Co-Creation, Koproduktion, Partizipation: Annäherung an konzeptionelle Gemeinsamkeiten und Unterschiede
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1. Oktober 2025 Soziale Arbeit Isabel Herrle –Institut für Soziokulturelle Entwicklung Doktorandin im SNF-Projekt Stadtentwicklung: Partizipation „von unten“ und „von oben“ Einblicke: Co-kreative Gemeindeund Stadtentwicklung –Realität versus Idee Co-Kreation –Koproduktion –Partizipation Annäherung an konzeptionelle Gemeinsamkeiten und Unterschiede
1. Oktober 2025 1. Kontext SNF-Projekt Partizipation «von unten» und «von oben» 2. Partizipationsverständnisse 3. Partizipation in der Stadtentwicklung 4. Kritik an Partizipation 5. Annäherung an die Begriffe Co-Kreation und Koproduktion 6. Begriffe im Kontext Stadtentwicklung 7. Fazit Inhalt & Ablauf Seite 2
1. Oktober 2025 Grundlagenforschungsprojekt ➢Förderung durch Schweizerischen Nationalfonds (SNF) von Oktober 2024 –September 2028 ➢Erkenntnisse an Partizipation über Analyse verketteter sozialer Situationen ➢Verortung im Forschungsstil der Grounded Theory (GT) (Strauss/Corbin 1996) ➢Gegenstand: Arealentwicklungen in der Deutschschweiz ➢Partizipation als Bandbreite, in der enge und breite Verständnisse von Teilnahme/ Teilhabe sowie Logiken ‘von unten’ und ‘von oben’ verknüpft werden 1. Projekt: Stadtentwicklung: Partizipation «von unten» und «von oben» Seite 3
1. Oktober 2025 Forschungsfrage und Forschungsziele Wie arbeiten Quartierbewohner*innen an Partizipation im Kontext von Stadtentwicklung –verstanden im weitesten Sinne des Stadtmachens –in 1. formal organisierten Partizipationsprozessen, also im Rahmen von «Partizipation als Programm»? 2. sowie in selbst organisierten Prozessen oder individuellen Alltagen, die Ressourcenzugänge und Teilhabemöglichkeiten zu erweitern oder zu erhalten versuchen? 1. Projekt: Stadtentwicklung: Partizipation «von unten» und «von oben» Seite 4 Beobachtungen Interviews Sammlung von Daten
Partizipieren –lateinisch partem capere –bedeutet einen «Teil (weg-)nehmen». «Die Wortherkunft verweist darauf, dass es im Kern um das Teilen geht –von Macht oder anderen gesellschaftlichen Ressourcen. Partizipation bezieht sich entsprechend darauf, dass einige einen Teil abgeben und andere einen grösseren Teil erhalten. Das heisst unter anderem, dass, wer sich als Entscheidungsträger auf einen wirklich partizipativen Prozess einlässt, auch einen Teil seines Einflusses für das Resultat des Prozesses aufgeben muss. Anders formuliert: Wer Personen in einem Mitwirkungsverfahren bloss informiert oder anhört, dann aber trotzdem lediglich nach eigenem Gutdünken handelt, kann entsprechend der Wortherkunft nicht von sich behaupten, Partizipation zu ermöglichen.» (Zimmermann/Weiss 2024, S. 2829) 2. Partizipation –Begriffliche Annäherung
2. Partizipationsdimensionen im Kreismodell (Stade 2019, S. 56)
1. Oktober 2025 a. Enge Verständnisse: Teilnahme an b. Breite Verständnisse: Gesellschaftliche Teilhabe →systematischen Teilhabemöglichkeiten an «zentralen Bereichen und Ressourcen der Gesellschaft» (Steinert 2000, S. 15) →strukturelle Bedingungen, die Teilhabe an Gesellschaft ermöglichen, zum Beispiel Güter, Rechte und Räume (Zimmermann/Weiss 2024, S. 29) →die Möglichkeit, individuelle Lebensentwürfe realisieren zu können -> Subjektbildung 2. Enge oder umfassendere Begriffsverständnisse: Teilnahme & Teilhabe Seite 7 a. Enge Verständnisse: Teilnahme an →«Teilnahme einer Person an Entscheidungsprozessen oder an Handlungsabläufen, die in übergeordneten Strukturen oder Organisationen stattfinden» (Carigiet, Mäder & Bonvin 2003, S. 222) →«bezieht sich primär auf die Mitwirkung in Prozessen der Aushandlung und Entscheidungsfindung» (Schnurr 2018, S. 633) (Folie übernommen von Miriam Meuth HSLU)
1. Oktober 2025 ➢Konjunktur partizipativ angelegter Stadtentwicklungsprozesse (Lüttringhaus 2000) ➢Steigende Erwartungen institutioneller Akteur*innen ans Gemeinwesen, an Quartiere, an Nachbarschaften sowie nahräumliche Netzwerke ➢In der Schweiz: planungsrechtliche Verankerung von Partizipation in grösseren Stadtentwicklungsprozessen ➢Verwoben, z.T. auch synonym verwendet, werden die Begriffe Engagement, Co-Kreation, Koproduktion, Kollaboration oder auch Konsultation (Hofer/Kaufmann 2022, S. 2) 3. Partizipation in der Stadtentwicklung Seite 8
1. Oktober 2025 ➢Ausschluss marginalisierter Personen und mangelnde Repräsentanz der demografischen Gegebenheiten (Munsch 2011, Grube 2016; Boonstra/Boelens 2011; Tribble 2023) ➢«Alibi-Partizipation» (Redaktion Widersprüche 2021, S.4) oder «Scheinbeteiligung» (Rinn 2017, o. S.) ➢Unterdrückung verschiedener Bedürfnisse und Meinungen sowie Dominanz spezifischer Rahmen oder Wissensstände (Turnhout/van Bommel/Aarts 2010; Huning 2014) ➢Unklarheit über Wirksamkeit in Bezug auf Umsetzung, Messbarkeit und Wahrnehmung der Zivilgesellschaft (Watson 2014; Selle 2013; Abt 2022; Tribble 2023; Rolfes/Wilhelm 2021). 4. Kritik an gelebter Partizipation Seite 9
1. Oktober 2025 ➢Manifestation des Begriffs in öffentlichen, europäischen Leitsätzen ➢Leipzig-Charta 2020 ▪Fünf Schlüsselprinzipien «guter Governance» und «gemeinwohlorientierter Stadtentwicklung» o«die Gemeinwohlorientierung, der integrierte Ansatz, Beteiligung und Koproduktion, die Mehrebenenkooperation, der ortsbezogene Ansatz» ➢Memorandum Urbane Resilienz ▪«Kommunen sollen Engagement und Koproduktion von Stadt als Chance begreifen und die Menschen darin bestärken.» (BMWSB 2022) 6. Konzeptionelle Verankerung in der Stadtentwicklung Seite 16
1. Oktober 2025 6. Kernelemente und ihre Risiken & Nebenwirkungen Seite 17 ▪Resistenz gegenüber neuen Arbeitsweisen aufgrund knapper Ressourcen (Voorberg et al. 2014; Hoffman 2022) Strukturelle Veränderung der Verwaltung ▪Etablierte Akteur*innen befürchten Verlust von Kontrolle oder Prestige (vgl. Abt 2022, S. 261; Hoffman 2022, S. 3) ▪Gefahr der Dominanz/Reproduktion etablierter Beziehungen, Wissensformen und Methoden (Watson 2014, Alfaro d’Alençon/Moya Ortiz 2024) Umverteilung von Macht ▪Organisation in Projekten hat Vorund Nachteile (Turnhout et al. 2020, S. 16) Zeitliche Limitierung ▪Ungleichgewicht zwischen bezahlter und freiwilliger Arbeit – Auslagerung staatlicher Aufgaben (Abt 2022, S. 260) ▪Risiko politischer Instrumentalisierung und Manipulation von Ergebnissen (Brandsen et al. 2018) Verschiebung staatlicher Aufgaben
1. Oktober 2025 ➢Begriffe Co-Kreation, Koproduktion und Partizipation werden oft synonym verwendet →Mangel an präzisen Definitionen führt zu Unschärfe in Theorie und Praxis ➢Co-Kreation & Koproduktion •Verankert in Verwaltungs-, Management-, Gesundheits-, Nachhaltigkeits-, Transformationswissenschaften •Fokus auf Prozessgestaltung und agilen Organisationsformen •Ziel: Ermöglichung von Teilhabe durch neue Formen der Kollaboration ➢Partizipation •Übergreifendes Konzept gesellschaftlicher Teilhabe •In der Stadtentwicklung: Spektrum kontextspezifischer Beteiligungsformen ➢Offene Fragen •Bedarf es neuer Begriffe für die Praxis? •Wie lassen sich Konzepte kontextgerecht umsetzen oder weiterentwickeln? 7. Fazit Seite 18
1. Oktober 2025 „Wer ist dabei und wer nicht? Wer profitiert, und wer verliert? Wie wird Macht umverteilt? Welche Ziele verfolgten die Beteiligten, gab es einen Konsens über diese Ziele? Wurden die Ziele erreicht, und wenn ja, wessen Ziele? Welche Leistungen/Funktionen werden aufgestockt und welche abgespeckt?; und Wen können Nutzer oder andere Interessengruppen zur Rechenschaft ziehen für fehlende oder unzureichende Dienstleistungen?“ (Brandsen et al. 2018: 290). Reflexion für die Prozessgestaltung Seite 19
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit! Seite 20