Informiertheit und Datenschutz beim Smart Metering
Abstract
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Full text
Hellmuth, Nils; Jakobs, Eva-Maria Article — Published Version Informiertheit und Datenschutz beim Smart Metering Zeitschrift für Energiewirtschaft Provided in Cooperation with: Springer Nature Suggested Citation: Hellmuth, Nils; Jakobs, Eva-Maria (2020) : Informiertheit und Datenschutz beim Smart Metering, Zeitschrift für Energiewirtschaft, ISSN 1866-2765, Springer Fachmedien Wiesbaden, Wiesbaden, Vol. 44, Iss. 1, pp. 15-29, https://doi.org/10.1007/s12398-020-00269-7 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/289193 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/
https://doi.org/10.1007/s12398-020-00269-7 Z Energiewirtsch (2020) 44:15–29 Informiertheit und Datenschutz beim Smart Metering Nils Hellmuth1· Eva-Maria Jakobs1 Online publiziert: 6. März 2020 © Der/die Autor(en) 2020 Zusammenfassung Smart Meter (moderne Messeinrichtungen, intelligente Messsysteme) sollen in naher Zukunft deutschlandweit implementiert werden (Smart-Meter-Rollout). Ein erfolgreicher Rollout bedingt hohe Akzeptanz der Letztverbraucher – vor allem in Bezug auf Datenschutzund Datensicherheitsaspekte der Technologie. Die interviewbasierte Studie untersucht Einstellungen von Bürgern zu Smart Metering mit den Foki Informiertheit, Kommunikationsbzw. Informationsbedarfe sowie Datenschutz und Datensicherheit. Befragt wurden Mieter zwischen 24 und 40 Jahren mit einem mittleren Einkommen und akademischen Hintergrund. Die Studie deutet auf starke Informationsdefizite und -bedarfe zu Messsystemen und Rollout. Datenschutz und Datensicherheit haben hohe Relevanz und werden kritisch gesehen. Unsicherheit und wahrgenommene Risiken betreffen insbesondere den Umgang mit Daten. Die Ergebnisse zeigen, dass der beabsichtigte Rollout einer sorgfältigen kommunikativen Einführung und Begleitung bedarf, die die Erwartungen und die Lebenswelt der beteiligten Akteure berücksichtigen. Schlüsselwörter Smart Meter · Intelligente Messsysteme · Informiertheit · Informationsbedarfe · Datenschutz · Datensicherheit · Rollout · Smart Metering Information and Data Protection of Smart Metering Abstract Smart meters (modern measuring equipment, intelligent measuring systems) are supposed to be implemented throughout Germany in the near future (smart meter rollout). A successful rollout requires a high level of acceptance among end consumers—especially with regard to data protection and data security aspects of the technology. The interview-based study examines citizens’ attitudes to smart metering with the focus on information, communication and information needs as well as data protection and data security. Tenants between the ages of 24 and 40 with a middle income and an academic background were surveyed. The study points to strong information deficits and information needs regarding measurement systems and rollout. Data protection and data security are highly relevant and are viewed critically. Insecurity and perceived risks particularly concern the use of data. The results show that the intended rollout requires a careful communicative introduction and accompaniment that takes the expectations and the living environment of the actors involved into account. 1 Einleitung Der Ausbau erneuerbarer Energien führt zu einer zunehmend dezentralen und volatilen, nicht dem Bedarf folgenden Stromerzeugung (vor allem bei der Stromerzeugung durch Windund Solarenergie) und somit zu neuen infor- Nils Hellmuth n.hellmut[email protected]h-aachen.de Eva-Maria Jakobs e.m.[email protected]th-aachen.de 1Textlinguistik und Technikkommunikation, RWTH Aachen University, Aachen, Deutschland mationsund kommunikationstechnologischen Herausforderungen, denen das bisherige Stromnetz nicht gewachsen ist. Neue, intelligente Stromnetze (Smart Grids) müssen hinsichtlich Erzeugung und Verbrauch elektrischer Leistung aufeinander abgestimmt sein und Leistungsschwankungen durch ein dynamisches Lastmanagement kompensieren, damit die Sicherung der Energieversorgung gewährleistet wird. Für den Lastausgleich benötigen Stromnetzbetreiber und Energieversorgungsunternehmen detaillierte Informationen zu realen Zuständen des Netzes. Da die bisher üblichen analogen, mechanischen Ferraris-Stromzähler (die noch in den meisten deutschen Haushalten verbaut sind) diese Informationen nicht liefern, sollen sie künftig flächendeckend durch intelligente Messsysteme ersetzt werK
16 Z Energiewirtsch (2020) 44:15–29 den (Smart-Meter-Rollout), damit die Digitalisierung der Energiewende vorangetrieben wird und Stromnetzbetreiber und Energieversorgungsunternehmen exakte Informationen zu dezentralen Erzeugern und flexiblen Lasten erhalten, die zu besseren Analysen des Stromnetzes beitragen. Haushalte sind vor allem durch den vermehrten Einsatz von Wärmepumpen und Photovoltaikanlagen sowie wegen der steigenden Anzahl zugelassener Elektrofahrzeuge interessant. Die Einführung intelligenter Messsysteme ist für Verbraucher mit einem Jahresstromverbrauch unter 6000kWh optional und wird im Jahr 2020 beginnen. Zu dieser Gruppe gehört die Mehrheit der Privathaushalte. Mieter müssen den Einbau dulden, jedoch über diesen informiert werden. Die vorliegende Studie geht der Frage nach, wie diese Gruppe der Letztverbraucher auf den Rollout vorbereitet ist: Wie informiert sind sie über intelligente Messsysteme und ihre bevorstehende flächendeckende Einführung (Smart-Meter-Rollout)? Welche Informationsbedarfe haben sie in Bezug auf intelligente Messsysteme und den Smart-Meter-Rollout? Wie wichtig sind ihnen Datenschutz und Datensicherheit und wie bewerten sie diese in Bezug auf Smart Metering? 2 Stand der Forschung 2.1 Smart Metering Als Smart Meter werden zwei digitale Stromzähler bezeichnet – die moderne Messeinrichtung und das intelligente Messsystem. Die meisten europäischen Länder verwenden ausschließlich den Oberbegriff Smart Meter; die deutsche Gesetzgebung vermeidet ihn weitgehend und bezieht sich entweder auf das intelligente Messsystem oder die moderne Messeinrichtung. Im allgemeinen Sprachgebrauch wird der Ausdruck Smart Meter häufig synonym für digitale Strommessgeräte verwendet. Die moderne Messeinrichtung hat keine Kommunikationseinheit; sie unterscheidet sich von Ferraris-Zählern vor allem durch ein elektronisches Display (anstelle der analogen Anzeige). Die Ablesung erfolgt i.d.R. durch einen Techniker vor Ort. Das intelligente Messsystem hat eine Kommunikationseinheit (Smart-Meter-Gateway), die eine Fernauslesung des Stromverbrauchs und privaten Haushalten höhere Transparenz durch Verbrauchsfeedback ermöglicht. Das Gateway kann Verbrauchsdaten und Messwerte (kontinuierlich) erheben, aufbereiten, verschlüsseln, übermitteln, speichern und auswerten. Die moderne Messeinrichtung kann durch den Einbau einer Kommunikationseinheit zu einem intelligenten Messsystem nachgerüstet werden (BMJV 2016). Mit dem Messstellenbetriebsgesetz (MsbG) wurde die Rolle des Smart-Meter-GatewayAdministrators geschaffen, die verantwortlich ist für Installation und Konfiguration, Datenempfang, Überwachung und Wartung des intelligenten Messsystems (Dieper 2017). Grundsätzlich sind die Administratoren beim Messstellenbetreiber (grundzuständig oder wettbewerblich) tätig; Externe können sich vom Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) zertifizieren lassen (Deppe 2017). Bis zum 31. Oktober 2019 wurden 38 Gateway-Administratoren durch das BSI zertifiziert (Bundesnetzagentur 2020). Die Nutzung personenbezogener Daten unterliegt strengen gesetzlichen Regelungen. Um Datenschutz und Datensicherheit gewährleisten zu können, müssen intelligente Messsysteme den besonderen Anforderungen nach §§ 21 und 22 MsbG genügen (BMJV 2016). 2.2 Smart-Meter-Rollout Das Europäische Parlament und der Rat der Europäischen Union forderten in der Richtlinie über gemeinsame Vorschriften für den Elektrizitätsbinnenmarkt (2009/72/EG), dass alle Mitgliedstaaten eine Einführung intelligenter Messsysteme gewährleisten. Gleichzeitig bot die EU jedem Mitgliedsland an, bis zum Jahr 2012 eine Kosten-Nutzen-Analyse durchzuführen, um zu prüfen, ob und wann die Einführung wirtschaftlich vertretbar und kostengünstig möglich ist (EU 2009). Auf dieser Basis sollte ein Ablaufplan für die Länder festgelegt werden. Das Ziel ist, bei positiver Kosten-Nutzen-Analyse bis zum Jahr 2020 Messstellen flächendeckend (mindestens 80% der Haushalte) mit intelligenten Messsystemen auszustatten. Die Sicht der Länder auf Kosten und Nutzen unterscheiden sich deutlich und damit auch der Stand des Rollouts. In einigen Ländern (z.B. Italien, Niederlande, Schweden, Spanien) ist er weit fortgeschritten (Vassileva und Campillo 2016). In Deutschland führte die Kosten-Nutzen-Analyse zu einem eigenen „deutschen Weg“ der Einführung. Der deutsche Weg sieht je nach Verbrauch eine dreischrittige Einführung vor: Für Großverbraucher bzw. -erzeuger (Jahresstromverbrauch größer als 10.000kWh), Erzeuger mit Anlagen mit mehr als sieben kW installierter Leistung sowie Verbraucher, die ein verringertes Netzentgelt für eine steuerbare Verbrauchseinrichtung (z.B. Wärmepumpe) vereinbart haben, war die Einführung intelligenter Messsysteme für 2017 verpflichtend vorgesehen. Sie verzögerte sich bisher durch das Fehlen am Markt verfügbarer Produkte, die das geforderte Höchstmaß an Datenschutz und Datensicherheit gewährleisten. Für Verbraucher mit einem Jahresstromverbrauch von 6000kWh bis 10.000kWh ist der Einbau ab 2020 verpflichtend vorgesehen (knapp 2,1Mio. Messlokationen von Letztverbrauchern sind betroffen (Bundesnetzagentur 2020)). Für Verbraucher unter 6000kWh pro Jahr ist der Einbau optional; er empfiehlt sich, wenn er technisch machbar und wirtschaftlich vertretbar ist. Die Entscheidung über den Einbau trifft der K
Z Energiewirtsch (2020) 44:15–29 17 grundzuständige Messstellenbetreiber, der ein so genanntes optionales Einbaurecht besitzt; zusätzlich kann bei Privateigentum der Eigentümer, bei Mietobjekten der Vermieter einen Einbau beschließen. Mieter besitzen kein Vetorecht. Sie müssen einen Einbau dulden, sind jedoch drei Monate vorher über diesen zu informieren. Ungefähr 39Mio. Letztverbraucher kommen für einen Einbau intelligenter Messsysteme in Frage (Bundesnetzagentur 2020). Intelligente Messsysteme erfordern technisch ein hohes Maß an Datenschutz. Dies soll durch den „Privacy-by-design“-Ansatz gewährleistet werden, durch den die Messsysteme per Definition nur eingeschränkte Funktionen zulassen und alle weiteren verschlüsseln. Das BSI entwickelte dafür Schutzprofile und technische Richtlinien (BSI 2019; Laupichler 2014). An der Erarbeitung technischer Anforderungen waren die Physikalisch Technische Bundesanstalt (PTB) und der Bundesbeauftragte für den Datenschutz und die Informationsfreiheit (BfDI) beteiligt. Um Schutz und Sicherheit zu gewährleisten, werden Schutzprofile gemäß Common Criteria EAL4+ (Allgemeine Kriterien für die Bewertung der Sicherheit von Informationstechnologie) und technischer Richtlinie BSI TR-03109 verwendet. Sie definieren als internationaler Standard zur Prüfung und Bewertung der Sicherheitseigenschaften von IT-Produkten Rahmenbedingungen und Mindestanforderungen für einen sicheren, datenschutzgerechten Betrieb. Das Smart-MeterGateway sieht für zentrale Aufgaben wie das Empfangen, Speichern, Verarbeiten und Senden von Daten besonders hohe Sicherheitsanforderungen vor. Am 17. Dezember 2019 bestand das dritte Gateway den Prüfprozess und wurde zertifiziert (sechs weitere Geräte befinden sich im Zertifizierungsprozess). Die für den Rollout notwendige Zertifizierung von mindestens drei Gateways liegt vor; am 31. Januar 2020 hat das BSI die ebenfalls notwendige Markterklärung veröffentlicht. Der Rollout kann somit in Kürze beginnen. 2.3 Informiertheit, Informationsbedarfe, Wissen und Nutzung Verschiedene Instanzen betonen die Notwendigkeit, Letztverbraucher ausreichend über intelligente Messsysteme zu informieren (Verbraucherzentrale 2016), um diese adäquat bewerten zu können. Informiertheit gilt als wesentliche Voraussetzung für fundierte Meinungsbildung, wird jedoch unterschiedlich definiert. Dridse (1975) z.B. fasst Informiertheit als Effekt, der zu einer konkret messbaren Veränderung des Kompetenzniveaus einer Person zu einem Gegenstand führt und durch eine beliebige Art des Informierens erzielt wird. Wissen um die Vorund Nachteile einer Technologie (hohes Informationsniveau) können vom Kauf eines Produkts abhalten oder diesen motivieren (Bozem et al. 2013). Nach Hartmuth (2001) erfasst der Grad der Informiertheit die Korrektheit von Vorstellungen – gemessen am Stand der Forschung –, die Menge der zu Teilen der Thematik verfügbaren Wissensaspekte sowie die Differenziertheit der Kenntnisse (Detailreichtum, Vernetztheit). Wir fassen Informiertheit als Ausmaß gefühlter Verfügbarkeit von Wissen zu einem Thema bzw. Gegenstand und grenzen dieses damit von faktischem Wissen ab. Nach Renn (2015) führt Wissen und Information allein nicht per se zu Akzeptanz. Akzeptanzstudien zeigen, dass die Einstellung zu Technologien häufig durch Selbsteinschätzungen und nicht rationale Faktoren wie Emotionen oder Gefühle beeinflusst werden und daher eine wichtige Komponente für Akzeptanz sein können (Park et al. 2014;Renn2015;Rennetal.2017). Zudem deutet unsere Forschung darauf hin, dass „gefühlte“ Informiertheit oft wichtiger ist als faktische (Hellmuth und Jakobs 2019). Die Politik konstatiert den Deutschen ein eher geringes Wissen über intelligente Messsysteme und ihre Einführung (Aichele und Doleski 2013, S. 15) und sieht den Abbau dieses Defizits als wesentliche Voraussetzung für einen erfolgreichen Rollout: „Ohne einen informierten und kritischen Endkunden wird es ein Smart Market schwer haben, sich entsprechend der visionären Vorstellungen zu etablieren“ (Aichele und Schönberger 2014, S. 249). Studien zu Smart Home und Smart Metering bestätigen den Handlungsbedarf – die Begriffe Smart Meter oder intelligentes Messsystem sind den meisten Befragten weitgehend unbekannt (Wolling und Arlt 2013;GfK2016;Fredersdorf et al. 2015; Konrad et al. 2017). Eine repräsentative Studie (Forsa 2010) im Auftrag der Verbraucherzentrale Bundesverband (VZBV) zeigt, dass im Jahr 2010 nur 3% der Befragten eine inhaltlich korrekte Vorstellung von Smart Metern hatten. 48% der Befragten hatten die Begriffe digitaler bzw. intelligenter Stromzähler zumindest einmal gehört. In einer repräsentativen Umfrage des Büro Hitschfeld (2017) äußerten dies 34% für die Begriffe Smart Meter bzw. Smart Metering. Wolling und Arlt (2013) führten in den Jahren 2009, 2010 und 2011 in Thüringen Telefonbefragungen durch. 2009 gaben knapp 19% der Befragten an, den Begriff Smart Meter oder den Begriff intelligenter Stromzähler zu kennen. Bei den Folgeuntersuchungen 2010 und 2011 stieg die Bekanntheit unter Erstteilnehmern auf 29 bzw. 32%. Die Autoren begründen die relative Unbekanntheit der Technologie (vor allem 2009) mit einer geringen medialen Berichterstattung zum Thema. Ein Großteil der Befragten hatte keine, unklare oder falsche Vorstellungen zum Funktionsumfang intelligenter Messsysteme (z.B., dass bei zu hohem Stromkonsum die Stromversorgung automatisch abgeschaltet wird). In einer neueren Studie der Initiative D21 (2018) wurden 2035 Personen ab 14 Jahren zu ihrer Kenntnis und ihrem Verständnis verschiedener Begriffe im Kontext von Internet und Digitalisierung befragt. Der unbekannteste Begriff war Smart Meter; er war lediglich 10% der Befragten geläufig. Andere Fachbegriffe K
18 Z Energiewirtsch (2020) 44:15–29 schnitten wesentlich besser ab, z.B. Cookies (58%), Algorithmus (43%), Bots (23%), Big Data (21%). In einer Studie von Fürst et al. (2018), in der Personen (72,8% Männer, davon 81,5% mit Hochschulreife), die sich in Online-Communities schon einmal mit Energiethemen auseinandergesetzt haben, befragt wurden, waren die Werte für Smart Meter deutlich höher; die Mehrheit (68,4%) kannte den Begriff. Die Studie des Hitschfeld-Büros (2017) bestätigt, dass das Wissen bildungsabhängig variiert: Je höher der formale Bildungsgrad, umso bekannter ist Smart Metering (50% der Personen mit einem Hochschulabschluss hatten schon einmal von Smart Metering gehört). In der repräsentativen Umfrage hatten 50% der Befragten mit einem Studienabschluss Kenntnis über das Thema. Im Arbeitsbericht von InnoSmart aus dem Jahr 2017 erhielten die Teilnehmer ein Informationspapier zu den Themen Energiewende und Smart Grid und wurden dazu befragt (Konrad et al. 2017). Sie gaben an, dass sie sich „unzureichend über Smart Grid und die damit verbundenen Möglichkeiten sowie Nachteile und Auswirkungen auf Bürger/innen informiert“ fühlen und sich Erklärungen zum Smart Grid wünschen, um Funktionalität, Handlungsmöglichkeiten und potentielle Nachteile besser einschätzen zu können. Adäquate Informationsangebote erfordern eine gute Kenntnis der Informationsbedarfe, -anforderungen und -präferenzen der Zielgruppen (Mauelshagen und Jakobs 2016). Zu viele Informationen (Informationsüberflutung) sind ebenso kontraproduktiv wie zu wenige oder Informationen, die die Interessen der Zielgruppen nicht treffen (Hellmuth und Jakobs 2019). Vollständige Informiertheit gilt als kaum erreichbar (Pollmann und Kipker 2016). Studien (z.B. Reimer et al. 2014; Mauelshagen und Jakobs 2016) zeigen, dass sich Stakeholdergruppen zum Teil stark darin unterscheiden, wie sie sich über Technologien informieren wollen (Pull-Ansatz) oder über diese informiert werden wollen (Push-Ansatz) und welche Formate und Zeitpunkte sie dafür präferieren. 2.4 Datenschutz und Datensicherheit Intelligente Messsysteme erheben sensible Daten und erfordern deshalb Datenschutz und -sicherheit. Beide Begriffe werden je nach Kontext und Disziplin unterschiedlich gefasst. Nach Schanze (2018) bezeichnet Datensicherheit weit gefasst das technische Ziel, Daten jeglicher Art in ausreichendem Maße zu schützen. Während bei Datensicherheit die Daten im Vordergrund stehen, bezeichnet Datenschutz das Recht einer Person auf Schutz personenbezogener Daten durch sichere und zweckmäßige Verarbeitung. Mit Inkrafttreten der europaweit geltenden Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) und dem für Deutschland geltenden Bundesdatenschutzgesetz (BDSG), die seit Mai 2018 angewendet werden, genießt das Thema Datenschutz in den Medien und bei Verbrauchern hohe Aufmerksamkeit. Die deutsche Gesetzgebung hat mit dem BDSG für alle Bereiche, in denen personenbezogene Daten verarbeitet werden, eine „Grundregulierung“ (Hornung 2018) geschaffen. Für bestimmte Technologien gelten spezifische Regeln; die Regeln für Smart Metering sind durch das MsbG festgelegt. In vielen Studien zu Datenschutz, Datensicherheit und Datennutzung aus der Sicht von Anbietern, Nutzern und anderen Akteuren des Netzwerks Smart Metering (z.B. Laupichler 2014) äußern Letztverbraucher Bedenken; sie befürchten zukünftig durch die Nutzung intelligenter Messsysteme zu einem „gläsernen Energieverbraucher“ (Vortanz und Zayer 2017, S. 588) zu werden. In einer Studie von Splendid Research (2017) zu Smart-Home-Anwendungen geben die Befragten an, sich um ihre Privatsphäre zu sorgen (54%), Sorgen vor einem Hackerangriff zu haben (60%) oder die zunehmende Automatisierung im eigenen Wohnumfeld als „unheimlich“ zu empfinden (65%). Die von Fredersdorf et al. (2015) Befragten schätzen den Datenschutz als zu gering ein und beurteilen Datenschutzvereinbarungen als die größte Herausforderung von Smart Metering. 46,8% der Befragten befürchten nach Einführung intelligenter Messsysteme zum „gläsernen Kunden“ zu werden. Sie erwarten die Gewährleistung von Datensicherheit und eine angemessene Datenverschlüsselung sowie Datenanonymisierung. Eine Forsa-Studie (2010) bestätigt, dass den potentiell Betroffenen der Umgang mit persönlichen Daten sehr wichtig ist. Zu ähnlichen Befunden kommt TNS Emnid (2015): 50% der von ihnen Befragten haben große Bedenken in puncto Schutz der eigenen Daten bei intelligenten Stromzählern. Andere Nutzungsund Akzeptanzbarrieren betreffen die Übertragung persönlicher (Verbrauchs-)Daten per Internet (Paetz et al. 2011,2012) und Angst vor missbräuchlicher Verwendung personenbezogener Daten durch unautorisierte Akteure (Chen et al. 2017). 3 Methodisches Design Unsere Studie hat explorativen Charakter. Sie nutzt teilstrukturierte Tiefeninterviews. Der literaturbasiert entwickelte Interviewleitfaden wird durch andere Dokumente ergänzt: einen Screeningbogen (zu Bildungshintergrund und Technikbezug der Probanden, Einkommen und Wohnsituation sowie Einstellungen zur Energiewende, zu Energiesparen, Datenschutz und Datensicherheit), Szenariobeschreibung, Kurzbeschreibungen von Messsystemen (Bild mit Text), Bewertungsbögen zu ausgewählten Fragen, Informationsblätter zur Gesetzeslage in Deutschland und zum ursprünglichen Zeitplan des Smart-Meter-Rollouts. K
Z Energiewirtsch (2020) 44:15–29 19 Der Interviewleitfaden umfasst drei Themenkomplexe (mit meist offenen Fragen). Der erste Komplex erhebt den eigenen Stromverbrauch und Einstellungen dazu, die Kenntnis zentraler Termini (Smart Meter, Smart-MeterRollout, intelligentes Messsystem, moderne Messeinrichtung) sowie der Vorund Nachteile intelligenter Messsysteme. Der zweite Themenkomplex erhebt die Informiertheit zu intelligentem Messsystem und Rollout sowie Informationsbedarfe. Den Probanden wird dazu ein Szenario vorgegeben: Stellen Sie sich vor, Ihr Vermieter entscheidet sich, den alten Ferraris-Stromzähler gegen ein intelligentes Messsystem auszutauschen. Hierbei handelt es sich um moderne Messeinrichtungen, die mit einem Smart-Meter-Gateway ausgestattet sind. Sie haben kein Vetorecht und müssen den Einbau dulden. Das Szenario wurde gewählt, weil Deutschland neben der Schweiz das einzige Land in Europa ist, in dem die Bewohner primär zur Miete wohnen. Trotz anhaltender Niedrigzinsphase lag 2018 die Wohneigentumsquote mit 46,5% auf einem ähnlichen Niveau wie zehn Jahre zuvor (Statistisches Bundesamt 2019a). Die Vermieter dürfen nach einer Übergangsfrist ab dem Jahr 2021 alle Zählpunkte ihrer Liegenschaft für Strom mit intelligenten Messsystemen ausstatten (BMJV 2016) und den Messstellenbetreiber auswählen – der Mieter muss als Endanschlussnutzer diese Entscheidung dulden. Die „Zwangsdigitalisierung“ gilt potentiell für mehrere Millionen Haushalte und Mieter als Betroffene. Sie repräsentieren deshalb eine wichtige Zielgruppe. Der dritte Themenkomplex adressiert Datenschutz und Datensicherheit – im Allgemeinen sowie bei Stromverbrauchsdaten. Die Interviews wurden zwischen Januar und März 2019 geführt; die Durchschnittsdauer lag bei 40min. Die Gespräche wurden digital aufgenommen, transkribiert und anonymisiert. Die Auswertung erfolgte inhaltsanalytisch. Die Angaben der Bewertungsbögen wurden quantitativ ausgewertet. Im Ergebnisteil werden illustrativ Zitate der Befragten genannt (Kürzel: Nummer des Probanden_GeschlechtAlter). Der Auswahl der Zielgruppe lagen zwei Annahmen zugrunde: 1. Die Zielgruppe (junge Akademiker zwischen 24 und 40 Jahren) kann und will sich aufgrund ihrer akademischen Ausbildung auf einem hohen Niveau informieren. Sie befindet sich in einem Lebensabschnitt, wo die Familiengründung zunehmend geplant wird (im Jahr 2018 lag das durchschnittliche Heiratsalter bei Frauen bei 32,1 Jahren, bei Männern betrug es 34,6 Jahre, Statistisches Bundesamt 2019b). Sie mieten noch, streben aber mit dem Wechsel in den freien Arbeitsmarkt potentiell Wohneigentum an. 2. Bildungsgrad und Art der Ausbildung (technisch vs. nicht-technisch orientiert) wirken sich potentiell auf Einstellungen zu Datenschutz und -sicherheit aus (TechnikRadar 2018). Die Zielgruppe ist besser gebildet als der durchschnittliche Bundesbürger. Studien zu Smart Meter (vgl. Kap. 2.3) indizieren, dass Personen mit höherer Bildung, insbesondere Befragte mit Studienabschluss, mehr über Smart Metering wissen als der Rest der Bevölkerung (Hitschfeld 2017; Fürst et al. 2018). Defizite zu Smart-Meter-Rollout, die die Zielgruppe angibt, sind auch für andere Gruppen annehmbar. Stichprobe Die Probanden wurden nach dem Zufallsprinzip per E-Mail an Mitarbeiter einer deutschen Hochschule akquiriert. An der Studie nahmen 15 Personen teil (weiblich: 7, männlich: 8). Die Befragten sind Mieter, zwischen 24 und 40 Jahre alt (¿= 30,5 Jahre) und haben einen akademischen Grad. Die meisten Befragten (n= 13) sind ledig (davon ein Drittel alleinlebend). Die Mehrheit der Befragten (80%) wohnt in Wohnhäusern mit mindestens zwei Parteien – nur drei Probanden sind Mieter in freistehenden Mehrfamilienhäusern bzw. Einoder Zweifamilienhäusern. Die durchschnittliche Haushaltsgröße liegt bei zwei Personen, die durchschnittliche bisherige Wohndauer beträgt vier Jahre. Zwei Drittel der Befragten arbeiten an einem naturbzw. ingenieurwissenschaftlichen Institut, ein Drittel an geisteswissenschaftlichen Instituten. Die meisten Befragten (n= 11) schätzen den Technikbezug ihres Arbeitsumfeldes als hoch ein, einige von ihnen arbeiten an nicht-technischen Instituten (¿= 4,3; Likert-Skala: 0= kein Bezug; 6= sehr hoher Bezug). Der Technikbezug ist im Falle technologischer Arbeitskontexte höher (¿= 4,9) als im Falle nichttechnischer Kontexte (¿=3,2). 4 Ergebnisse und Diskussion 4.1 Energiewende – Einstellungen und Verhaltensweisen Die Befragten wurden eingangs zu ihrer Sicht auf die Energiewende befragt. Sie schätzen unabhängig vom fachlichen Hintergrund die Wichtigkeit der Energiewende als sehr hoch ein (¿= 5,4) und interessieren sich für das Thema (¿=4,6)(Abb.1). Bis auf eine Person nutzen alle Befragten mindestens eine Möglichkeit aktiv Energie zu sparen (Tab. 1). Am häufigsten werden der Kauf sparsamer Geräte (niedrige Energieeffizienzklasse), bewusstes Heizen und geändertes MoK
20 Z Energiewirtsch (2020) 44:15–29 0 1 2 3 4 5 6 7 8 0123456 Anzahl der Nennungen (n=15) 0 - gar nicht 6 - vollumfänglich/außerordentlich Interesse an der Energiewende Wichgkeit der Energiewende Abb. 1 Interesse an und Bewertung der Wichtigkeit der Energiewende bilitätsverhalten (nicht-motorisierter Individualverkehr oder ÖPNV) genannt. Die Probanden wurden gefragt, ob sie Smart-Home-Anwendungen (Formen der Hausoder Haushaltsgeräte-Automatisation, Smart Metering, vernetzte Haushaltselektronik oder Sicherheitstechnologien) nutzen oder deren Nutzung planen. 86% der Befragten nutzen keine der genannten Anwendungen. Von den Nicht-Nutzern können sich 36% eine zukünftige Nutzung zumindest vielleicht vorstellen; 50% lehnen die Nutzung auch in Zukunft ab (ähnlich TechnikRadar (2018), 94% Nicht-Nutzung; von den Nicht-Nutzern 30% zukünftige Nutzung zumindest vielleicht; 61% lehnen Nutzung auch zukünftig ab). Dementsprechend gering ist das Interesse am Thema und die Informiertheit dazu (Abb. 2;¿=2,7 bzw. ¿= 2,9). Die Ausprägungen variieren je nach Arbeitskontext. Interesse und Informiertheit sind bei Probanden mit einem technischen Hintergrund höher als bei Interviewten, die in einem nicht-technischen Arbeitskontext arbeiten (Interesse: ¿=3,1vs.¿= 2,0; Informiertheit: ¿=3,4 vs. ¿= 2,0). Die Qualität von Erklärungen wird mehrheitlich als wichtig bis sehr wichtig eingestuft (¿=4,5). Die Befragten schätzen ihr Interesse an komplexen technischen Themen (Digitalisierung der Energiewende, künstliche Photosynthese, Robotik) hoch ein (¿=4,4).DieEinschätzung variiert je nach fachlichem Kontext (Befragte mit technischem Arbeitskontext ¿= 4,9; Befragte mit nichttechnischem Arbeitskontext ¿= 3,4). Die Unterschiede verstärken sich in Bezug auf den Grad der Informiertheit (insgesamt ¿= 3,5). Die Mitarbeiter technischer Institute sehen sich als eher informiert an (¿= 4,2), die Mitarbeiter nichttechnischer Institute als eher uninformiert (¿=2,0). Tab. 1 Verhaltensweisen des individuellen Energiesparens Energiesparmaßnahme Kauf sparsamer Geräte Bewusstes Heizen Mobilitätsverhalten Einsatz energiesparender Lichtquellen Ausschalten von Elektrogeräten Sonstiges: Verzicht auf Fleisch Nennungen 13 12 11 10 5 1 0 1 2 3 4 5 6 7 0123456 Anzahl der Nennungen (n=15) 0 - gar nicht 6 - vollumfänglich/außerordentlich Interesse an Smart Home Informiertheit über Smart Home Wichgkeit der Qualität von Erklärungen Abb. 2 Smart-Home-Anwendungen/-Technik – Interesse, Informiertheit und Wichtigkeit der Qualität von Erklärungen Stromverbrauch und Typ des Stromzählers: Zu Beginn der Interviews wurden Fragen zum Stromverbrauch gestellt (Kennen Sie Ihren aktuellen jährlichen Stromverbrauch? Wie wichtig ist es Ihnen, Ihren Stromverbrauch zu kennen, und warum ist Ihnen das wichtig bzw. unwichtig?). Die meisten Befragten wissen in etwa, wie viel sie verbrauchen. Sie kennen die Höhe ihrer monatlichen Abschlagszahlung und können die verbrauchte Strommenge grob schätzen; 13% der Befragten kennen ihre genauen Verbrauchszahlen. Für viele Befragte liegt das Thema eher selten im Aufmerksamkeitsfokus; nur zwei Personen lesen den Zähler monatlich ab und protokollieren den Verbrauch. Allen Probanden ist es wichtig, den eigenen Stromverbrauch überblicken zu können, insbesondere die anfallenden Kosten – die Kenntnis des zu zahlenden Abschlags ist ihnen wichtiger als die des Verbrauchs in kWh: [...] das jetzt in Kilowattstunden [...] interessiert mich nicht wirklich, nein (04_m34). Was mir eher wichtig ist, ist der Beitrag, der dann abgebucht wird (02_m28). Ein Drittel vergleicht ihren Verbrauch mit der Vorjahresrechnung, um zu überprüfen, ob der Verbrauch gestiegen oder gesunken ist. Zwei weitere Personen vergleichen ihren Verbrauch mit denen anderer Haushalte, um zu prüfen, ob sie im Haushaltsvergleich über oder unter dem Durchschnitt liegen, und um Hinweise darauf zu erhalten, ob sie sich sparsam verhalten oder ihr Verbrauchsverhalten anpassen sollten. Eine andere Person vergleicht ihren Verbrauch vor Einzug in eine Wohnung und dann regelmäßig, um einen deutlich höheren Verbrauch (bspw. wegen eines Defekts) früh zu erkennen oder um Peaks zu identifizieren (z.B. Gästebesuch): K
Z Energiewirtsch (2020) 44:15–29 21 Ich lese einmal im Monat den Strom ab und speichere den in einer Excel-Datei (06_w30). Zwei Personen versuchen aus Umweltschutzgründen, möglichst wenig Strom zu verbrauchen; eine nutzt Ökostrom: Mir ist es wichtiger, weniger Strom zu verbrauchen, um Umweltschäden zu vermeiden (02_m28). Alle Probanden interessieren sich grundsätzlich dafür, welche Geräte in ihrem Haushalt am meisten Strom verbrauchen. Etwas mehr als ein Drittel (n= 6) setzt sich aktiv damit auseinander. Die restlichen Befragten wissen nicht genau, welche Geräte am meisten Strom verbrauchen, geben aber begründete Vermutungen ab. Am häufigsten werden Elektrogroßgeräte (Herd, Waschmaschine, Staubsauger, Spülmaschine, Backofen, Fernseher, PC), Küchengeräte (Wasserkocher) und Geräte im Dauerbetrieb (Kühlschrank, Heizung) genannt. Speziell wenn neue Haushaltsgeräte angeschafft werden müssen, rückt das Thema in den Fokus: Ich mache mir auch Gedanken über den Energieverbrauch, wenn ich neue, größere Haushaltsgeräte anschaffe beispielsweise. [...] Da achte ich darauf, dass die Energieeffizienzklasse A+ oder A++ habe (02_m28). Der Stromzähler befindet sich fast immer (n= 14) im Keller. 87% geben an, dass es sich um einen Ferraris-Zähler handelt (keiner nennt ein intelligentes Messsystem). Lediglich eine Person vermutet, dass in ihrem Mietshaus eine moderne Messeinrichtung installiert wurde; eine andere Person weiß nicht, welches Messsystem in ihrem Mietshaus eingebaut ist. Ebenfalls 87% können sich zukünftig die Nutzung intelligenter Messsysteme vorstellen und sehen die automatische Ablesung und Speicherung der Daten als Vorteil und Grund für einen potentiellen Einbau: Im Moment muss man ja zu Hause sein und den Leuten, die ablesen, Zugang zu den Geräten ermöglichen [...]. Das fällt dann bei dem intelligenten Messsystem weg (11_w31). Als weitere Vorteile werden eine mögliche Strompreissenkung genannt („Es wäre denkbar, dass sich dadurch direkt oder indirekt die Strompreise senken, weil es ziemlich teuer ist, Menschen [...] loszuschicken, um das vor Ort abzulesen“ (04_m34)), der Wegfall von Abschlagszahlungen, eine bessere Planbarkeit für Stromanbieter (z.B. der Netzauslastung), neue Tarifmodelle (lastoder zeitvariable Tarife), die Möglichkeit einer statistischen Verbrauchsauswertung und potentielles Feedback zum Stromverbrauch: Die Vorteile können [...] nur ausgeschöpft werden, wenn die Daten, die der Stromanbieter bekommt, auch wieder als Feedback zurückgegeben werden (02_m28). Hindernisse sehen die Befragten, wenn sie mit Werbung überhäuft und personenbezogene Daten gesammelt werden würden oder wenn sie ihre Gewohnheiten und Routinen anpassen müssten. Teilweise werden Metadatengenerierung und damit verbundene Datenschutzfragen als Nachteile genannt: „[...], dass man dann anhand dieser zeitlich auslesen kann, wann ich zuhause bin und wann ich was mache“ (01_m27). Weitere Nachteile intelligenter Messsysteme sehen die Befragten in der Funktionalität der Systeme (z.B. technische Fehler, Systemausfälle, Datenverluste, unsichere Datenübertragung, Profilerstellung) und in der Anfälligkeit gegenüber möglichen Hackerangriffen (n= 10): Da muss man sehr aufpassen, dass die Sachen nicht gehackt werden können. Ich meine das ist jetzt ein Messsystem, aber wenn man das wirklich mit irgendwas verknüpfen würde. [...] Das wäre nicht so gut (13_w27). Ähnliche Befürchtungen nennen die Befragten im TechnikRadar (2018) und begründen damit die weitgehende Ablehnung von Smart-Home-Anwendungen. 4.2 Informiertheit und Informationsbedarfe Etwas mehr als der Hälfte der Befragten (n=8)istderBegriff Smart Meter unbekannt; knapp die Hälfte (n=7) hat ihn schon einmal gehört – in der Medienberichterstattung oder in Gesprächen mit anderen. Damit liegt die Bekanntheit des Begriffs deutlich unter den Werten von Fürst et al. (2018). Nur vier Personen können die Technologie oder ihre Funktion näher beschreiben: Ich kann [...] sagen, dass ich den Begriff gehört habe und weiß, dass es digitale [...] Messer sind, die in Echtzeit [...] einen genauen Energieverbrauch übermitteln können (05_m27). Auch der Begriff Rollout ist weitgehend unbekannt, die Mehrheit (n= 11) kennt ihn nicht. Einige wenige (n=4)haben den Begriff zwar schon gehört, wissen aber nichts dazu. Eine Person bewertet den Begriff Rollout, nachdem dieser erklärt wurde, als gut: „Dass das [...] verbreitet werden soll, finde ich gut“ (03_m29). Die deutsche Gesetzgebung verwendet die Begriffe intelligentes Messsystem und moderne Messeinrichtung. Daher wurde gefragt, ob den Probanden die beiden Begriffe bekannt sind. Nur fünf Personen ist der Begriff intelligentes Messsystem geläufig. Eine Person ordnet das Messsystem im IoT ein und erwartet eine genauere, zeitliche Auflistung des Stromverbrauchs durch den Zähler. Einer zweiten Person ist der Begriff aus einem anderen Kontext – bei Werkzeugmaschinen und der GeometrieverK
22 Z Energiewirtsch (2020) 44:15–29 messung von Bauteilen – geläufig. Den übrigen Personen (67%) ist der Begriff intelligentes Messsystem unbekannt. Alle Befragten haben aber eine Vermutung und versuchen den Begriff vom Wort intelligent abzuleiten: Ich kann jetzt natürlich vermuten, dass es da um intelligente Systeme geht, die den Stromverbrauch messen mit dem Ziel den Verbrauch zu optimieren (04_m34). Der Begriff moderne Messeinrichtung ist ebenfalls größtenteils unbekannt (n= 12). Ein Fünftel der Befragten gibt an, dass ihnen der Begriff bekannt ist und ihnen „zumindest etwas sagt“. Eine Person versucht sich dem Begriff anhand des Wortes modern zu nähern: Modern wird sie vielleicht dadurch sein, dass sie eine digitale Anzeige hat (02_m28). Fast alle Befragten (n= 14) fühlen sich über das intelligente Messsystem und den bevorstehenden Rollout nicht ausreichend informiert und wünschen dazu Informationen (n= 15). Sie möchten als Mieter wie auch potentiell als Eigentümer informiert werden (Push-Ansatz). Als Mieter wollen sie mehrheitlich (n= 14) von anderen informiert werden (z.B. dem Vermieter). Fünf Probanden würden sich ergänzend Informationen beschaffen (z.B. durch eine Google-Recherche oder Gespräche mit Experten oder Bekannten). Als Eigentümer würden sich 53% der Befragten selbst informieren, da ein höheres Informationsbedürfnis vorliege. Zwei von ihnen möchten zudem über die Möglichkeiten, die Eigentümern bei einem Einbau zustehen, aufgeklärt werden. Knapp die Hälfte (n= 7) will „offizielle Erstinformationen“ erhalten sowie über Rechte und Pflichten aufgeklärt werden. Im Verlauf der Interviews wurden Informationsbedarfe zum intelligenten Messsystem und dem bevorstehenden Rollout erfragt. Die Befragten erhielten eine Liste von Themen (vgl. Abb. 3) mit der Bitte anzukreuzen, ob sie dazu Informationen wünschen oder nicht. Alle Befragten wollen über Vorund Nachteile intelligenter Messsysteme informiert werden. Weitere Top-Themen sind: Funktionen des Systems (93%), neue Tarifmodelle (87%), technische Aspekte (80%) sowie Spartipps basierend auf dem eigenen Abb. 3 Informationsbedarfe 0 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 Installaon und Einbau (40%) Sparpps basierend auf eigenem Verbrauch (73%) Technische Aspekte des Systems (80%) Neue Tarifmodelle (87%) Funkonen des Systems (93%) Nachteile des Systems (100%) Vorteile des Systems (100%) Anzahl der Nennungen (n=15) Verbrauch (73%). Informationen zu Einbau und Installation scheinen weniger wichtig (40%). Spartipps werden zum Teil kontrovers bewertet. Einige Teilnehmer lehnen sie ab: Ich glaube, Spartipps fände ich aufdringlich. [...] Ich würde mir da ziemlich vor den Kopf geschlagen vorkommen, wenn Leute genauen Einblick in meinen Verbrauch haben, dass sie mir Tipps geben können. [...] Also ich glaube, das fände ich schockierend (01_m27). Im Gespräch nannten die Befragten weitere Informationsbedarfe. Sie betreffen primär Informationen zu Datensicherheit (80%) und Datenübermittlung (53%), z.B. welche Daten wie übertragen werden, wer die Daten bekommt, wo sie gespeichert werden und was mit ihnen im Anschluss passiert. Sie möchten genauer als bisher über die Verwendung ihrer Daten informiert werden in der Annahme, dass zukünftig die Datenübertragung zunehmend automatisiert ablaufen wird. Spätestens mit der flächendeckenden Einführung intelligenter Messsysteme erwarten sie entsprechende Informationen: Also ich würde vor allem wissen wollen, welche Stellen meine Kontaktdaten und Kontodaten bekommen, weil ich eigentlich will, dass die keiner oder kaum jemand bekommt, außer denen, die wirklich mit der Abrechnung zu tun haben (05_m27). Auch Datenschutz spielt eine wichtige Rolle: „Ich finde [...] Datenschutzänderungen relevant und würde gerne darüber informiert werden [...] mit vernünftigem Informationsmaterial“ (09_m26). Als Betroffene wollen sie Entscheidungen nachvollziehen können: Ich glaube, eine Informationspolitik ist sinnvoll, in der man ein bisschen preisgibt, wie geschützt wird und wofür es verwendet wird, sodass der Nutzer den Sinn versteht und sich auch sicher fühlt (13_w27). Andere Informationsbedarfe betreffen die Unterschiede zwischen intelligentem Messsystem und Ferraris-Zähler (Neuerungen und Konsequenzen) sowie die neuen Möglichkeiten des Systems hinsichtlich Steuerung (z.B. per K
Z Energiewirtsch (2020) 44:15–29 29 Reimer E, Hahn S, Borg A, Schwendemann S, Trevisan B (2014in) Die Diskussion über Tiefe Geothermie in den sozialen Medien – Ergebnisse aus dem Forschungsvorhaben TIGER. In: Tagungsband zum Geothermiekongress DGK 2014 in Essen Reimer E, Jakobs E-M, Borg A, Trevisan B (2015) New ways to develop professional communication concepts. In: Proceedings of the IEEE ProComm 2015 Limerick Renn O (2015) Akzeptanz und Energiewende. Bürgerbeteiligung als Voraussetzung für gelingende Transformationsprozesse. Jahrb Christliche Sozialwiss 56:133–154 Renn O, Köck W, Schweizer P-J, Bovet J, Benighaus C, Scheel O, Schröter R (2017) Öffentlichkeitsbeteiligung bei Planungsvorhaben der Energiewende. In: Schippl J, Grundwald A, Renn O (Hrsg) Die Energiewende verstehen – orientieren – gestalten. Erkenntnisse aus der Helmholtz-Allianz ENERGY-TRANS. Nomos, Baden-Baden, S 547–568 Schanze R (2018) Datenschutz und Datensicherheit – Was ist der Unterschied? https://www.giga.de/extra/datenschutz/specials/ datenschutz-und-datensicherheit-was-ist-der-unterschied/.Zugegriffen: 18. Febr. 2020 Splendid Research (2017) Smart Home Monitor 2017 – Repräsentative Umfrage zum Status quo und Entwicklung von Smart Home in Deutschland Statistisches Bundesamt (2019a) Eigentümerquote nach Bundesländern. https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/ Wohnen/Tabellen/entwicklung-eigentuemerquote.html. Zugegriffen: 18. Febr. 2020 Statistisches Bundesamt (2019b) Eheschließungen, Ehescheidungen und Lebenspartnerschaften. Daten zu den Eheschließungen und dem durchschnittlichen Heiratsalter Lediger. https://www. destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Bevoelkerung/ Eheschliessungen-Ehescheidungen-Lebenspartnerschaften/ Tabellen/eheschliessungen-heiratsalter.html. Zugegriffen: 18. Febr. 2020 TechnikRadar (2018) Was die Deutschen über Technik denken. Acatech – Deutsche Akademie für Technikwissenschaften und Körber-Stiftung, München, Hamburg TNS Emnid i.A.v. VZBZ (2015) Bevölkerungsbefragung zum Thema Smart Metering. https://www.vzbv.de/sites/default/files/ downloads/Umfrage-SmartMeter-Grafikreport-TNS_Emnid-vzbv2015.pdf. Zugegriffen: 18. Febr. 2020 Vassileva I, Campillo J (2016) Consumers’ perspective on full-scale adoption of smart meters: a case study in Västeras, Sweden. Resources 5(3):1–18 Verbraucherzentrale Bundesverband (VZBV) (2016) Neue Stromzähler werden ab 2017 schrittweise Pflicht. https://www.vzbv. de/pressemitteilung/neue-stromzaehler-werden-ab-2017-schritt weise-pflicht. Zugegriffen: 18. Febr. 2020 Vortanz K, Zayer P (2017) Smart Meter Rollout: Intelligente Messsysteme als Schnittstelle zum Kunden im Smart Grid und Smart Market. In: Doleski OD (Hrsg) Herausforderung Utility 4.0. Wie sich die Energiewirtschaft im Zeitalter der Digitalisierung verändert. Springer, Wiesbaden, S 585–604 Wolling J, Arlt D (2013) Smart Metering in den Medien und im Urteil der Öffentlichkeit. In: Westermann D, Döring N, Bretschneider P (Hrsg) Smart Metering: zwischen technischer Herausforderung und gesellschaftlicher Akzeptanz – interdisziplinärer Status Quo. Universitäts-Verlag, Ilmenau, S 17–60 K