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Nicht einfach naiv: Gründe und Hintergründe des Menschenhandels in Nigeria

Bogatzki, Tamara,Meierrieks, Daniel

Abstract

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Full text

Bogatzki, Tamara; Meierrieks, Daniel Article Nicht einfach naiv: Gründe und Hintergründe des Menschenhandels in Nigeria WZB-Mitteilungen: Quartalsheft für Sozialforschung Provided in Cooperation with: WZB Berlin Social Science Center Suggested Citation: Bogatzki, Tamara; Meierrieks, Daniel (2024) : Nicht einfach naiv: Gründe und Hintergründe des Menschenhandels in Nigeria, WZB-Mitteilungen: Quartalsheft für Sozialforschung, ISSN 2943-6613, Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB), Berlin, Iss. 184 (2/24), pp. 48-51, https://bibliothek.wzb.eu/artikel/2024/f-26282.pdf This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/327915 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. 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If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/ Nicht einfach naiv Gründe und Hintergründe des Menschenhandels in Nigeria Die Risiken sind hoch, wenn Menschen ihre Arbeitskraft oder ihren Körper verkaufen, um als Gegenleistung in den reichen Norden auswandern zu können. Entscheiden sich Migrationswillige bewusst für diesen Deal oder werden sie mit falschen Versprechungen gelockt? Eine Umfrage im nigerianischen Bundesstaat Edo bringt eindeutige Ergebnisse. Tamara Bogatzki und Daniel Meierrieks In der öffentlichen Wahrnehmung wird Menschenhandel oft mit internationaler Migration sowie mit Betrug und falschen Versprechungen in Verbindung gebracht. Medien berichten über Frauen, die zur Zwangsprostitution ins Ausland verbracht werden, oder von Männern, die sich in fremden Ländern auf Großbaustellen als Arbeitssklaven verdingen müssen. Sie betonen oft die Naivität der Betroffenen, die mit vermeintlich falschen Vorstellungen ins Verderben stolpern. Doch so einfach ist es in der Realität nicht. Zwar geht Menschenhandel immer mit verbrecherischer Ausbeutung einher, doch es gibt auch Szenarien, in denen die Betroffenen sich wissentlich darauf einlassen. Es könnte also genauso sein, dass Personen einwilligen, ihre Arbeitskraft im Zielland zur Schuldentilgung als Gegenleistung für die von Menschenhändler*innen organisierte und finanzierte Aus reise einzusetzen. Sie gehen bewusst auf das Ange bot jener „Dienstleistung“ ein, das die Menschenhändler*innen ihren „Kund*innen“ machen: internationale Migration im Austausch gegen Arbeit. Entscheiden sich Menschen tatsächlich bewusst für den Menschenhandel, um in ein anderes Land auswandern zu können? Welche Umstände erklären eine solche Entscheidung? Um diese Fragen zu beantworten, haben wir im Rahmen des Projekts „Transnational Perspectives on Migration and Integration“ (TRANSMIT) in den Jahren 2021 und 2023 insgesamt rund 2.700 zufällig ausgewählte Nigerianer*innen in zwei Wellen befragt. Nigeria erlebte nach seiner Unabhängigkeit im Jahr 1960 einen erheblichen Anstieg von Abwanderung ins Ausland. Ziele waren zunächst vor allem das Vereinigte Königreich als ehemalige Kolonialmacht und ab den späten 1970erund 1980er-Jahren auch andere Staaten Westeuropas sowie die Vereinigten Staaten und die Golfstaaten. Durch die Verschärfung der europäischen Einwanderungsbestimmun- „Entscheiden sich Menschen tatsächlich bewusst für den Menschenhandel, um in ein anderes Land auswandern zu können?“ 48  | Mitteilungen Heft 184 Juni 2024 gen ging die Migration nach Westeuropa zunehmend mit irregulärer Migration unter prekären Bedingungen einher. Unsere Umfragen führten wir im nigerianischen Bundesstaat Edo durch. Insbesondere seine Hauptstadt Benin City ist ein wichtiger Knotenpunkt für internationale Migration und Menschenhandel in Nigeria. Wir befragten männliche und weibliche Personen ab 15 Jahren in der Stadt und auf dem Land zu ihren sozioökonomischen und demografischen Verhältnissen (zum Beispiel Einkommen, Bildungsstand und Personenstand), zu ihren Migrationsabsichten und zu ihren Einstellungen zum Menschenhandel. Die Ergebnisse unserer Umfrage zeigen, dass Menschenhandel in Edo verbreitet ist. 24 Prozent der Befragten kennen jemanden, der oder die sich auf Menschenhandel eingelassen hat oder im Ausland in der Prostitution gearbeitet hat, um die Familie in Nigeria zu unterstützen. Zudem gibt es in Edo ein beachtliches Interesse daran, selbst durch Menschenhandel ins Ausland zu gelangen. Auf die direkte Frage, ob sie mit einem „Sponsor“ – dieser Begriff bezeichnet in Edo einen Menschenhändler – auswandern würden, auch wenn dies bedeuten könnte, dass sie ihre Schulden im Ausland durch Zwangsarbeit zurückzahlen müssten, gaben 24 Prozent der Befragten an, dass sie einem solchen Arrangement zustimmen würden. Dieses Arrangement bewerten Frauen und Männer jedoch unterschiedlich: Während 35 Prozent der Männer bereit sind, auf das Angebot von Menschenhändlern einzugehen, sind es bei den Frauen nur 13 Prozent. Diese geschlechterspezifischen Unterschiede deuten darauf hin, dass sich die Befragten darüber im Klaren sind, was Zwangsarbeit im Ausland bedeuten kann. Während Männer damit rechnen können, im Ausland vornehmlich auf Baustellen oder in Fabriken mit ausbeuterischen Arbeitsbedingungen (sogenannten Sweatshops) zu arbeiten, bedeutet für Frauen Zwangsarbeit im Rahmen des Menschenhandels sehr häufig Sexarbeit. Diese Sexarbeit Tamara Bogatzki ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im TRANSMIT Projekt der Abteilung Migration, Integration, Transnationalisierung. Die Ökonomin erforscht die Interaktion von soziokulturellen Faktoren und Migrationsentscheidungen. tamara.boga[email protected] Foto: © WZB/Ralf Gutjahr, alle Rechte vorbehalten. Daniel Meierrieks ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Abteilung Migration, Integration, Transnationalisierung. Seine Forschungsschwerpunkte liegen unter anderem im Bereich der Entwicklungsökonomik, der politischen Ökonomie des Terrorismus sowie Migrationsforschung. [email protected] Foto: © WZB/Martina Sander, alle Rechte vorbehalten. „24 Prozent der Befragten kennen jemanden, der oder die sich auf Menschenhandel eingelassen hat oder im Ausland in der Prostitution gearbeitet hat“ „Die Befragten sind sich darüber im Klaren, was Zwangsarbeit im Ausland bedeuten kann“ Titelthema 49 birgt ein besonders hohes Risiko für Gewalterfahrungen, sexuell übertragbare Krankheiten oder ungewollte Schwangerschaften, dessen sich die Frauen bewusst sein können. Sie ist jedoch zudem mit einem starken sozialen Stigma belegt, was ebenfalls erklären könnte, warum weniger Frauen Menschenhandel als Migrationsform in Erwägung ziehen würden. Daher erfragten wir die Zustimmung zum Menschenhandel speziell auch unter Frauen zusätzlich über ein Listenexperiment. In einem Listenexperiment werden die Befragten zufällig in zwei Gruppen eingeteilt, wobei beide Gruppen eine Liste mit verschiedenen Elementen erhalten, aber nur für eine Gruppe wird diese Liste zusätzlich um das sensitive Element zum Menschenhandel erweitert. Die Befragten in beiden Gruppen geben an, wie viele, jedoch nicht welche Elemente der Liste auf sie zutreffen. Indem wir vergleichen, wie groß die Differenz in der durchschnittlichen Zustimmung zu den Listenelementen zwischen den beiden Gruppen ist, können wir Rückschlüsse auf die Zustimmung zum sensitiven Listenelement ziehen, ohne dass die Befragten offenlegen müssen, wie ihre Zustimmung zu den einzelnen Listenelementen ist. Im Rahmen unseres Listenexperiments zeigt sich in der Tat, dass insbesondere Frauen sich weitaus häufiger auf Menschenhandel einlassen würden, als sich durch die Zustimmung zur direkten Frage zum Menschenhandel erwarten ließe. Wie kommt es zu diesen überraschend hohen Zustimmungsraten zum Menschenhandel? Eine relativ einfache Erklärung dafür wäre es, wenn die Menschen in Edo nicht genügend informiert über die Risiken wären, die es mit sich bringt, Menschenhandel als Weg der Migration zu wählen. Daher untersuchten wir die Rolle von Informationen über den Menschenhandel noch genauer. Unter anderem fragten wir die Umfrageteilnehmenden nach ihrer Einschätzung, wie häufig Frauen im Rahmen ihrer Migration nach Europa Opfer von Ausbeutung werden könnten. Das Ergebnis: Die durchschnittliche Erwartung war, dass 6,5 von 10 Frauen eine solche Ausbeutung erleben würden. Diese Schätzung deckt sich weitgehend mit den Ergebnissen von Umfragen der Internationalen Organisation für Migration der Vereinten Nationen (IOM) entlang der wichtigsten Migrationsrouten nach Europa. Diese Erhebungen ergaben, dass etwa 60 Prozent der Nigerianerinnen auf diesen Routen ausbeuterische Praktiken erlebt haben. Die Einschätzungen der Befragten unterstreichen also ein hohes Bewusstsein für die mit dem Menschenhandel verbundenen Risiken. Sie deuten nicht darauf hin, dass die Befragten systematisch fehlinformiert sind. Weitere Fragen im Rahmen unserer Umfrage zeichnen ein ähnliches Bild. So haben die Befragten realistische Vorstellungen zu den Verdienstmöglichkeiten von nigerianischen Prostituierten in Europa, überschätzen also nicht die wirtschaftlichen Möglichkeiten, die Migration infolge von Menschenhandel bieten kann. Wir finden auch keine Hinweise auf Selbstbetrug oder eine verzerrte Risikobewertung des Menschenhandels bei Menschen mit starken Migrationsabsichten. Auch fehlt nicht der Zugang zu Aufklärungsund Sensibilisierungsprogrammen, die häufig von Hilfsorganisationen und ausländischen Geldgebern finanziert werden – was auch erklären könnte, warum Menschenhandel als Form der Migration in Edo so große Zustimmung findet. Zusammenfassend widersprechen unsere Ergebnisse dem Bild potenzieller Migrant*innen, die aus Naivität und Unwissen Menschenhändler*innen zum Opfer fallen. Eine andere Spur öffnet sich aber beim Blick auf die sozioökonomischen Eigenschaften der Befragten: Die Zustimmung zu Menschenhandel als Mittel zur Migration ist besonders groß unter jenen Befragten, die aus armen Haushalten kommen und nur niedrige Bildungsabschlüsse haben. Es sind also eher jene Befragten, für die das Leben in Nigeria wenig attraktiv ist, denen aber zugleich reguläre Formen der Migration verwehrt bleiben. So macht ein niedriges Bildungsniveau es unwahrscheinlich, für Europa oder die USA ein Arbeitsoder Studienvisum zur legalen Migration zu erlangen. Doch auch Möglichkeiten der irregulären Migration jenseits des Menschenhandels sind beschränkt: Menschenschmuggler beispielsweise, die im Voraus hohe „Erhebungen ergaben, dass etwa 60 Prozent der Nigerianerinnen auf diesen Routen ausbeuterische Praktiken erlebt haben“ 50  | Mitteilungen Heft 184 Juni 2024 Zahlungen verlangen, um eine Auswanderung zu ermöglichen, sind für Menschen aus armen Haushalten kaum bezahlbar. Das Bild ahnungsloser Migranten und Migrantinnen, die naive Opfer von Menschenhändler*innen werden, hält unserer Umfrage also nicht stand. Die Ergebnisse zeigen vielmehr, dass potenzielle Migrant*innen gut über die Risiken des Menschenhandels als Migrationsform informiert sind und auch bereit sind, diese einzugehen. Es sind vor allem die sozioökonomischen Gegebenheiten, die die Handlungsmacht potenzieller Migrant*innen einschränken: Menschenhandel zum Zwecke der internationalen Migration erscheint einigen als geringeres Übel gegenüber dem Bleiben in Nigeria. Die Politik kann hier ansetzen, indem sie auf Verbesserung der Lebensbedingungen in Nigeria hinwirkt und indem sie legale Migrationsmöglichkeiten nach Europa, in die USA oder die Golfstaaten auch für ärmere und geringer qualifizierte Personen großzügiger gestaltet. Literatur Bogatzki, Tamara/Meierrieks, Daniel: Trafficking as Choice? Evidence from Nigeria. WZB Working Paper 2024. Haas, Hein de: „A Theory of Migration: The Aspirations-Capabilities Framework“. In: Comparative Migration Studies, 2021, Jg. 9, H. 8. DOI: 10.1186/s40878020-00210-4. Galos, Eliza/Bartolini, Laura/Cook, Harry/Grant, Naomi: Migrant Vulnerability to Human Trafficking and Exploitation: Evidence from the Central and Eastern Mediterranean Migration Routes. Genf: International Organization for Migration (IOM) 2017. https://publi cations.iom.int/system/files/pdf/migrant_vulnera bility_to_human_trafficking_and_exploitation.pdf (Stand 07.05.2024). Okonofua, F. E./Ogbomwan, S. M./Alutu, A.N./Kufre, Okop/Eghosa, Aghahowa: „Knowledge, Attitudes and Experiences of Sex Trafficking by Young Women in Benin City, South-South Nigeria“. In: Social Science and Medicine, 2004, Jg. 59, H. 6, S. 1315–1327. DOI: 10.1016/j.socscimed.2004.01.010. Wheaton, Elizabeth M./Schauer, Edward J./Galli, Thomas V.: „Economics of Human Trafficking“. In: International Migration, 2010, Jg. 48, H. 4, S. 114–141. DOI: 10.1111/j.1468-2435.2009.00592.x. Der Text ist gemäß der Creative-Commons-Lizenz CC BY 4.0 nachnutzbar: https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/ Titelthema 51