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Quellen und Methoden für das Häuserbuch Murrhardt. Ein Werkstattbericht

Kozlik, Andreas

Abstract

Das seit dem Jahr 2020 in Arbeit befindliche Projekt "Häuserbuch Murrhardt" des Verfassers steht exemplarisch für eine Verbindung von archivalischer Grundlagenforschung, historischer Stadtanalyse und digitaler, auch kartographischer, Dokumentation. Es verfolgt das Ziel, die Entwicklung der Stadt Murrhardt anhand ihrer Gebäude- und Besitzgeschichte vom späten 16. bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts nachvollziehbar zu machen. In der vorliegenden Publikation gibt der Autor einen Einblick in das Projekt "Häuserbuch Murrhardt" und stellt die Konzeption des Werks vor.Im Zentrum sollen dabei die methodischen Überlegungen stehen, die bei der Strukturierung der Daten, der Auswahl und Bewertung der Quellen sowie bei der digitalen Umsetzung eine Rolle spielen. Zugleich soll der Beitrag zeigen, welche wissenschaftlichen, technischen und organisatorischen Herausforderungen mit einem solchen Projekt verbunden sind – und im besten Fall zur Diskussion über Standards und Herangehensweise bei der Erstellung von Häuserbüchern anregen. ------------------- The author's project “Häuserbuch Murrhardt” (Murrhardt House Book), which has been in progress since 2020, is an example of a combination of archival basic research, historical city analysis, and digital, including cartographic, documentation. Its aim is to trace the development of the town of Murrhardt through the history of its buildings and properties from the late 16th to the early 20th century.In this publication, the author provides an insight into the project and presents the concept behind the work.

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Beihefte zum Häuserbuch Murrhardt Band 1 Andreas Kozlik Quellen und Methoden für das Häuserbuch Murrhardt ein Werkstattbericht Backnang 2025 DOI: 10.5281/zenodo.15055271 2 Die Reihe Beihefte zum Häuserbuch Murrhardt (Herausgeber: Andreas Kozlik) dokumentiert Quellen, Studien und Forschungsergebnisse, die im Umfeld des Projekts Häuserbuch Murrhardt entstanden sind. Die Beihefte vertiefen einzelne Aspekte der Besitz-, Bauund Stadtgeschichte Murrhardts und möchten dadurch zum besseren Verständnis der historischen Entwicklung Murrhardts beitragen. Die Reihe wird als Open-Access-Publikation veröffentlicht. 1. Auflage (November 2025) Der Autor freut sich über Hinweise, Ergänzungen und Anregungen zum Häuserbuch Murrhardt: [email protected] Diese Publikation erscheint im Open Access unter der Lizenz Creative Commons Attribution 4.0 International (CC BY 4.0). Die Lizenz gestattet Nutzung, Weitergabe und Bearbeitung bei angemessener Nennung der Urheberschaft. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/deed.de Andreas Kozlik: Quellen und Methoden für das Häuserbuch Murrhardt - DOI: 10.5281/zenodo.15055271 3 1. Einleitung Häuserbücher gehören zu den aufwendigsten, zugleich aber erkenntnisreichsten Formen lokalhistorischer Forschung. Sie dokumentieren die Geschichte einzelner Gebäude und zur Bebauung vorgesehener Grundstücke einer Stadt über lange Zeiträume hinweg und verknüpfen dabei besitzgeschichtliche, soziale, wirtschaftliche und bauforscherische Perspektiven. In ihrer idealtypischen Form erfassen sie für jedes Haus die Abfolge der Eigentümer, die Nutzung, Veränderungen in der Bausubstanz und die Einbettung in den städtebaulichen Kontext. Häuserbücher leisten damit einen Beitrag zur historischen Tiefenschärfe des städtischen Raumes, der weit über die reine Bauoder Besitzgeschichte hinausgeht. Das seit dem Jahr 2020 in Arbeit befindliche Projekt Häuserbuch Murrhardt des Verfassers steht exemplarisch für eine solche Verbindung von archivalischer Grundlagenforschung, historischer Stadtanalyse und digitaler, auch kartographischer, Dokumentation. Es verfolgt das Ziel, die Entwicklung der Stadt Murrhardt anhand ihrer Gebäudeund Besitzgeschichte vom späten 16. bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts nachvollziehbar zu machen. Es ist ursprünglich als Nebenprodukt bei der Erarbeitung des Ortsfamilienbuchs Murrhardt 1 entstanden, als aufgrund fehlender kirchlicher Quellen, insbesondere in der Epoche des Dreißigjährigen Kriegs, Kauf-, Steuer und Lagerbücher auf verwandtschaftliche Beziehungen der dort genannten Personen ausgewertet wurden. Dabei wurde schnell klar, dass es sich bei diesen Quellengattungen als notwendig erweist, den gesamten Inhalt nach einer konsistenten und methodisch begründeten Vorgehensweise auszuwerten, um belastbare Ergebnisse zu erzielen. Da bereits erste Ergebnisse der Auswertung neue Erkenntnisse zur Murrhardter Stadtgeschichte versprachen, wurde mit einem eigenen Projekt Häuserbuch Murrhardt begonnen. Im Projekt Häuserbuch Murrhardt werden zentrale Quellen wie Lagerbücher, Kaufbücher, Güterbücher, Steuerkataster und Feuerversicherungsbücher ausgewertet, die eine serielle Rekonstruktion der Eigentumsfolgen erlauben. Ergänzt werden diese 1 Siehe dazu: Andreas Kozlik: Das Ortsfamilienbuch Murrhardt. Ein Forschungsprojekt zwischen Genealogie und Regionalgeschichte. Backnang 2025. https://doi.org/10.5281/zenodo.15055302 (Aufruf am 01.11.2025). Andreas Kozlik: Quellen und Methoden für das Häuserbuch Murrhardt - DOI: 10.5281/zenodo.15055271 4 Informationen durch archivalische Einzelüberlieferungen, Karten und genealogische Daten. Die Erstellung eines Häuserbuchs erfordert eine enge Verzahnung von Quellenkritik, Systematisierung und methodischer Reflexion. Schon die grundlegende Identifizierung der einzelnen Gebäude ist methodisch anspruchsvoll: Hausnummern existieren erst seit dem 19. Jahrhundert, Parzellen wurden geteilt oder zusammengelegt, und topographische Bezeichnungen wandelten sich. Hinzu kommt, dass ältere Quellen oft keine metrischen Maße, sondern regionale Flächenund Wertangaben verwenden, die in modernen Einheiten umgerechnet und zugleich kritisch bewertet werden müssen. Diese Heterogenität der Überlieferung macht es erforderlich, die Quellen nach zeitlicher, sachlicher und räumlicher Vergleichbarkeit zu prüfen und gegebenenfalls Normalisierungen vorzunehmen. Darüber hinaus stellt sich die Frage, in welcher Form die erhobenen Daten strukturiert werden sollen. Ein Häuserbuch ist nicht nur eine Sammlung von Einzelartikeln, sondern zugleich ein relationales Gefüge von Informationen über Gebäude, Personen und Räume. Die Entscheidung, ob die Besitzgeschichte tabellarisch, narrativ oder in hybrider Form präsentiert wird, hängt von der Zielsetzung und der geplanten Nutzungsweise ab. Für wissenschaftliche Zwecke bietet sich eher eine Datenbankstruktur an, die sowohl chronologische Besitzfolgen als auch quellenbezogene Metadaten erfasst. Für eine breitere Öffentlichkeit hingegen ist eine stärker erzählerische Darstellung oft zugänglicher. Neben der methodischen spielt auch die quellenkritische Dimension eine zentrale Rolle. Häuserbücher basieren auf seriellen Verwaltungsquellen, die in erster Linie fiskalischen oder administrativen Zwecken dienten und damit einer eigenen Logik folgten. Ihre Aussagekraft über Eigentum, Nutzung oder soziale Stellung ist daher stets im Kontext der jeweiligen Verwaltungsund Rechtsgeschichte zu bewerten. Auch genealogische Zuordnungen spielen eine wichtige Rolle, da Eigentümerwechsel häufig durch Erbteilungen, Verkäufe oder Verpachtungen bestimmt waren, die sich nicht immer eindeutig rekonstruieren lassen. Schließlich ist die Arbeit an einem Häuserbuch auch ein Beitrag zur Erforschung der örtlichen Baugeschichte. Die Erfassung der Bauund Besitzgeschichte einzelner Häuser erlaubt es, Veränderungen im Stadtbild nachzuvollziehen und historische Andreas Kozlik: Quellen und Methoden für das Häuserbuch Murrhardt - DOI: 10.5281/zenodo.15055271 5 Bauphasen zu identifizieren. In Kombination mit Karten, GIS-Daten und Fotografien entsteht so ein vielschichtiges Instrument für die Erforschung des urbanen Raumes. Die digitale Verknüpfung von Text, Karte und Bild könnte darüber hinaus neue Möglichkeiten für interaktive Präsentationen und für die langfristige Sicherung der gewonnenen Erkenntnisse eröffnen. Bereits zu Beginn des Projekts zeigte sich, dass zur methodischen Anlage und praktischen Erstellung von Häuserbüchern nur sehr wenig Grundlagenliteratur existiert. Die einschlägigen Arbeiten beschränken sich meist auf die Situation in einzelnen Orten, sodass für viele grundlegende Fragen bezüglich Häuserbüchern kaum übergreifende methodische Orientierung verfügbar ist. Diese Lücke kann der vorliegende Werkstattbericht natürlich nicht schließen, dennoch soll der Prozess der Erarbeitung des Häuserbuchs Murrhardt etwas transparenter gemacht werden. Im Zentrum sollen dabei die methodischen Überlegungen stehen, die bei der Strukturierung der Daten, der Auswahl und Bewertung der Quellen sowie bei der digitalen Umsetzung eine Rolle spielen. Zugleich soll der Beitrag zeigen, welche wissenschaftlichen, technischen und organisatorischen Herausforderungen mit einem solchen Langzeitprojekt verbunden sind – und im besten Fall zur Diskussion über Standards und Herangehensweise bei der Erstellung von Häuserbüchern anregen. 2. Ziele und Zielgruppen des Häuserbuchs Das Projekt Häuserbuch Murrhardt verfolgt das Ziel, die Besitz-, Bauund Nutzungsgeschichte sämtlicher Gebäude und bebauter Grundstücke in der Stadt Murrhardt über mehrere Jahrhunderte hinweg systematisch zu dokumentieren. Es soll die langfristigen Kontinuitäten und Brüche im städtischen Raum sichtbar machen und damit einen Beitrag zur Erforschung der Stadtgeschichte, der lokalen Sozialstruktur, der wirtschaftlichen Entwicklung und der siedlungsgeschichtlichen Dynamik leisten. Als Grundlagenwerk soll es zukünftig Fragen ermöglichen, wie sich Eigentumsverhältnisse, Bebauung und Nutzung im Kontext gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Veränderungen wandelten – von der frühneuzeitlichen Stadtstruktur über die Neuordnung nach dem Stadtbrand 1765 bis hin zu den Veränderungen im 19. Jahrhundert durch die fortschreitende Industrialisierung und den Eisenbahnbau ab 1875. Andreas Kozlik: Quellen und Methoden für das Häuserbuch Murrhardt - DOI: 10.5281/zenodo.15055271 6 Wissenschaftlich zielt das Projekt auf eine mehrdimensionale Rekonstruktion der Stadtgeschichte: Es verknüpft besitzgeschichtliche, sozialtopographische, genealogische und baugeschichtliche Perspektiven miteinander. Durch die Verbindung der Informationen aus unterschiedlichen Quellen entsteht ein dichtes Netz an Daten, das nicht nur die Eigentümerfolgen einzelner Häuser nachvollziehbar macht, sondern auch die räumliche Verteilung sozialer Gruppen, Berufe und Vermögensverhältnisse analysierbar werden lässt. Damit wird das Häuserbuch zu einem zentralen Werkzeug der künftigen Erforschung der württembergischen Kleinstadt Murrhardt. Mein besonderes Interesse ist dabei die interdisziplinäre Anschlussfähigkeit des Projekts. Für die Genealogie bietet das Häuserbuch wertvolle Kontextinformationen zu Familienbesitz, Heiratsstrategien und Erbfolgen, die im Ortsfamilienbuch Murrhardt nur indirekt sichtbar werden. Für die Stadtgeschichte und historische Geographie liefert es Material zur Parzellenstruktur, zur Nutzung der innerstädtischen Flächen und zur Entwicklung von Straßenzügen. Die Denkmalpflege und historische Bauforschung profitieren von den chronologischen Besitzdaten ebenso wie von den Hinweisen auf Umbauten, Neubauten und Wiederaufbauten nach Bränden oder Flächenerweiterungen. Auch für die Raumforschung und historische GIS-Projekte eröffnet das Häuserbuch neue Ansätze, da es georeferenzierbare Zeitreihen zur Entwicklung des Stadtgrundrisses liefern könnte. Neben diesen wissenschaftlichen Zielen richtet sich das Häuserbuch Murrhardt auch an eine breitere interessierte Öffentlichkeit. Durch seine Übersichtlichkeit und seine räumliche Orientierung bietet es Zugang zu zentralen Fragen der Heimatund Alltagsgeschichte. Die Möglichkeit, die Geschichte eines Hauses oder einer Straße im Kontext der Stadtentwicklung zu verfolgen, schafft Identifikation und fördert das historische Bewusstsein in der Bevölkerung. In der Bildungsarbeit könnte das Häuserbuch als Grundlage für schulische Projekte, Ausstellungen oder Stadtführungen dienen, indem es konkrete, ortsbezogene Geschichte erfahrbar macht. Das Häuserbuch könnte auch der Stadtverwaltung und dem Gemeinderat bei Entscheidungen über Denkmalschutz, Sanierungsmaßnahmen und städtebauliche Gestaltung eine fundierte historische Basis bieten. Andreas Kozlik: Quellen und Methoden für das Häuserbuch Murrhardt - DOI: 10.5281/zenodo.15055271 7 3. Historischer und regionaler Rahmen Für die Entstehung und historische Entwicklung der Stadt Murrhardt spielten die geographischen Gegebenheiten eine grundlegende Rolle. Der Fluss mit seinen Seitenbächen stellte eine zuverlässige Wasserquelle für die Bevölkerung, die Landwirtschaft und das Handwerk dar. Zudem konnte Wasserkraft für den Betrieb von Mühlen genutzt werden. Das breite Tal bot fruchtbare Böden für den Ackerbau und Wiesen für die Tierhaltung, während die angrenzenden Hanglagen mit ihren Wäldern eine wichtige Ressource für Holz als Bauund Brennmaterial darstellten. Die Nähe zu zahlreichen Dörfern begünstigte die wirtschaftliche Vernetzung, wodurch Murrhardt als regionales Zentrum fungieren konnte. Die erste dauerhafte Besiedlung auf dem Gebiet der späteren Stadt Murrhardt war das um 150 n. Chr. am Obergermanisch-Raetischen Limes errichtete Kastell am Fuße des heutigen Riesbergs. Inwiefern Siedlungskontinuitäten bis ins frühe Mittelalter bestanden ist unklar, doch spätestens nach der Klostergründung, die ins 8. Jahrhundert datiert werden kann, ist in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft die Siedlung entstanden. Begünstigt durch die strategische Lage an politischen und kirchlichen Grenzen, wurde Murrhardt um 1287 im Zuge des Ausbaus seiner Herrschaft von Graf Albrecht von Löwenstein zur Stadt erhoben 2 . Im Jahr 1388 gelangte Murrhardt durch Kauf unter die Herrschaft der Grafen von Württemberg, wodurch es in deren Territorium integriert wurde. Die Reformation hinterließ auch in Murrhardt ihre Spuren: 1552 wurde das Kloster evangelisch, was einen tiefgreifenden Wandel für die Stadt bedeutete. Der Dreißigjährige Krieg führte 1630 zur vorübergehenden Rekatholisierung des Klosters, doch nach dem Westfälischen Frieden 1648 wurde das evangelische Klosteramt wiederhergestellt. Die Stadt Murrhardt war Zentrum des Klosteramts Murrhardt, das knapp über 20 umliegende Weiler und Höfe im Schwäbischen Wald umfasste und zu dem auch das Pflegamt Westheim mit dem Dorf Ottendorf gehörte. Die räumliche und bauliche Struktur Murrhardts im 18. Jahrhundert war durch eine kompakte Innenstadt, einen abgegrenzten Klosterbezirk, zwei Vorstädte und einzelne separat liegende Gebäude geprägt. Das städtische Zentrum Murrhardts bestand aus der von einer Stadtmauer umschlossenen Innenstadt mit etwa 137 Grundstücken, auf denen sich, durch eine die beiden Stadttore verbindende Hauptgasse in zwei Hälften geteilt, fast ausschließlich 2 Siehe dazu auch: Gerhard Fritz: Stadt und Kloster Murrhardt im Spätmittelalter und in der Reformationszeit. Sigmaringen 1990. Andreas Kozlik: Quellen und Methoden für das Häuserbuch Murrhardt - DOI: 10.5281/zenodo.15055271 8 Wohnhäuser, Scheunen und öffentliche Gebäude befanden. Innerhalb dieses Bereichs lag auch der Klosterbezirk, der durch eine eigene Mauer von der übrigen Stadt getrennt war. Die Stadtmauer war wiederum in weiten Teilen von einem Wassergraben umgeben. Insgesamt verfügte die Stadt Murrhardt im Jahr 1724 über 136 Wohngebäude, 57 Scheunen und 19 Mühlen. Die Wohngebäude umfassten ein bis drei Stockwerke, zuzüglich Dachgeschoss und beinhalteten in den meisten Fällen einen Keller und einen Stall, sowie eine unterschiedliche Anzahl an Stuben, Küchen, Kammern, Ernkammern und Böden. Die Stadt verfügte über mehrere öffentliche Gebäude, die für das städtische Leben von großer Bedeutung waren. In der Innenstadt befanden sich das Rathaus, das Schulhaus, sowie die Stadtschreiberei. Direkt vor den beiden Stadttoren bestanden zwei Vorstädte, nördlich und murrabwärts die untere Vorstadt, südlich und murraufwärts die obere Vorstadt. In beiden Vorstädten befand sich jeweils ein Waschhaus zur gemeinschaftlichen Nutzung. Zudem gab es in der unteren Vorstadt ein Schießhaus, das für Schützenübungen genutzt wurde. Der Umfang der ummauerten Innenstadt wurde seit der Stadtgründung wahrscheinlich mehrere Male vergrößert, zuletzt wohl im 15. Jahrhundert und blieb danach bis nach 1765 unverändert. Eine Expansion der Vorstädte erfolgte zunächst in behutsamen Rahmen, erst ab etwa 1720 3 wurden vermehrt Neubauten genehmigt, was wahrscheinlich durch das stetige Bevölkerungswachstum bedingt war. 4. Quellenlage und Quellenkritik Die Grundlage jedes Häuserbuchs bilden serielle Verwaltungsquellen, die über längere Zeiträume hinweg Informationen zu Besitz, Nutzung und Bewertung von Grundstücken überliefern. Für den württembergischen Raum steht dabei ein außergewöhnlich dichter und zugleich komplexer Quellenbestand zur Verfügung. Die Vielfalt dieser Überlieferung ist Segen und Herausforderung zugleich: Sie erlaubt eine weitgehende Rekonstruktion der Besitzund Baugeschichte, verlangt jedoch ein hohes Maß an Quellenkritik, da jede Quelle aus einem spezifischen administrativen Kontext heraus entstanden ist. 3 In diesen Zeitraum fällt auch der Beginn der Wohnbebauung in der heutigen Murrgasse, im Eulenhöfle und auf dem Gaisbühl. Andreas Kozlik: Quellen und Methoden für das Häuserbuch Murrhardt - DOI: 10.5281/zenodo.15055271 9 Zu den zentralen Quellengruppen gehören die Lagerbücher 4 , die als systematische Aufzeichnungen über Grundbesitz und damit verbundene Abgaben geführt wurden. Diese Bücher enthalten in der Regel Angaben zu Haus, Hofraum, Garten und Ackerland sowie zu den jeweiligen Eigentümern oder Nutzungsberechtigten. Ihr ursprünglicher Zweck war die Sicherung der grundherrlichen Einkünfte, nicht die Dokumentation von Besitzverhältnissen im modernen Sinne. Das älteste der heute noch vorhandenen Murrhardter Lagerbücher ist das Klosterlagerbuch von 1576 5 . Ab dem 18. Jahrhundert gewannen Steuerverzeichnisse und Steuerkataster 6 an Bedeutung, die in vielen württembergischen Städten und Ämtern in engem Zusammenhang mit der Erfassung der Gebäudebestände geführt wurden. Sie bieten nicht nur Angaben zu Besitzern und Steuerpflichtigen, sondern auch zu Lage, Nutzung und wirtschaftlichem Wert der Häuser. Eine Murrhardter Besonderheit sind die Unterlagen, die im Zusammenhang mit dem Stadtbrand 1765 entstanden sind. Hier ist vor allem die Brandstättenbeschreibung zu nennen, in der sowohl Angaben zu den abgebrannten wie auch zu den daraufhin neugebauten Gebäuden zu finden sind 7 . Besonders aufschlussreich sind die sogenannten Feuerversicherungsbücher, die in Murrhardt ab 1832 angelegt wurden 8 und für jedes Gebäude Angaben zu Material, Bauform, Stockwerkszahl und Brandversicherungssumme enthalten. Diese Quellen sind für die historische Bauforschung ebenso wichtig wie für die Besitzgeschichte, da sie den baulichen Zustand und den sozialen Rang der Eigentümer indirekt widerspiegeln. 4 Siehe hierzu auch: Regina Keyler: Lagerbücher. In: Südwestdeutsche Archivalienkunde. https://www.leo-bw.de/themenmodul/sudwestdeutsche-archivalienkunde/archivaliengattungen/ amtsbucher/urbare/lagerbucher (Aufruf am 01.11.2025). 5 Hauptstaatsarchiv Stuttgart H 102/54, Bd. 8. Edition bei Gerhard Fritz: Das Murrhardter Lagerbuch von 1576. Schwäbisch Gmünd 2010. https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:bsz:752-opus-51 (Aufruf am 01.11.2025). 6 Siehe hierzu auch: Rolf Bidlingmaier: Steuerbücher der Neuzeit. In: Südwestdeutsche Archivalienkunde. https://www.leo-bw.de/themenmodul/sudwestdeutsche-archivalienkunde/ archivaliengattungen/amtsbucher/steuerbucher-nz (Aufruf am 01.11.2025). 7 Stadtarchiv Murrhardt B 1264. 8 Stadtarchiv Murrhardt B 1025. Andreas Kozlik: Quellen und Methoden für das Häuserbuch Murrhardt - DOI: 10.5281/zenodo.15055271 16 Besitzübergängen oder Aufteilung auf mehrere Besitzer - sowie besondere Umstände (z. B. Abbruch, Neubau, Brandereignisse). Der Textteil jedes Artikels könnte zu einem späteren Zeitpunkt durch grafische und tabellarische Elemente ergänzt werden: Kartenverweise (z. B. auf historische Katasterausschnitte), Pläne, schematische Besitzfolgetabellen und zeichnerische Darstellungen bzw. aktuelle oder historische Fotografien der jeweiligen Gebäude. Ziel ist eine Darstellung, die sowohl wissenschaftlich präzise als auch anschaulich nachvollziehbar ist. In der digitalen Fassung wäre es möglich, die Artikel über Hyperlinks miteinander zu verbinden, sodass Eigentumsverflechtungen, Familienzusammenhänge und räumliche Nachbarschaften direkt nachvollzogen werden können. Das Häuserbuch ist modular konzipiert, sodass es sowohl als Grundlage für eine Buchpublikation als auch in digitaler Form (z. B. als Datenbank oder OnlinePublikation) genutzt werden kann. Für die digitale Version wären erweiterte Suchmöglichkeiten, Verknüpfungen mit Kartenmaterial (GIS) und Filterfunktionen nach Zeit, Besitz, Nutzung oder Quellentyp denkbar. Eine Druckfassung wäre in thematischen Bänden möglich (z. B. „Innenstadt“, „Untere Vorstadt“, „Obere Vorstadt“), um die handhabbare Nutzung und eine schrittweise Veröffentlichung zu ermöglichen. Für eine Buchpublikation wäre grundsätzlich zu entscheiden, inwiefern die Gebäudeartikel eher tabellarisch oder narrativ strukturiert werden. 7. Technische und redaktionelle Umsetzung Die technische Umsetzung eines Häuserbuchprojekts stellt eine zentrale Voraussetzung für die Nachhaltigkeit und Nachvollziehbarkeit der Forschungsergebnisse dar. Sie umfasst sowohl die Strukturierung und Pflege der erhobenen Daten als auch deren Sicherung, Visualisierung und Präsentation in geeigneten Formaten. Ziel ist es, eine Arbeitsumgebung zu schaffen, die den Ansprüchen historischer Genauigkeit, langfristiger Datenstabilität und publizistischer Verwertbarkeit gleichermaßen gerecht wird. Für das Projekt Häuserbuch Murrhardt bildet eine Excel-basierte Tabelle die Kernstruktur der Datenerfassung. Dieses Format bietet den Vorteil, dass es flexibel, transparent und für komplexe historische Daten anpassbar ist. Die Tabelle enthält für Andreas Kozlik: Quellen und Methoden für das Häuserbuch Murrhardt - DOI: 10.5281/zenodo.15055271 17 jedes Grundstück eine eindeutige Identifikationsnummer, an die sämtliche Informationen aus den unterschiedlichen Quellen gekoppelt werden. Um die Übersichtlichkeit zu wahren, werden thematische Gruppen (Art der Nutzung, Nachträge in den Quellen) farblich markiert, wobei eine konsistente Farbpalette und strukturierte Überschriftenzeilen den Lesefluss unterstützen. Da im Projekt mit umfangreichen Datensätzen gearbeitet wird – mehrere hundert Grundstücke und rund zehntausend Einträge – erfolgt die Datenpflege in getrennten Teilblättern, die die Gebäude und Quellen in eine Epoche vor dem Stadtbrand 1765 und eine Epoche nach dem Stadtbrand 1765 unterteilen. Diese Module können später zu einer Gesamttabelle zusammengeführt werden. Entscheidendes Kriterium ist die strikte Einheitlichkeit der Spaltenbezeichnungen und Formatierungen, damit alle Daten relational verbunden und ausgewertet werden können. Zur räumlichen Verortung der Grundstücke wird parallel ein Geoinformationssystem (GIS) eingesetzt. Hierzu wird die Open-Source-Software QGIS verwendet. Grundlage der Erfassung sind aktuelle Karten mit Flurstücksgrenzen sowie die Urkarte der württembergischen Landesvermessung von 1832, die als Rasterkarte dienen. Hinzu kommen weitere im Projekt georeferenzierte historischen Karten. Auf dieser Basis werden die historischen Parzellen als Vektorebene digitalisiert und ermöglichen nicht nur eine exakte Lokalisierung, sondern beispielsweise auch eine auf den Meter präzise Überlagerung der Innenstadtparzellen vor und nach dem Stadtbrand 1765. Durch diese Möglichkeiten entsteht ein räumlich orientiertes Analysewerkzeug, das sowohl die Entwicklung einzelner Grundstücke als auch die Veränderungen der städtischen Topographie sichtbar macht. Für die GIS-Verknüpfung können offene Formate wie CSV (Tabellenexport) und Shapefile (Vektorebene) zur Anwendung kommen, um die langfristige Kompatibilität zu sichern. Nicht zuletzt dient der Einsatz des Geoinformationssystem QGIS dazu, für das Projekt und darauf aufbauende Publikationen maßgeschneiderte eigene Karten zu erstellen, die unter einer CreativeCommons-Lizenz verwendet werden können. Viele Häuserbücher sind heute über Projektseiten im Internet zugänglich, was den schnellen Zugriff, die kontinuierliche Aktualisierung und die unkomplizierte Verbreitung der Forschungsergebnisse deutlich erleichtert. Online-Publikationen ermöglichen zudem eine flexible Verknüpfung mit Karten, Bildern und externen Informatio- Andreas Kozlik: Quellen und Methoden für das Häuserbuch Murrhardt - DOI: 10.5281/zenodo.15055271 18 nen und erhöhen damit den wissenschaftlichen und öffentlichen Nutzwert. Gleichzeitig ist eine Projektwebseite jedoch keine verlässliche langfristige Publikationsform, da ihre dauerhafte Erreichbarkeit von technischen, finanziellen und organisatorischen Faktoren abhängt, die im Privatbereich nicht leistbar ist. Die regelmäßige Aktualisierung, Datenpflege und technische Wartung ist im Ehrenamt nicht kontinuierlich zu gewährleisten, sodass eine stabile, dauerhaft zitierbare Publikation – etwa in Form eines Open-Access-PDFs oder einer institutionellen RepositoryVeröffentlichung – unverzichtbar bleibt. Hierfür würden sich ein landesgeschichtlicher Publikationsserver wie das Angebot RegionaliaOpen der Badischen Landesbibliothek 20 anbieten. Da das interdisziplinäre Repositorium Zenodo 21 eine Versionierung bereitstellt, die es ermöglicht, Publikationen durch neue Versionen zu aktualisieren, eignet es sich besonders für laufende Forschungsprojekte wie das hier vorgestellte. Auch dieses Beiheft zum Projekt wird über Zenodo bereitgestellt 22 . Ein wichtiges Qualitätsmerkmal ist schließlich die Nachhaltigkeit der Datenhaltung. Dazu gehören eine sorgfältige Dokumentation der im Projekt erfassten Daten (Definition der Felder, verwendete Maßeinheiten, Abkürzungen, Quellenkürzel). Und natürlich gilt auch für das Häuserbuch Murrhardt: Um Datenverlust zu vermeiden, werden alle Projektdaten nach bewährten Sicherungsprinzipien mehrfach und an verschiedenen Orten gespeichert. 8. Herausforderungen und Problemfelder Die Erarbeitung eines Häuserbuchs ist mit einer Vielzahl methodischer, technischer und quellenkritischer Herausforderungen verbunden. Diese betreffen sowohl den Umgang mit der historischen Überlieferung als auch die Datenorganisation, die methodische Zuordnung von Grundstücken über mehrere Jahrhunderte hinweg und die wissenschaftliche Interpretation der Ergebnisse. In diesem Werkstattbericht sollen diese Schwierigkeiten zumindest benannt und damit transparent gemacht werden. Ein zentrales Problem stellt die Uneinheitlichkeit und Unvollständigkeit der Quellenlage dar. Neben den bereits bei „4. Quellenlage und Quellenkritik“ erwähnten Aspekten, sind insbesondere die zahlreichen Nachträge und Überschreibungen zu nennen, 20 https://www.blb-karlsruhe.de/service/publizieren (Aufruf am 01.11.2025). 21 https://zenodo.org/ (Aufruf am 01.11.2025). 22 https://doi.org/10.5281/zenodo.15055271 (Aufruf am 01.11.2025). Andreas Kozlik: Quellen und Methoden für das Häuserbuch Murrhardt - DOI: 10.5281/zenodo.15055271 19 die sich oft nur durch unterschiedliche Handschrift oder deren Farbe vom ursprünglichen Inhalt der Quelle unterscheidet. In Steuerbüchern, die über Jahrzehnte hinweg genutzt wurden, finden sich häufig handschriftliche Nachträge, die Besitzwechsel, Nutzungsänderungen oder Neubewertungen dokumentieren. Diese Einträge stehen oft nicht an der ursprünglichen Stelle, sondern wurden später zwischenoder nachgetragen. Für eine verlässliche Rekonstruktion der Besitzgeschichte ist es daher unerlässlich, diese Nachträge in die korrekte chronologische Reihenfolge einzuordnen. Erst dadurch lässt sich nachvollziehen, wann ein Besitzerwechsel tatsächlich stattgefunden hat, wie sich die Steuerlast im Zeitverlauf verändert hat und ob ein Eintrag eine Korrektur, Ergänzung oder spätere Aktualisierung darstellt. Bei der Erfassung werden Nachträge farblich markiert. Der Murrhardter Stadtbrand von 1765 führte zu tiefgreifenden Veränderungen im Grundriss der Innenstadt, da im Zuge des Wiederaufbaus Parzellen neu vermessen, Baulinien begradigt und einzelne Gassen verbreitert oder verlegt wurden. Dadurch entsteht ein deutlicher Bruch in der historischen Kontinuität der Grundstücke, weil die vormals überlieferten Parzellenstrukturen nicht mehr direkt mit den neu angelegten Grundstücken übereinstimmen. Für ein Häuserbuch stellt dies eine besondere Herausforderung dar, da sich die Besitzund Nutzungsgeschichte nicht ohne Weiteres über den Zeitpunkt des Brandes hinweg fortführen lässt. Bei der Erfassung wurden deshalb die Gebäude vor 1765 und die Gebäude nach 1765 in getrennten Datenblättern erfasst. Ein weiteres methodisches Problem ergibt sich aus den Veränderungen der Grundstücksstruktur selbst. Über die Jahrhunderte hinweg wurden Grundstücke geteilt, zusammengelegt, in neuer Form bebaut oder durch Anbauten ergänzt, wodurch sich die Zahl der Einheiten zwischen verschiedenen Zeitstufen nicht deckt. Sofern diese Veränderungen nicht ausdrücklich in den Quellen erwähnt werden, sind diese nur schwer zu erkennen. In wenigen Fällen führt dies dazu, dass manche baulichen Veränderungen bisher noch nicht nachvollzogen werden konnten. Auch Namensgleichheit und Personenidentifikation stellen erhebliche Schwierigkeiten dar. In Murrhardt treten mehrere Familien gleichen Namens auf, teils verwandt, Andreas Kozlik: Quellen und Methoden für das Häuserbuch Murrhardt - DOI: 10.5281/zenodo.15055271 20 teils nicht 23 . Hinzu kommt, dass in der frühen Neuzeit die Ausbildung der Familiennamen noch nicht völlig abgeschlossen war, sodass Personen mit wechselnden Bezeichnungen, die sich oft auf die Berufe bezogen, verzeichnet wurden. Um Fehlinterpretationen zu vermeiden, ist ein fortlaufender Abgleich mit genealogischen Vergleichsquellen (Ortsfamilienbuch Murrhardt, Teilungsakten) notwendig, manche Familienbeziehungen können dabei nur indirekt erschlossen werden. Dennoch bleiben in manchen Fällen Unsicherheiten bestehen, die im Datensatz als solche markiert werden müssen. Ein technisches Problem ist die Heterogenität der Maßeinheiten. Ältere Güterbücher arbeiten mit traditionellen Flächenmaßen wie Morgen und Viertel, während ab Mitte des 19. Jahrhunderts Ar und Quadratmeter verwendet werden. Eine Umrechnung ist grundsätzlich möglich, jedoch müssen regionale Unterschiede berücksichtigt werden. Daher ist es methodisch sinnvoll, sowohl die Originalangabe als auch die umgerechnete Fläche zu erfassen, um wissenschaftliche Vergleichbarkeit und Quellentreue gleichermaßen zu gewährleisten. Von erheblicher Bedeutung sind auch die Herausforderungen der Datenorganisation. Die Arbeit mit großen Datenmengen (mehrere zehntausend Felder) führt in Datenverarbeitungsprogrammen wie Excel leicht zu Übersichtsschwierigkeiten. Farbmarkierungen, Filterfunktionen und Validierungsregeln können die Arbeit erleichtern, erfordern jedoch eine konsequente Systematik. Fehler in der Strukturierung zu Beginn können später nur schwer korrigiert werden. Schließlich ist der grundsätzliche Umgang mit Unsicherheiten, Lücken und Widersprüchen eine Herausforderung. Häuserbücher suggerieren durch ihre systematische Form eine Vollständigkeit, die in der Realität nie erreicht werden kann. Es gehört zur wissenschaftlichen Redlichkeit, Unsicherheiten offen zu kennzeichnen und die Grenzen der Quellenauswertung deutlich zu machen. In diesem Sinn versteht sich das Häuserbuch Murrhardt nicht als abschließende Besitzdokumentation, sondern als dynamisches Forschungsinstrument, das künftige Ergänzungen und Korrekturen ermöglichen sollte. 23 Im frühen 17. Jahrhundert gab es beispielsweise gleichzeitig vier Personen mit dem Namen Hans Zügel. Andreas Kozlik: Quellen und Methoden für das Häuserbuch Murrhardt - DOI: 10.5281/zenodo.15055271 21 Zur Summe dieser Herausforderungen sind noch zwei Gesichtspunkte hinzuzufügen: Die Erfassung von handschriftlich dokumentierten Verwaltungsvorgängen aus mehreren Jahrhunderten durch eine einzige Person in relativ kurzer Zeit kann niemals fehlerfrei geschehen. Trotz größter Sorgfalt und langjähriger Erfahrung im Umgang mit historischen Quellen lassen sich Fehler nicht vollständig ausschließen; insbesondere bei der Vielzahl handschriftlicher Einträge können Lesefehler auftreten. Auch bei der anschließenden Erfassung sind Eingabefehler möglich, die sich trotz sorgfältiger Kontrolle nicht immer vermeiden lassen. Und schließlich: Das gesamte Projekt beruht auf ehrenamtlicher Arbeit, die neben der regulären beruflichen Tätigkeit geleistet wird. Der dafür erforderliche erhebliche Zeitund Arbeitsaufwand sollte dabei nie zulasten des familiären Umfelds gehen. 9. Wissenschaftliche Einordnung und Anschlussmöglichkeiten Das Häuserbuch Murrhardt ist mehr als eine lokalhistorische Datensammlung, durch die Übertragung der in den Archivalien enthaltenen Informationen in ein analytisches, räumlich strukturiertes Format, liegt seine Bedeutung in der Verbindung von Besitzund Bevölkerungsgeschichte, Sozialtopographie sowie städtebaulicher Entwicklung. Durch die Zusammenführung dieser Perspektiven eröffnet das Projekt nicht nur Einblicke in die historische Struktur des Stadt Murrhardt, sondern stellt seine Ergebnisse zugleich für vergleichende Stadtforschungen im südwestdeutschen Raum zur Verfügung. Von besonderem Erkenntniswert ist die Verknüpfung des Häuserbuchs mit dem Ortsfamilienbuch Murrhardt, da beide Werktypen unterschiedliche, sich aber komplementär ergänzende Perspektiven einnehmen. Das Ortsfamilienbuch rekonstruiert genealogische Zusammenhänge und Lebensläufe der Einwohner – also die personale Kontinuität der Stadtgesellschaft. Das Häuserbuch hingegen erfasst die räumliche und materielle Kontinuität der Bebauung und des Besitzes. Erst in der Zusammenschau beider kann ein vollständiges Bild der historischen Stadt entstehen: Man kann nachvollziehen, welche Familien über Generationen hinweg bestimmte Häuser besaßen, wann Eigentumswechsel erfolgten, welche sozialen Schichten und Berufszweige in Andreas Kozlik: Quellen und Methoden für das Häuserbuch Murrhardt - DOI: 10.5281/zenodo.15055271 22 welchen Straßenzügen konzentriert waren und wie sich wirtschaftliche oder familiäre Entwicklungen im Stadtraum abbildeten. Damit besitzt das Projekt ein erhebliches Potenzial für Anschlussforschung in verschiedenen Forschungsfeldern: Sozialund Wirtschaftsgeschichte, Bauforschung, Historische Demographie und Genealogie, Verwaltungsgeschichte, Kulturlandschaftsforschung und Historische Geographie. Mehrere Anschlussprojekte sind durch den Verfasser bereits in Arbeit: Parallel zum Häuserbuch Murrhardt entsteht das Güterbuch Murrhardt, in dem für sämtliche Parzellen der historischen Markung der Stadt Murrhardt die Lage, die Besitzund Nutzungsgeschichte sowie die zugehörigen grundherrschaftlichen Verhältnisse systematisch dokumentiert werden. Dieses Verzeichnis erlaubt nicht nur Rückschlüsse auf Agrarstruktur und Flächennutzung, sondern liefert auch wesentliche Hinweise auf die Entwicklung des Vorund Umfelds der städtischen Siedlungserweiterungen. In zwei weiteren Projekten (Arbeitstitel: Häuserbuch Murrhardt Amt und Häuserbuch Oberes Amt Sulzbach) werden die Gebäude der Dörfer, Weiler und Wohnplätze erfasst, die in einem engen historischen Zusammenhang mit Murrhardt stehen – sei es aufgrund ihrer früheren Zugehörigkeit zum Klosteramt Murrhardt oder ihrer traditionellen kirchlichen Bindung an die Stadt. Diese Vorhaben orientieren sich an den gleichen methodischen Prinzipien wie das Häuserbuch Murrhardt, greifen jedoch auf zum Teil abweichende Quellenbestände zurück. Die bauliche Entwicklung Murrhardts lässt sich jedoch nicht isoliert betrachten, da vergleichbare Städte der Region ähnliche strukturelle, wirtschaftliche und städtebauliche Veränderungen durchlaufen haben. Ein vergleichender Blick auf diese Orte ermöglicht es, lokale Besonderheiten von überregionalen Entwicklungslinien zu unterscheiden und die städtische Struktur Murrhardts besser einzuordnen. Besonders aufschlussreich könnte darüber hinaus ein Vergleich mit der Stadt Blaubeuren im AlbDonau-Kreis werden, die wie Murrhardt in engem Zusammenhang mit einem Kloster entstand und ähnliche strukturelle Voraussetzungen für seine frühe Stadtentwicklung aufweist. Für Blaubeuren existiert bereits ein publiziertes Häuserbuch 24 . Auch in einigen Nachbarstädten Murrhardts sind bereits laufende oder abgeschlos24 Otto-Günter Lonhard: Blaubeurer Häuserbuch. Vom 15. Jahrhundert bis 1820. Pforzheim 2005. Andreas Kozlik: Quellen und Methoden für das Häuserbuch Murrhardt - DOI: 10.5281/zenodo.15055271 23 sene Häuserbuchprojekte entstanden, deren vergleichende Auswertung, etwa hinsichtlich Aufbau, Parzellenstruktur, Nutzungsmustern und Besitzkontinuitäten, wertvolle neue Erkenntnisse für die Analyse der regionalen Stadtentwicklung eröffnen könnte. In Schwäbisch Hall hat die Hausforschung, aufbauend auf den Arbeiten von Albrecht Bedal 25 , bereits eine längere Tradition. Mit dem vom örtlichen Stadtarchiv koordinierten Schwäbisch Haller Häuserlexikon 26 liegt ein digitales Gebäudeverzeichnis der Stadt vor, das Bau-, Besitzund Nutzungsgeschichte der Altstadthäuser systematisch zusammenführt. Grundlage bildet der Primärkatasternummernplan von 1827, anhand dessen Häuser, Parzellen und Besitzer über mehrere Quellenstufen (Güterbücher, Kaufund Übergabeverträge, Bauforschung) erschlossen sind. Dabei werden nicht nur historische Besitzverhältnisse dokumentiert, sondern auch bauforscherische Befunde integriert, etwa dendrochronologische Holzdatierungen. Das Projekt ist als Open-End-Edition angelegt. Auch das im Jahr 2024 begonnene Projekt Häuserbuch Waiblingen verfügt über eine Projektseite im Internet 27 . Es wird von einer Arbeitsgruppe um Jörg Heinrich und dem Bauforscher Markus Numberger erstellt und konzentriert sich auf die Altstadt von Waiblingen mit rund 444 Gebäuden, die 1836 vorhanden waren. Es ist geplant, für jedes Objekt auf Grundlage des Primärkatasters eine Gebäudebeschreibung mit Besitzgeschichte zu erstellen. Das Projekt soll nach und nach um bauforscherische Untersuchungen, einem Kellerkataster, alte Fotografien, Abbildungen und Baupläne ergänzt werden. Ebenso ist das seit längerem in Erarbeitung befindliche Häuserbuch Backnang online einsehbar 28 . Ziel ist auch hier, die Bauund Besitzgeschichte der Häuser im Bereich der Altstadt darzustellen. Kerndaten sind: Adresse, Primärkatasternummer, Besitzerlisten, bauhistorische Befunde, Nutzung früher und heute sowie historische Bilder, ergänzt um eher anekdotische Erzählungen. Das von Heiner Kirschmer und Daniel Waack betriebene Projekt geht auf Robert Gomringer zurück, der bereits 2002 mit der Auswertung archivalischer Quellen begann. Darüber hinaus existieren für Besigheim 29 , Bad Cannstatt 30 , Giengen an der Brenz 31 25 Siehe hierzu auch: Albrecht Bedal: Haller Häuserbuch. Künzelsau 2014. 26 https://www.haeuserlexikon.de/haeuserlexikon (Aufruf am 01.11.2025). 27 https://www.waiblinger-haeuserbuch.de/ (Aufruf am 01.11.2025). 28 https://backnanger-haeuserbuch.de/ (Aufruf am 01.11.2025). 29 Vera Ehrensperger: Besigheimer Häuserbuch. Besigheim 1993, übertragen in die Datenbank Bauforschung/Restaurierung. https://www.bauforschung-bw.de/ (Aufruf am 01.11.2025). Andreas Kozlik: Quellen und Methoden für das Häuserbuch Murrhardt - DOI: 10.5281/zenodo.15055271 24 und Heidenheim 32 weitere einschlägige Publikationen, die hier exemplarisch genannt werden sollen, ohne dass damit ein Anspruch auf Vollständigkeit verbunden ist. Auch in anderen Gemeinden der Region entstanden in den letzten Jahren Untersuchungen auf Grundlage historischer Gebäudeverzeichnisse, so z. B. in Sulzbach an der Murr 33 . Vergleichende Untersuchungen in der Regionalgeschichte, die auf systematischen Auswertungen von Primärquellen (Häuserbücher, Ortsfamilienbücher) beruhen, sind in Deutschland bislang leider selten 34 . Häufig konzentrieren sich Forschende auf Einzelfälle oder Einzelstädte, sodass überregionale oder strukturvergleichende Analysen nur begrenzt durchgeführt wurden. 10. Fazit und Ausblick Das Häuserbuch Murrhardt versteht sich als ein langfristig angelegtes Forschungsund Dokumentationsprojekt zur Rekonstruktion der Besitzund Baugeschichte der Stadt Murrhardt. Es basiert auf der systematischen Auswertung einer Vielzahl serieller Quellen – insbesondere der Güterbücher, Lagerbücher, Steuerregister und Katasterunterlagen – und überführt diese in eine strukturierte, raumbezogene Form. Ziel ist es, die historische Entwicklung des städtischen Raumes von der Frühen Neuzeit bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts nachvollziehbar zu machen und zugleich die sozialen und wirtschaftlichen Strukturen sichtbar zu halten, die sich in der Parzellenund Häusergeschichte widerspiegeln. Im Laufe der Erarbeitung hat sich gezeigt, dass die Erstellung eines Häuserbuchs nicht nur eine technische, sondern vor allem eine methodische Herausforderung darstellt. Die Vereinheitlichung unterschiedlicher Maßeinheiten, Schreibweisen und Quellenformate verlangt nach klaren Editionsprinzipien und einer transparenten Datenstruktur. Ebenso erfordert die Identifikation von Grundstücksund Hausfolgen über Zeiträume von mehreren Jahrhunderten hinweg eine kontinuierliche Überprü30 Peter Kieferle: Das Cannstatter Häuserbuch. Die Häuser von Alt-Cannstatt. Stuttgart 2024. 31 Ulrich Stark: Häuser-Buch Giengen 1805. Das erste Brand-Versicherungs-Kataster. Giengen 1999. 32 Helmut Weimert: Heidenheimer Häuserbuch. 3 Bände. Heidenheim 1996-2006. 33 Fabian Woelke: Sulzbach an der Murr. Sozialgeschichtliche Untersuchungen zu einer württembergischen Gemeinde auf der Grundlage der Primärkataster und Urnummernkarten von 1831. In: Backnanger Jahrbuch 31. 2023, S. 64-89. 34 Für das Forschungsfeld Stadtbücher sei hier das Projekt „Index Librorum Civitatum“ (ILC) genannt: https://www.stadtbuecher.de/ (Aufruf am 01.11.2025). Andreas Kozlik: Quellen und Methoden für das Häuserbuch Murrhardt - DOI: 10.5281/zenodo.15055271 25 fung der getroffenen Zuordnungen. Das Häuserbuch ist daher weniger ein statisches Nachschlagewerk als ein Forschungsinstrument, das sich im Verlauf seiner Entstehung immer weiter verfeinert. Von besonderem wissenschaftlichem Gewinn ist die Verbindung des Häuserbuchs Murrhardt mit dem Ortsfamilienbuch Murrhardt und dem geplanten Güterbuch Murrhardt. In dieser Trias entsteht ein Gesamtbild der Stadt, das Besitzgeschichte, Familiengeschichte und Sozialtopographie miteinander verschränkt. Durch diese Kombination lassen sich nicht nur einzelne Häuser oder Familien, sondern auch ganze Straßenzüge, Nachbarschaften und soziale Netzwerke im Wandel der Zeit erfassen. Damit wird die Stadt als historisches Beziehungsgeflecht sichtbar – als ein dynamisches System von Menschen, Räumen und Besitzverhältnissen. Insgesamt steht das Häuserbuch Murrhardt exemplarisch für eine moderne Form kommunaler Geschichtsforschung, die archivgestützte Quellenarbeit, quantitative Methoden und digitale Visualisierung miteinander verbindet. Es dokumentiert nicht nur historische Fakten, sondern vermittelt die Entwicklung eines urbanen Lebensraumes über Jahrhunderte hinweg. Der vorliegende Werkstattbericht versteht sich daher als Zwischenstand eines offenen, wachsenden Projekts und als Einladung zum fachlichen Dialog über neue Wege der Haus-, Stadtund Sozialgeschichtsforschung in Württemberg und darüber hinaus. Erste Ergebnisse des Projekts wurden bei mehreren Vorträgen des Geschichtstreffs des Geschichtsvereins Murrhardt und Umgebung vorgestellt: 03.05.2024: Andreas Kozlik: Die Stadt Murrhardt und ihre Einwohner in der Frühen Neuzeit. 24.10.2025: Andreas Kozlik: Die bauliche Entwicklung Murrhardts im 18. und 19. Jahrhundert. Ergebnisse des Projekts sowie verschiedene Themenkarten flossen in folgende wissenschaftliche Publikation ein: Andreas Kozlik: Die Stadt Murrhardt und ihre Bevölkerung im 18. Jahrhundert. Untersuchungen zur Demographie und Sozialstruktur einer städtischen Gesellschaft. In: Württembergisch Franken 109. 2025, S. 165-192.