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Zur Bedeutung der Arbeitsmarktbedingungen fuer die Erklaerung der Arbeitslosigkeit

Kromphardt, Juergen,Schneider, Stephanie

Abstract

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Full text

Kromphardt, Juergen; Schneider, Stephanie Article Zur Bedeutung der Arbeitsmarktbedingungen fuer die Erklaerung der Arbeitslosigkeit Intervention. Zeitschrift fuer Ökonomie / Journal of Economics Provided in Cooperation with: Edward Elgar Publishing Suggested Citation: Kromphardt, Juergen; Schneider, Stephanie (2006) : Zur Bedeutung der Arbeitsmarktbedingungen fuer die Erklaerung der Arbeitslosigkeit, Intervention. Zeitschrift fuer Ökonomie / Journal of Economics, ISSN 2195-3376, Metropolis-Verlag, Marburg, Vol. 03, Iss. 2, pp. 193-200, https://doi.org/10.4337/ejeep.2006.02.02 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/277073 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. 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Diese Fixierung auf den Arbeitsmarkt als Ursache der Arbeitslosigkeit hat Solow als Ergebnis eines Fehlschlusses kritisiert. Dies sei so, als ob jemand bei einem platten Reifen das Loch nur an der Stelle vermute, an der der Reifen platt gedrückt auf der Fahrbahn aufl iege, obwohl sich das Loch, das zum Entweichen der Luft geführt habe, durchaus an einer anderen Stelle befi nden könne (Solow : ). Woher rührt nun diese häufi g anzutreff ende Fixierung auf den Arbeitsmarkt und die Arbeitsmarktbedingungen? Off ensichtlich wird das Symptom, die Unterbeschäftigung auf dem Arbeitsmarkt, für die Ursache gehalten, die eigentlich erst noch zu ergründen wäre. Konsequenterweise werden dann Änderungen bei den Arbeitsmarktbedingungen gefordert. Zwei von diesen stehen im Vordergrund: a) die strukturellen Diskrepanzen zwischen Arbeitsangebot und Arbeitsnachfrage und b) die Höhe des Reallohns. Zur strukturellen Arbeitslosigkeit Von struktureller Arbeitslosigkeit spricht man dann, wenn Angebot und Nachfrage in ihrer Struktur nicht zusammen passen, so dass es gleichzeitig Arbeit suchende Erwerbspersonen und Arbeitskräfte suchende Unternehmen gibt. Die Strukturdiskrepanzen können sich vor allem auf das Alter, die Qualifi kation, die Berufsgruppe und die Region beziehen. Am gravierendsten sind die Diff erenzen in der Qualifi kation. In Deutschland übersteigt das Angebot an gering qualifi zierten Arbeitskräften (statistisch abgrenzbar z. B. durch das Fehlen eines berufsbildenden Abschlusses) die Nachfrage nach solchen Arbeitskräften deutlich. Da bei ist die zu geringe Arbeitsnachfrage in diesem Bereich u. a. auf die Qualifi ka tions- * Technische Universität Berlin. 194 Forum anforderungen der in Deutschland verwendeten Techniken und auf die Verlagerung von Pro duktionsprozessen, die viele gering qualifi zierte Arbeitskräfte benötigen, ins Ausland zurückzuführen. Die Unternehmen dagegen suchen, wenn überhaupt, gut qualifi zierte Ar beitskräfte – mit der Folge, dass die Arbeitslosenquote umso niedriger ist, je höher die Arbeitskräfte qualifi ziert sind. Die Existenz struktureller Arbeitslosigkeit ist unstrittig. Strittig ist allerdings ihr Ausmaß, denn alle zu ihrer Quantifi zierung verwendeten Messverfahren sind problematisch. Misst man die strukturelle Arbeitslosigkeit an der aktuellen, niedrigen und statistisch schlecht erfassbaren Zahl der off enen Stellen, so werden die strukturellen Diskrepanzen zwischen Arbeitsangebot und Arbeitsnachfrage stark unterschätzt. Mit dem Konzept der Beveridge-Kurve, die sich aus einer Regression zwischen der Zahl der off enen Stellen und der Arbeitslosenzahl über mehrere Jahre hinweg ergibt, versucht man, dieser Kritik Rech nung zu tragen. Diejenige Arbeitslosigkeit wird als strukturell defi niert, die bestehen bliebe, wenn die Zahl der off enen Stellen genauso groß geworden ist wie die Zahl der Ar - beitslosen. Dies zu schätzen ist für Deutschland kaum mehr möglich, weil eine derartige Situation über  Jahre zurückliegt; seither gibt es immer deutlich mehr Arbeitslose als off ene Stellen. Eine Überschätzung ergibt sich, wenn man das Ausmaß struktureller Arbeitslosigkeit dadurch ermittelt, indem man zunächst die konjunkturelle Arbeitslosigkeit aus der Diff erenz der Arbeitslosenzahlen im konjunkturellen Höhepunkt und in der Rezession berechnet und dann die gesamte restliche Arbeitslosigkeit als strukturell interpretiert. Dies wäre nur dann gerechtfertigt, wenn in den vergangenen Jahrzehnten an den konjunkturellen Höhepunkten die Arbeitslosigkeit so weit zurückgegangen wäre, dass man mit gutem Gewissen behaupten könnte, dass die Arbeitslosen nur aufgrund von Strukturdiskrepanzen nicht beschäftigt gewesen seien. Es hat jedoch seit den frühen er Jahren keinen Hoch punkt der Konjunktur mehr gegeben, in dem die Beschäftigung in die Nähe einer solchen Arbeitsmarkt situation gekommen wäre. Zählt man hilfsweise alle Arbeitslosen, die keine abgeschlossene Berufsausbildung aufweisen, als strukturell Arbeitslose, so erhält man  einen Anteil der strukturell Arbeitslosen an allen registrierten Arbeitslosen von rund einem Drittel. Dieselbe Größenordnung ergibt sich, wenn man alle Langzeitarbeitslosen, die länger als ein Jahr arbeitslos sind, als strukturell arbeitslos betrachtet. Damit ist auf jeden Fall für mehr als die Hälfte der Ar beitslosen eine andere Erklärung notwendig. Zur Bedeutung des Reallohns Der Reallohn erhält eine zentrale Bedeutung im Grundmodell des neoklassischen Arbeitsmarkts, in dem die steigende Arbeitsangebotskurve und die fallende Arbeits nach frage kurve vom Reallohn abhängig sind. Es existiert stets ein Reallohn, bei dem Arbeitsangebot und Arbeitsnachfrage übereinstimmen. Übersteigt das Arbeitsangebot die Arbeitsnachfrage, muss der Reallohn zu hoch sein und die reallohnbedingte Arbeitslosigkeit, die zur strukturel len Arbeitslosigkeit hinzutritt, verursacht haben. Kromphardt/Schneider: Arbeitsmarktbedingungen und Arbeitslosigkeit 195 Der angenommene Verlauf der beiden Kurven ist jedoch an zwei Voraussetzungen geknüpft, die mit der Realität kollidieren. Erstens käme eine steigende Angebotskurve eindeutig nur dann zustande, wenn die Arbeitsanbieter nur die mit steigendem Reallohn zu nehmenden Opportunitätskosten der Freizeit berücksichtigten, nicht aber den entgegen gerichteten Einkommenseff ekt. Dieser resultiert daraus, dass sie sich bei höherem Stundenlohn mehr Freizeit leisten und insgesamt sowohl ein höheres Einkommen als auch mehr Freizeit genießen können. Dementsprechend sind die empirisch ermittelten Reallohnelastizitäten meist sehr niedrig (Franz : ) und die Angebotskurve verläuft sehr steil. Zweitens gilt die fallende Arbeitsnachfragekurve, die der Kurve des physischen Grenzprodukts der Arbeit entspricht, nur bei vollständiger Konkurrenz. Bei unvollständiger Konkurrenz hingegen, die auf praktisch allen Gütermärkten besteht, fragen die Unternehmer bei jedem Reallohn weniger Arbeit nach, als es dem physischen Grenzprodukt der Arbeit entspricht, weil für ihre Arbeitsnachfrage das wertmäßige Grenzprodukt relevant ist. Bei dessen Berechnung müssen die Unternehmer berücksichtigen, dass sie eine größere Stückmenge ihrer Produktion nur zu einem niedrigeren Preis verkaufen können. Daher fällt die Kurve des Wertgrenzprodukts stets rascher als jene des physischen Grenzprodukts. Bei jeder Ar - beitsmenge ist das wertmäßige Grenzprodukt kleiner als das physische, und während das physische Grenzprodukt stets im positiven Bereich bleibt, wird das Wertgrenzprodukt bei der Gütermenge, bei der der Grenzumsatz Null wird, ebenfalls Null. Eine höhere Nachfrage nach Arbeit erforderte dann einen negativen Reallohn. Diese mikroökonomische Arbeitsnachfragekurve verschiebt sich bei gegebener PreisAbsatz-Funktion zusammen mit dem physischen Grenzprodukt nach rechts, wenn durch technischen Fortschritt die durchschnittliche und marginale Arbeitsproduktivität steigen. Sie verschiebt sich andererseits bei gegebener Produktionstechnik nach links, wenn sich (z. B. in einer Abschwungsphase) die Preis-Absatz-Funktion nach links verschiebt. Es kann daher durchaus geschehen, dass sich bei schlechten Absatzerwartungen der Unternehmer die Arbeitsnachfragekurve und die Arbeitsangebotskurve nicht im positiven Bereich schneiden. Der Gütermarkt wirkt also über den Absatz und die Absatzerwartungen der Unternehmer in den Arbeitsmarkt hinein. Das arbeitsmarkttheoretische Standardmodell Um die Beschränkung des neoklassischen Modells auf den unrealistischen Fall der vollständigen Konkurrenz überwinden zu können, hat sich in der modernen Arbeitsmarkttheorie in den letzten  Jahren ein »Standardmodell« durchgesetzt, das den heutigen Gegebenheiten auf der Angebotsund Nachfrageseite des Arbeitsmarktes und auf den Gütermärkten Rechnung trägt. Es wurde von Layard / Nickell () zuerst entworfen und von Carlin / Soskice () weiterentwickelt. Bean () sowie Franz () verwenden es in ihren Übersichtsaufsätzen zur Ursachenanalyse der Arbeitslosigkeit. Die strukturelle Arbeitslosigkeit wird explizit nicht berücksichtigt. In diesem Standardmodell (vgl. Abbildung , S. ) wird auf der Seite der Arbeitsanbieter zwischen der aggregierten individuellen Angebotskurve und der kollektiven Lohn- 196 Forum setzungskurve unterschieden. Mit letzterer wird berücksichtigt, dass Löhne überwiegend nicht individuell ausgehandelt, sondern in Tarifverträgen kollektiv vereinbart werden. Die aggregierte, individuelle Arbeitsangebotskurve (AA) verläuft aufgrund der ge - nannten empirischen Ergebnisse sehr steil und wird der Einfachheit halber als unabhängig vom Reallohn gezeichnet; damit wird berücksichtigt, dass die einzelnen Arbeitsanbieter auf Än derungen der Reallöhne unterschiedlich reagieren, je nachdem, welches Gewicht bei ihnen der Substitutionseff ekt bzw. der Einkommenseff ekt hat. Die Lohnsetzungskurve (LS) gibt an, welchen Reallohn die Arbeitnehmer bei alternativen Beschäftigungsniveaus durchsetzen, wobei sie die von ihnen erwartete Preis stei gerung zugrunde legen. Diese Kurve hat einen steigenden Verlauf, weil sich bei günstigerer Beschäftigungssituation die Verhandlungsposition der Arbeitnehmer deutlich verbessert. Hervorzuheben ist, dass gegenüber dem neoklassischen Grundmodell die Ursache-WirkungsBeziehung umgedreht ist: Während dort die Höhe des Reallohns das Arbeitsangebot be - stimmt, bestimmt hier das Beschäftigungsniveau den Reallohn, den die Arbeitnehmer mittels der Gewerkschaften durchsetzen. Carlin / Soskice (: ) haben diese Kurve deshalb als »Kurve des verhandelten Reallohns« bezeichnet. Abbildung : Der Arbeitsmarkt im vervollständigten Standardmodell wr A PS LS AN AA Quelle: Eigene Darstellung Auf der Arbeitsnachfrageseite stellt die Preissetzungskurve (PS) das Pendant zur LSKurve dar. Sie hat auch deren Wirkungsrichtung: Im Gegensatz zur traditionellen Arbeitsnachfragekurve soll sie angeben, welcher Reallohn sich bei alternativen Beschäftigungsniveaus ergibt, und zwar ex post aufgrund der tatsächlichen Preissetzung der Unternehmen. Diese Kurve wird stets mit fallendem Verlauf gezeichnet, wobei ihre Begründung wenig überzeugend ist. Sie soll sich aus dem Zusammenspiel eines fallenden Grenzprodukts der Arbeit und eines variablen Aufschlags auf die Grenzkosten bei mark up-Preisbildung ergeben. Falls dieser Aufschlag – wie Franz (:  f.) vermutet – positiv mit der Beschäftigung kor reliert ist, ergäbe sich ein fallender Verlauf der PS-Kurve selbst bei konstantem Grenz produkt der Arbeit. Carlin / Soskice (:  f.) vermuten dagegen, der Aufschlag werde mit Kromphardt/Schneider: Arbeitsmarktbedingungen und Arbeitslosigkeit 197 steigender Beschäftigung zurückgehen. Bean (: ) verweist auf empirische Studien, die darauf hindeuten, dass die PS-Kurve ziemlich fl ach verläuft. In seiner ökonometrischen Untersuchung über die Jahre  bis  kommt Linnemann () zu dem Ergebnis, der Aufschlag verändere sich antizyklisch. Je höher die Beschäftigung, desto niedriger sei der Aufschlag. Ein Argument für dieses Preissetzungsverhalten könne in den bei hohen Fix kosten degressiven Stückkosten vermutet werden. Die in der Literatur gelieferte Interpretation der PS-Kurve ist allerdings fragwürdig; denn wieso sollten die Unternehmen bei niedriger Beschäftigung nachträglich – und ohne dass sie dies bei den Lohnverhandlungen voraussahen – die Produktpreise so stark senken, dass der Reallohn ex post deutlich höher liegt, als beim Tarifabschluss erwartetet wurde? Unsere Schlussfolgerung aus dieser Frage lautet: Die PS-Kurve gibt keinen realisierten Reallohn an, sondern die Grenze, bis zu der die Unternehmen den Reallohn maximal erhöhen könnten, ohne dass sich ihre Rendite so stark verringert, dass sie die Produktion einstel len. Der Abstand zwischen der LSund der PS-Kurve ist also der potentielle beschäftigungsunschädliche Lohnerhöhungsspielraum. Unabhängig von dieser Interpretationsfrage ist die PS-Kurve eindeutig keine Arbeitsnachfragekurve. Das betont auch Franz (:  f.): »[B]ei unvollständiger Konkurrenz auf dem Produktmarkt erfolgt eine Zuschlagskalkulation […] jetzt spiegelt die WD-Kurve (seine Bezeichnung für die PS-Kurve; J. K. / St. S.) das Preissetzungsverhalten von Firmen in Abhängigkeit des Arbeitseinsatzes wider: Eine höhere Beschäftigung führt zu höheren Preisen und damit bei gegebenem Nominallohn zu einem niedrigeren Reallohn.« Das Modell bleibt also unvollständig, solange eine Nachfragekurve nach Arbeit fehlt. Diese Lücke bleibt bei Franz () bestehen; sie lässt sich aber mit Hilfe der Aussage von Carlin / Soskice (: ) füllen, wonach die Nachfrage nach Arbeit (AN) von der Güternachfrage bestimmt wird: »In the imperfect competition model, output, y, is fi xed by the demand for output. Th e level of output in the economy depends on the level of aggregate demand in the IS / LM diagram, and this, via the short-run production function, determines the level of employment.« Mit dieser Nachfragekurve nach Arbeit werden die Wirkungen der Kreislaufzusammenhänge im Arbeitsmarktmodell berücksichtigt. Die von den Unternehmen geplante Produktion bestimmt ihre Nachfrage nach Arbeit. Daraus resultiert eine senkrechte Kurve der Nachfrage nach Arbeit (AN), die von der Güternachfrage bestimmt wird. Sie ist bis zur PS-Kurve gültig und vervollständigt das Modell. Ursachen der Arbeitslosigkeit im vervollständigten Standardmodell Im Standardmodell kann die Arbeitslosigkeit nachfrageund reallohnbedingt sein. Ob das Reallohnniveau die Beschäftigung begrenzt und damit ein Hemmnis für eine Beschäf tigungs- 198 Forum expansion bei steigender Güternachfrage darstellt oder ob die Güternachfrage die entscheidende Begrenzung darstellt, hängt von der Lage der Lohnsetzungskurve im Verhältnis zur Preissetzungskurve und von der Lage der AN-Kurve ab. Bei der in Abbildung  (S. ) ge - wählten Konstellation würde eine Expansion der Arbeitsnachfrage aufgrund verbesserter Absatzaussichten auf den Gütermärkten zu höherer Beschäftigung führen. Das Lohn niveau stellt dafür kein Hindernis dar, solange der von den Unternehmen hinnehmbare Real lohn höher liegt als der mit den Arbeitnehmern vereinbarte. Ein weiterer Anstieg der Arbeitsnachfrage über den Schnittpunkt der PSund LS-Kurve hinaus führte nur vorübergehend zu mehr Beschäftigung; eine dauerhafte Erhöhung würde an der Unvereinbarkeit von Loh n - ansprüchen der Arbeitnehmer und Gewinnansprüchen der Arbeitgeber scheitern. Stattdessen ergäbe sich eine Lohn-Preis-Spirale, die vermutlich die Zentralbank zu einer restriktiven Geldpolitik veranlasst, wodurch die Arbeitsnachfrage wieder reduziert wird. Der Schnittpunkt von LSund PS-Kurve bestimmt also die niedrigste Arbeitslosenquote, bei der die Infl ationsrate noch konstant bleiben kann (NAIRU). Rechts von diesem Punkt stellt das Lohnniveau ein Hemmnis für mehr Beschäftigung dar. Entspricht die Arbeitsnachfrage genau dieser NAIRU, so kann aufgrund der Wir kungs - richtung bei der LSund der PS-Kurve eine Lohnsenkung, also eine Verschiebung der LSKurve nach unten, nicht der Motor für mehr Beschäftigung sein, sie kann nur den Spielraum für mehr Beschäftigung vergrößern. Die Beschäftigungszunahme selbst muss von den Gütermärkten angestoßen werden, auf denen eine Mehrnachfrage eine höhere Produktion auslöst, für die mehr Arbeitskräfte oder mehr Arbeitsstunden benötigt werden. Zur Relevanz der Gütermarktund Arbeitsmarktbedingungen In Deutschland ist seit  und in Westdeutschland schon seit  ein ständiges, allerdings nicht kontinuierlich verlaufendes Anwachsen der Arbeitslosigkeit zu beobachten. Wel che der drei Erklärungsfaktoren (größere strukturelle Diskrepanzen, höhere Reallöhne, im mer weniger zureichende Güternachfrage) lassen sich für diese Entwicklung verantwortlich machen? Es dürfte sehr schwierig sein, das Anwachsen der Arbeitslosigkeit mit größeren strukturellen Diskrepanzen zu begründen; denn der Anteil der Personen ohne abgeschlossene Berufsausbildung an allen Arbeitslosen, der  in der alten Bundesrepublik noch bei  Prozent lag, beträgt  nur noch , Prozent. Zwei Drittel der Arbeitslosen hatten dagegen eine abgeschlossene Berufsausbildung. Arbeitsmarktrigiditäten und Lohn ersatzleistungen, die die Bereitschaft von Arbeitnehmern reduzieren könnten, dem Struktur wandel zu folgen und ihren Arbeitsplatz zu wechseln oder, falls sie entlassen werden, einen neuen, häufi g weniger gut bezahlten Arbeitsplatz anzunehmen, sind in den letzten Jahren eher abgebaut als vergrößert worden. Auch gibt es keine Informationen, wonach die Be mü - hungen der Arbeitnehmer, durch berufl iche Weiterbildung oder Umschulung dem Strukturwandel zu folgen, nachgelassen hätten. Genau so wenig lässt sich für Deutschland belegen, dass die Reallöhne einen stärkeren Einfl uss auf die Höhe der Arbeitslosigkeit genommen hätten. Ganz im Gegenteil lässt sich Kromphardt/Schneider: Arbeitsmarktbedingungen und Arbeitslosigkeit 199 feststellen, dass die Relation Reallöhne zu Arbeitsproduktivität (auch als Reallohnposition bezeichnet) in Deutschland von  bis  kontinuierlich und deutlich gefallen ist. Die Reallöhne sind hinter der Produktivitätssteigerung zurückgeblieben, die LS-Kurve hat sich nach unten verschoben. Ähnliches gilt für die Entwicklung in Gesamtdeutschland ab : Leichten Anstiegen in den Jahren  und  standen kräftige Rückgänge von  bis  und nach  gegenüber. Auch im internationalen Vergleich lässt sich eine Entschärfung der Reallohnpro ble matik feststellen: Die Lohnstückkosten weisen (in nationaler Währung) seit  in Deutschland die mit Abstand niedrigsten Zuwächse im Euroraum auf, nämlich zwei Prozent in zehn Jahren gegenüber  Prozent im Euroraum,  Prozent in Großbritannien und  Prozent in den USA (vgl. EU-Kommission ). Bezeichnend ist, dass der höhere Lohnkostenanstieg in den USA und in Großbri - tan nien die starke Ausweitung der Beschäftigtenzahlen nicht verhindert, sondern möglicherweise sogar gefördert hat. Diese resultierte aus einer kontinuierlichen Expansion der Güter nach frage, die von einer pragmatischen, tendenziell expansiven Geldpolitik und von einer hohen Konsumquote gestützt wurde (vgl. Horn ). Damit verbleibt als hauptsächliche Erklärung der gestiegenen Arbeitslosigkeit die von konjunkturellen Schwankungen überlagerte dauerhafte Schwäche der Güternachfrage in Deutschland. Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung hat zwar in seinem Jahresgutachten  die Schwäche der Binnennachfrage hervor gehoben; wirtschaftspolitische Konsequenzen zieht seine Mehrheit daraus jedoch nicht (vgl. Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwick lung ). Vielmehr fordert sie unverändert Lohnzurückhaltung (von ihr wird die Konsumgüternachfrage belastet), Konsolidierung der öff entlichen Haushalte (sie schwächt die staat - liche und private Güternachfrage) und preisniveauorientierte Geldpolitik (sie kann über höhere Zinsen die Investitionsgüternachfrage belasten). Dagegen betonen ausländische Beob achter verstärkt, dass Deutschland unter einer Nachfrageschwäche leidet, die zu Wachstums defi ziten führt und die es bei der Ausrichtung der Wirtschaftspolitik zu beachten gilt. Zu nennen sind hier vor allem das »Economists’ Manifesto on Unemployment in the European Union« von Modigliani et al. (), das von vielen renommierten Ökonomen mitgetragen wird, sowie Krugman (), Modigliani () und Solow (). Sie betonen die Notwendigkeit des kombinierten Einsatzes von Angebotsund Nachfragepolitik und entsprechen damit dem berühmten Diktum von Paul Samuelson: »Th e Lord gave us two eyes to watch both sides – demand and supply.« Ohne die Wichtigkeit geeigneter Arbeitsmarktbedingungen bestreiten zu wollen, bleibt als Schlussfolgerung die Einsicht, dass die Situation auf dem Gütermarkt, von der die Nachfrage nach dem Produktionsfaktor Arbeit bestimmt wird, mindestens genau so wichtig, in manchen Fällen auch wichtiger, für die Erklärung der Entwicklung der Arbeitslosigkeit ist als die Arbeitsmarktbedingungen. 200 Forum Literatur Bean, Charles (): European Unemployment: A Survey, in: Journal of Economic Literature, Jg. , Nr. , S.  –  Carlin, Wendy / Soskice, David (): Macroeconomics and the Wage Bargain. A Modern Approach to Employment, Infl ation, and the Exchange Rate, Oxford: Oxford University Press EU-Kommission (): Europäische Wirtschaft, Statistischer Anhang, Brüssel Franz, Wolfgang (): Th eoretische Ansätze zur Erklärung der Arbeitslosigkeit. Wo stehen wir ?, in: Gahlen, Bernhard / Hesse, Helmut / Ramser, Hans-Jürgen (Hg.), Arbeitslosigkeit und Möglichkeiten ihrer Überwindung, Tübingen, S.  –  Horn, Gustav-Adolf (): Beschäftigungswachstum in den USA – Ein erklärbares Wunder, in: DIW-Wochenbericht, Jg. , Nr. , S.  –  Krugman, Paul (): Th e Return of Demand-side Economics. Vortrag an der FU Berlin, Freie Universität Berlin, S.  –  Layard, Richard / Nickell, Stephen (): Unemployment in Britain, in: Economica, Jg. , Nr. (S), S.  –  Linnemann, Ludger (): Sectoral and Aggregate Estimates of the Cyclical Behavior of Mark ups: Evidence from Germany, in: Weltwirtschaftliches Archiv, Bd. , Nr. , S.  –  Modigliani, Franco (): Th e European Unemployment Crisis: A Monetarist-Keynesian Ap - proach and its Implications, in: Gebauer, Wolfgang / Rudolph, Bernd (Hg.), Finanzmärkte und Zentralbankpolitik, Frankfurt am Main, S.  –  Modigliani, Franco, et al. (): An Economists’ Manifesto on Unemployment in the European Union, in: Banca Nazionale di Lavoro, Quarterly Review, Vol. , S.  –  Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (): Erfolge im Ausland – Herausforderungen im Inland. Jahresgutachten , Wiesbaden Solow, Robert (): Unemployment in the United States and in Europe. A Contrast and the Reasons, in: Ifo-Studien, Jg. , Nr. , S.  – 