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Mangel, Arbeitslosigkeit und Reform – Der Lehrberuf in der Schweizer Presse im Kontext der Entwicklung des Berichts «Lehrerbildung von morgen»

Ruloff, Michael Christian

Abstract

Die Jahre nach 1970 markieren einen tiefgreifenden Umbruch für den Lehrberuf: Auf einen akuten Lehrpersonenmangel folgt ab der Mitte des Jahrzehnts eine Zeit der Arbeitslosigkeit. Das Ansehen des Berufs leidet unter einer teilweise alarmistischen medialen Berichterstattung; das Lehramt wird im Kontext von Mangel und Arbeitslosigkeit als wenig attraktiv dargestellt – ein Beruf, den offenbar zu wenige ausüben wollen bzw. können. In dieser Phase wird der Bericht «Lehrerbildung von morgen» (LEMO) publiziert – und in der Schweizer Presse überwiegend positiv aufgenommen. Der Beitrag untersucht, wie der Lehrberuf während der Entwicklung des LEMO-Berichts im Spannungsfeld von «Mangel» und «Arbeitslosigkeit» medial dargestellt wurde. Auf der Grundlage einer Analyse ausgewählter Schweizer Printmedien wird sichtbar, wie stark die Arbeitsmarktbedingungen die Lehrpersonenbildung beeinflussten – und welche Rolle der LEMO-Bericht dabei spielte. Dabei wird gezeigt, wie er die Reformdebatte konzeptionell rahmte, zentrale Forderungen formulierte und im öffentlichen Diskurs als Referenzpunkt diente.

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v Schweizer Kompromisspapier und bedeutsames Referenzdokument zur Lehrerinnenund Lehrerbildung 50 Jahre «Lehrerbildung von morgen» Herausgegeben von Christina Huber und Peter Tremp Mit Beiträgen von Stephanie Appius, Tomas Bascio, Lucien Criblez, Philipp Eigenmann, Markus Furrer, Andreas Hoffmann-Ocon, Christina Huber, Sabine Leineweber, Bruno Leutwyler, Amanda Nägeli, Danièle Périsset, Manuel Perrenoud, Silja Rüedi, Michael Christian Ruloff, Wolfgang Sahlfeld, Peter Tremp, Markus Weil, Corinne Wyss Erörterungen Einschätzungen Entwicklungen Ruloff, Michael (2025). Mangel, Arbeitslosigkeit und Reform – Der Lehrberuf in der Schweizer Presse im Kontext der Entwicklung des Berichts «Lehrerbildung von morgen». In Christina Huber & Peter Tremp (Hrsg.), Schweizer Kompromisspapier und bedeutsames Referenzdokument zur Lehrerinnenund Lehrerbildung. 50 Jahre «Lehrerbildung von morgen». Erörterungen – Einschätzungen – Entwicklungen (S.137-146). Luzern: Pädagogische Hochschule Luzern. https://doi.org/10.5281/zenodo.17453454 137 Die Jahre nach 1970 markieren einen tiefgreifenden Umbruch für den Lehrberuf: Auf einen akuten Lehrpersonenmangel folgt ab der Mitte des Jahrzehnts eine Zeit der Arbeitslosigkeit. Das Ansehen des Berufs leidet unter einer teilweise alarmistischen medialen Berichterstattung; das Lehramt wird im Kontext von Mangel und Arbeitslosigkeit als wenig attraktiv dargestellt – ein Beruf, den offenbar zu wenige ausüben wollen bzw. können. In dieser Phase wird der Bericht «Lehrerbildung von morgen» (LEMO) publiziert – und in der Schweizer Presse überwiegend positiv aufgenommen. Der Beitrag untersucht, wie der Lehrberuf während der Entwicklung des LEMO-Berichts im Spannungsfeld von «Mangel» und «Arbeitslosigkeit» medial dargestellt wurde. Auf der Grundlage einer Analyse ausgewählter Schweizer Printmedien wird sichtbar, wie stark die Arbeitsmarktbedingungen die Lehrpersonenbildung beeinflussten – und welche Rolle der LEMO-Bericht dabei spielte. Dabei wird gezeigt, wie er die Reformdebatte konzeptionell rahmte, zentrale Forderungen formulierte und im öffentlichen Diskurs als Referenzpunkt diente. Arbeitslosigkeit | Lehrerinnenund Lehrerbildung | Lehrpersonenmangel | Medienanalyse Les années après 1970 marquent un profond bouleversement pour la profession enseignante:une pénurie aiguë d‘enseignant·e·s est suivie, à partir du milieu de la décennie, d‘une période de chômage. L’image du métier souffre d‘une couverture médiatique parfois alarmiste : dans un contexte de pénurie et de chômage, le métier d’enseignant·e est présenté comme peu attrayant, comme métier que, apparemment, trop peu de personnes semblent vouloir ou pouvoir exercer. C‘est pendant cette période que le rapport «La formation des maîtres de demain»(LEMO) est publié et accueilli de manière majoritairement positive par la presse suisse. Cet article examine la manière dont la profession enseignante a été présentée dans les médias pendant l‘élaboration du rapport LEMO, dans un contexte marqué par la «pénurie» et le «chômage». Une analyse d‘une sélection de médias imprimés suisses montre à quel point les conditions du marché du travail ont influencé la formation des enseignant·e·s et quel rôle le rapport LEMO a joué à cet égard. Elle montre comment il a encadré conceptuellement le débat sur la réforme, formulé des revendications centrales et servi de référence dans le discours public. analyse des médias | chômage | formation des enseignant·e·s | pénurie d’enseignant·e·s Mangel, Arbeitslosigkeit und Reform – Der Lehrberuf in der Schweizer Presse im Kontext der Entwicklung des Berichts «Lehrerbildung von morgen» Pénurie, chômage et réforme–La profession enseignante dans la presse suisse dans le contexte de l‘élaboration du rapport «La formation des maîtres de demain» (LEMO) Autor | Michael Christian Ruloff 138 Christina Huber & Peter Tremp (Hrsg.) 1 Einleitung Bei dieser Studie sind Neuerer am Werk gewesen, Theoretiker und Praktiker, welche die wesentlichen Entwicklungen und Tendenzen in Wissenschaft und Gesellschaft überblicken und gewillt sind, dem Lehrer von morgen das Rüstzeug zu verschaffen, dessen er in zehn, zwanzig Jahren bedürfen wird, um die Kinder bildend und erziehend «aufs Leben» vorzubereiten. (NZZ, 24./25.01.1976, S.33) Mit diesen Worten würdigt die «Neue Zürcher Zeitung» (NZZ) den «Expertenbericht über die Lehrerbildung» bzw. den LEMO-Bericht («Lehrerbildung von morgen»). Dieser «bietet mit seinen 350 engbedruckten Seiten ein eigentliches Handbuch, auf das man noch nach zehn, zwanzig Jahren zurückgreifen wird». Das Ziel sei die «Erneuerung der Lehrerbildung». Im Zentrum steht der «Lehrer von morgen», dem angesichts gesellschaftlicher Umbrüche das nötige «Rüstzeug» verliehen werden soll (NZZ, 24./25.01.1976, S.33). Der Blick in die Zukunft («morgen») prägt in den unruhigen 1970er-Jahren die öffentliche Berichterstattung rund um den Lehrberuf und die Lehrpersonenbildung. Im Schweizer Fernsehen läuft der Film «Lehrer für die Schule von morgen» (NZZ, 07.10.1976, S.34), im Radio wird der «Nachruf auf einen Lehrer von morgen» (Stalder, 1970) gelesen.1 Die NZZ schreibt zur Ausund Weiterbildung der «Gewerbelehrer» einen Artikel mit dem Titel «Lehrer für die Gewerbeschule von morgen» (NZZ, 17.06.1972, Mittagsausgabe, S.21). Die «Schweizerische Lehrerzeitung» (slz), das damalige Organ des Dachverbands Lehrerinnen und Lehrer Schweiz (LCH), geht auf die «Anforderungen an den Lehrer von morgen» ein (slz, 1974, Nr.4, S.142), die Berner Zeitung «Der Bund» (Bund) beschreibt, was «die Lehrer von morgen lernen sollen» (Bund, 17.11.1977, S.7). Denn: «Auch die Schüler von morgen brauchen Lehrer» (slz, 1975, Nr.44, S.1561). Vor der «Lehrerbildung von morgen» sorgt mit der «Mittelschule von morgen» (selten ist vom «Gymnasium von morgen» die Rede) ein anderes «Reformprojekt» bzw. ein weiterer Bericht einer «Expertenkommission» (Criblez, 2001, 2003, 2010) für eine regelmässige mediale Berichterstattung (EDK, 1972). Die Zukunftsorientierung ist mehr als ein rhetorisches Motiv – sie ist Ausdruck einer tiefgreifenden gesellschaftlichen Verunsicherung. Besonders betroffen ist der Lehrberuf, dessen Selbstverständnis und öffentliche Wahrnehmung sich in einem umfassenden Wandel befinden. Der LEMO-Bericht bringt dies einleitend auf den Punkt: «Der Lehrberuf hat … eine grosse Wandlung durchgemacht. Die Lehrer selbst erleben diese Veränderungen als beunruhigend und spüren, wie ihr Denken und Tun in Frage gestellt wird» (Müller et al., 1975, S.29). Zwei miteinander verflochtene Phänomene stehen im Zentrum dieser Verunsicherung: der akute Lehrpersonenmangel einerseits, die zeitweise Arbeitslosigkeit ausgebildeter Lehrkräfte andererseits. Beide Dynamiken prägen das öffentliche Bild des Berufs. Sie sind zugleich zentral für die weitere Entwicklung der Lehrpersonenbildung – namentlich auch für die Realisierung einer Kernforderung des LEMO-Berichts: die «Verlängerung der Lehrerbildung» (Müller et al., 1975, S.20). 2 Der «Lehrermangel» im LEMO-Bericht Wir möchten auch an dieser Stelle in Erinnerung rufen, dass man den Lehrermangel niemals dadurch bekämpft, dass man die Lehrerbildung auf einem bescheidenen Niveau belässt und sie daher «billig» anbietet. Der Lehrerberuf wird attraktiv, wenn die Lehrerbildung etwas wert ist und wenn sie sich mit der Ausbildung zu vergleichbaren Berufen messen kann, nicht, wenn man diese Ausbildung auch mit schlechter Begabung und bei geringer Anstrengung durchlaufen kann. (Müller et al., 1975, S.126) Der LEMO-Bericht führt den «Lehrermangel» explizit als dringendes Problem auf (Müller et al., 1975, S.316). Die Autoren verweisen mehrfach auf entsprechende Literatur, etwa eine Monografie von Heinrich Tuggener (Müller et al., 1975, S.61, 259; vgl. Tuggener, 1966), einen Bericht der Zürcher Erziehungsdirektion (heute: Bildungsdirektion) zu einer «Erhebung» der «Lehrerrücktritte» (Müller et al., 1975, S.61, 253, 259) oder einen Artikel der NZZ mit dem Titel «Warum verlassen Lehrer den Schuldienst?» (Müller et al., 1975, S.61, 259; vgl. NZZ, 14.09.1973, Mittagausgabe, S.27). Am Schluss des Berichts formu1 Diese «Berndeutsche Sendereihe von Rudolf Stadler» (NZZ, 27.11.1970, Morgenausgabe, S.38) geht auf Ernst Ritter ein – einen Lehrer in der fiktiven Gemeinde Mattendorf, der in der dörflichen Gesellschaft auch nach seinem Tod kritisiert, belächelt und bemitleidet wird. Ein Thema im Dorf sind die «viele Ferie» bzw. «ewige Ferie» des Lehrers (Stalder, 1970, S.11; vgl. auch S.27, 32). 139 50 Jahre «Lehrerbildung von morgen» lieren die Autoren konkrete «Aufgaben» für die von ihnen geforderte «Lehrerbildungsreform» (Müller et al., 1975, S.312). Dazu zählt mit Blick auf den Lehrpersonenmangel die «Analyse des Lehrerbedarfs auf nationaler Ebene» (Müller et al., 1975, S.320). Das erhobene «Datenmaterial würde auch als Grundlage für die Schaffung einer gemeinsamen interkantonalen Politik zur Behebung des Lehrermangels, zum Austausch von Lehrkräften und zur Schaffung neuer Ausbildungsinstitutionen dienen» (Müller et al., 1975, S.323). Die Auseinandersetzung mit dem Lehrpersonenmangel erfolgt im LEMO-Bericht auch in praktischen Fragen der Weiterbildung. So schlagen die Autoren ein «Baukastensystem» vor: Damit sei das Angebot für Lehrpersonen «individualisiert» zugänglich und gleichzeitig «ökonomischer, weil nur jene weitergebildet werden, die tatsächlich im Schuldienst verbleiben» (Müller et al., 1975, S.257–258). Gleichzeitig heisst es im Bericht, dass «Beurlaubungen» für «Lehrerfortbildungskurse» in «Zeiten des akuten Lehrermangels schwierig zu verwirklichen» seien (Müller et al., 1975, S.250). Besondere Dringlichkeit erhält das Thema in Bezug auf die SekundarstufeI: «Gemeinsam ist vielen Kantonen ein Mangel an voll ausgebildeten Lehrern, die den Erfordernissen der Sekundarstufe I genügen» (Müller et al., 1975, S.263). Daraus leiten die Autoren einen klaren Auftrag ab: Gefordert wird «deshalb für die nahe Zukunft interkantonal ein gewichtiger Einsatz für die qualifizierte Ausbildung von Lehrern für diesen Schultypus» Müller et al., 1975, S.263). Einen zentralen Reformvorschlag bildet die «Verlängerung der Lehrerbildung» (Müller et al., 1975, S.20). Der vorliegende Beitrag geht der Frage nach, welchen Einfluss der akute Lehrpersonenmangel und die zeitweilige Arbeitslosigkeit von Lehrpersonen auf die Realisierung dieser Reform hatten – und wie dieser Prozess in der Schweizer Presse begleitet wurde. Zu diesem Zweck werden zunächst der historische Kontext des Lehrpersonenmangels und seine Bedeutung für die Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern skizziert. Anschliessend wird untersucht, wie Mangel und Arbeitslosigkeit in Tagespresse und Fachzeitschriften thematisiert wurden. Schliesslich richtet sich der Blick auf die Rolle des LEMO-Berichts innerhalb dieser Debatten und darauf, inwiefern er zu einer öffentlichen und fachlichen Neubewertung sowie zu einer möglichen Aufwertung der Lehrpersonenbildung beigetragen hat. 3 Zwischen Knappheit und Überfluss – der Lehrberuf im Wandel Der «grosse Lehrermangel» (Zitat aus dem Bildungsbericht Schweiz; vgl. SKBF, 2023, S.214) stellt eine tiefgreifende Herausforderung für den Lehrberuf dar und wirkt sich unmittelbar auf die Struktur und die Zielsetzung der Lehrpersonenbildung aus. Pädagogische Hochschulen geraten unter politischen Druck, die Anzahl der Ausbildungsplätze auszuweiten und alternative Zugänge zum Lehrberuf zu ermöglichen. Grundsätzlich wird von einem «zyklischen Wechsel von Mangel und Überschuss» ausgegangen (Hodel, 2005; Keller-Schneider & Schneider-Boye, 2023, S.356; Schneider Boye & Keller-Schneider, 2023; vgl. auch Criblez, 2017). Die historischen Entwicklungen auf dem «Arbeitsmarkt Schule» sind gut untersucht, die «Zyklen» (Mangel; Überschuss) können nachvollziehbar begründet werden (Terhart, 2023). Die für die Jahre nach 1970 am häufigsten beschriebenen Massnahmen zur Behebung des damaligen akuten «Mangels» beziehen sich auf die Erhöhung des Lohns, die Rückkehr von verheirateten (ehemaligen) Lehrerinnen in den Beruf, die Möglichkeit zur Teilzeitarbeit, die Steigerung der Attraktivität des Berufs durch eine Reduktion der Klassengrösse (vgl. Hodel, 2005; Schneider-Boye & Keller Schneider, 2023) – und insbesondere auf den Ausbau der Lehrerinnenund Lehrerbildung (Criblez, 2017). 3.1 Effekte auf die Lehrpersonenbildung Die Profession «Lehrerin»/«Lehrer» (bis weit in das 19.Jahrhundert war auch von «Schulmeistern» die Rede) ist seit der frühen Entwicklung der modernen öffentlichen Schule im ausgehenden 18.Jahrhundert immer wieder von einem Mangel geprägt. Das heisst: Das Angebot (Lehramt; Stelle an einer Schule) war und ist oftmals grösser als die Nachfrage (Personen, die eine solche Stelle suchen). Um das Jahr 1800 beklagten in der Schweiz insbesondere arme Gemeinden auf dem Land einen Mangel an (gebildeten) «Schulmeistern» (Ruloff, 2017a, S.67), was prinzipiell durch die damals völlig ungenügende Entlöhnung und durch eine schlechte Infrastruktur (Schulhaus, Schulraum, Material) erklärt werden kann. Im 19.Jahrhundert fehlten an ländlichen Schulen mit frühen Formen von weiterführendem Unterricht die dafür gebildeten Lehrer (und Lehrerinnen), weshalb betroffene Gemeinden – etwa aus der Ostschweiz oder dem Bernbiet – über die Kantonsgrenzen hinweg in der Zeitung nach Personal suchen mussten (Ruloff, 2017b). Der «Lehrermangel» hatte und hat stets starke Auswirkungen auf die Ausbildung von Lehrpersonen. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts war der «Lehrermangel derart gross, dass [in Zürich] nicht alle Stel- 140 Christina Huber & Peter Tremp (Hrsg.) len auf der Primarstufe besetzt werden konnten» (Gross, 2022, S.137). Dadurch stieg die Bedeutung des Seminars Unterstrass als zweite Zürcher Institution für die Ausbildung von Lehrpersonen neben dem staatlichen Seminar Küsnacht. In der Mitte des 20.Jahrhunderts hatte der Mangel etwa zur Folge, dass Seminaristinnen und Seminaristen in «Unterstrass» staatliche Stipendien erhalten konnten (Gross, 2022, S.164). Auch in anderen Kantonen wie Bern wurden zur selben Zeit die «Aufnahmezahlen» an den Seminarien erhöht, teilweise wurde die Ausbildungszeit verkürzt (Hodel, 1992, S.197). Hatten die Seminare eine massiv höhere Anzahl angehender Lehrpersonen auszubilden, war nicht selten – wie etwa am Seminar Küsnacht – eine Raumknappheit die Folge (Schmid, 1982, S.50). In der Zeit des Ersten Weltkriegs fehlten wiederum dienstpflichtige Lehrer am Seminar Küsnacht – die Studierenden am Seminar wurden ihrerseits zu längeren Stellvertretungen an Schulen «aufgeboten» (Schmid, 1982, S.45). Für das Seminar war dies existenzbedrohend – der Unterricht war eingeschränkt oder unterbrochen. Dies wiederholte sich mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs (Schmid, 1982, S. 69). Ende der 1950er-Jahre sowie zu Beginn der 1960erund der 1970er-Jahre wurden als Folge eines starken Mangels etwa in Schwyz, im Thurgau oder in Zürich «Sonderkurse» bzw. «Umschulungskurse» für berufstätige Personen lanciert (NZZ, 29.12.1970, Morgenausgabe, S.17; NZZ, 20.01.1972, Mittagausgabe, S.18; vgl. auch Gross, 2022, S.157). Die Lehrerinnenund Lehrerbildung hatte kurzfristig neue Aufgaben zu übernehmen und zu verantworten, da die neuen Kurse, wie in Schwyz, «ins Lehrerseminar integriert» werden sollten (NZZ, 22.11.1973, Mittagausgabe, S.14). 3.2 Arbeitslosigkeit War kein Mangel zu beklagen, prägte – aus unterschiedlichen, vor allem wirtschaftlichen Gründen – ein «Überfluss» bzw. «Überschuss» die öffentliche Wahrnehmung des Berufs. Hohe Arbeitslosigkeit unter ausgebildeten Lehrerinnen und Lehrern hatte zur Folge, dass die Kantone, wie in Zürich, die Zahl der Studierenden am Seminar senken wollten (Schmid, 1982, S.51) – für die Lehrpersonenbildung war dies existenzgefährdend (zu den Auswirkungen der «Lehrerund Lehrerinnenarbeitslosigkeit» auf die Seminare im Kanton Bern vgl. Hodel, 1992). Die Stimmung war schlecht. In der Presse wird in der zweiten Hälfte der 70er-Jahre je Kanton diskutiert, wie viele Personen mit Lehrdiplom ohne Stelle sind. Die hohe «Lehrerarbeitslosigkeit» prägt die Lehrerinnenund Lehrerbildung. Im Kanton Tessin streiken Hunderte «Lehrerseminaristen» über eine längere Zeit (NZZ, 25.04.1977, S.14; vgl. Abschnitt5.4). Ab 1980 zeichnete sich in den ersten Regionen des Landes erneut ein Mangel ab: Am Seminar in Graubünden ist es «erstmals seit Jahrzehnten» nicht mehr möglich, «eine geschlossene romanische Abteilung» zu führen. Somit werde ein «Lehrermangel» erwartet, insbesondere «für das Oberhalbstein und die Surselva» (NZZ, 05.12.1980, S.14). 4 Zur Untersuchung Die Analyse des vorliegenden Beitrags stützt sich auf vier Publikationen, die sehr unterschiedliche Blickwinkel auf den Lehrberuf eröffnen: die beiden grossen Schweizer Tageszeitungen «Neue Zürcher Zeitung» und «Der Bund» sowie zwei Fachzeitschriften aus dem Bildungsbereich – die «Schweizerische Lehrerzeitung» und das «Schulblatt des Kantons Zürich». Die «Neue Zürcher Zeitung» (NZZ) gilt als wichtigste Qualitätszeitung der Schweiz und wird auch im Ausland wahrgenommen. Bis 1974 erschien sie zweimal täglich, danach sechsmal pro Woche. Politisch war sie traditionell freisinnig ausgerichtet (vgl. Maissen, 2005, 2015). Die Berner Tageszeitung «Der Bund» (Bund) ist ebenfalls bürgerlich-liberal geprägt, jedoch stärker regional verankert und auf den Kanton Bern fokussiert (Bollinger, 2019). Im Untersuchungszeitraum erscheint die Zeitung mit sechs Ausgaben pro Woche. Die «Schweizerische Lehrerzeitung» (slz) – damals offizielles Organ des Schweizerischen Lehrervereins – richtete sich an Lehrpersonen aller Stufen und erschien wöchentlich in 45 Ausgaben pro Jahr. Das «Schulblatt des Kantons Zürich» (sbzh), amtliches Organ der Bildungsdirektion, bezieht sich auf die Zürcher Volksschule, die Mittelschulen und die Berufsbildung. Es erschien monatlich. Die beiden Tageszeitungen wurden für den Zeitraum von 1970 bis 1980 ausgewertet (Aktiengesellschaft für die Neue Zürcher Zeitung, 1970–1980; Tamedia Espace AG, 1970–1980). Die Auswahl der Artikel erfolgte auf der Grundlage einer systematischen Schlagwortsuche. Im Fokus standen Beiträge, die Begriffe wie «Lehrermangel» oder «Mangel an Lehrern/Lehrerinnen» enthalten. Ergänzend wurden Artikel mit Begriffen wie «Lehrerarbeitslosigkeit», «Lehrerüberschuss» oder «Lehrerüberfluss» einbezogen. Alle Suchbegriffe wurden in männlicher und weiblicher Form berücksichtigt. Zusätzlich erfasst wurden Texte, die explizit den LEMO-Bericht bzw. «Lehrerbildung von morgen» behandelten. Insgesamt wurden 550Artikel ausgewertet, die meisten davon aus der NZZ. 141 50 Jahre «Lehrerbildung von morgen» Die «Schweizerische Lehrerzeitung» sowie das «Schulblatt des Kantons Zürich» wurden gezielt für das Jahr 1975 – das Erscheinungsjahr des LEMO-Berichts – analysiert (Erziehungsdirektion des Kantons Zürich, 1975; Schweizerischer Lehrerverein, 1975). In der «Lehrerzeitung» sind es rund 54Texte, im «Schulblatt» 115. Neben klassischen Artikeln handelt es sich auch um Mitteilungen, Kurzmeldungen und Stellenanzeigen. Diese Quellen geben Einblick in professionsinterne Wahrnehmungen und Debatten und zeigen, wie über den eigenen Beruf intern diskutiert wurde – sie ergänzen damit die mediale Darstellung um eine berufsbezogene Binnenperspektive. 5 Analyse: Der Lehrberuf in der Presse Der grösste Teil der analysierten Texte zum Lehrberuf ist redaktioneller Art. Weiter finden sich in den untersuchten Quellen Stelleninserate, Mitteilungen, wenige Leserbriefe sowie Hinweise auf Literatur, ein Fernsehoder ein Radioprogramm zum Thema. Im Berner Bund und in der NZZ beziehen sich die meisten Texte auf den Kanton Bern bzw. Zürich. Darüber hinaus wurden Texte mit Bezug auf andere Schweizer Kantone analysiert; im Berner Bund handelt es sich vornehmlich um die an Bern angrenzenden Kantone, in der NZZ sind es prinzipiell alle Kantone. In beiden Zeitungen erschienen zudem Texte zum Lehrpersonenmangel im Ausland – analysiert wurden 16Artikel mit Bezug auf Deutschland und weitere 17Artikel zur Situation weltweit. Die Texte im «Schulblatt des Kantons Zürich» beziehen sich auf den Kanton Zürich bzw. auf einzelne Zürcher Gemeinden, die «Schweizerische Lehrerzeitung» richtet den Fokus auf die gesamte Schweiz; die Stelleninserate beziehen sich auf die Deutschschweiz. 5.1 Lehrpersonenmangel Die redaktionellen Texte zum «Lehrermangel» im Bund sowie in der NZZ sind relativ ähnlich strukturiert. Der «Mangel» wird wörtlich als «akut», «empfindlich», «gewaltig» oder «katastrophal» beschrieben (NZZ, 11.02.1971, Mittagsausgabe, S25; NZZ, 03.07.1971, S.14; NZZ, 10.02.1972, Morgenausgabe, S.18). Grundsätzlich ist er ein «Problem», das «bekämpft» werden muss. «Der Kampf gegen den Lehrermangel» titelt der Bund 1970. Laut einem Schulinspektor sei der Mangel eine «Dauerkrankheit unserer Schulen» (Bund, 06.02.1970, S.11). Die Darstellung erinnert an einen medizinischen Zustand oder ein Naturphänomen: In Südamerika «herrscht» ein «grosser Lehrermangel», ebenso in Afrika, Asien und nicht zuletzt Europa – in England etwa «erregt» der «Lehrermangel» laut dem dortigen Korrespondenten «grössere Besorgnis» (Bund, 27.09.1970, S.3; NZZ, 25.11.1973, Fernausgabe, S.4). In den redaktionellen Artikeln werden regelmässig Personen aus der Politik oder aus Behörden, etwa die «Erziehungsdirektion», zitiert. Insbesondere geht es um die Anzahl verfügbarer «Seminaristen» im jeweiligen Kanton – oder um (noch) unbesetzte Stellen: Im Kanton Bern sind «infolge Lehrermangels … 77Primarschulklassen verwaist» und im Thurgau sind es «155Lehrstellen», die «nicht normal besetzt werden können» – für die NZZ eine «Lehrermisere». Im Zürcher Schulkreis Zürichberg meldet sich «überhaupt niemand» für «die Oberstufe, die Arbeitsschule und den Kindergarten» (NZZ, 06.04.1971, Mittagausgabe, S.21; NZZ, 12.08.1971, Morgenausgabe, S.14; NZZ, 20.01.1972, Mittagausgabe, S.18). Wo Lehrkräfte fehlen, hat das zur Folge, «daß gewisse Klassen während eines einzigen Schuljahres von vier bis fünf verschiedenen Lehrern unterrichtet werden … oder gar [von] Seminaristen» (NZZ, 02.07.1971, Mittagausgabe, S.17). Doch die angehenden Lehrpersonen sind nicht immer bereit, kurzfristig einzuspringen: In Luzern etwa weigerten sich sieben «Absolventen einer Seminarklasse», vorzeitig als «Lückenbüßer» im Schuldienst eingesetzt zu werden (NZZ, 16.05.1973, Mittagausgabe, S.18). «Ein echter Notstand», schreibt die NZZ (NZZ, 23.01.1972, Fernausgabe, S.37). Das «fehlende Prestige» und ganz allgemein «mangelnde Attraktivität» werden erwähnt. Nur selten wird vertieft auf die Ursachen des Mangels eingegangen. Auch wird nur vereinzelt konkret diskutiert, wie der Mangel «behoben» oder zumindest «gemildert» werden soll. Der Artikel «Ein Konzept zur Behebung des Lehrermangels» erörtert einleitend «Gründe für den Lehrermangel» und nennt «das fehlende Prestige». Die beschriebenen «Massnahmen» beziehen sich auf den Lohn, den Ausbau der Lehrpersonenbildung und «die Verlängerung der Ausund Fortbildung», die Möglichkeit zur Teilzeitarbeit und die Rückkehr von verheirateten (ehemaligen) Lehrerinnen in den Beruf (NZZ, 23.01.1972, Fernausgabe, S.37; vgl. Abschnitt5.2). Diese vier Aspekte gehören zu den am häufigsten in den Artikeln genannten «Lösungen» für das «Problem» – des Weiteren geht es um die Reduktion der Klassengrösse (vgl. Hodel, 2005). Letzteres ist aufgrund des Mangels nicht umsetzbar. Die Idee, «verheiratete Lehrerinnen» zurück in den Beruf zu holen («Mobilisierung der Reserven») wird direkt mit der Möglichkeit der Teilzeitarbeit bzw. «Halbtagsarbeit» in Verbindung gebracht – dies sei «für verheiratete Lehrerinnen, die aus familiären Gründen nicht ein volles Lehrpensum übernehmen können, eine gangbare Möglichkeit, im Schuldienst tätig zu sein» (NZZ, 19.04.1970, Fernausgabe, S.33; NZZ, 24.08.1971, Morgenausgabe, S.18). 142 Christina Huber & Peter Tremp (Hrsg.) 5.2 Schule sucht Lehrerin und Lehrer In den Tageszeitungen erscheinen im Untersuchungszeitraum nur sehr selten Stelleninserate von Schulen: Privatschulen inserieren, in Einzelfällen Gymnasien (auch aus anderen Kantonen). Eine Ausnahme bildet der Kanton Basel-Landschaft, der mehrfach Stellen an einer Realschule bzw. für «Realschule und Progymnasium» inseriert (Bund, 29.11.1970, S.75; Bund, 19.12.1971, S.22; NZZ, 14.09.1979, S.58). Stelleninserate werden grundsätzlich im «Schulblatt» (für Zürcher Schulen) sowie in der «Lehrerzeitung» publiziert, die Inserate von Schulen aus der gesamten Deutschschweiz enthält. Auffällig ist, dass die Schulgemeinden häufig materielle Aspekte betonen: Neben dem Lohn («Besoldung entspricht den kantonalen Höchstsätzen») wird die Infrastruktur hervorgehoben – etwa das «Lehrschwimmbecken» oder der «Hellraumprojektor in jedem Zimmer». Ländliche Schulen bieten ein «Einfamilienhaus» («günstig zu mieten») oder eine Wohnung an, grössere Schulgemeinden schreiben, bei der «Wohnungssuche» sei man «gerne behilflich» (sbzh, 1975, Heft3, S.350, 355, 359, 360; sbzh, 1975, Heft10, S.830, 831, 835; slz, 1975, Heft35, S. 1220, 1222, 1224). Weniger oft heben die Schulgemeinden Kollegialität, Team oder Teamgeist hervor. Die Stellen richten sich an «Lehrer» und explizit auch an «Lehrerinnen». Vereinzelt wird der Grund der Vakanz angegeben – etwa die «Verheiratung der bisherigen Stelleninhaberin» (sbzh, 1975, Heft1, S.112; sbzh, 1975, Heft10, S.833; sbzh, 1975, Heft11, S.923; vgl. slz, 1975, Heft7, S.302). Die Gemeinde Neerach im Kanton Zürich spricht das Thema direkt an und möchte die Angesprochenen in die Schule zurückholen: «Sind Sie Lehrerin? Vielleicht verheiratet? Möchten Sie Ihren Beruf gerne wieder ausüben, wenn dadurch Ihre Familie, Ihre Hobbies oder Ihre Weiterbildung nicht zu kurz kämen?» Angeboten werden eine Teilzeitstelle und eine «preisgünstige» Wohnung (sbzh, 1975, Heft 1, S.141). 5.3 Wahlen und Entlassungen In nahezu allen Ausgaben des «Schulblatts» werden «Lehrerwahlen» sowie «Entlassungen aus dem Schuldienst unter Verdankung der geleisteten Dienste» verzeichnet. Die neu gewählten Lehrpersonen treten ihre Stellen im Alter von Anfang bis Mitte zwanzig an. Ältere Jahrgänge finden sich fast ausschliesslich unter den männlichen Lehrpersonen. Auf der Primarstufe stellen Frauen die grosse Mehrheit der Gewählten, auf der Oberstufe dominieren die Männer. Ein ähnliches Bild zeigt sich bei den «Entlassungen»: Auch hier bilden Frauen die Mehrheit. Besonders viele Entlassungen werden in der März-Ausgabe veröffentlicht; so verzeichnet das Schulblatt 94Entlassungen auf der Primarstufe, wovon 67Frauen betrafen und 27Männer. Auffällig ist die Altersverteilung: Während die Mehrheit der entlassenen Männer zwischen 60 und 70Jahre alt ist – was auf Pensionierungen hinweist –, scheidet der Grossteil der Frauen (49 von 67) im Alter zwischen 25 und 35Jahren aus dem Beruf aus (sbzh, 1975, Heft3, S.278–280). Ehe und Familiengründung dürften eine zentrale Rolle gespielt haben (vgl. Abschnitt5.2). 5.4 Vom Mangel zur Arbeitslosigkeit Mitte der 1970er-Jahre zeichnet sich eine «Entschärfung des Lehrermangels» ab. Der Lehrerverein bleibt jedoch zurückhaltend: Man werde «mit Fragen zum ‹kommenden Lehrerüberfluss› bestürmt. Was meint der SLV [Schweizerischer Lehrerverein] dazu? Im Augenblick noch nichts» (slz, 1975, Heft7, S.276; slz, 1975, Heft17, S.634). So recht glauben will man es nicht. «Lehrerüberfluss-Hysterie?» fragt die «Lehrerzeitung» und verweist auf die «in den Medien verbreiteten ‹Sagen vom Lehrerüberfluss›» (slz, 1975, Heft9, S.353). In der zweiten Jahreshälfte wird der «Lehrerüberfluss» öfter thematisiert; Ende Jahr folgen Hinweise für stellenlose Lehrkräfte zur Arbeitslosenversicherung. Die NZZ konstatiert Ende 1975: «Das jahrelange Wehklagen über den Lehrermangel ist der Angst vor einem Lehrerüberfluss gewichen» (NZZ, 31.12.1975, S.31). Sie verwendet in diesem Kontext mehrfach den Begriff der «Normalisierung». In der NZZ sowie im Bund folgen Berichte über die «Lehrerarbeitslosigkeit» – analog zum «Mangel» wiederum mit Zahlen und Prognosen zu stellenlosen Lehrpersonen je Kanton. In den Artikeln ist die Rede von einem «Überschuss» oder «Überfluss» («der Lehrermangel [wurde] schlagartig durch einen … nie erwarteten Lehrerüberfluss abgelöst»). Als Ursache werden die «Rezession» und der «Geburtenrückgang» genannt (NZZ, 14.04.1978, S.34), die zuvor diskutierten Massnahmen gegen den Mangel werden kaum erwähnt (vgl. Abschnitt5.5). Die Situation ist angespannt: In Bern formiert sich die «Arbeitsgruppe Lehrerarbeitslosigkeit Bern». Die Lehrpersonen und «Seminaristen» fordern in einer Petition die «Senkung der Klassenbestände» oder die Verwirklichung der Teilzeitarbeit (Bund, 09.03.1976, S.13). Der «Kampf» gegen den «Mangel» wird nun zum «Kampf gegen die Lehrerarbeitslosigkeit». Anfang 1977 titelt der Bund: «Lehrerexport nach Vorarlberg». In Teilen Österreichs sei man noch auf der Suche nach Lehrpersonen und so fänden sich «in den Aargauer Seminarien Meldelisten für Vorarlberger Lehrstellen»; weitere Kantone seien eben- 143 50 Jahre «Lehrerbildung von morgen» falls interessiert. Letzten Endes gehen 1977 jedoch «nur zwölf Schweizer Lehrer» nach Vorarlberg (Bund, 28.02.1977, S.7; NZZ, 15.08.1977, S.36). Derweil kommt es in der Südschweiz zu Unruhen. «Aus Protest gegen Lehrerarbeitslosigkeit» treten die «Schüler» der Seminare Lugano und Locarno in den Streik, auch weitere Tessiner Schulen sind betroffen. Der Erziehungsdirektor «erwägt die Einführung eines Numerus Clausus» (Bund, 28.04.1977, S.7). Wie zuvor der Lehrkräftemangel wirkt sich nun auch die drohende Arbeitslosigkeit von Lehrpersonen in verschiedener Art und Weise spürbar auf die Lehrpersonenbildung aus. 5.5 Die Rolle der Lehrerinnenund Lehrerbildung In der ersten Hälfte der 1970er-Jahre wird der Ausbau der Seminare kontrovers diskutiert. Das Berner Kantonsparlament erörtert im Rahmen der «Bekämpfung des Lehrermangels» die «rasche Verwirklichung der geplanten Seminarien, eine Vermehrung der Seminarklassen in bestehenden Ausbildungsstätten» sowie die «Schaffung eines Heilpädagogischen Seminars» (Bund, 23.09.1971, S.17; NZZ, 23.09.1971, Mittagausgabe, S.18). Auch im Thurgau soll ein weiteres Seminar errichtet werden, in Pfäffikon (Schwyz) ein Unterseminar und «im Raum Thun/Oberland sei ein neues Seminar aufzubauen» (Bund, 06.02.1970, S.11; NZZ, 17.05.1970, Fernausgabe, S.34; NZZ, 10.02.1972, Morgenausgabe, S.18). In Zürich soll das Oberseminar die «Baracken» gegen einen «angemessenen» Schulraum eintauschen. Vor der Abstimmung über den dafür nötigen Kredit erscheinen in der NZZ mehrere ausführliche Gastbeiträge, die sich klar für das Vorhaben aussprechen – die NZZ betont ebenfalls ihre «Zustimmung», der Neubau sei ein wichtiger «Beitrag zur Behebung des Lehrermangels» (NZZ, 02.03.1973, Mittagausgabe, S.21). Des Weiteren sollen die privaten Seminare in der Stadt Bern angesichts ihres «gewichtigen Beitrags» zur «Bekämpfung des Lehrermangels» stärker finanziell unterstützt werden (Bund, 27.09.1973, S.21). Gleichzeitig erhalten die Seminare neue Aufgaben – in Langenthal soll etwa ein «Sonderkurs» zur Ausbildung von Lehrkräften für Personen mit einer abgeschlossenen Berufslehre durchgeführt werden (Bund, 17.09.1970, S.17). Auch Zürich plant «Sonderkurse» zur «Umschulung auf das Primarlehramt». Frühere Sonderkurse hätten schon Mitte der 1960er-Jahre «über 200zusätzliche Lehrkräfte» gebracht und den «Lehrermangel weitgehend gemildert» (NZZ, 29.12.1970, Morgenausgabe, S.17). Die Verlängerung der Ausbildung – die «Einführung des fünften Seminarjahres zur Verbesserung der Lehrerausbildung» – wird in den Kantonen indes kritisch beäugt – unter Verweis auf den «gegenwärtigen Lehrermangel»: Der Berner Erziehungsdirektor befürchtet «einen nicht zu bewältigenden Ausfall von etwa 700Lehrkräften» (Bund, 09.05.1973, S.17; NZZ, 09.05.1973, Morgenausgabe, S.21). In der zweiten Hälfte des Jahrzehnts ändert sich im Kontext von «Lehrerüberfluss» und Arbeitslosigkeit die Lage: Die Verlängerung der Ausbildungszeit auf fünf Jahre wird in der Berichterstattung zum Kanton Solothurn im Zusammenhang mit der «Lehrerarbeitslosigkeit» genannt: «Wegen der Verlängerung der Ausbildungszeit von vier auf fünf Jahre werden 1978 keine Junglehrerinnen und Junglehrer das Seminar verlassen» (NZZ, 07.04.1977, S.31). Der Kanton Bern kann die Verlängerung und den damit zusammenhängenden «Ausfall eines Jahrgangs von Neupatentierten» nun «verkraften» (Bund, 17.02.1978, S.29). Die «veränderte Lage auf dem Stellenmarkt hat dazu geführt, dass die Bekenntnisse zur dringenden Notwendigkeit der Lehrerbildungsreform endlich in Taten ausmündeten» (Bund, 20.01.1978, S.19). Der Thurgau hingegen «begnügt sich immer noch mit der vierjährigen Ausbildung für das Amt des Primarlehrers, während andere Kantone dafür fünf Jahre, wenn nicht noch mehr verlangen». Gleichzeitig sollen Fortbildungen für amtierende Lehrpersonen ermöglicht werden – in dieser Zeit können «junge stellenlose Lehrer als Vikare eingesetzt» werden (NZZ, 29.07.1976, S.17). Diese Idee wird auch in anderen Kantonen diskutiert. In der medialen Darstellung werden die Seminare als Faktor zur «Behebung» des Mangels erwähnt: Im Aargau etwa wurde «eine ganze Reihe von neuen Lehrerseminarien eröffnet, die zur Folge haben, dass der ‹Lehrerausstoss› noch nie so gross war wie heute». Gleichzeitig stellt der Korrespondent die Frage, ob es «bald zu viele Lehrer» geben werde (Bund, 11.02.1975, S.6). Im Kontext der Arbeitslosigkeit von Lehrpersonen verstummt die Diskussion über den Ausbau der Seminare. Stattdessen wird die Verlängerung der Ausbildungszeit umgesetzt. Umgekehrt rücken mit Blick auf die «Lehrerarbeitslosigkeit» – etwa im Kanton Tessin – (temporäre) Schliessungen von Seminaren in den Bereich des Möglichen (NZZ, 10.05.1979, S.34, vgl. Abschnitt5.4). 5.6 Der LEMO-Bericht Ab Ende 1970 finden sich in den analysierten Tageszeitungen Hinweise auf den Bericht «Lehrerbildung von morgen» – kurze Meldungen, die neutral bis positiv konnotiert sind, mit der Bemerkung, der Bericht werde von einer «Expertenkommission» oder Spezialkommission entwickelt. Des Weiteren wer-