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Künstliche Intelligenz und koloniale Provenienz. Pilotprojekt zur Erprobung KI-gestützter Transkription, Übersetzung und Visualisierung von Provenienzdaten aus kolonialen Kriegszügen in Deutsch-Neuguinea

Labischinski, Ilja; Ortlieb, Hendryk

Abstract

Kolonialisierung, das Aneignen von Objekten und der Aufbau von ethnologischen Sammlungen in Berlin waren auf das Engste miteinander verknüpft. Bis heute befindet sich eine Vielzahl an Gegenständen, die im Kontext kolonialer Kriegszüge nach Berlin gelangten im Ethnologischen Museum. Die gewaltvolle Geschichte dieser Erwerbungen zu ergründen und offenzulegen ist das zentrale Anliegen der Provenienzforschung. Viele historische Dokumente, die für die Erforschung kolonialer Museumsbestände zentral sind, sind nur schwer zugänglich. Sie sind in altdeutscher Handschrift verfasst, schwer lesbar und ausschließlich auf Deutsch vorhanden. Das erschwert die Forschung und die internationale Zusammenarbeit. Das Pilotprojekt zur Erprobung KI-gestützter Transkription, Übersetzung und Visualisierung von Provenienzdaten aus kolonialen Kriegszügen in Deutsch-Neuguinea setzt sich damit auseinander, wie diese Barrieren überwunden werden können. Das Projekt erprobt KI-gestützte Methoden zur Unterstützung der Provenienzforschung. Aufbauend auf dem von der DFG geförderten Projekt zur Digitalisierung des historischen Archivs im Ethnologischen Museum soll nun sondiert werden, wie eine Transkription und anschließende Übersetzung dieser Dokumente in mehrere Sprachen umgesetzt werden kann. Gleichzeitig wird die Visualisierung der dabei erhobenen Daten getestet, um die Provenienzforschung in diesem Bereich inhaltlich zu unterstützen und Erkenntnisse für zukünftige Projekte zu gewinnen. Die ausgewählten Akten beziehen sich auf Aktivitäten der Marine in der Kolonie Deutsch-Neuguinea und bieten Kontextinformationen zu kolonialen Kriegszügen und den aus diesem Kontext stammenden Objekten. Das Projekt ist ein erster Testlauf: Welche Technologien sind für die Provenienzforschung tatsächlich nutzbar? Wie viel menschliche Arbeitszeit wird benötigt, um mit gegenwärtig verfügbaren KI-basierten Technologien verwertbare Ergebnisse zu erzielen? Wo liegen die Grenzen automatisierter Verfahren? Die gewonnenen Erkenntnisse sollen dazu beitragen, digitale Methoden für die Erforschung kolonialer Sammlungen weiterzuentwickeln. Dieses Poster ist für die Tagung "Digital Turn. Sammlungen – Provenienzen – Märkte", die am 27. und 28. November 2025 an der Humboldt-Universität zu Berlin stattfand, entstanden.

Full text

Künstliche Intelligenz und koloniale Provenienz Pilotprojekt zur Erprobung KI-gestützter Transkrip�on, Übersetzung und Visualisierung von Provenienzdaten aus kolonialen Kriegszügen in Deutsch-Neuguinea Mo�va�on und Zielsetzung: von schwer lesbar zu einfach zugänglich Visualisierung Denkbare Darstellungsformen: Karten, Netzwerke, Zeitleisten → Verknüpfung von Personen, Orten, Ereignissen und Objekten für neue Einsichten Analyse Werkzeug: Named En�ty Recogni�on (NER) mit LLMs → Erkennung relevanter En�täten wie Personen, Orte, Ereignisse und Objekte funk�oniert scheinbar zuverlässig Übersetzung Werkzeuge: DeepL, LLMs → DeepL erwies sich in ersten Tests als präziser und stabiler Gefördert von: Projektleitung: Ilja Labischinski, Hendryk Ortlieb Einrichtungen: Ethnologisches Museum, Zentralarchiv E-Mail: [email protected] · [email protected]-berlin.de Laufzeit: 2025 bis 2027 Das historische Archiv im Ethnologischen Museum ist eine einmalige Quelle für die Provenienzforschung und die Aufarbeitung des deutschen Kolonialismus. Problem: Viele der digitalisierten Dokumente sind schwer lesbar und nur auf Deutsch verfügbar. Ziel: Ausgewählte Quellen durch KI-gestützte Transkrip�on, Übersetzung und Visualisierung interna�onal zugänglich machen – für Forschung, Herkun�sgesellscha�en und Öffentlichkeit. Lei�ragen: • Wie lassen sich koloniale Dokumente durch KI-gestützte Verfahren transkribieren, übersetzen und visualisieren? • Welches Potenzial haben diese Methoden für neue Einsichten in koloniale Netzwerke? • Welche Chancen und Grenzen ergeben sich für die Aufarbeitung des Kolonialismus und die interna�onale Zusammenarbeit? Deutscher Kolonialismus in Ozeanien Zwischen 1884 und 1914 errichtete das Deutsche Reich die Kolonie Deutsch-Neuguinea. Zur Durchsetzung der Herrscha� führte die Kolonialverwaltung zahlreiche sogenannte Strafexpedi�onen durch – gewaltsame Militäreinsätze gegen die lokale Bevölkerung durch. Die Kaiserliche Marine spielte dabei eine zentrale Rolle. Als zentrale Sammelstelle für Objekte aus den deutschen Kolonien profi�erte das Ethnologische Museum in Berlin von der kolonialen Gewalt. Zahlreiche kulturelle Objekte und menschliche Überreste wurden geplündert und nach Deutschland verbracht. Datenbasis Das Archiv dokumen�ert die Entstehung und Entwicklung der Sammlungen im Ethnologischen Museum. Es stellt eine unschätzbare Forschungsquelle zur Geschichte des deutschen Kolonialismus und für die Provenienzforschung dar. Für die Zeit zwischen 1830 und 1947 umfasst es insgesamt 1603 historische Dokumente mit einer Gesamtzahl von über 588.000 Seiten. Für das Projekt wurden Akten der Kaiserlichen Marine ausgewählt: Ein bislang kaum bearbeiteter Bestand mit poten�ellen Kontex�nformationen zu kolonialen Kriegszügen und den aus diesem Kontext stammenden Objekten. Diese umfassen rund 2000 Seiten mit Handschri�en, Annota�onen, Listen etc. aber teilweise auch Druckund Maschinenschri�en. Die Scans entstanden im Rahmen eines DFG-Projekts zur Digitalisierung des historischen Archivs im Ethnologischen Museum. Findbuch zu allen digitalisierten Dokumenten Methodik und Vorgehen Ziel: Entwicklung und Erprobung von KI-gestützten Workflows zur Transkrip�on, Übersetzung, Analyse und Visualisierung kolonialer Archivquellen. Transkrip�on Werkzeuge: Transkribus, Vision-Modell von ChatGPT, Archive Studio →Transkribus liefert überwiegend verlässliche Ergebnisse; Korrektur der Transkrip�on in Kombina�on mit LLMs verbessert Ergebnisse Erkenntnisse • Deutliche Zeitersparnis durch KI-basierte Verfahren • Experimen�eren scha� Erfahrungen und Wissenszuwachs im Museum • Neue Fragestellungen für die Provenienzforschung durch große Datenverarbeitung Herausforderungen • Plausible, aber fehlerha�e Ergebnisse („Halluzina�onen“) • „Lazy Coworker“-Effekt: unzuverlässige Automa�sierung • Nachprüfung bei großen Datenmengen kaum zu leisten Ausblick • Entwicklung von Methoden zur besseren Evalua�on der Ergebnisse • Entwicklung robuster, dokumen�erter Workflows • Erprobung der Visualisierung • Übertragung der Methoden auf weitere Aktenbestände des Museums