Juden im Deutschen Wirtschaftsleben: Soziale und wirtschaftliche Struktur im Wandel 1850-1914
Abstract
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Full text
Prinz, Arthur Book Juden im Deutschen Wirtschaftsleben: Soziale und wirtschaftliche Struktur im Wandel 1850-1914 Schriftenreihe wissenschaftlicher Abhandlungen des Leo Baeck Instituts, No. 43 Provided in Cooperation with: Mohr Siebeck, Tübingen Suggested Citation: Prinz, Arthur (2024) : Juden im Deutschen Wirtschaftsleben: Soziale und wirtschaftliche Struktur im Wandel 1850-1914, Schriftenreihe wissenschaftlicher Abhandlungen des Leo Baeck Instituts, No. 43, ISBN 978-3-16-163610-3, Mohr Siebeck GmbH & Co. KG, Tübingen, https://doi.org/10.1628/978-3-16-163610-3 , https://www.mohrsiebeck.com/buch/juden-im-deutschen-wirtschaftsleben-9783161636103/ This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/312702 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/4.0/legalcode
SCHRIFTENREIHE WISSENSCHAFTLICHER ABHANDLUNGEN DES LEO BAECK INSTITUTS 43
Arthur Prinz Juden im Deutschen Wirtschaftsleben Soziale und wirtschaftliche Struktur im Wandel 1850-1914 Bearbeitet und herausgegeben von A vraham Barkai ARTIBUS IS . . 1·8·0··1 J. C. B. Mohr (Paul Siebeck) Tübingen 1984
Die Veröffentlichung dieses Buches wurde durch die Memorial Foundation for Jewish Culture unterstützt CIP-Kurztitelaufaahme der Deutschen Bibliothek Prinz, Arthur: Juden im deutschen Wirtschaftsleben: soziale u. wirtschaftl. Struktur im Wandel • 1850-1914 / Arthur Prinz. Bearb. u. hrsg. von Avraham Barkai. -Tübingen: Mohr, 1984. (Schriftenreihe wissenschaftlicher Abhandlungen des Leo-Baeck-Instituts; 43)ISBN 3-16-744825-3 / eISBN 978-3-16-163610-3 unver ä nderte eBook-Ausgabe 2024ISSN 0459-097X NE: Barkai, Avraham [Bearb. ); Leo Baeck Institute ofJews from Germany (New York, NY): Schriftenreihe wissenschaftlicher Abhandlungen ... © J. C. B. Mohr (Paul Siebeck) Tübingen 1984. Alle Rechte vorbehalten.Dieses Werk ist seit 04/2024 lizenziert unter der Lizenz ‚ Creative Commons Namens-nennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International ‘ (CC BY-SA 4.0).Eine vollst ä ndige Version des Lizenzte x tes findet sichunter: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.de. Printed in Germany. Satz und Druck: Gulde-Druck GmbH, Tübingen. Einband: Großbuchbinderei Heinr. Koch, Tübingen. Dieses Open Access eBook wird durch eine Förderung des Leo Baeck Institute London und des Bundesministeriums des Innern und für Heimat ermöglicht.
Vorwort Arthur Prinz wurde am 3. Dezember 1898 in Guatemala-City geboren. Seine Eltern waren, wie er selbst erzählt\ aus Kempen in Posen ausgewandert, wahrscheinlich zuerst nach den USA, wo der Vater die amerikanische Staatsbürgerschaft erhielt. Noch vor dem ersten Weltkrieg kehrte die Familie nach Deutschland zurück und Arthur Prinz konnte 1918 das BismarckGymnasium in Berlin abschließen. Er studierte dann hauptsächlich an der Berliner Friedrich-Wilhelm-Universität Nationalökonomie, Geschichte und Philosophie, unter anderen bei Ernst Troeltsch, Hans Delbrück und Werner Sombart, der ihn anscheinend besonders und dauernd beeindruckte2. 1923 promovierte er in Berlin »magna cum laude« mit einer Dissertation »Das Marxsche System in psychologischer Betrachtung«. Wegen der Inflation wurde Prinz von der sonst üblichen Vorlage eines Dissertationsdrucks befreit, doch hat er lange Jahre hindurch den Gedanken, seine Dissertation als Buch zu veröffentlichen, nicht aufgegeben. Als es 1932 so weit zu sein schien und bereits Verhandlungen mit Verlegern im Gange waren, hat Hitlers Machtergreifung diese Pläne durchkreuzt. Aber die Auseinandersetzung mit Marx hat Prinz sein ganzes Leben lang fortgesetzt. Sie ist das Thema der meisten seiner Veröffentlichungen3, und seine besondere Beziehung zur deutschen Arbeiterbewegung kommt mehr als einmal auch in den folgenden Seiten zum Ausdruck. Sie dürfte wesentlich auch seine Berufstätigkeit nach Abschluß des Studiums bestimmt haben. In den Jahren 1926-1933 wirkte er als Dozent an der Berliner freien Volkshochschule (Humboldt-Hochschule) und hielt Vorträge vor Gewerkschaften und anderen Arbeitervereinen. Auch seine Themen im Studienprogramm der Humboldt-Hochschule der Semester 1930 und 1931 sind bezeichnend: es war weniger die abstrakte Wirtschaftstheorie als die wirtschaftspolitischen Ta1 Siehe unten, S. 110. 2 Noch 1973 sah er sich auf der Arden-House Conference des Leo Baeck Instituts veranlaßt, seinen früheren Lehrer in Schutz zu nehmen » .. . as a great economic historian ... (who) deserves some respect« . (Vgl. YLBI, XIX (1974), S. 30) . 3 »Myths, Facts and Riddles about the Literary Estate of Karl Marx«, in: Der Friede, Idee und Verwirklichung, Festschrift für Adolf Leschnitzer, Heidelberg 1961; »Background and Ulterior Motive ofMarx's >Preface< of1859«, in: Journal ofthe History ofldeas, 7-9/1968; »New Perspectives on Marx as aJew, in : YLBI XV (1970) , S. 107-124.
VI Vorwort gesfragen und die politischen Parteien und Entscheidungen, denen er die meisten seiner Vorlesungen widmete4• Interessanterweise unterrichtete zur gleichen Zeit der auch von Prinz hier oft zitierte Kurt Zielenziger, der Verfasser von »Juden in der deutschen Wirtschaft«, an derselben Hochschule über die Geschichte der Arbeiterbewegung, doch ist uns über einen Kontakt zwischen den beiden nichts bekannt. Im Juli 1933 wurde Prinz, wie fast alle jüdischen Hochschullehrer, fristlos entlassen. Im März schrieb man ihm noch zurückhaltend, daß es vorerst, »so wie die Dinge liegen«, besser sei, »nicht zu Störungen Anlaß zu geben ... bis sich im Herbst die Verhältnisse geklärt haben werden«. Im Juli hieß es, allerdings mit einer neuen Unterschrift, man habe einstimmig »die Aufhebung der alten Satzungen und die Umstellung auf das Führerprinzip vollzogen«. Seine Entlassung sei also keineswegs »satzungswidrig«5. Über seine Berufstätigkeit in den folgenden Monaten ist wenig bekannt. Er selbst erwähnt für 1933-1935 eine »Fellowship of the >Stresemann-Stiftung< to write on International Migrations after W orld War 1. This work was broken off due to political pressure«6. Ab Dezember fand er Beschäftigung im Hilfsverein der deutschen Juden, dem im Rahmen der neu gebildeten Reichsvertretung die nicht nach Palästina gehende Auswanderung unterstand. Zu seinen Aufgaben als Vorstandsmitglied gehörte -nach seiner eigenen Schilderung -die Herausgabe des Informationsblattes »Jüdische Auswanderung<<, »von dem drei Hefte (Südamerika, Britische Dominions, Nordamerika) erschienen ... Ferner Herausgabe der Jahresberichte des H. V„ ständige Fühlung mit der jüdischen Presse und ihre Beeinflussung und Information bezüglich aller Wanderungsfragen. Neben dieser Information der Öffentlichkeit war vor allem die tägliche Information der Mitarbeiter selbst durch Rundschreiben, einführende Vorträge usw. wichtig. Ebenso häufige Mitarbeit bei der Propaganda für den H. V. durch öffentliche Vorträge, Zeitungsartikel usw. Von Anfang 1936 bis Frühjahr 1937 Mitarbeit am Aufbau der Auswanderersprachkurse, die schnell Bedeutung gewannen und später vom >Jüdischen Lehrhaus< übernommen wurden. Daneben nahmen mich immer mehr die eigentlichen Vorstandsarbeiten in Anspruch: insbesondere die ständige Fühlung mit ausländischen jüdischen Organisationen, die auch mehrfache Dienstreisen erforderte, ferner wanderungspolitische Verhandlungen mit den deutschen Behörden. Bei meiner 4 So z. B. im Herbst-Semester 1930: »Grundlinien der Innenpolitik: Deutschlands politische Parteien; Politische Lebensformen bei uns und im Ausland. (Mit Reichstagsbesuchen und freier Aussprache. )« Im Herbst 1931: »Politisches Führertum: Die Schöpfer des modernen Sozialismus (Marx, Engels, Lassalle); Bolschewismus (Lenin, Stalin, Trotzky); Faschismus (Sorel, Pareto, Mussolini); Deutschland in der wirtschaftlichen und politischen Krise, u. a. m. «. 5 Archive ofLBI New York (ALBI), AR 5103, Arthur Prinz Collection. Letters of22. 3. 1933 and 21. 7. 1933. 6 Ebd . Personal Data, 1961-1965; Curriculum Vitae (n. d„ 1968?).
Vorwort VII ganzen Tätigkeit war der leitende Gesichtspunkt, daß man bei der Gestaltung der Auswanderung nicht nur darauf achten müsse, unsere Menschen in Länder zu bringen, wo sie auf Grund ihrer beruflichen und sprachlichen Vorbildung möglichst schnell eine Existenz finden könnten, sondern auch darauf, daß sie im Einwanderungsland ein gesundes jüdisches Gemeinschaftsleben führen könnten« 7. In der Pogromnacht vom 9. November 1938 wurde Arthur Prinz, wie viele öffentlich tätige Juden, in Haft genommen. Nach seiner Entlassung wanderte er im März 1939 nach Palästina aus, wo er in den nächsten Jahren seinen Unterhalt als freier Journalist und durch gelegentliche Vorträge augenscheinlich nur mühsam erwarb. Dies mag auch der Grund dafür gewesen sein, daß er in Palästina nicht Fuß faßte und 1947 nach den USA übersiedelte. 1948 erhielt er die Professur für Ökonomie am Dickinson College in Carlisle, Pa. , die er bis zu seiner Emeritierung 1966 besetzte. 1965 wurde ihm von der Universität der »Lindback Award for Distinguished Teaching« verliehen. Außerdem war er 1964-1965 Professorial Lecturer an der George Washington University (Carlisle Branch, Army War College) über die Wirtschaft unterentwickelter Länder. Die Jahre nach 1966 waren Reisen und freier wissenschaftlicher Arbeit gewidmet, die in einer Reihe von V eröff entlichungen ihren Niederschlag fand. 1967 hielt er Gastvorträge an der Jerusalemer Universität über seine Arbeit in Deutschland 1935-398. Wie aus einem BriefvomJuli 1962 hervorgeht, plante Arthur Prinz auch eine Neubearbeitung seiner Marx-Dissertation, diesmal jedoch mit wirtschaftstheoretischem Schwerpunkt. »Die Charakterdarstellung<c, schrieb er, »ist bei mir eigentlich nur Fundierung und Einleitung zur Untersuchung des Systems. Aus diesem Grunde kümmere ich mich nur wenig -fast gar nicht - um den jungen Marx . Mich interessiert er erst in der Londoner Zeit. «9 Aber auch dieser Neuanfang blieb leider unvollendet. Ab 1972 scheint er seine Zeit hauptsächlich der vorliegenden Arbeit gewidmet zu haben. Den Auftrag, das Buch über die wirtschaftliche Entwicklung der deutschen Juden im 19 . und 20 . Jahrhundert zu schreiben, erhielt Prinz Ende der 1960er Jahre von Siegfried Moses in Jerusalem, bis zu seinem Tode 1974 Präsident des Leo Baeck Instituts. Sein im LBI New York aufbewahrter Nachlaß zeugt von dem Arbeitsaufwand und der gewissenhaften Gründlichkeit, die er diesem Projekt widmete. In seinem Wohnort Carlisle, und später in San Diego, Ca., standen ihm keine Primärquellen zur Verfügung, und so mußte er sich hauptsächlich auf die früher veröffentlichte und neu erscheinende Sekundärliteratur stützen. Es ist beeindruckend, wie sorgfältig 7 Ebd„ Tätigkeit im Hilfsverein. 8 Mitteilung von Prof . A. Margalioth, Institute for Contemporary Jewry, The Hebrew University, Jerusalem. 9 ALB!, ebd., Prinz an Dr . A. Künzli v. 24. 7. 1962 .
2 Einleitung eher Studien, leidet auch die Qualität an einem tiefgehenden Mangel. Soweit diese Arbeiten noch in Deutschland entstanden sind, weisen sie eine Scheu vor der Behandlung aller irgendwie »heiklen« Themen auf, die aus der damaligen Situation der deutschen Juden nur allzu leicht verständlich ist. Die Geschichte jeder Nation oder Gruppe umfaßt naturgemäß nicht nur Erscheinungen, an denen sich Mitund Nachwelt erfreuen können, sondern in größerem oder geringerem Maße auch immer die »partie honteuse«, an die man lieber nicht denkt. Bei Völkern, die sich unter einigermaßen freien, normalen Bedingungen entwickeln konnten, bilden sich deshalb immer wieder, neben den konservativen, mit den herrschenden Zuständen mehr oder weniger einverstandenen Historikern, oppositionelle Richtungen heraus, die gerade die unerfreulichen Tatsachen kritisch ans Licht ziehen. Dies taten zum Beispiel zu Beginn dieses Jahrhunderts die amerikanischen »muckrakers«, in England die Fabian-Socialists und in Frankreich schon vorher Männer wie Zola. Die Existenzbedingungen der deutschen Juden aber waren alles andere eher als normal. Als eine kleine, ständig angegriffene Minderheit, die niemals mehr als etwa 1 % der Bevölkerung ausmachte, waren sie während der hier behandelten Zeit von einer feindlich-aggressiven Bewegung bedroht, so daß fast jeder Jude sich immer in der Defensive fühlte. Unter diesen Umständen war es gewiß kein Wunder, daß jüdische Schriftsteller und Wissenschaftler, die sich ihren Stolz und ein einigermaßen gesundes Empfinden bewahrt hatten, unter keinen Umständen dem Antisemitismus Waffen liefern wollten. Ließen sich manche Behauptungen der Judenfeinde nicht immer gut bestreiten, so schwieg man lieber über heikle Themen, zumal ja kein Mangel an erfreulicheren war. In den siebziger und achtziger Jahren wurde zum Beispiel nicht nur in der antisemitischen Presse, sondern fast in der ganzen Öffentlichkeit die elende Lage der südund westdeutschen Bauernschaft vor allem dem jüdischen Viehhandel und seinem angeblichen» Wucher« zur Last gelegt. 1887 widmete der hochangesehene »Verein für Sozialpolitik« -die führende Organisation der akademischen Sozialreformer -diesem Problem eine große Enquete, die dann auf der Jahrestagung diskutiert wurde4• Obwohl es hier um Ruf und Erwerb von vielen Hunderten jüdischer Familien, besonders in Hessen, Baden, den Rheinlanden und dem Elsaß ging, wurde das Thema von jüdischer Seite fast nicht aufgegriffen. Dabei wäre es möglich gewesen, durch Hinweise auf andere Länder -wie Indien, Irland und Rußland -zu zeigen, daß ähnliche Verhältnisse sich überall da einzustellen pflegten, wo eine geschäftstüchtigere Minderheit einer in kaufmännischen Dingen unbeholfenen Bauernschaft gegenübersteht, auch wo weit und breit kein Jude zu 4 Der Wucher auf dem Lande, Berichte und Gutachten, Schriften des Vereins far Sozialpolitik, Bd. 35, Leipzig 1887; desgl. : Verhandlungen über den ländlichen Wucher etc„ Schriften VSp, Bd. 38, Leipzig 1889.
Einleitung 3 finden ist. Aber das hätte natürlich nichts an der Tatsache geändert, daß im vorliegenden Falle die Minderheit jüdisch und die Lage der Bauernjammervoll war. So war es viel leichter und angenehmer, etwa über die hervorragenden Leistungen jüdischer Wirtschaftsführer und Gelehrten zu schreiben, die selbst den Nichtjuden Hochachtung abzwingen und der jüdischen Jugend zum Vorbild dienen konnten. Die Katastrophe des deutschen Judentums hat seinem Abwehrkampf ein Ende gemacht und damit überlebende und Nachkommen von der Notwendigkeit apologetischer Rücksichten befreit. Gleichzeitig hat sich auch das Interesse an der Geschichte der deutschen Juden von Grund auf gewandelt. Gewiß werden Schicksal und Leistung bedeutender Individuen immer eine starke Anziehungskraft ausüben. Aber nach dem Ende des deutschen Judentums, dessen Schicksalsverbundenheit sich über alle inneren Gegensätze hinweg auf das Grausigste erwies, geht es heute der Nachweltnicht nur der jüdischen -doch wohl vor allem darum, Wesen und Entwicklung der Gesamtheit zu erfassen. Dies ist eine ungemein schwierige Aufgabe, mit der man sich, wenigstens auf wirtschaftlichem Gebiet, vor 1933 recht wenig befaßt hatte5. Erst in den letzten Jahrzehnten, besonders seit Gründung des Leo Baeck Institutes, sind einige wertvolle Arbeiten erschienen, auf die sich auch diese Studie stützen kann. Will man Wirtschaftsleistung und Wirtschaftsschicksal der deutschen Juden als Gruppe erfassen, so stößt man auf eine Reihe von grundsätzlichen und praktischen Schwierigkeiten, die verstanden und im Auge behalten werden müssen, wenn man den Wert der erzielbaren Erkenntnisse richtig einschätzen will. Vor allem ein Problem fällt sofort ins Auge: da es während der ganzen Zeit keine jüdische Wirtschaft gab, sondern die Juden innerhalb der deutschen Wirtschaft tätig waren, kann eine jüdische Wirtschaftsgeschichte nur in engster Verbindung mit der einschlägigen deutschen Wirtschaftsgeschichte geschrieben werden. In allgemeiner Form ist diese Erkenntnis vor einigenJahren sehr treffend von Hans Liebeschütz ausgedrückt worden6. In der vorliegenden Arbeit wird die mannigfache Wechselwirkung zwischen der Entwicklung der deutschen Wirtschaft und der Erwerbstätigkeit der Juden, der fundamentalen Bedeutung des Problems entsprechend, in den Mittelpunkt gestellt. Wir gehen von den Strukturwandlungen der deutschen Wirtschaft aus, um ihre Auswirkungen auf die Wirtschaftstätigkeit der Juden und wiederum deren Rückwirkungen zu verfolgen. Eine solche Problemstellung erfordert eine ausführlichere Darstellung der deut5 S. dazu: K. ZIELENZIGER, Juden in der deutschen Wirtschaft, Berlin 1930; A. MARCUS, Die wirtschaftliche Krise der deutschen Juden, Eine soziologische Untersuchung, Berlin 1931;JAKOB LESTSCHINSKY, Das wirtschaftliche Schicksal des deutschen Judentums, Berlin 1932 . 6 Zur Geschichte der Juden in Deutschland im 19 . und 20. Jahrhundert, Tagung des LBI in Jerusalem, Jerusalem 1971.
4 Einleitung sehen Wirtschaft in ihrer Verflechtung mit der Weltwirtschaft als Grundlage für die spezifische Schilderung der jüdischen Entwicklungen. Daraus ergab sich eine zweckmäßige zeitliche Begrenzung des Themas, mit besonderem Schwerpunkt auf die Zeitspanne von 1871 bis 1914. Eine umfassende Darstellung der Entwicklung von 1812 bis 1871 hätte ein Eingehen auf zahllose Besonderheiten der gesetzlichen Lage der Juden in den Einzelstaaten erfordert, was die Ausführung der Untersuchung außerordentlich erschwert hätte. Andererseits ist aber gerade in den letzten zwanzig Jahren unter Wirtschaftshistorikern die entscheidende Bedeutung der Periode von 1835 bis etwa 1865, die Deutschlands Durchbruch zum Kapitalismus brachte, mehr als je zuvor erkannt worden, und auch die Juden wurden von dieser Wendung auf das Stärkste betroffen. So erschien es als bester Ausweg aus diesem Dilemma, die wichtigsten Strukturwandlungen der Wirtschaft seit Ende der napole·onischen Kriege und besonders den Durchbruch zum Kapitalismus mit ihren Auswirkungen auf die Juden in den zwei ersten Kapiteln zu umreißen, um dem Leser das Verständnis der jüdischen Lage um 1870 zu ermöglichen. Erst dann, von 1871 an, ist Deutschland nicht mehr ein vager geographischer Begriff, sondern ein fest umrissener Staat, dessen Gebiet bis 1918 unverändert blieb. In vieler Hinsicht bildet die Zeit von 1871bis1914 die dramatischste und fesselndste der deutsch-jüdischen Wirtschaftsgeschichte, die den Juden den größten Wohlstand und die hervorragendste Stellung im Wirtschaftsleben brachte, die sie je genossen hatten. Der Weltkrieg stellt schon sozusagen die »Peripetie« im großen Drama, den Beginn des Umschwungs dar. Die dann folgende Zeit der Weimarer Republik enthielt im Keim schon einen großen Teil des tragischen Niederganges. Aber während wir in dieser Hinsicht die Untersuchung auf festen Boden stellen können, lassen andere Schwierigkeiten, die im Wesen des Themas bestehen, sich nicht ganz beseitigen. Dabei handelt es sich in erster Linie um den in mehrfacher Beziehung fraglichen Charakter der deutschen Juden als Gruppe. Wo ist, so fragen wir zunächst, für die Zwecke dieser Untersuchung, die Grenze zu ziehen zwischen Juden und Nichtjuden? Allen amtlichen Statistiken liegt bekanntlich die Konfessionszugehörigkeit als maßgebendes Kriterium zugrunde. Aber so einfach die Definition »Jude ist, wer einer jüdischen Religionsgemeinde angehört« ist, so unbefriedigend ist sie, wenigstens für unsere Zwecke. Vor allem betrachtete die nichtjüdische Umwelt in der Regel Personen, die aus der jüdischen Gemeinde austraten, um sich taufen zu lassen oder »konfessionslos« zu werden, weiterhin als Juden. Auch die Ausgetretenen betrachteten sich nicht selten noch als (ungläubige) Juden und besaßen ein, wenn auch geschwächtes, jüdisches ZugehörigkeitsgefühF. Die Zahl der Personen, die wir in unserem Zusammen7 P. GAY, The Berlin Jewish Spirit. A Dogma in Search of some Doubts, Leo Baeck Memorial Lecture Nr. 15, New York 1973, S. 3f .
Einleitung 5 hang als jüdisch anzusehen haben, wird daher die amtlich festgestellte Zahl übertreffen. Dabei wird die Größe der Differenz vor allem von dem Wirtschaftszweig abhängen, um den es sich handelt. Für Juden, die etwa im Pelzhandel tätig waren, lag gewiß kein Anlaß vor, sich taufen zu lassen - es hätte dem Geschäft eher schaden können. Aber für jüdische Richter, Oberlehrer, Privatdozenten usw. war die Versuchung überaus stark, und dementsprechend die Zahl der Personen jüdischer Abstammung erheblich höher als die der statistisch erfaßten Juden. Auch geographische Momente spielten eine Rolle. In Großstädten wie Berlin und Hamburg war der Prozentsatz der Getauften und Konfessionslosen weit höher als etwa im Hessischen oder Posenschen. Nun ist rein zahlenmäßig die Differenz zwischen »Rassejuden« und »Konfessionsjuden« wohl nicht allzu bedeutend -jedenfalls erheblich geringer als von antisemitischer Seite meist behauptet wurde 8. Schwerwiegender war die soziale Bedeutung der Ausgetretenen: handelte es sich doch zu einem erheblichen Teil um Menschen mit besonders hohem Bildungsniveau, denen die Taufe als der einzig gangbare Weg zu einem ihrer Begabung entsprechenden Wirkungskreis erschien. Daß freilich bei einem großen Teil der Getauften Motive wie soziales Strebertum, Gewinnsucht und Feigheit die Hauptrolle spielten, soll gewiß nicht geleugnet werden. Aber während die Diskrepanz zwischen dem eng gefaßten statistischen Begriff des Juden und dem soziologisch weiteren Begriff in der Literatur schon mehrfach Beachtung gefunden hat, scheint die Problematik der begrifflichen Aussonderung der Judenheit Deutschlands gegenüber den Juden der übrigen Welt nur in sehr einseitiger Weise untersucht worden zu sein. Der Gruppencharakter der deutschen Juden war nicht starr gleichbleibend, sondern im Laufe der Zeit einer starken geschichtlichen Dynamik ausgesetzt. Die Zusammensetzung der Gruppe wandelte sich von 1871 bis 1914 nur allmählich, im folgenden Jahrzehnt aber rapide. Die Juden, die in der Weimarer Republik lebten, waren zu einem recht erheblichen Teil nicht Nachkommen derer, die ein halbes Jahrhundert früher in Deutschland gewohnt hatten. Andererseits lebten viele Familien, die einst zu den Juden Deutschlands gehört hatten, später durch Abtritt ihrer Heimatgebiete oder durch Auswanderung, jenseits der Grenzen. Nur der wichtigste Teil dieser Veränderungen, nämlich der Zuzug der »Ostjuden«, ist ausführlich gewürdigt worden 9. Selbst bezüglich der Wandlungen im Osten bleiben manche 8 HELMUT GENSCHEL, Die Verdrängung der Juden aus der Wirtschaft im Dritten Reich, Göttingen 1966, S. 274; s. auch EsRA BENNATHAN, »Die demographische und wirtschaftliche Struktur der Juden«, in W. E. MossE und A. PAUCKER (Hrg .), Entscheidungsjahr 1932 . Zur Judenfrage in der Endphase der Weimarer Republik, Tübingen 1965, S. 95 f. 9 S. ADLER-RUDEL, Ostjuden in Deutschland 188~1940. Zugleich eine Geschichte der Organisationen, die sie betreuten, Tübingen 1959; E. ZECHLIN, unter Mitarbeit von H. J. BIEBER, Die deutsche Politik und die Juden im Ersten Weltkrieg, Göttingen 1969. (Neuerdings auch: JACK L. WERTHEIMER, German Policy and Jewish Politics, The Absorption of East European Jews in
6 Einleitung Fragen ungeklärt. In viel höherem Maße aber gilt dies von der Rückkehr Elsaß-Lothringens zu Frankreich, durch die eine Reihe jüdischer Gemeinden, vor allem im Elsaß, verlorengingen, die zum Teil auf eine vielhundertjährige Geschichte zurückblickten. Da diese Gebiete von 1871bis1918 unter deutscher Herrschaft standen, gehören auch sie in diese Untersuchung. Rein zahlenmäßig mögen weder die Juden in den an Polen abgetretenen Gebieten noch die elsässischen und lothringischenJuden allzusehr ins Gewicht fallen. Anders jedoch ist es mit der ostjüdischen Einwanderung: betrug doch 1925 der Anteil der ausländischen Juden an der jüdischen Gesamtbevölkerung Deutschlands nicht weniger als 19, 1 %, während er imJahre 1880 nur 2, 7% ausgemacht hatte. Aber diese Veränderungen besaßen, ganz abgesehen von ihrer quantitativen Größe, eine sehr wichtige qualitative Bedeutung. Mit dem Ausscheiden der elsässischen Juden ebenso wie mit dem Zustrom der Ostjuden trat eine gewisse Wandlung der menschlichen Substanz, eine Veränderung des Antlitzes der Juden Deutschlands ein, deren Wirkungen auch auf wirtschaftlichem und soziologischem Gebiet festzustellen sind. Beschränken wir aber jetzt unser Blickfeld auf diejenigen Familien, die sowohl das offizielle Kriterium der Religionszugehörigkeit auf weisen wie auch dauernd in Deutschland lebten, so stehen wir erst vor dem tiefsten Problem: Was machte diese Menschen, abgesehen von dem statistischen Merkmal, im wirklichen Leben zu einer Gruppe? Was war ihr einigendes, gemeinsames Band und wie stark war es? Zur Beantwortung dieser Frage ist eine kurze historische Besinnung nützlich. Wie schon in der Emanzipationsdebatte der französischen Nationalversammlung erklärt worden war, man solle »den Juden als Individuen alles, den Juden als Nation nichts<( geben, so war auch die Emanzipation in Preußen und den anderen deutschen Staaten von der Absicht getragen, die Juden mit der übrigen Bevölkerung zu »amalgamieren<( . Selbst ein den Juden so wohlgesinnter Staatsmann wie Wilhelm von Humboldt wollte dahin wirken, daß die Juden ihre Isolierung in den Gemeinden aufgäben, und gerade in dieser Absicht wollte er »Schismen<( fördern und keine jüdische Gesamtvertretung zulassen10. Trotz gelegentlicher Schwankungen in der Einstellung der preußischen und später der Reichsregierung blieb die Grundtendenz immer auf völlige Assimilation gerichtet und dementsprechend wurde eine jüdische Gesamtvertretung in der ganzen hier in Rede stehenden Zeit nie zugelassen. Seitens der Juden war die Autbebung solcher Sonderrechte wie der »tausendjährigen eigenen Zivilgerichtsbarkeit<( schon Germany 186~1914, Dissert. Columbia University, New York 1978; DERS ., »The Unwanted Element-East EuropeanJews in Imperial Germany«, in: YLBI , XXVI (1981), S. 23-46 (Anm. d. Hrg .).] 10 1. ELBOGEN, Geschichte der Juden in Deutschland, Berlin 1935, S. 197f .; vgl. auch: H. HOLBORN, A History ofModern Germany 1840-1945, New York 1959, S. 280.
Einleitung 7 zur Zeit der Emanzipation widerspruchslos hingenommen worden 11 . Schon lange vor der Reichsgründung befanden sich die deutschen Juden außerhalb der religiösen Sphäre in einem Zustand organisatorischer Zersplitterung. Sie konnten private Vereine bilden, die wirtschaftliche, politische und soziale Zwecke verfolgten, und von diesem Recht wurde ausgiebig Gebrauch gemacht. Aber nirgends gab es eine jüdische Behörde, die wirklich Autorität besessen hätte, dem einzelnen Juden Weisungen für sein wirtschaftliches oder sonstiges Verhalten zu erteilen. Alle wirtschaftlich wichtigen Entscheidungen wurden von den einzelnen Individuen und Familien gefaßt, angesichts der Chancen, die ihnen das deutsche Wirtschaftsleben zu bieten schien. Gewiß wurden diese Individuen von anderen, mit denen sie in Fühlung standen, beeinflußt, aber letzten Endes waren sie, im Rahmen der bestehenden Möglichkeiten, Herren ihres eigenen Schicksals. So ist die oben aufgeworfene Frage, was alle diese Juden Deutschlands in Wirklichkeit, und speziell im Wirtschaftsleben, zu einer Gruppe machte, deren Verhalten man sinnvollerweise erforschen kann, bisher noch nicht beantwortet. Suchen wir weiter. Es wäre denkbar, daß all die Individuen, unbeschadet ihrer Unabhängigkeit, in ihrem wirtschaftlichen Verhalten von gewissen gemeinsamen Faktoren wie Religionszugehörigkeit, Abstammung oder irgendwelchen anderen, noch zu identifizierenden Elementen, auch in ihrem wirtschaftlichen Verhalten so stark beeinflußt wurden, daß sie dadurch zu einer unterschiedlichen Gruppe gemacht wurden. Nun handelt es sich hier offenbar um Imponderabilien, denen man mit knappen und präzisen Angaben niemals gerecht werden kann. Andererseits ist hier nicht der Ort für eine ausführliche historisch-soziologische Analyse. Aber soweit es für die Zwecke dieser Arbeit nötig ist, können wir trotzdem diese Fragen im Wesentlichen klären. Für diejenigen religiösen Gebote, die das wirtschaftliche Verhalten in erster Reihe zu beeinflussen geeignet erscheinen, wie die Einhaltung der Sabbatruhe und die Beachtung der Speisegesetze, ist eine unzweideutige Entwicklungstendenz festzustellen. Für die große Mehrheit der Juden in Deutschland hatte schon zur Zeit der Reichsgründung die Religion längst aufgehört, der große Regulator des täglichen Lebens zu sein. Die Zahl der Orthodoxen hatte schon seit 1848 stark abgenommen, und selbst die NeoOrthodoxen der 1851 in Frankfurt gegründeten »Israelitischen Religionsgemeinde« hatten sich dem Lebensstil der deutschen Umgebung weitgehend angepaßt. Soweit auf einem solchen Gebiet Verallgemeinerungen überhaupt zulässig sind, kann man wohl sagen, daß in den Jahrzehnten, die den Gegenstand unserer Untersuchung bilden, der Einfluß der Religion auf das jüdische Alltagsleben in noch viel stärkerem Maße zurückging als bei der Ge11 ELBOGEN, ebd., S. 200; H. M. SACHAR, The Course of Modernjewish History, New York 1958, s. 140 .
8 Einleitung samtbevölkerung. Von dieser Grundtendenz der Entwicklung abgesehen, lassen sich sehr bedeutende Unterschiede feststellen, die vor allem von der geographischen Verteilung und der Berufszugehörigkeit abhängen. Der Zug zur Großstadt tat bei den Juden, ähnlich wie bei der übrigen Bevölkerung, dem religiösen Einfluß Abbruch. So waren in Großstädten wie Berlin, Hamburg und München religiöse Indifferenz und Assimilation weit fortgeschritten, während in kleineren Städten und auf dem Lande traditionelle Lebensformen und religiöse Einflüsse sich als viel stärker erwiesen12. Nicht minder fiel die Berufszugehörigkeit ins Gewicht. Viele Tausende von jüdischen Familienvätern, die in kleineren oder mittleren Gemeinden -etwa in Schlesien, Posen oder Westpreußen - als selbständige Geschäftsleute tätig waren, neigten in religiösen Dingen zu einer konservativen Haltung, und ihre Anschauungen wandelten sich nur langsam. Ähnliches galt von den Juden in Bayern, Baden, Württemberg usw ., die sich vom Handel mit landwirtschaftlichen Produkten oder vom Viehhandel und etwas eigener Landwirtschaft ernährten. Dagegen finden wir am anderen Ende der Skala vor allem Journalisten, Schriftsteller und Künstler aller Artalso Angehörige von Berufen, die ohne einen starken Zug zum Individualismus kaum vorzustellen sind: hier spielte die Religion oft gar keine Rolle mehr. Allerdings hatten selbst bei den in Deutschland lang ansässigen Juden diese Regeln viele Ausnahmen. Auf die Ostjuden, die in sich wiederum eine sehr heterogene Gruppe darstellten, paßten sie überhaupt nicht. All dies erhellt wohl zur Genüge, daß die Religion nicht der Faktor sein kann, den wir suchen: der Faktor, der die deutschen Juden im Wirtschaftsleben irgendwie zu einer besonderen, andersartigen Gruppe machte. Selbst unter denen, die sich zur jüdischen Religion bekannten, war die ständig wachsende Mehrheit in ihrer wirtschaftlichen Tätigkeit nur sehr wenig von religiösen Gefühlen und Erwägungen beeinflußt. Die ganze Schar der Agnostiker, Atheisten und Christen jüdischer Abstammung wurde von jenen Einflüssen überhaupt nicht mehr berührt. Finden wir den gesuchten Faktor in der Herkunft? Dafür spricht auf den ersten Blick, daß der Kreis der Menschen, die dieses Kriterium aufweisen, sich fast völlig mit dem Kreise derer deckt, die die nichtjüdische Umwelt als jüdisch empfand. Die Tatsache, daß in Deutschland, im Gegensatz etwa zu den Mittelmeerländern, Juden sich sehr häufig auch äußerlich von der Umwelt unterschieden, mag hierzu beigetragen haben. Wenn wir den Begriff der Herkunft nicht auf die physische Abstammung beschränken, sondern alle Einflüsse des Elternhauses und des sozialen Milieus, in dem junge Menschen aufwachsen, einbeziehen, so hat zweifellos die Herkunft die Juden Deutschlands zu einer eigenartigen und besonderen Gruppe gemacht. 12 S. W. J. CAHNMANN , » Village and Small-Townjews in Germany. A Typological Study«, in: YLBI, XIX (1973), S. 119 ff.
Einleitung 9 Hierzu gehören auch jene spezifischen Begabungen, die den Juden immer wieder attestiert worden sind: ihre Anpassungsfähigkeit, schnelle Auffassungsgabe, Talent zum abstrakten Denken usw.13 All dies sind offensichtlich Eigenschaften, ohne die die Juden die Jahrhunderte der Verfolgung nicht hätten überstehen können. Was davon tatsächlich »angeborene<< Eigenschaften oder Einwirkungen des Elternhauses und der Umwelt waren, mag dahingestellt bleiben. Für die Entwicklung von wirtschaftlich so wichtigen Gewohnheiten wie Fleiß und Nüchternheit ist wohl nichts von solcher Bedeutung wie das elterliche Vorbild. Zweifellos waren diese Züge bei der großen Mehrheit der Juden stark ausgeprägt -allerdings mehr am Anfang der uns interessierenden Zeit als in den späteren Jahrzehnten, als materieller Erfolg und zunehmende Assimilation schon ihre Wirkung getan hatten14. Die für den kapitalistischen Unternehmer so wichtige Bereitschaft zur Übernahme von Risiken und finanzieller Wagemut sind Eigenschaften, die Juden in der Regel in höherem Maße besaßen als ihre Umwelt . Ganz bewußt, durch immer wiederholte Erörterungen, prägen Eltern ihre Werturteile der jungen Generation ein. Für uns sind hier zwei Punkte von besonderer Bedeutung: die traditionelle Hochschätzung des Lernens und Wissens, sowohl als Mittel zu materiellen Zwecken wie als Selbstzweck -und eine überaus hohe Bewertung des Geldes, verbunden mit der Neigung, alles auf seinen Geldwert abzuschätzen. Das, was wohl der unübersetzbare Ausdruck »money-mindedness« bezeichnet, ging allerdings während des Kaiserreiches erheblich zurück, in dem Maße, in dem man sich sicherer fühlte und die Erinnerung an die bittere Armut früherer Generationen allmählich verblaßte. Endlich noch ein Wort über Einflüsse, die oft nicht so sehr von den Eltern ausgingen wie von dem sozialen Milieu, in dem die jungen Menschen aufwuchsen. Ganz gleich, ob es sich etwa um Fürth in Bayern, um Danzig oder Oppeln in Schlesien handelte -der junge Jude hörte weit mehr über Leben und Verhältnisse im Ausland als sein nichtjüdischer Altersgenosse. Viele jüdische Familien hatten ausgewanderte Angehörige in Frankreich, England oder den Vereinigten Staaten. Andere waren durch geschäftliche Beziehungen mit Polen, Ungarn oder Rußland verbunden. Kein Wunder also, daß der junge Jude viel eher bereit war, selbst ins Ausland zu gehen -sei es in die Lehre oder auf Handelsreisen. 13 Über die vorgebliche »Adaptabilität« der Juden, s. R. MICHELS, Zur Soziologie des Parteiwesens in der modernen Demokratie. Untersuchungen über die oligarchischen Tendenzen des Gruppenlebens, Leipzig 1911, S. 246ff; W. SoMBART, Die Juden und das Wirtschaftsleben, München und Leipzig 1911, S. 323 ff; 332. 14 Vgl. M. WEBER, Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie, 1. Halbband, Tübingen 1925, S. 354.
10 Einleitung Bei der zunehmenden internationalen Verflechtung der deutschen Wirtschaft war die gewonnene Erfahrung von Vorteil. Neben der Herkunft müssen wir die spezifische historische Situation der damaligen deutschen Juden ins Auge fassen. Für ihr Leben und ihre Lage war nichts so ausschlaggebend wie die Tatsache, daß sie als sichtbare, über das Land verstreute Minderheit einer gerade injener Zeit von starkem Nationalgefühl erfüllten Mehrheit gegenüberstanden: in der Regel nicht gerade verhaßt, aber reichlich unbeliebt; aufgrund der Verfassung zwar gleichberechtigt, aber gesellschaftlich nicht gleichgestellt. Es war dieser Tatsachenkomplex, der auf ihr Gefühlsleben tiefe, schicksalhafte Wirkungen ausübte und natürlich auch ihr wirtschaftliches Verhalten stark beeinflußte. Wir müssen uns auch hier auf die Aufzeigung der Hauptlinien beschränken. Schon der Widerspruch zwischen der verfassungsmäßigen Gleichberechtigung der Juden und ihrem praktischen Ausschluß aus manchen Berufen, wie den Offiziersund den meisten Beamtenposten, schuf in fast jedem Juden -mochte er persönlich noch so wenig Lust zur Offiziersoder Beamtenlaufbahn haben -das Gefühl ungerechter Zurücksetzung. Aber das war nur ein Teil des Problems, und nicht einmal der größte. Die Unbeliebtheit des Juden in Deutschland, die Möglichkeit, daß schon auf der Schule Lehrer und Mitschüler sich in höhnender, gehässiger oder kränkender Weise auslassen oder ihn sogar durch ungerechte Behandlung schädigen könnten, schuf in ihm ein Trauma, das meistens durch später erlittene Unbill noch verschlimmert wurde. So entstand ein Gefühl der Erbitterung und inneren Auflehnung selbst bei den assimiliertestenJuden. Den Stempel der Minderwertigkeit, den ihnen ein großer Teil ihrer Mitmenschen stillschweigend, die antisemitischen Agitatoren mit großem Wortschwall aufzuzwingen suchten, auf sich sitzen zu lassen -davon hielt sie nicht nur ihr Lebenswille und das Bewußtsein ihrer eigenen Kraft und Tüchtigkeit ab, sondern auch ihre, wenn auch noch so lückenhafte, Kenntnis der dreitausendjährigen jüdischen Geschichte. Der krasse, schmerzende Gegensatz zwischen der Achtung, zu der die Juden sich berechtigt glaubten, und der Verachtung, mit der sie allzuoft behandelt wurden, schuf selbst bei Getauften und Ausgetretenen latente Spannungen, die zu wesentlichen Triebkräften ihres Verhaltens wurden und es in mannigfacher Weise beeinflußten 15 . Politisch führten sie zu einer Auflehnung gegen die Umwelt, die verschiedene Formen annahm: einerseits lag hier einer der Hauptgründe für den Anschluß sehr zahlreicher, zum Teil wohlhabender Juden an sozialistische Parteien16. An15 Vgl. M. ScHELER, »Das Ressentiment im Aufbau der Moralen«, in: DERS., Vom Umsturz der Werte, Abhandlungen und Aufsätze, zweite Auflage, Leipzig 1919. l6 MICHELS, a.a. O., S. 249; W. SOMBART, Der proletarische Sozialismus, »Marxismus«,]ena 1924, Bd . 2, S. 152ff. (Dagegen meint TouRY (Die politischen Orientierungen der Juden in Deutschland von Jena bis Weimar, Tübingen 1966, S. 192), daß nur sehr wenige Juden bis in die
Einleitung 11 dererseits führten diese Erlebnisse, besonders im ersten Drittel unseres Jahrhunderts, einen großen Teil, vor allem der akademischen Jugend, zum Zionismus. Die Folgen dieses Traumas, dieser seelischen Spannungen, waren auf wirtschaftlichem Gebiete vielleicht nicht so offensichtlich, jedoch mindestens ebenso bedeutsam wie auf dem politischen. Die wirtschaftliche Arbeit im Dienst eines schöpferischen Zieles -sei es eine organisatorische oder technische Verbesserung im Betriebe, die Erschließung einer neuen Absatzmöglichkeit oder eine neue wissenschaftliche Theorie - wurde zum Mittel der Stärkung des Selbstgefühles. Der Zuwachs an innerer Kraft ermöglichte zumindest teilweise Überwindung von Anfeindungen und Zurücksetzungen. Gewiß war eine große schöpferische Leistung nur einer Minderheit der Juden möglich. Größer war die Zahl derer, für die der Weg zur Kompensation erlittenen und gefürchteten Unrechts in der Anspannung aller Kräfte im erfolgreichen wirtschaftlichen Erwerb lag. frühere Generationen hatten in den Jahrhunderten des Ghettolebens gelernt, Geld als das einzige Mittel zu betrachten, mit dem man etwas Duldung , das Recht zu atmen, erkaufen konnte, als die einzige Sicherung gegen die Wechselfälle ihrer höchst unsicheren Existenz. Die Juden im Deutschen Reich sahen im Reichtum den sichersten, wenn nicht den einzigen Weg zu sozialer Geltung zu gelangen, das Mittel zur Überwindung des Minderwertigkeitsgefühls, gegen das sie sich angesichts der Haltung ihrer Umwelt immer wieder wehren mußten. Einen Juden, der mit ihnen auf gleicher wirtschaftlicher Stufe stand, mochten die Christen mit Nichtachtung behandeln -ein Millionär flößte ihnen doch heillosen Respekt ein! überdies konnte großer Reichtum besonders unter Wilhelm II. ja den glücklichen Besitzer sogar zum Kommerzienrat und zu verschiedenen anderen Würden erheben. Titel und Orden -wie in etwas anderer Weise auch die akademischen Titel -übten eine heilsame Wirkung auf ein wundes Selbstgefühl aus. Nicht wenige benutzten ihren Reichtum zur Entfaltung eines möglichst in die Augen fallenden Luxus -zum »Protzertum« der Neureichenum über ihre innere Unsicherheit hinwegzukommen, indem sie Neid und Bewunderung der Umwelt genossen. Man mag eine tragische Ironie des Schicksals darin erblicken, daß gerade die Züge, die den Juden von der antisemitischen Agitation immer wieder vorgeworfen wurden -zügelloser Erwerbssinn, soziales Strebertum, Protzerei -zum großen Teil gerade die Folgen der Feindseligkeit waren, der sie 1890er Jahre die Sozialdemokratie unterstützten und nicht mehr als 4-8 Prozent für sie wählten. Ähnlich auch E. HAMBURGER, Juden im öffentlichen Leben Deutschlands. Regierungsmitglieder, Beamte und Parlamentarier in der monarchistischen Zeit 1848--1918, Tübingen 1968, S. 541 ff (Anm. d. Hrg . ).J
18 1815-1835 denen der eine Machthaber sein Gebiet »judenrein« zu halten wünschte, ein anderer Juden in beschränkter Zahl zuließ, und der dritte sie heranzuziehen für vorteilhaft erachtete 24 . Die große Mobilität der Juden, ein Hauptkennzeichen ihres Verhaltens im 19. Jahrhundert, folgte aus ihrem natürlichen Bestreben, aus den Orten, in die sie nur der historische Zufall verschlagen hatte, dahin zu ziehen, wo die besten Erwerbsund Aufstiegsmöglichkeiten lockten. b) Die Berufsstruktur Suchen wir nun, eine ungefähre Vorstellung von der jüdischen Wirtschaftslage in der Zeit nach den Napoleonischen Kriegen zu gewinnen, so besteht kein Zweifel, daß die ersten beiden Jahrzehnte im ganzen eine Zeit bitterer Enttäuschung und nur geringen Fortschritts waren. Die Erwerbsmöglichkeiten blieben gering, von Aufstieg konnte für die meisten Juden kaum die Rede sein 25 . Aber ein genaues Bild der damaligen Lage zu gewinnen erweist sich als unmöglich, und zwar vor allem wegen des für jene Zeit fast selbstverständlichen Mangels an statistischen Unterlagen. Es wäre auch naiv, von einem noch nicht industrialisierten Lande eine gute Berufsstatistik zu erwartei1 26 . So haben wir etwa folgende Statistik über die Berufszugehörigkeit der Juden, die 1813 das preußische Staatsbürgerrecht besaßen, was in dem damaligen Preußen, d. h. vor der Erwerbung der Provinz Posen, die erst 1815 durch die Wiener Verträge erfolgte, für fast alle Juden zutraf. Es lebten von je 1000 Juden: Von wissenschaftlichen und künstlerischen Arbeiten Von Handel und Gastwirtschaft Von Handwerken Vom Ackerbau 31 918 46 5 1000 Aber aus dieser, auch von Silbergleit als unzuverlässig bezeichneten Statistik27, lernen wir wenigschon weil die für uns weitaus wichtigste Rubrik »Handel und Gastwirtschaft« so weit gefaßt ist, daß sie fast jeden Sinn verliert; umschließt sie doch alles, vom ärmsten Hausierer zum reichsten Bankier, und vom Pächter eines Branntweinausschanks zum Textilgrossi24 Vgl. auch die Einleitung zu SILBERGLEIT, a.a.O . 25 Natürlich gab es auch Ausnahmen. Vgl. K.J. BALL-KADUR1,Jüdisches Leben einst und jetzt, München 1961, S. 9ff. 26 Vgl. K. BERRILL, »foreign Capital and Take-off«, in: W. W. Rosrnw (Hrg.), The Economics of Take-o.ff into Sustained Growth, London 1963. 27 SILBERGLEIT, a.a.O„ s. 75.
Von den Napoleonischen Kriegen bis zur Industrialisierung 19 sten28. überdies fehlt hier die unterste Schicht völlig. Diese bestand nicht etwa, wie oft angenommen wird, aus den Hausierern. Diese hatten immerhin einen festen Wohnsitz, ernährten sich und ihre Familien mit harter Arbeit und waren Mitglieder einer Gemeinde. Gewiß liegt kein Grund vor, die Hausierer jener Zeit zu idealisieren29: zweifellos gab es manche, die als Hehler gestohlener Sachen oder als ortskundige Späher dem jüdischen oder nichtjüdischen Verbrechertum Hilfsdienste leisteten30• Aber das waren Randerscheinungen, die die große Masse der Hausierer nicht charakterisierten. Wenn jedoch die Hausierer zweifellos die unterste Schicht der im Handel Beschäftigten bildeten, so gab es in der damaligen Judenheit verschiedene Elemente, die viel tiefer standen. Dies können wir -ganz abgesehen von anderen zeitgenössischen Dokumenten -aus einer Reihe von Statistiken ersehen, für die die folgende ein gutes Beispiel ist. Sie bezieht sich auf das Jahr 1834 -also einen Zeitpunkt, an dem sich seit Ende der großen Kriege noch nicht sehr viel geändert hatte. Die Statistik gibt für jede Rubrik doppelte Zahlen an; die eine für Preußen einschließlich der Provinz Posen; die andere ohne Posen31 . Was hier auf den ersten Blick, außer dem schon erklärten höheren Prozentsatz von Handwerkern in Posen, wohl am meisten auffällt, ist der selbst Von je 100 Juden in Preußen lebten: mit Posen Von Handel und Kredit von Handwerk und Industrie von freien Berufen und als Beamte von Landwirtschaft als Rentner und Pensionäre vom Verkehrsgewerbe als Tagelöhner und von häuslichen Diensten ohne Beruf, als Unterstützungsempfänger und Bettler 51,0 17,7 3,3 1,0 2,6 0,3 13,6 10,5 100,0 ohne Posen 60,8 9,8 4,2 1,3 3,9 0, 1 13,7 6,2 100,0 2s Nach Silbergleit sind die preußischen Statistiken erst ab den 1840er Jahren einigermaßen zuverlässig. Dazu haben Berufsstatistiken auch Probleme der Klassifizierung, die bei den wechselnden Produktionstechniken der lndustrialisierungsperiode rasch wechseln. Noch problematischer wird dabei die konfessionelle Definition: » Wahrhafte Demokratie fragt nicht nach Religionszugehörigkeit.« (H. SJLBERGLEIT, »Das Arbeitsprogramm der Kommission für Statistik und Wirtschaftskunde der Juden«, in: Korrespondenzblatt des Vereins zur Gründung und Erhaltung einer Akademie far die Wissenschaft des ]udentums,]g. 6, Berlin 1927.) 29 Wie z. B.J. R. MARCUS, The Riseand Destiny ofthe German]ew, Philadelphia 1934, S. 106. 30 Auch Pferdehändler standen im gleichen Verdacht. 31 SILBERGLEIT, Bevölkerung etc ., a.a.O ., s. 75; LESTSCHINSKY„ a.a.O ., S. 32.
20 1815-1835 in den älteren Landesteilen erschreckend hohe Anteil der Bettler, Unterstützungsempfänger und Berufslosen, nämlich 6,2%; nimmt man noch Posen hinzu, so erhöht sich der Prozentsatz gar auf über 10! Es handelt sich also um viele Tausende, mit denen wir uns befassen müssen; denn es ist ein seltsames Paradox, daß, während es in den Sammlungen jüdischer Witze und Anekdoten wohl kaum eine Seite gibt, auf der nicht die wohlbekannte Figur des »Schnorrers« auftaucht, in den Werken der meisten jüdischen Wirtschaftsund Sozialhistoriker von ihm um so weniger die Rede ist. Nun war das Bettlerwesen oder -unwesen zum großen Teil zweifellos ein spezifisches Phänomen des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts. Werner Sombart meint, es sei durch das Reisen, das damals erst recht aufkam, mit hervorgerufen worden, und zwar »Bettel in allen Formen, oft mit allerhand Schaustellungen und Darbietungen durchsetzt<< 32. Aber die Hauptursachen waren, wenigstens in der uns interessierenden Zeit, zweifellos anderer Art; sie bestanden vor allem in dem Gegensatz zwischen dem gewaltigen Bevölkerungswachstum, das in ganz Europa besonders in der Zeit von 1750 bis 1850 zu verzeichnen war33, und der allzu langsamen Erweiterung der Nahrungserzeugung. Zu der so entstehenden grausamen Not der Überschußbevölkerung -die bezeichnenderweise um die Jahrhundertwende den englischen Nationalökonomen Malthus auf seine Bevölkerungstheorie gebracht und mit massenhaftem Material zu ihrer Erhärtung versehen hatte -kam dann noch das Elend der vielen Tausende von verkrüppelten Soldaten der großen Kriege hinzu. Kein Wunder also, daß so viel gebettelt wurde! c) »Betteljuden« und jüdische Unterwelt Aber um das jüdische Bettlertum jener Zeit zu verstehen, müssen wir noch andere Faktoren in Betracht ziehen. Die Zahl der Juden in Deutschland wuchs damals mindestens ebenso schnell wie die der übrigen Bevölkerung und die Erwerbsmöglichkeiten blieben bis etwa 1835 kärglich. Dabei spielte in der jüdischen Religion die Wohltätigkeit eine solche Rolle, und die Erinnerung an die zahllosen Verfolgungen und Katastrophen, durch die selbst der Tüchtigste plötzlich zum Bettler werden konnte, war so wach, daß die Gemeinden den Bettlern nicht jede Unterstützung versagten, sondern sie mit einem Minimum versorgten und möglichst bald abzuschieben suchten. Zweifellos betrachteten die Gemeinden die Scharen herumziehender Bettler als eine Landplage, zumal manche Bettler im V erdacht standen, mit der jüdischen Unterwelt in Verbindung zu stehen34. Aber man ließ sie 32 W. SoMBART, Die deutsche Volkswirtschaft im 19 . Jahrhundert und im Anfang des 20. Jahrhunderts, Berlin 1923, S. 9; GLANZ , Geschichte, a.a.O., S. 142f. 33 Die Bevölkerung Europas vermehrte sich zwischen 1750 und 1850 von rund 140 auf260 Millionen. SACHAR, a.a.0 ., S. 117. 34 GLANZ, Geschichte, a.a. O., S. 142f.
Von den Napoleonischen Kriegen bis zur Industrialisierung 21 doch nicht verhungern. Wie Glanz berichtet, hatten die meisten jüdischen Bettler, die einzeln oder in Scharen im Lande herumzogen, im Gegensatz zum christlichen Bettlertum meist Frau und Kinder an einem festen Wohnsitz und unterstützten sie vom Ertrage ihrer Bettelei35, und oft mochten ihre Kinder später in die Fußstapfen des Vaters treten, während andere zum Gaunertum »aufstiegen«. Daß die in der obigen Statistik als »berufslos« Bezeichneten zum Teil Gauner waren, und daß es noch im zweiten Viertel des 19. Jahrhunderts eine von der christlichen im wesentlichen getrennte jüdische Unterwelt gab, dürfte nunmehr feststehen. Nur in den Rheinlanden war das Gaunertum aller Arten zwischen 1808 und 1815, während der französischen Besetzung, ausgerottet worden - worauf sich die meisten Gauner nach Osten verzogen36. Was aber im übrigen aus dem jüdischen Gaunertum geworden ist, bleibt noch ungeklärt37 • Was endlich die »Unterstützungsempfänger« betrifft, so zwingt der Zeitpunkt der Statistik zu der Annahme, daß es sich um arbeitsunfähige Elemente handelte, die von den Gemeinden versorgt wurden. Später spielten höchstwahrscheinlich auch die Unterstützungen aus Amerika eine wichtige Rolle: wissen wir doch, daß selbst Juden, die drüben als Dienstboten arbeiteten, ihre Angehörigen in der alten Heimat nicht vergaßen, sondern finanziell unterstützten 38 . Bezüglich der »Tagelöhner und Dienstboten« der obigen Statistik muß man sich die Rechtlosigkeit und erbärmliche Bezahlung der Dienstboten unter den damaligen Umständen vor Augen halten. Fassen wir demnach die beiden untersten Rubriken der obigen Statistik zusammen, die selbst in den älteren Landesteilen Preußens fast 20% der jüdischen Bevölkerung umfaßten, so ergibt sich ein beredtes Zeugnis für den Umfang der Not, die damals noch herrschte. d) »Rentner«, »Landwirte« und »Handwerker« -mißlungene »Erziehungspolitik« Was haben wir uns für die damalige Zeit -d. h. vor dem Aufkommen des »Effektenkapitalismus« mit seinen Dividendenzahlungen und Coupons - unter »Rentnern und Pensionären« vorzustellen? Im wesentlichen wohl 35 Ebd., S. 186f . 36 Ebd., S. 180. 37 Gewiß liegt die Vermutung nahe, daß die Auswanderung nach Amerika ab den 1820er Jahren viel zum Verschwinden des Gaunertums beigetragen habe. Auch Cahnmann (in: »Village and Small-TownJews«, a.a.O., S. 111) scheint diese Meinung zu teilen. Es wäre interessant zu wissen, wie die Überfahrt finanziert wurde. Haben etwa die Gemeinden -in Beherzigung der Losung »Pattern ist Geld wert« -einzeln oder gemeinsam Gauner und Bettler mit Schiffskarten versorgt? Interessante Fragen für künftige Forscher! 3s Vgl. die Erzählung von B. AUERBACH , »Der Tolpatsch aus Amerika« in seinen Schwarzwälder Dorfgeschichten und GLANZ , American:Jewish Mass Emigration , a.a. O„ S. 6.
22 1815-1835 Personen, die von den Zinsen ihres ausgeliehenen Kapitals oder von der Miete oder Pacht für ihre Häuser oder Grundstücke lebten; ferner solche, die vom Staat oder öffentlichen Körperschaften Pensionszahlungen erhielten. Wenigstens zum Teil handelte es sich hier um Angehörige der bemittelten Kreise 39 . Etwas näher müssen wir uns mit dem Problem der Juden in der Landwirtschaft befassen. Der geringe Prozentsatz von ihnen, die in der obigen Statistik als Landwirte angesehen werden -und dieser Prozentsatz hat sich auch später viele Jahrzehnte hindurch kaum geändert -galt allgemein als der schlagendste Beweis für die anormale Berufsstruktur der deutschen Juden. Aber ohne etwa die Größe oder Wichtigkeit des Unterschiedes zwischen der jüdischen und der allgemeinen Berufsstruktur in Deutschland zu bestreiten, muß doch vor einem Mißverständnis gewarnt werden. Während nur in Schlesien, wie aus einer von Silbergleit angeführten Statistik aus demJahre 1843 hervorgeht, ein nicht unerheblicher Prozentsatz der Judenhauptberuflich in der Landwirtschaft tätig war40, lebten in weiten Teilen Südund Westdeutschlands -in den Rheinlanden, Baden, Württemberg, Bayern usw. -viele Tausende von Juden, deren Berufszugehörigkeit nicht eindeutig war. Die meisten hatten etwas Land erworben oder gepachtet, das sie entweder selbst bearbeiteten oder mit Hilfe fremder Arbeitskräfte bewirtschafteten. Das Land diente teils der Selbstversorgung mit Nahrungsmitteln, teils wurde es in Verbindung mit dem Viehoder Pferdehandel des Besitzers gebraucht. Nur wenige dieser Juden waren Bauern im Hauptberuf, und die Frage, weshalb, allen Bemühungen und wohlmeinenden Aufrufen zum Trotz, nicht mehr Juden Bauern wurden, ist heute unschwer zu beantworten: ihr Instinkt und gesunder Menschenverstand bewahrten sie davor, in einer Zeit, in der die deutsche Landwirtschaft den großen bäuerlichen Nachwuchs nicht auf dem Lande zu halten vermochte, sondern Millionen von Menschen teils durch Auswanderung, teils durch Abwanderung in die Städte verlor, gegen den Strom zu schwimmen -zumal die deutsche Wirtschaft gegen Ende der dreißiger Jahre anfing, anderwärts reichliche Erwerbsmöglichkeiten zu bieten. In ähnlicher Weise dürfte auch die vielumstrittene Frage der jüdischen Beteiligung am Handwerk zu verstehen sein. Auch hier fehlte es nicht an Bemühungen und auch finanziellem Aufwand von jüdischer und anderer Seite, einen größeren Teil der jüdischen Jugend vom »Unproduktiven« 39 Die Anfänge des Effektenkapitalismus gehen gewiß weiter zurück: es gab damals schon Hypothekenbanken, Pfandbriefe und Staatsanleihen. Aber die überwiegende Masse der Bevölkerung, einschließlich der Besitzenden, war damals davon noch fast unberührt. 40 SILBERGLEIT, Bevölkerung, a.a.O., s. 77.
Von den Napoleonischen Kriegen bis zur Industrialisierung 23 Handel zum »produktiven« Handwerk hinzuleiten41 . Auch war an der Eignung der Juden nicht zu zweifeln: waren doch, trotz aller Schwierigkeiten vonseiten der Zünfte und trotz des Festhaltens der meisten Juden an den Speisegesetzen und der Sabbatruhe, zahlreiche Juden, selbst außerhalb des zunftfreien Posen, als Handwerker tätig. Dies nicht nur in den unentbehrlichen Berufen des Schlächters und Bäckers, sondern - um wenigstens eine Ahnung von der Vielfalt der Berufe zu geben-als Schneider, Weber, Färber, Mützenmacher, Knopfmacher, Seiler und Sattler, Seifensieder, Tischler, Schlosser, Steinhauer, Maurer, Tapezierer, Gerber, Optiker, Buchdrucker, Gelbgießer, Zinngießer, Klempner, Graveure, Uhrmacher, Goldund Silbersticker, Juweliere, Diamantenschleifer, ja zum Teil in Berufen, die wir heute kaum noch kennen, wie »Porzellanergänzer<<, »Bandagenverfertiger«, »Bartzwicker« oder »konzessionierter Wappenstecher« 42 . Aber trotz alledem blieb die Zahl der Juden, die sich in Deutschland als Handwerker ernährten, ziemlich bescheiden. Ein Teil der Jungen, die ein Handwerk erlernt hatten, wanderte bezeichnenderweise aus. Bei anderen war das Handwerk nur die Vorstufe zu anderen lukrativeren Berufen. Nur in der Provinz Posen und zum Teil auch in angrenzenden Teilen Schlesiens43 bestand unter den Juden eine nennenswerte handwerkliche Tradition mit sich daraus ergebenden Ausbildungsmöglichkeiten für den Nachwuchs44• e) Der HandelHauptgebiet jüdischer Erwerbstätigkeit Fassen wir nun die Berufe ins Auge, die mehr Juden in Deutschland ernährten als alle anderen zusammengenommen, nämlich die große Berufsgruppe· »Handel und Kredit«. Am Anfang der uns hier beschäftigenden Jahrzehnte bestand zweifellos eine breite Unterschicht aller im Handel beschäftigten Juden aus Hausierern, die von Ort zu Ort zogen und zum größten Teil in drückender Not in einer heute schwer vorstellbaren Armut lebten. Nur darf man bei Beurteilung dieser Zustände nicht außer acht lassen, daß -soweit man überhaupt trotz allen regionalen und rechtlichen Unterschieden verallgemeinern darf -die Mehrzahl ihrer Kunden damals 41 Lestschinskys auch von uns benutztes Werk ist leider in dieser Hinsicht durch werturteilhafte Darstellung in seinem wissenschaftlichen Wert beeinträchtigt. 42 Vgl. J. jACOBSON (Hrg. ), Die Judenbürgerbücher der Stadt Berlin 1809-1851 . Mit Ergänzungen für die Jahre 1791-1809, Berlin 1962, die leider nur bis 1851 gehen. 43 BRILLING, a.a.O ., S. 53, berichtet, daß in Schlesien einige Zünfte, in Ausnahme von der allgemeinen Judenfeindlichkeit der Handwerker, jüdische Lehrlinge aufnahmen und dafür von der Regierung gelobt wurden. Gegen widerspenstige Innungen hat dagegen die Regierung manchmal auch Zwang angewendet. 44 JACOBSON, a.a.O., S. 23, betont die »Verstärkung des handwerklichen Elements« durch die Zuwanderung aus den östlichen Provinzen, die auch durch die Berufsund Herkunftsangaben in den Bürgerbriefen bestätigt ist.
24 1815-1835 kaum besser dran waren45 . Der schwere wirtschaftliche Druck, unter dem die meisten Hausierer standen, die gebieterische Notwendigkeit, für die meist sehr kopfreichen Familien Brot zu beschaffen und womöglich den Kindern einmal ein besseres Leben zu ermöglichen, machte sie stets bereit, jede andere Erwerbsmöglichkeit zu ergreifen, die sie nur erspähen konnten. Diese lag nicht selten in Kreditgeschäften, z. B. wenn Kunden nicht sofort zahlen konnten oder dringend Geld brauchten, oder in Darlehensgewährung gegen Pfand, also Pfandleihgeschäften. Zuweilen führte der Weg von solchen äußerst bescheidenen Anfängen zu späteren Bankgeschäften 46 • Des öfteren konnte der Hausierer auch beim Viehhandel vermittelnd eingreifen; und wenn die Gelegenheit günstig war, erwuchs aus solch einem Nebenerwerb der neue Hauptberuf. In den meisten Fällen aber ging der Ehrgeiz des Hausierers dahin, ein Ladengeschäft zu eröffnen, wo die körperlichen Anforderungen nicht ganz so hart, vor allem aber die Verdienstmöglichkeiten größer und das gesellschaftliche Ansehen höher sein würden. In den dreißiger Jahren, als allmählich eine wirtschaftliche Besserung eintrat und das Tempo der deutschen Wirtschaftsentwicklung sich beschleunigte, wurden die Gelegenheiten zum Berufswechsel immer häufiger und der Abfluß aus dem Hausierertum verstärkte sich. In besonderer Weise wurde die Abwendung vom Hausieren in der Provinz Posen gefördert. 1815 war Posen zunächst von der Wirksamkeit des preußischen Emanzipationsediktes ausgeschlossen worden. Um aber eine allmähliche Angleichung zwischen den Verhältnissen der Juden in Posen und denen in den älteren Teilen der Monarchie herbeizuführen, erließ der damalige Oberpräsident von Flottwell 1833 eine Verordnung, nach der Personen, die eine ausreichende Beherrschung der deutschen Sprache, ein nicht im Hausieren ausgeübtes Gewerbe oder einen gewissen Kapitalbesitz nachweisen konnten, sich um ein Naturalisationspatent bewerben durften. Durch dieses »Erziehungsgesetz« -das auch von jüdischer Seite als hervorragende staatsmännische Leistung gefeiert wurde47 -wurde zwar dem Aufstieg der Posener Juden nicht etwa Tür und Tor geöffnet, doch aber eine schmale Seitentür, durch die in den folgendenJahren eine lange Reihe Juden mit ihren Familien nach anderen Teilen Preußens abwandern konnten. Während die in der Flottwellschen Verordnung liegende Mißbilligung des Hausierens durch die damaligen Verhältnisse in der Provinz Posen -mit ihrem außerordentlich hohen Prozentsatz jüdischer Bevölkerung - wahrscheinlich gerechtfertigt war, beruht die von vielen Autoren an den Tag 4s Über die elende Lage der Landbevölkerung, bei regionalen Unterschieden, vgl. CLAPHAM, a.a.0 ., S. 402ff. 46 Vgl. CAHNMANN, Village]ews, a.a.O ., und BALL-KADURI, a.a.O ., S. 9ff . 41 ]ACOBSON , a.a.O., S. 20f., zitiert das Urteil des Danziger Archivdirektors Adolf Warschauer in diesem Sinne.
Von den Napoleonischen Kriegen bis zur Industrialisierung 25 gelegte Mißachtung dieses Berufs in der Regel entweder auf einer Verkennung der historischen Zustände, oder -seltener - auf ideologischer V oreingenommenheit. Solange Bauer und Bäuerin nur höchst selten auf den elenden Landwegen in die Stadt fahren konnten, um vornehmlich aufWochenoder Jahrmärkten einzukaufen, war der Hausierer notwendig und nützlich48. Auch wissen wir aus mancherlei zeitgenössischen Schilderungen, besonders aus Südund Westdeutschland sowie aus dem in vieler Hinsicht ähnlichen Elsaß, daß der Hausierer oft als Träger von Nachrichten und Neuigkeiten, gelegentlich auch als Vermittler bei verschiedenen Geschäften und als Geber von Darlehen willkommen war 49 . Erst als die Revolutionierung des Verkehrswesens durch Eisenbahnund Kanalbau der Landbevölkerung den Einkauf in der Stadt erleichterte und neue Existenzmöglichkeiten für den Ladenhandel schuf, wurde der Hausierhandel auf dem Lande weitgehend überflüssig. Suchen wir nun Tätigkeit und Lage der anderen in Handel und Kreditwesen beschäftigten Juden zu verstehen, so werden wir gut daran tun, uns den damaligen Stand der deutschen Wirtschaft vor Augen zu halten. Auf dem ganzen europäischen Festland gab es nur wenig Außenhandel, um so weniger, je weiter man von Westen nach Osten kam, wo die einzelnen Ortschaften mit der Außenwelt wirtschaftlich kaum in Verbindung standen. Selbst der Grossist, der nur im eigenen Lande Geschäfte machte, war relativ selten, und auch Ladenhandel war nicht weit verbreitet. Um so wichtiger waren Wochenund Jahrmärkte und die Messen, besonders in Frankfurt a. 0., Frankfurt a. M. und Leipzig, auf denen die Kaufleute untereinander, nicht mit dem Konsumenten, handelten. Erst nach 1830 begannen sich die Läden zu vermehren, vor allem im Zusammenhang mit zunehmender Verbreitung der »Kolonialwaren« wie Kaffee, Kakao, Tee usw., an die sich die Bevölkerung in den Tausenden von Kleinstädten ziemlich rasch gewöhnte. Erst danach kamen Läden allgemeiner Art auf, die alles mögliche führten. Aber selbst dann noch war der Hausierer oft schwer zu verdrängen 50. Von der Lage des deutschen Handels in jener Zeit des langsamen Übergangs ein rechtes Bild zu gewinnen, ist um so schwieriger, als die wichtigsten Handelszentren - Hamburg, Frankfurt a. M., Bremen und Leipzig - nicht auf preußischem Boden lagen und daher von den preußischen Statistiken nicht mit erfaßt werden. Innerhalb Preußens spielt Berlin als Haupt-und 4 s So, ausgewogen und sachkundig beurteilt, bei CLAPHAM, a. a. 0 ., S. 116 f. Dagegen ist die Darstellung von SARTORJUS VON WALTERSHAUSEN (Deutsche Wirtschaftsgeschichte 1815-1914,Jena 192Y, pass.) durch antisemitische Vorurteile beeinträchtigt . 4 9 S. dazu besonders: J. P . HEBEL, Erzählungen und Aufsätze des rheinischen Haus.freundes, Karlsruhe 1923 (1. Aufl. 1832), AuERBACHS Schwarzwiilder Doijgeschichten und auch CAHNMANN, Village ]ews, a.a. O. Über die elsässischen Verhältnisse: J. P1cARD, Der Gezeichnete, Jüdische Geschichten aus einem Jahrhundert, Berlin 1936. so CLAPHAM, a.a. O., S. 116ff.
26 1815-1835 königliche Residenzstadt und von 1834 an als Mittelpunkt des Zollvereins eine ganz überragende Rolle, die durch seine schon in den dreißiger Jahren rasch wachsende Industrialisierung noch erhöht wurde 51 . Nur in weitem Abstand sind andere preußische Städte wie Breslau, Frankfurt a. 0. und Königsberg zu nennen. Werfen wir zunächstmit allen Vorbehalten gegenüber solchen Statistiken aus dem damaligen Preußen -einen Blick auf folgende Zahlen über die »innere Struktur« des jüdischen Handels aus demJahr 184352. In Preußen entfielen von je 100 im Handelund Kreditwesen beschäftigten Juden auf Geldund Wechselhandlungen Großhandel und Großfabrikanten Offene Läden Kommissionäre und Pfandleiher Gehilfen genannter 4 Gruppen Lebensmittelhändler Trödler Stehender Kramhandel Gehilfen genannter Gruppen Hausierer Gehilfen der Hausierer Pferdehändler Gastund Schankwirtschaft 1,0 2,8 19,7 4,5 12,5 9,3 3,0 19,4 2,0 11,8 2,1 2,5 9,4 100,0 Im allgemeinen gibt die Statistik ein Bild jüdischer Anpassung an die Entwicklung der deutschen Wirtschaft und besonders des Handels, wie sie schon oben, aufgrund anderer Quellen, skizziert wurde. Der Anteil der Hausierer, die mit ihren Gehilfen fast 14% der im Handel Tätigen ausmachen, ist zwar noch erheblich, tritt aber auch schon stark hinter dem des »stehenden Kramhandels« (19,4% ohne Gehilfen) zurück; die »Trödelhändler« betragen weitere 3%. Höchstwahrscheinlich spiegelt die Zunahme des »Stehenden Kramhandels« bei gleichzeitiger Abnahme der Hausierer -die 51 Zu Berlins . H . RACHEL, J. PAPRITZ und P. WALLICH, Berliner Großkaufleute und Kapitalisten, hier bes. Bd. 3, Die Übergangszeit zum Hochkapitalismus 1806-1856, hrg. vonJ. SCHULZE undH . C. WALLICH, Berlin 1967. Vgl. auchH . SEELIGER, a.a.O . 52 LESTSCHINSKY, a.a. O., S. 34. Die Schwächen der Rubrizierung sind offensichtlich: was haben z.B. die »Kommissionäre« mit den »Pfandleihern« gemein? Oder welche »Lebensmittelhändler« hatten keine »offenen Läden«? Sollte sich diese Bezeichnung auf den später so wichtigen jüdischen Handel mit landwirtschaftlichen Produkten, wie Getreide und Wein, beziehen, so ist sie sehr unglücklich gewählt. Dagegen ist die Zusammenfassung von »Großhandel und Großfabrikanten« eher zu begründen, da zu dieser Zeit Herstellung und Vertrieb der Waren oft innerhalb derselben Firma stattfanden.
Von den Napoleonischen Kriegen bis zur Industrialisierung 27 man sozial kaum als einen Fortschritt ansehen kann -vor allem das Wachstum der Städte wider; und zwar handelt es sich hier vorwiegend um Kleinstädte. Dagegen ist der schon relativ hohe Anteil der »offenen Läden« sozial und wirtschaftlich als Fortschritt zu werten. Die kuriose Tatsache, daß der später so vielumstrittene jüdische Viehhandel in der obigen Statistik gar nicht erscheint, während die Pferdehändler eine Rubrik erhalten, findet ihre Erklärung wohl darin, daß der Pferdehandel einer der wenigen Erwerbszweige war, die in Preußen vor der Emanzipation den Juden ausdrücklich freigegeben waren. j) Die wirtschaftliche Oberschicht Bei den beiden obersten Rubriken ist die Scheidung zwischen »Geldund Wechselhandlungen« und »Großhandel und Großfabrikanten« für die damalige Zeit noch etwas künstlich. Die »Hofjuden« des 18. Jahrhunderts hatten ihren Fürsten nicht nur Anleihen vorgestreckt oder verschafft sowie Silber, Kupfer und sonstige Metalle für die Münze geliefert, sondern sie hatten auch alle möglichen Luxusgegenstände -Gold und Juwelen, Samt uhd Seide, Plüsch und Brokat -für die Damen des Hofes besorgt und überhaupt mit größter Wendigkeit und Findigkeit jedes Geschäft durchgeführt, das ihnen entweder aufgezwungen wurde oder vorteilhaft erschien53• In ähnlicher Weise waren in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ihre Nachkommen und Nacheiferer echte Unternehmernaturen, die zupackten, wo immer sie eine Chance erspähten. In einer Zeit, als der Grad der Kommerzialisierung und Industriealisierung noch gering, das Maß der unentbehrlichen Fachkenntnisse noch bescheiden waren, aber wirtschaftliche Initiative und Phantasie hoch im Kurse standen, konnten sich dieselben Männer oft auf einem weiten Gebiet erfolgreich betätigen54. Wesen und Zusammensetzung dieser wirtschaftlichen Oberschicht werden am besten verständlich, wenn man sich ihre Entstehung in den Hauptzügen klarmacht. Zunächst war die Zahl der wirtschaftlich, rechtlich und sozial stark bevorzugten, aber auch furchtbar angefeindeten und gefährdeten Hofjuden erheblich größer als man heute wohl anzunehmen geneigt ist55. Die Fürstenhöfe aller Art waren zahlreich: die 34 Einzelstaaten waren doch nur der Rest, nachdem der napoleonische Sturm die meisten der nahezu 300 souveränen Königreiche, Fürstenund Herzogtümer usw . hinweggefegt hatte. Die Mehrzahl dieser Fürsten hatte ihre Hofjuden, die abgesehen von 53 RACHEL , WALLICH etc., a.a.O ., enthält in den drei Bänden viel einschlägiges Material; s. auch: S. STERN, The Court]ew, A Contribution to the History ofthe Period of Absolutism in Central Europe, Philadelphia 1950; L. F. CARSTEN, »The CourtJews . A Prelude to Emancipation«, in: YLBI, III(1958), S. 140-158. 54 Vgl. RACHEL, WALLICH etc., ebd. Bd . 1-2 . 55 CARSTEN, a.a. O. , S. 142f.
34 1835-1870 1865 war ein Netz von 14690 km Länge entstanden3. Bau und Betrieb dieser Strecken erforderten vor allem nie dagewesene Mengen von Kohle und Eisen, und so stieg die jährliche Förderung dieser Stoffe sprunghaft an. Während vordem die Textilindustrie der einzige einigermaßen entwickelte Zweig der deutschen Industrie gewesen war, entfaltete nun die »Schwerindustrie« eine gewaltige Anziehungskraft auf Arbeitskräfte, die ihr aus der landwirtschaftlichen Überschußbevölkerung zuströmten und das Ruhrgebiet zu einer der dichtest besiedelten Gegenden Deutschlands und einem Schwerpunkt des entstehenden Proletariats machten. Gleichzeitig entstanden andere industrielle Zentren weit ab von Rhein und Ruhr. Die beim Bahnbau erworbenen Erfahrungen und Erkenntnisse befruchteten ein viel weiteres Gebiet, und die maschinelle Produktionsweise, die früher nur in wenige Produktionszweige eingedrungen war, breitete sich jetzt auf ein viel weiteres Feld aus4. Woher aber kamen, in einem so kapitalarmen Lande wie Deutschland, die riesigen Summen, welche diese Investitionen erforderten? Mit den Methoden, die bis in die vierziger Jahre in Deutschland üblich waren, konnten die zur Ausdehnung des Eisenbahnnetzes nötigen Summen nicht aufgebracht werden. Denn während in den kapitalistisch mehr fortgeschrittenen Ländern wie England und Holland das Publikum schon gewohnt war, Ersparnisse als Kapital anzulegen, neigte man in Deutschland meist noch dazu, sie entweder in Land oder im eigenen Geschäft zu investieren5. Erst die Entwicklung des »Effektenkapitalismus«, die aufs engste mit der Eisenbahn zusammenhängt, überzeugte die Deutschen von den Vorteilen des Kaufes von Aktien und Obligationen. Nicht nur die Banken, denen die Emissionen ein neues lukratives Geschäft eröffneten, bemühten sich, die Wertpapiere möglichst schnell an den Mann zu bringen: am beredsten war der finanzielle Erfolg mancher Bahnen, wie der ersten deutschen Bahngesellschaft, der Ludwigsbahn zwischen Fürth und Nürnberg, die von 1836 bis 1860 Dividenden zwischen 12 und 20 Prozent ausschüttete6. Während der Ausbau großer Industrieunternehmungen in Westdeutschland nicht selten ganz aus eigenen Gewinnen finanziert wurde -wie die Beispiele von Alfred Krupp und Hoesch zeigen - und im Osten die oberschlesischen Magnaten das Einkommen aus ihren großen Gütern zur Finanzierung ihrer neuen Industrien benutzten7, blieb für die Eisenbahnfinanzierung die Aktienemission die Regel. Dadurch erhielt die Entwicklung des Bahnwesens einen gewaltigen Auftrieb. Aber so wichtig der Einfluß der Bahngesellschaften auf das Bankwesen 3 STOLPER, ebd., S. 46 . 4 E. ENGELBERG, Deutschland von 1849 bis 1871. Von der Niederlage der BürgerlichDemokratischen Revolution bis zur Reichsgründung, Berlin (DDR), 19722, S. 36f . 5 CLAPHAM, a. a.O. s. 132ff. 6 W. G. HOFFMANN, »The Take-off in Germany«, in: RosTow (Hrg.), a.a.O., S. 113. 7 Ebd .
Industrialisierung : Die e rst e Phase 35 auch war, so wenig war er die einzige Ursache für den großen Aufschwung der Banken und, im engsten Zusammenhang mit diesen, auch der Börsen8. Zwei andere Faktoren waren nicht weniger wirksam. Der erste war die Auswirkung der durch Eisenbahnund Kanalbau erzielten großen Verbesserung und Verbilligung des Warentransportes, der damit verbundenen Vervielfachung der Kauftransaktionen und der Vermehrung des Zahlungsverkehrs. Der zweite Faktor waren Mitte des Jahrhunderts die großen Goldfunde in Kalifornien und Australien. In Deutschland, wo von etwa 1851 an sich die Wirkung der Goldfunde in einem gesteigerten Zustrom von Kapital in den Banken bemerkbar machte9, erhob sich eine Welle des Optimismus und der Unternehmungslust, die von 1852 bis 1856 zu einer beispiellosen Gründungstätigkeit führte. Allein im preußischen Bergund Hüttenwesen wurden von 1852 bis 1857 rund 100 Millionen Taler investiert -eine bis dahin unerhörte Summe. Auch die vorwiegend in Süddeutschland beheimatete Leichtindustrie machte rapide Fortschritte. So stieg von 1846 bis 1861 die Anzahl der Spindeln in den wichtigsten Textilzentren sprunghaft an: in Bayern von 4600auf16300 ; in Baden von 9000 auf über 14000, und in Württemberg gar von 2700auf860010! Erst die Krise von 1857 -die erste wahrhaft internationale Wirtschaftskrise -machte dem fieberhaften Tempo der Gründerjahre ein Ende. Sie richtete in Deutschland schweren Schaden an, besonders in den Handelszentren wie Hamburg, Bremen, Frankfurt, Berlin und Leipzig. Aber der Schaden war nicht dauernd. Das allerschlimmste war schon im Dezember 1857 vorüber. Es folgten Jahre der Erholung bis 1870, in denen die früher gemachten Fortschritte konsolidiert und ausgebaut wurden. Die Konjunktur war im allgemeinen günstig, und in einer Periode relativ hoher Preise und niedriger Gestehungskosten 11 , in der die Produktivität rasch stieg, waren die Profite oft recht hoch. Werfen wir nun einen Blick auf die wichtigsten sozialen Folgen der geschilderten Wandlung der Wirtschaftsstruktur, so ergibt sich folgendes Bild: An der örtlichen Verteilung der Bevölkerung hatte sich verhältnismäßig wenig geändert. Wurden 1816 nicht weniger als 73,5% der Bevölkerung in Preußen als ländlich bezeichnet, so war diese Ziffer bis 1852 nur unwesentlich, nämlich auf 71,5%, gesunken. In den fünfziger Jahren wuchs der Zug zur Stadt: imJahre 1861 betrug die Ziffer 69,3%, und bis 1871 sank sie auf 67,5% 12. Die Bevölkerung des ganzen Reiches war kaum mehr »vers N och Ende 1870 waren nicht weniger als 175 der auf der Berliner Börse notierten 359 Werte Eisenbahnaktien und Obligationen . 9 SOMBART, Volkswirtschaft, a.a.O ., S. 80. 10 ENGELBERG, a.a.0 „ S. 95; HOFFMANN, a.a.0 ., S. 111 bes. zur Textilindu strie. 11 Zur Zunahme der per-capita-Einkommen , HOFFMANN, ebd. S. 114f .; vgl. auch: ENGELBERG, ebd „ S. 26; HoLBORN , a.a.O „ S. 125f . 12 Die preußische Definition der Begriffe »ländlich« und »s tädtisch« war juristisch und nicht
36 1835-1870 städtert« als die preußische. Angesichts der tiefgreifenden Strukturwandlung in der Wirtschaft erscheint der geringe Umfang der Verstädterung erstaunlich. Die Erklärung ist in der Stärke der Auswanderung zu suchen: wer in der heimatlichen Umgebung keinen genügenden Erwerb finden konnte, wagte damals sehr oft lieber den großen Sprung in das Land »unbegrenzter Möglichkeiten«. Während die Auswanderung bis 1844 wohl in keinemJahr 33000 überstieg, betrug sie in den nächsten fünfJahren durchschnittlich etwa 90000, stieg dann weiter an, um in der Zeit von 1853/54 - mitten in den »Gründerjahren<d -mit etwa einer Viertelmillion ihren Höhepunkt zu erreichen13. Eine Veränderung revolutionärer Art war vor allem die Entstehung und das rasche Wachstum einer modernen, klassenbewußten Arbeiterschaft, deren erstes, weithin sichtbares Zeichen der triumphale Agitationszug Lassalles durch das Rheinland 1863 war. Daß die Lebenshaltung dieser Arbeitermassen zunächst sehr niedrig und die Wohnungsverhältnisse elend waren (ähnlich wie in England ein paar Jahrzehnte vorher), ist zwar richtig, doch im Vergleich zu der früheren Lage dieser Menschen auf dem Lande stellte sie eher einen Fortschritt dar, besonders nachdem in den sechziger Jahren die Reallöhne etwas zu steigen begannen 14 . Gleichzeitig vollzog sich am anderen Ende der Skala ein kaum minder bedeutsamer Vorgang: die Entstehung großen Reichtums außerhalb des grundbesitzenden Adels, der ihn bis dahin fast allein besessen hatte. Entgegen den Voraussagen des »Kommunistischen Manifestes« konzentrierte sich der Reichtum nicht etwa in wenigen Händen, sondern sein befruchtender (nicht selten auch verderblicher) Einfluß erstreckte sich auf weite Kreise. Die einzige große Berufsgruppe, der es schlechter ging als zuvor, waren die Handwerker. Wie einer der bekanntesten konservativen Wirtschaftshistoriker darlegt, war die Lage für Handwerker um die Mitte des Jahrhunderts ungünstig, aber unterschiedlich: Spinner, Weber, Tuchmacher, Metallarbeiter, Brauer, Nadler und Nestler, Strumpfwirker, Seifensieder, Böttcher, Töpfer, Handschuhmacher und andere »konnten sich nicht halten und verschwanden als Handwerker allmählich«; dagegen waren diejenigen, die für die persönlichen und häuslichen Bedürfnisse ihrer Kunden arbeiteten, wie Friseure, Schuhmacher, Klempstatistisch bestimmt. Aber auch nach statistischen Maßstäben war die ländliche Reichsbevölkerung 1871 immer noch 63, 7% . Vgl. CLAPHAM, a.a.O., S. 278. 13 Ebd ., S. 208. [Vgl. auch: MACK WALKER, Germany and the Emigration 1816-1885 Cambridge, Mass., 1964, S. 7f .; F. B. BuRGDÖRFER, »Migration across the Frontiers ofGermany«, in: W. F. WILCOX (Hrg.), International Migrations, vol . II, Interpretations, New York 1931, S. 333; G. HoHORST,J. KocKA, G. A. RITTER, Sozialgeschichtliches Arbeitsbuch , Materialien zur Statistik des Kaiserreichs 1870-1914, München 19782, S. 38; W. KöLLMANN, »Bevölkerungsgeschichte 1800-1970«, in: H . AuBIN und W. ZORN (Hrsg.), Handbuch der deutschen Wirtschaftsund Sozialgeschichte , Bd. 2, Stuttgart 1976, S. 31 (Anm. d. Hrg.) .) 14 ENGELBERG, a.a.O ., S. 57.
Industrial i sierung : Die erste Pha se 37 ner und Glaser durch die neuen Betriebsweisen weniger betroffen 15 . Im allgemeinen war der Stand im Niedergang: der Anteil der vom Handwerk lebenden Personen an der preußischen Gesamtbevölkerung fiel von 1849 bis 1861 von 16,52% auf 14,87%16• Ihre wirtschaftliche und politische Stärke fiel noch schneller. Um so besser aber ging es dem Handel! Mit der städtischen Bevölkerung wuchs die Zahl der erforderlichen Läden; gleichzeitig bewirkte der Rückgang der Selbstversorgung sowie die Verbilligung und Beschleunigung des Transports und Personenverkehrs auch auf dem Lande einen Aufschwung des Ladenhandels, wobei nicht selten die Inhaber der neuen Läden frühere Hausierer waren, die zum Teil ihre alte Kundschaft bedienten. Weitere wichtige Ursachen für die Erstarkung des Handels war die Ausdehnung des Zollvereinsgebietes sowie Deutschlands zune~mende Verflechtung in den Welthandel, und nicht zuletzt auch die Erhöhung des Lebensstandards, die es weiten Kreisen ermöglichte, auch verfeinerte Bedürfnisse zu befriedigen. Kein Wunder, daß sich die Gesamtzahl der im Warenhandel aller Art Beschäftigten stark vermehrte. Viele, die früher nur teilweise als Händler, danaben aber auch als Landwirte tätig gewesen waren, stellten sich nun ganz auf den Handel ein; frühere Handwerker, die sich nicht hatten halten können, versuchten ihr Glück als Händler, und höchstwahrscheinlich erhielt der Handel auch Zuzug von Elementen, die früher berufsund erwerbslos gewesen waren17. Im Vergleich zu den Zuständen vor 1840, wo an den meisten Orten außer den Werkstätten der Schuster, Schneider und dergleichen überhaupt keine Läden existiert hatten, war der Umschwung gewaltig. Das Land wurde kommerzialisiert18. Damit eng verbunden war der Aufschwung des Geldund Kredithandels. Hier handelte es sich um eine langfristige Entwicklungstendenz; während die Zahl der in diesem Wirtschaftszweig tätigen Personen in Preußen von 1846 bis 1858 von 1100 auf 1774 gestiegen war, wuchs sie bis zum Jahre 1895 auf nicht weniger als 1789619! Jedoch im Gegensatz zur Industrie, wo in den 50er Jahren manche Firma bereits Tausende von Arbeitern und Angestellten zählte, herrschte im Bankgewerbe noch auf geraume Zeit der Kleinbetrieb vor. So finden wir etwa in Berlin im Jahre 1858 im Geldund Kredithandel 140 Geschäfte mit insgesamt 244 Hilfspersonen, in Breslau 39 Firmen mit 99 Hilfspersonen usw.; d. h. es handelte sich meistens um Familienbetriebe, zuweilen unterstützt von ein paar Angestellten 20 . Aber auch hier hatte der Konzentrationsprozeß l5 SARTORIUS V. WALTERSHAUSEN, a.a.O., s. 145f. 16 ENGELBERG, a. a.O ., s. 48 . 17 Ebd., S. 149 . 18 CLAPHAM, a.a.O., s. 116f . 19 SoMBART, Volkswirtschaft , a.a.O., S. 177 . 20 Ebd., S. 479 .
38 1835-1870 bereits begonnen. Die großen Aktienbanken, die im Gegensatz zu den angelsächsischen Depositenbanken sich der langfristigen Kapitalbedürfnisse der Industrie annahmen, erreichten dadurch eine beachtliche wirtschaftliche Führungsrolle 21 . Daß die eben umrissene Strukturwandlung der deutschen Wirtschaft den Juden günstig war, liegt auf der Hand: brachte sie doch die stärksten Erweiterungen gerade auf Gebieten, mit denen sie seit Jahrhunderten vertraut waren und auf denen sie besondere Fähigkeiten entwickelt hatten, nämlich dem Geldund Warenhandel. Dennoch wäre ihr überaus schneller, ja phänomenaler Aufstieg 22 in dem Menschenalter vor der Reichsgründung kaum denkbar gewesen, wäre nicht hinzugekommen, daß Deutschlands Durchbruch zum Kapitalismus zu einer Zeit erfolgte, in der das Bürgertum nur wenige Männer hervorgebracht hatte, die durch Wagemut, Gewinnstreben und kaufmännische Vorbildung zum kapitalistischen Unternehmer qualifiziert waren. Grund dafür waren die Armut und Rückständigkeit des Landes und vor allem die lange Periode der Bevormundung durch die Bürokratie des absoluten Fürstenstaates23 . Dieser Mangel an deutschen Unternehmern gab den Juden eine einmalige Chance. Wie sie diese historische Gelegenheit ausnutzten -oft nur mit dem Strome schwimmend, manchmal sich und andere bedenkenlos in Abenteuer stürzend, nicht selten aber durch Vision und Initiative, gepaart mit Umsicht und unermüdlichem Fleiß, im besten Sinne schöpferisch wirkendsoll hier wenigstens in den Hauptzügen dargestellt werden. b) Die demographische Entwicklung der Juden Die wirtschaftliche und soziale Entwicklung der Juden in der hier behandelten Zeitspanne ist kaum verständlich ohne Berücksichtigung ihrer Vermehrung, ihrer Auswanderung und ihrer Binnenwanderung. Während die 21 Die Dresdner Bank hatte Vertreter in den Aufsichtsräten von über 200 Gesellschaften. Der Einfluß der Banken äußerte sich oft darin, daß Firmen zum Beitritt in Kartelle gezwungen wurden. Vgl. G. W. EowARDS , The Evolution ofFinance Capitalism, Washington D. C. 19672 S. 68f . 22 Hans Rosenberg sieht in der »glänzenden Ausnutzung der Erziehungsund Marktchancen durch einen erstaunlich hohen Prozentsatz der jüdischen Bevölkerung, die ihren geradezu meteorenhaften Aufstieg soziale Wirklichkeit werden ließ . .. einen kollektiven, sozusagen provozierenden Leistungserfolg« eine der Ursachen für den verschärften Antisemitismus. H. ROSENBERG , Große Depression und Bismarckzeit, Wirtschaftsablauf, Gesellschaft und Politik in Mitteleuropa, Frankfurt a. M. 1967, S. 94. 23 Mit Ausnahme der Reichsstädte wie Hamburg, Bremen oder Frankfurt a. M. übertraf die hohe Regierungsbürokratie an Blickweite, Intelligenz und Ausbildung im allgemeinen die wirtschaftliche Führungsschicht auch auf deren eigenem Gebiet. Vgl. W. FISCHER, a.a.O ., S. 94;J. ScHUMPETER , Business Cycles, A Theoretical, Historica/ and Statistical Analysis, vo/. l, New York 1939, S. 283.
Industrialisierung: Die erste Phase 39 Zahl der Juden in ganz Deutschland (ohne Elsaß-Lothringen) imJahre 1820 etwa 270000 betrug, war sie ein halbes Jahrhundert später auf 470278 angewachsen. Gleichzeitig stieg der jüdische Anteil an der Gesamtbevölkerung von 1820 bis 1871von1,09% auf1,20%. Nach Silbergleitwaren die jüdischen Geburtenüberschüsse in der ganzen Zeit vom Ende der großen Kriege bis etwa 1870 hoch und sehr wohl mit denen der Gesamtbevölkerung vergleichbar. Dank dem Kinderreichtum der jüdischen Familien -an dem auch die reichsten Schichten Anteil hatten - und dank einer Sterblichkeit, die fast immer niedriger war als die der Gesamtbevölkerung, waren die Geburtenüberschüsse groß genug, um nicht nur die zahlenmäßig nicht allzusehr ins Gewicht fallenden Taufen und Austritte, sondern auch den ungleich schwereren Wanderungsverlust mehr als aufzuwiegen 24 . Die jüdische Auswanderung jener Zeit bildete einen Teil der deutschen Massenauswanderung, die sich vorwiegend nach Übersee, besonders nach den Vereinigten Staaten richtete 25 . Aus Gründen, die zum Teil schon erörtert worden sind, waren die Juden an dieser Auswanderung besonders stark beteiligt, doch wies die Motivierung gewisse Unterschiede auf. Mit Ausnahme der politischen Emigration von 1850 bis 1855 waren für die große Masse der deutschen Auswanderer wirtschaftliche Beweggründe ausschlaggebend: Kleinbauern und Landarbeiter sehnten sich nach einer ausreichenden eigenen Scholle, und besonders in den sechziger Jahren trieb Verzweiflung viele durch die billigen Industriewaren ruinierten Handwerker und Heimarbeiter zum Verlassen des Landes. Die Motive der Juden waren wohl stärker differenziert: neben wirtschaftlicher Enge und Not vor allem das Gefühl der Rechtlosigkeit. Ein zahlenmäßig geringer, doch um so wichtigerer Teil der Auswanderung kam in jenen Jahrzehnten vor 1870 aus den reichsten Familien, deren Söhne ihre Heimat verließen, um in London, Paris, Amsterdam, Wien, New York oder sogar New Orleans Zweigniederlassungen der väterlichen Firma zu begründen. Aber trotz der sozial heterogenen Zusammensetzung und verschiedenartigen Motivierung der jüdischen Auswanderung kam zweifellos auch hier die große Mehrheit aus den ärmsten Schichten: Tagelöhner und Dienstboten (beiderlei Geschlechtes), Erwerbslose, Gauner, Bettler, neben Hausierern und Handwerkern. Ihre Auswanderung 26 trug sicherlich dazu bei, den Aufstieg der Verbleiben24 SILBERGLEIT, Bevölkerung, a.a .O ., S. 5; 14f.; LESTSCHINSKY, a. a.O ., S. 50. 2 s Zur allgemeinen Auswanderung im 19. Jahrhunderts . die Literaturangaben in Anm . 13. [Zur jüdischen Auswanderung, außer LESTSCHINSKY, a.a.O ., S. 42ff ., neuerdings auch A. BARKAI , » The German Jews at th e Start of Industrialisation. Structural Change and Mobility 1835-1860«, in: W. E. MossE, A PAUCKER, R. RüRUP (Hrg.), Revolution and Evolution. 1848 in German-Jewish History, Tübingen 1981, S. 127 ff„ 146 ff.; DERS ., »German-Jewish Migration in the 19th Century«, in: YLBI XXX, (1985). (Anm. d. Hrg.)) . 26 Eine Liste von Auswanderern aus Westheim (Bayern) im Jahr 1854 nennt wiederholt »Mangel an Meisterannahme« als Auswanderungsgrund. Die Liste enthält mehrere Metzger,
40 1835-1870 den zu erleichtern. Abgesehen von den Unterstützungen, die viele Auswanderer später ihren Angehörigen zukommen ließen, verminderte dieser Abfluß die Konkurrenz in besonders überbesetzten Berufen oder in Orten, wo der Prozentsatz der Juden sehr hoch und ihre Berufsverteilung ungünstig war. Wahrscheinlich trug die Auswanderung entscheidend zu der allmählichen Abnahme der mehrfach erwähnten untersten Schichten bei. Die jüdische Binnenwanderung war, in der überwiegenden Mehrheit der Fälle, eindeutig wirtschaftlich motiviert -wenn auch häufig der Wunsch, den Kindern bessere Bildungsmöglichkeiten zu erschließen und, besonders bei älteren Personen mit Ersparnissen, ein Verlangen nach den kulturellen und gesellschaftlichen Vorteilen der Stadt, mitgesprochen haben mag. Vor allem wanderten viele Juden aus Bayern und aus Posen aus, wo die Zahl der Juden von fast 80000 im Jahre 1843 auf weniger als 62000 zur Zeit der Reichsgründung fiel. Wenn auch ein erheblicher Teil der Abnahme der überseeischen Auswanderung zuzuschreiben ist, so war doch der Anteil der Binnenwanderung zweifellos stärker. Diese ging vor allem nach Berlin, dessen jüdische Bevölkerung von 6456 im Jahre 1840 auf 36015 im Jahre 1871 anstieg. Ein Teil der Abwanderung aus Posen ging anscheinend auch in das benachbarte und in vieler Hinsicht nahestehende Schlesien, dessenJudenheit sich von 1816 bis 1871 fast verdreifachte, wobei die Hauptstadt Breslau das stärkste Wachstum zu verzeichnen hatte27• Die zweite charakteristische Eigenschaft der damaligen Binnenwanderung war der Zug in die Stadt, aber nicht notwendigerweise die Großstadt, wie uns besonders die Verhältnisse in Bayern und anderen süddeutschen Staaten beweisen. Wie in Posen nahm auch in Bayern die Gesamtzahl der Die jüdische Bevölkerung folgender bayrischer Gemeinden betrug: 1852 1869 1871 Nördlingen 3 96 176 Schweinfurt 27 277 Nürnberg 74 1554 1831 Augsburg 123 491 660 Regensburg 134 294 430 Würzburg 486 1065 1518 Bamberg 455 712 857 München 1252 2097 2903 Quelle: ENGELBERT (1875), a.a.O., s. 10 Mägde und Schuhmacher und je einen Weber, Goldarbeiter, Strumpfwirker und Hebamme usw.; TOURY, Manual Labour, a.a.O., S. 48 . 27 ELBOGEN (1935), a.a.O., S. 268; LESTSCHINSKY, a.a.O., s. 56f.
Industrialisierung: Die erste Phase 41 Juden ab, und zwar von rund 56000 imJahre 1852 auf etwa 50600 zur Zeit der Reichsgründung. Vor allem aber haben wir in Bayern und dem benachbarten Württemberg eine sehr starke Abwanderung aus ländlichen Kleinund Kleinstgemeinden in die Stadt festzustellen 28 : Dieser Zug in die Städte zeigte sich in ähnlicher Weise auch in Württemberg: innerhalb eines Jahrzehnts, von 1861 bis 1871, schwoll z.B. die jüdische Bevölkerung Stuttgarts, die noch 1846 nur 234 Seelen betragen hatte, von 847auf1821 an, während sich in Ulm im gleichen Jahrzehnt die Zahl von 321 auf818 erhöhte, in Heilbronn sogar von 137auf610. Ahnlich war das Wachstum der jüdischen Gemeinden in Crailsheim, Cannstadt und Göppingen 29 . Sämtliche der genannten Städte (mit der möglichen Ausnahme von Schweinfurt in Bayern und Cannstadt in Württemberg, über die genaue Daten nicht zu finden waren) hatten schon vor 1865 Eisenbahnanschluß30, und es war die Eisenbahn, mit ihren revolutionären Wirkungen auf Handel und Verkehr, die die Juden anzog -mächtiger und schneller, als die meisten Nichtjuden, deren Interessen nicht so eng mit dem Handel verknüpft waren. Diese Bewegung hielt in den folgenden Jahrzehnten an. Schon um 1870 war die örtliche Verteilung der deutschen Juden nicht mehr von ihrem wechselnden rechtlichen Status diktiert, wie zur Zeit vor der Emanzipation, sondern im wesentlichen das Ergebnis selbständiger Entscheidungen von Tausenden von Familien, die vor allem danach strebten, sich den veränderten Erwerbsmöglichkeiten anzupassen. Einige statistische Daten lassen -trotz ihrer unleugbaren Mängel -die Entwicklung der jüdischen Erwerbstätigkeit in Preußen während der vierziger und Anfang der fünfziger Jahre erkennen 31 . c) Die Veränderungen der jüdischen Berufsstruktur Die seltsame Rubrizierung -ein Zeichen der Zeit -bleibt auch bei der nächsten statistischen Erhebung, die den Stand von 1852 wiedergibt, fast unverändert, was die Vergleichbarkeit erhöht 32 . Der Kürze der verstrichenen Zeit entsprechend, sind die Veränderungen meist nicht groß, aber teilweise recht bezeichnend 33 . Umfaßte der Gesindedienst 1843 noch über 28 ENGELBERT, a.a. O„ s. 10 . 29 Ebd„ S. 31. 30 Das sonst rückständige Bayern ging im Eisenbahnbau manchen entwickelten Staaten voran und baute schon 1835 die erste deutsche Strecke zwischen Nürnberg und Fürth. Vgl. F. F. WURM, Wirtschaft und Gesellschaft in Deutschland 1848-1948, Opladen 1969, S. 70ff. 31 In etwas vereinfachter Form berechnet nach SILBERGLEIT, Bevölkerung, a.a. O„ S. 78f„ wo auch die Mängel dieser Daten erörtert werden. 32 Die Vergleichbarkeit der Daten von 1843 und 1852 ist auch dadurch erhöht, daß sich während dieser Zeit der Besitzstand Preußens kaum veränderte. 33 1852 war die Freizügigkeit der Posener Juden noch "zu jung«, um sich weitgehend in Berufsänderungen auszuwirken.
42 1835-1870 10%, so ist der Anteil 8 bis 9 Jahre später schon auf 9, 1, also rund um ein Zehntel, gefallen, ebenso wie der Anteil der Tagelöhner von 4,2auf3 , 8%. Daß diese beiden günstigen Veränderungen zum großen Teil der Auswanderung zuzuschreiben sind, unterliegt wohl keinem Zweifel34. Der Anteil der seltsam bezeichneten Berufsgruppe »Mechanische Künste und Handwerk«, in der folgenden Tabelle nicht weniger als 19,3%, zeigt bei der Erhebung von 1852 eine Abnahme auf 18, 3 - ein Rückgang, der viel leichter zu erklären ist als die frühere Höhe : die Notlage des Handwerks ist eine von allen Wirtschaftshistorikern im wesentlichen anerkannte Tatsache35. Hinzu kam der Widerstand der Handwerker in fast allen Teilen Deutschlands, jüdische Lehrlinge aufzunehmen. Die Einstellung der Handwerkszünfte blieb selbst im späteren 19. Jahrhundert hartnäckig »anti-kapitalistisch, anti-liberal, anti-intellektuell und antisemitisch« 36 . Die Anziehungskraft des Handwerks für deutsche Juden war trotz allen guten Zuredens von Behörden und Vereinen recht schwach, und der große Die Berufsverhältnisse der selbständigen Mitglieder der gesamtenJudenheit Preußens Ende 1843 Berufe: Ärzte, Lehrer, wissenschaftliche Beschäftigung Rentner und Pensionäre Handelsgewerbe Gastund Schankwirtschaft Mechanische Künste und Handwerk Landund Gartenbau In anderen Gewerben Geringer Kommunalund Gemeindedienst Tagelohnarbeit Gesindediens t Von bestimmten Armenunterstützungen Lebende Ohne bestimmten Erwerb, sowie Bettelei Quelle: SILBERGLEIT , a.a.O ., s. 78f . % 2,7 2,7 43,1 4,7 19,3 1,0 2,2 1,3 4,2 10,1 3,8 4,9 100,0 34 Tagelöhner und Dienstboten waren in der Regel jung und offensichtlich auch arbeitswillig, so daß sie keine Schwierigkeiten hatten, nach Amerik a zu kommen . Notfalls verdingten sie sich als »indentured labour«, mit der Verpflichtung, die vorgeschossenen Überfahrtskosten bei ihrem künftigen Arbeitgeber abzuarbeiten. Bettlern und Berufslosen war diese Möglichkeit weniger offen. 35 Nach Wurm waren die Jahre 1850-1870 »die düst ersten in der langen Geschichte des deutschen Handwerks « (a.a.O ., S. 41 f.); vgl. auch: SOMBART, Volkswirtschaji , a.a.O ., S. 279ff .; V. WALTERSHAUSEN , a. a.O ., s. 138ff.; ENGELBERG, a. a.O., S. 46ff . 36 HAMEROW, a.a.O ., s. 11 f.
Industrialisierung: Die erste Phase 43 Anteil des Handwerks in der Tabelle von 1843 dürfte in den besonderen Verhältnissen der Provinz Posen liegen. Dort hatte die Flottwellsche V erordnung von 1833 für die Juden einen höchst wirksamen Antrieb zur Abkehr vom Hausierhandel und zur Hinwendung zu einem »nicht im Umherziehen« ausgeübten Beruf geschaffen. Da in Posen das Handwerk unter den Juden stark eingebürgert war, bot die Aufnahme eines solchen Berufes die leichteste Möglichkeit zur Erlangung des Staatsbürgerrechtes und der ersehnten Freizügigkeit. Dann aber brachten die Ereignisse von 1848 allen Posener Juden die Gleichstellung mit den übrigen Juden der Monarchie - und jener Antrieb verlor sofort seine Wirksamkeit. Der Zuzug zum Handwerk hörte auf, zumal die Erwerbsmöglichkeiten im Handel verlockender erschienen 37 . Nichts ist bezeichnender für die damalige wirtschaftliche und soziale Entwicklung der Juden, als daß der Handel, der schon 1843 43, 1 % aller Berufstätigen umfaßte, 1852 einen noch höheren Prozentsatz, nämlich 45,4 aufwies, wobei in beiden Fällen die »Gastund Schenkwirte«, im Gegensatz zu einer sonst häufigen Praxis, nicht mit eingerechnet sind 38 . Aber diese Entwicklung erscheint im ganzen vollkommen natürlich: in einer Zeit, die dem Geldund Warenhandel immer größere Möglichkeiten eröffnete, bewegten sich die Juden darin wie Fische im Wasser. Zur Gunst der materiellen Bedingungen kam hinzu, daß der »Zeitgeist« mit den Wünschen und Interessen der Juden in seltener Harmonie stand. Das Jahr 1860 gilt als der Höhepunkt des europäischen Liberalismus. Bezeichnenderweise war in dieser Zeit auch der Antisemitismus in Deutschland in einem Zustand der Ebbe -deren Kürze wohl niemand voraussah. Die Anziehungskraft des Geldund Warenhandels wurde injenenJahrzehnten noch besonders dadurch erhöht, daß er vorzügliche Aussichten auf Selbständigkeit bot . Während die Industrie damals schon große und rapid wachsende Heere von Arbeitern und Angestellten beschäftigte, besonders im Ruhrgebiet, waren im Handel einschließlich des Bankwesens die Betriebe in der Regel noch klein. 1843 waren von den 43, 1 % aller jüdischen Berufstätigen, die im Handel beschäftigt waren, nicht weniger als 35% Selbständige und nur 8, 1 % Gehilfen, und 1852 waren sogar 36,3% Selbständige39. 37 Diese heuristische Hypothese bleibt noch durch empirische Forschung näher zu belegen. 3s Die preußische Statistik über die Berufsgliederung der Juden 1861 zählt 58,3% unter »Handel und Kredit«, einschließlich der Gastund Schankwirte. Allerdings hatte sich inzwischen der Besitzstand erheblich geändert, so daß die Vergleichbarkeit beeinträchtigt ist. 39 SILBERGLEIT , Bevölkerung, a.a.O., s. 38f.
50 1835-1870 geschaffen. Als Schöpfer des Unternehmens gilt Moritz von Haber, der zusammen mit seinem Bruder Ludwig auch zu den Gründern der Österreichischen Creditanstalt gehörte 60 • Die Familie war Ende des 18 . Jahrhunderts von Breslau nach Karlsruhe gekommen, wo Samuel Haber es zum badischen Hofbankier gebracht hatte und geadelt worden war. Von etwa 1820 an gehörte die Firma S. Haber zu den führenden Bankiers Europas. Alle drei Söhne waren Finanziers. Der älteste, Samuel, war nach Carl Fürstenbergs gewiß sachkundiger Schätzung Besitzer eines der größten europäischen Vermögen, das an hundert Millionen Franken betragen haben soll. Daneben gehörte zu den Teilhabern der Darmstädter Bank, außer mehreren christlichen Kaufleuten und Bankiers, auch Abraham Freiherr von Oppenheim, welcher im gleichen Jahre (1853) zusammen mit Gustav Mevissen auch die » Concordia Cölnische Versicherungsgesellschaft« gründete 61 . Von den übrigen Gründungen jener Jahre seien nur zwei erwähnt: 1856 wurde die Allgemeine Kreditanstalt in Leipzig ins Leben gerufen, vor allem aber die Berliner Handelsgesellschaft, die später eine große Rolle spielte. Unter ihren Gründern finden wir »einen Teil jener Kölner Häuser, welche die Darmstädter Bank ins Leben gerufen hatten. Daneben stehen diesmal die bedeutendsten Berliner Bankgeschäfte, so Mendelssohn & Co., S. Bleichröder, Robert Warschauer & Co., Gehr. Schickler«62• Die Gunst der geschichtlichen Stunde, welche die plötzlich erforderliche Erweiterung des deutschen Kreditsystems den Juden bot, wurde in erstaunlichem Maß ausgenutzt, und zwar nicht von ein paar einzelnen, sondern von Dutzenden hochbegabter Führer, Hunderten von tüchtigen mittleren Kräften und Scharen von Helfern und Mitläufern. Neben den uns bekannten Ziffern über Dividendenausschüttungen, Emissionsgewinne, Direktorengehälter und Aufsichtsratstantiemen, kann wohl kaum ein Zweifel bestehen, daß die Früchte jener Jahrzehnte nicht nur einer kleinen Gruppe zugute kamen. Während große, ja für die damalige Zeit riesige Vermögen sich in den Händen der führenden Finanziers ansammelten, profitierten in geringerem Maße verhältnismäßig breite Kreise63• An der von allen Wirtschaftshistorikern betonten Steigerung der deutschen Einkommensund Vermögensverhältnisse injener Zeit nahmen die Juden einen mehr als durchschnittlichen Anteil, und besonders diejenigen, die im finanziellen Sektor tätig waren. Fragen wir nun, ob ihr Erfolg in der deutschen Kreditwirtschaft den Juden, über den unmittelbaren finanziellen Gewinn hinaus, Einfluß auf 60 C. FÜRSTENBERG, a.a.O., S. 163. 61 WURM, a.a.O„ S. 66. 62 SOMBART,juden, a.a. O., s. 129. 63 Ausführlicher über Dividenden, Gehälter usw . beim Schaafhausenschen Bankverein, ZUNKEL,a .a.O ., s. 50.
Industrialisierung: Die erste Phase 51 lange Sicht, vielleicht sogar Macht verliehen habe, so gilt es zu unterscheiden. Von den oben hervorgehobenen Leistungen war die Vermittlung ausländischen Kapitals für die deutsche Wirtschaft im wesentlichen die geschickte und auch im Allgemeininteresse liegende Ausnützung einer kurzfristigen Konjunktur, die ohne langfristige Folgen bleiben mußte64 • In ähnlicher Weise verlor der starke jüdische Anteil an der Emission von Staatsanleihen und dem entsprechenden Handel mehr und mehr an Bedeutung, als die deutschen Staaten finanziell und politisch erstarkten. Selbst auf dem dritten der erwähnten Gebiete, der Gründung von Eisenbahngesellschaften und der Pflege der entsprechenden Geschäfte, wurde das Tätigkeitsfeld der Banken und sonstigen privaten Finanziers in Deutschland mehr und mehr eingeschränkt. Anfangs hatten nur einige kleinere Staaten wie Oldenburg, Baden und Württemberg sich für die Staatsbahn entschieden; aber 1865 entschloß sich Bismarck -mit der Hilfe Bleichröders und der finanziellen Rückendekkung des Hauses Rothschild! -dem preußischen Staat einen Anteil an der Köln-Mindener Eisenbahngesellschaft zu verschaffen, und damit begann der Umschwung, der später, von den siebziger Jahren an, zur Verstaatlichung der Eisenbahnen führte65 . Auf keinem dieser Gebiete also brachte die Arbeit jüdischer Finanziers, so erfolgreich sie auch sein mochte, ihnen dauernden wirtschaftlichen Einfluß, geschweige denn Macht. Anders aber die starke Beteiligung an der Gründung und Leitung der Privatund vor allem der Aktienbanken: der eigenartige juristische und wirtschaftliche Charakter deutscher Banken erhob den Posten eines Bankleiters zu einer wirtschaftlich strategischen Schlüsselstellung, die es dem Bankier ermöglichte, die Personalund Geschäftspolitik vieler Firmen zu beeinflussen66• Gewiß war dies nicht immer, und auch nicht für immer, der Fall. Manche Firmen, besonders in der Schwerindustrie, waren imstande, ihre finanzielle Unabhängigkeit zu wahren, und später ging die Abhängigkeit industrieller Firmen von den Banken sehr zurück. Aber das geschah erst nach vielen Jahrzehnten. Bis dahin war die Position eines Leiters einer der führenden Banken überaus einflußreich und so dauerhaft, daß häufig der Sohn dem Vater, der Neffe dem Onkel, ein Salomonsohn auf zwei Salomonsohns folgen konnte67 . 64 Nach dem Ersten Weltkrieg wurden für kurze Zeit die internationalen Beziehungen jüdischer Bankiers, wie z. B. Warburg, wieder wichtig. Aber dazwischen hatte sich die Welt (und die wirtschaftliche Lage der Juden) gewaltig geändert. 65 GRUNWALD, Railways, a.a.O ., S. 178; S. V. WALTERSHAUSEN, a.a. O., s. 281 ff. 66 Der Einfluß ging im allgemeinen über die Aufsichtsräte, wobei die von den Banken verwalteten Depotaktien ihr Gewicht bei entscheidenden Abstimmungen erhöhte. 67 Adolph Salomonsohn war der Geschäftsinhaber der Discontogesellschaft. Ein Nachkomme, Georg Solmssen, soll sich übrigens zu Taufe und Namenswechsel unter dem Eindruck des gesellschaftlichen Antisemitismus, dem er auf seiner Studienreise in Amerika begegnete, entschlossen haben.
52 1835-1870 Abgesehen von dem großen Reichtum, den diese Männer erwarben und auch mehr oder weniger zur Schau trugen, besaßen sie auch eindrucksvolle Zeichen sozialen Prestiges. Außer klingenden Titeln wie Kommerzienrat und gelegentlichen Orden, waren Erhebungen in den Adelsstand, bei ungetauften Juden zwar selten, bei getauften um so häufiger. Nicht wenige dieser Finanziers traten als Gründer gemeinnütziger Stiftungen oder Förderer wohltätiger Zwecke hervor. Nicht nur Baron Hirsch oder die Rothschilds, auch Abraham Oppenheim gehörte zu den größten Wohltätern seiner Vaterstadt Köln68. Der Aufstieg dieser weithin sichtbaren, angesehenen und zahlenmäßig nicht mehr gar so geringen Spitzengruppe hatte jedoch für die Juden auch verhängnisvolle Folgen. Noch vor den siebziger Jahren erregten die »jüdischen Emporkömmlinge« als Repräsentanten jüdischen Wirtschaftserfolges den Neid und Widerstand mittelständiger Schichten, die durch den Triumph des Freihandels und der Gewerbefreiheit verbittert waren. Solange in den sechziger Jahren der den Juden so günstige Wind des Liberalismus wehte, nahm man diese Friktionserscheinungen nicht allzu ernst69. Aber bereits die Krise von 1857 deckte Mißstände auf, die später, nach 1873, die deutsche Wirtschaft erschütterten. Der Effektenkapitalismus kam in Deutschland zu einer Zeit auf, in der die Gesetzgebung noch wenig entwickelt war, während das Publikum dem neuen Phänomen zwar noch naiv und ohne jede Sachkenntnis, aber nicht ohne Gewinnsucht gegenüberstand. Diese Kombination der Umstände schuf geradezu ideale Möglichkeiten nicht nur für echte Unternehmer, die bestimmte, wirtschaftlich sinnvolle Pläne verwirklichen wollten, sondern für Projekteund Geschäftemacher aller Art, bis zu den Schiebern und Schwindlern70. Solange die Hochkonjunktur anhielt, blieben ihre Manöver meist verborgen; aber »der nachfolgende Wirtschaftskrach enthüllte eine Mehrzahl unsolider und häufig auch betrügerischer Gründungen, an denen sich selbst angesehene Bankiers und Fabrikbesitzer beteiligt hatten. Ankauf von Fabriken und Kohlenfeldern, die einem oder mehreren Gründern gehörten, zu weit überhöhten Preisen durch die Gesellschaften, Festlegung eines den Wert des geplanten Betriebes weit übersteigenden Aktienkapitals, um hohe Gründergewinne zu erzielen, Hochtreiben der Börsenkurse zur Erlangung eines hohen Agio . .. Begünstigung der Gründer in den Gesellschaftsstatuten, Festlegung übertriebener Tantiemen und Direktorengehälter, ... ja selbst Fälschungen der Bilanzen . . . gehörten zu den von einzelnen gewissenlosen Gründern angewandten Praktiken« 71. 68 Oppenheim schenkte seiner Vaterstadt ein Kinderkrankenhaus. Als 1863 der amerikanische Bürgerkrieg unter den europäischen Baumwollarbeitern zu Arbeitslosigkeit und Massenelend führte, schenkte er dem französischen Innenminister 10000 Francs zu ihrer Unterstützung. Die Gebrüder Oppenheim waren auch aktive Kämpfer für die Judenemanzipation im Rheinland. 69 Vgl. ROSENBERG, a.a.0„ HAMEROW, a.a.0„ S. 91 f. 70 Zum Folgenden s. hauptsächlich ZUNKEL, a.a.O„ pass. 71 Ebd„ S. 46.
Industrialisierung : Die erste Phase 53 Wenn auch verbrecherische Methoden nur von gewissenlosesten Elementen gebraucht wurden, so stellte sich heraus, daß höchst zweifelhafte, moralisch verwerfliche Praktiken selbst hochangesehenen Wirtschaftsführern, wie Gustav Mevissen und Abraham Oppenheim unterlaufen waren. Diese Mißstände hätten nie einen solchen Umfang annehmen können, wenn eine unabhängige oder wachsame Presse das Interesse des Publikums wahrgenommen hätte. Aber die Zeitungen waren zum großen Teil korrupt -und zwar sowohl die Tageszeitungen, die von den vierziger Jahren an umfangreiche Wirtschaftsteile brachten, wie die besonderen Wirtschaftsblätter, die eben erst in Erscheinung traten. 1854 wurde die »Berliner Börsenzeitung« gegründet und in Frankfurt »Der Aktionär«, 1858 »Der Kompaß«, 1867 »Der Berliner Börsencourier«. Während im allgemeinen wohl die üblichen Mittel der Pressekorruption benutzt wurden -außer direkter Bestechung besonders die Gewährung oder Entziehung lukrativer Inseratenaufträge je nach dem Verhalten des Blattes, und seitens der übelsten Blätter erpresserische Drohungen mit »Enthüllungen« -waren einige Fälle ganz originell: im rheinisch-westfälischen Industriegebiet wurden »einige dieser Blätter von den Unternehmern selbst begründet und redigiert« -ein einfaches Verfahren, das jede Bestechung überflüssig machte72. Zum großen Teil leistete die Presse den Gründern und Spekulanten nur Zutreiberdienste, die um so gefährlicher waren, als die finanziell besser gestellten Kreise in einer Mischung von Leichtsinn, Gewinnsucht und Unkenntnis nur allzuoft geneigt waren, sich durch Beteiligung an den angepriesenen Unternehmungen zu bereichern. »Wehr-, Nährund Lehrstand, sie spekulieren alle, wenn sie flüssiges Geld haben«, hieß es in einer Zeitung. Auch war die Spekulation nicht mehr auf die Großstädte beschränkt: der schon in den dreißiger Jahren erfundene Telegraf ermöglichte es in der Hochkonjunktur der fünfziger Jahre dem Wolffschen Telegraphenbüro, die Börsenkurse im ganzen Lande zu verbreiten 73• Als im Sommer 1857 die Krise, von Amerika und England kommend, in Deutschland einschlug, war besonders in Hamburg die Panik ungeheuer, und mehrere Monate lang konnte das Unheil um sich greifen, Großindustrie und Handel, Banken und Börsen schwer schädigend. Aber die Grundtendenz der Weltwirtschaft war noch immer entschieden günstig, so daß es weder in Deutschland noch anderwärts zu einer langen Depression kam. War dies der Grund, weshalb die Krise in Deutschland zu keiner politischen Erschütterung, zu keinen wesentlichen Reformen und auch zu keiner merkbaren Verschärfung des Antisemitismus führte? Höchstwahrscheinlich war 72 Ebd., S. 47f .; zur damaligen Pressekorruption vgl. WURM , a.a. O. , S. 82 . Emile Zolas »L' Argent« schildert die französischen Zustände der gleichen Zeit einschließlich der jüdischen .Beteiligung an Börsenschwindel und Pressekorruption in Paris. 73 S. V. WALTERSHAUSEN, a.a. O., s. 187f.
54 1835-1870 dies wenigstens der Hauptgrund, neben dem es wohl noch mitgesprochen haben mag, daß in der Krise von 1857 im allgemeinen nur die wohlhabenden Kreise ihr Geld verloren. Das Kleinbürgertum »scheint erst in den siebziger Jahren ... in den Bann von Industrie und Börse gezogen zu sein« 74 . So gingen in den sechziger Jahren Wirtschaft und Mißwirtschaft in einem ruhigeren Tempo, aber im Grunde unverändert weiter, bis nach der Reichsgründung und dem »Milliardensegen« sich die fieberhaften Erscheinungen der ersten Gründerjahre stark vergrößert wiederholten und in dem riesigen Krach von 1873 endeten. Dem jüdischen Historiker muß es gestattet sein, den Gang der Erzählung hier zu unterbrechen und eine kurze Betrachtung einzuschalten. Der Durchbruch der deutschen Wirtschaft zum Kapitalismus war, wie wir sahen, nicht ohne seine »partie honteuse<c -er war zu einem erheblichen Teil mit Mitteln erzielt und mit Erscheinungen verbunden, die als moralisch verwerflich gelten. Nun ist dies bei großen historischen Vorgängen viel eher die Regel als die Ausnahme. Man erinnert sich an Goethes Wort: »Der Handelnde ist immer gewissenlos; es hat niemand Gewissen als der Betrachtende.« Und G. F. W. Hegel hat diesem Problem einige der schönsten Seiten seiner »Philosophie der Geschichte« gewidmet, um den Handelnden gegen schulmeisterliche Rügen und Moralpredigten in Schutz zu nehmen. Aber in dem hier vorliegenden Falle erhält das Problem eine ganz besondere Note, weil Juden so stark an der Führung der deutschen Wirtschaft und besonders an der Ausbildung und Verbreitung des Effektenkapitalismus beteiligt waren. Daß die Leiter der deutschen Banken damals wenigstens der Abstammung nach oft Juden waren, ist wohl durch die obige Schilderung zur Genüge bewiesen worden; dasselbe gilt aber, und wahrscheinlich in noch stärkerem Maße, von der Presse, von deren Mitverantwortung schon die Rede war75• So erhielten in den Augen vieler Gutgläubiger die Übel des Effektenkapitalismus mehr oder weniger jüdische Züge und die Demagogen hatten es später um so leichter, »die Juden« für alle Schäden und Leiden verantwortlich zu machen, welche die Dynamik der kapitalistischen Wirtschaft für gewisse Gesellschaftsschichten mit sich brachte. 74 Zunkel, a.a.O., S. 46 . 75 Unter den Bedingungen der unvollkommenen Emanzipation, die den Juden den Eintritt in Staatsdienst und akademische Laufbahn erschwerten, war der verhältnismäßig leichtere Weg zumJournalismus für viele gebildete und auch ausgebildete Juden attraktiv. In der Wirtschaftspresse waren sie besonders stark vertreten und mögen ihren Teil zum Gründungskrach der 1870er Jahre beigetragen haben. Daß gleichzeitig auch Juden wie Eduard Lasker zu den schärfsten Kritikern der Schwindelwirtschaft gehörten, wurde dabei von den antisemitischen Demagogen geflissentlich übersehen. Vgl. R. H. Low1E, The German Peop/e, A Social Portrait, New York 198a2, S. 95f .
Industrialisierung : Die erste Phase 55 e) jüdische industrielle Unternehmer Wir haben dem jüdischen Anteil an der Entwicklung des deutschen Bankwesens in den Jahrzehnten vor der Reichsgründung verhältnismäßig viel Raum gewidmet, weil es sich hier um Vorgänge von einzigartiger wirtschaftshistorischer Tragweite handelt, ohne deren Kenntnis weder die spätere jüdische Wirtschaftsgeschichte noch die Judenfrage in Deutschland recht verstanden werden kann. Wenden wir uns nun der Industrie zu. Die großen jüdischen Leistungserfolge, vor allem in der Elektrizitätswirtschaft und Chemie, gehören größtenteils in die Zeit des Kaiserreiches und werden deshalb später dargestellt. Mit der Textilproduktion waren die Juden dagegen schon seit dem 18. Jahrhundert verbunden76• Im 19. Jahrhundert unterlagen sowohl die Produktionstechnik wie die Absatzverhältnisse einschneidenden Anderungen durch die fortschreitende Mechanisierung der Betriebe und die wiederholten zollpolitischen Wandlungen77. So geriet z.B. die Berliner Textilindustrie, die verhältnismäßig rückständig gewesen war, nach 1833 in arge Bedrängnis, als durch den Zollverein das industriell fortgeschrittene Sachsen mit ihr konkurrieren konnte. Am schlimmsten wurden die in Berlin ansässigen Seidenund Luxusmanufakturen betroffen, als der Schutzzoll gegen Frankreich wegfiel. Während die Seidenund Wollmanufakturen sehr zurückgingen, kamen die Baumwollmanufakturen am besten durch die Krisenzeit. Unter den erfolgreichen Textilfabrikanten jener Zeit finden wir, neben einer Anzahl französischer »Refugies«, den Baumwollfabrikanten Moses Hirsch (später Hellborn genannt, aber ungetauft). Er besaß eine Kattunfabrik und trieb Handel mit Polen. In den vierziger Jahren waren in Berlin Ruben Goldschmidt und seine beiden Söhne bedeutende Industrielle; auch die Fabrik von Dannenberger, führend in Herstellung und Export von Kattunen, war seit 1838 in jüdischen Händen. Die von Josef und Joachim Liebermann begründete Händlerfirma ging später zur Fabrikation und sogar zum Maschinenbau über78• Die große Entwicklung der Berliner Konfektion, mit den Namen von Gerson und Mannheimer verbunden, fällt weitgehend in diese Zeit. Die Firma von Hermann Gerson, 1842 gegründet, beschäftigte zehn Jahre später schon 5 Handwerksmeister, 3 Direktricen, 120-140 Arbeiterinnen in der Werkstatt, 150 Meister mit je 10 Gesellen außer dem Hause, und 100 76 Aufschlußreiches Material bringt: R. MAHLER, A History ofModernj ewry 178{}-1815, New York 1971, S. 138f.; auch RACHEL, WALLICH etc„ a. a.O„ Bd. 3, S. 173ff. 77 W. G. HOFFMANN , Take-off, a.a.O „ bringt Daten über die Zunahme der mechanischen Webstühle in Preußen 184&-1875. 78 VonJosefLiebermann -dem Großvater Max Liebermanns, wie auch Walther Rathenauswird erzählt, er habe, bei Hofe vom König befragt, welcher von den vielen Liebermanns er eigentlich sei, stolz und schlagfertig geantwortet, er sei derjenige, der die Engländer vom Kontinent vertrieben habe . . . nämlich mit seinen Baumwollwaren.
56 1835-1870 Kommis, Aufseher usw. im VerkaufslokaF9. Von Berlin verbreitete sich die Konfektion langsam auf das Land. Wie neuartig und allen althergebrachten Vorstellungen widersprechend dieser Wirtschaftszweig war, mag man daraus ersehen, daß in München die Erlaubnis zum Verkauf fertiger Kleider erst 1847 erteilt wurde. Aber während bemerkenswerterweise eine so umwälzende Neuerung wie die Entstehung und Verbreitung der Konfektion ohne jede vorherige Änderung der Produktionstechnik begann, ließen technische Neuerungen nicht lange auf sich warten. 1855/56 wurde die in Amerika erfundene Nähmaschine zum erstenmal in Deutschland in den Fabriken von Beermann und Gutmann hergestellt 80 . 1869 versuchte sich auch Ludwig Löwe, ursprünglich Textilund Maschinenkaufmann, nach ausgedehnten Reisen in Europa und Amerika in der Nähmaschinenproduktion. Den eigentlichen Erfolg fand er allerdings in und nach dem Kriege von 1870/71 als Waffenproduzent und dann auch auf dem Gebiet der Elektrotechnik81. Obwohl die Konfektion und ihr »ausbeuterischer« Charakter in der antisemitischen Agitation und auch von anderer Seite kritisiert wurde, steht ihre wirtschaftliche Bedeutung außer Frage. Für die deutschen Juden bildete sie, vor allem in Berlin, die wirtschaftliche Grundlage für Tausende und Abertausende überwiegend mittelständischer Existenzen. Die großen Entwicklungsmöglichkeiten der Konfektion waren einer der stärksten Magneten, der immer wieder junge Juden aus Posen, zum Teil auch Schlesien, nach Berlin zog. Diese Riesenindustrie entwickelte sich in Berlin nicht nur, weil die Stadt immer mehr zum Mittelpunkt eines ausgedehnten Eisenbahnund Wasserstraßennetzes wurde und die schnell wachsende Bevölkerung sowohl als Absatzmarkt wie als Reservoir für Arbeitskräfte diente, sondern weil Modeindustrien sich fast überall in den größten Städten -wie Paris, London und New York -ansetzten, wo sie ihre schöpferische Inspiration aus der engen Fühlung mit den Launen, Stimmungen und Bedürfnissen der Bevölkerung empfangen 82 . Daneben gehörten Juden auch zu den Begründern der schlesischen Leinenund Wäscheindustrie, wie S. Fränkel in Neustadt, F. V. Grünfeld, 1. Rinkel und Albert Hamburger in Landshut83• Auch in der Teppich-, Tuchund Hutfabrikation sowie in der Gardinenweberei waren zahlreiche Juden tätig. Neben dem großen Gebiet der Textilund Bekleidungsindustrie war in den Jahrzehnten vor 1870 auch die Metallproduktion und -verarbeitung ein 79 SoMBART, Volkswirtschaft, a.a.O ., S. 291 f. 80 RACHEL, WALLICH etc., a.a.O., Bd. 3, s. 188f. 81 ZIELENZIGER, a.a.O ., S. 99ff. 82 Sachkundig dargestellt in A. MARCUS, Wirtschaftliche Krise, a.a. O., S. 124f . 83 ZIELENZIGER, a. a.O., s. 23f.; ERNST LANDSBERG, »Die Juden in der Textilindustrie«, in: Der Morgen, 3. Jg. (1927), S. 99-113, zeigt, daß die meisten dieser Firmen noch nach der Inflation weiterbestanden . (Vgl. auch die Einleitung von S. jERSCH-WENZEL zu F. V. GRÜNFELD, Das Leinenhaus Grünfeld. Erinnerungen und Dokumente, Berlin 1967 (Anm . d. Hrg .).]
Industrialisierung : Die erste Phase 57 Betätigungsfeld jüdischer lndustrieller84 • Die Anfänge gehen weit zurück, besonders das Werk einer Familie: Aaron Hirsch (1783-1842) gründete schon 1805 seine Firma in Halberstadt, die sich zuerst nur dem Verkauf der Produkte der nahe gelegenen Hütten im Harz, vor allem Kupfer, daneben aber auch etwas Blei und Silber, widmete. (In jenen Tagen war Deutschland einer der größten Kupferproduzenten der Welt.) Aber ziemlich bald -im Jahre 1820ging Hirsch auch zur Erzeugung über und wurde ein Mitbegründer der Kupferwerke bei Werne und Ilsenburg. Die Lage dieser Werke, wie die des Harzes, erwies sich später, als die Industrialisierung Deutschlands einsetzte, als besonders günstig, weil von hier aus die neuen Maschinenfabriken in Magdeburg, Leipzig und Halle leicht mit Material versorgt werden konnten. Nach Aaron Hirschs Tode übernahmen seine Söhne das Geschäft und dehnten die industrielle wie die kaufmännische Tätigkeit stark aus. 1863 erwarben sie die Messingwerke am Finow-Kanal in der Nähe von Eberswalde. Die weitere Geschichte der Firma, die bis 1932 bestand, und sich besonders in den letzten Jahrzehnten vor 1914 zu einem weltumspannenden Industrieund Handelskonzern entwickelte85, gehört noch nicht hierher. Eine etwas jüngere, aber sogar noch erfolgreichere Firma, die lange Zeit dem Metallhandel oblag und gegen Ende der 1880er Jahre zur Produktion überging, ging auf Philipp Abraham Cohen in Hannover zurück. Philipp Abraham Cohen verlegte 1821 sein Geschäft nach Frankfurt. Ähnlich wie Aaron Hirsch begann Cohen damit, Harzer Blei zu verkaufen. Mehrere Generationen nach ihm hatte die Firma die süddeutsche Vertretung der Harzer Hütten. Die Firma entwickelte sich glänzendso daß sie gegen Ende der 70er Jahre den ersten Platz im deutschen Metallhandel einnahm 86 . Es gab in der Zeit vor der Reichsgründung noch mehr Industrien, in denen Juden schöpferisch tätig waren, wie z.B. der Danziger Jude Moritz Becker, der als erster den regelmäßigen bergmännischen Abbau von Bernstein organisierte und auch eine Fabrik zur Gewinnung des Bernsteinkolophoniums errichtete. Gegen Ende der 1880er Jahre besaß Becker das größte industrielle Unternehmen in Ostpreußen87. Aber bei der Fülle der Erscheinungen muß auf Vollständigkeit verzichtet werden. So wenden wir uns jetzt den Entwicklungen auf dem Gebiet des Warenhandels zu, der ebensoviele Juden beschäftigte wie alle anderen Berufsarten zusammengenommen. 84 Zum folgenden hauptsächlich das Kapitel über Aron Hirsch in ZIELENZIGER, a. a.O., S. 199--205; s. auch S. M. AUERBACH, »Jews in the German Metal Trade«, in: YLBI, X (1965), S. 18~203. 85 Vgl. H. B. AUERBACH, »Die Halberstädter Gemeinde 1844 bis zu ihrem Ende«, in: BLBI, Jg. 10, Nr . 38/9-40, 1967, S. 124-158, 309-335. 86 AUERBACH, Meta/ Trade, a.a.O., S. 191 ff. 8? ZIELENZIGER, a.a.O ., s. 148f .
58 1835-1870 j) Der mittelständische Warenhandel Im allgemeinen waren jene Jahrzehnte, wie wir sahen, eine glückliche Zeit für Kaufleute. Der Warenhandel nahm einen gewaltigen Aufschwung, weil sowohl die Warenmenge wie die Warenarten sich noch viel schneller vermehrten als die rasch wachsende Bevölkerung. Vielleicht noch bedeutsamer als die Fülle der Erfindungen und die Fortschritte des Verkehrswesens waren für den Handel das Wachstum der Städte und der Rückgang der Eigenproduktion auf dem Lande. Wie sich all dies auf dem Gebiet des Textilhandels auswirkte, dafür gibt die Geschichte des Kaufhauses N. Israel ein gutes Beispiel. Brautausstattungen wurden nun meist fertig im Laden gekauft und vielfach von der Hausindustrie im Verlagssystem hergestellt. ferner begannen, bei wachsendem Wohlstand, Männer und Frauen wollene Mäntel zu tragen. Kein Wunder also, daß sich nicht nur die Firma N. Israel vortrefflich entwickelte und mehr Angestellte brauchte 88 , sondern daß der Textilhandel zur Grundlage der Existenz und nicht selten des Wohlstandes einer wachsenden Zahl von Juden wurde. Aber nicht überall und in allen Branchen waren die Umstände so überwiegend günstig wie für den Berliner Textilhandel. Die erhebliche Zahl von Juden, die besonders in Südund Westdeutschland mehr oder weniger vom Getreidehandel lebte, sah im Laufe der Jahrzehnte ihre Anpassungsfähigkeit auf harte Proben gestellt89. Deutschland, lange ein ausgesprochenes Getreideausfuhrland, geriet in einen Übergangszustand, in dem das Rheinland wegen wachsenden Eigenbedarfs kein Getreide mehr auszuführen hatte, sondern es bald einführen mußte. Dagegen hielt die Ausfuhr aus Ostelbien an, und Danzig, wo seit Jahrhunderten die Überschüsse des ganzen Weichselbeckens zusammenströmten, blieb der wichtigste Getreidemarkt Europas -wenn nicht der damaligen Welt. Das Ende der rheinischen Getreideausfuhr veranlaßte die dortigen jüdischen »Fruchtmakler« dazu, sich auf die Versorgung der Großmühlen und Brauereien sowie der Mannheimer Konsumenten umzustellen. Etwas später konzentrierte sich der Handel immer mehr in Mannheim, ganz auf Getreide spezialisiert. Anstelle der »Landjuden und Fruchtmakler« entstanden in Mannheim Landproduktengeschäfte, die auf Kommission Getreide aus Ostelbien, Rußland oder auch Amerika und Kanada lieferten. Die Inhaber dieser Firmen »waren nicht ausschließlich, aber meistens Juden«90, eine Ansicht, mit der das Aufblühen der jüdischen Gemeinde Mannheim, deren Mitgliedszahl von 940 imJahre 1801 auf3135 88 REISSNER, N . Israel, a.a. O., S. 236f. 89 G. FRANZ, »Die Entstehung des Landwarenhandels«, in: Tradition , Zeitschri.ftfar Unternehmensgeschichte , Jg. V, 1960, S . 65-82; auch CLAPHAM , a.a.O ., S . 113ff.; SOMBART, Volkswirtschaft, a.a.O., S. 203f ., 213ff. 90 FRANZ, ebd.
Industrialisierung : Die erste Phase 59 im Jahre 1871 und 4259 im Jahre 1885 anstieg, gut übereinstimmt 91 . Um 1860 wurde Mannheim der bedeutendste deutsche Getreidemarkt. Daß die Inhaber und leitenden Angestellten der Mannheimer Getreideimportfirmen wirtschaftlich und sozial besser standen als die früheren Fruchtmakler, bedarfkeines Beweises. Was geschah jedoch mit den vielen Landjuden, denen der Aufstieg in diese Schicht nicht gelungen war? Eine ungefähre Antwort auf diese Frage können wir nur aus dem Gesamtbild der Veränderungen im wirtschaftlichen und sozialen Status der damals im Handel beschäftigten Juden erhalten92. 1843 betrug die Zahl der selbständigen jüdischen Handeltreibenden in Preußen 21739, die sich folgendermaßen verteilten 93 : Großhandel und Bankgeschäfte Kaufleute mit offenen Läden Kommisionäre, Agenten usw. Kleinhandel, Trödler, Höker Hausierer (ohne 650 Gehilfen) 1140 6003 1358 8739 4499 21739 Wie schon Arthur Ruppin hervorgehoben hat, heißt das, daß 61 % noch dem Kleinhandel, Trödelund Hausiererhandel angehörten und nur eine Minderheit es zum Großhandel, Bankgeschäft, zu offenen Läden oder zum Kommissionsgeschäft gebracht hatte. Nach der Berufszählung von 1861 dagegen betrug die Zahl der im Handel tätigen Juden 38683. Von diesen waren 22771, oder 59%, nach Ruppin »richtige« Kaufleute: Bankiers 550 Kaufleute mit offenen Läden 9736 Großhändler 2785 Agenten, Makler, Pfandleiher 2035 Kaufmännische Angestellte 7665 22771 Quelle: Nach amtlichen »Judentabellen« errechnet: RuPPIN, Soziologie, a.a. O., S. 318ff. Von den in der gleichen Aufstellung erscheinenden Handelstreibenden 91 Zahlen nach ENGELBERT, a. a.O ., und der Encyclopaedia]udaica , Ausgabe 1971. 92 Obwohl die im folgenden angeführten Zahlen methodisch nicht völlig vergleichbar sind, fällt dieser Mangel nicht allzusehr ins Gewicht: einmal sind die Unterschiede zu groß, um auf bloßen methodischen Fehlerquellen zu beruhen, und außerdem ist das sich hier abzeichnende Bild durch viele andere Quellen und Darstellungen bestätigt. 93 A. RuPPIN, Soziologie der Juden, Berlin 1930, Bd. 1, S. 318/320.
III. Industrialisierung und Gründerkrise 1871-187 4 a) Die allgemeine Entwicklung Bei Ausbruch des Krieges mit Frankreich war Deutschland noch immer ein überwiegend agrarisches Land: seine Bevölkerung von fast 41 Millionen 1 war zu 63, 9% »ländlich« . überdies aber hatten die meisten Städte nur einen bescheidenen Umfang. Von der als »städtisch<< klassifizierten Bevölkerung wohnten 4,8% in »Großstädten« mit über 100000 Einwohnern; 7, 7% lebten in »Mittelstädten« (20000--100000 E.), 11,2% in »Kleinstädten« (S000-- 20000E.) und 12,4% in »Landstädten« mit2000--5000Einwohnern. Seitden Napoleonischen Kriegen war zwar die Bevölkerungsdichte gewaltig gestiegen, betrug aber doch erst 75 , 9 Menschen pro qkm. Wie klein damals noch der Teil Deutschlands war, den die industrielle Revolution wirklich umgestaltet hatte, zeigt selbst ein flüchtiger Vergleich mit den Verhältnissen um 1910, als der städtische Teil der Bevölkerung auf 60% und die Bevölkerungsdichte auf 120 pro qkm gestiegen war2. Eine Tatsache von überragender wirtschaftsund sozialgeschichtlicher Bedeutung war die anhaltende, starke Volksvermehrung. Trotz starker Auswanderung nahm die Bevölkerung immer mehr zu: von 1871 bis 1880 um 4,4 Millionen, im nächsten Jahrzehnt um weitere 4,2 Millionen. Der unablässige Bevölkerungsdruck führte zu den großen Binnenwanderungen, die im allgemeinen den ländlichen Menschenüberschuß in die Stadt führte. Die 24 Millionen Menschen, um die das deutsche Volk von 1871bis1910 wuchs, kamen fast ganz den Städten und Großstädten zugute. Um 1870 setzte die große Ost-West-Wanderung ein, die sich Ende der siebziger Jahre, als die Agrarlöhne erheblich hinter den Industrielöhnen zurückblieben, noch verstärkte. Daß Deutschland überhaupt imstande war, den gewaltigen Volkszuwachs größtenteils im Lande zu behalten, war hauptsächlich seinen Fortschritten in Handel und Industrie zu verdanken. Der Kohlenbergbau hatte gewaltige Fortschritte gemacht, so daß 1871 die deutsche Produktion an Kohle zwar noch immer nur etwa ein Drittel der englischen ausmachte, aber 1 Einschließlich Elsaß-Lothringen. 2 P. MOMBERG, Bevölkerungslehre, in: S. ALTMANN et al (Hrg.) Grundriß der Sozialökonomik, Bd. 2, Tübingen 1923, S. 93 .
68 1871-1874 die vereinte französisch-belgische bereits übertraf!. Aber anders stand es mit der Eisenund Stahlindustrie. Wenn es auch wahr ist, daß der ungeheuere Aufschwung der Eisenund Stahlindustrie, der Deutschland in die erste Reihe der Industriemächte stellte, erst in die letzten drei Jahrzehnte des Jahrhunderts fiel, so wies die vorhergehende Entwicklung schon deutlich in diese Richtung; während imJahre 1860 auf dem Gebiete des späteren Reiches (einschließlich Luxemburgs) nicht einmal halb so viel Eisenerz produziert worden war wie in Frankreich, hatte 10 Jahre später die deutsche Produktion die französische schon überholt4• War dies das wirtschaftliche Entwicklungsstadium Deutschlands um 1870, so schuf die Reichsgründung ein in sich geschlossenes Wirtschaftsgebiet für über 40 Millionen Menschen, innerhalb dessen Arbeitsteilung und Massenproduktion sich frei entfalten und die neuen Transportmöglichkeiten voll ausgenutzt werden konnten. Durch die Annektion von ElsaßLothringen gewann Deutschland ein Gebiet mit etwa 1,5 Millionen Menschen und zwei hochentwickelten Industrien: der Textilindustrie im Elsaß und der Eisenund Stahlindustrie, die größtenteils in Lothringen, zum Teil auch im Elsaß lag5. Überdies ergriff die Regierung eine Reihe wichtiger Maßnahmen, um die günstigen Entwicklungsmöglichkeiten zu erweitern. Hierher gehört in erster Reihe die gesetzliche Regelung des Währungsund Münzwesens. Im Dezember 1871 wurde die Mark als Währungseinheit für ganz Deutschland eingeführt und auf den Goldstandard basiert. Von nicht geringerer Bedeutung war die Gründung der Reichsbank. Zweifellos hätte in einem noch relativ kapitalarmen Land wie Deutschland auch die große Kriegsentschädigung eine höchst nützliche Rolle spielen können. Aber dazu kam es nicht. Ein kleiner Teil, in Gold gezahlt, wurde vom Reich als Goldreserve für die neue Währung verwendet. Zum großen Teil aber wurde die Entschädigung, trotz sachverständiger Warnungen6, in unkluger und gefährlicher Weise verwendet, wodurch Notenumlauf und Spekulation gewaltig zunahmen7. All dies, zusammen mit dem gesteigerten Optimismus und nationalen Selbstgefühl, waren wichtige Vorbedingungen für die Exzesse der bald einsetzenden »Gründerjahre«. Nur wenige Perioden der Wirtschaftsgeschichte haben zu so vielen falschen Vorstellungen und Darstellungen Anlaß gegeben wie die sogenannten Gründerjahre. Die Erbitterung der Geschädigten, die Machenschaften der 3 CtAPHAM, a.a.O. , S. 280f. 4 In der Erzeugung von Roheisen lag zwar Deutschland um 1900 noch hinter England, hatte es jedoch in der Stahlproduktion bereits überholt. Vgl. STOLPER (1964), a.a.O ., S. 28; CtAPHAM , ebd., S. 283f. 5 CtAPHAM, ebd ., S. 245f . 6 M . MüLLER-jABUSCH, So waren di e Gründerjahr e, Fra nkfurt a. M. 1951 , S. 20ff .
Industrialisierung und Gründerkrise 69 Demagogen, nicht zuletzt aber die Verständnislosigkeit der Menge für komplizierte internationale Wirtschaftsfragen trugen dazu bei. Sie waren auch für die deutschen Juden von schicksalhafter Bedeutung. Gründerjahre, Krach und Krise waren weder Symptome einer plötzlichen Erkrankung einer vorher gesunden Wirtschaft noch spezifisch deutsche Erscheinungen. Viel eher könnte man sie als deutsche Variationen von zeitgemäßen, allen fortgeschrittenen Völkern gemeinsamen Entwicklungen ansehen. Suchen wir die wichtigsten deutschen Vorgänge besser zu erfassen, so können wir drei Stadien unterscheiden, die sich allerdings nicht genau abgrenzen lassen. Im ersten ging es relativ solide zu. Zwar wurden viele neue Aktiengesellschaften gegründet - im Jahre 1871 nicht weniger als 225 mit rund 375,6 Millionen Thalern Kapital8. Doch entsprachen die meisten realen Bedürfnissen der Wirtschaft. Zu einem erheblichen Teil trifft dies auch noch auf die Gründungen des zweiten Stadiums zu, bei dem hauptsächlich an das Jahr 1872 zu denken ist. Zwar wurden 1872 mehr als doppelt so viele Gesellschaften gegründet als im vorhergehenden Jahre, nämlich über 500; aber trotzdem darf man die Solidarität und wirtschaftliche Berechtigung vieler damaliger Gründungen nicht bezweifeln. Jedoch fand gleichzeitig eine Fülle zweifelhafter, oft auf Betrug angelegter Gründungen statt-eine Tatsache, die nur aus der besonderen Atmosphäre der Zeit zu verstehen ist. Es gab keine wirksame gesetzliche Regelung des Aktienwesens. So konnten die geschäftigen Gründer dem Publikum »goldene Berge« an Dividenden versprechen, auf die gar keine Aussicht bestand. Die Geistesund Gemütsverfassung des spekulierenden Publikums aus allen Kreisen, die auch nur etwas flüssiges Kapital aufbringen konnten, von adligen Großgrundbesitze rn bis zum Kleinbürgertum, ja bis zu den Dienstboten9 - kam diesem Treiben nur allzusehr entgegen. Sieg und Reichsgründung, die französischen Milliarden und die Annektion von Elsaß-Lothringen hatten eine Welle des Optimismus erzeugt. Dieser wurde noch verstärkt durch die Flüssigkeit des Geldes, den niedrigen Zinsfuß und nicht zuletzt durch die Folgen der verstärkten Bauund Gründungstätigkeit selbst: Löhne, Pr e is e und Beschäftigungsgrad stiegen. Gleichzeitig stieg in weiten Kreisen auch die Lebenshaltung und das Verlangen, von den neuen Genüssen möglichst viel zu ergattern. Diese Mischung von Unwissenheit und Geldgier bei Millionen, an sich rechtschaffener und bescheidener Menschen sc huf für Spekulanten, Hochstapler und Betrüger einzigartige Chancen. Aber währ e nd die Geistesund Gemütsverfassung der Nation im zw eiten Stadium der Gründerjahre schon viele Entartungszeichen aufwie s, blieben große Teile des Wirtschaftslebens davon zunächst noch unberührt, und besonders in der Produktion wurden wichtige Fortschritte erzielt, u. a. auch s MÜLLER-JABUS C H, a.a .O ., S. 32f. 9 Ebd., nach Erinnerungen von H. B. Strousberg.
70 1871-1874 im Maschinenbau und in der chemischen Industrie. Es war der Beginn einer bedeutsamen Strukturwandlung der Wirtschaft mit einer starken Tendenz zum Großbetrieb10. Im dritten Stadium, von Anfang 1873, beschleunigte sich zunächst das Tempo der Gründungstätigkeit noch mehr. Solange die Konjunktur anhielt, ging es den meisten Menschen recht gut, ja vielen besser als je. Berlin war zum Brennpunkt des ganzen Treibens geworden. Seit der Reichsgründung war es zum ersten Handelsund Finanzplatz geworden und entwickelte nun sozusagen seinen eigenen Größenwahn und wurde Mittelpunkt der verwegensten Spekulationen. Als in Wien im Mai 1873 innerhalb weniger Tage Hunderte von Insolvenzen gemeldet wurden, hielt sich die Berliner Börse noch bis in den Spätsommer. Aber dann kamen der Bankrott und die Bankzusammenbrüche, gefolgt von dem Kurssturz an der Börse, der das Unheil in weiteste Kreise trug. Dazu kam der Preisverfall der Warenlager, Produktionsbeschränkungen und Betriebsstillegungen. Im Gegensatz zu Deutschlands erster kapitalistischer Krise von 1857 wurde diese nicht rasch von einer kräftigen Erholung abgelöst. Es dauerte mehrereJahre -etwa bis 1878 -bis auch nur die schwersten Schäden überwunden waren; und auch dann folgte bis Mitte der neunziger Jahre kein starker Aufschwung. Die einsetzende »große Depression« leitete eine Periode wirtschaftlicher und politischer Reorientierungen ein, die für die weitere Entwicklung Deutschlands und der deutschen Juden von entscheidender Bedeutung sein sollte11 . Eine kritische Haltung gegen den ungezügelten Kapitalismus mit seinen krassen Gegensätzen zwischen arm und reich, seinem unbeschränkten Wettbewerb und Freihandel, hatte sich schon vorher bei großen Teilen der katholischen und evangelischen Geistlichkeit geltend gemacht12. Von besonderer Bedeutung jedoch war die Gründung des »Vereins für Sozialpolitik«, die 1872 -unter führender Beteiligung von Adolph Wagner, Gustav Schmoller und Lujo Brentano, von ihren Gegnern als »Kathedersozialisten« verspottet, stattfand. Sie verlangten mehr Ethik in der Wirtschaftspolitik, da, was moralisch falsch sei, nicht wirtschaftlich gerechtfertigt werden könne. Der Staat solle die schwächeren Individuen und Klassen schützen und Maßnahmen zum Schutz der materiellen Interessen der Nation ergreifen. Daneben suchten diese Professoren zu beweisen, daß sie zwar eine scharfe Änderung der Wirtschaftspolitik aber durchaus keinen Bruch mit der deutschen Vergangenheit forderten, sondern eher eine zeitgemäße Rückkehr zu alten Traditionen, besonders zu dem Gedankengut der Jahr10 ENGELBERG, a.a.O., s. 52ff. II Zum Folgenden s. besonders HANS ROSENBERG, a.a.O . 12 Vgl. K. E. BORN, in: H. GRUNDMANN (Hrg. ), Gebhardt, Handbuch der deutschen Geschichte, Bd. III, S. 237f .
Industrialisierung und Gründerkrise 71 hunderte des Merkantilismus 13 . Der Liberalismus hatte in Deutschland nie so tiefe Wurzeln geschlagen wie in Frankreich, Holland oder England. Schon in den vierziger Jahren, als das europäische Denken noch fast völlig im Banne liberaler Ideen stand, hatte Friedrich List in seinem »Nationalen System der Politischen Ökonomie« die liberal-kosmopolitischen Gedankengänge von Adam Smith und Ricardo scharf kritisiert und erklärt, ihre Verwirklichung sei wohl gut für das industriell führende, den Welthandel beherrschende England, nicht aber für das zurückgebliebene Deutschland. Dieses brauche zunächst »Erziehungszölle«, um hinter ihrem Schutz den industriellen Vorsprung des Westens aufzuholen. Jetzt, mehr als ein Vierteljahrhundert später, war das einheitliche deutsche Zollgebiet, das ihm vorgeschwebt hatte, verwirklicht. Der Liberalismus war im Niedergang, und der Zollschutz, den List nur zeitweilig, zur »Erziehung« der deutschen Industrie, gewähren wollte, wurde jetzt von mächtigen Interessengruppen ohne zeitliche Begrenzung gefordert. Es war diese Frage des Schutzzolles, an der der Kampf entbrennen sollte, der zur Abkehr Deutschlands vom Liberalismus auf breiter Front führte. In den siebziger Jahren kam es nicht nur den verschiedenen Gruppen in Industrie und Finanz, sondern auch Kaufleuten, Handwerkern und Landwirten zum Bewußtsein, bis zu welchem Grade ihr Schicksal von politischen Entscheidungen abhing. Dieses akute Bewußtsein gemeinsamer Interessen führte zur Bildung entsprechender Interessenvertretungen. Diese neuen Organisationen aber waren von vornherein nicht nur wirtschaftlich, sondern auch politisch orientiert und bildeten somit einen Hauptteil der nun einsetzenden Politisierung der Wirtschaft oder, in anderen Worten, der gegenseitigen Durchdringung von Wirtschaft und Staat. Die Vermehrung der Wirtschaftsverbände in den späteren siebziger Jahren und im ganzen folgenden Jahrzehnt war nur auf Kosten der Selbständigkeit des einzelnen Unternehmens und des individuellen Unternehmers oder Geschäftsmannes möglich. Auf das Abbröckeln der liberalen Ideologie folgte die Einengung des praktischen Aktionsbereiches des einst freien Unternehmers. Diese Entwicklung wurde beschleunigt und verstärkt durch das rapide Wachstum des industriellen Proletariates und seiner organisatorischen Stärke. So war es natürlich, daß die Arbeitgeber sich zur Wahrung ihrer Interessen besondere Organisationen schufen, und neben die Fachverbände der Industrie lokale, regionale und nationale Arbeitervereinigungen traten, die mit den Staatsbehörden enge Fühlung hielten. Hinzu kam, daß aus Gründen, die mit Börsenkrach und Konjunkturkrise nichts zu tun hatten, sondern im wesentlichen mit der Strukturwandlung der Weltlandwirtschaft zusammenhingen, die ostelbische Großlandwirt13 Zum Folgenden vgl. STOLPER, a.a.O. pass.
72 1871-1874 schaft ab 1875 in eine Notlage geriet. Dies hatte zur Folge, daß schon Anfang 1876 die einst freihändlerischen Grundbesitzer die »Vereinigung der Steuerund Wirtschaftsreformer« gründeten, die die agrarische Zollagitation leitete. So kam es in denJahren 1877 und 1878 zu ausgedehnten Verhandlungen, um die widersprechenden Wünsche der industriellen und der Großlandwirte auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Der daraus resultierende Zolltarif mit seinen Schutzzöllen auf Eisen, Holz, Getreide und Vieh nebst einigen Finanzzöllen wurde im Juli 1879 vom Reichstag mit großer Mehrheit angenommen. Aber seine Bedeutung lag nicht in den Einzelheiten, über die man sich so sehr ereifert hatte. Im Gegenteil, rückblickend muß man die eingeführten Zölle als recht mäßig bezeichnen. Trotzdem war die Annahme des Zolltarifs - nur 9 Monate nach dem Ausnahmegesetz gegen die Sozialisten!- ein historischer Wendepunkt ersten Ranges. Außenpolitisch stellte das Gesetz einen Sieg der Kräfte des Nationalismus über internationale Zusammenarbeit und Liberalismus dar. innenpolitisch besiegelte es die politische Niederlage des deutschen Liberalismus und trug zur Verschärfung des Klassenkampfes bei. Auf dem Gebiet der Wirtschaft aber ermöglichte und beschleunigte es den Aufbau und Ausbau der Kartelle mit ihren hohen Inlandsund niedrigen Exportpreisen, die Drosselung des freien Wettbewerbs und die Tendenzen zur Ausschaltung des Handels. Diese Wirkungen traten meistens erst nach Jahren in Erscheinung. Aber diese veränderte wirtschaftliche Einstellung ist nur ein Zeichen dafür, daß Gründerjahre, Krach und Krise für die große Mehrheit des Volkes zu einem tiefen traumatischen Erlebnis geworden war, dessen Wirkungen sich auf die verschiedensten Gebiete erstreckte -nicht zum wenigsten auch auf ihr Verhalten zu den Juden. b) Gründerkrise und politischer Antisemitismus In den Gründerjahren hatten neben Unternehmern und Finanziers auch Spekulanten sowie Angehörige der verschiedensten Schichten, vom Hochadel bis zum Kutscher und Dienstmann, versucht, die große Konjunktur auszunutzen14. Als Börsenkrach und Preissturz die grausame Wirklichkeit enthüllten, waren die psychologischen und soziologischen Vorbedingungen für die Suche nach dem Sündenbock gegeben. Dieser war um so leichter zu finden, als Juden sich an allen möglichen Unternehmungen, auch an zweifelhaften und selbst betrügerischen, stark beteiligt hatten. Der bis dahin unbekannte Journalist Otto Glagau veröffentlichte in der damals größten deutschen Zeitschrift, der »Gartenlaube«, eine Reihe von Artikeln, die sensatio14 Viele interessante Einzelheiten bei H. GoLLWITZER, Die Standesherren, München 1964, S. 256 ff.
Industrialisierung und Gründerkrise 73 nellen Erfolg hatte und als Buch viele Auflagen erlebte 15 . Der längst in weiten Kreisen latent vorhandene Judenhaß flammte mächtig auf und wurde bald zu einer organisierten politischen Bewegung. Bezeichnenderweise galt Glagaus Empörung nicht nur den Juden; er wandte sich gegen Industrialisierung und Verstädterung, gegen freien Wettbewerb und Freihandel, gegen Banken und Börsen - kurzum, gegen die ganze kapitalistische Entwicklung. Statt dessen sehnte er sich nach der Vergangenheit, in der das Leben des Handwerkers in den von seiner Zunft vorgezeichneten Bahnen ruhig verlief und deutsche Märkte nicht von fremden Waren überschwemmt werden konnten. Es war gerade diese Einstellung, die ihn weit über die Opfer des Börsenkrachs hinaus zu einem wichtigen Sprecher von Millionen durch die kapitalistische Entwicklung Benachteiligter machte: von Handwerkern, kleinen Gewerbetreibenden und Landwirten. Es war kein Zufall, daß gerade in diesen Kreisen der Unzufriedenen und Enttäuschten auch Haß und Mißtrauen gegen die Juden längst geschwelt hatten und nun leicht entfacht wurden . c) Die demographische Entwicklung der Juden Zu den rund 470000 Juden, die bei Kriegsausbruch in Deutschland lebten, kamen durch den Frieden von Versailles noch etwa 40000 in Elsaß-Lothringen hinzu. So ergab die amtliche Zählung von 1871 für das Reich eine jüdische Bevölkerung von 512513 Seelen. Der Anteil an der Gesamtbevölkerung betrug 1,2% oder, mit Einschluß Elsaß-Lothringens, 1,25% 16 . Während der fünfeinhalb Jahrzehnte seit dem Ende der Napoleonischen Kriege hatte die Vermehrung der Juden mit der der Gesamtbevölkerung etwas mehr als Schritt gehalten. Die erheblich niedrigere Sterblichkeit, vor allem in den ersten 5 Lebensjahren, wog nicht nur die etwas niedrigere Geburtenziffer, sondern auch den Verlust durch Auswanderung, Taufe und Mischehe auf . Doch bezeichneten die siebziger Jahre in dieser Hinsicht schon einen Wendepunkt: den Beginn des Sinkens der Geburtenziffer, das sich im folgenden Jahrzehnt erheblich verstärkte und selbst durch den gleichzeitigen weiteren Rückgang der Sterblichkeit nicht lange kompensiert werden konnte17. Hauptsächlich aus diesen Gründen wurde auch nie wieder ein Anteil an der Gesamtbevölkerung von 1,25% erreicht. 15 Glagaus Artikel erschienen zuerst unter dem Titel »Der Börsenund Gründungsschwindel in Berlin« im Dezember 1874, später als gleichnamiges Buch, Berlin 1976, gefolgt von seinem »Der Börsenund Gründungsschwindel in Deutschland«, Leipzig 1877. Zur Person Glagaus vgl. MÜLLER-JA.BUSCH, a. a.O„ S. 9f . (Neuerdings über Glagau und die Gründerjahre ausführlich inJ . KATZ, Antisemitism: From Religious Hatred to Racial Rejection, (Hebr.) Tel-Aviv 1979, s. 234ff. 16 SEGALL, a.a. O., S. XI. 17 Vgl. bes. SILBERGLEIT, S. 14f.; RUPPIN, Soziologie, Bd. 1, s. 170ff . NOSSIG, a.a.O ., s. 24ff.
74 1871-1874 Der überwiegend ländliche Charakter der deutschen Bevölkerung um 1870 spiegelte sich, trotz stark abweichender Wirtschaftsund Sozialstruktur, auch in der örtlichen Verteilung der Juden wider. Die halbe Million Menschen lebte verstreut in einer großen Anzahl meist kleiner und kleinster Gemeinden. Wir sind zwar nicht in der Lage, die Zahl der Gemeinden um 1870 ganz genau anzugeben, doch besteht guter Grund, sie auf etwa 1940 anzusetzen. Von dieser Zahl entfielen, nach Engelberts sorgfältigen Erhebungen, 203 auf Elsaß-Lothringen, und zwar 108 auf das Unterelsaß, der Rest auf Oberelsaß und Lothringen. Lag die durchschnittliche Seelenzahl in diesen annektierten Gebieten bei 192, so war sie im benachbarten Baden noch geringer, nämlich ungefähr 153, und in dem durch anhaltend starke Abund Auswanderung dezimierten Bayern gar 136 18. Nicht minder bezeichnend ist, daß in den 24 Großgemeinden, die irgendwann zwischen 1840-1885 über 2000 jüdische Einwohner zählten, imJahre 1871 nur 127000 oder knapp 25% aller deutschen Juden lebten. Berlin stand mit 36000 bereits an der Spitze, gefolgt von Breslau und Hamburg mitje 13000-14000 und Frankfurt a. M. mit knapp 10000 Juden19. Aber diese Zahlen geben uns nur ein Momentbild des damaligen Entwicklungsstadiums, das in einer so dynamischen Zeit wie den siebziger Jahren in Deutschland bald tiefgehenden Wandlungen ausgesetzt war. Zu den Faktoren, welche die bestehenden Zustände am stärksten beeinflußten, gehören vor allem Auswanderung und Binnenwanderung. Obwohl in unserem Zusammenhang der letzteren die größere Bedeutung zukommt, verdient auch die Auswanderung sorgfältige Beachtung, zumal sie aus begreiflichen Gründen im kaiserlichen Deutschland von jüdischen wie christlichen Autoren meist einseitig behandelt wurde. Daß die gewaltige Auswanderung der fünfziger Jahre zum Teil durch die Enttäuschung über den Fehlschlag der Revolution verursacht war, ließ sich zwar nicht leugnen oder verheimlichen, aber daß neben wirtschaftlichen auch politische und verwandte Beweggründe, wie die Abneigung gegen den Militärdienst -auch bei der starken Auswanderung in der Zeit von 1866-1870 und später, in den siebziger und achtziger Jahren -eine erhebliche Rolle spielten, blieb doch besser im dunkeln20• Die Auswanderung erbitterter Hannoveraner, deren Land nach dem Kriege von 1866 von Preußen annektiert worden war, ist in unserem Zusammenhang ohne viel Interesse, da eine etwaige jüdische Betei1s ENGELBERT, a.a.O ., s. 20f . 19 U. ToURY, Soziale und politische Geschichte der Juden in Deutschland 1847-1871, Zwischen Revolution, Reaktion und Emanzipation, Düsseldorf1977. Offensichtlich wurde dieses wichtige Werk von Arthur Prinz nicht mehr erfaßt (Anm. d. Hrg.).] 20 Vgl. bes. WALKER, a.a.O ., S. 179ff. Das an sich aufschlußreiche Buch ignoriert die jüdische Auswanderung völlig. Die starke jüdische Auswanderung aus Posen während der hier behandelten Jahre, die völlig anders motiviert war als die nichtjüdische, bleibt überhaupt unerwähnt.
Industrialisierung und Gründerkrise 75 ligung daran nur gering gewesen sein könnte. Aber anders steht es um die »Freie Reichsstadt« Frankfurt am Main, deren Einverleibung in Preußen vielen alten Frankfurtern »als eine Katastrophe« erschienen war. »Wer es sich leisten konnte, emigrierte oder erwarb eine nichtdeutsche Staatsangehörigkeit. «21 Wenn auch zahlenmäßig diese Auswanderung reicher Frankfurter sicherlich gering war, so dürfte ihr wirtschaftliches Gewicht um so größer gewesen sein. Daß der jüdische Anteil daran hoch gewesen sein muß, ist angesichts der Zusammensetzung der Frankfurter Finanzwelt kaum zweifelhaft. Ungleich wichtiger war die vorwiegend politisch motivierte jüdische Auswanderung aus Elsaß-Lothringen. Wenn nach dem Frieden von Versailles die elsässische und lothringische Bevölkerung überwiegend pro-französisch eingestellt war und sich nur dem Zwange fügte, so galt dies in noch höherem Grade für die dortige Judenheit, die seit 1818 in zunehmendem Maße und seit etwa 1849 so gut wie völlig gleichberechtigt war. Jenseits des Rheins, besonders in Bayern, blieben noch lange entehrende und äußerst lästige antijüdische Bestimmungen in Kraft, und auch anderwärts hatten die Juden unter dem Gegensatz zwischen gesetzlicher Gleichberechtigung und administrativer Zurücksetzung zu leiden. So war es kein Wunder, daß die Juden an dem »Massenabzug der Optanten«22 weit über ihren Prozentsatz beteiligt waren -wenn auch genaue Zahlen nicht verfügbar sind. Wir wissen, daß die Textilfirmen in der Normandie (Elbeuf) sowie in Lyon, Paris und Epinal jüdischen Zuzug aus den abgetretenen Gebieten erhielten, und daß viele elsässische Juden in Frankreich freie Berufe ergriffen. Aber abgesehen von der lang anhaltenden Abwanderung nach Frankreich und dem damals unter französischer Herrschaft stehenden Algerien wanderten Juden aus Elsaß-Lothringen auch nach anderen Ländern aus: nach der nahen Schweiz, nach den Vereinigten Staaten und nach Argentinien, wo es einige Familien besonders im Getreidehandel zu großer Bedeutung brachten23• Die in Elsaß-Lothringen verbleibende Judenheit schmolz unter diesen Umständen stark zusammen, aber ein einigermaßen genaues statistisches Bild von Umfang, Verteilung und Wirkung dieser Wanderung zu gewinnen, ist fast unmöglich. Die Auswanderung ging meist nicht nach Übersee, und der Abund Auswanderung der einheimischen Juden stand ein jüdischer Zuzug aus dem rechtsrheinischen Deutschland gegenübcr24• Deshalb schafft auch Se21 M. MüLLER-JABUSCH und E. AcHTERBERG, Lebensbilder deutscher Bankiers aus fanf Jahrhunderten, Frankfurt a. M. 1963, bes. das Kapitel über Rudolph Sulzbach. 22 S. V. WALTERSHAUSEN, a.a.O., s. 244ff. 23 Vgl. M . W1scHNITZER, Die Juden in der Welt, Gegenwart und Geschichte des Judentums in allen Ländern, Berlin 1935, S. 375. Für die Franzosen war Argentinien ein wichtiges Auswanderungsziel zwischen 1871 und 1890, mit starker Beteiligung aus Elsaß-Lothringen. Vgl. dazu W1Lcox (Hrg .), International Migrations, a.a.O ., S. 206. 24 Dieser Zuzug wird zwar in der Literatur oft erwähnt, jedoch ohne Zahlenangaben.
82 1871-1874 Zusammenschluß mit der Deutschen Unionbank und dem Berliner Bankverein, wurde die Deutsche Bank das achtunggebietende Institut, dessen großartige Entwicklung uns noch beschäftigen wird. Als Gründer werden Ludwig Bamberger und Georg Siemens, mitunter auch der Minister von Delbrück angegeben49• Man darf wohl das Zusammenwirken von Bamberger und Siemens als entscheidend ansehen. Bamberger wurde Mitglied des Aufsichtsrats, trat aber schon 1872 aus, weil er politische Interessenkonflikte befürchtete, sorgte jedoch dafür, daß dem ideenund initiativreichen Georg Siemens in Hermann Wallich ein erstklassiger Bankfachmann zur Seite trat 50 . Neben ihm stand schon seit 1873 als dritter im Bunde Max Steinthal 51 . So entstand dieses bedeutungsvolle Unternehmen unter starker Beteiligung jüdischer Kräfte. Nicht minder klar ist angesichts der Namen von Carl Kaskel und Eugen Gutmann der jüdische Anteil an der 1872 gegründeten Dresdner Bank. Der bekannten jüdischen Beteiligung an anderen Gründungen52 der frühen siebziger Jahre nachzugehen, verbietet sich hier aus Raumgründen. Angebracht erscheint es dagegen, auf den großen Anteil eines Juden an Reformen hinzuweisen, die von grundlegender Bedeutung für die spätere Entwicklung der deutschen Wirtschaft waren -nämlich die Gründung der Reichsbank und die Einführung der Goldwährung. Ludwig Bamberger, 1823 geboren, war durch seine Mutter ein Mitglied der bedeutenden internationalen Bankiersfamilie Bischoffsheim 53 . Er besaß selbst nicht nur hervorragenden Scharfsinn für finanzielle Dinge, sondern auch die Gabe, das Geldwesen in seinen mannigfachen Beziehungen zur Wirtschaft, besonders zum internationalen Handel, zu sehen. Nach dem Zusammenbruch der 1848er Revolution, an der er sich mit der Waffe in der Hand beteiligt hatte, floh er ins Ausland und verbrachte fast zwanzig Jahre im Exil -größtenteils in Paris, wo er als Bankier ein Vermögen erwarb. Nach Erlaß der Amnestie kehrte er zurück, und war von 1871 bis 1893 Mitglied des Reichstages, wo er als brillanter Redner galt. Vor allem genoß er als Währungsexperte unumstrittene Autorität. Abgesehen von der Deutschen Bank-die dazu bestimmt war, das deutsche Bankgeschäft in Übersee auszudehnen und besonders den Export nach Südamerika und Ostasien von 49 Nach CARL FÜRSTENBERG (a .a.O ., S. 37) verdankt die Deutsche Bank ihre Entstehung der Initiative Bambergers. Auch GLAGAU (a .a.O ., S. 17f .) betrachtet ihn als den eigentlichen Gründer und behandelt ihn, trotz seiner antisemitischen Einstellung, mit Respekt. Dagegen wird bei ENGELBERG (a.a.O ., S. 51) Rudolf von Delbrück und bei Treue (Gebhardt III , a.a. O., S. 402) Georg v. Siemens al s Gründer genannt. 50 Über Wallich, vgl. Achterberg, Berlin, a.a.O ., S. 115ff. 51 Zu Steinthal vgl. ebd., S. 32f., und Müller-Jabusch, a. a.O ., S. 3f . 52 (Vgl. W. Mos sE, »Die Juden in Wirtschaft und Gesellschaft«, in : W. MossE und A. PAUCKER (Hrg. ), Juden im Wilhelminischen Deutschland 1891}-1914 , Tübingen 1976, S. 71 ff. (Anm . d. Hrg .).) 53 Vgl. C. Fü rstenberg, a.a.O ., S. 37f .
Industrialisierung und Gründerkrise 83 den Londoner Banken unabhängig zu machen, war Bambergers »großes Lebenswerk«, nach Karl Helfferich vor allem seine Mitarbeit an der Gründung der Reichsbank und sein langjähriger Kampf für die Goldwährung54. Noch imJahre 1871 bestanden in Deutschland 6 verschiedene Geldsysteme nebeneinander. Dazu kam die große Anzahl von Banken mit Recht der Notenausgabe -selbst imJahre 1875 waren es nicht weniger als 33und die entsprechende verwirrende Vielfalt der umlaufenden Banknotensorten. Bamberger setzte sich für eine einheitliche Notenbank ein und kämpfte auch für die Einheit des Münzwesens. Aufgrund des Bankgesetzes von 1875 trat an Stelle der früheren Preußischen Bank die Reichsbank, deren Hauptaufgabe darin bestand, als Zentralnotenbank den Geldumlauf zu überwachen und zu regulieren. Die übrigen Notenbanken wurden zwar nicht aufgehoben, aber so unter Druck gesetzt, daß die meisten nach und nach auf das Recht der Notenausgabe verzichteten. Von größter Bedeutung war die Bestimmung, daß die von der Reichsbank ausgegebenen Banknoten zu einem Drittel mit Gold oder Reichskassenscheinen gedeckt sein müßten. Damit hatte sich Deutschland für eine reine Goldwährung entschieden zu einer Zeit, da noch kein Land außer England dieses System besaß55 . Zu dieser Entwicklung hatte Ludwig Bamberger durch seine unermüdliche Tätigkeit in Wort und Schrift einen unschätzbaren Beitrag geleistet. Diese positiven Leistungen jüdischer Wirtschaftsführer wurden jedoch von den Wortführern der antiliberalen, konservativen und antisemitischen Kreise kaum als solche gewürdigt. Im Gegenteil galten sie als weiterer Beweis für jüdische »Beherrschung« der kapitalistischen Wirtschaft. Die Identifizierung von Industriegesellschaft und Judentum wurde so zu einem Motiv antisemitischer Agitation, die auch die weitere jüdische Wirtschaftsentwicklung in erheblichem Maße beeinflußte. e) Gegensätzliche Tendenzen der jüdischen Entwicklung Die Wirtschaftstätigkeit der Juden in den siebziger Jahren wurde hauptsächlich von den allgemeinen sozio-ökonomischen Entwicklungen bestimmt . Unmittelbare Auswirkungen des nach der Krise von 1873 verschärft einsetzenden Judenhasses machten sich zunächst auf wirtschaftlichem Gebiet nur begrenzt bemerkbar. Die Juden konnten ihren Berufen nachgehen, sich nach Belieben im Reiche bewegen und niederlassen, an deutschen Schulen und Universitäten studieren. Wahrscheinlich war die Zulassung von Juden zu Beamtenund Akademiestellen nun noch schwieriger und seltener als vorher, aber sie war ohnehin auch früher nur gering. In 54 Nach AcHTERBERG und MüLLER-jABUSCH, a.a. O., S. 193ff. 55 Die Goldwährung war etappenweise schon ab 1871 eingeführt worden. Vgl. WURM, a.a.O., S. 116f.
84 1871-1874 dem entscheidenden Bereich der Wirtschaft, insbesondere im Handel, herrschte in den siebziger Jahren noch das freie Spiel der Kräfte. Die oben geschilderten Tendenzen zur Bildung großer Verbände mit Beschränkung der freien Verfügungsgewalt des Unternehmers steckten noch ganz in den Anfängen. Bei den Juden war ein hoher Prozentsatz selbständig, und von den jüdischen Arbeitnehmern arbeitete ein erheblicher Teil in jüdischen Firmen. Die unmittelbare Wirkung des verstärkten Judenhasses konnte daher in wirtschaftlicher Hinsicht nur gering gewesen sein. Die indirekten Auswirkungen waren jedoch sehr erheblich und für die spätere Entwicklung entscheidend. Während der Prosperität der Gründerjahre hatte ein erheblicher jüdischer Zuzug aus dem Osten begonnen, gegen den sich nun die Agitation in besonders gehässiger Weise richtete, zumal ja diese Menschen durch Sprache und äußere Erscheinung mehr auffielen als die assimilierten deutschen Juden. Die Forderung auf strenge Schließung der Grenzen gegen jüdischen Zuzug wurde in diesen Jahren zum Kernpunkt antisemitischer Propaganda. Daß sich ihr auch angesehene Wissenschaftler und Publizisten wie Heinrich Treitschke anschlossen56, war für die Verbreitung antisemitischer Stereotypen in einflußreichen Kreisen des deutschen Bildungsbürgertums und ihrer Einwurzelung in der parteipolitischen Diskussion bedeutungsvoll. Diesem Druck gaben die Behörden nach, indem sie eine ganze Anzahl von ausländischen Juden auswiesen und die Grenzsperre verschärften57. Die Hetze gegen die Juden, ihre Verfehmung in der Öffentlichkeit, mußte in Tausenden von ihnen ein bitteres Ressentiment hervorrufen, das ihre Beziehung zur Umwelt nachhaltig beeinflußte58. Die Mehrheit der deutschen Juden, die, ihren wirtschaftlichen Interessen wie ihrer W eltanschauung entsprechend, politisch liberal eingestellt war, wurde durch das Gefühl des erlittenen und andauernden Unrechtes erbittert gegen alle Teile und Institutionen der Gesellschaft, die mit Antisemitismus, religiösen oder rassischen Vorurteilen, Standesdünkel und Überheblichkeit verbunden schienen. Und dieses Ressentiment gewann besondere Bedeutung durch die gerade damals schnell wachsende Macht der Presse im allgemeinen und der »jüdischen Presse« im besonderen. Die Verleger, ein großer Teil der Redakteure, Journalisten, Inserenten und Leser waren jüdischer Herkunft - moch56 TREITSCHKES Ausruf »Die Juden sind unser Unglück« in seinem berühmt-berüchtigten Aufsatz in den Preußischen Jahrbüchern, Bd . 44 (1879), hat noch lange nachher als NaziSchlagwort traurige Geschichte gemacht. Aber auch Nietzsche, der sich später scharf gegen den Antisemitismus aussprach, meinte 1885, »daß Deutschland reichlich genugJuden hat, daß der deutsche Magen, das deutsche Blut Not hat .. . um auch nur mit diesem Quantum > Jude < fertig zu werden«. Oenseits von Gut und Böse, Aphor. 251.) 57 SEGALL, a.a.O ., S. 3. 58 Über Nietzsches Erklärung des Ressentiments und seiner Beziehung zu den Juden s. SCHELER, a.a.O .
Industrialisierung und Gründerkrise 85 ten sie sich auch noch so wenig um jüdische Inhalte und Werte kümmern. Die »Macht der jüdischen Presse«, ihr aggres.siver, kritischer Ton, ihre Respektlosigkeit gegenüber dem herrschenden System, bildeten eines der Hauptthemen der antisemitischen Agitation. Diese Agitation rief wiederum in den von Juden geleiteten Blättern - 1871 war das »Berliner Tageblatt« gegründet worden - immer neue Anfälle und kritische Ausfälle hervor -ein verhängnisvoller circulus vitiosus59. Eine kleine, doch historisch wichtige Minderheit der Jtiden ging viel weiter. Aus einer Mischung von Motiven, unter denen die Empörung gegen die Zurücksetzung und Verfemung der Juden gewiß eines der bestimmenden war, stießen diese Menschen zu der in den siebziger Jahren trotz aller Unterdrückungsmaßnahmen stark wachsenden Arbeiterbewegung. Als Abgeordnete in den verschiedenen Stadtund Landesparlamenten und auch im Reichstag oder als Journalisten in der sozialistischen Parteipresse leisteten sie unentbehrliche Dienste, während die nichtjüdischen Intellektuellen sich fast ausnahmslos auf die Seite der besitzenden Klassen schlugen, aus denen sie meistens stammten. Die Sozialdemokratische Partei und die ihr dienende Presse brauchten dringend Intellektuelle. Neben Marx und Lassalle finden sich bereits unter den frühesten deutschen Sozialisten Juden wie Moses Hess, Eduard Bernstein, Johann Jacoby und Karl Höchberg, der Gründer der ersten sozialdemokratischen Zeitschrift in deutscher Sprache 60 . Später wuchs die Zahl jüdischer sozialistischer Aktivisten allmählich immer mehr. Es war zum Teil der Einfluß des verschärften Antisemitismus, der diese jüdischen Intellektuellen bewegte, sich in der sozialistischen Bewegung zu betätigen. Dort aber war ihre Stellung in jüdischer Hinsicht widerspruchsvoll und nicht frei von tragischer Ironie. Denn während sie den Antisemiten zum Grund oder Vorwand diente, den »jüdischen Marxismus« noch heftiger anzugreifen als die »jüdische liberale Presse«, traten sie selbst, im Einklang mit der antireligiösen Ideologie des Marxismus, größtenteils aus den jüdischen Gemeinden aus und verloren jedes positive jüdische Interesse61 • Wohl nirgends war die Assimilation vollständiger als in diesen Kreisen. Der Zuzug zum Teil hochbegabter Juden zur sozialistischen Bewegung, der damals in nennenswertem Umfang einsetzte, hielt Jahrzehnte lang an -bis 59 Zur Gehässigkeit selbst »gebildeter« Nichtjuden gegenüber der »jüdischen Presse« vgl. den Brief von Jakob Burckhardt an Friedr. von Preen vom 2. 1. 1880. 60 Vgl. R. MICHELS, a.a.O ., S. 246ff.; SoMBART, Proletarischer Sozialismus, a.a.O „ S. 152ff., ist stark subjektiv, aber ausführlich. 61 MICHELS, ebd., schreibt für eine etwas spätere Zeit, daß von neun jüdischen Reichstagsabgeordneten der SPD« vier noch mosaischen Glaubens gewesen seien« (»Noch!«). Über die Frankfurter Zeitung berichtet ERNST KAHN (a.a.O„ S. 228ff. ), daß die drei einflußreichsten jüdischen Journalisten des Blattes zwischen 1914 und 1930 »alle die jüdische Gemeinschaft verlassen hatten«. Dies war typisch für eine große Schicht jüdischer Intellektueller, vom jüdischen Standpunkt aus »schlechte Juden«.
86 1871-1874 zur Auflösung des deutschen Judentums. Während die Früchte der hingebungsvollen Arbeit dieser Menschen der Arbeiterbewegung zugute kamen, fiel das Odium für ihre Arbeit auf» die Juden«. Im übrigen waren die wirtschaftlichen Verhältnisse der Juden zwischen dem Krach von 1873 und dem Beginn der neuen Wirtschaftspolitikhauptsächlich bestimmt durch die Wandlungen der deutschen Wirtschaft und besonders der Wirtschaftszweige und Berufe, zu denen sie gehörten. Bei der starken jüdischen Beteiligung in allen Sparten des Bankund Börsenwesens liegt auf der Hand, daß beim Sturz der Effektenkurse und dem Zusammenbruch zahlreicher Unternehmungen viele Juden ihr Vermögen ganz oder größtenteils einbüßten. Die Leidtragenden waren nicht nur Direktoren und Großaktionäre, sondern weit über diesen Kreis hinaus wurden viele kleinere und mittlere Existenzen in den Ruin hereingerissen: Makler und Agenten verloren ihre Stellung, kleine Rentiers, deren Geld in nun wertlosen Aktien steckte, verloren ihre Ersparnisse. Kaum besser ging es der großen Masse der Juden, die im Warenhandel tätig waren: sie erlitten große Substanzverluste durch die Entwertung ihrer Warenlager, litten unter Zahlungsstockungen, Absatzschwierigkeiten, verschärftem Konkurrenzkampf und verminderten Gewinnspannen. Das Leben, das in den fünfziger und sechziger Jahren und bis 1873 leichter und aussichtsvoller zu werden schien, war wieder schw_er und äußerst mühevoll geworden. Bei alledem aber war der »Zug der Zeit«, die grundlegende Tendenz der wirtschaftlichen Entwicklung, noch immer dem Geldund Warenhandel günstig. Die schier endlose Kette von technischen Erfindungen revolutionierten Produktion, Transport und Nachrichtenwesen immer aufs neue. Für immer neue Produkte mußten neue Märkte gefunden werden. Mit der sich ausbreitenden nationalen und internationalen Arbeitsteilung und der Steigerung der im Handel umgesetzten Warenmengen mußte eine entsprechende Ausweitung des finanziellen Apparates, vor allem der Banken, einhergehen62. Nun setzte zwar innerhalb des Bankwesens eine starke Konzentrationsbewegung ein, und die Privatbanken begannen zugunsten der großen Aktienbanken an Bedeutung zu verlieren. Viele wurden sogar von ihnen aufgesogen. Aber trotzdem vermehrte sich die Zahl der Privatbanken, die die absorbierten Banken an Zahl überwogen, nicht nur in den siebziger Jahren, sondern bis über die Jahrhundertwende hinaus. Auch die Börsen nahmen an Zahl und Bedeutung erheblich zu, da neben die früher vorherrschenden Eisenbahnaktien und Staatsanleihen jetzt immer mehr Industrieaktien und -obligationen traten, die untergebracht werden mußten 63 . Das verrufene Berlin, wo sich die schlimmsten Betrügereien, die wildesten Auswüchse der Spekulation ereignet hatten, wurde immer mehr zum ersten 62 CLAPHAM, a.a. O., S. 195f. 63 SoMBART, Volkswirtschafi, a.a.O., S. 195 und Anlage 8.
Industrialisierung und Gründerkrise 87 Börsenplatz und zum finanziellen Mittelpunkt des Reiches64. Frankfurt, dessen alte Bankiersfamilien sich in den Gründerjahren viel vorsichtiger und zurückhaltender benommen hatten, trat im Vergleich mit den übrigen Börsen in den Hintergrund 65 . Legen schon die geschilderten Entwicklungstendenzen den Schluß nahe, daß die Krise mit ihren Nachwehen weiteste jüdische Kreise in eine schwierige aber nicht ausweglose Lage brachte, so gab es auch einige Gruppen, denen es besser ging als dem großen Durchschnitt, ja zum Teil besser als je. Zunächst verleiht jeder Preissturz und jede Depression mit niedrigem Preisniveau Personen mit festen Bezügen eine höhere Kaufkraft. Zu dieser Kategorie gehörten in erster Reihe die festbesoldeten, wie Beamte und Offiziere, worunter allerdings nur sehr wenige Juden waren. Die Rentiers, unter denen nach dem großen wirtschaftlichen Aufstieg in den fünfziger und sechziger Jahren eine verhältnismäßig große Anzahl von Juden zu finden waren, profitierten nur, wenn ihr Kapital so investiert war, daß die Zinsen, Dividenden oder Mieten auch in den schlechten Zeiten unvermindert gezahlt wurden. Viele Unternehmungen, selbst große und gut geleitete, schütteten viele Jahre keine Dividenden aus, und so mancher Rentier verlor sein Geld. Dem glücklicheren Teil der Rentiers ging es in der Tat in der Krise und während der langen, dann folgenden Depression recht gut 66• Von der unter den damaligen Umständen bevorzugten Gruppe bildeten die Juden natürlich nur einen bescheidenen Teil. Dagegen handelt es sich bei dem agrarischen Händlertum, das injenenJahren in großen Teilen Südund Westdeutschlands »erheblich wohlhabender oder gar reich« wurde (Hans Rosenberg), während wenig anpassungsfähige Kleinlandwirte in wachsende Verschuldung gerieten, fast ausschließlich um Juden. Eine Reihe von Faktoren kam zusammen, um hier eine tragische Konfliktsituation zu schaffen67. Die Bauern litten nicht nur unter dem Preisdruck, sondern von 1875 an kam noch die besondere, durch das aus Amerika, Südrußland und Österreich-Ungarn einströmende Getreide verursachte Agrarkrise hinzu. Nicht weniger wichtig war besonders in Württemberg, Bayern, Hessen und dem Saargebiet die durch die Freiteilbarkeit des Bodens und die starke Volksvermehrung verursachte Zerstückelung des Bodens. Selbst sehr rührige Bauern hatten auch in normalen Zeiten nicht genug Land, um ihre Familien zu 64 WuRM, a.a.O „ S. 82. 65 BONN, a.a.O ., S. 22. Bonns Familie war seit 200Jahren in Frankfurt ansässig. 66 ROSENBERG, a.a.O„ S. 42f„ meint, daß für das »Gros der Arbeitnehmer« und alle »gegen Arbeitslosigkeit und Kurzarbeit gesicherten Empfänger von festen Bezügen« die Depression eher eine Zeit steigender Prosperität gewesen sei. Aber in unserem Zusammenhang: wieviel Juden gab es wohl unter diesen Kategorien? 67 Zum folgenden vgl. bes. CLAPHAM , a.a.O„ S. 223f .; SoMBART , Volkswirtschaft , a.a. O„ S. 336ff .; GEBHARDT III , a.a. O„ S. 238f .; W. H. DAWSON, The Evolution of Modern Germany, London 1919, S. 291 ff .
88 1871-1874 ernähren und strebten, wenn irgend möglich Land hinzuzukaufen. Zu diesem Zweck nahmen sie oft Hypotheken oder andere Schulden auf, deren Tragweite den Geschäftsunkundigen meist nicht klar war, und die ihnen in den schweren Jahren nach 1875 oft zu einer Schlinge um den Hals wurden. Der Gläubiger war in vielen Fällen ein im Dorfe oder in seiner Nähe ansässiger, mit allen Verhältnissen vertrauter Jude. Sehr häufig vom Viehhandel oder auch von der Pfandleihe her ins Anleihegeschäft hineingekommen, nahm der jüdische Händler eine Art Monopolstellung ein, da für den Bauern andere Kreditmöglichkeiten kaum existierten. Der scharf kalkulierende, gewandte und oft jüdische Geschäftsmann nutzte die Situation oft rücksichtslos aus, während sich in der Bauernschaft lange ein ohnmächtiger Grimm und Haß aufstaute. Die für die Juden oft tragischen Folgen dieser Situation traten erst in den achtziger Jahren zutage 68 . Historiker und Soziologen kennen derartige Spannungen und Konflikte zwischen einer wirtschaftlich primitiveren, geschäftsunkundigen Bauernschaft und einer kleinen, geschäftstüchtigen rassischen oder religiösen Minderheit von Händlern aus verschiedenen Epochen und den entlegensten Himmelsstrichen. In Deutschland stand auf der einen Seite »der deutsche Bauer«, von den Mächtigeren seines Volkes, vor allem vom Adel, ausgebeutet und niedergehalten, aber in Liedern und Geschichtsbüchern verherrlicht und von jedem Volksredner gepriesen. Auf der anderen Seite standen jüdische Händler oder Geldverleiher, die, so verschieden sie sich auch benehmen mochten, in der antisemitischen Agitation zum Stereotyp des »jüdischen Wucherers« wurden -ein für die antisemitische Manipulation und Propaganda nur allzu wirksamer Gegensatz! f) jüdische Initiative in neuen Industrien V erlassen wir dieses bedrückende Thema, um die Fülle schöpferischer Leistungen und die Mannigfaltigkeit der wirtschaftlichen Arbeitsgebiete zu betrachten, an denen Juden zu dieser Zeit führend beteiligt waren. Es erscheint dabei zweckmäßig, zunächst die Ursachen dieses plötzlichen Aufblühens jüdischer Produktivität auf vielen von Juden früher nie betretenen Gebieten festzustellen, und dann für ein besonders interessantes Gebiet den Gang der Entwicklung näher zu verfolgen. Die Ursachen des Umschwunges, der plötzlichen Erweiterung des jüdischen Arbeitsund Einflußgebietes, sind leicht festzustellen: Der steigende Wohlstand des Landes hatte die deutschen Regierungen in die Lage versetzt, 68 MoMBERG, Bevölkerungslehre, a.a.O ., 175ff., 190f .; W. SOMBART , Der moderne Kapitalismus, Historisch-systematische Darstellung des gesamteuropäischen Wirtschaftslebens von seinen Anfängen bis zur Gegenwart, 3 Bde„ München-Leipzig 1928, Bd. 3, S. 377ff., 972ff., 976ff. (über Parallelen in anderen Ländern).
Industrialisierung und Gründerkrise 89 mehr für das Erziehungsund Bildungswesen von der Volksschule bis zu den Universitäten auszugeben69. Kein Teil der Bevölkerung machte sich die neuen Bildungsmöglichkeiten mit größerem Eifer zunutze als die Juden. Neben der traditionellen jüdischen Hochschätzung des »Lernens« kam hier vor allem die endlich von vielen erlangte finanzielle Basis, das Studium zu bezahlen, zum Ausdruck70, ferner die Freiheit der Niederlassung, die dem jüdischen Akademiker neue Arbeitsmöglichkeiten eröffnete. So strömten die Juden zu den Gymnasien und Universitäten 71 . Diese Begeisterung jüdischer Jugend für das Studium, der Andrang zu den höheren Bildungsanstalten -neben den Universitäten spielten vor allem die neuen Technischen Hochschulen eine wichtige Rolle -hielt viele Jahrzehnte, bis zum Ende des deutschen Judentums, an. Der höhere Bildungsgrad verschaffte vielen jungen Juden, zusammen mit der besseren finanziellen Lage ihrer Eltern, beim Eintritt in das Erwerbsleben eine früher nie gekannte Wahlfreiheit. Dabei gab es große Unterschiede. Manche Söhne der Oberschicht konnten sich nach vollendetem Studium noch geraume Zeit Auslandsstudien, meist in England, widmen, wie z. B. der aus sehr begütertem Hause stammende Emil Rathenau. Aber andere, deren Leistungen aus der deutschen Wirtschaftsgeschichte gar nicht wegzudenken sind, kamen aus armen Familien, wie Albert Ballin oder der Bankier Carl Fürstenberg. Im ganzen aber führte die größere Wahlfreiheit der Jugend zu einer außerordentlichen Bereicherung des Spektrums jüdischer Berufsverteilung. Dabei trat ein Zug stark hervor, der in der jüdischen Wirtschaftswie in der Geistesgeschichte immer wieder hervorragt: der Sinn für das Neue, Unerprobte, Werdende; der Drang, neue Wege einzuschlagen72• Um dieselbe Zeit, in der zwei begabte und fleißige Geschäftsleute, erst Rudolf Mosse, ein Jahrzehnt später Leopold Ullstein, das deutsche Anzeigenund Verlagswesen revolutionierten, wandte sich eine Anzahl jüngerer Juden einem Gebiet zu, das neben der Elektrotechnik sich am schnellsten zu entwickeln und die größten Zukunftsmöglichkeiten zu bergen schien: der Chemie. Die kamen auf verschiedenen Wegen und oft aus ganz anderen Lebensbereichen. Häufig waren es praktische Umstände, die ihnen die Beschäftigung mit chemischen Problemen nahelegten. So gab z.B. der Bedarf der Textilin69 S. V. WALTERSHAUSEN, a. a.O ., S. 364f. 70 Nur Abiturienten wurden zum Studium zugelassen, und kaum ein Arbeitersohn kam, schon wegen des hohen Schulgelds, aufs Gymnasium (WURM, a. a.O. , S. 147) . Vgl. auch A. LESCHNITZER, Saul und David, Die Problematik,der deutsch-jüdischen Lebensgemeinschaft, Heidelberg 1954, S. 13f . 71 1879 kamen Studierende an den Staatsschulen auf je 10000 Einwohner Berlins: von den Protestanten - 51, Katholiken -22, Juden 350! In Oberschlesien: Protestanten -81, Katholiken -19,Juden 423 (NosSIG, a.a.0., S. 33f.). 72 Vgl. dazu TH. VEBLENS, Essay, »The lntellectual Pre-Eminence of Jews in Modem Europe« (1919), wiederaegedr. in: Veblen , Essays in Our Changing Order, New York 1934.
90 1871-1874 dustrie an Farbstoffen und die Schwierigkeit, genug natürliche Farbstoffe zu annehmbaren Preisen zu erhalten, den Hauptanstoß zur Herstellung künstlicher Farbstoffe73. Juden aber waren mit der Textilindustrie, wie wir wissen, seit Jahrhunderten eng verbunden: das Leben Heinrich Caros, eines der frühen bedeutenden jüdischen Chemiker, zeigt den Zusammenhang zwischen Chemie und Textilindustrie recht klar. Als Sproß einer alten sephardischen Familie 1834 in Posen geboren, studierte er in Berlin Chemie, worauf er nach England ging und Chemiker, später Mitinhaber einer Textilfabrik in Manchester wurde. 1866 kehrte er nach Deutschland zurück, trat als Chemiker in die Badische Anilinund Sodafabrik (BASF) ein, wo er später in den Vorstand und dann in den Aufsichtsrat kam. Ihm werden bahnbrechende Erfindungen auf fast allen Gebieten der Teerfarbenindustrie zugeschrieben, und er gilt als einer der bedeutendsten Begründer dieser Industrie in Deutschland 74 • Da die BASF später ein Teil der I.G. Farben wurde, gehörte Heinrich Caro zu den Vätern dieser Organisation, zu deren Entwicklung eine ganze Anzahl Juden wichtige Beiträge geleistet haben - u. a. nicht weniger als vier direkte Nachkommen von Moses Mendelssohn75. Es ist bemerkenswert, daß auch die britische I.C.I. (Imperial Chemical Industries) eindeutig auf die Initiative eines deutschen Juden in den siebziger Jahren zurückgeht. Ludwig Mond, 1839 in Kassel geboren, studierte an mehreren deutschen Universitäten Chemie. Schon 1859, als er in einer kleinen Sodafabrik arbeitete, erfand er ein Verfahren der Schwefelgewinnung und ließ es patentieren. 1873 gründete er in England zusammen mit 1. T. Brunner eine chemische Fabrik, die sich zu dem größten Alkali-Werk der Welt entwickelte. Die großartige Entwicklung des Unternehmens, der späteren 1. C. 1., ist ein Teil der britischen Wirtschaftsgeschichte. Mond, gleich begabt als Chemiker wie als industrieller Unternehmer, erwarb nicht nur kolossalen Reichtum, den er zum großen Teil wohltätigen Zwecken zukommen ließ, sondern empfing auch zahlreiche wissenschaftliche Titel und Ehrungen aufgrund von Veröffentlichungen über seine vielen Erfindungen und Entdeckungen. In Deutschland finden wir Monds Altersgenossen und zeitweiligen Konkurrenten Georg Lunge aus Breslau. 1862 machte der Dreiundzwanzigjährige schon eine eigene chemische Fabrik auf. Aber dann wandte er sich theoretischen Arbeiten zu und wurde Professor an der Technischen Hochschule in Zürich, wo er 30 Jahre lang lehrte und zahlreiche 73 Vgl. R. SASULY, J.G. Farben, New York 1947, S. 22f. 74 ZIELENZIGER, a.a. O., S. 240ff.; ENGELBERG glaubt (a .a.O., S. 43f .), daß vor allem der »Ausbau der Teerfarbenindustrie ... die deutsche Industrie dominierend machte«. 75 Dr . Franz Oppenheim (1853--1921), Chef der AGFA (»Geh. Regierungsrat«), sein Sohn Dr . Kurt Oppenheim (geb. 1886), später Direktor der l.G. Farben, Dr . Paul MendelssohnBartholdy (1841-1881), Begründer der AGFA und dessen Sohn Paul (geb. 1879), Direktor der l.G . Farben.
Industrialisierung und Gründerkrise 91 chemische Werke verfaßte. Er galt als der führende technische Analytiker seiner Zeit und war der Erfinder neuer Instrumente, wie des Nitrometers und des Gasvolumeters76• Moritz Traube aus Ratibor, 1826 geboren, war einer der ersten deutschen Juden, die sich mit wissenschaftlichen chemischen Problemen befaßten. Die Notwendigkeit des Broterwerbs zwang ihn, zeitlebens die Forschungen in seinem Laboratorium mit dem Betrieb des väterlichen Geschäftes zu vereinigen. Trotzdem leistete Traube Pionierarbeit auf dem Gebiet der Osmose . Für seine Bedeutung spricht seine Mitgliedschaft in der Akademie der Wissenschaften in Berlin. Sein Sohn Wilhelm hatte es, bezeichnenderweise, leichter: er studierte Chemie und wurde Professor an der Universität Berlin, wo er organische Chemie lehrte. Daneben gab es injener Generation noch so manche interessante Erscheinung -wie etwa Adolf Pinner aus Wronke in Posen (1842-1909), der zunächst fürs Rabbinat studierte, doch die Chemie vorzog, umsattelte und schon 1878 Professor an der Universität Berlin wurde. Der neben Heinrich Caro zweifellos bedeutendste Chemiker war Adolph Frank. 1834 geboren, wurde er mit 14 Jahren Apothekerlehrling, bestand sein Staatsexamen als Apotheker und trat als Chemiker in eine Zuckerfabrik in Stassfurt ein. Stassfurt war der Mittelpunkt ausgedehnter Salzbergwerke und Kalilager. Ende der fünfziger Jahre hatte Frank bereits die Bedeutung der Kalisalze als Düngemittel für die Landwirtschaft erkannt und sich mit der Nutzbarmachung der Abraumsalze für Industrie und Landwirtschaft befaßt. Ab 1860 widmete er sich dem Bau und Betrieb einer Kalifabrik und begann große Mengen von Kali nach Amerika auszuführen. 1873 bestanden in Stassfurt bereits 33 Kaliwerke, und bei ihrer Zusammenfassung wurde Frank Generaldirektor der Vereinigten Chemischen Fabriken bei Leopoldshall77• So groß auch Zahl und wirtschaftliche Bedeutung der hier umrissenen wissenschaftlichen Leistungen sein mochten, so erschöpft sich doch in ihnen nicht die Rolle der Juden in der Frühzeit der chemischen Industrie Deutschlands. Andere deutsche Juden kamen zur Chemie als Unternehmer oder Geschäftsleute, oft aus benachbarten Wirtschaftsbranchen78• Eines der ersten derartigen Unternehmen dürfte die schon imJahre 1826 in Berlin von dem Bankier S. B. Behrend gegründete chemische Fabrik gewesen sein. Die 76 F. TEILHABER, Schicksal und Leistung, Juden in der Forschung und Technik, Berlin 1931, S. 11 f. Über die Bedeutung der Sodafabrikation bes. S. B. CLOUGH, The Economic Development of Western Civilization, New York 1959, S. 290f . 77 ZIELENZIGER, a.a. O„ S. 240f . 7s »Aus den Reihen der Drogenund Metallhändler kamen die Gründer der großen chemischen Fabriken, der metallurgischen und elektrischen Produktion. Millionenvermögen entstanden hier in kurzer Zeit .. . Das jüdische Element spielte auch in den neuen Industrien eine Rolle. Es war hier moderner und wandlungsfähiger und suchte bewußt, sich mit den anderen Schichten zu verschmelzen« (Bonn, a.a.O ., S. 22) .
98 1875-1896 Landwirte gegen den Handel« mitsprach 17 . Doch ist bei der Betrachtung der Kartellbewegung im Rahmen unserer Untersuchung immer die langsame Ausbreitung der Kartelle zu beachten; die meisten der genannten Schäden stellten sich nicht so bald ein, sondern wir haben es hier mit einer langanhaltenden Entwicklung zu tun, die sich vom Ende der siebziger Jahre bis in den Ersten Weltkrieg hinein in ungefähr gleicher Richtung fortsetzte. Nachdem der Rausch der Begeisterung über Sieg und Reichsgründung verflogen, die kurze Herrlichkeit der Gründerjahre im grauen Alltag der Depression verschwunden war, wurde die Atmosphäre in Deutschland von Gegensätzen und Spannungen wirtschaftlicher, politischer, sozialer und religiöser Art erfüllt, denen Bismarcks Wort von der »Reichsverdrossenheit« einen treffenden Ausdruck gab. bas brennendste Problem aber war die »Arbeiterfrage<< -ein Sammelbegriff, dessen Hauptinhalt wir hier kurz betrachten müssen. Die materielle Lage der Arbeiter war vor allem durch Löhne gekennzeichnet, die unter dem Niveau der englischen, französischen oder gar amerikanischen lagen. Nach Wolfgang Zorns Berechnungen fielen die durchschnittlichen Wochenreallöhne zwischen 1875 und 1880/81 um fast 17% 18. Der scharfe Fall nach 1879 war hauptsächlich auf die Getreidezölle zurückzuführen, die den Brotpreis verteuerten. Die Fabrikarbeiter, meint Zorn, seien für die steigenden inländischen Agrarpreise durch Lohnsteigerungen nur teilweise entschädigt worden -eine Ansicht, die auch von anderen im wesentlichen geteilt wird 19 . Das vielfach bezeugte Wohnungselend in den Arbeitervierteln trug, zusammen mit der langen Arbeitszeit und schlechten Ernährung, viel zu der hohen Sterblichkeit der deutschen Arbeiter bei 20 . Diese schweren Übelstände erbitterten einen wachsenden Teil der Arbeiter gegen die bestehende Gesellschaftsordnung. Bismarck wollte die ihm verhaßte sozialistische Bewegung durch drakonische Maßnahmen vernichten. Nachdem seine ersten Versuche, ein scharfes Ausnahmegesetz durchzubringen, am Widerstand des Reichstags gescheitert waren, gaben ihm 1878 die beiden Attentate auf den Kaiser den erwünschten Vorwand und die richtige Atmosphäre, um das »Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokraten« durchzudrükken21. Die andere Seite der Bismarckschen Politik war, sozusagen als Kompensationsleistung für die Arbeiterschaft, die Einführung der Sozialversi17 Ebd . S. 26f . l8 Vgl. W. ZORN , »Wirtschaftliche und sozial geschichtliche Zusammenhänge in der Reichsgründungszeit 1850-1879«, in: WEHLER (Hrg .), Sozialgeschichte, S. 266f . 19 Wehler bezeichnet die deutsche Agrarpolitik als eine » nur oberflächlich getarnte Klassengesetzgebung«; H. U . WEHLER , Das deutsche Kaiserr e ich 1871-1918, Göttingen 1973, S. 47. 20 ENGELBERG, a.a.O ., S. 108f .; über das Wohnungselend des Großstadt-und Landarbeiterproletariats vgl. FR . ÜPPENHEIMER, a.a.O ., S. 92ff. 21 WuRM, a.a.O ., S. 153, gibt die entscheidenden Gesetze im Detail.
Die »Große Depression« 99 cherung22. Schon anläßlich der Kaiserlichen Botschaft von 1881 hatte er die Absicht verkündet, die Arbeiter durch ein System der Sozialversicherung an Reich und Monarchie zu binden. Dieses solle den Arbeiter gegen die finanziellen Folgen von Krankheit, Alter, Invalidität und Unfall schützen. Nun wurden, trotz langwieriger, teilweise recht hitziger Debatten im Reichstag die drei Hauptgesetze der Sozialversicherung angenommen: 1883 die Krankenversicherung, im nächsten Jahr die Unfallversicherung, und 1889 die Invaliditätsund Altersversicherung. Damit war in mancher Hinsicht eine imponierende Grundlage geschaffen, auf der später weitergebaut werden konnte. Im Gegensatz zu der bis dahin führenden englischen Fabrikgesetzgebung bestand das deutsche Gesetzeswerk nicht nur aus Verboten, sondern war darauf angelegt, den Arbeitern das Gefühl einzuflößen, daß auch sie ein materielles Interesse an der Existenz des Staates hätten. Trotz aller Mängel, die zum großen Teil später beseitigt wurden, stellte die Sozialversicherung eine Pionierleistung dar, die um die Jahrhundertwende in aller Welt als beispielhaft angesehen wurde. Aber trotzdem wurde der politische Zweck der Sozialgesetzgebung zweifellos verfehlt. In der Atmosphäre des Sozialistengesetzes und der Verfolgung war es nur natürlich, daß die Arbeiter Bismarck mißtrauten. überdies weigerte sich der Kanzler, Gesetze zur Beschränkung der Arbeitszeit zu erlassen oder eine wirksame Fabrikinspektion einzuführen, wie sie England längst besaß, oder die Arbeiter irgendwie an der Verwaltung der neuen Einrichtungen mitwirken zu lassen. Die größten Übel, nämlich niedrige Löhne, Wohnungselend und schlechte Arbeitsbedingungen, bestanden unverändert fort, und so blieb auch die Einstellung der Arbeiter oder jedenfalls des sozialistischen Teils, zunächst noch lange revolutionär. Der Umschwung kam bezeichnenderweise erst um die Jahrhundertwende - als die neue internationale Prosperität, die um 1896 einsetzte, Löhne und Arbeitsbedingungen erheblich gebessert hatte, Bismarck längst aus dem Amt entfernt und das verhaßte Sozialistengesetz verschwunden war 23. Ebenso wie die Verstaatlichung der Eisenbahnen brachte auch die Sozialversicherung dem Staate einen großen und dauernden Machtzuwachs und verursachte ein zahlenmäßiges Wachstum und ein erhöhtes Selbstwertgefühl der Ministerialbürokratie und Verwaltungsbehörden. Was nicht sogleich ins Auge fällt, ist der Klassencharakter des damaligen preußischdeutschen Staates, für den die Steuerund Zollpolitik die schlagendsten 22 WEHLER, Kaiserreich, a.a.O., s. 136; WURM ebd., s. 168. 23 ROSENBERG, Große Depression, (a .a. O.) erörtert ausführlich die Zusammenhänge der »langen Konjunkturwellen« und der politischen Entwicklungen . Es ist sicher kein Zufall, daß Eduard Bernsteins historisches Buch, das die Theorie eines unrevolutionären Sozialismus oder »Revisionismus« einleitete, 1899 erschien (E. BERNSTEIN, Die Voraussetzungen des Sozialismus und die Aufgaben der Sozialdemokratie, Berlin 1899).
100 1875-1896 Beweise liefern 24 . Die erstere belastete die Massen durch indirekte Verbrauchssteuern und schonte die besitzenden Klassen, während die Zollpolitik die anfangs recht mäßigen Getreidezölle in den achtziger Jahren wieder und wieder erhöhte, um auf Kosten der Verbraucher die wirtschaftliche Existenzbasis des grundbesitzenden ostelbischen Adels zu sichern 25 . Gewiß kam in jenen Jahren neben dem Adel in zunehmendem Maße auch das Unternehmertum , vor allem durch die führenden Persönlichkeiten der Schwerindustrie, zur Macht. Doch hing der soziale und politische Aufstieg der Unternehmer von Fall zu Fall davon ab, ob der Betreffende eine zuverlässig konservative und königstreue Gesinnung an den Tag gelegt hatte. Dies waren die herrschenden Klassen, zu denen einzelne hervorragende Individuen, wenn sie sich anpaßten und einfügten, hinzukommen konnten. Die Vertreter des Geldund Warenkapitals dagegen mußten zwar wegen ihrer Unentbehrlichkeit toleriert werden, waren aber in den achtziger und neunziger Jahren im allgemeinen noch viel weniger beliebt als 20 oder 30 Jahre vorher, weil sich »ein ausgesprochener Haß gegen Banken und Börsen, aber auch gegen das Kapital im Landwarenhandel, insbesondere den Terminhandel« entwickelt hatte 26 . Zum Teil wohl auch, weil die Finanzund Handelskreise, ihren wirtschaftlichen Interessen entsprechend, noch immer weitgehend freihändlerisch und liberal eingestellt waren. Den Handel strebten viele Industriekartelle möglichst auszuschalten oder auf bloßes Agententum zu reduzieren. Eine der Methoden war die Zunahme der gemischten Werke, die mehrere Produktionsstadien in sich vereinigten, ohne die Mitwirkung Außenstehender zu benötigeü. Vor allem aber entstand innerhalb des Handels selbst »die Tendenz, aus der Kette der Handelsvermittlung möglichst viele Glieder auszuschalten, . . . und zwar ohne andere Ziele als die der Vereinfachung und Verbilligung des Geschäftsganges«27 . Die ersten 5 bis 6 Jahrzehnte nach dem Ende der Napoleonischen Kriege waren für den Handel geradezu ideal gewesen. Er profitierte vom allmählichen Verschwinden der innerdeutschen Zollschranken und der zunehmenden Freiheit des internationalen Handels, der immer fortschreitenden Arbeitsteilung und dem Rückgang der Produktion zum Eigenverbrauch. Zur Ausweitung der Märkte, den Verbesserungen des Transportund Nachrichtenwesens kamen Entwicklungen auf scheinbar fernliegenden Gebieten, die allmählich auch die Wirtschaft stark beeinflußten: vor allem die Verbreitung der Schulbildung, welche die Massenauflagen der neuen Tageszeitungen mit ihren Inseraten ermöglichte. All dies führte zu einer 24 WEHLER , Kaiserreich, a.a.O„ S. 141 ff. 25 ENGELBERG, a.a.O ., S. 187 ; s. auch seine Ausführungen über die Um w andlung des Beamt e napparats in Preußen und im Reich, S. 170ff. 26 WEHLER, a.a.Ü ., S. 120f. 27 SOMBART , Volkswirtschaft, a.a.O ., S. 213 .
Die i>Große Depression« 101 gewaltigen Zunahme des Handels und der im Handel Beschäftigten. Aber nachdem diese Entwicklung lange in derselben Richtung fortgeschritten war, setzte im letzten Viertel des Jahrhunderts eine Gegentendenz ein. In der »Großen Depression« mit ihrem Preisdruck und ihren Konkurrenzkämpfen war der Zwang zur Kostenersparnis im Handel ebenso gebieterisch wie in der Industrie28. In gleicher Richtung wirkte die Konzentrationstendenz in der Produktion sowie im Detailhandel29. Besonders fühlbar waren Aufkommen und Wachstum der Konsumvereine, deren Mitgliederzahl von rund 45800 im Jahre 1870 auf94000 zehn Jahre später und auf mehr als 215000 im Jahre 1890 stieg, um bei Beginn des neuen Jahrhunderts weit über eine Million zu erreichen 30 . Für den Handel ungünstig war auch die internationale Zollpolitik: die Freihandelsära, die 1860 mit dem englisch-französischen Handelsvertrag ihren Höhepunkt erreicht hatte, fand in der Großen Depression ihr Ende. Noch vor Bismarcks Schwenkung zum Schutzzoll hatte Österreich den Tarif von 1870 angenommen, und danach errichteten andere Länder, vor allem die Vereinigten Staaten und Rußland, hohe Zollmauern31 • Von wichtigeren europäischen Ländern blieben nur England und Holland dem Freihandelsideal treu. So ergab sich aus dem Widerspiel vieler Kräfte während der Depression zwar keine Abnahme des Handels oder des in ihm beschäftigten Bevölkerungsteiles32, wohl aber eine tiefgehende Umgestaltung, die an die Anpassungsfähigkeit der hier beschäftigten Menschen höchste Anforderungen stellte. Vielleicht am schwersten litt die nach Karl Lamprecht »älteste auf deutschem Boden überhaupt nachweisbare Form des Handels«, nämlich der Hausierhandel33, der einst, als die deutsche Industrie noch in den Kinderschuhen steckte, ihr große Dienste geleistet hatte. Der Niedergang des Hausierens entbehrte insofern nicht der tragischen Ironie, als gerade diese Art des Handels dem Geiste der kapitalistischen Wirtschaft besonders nah verwandt war. Rückte doch der Hausierer, anders als der mittelalterliche Krämer und der traditionelle Handel späterer Zeiten, dem Kunden aggressiv zu Leibe und suchte ihn zum Kauf zu überreden -die Beweglichkeit, Beredsamkeit und Aufdringlichkeit des modernen Geschäftsreisenden oder 2s DAwsoN (a .a.O ., S. 89ff.) schildert sehr überzeugend, wie die Kostenreduzierung zu Produktion sverbesserungen in der Schwerindustrie und zur Ausschaltung entbehrlicher Zwischenglieder führte. 29 SOMBART, Volk s wirtschaft, a.a.O ., S. 215. 30 Ebd ., 491 ; vgl. auch L. D. PESL, in: Grundriß der Sozialökonomik, a.a.O ., Bd . IX, Teil 1, S. 113. 31 CLOUGH, a.a.O ., S. 335f . 32 Nach ENGELBERG (a . a.O„ S. 291) ist sogar »die Zahl der im Handel tätigen Personen von 1882 an unaufhörlich gestiegen«. Tatsächlich hielt dieses Wachstum von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis 1914 ununterbrochen an. 33 LAMPRECHT , a.a.O „ S. 351f.
102 1875-1896 Reklamechefs vorwegnehmend. Aber als die Qualität der Waren sich hob, selbst in kleinen Städtchen mehr Läden entstanden und der Bauer leichter in die Stadt fahren konnte, war der Niedergang des Hausierhandels unvermeidlich. Nur hier und da, an der Seite gewisser Hausindustrien, konnte er sich noch halten. Viele der alten Hausiererfamilien wurden zunächst notleidend und deklassiert, andere suchten zu einem neuen Erwerb zu kommen - wobei, falls etwas Geld vorhanden war, die Eröffnung eines Ladens das Nächstliegende war. Aber auch die kleinen Ladenbesitzer hatten einen schweren Stand, teilweise verursacht durch den Zustrom früher außenstehender Elemente. Die Hausierer waren da nicht die einzigen. Handwerker, die sich gegen die überlegene Industriekonkurrenz nicht halten konnten, wandten sich vielfach dem Detailhandel zu; »vor allem aber war der Geist des neuen Wirtschaftslebens in die kleinen Kapitalisten gefahren; sie glaubten, ihm in einem kleinen Kramladen am gewinnreichsten und vor allem am mühelosesten, nämlich ohne Fachkenntnis und starke Arbeitsaufwendung huldigen zu können«34. Besonders seit den siebziger Jahren waren viele Angehörige des Mittelstandes, vorwiegend aus Kleinund Mittelstädten, bemüht, sich im Detailhandel zu etablieren. Jüdischer Zuzug, auf den wir weiter unten noch zurückkommen, machte sich besonders stark in gewissen Zweigen bemerkbar, wie dem Eisenhandel und dem Schnittwarenund » Tuchausschnittgeschäft «. Das natürliche Ergebnis dieses Zudrangs war die viel beklagte Überbesetzung des Einzelhandels. Daneben aber führte gerade die Notlage und die Schärfe des Konkurrenzkampfes zur Spezialisierung des Detailhandels. Aus der Kolonialwarenhandlung entsprang das Delikatessengeschäft oder der Laden, der sich ganz auf den Kaffeehandel spezialisierte, und aus dem Eisenhandel entwickelten sich Geschäfte mit Küchengeräten oder Maschinen, aus dem Schnittwarenladen das Konfektionsgeschäft. Diese Erweiterung und Verfeinerung des Detailhandels bot erheblich mehr Kaufleuten eine Existenzmöglichkeit, ohne aber, bei dem andauernden Zuzug, die Gefahr der Überbesetzung dauernd bannen zu können. Eine andere Entwicklung war der Versuch von Großunternehmern mit überlegener Kapitalkraft, die gängigsten Waren an sich zu reißen, indem sie sie besonders billig abgaben nach dem Grundsatz »großer Umsatz, kleiner Nutzen<<. Um die weniger begehrten Artikel kümmerten sie sich meist nicht. Um den Absatz der leicht verkäuflichen Waren zu steigern, griffen sie zur Einstellung von Geschäftsreisenden -einer neuen Berufsart, die um so wichtiger zu werden schien, je mehr sich das Eisenbahnnetz ausdehnte. Wenn große Produzenten von Eisen und Stahl, von Glas und Porzellan Reisende ausschickten, die dem kaufmännischen Zwischenhändler den Boden entzogen, 34 Ebd„ S. 356 .
Die »Große Depression« 103 so war der Ladenhandel das Opfer der »commis voyageurs«, die für den Großunternehmer des Einzelhandels arbeiteten. Woher die Tausende, die in den neuen Beruf einströmten, kamen, wird sich genau wohl nie feststellen lassen; doch liegt die Vermutung nahe, daß, abgesehen von der Fülle junger, erst auf den Arbeitsmarkt kommender Kräfte, und von manchen früheren Hausierern, es vor allem frühere Ladenbesitzer, vielleicht auch einige Handwerker waren, die ihre frühere dürftige Selbständigkeit mit einem etwas besseren Einkommen in abhängiger Stellung zu vertauschen bereit waren. Von anderen Formen des Einzelhandels, die sich damals herausbildeten und erheblich zum Niedergang des Ladenhandels beitrugen, seien hier nur zwei genannt. Das Versandgeschäft, das erst nach Vervollkommnung des Postverkehrs, mit billigem Porto für Drucksachen, Warenproben und Pakete möglich wurde, gewann besondere Bedeutung für den Handel mit Waren, die dem raschen Wechsel der Mode unterworfen waren, wie besonders die Damenkleidung. Versandgeschäfte entstanden auch für viele andere Waren, von schlesischer Wäsche bis zum westfälischen Schinken. Von noch größerer Bedeutung waren die Warenhäuser, deren Anfänge und erste Entwicklung ungefähr mit der »Großen Depression« zusammenfielen. Arthur Wertheim gründete sein erstes Schnittwarengeschäft in Stralsund im Jahre 1876; Hermann Tietz und sein Neffe Oscar eröffneten 1882 ihr Geschäft - ebenfalls mit Schnittwaren -in Gera (Thüringen). Dies waren die Anfänge; »das deutsche Warenhaus stieg aus dem Textilgeschäft empor«35. Eine deutsche Erfindung war das Warenhaus ebensowenig wie das Versandhaus: beide Organisationsformen existierten geraume Zeit vorher in Frankreich, den Vereinigten Staaten und England. Hermann Tietz hatte zwanzigjahre in Amerika verbracht, bevor er, mit etwas Kapital zurückgekehrt, in Deutschland zur Geschäftsgründung schritt. Später ging Oscar Tietz zeitweise nach Paris, um die dortigen Warenhäuser zu studieren. Die Grundsätze, auf denen die Geschäftsführung und der phänomenale Erfolg der neuen Firmen beruhten, waren direkter Einkauf beim Fabrikanten, feste Preise und Barzahlung. Von Anfang an war das Ziel, auf Massenabsatz auszugehen und die Ware billig abzugeben: »großer Absatz, kleiner Nutzen«. Das größte Hindernis, das der Ausbreitung der Warenhäuser im Wege stand, war die Haltung der Behörden, die unter dem Druck der verängstigten Kleinhändler standen und die mittelständischen Elemente schützen wollten. Manche Parlamente der Einzelstaaten, wie besonders der bayrische Landtag, verlangten schwere Sondersteuern 36 . Tatsächlich wurden auch die Warenhäuser in Preußen kurz nach der Jahrhundertwende mit einer Sondersteuer belegt, die einen zeitweiligen Rückgang ihrer Zahl zur Folge hatte. Aber der Krise folgte ein neuer Aufschwung, nachdem die Betriebstechnik 35 ZIELENZIGER, a.a.O., S. 207 . 36 LAMPRECHT , a.a.O., s. 359f.
104 1875-1896 verbessert und die Steuer großenteils auf die Kunden abgewälzt war. Beispiel und Konkurrenz der Warenhäuser spornten viele Ladenbesitzer dazu an, ihre Geschäfte zu modernisieren und leistungsfähiger zu machen 37 . Diese in mancher Hinsicht unleugbare volkswirtschaftliche Nützlichkeit der Warenhäuser und das starke Verbraucherinteresse an billigen Preisen legten auch dem Eifer der Behörden, immer neue Steuern und Schikanen zu ersinnen, gewisse Grenzen auf . Aber die Befürchtungen einer bevorstehenden Vernichtung des Ladenhandels erwiesen sich als grotesk übertrieben. Auf die Versorgung vor allem großstädtischer Massen eingestellt, konnten sich die Warenhäuser auf diesem Gebiet eine starke Position erobern; aber noch waren weite Gebiete, besonders im Osten und Süden des Reiches, ganz überwiegend ländlich, und auch im übrigen Deutschland lebten Millionen von Menschen in Dörfern, Kleinund Mittelstädten. Selbst in den Großstädten konnten sich viele Läden halten, und von dem riesigen Umsatz des gesamten Einzelhandels entfielen nur wenige Prozente auf die Warenhäuser38. Wenn jedoch die Bedeutung des Warenhauses in rein wirtschaftlicher Hinsicht nicht überschätzt werden darf , so waren seine sozialen Wirkungen, besonders in unserem Zusammenhange, überaus interessant. Sie verdeutlichen mit größter Schärfe einen Vorgang, der sich gleichzeitig auch anderwärts in der deutschen Wirtschaft abspielte: die Abnahme der selbständigen Existenzen und die starke Vermehrung der Personen in abhängiger Stellung. Die kleinen Ladenbesitzer, die sich gegen den Wettbewerb des Warenhauses oder Kaufhauses nicht halten konnten, mochten materiell wenig zu verlieren haben, und ihre Selbständigkeit war oft mehr Schein als Wirklichkeit; in ihrem Bewußtsein aber und auch in ihrer sozialen Stellung spielte diese Selbständigkeit eine große Rolle. Andererseits war zwar der Rayonchef im Warenhaus finanziell oft besser gestellt als mancher hart ringende Kaufmann in seinem Laden 39 . Aber wie alle mußte er sich einordnen und unterordnen, und über allen hing das Damoklesschwert der Entlassung. Nur wenige befanden sich in gehobener Stellung oder hatten viel Aussicht, so hoch 37 Über die Warenhäuser knapp und sachkundig L. D. PESL , »Mittelstandsfragen«, in: Grundriß, a.a.O ., IX/ 1, S. 111f . 38 Bis in die 1930er Jahre tätigten die Warenhäusern ur einen geringen Teil des Detailhandelsgesamtumsatzes, ca . 4%. Vgl. J. R. MAa cus, The Rise and Destiny of the German jew , Philadelphia 1934, S. 135ff. [Zur Konzentration des Detailhandels s. R. TILLY , in: AuBIN-ZORN (Hrg.), Handbuch , a.a.O., II, S. 585f ., der auch die Bedeutung der Konsumvereine, die 1910 bereits 1,3 Millionen Mitglieder zählten, betont. Allerdings haben 1913 die Warenhäuser schätzungsweise nur 2,2%, die Konsumvereine 1, 1 % des Detailhandelsumsatzes erfaßt; W. CoNZE, ebd., S. 626 (Anm. d. Hrg.)] 39 Aus diesem Grund gingen viele, früher selbständige Kaufleute als Angestellte in die Warenhäuser. So waren bei Leonhard Tietz in Köln ein fünftel der Rayonchefs ehemals selbständige Qüdische?) Kaufleute; SEGALL, a.a.O., S. 34f .
Die »Große Depression« 105 aufzusteigen. Für die meisten kaufmännischen Angestellten verringerten sich die Aufstiegsmöglichkeiten in der Depression, und diese Verschlechterung hielt sogar weiter an in der folgenden Periode glänzender Prosperität. Die materielle Lage, besonders die Lohnund Arbeitsbedingungen der kaufmännischen Angestellten, waren meist unbefriedigend, und zwar im Kleinhandel noch mehr als im Großhandel. Beide Berufe galten als überlaufen von Stellungsuchenden. Nach Einsetzen der Prosperität stiegen zwar auch die Löhne der kaufmännischen Angestellten, aber weniger als die der Arbeiter, und nicht mehr als die Lebenshaltungskosten. Die Zahl der Angestellten nahm vom Anfang der achtziger Jahre an einen raschen Aufschwung. Von der erstaunlichen Entwicklung, die sich in dieser Berufsgruppe von 1882 bis 1907 vollzog, geben folgende Zahlen wenigstens einen ungefähren Begriff: während die Zahl der Unternehmer um 7, 09% abnahm, und die der Arbeiter sich um 109, 78% vermehrte, stieg die der Angestellten um nicht weniger als 592, 40% ! »Im Verhältnis zur Zahl der Beschäftigten stieg der Anteil der Angestellten in Industrie, Bergbau und Baugewerbe von 1,54% imJahre 1882 auf6,09% imJahre 1907. « 40 Gleichzeitig wuchs auch die Angestelltenzahl im Handel sehr erheblich, aber prozentual war das Wachstum nicht so eindrucksvoll, weil hier 1882 »schon ein bedeutender Angestelltenstock vorhanden war«. In den Großstädten bildeten die Angestellten einen besonders hohen Prozentsatz der Bevölkerung. Ihr Anteil an der Bevölkerung in den Hauptberufsgruppen Landwirtschaft, Industrie und Handel stieg von 1882 bis 1907 von 6,5% auf 12, 7% während der Anteil der Selbständigen in der gleichen Zeit von 31, 9% auf 18,8% fiel41 . 1882 betrug die Gesamtzahl der Selbständigen in den drei großen Berufsabteilungen »Landund Forstwirtschaft«, »Industrie und Bergbau« und »Handel und Verkehr« 5200000. Bis zum Jahre 1895 war diese Zahl aufS 500000 gestiegen, und 1907 war sie nur um wenig höher. Da aber die Bevölkerung und die Zahl der Berufstätigen in dem Vierteljahrhundert sehr viel stärker gewachsen waren, so bedeuten diese Zahlen, daß ein immer kleinerer Teil der Berufstätigen selbständig war; 1882 noch fast ein Drittel, nämlich 32 % ; 1895 nur noch 28, 9%, und bis zum Jahre 1907 war der Prozentsatz auf22,3 zurückgegangen. Die Bedeutung dieser Zahlen wird klarer, wenn wir jede der großen Berufsabteilungen für sich getrennt betrachten: in der Landund Forstwirtschaft betrug die Zahl der Selbständigen im Jahre 1882 rund 2288000, dreizehn Jahre später 2569000 und imJahre 1907 rund 2 Millionen, oder von je hundert in der Landund Forstwirtschaft tätigen Personen waren 1882: 27,8; 1895: 31,0 und 1907 nur noch 25,7 selbständig 42 . Innerhalb der land40 E. LEDERER u. J. MARSCHAK, »Der neue Mittelstand«, in: Grundriß, a.a. O., IX/1, S. 127. 4t Ebd., S. 128. 42 Nach den offiziellen Statistiken und Berufszählungen . Die Zahl der Selbständigen in der
106 1875-1896 wirtschaftlichen Bevölkerung nahm der Prozentsatz der Selbständigen bis 1895 etwas zu, danach nicht unerheblich ab. Im ganzen erscheinen die sozialen Verhältnisse der landwirtschaftlichen Bevölkerung in diesen Zahlen als relativ stabil. Anders steht es dagegen in der Berufsabteilung »Industrie und Bergbau«. Hier zeigt die Zahl der Selbständigen eine starke Abnahme: von rund 2201000 im Jahre 1882 auf 2062000 bei der Zählung von 1895, und ca . 1977000 im Jahre 1907. Von allen in »Industrie und Bergbau« Tätigen waren 1882 noch über ein Drittel (34,4%) selbständig, 1895 : 24, 9% und im Jahre 1907 nur noch 17,6%. Während ein stark wachsender Teil der Bevölkerung in dieser Berufsabteilung tätig war, nahm die Zahl der Selbständigen darin sogar absolut ab. Dagegen zeigt die Berufsabteilung C »Handel und Verkehr« eine erhebliche Zunahme der Selbständigen in absoluten Zahlen, von rund 781500 im Jahre 1882 auf843600 imJahre 1895, und auf 1012200 bei der Zählung von 1907. Doch zeugen die Verhältniszahlen auch hier von den immer geringeren Chancen, selbständig zu werden. Von je 100 in »Handel und Verkehr« tätigen Personen waren 1882 : 44, 7 selbständig, 1895 nur 36, 1 und 1907 noch 29,1. Wir haben uns bisher mit Strukturwandlungen der deutschen Wirtschaft beschäftigt, die allgemeineren Charakter trugen. Außer diesen wies die deutsche Wirtschaft während der Depression auch Strukturwandlungen auf, die durch die Entstehung neuer Industrien hervorgerufen wurden. Dabei handelt es sich einmal um den großartigen Aufschwung der eng miteinander verbundenen Werftindustrie und Handelsschiffahrt, und sodann um die überaus schnelle Entwicklung der Elektrizitätsindustrie. Bevölkerungsvermehrung und Industrialisierung brachten Deutschland in wachsende Abhängigkeit von der Einfuhr ausländischer Lebensmittel und Rohstoffe, die mit dem Exporterlös deutscher Industrieprodukte bezahlt werden mußte. Aber diese trotz der Schutzzollpolitik wachsende Verflechtung des Landes in den W elthandel43 zu einer Zeit, in der dieser immer mehr Seehandel wurde, machte Deutschlands Schwächen auf den Gebieten des Schiffbaues und der Handelsschiffahrt fühlbar. England beherrschte die Organisation, Vermittlung und Finanzierung des internationalen Handels sowie auch den Transport von Waren und Menschen über die Meere. Regierung wie Privatwirtschaft in Deutschland sahen ihre Aufgabe darin, ihr Land aus dieser kostspieligen Abhängigkeit von englischen Werften, Landwirtschaft schließt auch Personen ein, die »als Gewerbetreibende in der eigenen Wohnung für ein fremdes Geschäft arbeiten«, doch dürfte ihre Zahl kaum ins Gewicht fallen. 43 Der Wert des deutschen Außenhandels stieg von 1872 bis 1900 um annähernd 100%. Vgl. auch DAWSON, a.a. O„ S. 75. (Die Größen finden sich differenzierter, aber im wesentlichen bestätigt bei TILLY , in: AUBIN-ZORN , Handbu ch, a. a.O „ S. 583ff. (Anm. d. Hrg .).)
Die 11Große Depression« 107 Banken und Reedereien zu befreien. Nach der Reichsgründung und der Verstaatlichung der Eisenbahnen half die Regierung vor allem durch niedrige Frachtsätze für alle Erzeugnisse, die von der Schwerindustrie im Westen zu den Werften gebracht werden mußten, ferner durch Zollfreiheit für fast alle von den Werften etwa benötigten ausländischen Produkte44 . Die Zunahme des Außenhandels und die starke überseeische Auswanderung, die nicht nur aus Deutschland, sondern später vorwiegend aus Rußland und Österreich-Ungarn kam, machten die Schaffung einer auf deutschen Werften gebauten Handelsflotte wirtschaftlich rentabel. Hinzu kam, im Laufe der achtziger und neunziger Jahre, das Verlangen nach Kolonien und das Drängen militärischer und schwerindustrieller Kreise auf den Bau einer Kriegsflotte. In einer solchen Atmosphäre entwickelten sich die Werften recht gut und erzielten einen besonderen Erfolg durch Einführung des Doppelschraubendampfers, mit dem sie die englische Konkurrenz übertrafen. Handelte es sich bei Schiffbau und Handelsschiffahrt um die Neubelebung und Modernisierung wichtiger Industrien nach Jahrzehnten des Verfalles, so geschah der großartige Aufstieg der elektrotechnischen Industrie, ganz ähnlich wie der chemischen, in erstaunlich kurzer Zeit -sozusagen aus dem Nichts. In den vierziger Jahren begann die Herstellung elektrischer Geräte. Bald darauf gründete Siemens zusammen mit dem Mechaniker Halske die Telegrafenbauanstalt Siemens & Halske, die vom Preußischen Staat und kurz danach auch von der russischen Regierung wichtige Aufträge erhielt 45 . Aber obwohl sich die Firma gut entwickelte, konnte selbst Anfang der siebziger Jahre von einer deutschen elektrotechnischen Industrie nicht die Rede sein. 1869 beschäftigte die Firma Siemens & Halske 269 Arbeitskräfte, dreiJahre später 543-noch immer kein industrielles Großunternehmen. Die stürmische Entwicklung setzte erst Ende der siebziger Jahre ein und hielt bis zur Jahrhundertwende unvermindert an. Anfang der achtziger Jahre begann die Errichtung von Kraftwerken. Ungefähr gleichzeitig öffnete sich ein drittes großes Arbeitsfeld auf dem nicht Siemens und seine Firma führend waren sondern die andere große Gestalt in der Geschichte der deutschen Elektroindustrie. Emil Rathenau, der ursprünglich Maschinenbau studiert und dann in einer englischen Maschinenfabrik gearbeitet hatte, war, nach Felix Pinner, »eine seltene Mischung aus Techniker, Kaufmann und Finanzmann«, der »als Kaufmann nicht im Händlerischen, sondern im Industriellen wurzelte«46. Carl Fürstenberg, der ihn aus jahrzehntelanger Freundschaft und Zusammenarbeit kannte, rühmte seinen »geradezu seherischen Weitblick«, 44 S. v. WALTERSHAUSEN, a. a.O„ S. 547f„ bringt interessante Einzeldarstellungen. 45 WURM, a.a. O„ s. 64f.; ENGELBERG, a.a.O„ s. 40f. 46 F . PINNER (F . FASSLAND, pseud.), Deutsche Wirtschaftsfahrer, Charlottenburg 1925, S. 198f.
114 1875-1896 des Antisemitismus zu verkennen, werden wir, dem begrenzten Thema dieser Studie entsprechend, ihn nur insofern behandeln, als er schon damals im Wirtschaftsleben wirksam wurde. In wirtschaftlicher Hinsicht standen die Juden zunächst, gemeinsam mit dem größten Teil der Bevölkerung in Deutschland und den anderen in die damalige Wirtschaft verflochtenen Ländern, unter dem Druck der schlechten Konjunktur mit ihrem Preisverfall und Lohndruck66• Darüber hinaus aber litten die Juden, weil vorwiegend im Geldund Warenhandel tätig und um selbständige Arbeit bemüht, an den damaligen Strukturwandlungen der Wirtschaft. Der mächtige, alles andere in den Schatten stellende Aufschwung der Schwerindustrie -das bezeichnende Ereignis der damaligen deutschen Entwicklungwar für die Juden insofern ungünstig, als sie dieser Industrie aus historischen und geographischen Gründen allgemein fernstanden, während sie im Handel und in den freien Berufen, teilweise auch in der Fertigwarenindustrie, stärker vertreten waren. Infolgedessen standen sie in den großen wirtschaftspolitischen Kämpfen der achtziger Jahre zwischen den schutzzöllnerischen Großgrundbesitzern und Schwerindustriellen und den mehr freihändlerisch eingestellten Vertretern der Fertigwarenindustrie und des Handels, meist auf der verlierenden Seite. Die Stärkung der Schwerindustrie und des Großgrundbesitzes durch die Zölle ging notwendigerweise auf Kosten des Außenhandels, der sich, wie die Statistiken zeigen, während der Depression viel weniger entwickelte als der innere Markt67• Sie ging auch auf Kosten der städtischen Verbraucher, deren Brot verteuert wurde. So litten die Juden, sowohl als mittelständische Stadtbewohner als auch durch den Rückgang des Außenhandels und die verschärfte Konkurrenz im Handel. Der Aufstieg der Schwerindustrie bewirkte nicht nur eine gewaltige Zunahme des Reichtums in den Händen einer kleinen Zahl von Industriemagnaten, sondern vor allem eine Verlagerung des wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Schwergewichts im Lande, wobei die enge 66 Die Lohnentwicklung ist strittig: WURM (a .a.O ., S. 110) spricht von »der geringen Kaufkraft .. . vor allem der Arbeiterschaft, deren Einkünfte ... noch niedriger geworden waren«, und meint, daß sich das Lohnniveau erst Anfang der 1890er Jahre gehoben habe. Dagegen behauptete Hans Rosenberg, daß es seit Beginn der 1880erJahre »mit den Reallöhnen steil nach oben ginge« und sie zwischen 1881und1896 um ca. 35% anstiegen (a.a. O., S. 47f . ). 67 Der Anteil des Exports an der industriellen Produktion fiel während dieser Zeit erheblich: Zwischen 1882 und 1895 nahm er nur um ca. 10% zu, während gleichzeitig die industrielle Produktion sich um über 40% vergrößerte; SoMBART, Volkswirtschaft, a.a. O., S. 428; BARKIN, a.a.O ., S. 37f. Auch Jacob Riesser, der den Standpunkt der Großbanken vertrat, gab zu, daß »etwa seit Beginn der achtziger Jahre die Aufnahmefähigkeit ... des inneren Marktes sich rascher und kräftiger entwickelt hat als der äußere Markt«, erwähnt jedoch nicht den Einfluß der Schutzzölle von 1879; J. RIESSER, Die deutschen Großbanken und ihre Konzentration im Zusammenhang mit der Entwicklung der Gesamtwirtscha.ft in Deutschland, Jena 1910 3, S. 97 .
Die »Große Depression« 115 Verbindung dieser Industrie mit der Armee, der Marine und dem so sehr militärfreundlichen Kaiserhof eine große Rolle spielte. Dieser gestiegene Einfluß der Schwerindustrie ging zum Teil zweifellos auf Kosten der teilweise jüdischen »Hochfinanz«, deren Unentbehrlichkeit damals ohnehin durch die Fülle des investitionsscheuen, zu einem niedrigen Zinsfuß für die Unterbringung von Regierungsanleihen verfügbaren Kapitals sehr zweifelhaft geworden war68. Gegen diesen Hintergrund erscheint die Gestalt des »letzten Hofjuden<c Gerson Bleichröder und dessen langjährige Verbindung mit Bismarck als die Ausnahme, die die Regel bestätigt69. Innerhalb der Wirtschaft blieb der Einfluß der Banken beträchtlich, aber die Führung ging immer mehr zu den Aktiengroßbanken über. In diesen spielten neben hervorragenden christlichen Finanzmännern wie Georg Siemens, dem Gründer der Deutschen Bank, David Hansemann und sein Sohn Adolph, auch bedeutende jüdische Fachleute eine Rolle. Max Steinthal, Hermann und Paul Wallich von der Deutschen Bank, Eugen Gutmann und sein Sohn Herbert von der Dresdner, Adolph und sein Neffe Arthur Salomonsohn von der Discontogesellschaft, Jacob Riesser von der Darmstädter Bank und nicht zuletzt Carl Fürstenberg von der Berliner Handelsgesellschaft sind aus der deutschen Wirtschaftsgeschichte nicht wegzudenken. Von ihnen wie von den Privatbanken wird später noch die Rede sein. Noch stärker ausgeprägt war der den Juden im allgemeinen ungünstige Charakter der damaligen Strukturwandlungen 70 auf zwei anderen Gebieten. Einmal in den großen vertikalen und horizontalen Konzentrationsprozessen im Bankwesen wie in einem großen Teil der Industrie 71 und einem kleineren des Handels; sodann aber in dem enormen Zuwachs wirtschaftlicher Macht in den Händen der »öffentlichen Hand<c. Maßnahmen oder Entwicklungen, 68 Nach RtESSER (ebd., S. 70) begann schon 1879 die Konvertierung deutscher Staats-, Stadtund Eisenbahnobligationen. An anderer Stelle (ebd. S. 290) betont er, man habe in Regierungskreisen »in der Zeit von 1880 ab (geglaubt), um kein Monopol der Banken und Bankhäuser aufkommen zu lassen, einen großen Teil der neu ausgegebenen preußischen Staatsanleihen im Wege freier Begebung ... placieren zu können«. 69 [Vgl. STERN, Gold and Iron, a.a. O., pass. (Anm. d. Hrg . )) 70 So unzulässig es wäre, dieses oder jenes wirtschaftliche Interesse als »jüdisch« zu bezeichnengehörten doch Juden zu verschiedensten, oft miteinander kämpfenden Interessengruppen -so berechtigt und notwendig ist es, die wirtschaftlichen Interessen der großen Mehrheit der Juden als solche zu identifizieren. Es gab Juden, wie Jacob Riesser und andere Großbankdirektoren, die gemeinsam mit ihren nichtjüdischen Standesgenossen die Konzentration im Bankwesen und auch in Industrie und Handel vorantrieben. Aber ungleich mehr Juden litten unter der Konzentrationsbewegung. Jüdische Warenhausbesitzer ruinierten jüdische wie christliche »Schnittwarenhändler« und kleine Gewerbetreibende -und zu diesen Kategorien gehörte damals der größere Teil der jüdischen Gewerbetreibenden. Daß alle Juden gemeinsame wirtschaftliche Interessen verfolgten, gehört in das Reich antisemitischer Phantasien! 71 RtESSER (a.a.O ., S. 279ff.) schildert ausführlich die Methoden der Banken, die Kartellisierung der Industrieund Handelsfirmen zu fördern.
116 1875-1896 welche den Bereich der freien Wirtschaft zugunsten der öffentlichen Hand beschränkten, den Aktionsbereich des Unternehmers durch Kartellverträge beschnitten, oder Aufstiegsmöglichkeiten der Jugend in Handel und Industrie versperrten, trafen die Juden besonders hart72. Dies darf jedoch nicht zu der irrigen Annahme verleiten, daß die Depressionszeit zu einer weitgehenden Verarmung der deutschen Juden geführt habe. Die Juden hatten, ebenso wie der größte Teil der Bevölkerung, während der Depression zwar schwer zu kämpfen, aber im großen Ganzen waren sie an ihrem Ende wirtschaftlich nicht schlechter gestellt als am Anfang. Deshalb fragen wir im folgenden nicht so sehr nach den Übeln und Widerständen, welche zu überwinden waren, als danach, in welcher Art und Weise, und dank welcher Umstände die Juden imstande waren, sich wirtschaftlich immer noch verhältnismäßig gut zu erhalten. Will man die Zustände während der Großen Depression verstehen, so muß man zwei Irrtümer vermeiden. Der erste besteht in der Verkennung oder Unterschätzung des Zeitelements in der Wirkung wirtschaftlicher Strukturwandlungen. Während der Wirtschaftsoder Sozialhistoriker rückblickend oft feststellen kann, wann, wo und unter welchen Umständen eine solche Wandlung eingesetzt und wie sie sich weiter entwickelt hat, handelt es sich häufig um allmähliche, aus kleinen Ansätzen zu bedeutender Kraft anwachsende Prozesse, deren anfängliche Wirkung gering und den Zeitgenossen kaum fühlbar sein mag. Manchmal erlangt ein längst im Gange befindlicher Wandlungsprozeß plötzlich eine neue, explosive Kraft durch Verbindung mit einem neu hinzutretenden Element. So hat zweifllos ein Teil der hier geschilderten Strukturwandlungen den Zeitgenossen zunächst nicht viel zu schaffen gemachtaber späteren Generationen, unter veränderten Umständen, um so mehr. Während das wirtschaftliche Schicksal der deutschen Juden nach 1930 zum großen Teil unverständlich bleiben muß ohne Kenntnis der vorwiegend während der Großen Depression entstandenen Strukturwandlungen, blieben die Menschen, die die achtziger und neunziger Jahre miterlebten, von vielen ihrer Auswirkungen noch verschont. Aber auch der Teil, der sie schon traf, machte ihnen genug zu schaffen. Der zweite Irrtum betrifft das Wesen der damaligen Konjunktur, also der Depression selbst. Jedes Unglück hat, wie eine Fülle von tröstlichen Sprichwörtern verkündet, auch irgendwelche guten Seiten, und was dem einen n Die meisten Maßnahmen waren wahrscheinlich ohne ausgesprochen antisemitische Beweggründe durch die politische oder wirtschaftliche Zweckmäßigkeit diktiert. Aber in einigen Fällen, wie z.B. bei der Sonderbesteuerung der Warenhäuser in einigen Ländern, den Gesetzen gegen den Hausierhandel, dem Verbot des Terminhandels an der Börse und besonders bei der Gründung der Raiffeisenkassen auf dem Lande, spielten sicherlich neben allgemein mittelständischen, auch antisemitische Motive eine Rolle.
Die »Große Depression« 117 schadet, nützt einem anderen. Für das Wirtschaftsleben trifft dies deshalb zu, weil sich hier viele Gruppen gegenüberstehen, deren Interessen, entsprechend ihrem Beruf, Vermögen, Wohnort usw. recht verschieden sind und oft miteinander in Konflikt stehen. Auch Depressionen, die im allgemeinen durch Preisverfall und Überproduktion gekennzeichnet sind, haben ihre Günstlinge, nämlich Personen, deren Geldeinkommen stabil bleibt, aber nun erhöhte Kaufkraft besitzt: »Der deflationistische Trend . .. wirkte sich im großen und ganzen finanziell nachteilig für Marktproduzenten, Effektenbesitzer, langfristig Verschuldete und Arbeitgeber, hingegen vorteilhaft für Verbraucher, zahlreiche Gläubiger, und das Gros der Arbeitnehmer aus. So war z. B. für die Beamtenschaft und die Offiziere wie für alle gegen Arbeitslosigkeit und Kurzarbeit gesicherten Empfänger von festen Bezügen die Große Depression überhaupt keine Depression im populären Sinne, sie war vielmehr ein Zeitalter steigender Prosperität, in dem man sich mehr erlauben konnte als zuvor. Denn mit der Kaufkraft der Einkommen dieser Schichten ging es entschieden nach oben, da die Lebenshaltungskosten ... sanken. <c 73 Die Richtigkeit dieser -in gewissen Einzelheiten allerdings strittigen - Anschauungen einmal unterstellt74, gilt es, sie auf die Lage der damaligen Judenheit anzuwenden. Welche Juden gehörten zu der glücklichen Gruppe der Festbesoldeten? Jüdische Offiziere gab es im Wilhelminischen Deutschland kaum, selbst wenn hier und da, etwa in Bayern, ein Jude zum Offizier avancierte75. Aber es gab, trotz aller Diskriminierung, eine stattliche Anzahl jüdischer Beamter verschiedener Art. Vom Auswärtigen Dienst, der ein besonderes Prestige besaß, wurden die Juden grundsätzlich und fast ausnahmslos ferngehalten76 • Das gleiche gilt von der allgemeinen Staatsverwaltung, mit einigen Ausnahmen, wie dem Falle des Moritz Ellstätter, der von 1868-1893 Badischer Finanzminister war. Aber im Justizdienst gab es eine stattliche Anzahl von Juden. Während sie zur Staatsanwaltschaft nur sehr selten zugelassen wurden, gab es 1880 allein in Preußen ungefähr 100 jüdische Richter, deren Zahl später noch erheblich zunahm. Sie wurden ungetauft in Preußen nur höchst selten befördert, aber für den gering besoldeten, jedoch angesehenen Posten eines Amtsoder Landrichters waren sie gut genug. In Bayern, Hamburg, und besonders in Baden wurden jüdische Richter leichter befördert, während in Staaten wie dem Großherzogtum 73 ROSENBERG, Depression, a.a.0 ., S. 42f. 74 S. Anm. 66. 75 Zum folgenden s. bes. E. HAMBURGER »Jews in Public Service under the German Monarchy«, in: YLBI IX (1964), S. 206-238 (ausführlicher, HAMBURGER, Juden im öffentlichen Leben etc., a.a.O . ); vgl. auch SEGALL, a.a. O„ S. 46ff. 76 Über den Ausnahmefall Wilhelm Kahn, der als Jude im bayerischen auswärtigen Dienst stand, s. HAMBURGER,jews, ebd„ 221 f.
118 1875-1896 Hessen und dem Königreich Sachsen Juden vom Justizdienst praktisch ausgeschlossen waren. Im Gegensatz zu den Schwierigkeiten und Erfolgen der Juden im Justizdienst und in der Universitätskarriere, die wegen des hohen Prestiges dieser Berufe viel Beachtung gefunden haben, ist viel weniger bekannt, doch in unserem Zusammenhang wichtig, daß eine recht erhebliche Anzahl jüdischer Staatsbeamter in verschiedenen mehr technischen Zweigen der Verwaltung tätig waretwa als Archivare, Feldmesser, oder höhere Beamte der Preußischen Staatseisenbahn 77 . Allgemein war jedoch die Zahl der Juden im mittleren und niederen Beamtentum überall gering 78 . Eine Gruppe jüdischer Beamter, deren Umfang und Bedeutung in unserem Zusammenhang nicht leicht festzustellen ist, bilden die Personen, die mit »Bildung, Erziehung, Unterricht« beschäftigt waren. Nach der amtlichen Statistik betrug die Zahl des jüdischen »Direktionsund Lehrpersonals« 1895 immerhin über 3000; bei der Zählung von 1907 war die Zahl noch etwas höher, nämlich 3255. Der jüdische Anteil an der Gesamtzahl der so Tätigen entsprach ungefähr dem jüdischen Bevölkerungsanteil, nämlich 1,44 Prozent imJahre 1895, aber nur 1, 16% zwölf Jahre später. Auch am »Verwaltungspersonal« derartiger Anstalten entsprach der Anteil der Juden ungefähr ihrem Bevölkerungsanteil, doch waren die absoluten Zahlen hier gering. Zweifellos wäre der Anteil der Juden am Erziehungsund Bildungswesen weit höher gewesen ohne die Diskriminierung gegen jüdische Lehrkräfte, die überall, von der Volksschule bis zur Universität, praktiziert wurde und viele, deren beruflicher Ehrgeiz jede andere Rücksicht überstieg, zur Taufe trieb. In der amtlichen Statistik werden in der »Hauptberufsabteilung E, Öffentlicher Dienst und Freie Berufe« auch die Rabbiner und die von Gemeinden angestellten Lehrer, Kantoren und Synagogendiener aufgeführt. Die beamteten Rabbiner waren wahrscheinlich in ihrem Nominaleinkommen gesichert und in der Regel sowohl voll beschäftigt wie ausreichend besoldet. Aber es gab im ganzen Reiche nur einige hundert solcher Rabbiner 79 . Dagegen waren die ungleich zahlreicheren, sicher weit über tausend zählenden Lehrer weder voll beschäftigt noch ausreichend belohnt, so daß sie in sehr vielen Fällen als Vorbeter, Schächter, Beschneider oder sogar mit ganz anderer Arbeit, z. B. als Buchhändler, Nebenverdienst suchen mußten 80 . 77 Ebd ., S. 234. 7s Ebd.; statistisches Material hierzu für 1895 und 1900 (1882 wurde nicht nach der Konfession gefragt), SEGALL, a.a.O., S. 47 . 79 Nach ENGELBERT (a .a.O .) amtierten außerhalb Preußens Anfang der 1870er Jahre 125 Rabbiner im Reich einschließlich Elsaß-Lothringen, wo allein 42 Rabbiner gezählt wurden. so Wie häufig solche Kombinationen waren, geht aus den Berliner Judenbürgerbüchern hervor; s. Kap. 1, Anm. 65.
Die "Große Depression« 119 Neben den festbesoldeten blieb ein großer Teil der »berufslosen Selbständigen« von der Depression verschont. Es handelt sich hier um »jene Personen, die zwar nicht erwerbstätig sind, aber auch nicht anderen Personen wirtschaftlich zur Last fallen «81 , zumeist ältere Rentner und Anstaltsinsassen ohne größeren Anhang. Der Prozentsatz dieser Personen hatte sich im allgemeinen mit dem steigenden Wohlstand und der Überalterung der Juden erhöht 82 . So ist die Tatsache, daß »die Gruppe der berufslos Erwerbenden bei den Juden in allen deutschen Staaten mit einem fast anderthalbmal so hohen Prozentsatz vertreten ist wie bei den Nichtjuden«83, meist als Zeichen jüdischen Wohlstands aufgefaßt worden, was nur mit Einschränkungen richtig ist. An dem höheren jüdischen Anteil in dieser Gruppe ist nicht zu zweifeln: in Preußen waren 1882 von je 100 männlichen Personen der Gesamtbevölkerung 2, 5 »berufslose Selbständige«, von je 100 weiblichen Personen 2,4; aber von je 100 Juden waren es 4,9; von je 100 Jüdinnen auch 4, 9. 25 Jahre später hatten sich, in einem viel reicheren Lande, die Prozentanteile der berufslosen Selbständigen überall erhöht, aber die Unterschiede zwischen Juden und Nichtjuden waren keineswegs verschwunden84. Für das Reich stehen uns für 1882 keine Zahlen zur Verfügung. Aber 1895 betrug der Prozentsatz der berufslosen Selbständigen unter allen jüdischen Erwerbstätigen im Hauptberuf 16, 73; imJahre 1907 sogar 19,2485 . In absoluten Zahlen finden wir, daß schon 1895 nicht weniger als 18224 Männer und 21596 Frauen zu dieser Gruppe der »Selbständigen ohne Beruf« gehörten; 1907 waren die Zahlen besonders bei den Frauen noch höher. Somit handelte es sich um mehrere Zehntausende vonJuden 86 ! Doch ist zu beachten, daß die obigen Zahlen nicht nur diejenigen umfassen, die »von eigenem Vermögen, Renten und Pensionen« lebten, vielmehr bildeten diese nur eine Untergruppe, welche zwar größer war als jede andere, aber doch nur ein Teil. Daneben erscheinen in derselben »Gruppe F« auch »von Unterstützungen lebende«, »nicht in der Familie lebende Studierende, Seminaristen, Schüler« und »Insassen von Invaliden-, Versorgungsund Wohltätigkeitsanstalten«. Somit faßt hier die Statistik wohl bemittelte Pensionäre und Rentner mit den ärmsten zusammen -ein gutes Beispiel für die Grenzen statistischer Aussagen. Aber selbst die am günstigsten gestellte Gruppe war nicht durchwegs 81 SEGALL, a.a. O„ 20f„ 29. 82 »Wie rasch die Zahl der reichen Rentner anstieg, zeigt die Kölner Einkommensstatistik. 1854 gab es dort 162 Rentner die Einkommenssteuer zahlen mußten; 1874 waren es bereits 594«; F. ZUNKEL, Industriebürgertum in Westdeutschland, in: WEHLER (Hrg.), Sozialgeschichte, a. a.O„ S. 320. 83 LESTSCHINSKY, a. a.O„ S. 72. 84 SEGALL. a.a.O„ S. 25 . 85 Ebd„ S. 30. 86 Ebd„ S. 79.
120 1875-1896 gegen die Schäden der Depression geschützt. Es kam sehr darauf an, wie das »eigene Vermögen« angelegt war und woher die »Renten und Pensionen« flossen. Diejenigen, deren Geld in Anleihen des Reiches, der deutschen Einzelstaaten, ihrer Eisenbahnen oder der Kommunen angelegt war, erhielten dieselben Beträge wie früher und hatten den Vorteil niedrigerer Preise, d. h. ein erhöhtes Realeinkommen87. Das gleiche gilt von den Anleihen ausländischer Staaten oder Gesellschaften, die während der ganzen Depressionszeit zahlungsfähig blieben88. Das finanzielle Ergehen von Aktionären hing dagegen von Geschäftsgang und Dividendenpolitik der betreffenden Gesellschaften ab. Doch legen die vorhandenen Angaben über die Dividendenpolitik jener Jahre den Schluß nahe, daß die meisten Rentiers, die ihr Geld in Aktien investiert hatten, selbst während der Depression nicht allzu schlecht gestellt waren89. Von den anderen Möglichkeiten der Kapitalanlage müssen wir hier auf den städtischen Grundbesitz eingehen. Die Juden waren, wie wir wissen, noch viel mehr als die übrige Bevölkerung in die Städte, besonders die Großstädte, gezogen. Die Bautätigkeit konnte oft mit der Nachfrage nach Großstadtwohnungen kaum Schritt halten, die Preise stiegen sprunghaft90• Für viele Tausende von Privatleuten bot sich so Gelegenheit, ihr Kapital relativ sicher und bequem im Ankauf eines Mietshauses, oder durch Erwerb einer Hypothek anzulegen. Ein großer Teil der Hypothekenbanken, »Baubanken«, Terraingesellschaften, war von Juden gegründet 91 , und Juden, wie der in den achtziger Jahren bekannte Julius Ruhm, spielten eine führende Rolle als Berliner Hypothekenund Grundstücksmakler, weit über die Kaiserzeit hinaus 92 . Vor allem waren es die Posener Juden, die besonders in denJ ahrzehnten nach 1870 scharenweise nach Berlin zogen, um sich dort zur Ruhe zu setzen und gleichzeitig ihren Kindern bessere Bildungsund Aufstiegsmöglichkeiten zu eröffnen; sie legten ihr Kapital weitgehend in Grundstücken, Hypotheken und Pfandbriefen an, zumal sie mit Leihund Darlehensgeschäften verschiedener Art aus ihrer früheren Tätigkeit vertraut was7 ROSENBERG, Depression (a .a.O ., S. 42) schildert die »Relationsverschiebung in den Finanzierungsarten<<: Zunahme der ausländischen Obligationen und der öffentlichen Anleihen auf Kosten der Aktienemissionen. 88 Über die Ausdehnung des deutschen Kapitalexports in diesen Jahren vgl. C. FÜRSTENBERG, a.a. 0., S. 251 ff .; SOMBART, Volkswirtschaft, a.a. 0., S. 489. 89 ROSENBERG, Depression, a.a.0 ., S. 43f . 90 LAMPRECHT (a .a.O ., S. 177f.) berichtet über »s achverständige Schätzungen«, die das Anwachsen der Bodenwerte in den deutschen Großstädten zwischen 1870 und 1889 auf acht Milliarden Mark veranschlagen. Auch in den landwirtschaftlichen Gegenden, besonders am Rhein, sei der Bodenwert enorm gestiegen. Zu den Bodenspekulationen in der Berliner Umgebung vgl. W. BusSMANN, »Das Zeitalter Bismarcks«, Handbuch der deutschen Geschichte, Bd. 3, Konstanz 1956, S. 174f . 91 SOMBART,juden, a. a.O., s. 124. 92 Vgl. C. FÜRSTENBERG , a.a.O ., S. 199.
Die »Große Depre s sion" 121 ren93• Während der Depression erwiesen sich solche Anlagen im allgemeinen als sehr wertvoll. Zinsen, Dividenden und sonstige Erträgnisse von Kapitalanlagen flossen natürlich nicht nur denen zu, die nicht mehr berufstätig waren, sondern auch vielen, die noch arbeiteten. Dabei ist nicht anzunehmen, daß selbständige Kaufleute, bei denen die Neigung vorherrschte, verfügbare Mittel zur Erweiterung des eigenen Geschäftes zu verwenden, und die besonders während der Depression ihre Liquidität zu schützen hatten, nennenswerte Summen in Grundstücken oder Hypotheken angelegt hätten. Bei den Ärzten, Anwälten, freien Architekten und Ingenieuren sowie bei Künstlern, Journalisten usw., die nicht pensionsberechtigt waren, ist viel eher anzunehmen, daß sie etwaige Ersparnisse sicher anzulegen suchten, und soweit sich ihre Anlagen als solide erwiesen, trugen die Erträge dazu bei, die Empfänger gegen die Härten der Depression zu schützen. Für die Mehrheit der deutschen Juden jedoch bildete der Geldund Warenhandel das Schlachtfeld, auf dem sie sich in der Depression gegen alle Schwierigkeiten und Angriffe behaupten mußten. Bei der preußischen Berufszählung von 1882 war zwar der Prozentsatz aller erwerbstätigen Juden, der vom Handel lebte, schon etwas geringer als er 1861 gewesen war, betrug aber immer noch 56,6%, während von der preußischen Bevölkerung nicht einmal 6% im Handel tätig waren 94 . Das größte Übel, an dem der Handel damals litt, war seine vielbeklagte »Überbesetzung«, hauptsächlich verursacht durch den Zustrom von Menschen aus anderen Berufen wie etwa aus Handwerksarten, denen die Industrie überlegene Konkurrenz bot. Wir wissen aus sachverständigen und unverdächtigen Quellen, aus was für Elementen sich der Zustrom zum Handel damals großenteils zusammensetzte. »Der Geist des neuen Wirtschaftslebens war vor allem in die kleinen Kapitalisten gefahren, die glaubten, ihm in einem Kramladen am gewinnreichsten und .. . vor allem am mühelosesten huldigen zu können. << 95 Ein späterer Beobachter sah den Hauptgrund des Andranges zum Kleinhandel in dem weit verbreiteten Glauben, dort »ohne irgendwelche Fachkenntnisse und oft ohne genügendes Kapital leicht und rasch Geld gewinnen« zu können, wobei der Handel mit Zigarren oder Schuhen als besonders günstig gelte, aber auch Kolonialwarengeschäfte oder Schreibwarenhandlungen, besonders in der Nähe von Schulen. Solche Geschäfte würden sogar vielfach von Frauen geführt, die keine andere Vorbildung hätten als die auf der Volksschule erworbene; und »für einige Geschäfte reicht diese Vorbildung auch 93 A. MARCUS , a.a.O„ S. 20f „ über die PosenerJuden. Ebenso M . M . ZARCHIN,jews in the Province of Posen, Studies in the Communal Records ofthe 18th and 19th Centuries, Philadelphia, 1939, pass. Beide berichten über die jüdische Tradition im Grundstückshandel in Posen. 94 LESTSCHINSKY, a.a.O „ s. 85 . 95 LAMPRECHT, a.a.O „ S. 356.
122 1875-1896 vollkommen aus, z.B. bei Milchund Käsehandlungen«. Selbst bei anderen Geschäften könne der Inhaber »trotz seiner Unfähigkeiten« Erfolg haben, solange große Kauflust bestehe; bei einer Änderung der Konjunktur aber erweise sich der Inhaber als unfähig zur Anpassung, »der Ruf nach Staatshilfe, nach Schutz für den Kleinhandel« ertöne, und die Konkurse im Kleinhandel seien zahlreich 96 . Einer der berufensten Kenner des Handels meinte, daß Mangel an Kapital und beruflicher Vorbildung bei diesen Kleinhändlern die Regel sei und daß » Verkäufertalent zu den nicht !ehrbaren persönlichen Veranlagungen gehöre«97• Die jüdischen Kaufleute hatten von dieser Konkurrenz, rein wirtschaftlich gesehen, nicht allzu viel zu fürchten. Ist doch Trägheit eine der wenigen schlechten Eigenschaften, die uns kaum vorgeworfen werden; im Gegenteil, »jüdische Hast«, rastlose Betriebsamkeit ist der tausendfach wiederholte Vorwurf. Auch ist es angesichts der jüdischen Diasporageschichte klar, daß in der Regel nur Familien mit gut entwickeltem Geschäftssinn den erbarmungslosen Existenzkampf aushalten konnten. Wenn der jüdische Nachwuchs in Deutschland kaufmännische Kenntnisse nicht gleichsam »mit der Muttermilch« einsog98, so hörte er doch im empfänglichsten Alter, im Elternhaus, mehr von Geschäften als die meisten Bauern-, Handwerkerund Beamtensöhne je ohne große Mühe erlernen konnten. Die »jüdische Anpassungsfähigkeit« ist von kritisch eingestellten nichtjüdischen Wissenschaftlern, aber auch von jüdischer Seite hervorgehoben worden 99 . Aus all diesen Gründen hätten Juden in einem rein wirtschaftlichen Konkurrenzkampf wohl nur selten zu den Unterlegenen gehört. Aber ihre Gegner führten den Kampf weitgehend mit politischen und sozialen Mitteln, antisemitischen Boykotten und dem Ruf nach legislativem Druck. Manche der Gesetze, die im Reich gegen den Terminhandel an der Börse, in manchen Bundesstaaten gegen die Warenhäuser oder gegen den Hausierhandel erlassen wurden, fügten Teilen der jüdischen Geschäftswelt großen Schaden zu100• Man muß die Wirkung all dieser politischen und sozialen Faktoren 96 PESL, »Mittelstandsfragen«, a.a.O., S. 104ff. Er berichtet auch, daß nach statistischen Erhebungen in Braunschweig 1882 noch 67% aller Kolonialwarenhändler kaufmännisch vorgebildet waren. 1901 war die Zahl der Geschäfte von 150 auf276 gestiegen, von deren Inhabern nur 34% irgendeine fachliche Ausbildung hatten (ebd., S. 118f . ). 97 Vgl. J. HIRSCH, »Der moderne Handel, seine Organisation und Formen und die staatliche Binnenhandelspolitik«, in: Grundriß, a.a.O., V /2, S. 224f. 98 HIRSCH (ebd., S. 192) spricht von der »Stammesmäßigen Verschiedenheit in der Eignung zum Handel« und den Juden als »Organisatoren des Handels par excellence«. 99 MICHEL, a.a.O ., S. 246, preist die »schier unbegrenzte Adaptibilität« der Juden. Ebenso SOMBART,juden, a.a.O ., s. 322ff. Vgl. auch LESCHNITZER, a.a.O., S. 50f. 100 HIRSCH (a .a.O., S. 245) meint allerdings, daß die Sondersteuern auf die Umsätze der Warenhäuser nur wenig Einfluß hatten. Die Neugründungen hätten zwar in Preußen etwas nachgelassen, doch hätten die Unternehmer bald Wege gefunden, die Bestimmungen zu umgehen.
Die 11Große Depression« 123 ebenso wie den wirtschaftlichen Existenzkampf in Betracht ziehen, um zu ermessen, wie gefährdet und prekär die Lage des großen, vom Handel lebenden Teiles der deutschen Juden damals war. d) Geringer Einfluß auf die Berufsstruktur Trotzdem veranlaßte diese Entwicklung keine wesentliche Umschichtung der jüdischen Berufsstruktur: prozentual ging zwar der Anteil der im Handel Beschäftigten leicht zurück, aber ihre Zahl nahm absolut noch immer zu. 1882 waren in Preußen, wo etwa zwei Drittel aller deutschen Juden lebten, 78196, oder 56,6% aller erwerbstätigen Juden im »Handel und Verkehr« tätig. 1895 war zwar die absolute Zahl auf 86 753 Personen gestiegen, aber der Prozentsatz auf 55,25 gefallen. Bis zur Zählung von 1907 war die absolute Zahl auf fast 93000 gestiegen, der Prozentsatz auf 48,55 gefallen. Während der gleichen Zeitspanne wiesen die in der Industrie erwerbstätigen Juden sowohl absolut wie auch relativ erhebliche Zunahmen auf: ihre Zahl stieg von 28546imJahre1882 aufüber 33000 dreizehn Jahre später, und auf über 46000 im Jahre 1907, der Prozentsatz im gleichen Vierteljahrhundert von 21,39 auf24,05. Auch die Zahl der in den »freien Berufen« tätigen Juden nahm absolut wie relativ zu; und die schon früher in anderem Zusammenhang festgestellte Vermehrung der »berufslosen Selbständigen« (größtenteils Rentiers) trat auch hier wieder in Erscheinung101 • Die Zahlen für den zweitgrößten Bundesstaat Bayern zeigen in vieler Hinsicht ein ähnliches Bild. Auch hier finden wir eine ziemlich starke Zunahme in den »freien Berufen«, absolut wie relativ, eine noch stärkere Zunahme in der Industrie-von 11, 76imJahre1882 auf15,02imJahre 1907und eine absolute und relative Zunahme der »berufslosen Selbständigen«. Doch zeigt sich die von der preußischen stark abweichende, noch vorwiegend agrarische Wirtschaftsstruktur Bayerns vor allem darin, daß 1882 noch 9, 71 % der erwerbstätigen Juden in der Landwirtschaft tätig waren -gegenüber 1,28% in Preußen. Dann aber nahm der Prozentsatz rasch ab, nämlich auf3,67 imJahre 1895 und 2,66 zwölf Jahre später. Diese Entwicklung war das Ergebnis der Abwanderung von tausenden von Juden aus den kleinen ländlichen Gemeinden Bayerns in die wenigen großen Städte, vor allem Nürnberg und München, wo ihnen das Geschäftsleben noch gute Möglichkeiten bot. Entsprechend blieb in Bayern der Prozentsatz der im Handel erwerbstätigen Juden fast unverändert, von 1882 bis 1907 wies er sogar eine geringe Zunahme auf: von 54,37auf54 , 44. Absolut aber nahm die Zahl der im Handel beschäftigten bayrischen Juden in dem Vierteljahrhundert um nicht weniger als rund dreieinhalb Tausend zu102! 101 SEGALL, a.a.0., S. 65f . 102 Ebd., S. 63.
130 1875-1896 noch besondere Umstände. 1874 war nach heftigem Widerstreben, vor allem im Preußischen Herrenhaus, ein von dem jüdischen Reichstagsabgeordneten Dr. Eduard Lasker verfaßtes Gesetz angenommen worden, das den Zinsfuß völlig freigab 124 . Lasker handelte als überzeugter Anhänger des Laissez-faire-Prinzips. Aber die neue Freiheit wurde oft in gröbster Weise mißbraucht, zum Beispiel von den -zum großen Teil jüdischen -privaten Pfandleihern in Berlin. Auf dem Lande hatte das Gesetz u. a. zur Folge, daß verschuldete Bauern, die außerstande waren, rechtzeitig zurückzuzahlen, ganz legal von Haus und Hof vertrieben werden konnten -was ungeheuer viel böses Blut erregte. Aber selbst abgesehen von solchen krassen Fällen - deren es viele gab - 125 erzeugte schon der Gegensatz zwischen den von der Deflation begünstigten jüdischen Gläubigern und ihren Schuldnern Haß und Neid. Ein im Jahre 1880 erlassenes Wuchergesetz beugte zwar den schlimmsten Mißbräuchen des Geldoder Darlehenswuchers vor, ließ aber viele andere Möglichkeiten offen. So dauerten grobe Mißstände besonders in den kleinbäuerlichen Gegenden Südund Westdeutschlands (Hessen, den Rheinlanden, Baden, Teilen von Württemberg und Bayern sowie ElsaßLothringen) weiter an und trugen, besonders nachdem sie durch die Enquete des »Vereins für Sozialpolitik« über den »Wucher auf dem Lande<c 126 der weitesten Öffentlichkeit bekannt geworden waren, sehr viel zur Verschärfung des Antisemitismus bei. Welche Belastung die von einer Unzahl von Zeitungen, Flugschriften und herumziehenden Agitatoren und selbst von bekannten Universitätsprofessoren127 betriebene judenfeindliche Kampagne für die Juden im ganzen Reich bedeutete, davon gibt die jüdische Presse jener Zeit ein erschütterndes Bild. Die Haltung der Behörden war noch fast der einzige Lichtblick. Die selbe Regierung, die Juden bei Anstellungen und Beförderungen schwer benachteiligte, ließ doch im allgemeinen gewaltsame antisemitische Ausschreitungen nicht zu. Der Justizminister in Berlin wies alle Gerichte erster Instanz an, »die angezeigten Fälle antisemitischer Ausschreitungen mit dem höchsten gesetzlichen Strafmaße zu bestrafen« 128 . Während der ärgsten Judenhetze im Lande fuhr die preußische Regierung damit fort, Juden mit 124 CARO, a. a.O„ S. 37 . 125 Nach CARO (ebd.) wurden 1880-1888 in Bayern nicht weniger als 17200 Höfe zwangsversteigert, davon 80% kleiner Grundbesitz, zum Großteil wegen »wucherischer Darlehen«. 126 S. Einleitung, Anm. 4. 127 ADOLPH WAGNER, einer der »gemäßigteren« Antisemiten, erklärte auf einer Versammlung des »Konservativen Vereins« in Frankfurt a. M„ es gäbe unter den Juden auch anständige . Elemente ... aber allgemein höre man, daß die Juden zwar nicht immer die Notlage schaffen, sie jedoch immer ausbeuten würden. Die »Sucht beim Judentum, jeden kleinen Vorteil im Wirtschaftsleben auszubeuten«, bringe sie zum Wucher; Der Israelit, Mainz, Januar 1884. 128 Israelit, ebd.
Die »Große Depression« 131 Orden auszuzeichnen129. So grotesk uns heute der Gegensatz zwischen diesen Gnadenbezeugungen (wenn auch »4. Klasse«) für ein paar reiche Juden und dem Druck, unter dem fast die ganze Judenheit lebte, vorkommen mag, so unzweifelhaft erscheint es, daß eine Begünstigung des Radauantisemitismus durch die Regierung unabsehbare Folgen gehabt hätte. Die entscheidende Wendung in der Lage der Bauern und damit eine Milderung der sozialen Spannungen kam nicht von Regierungsseite, sondern durch das landwirtschaftliche Genossenschaftswesen. Erst später wurde die Achtung und Unterstützung des Staates erzwungen und auch eine nützliche Verbindung zur Hochfinanz hergestellt130. Das Werk F. W. Raiffeisens, vor allem die Schaffung der Sparund Darlehensgenossenschaften, war hier besonders bedeutungsvoll 131 . Seine Bemühungen, der notleidenden rheinischen Landbevölkerung zu helfen, begannen zwar schon in den Hungerjahren 1846/47, erreichten aber lange Zeit kaum mehr als die Errichtung einer Art von Wohltätigkeitsvereinen. Erst in den siebziger Jahren fand er den Weg zur Gründung kleiner, aufunbeschränkter Haftung der Mitglieder beruhenden Genossenschaften. Seine Hauptziele waren die Schaffung langund kurzfristiger Kreditmöglichkeiten für die Bauern und deren Erziehung für die moderne Erwerbswirtschaft. Von der Mitte der siebziger Jahre an verbreiteten sich die Genossenschaften besonders in Südund Westdeutschland so stark, daß den meisten bisherigen Mißständen der Boden entzogen wurde. Die Raiffeisen-Genossenschaften betätigten sich vielfach auch als Einund Verkaufsgenossenschaften. Damit war das Monopol in der Gewährung ländlichen Kredites, das die meist jüdischen Viehhändler in manchen Teilen Deutschlands innegehabt hatten, gebrochen. In der zweiten Hälfte der neunziger Jahre brachte die große Welle der neuen Prosperität, die die ganze damalige Weltwirtschaft und insbesondere auch in Deutschland erfaßte, eine wesentliche Entspannung. Als es fast allen Klassen besser ging, ließ auch die Suche nach dem »Schuldigen« nach: der Antisemitismus verschwand zwar keineswegs, aber die Fieberkurve zeigte abwärts. Was aber wurde aus den jüdischen Viehhändlern, nachdem die Entwicklung der landwirtschaftlichen Genossenschaften zum Rückgang des jüdischen Handels, und besonders des Viehhandels, geführt und diesen in vielen Gegenden zur Bedeutungslosigkeit reduziert hatte132? Die Jahre der größten l29 So meldete die jüdische Presse z. B. mit offensichtlicher Genugtuung, daß der Geheime Kommerzienrat Simon in Königsberg den »Roten Adlerorden vierter Klasse« erhalten habe. 130 Die wichtigste Tat der Regierung auf diesem Gebiet war die Errichtung der Preußischen Zentralgenossenschaftskasse durch Finanzminister Miquel 1895. Von den Großbanken wurde vor allem die Dresdner Bank, durch ihre Genossenschaftsabteilung, eingeschaltet; vgl. C. BRINKMANN, Wirtschaftsund Sozialgeschichte, Göttingen 19532, S. 168. 13l SOMBART, Volkswirtschaft, a.a. O., s. 310f.; s. V. WALTERSHAUSEN, a.a.O ., S. 458f .; CLAPHAM, a. a.O ., s. 221 ff.; DAWSON, a.a.O ., s. 294ff. 132 SEGALL, a. a.O., S. 34.
132 1875-1896 Erregung über den »jüdischen Wucher auf dem Lande« -von etwa 1880 bis 1885war zugleich die Zeit enorm starker Auswanderung aus dem Reiche, möglicherweise der »größten Auswanderungsflut der deutschen Geschichte«133 . Von den mannigfachen wirtschaftlichen und politischen Gründen dieser Massenauswanderung waren die schwere Wirtschaftslage, wachsende Unzufriedenheit mit den politischen Zuständen, speziell mit dem Ausnahmegesetz gegen die Sozialdemokraten, wohl die ausschlaggebendsten. Diese Motive spielten auch bei den jüdischen Auswanderern eine Rolle, aber für sie kamen zweifellos die Verschärfung des Antisemitismus und der schwere wirtschaftliche und menschliche Druck hinzu, unter dem besonders die Viehhändler litten. Jedenfalls war die jüdische Auswanderung damals verhältnismäßig noch stärker als die allgemeine 134 . Das vorliegende Material läßt zwar nicht genau erkennen, wie groß die jüdische Auswanderungjener Jahre war, geschweige denn wie viele Viehhändler darunter waren. Aber wir halten es für höchst wahrscheinlich, daß eine erhebliche Zahl von Viehhändlern damals nach den Vereinigten Staaten oder Argentinien ausgewandert ist. Viele blieben jedoch an Ort und Stelle und im selben Beruf. Es ist eine ebenso überraschende wie aufschlußreiche Tatsache, daß noch ein halbes Jahrhundert später, im Anfang der nationalsozialistischen Vertreibungsund Zerstörungszeit, gerade in Hessen, wo der jüdische Wucher angeblich ganz besonders schlimm gehaust hatte, fast in jeder der vielen kleinen Gemeinden ein oder gar mehrere jüdische Viehhändler zu finden waren135. g) Privatbankiers und Aktienbanken Wir haben uns mit dem Schicksal zweier Arten von jüdischen Händlern aus besonderen Gründen näher befaßt: mit den Hausierern als einem Beweis, daß es trotz des großen jüdischen Aufstiegs in den vorhergegangenen vier bis fünf Jahrzehnten selbst in den achtziger Jahren noch zahlreiche arme Juden gab, die aber von den Behörden nicht gefördert, sondern nur bedrückt wurden; mit den Viehhändlern, weil das Problem des »jüdischen Wuchers auf dem Lande«, dessen sichtbarste Verkörperung sie waren, während der Depression zu einem Alpdruck und einer Gefahr für die ganze Judenheit des Reiches wurde. Die jüdische Geschichtsschreibung konnte, solange sie unter dem Zwange der Verhältnisse apologetisch eingestellt war, auf diese Them WALKER, a.a.0 ., S. 219 . 134 SEGALL, a.a.O ., S . 6, errechnet für 1880-1895 einen absoluten jüdischen Wanderungsverlust von 5100 Personen in Hessen und 1444 in Württemberg, wobei die natürliche Vermehrung unbeachtet blieb, d. h., daß der reale Wanderungsverlust noch größer war. Er weist auch auf den dauernden Wanderungsverlust in Elsaß-Lothringen hin, für das keine zuverlässigen Statistiken bestehen. 135 Vgl. ARNSBERG, a.a.O ., pass., der ein gutes Gesamtbild der andersartigen Berufsgliederung und größeren Bodenständigkeit dieser Gemeinden gibt.
Die »Große Depression" 133 men kaum eingehen. Dagegen können wir die Wandlungen, die während der Depression in Situation und Tätigkeit der großen Masse der handeltreibenden Juden eintraten, nur in großen Zügen kennzeichnen. Diese Veränderungen, die sich in ungefähr gleicher Richtung bis zum Ersten Weltkrieg fortsetzten, lassen sich leichter für die folgende Zeit verfolgen, für die bessere statistische Unterlagen zur Verfügung stehen. Im »Geldhandel« konnten die fast durchwegs in Berlin konzentrierten Großbanken mit ihrer Kapitalkraft und ihren weitgespannten Depositenkassennetzen die großen, lukrativen Geschäfte verhältnismäßig leicht an sich ziehen, während selbst die tüchtigsten Privatbankiers ihren Anteil kaum aufrechterhalten konnten136. Innerhalb der Großbanken aber herrschte, wie in den Großbetrieben der Industrie, ein ziemlich fest gefügtes hierarchisches System, in dem jeder Aufstieg schwierig war. So wuchs das Heer der Bankbeamten -eines neuen, mehr oder weniger bürokratischen Typs : 1882 gab es in Deutschland erst 28 Banken mit einem Personal von 50 oder mehr Personen. Ihre Angestellten zählten insgesamt 2697 Personen. 1895 gab es schon 66 solche Banken mit insgesamt 7802 Angestellten137. Abgesehen von der schwindenden Aufstiegsmöglichkeit ermöglichte das Zusammenströmen vieler Kaufund Verkaufsorders für Effekten den Großbanken, diese Aufträge weitgehend bei sich zu kompensieren, ohne an die Börse zu gehen und so Vermittlungsorgane wie die Börsenmakler auszuschalten 138 . Endlich wurde der Niedergang des Privatbankiersstandes noch durch eine fehlerhafte Börsenund Stempelsteuergesetzgebung beschleunigt 139 . In Anbetracht dieser Entwicklung des Bankwesens ist die Abnahme des jüdischen Anteils nicht überraschend. Die Zahlen für Preußen geben, bei der überragenden Bedeutung Berlins als Finanzzentrum, ein ziemlich zuverlässiges Bild der Entwicklung im Reich. In Preußen waren im Geldund Kreditwesen beschäftigt: imJahre 1882 insgesamt 13234 Personen, von denen 2908 Juden waren; imJahre 1895 insgesamt 19108 Personen, von denen 3045 Juden waren. Der zahlenmäßige Anteil der Juden fiel also von 21, 97% auf 15,94%. Der weitere Fortgang der Entwicklung macht deren einschneidende Bedeutung noch deutlicher: 1925 waren nur noch 3,84% aller im gleichen Sektor Beschäftigten Juden. Wir erhalten jedoch ein prägnanteres Bild, wenn wir 136 MAUERSBERG, a.a. 0„ S. 358 f., spricht besonders für das Hannoversche Bankgewebe von der »unausbleiblichen Konsequenz der Aufsaugung der vielen kleinen Privatbanken durch Großbankfilialen, deren Zentren in die Reichshauptstadt verlegt worden waren«. 137 RIESSER, a.a.O ., s. 577f . 138 Ebd ., S. 583 . 139 SEGALL, a.a.O ., S. 35f., hält die Börsengesetzgebung von 1896 für einen Hauptgrund des Niedergangs der jüdischen Privatbankiers. Durch das Verbot des Terminhandels seien sie in Liquiditätsschwierigkeiten geraten, während die Großbanken für Geldmittel sorgen und die Kundschaft an sich ziehen konnten.
134 1875-1896 die Bankdirektoren und die »Betriebsinhaber von Bankund Kreditunternehmen« betrachten. Von diesen gab es in Preußen: 1882 2733 Personen, wovon 1182 oder 43,25% Juden waren; 1895 2982 Personen, wovon 1122 oder 37,63% Juden waren. Die Sprache dieser Ziffern ist klar: die Zahl der jüdischen Bankangestellten nahm absolut ein wenig zu, die der jüdischen Betriebsinhaber und-leiter dagegen ab. Die Tausende von Bankangestellten, die seit 1882 neu hinzugekommen waren, entstammten so gut wie ausschließlich nichtjüdischen Kreisen 140 . Die beschränkte Anziehungskraft, die das Bankgewerbe auf junge Juden ausübte, erklärt sich aus den verringerten Aufstiegsmöglichkeiten in einer einförmig gewordenen Tätigkeit und dem zunehmenden Antisemitismus in Angestelltenund Beamtenkreisen. Die Tatsache, daß in der Leitung der meisten Großbanken jüdische Männer wie Hermann Wallich, Eugen Gutmann, Adolph Salomonsohn, Jakob Riesser u. a. arbeiteten, schloß hier ebensowenig wie in der chemischen Industrie aus, daß der latente oder offene Antisemitismus der mittleren und unteren Angestelltenjungen jüdischen Kräften den Eintritt überaus schwer und oft unmöglich machte. h) Der Warenhandel Im Geldund Kreditwesen war nur ein kleiner Bruchteil der im Handel beschäftigten Juden tätig. Die Hauptmasse aller erwerbstätigen Juden ernährte sich vom» Warenund Produktenhandel im stehenden Geschäftsbetrieb«141. Hier war, namentlich im Einzelhandel, während der Depression der Existenzkampf besonders hart. Wir müssen daher kurz untersuchen, wie, durch welche Mittel, sich die Juden der Lage anpaßten. Dabei wird sich ergeben, daß ein Teil zwar seine Arbeitsweise, vielleicht auch seine Stellung änderte, aber im Bereich des »Warenund Produktenhandels« blieb, ein anderer Teil, meist aus jüngeren Menschen bestehend, den Handel zugunsten anderer Berufe aufgab, während eine dritte, ebenfalls jüngere Gruppe, Deutschland den Rücken kehrte und auswanderte. In jeder Periode einschneidender wirtschaftlicher, sozialer oder politischer Veränderungen sind es stets die älteren Menschen, die am meisten leiden. Selbst wenn sie die Anforderungen der neuen Zeit verstehen, können sie aus praktischen Gründen sich kaum noch umstellen, während die jüngeren viel eher imstande sind, sich anzupassen 142 . Wer sich vor der Depression lange in 140 LESTSCHINSKY, a.a.O .• s. 90ff . 141 Vgl. die statistischen Angaben bei SEGALL , a.a.O ., S. 33. 1895 waren in 563300 Hauptund 122900 Nebenbetrieben des Warenhandels insgesamt 1142000 Personen beschäftigt, davon 520000 als Betriebsleiter. »Es mochte zutreffen, wenn man von den Betrieben mindestens neun Zehntel dem Detailhandel zurechnete«; LAMPRECHT, a. a.O ., S. 355. 14 2 H . RAUCHBERG, Die Berufsund Gewerbezählung im Deutschen Reich von 1896, Berlin 1901, bringt statistisches Material, das beweist, daß Berufe die im Rückgang begriffen waren,
Die »Große Depression« 135 einem Berufe betätigt, Branchenkenntnisse erworben und vielleicht etwas Kapital investiert hatte, dachte nur in den seltensten Fällen an Auswanderung. Auch die Umstellung auf einen ganz anderen Beruf kam meistens kaum in Frage. Eher versuchte er in der gleichen oder einer verwandten Branche, wenn auch in anderer Stellung, zu bleiben. Einer kaufmännisch und organisatorisch besonders begabten, zum Teil auch vermögenden Minderheit von Detailhändlern gelang der Übergang zum Großhandel, wo die Anforderungen an persönliche Tüchtigkeit und Wagemut, aber auch die Gewinnchancen und das Prestige sehr viel größer waren. Dieser jüdische Übergang zum Großhandel wurde vielfach beobachtet. Die große Mehrheit der jüdischen Detaillisten aber, denen die Fortführung ihres Geschäftes unmöglich geworden war, mußte sich entschließen, ihre Selbständigkeit ganz oder teilweise zu opfern. Ohnehin war oft die frühere Selbständigkeit zum bloßen Schein geworden -der nur noch einen gewissen Prestigewert besitzen mochte. Die Freiheit des Entschlusses, die Verfügungsgewalt hatten sie unter Druck der Verhältnisse längst eingebüßt143. Viele Händler befanden sich in drückendster Abhängigkeit vom Großhändler oder Fabrikanten, der ihnen den größten Teil der Ware kreditierte, aber sich dafür berechtigt hielt, ihnen vorzuschreiben, was für Waren sie führen und welche Preise sie berechnen konnten. Die Produzentenkartelle drückten oft den Händler zum bloßen Agenten herab. So waren in Tausenden von Fällen »selbständige« Firmeninhaber mit ihren Sorgen, ihrer Verantwortung, und der Unsicherheit ihrer Existenz viel schlechter dran als viele Angestellte in gehobeneren Positionen bei großen Unternehmungen. Die gleiche Wirtschaftsdynamik, die Wert und Wesen der Selbständigkeit in zahllosen Fällen aushöhlte, schufjedoch eine Reihe von Berufen, in denen Elemente der Selbständigkeit mit solchen der Abhängigkeit gemischt auftraten, so daß es oft auf den individuellen Fall ankam, ob die einen oder die anderen überwogen. Dabei handelte es sich vor allem um Berufe vermittelnder oder »arbeitsverkettender« Art. Die moderne Form des Hausierers wurde der Geschäftsreisende 144 . »Rechtlich ist der Reisende in Deutschland durchweg Angestellter; doch wird er durch Provision an seinen Arbeitserfolgen interessiert, wird als Provisionsreisender leicht ein ziemlich unabhängiges Absatzorgan. «145 Für uns ist dieser Beruf zunächst quantitativ von vorwiegend von älteren Jahrgängen besetzt waren, die jüngeren sich dagegen den neuen Gewerbezweigen zuwandten; ebd„ S. 234f., 373f . 143 RAUCHBERG, ebd., S. 406ff., erörtert den »fragwürdigen wirtschaftlichen Wert« der Selbständigkeit: man könne »nur zu Unrecht« in der formell selbständigen Berufsstellung »eine Gewähr höherer sozialer und kultureller Entwicklung« erblicken. 144 LAMPRECHT, a.a. O., S. 357, bezeichnet die »Massen der modernen Geschäftsreisenden« als »ein ganz neues Hausiererpersonal des größeren Betriebes«. 145 HIRSCH, a.a.O ., S. 88. Es erhöhte die Unabhängigkeit des Handlungsreisenden, wenn er als »Kollektivreisender für mehrere Unternehmungen auftritt«.
136 1875-1896 Bedeutung: in Deutschland wuchs die Zahl der Handlungsreisenden in den drei Jahrzehnten bis zum Weltkrieg unaufbörlich. Betrug sie im Jahre 1896 schon 27334, so war sie bis 1910 auf 68689 gestiegen 146 . Die Zwielichtzone zwischen Abhängigkeit und Selbständigkeit erleichterte früheren Firmeninhabern den Übergang . Über den jüdischen Anteil an diesem Beruf liegt für die Zeit der Depression kein Zahlenmaterial vor , doch war er zweifellos sehr stark, und zwar besonders in den Branchen, wo den Juden ihre Materialkenntnisse zugute kamen, wie im Textilhandel147 . Dem Beruf des Handlungsreisenden verwandt ist der Agent, d. h. der dauernde Vertreter einer oder mehrerer Firmen an einem Ort. Er arbeitet auf Provision, also richtet sich seine Entlohnung nach seinem Erfolg. Rechtlich ist er ein selbständiger Kaufmann, aber verpflichtet, das Interesse des Agenturgebers zu wahren - damit also wirtschaftlich, wie der Reisende, »halbselbständig<< . Seine berufliche Existenz beruht ausschließlich auf seiner Waren-, Personenund Marktkenntnis und seiner Förderung des Absatzes. Neben dem eigentlichen Warenhandel beschäftigten auch das Versicherungswesen, das Bank-, Grundstücks-, Hypotheken- , Theaterund Inseratengewerbe, ja selbst das Auswanderungsgeschäft Agenten. Somit handelte es sich um eine an Bedeutung ständig wachsende Erwerbsschicht. Einzelne besonders tüchtige Agenten brachten es zur Alleinvertretung für einen größeren Bezirk (Bezirksoder Generalagentur) mit einem Netz von Unteragenten -einer lukrativen und geachteten Position. Von den übrigen Berufen vermittelnder Art müssen Makler und Kommissionäre erwähnt werden . Makler ist nach dem Handelsgesetzbuch jemand , der gewerbsmäßig Verträge vermittelt, aber zu seinem Auftraggeber in keinem Dienstoder Agenturverhältnis steht. Es gab Frachten-, Schiffs-, Grundstücksund amtliche Kursmakler usw „ darunter einige wenige großen Stils. Der Grundstücksmakler Julius Ruhm spielte in den achtziger und neunziger Jahren in Berlin eine erhebliche Rolle. Ein noch bedeutenderer Makler, der nicht nur ein riesiges Vermögen für sich erwarb , sondern auch an Transaktionen mitwirkte, die aus der deutschen Wirtschaftsgeschichte kaum wegzudenken sind, war Hugo J. Herzfeld, dessen Wirksamkeit allerdings erst in den ersten Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts ihren Höhepunkt erreichte. Seine »schöpferi146 Ebd ., S. 88. 147 LEST S CHINSKY, a.a. O„ S. 95, spricht von den Zeiten, »da die jüdischen Makler und Agenten so zahlreich waren, daß der Eindruck erweckt werden konnte, als wären alle Juden Makler oder zumindest alle Makler Juden«. Lestschinsky meint, diese Zeiten seien vergangen wegen des Zustroms nichtjüdischer Gewerbetreibender, durch den der jüdische Prozentsatz stark zurückging.
Die »Große Depression« 137 sehe Leistung« lag vor allem auf den Gebieten der Kaliund der Schwerindustrie, und an der Börse genoß er ein ungeheures Prestige148. Insgesamt wurden in der Handelsvermittlung 1882 rund 38700, 1907 über 50000 Personen ermittelt149. Über den jüdischen Anteil an diesen miteinander eng verwandten Berufen haben wir wenigstens für das Jahr 1895 für Preußen einige aufschlußreiche Zahlen: In der Gruppe »Vermittlung und Verwaltung« waren insgesamt 22404 Personen beschäftigt, davon 4926 oder nicht weniger als 22% Juden. Von je hundert im Handel beschäftigten Personen waren bei den Juden 6 Makler und Agenten, bei den Nichtjuden dagegen nur 2, 77 . Aber noch viel stärker tritt der jüdische Anteil hervor, wenn man nicht die Gesamtheit der beschäftigten Personen, sondern nur die Betriebsinhaber und das leitende Personal in Betracht zieht 150 . In Preußen betrug 1895 die Zahl der selbständigen Agenten und Makler insgesamt 19543, wovon 4638 oder 23,73% Juden waren. Somit ist klar, daß ein erheblicher Teil der früher im Handel tätigen Juden sich am Ende der Depression von Dienstleistungen ernährte, in denen sie viel weniger abhängig und zum Teil wohl auch besser gestellt waren als die große Mehrheit der Handelsgehilfen. i) Zunahme der Frauenerwerbstätigkeit Ein wichtiges Mittel jüdischer Anpassung an die schwierige Wirtschaftslage während der Depression war die rasche Zunahme der Erwerbstätigkeit der jüdischen Frau151. Allgemein wuchs von 1882 bis 1895 in Deutschland die Zahl der hauptberuflich erwerbstätigen Frauen um über eine Million oder 23,5%, während die Zahl der so erwerbstätigen Männer nur um weniger als 16% stieg152. Auch wenn man berücksichtigt, d;iß viele früher als »mithelfende Familienangehörige« bezeichnete Frauen nun statistisch als hauptberuflich tätig gezählt wurden, ist die Größe des Zuwachses bedeutsam. Die Hauptursachen dafür waren die Verringerung des Arbeitsbereiches der Hausfrau durch die Massenproduktion der Industrie und der Bedarf an Arbeitskräften für die immer zahlreicheren Büros, Warenhäuser, Läden und Fabriken. So kümmerlich die weiblichen Löhne und Gehälter auch im allgemeinen waren, so erwünscht waren sie als Ergänzung des männlichen Verdienstes153. Auch die zunehmende Verstädterung förderte diese Entwicklung. 148 R. LEWINSOHN, Die Umschichtung der europäischen Vermögen, Berlin 1925, S. 139 ff. 149 HIRSCH, a.a. O., s. 89f. 150 Nach RAUCHBERG, a. a.O. , S. 406, waren nur etwa 5 Prozent der »Selbständigen« vermögend, während der Rest zur Mittelklasse und zu den Unbemittelten gehörte. 151 Vgl. RAuCHBERG, ebd., S. 181 ff. Für die jüdische Entwicklung : SEGALL, a.a. O., S. 22ff .; LESTSCHINSKY, a.a.O. , s. 132ff. 152 RAUCHBERG, eba., S. 182f . 153 Allgemein zur Frauenarbeit bemerkt RAUCHBERG (ebd., S. 398f .): »Die erwerbstätigen
138 1875-1896 Eine statistische Erfassung der jüdischen Frauenarbeit im Reich während der Depression ist wegen der Mängel der Berufszählung von 1882 nicht möglich. Für Preußen liegen für den Zeitraum von 1882-1907 einige nützliche Angaben vor 154: Von je weiblichen Juden waren: Erwerbstätige im Hauptberuf Dienende im häuslichen Dienst Angehörige Berufslose Selbständige Quelle: SEGALL, a.a.O., S. 25 1882 9,0 2,0 84,2 4,9 100,0 1907 18,5 1,6 68,9 11,0 100,0 Die Verdoppelung des Prozentsatzes der hauptberuflich Erwerbstätigen ging größtenteils auf Kosten der »Angehörigen«. Doch ist bemerkenswert, daß der jüdische Prozentsatz aller hauptberuflich erwerbstätigen Frauen niedriger, der Prozentsatz der jüdischen »Angehörigen« dauernd höher war als bei der Gesamtbevölkerung. So waren 1882 von je 100 weiblichen Personen der Gesamtbevölkerung 15 ,5 hauptberuflich erwerbstätig, und 1907 24,4, während 1882: 75, 9 zu den »Angehörigen« zählten, und 1907: 65,8. Dagegen sind die jüdischen Vergleichszahlen 9,0 und 18,4; 84,0 und 68, 9155. Als Grund dieser Abweichung wies Arthur Ruppin auf die jüdische Tradition hin, die jüdische Frauen lange daran hinderte, in einem anderen Geschäft als dem ihres Mannes tätig zu sein. Außerdem aber erlaubte zweifellos der durchschnittlich schon größere Wohlstand der Juden ihnen eher, ihre Frauen und Töchter von der Lohnarbeit fernzuhalten. Trotzdem stieg während der Depression auch die Erwerbstätigkeit der jüdischen Frau erheblich - nur die Zahl der jüdischen Dienstmädchen nahm bezeichnenderweise stark ab156. j) Die.freien und akademischen Berufe Der jüdische Zuzug zu den akademischen und freien Berufen ist im Rahmen der damaligen Verhältnisse als die Teilnahme an einer allgemeinen Bewegung zu verstehen. Von 1882 bis 1895 wuchs im Reiche die Zahl der Beschäftigten in den als »Öffentlicher Dienst und Freie Berufe« zusammengefaßten Berufen von rund 2,2 Millionen auf 2,8, d. h. von 4, 92% auf Frauen stehen meist auf der untersten Stufe des Arbeitsranges. Sofern sie formell selbständig erscheinen, sind sie es doch zumeist in kümmerlichen Alleinbetrieben.« 154 SEGALL, a.a. O„ S. 25f . 155 A. RUPPIN , jewi sh Fate und Future , London 1940, S. 152. 156 SEGALL, a.a. 0„ S. 24f .
Die »Große Depression« 139 5,48% . Bis 1907 waren des 3,4 Millionen oder 5,53 Prozent geworden. Die Zahl der Studenten an deutschen Universitäten war viele Jahrzehnte stabil geblieben, fing aber in den siebziger Jahren an, schneller als die Bevölkerung zu wachsen. 1835 und 1875 kamen auflOOOOO Personen etwa 38 Studenten; 1880: 46; 1885 waren es 57; 1899: 60, und 1911 über 100157. Jedoch beziehen sich diese Ziffern nur auf die Universitäten, zu denen sich nun in wachsender Zahl Technische, Handelsund andere Hochschulen gesellten. Ein industrialisiertes Land benötigte eben mehr Ingenieure, Chemiker, Physiker, aber auch mehr Juristen, Nationalökonomen und Mediziner. Gleichzeitig ermöglichten der höhere Lebensstandard und Bildungsgrad eines erheblichen Teiles der Bevölkerung die Existenz von mehr Journalisten, Schriftstellern, Künstlern aller Art . Auf jüdischer Seite kam neben der traditionellen Hochwertung des »Lernens« und Wissens das Bedürfnis hinzu, die Zurücksetzungen und Beleidigungen, denen fast jeder früher oder später ausgesetzt war, durch Erreichung achtunggebietender Stellungen und Titel zu kompensieren. Nimmt man noch die wenig verlockende Situation im Einzelhandel hinzu, so dürften die Hauptgründe für die Hinwendung zu den freien Berufen klar sein. Bei der Berufszählung von 1895 waren fast 6 Prozent aller erwerbstätigen Juden im Öffentlichen Dienst und den freien Berufen beschäftigt158. Allein in der Unterabteilung E 5 - »Gesundheitspflege und Krankendienst« - wurden fast 3000 Juden als »Direktionsund ärztliches Personal« gezählt. In anderen statistischen Unterabteilungen findet man: 412jüdische »Privatgelehrte, Schriftsteller und Journalisten«, 835 Juden in »Musik, Theater, Schaustellungen aller Art«, und eine nicht geringe Zahl jüdischer Richter, Lehrer und technischer Beamter159. Da die meisten dieser Berufe, besonders die akademischen, eine lange Ausbildungszeit erfordern, war der Entschluß, einen Sohn das Gymnasium besuchen und studieren zu lassen, in der Regel wohl etwa zehn Jahre vor dem Beginn seiner wirtschaftlichen Selbständigkeit gefaßt worden und hing vor allem von der Wirtschaftslage der Eltern ab. Wohlhabende Eltern waren gerade in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts eine unentbehrliche Voraussetzung des Studiums geworden; bis dahin kamen die Angehörigen gelehrter Berufe aus den verschiedensten Schichten; »das Ausschlaggebende war die Begabung . . . eine regelmäßige Vorbildung wurde nicht verlangt«160. Seit der Jahrhundertwende wurden die Vorschriften für die Zulassung zu Staatsämtern strenger gehandhabt, und dies, zusammen mit den steigenden Kosten der Ausbildung, verschärfte die Lage noch mehr. Die weniger 157 SoMBART , Volkswirtschaft, a.a.O ., S . 411. 15 8 RAUCHBERG, a.a. O. , S. 252. 159 SEGALL, a.a.O ., s. 48 . 160 LAMPREC HT, a.a.O ., S . 291 ff.