kinde . Leb e
bis zu ih em Tod 2012 in New Rochelle N.Y., USA.
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