Sharing Economy in der Elektrizitätswirtschaft: Treiber und Hemmnisse
Abstract
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Full text
Szichta, Pia; Tietze, Ingela Article — Published Version Sharing Economy in der Elektrizitätswirtschaft: Treiber und Hemmnisse Sustainability Management Forum Provided in Cooperation with: Springer Nature Suggested Citation: Szichta, Pia; Tietze, Ingela (2020) : Sharing Economy in der Elektrizitätswirtschaft: Treiber und Hemmnisse, Sustainability Management Forum, ISSN 2522-5995, Springer, Berlin, Heidelberg, Vol. 28, Iss. 3-4, pp. 109-125, https://doi.org/10.1007/s00550-020-00506-0 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/288371 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/
ORIGINALBEITRAG / ORIGINAL ARTICLE https://doi.org/10.1007/s00550-020-00506-0 NachhaltigkeitsManagementForum (2020) 28:109–125 Sharing Economy in der Elektrizitätswirtschaft: Treiber und Hemmnisse Pia Szichta1,2 ·IngelaTietze 3 Eingegangen: 24. April 2020 / Überarbeitet: 17. Juli 2020 / Angenommen: 5. September 2020 / Online publiziert: 1. Oktober 2020 © Der/die Autor(en) 2020 Zusammenfassung Im Rahmen der Energiewende in Deutschland erfolgt eine schrittweise Dezentralisierung der Energieerzeugung und damit einhergehend nehmen Sharing-Angebote zu. Verglichen mit anderen Branchen ist das Sharing-Angebot in der Elektrizitätswirtschaft gering. In diesem Beitrag werden deshalb anhand einer Literaturrecherche und darauf basierenden Experteninterviews Treiber und Hemmnisse für Sharing-Angebote in der Elektrizitätswirtschaft identifiziert. Darüber hinaus werden begünstigende Rahmenbedingungen und Umweltwirkungen aus Expertensicht erhoben. In einer multiplen Fallanalyse werden aufbauend die Fallbeispiele Brooklyn Microgrid, Power Peers und die sonnenCommunity analysiert. Die Ergebnisse dieser Fallanalyse zeigen Heterogenitäten im Aufbau und in der praktischen Umsetzung, weshalb Verallgemeinerungen zu Treibern und Hemmnissen nur beschränkt möglich sind. Der in dem Beitrag beschriebene Systematisierungsansatz bietet allerdings die Möglichkeit, verschiedene Fallbeispiele inhaltlich differenziert zu untersuchen und miteinander zu vergleichen. Auf dieser Grundlage werden erste Handlungsempfehlungen für Anbieter und Politik abgeleitet, die eine Umsetzung von Sharing-Ansätzen in der Energiewirtschaft begünstigen. Schlüsselwörter Sharing Economy · Energy Sharing · Platform Energy · Digital Energy · Peer-to-Peer Energy Title sharing economy in the electricity sector: drivers and barriers Abstract Within the German Energy Transition, energy production is being gradually decentralised and, as a result, the offer of sharing services is increasing. However, compared to other sectors the increase of sharing services in the electricity sector is small. We therefore identify drivers and barriers for sharing services in the electricity sector using systematic literature reviews and expert interviews. Furthermore, environmental impacts and framework conditions for the Sharing Economy in the electricity sector were collected in the expert interviews. Using a multiple case analysis, the cases Brooklyn Microgrid, Power Peers and sonnenCommunity are analysed. The results of this case study show a heterogeneity in structure and practical implementation. Due to this heterogeneity, general drivers and barriers can only be derived to a limited extend. However, the developed systematic approach offers the opportunity to examine and compare different case studies in a differentiated way. On this basis, initial general recommendations for action for both providers and politics can be derived, that favour the implementation of sharing approaches in the energy industry. Keywords Sharing Economy · Energy Sharing · Platform Energy · Digital Energy · Peer-to-Peer Energy Pia Szichta [email protected] 1TUM School of Life Sciences, Lehrstuhl für Holzwissenschaft, Technische Universität München (TUM), München, Deutschland 2Hochschule Pforzheim, Pforzheim, Deutschland 3Institut für Industrial Ecology (INEC), Hochschule Pforzheim, Pforzheim, Deutschland 1 Einleitung Die Energiewende impliziert einen tiefgreifenden Wandel des Energiesektors. Die Elektrizitätswirtschaft betrifft dies in besonderem Maße, da mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien eine Änderung der Besitzstrukturen verbunden ist: Während die meisten konventionellen Kraftwerke im Besitz von Energieversorgungsunternehmen sind, stelK
110 NachhaltigkeitsManagementForum (2020) 28:109–125 len etwa 40% der erneuerbaren Anlagen Projekte unter Beteiligung privater Bürger dar (Einzelbesitz, Bürgerenergiegesellschaften und Bürgerbeteiligungen) (Heinrich-BöllStiftung et al. 2018). Durch die Beteiligung der lokalen Bevölkerung an erneuerbaren Energieprojekten wird das Gelingen der Energiewende unterstützt, da durch die Beteiligung Widerstände der Bevölkerung abgebaut werden können (Brinkmann und Schulz 2011; Poppen 2015). Im Lauf der letzten Jahre ist die Zahl an dezentralen Erzeugungskapazitäten mit einer Verbindung zur Nachfrageseite der Stromsysteme stetig angestiegen (Zhou et al. 2018). Auf der Nachfrageseite treten zunehmend Prosumenten auf, die Strom sowohl bereitstellen als auch nachfragen (Li et al. 2019). Deren dezentrale Erzeugungskapazitäten können mithilfe von Onlineplattformen so vernetzt werden, dass Prosumenten in der Lage sind, über diese Plattformen Strom miteinander austauschen (Zhou et al. 2018). Ansätze der Sharing Economy ermöglichen alternative Nutzungsund Beteiligungsformen privater Bürger an Geschäftsprozessen. Bislang wurde kein Konsens über eine einheitliche Definition der Sharing Economy gefunden (Sundararajan 2016). Tietze (2020) identifiziert Gemeinsamkeiten verschiedener Definitionen der Sharing Economy bezüglich des Geteilten Guts, der Informationskanäle, dem Eigentum und Zugang sowie der Nutzung. Daher basiert diese Arbeit auf dem Verständnis der Sharing Economy in Form eines über ein Netzwerk sichergestelltes, zeitlich begrenztes Zugriffsrecht auf ein Produkt oder eine Dienstleistung mit dem Ziel der Erhöhung der Kapazitätsauslastung. Verbraucher können auf dieses Angebot der Ressourcenbesitzer beispielsweise über Peer-to-Peer-Plattformen zugreifen (Daunorien˙ eetal.2015). Die SharingModelle, bei denen Prosumenten oder Erzeuger mit Verbrauchern Strom, bzw. erneuerbare Energieerzeugungsanlagen und Speicherkapazitäten (Plewnia 2019) direkt und ohne einen konventionellen Energieversorger austauschen, werden auch als Peer-to-Peer (P2P) Energiehandel bezeichnet (Hamari et al. 2016). Long et al. (2018) unterteilen bereits umgesetzte P2PSharing-Ansätze in der Energiewirtschaft in drei Kategorien: Blockchain-Lösungen: Diese Sharing-Modelle basieren auf der Durchführung und Verschlüsselung von Transaktionen mithilfe von Blockchain-Technologie. Online-Matching-Plattformen: Anbieter stellen eine Online-Plattform zur Verfügung, über die Teilnehmer ihren Stromverbrauch abgleichen können. Batteriespeicher-Communities: Der Einsatz von Batteriespeichern steht im Vordergrund des Sharing-Modells. In diesem Zusammenhang ist allerdings anzumerken, dass der Energiesektor im Vergleich zu anderen Sektoren spezifische Charakteristika aufweist, die die Umsetzung von Sharing Economy erschweren (Tietze 2020). Durch den Einbezug finanzieller Transaktionen wird nicht der Strom selbst, sondern vielmehr die Kapazität erneuerbarer Energieerzeugungsanlagen wirtschaftlich geteilt. Darüber hinaus erfolgt aufgrund räumlicher Entfernung oftmals ein bilanzielles und kein physisches „Teilen“ des erzeugten Stroms. In Mikrogrids ist die räumliche Nähe allerdings gegeben und die finanziellen Transaktionen können dem physischen Stromfluss entsprechen (Plewnia 2019). Im Transportund Tourismussektor sind profitable und populäre Sharing-Geschäftsmodelle wie Uber, Couchsurfing und AirBnB entstanden, die mit einer höheren Flexibilität in den Sektoren einhergehen. Die Sharing Economy verspricht auch für den Energiesektor erhöhte Flexibilität (Zhou et al. 2018), welche aufgrund des Wandels zu höheren Anteilen erneuerbaren Energien im Rahmen der Energiewende erforderlich wird (Untersteller 2016). Inwieweit das Ziel einer umweltfreundlichen Energieversorgung durch Ansätze der Sharing Economy unterstützt wird, ist allerdings fraglich. Während einige Autoren Sharing Economy als grundsätzlich positiv für die Umwelt erachten, überwiegen aus Sicht anderer Autoren die negativen Auswirkungen auf die Umwelt (eine Übersicht der aktuellen Diskussionslage hierzu findet sich in Gossen et al. (2019)). Vor dem Hintergrund der Potentiale der Sharing Economy zur Unterstützung der Transformation des Energiesystems durch Dezentralisierung und Flexibilisierung zielt dieser Beitrag auf die Identifikation von motivierenden Aspekten und Beweggründen für Nutzung, Umsetzung und Angebot (Treibern) und Aspekten mit hemmender oder erschwerender Auswirkung auf Nutzung, Umsetzung und Angebot (Hemmnissen) von Sharing Economy in der Elektrizitätswirtschaft ab. Zur Erhebung von Treibern und Hemmnissen der Sharing Economy in der deutschen Elektrizitätswirtschaft wurden im Rahmen einer Masterthesis Experteninterviews durchgeführt. Zusätzlich werden die Erwartungen hinsichtlich der Umweltwirkungen von und Einschätzungen zu begünstigenden Rahmenbedingungen für Sharing Economy erfragt. Anhand von drei Fallbeispielen wird ergründet, inwieweit sich die zuvor identifizierten Treiber und Hemmnisse in der Praxis wiederfinden. Anschließend wird der Einfluss von begünstigenden Rahmenbedingungen zur Verstärkung der Treiber und dem Überwinden von Hemmnissen in den Fallbeispielen beschrieben. Zusätzlich werden die drei Fallbeispiele auf potenzielle Umweltwirkungen überprüft, bevor Implikationen im Hinblick auf eine Unterstützung der Transformation des Elektrizitätssystems abgeleitet werden. K
NachhaltigkeitsManagementForum (2020) 28:109–125 111 2 TreiberundHemmnissevonAnsätzender Sharing Economy in der Literatur Dem von Booth (2006) beschriebenen Vorgehen zur systematischen Literaturrecherche folgend werden Treiber und Hemmnisse der Sharing Economy recherchiert. Die genutzten Plattformen sind Science Direct, Google Scholar, Springer Link, Scopus und Research Gate. Aus Aktualitätsgründen umfasst der Zeitrahmen die letzten fünf Jahre und die für die Recherche genutzten Schlagworte werden aus dem Themenfeld der Forschungsfrage abgeleitet: Blockchain, Blockchain Energy, Sharing Economy, Smart Grid, Platform Energy, Distributed Energy Resources, Peer to Peer, Energy Sharing, Self-Sufficiency, Micro Grid und Digital Energy (jeweils englisch und deutsch). Diese Liste wird durch die von Plewnia in seiner Arbeit zu Sharing-Geschäftsmodellen in der Energiewirtschaft verwendeten Begriffe ergänzt: Collaborative Economy, Cloud Energy, Demand Side Management und Peer Energy (Plewnia 2019). Im Folgenden werden die unter diesen Parametern in der Literatur identifizierten Treiber und Hemmnisse kurz zusammengefasst. Finanzielle Vorteile stellen einen wichtigen Treiber für Sharing-Angebote dar: Der benötigte Strom kann aufgrund der Verringerung der Transaktionsebenen kostengünstig angeboten werden (Kloppenburg und Boekelo 2019; Pires Klein et al. 2020). Aufgrund der auslaufenden Förderung erneuerbarer Energien und der geringen Vergütung von Kraft-WärmeKopplungsanlagen werden alternative Geschäftsmodelle wie Sharing für viele Akteure attraktiv (Nicklaß et al. 2017). Sinkende Einspeisevergütungen für den Verkauf an das Stromnetz bieten Kunden in vielen Ländern finanzielle Vorteile, wenn sie Strom miteinander handeln oder tauschen, anstatt ihn direkt ins Netz einzuspeisen (Zhou et al. 2020). Eine Untersuchung von Celik et al. (2018) zeigt, dass eine effiziente Planung des Einsatzes der geteilten Güter mithilfe eines Algorithmus sowohl Kosten als auch die Spitzenlast in Sharing-Ansätzen reduzieren kann. Ein lokaler Speicher der, im Gegensatz zu einer Vielzahl individuell genutzter Speicher, von mehreren Haushalten gemeinsam genutzt wird, kann Kosten für die Energiespeicherung verringern (Parra et al. 2017). In Deutschland fehlen jedoch rechtliche Rahmenbedingungen für gemeinschaftlich genutzte Speicher (Gährs und Knoefel 2020). Hackbarth und Löbbe (2020) verweisen allerdings auf das starke Interesse an innovativer Preisgestaltung in Form von Nutzungsdauertarifen oder inklusiven Leistungen, die Interessenten einem allgemeinen finanziellen Vorteil vorziehen. Ein weiterer Grund für das wachsende Interesse vieler Akteure an Sharing-Angeboten ist das zunehmende Umweltbewusstsein in der Bevölkerung: Der Nutzen für die Umwelt von erneuerbaren Erzeugungsanlagen wirkt sich vermehrt auf die Handlungen der Gesellschaft aus (Sun et al. 2018). Darüber hinaus können Interessenten ein Sharing-Angebot in Anspruch nehmen und ihren Strom aus erneuerbarer Energieerzeugung beziehen, selbst wenn sie nicht über genügend Eigenkapital verfügen, um in eine eigene Solaranlage oder einen Batteriespeicher zu investieren (Tang et al. 2019). Allerdings können durch die Installation und Nutzung erneuerbarer Energieerzeugungsanlagen unabhängig von einem Sharing-Angebot positive Umweltwirkungen erzielt werden. Anfangsinvestitionen stellen demgegenüber ein Hemmnis für die Inanspruchnahme von Sharing-Angeboten durch Privatpersonen dar (Kröhling 2017). Die Erfassung und Übermittlung von Daten und Informationen im Smart-Grid gelten für einen Teil der Kunden als weiteres Hemmnis (Peer et al. 2014), da sich eine wachsende Unsicherheit in Bezug auf eine mögliche Verletzung der Privatsphäre feststellen lässt (Otuoze et al. 2018). Die Befürchtung von Stromausfällen aufgrund von Sicherheitsbedrohungen wie Cyberhacking der Sharing-SystemesindindiesemZusammenhang ebenfalls ein Hindernis (Otuoze et al. 2018). Pasimeni (2019) verweist diesbezüglich allerdings auf eine höhere Versorgungssicherheit durch dezentralisierte Systeme wie Mikrogrids. Energiespeichersysteme erhöhen deren Stabilität zusätzlich (Han et al. 2020), jedoch gehen diese mit höheren Investitionskosten einher (Hoffmann et al. 2018). Ein Hemmnis aus Anbietersicht ist das Fehlen einer allgemein akzeptierten interoperablen Schnittstelle. Eine solche Schnittstelle in Form einer Informationsplattform soll den effizienten Austausch von Informationen ermöglichen und für alle beteiligten Akteure leicht zugänglich sein. Dabei bewerkstelligt sie den Zugang der Beteiligten zu wichtigen Informationen und sichert gleichzeitig die Erfüllung der Geschäftsanforderungen (Tikka et al. 2019). Darüber hinaus stellt die Komplexität und Intransparenz der rechtlichen Regulatorien ein Hemmnis für die Umsetzung von Sharing-Ansätzen dar. Die zusätzliche finanzielle Belastung, die mit der Nutzung eines Batteriespeichers im öffentlichen Netz einhergeht, gilt im Zusammenhang mit rechtlichen Rahmenbedingungen als wichtiges Hemmnis. Überdies können geschlossene Verteilnetze, die gemeinschaftlich genutzte, lokale Energiespeicherung vorantreiben würden, bislang ausschließlich von gewerblichen und industriellen Kunden genutzt werden (Gährs und Knoefel 2020). Des Weiteren wird in Bezug auf Speicherlösungen auf Bedenken hinsichtlich der Lebensdauer und K
112 NachhaltigkeitsManagementForum (2020) 28:109–125 Garantie sowie technischen Risiken aufmerksam gemacht (Hoffmann et al. 2018). Demnach spielt das Einhalten des Leistungsversprechens aus Nutzersicht offenbar eine wichtige Rolle. Die identifizierten Treiber beschränken sich auf die drei Hauptaspekte Kostenvorteile, Umweltbewusstsein und Möglichkeit zur Partizipation im Rahmen der Teilnahme an SharingModellen in der Elektrizitätswirtschaft. Das Spektrum der Hemmnisse ist breiter gefächert und deckt dabei sowohl die Angebotsals auch Nachfrageseite ab. Auf den ersten Blick konträr wirken der Treiber Partizipation, da keine eigenen Anlagen benötigt werden, und das Hemmnis der Anfangsinvestition für Privatpersonen. Dieser Widerspruch zeigt, dass nicht alle Treiber und Hemmnisse allgemeingültig für die Sharing Economy in der Elektrizitätswirtschaft sind, sondern eine Abhängigkeit von der Ausgestaltung des Sharing-Angebots besteht. 3 Methoden Zur Erhebung von Treibern und Hemmnissen der Sharing Economy in der deutschen Elektrizitätswirtschaft werden Experteninterviews durchgeführt und anhand einer multiplen Fallanalyse Erkenntnisse zum Auftreten von Treibern und Hemmnissen in der Praxis gewonnen. 3.1 Experteninterviews Experteninterviews werden durchgeführt, um auf das Wissen, die Handlungsorientierungen und -empfehlungen sowie Einschätzungen von Experten zugreifen zu können (Bogner et al. 2014). Die Experteninterviews im Rahmen der vorliegenden Arbeit fokussieren sich auf Deutungswissen, das die subjektive Perspektive der Experten, die Sichtweisen, Interpretationen sowie Sinnentwürfe enthält, und Prozesswissen, das auf Erfahrungen basiert, die im Rahmen einer persönlichen Nähe zum untersuchten Themenbereich gemacht wurden (Bogner et al. 2014). Die im Vorfeld durchgeführte Literaturrecherche dient sowohl dazu, die Themenbereiche des Experteninterviews inhaltlich vorzubereiten als auch die Leitfaden-Fragen zu präzisieren. Bei der Konzeption des Leitfadens der vorliegenden Untersuchung wird nach Helfferich (2019) vorgegangen. Diese Vorgehensweise ermöglicht ein teilnarratives Interview, das aus einem ausgewogenen Verhältnis an Erzählaufforderungen und nachfolgenden Fragen besteht. Aufgrund der Heterogenität der Experten kann mit abweichenden Interviewschwerpunkten gerechnet werden. Dieses Vorgehen ermöglicht einerseits Flexibilität im Interview, und stellt andererseits die Vollständigkeit und VergleichbarTab. 1 Interviewleitfaden mit Hauptfragen und Teilaspekten Hauptfrage Treiber: Welche Anreize bestehen für Privatpersonen oder Unternehmen, Sharing-Angebote zu nutzen? - Welche Anreize werden seitens der Gesetzgebung geschaffen, Sharing-Angebote zu nutzen? - Von welchen Vorteilen profitieren Privatpersonen oder Unternehmen, indem sie ihren Strom über Sharing-Angebote beziehen? - Inwieweit trägt ein Umdenken in der Gesellschaft zu einer erhöhten Nutzungsbereitschaft von Sharing-Angeboten bei? Hauptfrage Hemmnisse: Wo sehen Sie Hemmnisse in der Umsetzung/Weiterentwicklung/Verbreitung von Sharing-Angeboten - Was hindert Unternehmen oder Privatpersonen daran, Sharing-Angebote in Anspruch zu nehmen? - Mit welchen Bedenken gegenüber Sharing-Angeboten sind Sie persönlich schon in Berührung gekommen? - An welchen Stellen gibt es Hindernisse in der praktischen Umsetzung von Sharing-Angeboten? - Sehen Sie verschiedene Hinderungsgründe oder werden immer wieder dieselben Bedenken genannt? - Sehen Sie Hindernisse im Bereich Datenschutz? Hauptfrage Umweltwirkungen: Welche Auswirkungen auf die Umwelt hat eine Sharing-Economy Ihrer Ansicht nach? - Welche Handlungen von Nutzern von Sharing-Angeboten wirken sich möglicherweise positiv auf die Umwelt aus? - Welche Handlungen von Privatpersonen oder Unternehmen innerhalb der Sharing-Angebote wirken sich möglicherweise negativ auf die Umwelt aus? - Welche Rebound- (Rückkoppelungs-) Risiken sehen Sie in Bezug auf die Sharing-Economy? Hauptfrage Rahmenbedingungen: Welche Rahmenbedingungen sollten geschaffen werden, um die Bedenken zu berücksichtigen und die Treiber zu verstärken? - Wie kann die Wirkung der bereits genannten Treiber verstärkt werden? - Auf welchem Weg können die genannten Hindernisse für Sharing-Ansätze überwunden werden? - Welche Anreize sind von politischer Seite aus notwendig, um eine Verbreitung der Sharing-Möglichkeiten zu gewährleisten? - Wie sollten die Sharing-Angebote gestaltet werden, um negative Umweltfolgen zu verringern oder zu verhindern? - Welchen Handlungsbedarf sehen Sie seitens der Wirtschaft? - Wie müsste der Elektrizitätssektor der Zukunft aussehen, damit mehr Menschen Sharing-Angebote nutzen? keit der Interviews sicher. Der Leitfaden mit Hauptfragen und Teilaspekten ist aus Tab. 1ersichtlich. Bei der Expertenauswahl wird auf eine Heterogenität der Stichprobe geachtet: Einerseits soll ein Praxisbezug auf verschiedenen Ebenen hergestellt und andererseits verschiedene Sichtweisen berücksichtigt werden. Das ermöglicht Lücken zu schließen, die innerhalb der Literaturrecherche entstanden sein können (Bogner et al. 2014). Relevante Akteure im Bereich der Energiewirtschaft, insbesondere in Bezug auf die Energiewende in Deutschland, sind politische Entscheidungsträger und Institutionen, Energieversorger, Privatpersonen, Energiegenossenschaften und dezentrale Initiativen in Kommunen und Regionen (Ohlhorst 2018). K
NachhaltigkeitsManagementForum (2020) 28:109–125 113 Tab. 2 Für Experteninterviews ausgewählte Stichprobe Relevante Akteure im Bereich der Energiewirtschaft Tätigkeitsbereich der ausgewählten Experten Politische Entscheidungsträger und Institutionen Experte 1: Amt für Umweltschutz Stuttgart, Bereich Energiewirtschaft Experte 2: Bundestagspartei, Bereich Energiewirtschaft Energieversorger Experte 3: Energieversorger, Bereich Innovation Experte 4: Energieversorger, Bereich Produktmanagement Photovoltaikanlagen Energiegenossenschaften Experte 5: Genossenschaftsverband, Bereich Betreuung von Energiegenossenschaften Dezentrale Initiativen Experte 6: Städtischer Verein, Bereich erneuerbare Energien (Photovoltaik) Tab. 3 Deduktiver Kodierleitfaden Kategorie Definition in Anlehnung an die Begriffsdefinition im Duden Ankerbeispiele aus Experteninterviews Kodierregel Treiber Ein Aspekt, der motivierend wirkt/ einen Beweggrund darstellt, SharingAngebote zu nutzen, umzusetzen oder anzubieten Dann gibt es noch den Teil der Bevölkerung, der etwas Gutes für die Umwelt tun möchte und bemüht ist, etwas aktiv voranzutreiben Prägnanter Grund, aus dem Personen oder Unternehmen Sharing-Modelle in Anspruch nehmen oder anbieten Hemmnisse Ein Aspekt der sich hemmend bzw. erschwerend auf die Nutzung, Umsetzung oder das Angebot von SharingAngeboten auswirkt/ein Hindernis darstellt Ein Thema ist immer die Veränderung. Die Interessenten denken, wenn Sie etwas auf ihr Dach bauen, diese Veränderung nachteilig ist Aspekt, der Personen oder Unternehmen davon abhält, an Sharing-Modellen teilzunehmen oder diese anzubieten Umweltwirkungen Eine durch ein Sharing-Modell verursachte Veränderung bzw. Beeinflussung der Umwelt Der Anschluss erneuerbarer Stromerzeugungsanlagen bedeutet einen größeren Teil an Ökostrom im Netz, der sich in Sachen CO2positiv auf die Umwelt auswirkt Auf Sharing-Modellen basierende nachvollziehbare Handlungen oder Gegebenheiten, die positive oder negative Umweltwirkungen implizieren, selbst wenn sie nicht präzise beschrieben werden Begünstigende Rahmenbedingungen Eine für Sharing-Modelle begünstigende Bedingung, die gezielt dafür geschaffen wird, den äußeren Rahmen für das Angebot, die Umsetzung und Nutzung abzustecken Die Lieferung im örtlichen Zusammenhang sollte gesetzlich klarer behandelt und Abgaben minimiert werden Konkrete Voraussetzungen bzw. Verbesserungs-/Änderungsvorschläge, die eine gesteigerte Nutzung oder Verringerung negativer Umweltfolgen erzielen Die Wahl der Experten fällt aus diesen Gründen auf Personen innerhalb Deutschlands, die sowohl einen Einblick in die Anbieterseite als auch in die Nutzerseite haben. Diese Einblicke werden zum einen durch ihr berufliches Umfeld und zum anderen durch den Kontakt zu Privatpersonen gewährleistet. Vor diesem Hintergrund wurde die aus Tab. 2 ersichtliche Stichprobe befragt. Die Experteninterviews werden anhand der qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring und Brunner (2009) ausgewertet, die besonders für Transkripte von halb-strukturierten Interviews geeignet ist. Einzelne Interviewpassagen werden hierbei vorab bestimmten Kategorien zugeordnet. Im Rahmen einer deduktiven Kategorienbildung werden die vier Dimensionen Treiber, Hemmnisse, Umweltwirkungen und Rahmenbedingungen als Kategorien übernommen. Die Zuordnung der Interviewpassagen zu den Kategorien wird durch den in Tab. 3dargestellten Kodierleitfaden, der eine präzise Definition der Kategorien, Kodierregeln und Ankerbeispiele enthält, unterstützt. Darauf aufbauend wird eine qualitative Analyse des Interviewmaterials durchgeführt. Innerhalb der zuvor gebildeten Kategorien werden Gemeinsamkeiten, Unterschiede sowie Widersprüche herausgearbeitet und zusammengefasst. 3.2 Multiple Fallanalyse Mit einer multiplen Fallanalyse wird überprüft, inwieweit sich die Einschätzungen zu Treibern und Hemmnissen aus den Interviews in der Praxis wiederfinden lassen. Darüber hinaus finden die Umweltwirkungen der Fallbeispiele besondere Beachtung, um einen Beitrag zur aktuellen Kontroverse zu den ökologischen Auswirkungen der Sharing Economy zu leisten. Das Vorgehen im Rahmen der multiplen Fallanalyse orientiert sich an Yin (2018). Die übergreifenden Schritte stellen dabei (a) die Definition und das Design (b) das Vorbereiten, Sammeln und Analysieren sowie (c) das Analysieren und Schlussfolgern dar. Die zu überprüfende Theorie basiert auf der im Vorfeld durchgeführten Literaturrecherche und den Ergebnissen aus den Experteninterviews (a): 1. Innerhalb der Sharing Economy finden sich in Abhängigkeit der Umsetzungsformen zum einen gemeinsame K
114 NachhaltigkeitsManagementForum (2020) 28:109–125 und zum anderen unterschiedliche Treiber wie Hemmnisse wieder. 2. Es existieren gemeinsame und unterschiedliche Treiber wie Hemmnisse, die sich auf die Umweltwirkungen der Sharing-Ansätze auswirken. Auf Basis der gezielten Auswahl dreier Fälle werden Einzelfallbeispiele individuell analysiert (b). In einer anschließenden Vergleichsanalyse (Hoffmann 2016)werden diese Einzelfallbeispiele einander gegenübergestellt, Zusammenhänge analysiert und fallübergreifende Schlussfolgerungen bezüglich des Untersuchungsgegenstands gezogen (c) (Yin 2018). Eine solche Fallanalyse weist üblicherweise nicht die detaillierte Tiefe einer Einzelfallanalyse auf, sondern hebt auf Unterschiede und Vielfalt der verschiedenen Beispiele ab (Hoffmann 2016). Mithilfe der Untersuchung verschiedener Fallbeispiele ist es möglich, Unterschiede aufzudecken, verschiedene Fälle voneinander abzugrenzen oder Gemeinsamkeiten festzustellen. Die Fallbeispiele sollen einerseits größtmögliche Vielfalt und anderseits eine ausreichende Schnittmenge an Gemeinsamkeiten für einen Vergleich aufweisen (Eisenhardt und Graebner 2007). Um eine möglichst große Bandbreite der praktischen Umsetzungsformen in der Sharing-Economy in der Elektrizitätswirtschaft abzudecken, wird deshalb anhand der Systematisierung der P2P-Sharing-Ansätze jeweils ein Fall aus den drei Kategorien analysiert: Brooklyn Microgrid 101 als Vertreter der BlockchainLösungen, Powerpeers als Vertreter der Online-Matching-Plattformen und sonnenCommunity als Vertreter der BatteriespeicherCommunities. Die für die Interviews ausgewählten Experten kommen ausschließlich aus Deutschland. Daher befinden sich zur Erweiterung der räumlichen Perspektive die Fallbeispiele neben Deutschland in den Niederlanden und den USA. Die Fallbeispiele unterliegen demnach verschiedenen gesetzlichen Voraussetzungen, die sich auf die Gestaltung der Sharing-Angebote auswirken können. Die gesetzlichen Rahmenbedingungen werden in dieser Arbeit allerdings nicht im Detail verglichen, da hierzu eine vertiefte Auseinandersetzung mit der Gesetzgebung in den einzelnen Ländern erforderlich ist. Es werden allerdings zentrale Spezifika hervorgehoben. Die multiple Fallanalyse wird zur Sicherstellung eines systematischen und nachvollziehbaren Vergleichs anhand von Kriterien durchgeführt. Damit unterliegen die verschiedenen Fälle einem identischen Untersuchungsdesign und die Vorgehensweise wird in den jeweiligen Einzelfallanalysen repliziert (Yin 2018). Die für die Fallanalysen verwendeten Kriterien stützen sich im Wesentlichen auf die Arbeiten von Plewnia (2019), Plewnia und Guenther (2018) und Bocken et al. (2014). Durch eine Erweiterung der Kategorie „Sektorenzugehörigkeit“ zu „Allgemeine Informationen“ resultieren die folgenden vier Kriterienkategorien für die Systematisierung der Fallbeispiele: (1) Allgemeine Informationen, (2) Geteiltes Gut, (3) Marktorientierung und (4) Marktstruktur. In die Kategorie (1) Allgemeine Informationen fallen zusätzlich zum Industriesektor nach Zhang et al. (2017)die Kriterien Projektname, zugehöriges Land, offizieller Startzeitpunkt des Projektes und das Ziel des Fallbeispiels. Das Ziel beinhaltet die Schlüsselaktivitäten sowie die Funktionsweise und somit eine Kurzbeschreibung des Hauptnutzens des Fallbeispiels nach Bocken et al. (2014). Die zweite Kriterienkategorie umfasst die Kriterien zum (2) Geteilten Gut nach Plewnia (2019) mit Ergänzungen nach Bocken et al. (2014): geteiltes Material/geteilte Energie, Produktservicesystem: kurzfristige Vermietung oder ergebnisbasiertes Produktservicesystem, Raum, Ressourcen und Technologien, Daten und Informationen, Wissen und Weiterbildung, Erweiterbarkeit und Lebensdauer. Die Kriterien zur (3) Marktorientierung dienen zur Einordnung der ökonomischen Orientierung der Fallbeispiele. Das Kriterium Ertragsmodell beschreibt in Anlehnung an Bocken et al. (2014) die Art und Weise der Erwirtschaftung des Einkommens innerhalb der Fallbeispiele. Zusätzlich wird entsprechend (Plewnia 2019) unterschieden, ob es sich um eine Onlineoder Offlineplattform handelt. Die Netzwerkgröße gemäß Zhang et al. (2017)wirdzur Beschreibung der Weitläufigkeit der jeweiligen Netzwerke herangezogen. Die Kategorie (4) Marktstruktur bezieht sich auf den Aufbau der Fallbeispiele bezüglich ihrer Betreiber, deren Partner und ihrem Kundensegment nach Bocken et al. (2014), Plewnia (2019) und Zhang et al. (2017). Zur Untersuchung der Umweltwirkungen der Fallbeispiele werden Kriterien nachhaltiger Geschäftsmodelle herangezogen. Bocken et al. (2014) führen Archetypen für nachhaltige Geschäftsmodelle ein, die sich anhand ihrer Hauptinnovation unterscheiden. Die Hauptinnovationen sind dreigeteilt in technologische, soziale und organisatorische Innovationen. Diese Aufteilung dient dazu, spezifische Lösungen zu finden, die die jeweiligen Geschäftsmodelle in Richtung Nachhaltigkeit bewegen können. Die Sharing Economy lässt sich dem Archetypen „Bereitstellung von Funktionalität anstatt Besitz“ zuordnen. Darüber hinaus sind die Archetypen „Substituieren mit erneuerbaren K
NachhaltigkeitsManagementForum (2020) 28:109–125 115 Tab. 4 Kriterienkatalog zur Analyse der Umweltwirkungen Merkmale Konsumentenbildung, reduzierter Ressourcenverbrauch Maximierung des Verbrauchernutzens Verringerung des Produktionsdurchsatzes Langlebigkeit, Haltbarkeit, Lieferantenauswahl nach Haltbarkeit Erweiterbarkeit Verzicht auf nicht erneuerbare Ressourcen, Verringerung des Einsatzes nicht erneuerbarer Quellen Reparaturfähigkeit Keine Rabatte, kein Overselling Wiederund Weiterverwendbarkeit Verringerung von Emissionen Verringerung der Deponierung synthetischer Abfälle Energien“ und „Förderung von Suffizienz“ relevant für Sharing-Ansätze in der Elektrizitätswirtschaft. Die aus den Archetypen abgeleiteten Kriterien finden sich in Tab. 4. Zur Analyse der Umweltwirkungen werden diese um die Ergebnisse aus den Experteninterviews ergänzt. 4 Ergebnisse Nachstehend werden zuerst die Erkenntnisse aus den Experteninterviews dargestellt. Von den Experten angeführte Treiber und Hemmnisse werden mit denen der Literatur zusammengeführt und zur Analyse der Fallbeispiele herangezogen. Entsprechend wird hinsichtlich der von den Experten erwarteten Umweltwirkungen der Sharing-Ansätze verfahren. Zudem wird geprüft, inwieweit sich die von den Experten als begünstigend eingeschätzten Rahmenbedingungen auf die Fallbeispiele auswirken. 4.1 Erkenntnisse aus den Experteninterviews Aus den von den verschiedenen Experten genannten Treibern lassen sich fünf zentrale Themenbereiche ableiten, die jeweils von mindestens vier der Experten genannt werden: Möglichkeit zu Partizipation: Diesen Treiber führen fünf der sechs befragten Experten an. Sowohl kleine Unternehmen als auch Privatpersonen erhalten mithilfe von Sharing-Modellen die Möglichkeit, Strom direkt aus erneuerbarer Energieerzeugung zu beziehen. Ohne selbst Flächen für erneuerbare Erzeugungsanlagen zu besitzen, können sie auf diese Weise den Strommarkt mitgestalten und v.a. Strom aus ihrer eigenen Umgebung beziehen. Diesbezüglich spielt die Regionalität eine entscheidende Rolle. Bestimmte Sharing-Angebote ermöglichen den Nutzern einen Bezug von Strom aus erneuerbaren Energieerzeugungsanlagen in der eigenen Umgebung, sowie die Möglichkeit selbst zu bestimmen, woher der benötigte Strom kommt. Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG): Einen zentralen Treiber für die Inanspruchnahme von Sharing-Angeboten sehen vier Experten in der Unsicherheit von Anlagenbesitzern nach Ablauf der EEG-Förderung. Es wächst Interesse an alternativen Lösungsansätzen wie Sharing, da solche Ansätze eine Perspektive bieten, den Strom auch in Zukunft sinnvoll nutzen zu können. Abkehr von traditionellem Versorger: Vier Experten zufolge sehen Privatpersonen und Unternehmen in SharingModellen die Möglichkeit, sich von Energieversorgernzu lösen und dadurch Anhängigkeiten zu minimieren. Durch Eigenversorgung und das Teilen mit weiteren Mitgliedern von Sharing-Modellen wird ihnen Autarkie ermöglicht. Kostenvorteile: Diese werden von vier Experten als Treiber für Privatpersonen und Unternehmen angeführt, Sharing-Modelle nachzufragen als auch anzubieten. Unterstützung Umweltbewusstsein: Ein Umdenken der Bevölkerung in Bezug auf die Umwelt fungiert laut vier Experten als Treiber. Mithilfe von Sharing-Modellen kann die Energiewende aktiv durch Einzelne vorangetrieben werden. Die von den Experten genannten Hemmnisse lassen sich ebenfalls fünf Themenbereichen zuordnen: Die Aussagen der Experten betreffen Aufwand, Wirtschaftlichkeit, Widerstand Netzbetreiber, Umsetzung und Einstellung: Aufwand: Allgemein wird hoher Aufwand von vier Experten als Hemmnis für Sharing-Modelle genannt. Als Unteraspekte werden Sicherstellen der Grundversorgung und Rechtskonformität, Verwaltungsaufwand und die Plattformkonzeption angeführt. Wirtschaftlichkeit: Mit dem hohen Aufwand einhergehende Kosten sehen vier Experten ebenfalls als Hemmnis. Dazu zählen auf der Nutzerseite hohe Anfangsinvestitionen, zu lange Amortisationsdauern, zu hohe Steuern, Netzentgelte und Umlagen sowie zu teure Speicherlösungen. Auf der Angebotsseite werden die individuelle Abwicklung bzw. Abrechnung, der Leitungsbau oder der Aufbau einer Plattform als zu kostenintensiv erachtet. Widerstand Netzbetreiber: Netzbetreiber sprechen sich möglicherweise gegen Sharing-Angebote aus, da die hohen Spannungsebenen nicht genutzt werden müssen. Einstellung: Die grundsätzliche Einstellung wird von vier Experten als Treiber angeführt, jedoch sehen drei der Experten darin ebenfalls ein Hemmnis: Bedenken hinsichtlich der Einhaltung des Leistungsversprechens und der Offenlegung von Daten wirken hemmend. K
116 NachhaltigkeitsManagementForum (2020) 28:109–125 Umsetzung: Schlechte Erfahrungen mit der praktischen Umsetzung der ersten Sharing-Angebote stellen ein weiteres Hemmnis dar. Die innerhalb der Experteninterviews von mindestens vier Experten thematisierten begünstigenden Rahmenbedingungen zur Verstärkung der Treiber bzw. zum Verringern der Hemmnisse lassen sich den vier Hauptthemenfeldern gesetzliche Anreize, Prozesseinfachheit, Impulse und Infrastruktur zuordnen: Das Thema gesetzliche Anreize wird von jedem der interviewten Experten angesprochen. Fünf Experten erachten eine CO2-Besteuerung als hilfreich für Sharing-Angebote, während das EEG in seiner jetzigen Form kritisch hinterfragt wird. Zwei Experten sprechen sich gegen eigene Anreizsysteme für Sharing-Modelle aus und fordern stattdessen ein gerechtes Gesamtsystem und Unterstützung von Sharing-Modellen durch Musterverträge und Normungsarbeiten. Eine Vereinfachung der bestehenden Prozesse und ein Abbau von bürokratischen Hindernissen sollten laut allen Experten erfolgen. Konkrete Vorschläge hierzu betreffen die Standardisierung von Formularen und Verträgen, Vereinfachung von Anträgen für Erzeugungsanlagen, eine transparente Gestaltung der Netzleistungskosten in Bezug auf Eigenstromnutzung und Steuerzahlung sowie eine Vereinfachung in der Lieferung auf lokaler Ebene. Die Verbesserung der Infrastruktur wird von allen Experten als Notwendigkeit für ein Fortschreiten der Sharing-Angebote angesprochen. Beispielsweise werden jederzeit verfügbares Internet, lokale Speicher, bidirektionaler Stromfluss und Plattformen als Voraussetzung erachtet. Anregungen von unterschiedlichster Seite werden von vier Experten als Verstärkung der Treiber erachtet: Regierungsebene, Bildungssystem und Unternehmen werden als relevante Impulsgeber genannt. Die zentralen Aussagen der Experten zu positiven Umweltwirkungen der Sharing Economy in der Elektrizitätswirtschaft lassen sich auf die Themenfelder Nachfragereduktion und Anteil an erneuerbaren Energien reduzieren: Fünf Experten erwarten positive Umweltauswirkungen durch Sharing Economy aufgrund der Zunahme des Anteils an erneuerbaren Energieerzeugungsanlagen. So sind CO2-Einsparungen auf den steigenden Anteil der Menge an Strom, die aufgrund von Sharing-Modellen auf umweltfreundlicher Energieerzeugung basiert, zurückzuführen. Vier Experten sehen eine positive Auswirkung auf die Umwelt durch Einsparungen, die Sharing-Modelle hervorrufen. Durch die Inanspruchnahme von Sharing-Angeboten steigen das Interesse und das Bewusstsein für den eigenen Stromverbrauch an, was die Bereitschaft zur Reduktion des Stromverbrauchs erhöht. Die positive Umweltwirkung durch die Senkung des Stromverbrauchs wird von den Experten v.a. in einer Reduktion der CO2Emissionen gesehen. Der Aspekt Ressourcennutzung wird von einem Experten kritisch hinterfragt: Einerseits kann der Ressourcenbedarf durch die gemeinsame Nutzung von Anlagen verringert werden. Andererseits bestehen einige Sharing-Angebote auf den Aufbau von dezentralen Speicherlösungen bei jedem Anwender, ohne zu hinterfragen, inwieweit übergreifende Speicherlösungen für den Ressourcenverbrauch vorteilhafter sind. Hinsichtlich des Auftretens von Reboundeffekten sind die Experten unterschiedlicher Meinung: Ein Experte stellt fest, dass Kunden sich weder für ihren Verbrauch noch für ihre Stromrechnung interessieren und bspw. Flatrates daher nicht zu einem gesteigerten Stromverbrauch führen würden. Demgegenüber sehen zwei Experten Reboundeffekte als Risiko von Sharing-Modellen: Der Bezug von Strom aus erneuerbaren Energiequellen könne Nutzer dazu verleiten, mehr Strom zu verbrauchen als zuvor. Insgesamt zeigen sich innerhalb der Kategorien Treiber und Hemmnisse viele Gemeinsamkeiten in den Ausführungen. Die Experten beleuchten die Sharing-Modelle dabei von verschiedenen Seiten und Standpunkten, ohne sich inhaltlich zu widersprechen. Die in der Literatur genannten Treiber finanzielle Vorteile, Umweltbewusstsein und Möglichkeit zur Partizipation werden von den Experten ebenfalls angeführt, zusätzlich sehen die Experten einen Treiber in der Möglichkeit zur Abkehr von traditionellen Energieversorgern. Ebenso werden die Hemmnisse aus der Literatur von den Experten bestätigt: Die Höhe der Anfangsinvestition, Eingriff in die Privatsphäre und Befürchtungen hinsichtlich des Einhaltens des Leistungsversprechens werden aus Nutzersicht angeführt. Aus Anbietersicht wird die fehlende Schnittstelle bestätigt und zusätzlich der allgemein hohe Aufwand (Rechtskonformität, Verwaltungsaufwand) sowie schlechte Erfahrungen mit frühen Sharing-Angeboten genannt. Die Expertenaussagen in den Kategorien begünstigende Rahmenbedingungen und Umweltwirkungen weichen voneinander ab: Einig sind sich die Experten im Bereich der begünstigenden Rahmenbedingungen hinsichtlich der CO2Besteuerung, Prozesseinfachheit und einer Verbesserung der Infrastruktur. Unterschiedliche Sichtweisen werden innerhalb der Themenbereiche gesetzliche Anreize und Impulse erkenntlich. Im Bereich der Umweltwirkungen stimmen die Experten hinsichtlich positiver Umweltauswirkungen aufgrund von Einsparungen und einem höheren Anteil an erneuerbaren Energieerzeugungsanlagen weitgehend überein. Abweichende Einschätzungen treten K
NachhaltigkeitsManagementForum (2020) 28:109–125 123 auf Sharing-Angebote bzw. sogar Geschäftsmodelle allgemein zu. Nichtsdestotrotz werden sie in der Literatur bzw. von den Experten als besonders relevant für Sharing-Angebote in der Energiewirtschaft erachtet. Dementsprechend können Sharing-Anbieter durch Analyse der möglichen Treiber und Hemmnisse die Erfolgsaussichten ihrer Angebote in der Energiewirtschaft hinterfragen. Die identifizierten Treiber können gezielt zur Werbung von Teilnehmern eingesetzt werden. Aus Nutzersicht bestehende Hemmnisse sollten, wenn möglich, von den Anbietern selbst vermieden werden, während zum Abbau der aus Anbietersicht bestehenden Hemmnisse begünstigende Rahmenbedingungen durch den Gesetzgeber geschaffen werden sollten. Das Hemmnis fehlender Plattformen haben bspw. ein Teil der Sharing-Anbieter als Geschäftsmodell erkannt, indem sie sich zusätzlich als Technologie-Anbieter etablieren wollen (z.B. Open Utility und Powerpeers). Weitere Analysen zu Treibern und Hemmnissen bieten die Möglichkeit, Wissenschaft und Praxis im Bereich der Sharing Economy enger zu verknüpfen. Durch Ergänzungen der Systematisierungen der Geschäftsmodelle der Sharing Economy (z.B. allgemein auf Basis der Arbeiten von Ritter und Schanz (2019) und am Beispiel der Energiewirtschaft auf Basis der Arbeiten von Plewnia und Guenther (2018)) lassen sich konkrete Implikationen für die Ausgestaltung erfolgreicher Geschäftsmodelle in der Praxis ableiten. Insbesondere im Hinblick auf Treiber und Hemmnisse bezüglich der Umweltwirkungen von Sharing Economy Bedarf es zusätzlicher Analysen, da die vorliegende Arbeit lediglich eine indirekte Wirkung von Treibern und Hemmnissen identifiziert. Für Sharing-Angebote innerhalb und außerhalb der Energiewirtschaft gilt es die Umweltwirkungen der Sharing-Angebote in der Praxis zu erheben, um eine solide Basis für die Beschreibung von Treibern und Hemmnissen zum Ausschöpfen des (möglichen) Umweltnutzens zu ermöglichen. 6 Schlussfolgerungen Die auf Basis der Literatur und der Experteninterviews gewonnenen Treiber und Hemmnisse für Sharing-Ansätze in der Energiewirtschaft finden sich in den Praxisbeispielen wieder. Während das Vorhandensein und die Bedeutung des Treibers Kostenvorteile in den Fallbeispielen hinterfragt werden müssen, lassen sich die Treiber Unterstützung des Umweltbewusstseins, Möglichkeit zur Partizipation und Abkehr von traditionellem Versorger in mindestens zwei der drei Fallbespiele identifizieren. Hinsichtlich der Identifikation der Hemmnisse aus Nutzersicht können nur zur Höhe der Anfangsinvestition konkrete Aussagen getroffen werden, da die Hemmnisse Eingriff in die Privatsphäre und Befürchtungen zur Einhaltung des Leistungsversprechens mit dem individuellen Empfinden der Nutzer verbunden sind. Hemmnisse aus Anbietersicht mussten im Rahmen der Umsetzung der Angebote bereits überwunden werden, weshalb keine Aussagen zu hohem Aufwand und fehlenden Schnittstellen getroffen werden können. Literatur und Experten fordern diesbezüglich vom Gesetzgeber, begünstigende Rahmenbedingungen zu schaffen. Aussagen zu den Treibern und Hemmnissen bezüglich der Umweltwirkungen von Sharing-Angeboten bzw. zu den Umweltwirkungen selbst gestalten sich schwierig. Wie in der Literatur beschrieben, lassen sich auf Basis der allgemeinen Systematisierung von Sharing-Angeboten bzw. der Beschreibung von Fallbeispielen nur Erwartungen hinsichtlich der Umweltwirkungen formulieren, deren konkrete Auswirkungen in der Praxis bedürfen ausführlicher Analysen. Die im Rahmen der Analysen identifizierten Treiber und Hemmnisse wirken sich lediglich durch die Begünstigung einer größeren oder kleineren Teilnehmerzahl auf die Umweltwirkungen der Fallbeispiele aus, beeinflussen die Umweltwirkung selbst aber nicht. Die Literaturarbeit, die Auswertung der Experteninterviews und die Analyse der Fallbeispiele offenbaren die Herausforderungen bei der Analyse von Ansätzen der Sharing Economy. Das Verständnis von Sharing Economy als Obergriff und nicht als Definition führt zu einer großen Heterogenität in Wissenschaft und Praxis, was die Ableitung allgemeingültiger und spezifischer Treiber und Hemmnisse erschwert. Die zunehmenden Systematisierungsansätze schaffen die erforderliche Grundlage für die differenzierte inhaltliche Auseinandersetzung und sollten um Treiber und Hemmnisse ergänzt werden. Auf dieser Basis lassen sich Handlungsempfehlungen für erfolgreiche Sharing-Ansätze in der Energiewirtschaft erarbeiten. Dennoch bieten bereits die vorliegenden Analysen erste Hinweise für die Praxis, wie Sharing-Ansätze in der Elektrizitätswirtschaft ausgestaltet sein müssen, um die Aussichten für eine erfolgreiche Umsetzung zu erhöhen. Um durch Sharing-Ansätze die Transformation der Energiesysteme voranzutreiben, bedarf es darüber hinaus seitens des Gesetzgebers einen Wandel durch die Schaffung begünstigender Rahmenbedingungen für sowohl die Anbieterals auch Nutzerseite. Monetäre Vorteile und bürokratische Vereinfachungen sowie mehr Transparenz in der Kostengestaltung können für eine größere Teilnahmebereitschaft auf Nutzerseite beitragen. Für die Politik bedeutet das, für mehr finanzielle Anreize und Transparenz zu sorgen. Im gleichen Zug sollten für die Anbieterseite die Verringerung des Verwaltungsaufwands und Verbesserungen in der Infrastruktur (Internet und lokale Speicher) forciert und dabei klare Richtlinien für die Rechtskonformität neuer Vertragsmodelle zur Verfügung gestellt werden. K
124 NachhaltigkeitsManagementForum (2020) 28:109–125 Funding Open Access funding enabled and organized by Projekt DEAL. Interessenkonflikt P. Szichta und I. Tietze geben an, dass kein Interessenkonflikt besteht. Open Access Dieser Artikel wird unter der Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz veröffentlicht, welche die Nutzung, Vervielfältigung, Bearbeitung, Verbreitung und Wiedergabe in jeglichem Medium und Format erlaubt, sofern Sie den/die ursprünglichen Autor(en) und die Quelle ordnungsgemäß nennen, einen Link zur Creative Commons Lizenz beifügen und angeben, ob Änderungen vorgenommen wurden. Die in diesem Artikel enthaltenen Bilder und sonstiges Drittmaterial unterliegen ebenfalls der genannten Creative Commons Lizenz, sofern sich aus der Abbildungslegende nichts anderes ergibt. Sofern das betreffende Material nicht unter der genannten Creative Commons Lizenz steht und die betreffende Handlung nicht nach gesetzlichen Vorschriften erlaubt ist, ist für die oben aufgeführten Weiterverwendungen des Materials die Einwilligung des jeweiligen Rechteinhabers einzuholen. Weitere Details zur Lizenz entnehmen Sie bitte der Lizenzinformation auf http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/deed.de. Literatur Bauknecht D, Bürger V, Ritter D, Vogel M, Langniß O, Brenner T, Chvanova E, Geier L (2017) Bestandsaufnahme und orientierende Bewertung dezentraler Energiemanagementsysteme. Climate Change, Dessau Bocken NMP, Short SW, Rana P, Evans S (2014) A lit erature and practice review to develop sustainable business model archetypes. J Clean Prod 42–56. https://doi.org/10.1016/j.jclepro.2013.11.039 Bogner A, Littig B, Menz W (2014) Interviews mit Experten: Eine praxisorientierte Einführung. 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