Altern ist Leben - Ist es auch finanzierbar?
Abstract
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Full text
Tichy, Gunther Article Altern ist Leben - Ist es auch finanzierbar? Intervention. Zeitschrift fuer Ökonomie / Journal of Economics Provided in Cooperation with: Edward Elgar Publishing Suggested Citation: Tichy, Gunther (2005) : Altern ist Leben - Ist es auch finanzierbar?, Intervention. Zeitschrift fuer Ökonomie / Journal of Economics, ISSN 2195-3376, Metropolis-Verlag, Marburg, Vol. 02, Iss. 2, pp. 107-130, https://doi.org/10.4337/ejeep.2005.02.10 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/277055 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/
Altern ist Leben – Ist es auch fi nanzierbar? Gunther Tichy* Th e ageing of the European population gave rise to heated discussions. Most participants recommended severe reductions of public pensions, a shift towards a funded system and increased savings of the current generation to reduce the burden of the next one. Th e paper elaborates fi ve counterarguments: () Th e total burden will not increase much, as the additional pensioners are partly compensated by a reduced number of unemployed. () Even with percent growth per capita GDP will be some percent higher in , which should suffi ce to increase the living standard of the old and the young. () Th e real burden cannot be shifted, and a shift of the fi nancial burden can prove counterproductive. () Th e pay-as-you-go system should not be abandoned, as it covers wider and more severe risks than a funded one. () Surveys show clearly that the population appreciates a public pension scheme and prefers higher contributions to reduced pensions. JEL classifi cations: H , J , J , J Dass die Bevölkerung in allen Industrieländern durch das Zusammentreff en sinkender Fertilität mit höherer Lebenserwartung schrumpft, der Anteil der Älteren somit zunimmt, sodass eine geringere Zahl »Junger« eine größere Zahl »Alter« erhalten muss, und dass dieser Trend durch das Altern der Babyboom-Generation massiv verstärkt wird, ist weithin in das Bewusstsein einer breiten Öff entlichkeit gedrungen. Die Folgen dieser Entwicklung werden jedoch vielfach unrichtig eingeschätzt: Abgesehen davon, dass demografi sche und Finanzierungs aspekte überschätzt und überbetont werden, ergibt sich das aus der bewussten * Institut für Technikfolgenabschätzung, Österreichische Akademie der Wissenschaften. Der Autor dankt Alois Guger und Christine Mayrhuber für wertvolle Kommentare zu einer früheren Fassung sowie zwei anonymen Gutachter|inne|n für Verbesserungsvorschläge. Korrespondenzadresse: Prof. Dr. Gunther Tichy, Institut für Technikfolgen-Abschätzung, Österreichische Akademie der Wissen schaften, Strohgasse , A- Wien, Österreich, E-Mail: [email protected] Ersteinreichung des Artikels am 16.05.2005, endgültig akzeptiert am 05.08.2005 © I. Zeitschrift für Ökonomie, Jg. 2 (2005), H. 2, S. 107 – 130
108 I. Zeitschrift für Ökonomie Umlenkung der Diskussion auf vielfach ganz andere Ziele: Verantwortungs lose Publizist|inn|en versuchen aus dem Schlagwort, dass künftig jeder »Junge« doppelt so viele »Alte« erhalten müsste, einen Generationenkonfl ikt um die Verteilung zu schüren (vgl. Tichy b), neokonservative Politiker|innen sehen eine Chance, traditionelle Staats aufgaben billig loszuwerden, neokonservative Ökonom|inn|en glauben, Möglichkeiten der Effi zienzsteigerung durch Reduzierung der Umverteilung zu erkennen, und die Finanzwirtschaft versucht – von dem enormen Geschäftspotential einmal abgesehen – die Chance wahrzunehmen, ihre Macht erheblich zu stärken, indem sie den Kapitalmarkt als zentrales Steuerungselement der gesamten Wirtschaft etabliert. Die Funktion der Altersvorsorge und die aus der steigenden demografi schen Belastungsquote resultierenden Probleme bleiben dabei weitgehend auf der Strecke. Es kann und soll nicht Aufgabe dieser Arbeit sein, die unzähligen Gutachten und Detail vorschläge einer Reform der Altersvorsorge zu diskutieren; sie beschränkt sich bewusst auf vier grundlegende Fragen: Führt die steigende demografi sche Belastung zwangsläufi g zu einer entsprechenden ökonomischen Belastung? Ist eine lebensstandardsichernde Altersversorgung in den nächsten fünf Dekaden wirklich unfi nanzierbar? Kann eine Umstellung von der gegenwärtigen Umlagefi nanzierung auf zumindest partielle Kapitaldeckung die Probleme lösen? Und: Wie sehen die Betroff enen die Zukunft ihrer Alters versorgung? Die Antworten auf diese Frage zeigen einige Aspekte auf, die in der wissenschaft lichen wie in der politischen Diskussion vernachlässigt werden: Erstens, dass im Gegensatz zur demografi schen Unterstellung nicht »Junge« »Alte« erhalten, sondern Arbeitende Nicht- Arbeitende, also auch Arbeitslose und Frühpensionist|inn|en; die »volkswirtschaftliche Belas tungsquote« ist daher derzeit viel höher als die demografi sche, und sie wird weniger stark steigen, weil das Schrumpfen der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter die Zahl der Arbeitslosen und Frühpensionist|inn|en reduzieren wird. Zweitens wird die Finanzierung der künftigen Pensionen darüber hinaus dadurch erleichtert, dass auch bei langsamerem Wachstum der Wirtschaft Produktion und Einkommen und damit der Wohlstand in einem Maße zunehmen werden, dass sowohl Junge wie Alte besser leben können als heute. Reformen sind zwar unabdingbar, doch netto können Alle, »Junge« wie »Alte«, besser gestellt sein. Drittens zeigt sich, dass das Umlageverfahren die Altersversorgung stärker absichert als ihre Alternativen: Allein diese Finanzierungsform kann die wirklich großen Risiken (Krieg, galoppierende Infl ation) absichern, allein das Umlageverfahren setzt die Versicherten nicht dem Kapitalmarkt-(Zins-, Aktienkurs-)risiko aus und verhindert die Kapitalakkumulation bei großen institutionellen Anlegern, die in den USA zur Steuerung der gesamten Wirtschaft über den Kapitalmarkt (shareholder value) zu Lasten der übrigen stakeholder und zu short Während in Europa Finanzierungsängste möglicherweise wirklich die treibenden Elemente der Pensionsdebatte sind, stehen in den USA off ensichtlich primär Geschäftsinteressen des Finanzsektors hinter dem Druck auf volle Privatisierung und Kapitaldeckung der Altersvorsorge. In der über hundertseitigen Unterlage »Saving Social Security« wird Präsident Bush bei seiner Kampagne zu »ein facher Sprache« und zur anschaulichen Welt »kleiner Zahlen« sowie zur Vermeidung des Begriff s »Priva tisierung« geraten (vgl. Fischermann a, b, c). Siehe dazu auch Fußnote .
Gunther Tichy: Altern ist Leben – Ist es auch fi nanzierbar? 109 terminism geführt hat. Viertens lassen Umfragen deutlich erkennen, dass die europäischen Bürger|innen – entgegen pausenloser Beteuerung durch Politiker|innen und Massenmedien – Umverteilung generell wie auch Umverteilung zwischen »Jung« und »Alt« nicht bloß akzeptieren, sondern sogar wünschen; sie sind bereit für soziale Sicherheit erforderlichenfalls auch mehr zu bezahlen, sie erwarten Reformen und sind weitgehend bereit, deren Konsequenzen zu tragen. . Wider den Mythos der Unfi nanzierbarkeit Die Standardargumentation der üblichen Pensionsdebatte – in Wissenschaft wie Politik – geht von der demografi schen Altersbelastungsquote aus, der Relation der Bevölkerung im erwerbstätigen Alter zu denen jenseits des erwerbstätigen Alters: Erhalten heute in Europa vier bis fünf - bis -Jährige einen über -Jährigen, werden es nur noch zwei bis drei sein. Das ist erschreckend – und scheinbar plausibel. Das Argument übersieht jedoch, bewusst oder unbewusst, dreierlei: Erstens, dass die jeweils arbeitende Generation nicht bloß die »Alten«, sondern auch die Kinder erhalten muss; da deren Zahl jedoch deutlich abnimmt und noch weiter abnehmen wird, verringert das die Belastung der Arbeitenden. Zweitens wird ignoriert, dass infolge der gedämpften Wirtschaftsentwicklung in Europa derzeit rund ein Zehntel des Arbeitskräftepotentials arbeitslos ist und viele über -Jährige aus dem Erwerbsleben ausgeschieden sind; die angesichts des künftigen Arbeitskräftemangels zu erwartende Beschäftigung dieser Personen wird die Erwerbsquote erhöhen und die gesamt wirtschaftliche Belastungsquote weniger stark steigen lassen, als es der demografi schen Komponente entspräche. Drittens vernachlässigt die laufende Argumentation, dass in den nächsten bis Jahren nicht bloß die Zahl der »Alten« zunehmen wird, sondern – mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit – werden auch die Einkommen zunehmen. Diese drei Einwände gegen die übliche Argumentation sollen im Folgenden mit österreichischen Daten belegt werden. . Die demografi sche Belastung unterschätzt die tatsächliche Die demografi sche Altersbelastungsquote unterschätzt die derzeitige Belastung erheblich und überschätzt die Dramatik deren Erhöhung. Erstens wird sich – wie Abbildung auf der folgenden Seite zeigt – zwar der Anteil der über -Jährigen in Österreich gemäß der mittleren Variante der Bevöl ke rungsprognose zwischen und fast (von , Prozent auf , Prozent) und der der über -Jährigen mehr als verdoppeln (von , Prozent auf Prozent), der Anteil der Bevöl kerung im erwerbsfähigen Alter wird jedoch keineswegs So ist etwa das jüngste Grünbuch der EU-Kommission () davon keineswegs ausgenommen. Die österreichische Entwicklung ist durchaus typisch für die Entwicklung in Europa: Die Belastung durch Alter sowie durch geringe Alters-Erwerbsquoten ist hier etwas höher, die durch Arbeitslosigkeit etwas geringer als in den meisten anderen europäischen Staaten.
110 I. Zeitschrift für Ökonomie Abbildung a und b: Demografi sche Belastung nach Pensionsantrittsalter ( bzw. Jahre, Skala zwecks Verdeutlichung unten abgeschnitten) Quelle: Statistik Austria , Tab. .
Gunther Tichy: Altern ist Leben – Ist es auch fi nanzierbar? 111 proportional dazu abnehmen, weil der Anteil der unter -Jährigen von , Prozent auf Prozent schrumpft. Abbildung lässt darüber hinaus erkennen, dass die künftige Entwicklung im historischen Vergleich keineswegs besonders ungewöhnlich ist: In der Vergangenheit lag die demo grafi sche Gesamtbelastungsquote zumeist um die Prozent; atypisch ist somit nicht das künftige Niveau der Belastungsquote, atypisch sind eher die günstigen Werte in den er Jahren. Allerdings darf nicht verschwiegen werden, dass für Kinder primär im Rahmen der Familie (privater Konsum), für Pensionist|inn|en hingegen überwiegend kollektiv (Zwangsabgaben) vorgesorgt wird, und dass Kinder eher »billiger« sind als Pensio nis t|in n|en. Für die reale Belastung (der jeweiligen Produktion durch den Konsum der »Un pro duk tiven«) spielt das allerdings keine Rolle. Zweitens führt die isoliert demografi sche Argumentation insofern in die Irre, als die Belastung nicht aus dem Kriterium »Alter«, sondern aus dem Kriterium »Nicht-Arbeiten« entsteht. Infolge der ungünstigen Arbeitsmarktlage sind derzeit eine Viertel Million Men- Von auf , Prozent bei einem Pensionsantrittsalter von Jahren, von Prozent auf Prozent bei einem Pensionsalter von Jahren. Der Einwand darf allerdings nicht überschätzt werden: Die volkswirtschaftliche Belastung muss die Ausbildungskosten berücksichtigen – von den - bis -Jährigen hat mehr als die Hälfte Fach - schul- oder höhere Ausbildung, die zum erheblichen Teil von der öff entlichen Hand getragen wird. Auch sind »Alte« insofern »billiger« als Erwerbstätige, als die Pensionen i. d. R. unter den Aktiv einkom men liegen. Abbildung : Demografi sche Belastung aus längerfristiger Perspektive Quelle: Statistik Austria , Tab. ., .
112 I. Zeitschrift für Ökonomie schen arbeitslos, und die Erwerbsquote der über -Jährigen liegt mit bloß Prozent weit unter der der - bis -Jährigen ( Prozent); rund . von ihnen sind arbeitslos, an die . in Frühpension. Unter der Annahme, dass die Arbeitslosenquote der unter -Jährigen zu zwei Drittel auf die schlechte Arbeitsmarktlage zurückgeht und die Er werbsquote der - bis -Jährigen bei günstigerer Arbeitsmarktlage Prozent erreichen könnte (was etwa den gegenwärtigen Quoten in Skandinavien entspricht), ergibt das rund eine Mil lion Menschen, die in Österreich derzeit über die demografi sch bedingte Quote hinaus »erhal ten« werden müssen; zu der demografi schen Gesamtbelastungsquote von Prozent müsste daher eine »Arbeitsmarktbelastungsquote« von Prozent hinzugezählt werden (Tabel le ), was Pro zent ergeben würde. Diese Kennziff er macht jedoch wenig Sinn, weil sie die »Erhalte nen« auf die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter bezieht (die bloß zum Teil beschäftigt ist); bezogen auf das Arbeitspotential (»Erhalter|innen«) gemäß obiger Schätzung - bis -Jährige minus zwei Drittel der Arbeitslosen unter minus Frühpensionist|inn|en ( Prozent Erwerbsquote der - bis -Jährigen). Tabelle : Demografi sche und volkswirtschaftliche Belastung 2000 2050 in Tsd. (0) Gesamtbevölkerung 8.110 8.214 Demografi sche Alterbelastung (1) 20- bis 65-Jährige 5.010 4.402 (2) über 65-Jährige 1.256 2.339 Demografi sc he Alte rsb elastung squote (2 ) / (1 ) 25 % 53 % Demografi sche Gesamtbelastung (1) 20- bis 65-Jährige 5.010 4.402 (3) 0- bis 20- und über 65-Jährige 3.100 3.812 Demografi sche G es amtbelastung squote ( 3 ) / (1) 62 % 87 % Arbeitsmarkt-Belastung (4) Arbeitslose unter 50 Jahre 184 64 (5) »Frühpensionisten«*788 468 Arbeitsmarkt-Belastungsquote (4+5 ) / (1) 19 % 12 % Volkswirtschaftliche Gesamtbelastung (6) »Erhalter« (1) – (4+5) 4.038 3.870 (7) »zu Erhaltende« (0) – (6) 4.072 4.344 Volk swir t schaf tliche G es amtbelastung squote ( 7) / ( 6 ) 101 % 112 % * Nicht-Erwerbstätige - bis -Jährige Quelle: Statistik Austria (), Tab. ., Wifo-Datenbank (eigene Berechnungen)
Gunther Tichy: Altern ist Leben – Ist es auch fi nanzierbar? 113 ergibt sich schon für das Jahr eine volkswirtschaftliche Gesamtbelastungsquote von Prozent, das Vierfache der demografi schen Altersbelastungsquote. Die Abschätzung der künftigen Entwicklung muss zwangsläufi g von der Bevöl ke rungsprognose und Annahmen über Erwerbs- und Arbeitslosenquoten ausgehen. Der für diese Überlegungen relevante Teil der Bevölkerungsprognose ist relativ unproblematisch, da der größte Teil der Bevölkerung, die im erwerbsfähigen Alter sein wird, sowie alle dann »Alten« schon jetzt existieren: Gemäß der mittleren Variante der Prognose wird die Bevölke rung im erwerbsfähigen Alter um rund eine halbe Million kleiner sein, und es kann daher angenommen werden, dass der Arbeitsmarkt eher angespannt sein wird. Unter den obigen Annahmen über das Arbeitskräftepotential bei guter Arbeitsmarktlage wird die Arbeitslosigkeit um rund . niedriger und die Erwerbstätigkeit der - bis -Jäh- rigen um . höher sein (Erwerbsquote Prozent); rund . Menschen werden somit von den »Erhaltenen« zu den »Erhalter|inne|n« wechseln, was sich auf die volkswirtschaftliche Gesamtbelastungsquote doppelt auswirkt: Sie steigt demgemäss bloß von Prozent auf Prozent, wesentlich schwächer, als die isoliert demografi sche Alternsdiskussion erwarten ließe. . Wachstum vergrößert die Verteilungsmasse Die gegenwärtige Pensionsdebatte vernachlässigt bei ihrer Bewertung der künftigen Belastung neben der (partiell) kompensierenden Abnahme der Jugendlichen, Arbeitslosen und Frühpensionist|inn|en drittens die Entwicklung der Einkommen und der Produktivität. Zwar wird die geringere Zahl der Arbeitenden Gesamtproduktion und -einkommen tendenziell langsamer wachsen lassen, doch wird das in seiner Wirkung auf die Pro-Kopf-Einkommen durch die Beschäftigung von bisher off en oder versteckt Arbeitslosen und die steigende Arbeitsproduktivität überkompensiert. Selbst in der Periode – , bei keineswegs überbordender Konjunktur, stieg die gesamtwirtschaftliche Arbeitsproduktivität (BIP je Erwerbstätigem/Erwerbstätiger) um , Prozent pro Jahr, und das reale Bruttoinlands pro - dukt (BIP) wuchs trotz erheblicher Unterbeschäftigung um zwei Prozent p. a. In Zu kunft wird die Arbeitsproduktivität eher rascher zunehmen: Infolge des künftigen Arbeits kräftemangels, der zu verstärkter Rationalisierung zwingt, aber auch, weil die in den Arbeitsmarkt Ein tretenden besser ausgebildet sind als die Ausscheidenden und ihnen ein größerer Kapitalbestand (in Form von Maschinen wie Infrastruktur) zur Verfügung steht. Das ist keineswegs ein neuer Gedanke: Bütler and Kirchsteiger haben auf dieses Problem hingewiesen und in einem theoretischen Modell die Frage beantwortet, wie viel technischer Fortschritt (und damit letztlich auch Wirtschaftswachstum) zur Finanzierung der demografi schen Belastung erforderlich ist (vgl. Bütler/Kirchsteiger ). Der Autor selbst hat die österreichische Debatte schon , und – erfolglos – in diese Richtung zu lenken versucht (vgl. Tichy , und b).
114 I. Zeitschrift für Ökonomie Geht man von einem ,-prozentigen Produktivitätswachstum und – infolge des zu erwartenden Arbeitskräftemangels – von den in Abschnitt . beschriebenen Annahmen über die Zahl der Erwerbstätigen aus, wird das reale BIP pro Kopf mit . € um Prozent über dem von liegen (siehe Tabelle ); jede|r Bürger|in, ob alt oder jung, kann daher ein um Prozent höheres Einkommen haben. Selbst wenn man – pessimistisch – von einer Verlangsamung des Produktivitätswachstums auf bloß ein Prozent ausgeht, werden die Pro-Kopf-Einkommen noch immer um mehr als die Hälfte höher sein als heute. Die Bevölkerung wird unter diesen Annahmen daher mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht bloß vollbeschäftigt, sondern auch wohlhabender sein. Wie der Einkommenszuwachs zwischen den Bevölkerungsgruppen und Einkommenskategorien allerdings aufgeteilt wird, bleibt auszuhandeln; dabei können die Einen oder die Anderen leer ausgehen. Soll die Einkommensrelation von Beschäftigten zu Pensionist|inn|en ceteris paribus gleich bleiben, müssen die Beitragssätze zur Pensionsversicherung natürlich erhöht werden. Allerdings können auch dann beide Gruppen besser leben als heute: da das BIP erheblich höher sein wird, bleibt auch bei höherer Belastung netto mehr übrig. Es gibt keinen Grund für die Befürchtung, dass der Lebensstandard der »Jungen« oder der »Alten« sinken müsse; ganz im Gegenteil. Aus der Tatsache, dass wachstumsbedingt »Alte« wie »Junge« auch bei steigender Belastungsquote besser leben können, darf nicht geschlossen werden, dass man sich Reformen ersparen könnte. So gehen schon die obigen Schätzungen von einem Pensionsantrittsalter von Jahren aus; weiters impliziert ein höheres Netto-Einkommen für alle Gruppen höhere Beitragssätze und/oder eine Ausweitung der Beitragsgrundlage auch auf Nicht- Arbeits einkommen, bzw. – wie in Skandinavien – höhere Verbrauchssteuern. Höhere Belas - tung wird in der politischen Diskussion zumeist als äußerst problematisch hingestellt, doch zeigen Umfragen mit großer Deutlichkeit, dass die Bevölkerung den Wert der Sozial versiche rung so hoch einschätzt, dass sie Beitragserhöhungen durchaus – wenn auch ungern – akzep tiert (siehe Abschnitt ). . Hilft »Ansparen« auf die kommende Belastung? Eine Erhöhung der Beitragsgrundlagen oder -sätze bedeutet allerdings, dass die Belastung aus der geänderten Altersverteilung von den jeweils Arbeitenden getragen werden muss, und das wird in der öff entlichen Debatte vielfach als ungerechte Belastung der künftigen Auf Grund von ökonometrischen Schätzungen kommt der Internationale Währungsfonds () zu durchaus ähnlichen Ergebnissen. Die »Unfi nanzierbarkeit« der Pensionen ist kein Naturgesetz; es geht um die Aufteilung des künftig höheren Einkommens zwischen Firmen (Kapitalbesitzer|inne|n), Beschäftigten und Pensionist|inn|en, bzw. zwischen Reich und Arm. Das ist deswegen plausibel, weil die stärkere Anspannung des Arbeitsmarkts die Früh pensio nie rungen stark reduzieren wird und bis auch das Pensionsantrittsalter der Frauen angeglichen sein wird.
Gunther Tichy: Altern ist Leben – Ist es auch fi nanzierbar? 121 wenigstens in Form von Firmenpensionen für besser Verdienende eine nicht unerhebliche Rolle spielten. Mit deren zügigem Abbau bzw. dem Umbau der so genannten zweiten Säule auf Pensionskassen (= Beitragsorientierung, DC) werden Zinswie Altersrisiko zunehmend auf die Versicherten verlagert. Diese Verlagerung, durch die Pensionist|inn|en zu einem »gesamtwirtschaftlichen Risiko-Stoßdämpfer« werden, besorgt inzwischen selbst den Internatio nalen Währungsfonds (), der nicht bloß bessere Aufklärung der Bürger|innen über die Risiken verlangt, sondern den Staaten auch empfi ehlt, für die Altersicherung besser geeig nete Anlageformen zu schaff en. Eine Tendenz, Risiken auf die Pensionist|inn|en abzu wälzen, zeigt sich in den zunehmenden Versuchen, DC-Elemente in Form von »persönlichen Konten« in das Umlageverfahren einzubauen (notional defi ned contribution, NDC), wie das in Schweden bereits erfolgt ist (vgl. Williamson ) und womit auch anderswo, darunter in Österreich, experimentiert wird. Dabei wird eine virtuelle Beziehung zwischen Einzahlungen und Anwartschaft hergestellt; wieweit dabei die Vorteile des Umlageverfahrens erhalten bleiben bzw. Risiken auf die Versicherten abgewälzt werden, hängt von der spezifi schen Ausgestaltung ab, vor allem der Art der Verzinsung (Lohnsummen-, Infl ations- oder Kapitalmarktzins-abhängig) und der Höhe der (eventuellen) Mindestpension. Abschließend muss noch ein zentraler ordnungspolitischer Vorteil der Umlage fi nanzierung erwähnt werden: Schon zu Beginn dieses Abschnitts wurde darauf hingewiesen, dass der Kapitalstock bei einem Kapitalstockverfahren rund das Dreifache des BIP ausmachen und somit etwa dem gesamten Kapitalbestand der Volkswirtschaft entsprechen würde. Eine solche enorme Kapitalakkumulation müsste zwangsläufi g zu der für die USA typischen Dominanz der Kapitalinteressen und zu der problematischen Steuerung der gesamten Wirtschaft über den Kapitalmarkt führen. Die europäische Diskussion um die Finanzierung des eigenen Sozialsystems übersieht, dass sich auch das US-amerikanische in – wenn auch anderen – Schwierigkeiten befi ndet. Dort gab es immer schon drei Säulen, von denen die Sozialversicherung – entgegen landläufi ger Meinung – die bedeutendste ist: Diese Säule trägt zu Prozent zu den Einkommen der über -Jährigen bei, Kapitalerträge zu Prozent, Firmen- und Staatspensionen zu je neun Prozent und Arbeitseinkünfte zu Prozent, was bei einer Sozialversicherungsrente, die im Durchschnitt bloß rund US-$ pro Monat ausmacht, nicht weiter verwunderlich ist (vgl. Munnell et al. ); die Sozialversicherung erzielt derzeit Überschüsse und erwartet Defi zite frühestens in einigen Jahrzehnten (vgl. knowledge@wharton ). Die zweite Säule verliert an Bedeutung: die Zahl der Firmen, die betriebliche Altersvorsorge anbieten, ist in den letzten Jahren dramatisch geschrumpft, und die verbleibenden sind von Renten auf Sparpläne umgestiegen (vgl. Clark/Mitchell ), wodurch ein Großteil der Risiken auf die Versicherten verlagert wurde; der Rückzug der Firmen hat die staatliche PBGC (die die Firmenpensionen absichert) in erhebliche Finanzierungsprobleme gebracht (vgl. knowledge@wharton ; Mitchell o. J.). Die dritte Säule, das individuelle Sparen, reicht vor allem bei den Ärmeren nicht aus, den Lebensstandard angemessen aufrecht zu erhalten (vgl. Mitchell ). Etwa infl ationsindexierte Staatsanleihen oder »Langlebigkeits-Bonds«, deren Auszahlungssumme bei geringerer Sterblichkeit steigt. Die Steuerung des US-amerikanischen Wirtschaftssystems erfolgt ausschließlich durch den Kapital markt, also letztlich durch die von Finanzintermediären vertretenen Aktionärinnen- und Aktionärs interessen (»shareholder value«). Selbst die Unternehmer|innen und Manager|innen haben unter
122 I. Zeitschrift für Ökonomie . Die Erwartungen der Betroff enen Die Analyse zeigt, dass die Finanzierung guter, verglichen zu heute sogar besserer Lebensqualität im Alter auch unter der künftigen demografi schen Struktur möglich ist; die Vertei lung des künftigen Produktionsvolumens auf Arbeitende und Ruheständler|innen bedarf allerdings einer Anpassung durch Verbreiterung der Finanzierungsbasis, Erhöhung der Beitragszahlungen, Erhöhung des Pensionsantrittsalters oder Senkung der Ersatzquote. Das höhere Brutto-Nationalprodukt macht es bei fairer Lösung des Aufteilungsproblems dennoch möglich, alle Beteiligten in Zukunft auch netto besser zu stellen als heute. Die neokonservative Ideologie setzt jedoch auf einen Abbau des Sozialstaats und eine Ablösung des Umlageprinzips durch zumindest teilweise Fundierung und Privatisierung der Altersversorgung (vgl. Kotlikoff ). Sie erkennt nicht, dass der Sozialstaat die Verunsicherung der Bürger abbaut, die in einer Periode raschen Wandels ohnedies groß ist (vgl. Tichy a, b), und damit das Wohlbefi nden der Bürger|innen – über die bloß physische Absicherung hinaus – erhöht; damit schaff t der Sozialstaat zugleich wichtige Voraus set zun gen für eine produktivitätssteigernde Spezialisierung der Arbeitskräfte (vgl. Tichy , Auer et al. ) und für sozialen Frieden. Wie aber sehen die Bürger|innen die Zukunft der Alterssicherung? Was wollen sie? Die Europäer|innen haben – anders als die US-Amerikaner|innen – ein hohes Interesse an Umverteilung und sozialer Absicherung, und ihr Bedarf danach steigt mit steigendem Einkommen weiter (vgl. Botero et al. ). In einer Spezial-Eurobarometer Umfrage aus dem Jahr (vgl. Ferrera ) bekannte sich eine überwiegende Mehrheit der befrag ten EU-Bürger|innen zur Beibehaltung des Sozialstaats in seiner gegenwärtigen Form, auch um den Preis höherer Beiträge oder Steuern; die Zufriedenheit mit der gegenwärtigen Form der sozialen Absicherung erwies sich in den nordischen Staaten größer als im Süden, wo – diesen Voraussetzungen bloß beschränkten Entscheidungsspielraum – sie müssen sich so verhalten, dass der Kurs ihrer Aktien steigt, damit die Fonds ihre Aktien kaufen –, vom mangelnden Einfl uss der sonstigen stakeholder nicht zu reden. Das System erzwingt sogar deren schwache Stellung: Denn auf jede Bedrohung des Umsatzes oder Gewinns – welchen Ursprungs auch immer – muss der/die Unternehmer|in/Manager|in sofort reagieren, um den Aktienkurs halten zu können. Mangels anderer Alternativen kann die Reaktion bloß in Entlassungen liegen (vgl. Tichy c); ein voll fl exibler Arbeitsmarkt, unsichere Arbeitsplätze und Mangel an Mitbestimmung sind daher mit dem System der Kapitalmarktsteuerung zwangsläufi g und untrennbar verbunden. Es überrascht daher wenig, dass nur Prozent der Österreicher|innen die jüngste Pensionsreform als Sicherung der Pensionen einschätzen, Prozent hingegen als reine »Geldbeschaff ungsaktion«. Am ehesten sehen Selbständige ( Prozent) und über -Jährige die Reform als Zukunftssicherung, doch sind die Unterschiede zu den unter -Jährigen ( Prozent) kleiner als zumeist angenommen (vgl. Palme ). Der Sozialstaat dient der »universal reduction in the uncertainty faced by individuals« (Havemann ). »Here the results are clear: richer countries have more extensive social security protection in all areas, including old age, disability and death, sickness, and unemployment.« (Botero et al. : ) .
Gunther Tichy: Altern ist Leben – Ist es auch fi nanzierbar? 123 zu Recht – eher Reformbedarf gesehen wird (ebd.: ). Die EU-weite Evidenz des Spezial- Eurobarometers wird durch eine neuere Umfrage (März ) in Frankreich, Italien, Spanien sowie (getrennt) in Ost- und Westdeutschland (je . Personen) voll bestätigt (vgl. Boeri et al. ): Abermals wünscht die überwiegende Mehrzahl der Befragten keine Reduktion des Sozialstaats und wäre sogar bereit, für Sozialleistungen mehr zu bezah len (ebd.: ). Auch zwei Drittel (GfK ) bis vier Fünftel (vgl. Palme ) der Öster reiche - r|innen sehen den Sozialstaat als sehr wichtig an, Selbständige sogar in überdurch schnittlichem Maße; von den einzelnen sozialen Bereichen halten Prozent das Pensions wesen für sehr wichtig oder wichtig – nach dem Gesundheitswesen ( Prozent), dem Schulwesen ( Pro zent) und der Pfl egesicherung ( Prozent), und zwar weitgehend unabhängig vom Alter (ebd.). Pro zent der Österreicher|innen sind mit der Entwicklung des Sozialstaats sehr zufrieden oder zufrieden, drei Viertel sehen das Pensionssystem allerdings bedroht, und zwar die Jüngeren stärker (bis Jahre Prozent) als die Älteren (über Jahre Prozent) (vgl. ebd.). Eine EU-weite Umfrage im Herbst (European Research Group : Ques tion . und Question .) bestätigt den nachhaltigen Wunsch nach staatlicher Sicherung des Alters: Drei Viertel der Österreicher|innen wie der EU-Bürger|innen befürworten einen Zwang zur Pensionsversicherung, rund Prozent wollen – weitgehend unabhängig vom Alter – ein Pensionssystem, das die Beibehaltung eines adäquaten Lebensstandards ermög - licht (ebd.: Question .); gleichfalls Prozent der Österreicher|innen (und sogar Prozent der EU-Bürger|innen) verlangen eine garantierte Mindestpension (ebd.: Question .). Für die von der Politik forcierten Pensionskonten (notional defi ned contribution, NDC) treten bloß Prozent der Österreicher|innen ( Prozent der EU-Bürger|innen) ein, in Verbindung mit einer staatlichen Mindestpension jedoch Prozent ( Prozent). Aussteigen aus dem Pensionsversicherungssystem (»opting out«) möchte nur ein kleiner Teil (Boeri et al. : f.), obwohl die Mehrzahl eine Krise des Pensionssystems erwartet (ebd.: ). Was die Pensionshöhe betriff t, betrachten Prozent der berufstätigen Österreicher|innen (EU Prozent) bis Prozent ihres Aktiv-Nettoeinkommens als ausreichend, knapp Prozent ( Prozent) wollen jedoch mehr (Spezial-Eurobarometer .: Question ), wobei sich vor allem Akademiker|innen und Angestellte sowie Männer als überdurchschnittlich anspruchsvoll erweisen. Sie glauben, das auch zu bekommen, denn zwei Drittel aller berufstätigen Österreicher|innen ( Prozent EU) erwarten in der Pension keine fi nanziellen Probleme (ebd.: Question ); dem entspricht, dass Prozent aller Österreicher|innen (EU Mit der Regierung sind bloß Prozent zufrieden. Das ist keineswegs irrational: Schon vor zwei Jahrzehnten hat Katzenstein (: ) darauf hingewiesen, dass höhere Risiken einen Bedarf an staatlichen Absicherungsstrategien auslösen, und Rodrik () wie Agell () haben das jüngst empirisch bestätigt. Rodrik konnte auch nachweisen, dass diese Absicherungsstrategien in der von ihm untersuchten Ländern signifi kant stabilisierend wirkten. Soziale Absicherung hilft somit nicht bloß dem Einzelnen, sie ist auch gesamtwirtschaftlich produktiv – nicht kontraproduktiv, wie die herrschende Wirtschaftspolitik behauptet –, von ihren positiven gesellschaftlichen Folgen ganz abgesehen. Genauer: der »non-pensioners«.
124 I. Zeitschrift für Ökonomie Prozent) ihren gegenwärtigen Lebensstandard tatsächlich als zumindest durchschnitt - lich empfi nden, mit relativ geringen Unterschieden zwischen Berufstätigen und Pensio nist|inn|en; zwei Drittel der Pensionist|inn|en erwarten keine Verschlechterung in den kommenden fünf bis zehn Jahren (ebd.: Question ). Sollte es jedoch Probleme geben, ziehen zwei Drittel der Österreicher|innen wie der EU-Bürger|innen (drei Viertel der Pensio nist|inn|en) höhere Beiträge einer Kürzung der Pensionen vor (ebd.: Question .). Aus neokonservativer Sicht mögen diese Vorstellungen der Bürger|innen naiv, als Verdrängung der drohenden Finanzierungsprobleme erscheinen, und sie widersprechen den Elaboraten einer aufgeregten Medienszene (vgl. Tichy b) ebenso wie den Behauptungen und Aktionen der Politik der meisten Staaten; mit den Schätzungen im ersten Abschnitt dieser Arbeit ist der Optimismus der Befragten jedoch keineswegs inkompatibel. Etwas anders erweist sich die Lage bezüglich des Pensionsantrittsalters. Zwar werden die Beschäftigten derzeit i. a. etwas früher in Pension geschickt als sie intendieren – in Öster - reich mit , statt mit den von den Bürger|inne|n präferierten Jahren (EU , statt ,), doch im Allgemeinen will man in der EU derzeit nicht nennenswert länger arbeiten als bis zum . Lebensjahr. Bloß ein knappes Viertel der österreichischen wie der EU-Bür - ge r|innen würde einer Heraufsetzung des Pensionsantrittsalters deutlich und ein weiteres Zehntel zögernd zustimmen (ebd.: Question .). Allerdings mag das z.T. an der ungeschickten Fragestellung liegen, da – anders als bei der Beitragserhöhung – nicht nach der Alternative Pensionskürzung versus Beitragserhöhung gefragt wurde. Vor allem die Österreicher|innen ( Prozent gegen Prozent im EU-Durchschnitt) erwarten gemäß einer früheren Umfrage (European Research Group : Question ), dass das Pensions antrittsalter in den nächsten fünf bis zehn Jahren steigen wird; allerdings liegt es hierzulande auch besonders niedrig. Drei Viertel der Österreicher|innen wären bereit, zur Sicherung des Umlageverfahrens länger zu arbeiten (Zöchling : ), doch gibt es auch hier keine Angaben, wie lange. Insgesamt bleibt der Eindruck, dass es gegen eine Erhöhung des Antrittsalters über das Alter von Jahren hinaus derzeit doch einen gewissen Widerstand gibt. Das entspricht auch den Ergebnissen der Armutsforschung (vgl. Tichy a). Die Bereitschaft zu Eigenleistungen ist in Österreich für Pensionen ( Prozent der Befragten) merklich höher als für Hochschulgebühren ( Prozent) oder Selbstbehalte im Gesundheitswesen (vgl. Palme ). Gegen Beitragserhöhungen wendet sich vor allem die Wirtschaft, die daran anteilsmäßig beteiligt ist. Die Spanne reicht von und Jahren in Dänemark und Spanien, bis zu und Jahren in Belgien und Luxemburg. Gefragt wurde nach der Zustimmung zu dem Vorschlag: »Th e age of retirement should be raised so that people work longer and therefore spend less time in retirement«. Sechs Prozent ( Prozent) glauben, dass es gleich bleiben wird, Prozent ( Prozent) erwarten eine Senkung.
Gunther Tichy: Altern ist Leben – Ist es auch fi nanzierbar? 125 . Elemente einer Reform Eine nachhaltige Pensionsreform wird davon ausgehen müssen, dass die Gruppe der Pensio nist|inn|en in Zukunft noch erheblich stärker diff erenziert sein wird als heute. Einer der Gründe dafür ist die steigende Lebenserwartung: Noch in den er Jahren ging man – wie Abbildung zeigt – mit Jahren in Pension und starb mit Jahren; schon rein altersmäßig war die Gruppe der Ruheständler|innen somit recht homogen. Wenn die Lebenserwartung im Jahr auf etwa Jahre geschätzt wird, verdoppelt sich die Altersspanne der Pensionist|inn|en selbst bei Erhöhung des Pensionsantrittsalters auf etwa Jahre. Die Pensionist|inn|en werden dann altersmäßig gleichermaßen diff erenziert sein wie die Gruppe der Jugendlichen zwischen zehn und Jahren. Das bedeutet, dass sie sich auch physisch und psychisch erheblich stärker unterscheiden werden als heute, unterschiedlich aktiv und unterschiedlich bereit und fähig zu arbeiten. * Die Daten der Übersicht wurden von Statistik Austria mittels Erwerbsquoten berechnet; das Ergebnis ist konsistent mit den von Guger und Mayrhuber (: ) angegebenen Werten des Pensionsantrittsalters von , () bzw. , () Jahren. Quelle: – Statistik Austria, berechnet mittels Erwerbsquoten, Unter- bzw. Obergrenze von »Arbeitsleben« bei Prozent bzw. Prozent der Erwerbsquote; Obergrenze von Ruhestand: Lebenserwartung bei der Geburt. –: Annahmen des Autors gemäß Abschnitt . Abbildung : Länge der einzelnen Lebensphasen* Überdies wird sich ihre materielle Lage aus verschiedenen Gründen stärker diff erenzieren: Die problematische Arbeitsmarktlage der jüngeren Vergangenheit, die wohl noch einige Zeit anhalten wird, wird für manche eher unzureichende Pensionen bedeuten; Arbeit nehmer|innen mit höherem Einkommen und kontinuierlichen Erwerbskarrieren werden ihre ohnedies höheren Pensionen durch zusätzliche Ersparnisse aufbessern können. Vor allem aber darf nicht übersehen werden, dass etliche – als Folge der höheren Lebenserwartung ihrer Vorfahren – erst im Ruhestand oder knapp zuvor deren Vermögen erben werden. Für eine Pensionsreform bedeutet die zunehmende Diff erenzierung der Gruppe der Pensionist|inn|en zweierlei: Erstens, dass das Antrittsalter variabel gestaltet werden sollte,
126 I. Zeitschrift für Ökonomie mit entsprechenden Zu- und Abschlägen betreff end die Höhe der Pension oder auch betref - fend die Höhe der Beiträge. Zweitens, dass das Steuersystem auf die neue materielle Diff erenzierung im Alter reagieren muss, indem Erbschaften und Kapitalerträge stärker besteu ert werden; denn das – und nicht so sehr eine Kürzung der Normalpensionen – ent spräche der von den Bürger|inne|n so sehr gewünschten fairen Heranziehung der »Alten« zur Intergenerationenverteilung, da die Besteuerung in die Periode der gütermäßigen Belas tung fällt. Zusätzlich zu der Berücksichtigung der markanten Diff erenzierung der Struktur und der Leistungsfähigkeit der kommenden Pensionist|inn|engeneration wird eine nachhal tige Reform zweitens zwischen den verschiedenen »Umverteilungstöpfen« umschichten müssen. Die Analyse hat klar gezeigt, dass in Zukunft weniger Kinder, Arbeitslose und Früh pensionist|inn|en erhalten werden müssen, aber mehr Pensionist|inn|en. Das bedeutet, dass ceteris paribus weniger Mittel für Familienförderung und Arbeitslosenunterstützung benötigt werden, mehr hingegen für Altersversorgung. Die wohl unvermeidlichen Beitragserhöhungen im Bereich der Altersicherung können daher durch Beitragssenkungen in den anderen Bereichen zumindest teilweise kompensiert werden. Drittens sollte sich die Politik – aber auch die wissenschaftliche Literatur – über die vieldiskutierte Verteilungsgerechtigkeit zwischen den Generationen hinaus doch sehr viel intensiver mit der Verteilungsgerechtigkeit innerhalb der jeweiligen Generation beschäftigen. Das Problem geht natürlich über die Frage der Altersfi nanzierung weit hinaus, sodass hier bloß die dafür relevanten Aspekte erwähnt werden können. Das betriff t vor allem die Kon zentration auf die Arbeitseinkommen als Finanzierungsbasis, die über die Verteilungs problematik hinaus auch das Problem einer Verteuerung des Produktionsfaktors Arbeit bedeutet. Es betriff t weiters die unterschiedliche Besteuerung der Alterseinkommen (Pension, Kapitaleinkommen, Erbschaften), die de facto-Benachteiligung von Frauen und die Gleich behandlung von Personen mit und ohne Kinder. Es muss allerdings nochmals darauf hingewiesen Prozent der Befragten halten es für ungerecht, »dass die heutigen Pensionisten mit hoher Pen sion keinen Solidarbeitrag leisten müssen.« (vgl. Palme ) Da es schwer fällt, die fast völlige Vernachlässigung dieser Frage durch die öff entliche – und wissen schaftliche – Diskussion dem Zufall zuzuschreiben, liegt eine ideologische Erklärung nahe: Dem neokonservativen Mainstream geht es – angebotstheoretisch – primär nicht so sehr um Generationengerechtigkeit sondern vielmehr um Kapitalbildung und Stärkung der Finanzmärkte. Zwar tragen Singles und Ehepaare ohne Kinder im Wege des Familienlastenausgleichs zur Finan - zierung der Kosten der Kinder bei; sie können sich aber auch intensiver um ihre Karriere kümmern, sind dem gemäß weniger häufi g arbeitslos und erleiden weniger Unterbrechungen ihres Berufs lebens. Dem zufolge haben sie nicht bloß höhere Einkommen (und geringere Ausgaben), sondern auch höhere Pensionen. Kinderlose müssen aber gütermäßig genau so wie Eltern von einer künftigen Generation versorgt werden; insofern sollte intensiver diskutiert werden, wie weit sie auch durch höhere Pensionsbeiträge zu einer fairen Verteilung innerhalb und zwischen den Generationen beitragen könnten. In Deutschland hat das Bundesverfassungsgericht gleiche Beitragssätze für Personen mit und ohne Kinder (in der Pfl egeversicherung) als mit dem Gleichheitsgrundsatz unvereinbar abgelehnt. In Österreich stellte ein Institut der Wirtschaftskammer einen derartigen Vorschlag zur Diskussion; die Wirtschaftskammer distanzierte sich jedoch sogleich davon, und Gewerkschaftsvertreter|innen
Gunther Tichy: Altern ist Leben – Ist es auch fi nanzierbar? 127 werden, dass Umverteilung (i. w. S.) nur zur Linderung des fi nanziellen, nicht aber zu der des – in diesem Beitrag für wichtiger gehaltenen – realen Pensionsproblems beitragen kann. Ein viertes, eher problematisches, aber überaus wichtiges Element einer nachhaltigen Pensionsreform ist die Erhöhung des Pensionsantrittsalters, problematisch deswegen, weil die Umfragen derzeit vermuten lassen, dass die Bürger|innen eher zu einer Erhöhung der Beiträge bereit wären. Drei Gründe sprechen dennoch dafür, sich mit dieser Frage ernsthaft zu beschäftigen: Erstens, dass – wie bereits erwähnt – die Fragestellung des Eurobarometers in diesem Punkt besonders ungeschickt war und das Ergebnis daher nicht verlässlich ist. Zweitens, dass auf diesem Gebiet Ansteckungseff ekte eine besondere Rolle spielen: Wenn die Bekannten aus derselben Altersgruppe, Schulkollegen etc. bereits alle in Pension sind, wenn man sich am Arbeitsplatz geradezu als Fossil fühlt und die Vorstellungen der Jün geren gemeinsam mit dem technischen und organisatorischen Fortschritt zu anderen Arbeitsabläufen führen, steigert das sicherlich das Bedürfnis aufzuhören. Drittens ist das Pensionsantrittsalter – vor allem in Österreich – besonders niedrig: Gerade noch die Hälfte der - bis -Jährigen und ein Achtel der - bis -Jährigen stand noch in Arbeit, gegenüber zwei Drittel der - bis -jährigen Norweger|innen, Schweizer|innen und Schwed|inn|en und immerhin zwei Fünftel der US-Amerikaner|innen und Dän|inn|en. Längere Beschäftigung wäre jedoch eine besonders effi ziente Lösung des Pensionsdilemmas, da sie die fi nanziellen wie die realen Probleme zugleich lösen könnte; sie ist daher der von den Bürger|inne|n in den Umfragen off enbar präferierten Beitragserhöhung gesamtwirtschaftlich und gesamtgesellschaftlich weitaus vorzuziehen: Der Bedarf an Arbeitskräften wird durch die Schrumpfung der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter um rund ein Siebentel drängend sein (Tichy : f.), und eine Hinaufsetzung des Pensionsantrittsalters um ein Jahr ermöglicht es, die Beiträge um , Prozentpunkte weniger stark zu erhöhen. Allerdings bedarf eine solche Lösung eines umfangreichen Begleitprogramms der betrieblichen und überbetrieblichen Schulung und Weiterbildung und einer laufenden Anpassung der Qualifi kation auch der älteren Arbeitskräfte an die sich wandelnden Bedürfnisse. Literatur Agell, Jonas (): On the Benefi ts of Rigid Labour Markets: Norms, Market Failures, and Social Insurance, in: Economic Journal, Jg. , S. – Alier, Max/Vittas Dimitri (): Personal Pension Plans and Stock Market Volatility, in: Robert Holzmann/Joseph E. Stiglitz (Hg.), New Ideas About Old Age Security, Washington: Th e World Bank, S. – betonten, dass man die Kinderlosen nicht »bestrafen« dürfe, eine Reaktion, die an der Fairness-Proble- matik vorbeigeht. Dazu mag die Angst kommen, früher oder später gekündigt zu werden, was psychologisch schlim mer ist als ein selbstbestimmter Pensionsantritt, oder der Vorwurf, einem/einer Jungen den Arbeitsplatz wegzunehmen.
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