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Kriegerinnen im Altertum

Diemke-Horst, Justine; Mörtz, Tobias

Abstract

Gewalt ist ein aktuelles und auf vielfältige Weise bearbeitetes Forschungsthema, das jedoch hinsichtlich des biologischen und sozialen Geschlechts der Handelnden auf ganz unterschiedliche Weise rezipiert wird. Dabei gelten Männer fast ausnahmslos als Täter und Frauen hauptsächlich als deren Opfer. Dieser simplifizierten Wahrnehmung setzt der Sammelband aus einer altertumswissenschaftlichen Perspektive ein differenzierteres Bild entgegen. So kennt die griechische und römische Historiographie zahlreiche Heerführerinnen, die auch auf dem Schlachtfeld mitkämpften. Juristische Text berichten von gewalttätigen Frauen in alltäglichen Situationen. In archäologischen Befunden sind Waffen zwar vorrangig mit Männern assoziiert, doch gibt es in Bestattungen eine signifikante Minderheit von als weiblich bestimmten Individuen mit kriegerischen Ausrüstungen. Basierend auf einem Workshop an der Universität Hamburg im Mai 2023 vereint der Band Beiträge aus der Alten Geschichte, Klassischen Philologie und Vor- und Frühgeschichtlichen Archäologie. Diese werfen anhand des dinglichen und schriftlichen Quellenmaterials einen kritischen Blick auf die sozialen Interaktionsräume von Frauen im Altertum.

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Justine Diemke-Horst, Tobias Mörtz (Hg.) Kriegerinnen im Altertum IPHIS Beiträge zur altertumswissenschaftlichen Genderforschung Herausgegeben von Barbara Feichtinger, Therese Fuhrer, Christine Walde und Georg Wöhrle Band 14 Justine Diemke-Horst, Tobias Mörtz (Hg.) Kriegerinnen im Altertum Wissenschaftlicher Verlag Trier Diemke-Horst, Justine / Mörtz, Tobias (Hg.): Kriegerinnen im Altertum / Justine Diemke-Horst, Tobias Mörtz (Hg.). Trier: WVT Wissenschaftlicher Verlag Trier, 2025 (IPHIS. Beiträge zur altertumswissenschaftlichen Genderforschung; Bd. 14) ISBN 978-3-98940-090-0 (Open Access) Umschlaggestaltung: Brigitta Disseldorf Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Der Text dieser Publikation wird unter der Lizenz Creative Commons "Namensnennung - Nicht kommerziell - Keine Bearbeitungen 4.0 International (CC BY-NC-ND 4.0)" veröffentlicht (https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/4.0/legalcode.de). 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Ein Plädoyer für die Verknüpfung von Geschlechterund Militärgeschichte ......... 1 Justine Diemke-Horst und Tobias Mörtz Kriegerinnen – Das Beispiel der Amazonen ............................................................. 21 Beate Wagner-Hasel Οἱ μὲν ἄνδρες γεγόνασί μοι γυναῖκες, αἱ δὲ γυναῖκες ἄνδρες. Topisches Erzählen in den Biographien der Artemisiai von Halikarnass und Karien .............................. 37 Katharina Wesselmann Die Stellung der Frauen in Makedonien und Thrakien im 6.-4. Jh. v. Chr.: Polygamie als zusätzlicher Faktor der aktiven politischen Beteiligung von Frauen ....................................................... 51 Aleksandra Soloveva Frauen als Gewalttäterinnen? Erste Überlegungen auf Basis von Petitionen aus dem griechisch-römischen Ägypten ................................................................... 67 Kerstin Droß-Krüpe Frauen der Macht in Nordeuropa .............................................................................. 83 Jutta Kneisel und Stefanie Schaefer-Di Maida Bewaffnete Frauen? – Überlegungen zur Bedeutung von Waffen als Grabbeigaben in Gräbern von Frauen der Römischen Kaiserzeit in Nordund Mitteldeutschland ................................................................................ 111 Marcella Hoppe Germanische Kriegerinnen? Eine Spurensuche ........................................................ 133 Stefan Burmeister Wer folgt hier wem? Kritische Betrachtungen zur Totenfolge in der Eisenzeit ...... 155 Katja Winger Frauen und Gewalt in der Urund Frühgeschichte. Bemerkungen zu einer epistemologischen Herausforderung ................................... 175 Tobias Mörtz Bilanz und persönliche Ausblicke: Frauen, Krieg und Gewalt ................................ 205 Justine Diemke-Horst und Tobias Mörtz Kämpfende und waffentragende Frauen im Altertum? Ein Plädoyer für die Verknüpfung von Geschlechterund Militärgeschichte Justine Diemke-Horst und Tobias Mörtz Kriegerinnen zwischen Realität und Fiktion Ob die Scharfschützin Ljudmila Michailowna Pawlitschenko, die Jagdfliegerin Lidija Wladimirowna Litwjak oder die Panzerfahrerin Marija Wassiljewna Oktjabrskaja – sie alle konnten sich im „Großen Vaterländischen Krieg“ als Heldinnen gerieren. Militäreinsätze von Frauen sind dabei schon für das Russische Reich bezeugt, wo die Kombattantinnen allen voran im Ersten Weltkrieg auf freiwilliger Basis eingesetzt wurden.1 In den 1930er Jahren eröffnete die Sowjetmacht den Frauen die Möglichkeit, in ursprünglich männliche Domänen wie politische und technische Berufe vorzudringen.2 Im Zweiten Weltkrieg verschwammen die Geschlechtergrenzen vollständig, insofern die Frauen nicht nur die Lücken füllen mussten, die durch die Einberufung der Männer in Industrie und Landwirtschaft entstanden waren, sondern nun auch an der Front verstärkt zum Einsatz kamen. Schätzungen zufolge dienten 1943 etwa 800.000 Frauen in der Roten Armee und machten damit 8 % der Gesamtstärke der sowjetischen Streitkräfte aus.3 Mit Ausnahme von einzelnen Persönlichkeiten wie Ljudmila Michailowna Pawlitschenko, der nach dem Krieg als erfolgreichste Scharfschützin der Roten Armee zahlreiche Ehrungen zuteilwurden, blieb den Frauen eine spätere militärische Laufbahn jedoch verwehrt.4 Die weibliche Kriegsteilnahme verschwand schließlich aus dem sowjetischen Gedächtnis an den „Vaterländischen Krieg“, der schon bald zu einer rein männlichen Leistung umgedeutet wurde. Erst in den 1980er Jahren, im Rahmen intensiver Recherchearbeiten der weißrussischen Autorin Swetlana Alexijewitsch, die anhand von Zeitzeugenberichten die Erfahrungen der Frauen an der Front erstmalig rekonstruierte, wurden die mutigen Einsätze weiblicher Kämpfer wieder ans Licht befördert.5 Obwohl der Mut der von Alexijewitsch interviewten Frauen durchaus im positiven Licht zu 1 Stoff 2006. Daneben gab es auch in anderen Streitkräften einzelne Frauengestalten wie die Britin Flora Sandes, die im Ersten Weltkrieg in der serbischen Armee gedient haben soll, hierzu Laffin 1967, 151-162. 2 Fieseler 2021, 78, sowie auch später im Krieg, 80. 3 Neuen Schätzungen zufolge ist von einer Million Frauen die Rede, siehe Fieseler 2014, 38. 4 Fieseler 2021, 81. 5 Alexijewitsch 2004. 2 Justine Diemke-Horst und Tobias Mörtz lesen ist, darf der tapfere Einsatz nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch an diesen Frauen die Grauen des Krieges nicht spurlos vorbeigegangen sind, sondern im Gegenteil schwere traumatische Störungen hinterlassen haben. Nicht anders als bei den Männern mündete die anfängliche Euphorie der Frauen in Angst, Wut und Verzweiflung. Während die Rote Armee das prägnanteste Beispiel für die direkte Involvierung von Frauen an Kriegshandlungen darstellt – hier nicht zuletzt als Folge einer Technologisierung der Kriegführung – waren weibliche Soldaten in einer kleineren Zahl auch in früheren Kriegen wie etwa im Spanischen Bürgerkrieg6 aktiv. Zudem beteiligten sich Frauen an zahlreichen Sabotageakten, wie etwa innerhalb der französischen Résistance während des Zweiten Weltkriegs, wo sie u.a. Überfälle und Sprengstoffanschläge verübten.7 In der Sowjetunion waren es Partisanen wie Soja Anatoljewna Kosmodemjanskaja, die als „sowjetische Jeanne d’Arc“ in die Geschichte eingegangen ist.8 Über alle Epochen hinweg9, jedoch stets als Ausnahmeerscheinungen, finden sich Zeugnisse für einzelne mächtige Frauenfiguren und militärische Anführer wie Mathilde von Canossa (1046-1115)10, Jeanne d’Arc (1412-1431) und Caterina Sforza (14631509) oder in Männerkleidung verkleidete Kämpferinnen.11 6 Zu den kämpfenden Frauen im spanischen Bürgerkrieg siehe Grafl 2021. Auch George Orwell 1975, 12, erwähnt in seinem Bericht zum Spanischen Bürgerkrieg kämpfende Frauen, die für den englischen Schriftsteller ein außergewöhnliches Bild boten. 7 von List 2010. 8 Rathe 2002. 9 Zu den Königinnen als militärische Anführer im Hochmittelalter siehe Wittmann 2020. Eine interepochale Studie zu kämpfenden Frauen bietet der Sammelband von Handfield/Le Gac/et al. 2022. In seinem Artikel zu Gender-Transgressionen verdeutlicht Martin Clauss 2020, wie flexibel Gender-Zuschreibungen im Sinne einer Kriegslist in mittelalterlichen Quellen waren. Der Krieg wurde mit Männlichkeit assoziiert, weswegen eine Kriegsteilnahme für Frauen nur durch Transgression möglich war. Laut Fößel 2020, 14, seien die Kenntnisse über das Kriegshandwerk adliger Frauen die Folge einer permanent in Fehde liegenden Gesellschaft. Im Gegensatz zur Neuzeit, wo die Kriege zwischen Nationalstaaten primär von Männern ausgetragen worden sind, wurden im Mittelalter die Fehden von höfischen und grundherrlichen Verbänden entfacht, in die Frauen eingebunden waren. 10 Hay 2008; ebd. Harwood 2020. 11 Einen transepochalen Überblick bietet Laffin 1967. Zu Frauen, die als Männer verkleidet in den antinapoleonischen Kriegen in Preußen mitkämpften siehe Lanzinger/Sarti 2022, 311f. Wie Watanabe-O’Kelly 2002 zeigt, gab es auch im 17. und 18. Jahrhundert zahlreiche Fälle von verkleideten Frauen. Trotz der Fülle an Beispielen ist eine direkte Beteiligung der Frauen nicht immer verifizierbar. Ein häufiges Motiv für die Tarnung bildete der Wunsch nach Nähe zu ihren Ehemännern, hierzu Laffin 1967, 12. In Männerkleidung kämpfende Frauen sind auch in der Antike überliefert. Wie aus einem Bericht in der Historia Augusta (34. 1) hervorgeht, sollen Frauen in Männerkleidung gegen die Goten gekämpft haben und dabei in römische Kriegsgefangenschaft geraten sein, was ihnen den Namen Amazonen einbrachte. Kämpfende und waffentragende Frauen im Altertum? 3 Heute sind kämpfende Frauen vor allem in der postmodernen Populärkultur präsent.12 Dies gilt nicht nur für Darstellungen der Gegenwart, sondern insbesondere für fantastische Erzählungen, die häufig implizit und explizit auf antike Mythen und mittelalterliche Sagen zurückgreifen. Ein bekanntes Beispiel ist der bereits 1982 veröffentlichte Fantasyfilm „Conan the Barbarian“, welcher lose auf Geschichten von Robert E. Howard beruht. Bei einem klandestinen Raubzug begegnet der gleichnamige Hauptcharakter, gespielt von Arnold Schwarzenegger, einer Diebin, die sich als ebenso geschickt und kämpferisch wie er herausstellt, intellektuell ist sie ihm vielleicht überlegen. Während beide Charaktere in einer ausgeprägten körperlichen Ästhetisierung zwischen Erotik und Exotik inszeniert sind und es mindestens eine gemeinsame Nacht gibt, wird nur Conan mit anderen Frauen beim Geschlechtsverkehr gezeigt und damit deutliche Unterschiede im Sexualverhalten betont. Der gewaltsame Tod der von Sandahl Bergman verkörperten Valeria dient im weiteren Verlauf des Filmes als wichtiger Motivationsbezug für die Titelfigur. Es vereinen sich hierbei zwei bereits in den homerischen Epen prägende Plots. Einerseits gibt es den mobilen Helden nach Vorbild des Odysseus, der bei seinen Abenteuern u.a. auf verschiedene Frauen trifft, mit diesen dann verkehrt und dadurch letztlich sich unterordnet. So tritt auch in „Conan the Barbarian“ eine nicht genau beschriebene Hexe oder Zauberin auf. Andererseits lassen sich Analogien zum Verhältnis zwischen Achill und Patroklos in der „Ilias“ erkennen, die in beiden Fällen ihren tragischen Höhepunkt in einer feierlich inszenierten Brandbestattung findet. Valeria ist also zugleich Liebespartnerin und Kampfgefährtin. Über ihre Herkunft und die Gründe ihres Lebensstils erfahren die Zuschauenden nichts. Ein weites Spektrum deutlich selbstbewussterer Gewalttäterinnen führt die zwischen 2011 und 2019 von dem amerikanischen Sender HBO produzierte Serie „Game of Thrones“ vor: Heerführerinnen, Mörderinnen, Ritterinnen usw. Erst ein zweiter Blick enthüllt die trotz alledem klassischen Rollenbilder, denn tatsächlich treten Frauen vor dem Hintergrund einer großen Masse männlicher Krieger als Töterinnen stets allein und damit als Minorität auf und nehmen wichtige Machtpositionen erst dann ein, wenn es in ihrer Verwandtschaft keine anspruchsberechtigten Brüder, Söhne, Onkel oder Cousins mehr gibt oder diese noch zu jung sind. Damit agieren die biologischen Frauen vorrangig in normativ maskulin konzipierten, sozialen Räumen. Unter den vielen antikisierenden und historisierenden Anknüpfungspunkten stechen zwei besonders hervor – und dies nicht erst in den letzten Jahrzehnten: An die Überlieferung der Amazonen knüpft beispielsweise die von William Moulton Marston zunächst als Comicfigur erdachte und erstmals 1941 veröffentlichte „Wonder Woman“ 12 Zum Vorkommen kriegerischer Heldinnen in Antikfilmen siehe Lindner 2022, 261. Während Kriegerinnen in alten Werken noch Ausnahmen darstellen und häufig als Sexobjekte ins Bild gesetzt werden, hat sich erst in jüngster Zeit ein neuer weiblicher Heldentypus etabliert, der nicht nur die kämpferische, sondern die treue und friedliebende Seite der Frau hervorhebt. 10 Justine Diemke-Horst und Tobias Mörtz nicht erwartet werden; einerseits wird die Lückenhaftigkeit der materiellen Überlieferung bleiben, andererseits wird sich auch das Spannungsfeld zwischen den biologischen Eigenschaften menschlicher Körper und ihrer kulturell geprägten Wahrnehmung und habitualisierten Verhaltensweisen nicht auflösen lassen. Der kurze Umriss der Forschungslücken ließe sich unschwer verlängern, denn die Erforschung des Zusammenspiels von Gender, Gewalt und Militär steht noch in ihren Anfängen. Was an der bereits vorhandenen Forschungsliteratur jedoch deutlich wird, ist die insgesamt breite Rezeption einzelner Kriegerinnen in der antiken Welt. Da sie häufig im fiktiven Bereich anzutreffen oder im Barbaricum zu verorten sind, wird ihre Teilnahme am Krieg in der Forschung häufig als Notsituation oder literarische Fiktion abgetan, um die von den Autoren postulierte Trennung der sozialen Räume beider Geschlechter aufrechtzuerhalten.50 „Dass kriegerische Frauen topisch stilisiert werden, bedeutet nicht, dass es sie nicht gegeben hat“, so Wesselmann in ihrem Beitrag in diesem Band. Gerade in Extremsituationen verändern sich nicht nur Lebensrealitäten, sondern auch Wertund Normvorstellungen, die eine temporäre Verschiebung bestehender Rollenbilder begünstigen können. Spätestens bei Stadtbelagerungen wird man kämpfende Frauen gesehen haben, die sich vielleicht weniger mit einem gladius, sondern eher mit Ziegeln und Steinen vor ihrem Feind zu schützen versuchten. Gewaltbereite Frauen lassen sich auch außerhalb der militärischen Sphäre finden und sie sollen hier ebenfalls berücksichtigt werden. Der vorliegende Sammelband beinhaltet Beiträge aus der Vorund Frühgeschichte, Alten Geschichte und Klassischen Philologie. Dabei werden auf Basis sowohl schriftlicher als auch archäologischer Zeugnisse nicht nur verschiedene Zeiträume, sondern auch möglichst unterschiedliche Kulturräume in den Blick genommen. Die Untersuchungen zielen auf eine Identifikation von weiblichen Partizipationsmodi an militärischen und gewalttätigen Handlungen. Es gilt nicht nur festzustellen, welche Rollen vorgesehen sind, sondern wo Brüche in der heteronormativen Ordnung erkennbar sind und an welchen Stellen auch Frauen als Akteure des Handelns integriert werden können. Es lohnt sich auch zu überlegen, wie die überwiegend nicht-griechischen bzw. nicht-römischen Kämpferinnen, die hier als exotische Ausnahme figurieren, zu werten und in die griechisch-römische Lebenspraxis sinnvoll einzuordnen sind. Das Lehrund Lernprojekt „Krieger*innen. Frauen und Gewalt im 1. Jahrtausend v. Chr.“ Vor diesem Hintergrund war es ein Anliegen der Herausgebenden, auf vielfältige Weisen in einen fächerübergreifenden Dialog zwischen Alter Geschichte und Archäologie zu treten und an der Universität Hamburg im Wintersemester 2022/23 verschiedene gemeinsame Veranstaltungen zu organisieren. Ziel sollte es sein, die aktiven Rollen 50 Schmal 2007, 102. Kämpfende und waffentragende Frauen im Altertum? 11 von Frauen in Gewaltkontexten im Altertum kritisch zu reflektieren und die Ergebnisse auch in die Öffentlichkeit zu transferieren. Den Ausgangspunkt bildete ein Seminar, an welchem fast 40 Studierende vorrangig aus den Fächern Alte Geschichte, Klassische Archäologie, Politikwissenschaft und Vorund Frühgeschichtliche Archäologie teilnahmen. Um den inhaltlichen Bezug für alle Beteiligten anschlussfähig zu gestalten, wurde mit dem 1. Jahrtausend v. Chr. ein zeitlicher Rahmen gesetzt, der eine Berücksichtigung möglichst vieler Quellen erlaubte und vor allem auch die ältesten schriftlichen Zeugnisse umfasste. Mit Blick auf die fachspezifischen Vorkenntnisse war zudem ein Vergleich von drei Regionen, nämlich dem antiken Griechenland, dem nordpontischen Steppengebiet sowie dem circumalpinen Raum intendiert. Die zu behandelnden Themen erstreckten sich von einer Analyse der homerischen Epen und der sozialen Betätigungsfelder von Frauen in den archaischen und klassischen Poleis Griechenlands über die historischen und archäologischen Informationen zu den Skythen im Nordschwarzmeerraum und den nahezu ausschließlich anhand ihrer materiellen Hinterlassenschaften bekannten Gemeinschaften der sogenannten Hallstattund Frühlatène-Kulturen in Zentraleuropa zwischen den Flüssen Main und Po. Eine kritische Reflektion erfolgte sowohl hinsichtlich der Plausibilität der archäologischen und historischen Quelleninterpretation als auch hinsichtlich deren öffentlicher Rezeption und moderner Aneignungen antiker Mythen und Sagen. Ziel des Seminars war es, anhand der Vorbereitung einer gemeinsamen Ausstellung die fachspezifischen Arbeitsweisen kennenzulernen und sowohl gesicherte Erkenntnisse als auch wissenschaftliche Thesen zu prüfen. Über die jeweilige Methodik und Quellenkritik hinaus stellte sich konkret die Frage, welche übergeordneten Handlungskontexte Anzeichen von durch Frauen verübter Gewalt womöglich erkennen ließen. Mit der Vorbereitung auf eine Ausstellung in der Gipsabguss-Sammlung der Universität Hamburg stellte ein Teil der Studierenden in Gruppenarbeit ihre Ergebnisse in Vorträgen zur Diskussion und fertigte anschließend Plakate an. Teilnehmende im Masterstudium übernahmen dabei die Koordination und verfassten Überblicksartikel zu den Themenfeldern „Antike Frauenrollen“, „Skythen“, „Hallstatt und Frühlatène“ und „Moderne Rezeption“. Dies folgte der Vorgabe, es solle sich um Beiträge in einem Katalog handeln und somit knapp und allgemein verständlich formuliert sein. Die eingereichten Texte erfüllten diese Anforderungen und waren durchweg von sehr hoher Qualität. Eine zweite Gruppe bearbeitete die zu zeigenden Exponate in Form von Führungsblättern. Neben den Beständen der Gipsabguss-Sammlung konnte auf die Studiensammlungen der Klassischen Archäologie und Vorund Frühgeschichtlichen Archäologie zurückgegriffen werden. Die Auswahl der gezeigten Artefakte erfolgte in Abstimmung mit den Studierenden und in vier großen Themenbereichen: „Antike Frauenrollen“, „Bewaffnete Göttinnen“, „Gewalt gegen Frauen“ und „Amazonen“. Aus organisatorischen Beschränkungen, aber ebenso Gründen der Anschaulichkeit und mit dem Anspruch, ein nichtwissenschaftliches Publikum zu adressieren, lag der Schwerpunkt 12 Justine Diemke-Horst und Tobias Mörtz deutlich bei Exponaten aus dem antiken Mittelmeergebiet, darunter zwei unterschiedlich vollständige Kopien der überlebensgroßen Statue der Athena Lemnia und die Abformung einer Reliefplatte des Frieses am Apollontempel bei Bassae in Arkadien, welcher eine Amazonomachie zeigt. Eine originale, dreiflügelige Pfeilspitze aus Bronze war mit wenigen Zentimetern Länge das kleinste Ausstellungsstück. Die von den Studierenden verfassten Texte lagen aus und konnten von den Besuchenden entliehen werden, die Plakate waren zwischen den Exponaten platziert (Abb. 1, Abb. 2, Abb. 3). Da eine Aufsicht basierend auf den bewilligten Hilfskraftstunden nur eingeschränkt zu gewährleisten war, ließ sich eine Öffnung lediglich für die Laufzeit eines Monats vom 17. Mai bis 17. Juni 2023 und an zwei Nachmittagen pro Woche realisieren. In die Ausstellung konnten die Ergebnisse zweier weiterer Forschungsprojekte an der Universität Hamburg integriert werden. Dies waren zum einen Versuche zur Farbigkeit antiker Plastiken, die im Rahmen einer Übung von Nadine Leisner am Institut für Archäologie und Kulturgeschichte des antiken Mittelmeerraums im Wintersemester 2017/18 unter dem Titel „The Beautiful People! Experimentelle Archäologie zur Polychromie in der Antike“ angefertigt wurden.51 Zum anderen erlaubte uns Michael Zerjadtke (ehemals Arbeitsbereich Alte Geschichte), den Nachbau eines griechischen Leinenpanzers zu zeigen.52 Der Workshop „Krieger*innen im Altertum“ Um die Auseinandersetzung mit dem Thema zu vertiefen, fand im Anschluss an das Seminar und parallel zur Eröffnung der Ausstellung am 4. und 5. Mai 2023 an der Universität Hamburg der internationale Workshop „Krieger*innen im Altertum“ statt, dessen Beiträge der vorliegende Band versammelt. Neben den Herausgebenden repräsentierten insgesamt 11 Kolleg*innen aus Deutschland, Österreich und Griechenland die Fächer Alte Geschichte, Vorund Frühgeschichtliche Archäologie und Klassische Archäologie: Stefan Burmeister (Kalkriese), Kerstin Droß-Krüpe (Bochum), Jochen Fornasier (Halle), Jutta Kneisel (Kiel), Robert Schumann (Hamburg), Aleksandra Soloveva (Hamburg), Jutta Stroszeck (Athen), Brigitte Truschnegg (Innsbruck), Beate Wagner-Hasel (Hannover), Katharina Wesselmann (Kiel) und Katja Winger (Neubukow) .53 Der Vortrag von Nadine Leisner (Hamburg) musste leider kurzfristig abgesagt werden. Allen Beteiligten sei an dieser Stelle für ihre spannenden Ausführungen und die produktive Atmosphäre herzlich gedankt! 51 https://www.kulturwissenschaften.uni-hamburg.de/ka/studium/lehrprojekte/beautiful people.html (letzter Zugriff: 22.7.2024) 52 Zerjadtke 2024; https://www.linothorax.de/ (letzter Zugriff: 22.7.2024) 53 In alphabetischer Reihenfolge und mit Angabe der Affiliation zum Zeitpunkt des Workshops. Kämpfende und waffentragende Frauen im Altertum? 13 Abb. 1: Blick in die Ausstellung „Krieger*innen. Frauen und Gewalt im 1. Jahrtausend v. Chr.“ in der Gipsabguss-Sammlung der Universität Hamburg im Mai/Juni 2023. Zu sehen ist u.a. die Abformung einer überlebensgroßen Statue einer Amazone (Typus Sciarra) nach einem Fund aus Rom (rechter Bildrand). Abb. 2: Blick in die Ausstellung „Krieger*innen. Frauen und Gewalt im 1. Jahrtausend v. Chr.“ in der Gipsabguss-Sammlung der Universität Hamburg im Mai/Juni 2023. Exponate und Plakate zum Thema „Gewalt gegen Frauen“, u.a. mit Abformungen von Reliefplatten des Frieses am Apollontempel bei Bassae in Arkadien, welcher eine Amazonomachie zeigt (oben), und einer Metope von Tempel C in Selinunt auf Sizilien mit der Enthauptung der Gorgo durch Perseus (unten rechts). 14 Justine Diemke-Horst und Tobias Mörtz Abb. 3: Blick in die Ausstellung „Krieger*innen. Frauen und Gewalt im 1. Jahrtausend v. Chr.“ in der Gipsabguss-Sammlung der Universität Hamburg im Mai/Juni 2023. Eine Reihe weiblicher Statuen, u.a. die Große und die Kleine Herkulanerin sowie zwei unterschiedlich vollständige Kopien der überlebensgroßen Statue der Athena Lemnia, illustrierte die verschiedenen sozialen Rollen von Frauen in der Antike. Der Workshop setzte sich zum Ziel, anhand von schriftlichen und archäologischen Quellen Frauen weniger in ihrer klassischen Opferrolle, sondern als Täterinnen in den Blick zu nehmen. Unter welchen Umständen und mit welchen Motiven wenden Frauen in der Antike Gewalt an? Wie gelangen Frauen in Machtund Befehlspositionen? Sind die Gewalttaten mit dem gesellschaftlichen Rollenverständnis vereinbar? Wie unterscheidet sich die Wahrnehmung nach der ethnischen und sozialen Herkunft? Im Sinne des fächerübergreifenden Ansatzes beziehen sich die in diesem Band versammelten Beiträge auf ganz unterschiedliche Quellen, die jede für sich auf eine andere Art subjektive Botschaften aussenden. Danksagungen Für die freundliche, entgegenkommende Kooperation und vor allem das Vertrauen, in der Gipsabguss-Sammlung die Ausstellung „Krieger*innen. Frauen und Gewalt im 1. Jahrtausend v. Chr.“ nach unseren Vorstellungen umsetzen zu können, sei an dieser Stelle den Kolleg*innen des Instituts für Archäologie und Kulturgeschichte des antiken Mittelmeerraumes, insbesondere Christof Berns, Sabine Huy und Fanny Opdenhoff, herzlich gedankt! Vielfältige Tätigkeiten im Vorfeld, während und nach der Ausstellung, insbesondere die Beaufsichtigung und Führung, übernahmen in vorbildlicher Weise Lena Kaiser und Jannes Röhr. Auch den weiteren studentischen Hilfskräften Kämpfende und waffentragende Frauen im Altertum? 15 (Hans Brackrock, Johannes Held, Jule Kurz, Alexander Kahnt, Isabell Köthke), deren Tätigkeiten den Workshop „Krieger*innen im Altertum“ überhaupt erst ermöglichten, ist zu danken! Bei Nadine Leisner (Hamburg) und Michael Zerjadtke (Hamburg) bedanken wir uns für die Bereitwilligkeit, Exponate zur Verfügung zu stellen und somit Ergebnisse ihrer Forschungsprojekte in die Ausstellung integrieren zu können. Die Finanzierung erfolgte mithilfe von Mitteln aus dem Gleichstellungsfonds der Universität Hamburg (Vorgang: 30-GF-2022). Literaturverzeichnis Alexijewitsch 2004: Swetlana Alexijewitsch, Der Krieg hat kein weibliches Gesicht, Berlin 2004. 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Juli 2005, Oxford 2008, 20-51. 26 Beate Wagner-Hasel Smyrna aus dem 3. Jahrhundert n. Chr. erkennt der Held nach dem Sieg die Schönheit der Amazone und grübelt, „warum er sie getötet und nicht als seine Frau nach Phthia geführt“ habe. In dieser Situation der Trauer und des erwachenden Verlangens (eros) wird Achilleus von Thersites verhöhnt. Im Zorn erschlägt er den Mitkämpfer vor Troja.26 Am Zeustempel in Olympia war laut Pausanias die sterbende Penthesileia zu sehen und Achilleus, der sie stützt (Paus. 5,11,6). Überlieferte Skulpturen bestätigen eine solche Wahrnehmung des antiken Reiseschriftstellers.27 In der Ilias selbst ist ein Kampf des Helden Bellerophon gegen eine Amazone erwähnt. Von einer Liebesbeziehung zwischen den Kontrahenten ist nicht die Rede, aber der Kampf bildet die Voraussetzung für die Eheschließung des Helden (Hom. Il. 6,186) – ebenso, wie es in Umkehrung dazu für die Amazonen Herodots gilt, die erst dann heiraten durften, wenn sie einen Feind getötet hatten (Hdt. 4,117). Nur mittelbar ist das Motiv des Eros im Kampf des Herakles mit Amazonen greifbar. Die Amazonenkönigin Melanippe verliert ihren Gürtel, das Symbol ihrer Kampfeskraft und Geschlechtlichkeit zugleich28, an den Helden Herakles. Der Raub des Gürtels gehört zu den Zwölf Taten, die der panhellenische Heros zu vollbringen hat. Anspielungen darauf finden sich in der attischen Tragödie29 und in der hellenistischen Dichtung.30 Noch zur Zeit der römischen Herrschaft über Griechenland konnte Pausanias im Zeustempel in Olympia eine Darstellung dieser Heldentat des Herakles sehen (Paus. 5,10,9). Auf Vasenabbildungen sieht man den Helden vielfach im Kampf mit Andromache, deren Name sie als ‚Männerbezwingerin‘ ausweist. Ein in Vulci in Etrurien gefundener Trinkbecher aus der letzten Dekade des 6. Jahrhunderts v. Chr. zeigt die Amazone in der für diese Zeit typischen Hoplitenbewaffnung, während Herakles das Löwenfell trägt.31 Auch hier spielt das Motiv des Eros eine Rolle. „Den Gürtel lösen“ hieß bei den Griechen, den Geschlechtsverkehr zu vollziehen.32 In Troizen weihten Bräute den Gürtel vor der Hochzeit der Athena Apatouria, deren Heiligtum laut Pausanias auf eine Stiftung Aithras, der Mutter des Theseus, zurückgeht (Paus. 2,33,1). Der Verlust des Gürtels zeigte das Ende des Status als parthénos an.33 Theseus, der attische Kulturheros, heiratet sogar eine Amazone. Er, der mit seinem Raub der Antiope bzw. Hippolyte einen Einfall eines Amazonenheeres in Attika auslöst, hat mit der geraubten Amazone sogar einen gemeinsamen Sohn, der nach der Mutter Hippolytos hieß.34 Eben dieser Kampf 26 Quintus, Posthomerica I 672/3 u. 718-782. 27 Berger 1967; Hölscher 2000, 298. 28 Zur Doppeldeutigkeit des Gürtels Blok 1995, 424-430; Wenskus 1999; Schmitt Pantel 2019. 29 Euripides, Herakles 408-418; Ion 1143-1145. 30 Lykophron, Alexandra 1329-1340; Apollodoros, Bibliotheke 2, 5, 3-9; Apollonios Rhodios, Argonautika. 2,966-969; Diodor 4,16. 31 Von Bothmer 1957, 138, Tafel LXIX 4a; Bol, 1998, 97. 32 Vgl. Homer, Odyssee 11,245-246; Anthologia Graeca VII 164. 33 Wagner-Hasel 1986, 92 mit Belegen. 34 Euripides, Hippolytos 10 u. 305-309; Apollodoros, Epitome 4,5,2. Kriegerinnen – Das Beispiel der Amazonen 27 der Athener gegen das Heer der Amazonen war an zentralen Plätzen Athens, in der Stoa Poikile, am Theseusbzw. Hephaistostempel sowie auf dem Schild der Athena Parthenos im Parthenon dargestellt.35 Die Verkehrung der Ordnung, mit der der Mythos spielt, hat einen ganz bestimmten Sitz im Leben der Protagonisten, nämlich in der Phase des Übergangs von der Jugend zum Erwachsenendasein. Nicht zufällig sind die Erzählungen von den Kämpfen mit den Amazonen im griechischen Kulturkreis um jene Phase organisiert, in der sich Lebenswege trennen und neue Rollen eingeübt werden, nämlich in die Phase vor der Hochzeit. Viele Übergangsriten junger Mädchen spielen sich an der Peripherie der Polis ab und kreisen um körperliche Agone wie etwa die Brauronia in Attika (Waldner 2000b). Umgekehrt vollzogen junge Männer im Herzen der Polis Rituale, die sie – wie bei den Oschophoria – in weiblicher Kleidung ausübten (Waldner 2000a). Tonio Hölscher hat nicht ganz unrecht, wenn er meint, dass das agonale Ideal, dem sich junge Mädchen vor der Hochzeit unterwarfen, „von den Amazonen als mythisches Bild präfiguriert“ wurde.36 In der engen erzählerischen Verknüpfung der Motive „Kampf“ und „Eros“ wird deutlich, dass der potentielle Feind, den die Amazone darstellt, sich in eine Bündnisbzw. in eine Ehepartnerin verwandeln kann. Dies erklärt auch ihren Charakter als parthénos, den sie mit der Stadtgöttin der Athener teilt (Deacy 1997). Die Erzählung vom Raub der Antiope durch Theseus und von der attischen Amazonomachie, die der Politiker Kimon an den Wänden der Stoa Poikile in Athen gestalten ließ, kann als Reflex auf diese Praxis verstanden werden, über Heiratsbeziehungen Bündnispartner zu gewinnen. Denn Kimon war einer der letzten attischen Politiker, der als Abkömmling einer Ehe zwischen einem Athener und einer Fremden, einer Thrakerin, zu politischem Einfluss gelangte (Robson 1997). Da es solche Ehebündnisse waren, über die im archaischen Griechenland weiträumige Beziehungen geknüpft und Friedenschlüsse bekräftigt wurden, bedurfte es der Konstruktion einer ambivalenten Figur der Fremden, die beide Aspekte, sowohl den des Krieges als auch der Ehe, verkörperte und sowohl ideale als auch negative Züge tragen musste (Wagner-Hasel 1986). Das attische Bürgerrechtsgesetz von 451 v.Chr. setzte dieser exogamen Heiratspraxis ein Ende. Attischer Bürger oder attische Bürgerin waren nur diejenigen, die attische Eltern vorweisen konnten (Vernant 1987). In attischen Grabreden des 4. Jahrhunderts verliert das Motiv des Eros, der Raub der Antiope, folgerichtig an Bedeutung, wenn an den Zug der Amazonen nach Attika erinnert wird. Der Redner Lysias verweist nur noch auf die Maßlosigkeit (hybris) der Amazonen, womit er den Athenern ein warnendes Beispiel vor Augen führt37, ein für die hellenistische Literatur typisches Motiv (Bol 1998). Angesichts der neuen Heiratsnormen ist das Motiv des Eros vernachlässigbar oder wird die Heirat explizit angeprangert. In Apollonios Rhodios’ Argonautika 35 Abbildungen bei: Fornasier 2007, 65-61. 36 Hölscher 2000, 300. 37 Lysias, Epitaphios 2,4-6. 28 Beate Wagner-Hasel werden die Amazonen als ein Volk dargestellt, das keine Gesetze kennt (2,287) und dem einzig jammerbringende Hybris und die Werke des Ares am Herzen liegt. Oder es wird – so etwa in den Reden des Isokrates – der Amazone Hippolyte, die Theseus folgte, eben der Verstoß gegen die Heiratsnormen vorgehalten, die in Athen seit 451 v. Chr. galten. Hier heißt es: „Dann kamen die Skythen unter der Führung der Amazonen, Nachkommen des Ares, die einen Feldzug gegen Hippolyte unternahmen, da sie die bei ihnen gültigen Gesetze übertreten hatte, von Theseus geliebt wurde, ihm mitgefolgt war und bei ihm lebte“.38 Amazonenschlacht in Athen – Das Frauenheer als Spiegel der athenischen Kriegergemeinschaft Aber nicht nur das Motiv des Eros unterliegt einem Wandel der Bewertung. Auch das Kampfmotiv verändert sich. Bildeten Amazonen wie Penthesileia oder Hippolyte bzw. Melanippe das weibliche Pendant zum männlichen Heros, dem sie in Bewaffnung und Kampfesstärke ähneln39, so werden sie im 5. Jahrhundert oftmals in persisch-skythischer Tracht dargestellt40 und treten nicht mehr einzeln, sondern im Kollektiv auf.41 Als solche werden sie nicht nur bei Herodot imaginiert, sondern auch in der attischen Tragödie des 5. Jahrhunderts sowie in den öffentlichen Grabreden des 4. Jahrhunderts. Vor allem aber die Bilddarstellungen im öffentlichen Raum der Polis sind nun auf das Amazonenheer, nicht mehr auf die Einzelkämpferin fokussiert. Auch wird die Amazonenschlacht an zentralen Gebäuden – so in der Stoa Poikile und im Parthenon auf der Akropolis – in einer Reihe mit den Perserkriegen, dem Trojanischen Krieg (Stoa Poikile) bzw. mit der Gigantomachie (Gewand der Athenastatue im Parthenon) und der Kentauromachie (Sandalen der Athena) präsentiert, womit sich die Athener als ebenso erfolgreich darstellen wie die olympischen Götter, die die Titanen und die Kentauren besiegen, und das vormalige Heroengeschlecht, das Troja eroberte und unter Theseus gegen die Amazonen kämpfte.42 Während in der Archäologie diese neue Darstellungskonvention in Verbindung mit den Perserkriegen gebracht wird und die Amazonen mit Persern gleichgesetzt werden, denen manche antiken Autoren einen „weibischen“ Charakter zuschrieben43, lesen Vertreter einer strukturalistisch-feministischen Lesart die persisch-skythische Tracht und das Motiv der fliehenden Amazone als Ausdruck der sozialen Unterlegenheit der athenischen Frauen (Merck 1978). Bedenkt man indes den politischen Strukturwandel nach den Perserkriegen und bezieht das Handeln der Akteure des Mythos nicht auf Ereignisse, sondern auf politische Räume, dann wird die 38 Isokrates, Panathenaikos 193, Übers. C. Ley-Hutton. 39 Bol 1998, 97; Lindblom 1999, 69. 40 Bol 1998, 98. 41 Goldberg 1998, 95. 42 Hölscher/Simon 1976, 143; Fornasier 2007, 59-76; Muth 2008, 329-412. 43 Boardman 1982, 8; Shapiro 1983, 105-114; kritisch Hölscher 2000, 315. Kriegerinnen – Das Beispiel der Amazonen 29 Ähnlichkeit der Amazonengemeinschaften mit der attischen Kriegergemeinschaft erkennbar. Verstehen sich die Athener im 5. Jahrhundert v. Chr. als Kinder der Stadtgöttin Athena44, so werden die Amazonen als Töchter des Ares – so etwa in der oben zitierten Rede des Isokrates – bezeichnet. In Umkehrung zu den attischen Hopliten, unter denen sich keine Frau findet, schließen die Amazonen die Männer vom Kriegshandwerk aus. Seit dem 5. Jahrhundert ist die Erzählung vom Kindsmord im Umlauf, die römische Mythographen ausgeschmückt haben. Demnach töten Amazonen ihren männlichen Nachwuchs und ziehen nur Mädchen auf oder verstümmeln die Jungen, damit sie für den Kriegsdienst untauglich werden.45 Mit diesen Bildern wird die Amazonengemeinschaft als fiktiver Abstammungsverband imaginiert, der sich nur über die weibliche Linie konstituiert, an seiner Spitze aber das ausgeschlossene Geschlecht platziert (Wagner-Hasel 1986). Indem die Amazonengemeinschaft im 5. Jahrhundert v. Chr. dem Charakter der Polisgemeinschaft nachgebildet wurde, gibt der Mythos auch Auskunft über den inneren Strukturwandel, der nach den Perserkriegen in Athen einsetzte: über die übergeordnete Bedeutung der Polisgemeinschaft gegenüber den Bindungen, die – über Heirat geknüpft – vom Hauswesen ausgingen. Dieses Problem bewegte nicht nur die Mythographen, sondern auch die Philosophen. Wenn im 4. Jahrhundert v. Chr. Platon die Frauen seines Idealstaates zu Kriegerinnen und damit zu Amazonen machen will46, dann geht es ihm genau um diese Auflösung des Antagonismus zwischen den Interessen des Hauses und denen des Gemeinwesens, den der Amazonenmythos thematisiert.47 Das Bildmaterial zeigt, dass der Mythos beide Geschlechter ansprach, Männer wie Frauen. Sie konnten sich mit den kriegerischen Frauen identifizieren oder von ihnen abgrenzen. So waren auf den Trinkgefäßen, die die Männer beim Symposion benutzten, vorwiegend kämpfende Amazonen abgebildet – so etwa auf Volutenkrateren aus der Mitte des 5. Jahrhunderts v. Chr.48 Gerätschaften, die der Wollarbeit dienten wie z.B. epinetra (Tonröhren, welche Frauen zum Wollekrempeln über die Knie legten), waren mit Amazonenbildnissen geschmückt, die diese beim Anlegen der Kleidung und der Waffen zeigten.49 Indem Amazonen im Mythos Anteil an beiden Bereichen zugewiesen wird, an der männlichen Sphäre des Krieges sowie an der weiblichen Sphäre des Hauses, fassbar im Motiv des Eros, kann man den Mythos auch als eine Versinnbildlichung der getrennten, aber dennoch miteinander verbundenen Sphären der Geschlechter lesen (Wagner-Hasel 2003). 44 Loraux 1984, 119-153. 45 Apollodoros, Bibliotheke 11,5,9; Diodor 2,44,3-2,45,4; Strabon, Geographika 11,5,1; Pompeius Trogus bei Justinus, Weltgeschichte 2,4. 46 Platon, Politeia 457 d; Nomoi 806 b. 47 Wagner-Hasel 1992, 333. 48 Abb. 27 und 31 bei Fornasier 2007, 55 u. 64. 49 Lissarague 1993, 252, Abb. 61. 30 Beate Wagner-Hasel Die verkehrte Welt der Amazonen im römischen Reich In der römischen Rezeption wirken bezeichnenderweise andere Muster der Verkehrung: Thematisiert wird in den literarischen Überlieferungen stärker der Arbeitsrollentausch: Frauen gehen dem Geschäft des Krieges nach; Männer verrichten häusliche Arbeiten wie spinnen und weben. Diodor zufolge verbringen die Amazonen ihre Zeit mit Kriegszügen, während sich die Männer der Wollarbeit und der Aufzucht der Kinder widmen50; nach Strabon übernehmen die Amazonen alle Arbeiten, die außerhalb des Hauses anfallen, wie Pflügen, Pflanzen, Weiden, Kämpfen.51 In der Spätantike sind auch unbewaffnete Amazonen bekannt, die zuhause bleiben, während bewaffnete Amazonen Krieg führen.52 Die Akzentuierung der Verkehrung der Arbeitsrollen, die auch für die römische Rezeption des Mythos von Herakles und Omphale gilt (Wagner-Hasel 1998), lässt sich auf die Geschlechterrollen innerhalb eines römischen Hauswesens beziehen und reflektiert die Andersartigkeit der politischen Struktur: Es geht nicht um den Gegensatz von Gemeinwesen (Polis) und Hauswesen (Oikos) wie in der athenischen Adaption des Mythos, sondern um den Gegensatz von republikanischer und monarchischer Ordnung, fassbar in der unterschiedlichen politischen Gewichtung des Hauswesens: Wo Frauen Männerrollen übernehmen, so die Botschaft, droht der Zerfall des republikanischen Wertesystems. Wenn beispielsweise Marcus Antonius von seinem politischen Gegner Octavian als Herakles dargestellt wird, der für die lydische Königin Spinndienste leistet, während die ptolemäische Herrscherin Kleopatra VII. als Omphale gestaltet wird, die sich des Löwenfells und der Keule des Helden bemächtigt, dann wird damit Kritik an der Übernahme hellenistischer Herrschaftspraktiken im republikanischen Rom geübt.53 Auch tritt das erotische Motiv in der römischen Rezeption des Amazonenmythos wieder stärker in den Vordergrund. Es unterstreicht die Ausrichtung des Mythos auf das Hauswesen, die auch jenseits politischer Konflikte bedeutsam ist. Denn auch einfache Römerinnen werden nun als Amazone dargestellt. So wird in einer anonymen Grabinschrift des 2./3. Jahrhunderts n. Chr. aus Rom die Verstorbene Marcia Helike von ihrem Gatten als zu Lebzeiten schön wie Aphrodite und im Tode schön wie eine Amazone gepriesen (IG XIV 1839). Auch die bildliche Gestaltung der sterbenden Penthesileia, die von Achilleus aufgefangen wird, lässt sich auf das Hauswesen beziehen und als Sinnbild ehelicher Eintracht lesen, wie dies aus Astrid Fendts Analyse des Amazonenmotivs auf kaiserzeitlichen Sarkophagen hervorgeht.54 Die kriegerische Seite verschwindet indes nicht: Als Verkörperung soldatischer Tüchtigkeit und Tapferkeit wird die Amazone sowohl in kaiserlichen Palästen als auch in städtischen Wohnhäusern goutiert.55 50 Diodor 2,44,2-3 u. 3,53,2-3. 51 Strabon, Geographika 12,5,4. 52 Ammianus Marcellinus 22,8,18-19. 53 Zanker 1990, 65-73. 54 Fendt 2005, 88-89. 55 Bol 1998, 149-159; Russenberger 2015. Kriegerinnen – Das Beispiel der Amazonen 31 Fazit Es handelt sich bei den Erzählungen von Kämpfen der Athener mit Amazonen um einen eminent politischen Mythos, der in der Zeit nach den Perserkriegen der Stiftung einer kriegerischen Identität der Athener diente, nicht aber um einen Mythos, der die weibliche Unterordnung in Szene setzen und legitimieren wollte. Das Geschlechterverhältnis ist nur in indirekter Hinsicht tangiert, indem die Erzählungen nach dem Muster Eros und Kampf strukturiert sind und auf diese Weise die Sphären der Geschlechter miteinander in Beziehung setzen. In ein hierarchisches Verhältnis geraten diese Sphären erst mit der Unterordnung der Belange des Hauswesens unter die der Polisgemeinschaft, ein Prozess, der sich im Laufe des 5. Jahrhunderts v. Chr. vollzieht. Zwar tauchen Amazonenerzählungen gerade in solchen Gesellschaften auf, die von einem starken Geschlechterantagonismus geprägt sind. Aber die kriegerischen Frauen repräsentieren ebenso wenig wie die Helden, mit denen sie kämpfen, konkrete Individuen, sondern abstrakte Prinzipien und Handlungsmaximen. Die wiederum waren geschlechtsspezifisch unterschiedlich konnotiert und bedurften der Einübung und der Verankerung im Bewusstsein des Einzelnen. Die Anschaulichkeit, die diese Erzählungen besitzen, erklärt sich aus der vorwiegend mündlichen Prägung der antiken Erinnerungskultur. Wo Wissen oral weitergegeben wird, bedürfen selbst schriftlich abgefasste Erzählungen eines hohen Maßes an Anschaulichkeit, um ihr Publikum zu erreichen. Personenund Handlungsorientierung sind Merkmale einer solchen Memorialkultur56, die dazu verführt, hinter den Protagonisten immer wieder konkrete Konflikte zwischen historischen Akteuren zu suchen. Um ein „Abweichen von patriarchalischen Normen“, das nach Lambert Schneider und Martina Seifert „für eine Jahrhunderte andauernde Beschäftigung“ mit Amazonen in Literatur und Kunst sorgte57, ging und geht es in dem Mythos nicht. Dagegen spricht allein schon die nachantike Verwandlung der Figur der Amazone, die von der christlichen Jungfrau über die mächtige Regentin zur politischen Revolutionärin reicht (Wagner-Hasel 2008). Literatur Bachofen [1861] 1948: Johann Jakob Bachofen, Das Mutterrecht. Eine Untersuchung über die Gynaikokratie der alten Welt nach ihrer religiösen und rechtlichen Natur, hg. v. Karl Meuli, Basel 1948. Bachofen [1861] 1975: Johann Jakob Bachofen, Das Mutterrecht. Eine Untersuchung über die Gynaikokratie der alten Welt nach ihrer religiösen und rechtlichen Natur. Eine Auswahl hg. v. 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Als sie sich zu Schiff auf den Weg nach Halikarnass machen, versteckt Artemisia ihre eigene Flotte im Hafen, lockt die Rhodier in die Stadt, lässt sie töten und verleibt die leeren Schiffe ihrer eigenen Flotte ein. Anschließend segelt sie unter falscher Flagge nach Rhodos: Ita Artemisia in navibus Rhodiorum suis militibus et remigibus inpositis Rhodum est profecta. Rhodii autem, cum prospexissent suas naves laureatas venire, opinantes cives victores reverti hostes receperunt. (Vitruv, De Architectura 2.15) Artemisia setzte also ihre eigenen Truppen und Ruderer in die Schiffe der Rhodier und brach nach Rhodos auf. Doch als die Rhodier ihre eigenen lorbeerbekränzten Schiffe kommen sahen, dachten sie, ihre Mitbürger seien siegreich zurückgekehrt und ließen den Feind herein. Artemisia gibt sich mit der Einnahme der Stadt nicht zufrieden; sie demütigt auch ihre Feinde. Nachdem sie die führenden Bürger getötet hat, lässt sie in der Stadt Rhodos ein tropaeum aufstellen, ein Denkmal, das aus zwei Figuren besteht: die eine stellt sie selber dar, die andere die Bürgerschaft von Rhodos, der sie ein Brandzeichen aufdrückt. Die Rhodier werden das Schandmal nicht los, da sie es als nefas betrachten, ein geweihtes tropaeum zu entfernen. Also bauen sie ein Gebäude um die Statuen herum und lassen es bewachen, so dass niemand das Denkmal sehen kann, et id abaton vocitari iusserunt: Die Bezeichnung abaton, das unzugängliche Innere eines Tempels, verkehrt die Schande der Rhodier auf schildbürgerhafte Weise in ein Heiligtum.4 Artemisias List hat vollumfänglich gesiegt; die Demütigung ihrer Feinde ist für immer unaufhebbar. 3 Munson 1988, 103: „Artemisia, whose aristai gnomai make her the equivalent of Themistocles in his role of wise adviser, suddenly emerges at Salamis as analogous to Themistocles the trickster. The success of her action depends on the deception of both sides in the battle, her Athenian pursuers as well as Xerxes and his court (8.87.4, 88.2). In a similar way, Themistocles implemented his strategy at Salamis by deceiving both the enemy Xerxes and his Greek allies (8.75).“ 4 Vgl. Kim 2022, 25: „The abaton obscured the bronze portrait of Artemisia, thus making a new monument out of her body’s visible absence.“ Topisches Erzählen 43 Die rasende Liebe Beide Artemisiai täuschen also ihre Feinde mit falschen Flaggen, beide retten dadurch ihr Leben. Beider Handeln wirkt exzessiv: das verbündete Schiff als Kollateralschaden, die bronzegewordene Demütigung der Feinde auf ewig. Exzessiv ist auch die letzte Gemeinsamkeit der namensgleichen Herrscherinnen: der Tod aus Liebe. Die Geschichte von dem Liebessuizid der älteren Artemisia ist lediglich in Photios’ Zusammenfassung der Kaine Historie des Ptolemaios Chennos überliefert (Bibliotheca 190). Artemisia stürzt sich dort vom Leukadischen Felsen, ein Sturz, der von der unglücklichen Liebe heilt (wenn man entweder überlebt oder aber durch den Tod erlöst wird): Καὶ πολλοὶ δὲ ἄλλοι καὶ πολλαὶ ἔρωτι κάμνουσαι ἀπηλλάγησαν τοῦ ἔρωτος, ἐπεὶ τῆς πέτρας καθήλαντο. Ὡς καὶ Ἀρτεμισία ἡ Λυγδάμιδος, ἡ τῷ Πέρσῃ συστρατεύσασα, ἐρασθεῖσα Δαρδάνου Ἀβυδηνοῦ καὶ ὑπερορωμένη ἐκκόψειε τοὺς ὀφθαλμοὺς κοιμωμένου, τῆς δ’ ἐπιθυμίας κατὰ θεῶν μῆνιν ἐπιταθείσης, πορευθεῖσα κατὰ χρησμὸν εἰς Λευκάδα ἔρριψεν ἑαυτὴν κατὰ τῆς πέτρας καὶ ἀναιρεθεῖσα ἐτάφη. (Ptolemaios Chennos bei Photios, Bibliotheke 190, 153a–b) Und viele andere, Männer und Frauen, die an der Liebe litten, wurden von ihrer Leidenschaft erlöst, indem sie von der Spitze des Felsens sprangen. So auch Artemisia, die Tochter des Lygdamis, die zusammen mit dem Perser in den Krieg zog. Verliebt in Dardanos von Abydos und von ihm übersehen, stach sie ihm die Augen aus, während er schlief, aber als ihre Begierde durch den Zorn der Götter noch intensiviert wurde, kam sie auf Anweisung eines Orakels nach Leukas, stürzte sich von der Spitze des Felsens, tötete sich und wurde begraben. Abb. 1: Wilhelm von Kaulbach: Die Schlacht bei Salamis 44 Katharina Wesselmann Abb. 2: Johann Heinrich Tischbein: Artemisia Wie die meisten unglücklich Liebenden überlebt Artemisia den Sprung nicht – das berühmteste Opfer des Felsens ist nach antiker Überlieferung Sappho,5 auch eine Frau, die Geschlechtergrenzen überschreitet. So wenig die Geschichte von einer unglücklichen Liebe zu einem Mann zu Sapphos Biographie passt – sie stürzt sich wegen Phaon in den Abgrund –, so merkwürdig erscheint es, dass die kaltblütige und kluge Artemisia, die wir aus Herodots Schilderung kennen, von einer irrationalen Liebe so getrieben ist, dass sie andere verstümmelt und sich selber tötet. Es ist somit nicht überraschend, dass sich in der Rezeption das Bild der Kriegerin durchgesetzt hat, wie sie beispielsweise auf dem Historiengemälde von Wilhelm von Kaulbach abgebildet ist. Die Kriegstaten der jüngeren Artemisia hingegen sind so dünn überliefert wie der Liebestod der Älteren: Sie ist in der Tradition vor allem die liebende Gattin und trauernde Witwe. Entsprechend finden sich auch in der europäischen Kunstgeschichte fast nur Bilder der liebenden Artemisia, etwa Johann Heinrich Tischbeins Portrait der Gräfin Augusta von Reuss-Ebersdorf und Lobenstein als Artemisia. Die junge Frau hat eine Trinkschale und eine Urne bei sich; der Grund dafür liegt in einer vielfach überlieferten Geschichte6 über das traurige Ende der jüngeren Artemisia, hier in grausamem Detail erzählt von Valerius Maximus: 5 Am ausführlichsten bei Ovid, Heroides 15. 6 Artemisias Tod aus Liebe zu ihrem verstorbenen Mann findet sich noch bei Cicero, Tusculanen 3.75, Strabon, Geographika, 14.2.17, Theopompos bei Valerius Harpokratikon 240, Gellius, Noctes Atticae 10.18.1-4. Topisches Erzählen 45 gentis Cariae regina Artemisia virum suum Mausolum fato absumptum quantopere desideraverit leve est post conquisitorum omnis generis honorum monumentique usque ad septem miracula provecti magnificentiam argumentari: quid enim aut eos colligas aut de illo inclito tumulo loquare, cum ipsa Mausoli vivum ac spirans sepulcrum fieri concupierit eorum testimonio qui illam exstincti ossa potioni aspersa bibisse tradunt? (Valerius Maximus, Memorabilia 4.6 ext. 1) Es wäre unsinnig, darüber zu streiten, wie sehr Artemisia, die Königin von Karien, ihren Mann Mausolos vermisste, den das Schicksal ihr genommen hatte, nach der Pracht der vielfältigen Ehrungen, die sie ihm aufhäufte, und des Denkmals, das sogar einen Platz unter den sieben Wundern einnahm. Warum diese aufzählen oder von dem berühmten Grabmal sprechen, wo sie doch selbst ein lebendes und atmendes Grabmal des Mausolos werden wollte, nach dem Zeugnis derer, die berichten, dass sie die Knochen des Toten trank, die in ein Getränk gemischt waren? Auch die jüngere Artemisia stirbt schließlich aus Liebe, und ihr Kannibalismus mutet ähnlich verstörend an wie die Tatsache, dass die ältere Artemisia ihrem Geliebten die Augen aussticht, mit denen er sie nicht hatte sehen wollen.7 Der Krieg ist Sache der Frauen: Historizität und Stilisierung Die strukturellen Ähnlichkeiten der beiden Biographien sind auffällig. Sie lassen sich durch die Wahrnehmung beider Artemisiai als transgressiver Frauen begründen, vielleicht auch durch ihre aus griechisch-römischer Perspektive ‚barbarische‘ Herkunft. In der Tat sind die genannten Topoi in den Biographien mächtiger Frauen nicht selten: Auch die Amazonen erregen bei Männern Anstoß, und sie sind geschlechtlich uneindeutig – Homer nennt sie ἀντιάνειραι (Ilias 3.189, 6.186). Die tapfere Dido ist klug und listig – man denke an ihren Trick mit der Stierhaut8 –, aber auch eine exzessiv Liebende. Dennoch ist es zu einfach, kriegerische Frauen des Altertums lediglich in den Bereich mythisierender Topik zu verweisen. Anders als bei den Amazonen oder bei Dido handelt es sich bei den beiden Artemisiai von Halikarnass um Personen, deren Historizität nie bestritten worden ist. Gleichzeitig sind beide karischen Königinnen in ihrer Stilisierung immer wieder mit mythischen Figuren verglichen worden, unter anderem auch mit den eben genannten: Herodots Heroisierung der älteren Artemisia rückt sie in die Nähe der Göttin Artemis und der Amazonen, wie Violaine Sebillotte Cuchet festgestellt hat (2009), besonders im Hinblick auf das Motiv der Klugheit (Deligiorgis 2016), das sie auch der Göttin Athene ähnlich macht9 und sie in Beziehung zu der homerischen Penelope setzt, einer Art ‚orthodoxen‘ Gegenbilds der grenzüberschreitenden Karerin.10 Die zweite Artemisia in 7 Elizabeth Carney (2005, 66 mit Anm. 14) vermutet den Ursprung der Erzählung von Artemisias Gattinnentrauer in der Tradition der karischen Klagefrauen, was für ein hohes Maß an lokaltypischer Stilisierung spräche. 8 Vergil, Aeneis 1.367f. 9 Sancristòfol Parés 2020. 10 Calero Secall 2008. 46 Katharina Wesselmann ihrer Darstellung bei Vitruv ist mit Dido verglichen worden, aber auch mit der historischen Kleopatra VII., beziehungsweise mit deren Rezeption in augusteischer Zeit: Patricia Eunji Kim hat mit Hilfe der Intersektionalitätsund Critical Race-Theorie viel Vergleichsstoff zu diesen beiden anderen ‚barbarischen‘ Königinnen gefunden (2022). Mit einer historischen ‚Barbarin‘ ist auch die ältere Artemisia parallelisiert worden: Die ebenfalls bei Herodot belegte Massagetenkönigin Tomyris ist gleichsam als ‚barbarischere‘ Version der Artemisia gedeutet worden (Montañés Gómez 2014).11 Die Unterscheidung zwischen mythischen und historischen Figuren ist in der literarischen Überlieferung nicht entscheidend. Violaine Sebillotte Cuchet betont, dass die Historizität der kriegerischen karischen Königinnen mit ihrer Stilisierung nicht im Widerspruch steht – zumal die Authentizität der Berichte über die politisch-militärischen Erfolge der beiden Artemisiai (und der Schwester der jüngeren Artemisia, Ada) bereits in den antiken Quellen angezweifelt worden sind, „according to a logic of gender which would see – and still sometimes sees – women primarily as the producers of children, rather than as individuals capable of assuming different functions, which is what they were (and are) in reality“.12 Sebillotte Cuchet zeichnet eine Unterdrückung der Narrative nach, die von der Ungläubigkeit antiker Zeugen bis hin in die moderne Forschung reicht – wenn beispielsweise die ältere Artemisia lediglich als narratives Symbol betrachtet wird, entweder zur Effeminierung des Xerxes oder zur Selbststilisierung des historischen Erzählers Herodot (241). Diese Erklärungen greifen zu kurz, wenn sie eine Historizität des Geschilderten a priori ausschließen. Die Erkenntnis, dass auch kriegerische Frauen eine anthropologische Konstante darstellen, hat sich lange nicht durchgesetzt. Bezeichnenderweise verdanken wir sie gerade in jüngerer Zeit der Archäologie, die durch ihre wissenschaftliche Neubewertung von Grabfunden immer wieder nachweist, dass auch nicht-männliche Menschen in herrscherund kriegerlicher Inszenierung beigesetzt wurden. Diesem Thema widmete sich etwa die Tagung „Big Men or Women? Neue interdisziplinäre Ansätze der Frauenforschung für die Eisenzeit Mitteleuropas“, die am 20. und 21. Mai 2016 in Berlin stattfand und deren Ergebnisse von den Organisatorinnen Christin Keller und Katja Winger bereits ein Jahr später publiziert wurden.13 Den Paradigmenwechsel in der Forschung fassen die Herausgeberinnen wie folgt zusammen: Denn obwohl bereits seit dem 19. Jahrhundert immer wieder äußerst reiche Gräber eisenzeitlicher Frauen entdeckt werden, befasste sich die Forschung kaum mit der Position und Funktion der Bestatteten im gesellschaftlichen Gefüge. Stattdessen wurden anthropologische Belege für eine weibliche Geschlechtszugehörigkeit ignoriert oder geleug11 Vgl. bereits Dewald 1981, 111: „Both of these queens, like other women we have noted, take pains to articulate the moral and political basis for their actions. Both see, as their Persian and male counterparts do not, that human power has its limitations; both predict defeat for the Persian if he oversteps these bounds.“ 12 Sebillotte Cuchet 2015, 244. 13 Keller/Winger 2017. Topisches Erzählen 47 net. Zu sehr war man darauf bedacht das für die Eisenzeit proklamierte Gesellschaftsbild beizubehalten und die jeweiligen Befunde daran gemessen zu interpretieren. Frei nach dem Motto: „Was nicht passt, wird passend gemacht.“ (Keller/Winger 2017a, 11) Aber auch im Blick auf die sogenannte ‚klassische‘, griechisch-römische Antike hat sich die Perspektive verändert. So wendet sich Beate Wagner-Hasel schon in den 1990er-Jahren ab von anthropologischen Theorien, die weibliche Herrscherinnen und matriarchale Strukturen immer und grundsätzlich als fiktives Gegenbild zu einer homogen patriarchalen Gesellschaft konstruiert wissen wollen und plädiert „für eine sozialhistorische Auswertung des Materials“.14 Es überrascht nicht, dass eine differenziertere Betrachtungsweise der historischen Realitäten zunächst in der Archäologie und der Alten Geschichte erfolgt. Die Literaturwissenschaften hinken ihren altertumswissenschaftlichen Schwesterdisziplinen hier etwas hinterher, sehen sie es doch häufig als ihre Aufgabe an, literarische Inszenierungen strikt getrennt von historischen Realitäten zu betrachten. Tatsächlich bilden literarische Texte eine sehr gefärbte Version der historischen Wirklichkeit ab. Das sagt jedoch nichts über den jeweiligen Fiktionalitätsgrad des Berichteten aus: Dass kriegerische Frauen topisch stilisiert werden, bedeutet nicht, dass es sie nicht gegeben hat. Stattdessen sagt die Art der Stilisierung viel über historische Wahrnehmung aus: Die Provokation einer männlich dominierten Gesellschaft, die Auflösung der geschlechtlichen Ordnung, Listigkeit statt Kraft und exzessive Emotionalität machen die kriegerische Frau zum ‚Anderen‘, Barbarischen, zum Gegenbild einer Zivilisation, in der die ‚normale‘ Frau in der Sphäre des oikos zuhause ist. Diese Vorstellungen finden sich bei griechischen und römischen Autoren durchaus – das eingangs genannte Zitat des homerischen Hektor belegt es früh –, wenn auch nicht in der Konsequenz, wie sie mancher Altertumswissenschaftler wohl gerne gehabt hätte. Denn one size fits allErklärungen werden der Heterogenität auch der antiken literarischen Texte nicht gerecht, wie dies beispielsweise Lysistrates Verkehrung von Hektors Diktum verdeutlicht. Das Bild der widerständigen Frau ist in der griechischen und römischen Literatur keineswegs eindimensional, und auch nicht ausschließlich negativ besetzt. Dennoch spielen in der Darstellung kriegerischer Frauen Traditionen des Framings eine Rolle, die in ganz verschiedenen Textsorten immer wieder bestimmte Topoi bedienen. Narrative Klischees bleiben an diesen Figuren haften, oft auch an den historischen, wie die fragmenthafte Überlieferung zu den beiden Artemisiai zeigt, die dieselben Motive in immer anderen Textsorten perpetuiert. Die Funktionsweise dieser Motivik in den jeweiligen Texten habe ich hier nicht behandelt; für Vitruv und seine ausgesprochen augusteische Perspektive auf die jüngere Artemisia hat dies, wie erwähnt, Patricia Eunji Kim getan (2022), und auch bei anderen prominenten antiken Frauenfiguren sind kontextsensitive Interpretationen versucht worden. So steht die Behandlung des Amazonenmythos je nach Autor in einem durchaus komplexen Zusammenhang mit dem Entstehungskontext des jeweiligen Textes, 14 Wagner-Hasel 1992, 330. 48 Katharina Wesselmann etwa mit dem athenischen politischen Selbstverständnis im 5. Jahrhundert v. Chr. (Wagner-Hasel 1986). Die individuelle Stilisierung in einer bestimmten Epoche oder einem bestimmten Text stellt gleichsam eine dritte Stufe dar: (1) Basierend auf einer möglichen historischen Realität – Adrienne Mayor liest die Amazonen im Kontext historischer nomadischer Völker (2014) – ergeben sich immer wieder (2) narrative Topoi (bei den Amazonen etwa Männerfeindlichkeit und Promiskuität), die dann (3) individuell in Beziehung zu den historischen Kontexten der jeweiligen Autoren gesetzt werden. Bei den Artemisiai haben wir es mit zwei historischen Figuren zu tun, deren Namensund Ortsgleichheit in Verbindung mit typischen Topoi kriegerischer Frauen zu einer Parallelisierung der Biographien in der Gesamtüberlieferung führt, die in den Einzeltexten wiederum unterschiedlich kontextualisiert wird, so dass zum Beispiel eine herodoteische ältere oder eine vitruvische jüngere Artemisia entstehen, die den Regeln ihrer jeweiligen epochen-, autoroder gattungsspezifischen Kontexte folgen. Diese Darstellungen bilden keine historische Wirklichkeit ab, haben aber die Interpretation von Texten (und materiellen Zeugnissen) wiederum zirkulär beeinflusst. Es gibt wenig eindeutige Belege für eine Verwechslung der beiden Artemisiai: Polyainos vermischt Anekdoten über sie in seinen Strategemata, und in der Suda wird Artemisia, die Frau des Mausolos, als ἐν τοῖς πολέμοις διαφανής bezeichnet, ‚hervorragend in den Kriegen‘, womit sehr wahrscheinlich die Perserkriege gemeint sind (1551 s.v. Πίγρης), in denen sich aber die ältere Artemisia ausgezeichnet hat, nicht die Frau des Mausolos.15 Auch in der Forschung werden die beiden Frauen selten verglichen16 – zu eindeutig sind sie über ihre familiären und politischen Beziehungen historisch situierbar, und damit zu klar separiert. Durch die Erkenntnis der Literarizität ihrer Biographien ergibt sich aber doch der Eindruck, dass die Motive von der einen Figur auf die andere übertragen worden sind. Warum ist die Schiffslist der jüngeren Artemisia nur bei Vitruv belegt und der Liebestod der älteren nur bei Ptolemaios Chennos? Wieso setzen sich in der Kunstgeschichte vor allem die prominenteren Eigenschaften der kriegerischen älteren und der liebenden 15 Sebillotte Cuchet 2015, 246 Anm. 40 geht davon aus, dass der Gemahl der älteren Artemisia ebenfalls Mausolos geheißen habe; ich halte eine Verwechslung analog zum Phänomen der Mythenkontaminierung für wahrscheinlicher. 16 Neben Carneys Untersuchung zur Rolle der Frauen in den karischen Dynastien, in der sie sich eher mit einer allgemeinen Familiendynamik befasst (2005), steht Stephen Ruzickas Versuch, die beiden Artemisiai (und die jüngere Schwester der zweiten Artemisia, Ada) über das Thema der adelphischen Ehe zu verbinden, über die jedoch bei der älteren Artemisia nur spekuliert werden kann: „In the next generation (that of Lygdamis’ daughter Artemisia and her husband), Lygdamis’ successor was presumably his son. If, as Herodotos says, Artemisia held the tyranny after her husband’s death, then we may infer that Artemisia’s husband was Lygdamis’ son and that Artemisia’s husband was her brother or half-brother“ (Ruzicka 2021, 163). Topisches Erzählen 49 jüngeren Artemisia durch? Es scheint, als seien die Details der Narrative teilweise kontaminiert worden, ohne jedoch bei beiden Figuren dieselbe Prominenz zu erlangen. Auch wenn man also von einer grundsätzlichen Historizität der beiden politisch und militärisch aktiven Frauen ausgeht, lässt sich feststellen, dass die Literarisierung dieser bereits in der Antike als ungewöhnlich markierten Figuren in ähnlicher Weise stattgefunden hat, wie sie auch für fiktionale oder mythische Kriegerinnen immer wieder funktioniert hat. 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Chr.: Polygamie als zusätzlicher Faktor der aktiven politischen Beteiligung von Frauen1 Aleksandra Soloveva Einleitung Die Erforschung der Stellung von Frauen in der Antike begann in vielerlei Hinsicht in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts an Popularität zu gewinnen, als das klassische Werk von Pomeroy (1975) über Frauen im antiken Griechenland erschien. Diese Popularität hat zur Entstehung einer beträchtlichen Anzahl wissenschaftlicher Arbeiten geführt, welche unterschiedliche Aspekte des Lebens von Frauen in der Antike betreffen. Aus offensichtlichen Gründen, wie zum Beispiel der Existenz einer langen Studientradition sowie einer großen Anzahl von Quellen, wurde zunächst den klassischen Bereichen der Antike viel Aufmerksamkeit gewidmet, nämlich der Geschichte der Frauen in Athen und Rom.2 Solche Gebiete der antiken Welt wie Thrakien und Makedonien blieben lange Zeit schlecht erforscht3 und Fragen zum Status der Frauen in diesen Regionen wurden weniger untersucht. Dies änderte sich erst zu Ende des 20. Jahrhunderts. Eine große Rolle spielen die Forschungen Elizabeth Carneys (2000; 2010, 409-427), welche sich mit der Stellung der Frauen in Makedonien vor allem in der spätklassischen und hellenistischen Zeit beschäftigen. Ihre Werke untersuchen sowohl die allgemeine Entwicklungsgeschichte der Lage der Frauen in Makedonien, als auch einzelne Aspekte des Lebens makedonischer Königsfrauen.4 Die Geschichte der Frauen in Thrakien ist we1 Dieser Vortrag ist während meines Dissertationsprojektes entstanden, das von der Friedrich-Naumann-Stiftung unterstützt wurde. 2 Als Beispiel sind hier nur einige wichtige Studien genannt. Zur allgemeinen Geschichte der Frauen im antiken Griechenland vgl. Cantarella 1987; Blundell 1995; Karakasi 2003. Ein großer Teil der Forschung widmet sich der Darstellung griechischer Frauen in griechischen Tragödien und Komödien, vgl. Rehm 1994; McClure 1999; Foley 2001. Zur Lage der Frauen in Rom vgl. Gardner 1986; Treggiari 1991; Hemelrijk 1999. 3 In der modernen Forschung gibt es einige Versuche, die Sozialgeschichte Thrakiens und Makedoniens zu vergleichen. Die Bedeutung dieses Ansatzes wird durch die Ähnlichkeit der historischen Bedingungen begründet, unter denen sich diese beiden Kulturen entwickelten, vgl. Archibald 1998, 240-260; 2001, 212-233; 2010, 326-342; Greenwalt 2015, 338-351. 4 Die Werke von Elizabeth Carney befassen sich primär mit der Analyse des gesellschaftlichen Status von Frauen in verschiedenen Phasen der makedonischen Geschichte. Dabei liegt ein besonderer Fokus auf der hellenistischen Epoche, vgl. Carney 1992, 169189; 1993, 313-323; 2006; 2010; 409-427; 2012, 304-316; 2016, 109-149. Anschlie- 58 Aleksandra Soloveva In den genannten Erzählungen Herodots fungieren Frauen als passives Beschreibungsobjekt und spielen keine wichtige Rolle.27 Vor diesem Hintergrund sticht eine Geschichte, die in den Historien enthalten ist, besonders hervor. Es geht darum, wie zwei Brüder aus Paionien kamen, um mit dem persischen König Dareios zu verhandeln. Um den Vormarsch der Perser zu verhindern, brachten sie ihre Schwester mit, in der Hoffnung, dass die Heirat die Perser am Vormarsch hindern könnte. Herodot berichtet, dass das Mädchen ein wunderschönes Kleid anzog und auf jede erdenkliche Weise versuchte, die Aufmerksamkeit des persischen Königs auf sich zu ziehen (Hdt. 5, 12-14). Aus der Beschreibung gewinnt man den Eindruck, dass das Mädchen persönlich an einer solchen Allianz interessiert war.28 Herkunft, Alter und Aussehen waren wichtige Elemente, die die Stellung von Frauen in der thrakischen Gesellschaft bestimmten. Wenn die ersten beiden Faktoren nicht verändert werden konnten, könnten Aussehen und Selbstdarstellung im Kontext der bestehenden Konkurrenz entscheidend gewesen sein. Schließlich stand für jede Frau ihre eigene soziale und finanzielle Stellung auf dem Spiel. In einer königlichen Ehe konnte eine Frau mit demselben sozialen, politischen und wirtschaftlichen Status rechnen wie ihr Ehemann. Xenophon erzählt die Geschichte über die Vertreter der griechischen Botschaft im Odrysenreich. Sie kamen zum thrakischen König, um einen Bund zu schließen, und überbrachten ihm und seiner Frau verschiedene Geschenke und Ehrungen (Xen. Anab. 7, 3, 16). Thukydides weist auf die wichtige gesellschaftspolitische Funktion des Geschenkaustauschs im Odrysischen Königreich hin. Gleichzeitig erwähnt der antike Historiker, dass nicht nur der König, sondern auch Mitglieder der königlichen Familie, darunter auch Ehefrauen, am Geschenkaustausch beteiligt waren (Thuc. 2, 97). Die makedonische Geschichte bietet ebenfalls markante Beispiele für die aktive politische Beteiligung von Frauen, die nicht nur als Figuren im Hintergrund, sondern oft auch als treibende Kräfte in politischen und dynastischen Auseinandersetzungen agierten. Besonders auffällig ist, dass diese Frauen in vielen Fällen eine maßgebliche Rolle in den Machtkämpfen am Hof spielten, was oft durch die Konkurrenz unter den verschiedenen königlichen Ehefrauen und deren Söhnen bedingt war. Diese Rivalitäten führten dazu, dass Frauen eine aktive, manchmal sogar militärische Rolle übernahmen, um den Einfluss und die Stellung ihrer Kinder zu sichern. Eines der frühesten uns bekannten Beispiele ist die makedonische Königin Eurydike.29 Im Jahr 394 v. Chr. wurde Amyntas III. König von Makedonien. Er hatte drei 27 Bichler / Rollinger 2000, 99-100. 28 Kotova 2013, 79-80. 29 Es gibt Hinweise bei Thukydides, die darauf hindeuten, dass sich auch früher schon Frauen an politischen Kämpfen in Thrakien beteiligt haben könnten. Thukydides erzählt eine Geschichte über Brauro, der Frau des edonischen Königs. Der antike Historiker beschreibt den Feldzug des spartanischen Feldherrn Brasidas gegen die edonische Stadt Myrkinos und berichtet, dass die Stadt nach der Ermordung des Edonerkönigs Pittakos von seiner Frau Brauro und den Söhnen von Goaxis erobert wurde, vgl. Thuc. 4, 107. Die Stellung der Frauen in Makedonien und Thrakien im 6.-4. Jh. v. Chr. 59 Söhne mit Eurydike: Alexander II., Perdikkas III. und Philip II. Außerdem hatte er noch drei weitere Söhne mit seiner anderen Frau Gygaia: Archelaos, Arrhidaios und Menelaos (Iust. 7, 4, 5). Auf die mögliche königliche Herkunft von Gygaia weist ihr Name hin, der nur unter Vertretern der Dynastie der Argeaden üblich war.30 Hatzopoulos vermutet, dass Gygaia die erste Frau Amyntas’ III. war (Hatzopoulos 1986, 282), während Greenwalt zu dem gegenteiligen Schluss kommt.31 Keiner der Söhne Gygaias wurde König und alle wurden von Philipp II. eliminiert, da sie eine Bedrohung für seine Macht darstellten.32 Carney schreibt, dass Eurydike ab einem bestimmten Zeitpunkt die dominierende Frau in der Regierungszeit Amyntas’ III. wurde. Der Grund dafür ist unbekannt und laut Carney könnte es am Alter, am Status oder an einer Kombination dieser Faktoren gelegen haben.33 Greenwalt führt ihre wichtige Rolle auf ihre Herkunft zurück, da Eurydike vermutlich die Tochter des Königs von Lynkestis war, mit dem Makedonien ein Bündnis eingehen wollte.34 Ein zusätzlicher Grund für diesen Aufstieg von Eurydike könnte politische Konkurrenz sowie ihre soziale und politische Abhängigkeit von der Stellung ihres Mannes und Sohnes sein, die sie zu aktiven Schritten drängte. Nach dem Tod von Amyntas III. wurde Alexander, der älteste Sohn von Amyntas und Eurydike, König von Makedonien. Er wurde jedoch vom Schwiegersohn von Welche Ziele die thrakische Königin mit der Ermordung ihres Mannes verfolgte, lässt sich nur erahnen. 30 Hatzopoulos 1986, 281; Greenwalt 1988, 43. 31 Greenwalt 1989, 26-28. 32 Vgl. Hammond / Griffith 1979, 699-701; Greenwalt 1989, 26, Carney 2000, 44. Versuche herauszufinden, welcher der Söhne von welcher Frau Amyntas’ das primäre Recht hatte, den Thron zu erben, scheinen nicht sehr erfolgreich zu sein. Hatzopoulos (1986, 281) begründete das überragende Erbrecht damit, dass nur vom König geborene Kinder und nicht der Regent oder Erbe Macht beanspruchen könnten. Diese Meinung basiert auf der Annahme, dass die Kinder von Amyntas von seiner ersten Frau geboren wurden, als er nicht der offizielle König von Makedonien war. Diese Annahme scheint aber nicht überzeugend zu sein. Erstens gibt es in Makedonien keine Beweise dafür, dass nur Kinder von einem „offiziellen“ König den Thron beanspruchen können. Zweitens, selbst wenn man davon ausgeht, dass die ersten drei Söhne von Gygaia, der ersten Frau, vor der offiziellen Thronbesteigung von Amyntas III. geboren wurden, und sie daher nicht das Recht hatten, den Thron zu beanspruchen, warum mussten sie dann später von Philipp II., dem Sohn von Amyntas und Eurydike, getötet werden? Darüber hinaus passt diese Theorie nicht zu den Informationen antiker Autoren, dass der älteste Sohn Alexander, der Sohn von Amyntas III. und Eurydike, war, vgl. Iust. 7, 4, 8; Diod. 16, 2, 4. Außerdem erbte er nach dem Tod Amyntas’ III. den Thron, was darauf hindeuten könnte, dass er tatsächlich der älteste Sohn war. Der Standpunkt, dass Amyntas III. in kurzer Zeit zwei Ehen eingehen konnte, ohne die Kinder der anderen Frau zu vernachlässigen, da es der Brauch der Polygamie erlaubte, erscheint logischer (Greenwalt 1989, 26; Carney 2000, 47). 33 Carney 2000, 43-44. 34 Greenwalt 1988, 41-44; 1989, 26-28. 60 Aleksandra Soloveva Amyntas III., Ptolemaios von Aloros, getötet, der später Eurydike heiratete und Regent für ihre Söhne wurde. Justin beschuldigte Eurydike, an Verschwörungen gegen ihren Mann und ihren Sohn beteiligt gewesen zu sein (Iust. 7, 4, 5; 7, 5, 4). Andere Autoren erwähnen die direkte Beteiligung Eurydikes an der Ermordung ihres Sohnes oder Mannes hingegen nicht,35 weswegen es nicht möglich ist, ihre genaue Einflussnahme festzustellen. In einigen Werken wird der Standpunkt geäußert, dass Justin die von den Kindern von Gygaia verbreitete Propaganda weitergab.36 Wichtig ist jedoch auch die Tatsache, dass Justin die aktive Beteiligung Eurydikes an politischen Angelegenheiten erwähnt. Ihre weiteren Handlungen, nämlich die Hochzeit mit Ptolemaios von Aloros, der der Regent ihrer Söhne wurde, zeugen von dem Wunsch, sich und ihren Kindern das Leben und den Thron zu sichern. Man kann nur vermuten, dass dies Eurydikes einzige Chance war, die Machtweitergabe an ihre Söhne zu sichern.37 In diesem Kontext erscheint es logisch, dass Eurydike gezwungen war, in einem Konkurrenzumfeld, das durch die Anwesenheit einer zweiten Frau verursacht wurde, für sich und ihre Kinder um die Macht zu kämpfen. Nach dem Tod von Amyntas III. und ihres Sohns Alexander bestand die Konkurrenz weiter, und Eurydike wurde wahrscheinlich gezwungen, Ptolemaios von Aloros zu heiraten, den Mann, der ihren Sohn tötete. Es scheint auch unwahrscheinlich, dass Eurydike eine andere Möglichkeit hatte, für sich und ihre Kinder Thron und Leben zu erhalten. In den meisten Fällen beteiligten sich Frauen im antiken Makedonien indirekt an politischen Angelegenheiten. Während sie deutlich seltener formale Machtpositionen innehatten als Männer, verfügten sie dennoch über alternative Mechanismen zur Einflussnahme auf das politische Geschehen. Ein zentrales Mittel hierfür war die Organisation strategischer Ehen, durch die Frauen dynastische Allianzen zwischen mächtigen Familien herstellten und somit die politische Landschaft maßgeblich beeinflussten. Darüber hinaus nutzten sie informelle Kommunikationswege, wie etwa den Austausch von Briefen oder die gezielte Verbreitung von Gerüchten, um ihre politischen Ansichten zu artikulieren und Netzwerke zu knüpfen.38 In Ausnahmefällen scheinen sich jedoch königliche Frauen, getrieben von starker Konkurrenz und politischen Ambitionen, in die militärischen Angelegenheiten Makedoniens eingemischt zu haben, einem Gebiet, das vollständig von Männern dominiert wurde. Kynane, Eurydike und Olympias sind drei makedonische Königsfrauen, von denen bekannt ist, dass sie in Zeiten militärischer Konflikte vor Armeen erschienen.39 Kynane, die Tochter Philipps II. und Audatas, einer illyrischen Prinzessin, übernahm einen Teil der illyrischen Bräuche, die ihr von ihrer Mutter weitergegeben wurden. Sie wurde nach illyrischem Brauch im Jagen, Kämpfen und Reiten ausgebildet. Bei der 35 Diod. 15, 71, 1; Plut. Pel. 26-27. 36 Mortensen 1992, 162-163; Greenwalt 1989, 28. 37 Mortensen 1992, 165-166; Müller 2016, 225. 38 Wiesner-Hanks 2012, 138. 39 Carney 1993, 315; Loman 2014, 45. Die Stellung der Frauen in Makedonien und Thrakien im 6.-4. Jh. v. Chr. 61 Entdeckung des sogenannten Grabes Philipps II. wurden neben den Überresten einer Frau Pfeilspitzen und ein Köcher entdeckt.40 Aufgrund der Ähnlichkeit dieser Grabbeigaben mit jenen aus einigen skythischen Frauenbestattungen vermutete Hammond, dass die Anwesenheit von einem Gorytos und Pfeilen darauf hindeuten könnte, dass eine weibliche Kriegerin – möglicherweise Meda, die thrakische Prinzessin und Frau Philipps II., oder eine andere, namentlich nicht überlieferte skythische Prinzessin – gemeinsam mit Philipp beigesetzt wurde.41 Es besteht jedoch ebenfalls die Meinung, dass diese Objekte Audata, der Mutter von Kynane, gehört haben könnten, die einer Gesellschaft angehörte, in der Frauen militärische Funktionen ausüben konnten.42 In jedem Fall scheint es, dass die makedonische Gesellschaft bereits während der Herrschaft Philipps II. das Interesse und die Beteiligung von einigen Frauen an militärischen Angelegenheiten tolerieren konnte. Polyainos erwähnt, dass Kynane mit ihrem Vater Philipp II. in Illyrien Feldzüge führte und die illyrische Königin im Kampf eigenhändig tötete (Polyain. Strat. 8, 60). Er berichtet auch, dass Kynane nach dem Tod Alexanders des Großen versprach, ihre Tochter mit Perdikkas, einem Nachfolger von Alexander dem Großen, zu verheiraten, später aber ihre Meinung zugunsten von Philip III. Arrhidaios änderte. Perdikkas war über diese Entscheidung verärgert und schickte seinen Bruder Alketas zu Kynane. Wie Polyainos erzählt, starb Kynane, die sich weigerte, einen einfachen, nicht-königlichen Lebensstil zu führen, furchtlos im Kampf (Polyain. Strat. 8, 60). Nach der Ermordung von Kynane kam es zu Unruhen in der Armee. Perdikkas konnte seine Armee nur mit Mühe beruhigen, indem er die Erlaubnis für die von Kynane geplante Hochzeit zwischen Philip III. Arrhidaios und Eurydike akzeptierte. Nach dem Tod von Kynane erlangte ihre Tochter Eurydike die Kontrolle über ihre Armee.43 Sie geriet in einen Kampf mit einer anderen mächtigen Frau, Olympias, der Mutter Alexanders des Großen. Antike Autoren berichten, dass Olympias, nachdem sie ein Bündnis mit Polyperchon geschlossen hatte, 317 v. Chr. mit einer Armee in Makedonien einmarschierte, um den Nachkommen ihres Sohnes Alexander die Macht zu sichern, was nicht den Interessen von Eurydike entsprach (Diod. 19, 11; Athen. 13, 5). Duris von Samos erzählt, dass dies der erste Krieg zwischen Frauen war, da an der Spitze der Truppen einerseits Olympias und andererseits Eurydike standen (Athen. 13, 560 f). Trotz der Versuche von Eurydike, die Makedonier zu überreden und zu bestechen, trat die Armee sofort auf die Seite von Olympias. Philip III. Arrhidaios und Eurydike wurden gefangen genommen.44 Das Eingreifen von Frauen in militärische Angelegenheiten im antiken Makedonien stellte eher eine seltene Ausnahme von der gängigen Praxis dar. Königliche Frauen 40 Andronikos 1984, 180-189; Kuzmin 2007, 298; Delides 2016, 234. 41 Hammond 1978, 335-336. 42 Green 1982, 140-141. 43 Loman 2004, 45. 44 Diod. 19, 11, 13; Iust. 14, 5, 8-10. 62 Aleksandra Soloveva nutzten häufiger indirekte Methoden des politischen Kampfes. In besonderen Krisensituationen, in denen herkömmliche Formen indirekter politischer Einflussnahme an Wirksamkeit verloren, sahen sich königliche Frauen, die um das Überleben ihrer selbst und ihrer Nachkommen kämpften, jedoch gezwungen, auf andere Maßnahmen des politischen Handelns, einschließlich militärischen Möglichkeiten, zurückzugreifen.45 Fazit Die polygamen Strukturen in Thrakien und Makedonien prägten nicht nur die dynastischen Machtverhältnisse, sondern wirkten sich tiefgreifend auf die politische und soziale Dynamik der Höfe aus. Während die klassische griechische Gesellschaft weitgehend monogam organisiert war, boten die mehrfachen Ehen der thrakischen und makedonischen Könige eine Grundlage für die Schaffung weitreichender politischer und militärischer Allianzen. Diese Ehen ermöglichten es den Königen, verschiedene Machtblöcke innerhalb und außerhalb ihrer Reiche miteinander zu verbinden. Gleichzeitig führte die Vielzahl an Ehefrauen zu einer hohen Anzahl an möglichen Thronanwärtern, wodurch Rivalitäten zwischen den königlichen Frauen unvermeidlich waren. Der Status einer Frau und ihrer Nachkommen hing direkt von der Position ihres Ehemanns und ihrer Kinder innerhalb der Thronfolge ab, was zu einem ständigen Konkurrenzkampf am Hofe führte. Diese Konkurrenz, gepaart mit der strukturellen Unsicherheit der Nachfolge, führte häufig dazu, dass Frauen aktiv in politische Intrigen und Verschwörungen verwickelt waren, um die Machtansprüche ihrer Söhne zu sichern. Intrigen, Heiratsverhandlungen und strategische Allianzen dienten dabei als die primären Mittel, durch die Frauen ihren politischen Einfluss geltend machten. In den meisten Fällen blieben diese Eingriffe in die Politik jedoch indirekt, da Frauen auf subtile Weise Macht ausübten und Netzwerke knüpften. In bestimmten historischen Kontexten überschritt dieser Einfluss jedoch die Grenzen des Hofes und betraf direkte militärische Angelegenheiten. In Zeiten politischer Instabilität und dynastischer Krisen, wie sie nach dem Tod eines Herrschers häufig auftraten, griffen Frauen gelegentlich zu extremeren Mitteln, einschließlich militärischer Gewalt, um ihre Position und die ihrer Nachkommen zu sichern. Die Beteiligung von Frauen an politischen und militärischen Entscheidungen in Makedonien und Thrakien zeigt somit, dass ihre Rolle weit über die eines passiven Objekts hinausging. Abhängig von der historischen Periode könnten sie aktive Akteurinnen in dynamischen politischen Systemen sein, die durch ständige Machtkämpfe und die Notwendigkeit der militärischen Absicherung der eigenen Position geprägt war. 45 Wie in der wissenschaftlichen Literatur hervorgehoben wird, spielte in diesem Prozess neben dem erzwungenen Machtkampf auch die Herkunft königlicher Frauen aus Gesellschaften, in denen Frauen größere Unabhängigkeit genossen, eine bedeutende Rolle, vgl. Carney 1993, 313-323; 2006, 8. Die Stellung der Frauen in Makedonien und Thrakien im 6.-4. Jh. v. Chr. 63 Literaturverzeichnis Andronikos 1984: Vergina Manolis Andronikos: The Royal Tombs and the Ancient City, Athens 1984. Angel 1975: John Lawrence Angel, Paleoecology, Paleodemography, and Health, in: Steven Polgar (Hrsg.), Population, Ecology and Social Evolution, Paris 1975, 167-191. Archibald 1998: Zosia Archibald, The Odrysian Kingdom of Thrace. Orpheus Unmasked, Oxford 1998. 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Erste Überlegungen auf Basis von Petitionen aus dem griechisch-römischen Ägypten1 Kerstin Droß-Krüpe Gewalt ist in der Antike ein facettenreiches und allgegenwärtiges Phänomen, dessen Untersuchung sich in den letzten 30 Jahren zu einem der produktivsten Forschungsgebiete der Altertumswissenschaften entwickelt hat.2 Abseits von literarischen Narrativierungen durch die antiken Autoren und bildlichen Gewaltdarstellungen tritt die alltägliche Gewalt in der antiken Welt dabei gerade in dokumentarischen Quellen ganz unmittelbar entgegen, die aber bislang in der antiken Gewaltforschung nur am Rande Beachtung fanden. Insbesondere die in der Regel in griechischer Sprache verfassten dokumentarischen Papyri aus der römischen Provinz Aegyptus erweisen sich für eine Untersuchung alltäglicher Gewalterfahrungen von Menschen unterschiedlicher sozialer Strata als äußerst ergiebig. Auch wenn durch diese Texte Einblicke in antiken Lebensrealitäten, konkret ökonomische, gesellschaftliche und rechtliche Gegebenheiten, des römischen Ägypten möglich werden, werden Papyri in der altertumswissenschaftlichen Forschung noch immer häufig als randständig betrachtet und nur zögerlich und punktuell herangezogen. Ausgelöst wird diese Zurückhaltung durch die persistente Behauptung, Ägypten stelle aus verschiedenen Gründen einen Sonderfall innerhalb des Imperium Romanum dar.3 Indem man sich auf diese Perspektive zurückzieht, macht man Ägypten mit der Vielzahl der von dort erhaltenen Quellen zu einem Forschungsfeld für eine kleine Gruppe von Spezialist*innen, deren Forschungsergebnissen dann auch gleichzeitig nur eine eingeschränkte, da lediglich lokale Relevanz für die Alte Geschichte in ihrer Gesamtheit zugesprochen wird.4 Die Idee des „Sonderfalls Ägyp1 Ich danke Justine Diemke und Tobias Mörtz herzlich für die Einladung zur Teilnahme an dem von ihnen veranstalteten Workshop ‚Krieger*innen im Altertum‘ in Hamburg, den Teilnehmer*innen fr die anregende Diskussion und den inspirierenden Austausch und der Universität Hamburg für die Zuerkennung einer Gastprofessur im Rahmen des Agathe-Lasch-Gastwissenschaftlerinnenprogramms der Universität Hamburg zur weiteren Arbeit an diesem Projekt. Für Hinweise und Anmerkungen danke ich Patrick Reinard (Trier) sowie Beate Wagner-Hasel (Hannover) und Brigitte Truschnegg (Innsbruck). Alle im Folgenden genannten Papyri und Ostraka sind nach den Konventionen der ‚Checklist of Editions of Greek, Latin, Demotic, and Coptic Papyri, Ostraca and Tablets‘ (http://papyri.info/docs/checklist#Papyri; letzter Zugriff: 4.9.2024) zitiert. 2 Stellvertretend für die Arbeiten jüngerer Zeit seien genannt: Seidensticker 2012, 79-90; Zimmermann 2013; Rieß 2020, 445-473 sowie die Beiträge in Kapellos (Hrsg.) 2019 oder in Diemke (Hrsg.) 2023. Vgl. auch Gilhaus 2017 [letzter Zugriff: 28.11.2023]. 3 So etwa Demandt 2018, 33. 4 So schon bei Gehrke/Schneider 2000, 9 (und allen folgenden Auflagen) und jüngst pointiert problematisiert von Sänger 2023, 98. 74 Kerstin Droß-Krüpe sich ersehen, dass die oben genannte Petition eigentlich einen Fall von innerfamiliärer Gewalt dokumentiert, da der hier zur Anzeige gebrachte Vorfall eine Vorgeschichte besessen hat. Die beiden Angreiferinnen haben ihr Opfer nämlich keinesfalls zufällig ausgewählt – vielmehr ist Demetrous die erste Frau des Tryphon gewesen. Dies geht aus einer anderen Petition des Tryphon hervor, die sich – durch die Nennung des Strategen – auf die Jahre zwischen 29 und 37 n. Chr. datieren lässt.26 In dieser beschuldigt Tryphon seine erste Frau Demetrous, die mit der Ehe unzufrieden gewesen und deshalb ausgezogen sei, des Diebstahls (ἡ δὲ ἀλλότρια φρονήσασα τῆς κοινῆς συμβιώ[σεως] κατὰ πέρ[α]ς ἐξῆ[λθε] καὶ ἀπηνέ γκαντο τὰ ἡμέτερα ὧν τὸ καθʼἓν ὑπόκειται; Z. 9-14). Diese Vorgeschichte spart Tryphon aber in der Petition aus dem Jahr 37 aus; er gibt nichts über seine vorherigen Beziehungen zu den Angreiferinnen – immerhin seiner Ex-Frau und seiner ehemaligen Schwiegermutter – preis. In den Fokus rückt Tryphon vielmehr die Details ihrer Gewalttat, v.a. die Schwangerschaft seiner Frau und deren vorzeitige Niederkunft, um die Schwere des Übergriffs zu betonen. Er behauptet sogar: μὴ ἔχουσαι [πρὸ]ς ἐμὲ μηδὲ πρὸς τὴν [σύ]μβιόν μου Σαραεῦτα (Z. 10-12) – weder mit ihm noch mit Saraeus hätten die angreifenden Frauen irgendwelche Angelegenheiten gehabt – mit anderen Worten, es habe keine Beziehung zwischen ihnen bestanden. Durch diese Lüge erscheint die Attacke willkürlich, die anklagende Seite wird zu einem völlig überraschend angegriffenen Opfer der beiden Frauen. Ein anderes Beispiel für innerfamiliäre Gewalt liegt uns auch aus dem späten 3. Jh. n. Chr. aus Karanis vor – hier ging der Angriff sogar gleich von sechs Täterinnen aus.27 Es handelt sich um fünf Cousinen und die Tante der Klägerin Aurelia Taesis, die ihre Petition selbst an den Benefiziarier (βενεφικιάριος) Aurelius Gordianus richten. Aurelia Taesis schildert die Vorgeschichte des Übergriffs vergleichsweise ausführlich: Sie ist Waise und bei ihrem Onkel mütterlicherseits, Ammonios, aufgewachsen. Nun ist sie volljährig und fordert von ihrem Onkel väterlicherseits, Chairemon, ihr väterliches Erbe zurück, das dieser sich widerrechtlich angeeignet hatte. Zweimal hat sie bereits deswegen ein Verfahren angestrengt und jeweils Recht bekommen, ihr Onkel hat dennoch die Güter nicht zurückgegeben. Stattdessen sind ihre fünf Cousinen und ihre Tante über sie hergefallen, haben sie geschlagen, ihre Kleidung zerrissen, ihr die Haare ausgerissen und sie zu Boden geworfen (με πλ[ηγα]ῖς αἰκίσαντες τῶν τριχῶν περι[....] τες καὶ τὴν [ἐσ]θῆτα διαρρήξαντες χαμαιριφῆ ἀφῆκαν; Z. 24-26) – und das alles in Anwesenheit zweier Beamter, die die Frauen schließlich trennten. In diesem innerfamiliären 26 P.Oxy. 2/282 = Chr.Mitt. 117. 27 P.Cair.Isid. 63 = SB 6/9185 (mit BL X 32); vgl. Bryen 2013, 102-104 und 182-192. Auf Grund anderer Dokumente sind wir nicht nur in der Lage den Stammbaum der Taesis zu rekonstruieren, es lässt sich auch erkennen, dass sie bereits mehrfach rechtliche Konflikte mit Familienmitgliedern ausgetragen hat, darunter gegen ihre Stiefmutter. Auch erbrechtliche Regelungen, genauer die Teilung des Erbes, lassen sich hier greifen – insgesamt erscheint Taesis also als streitbare Person, die auch vielfach Grund dazu hatte, ihre Rechte gerichtlich durchzusetzen, da sie von ihrer Familie übervorteilt und betrogen wurde. Frauen als Gewalttäterinnen? 75 Konflikt, der sechs gegen eine ausgetragen wird, geht es klar um ökonomische Belange – die hier zur Anwendung kommende Gewalt durch die sechs Frauen soll die wirtschaftliche Lage ihrer Familie sichern und deren Besitz gegen die – durchaus berechtigten – Ansprüche der unglücklichen Aurelia Taesis verteidigen. Diese Petition zeigt deutlich, dass Gewalt sowohl innerhalb der gut vernetzten dörflichen Gemeinschaft als auch innerhalb von Familien stattfand und dass dabei Frauen nicht nur als Gewaltopfer, sondern auch als Gewaltausübende beteiligt waren. Dass die Petition der Aurelia Taesis dabei ausführlicher auf die Geschehnisse eingeht und dieses dabei in einen größeren Kontext einordnet, spiegelt eine allgemeine Entwicklung in den Petitionen des 3. Jh.s n. Chr. wider. Die unterstellten Taten werden in dieser Zeit detaillierter geschildert und damit die Ruchlosigkeit der Beschuldigten besonders herausgehoben. Diese Entwicklung lässt sich auch an SB 6/9421 aufzeigen, einer Petition aus Oxyrhynchos, die aus paläographischen Gründen ebenfalls ins 3. Jh. zu datieren ist und in der eine Frau namens Didyme beschuldigt wird. Aurelios, auch genannt Aphynchis, beschuldigt sie am Abend in sein Haus eingedrungen zu sein und ihn und die Seinen verprügelt und wüst beschimpft zu haben. Aurelios betont, die ihm angetane Gewalt sei sowohl sagbar als auch unsagbar (ἐξύβρισεν ἡμᾶς ῥητοῖς τε καὶ ἀρρήτοις; Z. 10-11) und die Angreiferin eine völlig schamlose Frau (γυνὴ ἀναιδείᾳ μεγίστῃ καὶ θράσει κεχορηγημένη; Z. 12-13). Auch den Übergriff selbst schildert er ausführlich – er habe versucht, sie zurückzuhalten, sie sei aber hitzig und verrückt und habe ihn niedergeschlagen. Die Betonung, dass die Gewalt von einer ruchlosen, verdorbenen Person ausgegangen sei, ist ein typisches Charakteristikum der Petitionen aus dem 3. und 4. Jh. n. Chr. Die Art und Weise, wie über die erlittene Gewalt im Rahmen einer Anzeige berichtet wird, verändert sich somit über die Zeit – von einem eher knappen Abriss des Tatbestandes hin zu einem stärker ausgeschmückten Narrativ der Gewalt. Exkurs: Ägypten als Hort der Gewalt? Ägypten wird in den antiken literarischen Texten häufig nicht nur als Ort von Andersartigkeit, sondern gerade bei den lateinischen Autoren auch als besonders gewaltbehaftete Region thematisiert. Man denke etwa an die Ausführungen des Tacitus, der Ägypten eine „durch Aberglauben und Zuchtlosigkeit innerlich zerrissene und unzuverlässige Provinz, die nichts von Gesetzen, nichts von Beamten wissen wollte“28 nennt. Auch in Juvenals Satiren ist im Besonderen von Feindschaft und Hass in der Region zu lesen.29 Im Konflikt zweier Dörfer in der Nähe von Koptos, Ombi und Tentura, deren Bevölkerung als äußerst gewaltbereit und raufwütig beschrieben wird30, sei es sogar, 28 Tac. hist. 1,11,1. 29 Sat. 15,33-38. 30 Sat. 15,53-54. 76 Kerstin Droß-Krüpe angepeitscht von einer grausamen, blutdürstigen Menge, zu Kannibalismus gekommen.31 Ausgehend von dieser Episode entwirft der Sprecher der Satire nun eine Definition dessen, was überhaupt Menschlichkeit ausmacht – mit dem offensichtlichen Ziel, die brutalen ägyptischen Kannibalen aus dieser Definition auszuschließen. Der geschilderte Fall wird durch die Nennung des Suffektkonsuls präzise auf das Jahr 127 n. Chr. datiert und spielt damit nur wenige Jahre nach der Veröffentlichung von Tacitus’ Historien. Ob wir es hier mit einem verbreiteten literarischen Topos des frühen 2. Jh. n. Chr. zu tun haben und ob in anderen Provinzen des Imperium Romanum nicht vielleicht ähnlich häufig iniuriae anzeigt wurden, ist auf Grund der Überlieferungslage schlicht nicht zu entscheiden. Resümee „Crime itself is a highly problematic area in the papyri“ – stellte Roger S. Bagnall bereits 1989 fest.32 Und in der Tat – trotz der großen Fülle an Einzelschicksalen, die in all ihrer Unmittelbarkeit und Direktheit in den Petitionen des römischen Ägypten begegnen, werden durch diese Texte nur eingeschränkte Eindrücke von real erlebter Gewalt möglich.33 In den Petitionen wird eine bestimmte Gewalttat stets aus einer subjektiven Perspektive der (vermeintlichen) Opfer beschrieben, die Natur der Dokumente ist dementsprechend immer anklagend, beschuldigend und übermäßig dramatisierend. Greifbar wird immer nur die Perspektive der anklagenden Partei, der es um Schadensersatz geht und die ihren Tatvorwurf unter Verwendung stereotyper Phrasen verschriftlicht – zunächst sehr knapp, ab dem 3. Jh. n. Chr. dann deutlich ausgeschmückter und eindringlicher. Die in den Petitionen sichtbar werdenden Fälle von Gewalt sind eben kein exaktes Spiegelbild für die real existierende Gewalt in dieser Region oder die absolute Art und Häufigkeit begangener Verbrechen, sondern bieten ein in der Tendenz zwar sicher richtiges, aber eben auch verzerrtes Bild.34 Dennoch wird man aber behaupten dürfen, dass Gewalt – besonders aus wirtschaftlichen Gründen – im kaiserzeitlichen Ägypten weit verbreitet und im alltäglichen Leben der Bevölkerung häufig erfahrbar war. Die Quellen zeigen deutlich, dass Gewalt dabei auch von Frauen ausgehen konnte, die sowohl einzeln als auch in Gruppen agierten und denen v.a. Körperverletzung und Beleidigungen zur Last gelegt werden. Die in diesen Dokumenten unterstellten und damit in der damaligen Welt vorstellbaren Gewalthandlungen sind nicht geschlechtlich gebunden; Frauen kommen nicht nur als Opfer von Gewalt, sondern auch als Gewaltausübende vor. So legt der Befund nahe, dass für Frauen im römischen Ägypten grundsätzlich eine ähnliche Gewaltbereitschaft und Gewalttätigkeit vorauszusetzen ist, wie für die Männer, auch wenn dennoch Männer häufiger als Frauen ver31 Sat. 15,75-83. 32 Bagnall 1989, 203. 33 Zur Bedeutung solcher Mikroperspektiven oder Nahsichten s. a. Zimmermann 2013, 14. 34 Vgl. Kelly 2011, 9. Frauen als Gewalttäterinnen? 77 schiedener Gewalttaten beschuldigt wurden. Gelegentlich lässt sich dabei zeigen, dass die Gewalt der Frauen sich in familiären Kontexten abspielte und eine längere Vorgeschichte besaß, meist gibt es aber keine Anhaltspunkte, die das Binnenverhältnis zwischen den Beteiligten erhellen würden. Die hier vorgestellten Dokumente zeigen jedenfalls, dass Frauen in der antiken Welt nicht nur als Opfer von physischen Gewalthandlungen35, sondern eben auch als deren Täterinnen betrachtet werden müssen. Anhang Abb. 1: Chronologische Verteilung der Petitionen mit weiblichen Beschuldigten (Gesamtzahl der Petitionen basierend auf Kelly 2011). 35 Unter den jüngeren Arbeiten zur Gewalt gegen Frauen im Imperium Romanum sei hier nur verwiesen auf Witzke 2016, 248-273. 020 40 60 80 100 120 140 160 180 201 –300 n. Chr. 101 –200 n.Chr. 30 v.–100 n.Chr. Petitionen mit Täterinnen Gesamtzahl Petitionen 78 Kerstin Droß-Krüpe Text Datierung Ort Täterin Tat SB 18/13087 4 v.Chr. Arsinoites Mittäterin des Ehemannes und Sohnes Körperverletzung stahl mit DiebP.Sijp. 14 22 (11. Sept.) Philadelphia (?) (Arsinoites) Mittäterin (2 Frauen) Körperverletzung mit Sachbeschädigung Diebstahl und P.Ryl. 2/136 (mit BL XI 189) 34 (4. Mai) Euhemeria (Arsinoites) Mittäterin des Ehemannes Diebstahl mit darauf Körperverletzung folgender SB 10/10239 = P.Oxy. 2/315 descr. (mit BL VIII 357; XII 202) 37 (25. Juni - 24. Juli) Oxyrhynchos Mittäterin (2 Frauen) Körperverletzung P.Lond. 3/1218 39 Euhemeria (Arsinoites) Einzeltäterin Körperverletzung? P.Ryl. 2/151 (mit BL XI 189) 40 (17. Okt.) Euhemeria (Arsinoites) Einzeltäterin Diebstahl in Tateinheit mit Körperverletzung SB 10/10244 (mit BL XII, S. 203) 50 (7. Nov.) Oxyrhynchos Mittäterin in einer Gruppe unbek. sammensetzung ZuKörperverletzung P.Ryl. 2/124 (mit BL XI 189; XII 168) 1. Jh. Euhemeria (Arsinoites) Mittäterin in einer Gruppe aus & 2 Männern 2 Frauen Körperverletzung SB 12/11018 1./2. Jh. Oxyrhynchos Einzeltäterin Beleidigung mit Anstiftung zur Körperverletzung BGU 1/22 114 (1. Apr.) Bakchias (Arsinoites) Einzeltäterin Sachbeschädigung stahl mit DiebP.Hamb. 4/240 119 oder 120 ? Mittäterin (2 Frauen) Beleidigung zung und KörperverletP.Sijp. 16 155 (6. Dez.) Narmuthis (Arsinoites) Einzeltäterin Körperverletzung mit Diebstahl in Tateinheit P.Oxy. 2/237 186 Oxyrhynchos Einzeltäterin nicht spezifizierte Gewalt innerhalb der Familie P.Cair.Isid. 63 SB 6/9185 (mit BL X 32) = 297 (> 20. Nov.) Karanis (Arsinoites) Mittäterin (6 Frauen) Körperverletzung in Tateinheit mit Sachbeschädigung innerhalb der Familie SB 6/9421 3. Jh. Oxyrhynchos Einzeltäterin Körperverletzung mit Beleidigung in Tateinheit Frauen als Gewalttäterinnen? 79 Text Datierung Ort Täterin Tat P.Herm. 20 4. Jh. ? Mittäterin in einer Gruppe aus 3 Männern und 1 Frau Körperverletzung P.Lond. 3/983, S. 229 + P.Flor. 3/309 4. Jh. Hermopolites Einzeltäterin Beleidigung und indifferente Gewalt Tabelle 1: Petitionen aus dem römischen Ägypten mit Frauen als Beschuldigte von Taten physischer Gewalt. Bibliographie Anagnostou-Cañas 1991: Barbara Anagnostou-Cañas, Juge et sentence dans l’Égypte romaine. Rechtsphilosophische und rechtshistorische Studien 6, Paris 1991. Bagnall 1989: Roger S. 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Ohne Skelettreste oder anthropologische Untersuchungen bleibt es unklar, ob es eine Frau oder ein Mann war, der/die mit reichen Waffenbeigaben ausgestattet war. Zwar zeigt sich bei den vorhandenen anthropologisch bestimmten Gräbern, dass Waffen meist mit männlichen Bestattungen vorkommen, aber eben nicht ausschließlich. In der Forschungsgeschichte neigen Autor*innen häufig dazu, die wenigen Frauenbestattungen mit Waffen anders als Gewaltausübende zu interpretieren oder zu ignorieren. Es existieren zwar wenige Beispiele für Schwertbeigaben im Grabkontext einer weiblichen Bestattung, dagegen ist der Dolch häufig anzutreffen. Es gibt aber noch einen zweiten Aspekt der Gewaltausübung durch Frauen, der sich nicht unmittelbar an der Waffenbeigabe festmachen lässt. Aus der Bronzezeit Nordund Mitteleuropas kennen wir vielfach reiche und gut erhaltene Frauenbestattungen. So auch aus den Grabhügeln der älteren Bronzezeit im Norden. Auch wenn die direkte Ausübung von physischer Gewalt nur schwer zu belegen ist, können weibliche Machtpositionen in der Bronzeund Eisenzeit nicht abgestritten werden. Dieser Aspekt wird in der Forschung bisher viel zu selten aufgegriffen. Im folgenden Artikel möchten wir uns daher nicht nur der Suche nach der Kämpfenden verschreiben, sondern auch der Darstellung von „Positionen der Macht“, die die Frauen der Bronzeund frühen Eisenzeit innehatten. Für den vorliegenden Artikel wurden verschiedene Fallbeispiele herangezogen. Dabei ist das Thema „Kriegerinnen“ nur in der allerjüngsten Forschungsliteratur anzutreffen. Die Ergebnisse dieser Studien sollen hier zusammenfassend dargestellt werden, jedoch ist den Autorinnen dieses Artikels bewusst, dass sie lediglich Einzelstudien umfassen und weitere Forschungen zu diesem Thema dringend notwendig sind. Für die nordische Bronzezeit, mit ihren aufwendigen Grabhügeln und reichen Beigaben, werden bislang nur die „Krieger“ in den Vordergrund gerückt, doch was bedeuten die reichen Frauenbestattungen, wieso erhalten sie ähnlich aufwendige Grabbauten und welche Position hatten sie inne? Auch wenn der Anteil von reichen Frauenbestattungen in Dänemark nur ein Sechstel beträgt, scheint der Anteil jener mit einer Dolchbeigabe vergleichsweise hoch. Welche Rolle hatten diese Frauen inne? Ein weiteres Fallbeispiel sind die eisenzeitlichen Gesichtsurnen Nordpolens, die umfangreiche Untersuchungen zum sozialen Kontext erlauben. So finden sich regelmäßig 90 Jutta Kneisel und Stefanie Schaefer-Di Maida Frauengräber hin, deren sozialer Status über dem der durchschnittlichen Gräber liegt. Die Waffenbeigaben als Fragment oder umgewidmet als Armband unterstreichen diesen besonderen Status, der sonst mehrheitlich mit Männern in Verbindung gebracht wird. Aus dem gut untersuchten Gräberfeld von Jelšovce, das ebenfalls in die Frühbronzezeit datiert (ca. 2100-1500 v. Chr.), sind elf Dolchbeigaben belegt, davon werden sieben anthropologisch als Männer und zwei als Frauen bestimmt. Von den geschlechtlich Unbestimmten gehört eine Beigabe zu einem Kind, eine zu einem maturen Individuum.42 Nimmt man die neun sicher bestimmten Gräber, gehören 22 % der Dolchgräber zu weiblichen Bestattungen. Interessant ist die Tatsache, dass die Dolchbeigaben von den Altersklassen her mit zwei Ausnahmen (Infans III, senil) vor allem bei maturen Individuen auftreten. Eine Fallstudie zur Bronzezeit in Oberbayern belegt ebenfalls die Beigabe von Dolchen in Frauengräbern.43 Der Autor nennt vier weibliche Bestattungen mit Dolchen, jedoch liegt nur eine anthropologische Bestimmung vor, die Zuordnung der anderen Bestatteten erfolgt über Schmuck.44 Von 33 Dolchfunden aus Gräbern ist nur ein Individuum sicher als männlich bestimmt,45 bei vier Frauengräbern wäre dies ein Anteil von 12 % an Bestattungen mit Dolchen. Für das südliche Bayern kann Ken Massy ebenfalls die Dolchbeigabe in Frauengräbern nachweisen, sie waren Teil der gemeinsamen Ausstattung für Männer und Frauen.46 In der nordischen älteren Bronzezeit (Per. II-III, 1500-1100 v. Chr.) ist die Dolchbeigabe in Frauengräbern regelmäßig belegt. Auch hier liegen nur wenige anthropologische Untersuchungen vor. Doch konnte Louise Felding überzeugend ein Beigabenensemble für Frauen und Männer herausarbeiten.47 Von 270 Bestattungen, deren Inventar Louise Felding als weiblich bestimmt hat, enthalten 19,6 % eine Dolchbeigabe in der älteren Bronzezeit. Interessant ist die Abnahme der Beigabenhäufigkeit von Periode II (1500-1300 v. Chr.) zur Periode III (1300-1100 v. Chr.). Während in der Periode II die Häufigkeit bei 38,6% liegt, sinkt sie in der Periode III auf 9,7%, bei etwa gleicher Anzahl an Bestattungen. Diesen Rückgang vergleicht sie mit der Häufigkeit der Primärbestattung der Frauengräber, der über den gleichen Zeitraum von 33% auf 16% sinkt, und offensichtlich mit einem Wandel in der sozialen Rolle der Frauen einhergeht.48 Allerdings sind Primärbestattungen in der Periode III leicht rückläufig und Sekundärbestattungen nehmen stark zu.49 42 Bátora/Görsdorf 2000. 43 Falkenstein 2006/07. 44 Koschik 1981, 50 Anm. 160 Kat.-Nr. 180 C Hügel 7, Grab 2. 45 Koschik 1981, Kat.-Nr. 233 Grab 45. 46 Massy 2018, 266. 47 Felding 2020; Felding et al. 2020. 48 Felding 2020, 42 Tab. 3. 49 Kneisel et al. 2019, 1613 Abb. 4. Frauen der Macht in Nordeuropa 91 Gehören Dolche auch zum männlichen Ausstattungsmuster, ist das Schwert vor allem dem männlichen Ausstattungsmuster zuzurechnen. Louise Felding nennt nur zwei Ausnahmen. Das anthropologisch unbestimmte Grab von Vorgod, Ringkøbing Amt (Dänemark, Aner 1995) mit einem Schwert sowie Armund Halsring, die Felding eher dem weiblichen Ausstattungsmuster zuordnet.50 Die zweite Ausnahme ist das Grab von Ølby auf Seeland, Dänemark, das neben einer reichen Ausstattung auch eine abgebrochene Schwertklinge enthält. Die Bestattung im Eichensarg ist als erwachsene Frau bestimmt und enthält neben zahlreichen Bronzetutuli eines Schnurrockes auch einen Halskragen, Bernstein und eine Perle aus ägyptischem Glas.51 Die abgebrochene Schwertklinge wird generell eher als Dolchersatz denn als Schwert angesprochen. Sicher ist jedoch, dass wir nicht nur mit dem Grab von Ølby eine reiche soziale Schicht der Frauen fassen, deren Bestattung den Männern und sogenannten Waffengräbern (Schwert, Lanze, Axt) an Reichtum in nichts nachsteht, sondern die auch über weiträumige Verbindungen verfügt, wie der Bernstein und die Glasperle belegen.52 Aus der jüngeren Bronzeund frühen Eisenzeit stammt ein weiteres Beispiel aus Polen. Während Schwerter eher selten in Gräbern anzutreffen sind und mehrheitlich aus Horten und als Einzelfunde bekannt sind, treten Pfeilund Lanzenspitzen häufiger in Gräbern auf. Das mag zum einen eine praktische Erklärung haben, da diese klein genug sind, um in eine Urne zu passen, zum anderen sind es auch die gängigen Waffen für Angriffe auf befestigte Siedlungen, die gerade mit Beginn der frühen Eisenzeit deutlich zunehmen.53 Die Verknüpfung mit Brandhorizonten wie in Wicina oder Kamieniec zeugt davon, dass vor allem Pfeile, aber auch Lanzen als Angriffswaffen genutzt wurden.54 Widerhaken an den Pfeilspitzen deuten ebenfalls auf einen Einsatz im Kampf hin, da dadurch größere Verletzungen zugefügt werden. Marek Gedl legt über 1700 Pfeilspitzen der Bronzeund Eisenzeit für Gesamt-Polen vor.55 Von den knapp über 70 anthropologisch untersuchten Gräbern enthalten fünf Frauengräber Pfeilspitzen (Przeczyce Grab 540, 714; Mierczyce Grab 7; Zerniki Górne Grab 8; Kietrz Grab 1551), sowie eine Doppelbestattung Mann/Frau (RaciborowiceKolonia Grab 7) und eine Dreifachbestattung Mann/Frau/Kind aus Chojne, Grab 10.56 Dagegen stehen 54 anthropologisch bestimmte Männergräber bzw. vier weitere mit Doppelbestattungen Mann/Frau oder Kind. Ohne Doppelbestattungen (67 Gräber) liegt der Anteil von Frauen mit Pfeilspitzen bei 4,4 %. Die Altersverteilung (Abb. 1) zeigt einen Schwerpunkt im adulten und maturen Alter. Allerdings finden sich auch bei 50 Felding 2020, 41. 51 Müller-Karpe 1985; Reiter et al. 2019; Varberg et al. 2014. 52 Varberg et al. 2015; Serbe 2023; Kneisel im Druck. 53 Kneisel et al. 2024, 450-455 Abb. 3; 5; 7. 54 Gedl 1964-65; Bugaj 2014, 52. 55 Gedl 2014. 56 Gedl 2014, Kat.-Nr. 570, 703, 1039-41, 1049-50, 1219, 1242-48, 1486, 1691. 92 Jutta Kneisel und Stefanie Schaefer-Di Maida Kindern erstaunlich viele Pfeilspitzen. Einen Unterschied im Material der Pfeilspitzen lässt sich allerdings feststellen (Abb. 2). Während in den Männergräbern die Pfeilspitzen aus Knochen, Geweih, Flint oder Bronze bestehen, sind die Pfeilspitzen in den Frauengräbern nichtmetallischen Materials (Geweih, Knochen, Flint). Bei der geringen Anzahl belegter Exemplare kann dies allerdings Zufall sein. Nur in der Dreierbestattung aus Chojne fand sich eine bronzene Pfeilspitze. In der zweiten Urne des gleichen Grabs mit einer jugendlichen Bestattung lag eine weitere Pfeilspitze aus Bronze. Beide Stücke weisen einen Schaftdorn auf und sind vermutlich eher für den Kampf als die Jagd bestimmt.57 Abb. 1: Altersund Geschlechtsverteilung der Pfeilspitzenbeigabe in Gräbern in Polen (nach Gedl 2014). Abb. 2: Material der Pfeilspitzen in Bezug auf die Geschlechtsverteilung (nach Gedl 2014). 57 Gedl 2014, 73 Kat.-Nr. 570. 0 5 10 15 20 25 30 Männer Frauen Doppelbestattung Kind Flint Bronze Knochen/Geweih Frauen der Macht in Nordeuropa 93 Für eine Gleichstellung der Frauen mit Waffenbeigaben mit den männlichen Bestatteten spricht die Anzahl der Pfeilspitzen in den Gräbern. Die Frauengräber aus Raciborowice-Kolonia und Przeczyce enthalten zwischen zwei bis sieben Pfeilspitzen, was mit der üblichen Anzahl in Männergräbern übereinstimmt. Auch die Altersstruktur der Frauengräber mit Pfeilspitzen entspricht der der Männer, die in der Regel im adulten und maturen Alter sind.58 Ob diese Frauen aber ‚nur gejagt‘ haben oder auch an Konflikten beteiligt waren, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Der Pfeil ist jedoch eine Waffe, die die körperlichen Unterschiede zwischen den Geschlechtern im Kampf ausgleicht und durchaus als Angriffswaffe auch für die Frauen gedient haben kann. Katarina Streiffert Eikeland weist in ihrem Artikel auf eine mesopotamische Darstellung von Frauen mit Bogen hin.59 Auch in skythischen Kontexten kennen wir sowohl Darstellungen als auch Bestattungen von Frauen mit Bögen.60 Bei den Lanzenspitzen in Polen ist die Verteilung auf die beiden Geschlechter geringer als für die Pfeilspitzen. Marek Gedl legt nur zwei anthropologisch bestimmte Gräber vor, in denen Lanzenspitzen vorkommen. Eine davon ist eine Doppelbestattung eines Mannes, etwa 35 Jahre alt, und einer Frau, etwa 30 Jahre alt, die zweite ein Mann, etwa 25 Jahre alt.61 Beide Gräber stammen vom gleichen Gräberfeld Częstochowa-Raków. Hier liegen schlichtweg zu wenige Angaben vor, um eine eindeutige Aussage treffen zu können. Reiche und einflussreiche Frauen Die im vorangegangenen Abschnitt vorgestellten Beispiele zeigen, dass die Beigabe von Dolchen in der frühen mitteleuropäischen Bronzezeit bzw. älteren nordischen Bronzezeit in Frauengräbern nichts Ungewöhnliches ist. In der jüngeren Bronzezeit dagegen finden sich kaum noch Beispiele von Waffen und der Dolch wird oft durch das Messer ersetzt. Die Fallstudien zur jüngeren Bronzezeit sind allerdings sehr gering und es bedarf sicherlich noch zukünftiger Forschungen. In der jüngeren Phase der Bronzezeit dominieren Urnengräber. Eine Analyse der datierbaren Gräber nach Evert Baudou ermöglicht die Auswertung von 438 Bestattungen aus Dänemark und Schleswig-Holstein.62 Für Schleswig-Holstein konnte anhand von anthropologisch bestimmten Leichenbränden nachgewiesen werden, dass bestimmte Beigaben bzw. Beigabenkombinationen geschlechtsspezifisch sind. Dazu gehören Pinzetten und Rasiermesser, die eher dem männlichen Ausstattungsmuster angehören,63 58 Kneisel 2012, 338; Terberger et al. 2014, 105. 59 Streiffert Eikeland 2023, 152-152 Abb. 3. 60 Hasanov 2018; Hellmuth 2010. 61 Gedl 2009, Kat.-Nr. 398-399. 62 Baudou 1960. 63 Nur ein kleiner Prozentsatz ist mit Frauenschmuck vergesellschaftet, das zeigen auch Befunde aus Skandinavien und Schleswig-Holstein: Schmidt 1993; Thedéen 2003, doch sind sie mehrheitlich erwachsenen Männern beigegeben. 94 Jutta Kneisel und Stefanie Schaefer-Di Maida sowie Armringe, Halsschmuck, Plattenfibeln, die eher dem weiblichen Ausstattungsmuster angehören.64 Vier Beigabengruppen, die vor allem funktional unterschieden werden, wurden gebildet (Schmuck, Waffen, Werkzeuge, Toilettebesteck). Nadeln und Knöpfe sowie Pfrieme sind als geschlechtsneutral ausgeklammert. In der Auswertung der Kombinationen in den Gräbern zeigt sich eine kleine Gruppe von gemischten Inventaren, die sowohl Waffen als auch Elemente des weiblichen Ausstattungsmusters enthalten. Die Prozentzahlen mit 0,7 % sind jedoch wesentlich geringer als in der älteren Bronzezeit (Abb. 3). Die Gräber der jüngeren Bronzezeit sind nur eine Befundgruppe des reichen Fundspektrums Südskandinaviens. Es lohnt sich daher auch, einen Blick auf die Hortfunde zu werfen. Für die Analyse standen 250 Deponierungen zur Verfügung, die Evert Baudou als chronologisch aussagekräftig vorgelegt hat.65 Die Aufteilung in die Artefaktgruppen entspricht jener aus den Gräbern: Nadeln, Pfrieme und Knöpfe werden als neutral bezeichnet und lassen sich nicht eindeutig einem Geschlecht zuordnen. Betrachtet man die Zusammensetzung der Hortfunde, fällt die Dominanz von Schmuck auf (Abb. 4-5). 50 % der Hortfunde der jüngeren Bronzezeit enthalten nur Schmuck, gefolgt von 12 % reinen Waffenund 9 % reinen Werkzeugdeponierungen. Der Schmuck besteht oft aus massiven Armund Beinringen, Halsschmuck sowie Gürteldosen und ist allein hinsichtlich des Volumens umfangreich. Schmuckbestandteile kommen in 72 % aller Horte vor. Waffen finden sich dagegen nur in 26% aller Deponierungen und sind damit wesentlich seltener vertreten. Werkzeuge treten in 28% der Horte auf, sind aber nicht unbedingt geschlechtsspezifisch zu deuten.66 Die Dominanz des weiblichen Anteils an der Hortzusammensetzung und wahrscheinlich auch an dem eigentlichen Akt der Niederlegung ist in der jüngeren Bronzezeit demnach überproportional hoch. Der Schmuck in den Horten zeigt eine ähnlich reiche Zusammensetzung wie in den Gräbern der älteren Bronzezeit. D. h. in beiden Zeitabschnitten fassen wir reiche Besitztümer der Frauen, entweder im Grab oder in den Deponierungen. 64 Kneisel 2018, 194 Abb. 11b. 65 Baudou 1960. 66 Felding 2020, 242. Frauen der Macht in Nordeuropa 95 Beigabenkombination Anzahl % Waffen - Werkzeug - Toilettebesteck 1 0.2 Waffen - Werkzeug - Toilettebesteck - Schmuck 1 0.2 Waffen - Schmuck 3 0.7 Toilettebesteck - Schmuck 3 0.7 Waffen - Werkzeug 5 1.1 Werkzeug - Schmuck 5 1.1 Waffen 17 3.9 Schmuck 17 3.9 Werkzeug - Toilettebesteck 21 4.8 Werkzeug 22 5.0 Waffen - Toilettebesteck 93 21.2 Toilettebesteck 152 34.7 Abb. 3: Verteilung der Beigabenkombination in geschlossenen Gräbern der jüngeren Bronzezeit, Per. IV-VI (nach Baudou 1960). Abb. 4: Die prozentuale Verteilung der Hortfundkategorien ohne die Kombinationen, die nur einmal vorkommen (nach Baudou 1960). 120; 50% 29; 12% 21; 9% 17; 7% 12; 5% 11; 5% 7; 3% 7; 3% 5; 2% 4; 2% 3; 1% 2; 1% Schmuck (120) Waffen (29) Werkzeug (21) Werkzeug Schmuck (17) Schmuck Neutral (12) Waffen Werkzeug Schmuck (11) Waffen Werkzeug (7) Werkzeug Schmuck Neutral (7) Waffen Werkzeug Schmuck Neutral (5) Waffen Schmuck (4) Waffen Neutral (3) Waffen Schmuck Neutral (2) 96 Jutta Kneisel und Stefanie Schaefer-Di Maida Abb. 5: Anzahl der Hortfunde mit unterschiedlichen Kombinationen der Artefaktgruppen (nach Baudou 1960). Es wäre irreführend davon auszugehen, dass nur Männer für die Deponierung der Funde, sei es im Grab oder im Depot, verantwortlich sind, bzw. die Schmuckobjekte gleichfalls ihren Besitz darstellen. Am Beispiel fremden Trachtschmucks lässt sich dies klären. Der gerne unter dem Begriff „Fremde Frau“ sublimierte Heiratstausch67 bezieht sich auf fremde Tracht oder Ausstattungselemente, die regional fremd sind, also folglich mit der Frau oder im Besitz der Frau in die Fremde gelangten. Das bedeutet, dass der Schmuck nicht aus dem Besitz des regional ansässigen ‚Bräutigams‘ oder seiner Familie stammt, also Eigentum der Frau ist. Die bereits oben erwähnte Frau von Ølby, Dänemark, ist im Besitz einer blauen Glasperle, wie wir sie auch aus anderen Frauengräbern im Norden kennen68 und deren Rohmaterial womöglich aus Ägypten und Mesopotamien stammt.69 Studien zum Mädchen aus Egtved, Dänemark zeigen, dass dieses mehrfach weite Strecken zurückgelegt hat,70 was nicht unbedingt für eine Heiratsallianz spricht. Dies steht im Gegensatz zur Frau von Skrydstrup, bei der nur einmal eine weite Reise nachgewiesen werden konnte.71 Frauengräber aus Schiffssetzungen belegen aller Wahrscheinlichkeit nach die Beteiligung am Handel und an Seereisen, wie Katarina Streiffert Eikeland schlüssig argumentiert (Streiffert Eikeland 2023). 67 Jockenhövel 1995. 68 Varberg et al. 2014. 69 Varberg et al. 2015. 70 Frei et al. 2015. 71 Frei et al. 2017. 020 40 60 80 100 120 140 Schmuck Waffen Werkzeug Werkzeug Schmuck Schmuck Neutral Waffen Werkzeug Schmuck Waffen Werkzeug Werkzeug Schmuck Neutral Waffen Werkzeug Schmuck Neutral Waffen Schmuck Waffen Neutral Waffen Schmuck Neutral Waffen Toilettegerät Schmuck Waffen Werkzeug Toilette Schmuck Neutral Waffen Werkzeug Neutral Waffen Toilettegerät Neutral Toilette Schmuck Neutral Neutral sonstige Anzahl Frauen der Macht in Nordeuropa 97 Auch im Kontext der Gesichtsund Hausurnen, die während der frühen Eisenzeit weit im Baltikum verstreut vorkommen und deren anthropologisch bestimmter Anteil an Frauen jenem der Männer gleicht, ist von einer gleichwertigen Beteiligung der Frauen am Handel und Austausch in der jüngeren Bronzezeit auszugehen.72 Noch liegen nur Einzelstudien zur Mobilität der Frauen vor, die sich auf Strontium-Isotopenanalysen stützen.73 Das Bild zeigt aber, dass wir es sehr wohl mit mobilen Frauen zu tun haben. Das mögen zum Teil Heiratsverbindungen sein, aber warum nicht auch Gesandtschaften, Botschafterinnen oder Handelstreibende, wie dies für das Tollensetal jüngst angenommen wird,74 oder schlichtweg Wissensvermittlerinnen? Ihnen zur Seite stehen die reich ausgestatteten ‚einheimischen‘ Frauen. Louise Felding stellt für die nordische Bronzezeit 576 sicher bestimmbare einzelne Frauengräber den 2690 Männerund 23 Kinderbestattungen gegenüber, weitere 80 Gräber enthalten Doppelbestattungen Frau/Mann, drei weitere Mehrfachbestattungen mit Kind.75 Das heißt, der Frauenanteil an den Bestattungen beträgt 17 %, jener der Männer 80 % auf der Grundlage geschlechtsspezifischer Beigaben. Die geringe Zahl der Doppelbestattungen spricht dafür, dass die Einzelbestattungen von Männern und Frauen auch eine gleiche gesellschaftliche Position beinhalten, die vielleicht funktional unterschiedlich sein kann, aber nicht muss. Vom Status her sind sie gleichgestellt. Allerdings muss ebenfalls bedacht werden, dass eine ‚Kriegerin‘ in dieser Art von Analyse, die nur auf Beigabenkombinationen beruht, als männlich bestimmt würde. Es bleibt festzuhalten, dass bei einer eingehenden Untersuchung der Beigaben in den Gräbern, Hortkategorien, aber auch bei Felsbildern76 oder Isotopenanalysen77 Frauen erkennbar werden, die eine hohe soziale Position, Macht und Einfluss hatten. Sie sind nicht so häufig wie Männer in den Gräbern und selten direkt am martialischen Aspekt der Gewaltausübung beteiligt, dominieren aber die Deponierungen. Diese nur als Referenz des männlichen Aspekts zu bezeichnen78 und ihnen keine eigene Machtausübung zuzugestehen ist kurzsichtig und beruht auf unserem heutigen Geschlechterverständnis der 50er Jahre. Auch aus der Antike oder aus Ägypten kennen wir zeitgleich zur Bronzezeit einflussreiche Frauen, denen heute keiner ihre Macht oder Einfluss absprechen würde.79 Dass die Frauen in der Bronzezeit aktiv Macht ausüben konnten und Macht ausgeübt haben, zeigt sich unseres Erachtens in den Deponierungen, die zum großen Teil aus weiblichen konnotierten Inventaren bestehen. 72 Kneisel 2013. 73 Siehe auch Stockhammer u.a. 2015; Mittnik et al. 2019. 74 Jantzen 2022. 75 Felding 2022, 85 Tab. 5. 76 Streiffert Eikeland 2023, 150 Abb. 2. 77 Z.B. Frei et al. 2015; Knipper et al. 2017. 78 Kristiansen 2014b; Meller 2019. 79 Müller-Karpe 1985; Streiffert Eikeland 2023; Hartmann 2021. 98 Jutta Kneisel und Stefanie Schaefer-Di Maida Ein Beispiel aus der frühen Eisenzeit soll dies näher verdeutlichen. In der pommerschen Kultur (700 bis ca. 400 v. Chr.) in Polen herrscht die gemeinsame Urnenbestattung in Steinkisten vor.80 Die Steinkisten können einzelne Urnen oder bis zu 20 Urnen enthalten, im Durchschnitt sind es meist 5-7 Urnen. Alle Altersklassen und beiderlei Geschlecht sind vertreten. Zwei Besonderheiten erlauben weitere Aussagen zur Zusammensetzung der Gräber. Zum einen sind die Urnen z. T. mit Gesichtern, Ohren und darin hängendem Kettenschmuck versehen. Zum anderen sind Beigaben als Piktogramme auf den Urnen eingeritzt. Dazu gehören Waffen (Lanze, Schwert, Schild), Schmuck wie Nadeln und Fibeln, aber auch Halsringe und Halskragen sowie figürliche Szenen von Jagd, Wagen und Pferden. Anhand der anthropologischen Untersuchungen konnten drei Ausstattungsmuster unterschieden werden:81 Das der Männer mit szenischen Darstellungen und zwei parallel angeordneten Nadeln und überlappend, das der Krieger mit zwei Lanzen, Schilden und einem helmförmigen Deckel. Das dritte Ausstattungsmuster ist weiblich. Dazu gehört reicher Kettenund Perlschmuck in den Ohren der Urnen, Ritzdarstellungen von großen Scheibenkopfnadeln und Ringhalskragen (Abb. 6), die mitunter so authentisch wiedergegeben sind, dass der Typ bestimmt werden kann.82 Abb. 6: Details der Gesichtsurne von Jablkowo, Polen mit Scheibenkopfnadel, Ringhalskragen, rückseitiger Schließe und Zöpfen (Foto: Agnes Heitmann). 80 U.a. La Baume 1963; Kneisel 2012; Dzięgielewski 2017. 81 Kneisel 2003. 82 Kneisel 2012, 253-257. Frauen der Macht in Nordeuropa 99 Das Besondere an den Ringhalskragen ist, dass wir die Originalformen nahezu ausschließlich aus Horten kennen, im Fall des Depotfundes von Mrowino auch zusammen mit einer goldplattierten Scheibenkopfnadel.83 Der Metallwert der schweren Ringhalskragen, die im Fall vom Fund aus Mrowino aus 14 Ringen und einer Schließe bestehen, ist enorm. Anhand der Darstellungen auf den Urnen ist es möglich, die Position und Anzahl dieser mit Ringhalskragen und Scheibenkopfnadel verzierten Grabgefäße in den Steinkistengräbern zu untersuchen. Auch die Altersverteilung kann aufgrund ausreichend anthropologischer Untersuchungen bestimmt werden. Da bereits an anderer Stelle ausführlich auf diese Thematik eingegangen wurde, sollen hier nur zusammenfassend die Ergebnisse vorgestellt werden.84 In den Urnen mit Ringhalskragenund Scheibenkopfnadelpiktogrammen finden sich weibliche Individuen aller Altersklassen von infans bis matur.85 Es kommen nie mehr als zwei solcher verzierten Urnen in den Steinkisten vor, es sei denn, die Gesamtzahl der Urnen übersteigt neun.86 Die Altersverteilung deutet vermutlich auf eine ererbte Position hin. Die Bestattete hatte offensichtlich das Recht, einen Ringhalskragen zu tragen, und vermutlich gab es jeweils nur eine Ringhalsträgerin gleichzeitig innerhalb der Bestattungsgemeinschaft. Der eigentliche Ringhalskragen aus Bronze wurde dagegen außerhalb der Gräber niedergelegt – möglicherweise nach dem Ende einer Erblinie. Leider liegen zu wenige Aufzeichnungen für die Grabfolge innerhalb der Steinkisten vor, um weitere Aussagen zu diesen hervorgehobenen Frauen treffen zu können. Aus anderen Gräberfeldern lässt sich jedoch schließen, dass es sich um eine patrilineare Gesellschaft handelt, denn zumindest in der Urnenaufreihung steht der senile Mann an erster Stelle in einer Steinkiste. Ist Platz vorhanden, steht eine weibliche Bestattung daneben.87 Die Urnen mit Kriegerdarstellung sind dagegen unter sich in Steinkisten mit 2-3 Urnen bestattet, von denen mindestens zwei Darstellungen von Waffen aufweisen. In den Gemeinschaftsgräbern fehlen sie. Somit stehen die Krieger außerhalb der eigentlichen Gemeinschaftsbestattung. Die Frauen mit Ringhalskragen dagegen üben eine wichtige Funktion innerhalb der Gemeinschaft aus, die offensichtlich vererbt und nur einmal pro Generation besetzt wird. Diese Position ist mit dem Besitz und Reichtum der bronzenen Ringhalskragen, aber auch Schmuck wie Bernsteinund Glasperlen oder Goldblechverzierung verbunden. Die Vernetzungen, die wir in der nordischen Bronzezeit in den reichen Frauengräbern sehen, lässt sich auch auf die Eisenzeit in Pommern übertragen. Fernkontakte bis nach Italien und Gotland, aber auch ins westliche Baltikum sind belegt.88 83 Kamińska 1991/1992; Kneisel 2012, 249-251. 84 Kneisel 2012, 337ff; Kneisel 2018. 85 Kneisel 2018, 186 Abb. 3. 86 Kneisel 2012, 349. 87 Kneisel 2012, 253-255. 88 Kneisel 2012, 457ff. 106 Jutta Kneisel und Stefanie Schaefer-Di Maida Krause 2019: Rüdiger Krause, Zur Professionalisierung des Krieges in der Bronzezeit. in: Svend Hansen, Rüdiger Krause (Hrsg.), Materialisierung von Konflikten. 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Bewaffnete Frauen? – Überlegungen zur Bedeutung von Waffen als Grabbeigaben in Gräbern von Frauen der Römischen Kaiserzeit in Nordund Mitteldeutschland Marcella Hoppe Einleitung Die Rolle von Frauen in der Römischen Kaiserzeit im nördlichen Mitteleuropa ist in der prähistorischen Forschung häufig von Stereotypen geprägt, die sich überwiegend auf häusliche und familiäre Aufgaben beschränken. Archäologische Funde legen jedoch nahe, dass das gesellschaftliche Leben dieser Zeit weitaus komplexer war. Eine besondere Gegebenheit ist die Beigabe von Waffenbestandteilen in anthropologisch bestimmten Gräbern von Frauen, die in Nordund Mitteldeutschland während der Römischen Kaiserzeit keine Ausnahme darstellen und immer wieder dokumentiert werden. Dieses Phänomen wirft eine Vielzahl von Fragen auf: Welche Bedeutung hatten die Waffen für die bestatteten Frauen und welche Schlüsse lassen sich daraus auf ihre soziale Stellung ziehen? Handelt es sich bei diesen Frauen um tatsächliche Kriegerinnen bzw. Kämpferinnen, die an kriegerischen Aktivitäten teilnahmen oder steht die Waffenbeigabe im Zusammenhang mit dem Bestattungsritual und hat eine symbolische Bedeutung? Die prähistorische Forschung hat Waffen bisher als männliche Beigaben angesprochen, die als Symbol für kriegerische Tapferkeit und sozialen Status interpretiert werden. Anthropologisch als Frauen identifizierte Leichenbrände aus Gräbern mit Waffenbeigaben wurden wiederholt als Fehlbestimmungen klassifiziert. Doch was bedeutet diese Beigabenart, wenn von der Korrektheit der anthropologischen Bestimmung ausgegangen wird? Diese Untersuchung zielt darauf ab, Gräber mit Waffenbeigaben von anthropologisch weiblich bestimmten Leichenbränden aus der Römischen Kaiserzeit in Nordund Mitteldeutschland zusammenzutragen und der Bedeutung von Waffen als Grabbeigaben bei Frauen nachzugehen. Durch eine Analyse archäologischer Funde und eine anschließende Diskussion möglicher Interpretationen wird versucht, einen Beitrag zur laufenden Debatte über die Rolle von Frauen in antiken Gesellschaften zu leisten. Überblick zum Forschungsstand Die Frage nach der Rolle von Frauen in der Frühgeschichte ist thematisch der Geschlechterforschung unterzuordnen. In diesem Forschungsfeld wird zwischen sex (biologisches Geschlecht) und gender (soziales Geschlecht) unterschieden. Unter sex wer- 112 Marcella Hoppe den hauptsächlich genetische, hormonelle und körperliche Ausprägungen verstanden, die in zwei Kategorien, männlich und weiblich, unterteilt werden.1 Die (prähistorische) Anthropologie untersucht menschliche Überreste, beispielsweise Skelette oder Leichenbrände, vorrangig hinsichtlich des biologischen Geschlechts.2 Das soziale Geschlecht untersteht kulturspezifischen Vorstellungen und Normen, die mit den Geschlechtern verknüpft werden und ihnen Rollen und Verhaltensweisen zuschreiben.3 Das soziale Geschlecht wird von der (prähistorischen) Archäologie insbesondere anhand von Grabbeigaben erforscht. Problematisch ist, dass nicht selten Analogieschlüsse gezogen werden, die aus bürgerlichen Geschlechtermodellen des 18. und 19. Jahrhunderts abgeleitet wurden und bis heute Bestand haben.4 Dies betrifft insbesondere die Assoziation von männlichem Geschlecht und Waffen und damit Gewalt. Wenn das durch Anthropologie und Archäologie ermittelte Geschlecht nicht übereinstimmt, wird häufig von der archäologischen Forschung argumentiert, dass es sich um Fehlbestimmungen seitens der Anthropologie handelt.5 Ausgangspunkt zur Erforschung von bewaffneten Frauen im archäologischen Kontext ist oftmals der Amazonenmythos.6 Dabei sind es vornehmlich archäologische Untersuchungen zu skythisch-sarmatischen Gräbern und Grabbeigaben, die umfangreiche geografische Räume und Zeitabschnitte umfassen.7 In vielen Fällen liegen keine anthropologischen Bestimmungen der Skelette vor. Dennoch konnte auch anhand von DNAAnalysen ein weibliches Individuum mit Schwertbeigabe, das bis dahin als das Grab eines männlichen Individuums galt, belegt werden.8 Laut diesen Arbeiten sind die Waffenbeigaben tatsächlich von den Frauen getragen sowie benutzt worden, folglich seien es Kriegerinnen. Zur Rolle der Frauen in der Römischen Kaiserzeit im Barbaricum wurde mehrfach geforscht. Nicht zuletzt ist dieses Thema eng mit Untersuchungen zu den vermeintlichen Männerund Frauenfriedhöfen dieses Zeitabschnitts verbunden. Grundlegend dazu ist die Arbeit von Heidrun Derks, die sich u.a. mit der archäologischen Geschlechtsbestimmung anhand der Grabbeigaben in Nordund Mitteldeutschland während der älteren Römischen Kaiserzeit beschäftigt.9 Schon früh wurden Waffengräber von anthropologisch bestimmten Frauen erkannt, aber als seltsam befunden und die enthaltenen Militaria als Grabgeschenke interpretiert.10 Für Wolfgang Adler, der sich mit der ger1 Hofmann 2009, 135. 2 Alt/Röder 2009, 112f. 3 Alt/Röder 2009, 114. 4 Alt/Röder 2009, 115. 5 Beilke-Voigt 2020, 22. 6 Moser 2008, 65-75; Meister/Ruprecht 2023, 26f. 7 Beispielsweise: Ateshi Gadirova 2014, 239-256; Hellmuth Kramberger 2017, 227-250. 8 Ateshi Gadirova 2014, 249. 9 Derks 2012. 10 Gebühr 1975, 435f. Bewaffnete Frauen? 113 manischen Bewaffnung beschäftigt, sind, solange keine archäologischen Beweise vorliegen, Krieger nur männlichen Geschlechts.11 Anthropologische Geschlechtsbestimmungen von weiblichen Individuen mit Waffen sind für Christoph Eger Fehlbestimmungen.12 Alina Beyer hingegen verweist auf anthropologisch bestimmte Frauen mit Waffenbeigaben in Nordund Mitteleuropa.13 Einzelne Frauen mit Waffenbeigaben seien Ausdruck eines Rollenwechsels aufgrund politischer, familiärer und gesellschaftlicher Gründe. Diese Frauen würden in die soziale Rolle eines Mannes schlüpfen und dadurch sei das Tragen und der Gebrauch der Waffen legitimiert gewesen. Im Regelfall sei das Tragen und Verwenden von Waffen aber auf Männer beschränkt gewesen. Auch auf frühmittelalterlichen Bestattungsplätzen Deutschlands, Großbritanniens und Skandinaviens wurden Gräber mit Waffenbeigaben von anthropologisch weiblich bestimmten Individuen festgestellt.14 Als Erklärung für die Divergenz zwischen archäologischer und anthropologischer Geschlechtsbestimmung wurde in der britischen Forschung die These von mehr als zwei Geschlechtern aufgeworfen. Dieser Erklärungsansatz hat aber, vor allem in der deutschen Forschung, keine große Zustimmung gefunden, stattdessen wurden menschliche Skelettreste erneut anthropologisch und darüber hinaus genetisch untersucht. Die dadurch erzielten Ergebnisse offenbaren, dass es im Frühmittelalter nur sehr vereinzelte Fälle von ‚cross-gender‘-Individuen gab.15 In der deutschen Forschung wird ‚cross-gender‘ zu ‚cross-dressing‘ reduziert, demnach beispielsweise Frauen in Männerkleidung, aber auch dieses Konzept wird skeptisch bewertet.16 Die skandinavische Forschung betrachtet die Waffen in Frauengräbern als Prunkund nicht als Gebrauchswaffen, dementsprechend seien die Waffen von Frauen auch nicht benutzt worden.17 Eines der bekanntesten und in letzter Zeit häufig rezipierten Beispiele für eine Frau mit Waffenbeigabe ist das Grab Bj. 581 von Birka. In diesem Grab lag eine nach anthropologischer und genetischer Untersuchung bestimmte Frau mit umfangreicher Waffenausstattung, die als professionelle Kriegerin angesprochen wird.18 Für Ines Beilke-Voigt ist ein Geschlechterrollenwechsel der favorisierte Erklärungsansatz für die Diskrepanz zwischen archäologischer und anthropologischer Geschlechtsbestimmung.19 Anhand mehrerer ethnologischer Beispiele differenziert sie den Rol11 Adler 1993, 148. 12 Eger 1999, 137. 13 Beyer 2020, 265f. 14 Beispielsweise: Härke 2011, 98-105; Gärtner et al. 2014, 219-240; Mattes 2017, 219240. 15 Härke 2011, 103; Gärtner et al. 2014, 231-245. 16 Gärtner et al. 2014, 236. 17 Mattes 2017, 236-238. 18 Hedenstierna-Jonson et al. 2017, 853-860; Price et al. 2019, 181-198. 19 Beilke-Vogt 2020, 15-30. 114 Marcella Hoppe lenwechsel aufgrund von Varianzen der Geschlechterrollen in den ideellen Konzepten verschiedener Kulturen und ambivalenter Identität bzw. Intersexualität. Dennoch ist der Geschlechterrollenwechsel bei Frauen seltener belegt als der von Männern und zudem bleiben sie von Jagd und Krieg ausgeschlossen. Gräber von Frauen mit Waffenbeigaben wurden in der (prähistorischen) Archäologie überwiegend als Ausnahmefälle oder teils als Fehlbestimmungen durch die Anthropologie bewertet. Der kurze Überblick zum Forschungsstand verdeutlicht, dass dieses Phänomen geografisch und zeitlich weiter verbreitet war, als bislang suggeriert wurde. Auch die Erklärungsansätze zu Frauen mit Waffenbeigaben sind vielfältig, sie reichen von tatsächlichen Kriegerinnen bis zu einem Geschlechterwechsel bei Frauen. Quellen und Vorgehensweise Die Grundlage dieser Arbeit bildet ein Teil der Datensammlung meiner laufenden Dissertation20, in der Gräberfelder aus Nordund Mitteldeutschland systematisch untersucht werden. Die Daten stammen aus publizierten Untersuchungen mit anthropologischen Bestimmungen von Gräberfeldern der Römischen Kaiserzeit und wurden in eine dafür eigens entwickelte Datenbank überführt, die eine detaillierte Erfassung der Gräber, der Grabbeigaben und der menschlichen Überreste ermöglicht. Die vorliegende Analyse konzentriert sich gezielt auf Gräber anthropologisch bestimmter Frauen mit Waffenbeigaben. Als Waffen werden in dieser Arbeit sowohl Angriffsals auch Verteidigungswaffen, dazu zählen Schwerter und ihr Zubehör, Schilde, die sich in verschiedene Bestandteile wie Schildbuckel, -fessel und -niete etc. unterteilen, Lanzen-, Speerund Pfeilspitzen sowie Äxte behandelt. Sporen, die häufig im Zusammenhang mit der Bewaffnung genannt werden, bleiben in dieser Untersuchung unberücksichtigt. Denn Sporen sind im archäologischen Kontext weniger ein Hinweis auf bewaffnete Individuen als vielmehr ein Indiz für Reiterei und die Nutzung von Pferden. Die Datensammlung wurde nach den genannten Waffen ausgewertet und mit den anthropologischen Daten zusammengeführt. Auf insgesamt sechs Bestattungsplätzen im Untersuchungsgebiet und -zeitraum sind Waffengräber belegt, für drei Gräberfelder (Putensen, Kleinzerbst und Stevelin) sind weibliche Individuen mit Waffenbeigaben dokumentiert. Diese Bestattungsplätze erstrecken sich von Norddeutschland (Putensen und Stevelin) bis nach Mitteldeutschland (Kleinzerbst), dabei sind es sowohl Kleinstfriedhöfe mit weniger als zehn Gräbern (Stevelin) als auch Großfriedhöfe mit annähernd 1000 Gräbern (Putensen). Auf den in diese Untersuchung aufgenommenen Gräberfeldern wurde ausschließlich brandbestattet, das heißt, die Verstorbenen wurden verbrannt und ihre Überreste, der Leichenbrand, anschließend in einer Grabgrube deponiert. Der Belegungszeitraum der Bestattungsplätze umfasst hauptsächlich die ältere Römische Kaiserzeit (Stufe B1– B2/C1 nach Eggers) und reicht etwa von 0 bis 200 n. Chr. 20 Der Arbeitstitel lautet „Untersuchungen zum Bestattungsritual im norddeutschen Raum während der Römischen Kaiserzeit“. Das Promotionsvorhaben ist an der Universität Rostock angesiedelt. Bewaffnete Frauen? 115 Ergebnisse Putensen Vom Bestattungsplatz Putensen 1A21, Landkreis Harburg, sind mindestens 88 Gräber mit Waffenbeigaben belegt.22 Vier der Leichenbrände lagen nicht zur anthropologischen Untersuchung vor. Die restlichen Leichenbrände sind nach der anthropologischen Bestimmung von Bärbel Heußner 80 Einzelund vier Doppelbestattungen.23 Demnach wurden in den Leichenbränden aus Gräbern mit Waffenbeigaben 88 Individuen bestimmt. Die untersuchten Leichenbrände stammen von 15 Kindern bzw. Jugendlichen und 73 Erwachsenen; 30 Erwachsene waren nicht geschlechtsbestimmbar. Für 43 Erwachsene wurde das Geschlecht bestimmt, danach sind es 28 eher weibliche und 15 eher männliche Individuen. Die Waffengräber werden im Folgenden chronologisch geordnet vorgestellt, um eine klare und nachvollziehbare Darstellung aufzuzeigen. Erste Waffenbeigaben treten am Übergang von Stufe 1 zu Stufe 2 nach Eger24 bzw. der entwickelten Stufe Harck IId auf, dieser Zeitraum entspricht etwa den ersten vorund nachchristlichen Jahrzehnten. In diesen Zeitabschnitt gehören insgesamt acht Gräber mit Waffenbeigabe (Tab. 1), davon drei eher weibliche Individuen. Spezifisch für diesen Zeitabschnitt sind einzelne Schildniete, die im Leichenbrand lagen. Eines der ältesten Waffengräber ist das eines 11bis 13-jährigen Kindes, etwa 0,25 m von der Urne entfernt lagen die Überreste einer zerschlagenen Lanzenspitze und drei Fragmente eines Schildbuckels. Ein anthropologisch männlich bestimmtes Individuum ist nur in einer Doppelbestattung mit einem jugendlichen Individuum belegt. In die darauffolgende Zeitstufe, Stufe 3 nach Eger bzw. Stufe B1a nach Eggers (ca. 10/20-40 n. Chr.), werden 25 Waffengräber (Tab. 2) datiert, davon wurden sieben Leichenbrände aus Einzelbestattungen als eher weibliche Individuen bestimmt. Die Waffengräber von anthropologisch bestimmten Frauen sind in dieser Zeit mit Teilen von Schilden, Lanzenund Speerspitzen ausgestattet. Bei vier Gräbern lagen jeweils eine zum Teil unvollständige Schildfessel oder ein Schildniet im Leichenbrand. Auf dem Urnenrand von Grab 123 waren eine Lanzenund eine Speerspitze positioniert. Bei zwei weiteren Frauengräbern lagen die Waffenbeigaben neben der Urne. Grab 178 war 21 Die Ergebnisse der archäologischen Untersuchungen und ein Katalog des Bestattungsplatzes Putensen 1A wurden zunächst von Willi Wegewitz (1972) vorgelegt. Eine erneute Bearbeitung des Fundmaterials wurde von Christoph Eger (1999) vorgenommen. 22 Der Bestattungsplatz Putensen 1A zeichnet sich neben den Waffengräbern auch durch zahlreiche Waffendeponierungen aus, die sowohl einzeln als auch in Kombinationen auftreten und sich über einen Großteil des Gräberfelds verteilen. Während der Ausgrabung war die Zugehörigkeit der Waffen zu einem Grab oder einer Deponierung nicht immer eindeutig zu bestimmen (Wegewitz 1972, 235). 23 Heußner in Eger 1999, 338-353. 24 Eger 1999, 105-116. 122 Marcella Hoppe sentierenden Zeichen, Gabe für die Toten, Gabe für übermenschliche Wesen, Bestandteile von Totenfeiern, Beseitigung unreiner Gegenstände, Schutz der Lebenden und dem Bemühen um Vergessen. Die Funktionen können vergangenheitsbezogen, gegenwartsbezogen, zukunftsbezogen oder diachronisch sein. Eine eindeutige Unterscheidung der Wirkung und Funktion ist oftmals nicht möglich und verweist auf die Vieldeutigkeit von Grabausstattungen. Demnach sind Gräber und Grabbeigaben kein Spiegel des Lebens, vielmehr sind sie intentional und spiegeln Ideen und Ideologien wider.42 Kerstin Hofmann macht darauf aufmerksam, dass wenig Konkretes über die Auswahl der Grabbeigaben bekannt ist und die Konzepte zu Grabbeigaben bislang kaum überprüft wurden.43 Sie plädiert dafür, auch einen semiotischen Ansatz zu berücksichtigen, nach dem die Grabbeigaben als Zeichenträger dienen. Doch welche Bedeutung und Funktion haben Waffen in Gräbern? Waffen könnten demnach das Eigentum des bzw. der Verstorbenen gewesen sein und dessen bzw. deren Identität als Krieger bzw. Kriegerin kennzeichnen. Demnach wurden die Waffen getragen und im Kampf auch eingesetzt. An den Waffen von den beschriebenen Bestattungsplätzen Putensen, Kleinzerbst und Stevelin fehlen Merkmale, die auf den Gebrauch der Waffen in Kampfhandlungen hindeuten. Häufig sind Waffen, die meistens aus Eisen bestehen, stark korrodiert, sodass Merkmale, die von Kampfhandlungen herrühren, zumindest in dem Zustand, in dem sich die Waffen heute befinden, schwer zu erkennen sind. Ein weiteres Argument für kämpfende Frauen aus Nordund Mitteleuropa in der Eisenzeit sind römische Schriftquellen, in denen beschrieben wird, dass sich Frauen an Kampfhandlungen beteiligten.44 Dementsprechend ist es möglich, dass es Kriegerinnen in der Römischen Kaiserzeit in Nordund Mitteldeutschland gab. Ein eindeutiger Beweis dafür, dass die Frauen, die in den hier beschriebenen Gräbern bestattet waren, an Kampfhandlungen teilnahmen, steht noch aus und kann nur über eine genaue Materialanalyse erzielt werden. Dennoch muss berücksichtigt werden, dass der Nutzungsnachweis einer Waffe nicht zwangsläufig bedeutet, dass sie von der bestatteten Person auch verwendet wurde. Die Schwerter in Gräbern der frühen Eisenzeit Süddeutschlands sind für Martin Trachsel Statussymbole und Insignien der Herrschaft.45 Anhand von Schwertbeigaben verdeutlicht er, dass die Lage dieser im Grab nicht der Tragweise eines kampfbereiten Kriegers entspricht. Stattdessen wurde ein Großteil der Schwerter intentionell zerstört, distanziert oder verkehrt zu den körperlichen Überresten im Grab deponiert. Er nimmt an, dass diese Praktiken der rituellen Bannung dienen und auf die Furcht vor Wiedergängern und Geistern zurückgehen. Bei den in dieser Arbeit untersuchten Waffengräbern fällt auf, dass auf dem Gräberfeld Putensen 1A das Schwert eine seltene Grabbeigabe ist, wohingegen auf dem Bestattungsplatz Kleinzerbst die Waffengräber häufiger 42 Härke 2011, 103 f. 43 Hofmann 2013, 269-298. 44 Stoll 2008, 25f. 45 Trachsel 2005, 53-82. Bewaffnete Frauen? 123 Schwerter enthielten. Diese Grabbeigabe wurde sowohl einem Mann als auch einer Frau sowie mehreren Kindern zuteil. Wenn die Schwertbeigabe ein Statussymbol ist, dann wurde dieser Status vererbt und nicht im Laufe eines Lebens erworben. Ansonsten ließe sich die Schwertbeigabe bei Kindern nicht als Statussymbol erklären. Sogenannte Prunkwaffen aus Edelmetallen, wie sie beispielsweise aus den Mooropferplätzen Norddeutschlands und Dänemarks bekannt sind,46 fehlen meistens im Inventar der Bestattungsplätze Nordund Mitteldeutschlands. Heidrun Derks ist der Meinung, dass Grabbeigaben mit rein symbolischem Charakter der älteren Römischen Kaiserzeit in Nordund Mitteldeutschland fehlen.47 Für sie sind Waffen Statussymbole, die dennoch symbolische Wirkungen hatten.48 Alina Beyer schreibt Waffen dieser Zeit aus Nordund Mitteleuropa eine große Symbolkraft zu.49 Die hier beschriebenen Waffen waren im Rahmen des Bestattungsrituals unterschiedlichen Behandlungen ausgesetzt. Sie wurden verbogen, zerschlagen und/oder zusammengefaltet sowie dem Feuer ausgesetzt. Außerdem ist die Lage der Waffenbeigaben interessant. Häufig liegen die Waffen nicht wie gewöhnlich innerhalb, sondern außerhalb der Urnen. Die Deponierung von Waffen beschränkt sich nicht nur auf die Gräber, sondern sie treten auch ohne menschliche Überreste einzeln und in Kombinationen auf, die sich in einigen Fällen über den gesamten Bestattungsplatz ziehen. Für Heidrun Derks spielten „Kampf und Krieg […] hier tatsächlich oder zumindest mental eine stärkere Rolle, was sich im Bestattungsbrauch offenbar niederschlug.“50 Dafür spricht, dass die gesamte Gemeinschaft daran Anteil hatte, denn, wie bereits beschrieben, erstrecken sich die Waffenbeigaben auf Kinder bzw. Jugendliche und Erwachsene sowie Frauen und Männer. Allerdings sind es vor allem ältere Kinder der Altersklasse Infans II. Auf den Bestattungsplätzen Putensen 1A und Kleinzerbst sind unter den ältesten Waffengräbern die von Kindern. Frauen sind in den Waffengräbern häufiger vertreten als im Vergleich zu allen Gräbern beider Bestattungsplätze. Auffällig sind zahlreiche Schildbestandteile in den Gräbern, sie könnten auf einen symbolischen Schutzaspekt dieser Grabbeigabe hinweisen. In diesem Kontext könnten die Waffen weniger als tatsächliche Kampfgeräte, sondern vielmehr, als symbolische Objekte mit Schutzfunktion verstanden werden. Frauen und Kinder waren nach der Anzahl der Waffenbeigaben von den hier untersuchten Bestattungsplätzen besonders schützenswert. Kriegerische Handlungen spielten, wie bereits beschrieben, eine große Rolle im Leben und Tod der Gemeinschaften. Nicht allein die Grabbeigaben, sondern im Besonderen die Deponierungen, sind dafür ein eindrückliches Zeugnis. Vielleicht mussten in Einzelfällen Personen, die als besonders schutzbedürftig galten, zusätzlich mit Waffenbeigaben ausgestattet werden. 46 Carnap-Bornheim/Rau 2009, 25-35. 47 Derks 2012, 53. 48 Derks 2012, 141. 49 Beyer 2020, 87. 50 Derks 2012, 141. 124 Marcella Hoppe Diese Untersuchung zu Frauengräbern mit Waffenbeigaben der Römischen Kaiserzeit in Nordund Mitteldeutschland zeigt, dass Waffen in ihrer Funktion im Bestattungsritual weit über ihre funktionale Rolle als Kampfgerät hinausgingen. Dafür sprechen ihre Platzierung und Behandlung, vermutlich hatten Waffen eine besondere symbolische Bedeutung im Bestattungsritual der Gemeinschaften. Denkbar ist es, dass die Waffen in Frauengräbern in Einzelfällen in Kampfhandlungen eingesetzt wurden und als Statussymbol dienten. Eindeutige Belege für die Römische Kaiserzeit in Nordund Mitteldeutschland fehlen jedoch. 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Wegewitz 1972: Willi Wegewitz, Das langobardische Brandgräberfeld von Putensen, Kreis Harburg. Die Urnenfriedhöfe in Niedersachsen 10, Hildesheim 1972. Bewaffnete Frauen? 127 Anhänge Grabnr. Ausstattung anthropologische Bestimmung 263 ein Schildniet, mehrere Keramikscherben unbestimmt, ca. 57 Jahre 266 ein Schildniet, ein Gürtelhaken, ein Ring mit Zwinge, mehrere Keramikscherben unbestimmt, ca. 51 Jahre 316 mehrere Schildrandbeschläge, mehrere Keramikscherben unbestimmt, ca. 28 Jahre 317 drei Schildniete, ein Messer, mehrere Keramikscherben eher männlich, ca. 29 Jahre; unbestimmt, ca. 13-19 Jahre 368 ein Schildniet, ein Messer, eine Fibel eher weiblich, ca. 64 Jahre 393 eine Schildfessel, eine Fibel, mehrere Keramikscherben eher weiblich, ca. 48 Jahre 401 ein Schildniet, zwei Fibeln, mehrere Keramikscherben eher weiblich, ca. 71 Jahre 495 ein Schildbuckel, eine Lanzenspitze unbestimmt, ca. 11-13 Jahre Tabelle 1: Waffengräber von Putensen 1A der Stufe 1b/2. Grabnr. Ausstattung anthropologische Bestimmung 73 eine Schildfessel, mehrere Keramikscherben unbestimmt, ab 20 Jahren 74 ein Schildbuckel eher männlich (?), ca. 60 Jahre 77A zwei Lanzenspitzen, mehrere Keramikscherben Leichenbrand nicht untersucht 120 ein Schwert Leichenbrand nicht untersucht 123 eine Lanzenspitze, eine Speerspitze eher weiblich, ca. 57 Jahre 125B ein Schildniet, mehrere Keramikscherben unbestimmt, ca. 42 Jahre 128 eine Lanzenspitze, ein Messer, mehrere Keramikscherben unbestimmt, ca. 13-19 Jahre 138 eine Lanzenspitze unbestimmt, ca. 54 Jahre 139 eine Schildfessel, mehrere Keramikscherben eher weiblich, ca. 33 Jahre 143 mehrere Teile von einem Schild, eine Lanzenspitze, eine Schere, ein Urnenharzstück unbestimmt, ca. 48 Jahre 146 eine Schildfessel, eine Bärenkralle, mehrere Keramikscherben eher weiblich (?), ca. 62 Jahre 153 eine Schildfessel, mehrere Keramikscherben unbestimmt, ca. 42 Jahre 176A eine Pfeilspitze, eine Fibel, mehrere Keramikscherben unbestimmt, ca. 7-12 Jahre; unbestimmt, ca. 61 Jahre 178 mehrere Teile von einem Schild, mehrere Keramikscherben eher weiblich, ca. 40-48 Jahre 193 eine Lanzenspitze, ein Beschlag, mehrere Keramikscherben unbestimmt, ca. 54 Jahre 204 eine Schwertscheidenklammer unbestimmt, ca. 57 Jahre 128 Marcella Hoppe Grabnr. Ausstattung anthropologische Bestimmung 205 ein Schildbuckel, eine Lanzenspitze, mehrere Keramikscherben eher männlich, ca. 57 Jahre 226 ein Schildbuckel eher männlich, ca. 67 Jahre 237 ein Schwert, ein Schildbuckel unbestimmt, ca. 7-12 Jahre 248 eine Schildfessel, ein Messer eher weiblich, ca. 57 Jahre 267 ein Schwert, drei Fibeln, mehrere Keramikscherben unbestimmt, ca. 29 Jahre 268 ein Schwert, ein Schildniet, eine Fibel unbestimmt, ca. 33 Jahre 272 zwei Schildniete, ein Tierkopfhaken, zwei Fibeln, eine Öse, mehrere Keramikscherben eher weiblich, ca. 51 Jahre; eher männlich, ca. 67 Jahre 336 ein Schildniet, drei Fibeln, ein Beschlag, zwei Keramikscherben Ösen, mehrere eher weiblich, ca. 71 Jahre 480 mehrere Teile von einem Schild, eine Lanzenspitze, ein Messer weiblich, ca. 54 Jahre Tabelle 2: Waffengräber von Putensen 1A der Stufe 3. Grabnr. Ausstattung anthropologische Bestimmung 61 ein Schildniet, mehrere Keramikscherben eher weiblich (?), ca. 41 Jahre 71 ein Schildbuckel, zwei Lanzenspitzen, eine Fibel, mehrere Keramikscherben eher weiblich, ca. 45 Jahre 77B ein Schildbuckel, vier Lanzenspitzen, zwei Messer, eine Schere, ein Pfriem, eine Kasserolle, eine Fibel, eine Gürtelschnalle eher weiblich, ca. 42 Jahre 117 eine Schildfessel, mehrere Keramikscherben unbestimmt, ca. 7-12 Jahre 118 mehrere Teile von einem Schild, zwei Lanzenspitzen, eine Speerspitze, ein Messer, ein Pfriem, eine Gürtelschnalle, ein Ring, mehrere Keramikscherben eher weiblich, ca. 40 Jahre 141 ein Schildbuckel, eine Lanzenspitze, eine Speerspitze, ein Messer, eine Fibel, eine Gürtelschnalle, ein Pfriem, mehrere Keramikscherben eher weiblich, ca. 46 Jahre 150 ein Schwert, mehrere Teile von einem Schild, eine Lanzenspitze, ein Messer, acht Fibeln, eine Nadel, eine Gürtelschnalle, vier Riemenzungen, sechs Sporen, ein Beschlag, mehrere Teile von einem Trinkhorn, zwei Kasserollen, mehrere Textilreste eher männlich, ca. 48 Jahre 163 mehrere Teile von zwei (?) Schilden, zwei Lanzenspitzen, eine Fibel, eine Gürtelschnalle unbestimmt, ca. 61 Jahre Tabelle 3: Waffengräber von Putensen 1A der Stufe 4. Bewaffnete Frauen? 129 Grabnr. Ausstattung anthropologische Bestimmung B1 mehrere Teile von einem Schild, ein Urnenharzstück, mehrere Keramikscherben Leichenbrand nicht untersucht 17 eine Lanzenspitze, zwei Fibeln, mehrere Keramikscherben eher weiblich, ca. 64 Jahre 25 eine Schildfessel, mehrere Keramikscherben eher weiblich, ca. 29 Jahre 26 eine Lanzenspitze, ein Messer, mehrere Keramikscherben Leichenbrand nicht untersucht 35 eine Lanzenspitze, zwei Fibeln, mehrere Keramikscherben eher männlich, ca. 34 Jahre 38 eine Schildfessel, eine Fibel, ein Pfriem, mehrere Keramikscherben unbestimmt, ca. 52 Jahre 46 mehrere Teile von einem Schild, eine Lanzenspitze, eine Speerspitze unbestimmt, ca. 32 Jahre 50 eine Schwertscheidenklammer, mehrere Schildrandbeschläge, eine Lanzenspitze, eine Fibel, ein Sieb unbestimmt, ca. 45 Jahre 59 eine Schildfessel, eine Lanzenspitze, eine Speerspitze, mehrere Keramikscherben unbestimmt, ca. 13-19 Jahre 91 ein Schwert, mehrere Keramikscherben unbestimmt, ca. 61 Jahre 103 ein Schildniet, mehrere Keramikscherben unbestimmt, ca. 71 Jahre Tabelle 4: Waffengräber von Putensen 1A der Stufe 5. Grabnr. Ausstattung anthropologische Bestimmung 592 eine Axt, eine Fibel unbestimmt, ca. 7-12 Jahre 597 eine Lanzenspitze unbestimmt, ca. 10-12 Jahre 599 eine Lanzenspitze, eine Fibel, eine Gürtelschnalle eher männlich, ca. 54 Jahre 600 eine Schildfessel, mehrere Keramikscherben unbestimmt, ca. 43 Jahre 605 zwei Schildniete, eine Fibel unbestimmt, ca. 32 Jahre; unbestimmt, ca. 65 Jahre 618 eine Schildfessel, eine Lanzenspitze, eine Nadel eher weiblich, ca. 36 Jahre 619 eine Lanzenspitze, mehrere Keramikscherben eher weiblich, ca. 61 Jahre 621 eine Lanzenspitze, eine Fibel, mehrere Keramikscherben unbestimmt, ca. 37 Jahre 624 zwei Lanzenspitzen, ein Ring, mehrere Keramikscherben unbestimmt, ca. 60 Jahre 626 ein Schildbuckel, eine Speerspitze, ein Spielstein, mehrere Keramikscherben unbestimmt, ca. 37 Jahre 627 eine Lanzenspitze, mehrere Keramikscherben eher weiblich, ca. 42 Jahre 642 eine Schildfessel, eine Lanzenspitze unbestimmt, ca. 64 Jahre 666 eine Schildfessel, mehrere Keramikscherben eher männlich, ca. 57 Jahre 669 ein Schildbuckel, mehrere Keramikscherben eher Jahre männlich (?), ca. 40 130 Marcella Hoppe Grabnr. Ausstattung anthropologische Bestimmung 676 mehrere Teile von einem Schild, eine Lanzenspitze, eine Fibel, mehrere Keramikscherben unbestimmt, ca. 35 Jahre 694 eine Lanzenspitze, mehrere Keramikscherben unbestimmt, ca. 48 Jahre 731 eine Schildfessel, eine Fibel eher weiblich, ca. 7-12 Jahre 732 ein Schildbuckel, zwei Lanzenspitzen unbestimmt, ca. 62 Jahre 747 eine Speerspitze, eine Nadel, eine Gürtelschnalle, ein Urnenharzstück unbestimmt, ca. 7-10 Jahre 767 mehrere Teile von einem Schild eher weiblich, ca. 51 Jahre 773 mehrere Teile von einem Schild, eine Lanzenspitze, eine Speerspitze eher männlich, ca. 61 Jahre 775 eine Lanzenspitze, eine Fibel, ein Urnenharzstück eher weiblich, ca. 42 Jahre 776 ein Schildbuckel, eine Lanzenspitze, eine Fibel eher männlich, ca. 39 Jahre 793 ein Schildniet unbestimmt, ca. 13-19 Jahre 797 mehrere Teile von einem Schild, zwei Lanzenspitzen, eine Speerspitze, eine Fibel eher weiblich, ca. 61 Jahre 826 eine Lanzenspitze, mehrere Keramikscherben unbestimmt, ca. 10-12 Jahre 832 eine Lanzenspitze, eine Fibel eher männlich, ca. 51 Jahre Tabelle 5: Waffengräber von Putensen 1A der Stufe 6. Grabnr. Ausstattung anthropologische Bestimmung 817 eine Lanzenspitze, eine Fibel, ein Urnenharzstück eher weiblich (?), ca. 32 Jahre 844 mehrere Teile von einem Schild, zwei Lanzenspitzen, eine Fibel, ein Beschlag eher weiblich, ca. 29 Jahre 851 ein Schildniet, ein Urnenharzstück unbestimmt, ca. 0-6 Jahre 862 eine Lanzenspitze, zwei Fibeln eher männlich, ca. 32 Jahre 906 ein Schildniet eher weiblich, ca. 39 Jahre 921 mehrere Teile von einem Schild, eine Lanzenspitze, eine Fibel eher männlich, ca. 37 Jahre 947 eine Lanzenspitze unbestimmt, ca. 7-12 Jahre 952 mehrere Schildrandbeschläge, ein Urnenharzstück eher weiblich, ab 60 Jahre 985 eine Lanzenspitze unbestimmt, ca. 34 Jahre Tabelle 6: Waffengräber von Putensen 1A der Stufe 7. Bewaffnete Frauen? 131 Waffengräber Anthropologie Gesamtanthropologie Kinder 11 135 Jugendliche 4 39 Erwachsene 73 775 Frauen 28 245 Männer 15 194 geschlechtsunbestimmte Erwachsene 30 336 Tabelle 7: Anthropologische Bestimmungen Waffengräber und alle Gräber von Putensen 1A. Befundbzw. Grabnr. Ausstattung anthropologische Bestimmung 2 eine Speerspitze, eine Fibel kein Leichenbrand 5 mehrere Teile von einem Schild, zwei Lanzenspitzen, ein Messer, eine Kasserolle kein Leichenbrand 18 ein Schwert, mehrere Teile von einem Schild, eine Speerspitze, ein Messer, mehrere Keramikscherben kein Leichenbrand 28 ein Schwert, mehrere Teile von einer Schwertscheide, mehrere Teile von zwei Schilden, zwei Lanzenspitzen, zwei Speerspitzen, eine Schere, zwei Messer, ein Feuerstahl, zwei Sporen, zwei Kasserollen, eine Keramikscherbe kein Leichenbrand 29 ein Schwert, mehrere Teile von einer Schwertscheide, mehrere Teile von einem Schild, eine Schere, mehrere Teile von zwei Trinkhörnern, eine Fibel, zwei Gürtelschnallen, mehrere Nadeln, zwei Knochenartefakte, ein Urnenharzstück unbestimmt, ca. 50 Jahre 31 ein Schwert, mehrere Teile einer Schwertscheide, mehrere Teile von einem Schild, zwei Lanzenspitzen, ein Messer, ein Kamm Leichenbrand nicht untersucht 33 mehrere Teile von einem Schild, eine Lanzenspitze, eine Schere, zwei Messer, ein Schleifstein, ein Sporn, eine Gürtelschnalle, ein Teil vom einem Trinkhorn, eine Kelle, ein Sieb, mehrere Keramikscherben kein Leichenbrand 49 eine Lanzenspitze, eine Schildfessel, ein Ring, eine Kasserolle kein Leichenbrand 51 mehrere Teile von einem Schild, eine Lanzenspitze, ein Messer, eine Gürtelschnalle eher weiblich, ca. 41 Jahre 53 mehrere Teile von einem Schild, zwei Lanzenspitzen, ein Messer kein Leichenbrand 58 ein Schwert, mehrere Teile von einem Schild, zwei Lanzenspitzen, eine Schere, ein Messer, mehrere Nadeln, mehrere Keramikscherben eher weiblich, ca. 57 Jahre 138 Stefan Burmeister bardorum aus dem Jahr 643, klar benannt.25 Die rechtliche Abhängigkeit vom Mann bedingte jedoch auch den Anspruch auf Versorgung und Schutz. Aus dieser Position heraus ergeben sich die Rechtsnormen hinsichtlich jeglicher Gewalthandlungen. Die Männer übten das Gewaltmonopol aus; Frauen war zumindest im langobardischen Recht das Tragen von Waffen untersagt.26 Die Wehrlosigkeit war in einigen der Gesetzestexte ein explizit genannter Grund, dass Kompensationszahlungen für erlittenes Unrecht, wie das Wergeld, für Frauen deutlich höher bemessen wurden als vergleichsweise für Männer. In etlichen Leges wird eine gestaffelte Wertbeimessung angegeben, die den reproduktiven Nutzen einer Frau für ihre Familie bemisst. Die jeweiligen Stammesgesetze regeln diesen Umstand unterschiedlich, eine höhere Kompensationszahlung kennen jedoch die meisten dieser Gesetzestexte.27 Öffentliche Gewaltausübung von Frauen war verpönt und galt als unehrenhaft,28 dennoch gab es sie. Denn auch für diese Fälle gab es Regelungen: Im lex Baiuvariorum wird das höhere Wergeld zu Schaden gekommener Frauen festgelegt mit dem Verweis auf deren Wehrlosigkeit, um gleich im Anschluss festzuhalten, dass Frauen, die kühn wie ein Mann kämpften, auch wie ein Mann – d. h. mit niedrigerem Wergeld – zu büßen seien.29 Eine Formulierung des Langobardischen Rechts ist bemerkenswert. Dieses Frauen gegenüber sehr restriktive Recht hebt explizit hervor, dass Frauen nicht den Tatbestand eines Hofüberfalls erfüllen könnten. Das legt nahe, dass es hier aufgrund konkreter Vorfälle Klärungsbedarf gegeben hat.30 Die hierdurch geschaffene Regelungslücke scheinen einige Männer gezielt ausgenutzt zu haben, indem sie ihre Frauen dazu anhielten, ein Dorf zu überfallen, um so die dafür vorgesehenen Sanktionen zu umgehen. Der langobardische König Luitprand novellierte in Reaktion auf diesen Vorfall 734 das Gesetz, so dass Frauen in solch einem Fall bußlos verletzt oder getötet werden konnten, die Frauen durch Scheren der Haare und Auspeitschen zu bestrafen seien und die jeweiligen Männer der Frauen Bußzahlungen an jene zu entrichten hätten, die durch den Überfall zu Schaden gekommen seien.31 25 Siehe Balzaretti 1998, 178. 26 Balzaretti 1998, 187. 27 Siehe Schumann 2014, 40-48. Die germanischen Stammesrechte weisen in ihrem Rechtsverständnis durchaus Unterschiede auf. So war das westgotische lex Visigothorum deutlich stärker vom römischen Recht beeinflusst und gewährte den Frauen z.B. in der Erbfolge entsprechend mehr Rechte. Das burgundische, alamannische und baiuvarische Recht privilegierte jeweils die Männer; nach fränkischem Recht waren Frauen nicht erbberechtigt; im langobardischen Recht waren Frauen ebenfalls nicht erbberechtigt, wenn männliche Erben vorhanden waren (Guerra Medici 2001, 224). Siehe hier ebenso Johlen 1999, die zeigt, wie die vermögensrechtliche Stellung der Frau abweicht je nach Einfluss römischer oder germanischer Rechtsvorstellungen. 28 Balzaretti 1998, 187. 29 Schumann 2014, 47-48. 30 So Schumann 2014, 49. 31 Schumann 2014, 49. Germanische Kriegerinnen? 139 Die asymmetrische Rechtsposition von Männern und Frauen wird hier weiter untermauert: Die Gewalthandlungen der Frauen werden als unehrenhaft angesehen; die Frauen verlieren ihren Rechtsstatus und werden der öffentlichen Schande ausgesetzt und die Männer werden entsprechend des Bußgeldkatalogs für die Taten ihrer Frauen zur Rechenschaft gezogen. Die einzelnen Stammesrechte weisen Frauen eine untergeordnete Rechtsposition zu; es sind aber nur drei Stammesrechte – lex Burgundionum, lex Baiuvariorum und die leges Langobardorum –,32 die explizit eine rechtliche Regelung für von Frauen verübte Gewalthandlungen vorsehen. Insgesamt legt die frühmittelalterliche Rechtspraxis nahe, dass Gewalt durchaus auch von Frauen ausgeübt wurde. Die Rechtstexte, aus denen ein klarer Regelungsbedarf hervorgeht, waren jedoch auch klar darin, in diesen Gewalthandlungen einen Bruch mit den gesellschaftlichen Normen und dem gängigen Rollenbild von Frauen zu sehen. Für Ross Balzaretti sind die geschlechtsspezifischen unterschiedlichen Standards in der Rechtspraxis ein deutlicher Beleg dafür, dass das Verhältnis von Gender und Gewalt und die damit verbundenen rechtlichen Sanktionen Mechanismen sind, die gesellschaftlichen Kategorien von Mann und Frau zu konstituieren und die Frauen in einer gesellschaftlich unterlegenen Position zu halten.33 Kriegerinnen, die ihren männlichen Pendants gesellschaftlich gleichgestellt waren, scheinen in der frühmittelalterlichen germanischen Welt keinen Platz gehabt zu haben. Denken wir an die lex Baiuvariorum, so sind kämpfende Frauen allerdings auch nicht auszuschließen, es scheint sich jedoch um Ausnahmeerscheinungen gehandelt zu haben. Germanische Frauen unter Waffen: die archäologischen Quellen Durch die Neubewertung eines merowingerzeitlichen Grabs aus Niederstotzingen, Kreis Heidenheim, hatte die Frage germanischer Kriegerinnen an Aktualität gewonnen. In einer kleinen Nekropole wurden hier in den 1960er Jahren zwölf Gräber mit insgesamt 14 Toten freigelegt – z. T. waren die Gräber bereits in alter Zeit ausgeräumt. Aufgrund der erhaltenen hochkarätigen und exklusiven Grabbeigaben wurde dieser Friedhof als Adelsnekropole angesprochen. Bei den meisten Toten handelte es sich um reich ausgestattete Krieger; zwei Mehrfachbestattungen lassen auf die gemeinsamen Bestattungen von Gefolgschaftskriegern schließen.34 Die allerdings nur schlecht erhaltenen Skelette wurden osteologisch untersucht; auffällig waren hierbei zwei der Toten, die aufgrund der reichen Waffenausstattung zwar als Krieger angesprochen wurden, nach anthropologischer Analyse aufgrund ihres grazilen Körperbaus jedoch durchaus als weiblich gelten konnten. Die eine Person (Grab 3C) war von unterdurchschnittlicher Körpergröße, wohingegen die zweite Person (Grab 12C), wie der Anthropologe einräumte, in einem Grab ohne Beigaben ohne Zweifel als weiblich diagnostiziert wor32 Schumann 2014, 40-41. 33 Balzaretti 1998, 189. 34 Siehe hierzu Paulsen 1967. 140 Stefan Burmeister den wäre.35 Die Diskrepanz zwischen der anthropologischen Geschlechtsbestimmung, die ein weibliches Geschlecht für möglich hielt, und dem archäologischen Befund der Waffenausstattung, die als männliche Ausstattung gedeutet wurde, wurde zugunsten der archäologischen Bestimmung aufgelöst.36 Hiermit folgte man dem gängigen Deutungsmuster, dass Waffen als männliches Attribut galten, und so der archäologischen Geschlechtsbestimmung das Primat gegenüber der anthropologischen Analyse zukam: Sachkultur schlägt Biologie. Eine Unterscheidung von sex und gender war in den 1960er Jahren noch nicht denkbar. Mit den in den 1990er Jahren aufkommenden Möglichkeiten der molekularbiologischen Analytik konnten die drei Toten aus Grab 3 genetisch untersucht werden. Die DNA-Analyse ergab, dass die drei Personen miteinander verwandt waren. Große Aufmerksamkeit erregte jedoch die Bestimmung der Person 3C als weiblich.37 Die bereits in der anthropologischen Erstansprache geäußerten Zweifel erhielten mit dem neuen Ergebnis ihre Bestätigung. Dieses Ergebnis fand eine beachtliche Resonanz und mit diesem Perspektivwechsel begann man auch weitere frühmittelalterliche Gräber von Kriegerinnen in Süddeutschland zu entdecken. Auch das in der genannten Studie nicht untersuchte Individuum aus Grab 12 von Niederstotzingen wurde in der Folge als „bis an die Zähne bewaffnete ‚Dame‘“ gewertet – um hier die Formulierung des erstbestimmenden Anthropologen Norman Creel zu verwenden.38 Der Rückruf erfolgte durch eine Neuuntersuchung der sterblichen Überreste der Toten von Niederstotzingen. Durch die weiterentwickelten Methoden der aDNA-Analyse konnten die beiden Individuen 3C und 12C nun zweifelsfrei wieder als männlich diagnostiziert werden.39 Aufgrund ihres Körperbaus handelte es sich um zwei sehr grazil gebaute und weiblich anmutende Männer. Als Beleg für frühmittelalterliche Kriegerinnen bei den Germanen können diese Beiden somit nicht mehr herhalten. Die bei frühmittelalterlichen Gräbern vielfach beobachtete Diskrepanz zwischen anthropologischer und archäologischer Geschlechtsbestimmung führte zu einer Irritation, die auf Lösung drängte. Die jüngste aDNA-Analyse der Toten von Niederstotzingen gab in den konkreten Fällen der archäologischen, von der Ausstattung ausgehenden Bestimmung recht und korrigierte die anthropologische, von der Biologie ausgehende 35 Creel 1967, 27. 36 Es lässt sich nicht mehr zweifelsfrei klären, welche der vorhandenen Waffen den jeweiligen drei Individuen in Grab 12 zuzuordnen sind. Dieses Grab, das durch einen Lamellenpanzer und den bislang einzigen bekannten Lamellenhelm nördlich der Alpen eine sehr exklusive Ausstattung aufweist, wurde durch die Bauarbeiten, die zur Auffindung der Nekropole geführt hatten, stark in Mitleidenschaft gezogen (Paulsen, Bd. 1 1967, 125; 133; Ade 2023, 176). 37 Zeller 2000, 114. 38 Creel 1967, 30. Für die Ansprache der Person aus Grab 12 als Kriegerin siehe z.B. Schneider 2008, 13; 2010. 39 Wahl et al. 2014, 379. Germanische Kriegerinnen? 141 Geschlechtsansprache. Zumindest für Niederstotzingen konnte die Diskrepanz dahingehend aufgelöst werden, dass die Waffenausstattung im Grab mit dem geschlechtsspezifischen Rollenverständnis, das auch die archäologische Forschung traditionell auszeichnet, im Einklang steht. Die gängige Gleichung Krieger = Männer fand hier ihre Bestätigung. Doch offen blieb, ob sich der Befund von Niederstotzingen auf die anderen diskrepanten Fälle übertragen lässt. In einer umfassend angelegten Studie wurden die fraglichen frühmittelalterlichen Fälle aus Bayern einer Revision unterzogen. Hierbei zeigte sich, dass in allen Fällen, in den die sterblichen Überreste eine Analyse zuließen, sich alle „Frauen“ mit einer Waffenausstattung im Grab über ihre DNA als Männer herausstellten.40 In der Konsequenz heißt das, dass es archäologisch für Kriegerinnen im germanischen Frühmittelalter keine belastbaren Belege gibt. Ausblick in die Wikingerzeit Bei der gegenwärtigen Quellenlage gibt es keine hinreichenden Gründe, von Kriegerinnen bei den Germanen auszugehen. Sowohl die schriftliche als auch die archäologische Überlieferung lassen für den Zeitraum vom zweiten vorchristlichen bis zum siebten nachchristlichen Jahrhundert keine Kriegerinnen zweifelsfrei erkennen. Die archäologischen Quellen sind hier deutlicher, die Schriftquellen hingegen etwas ambivalenter, finden wir hier zumindest Berichte über situativ kämpfende Frauen. Im Folgenden soll deshalb der zeitliche Fokus erweitert und die Wikingerzeit ebenfalls in den Blick genommen werden. In der reichhaltigen mittelalterlichen Literatur ziehen kämpfende Frauen im europäischen Norden eine Spur der Gewalt durch die verschiedenen Textgattungen. Wir erfahren von großen Kriegerinnen, die auch die Männer das Fürchten lehrten und viele Schlachten erfolgreich schlugen. Hier stellt sich die Frage, ob diese Kriegerinnen erst im Mittelalter plötzlich auftauchten oder sie nicht doch Vorläuferinnen in der germanischen Eisenzeit hatten. Auch in der Erforschung der Wikingerzeit blieben Frauen lange unter dem Radar der wissenschaftlichen Betrachtung. Eine der frühesten Studien wurde von Megan McLaughlin vorgelegt, die zwar zu einer kritischen Bewertung der schriftlichen Überlieferung kam, letztlich aber angesichts der Fülle der Berichte über kämpfende Frauen diesen Quellen einen Kern an Historizität zubilligte. Entscheidend war ihre Einschätzung, dass im Mittelalter – und hier bezog sie sich auch auf die Wikingerzeit – die Kriegsführung noch nicht staatlich organisiert gewesen sei, sondern in der häuslichen Sphäre wurzelte. Dies hätte Frauen die Möglichkeit gegeben, mit Waffen zu trainieren und so auch den Status einer Kriegerin zu erlangen.41 Weitere wichtige Arbeiten folgten mit den umfassenden Studien zur Frau in der wikingerzeitlichen Gesellschaft von Judith Jesch und Jenny Jochens.42 40 Gärtner et al. 2014; Gärtner 2017. 41 McLaughlin 1990, 201-202. 42 Jesch 1991; Jochens 1996. 142 Stefan Burmeister Die Forschung zur Wikingerzeit erlebte ebenfalls ihren „Niederstotzingen“-Moment. Seit seiner Freilegung im Jahr 1879 zog das Grab Bj. 581 auf dem Friedhof von Birka, dem im 8.-10. Jahrhundert bedeutendsten Zentrum in Skandinavien, die Aufmerksamkeit auf sich. Das Grab lag in herausgehobener Position und gehört zu den 20 reichsten Gräbern dieser großen Nekropole – von den bislang rund 3.000 identifizierten Gräbern wurden über 1.100 inzwischen freigelegt. Nur 75 Gräber enthielten mindestens eine Waffe; allein zwei Gräber enthielten einen vollständigen Waffensatz; eines davon das besagte Grab Bj. 581. In dem aufwändig gefertigten Kammergrab lag eine Person, auf einer abgesetzten Plattform auch noch zwei Pferde – Hengst und Stute. Zur Waffenausstattung gehörten ein Schwert, eine Axt, ein Kampfmesser, zwei Lanzen, zwei Schilde und 25 panzerbrechende Pfeile. Ungewöhnlich ist die Dopplung von Lanze und Schild, die sonst aus der Wikingerzeit nicht bekannt ist. Weitere Ausstattungsmerkmale weichen ebenfalls von der üblichen Beigabenpraxis ab: etwa die Position des Schwertes am Körper und die Beigabe eines Satzes Steigbügel ohne Sporen. Die Kleidung ist ebenfalls auffällig und stammt z. T. aus dem eurasischen Steppenraum. Trotz zahlreicher offener Fragen zur Identität der toten Person und zur Grabausstattung bestand kein Zweifel, dass hier ein Krieger von hohem Rang bestattet war.43 Neue DNA-Analysen sprechen allerdings dagegen: Es handelt sich hier eindeutig um eine Frau. Bereits drei frühere anthropologische Untersuchungen hatten ergeben, dass es sich bei der Person um eine Frau handeln könne, was jedoch in der weiteren wissenschaftlichen Diskussion keine Beachtung fand.44 Auch hier folgte man letztlich dem archäologischen Befund und entschied sich aufgrund der Waffenausstattung für eine Deutung als Kriegergrab. Das Grab Birka Bj. 581 ist nicht singulär: Es gibt weitere wikingerzeitliche Frauengräber mit einer Waffenausstattung. Aus dem norwegischen Nordre Kjølen, Hedmark, stammt ein Grab, das neben einem Pferd noch ein umfangreiches Waffenensemble enthielt: Schwert, Axt, Schild, Lanze und fünf Pfeile. Die Axt entspricht nicht dem Typ einer klassischen Streitaxt – bei dieser könnte es sich auch um ein Arbeitsgerät handeln –, doch an der kriegerischen Ausstattung des Grabes besteht kein Zweifel. Die zu Beginn des 20. Jahrhunderts erfolgte Ansprache der bestatteten Person als weiblich wurde bei einer erneuten Untersuchung Anfang der 1980er Jahre bestätigt. Der Anthropologe Per Holck äußerte jedoch seine Zweifel, ob es sich bei der Toten um eine Kriegerin handeln könne: Die Frau sei nur 1,5 m groß gewesen und hätte 30-40 kg gewogen und damit keine Statur gehabt, die in einem Kampf erforderlich wäre.45 43 Hedenstierna-Jonson et al. 2017; Price et al. 2019; Gardeła 2021, 47-55. 44 Kjellström 2012, 76; 2016, 198. Ein Problem aller Untersuchungen des Knochenmaterials von Birka ist, dass mit Durchmischungen von Knochen aus verschiedenen Gräbern zu rechnen ist. Folglich ist die Integrität der sterblichen Überreste in den einzelnen Gräbern nicht garantiert (siehe Kjellström 2012, 73). Bei der DNA-Analyse wurden ein Zahn und ein Oberarmknochen beprobt; nach Ergebnis der Analyse gehören sie zu einem Individuum (Hedenstierna-Jonson et al. 2017). 45 Zu dem Grab von Nordre Kjølen siehe Gardeła 2021, 57-60; zu dem anthropologischen Gutachten siehe Gardeła 2021, 58. Germanische Kriegerinnen? 143 Ebenfalls aus Norwegen liegt ein weiteres Frauengrab mit einer Waffenausstattung vor. Das Grab einer 19-20-jährigen Frau aus Aunvoll, Nord Trøndelag, enthielt u.a. ein Schwert und ein Speer.46 Bemerkenswert bei diesen drei Gräbern ist, dass sie keine Beigaben enthielten, die ansonsten dem weiblichen Kontext zuzuweisen sind – von einer Perle im Grab von Aunvoll abgesehen.47 Zwei weitere Frauengräber aus Dänemark sind hier zu nennen: eine Doppelbestattung aus Gerdrup, Seeland, und das Grab einer 16-18-jährigen Frau aus Bogøvej, Langeland. In der Doppelbestattung von Gerdrup lag ein 35-40-jähriger Mann und eine mittelalte Frau. Die Altersbestimmung der Frau als „mittelalt“ ist unspezifisch; eine DNAAnalyse hat die beiden Toten als Mutter und Sohn identifiziert – was bei dem nicht sehr großen Altersunterschied der beiden bemerkenswert ist. Der anthropologische Befund und die Lage des Mannes im Grab sprechen dafür, dass er gehängt und gefesselt ins Grab gelegt worden war. Auch bei der Frau handelte es sich nicht um eine gewöhnliche Bestattung: Neben ihr lag ein Speer; doch auf eine besondere Behandlung bei der Grablege weisen drei große Steine von 20-75 kg Gewicht, die auf ihren Körper gelegt worden waren. Die Beschwerung eines Leichnams wird vielfach mit Totenfurcht in Verbindung gebracht. In diesem Fall wird sie jedoch als sozialer Marker gedeutet, um auf die herausragende Stellung der Frau hinzuweisen.48 Auch das zweite hier genannte Grab weicht in einiger Hinsicht von den gängigen Bestattungen der Zeit in Dänemark ab. Die junge Frau hatte eine Streitaxt im Grab, die als Waffe anzusehen ist. Das Grab war im Verhältnis zu den anderen Gräbern des Friedhofs reich ausgestattet. Es handelte sich hierbei um ein Kammergrab; ungewöhnlich war, dass die Tote nicht einfach in der Kammer niedergelegt worden war, sondern zusätzlich in einem Sarg lag. Dieser Grabbrauch wie auch einige der Beigaben im Grab verweisen in den westslawischen Raum nach Polen.49 Leszek Gardeła führt in seiner umfassenden Zusammenschau von Frauengräbern mit Waffenbeigaben noch zahlreiche weitere skandinavische Gräber auf, die Äxte und Pfeile oder Miniaturwaffen enthielten. Der Waffencharakter ist hier jedoch keinesfalls eindeutig, so dass auch er diese Gräber nicht als Hinweise auf Kriegerinnen werten möchte.50 Letztlich gibt es unter den vielen tausend wikingerzeitlichen Gräbern und hunderten von Waffengräbern nur fünf sichere Bestattungen von Frauen mit Waffen. Eine Ausstattungsregel innerhalb dieser kleinen Gruppe ist nicht festzustellen. Keines der Gräber lässt sich in die gängigen Schemata der üblichen wikingerzeitlichen Bestattungsbräuche einfügen. Die drei Frauengräber mit den umfangreichen Waffenausstat46 Siehe Gardeła 2021, 64-65. 47 Die Perle wie auch die Speerspitze wurden erst nachträglich gefunden, werden aber dem Grab der Frau zugeordnet (siehe Gardeła 2021, 64); die Zugehörigkeit kann jedoch aufgrund der Fundumstände nicht als zweifelsfrei gesichert gelten. 48 Kastholm/Margaryan 2021. 49 Gardeła 2021, 70-74. 50 Für die Grabbefunde siehe Gardeła 2021, 47-80; für die Diskussion siehe Gardeła 2021, 81-116. 144 Stefan Burmeister tungen sehen dem ersten Anschein nach wie ein typisches „Kriegergrab“ aus, doch bei genauerer Betrachtung fällt die Lage des Schwertes auf: normalerweise liegen die Schwerter auf der rechten Seite des Toten, in diesen Fällen liegt das Schwert jedoch jeweils links. Da es auch Männergräber mit dieser abweichenden Schwertlage gibt, ist daraus kein geschlechtsspezifisches Merkmal abzuleiten. Es ist jedoch auffällig, dass alle der aufgeführten Frauengräber für sich besonders sind und von der Norm abweichende Merkmale aufweisen. Die beiden Gräber Birka und Bogøvej legen zudem nahe, dass die jeweiligen Frauen nicht aus Skandinavien kamen. Es ist jedenfalls offensichtlich, dass in der Wikingerzeit Frauen mit Waffen bestattet werden konnten und Waffenausstattungen nicht zwingend Männern vorbehalten waren. In der schriftlichen Überlieferung des Mittelalters sind Kriegerinnen und andere kämpfende Frauen bei den Wikingern eine feste Größe. Der dänische Historiker Saxo Grammaticus schuf in seinem großen um 1200 verfassten dänischen Geschichtswerk Gesta Danorum ein reiches Figurentheater, in dem große Kriegerinnen tragende Rollen spielten. Lathgertha war eine solche Kämpferin, die als Kriegerin und Frau von Ragnar Lodbrok Eingang in die heutige Populärkultur gefunden hat. Er schrieb: „There were once women in Denmark who dressed themselves to look like men and spent almost every minute cultivating soldiers’ skills … they courted military celebrity so earnestly that you would have guessed they had unsexed themselves … aimed at conflicts instead of kisses, tasted blood, not lips, sought the clash of arms rather than the arm’s embrace, fitted to weapons hands which should have been weaving, desired not the couch, but the kill ….“51 Einige der beschriebenen Kriegerinnen tauchen auch in anderen nordischen Texten auf, wenngleich Bezüge und Ursprünge bei Saxo nicht immer klar sind; Lathgertha hingegen findet ausschließlich in dem dänischen Geschichtswerk Erwähnung. Auch die altnordische Saga-Literatur ist reich an solchen Frauengestalten. Die wohl schillerndsten Persönlichkeiten sind Hervör und Brynhildr, deren beider Geschichte in die Völkerwanderungszeit zurückgeht und im zeitlichen Umfeld der Kämpfe der Goten gegen die Hunnen spielt.52 Die Geschichte der Hervör ist in mehreren Texten und Varianten erzählt; die umfangreichste Erzählung liefert die Hervara Saga. Hervör wird als Mädchen von großer Schönheit beschrieben: „She was strong as a man; as soon as she could do anything for herself she trained herself with a bow and shield and sword than with needlework and embroidery. She did more often harm than good, and when it was forbidden her she ran away to the woods and killed men for her gain.“53 51 Zitiert nach Jesch 1991, 176 (für Verweis siehe Jesch 1991, 218). 52 In der Geschichte der Hervör gibt es einen zeitlichen Bruch. Während die hier beschriebene Hervör zeitlich in einen Wikinger-Kontext gestellt wird, kämpft ihre Enkelin gleichen Namens, die ebenfalls eine erfolgund ruhmreiche Kriegerin ist, gegen die Hunnen (siehe Jochens 1996, 97-100). 53 Hervarar saga ok Heiðreks konungs 10; Zitat nach Tolkien 1960, 10. Siehe auch die deutsche Übersetzung bei Reifegerste 1989, 32. Germanische Kriegerinnen? 145 Später legte sie sich den männlichen Namen Hervard zu, kleidete sich wie ein Mann und führte viele Jahre siegreich eine Gefolgschaft von Wikingern an. All diese Frauen entstammen einer mythischen Vorzeit. Saxo Grammaticus beschrieb sie in seinen Büchern, die er der heidnischen und sagenhaften Vorzeit widmete. Auch die Kriegerinnen der Saga-Literatur entstammen den so genannten Vorzeiterzählungen (fornaldersögur), die in der mythischen Vergangenheit verortet sind. In den so genannten Isländersagas, deren mündliche Überlieferung nicht vor Ende des 9. Jahrhunderts einsetzte, werden ebenfalls zahlreiche kämpfende Frauen dargestellt. Doch diese werden nicht als Kriegerinnen beschrieben, sondern als Frauen, die im privaten, häuslichen Umfeld Gewalt ausübten: Sie verteidigten sich gegen Angreifer, sie nahmen Rache, töteten ihre Männer. Hier wird ein gänzlich anderer Kämpferinnentypus beschrieben: es handelt sich nicht um Kriegerinnen im eigentlichen Sinne, sondern um wehrhafte, durchaus auch um sozial unverträgliche Frauen, die sich in einer Männerwelt behaupten.54 Die Beschreibungen der vorzeitlichen Kriegerinnen haben einige wiederkehrende Motive, die das mittelalterliche Rollenverständnis widerspiegeln. Generell bekunden die mittelalterlichen Texte eine strenge Rollenerwartung für Männer und Frauen. Dass Frauen oder Männer sich in der Wikingerzeit entgegen den geschlechtsspezifischen Normen verhielten, war gesellschaftlich geächtet und wurde sanktioniert.55 Auch die oben angeführten Zitate über Kriegerinnen von Saxo Grammaticus oder die Beschreibung der jugendlichen Hervör in der Hervara Saga weisen Frauen das textile Handwerk als das vorgesehene weibliche Tätigkeitsfeld zu; die Kriegskunst gehörte definitiv nicht dazu. Die kriegerischen Frauen verweigern sich diesem Rollenbild. Hierbei ist jedoch bemerkenswert, dass sie ihr weibliches Geschlecht ablegen und eine männliche Identität annehmen. Saxo spricht ihnen sogar jegliche Geschlechtlichkeit ab, und dennoch werden die Frauen in den Erzählungen erotisiert, indem ihre Schönheit betont wird.56 Brynhildr nimmt hier eine Sonderrolle ein: Sie ist zwar gerüstet wie ein Krieger, dennoch besteht kein Zweifel an ihrer Weiblichkeit. Ihre übermenschliche Stärke wurzelt in ihrer Jungfräulichkeit; mit dem Verlust der Jungfräulichkeit und der Heirat verliert Brynhildr auch ihre Kraft.57 Während die Kriegerinnen bei Saxo Grammaticus, von wenigen Ausnahmen wie Lathgertha abgesehen, den Tod im Kampf finden, heiraten am Ende die meisten Kriegerinnen der Vorzeitsagas, legen fortan die Waffen nieder und fügen sich in das erwartete Rollenbild der Hausfrau und Mutter. Thornbjörg ist so ein Fall: Hrólfr hatte mehrfach erfolglos um sie geworben; erst als er sie besiegt hatte, nimmt sie seinen Antrag an – sie heiraten und bekommen Kinder.58 Weibliche Sexualität 54 Siehe Jesch 1991, 182-202; Jochens 1996, 132-161; Gardeła 2021, 30-34. 55 Gardeła 2021, 12. 56 So zum Beispiel in Saxo Grammaticus’ Beschreibung von Alvild, die aufgrund ihrer Schönheit zur Anführerin gewählt wurde (Zitat bei Gardeła 2021, 29; 43 Anm. 15). 57 Siehe Jochens 1996, 94. 58 Siehe Jochens 1996, 101. 146 Stefan Burmeister und kriegerische Gewalt schließen sich aus; nur eine Frau – wie Jochens bilanziert –, die ihre Sexualität verleugnet, kann aus ihrer angestammten Rolle ausbrechen und eine männliche Rolle annehmen.59 Es besteht in der fachlichen Diskussion weitgehende Einigkeit, dass in diesen Erzählungen nicht die Historizität der geschilderten Ereignisse und Personen im Vordergrund steht – diese ist sehr zweifelhaft –, sondern sie eine Aushandlung gesellschaftlicher Normen darstellen. Jochens bringt es prägnant auf den Punkt: Es geht in den Erzählungen weniger um eine Geschichte der Frauen als um eine Auseinandersetzung über gender.60 Die Vorzeitsagas und die ersten Bücher zur dänischen Geschichte von Saxo Grammaticus lieferten mit den Erzählungen aus heidnischer Vorzeit eine Kontrastfolie zur Gesellschaft der Erzählzeit. Es waren von Männern verfasste Geschichten, die vor einem männlichen Auditorium vorgetragen wurden und männliche Vorstellungen weiblicher Rollen reflektierten. Für Saxo Grammaticus lebten die Kriegerinnen außerhalb der für ihn wünschenswerten gesellschaftlichen Norm – weswegen sie am Ende vielleicht auch sterben mussten – und verkörperten das heidnische Chaos. Seine Kriegerinnen waren von den Amazonen der klassischen Antike inspiriert und sind nicht als historische Figuren angelegt. Sein eigentliches Augenmerk lag auf seiner zeitgenössischen Geschichte und dem christlichen Ideal der Frau; in seinen Büchern 10-16 tauchen keine Kriegerinnen mehr auf, sondern Mütter, Schwestern, Ehefrauen, Konkubinen und Töchter dänischer und anderer Könige.61 Und so sind auch die Erzählungen über die Kriegerinnen der Vorzeitsagas als Lehrstück zu lesen über die Geschichte der „Widerspenstigen Zähmung“62 und die Domestikation der die gesellschaftlichen Normen sprengenden Frauen. Die literarische Welt der Wikingerzeit wird auch noch durch die Walküren und „Schildmädchen“ bevölkert. Auch bei diesen handelt es sich um kriegerische Frauen, die nicht ins gesellschaftliche Normengerüst passen.63 Obwohl beide Begriffe häufig synonym verwendet werden, entstammen die Walküren dem mythischen Bereich und bezeichnen Frauen aus dem Gefolge von Odin; dagegen sind die „Schildmädchen“ irdischer Natur – und, wie Ute Zimmermann herausarbeitet, kommen ihnen jeweils gänzlich andere Eigenschaften und Aufgaben zu.64 Obwohl Walküren ein kriegerisches Erscheinungsbild haben – sie tragen meist Helm und Panzer und sind mit Schild und Speer bewaffnet –, sind sie in der Regel nicht aktiv an Kämpfen beteiligt. Eine ihrer wesentlichen Rollen besteht darin, Sieg oder Niederlage zu vergeben und die dem Tod bestimmten Krieger auszuwählen. Sie nehmen durch Zauber Einfluss auf den Schlach59 Jochens 1996, 101. 60 Jochens 1996, 88. 61 Jesch 1991, 178. 62 So hat es Priska Steger für den Mythos der Brünhild aus der Nibelungensage formuliert (Steger 1996, 341). 63 Siehe hierzu Jochens 1996, 38-39; 95-96; Zimmermann 2012 (mit weiterer Literatur). 64 Zimmermann 2012. Germanische Kriegerinnen? 147 tenverlauf, sie helfen den Helden oder verweigern die Hilfe: Sie machen Helden und sie zerstören Helden. Doch sie sind keine Kriegerinnen, sondern die Personifikation von Kampf und Schlachtenglück.65 Sie „handeln immer nur in Bezug auf die männlichen Protagonisten“.66 Die „Schildmädchen“ sind uns schon begegnet als die Kriegerinnen bei Saxo Grammaticus und in den Vorzeitsagas.67 Ihr Handeln steht dem konträr entgegen: Sie handeln nicht in Bezug auf männliche Protagonisten, sondern sie agieren wie männliche Protagonisten. Ziehen wir mit Judith Jesch Bilanz: „there are in fact no medieval texts that provide conclusive evidence for warrior women in the Viking Age“.68 Das ist die Erkenntnis der Quellenschau. Die textliche Überlieferung liefert keine verlässlichen Berichte über kriegerische Frauen in der Wikingerzeit, sondern thematisiert geschlechtsspezifische Normativität.69 Die archäologische Überlieferung zeigt, dass mit Frauen unter Waffen zwar zu rechnen ist, diese jedoch eine gesellschaftliche Minderheit bildeten. Die fünf bekannten – und hier beschriebenen – Frauengräber sind ein Indiz für einen Normenbruch und Rollenwechsel. Es ist hier jedoch auch festzuhalten, dass alle fünf Gräber Besonderheiten aufwiesen, die sie unabhängig vom Geschlecht der Toten als auffällig auszeichneten. Diese Bestattungen verweisen auf die Ausnahme und nicht die Regel. Mit diesem Exkurs in die Wikingerzeit sollte überprüft werden, ob sich die opake Quellenlage zu den germanischen Kriegerinnen durch die zeitlich anschließenden Quellen, quasi im Blick nach vorn, aufklären lässt. Ausgehend von der Hypothese wikingerzeitlicher Kriegerinnen wären deren Ursprünge durchaus in germanischer Zeit anzunehmen. Da sich die Hypothese der wikingerzeitlichen Kriegerinnen allerdings ebenfalls aufgelöst hat, stellt sich die Kontinuitätsfrage nicht mehr. Interessant in diesem Zusammenhang ist, dass Jenny Jochens einen ebensolchen methodischen Weg beschritten hatte, um trotz der schwierigen Quellenlage wikingerzeitliche Kriegerinnen doch bestätigen zu können: im Blick zurück auf die germanische Situation. Mit Bezug auf eine Veröffentlichung von Alfred Dieck schlussfolgerte sie: „If Germanic women occasionally participated in battle during the migration age of the fourth and fifth centuries, it would be reasonable to consider that similar conditions might have prevailed …, thus justifying an expectation of fighting viking women.“70 So wie der von mir beschrittene Weg der Kontinuitätshypothese nicht funktioniert, gelingt es Jochens eben65 Zimmermann 2012, 181-207. 66 Zimmermann 2012, 212. 67 Zimmermann 2012, 207-211; Jesch 2021. – Der Begriff „Schildmädchen“ ist eine Übersetzung aus dem altnordischen „skjaldmær“. 68 Jesch 2021, 138. 69 Dagrún Ósk Jónsdóttir weitet hier unseren Fokus: Sie zeigt anhand isländischer Legenden, dass diese mythischen Erzählungen als Mahnung zu verstehen sind, die hegemonialen Normen in Bezug auf Weiblichkeit und weibliche Sexualität nicht zu missachten (Jónsdóttir 2023). 70 Jochens 1996, 108. Zimmermann 2012, 212 folgt ihr hier.