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Unverändert und doch anders? Das Publikationsverhalten in der Volkswirtschaftslehre im Kontext von Open Access und Rankings

Biesenbender, Kristin

Abstract

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Full text

Biesenbender, Kristin Doctoral Thesis Unverändert und doch anders? Das Publikationsverhalten in der Volkswirtschaftslehre im Kontext von Open Access und Rankings Suggested Citation: Biesenbender, Kristin (2025) : Unverändert und doch anders? Das Publikationsverhalten in der Volkswirtschaftslehre im Kontext von Open Access und Rankings, Staatsund Universitätsbibliothek Hamburg Carl von Ossietzky, Hamburg, https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:gbv:18-ediss-128180 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/318872 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. 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DAS PUBLIKATIONSVERHALTEN IN DER VOLKSWIRTSCHAFTSLEHRE IM KONTEXT VON OPEN ACCESS UND RANKINGS Universität Hamburg Fakultät für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften Dissertation Zur Erlangung der Würde einer Doktorin der Wirtschaftsund Sozialwissenschaften Dr. phil. (gemäß der Promotionsordnung vom 18. Januar 2017) vorgelegt von Kristin Biesenbender aus Hamburg Hamburg, 21. April 2025 urn:nbn:de:gbv:18-ediss-128180 Vorsitzende: Prof. Dr. Marianne Saam Erstgutachterin: Prof. Dr. Simone Rödder Zweitgutachterin: Prof. Dr. Isabella Peters Disputation: 16. Dezember 2024 „Was besteht und wirkt, muß einen Grund seines Bestehens und Wirkens haben.“ Gottfried Wilhelm Leibniz Danksagung Mein größter Dank gilt Simone Rödder und Isabella Peters für die vielen wegweisenden und bereichernden Kommentare zu meinem Forschungsvorhaben und die Begleitung während meiner Forschungs(aus)zeiten. Der persönliche und wissenschaftliche Austausch mit ihnen hat mein Interesse an Forschung nachhaltig geweckt und mich motiviert, mit einem Bein in der Wissenschaft zu bleiben. Das Interesse am Publikationsverhalten von Wirtschaftswissenschaftler:innen und den Kontexten, in denen sie publizieren, entstand während meiner täglichen Arbeit als wissenschaftliche Redakteurin des Wirtschaftsdienst an der ZBW – Leibniz-Informationszentrum Wirtschaft. Verstärkt wurde dieses Interesse insbesondere durch meine Fachkollegen Olaf Siegert und Reinhard Blomert, die sich in beruflichen Zusammenhängen intensiv mit den Veränderungen im Wissenschaftssystem beschäftigen und denen ich zu großem Dank verpflichtet bin. Sie haben mich immer wieder auf relevante Themen und Entwicklungen im wissenschaftlichen Publikationssystem aufmerksam gemacht. Der Austausch darüber ist für mich besonders wertvoll und inspirierend. Mein großer Dank gilt Klaus Tochtermann, dem Direktor der ZBW, der mir die Durchführung meines Forschungsvorhabens erst ermöglicht hat. Herzlich danken möchte ich auch Brigitte Preissl, meiner ehemaligen Chefredakteurin, und Marianne Saam, meiner Chefin und Leiterin des Programmbereichs Open Economics in der ZBW, die mich stets unterstützt haben. Danken möchte ich auch meinen Kolleg:innen an der ZBW Juliane Finger, Kirsten Jeude, Henning Manske, Joachim Neubert, Tamara Pianos, Doreen Siegfried, Ralf Toepfer und vielen weiteren, die mich geduldig bei der Erstellung von Datenabfragen unterstützt und mir mit zahlreichen Hinweisen zur Seite gestanden haben. Der Web-Science-Gruppe an der ZBW und den Mitgliedern des Forschungskolloquiums an der Universität Hamburg danke ich für stets konstruktive Anmerkungen zu meinem Forschungsvorhaben. Allen voran danke ich Lena Theiler für die gute gemeinsame Zeit am Grindelberg. Danken möchte ich auch meinen engagierten Interviewpartner:innen für die Bereitschaft zum Nachdenken über das eigene Publikationsverhalten. Meiner Familie danke ich für den Schwanengesang – ihr seid überhaupt ganz tolle Vögel! Zusammenfassung Die Kontexte wissenschaftlichen Publizierens unterliegen einem beständigen Wandel. In den vergangenen 20 Jahren hat die Open-Access-Bewegung, die ihren Ausgangspunkt mit der Deklaration der Budapest Open Access Initiative im Jahr 2002 nahm und im Herbst 2023 zuletzt in die UNESCO Recommendation on Open Science mündete, eine Transformation des wissenschaftlichen Publikationssystems in Gang gesetzt. Die Forderung nach dem freien Zugang zu wissenschaftlichen Forschungsergebnissen hat in Deutschland ihren Ausdruck in der Berliner Erklärung von 2003 gefunden. Ziel der Bewegung ist es, wissenschaftliche Forschung aus allen Bereichen zum Nutzen der Forschenden und der Gesellschaft als Ganzes für alle zugänglich zu machen. Dieser Anspruch trifft auf Praktiken der Forschungsbewertung, die sich auf die Messung von Zitationen, Journal-Impact-Faktoren und Rankings stützen. Auf dieser Basis werden etwa die wissenschaftlichen Leistungen von Forschenden bewertet, obwohl die zugrundeliegenden Metriken vielmehr Aussagen über die Zahl der Zitationen einzelner Publikationen erlauben. Eine angemessene Interpretation oder gar Abschaffung dieser quantitativen Indikatoren, z.B. für Berufungsverfahren, wurde 2012 in der Declaration on Research Assessment (DORA) und 2022 von der CoARA – Coalition for Advancing Research Assessment und vielen anderen wiederholt gefordert. In der wissenschaftlichen Disziplin Volkswirtschaftslehre ist die Orientierung an einer Reputationshierarchie, die Forschenden auf Grundlage von Veröffentlichungen in hochrangigen internationalen Journals Reputation verleiht, stark ausgeprägt. Für eine wissenschaftliche Karriere sind diese Veröffentlichungen maßgeblich, werden doch im Rahmen von Stellenbesetzungsrespektive Berufungsverfahren Forschungsleistungen basierend auf Journal-Impact-Faktoren und Rankings bewertet. In der Volkswirtschaftslehre in Deutschland ist mit der regelmäßigen Veröffentlichung des Handelsblatt-Rankings seit 2005 ein entscheidender Faktor hinzugekommen, der die Bewertung von Forschungsleistungen determiniert. Somit bestehen Anreize für Forschende in der Volkswirtschaftslehre, ihr Publikationsverhalten auf Rankings auszurichten. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob sich das Publikationsverhalten von Forschenden in der Volkswirtschaftslehre im Kontext von Open Access und Rankings verändert hat. Zur Beantwortung der Frage fokussiert sich die Untersuchung auf in der Volkswirtschaftslehre zentrale Publikationsformate wie Journal-Artikel und Working Papers. Dabei gilt es zu beachten, dass einerseits Artikel in hochrangigen wissenschaftlichen Zeitschriften in der Volkswirtschaftslehre eine zentrale Rolle für den Erwerb von Reputation spielen, und andererseits die existierende Working-Paper-Kultur genutzt wird, um wissenschaftliche Erkenntnisse frühzeitig zirkulieren und diskutieren zu lassen. Das Zusammenspiel unterschiedlicher Funktionen von wissenschaftlichen Publikationen wird diesbezüglich analysiert. Verschiedene Ausprägungen des Publikationsverhaltens der Forschenden werden zudem mit Blick auf den Stand der Karriere, den institutionellen Hintergrund sowie die Ausrichtung auf unterschiedliche Paradigmen innerhalb der Volkswirtschaftslehre untersucht. Identifizierte allgemeine Trends im wissenschaftlichen Publikationssystem, wie das Größenwachstum nach Anzahl der Publikationen, eine Internationalisierung, ein Anstieg der Co-Autorenschaft, die Zunahme von Open Access und die Relevanz von Forschungsdaten, werden dahingehend analysiert, ob sie sich auch für die Volkswirtschaftslehre zeigen lassen. Darauf baut die empirische Untersuchung auf, die in einem Mixed-Methods-Ansatz eine quantitative Analyse mit einem qualitativen Verfahren verbindet. Zum einen werden Publikationslisten von Volkswirt:innen in Deutschland analysiert, zum anderen werden Experteninterviews mit Forschenden aus der Volkswirtschaftslehre zu ihrem Publikationsverhalten geführt und ausgewertet. Die Ergebnisse bestätigen, dass im wissenschaftlichen Publikationssystem bestehende Reputationshierarchien in der deutschsprachigen Volkswirtschaftslehre fest verankert sind. Die Relevanz von hochrangigen internationalen Journals als zentrale Publikationsorte für den Reputationserwerb und damit verbundene Chancen für den akademischen Aufstieg zeigen sich in einem ausgeprägt strategischen Publikationsverhalten. Starke Anreize, die von Impact-Faktoren und Rankings für die Bewertung von Forschungsleistungen ausgehen, tragen zu der Erklärung bei, warum Forschende in der Volkswirtschaftslehre sich bei der Wahl von Journals an deren Impact-Faktoren orientieren und weniger daran, ob die Zeitschriften im Open Access erscheinen. Zudem erklärt die in der Volkswirtschaftslehre etablierte Working-Paper-Kultur, warum die Potenziale von Open-Access-Journals, wie die freie Verfügbarkeit der Forschungsergebnisse und damit häufig einhergehende höhere Zitationsraten, weder erkannt noch ausgeschöpft werden. Working Paper ermöglichen den freien Zugang zu Forschungsergebnissen in der Volkswirtschaftslehre und damit auch eine frühzeitige Priorisierung der Erkenntnisse für die Forschenden. Im Hinblick auf die wissenschaftliche Karriere ist es insbesondere für Nachwuchsforschende wichtig, in hochrangigen internationalen Zeitschriften zu publizieren, um mit einem Job-Market-Paper Signale in Richtung des akademischen Arbeitsmarkts zu senden. Auch der institutionelle Hintergrund beeinflusst, wie hoch der Publikationsdruck auf die Forschenden ist. Dabei sind insbesondere Wissenschaftler:innen an außeruniversitären Forschungseinrichtungen und Universitäten mit Blick auf Evaluierungen und die Vergabe von Forschungsmitteln gefordert, ihre Publikationspraxis auf hochrangige referierte Journals auszurichten. Der Blick auf die ökonomische Ausrichtung zeigt, dass es für Forschende abseits des Mainstream Hürden gibt, in hochrangigen Zeitschriften zu publizieren. Ein Größenwachstum nach Anzahl der Publikationen lässt sich in dieser Untersuchung nicht bestätigen. Zwar besteht eine gängige Praxis, dass veröffentlichte Working Paper anschließend auch in Journals publiziert werden. Allerdings trifft das nur für einen Teil der Working Paper zu, denn diese sind in der Volkswirtschaftslehre auch als eigenständige qualitativ hochwertige Publikationen anerkannt. Für den Grad der Internationalisierung lässt sich zeigen, dass es zwar eine starke Ausrichtung auf internationale Journals gibt, aber Forschende in der Volkswirtschaftslehre daneben auch nach wie vor häufig in deutschsprachigen Zeitschriften publizieren. Nachwuchsforschende veröffentlichen in größeren Gruppen von Autor:innen. Relevante Kontexte stellen zum einen das Signaling von Alleinautorenschaft für die Karriere und zum anderen gemeinsame Veröffentlichungen mit (reputierlichen) Co-Autor:innen dar. Für Open Access lässt sich eine Zunahme von frei verfügbaren Journal-Artikeln zeigen. Allerdings stellt die freie Verfügbarkeit von Artikeln in Zeitschriften kein relevantes Kriterium für die Publikationsentscheidungen der Forschenden dar. Eine Open-Access-Transformation findet hier auf Ebene der Trägerorganisationen der Publikationsinfrastruktur statt, wenn Bibliotheken Lizenzgebühren, Transformationsverträge (DEAL), Publikationsgebühren und Diamond Open Access finanzieren und Wissenschaftsverlage Publikationen im Gegenzug frei zur Verfügung stellen. Der Stellenwert von empirischer Forschung und damit die Nutzung von Daten und die Anwendung statistischer Verfahren nimmt weiter zu. Das lenkt den Blick auf die zukünftige Rolle von Open Data in der Volkswirtschaftslehre. Die vorliegende Untersuchung zeigt, dass das Publikationsverhalten in der Volkswirtschaftslehre im Kontext von Open Access und Rankings aufgrund der starken Orientierung an einer Reputationshierarchie unverändert scheint und doch je nach institutioneller Anbindung und Karrierestufe der Forschenden anders ist. Ein umfassender Blick auf das Publikationsverhalten zeigt, wie vielfältig in der VWL publiziert wird – dass also je nach Kontext neben den hochrangigen internationalen Journals auch viele weitere Zeitschriften und auch Working Paper zentrale Publikationsmedien für die Forschenden darstellen. Abstract The contexts of scientific publishing are subject to constant change. Over the past 20 years, the open access movement, which began with the declaration of the Budapest Open Access Initiative in 2002 and culminated in the UNESCO Recommendation on Open Science in autumn 2023, has set in motion a transformation of the academic publishing system. In Germany, the demand for free access to scientific research results found expression in the Berlin Declaration of 2003. The aim of the movement is to make scientific research from all fields accessible to all, for the benefit of researchers and society as a whole. This claim is countered by research assessment practices based on the measurement of citations, journal impact factors and rankings. The scientific achievements of researchers are evaluated on this basis, for example, although the underlying metrics allow statements to be made about the number of citations of individual publications. An appropriate interpretation or even abolition of these quantitative indicators, e.g. for appointment procedures, was repeatedly called for in 2012 in the Declaration on Research Assessment (DORA) and in 2022 by CoARA – Coalition for Advancing Research Assessment and many others. In the academic discipline of economics, there is a strong orientation towards a hierarchy of reputation, which gives researchers a reputation based on publications in high-ranking international journals. These publications are decisive for an academic career, as research achievements are assessed based on journal impact factors and rankings as part of the appointment process. In economics in Germany, the regular publication of the Handelsblatt rankings since 2005 has added a decisive factor that determines the evaluation of research performance. As a result, there are incentives for researchers in economics to base their publication behaviour on rankings. Against this background, the question arises as to whether the publication behaviour of researchers in economics has changed in the context of open access and rankings. To answer this question, the study focuses on key publication formats in economics, such as journal articles and working papers. It should be noted that, on the one hand, articles in high-ranking scientific journals play a central role in the acquisition of reputation in economics and, on the other hand, the existing working paper culture is used to circulate and discuss scientific findings at an early stage. The interplay of different functions of scientific publications is analysed in this regard. Various characteristics of the researchers' publication behaviour are also examined with regard to the stage of their career, their institutional background and their orientation towards different paradigms within economics. Identified general trends in the academic publication system, such Abbildungsverzeichnis V Abbildungsverzeichnis Seite Abbildung 1: Zeitraum, für den Publikationen vorliegen, nach Gruppen. ........................... 77 Abbildung 2: Publikationsformate gemessen am Anteil an allen Publikationen je Jahr. ..... 89 Abbildung 3: Journal-Artikel nach Scimago Journal Rank und Gruppe. ........................... 102 Abbildung 4: Journal-Artikel nach Scimago Journal Rank und Jahr. ................................ 103 Abbildung 5: Publikationen nach Publikationsformaten und Gruppen. ............................. 119 Abbildung 6: Produktivität gemessen an Publikationen je Jahr. ........................................ 120 Abbildung 7: Produktivität gemessen an Journal-Artikeln je Jahr. .................................... 121 Abbildung 8: Publikationen nach Institutionen und Gruppen. ........................................... 128 Abbildung 9: Publikationen nach Regionen und Gruppen. ................................................ 134 Abbildung 10: Publikationen nach Sprachen und Gruppen.................................................. 136 Abbildung 11: Anteile der Publikationen nach Anzahl der Co-Autor:innen je Jahr. ........... 140 Abbildung 12: Anteil frei verfügbarer Publikationen je Jahr. .............................................. 146 Abbildung 13: Publikationen nach Verlag und Gruppen...................................................... 150 Abbildung 14: Anteil Verlagspublikationen je Jahr. ............................................................ 151 Abbildung 15: Codewolke generiert aus den Codierungen der Interviews. ......................... 162 Tabellenverzeichnis VI Tabellenverzeichnis Seite Tabelle 1: Herkunft der Daten in EconBiz. ..................................................................... 66 Tabelle 2: Publikationen nach Gruppen. ......................................................................... 75 Tabelle 3: Publikationen nach Altersgruppen. ................................................................. 76 Tabelle 4: Forschende nach Institutionen. ....................................................................... 76 Tabelle 5: Cramérs-V-Test für ausgewählte Variablen. .................................................. 78 Tabelle 6: Übersicht zu den Interview-Partner:innen. ..................................................... 84 Tabelle 7: Übersicht zu zentralen Aspekten der Untersuchung (Teil I). ......................... 85 Tabelle 8: Übersicht zu zentralen Aspekten der Untersuchung (Teil II). ........................ 86 Tabelle 9: Publikationsformate. ....................................................................................... 88 Tabelle 10: Top-20-Journals nach Anzahl der Artikel in der Stichprobe. ....................... 100 Tabelle 11: Top-20-Journals nach Scimago Journal Rank. ............................................. 101 Tabelle 12: Chi-Quadrat-Test auf Unabhängigkeit von Scimago Journal Rank und ausgewählten Variablen. ............................................................................... 102 Tabelle 13: Journal-Artikel nach Scimago Journal Rank (gruppiert) und Gruppen. ....... 103 Tabelle 14: Übereinstimmung von Journal-Artikeln und Working Papers. .................... 114 Tabelle 15: Status von Working Papers als Vorveröffentlichung. .................................. 115 Tabelle 16: Publikationen nach Publikationsformaten und Institutionen. ....................... 129 Tabelle 17: Publikationen nach Regionen und Publikationsformaten. ............................ 135 Tabelle 18: Journal-Artikel nach Regionen und Scimago Journal Rank. ........................ 135 Tabelle 19: Publikationen nach Sprachen und Publikationsformaten. ............................ 137 Tabelle 20: Anzahl der Co-Autor:innen. ......................................................................... 138 Tabelle 21: Lagemaße der Variable Co-Autor:innen. ..................................................... 139 Tabelle 22: Publikationen nach Anzahl der Co-Autor:innen und Gruppen. ................... 139 Tabelle 23: Frei verfügbare Publikationen nach Publikationsformaten. ......................... 147 Tabelle 24: Frei verfügbare Publikationen nach Gruppen. .............................................. 147 Tabelle 25: Publikationen mit und ohne Verlag nach Publikationsformat. ..................... 150 Auftakt – die Berliner Erklärung 7 1 Auftakt – die Berliner Erklärung Ausgangspunkt dieses Forschungsvorhabens sind zwei Ereignisse, die die Rahmenbedingungen des Publizierens in der Volkswirtschaftslehre (VWL) in Deutschland in den vergangenen 20 Jahren maßgeblich beeinflussen sollten: Die Unterzeichnung der Berliner Erklärung über den offenen Zugang zu wissenschaftlichem Wissen durch die großen deutschen Wissenschaftsorganisationen am 22. Oktober 2003 („Berliner Erklärung“ 2003) und die erstmalige Veröffentlichung des Handelsblatt-Rankings am 11. Mai 2005 (Ursprung und Zimmer 2007). Mit der Berliner Erklärung reagierte die deutsche Wissenschaft1 auf Veränderungsdynamiken im Wissenschaftssystem, die durch die zunehmende Nutzung digitaler Informationsund Kommunikationstechnologien hervorgerufen werden. „Wir, die Unterzeichner, fühlen uns verpflichtet, die Herausforderungen des Internets als dem zunehmend an Bedeutung gewinnenden Medium der Wissensverbreitung aufzugreifen. Die damit verbundenen Entwicklungen werden zwangsläufig zu erheblichen Veränderungen im Wesen des wissenschaftlichen Publizierens führen und einen Wandel der bestehenden Systeme wissenschaftlicher Qualitätssicherung einleiten.“ („Berliner Erklärung“ 2003) Die Unterzeichner erkennen den transformativen Charakter des Internets für die Verbreitung von Wissen an und antizipieren damit einhergehende erhebliche Veränderungen im Wesen des wissenschaftlichen Publizierens und der Systeme wissenschaftlicher Qualitätssicherung. In ihrer Schlussfolgerung schließt sich die Berliner Erklärung an vorangegangene Initiativen aus der Wissenschaft, wie der Budapest Open Access Initiative2, an. Die Unterzeichner bekennen sich zu folgendem Ziel: „Neben den konventionellen Methoden müssen zunehmend auch die neuen Möglichkeiten der Wissensverbreitung über das Internet nach dem Prinzip des offenen Zugangs (Open Access-Paradigma) gefördert werden“ („Berliner Erklärung“ 2003). Aus dem Open-Access-Paradigma ist eine Open-Science-Bewegung erwachsen (UNESCO 2021), die die Sicht der Wissenschaftsorganisationen auf das Wissenschaftssystem bis dato maßgeblich prägt. Das Handelsblatt-Ranking hat seit seinem ersten Erscheinen im Jahr 2005 Maßstäbe für die Leistungsbewertung in der deutschsprachigen VWL gesetzt. Im Gefolge der Implementierung 1 Unterzeichner der Berliner Erklärung waren unter anderem die Präsidenten bzw. Vorsitzenden der Hochschulrektorenkonferenz, der außeruniversitären Forschungseinrichtungen, des Wissenschaftsrats sowie der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). 2 Unter Bezugnahme auf die Declaration of the Budapest Open Access Initiative (Budapest Open Access Initiative 2002), die ECHO-Charta (ECHO Network 2002) sowie das Bethesda Statement on Open Access Publishing (Brown et al. 2003). Auftakt – die Berliner Erklärung 8 von New Public Management (NPM) in der deutschen Hochschulpolitik in den 1990er Jahren und der Exzellenzinitiative des Bundes und der Länder 2005/2006 wird das Handelsblatt-Ranking seither zur Bewertung deutschsprachiger Volkswirt:innen im Rahmen von Berufungsverfahren oder bei der Vergabe von Forschungsmitteln herangezogen (Ash et al. 2015; Osterloh und Frey 2015; Taubert und Weingart 2016; Zuber und Engels 2015). Beide Ereignisse und deren Implikationen haben das Potenzial, das Publikationsverhalten von Forschenden in der VWL in Deutschland maßgeblich zu beeinflussen. Hierbei kommen zwei Aspekte zum Tragen, die in Bezug auf das Publikationsverhalten gegenläufige Kräfte entfalten können und damit Inkongruenzen entstehen lassen. Die Berliner Erklärung zielt auf die Verbreitung von Wissen nach dem Prinzip des offenen Zugangs und bildet damit einen Startpunkt für die Forderung nach Open Access im deutschen Wissenschaftssystem.3 Mit der Berliner Erklärung und weiteren Initiativen werden Rahmenbedingungen entwickelt, die Forschende darin unterstützen oder gar dazu auffordern, wissenschaftliche Erkenntnisse frei zur Verfügung zu stellen. Während hier die Verbreitung von und der freie Zugang zu wissenschaftlichen Ergebnissen im Vordergrund stehen, setzt das Handelsblatt-Ranking Anreize für Forschende, die Zahl der Publikationen zu erhöhen und insbesondere in renommierten internationalen Journals4 zu publizieren. Die Forschenden erhalten für ihre Publikationen je nach Reputation des Journals – gemessen mithilfe bibliometrischer Verfahren – entsprechende Punkte im Handelsblatt-Ranking (Hofmeister und Ursprung 2008). Die freie Verfügbarkeit eines Zeitschriftenartikels und die Reputation der Zeitschrift schließen sich nicht aus, aber es gibt in der VWL bisher nur wenige (anerkannte) Open-Access-Zeitschriften mit (hohen) Impact-Faktoren.5 In Untersuchungen zum Anteil von Open-AccessZeitschriften in verschiedenen Disziplinen gehört der Bereich Economics im Vergleich zu anderen Disziplinen zu den Schlusslichtern (Björk und Korkeamäki 2020). Erfahrungen mit der Veröffentlichung im Open Access ist unter den Forschenden der VWL in Deutschland eher gering ausgeprägt (Scherp et al. 2020). Das Handelsblatt-Ranking hingegen zieht die Aufmerksamkeit vieler Volkswirt:innen auf sich. Aus dem Interesse gehen zahlreiche wissenschaftliche Texte 3 Darauf folgen zahlreiche Initiativen, wie die Einführung von Open-Access-Richtlinien an deutschen Wissenschaftseinrichtungen (Herb 2016, S. 156–158), Empfehlungen des Wissenschaftsrats zur Veröffentlichung im Open Access (Wissenschaftsrat 2022) oder Vorgaben der DFG zur wissenschaftlichen Bewertungskultur (Deutsche Forschungsgemeinschaft 2022) und viele Initiativen mehr (Herb 2016). 4 Die Bezeichnungen Journal und Zeitschrift werden im Folgenden synonym verwendet. 5 Im Directory of Open Access Journals (DOAJ) sind 20.457 Open Access Journals verzeichnet, wovon 490 mit dem Schlagwort „Economics“ in der Subject-Kategorie indexiert sind (DOAJ, https://doaj.org/, Stand: 5. Mai 2024). Das entspricht einem Anteil von 2,4 % an allen Journals im DOAJ. Auftakt – die Berliner Erklärung 9 hervor, die sich mit der Methodik und den Implikationen des Handelsblatt-Rankings auseinandersetzen (Haucap et al. 2017; Hofmeister und Ursprung 2008; Osterloh und Frey 2008). Die Ergebnisse des Handelsblatt-Rankings werden in der VWL – anders als in der Betriebswirtschaftslehre (BWL) – schnell als gültig akzeptiert (Berlemann und Haucap 2015), womit das Ranking seinen Siegeszug in den wissenschaftlichen Bewertungssystemen der deutschsprachigen VWL angetreten hat. Open Access wird, wie in der Berliner Erklärung impliziert, direkt auf Publikationen bzw. deren freie Verfügbarkeit bezogen, während bei Rankings nicht die Publikationen direkt, sondern die Bewertung von Forschungsleistungen anhand von Publikationen den Bezugspunkt bildet. Wie lassen sich nun Faktoren herausarbeiten, die zur Erklärung des Publikationsverhaltens in der VWL im Kontext von Open Access und Rankings beitragen können? Hier kann gewinnbringend auf Ansätze und Erkenntnisse aus der Wissenschaftsforschung zurückgegriffen werden, in deren Rahmen die Funktionen von Publikationen im wissenschaftlichen Kommunikationssystem strukturiert und facettenreich herausgearbeitet wurden. In der vorliegenden Studie werden verschiedene Funktionen von Publikationen auf für die VWL relevante Publikationsformate wie Journal-Artikel und Working Paper bezogen, um Erklärungsansätze für das Publikationsverhalten in der VWL im Hinblick auf Open Access und Rankings zu liefern. Da in der Wissenschaftsforschung die Wissenschaft selbst Gegenstand der Analyse ist und Forschende sich – über disziplinspezifische Themen hinaus – für das (eigene) disziplinäre Publizieren interessieren, entstehen zahlreiche Analysen aus und in Bezug zu verschiedenen Disziplinen. Das Interesse an der eigenen Disziplin VWL – erweitert um eine wissenschaftssoziologische und szientometrische Sicht – motiviert auch diese Untersuchung. Für die VWL liegen zahlreiche Analysen aus der Disziplin vor, die sich konkret mit dem Aufbau und den Wirkungen des Handelsblatt-Rankings beschäftigen. Sie zeigen empirisch die entscheidende Rolle internationaler Journals mit hohen Impact-Faktoren und die damit verbundene Relevanz von Rankings. Daran knüpft die vorliegende Untersuchung an, ohne auf der Ebene der Rankings und der Rolle hochrangiger Journals zu verharren. Denn diese starke Fokussierung verstellt den Blick dafür, dass Forschende in der VWL sehr vielfältig publizieren – das gilt für die Auswahl von Journals, die Veröffentlichung von Working Papers, die Publikationssprache oder gemeinsame Veröffentlichungen mit Co-Autor:innen. Diese Untersuchung soll dazu beitragen, das Publikationsverhalten in der VWL in seiner ganzen Breite und Komplexität nachzuzeichnen und zu ergründen, in welchen Kontexten wie publiziert wird. Auftakt – die Berliner Erklärung 10 Dieser Anspruch verweist zurück auf die Wissenschaftsforschung, die die Komplexität wissenschaftlicher Kommunikationszusammenhänge zu erfassen versucht. Wie zahlreiche vorangegangene Studien zeigen, beeinflussen akademisch-institutionelle Rahmenbedingungen der Wissensproduktion den Produktionsprozess und das Produkt selbst (Kaiser und Maasen 2010; Knorr Cetina 2009; Latour und Woolgar 2013). Dies gilt es in vielfältigen Kontexten dieser Untersuchung zu berücksichtigen – insbesondere mit Blick auf Reputationshierarchien und die Bewertung von Forschungsleistungen, aber auch veränderte Rahmenbedingungen im Zuge der Digitalisierung und der daraus erwachsenden Potenziale von Open Access. Im Rahmen der szientometrischen Forschung sind die Folgen der Open-Access-Bewegung für die Zugänglichkeit und den Impact von wissenschaftlichen Publikationen untersucht worden. Daran anschließend liegt der Fokus dieser Untersuchung über die Merkmale von Publikationen hinaus ganz bewusst auf den Forschenden, die eine Vielzahl einzelner Publikationsentscheidungen treffen, die in ihrer ganzen Breite empirisch anhand der Publikationen ausgewählter Forschender und vertiefender Interviews analysiert werden. Autor:innen wissenschaftlicher Publikationen und die Kontexte, in denen sie ihre wissenschaftlichen Ergebnisse veröffentlichen, stellen also zentrale Bezugspunkte dieser Untersuchung dar. Der Fokus liegt dabei auf dem Publikationsverhalten von Forschenden in der Volkswirtschaftslehre in Deutschland. Ziel ist es, die Rolle von Open Access und Rankings in Hinblick auf Publikationsentscheidungen von Forschenden zu analysieren. Dabei treffen die beiden Ereignisse – die Berliner Erklärung und die Einführung des Handelsblatt-Rankings – auf ein wissenschaftliches Kommunikationssystem mit immanenten Publikationsstrukturen und Reputationshierarchien, die sich seit Veröffentlichung der ersten wissenschaftlichen Zeitschriften im 17. Jahrhundert herausgebildet und ihre Beharrungskräfte über die Jahrhunderte bewiesen haben.6 Vor diesem Hintergrund ist es fraglich, inwiefern mit Open Access und Rankings verbundene Anreizwirkungen die Forschenden veranlassen, ihr Publikationsverhalten zu verändern. Das wissenschaftliche Kommunikationssystem konstituiert sich durch aufeinander aufbauende Publikationen. Die in Publikationen inhärente wissenschaftliche Erkenntnis, ihre Verifikation sowie Rezeption tragen dazu bei, ein vertieftes Verständnis von Zusammenhängen zu erlangen. Dabei gilt es die Rahmenbedingungen, unter denen Publikationen entstehen, zu analysieren. Denn die publizierenden Forschenden sind Teil wissenschaftlicher Gemeinschaften, die aufeinander aufbauend und kollaborativ Wissen produzieren. Damit sind die Forschenden abhängig 6 Die Philosophical Transactions der Royal Society sind 1665 erstmals herausgegeben worden – und damit die zweitälteste wissenschaftliche Zeitschrift nach dem französischen Journal des sçavans. Die Herausgabe der ersten Zeitschriften markieren den Beginn einer sich ausdifferenzierenden Wissenschaft sowie der Herausbildung des Peer-Review-Verfahrens (Kaiser und Maasen 2010, S. 687). Auftakt – die Berliner Erklärung 11 von den Kontexten, in denen sie wissenschaftlich arbeiten und publizieren. So unterscheiden sich ihre jeweiligen Einstellungen und Handlungen etwa in ihrer Rolle als Autor:innen oder als Gutachter:innen – beide Rollen sind im Kontext ihrer Einbettung in wissenschaftliche Gemeinschaften zu betrachten (Crane 1972; Gläser 2006). Das Publikationsverhalten von Forschenden wird von einer Vielzahl unterschiedlicher Faktoren beeinflusst. Um das Erkenntnisinteresse adäquat zu adressieren, verfolgt diese Untersuchung einen Mixed-Methods-Ansatz. Eine quantitative Auswertung von Publikationslisten von Volkswirt:innen aus Deutschland liefert erste Erkenntnisse hinsichtlich der Charakterisierung des Publikationsverhaltens sowie der Identifikation etwaiger Unterschiede zwischen den Forschenden. Mittels eines qualitativen Vorgehens soll die Charakterisierung des Publikationsverhaltens durch Interviews vertieft sowie Erklärungsansätze für Unterschiede ergründet werden. Die Untersuchung zielt darauf ab, Faktoren zu identifizieren, die das Publikationsverhalten von Volkswirt:innen beeinflussen, sowie mögliche Veränderungen in den vergangenen Dekaden herauszuarbeiten. Leitend für diese Untersuchung ist dabei die Frage, welche Rolle Open Access und Rankings im Kontext des wissenschaftlichen Publikationssystems spielen. Dabei wird ein Dilemma deutlich, in dem sich Forschende der VWL befinden. Auf der einen Seite wird Open Access auf Ebene der Wissenschaftsorganisationen verstärkt vorangetrieben, auf der anderen Seite bringen Open-Access-Veröffentlichungen keine Punkte in Rankings und dienen in diesem Sinne auch nicht dem Reputationsaufbau. Vor diesem Hintergrund gestalten sich Publikationsentscheidungen für die Wissenschaftler:innen zunehmend komplex, die zudem abhängig von der Karrierestufe, der institutionellen Anbindung der Forschenden oder auch Co-Autor:innen-Netzwerken sind. Ziel der Untersuchung ist es, aufzuzeigen, welche Faktoren in unterschiedlichen Kontexten wirken und damit die aktuelle Situation des Publikationsverhaltens in der VWL möglichst zutreffend zu beschreiben. Zur Klärung dieser Zusammenhänge ist die Untersuchung wie folgt aufgebaut: Im zweiten Kapitel werden der Aufbau und die Rahmenbedingungen des wissenschaftlichen Publikationssystems mit Blick auf Veränderungen in den vergangenen Dekaden beleuchtet. Dabei ist die folgende Frage leitend: welches Potenzial entfalten Open Access und Rankings in Bezug auf das wissenschaftliche Publikationssystem? Als Grundlage der Analyse wird eine dreigliedrige Struktur des wissenschaftlichen Kommunikationssystems aus formaler wissenschaftlicher Kommunikation, der Publikationsinfrastruktur und ihrer Trägerorganisationen vorangestellt (Kap. 2.1). Diese Struktur bildet den Ausgangspunkt, um die Veränderungen durch das digitale Publizieren herauszuarbeiten. Eine bedeutende Rolle spielen Potenziale von Open Access für Auftakt – die Berliner Erklärung 12 die Verfügbarkeit wissenschaftlicher Erkenntnisse (Kap. 2.2), die Herausbildung neuer Geschäftsmodelle zur Finanzierung von Open Access (Kap. 2.3) sowie die umfassende Nutzung von Metriken, auf denen Rankings aufbauen, für die Leistungsmessung (Kap. 2.4). Das dritte Kapitel widmet sich Reputationshierarchien im wissenschaftlichen Publikationssystem. Leitend ist dabei die Frage, welche Funktionen Publikationen im wissenschaftlichen Kommunikationssystem im Allgemeinen und bei der Bewertung von Forschungsleistungen im Besonderen erfüllen. Hierfür werden zentrale Funktionen von Publikationen im wissenschaftlichen Kommunikationssystem vorgestellt (Kap. 3.1). Die Relevanz von Zeitschriften für den Reputationsaufbau wird mit Blick auf die Konsequenzen für das Publikationsverhalten der Forschenden dargestellt (Kap. 3.2). In diesem Kontext wird die Bedeutung von Impact-Faktoren, die auf Zitationshäufigkeiten wissenschaftlicher Zeitschriften basieren, sowie die Anpassung der Forschenden an diese herausgearbeitet (Kap. 3.3). Schließlich werden die Auswirkungen dieser Art von Bewertung von Forschungsleistungen auf das Publikationsverhalten sowie auf wissenschaftliche Karrieren beschrieben (Kap. 3.4). Das vierte Kapitel widmet sich der Entwicklung und dem Status quo im Fach VWL. Dabei wird der folgenden Frage nachgegangen: wie hat sich die VWL als Disziplin entwickelt und wo liegen Unterschiede zu anderen Disziplinen in Bezug auf die Relevanz von Open Access und Rankings? Hierfür wird zunächst die paradigmatische und methodische Ausrichtung der VWL in den Blick genommen (Kap. 4.1). Anschließend werden Veränderungen in der Anzahl von Co-Autor:innen und sich internationalisierende Netzwerke in der VWL dargestellt (Kap. 4.2). Grundlegend für dieses Forschungsvorhaben sind die Funktionen unterschiedlicher Publikationsformate im Fach, weshalb die Entwicklungen von Buchveröffentlichungen, Journal-Artikeln und Working Papers in der VWL vergleichend beschrieben werden (Kap. 4.3). Die Auswirkungen von Open Access (Kap. 4.4) und die Rolle von Rankings (Kap. 4.5) werden im Vergleich zu anderen Disziplinen betrachtet. Im fünften Kapitel werden das Forschungsinteresse und das Methodendesign dieser empirischen Untersuchung vorgestellt. Dabei sind folgende Fragen leitend: inwiefern ist das Fachgebiet der VWL ein aufschlussreicher Untersuchungsgegenstand für die Analyse des wissenschaftlichen Publikationssystems und wie lassen sich das Publikationsverhalten von Forschenden in der VWL und Einflussfaktoren darauf valide erfassen? Hierfür wird zunächst das Forschungsinteresse expliziert sowie die Forschungsfrage hergeleitet (Kap. 5.1). Anschließend wird das Mixed-Methods-Design der empirischen Untersuchung vorgestellt (Kap. 5.2). Auftakt – die Berliner Erklärung 13 Im sechsten Kapitel wird das Vorgehen bei der Auswahl und Erhebung der quantitativen und qualitativen Daten erläutert. Bei der quantitativen Datenerhebung stehen die Auswahl der Daten, die Stichprobenziehung und die aufwändige Aufbereitung der Daten sowie die aus der Forschungsfrage abgeleiteten Kategorien und Variablen im Fokus (Kap. 6.1). Für die Durchführung der qualitativen Interviews mit Forschenden werden insbesondere die Entwicklung des Leitfadens und die Auswahl der Interviewpartner:innen thematisiert (Kap. 6.2). Beide Unterkapitel schließen mit einer ersten Übersicht zu den erhobenen Daten ab. Darauf aufbauend werden im siebten Kapitel die Ergebnisse der empirischen Untersuchung des Publikationsverhaltens in der VWL vorgestellt. Hier ist die im fünften Kapitel explizierte Forschungsfrage leitend: Mit Blick auf das Publikationsverhalten von Forschenden in der Volkswirtschaftslehre: wandelt es sich und welche Rolle spielen Open Access und Rankings in diesem Kontext? Die gemeinsame Darstellung der Ergebnisse aus dem quantitativen und qualitativen Teil der Untersuchung erfolgt entlang der im fünften Kapitel herausgearbeiteten zentralen Aspekte. Für diese Aspekte wird am Ende jedes Unterkapitels jeweils ein Zwischenfazit gezogen. Dem folgend wird zunächst die Relevanz von Journal-Artikeln als zentrales Publikationsformat für Forschende der VWL herausgearbeitet (Kap. 7.1). Zudem wird die tradierte Rolle von Working Papers und deren Funktionen für Forschende aufgezeigt (Kap. 7.2). Ein weiteres Unterkapitel widmet sich den Aspekten des Publizierens in verschiedenen Stadien der wissenschaftlichen Karriere und der Rolle von Rankings in diesem Kontext (Kap. 7.3). In Bezug auf aktuelle Trends wird das Publikationsverhalten in der VWL hinsichtlich des Grads der Internationalisierung innerhalb der Disziplin sowie des gemeinsamen Publizierens mit Co-Autor:innen analysiert (Kap. 7.4). Auch der Zugang und die Verbreitung von wissenschaftlichen Publikationen im Zusammenspiel von Open Access und Verlagen wird für die VWL untersucht (Kap. 7.5). Schließlich wird der Einfluss von unterschiedlichen paradigmatischen und methodischen Ausrichtungen betrachtet (Kap. 7.6). Im achten Kapitel werden die Ergebnisse vor dem Hintergrund von theoretischen Überlegungen und empirischem Forschungsstand diskutiert, verbunden mit der Fragestellung: was sind die wesentlichen Einflussfaktoren auf das Publikationsverhalten von Forschenden in der VWL im Kontext von Open Access und Rankings? Die Diskussion erfolgt entlang von fünf als wesentlich herausgearbeiteten Aspekten, die das Publikationsverhalten von Forschenden in der VWL in Bezug auf die Relevanz von Open Access und Rankings determinieren. Einen ersten wesentlichen Bezugspunkt stellen die Anreizstrukturen der jeweiligen Institutionen dar, denen die Forschenden angehören (Kap. 8.1). Einen weiteren relevanten Aspekt bilden die Funktionen von Auftakt – die Berliner Erklärung 14 unterschiedlichen Publikationsformaten insbesondere in Hinblick auf Journal-Artikel und Working Paper (Kap. 8.2). Auch die Relevanz von Publikationen für den beruflichen Aufstieg und eine damit einhergehende strategische Ausrichtung des Publizierens bilden einen zentralen Bezugspunkt dieser Untersuchung (Kap. 8.3). Der Blick auf Open Access im Spannungsfeld zum Konnex zwischen Journals und Verlagen ist ebenfalls zentral für diese Untersuchung (Kap. 8.4). Einen weiteren wichtigen Aspekt stellt die zunehmende Fokussierung auf empirische Forschung in der VWL dar (Kap. 8.5). Am Ende stehen die Schlussfolgerungen mit den wesentlichen Erkenntnissen (Kap. 9.1) und Limitationen der Untersuchung (Kap. 9.2). Ein Ausblick auf nachfolgende Untersuchungsgegenstände und mögliche weitere Entwicklungen schließt die Untersuchung ab (Kap. 9.3). Wandel des wissenschaftlichen Publikationssystems 21 Wohlrabe 2010). Seit 2013 sind eine ganze Reihe von (disziplinären) Repositorien hinzugekommen – insbesondere in Disziplinen, wie den Lebenswissenschaften – die bis dato keine Working-Paperbzw. Preprint-Kultur aufwiesen (Biesenbender, Smirnova, et al. 2024; Chiarelli et al. 2019a, S. 3; Fraser et al. 2020a, 2022). Neben dem Gold und Green Open Access werden eine ganze Reihe weiterer Open-AccessKlassifikationen aufgeführt, von denen insbesondere Hybrid, Bronze und Diamond von Bedeutung sind.11 Unter Hybrid Open Access werden Modelle gefasst, die einen Teil der Artikel einer Zeitschrift gegen Publikationsgebühren – die Kosten tragen dann die Autor:innen oder ihre Institutionen – frei zugänglich machen, während andere Artikel derselben Zeitschrift hinter einer Bezahlschranke für Leser:innen verbleiben (Piwowar et al. 2018, S. 5). Bronze Open Access bezeichnet den freien Zugang zu Journal-Artikeln ohne eine offene Lizenz, das heißt, diese können von Verlagen auch nur vorübergehend frei zur Verfügung gestellt werden (Piwowar et al. 2018, S. 5). Diamond Open Access wird aus öffentlichen Mitteln, die von wissenschaftlichen Einrichtungen oder Bibliotheken im Rahmen von Konsortien bereitgestellt werden, finanziert und bezeichnet einen freien Zugang zu Publikationen ohne Gebühren für Autor:innen und Leser:innen (Taubert et al. 2024, S. 4). Digitale Publikationen erhöhen die Reichweite wissenschaftlicher Informationen und damit die Möglichkeit für Forschende, die Sichtbarkeit ihrer Forschungsergebnisse zu steigern und damit eine höhere Reputation zu erlangen (Rosenbaum 2016, S. 51). Reputation speist sich aber nicht nur aus Zitationsvorteilen, sondern auch aus dem Ansehen des Publikationsortes (Rosenbaum 2016, S. 51), was oft mit dem Journal-Impact-Faktor (JIF) operationalisiert wird (Kap. 3.3) (Larivière und Sugimoto 2019). Open-Access-Zeitschriften genießen weniger Ansehen, wenn sie niedrige JIF aufweisen (Dallmeier-Tiessen et al. 2011, S. 7–8; Rosenbaum 2016, S. 51), und auch Working Paper sind in Bezug auf den Reputationsaufbau weniger angesehen, da sie kein klassisches Peer-Review-Verfahren durchlaufen haben (Biesenbender, Smirnova, et al. 2024; Chiarelli et al. 2019a, S. 14). Allerdings konnten sich in den letzten Dekaden neue Repositorien etablieren, die von Forschenden aus unterschiedlichen Disziplinen als wertvoll für die Herstellung von Verfügbarkeit und Sichtbarkeit von Forschungsergebnissen anerkannt werden (Biesenbender, Smirnova, et al. 2024; Biesenbender, Toepfer, et al. 2024; Fraser et al. 2022, S. 12; Ni und Waltman 2024). Gleichzeitig versprechen sich die Forschenden nur wenig in Hinblick auf einen positiven Impact in Form von Zitationen nach der Publikation von Working 11 Für eine Übersicht über verschiedene Klassifikationen von Open Access und die Schwierigkeit, diese trennscharf abzugrenzen, siehe Piwowar et al. (2018, S. 5) sowie Taubert et al. (2019, S. 3). Wandel des wissenschaftlichen Publikationssystems 22 Papers (Biesenbender, Smirnova, et al. 2024; Biesenbender, Toepfer, et al. 2024; Fraser et al. 2022, S. 13; Kodvanj et al. 2022). Zahlreiche deutsche Forschungseinrichtungen haben mittlerweile flächendeckend Open-Access-Richtlinien beschlossen, in denen Wissenschaftler:innen nahegelegt wird, Open Access zu publizieren, das heißt, eigene Artikel auf institutionellen Repositorien zu speichern sowie Artikel in Open-Access-Zeitschriften zu publizieren (Herb 2016, S. 163). Darüber hinaus sollen Forschende dazu beitragen, das Ansehen von Open-Access-Zeitschriften zu steigern oder auch als Herausgeber:innen und Gutachter:innen für diese tätig zu werden. Auch knüpfen Forschungsförderer die Vergabe von Drittmitteln zunehmend an die Verpflichtung, die geförderten Forschungsergebnisse Open Access zu veröffentlichen (Piwowar et al. 2018, S. 2).12 2.3 Finanzierung von Open Access Im Zuge der Digitalisierung haben Wissenschaftsverlage neue Geschäftsmodelle entwickelt, die die Publikation und Verbreitung von wissenschaftlichen Ergebnissen unterstützen. Sie reagieren damit gleichzeitig auf Forderungen von Wissenschaftsorganisationen, Förderern und Politik, wissenschaftliches Wissen frei zugänglich zu machen.13 Große Wissenschaftsverlage bringen eigene Open-Access-Zeitschriften heraus (Gold Open Access) bzw. ermöglichen die Freistellung einzelner Artikel gegen Article Processing Charges (APCs) (Hybrid Open Access) (Laakso und Björk 2016; Schönfelder 2020; L. Zhang et al. 2022). Open-Access-Verlage wie PLOS, Frontiers und MDPI werden neu gegründet (Angeles Oviedo-Garcia 2021; Fein 2013; Wissenschaftsrat 2022). Wissenschaftliche Konsortien und Wissenschaftsverlage schließen Verträge, um wissenschaftliche Publikationen in Open Access zu überführen (DEAL-Verträge) (Fraser et al. 2023; Haucap et al. 2021). Öffentliche Infrastruktureinrichtungen betreiben Repositorien und initialisieren Diamond-Open-Access-Modelle (Ancion et al. 2022; Bosman et al. 2021; Taubert et al. 2024). Das Flipping von bis dato subskriptionsbasierten Journals hin zu Open-Access-Journals nimmt zu (Bautista-Puig et al. 2020; Momeni et al. 2021). Diese Entwicklungen verändern die Rahmenbedingungen, unter denen Forschende ihre Publikationsentscheidungen treffen, und damit die Art und Weise wie Forschende publizieren. Denn die Trägerorganisationen und ihr Geschäftsmodell beeinflussen die Eigenschaften der von ihnen betriebenen Publikationsmedien (Kap. 2.1). 12 In der Open-Access-Debatte findet sich auch die Begründung, dass Wissenschaft im Wesentlichen öffentlich finanziert ist und daraus hervorgehende Publikationen entsprechend für die Öffentlichkeit frei zur Verfügung stehen sollten (Taubert und Weingart 2016, S. 19). Damit wird auch die Publikation öffentlich finanzierter Forschung durch privatwirtschaftlich organisierte Verlage kritisch hinterfragt (Bräuninger und Haucap 2003). 13 Siehe etwa die Initiative von CoalitionS, https://www.coalition-s.org/about/ (28. Februar 2024). Wandel des wissenschaftlichen Publikationssystems 23 Das für viele Forschende relevante Publikationsmedium sind wissenschaftliche Zeitschriften. Traditionell werden diese von wissenschaftlichen Gesellschaften und Universitäten herausgegeben, während dies seit Mitte des 20. Jahrhunderts zunehmend durch kommerzielle Verlage erfolgt (Eger und Scheufen 2018, S. 12). Insgesamt variieren die Art und die Zusammensetzung der Trägerorganisationen je nach Wissensgebiet. Während die Verlagslandschaft in den Naturund Lebenswissenschaften von wenigen marktbeherrschenden Verlagen dominiert wird, findet sich in der geistesund sozialwissenschaftlichen Verlagslandschaft eine größere Vielfalt an kleineren und mittleren Verlagen (Ash et al. 2015, S. 17; Larivière et al. 2015; Volkmann et al. 2014, S. 188). Das hat sachliche Gründe, wenn etwa Disziplinen inhaltlich stärker an nationale Fachgesellschaften – und damit traditionell auch Verlage – gebunden sind. Somit variiert der Grad der Internationalisierung im wissenschaftlichen Publikationssystem, weshalb die Verbreitung von internationalen (meist englischsprachigen) Publikationen in verschiedenen Wissensgebieten unterschiedlich groß ausfällt (Ash et al. 2015, S. 17). Die Digitalisierung und das Aufkommen des Internets haben gleichzeitig die direkten Publikationskosten gesenkt und weitere Möglichkeiten für Verlage eröffnet, mit Zeitschriften Gewinne zu erzielen (Eger und Scheufen 2018, S. 5). So sinken die Kosten für die Erstellung und Verbreitung von Forschungsartikeln. Gleichzeitig schränken Wissenschaftsverlage den Zugang zu diesen digitalen Artikeln weit über das hinaus ein, was im Falle von Druckausgaben möglich ist (Eger und Scheufen 2018, S. 5–6).14 Das liegt weder im Interesse der wissenschaftlichen Gemeinschaft als Ganzes noch im Interesse von einzelnen Forschenden (Brembs et al. 2023), das sich vielmehr darauf gründet, dass ihre Forschungsergebnisse gelesen und zitiert werden und damit Aufmerksamkeit erzeugen, die den Forschenden Reputation einbringt (Eger und Scheufen 2018, S. 4). Insgesamt haben digitale Geschäftsmodelle der Verlage die Zusammensetzung der Entwicklungsund Bereitstellungskosten am Markt für wissenschaftliche Publikationen radikal verändert und zu einer Konzentration im Verlagswesen geführt (Larivière et al. 2015; Schimank und Volkmann 2012; Taubert und Weingart 2016). Denn die fixen Kosten für das System, um digitale Publikationen zu realisieren, sind zwar verhältnismäßig hoch. Aber ist das System einmal vorhanden, lassen sich beliebig viele weitere Publikationen in das System zu geringen Kosten integrieren. Diese Skaleneffekte haben es den Marktführern im Verlagswesen erleichtert, ihre Marktmacht auszuweiten, woraus ein Oligopol von wenigen marktbeherrschenden Großverlagen – Elsevier, Sage, Springer-Nature, Taylor & Francis und Wiley – entstanden ist (Ash et al. 14 Siehe dazu etwa die Initiative der Creative Commons Lizenzen, https://creativecommons.org (24. Mai 2024) oder auch Eger und Scheufen (2018, S. 14). Wandel des wissenschaftlichen Publikationssystems 24 2015, S. 19; Larivière et al. 2015; Wissenschaftsrat 2022). Die ökonomische Ausrichtung der Verlage auf den Shareholder Value und die Erhöhung des Marktwerts wirkt sich naturgemäß auf die Preissetzung der Verlage aus (McCabe und Snyder 2018). Insbesondere im Bereich der naturwissenschaftlichen Zeitschriften ist in den vergangenen Jahrzehnten eine verstärkte Orientierung an ökonomischen Renditezielen zu beobachten (Ash et al. 2015, S. 19; Schimank und Volkmann 2012). Traditionell haben Verlage ihre Publikationen als kommerzielle Ware an die Bibliotheken verkauft und das darauf aufbauende Subskriptionsmodell ist noch weit verbreitet (Hanekop und Wittke 2013). Allerdings zeichnet sich ein Wandel ab, der durch die DEAL-Verhandlungen eingeleitet wurde (Haucap et al. 2021; Piwowar et al. 2018). Hierbei verhandeln Konsortien15 mit den großen Wissenschaftsverlagen Elsevier, Springer und Wiley über Konditionen für Open Access. Die Verhandlungen werden auf Ebene der Trägerorganisationen geführt mit dem Ziel, den Forschenden an deutschen Wissenschaftsinstitutionen zu ermöglichen, ihre Forschungsergebnisse in den Verlagszeitschriften Open Access zu publizieren (Haucap et al. 2021, S. 2028). Gleichzeitig erhalten sie Zugriff auf alle Verlagspublikationen. Für diese sogenannten Publish-and-Read-Agreements wird ein Preis verhandelt, den die Konsortien auf ihre Mitglieder umlegen (Fraser et al. 2023, S. 325–326). DEAL-Verträge sind in Deutschland mit den Verlagen Springer und Wiley und mittlerweile auch Elsevier abgeschlossen worden. Da die Vereinbarungen zwischen Verlagen und Bibliotheken geschlossen werden, geschieht dies aus Sicht der Autor:innen im Hintergrund. Sie müssen sich dann nicht mehr für oder gegen eine Open-Access-Zeitschrift entscheiden. Nicht-kommerzielle Träger finanzieren auf der Ebene einzelner Institutionen oder auch Konsortien Diamond-Open-Access-Modelle, die weder Gebühren für das Veröffentlichen von Artikeln noch für das Lesen nehmen (Bosman et al. 2021, S. 117). Dieses Modell findet sich insbesondere in den Geistesund Sozialwissenschaften (Taubert et al. 2024, S. 31). Auch gibt es Initiativen aus der Wissenschaft heraus, die dieses Veröffentlichungsmodell unterstützen (Ancion et al. 2022). Digitale Publikationen ermöglichen es den Wissenschaftsverlagen, ihre Geschäftsmodelle zu diversifizieren und damit hohe Gewinne zu erzielen (Butler et al. 2023). So lassen sich für die Veröffentlichung einzelner Artikel – unabhängig von der Gesamtausgabe einer Zeitschrift – 15 In Deutschland bestehend aus der Hochschulrektorenkonferenz und außeruniversitären Forschungseinrichtungen. Wandel des wissenschaftlichen Publikationssystems 25 Gebühren von den Autor:innen einnehmen (Schönfelder 2020; L. Zhang et al. 2022).16 Publikationsgebühren müssen von den Forschenden selbst oder von ihren zugehörigen Institutionen entrichtet werden, wofür zahlreiche wissenschaftliche Institutionen Publikationsfonds gründen (Taubert und Weingart 2016, S. 20). Von Forschenden aus einkommensschwachen Ländern können die Gebühren trotz Ermäßigungen häufig nicht bezahlt werden (Momeni et al. 2023; Ross-Hellauer 2022). Der Publikationsdruck auf die Forschenden zum Nachweis ihrer wissenschaftlichen Leistung trifft auf das Journal-Angebot der Verlage, das aufgrund der digitalen Plattformen keinem Platzmangel mehr unterliegt. Da die Dauer von der Einreichung eines Beitrags bis zur Veröffentlichung mehrere Monate in Anspruch nehmen kann, bieten die Verlage teilweise (gegen zusätzliche Gebühren) Fast-Track-Optionen an, die eine Express-Veröffentlichung der Beiträge in Aussicht stellen (Franzen 2011, S. 119; Osterloh und Frey 2015, S. 67). Das Geschäftsmodell, Veröffentlichungen über Publikationsgebühren zu finanzieren, hat auch dazu beigetragen, dass die Anzahl von Predatory Journals weiter zunimmt (Weingart 2016b, S. 284). Manche Verleger werben damit, Artikel in Rekordzeit durch ein Begutachtungsverfahren zu schleusen und zu veröffentlichen, gegen die Zahlung von APCs (Moed et al. 2022, S. 130–132).17 Verlage unterstützen die Herausgabe neuer Zeitschriften, was mit einer wachsenden Fragmentierung der Disziplinen und damit der Zeitschriftenlandschaft einhergeht, zudem vergrößern sie den Umfang bestehender Zeitschriften oder erhöhen die Frequenz ihres Erscheinens (Wissenschaftsrat 2022). Dabei liegt eine maximale Ausweitung des Publikationsvolumens im ökonomischen Interesse der herausgebenden Verlage. Die Initiativen der Verlage führen teils zu einem Cascading Peer Review, wenn Verlage abgelehnte Artikel inklusive der Gutachten an verlagseigene Zeitschriften mit niedrigeren Impact-Faktoren weitergeben (Taubert und Weingart 2016, S. 25–26). Cascading kann verlagsseitig, aber auch autorenseitig erfolgen, wenn Forschende nach Ablehnung von eingereichten Artikeln diese von Journal zu Journal mit ähnlichen oder niedrigeren Impact-Faktoren weiterreichen (Kap. 3.3) (Osterloh und Frey 2015, S. 67). Dies setzt voraus, dass die Wissenschaftler:innen eine Reputationshierarchie von Zeitschriften (aner-)kennen und dieser folgen (Kap. 3.2). 16 Dieses Modell wird kritisiert, da Verlage sich die Kosten für die Veröffentlichung zweifach bezahlen lassen können: von den Autor:innen und von den Leser:innen bzw. von den Institutionen, die diese mithilfe von Publikationsfonds unterstützen oder durch Konsortien vertreten (Double dipping) (Taubert und Weingart 2016, S. 20–21). 17 Es lässt sich vermuten, dass Forschende Qualitätsunterschiede von Zeitschriften kennen und erkennen können, aber unter dem durch Evaluierung und Leistungsmessung hervorgerufenen Publikationsdruck teils ihrer Sorgfaltspflicht nicht nachkommen oder sich auf diese Zeitschriften bewusst einlassen, um Beiträge zu veröffentlichen, die sie sonst nicht unterbringen konnten (Taubert und Weingart 2016, S. 25). Wandel des wissenschaftlichen Publikationssystems 26 In diesem Kontext lässt sich zeigen, dass die Anzahl der wissenschaftlichen Veröffentlichungen stetig gewachsen ist (Bornmann und Mutz 2015; De Solla Price 1963). Dabei tragen gegenwärtig auch die diversifizierten Geschäftsmodelle zum Größenwachstum wissenschaftlicher Publikationen bei (Taubert und Weingart 2016, S. 24). Nach dem STM-Report 2021 ist die Anzahl der Journals auf Basis der umfassenden Datenbank Ulrich‘s18 von 24.552 im Jahr 2001 auf 46.736 im Jahr 2020 gestiegen (International Association of Scientific Technical and Medical Publishers (STM) 2022, S. 15). Die jährliche Wachstumsrate beträgt im genannten Zeitraum über alle Journals durchschnittlich 3,4 %. Im Zeitraum 2015 bis 2020 hat sich die Wachstumsrate bei den Journals auf durchschnittlich 2,3 % verlangsamt. Für die englischsprachigen Journals liegen die jährlichen Wachstumsraten noch etwas höher.19 Auch die Anzahl der publizierten Artikel ist in den vergangenen Jahren gestiegen. Auf Basis der Datenbanken Scopus bzw. Dimensions beträgt die Wachstumsrate bei den veröffentlichten Artikeln zwischen 2015 und 2020 durchschnittlich zwischen 5 % und 6,5 % (International Association of Scientific Technical and Medical Publishers (STM) 2022, S. 17). 2.4 Metriken für die Leistungsmessung Die digitale Verfügbarkeit von wissenschaftlichen Publikationen und ihren Metadaten ermöglichen Zitationsanalysen und Rankings auf Grundlage von Algorithmen, die große Datenmengen zunehmend schneller verarbeiten können. Die Datenbanken erleichtern die Orientierung im wissenschaftlichen Kommunikationssystem, das aufgrund einer beständig wachsenden Anzahl an Veröffentlichungen immer unübersichtlicher wird. Ein entscheidender Aspekt für das Publikationsverhalten von Forschenden ist, dass Zitationsanalysen und Ranking zur Bewertung von Forschungsleistungen herangezogen werden (Ash et al. 2015, S. 19). Eine der ältesten und bekanntesten Zitationsdatenbanken, auf deren Basis Rankings erstellt werden, ist das Web of Science (WoS), das gegenwärtig von Clarivate Analytics angeboten wird. 2004 hat Elsevier die Zitationsdatenbank Scopus lanciert. In diesem Fall werden die Daten wissenschaftlicher Publikationen von einem Verlag selbst produziert, der daraus ein paralleles Geschäftsmodell entwickelt (Ash et al. 2015, S. 19). 2018 ist mit Dimensions eine weitere Publikationsdatenbank hinzugekommen, deren Zugang kostenpflichtig ist (Singh et al. 2021). 18 Siehe für weitere Informationen zur Datenbank Ulrich’s Serials Analysis System – FAQ, https://www.ulrichsweb.com/ulrichsweb/faqs.asp (07. Januar 2024). 19 Grundsätzlich ist bei der Interpretation des Wachstums des Publikationsaufkommens Vorsicht geboten, da Zeitschriften eingestellt, aber auch neue hinzugekommen sein können (Laakso et al. 2021). Darüber hinaus stellt sich die Frage, welche Zeitschriften von einer Datenbank überhaupt regelhaft erfasst werden. Wandel des wissenschaftlichen Publikationssystems 27 Dimensions bezieht unterschiedliche Publikationsformate umfassender ein, so etwa auch Preprints, und auch alternative Metriken (Altmetrics). Eine frei zugängliche Datenbank, die verschiedene Publikationstypen erfasst und ebenfalls eigene Zitationsanalysen anbietet, stellt Google Scholar dar (Singh et al. 2022). Einen vollständig offenen Katalog stellt seit 2021 OurReserach mit OpenAlex zur Verfügung (Priem et al. 2022). Verlage nutzen die vorliegenden Metadaten und ihre Verknüpfbarkeit, um über die traditionelle Rolle der Herausgabe von wissenschaftlichen Zeitschriften hinaus, neue Geschäftsfelder zu erschließen. Der Aufkauf und/oder Integration von sozialen Netzwerken (Mendeley durch Elsevier), Metriken (Scopus bei Elsevier), Literaturverwaltungsprogrammen (Citavi durch Elsevier) und Repositorien (SSRN durch Elsevier, Research Square durch Springer) in das eigene Geschäftsmodell zeigen diese Entwicklung. Auch die Einbindung von Altmetrics erweitert das Spektrum der Verlagsangebote (Fenner 2014; Haustein 2016). Damit machen die Verlage Angebote für einen immer größer werdenden Bereich des wissenschaftlichen Publikationsprozesses bei der Erstellung von Publikationen (Literaturverwaltungsprogramme), bei Vorveröffentlichungen (Repositorien) bis hin zur Verbreitung (soziale Netzwerke) und Bewertung von Forschungsleistungen (Metriken). Die aggregierten Informationen lassen sich zudem auswerten und weiterverkaufen, weshalb Verlage sich als Unternehmen für Informationsanalysen verstehen (Krüger und Petersohn 2022, S. 12). Für Forschende bedeutet diese Entwicklung komfortabel gebündelte Dienstleistungen, aber gleichzeitig den Verlust der Kontrolle über ihre Daten, wenn ihr Nutzungsverhalten der Angebote von den Verlagen nachverfolgt wird (Deutsche Forschungsgemeinschaft 2021, S. 5; Krüger 2020). Verlage nutzen die Metriken auch, um Journals allgemein oder die Artikel der Forschenden zu bewerben. Das setzt Anreize für Forschende, bei Journals einzureichen, die in den Rankings besonders gut abschneiden, oder auch dort, wo eigene Artikel besonders viele Zitationen oder auch Nennungen in sozialen Medien erhalten haben (Fenner 2014; Fraser et al. 2019; Haustein 2016; Lemke et al. 2019). Wenn eingereichte Beiträge angenommen und publiziert werden, verwenden Forschende die Metriken ihrerseits zur Darstellung ihrer eigenen Leistungen. Dabei treten neben die klassischen Zitationsanalysen sogenannte Usage Based Metrics, die Rezeptionsaktivitäten wie Klicks, Downloads und Bookmarking erfassen oder auch die Reaktionen auf Artikel in den Sozialen Medien auswerten (Franzen 2015; Fraser et al. 2019). Forschende nutzen digital verfügbare Metriken, um den Wert ihrer wissenschaftlichen Leistungen in Form von Publikationen einschätzen zu können. Reputation im wissenschaftlichen Publikationssystem 28 3 Reputation im wissenschaftlichen Publikationssystem Forschende möchten etwas herausfinden – leitend ist für sie, Forschungsfragen zu stellen und zu beantworten. Daher sind Wissenschaftler:innen typischerweise von Neugierde getrieben (Eger und Scheufen 2018, S. 10). Doch die intrinsische Motivation erklärt nicht hinreichend, warum Forschende das, was sie herausgefunden haben, auch publizieren (Binswanger 2014). Der Blick auf das wissenschaftliche Kommunikationssystem rückt die Darstellung von Wissen in den Vordergrund, welcher die Herstellung von Wissen vorausgeht (Franzen 2011, S. 50). Eine genaue Unterscheidung, an welcher Stelle die Herstellung von Wissen in die Darstellung von Wissen übergeht, ist aufgrund von ineinandergreifenden Tätigkeiten im Prozess der Wissensproduktion nicht leicht zu vollziehen. Laborstudien haben den Prozesscharakter des Erkenntnisgewinns in den Vordergrund gerückt – von der Ergebnisgenerierung bis zur Anfertigung einer Publikation (Franzen 2011, S. 52; Knorr Cetina 2023). Andere haben die Erstellung von Publikationen in den Blick genommen und festgestellt, dass Forschende die Publikation ihrer wissenschaftlichen Ergebnisse als vorrangiges Ziel bezeichnen (Latour und Woolgar 2013). Für die Darstellung von Wissen ist klar ersichtlich, dass Forschende kommunikative Mittel wie gesprochene und geschriebene Sprache nutzen und für die Manuskripterstellung Schreibprozesse in unterschiedlichen Stadien aufeinanderfolgen (Franzen 2011, S. 51). Die Kommunikation im Kontext der Herstellung von Wissen findet vor allem innerwissenschaftlich statt, das heißt, sie muss insbesondere internen Kriterien genügen – operationalisiert durch Theorien und Methoden (Franzen 2011, S. 50). Die Darstellung von Wissen hingegen entzieht sich der alleinigen wissenschaftlichen Kontrolle, da sie von Publikationsmedien abhängt (Franzen 2011, S. 50). Dies wird auch mit Blick auf das vorliegende Forschungsvorhaben deutlich (Kap. 2). Bei der innerwissenschaftlichen Zuschreibung von Reputation kommt die extrinsische Motivation ins Spiel, soziale Wertschätzung und Anerkennung durch andere Wissenschaftler:innen zu erhalten (Merton 1976).20 Die Suche nach Anerkennung ihrer Kolleg:innen beeinflusst die Entscheidungen von Forschenden – auch in Bezug auf die Wahl ihrer Forschungsschwerpunkte (Hagstrom 1972, S. 224). Die Auswahl von Themen, die von einer Vielzahl und besonders angesehenen Wissenschaftler:innen eines Faches behandelt werden, versprechen dabei eine höhere Aufmerksamkeit und damit auch Reputation zu erzeugen. Intrinsisches Erkenntnisinte20 Während die Unterscheidung zwischen intrinsischer und extrinsischer Motivation generell als sinnvoll erachtet wird, ist auch hier eine genaue Grenzziehung umstritten. Es wird diskutiert, inwieweit das Streben nach Reputation das Element der Neugierde in der Forschung negativ beeinflusst (Eger und Scheufen 2018, S. 11). Reputation im wissenschaftlichen Publikationssystem 29 resse allein kann also nicht hinreichend motivieren, das Erlangen von Reputation – eng verbunden mit den Karriereaussichten in der Wissenschaft – verstärkt diesbezügliche Anreize bei der Herstellung und Darstellung von Wissen (Franzen 2011, S. 45).21 Forschende versuchen, reputierliches Kapital im Laufe ihrer wissenschaftlichen Karriere zu akkumulieren, und signalisieren damit, einen Beitrag zum Fortschritt der Wissenschaft zu leisten (Eger und Scheufen 2018, S. 10–11). Vor diesem Hintergrund stellt das Publizieren von Forschungsergebnissen eine elementare wissenschaftliche Tätigkeit dar, wobei es wiederum unterschiedliche Anreize gibt, die die Publikationsentscheidungen von Forschenden motivieren. Um diese Anreize und Motivationen von Forschenden zu verstehen, die das Publikationsverhalten beeinflussen, soll in diesem Kapitel die Herausbildung einer Reputationshierarchie und deren Implikationen herausgearbeitet werden. Dafür werden zunächst zentrale Funktionen von Publikationen vorangestellt, die konstitutiv für das formale wissenschaftliche Kommunikationssystem sind (Kap. 3.1). Ein zentrales Element für das Erlangen von Reputation bei der Herausbildung einer Reputationshierarchie stellen Veröffentlichungen in wissenschaftlichen Zeitschriften dar (Kap. 3.2). Für die Messung des Renommees dieser Zeitschriften haben sich Impact-Faktoren etabliert, die auch als Selektionsgrundlage bei Publikationsentscheidungen von Forschenden dienen (Kap. 3.3). Diese Impact-Faktoren werden auch zur Bewertung von Forschungsleistungen herangezogen, was Forschende wiederum bei ihren Publikationsentscheidungen antizipieren (Kap. 3.4). Die Betrachtung dieser Aspekte dient dem Verständnis, welche Funktionen Publikationen im wissenschaftlichen Kommunikationssystem im Allgemeinen und bei der Bewertung von Forschungsleistungen im Besonderen erfüllen. 3.1 Zentrale Funktionen von Publikationen Publikationen nehmen im wissenschaftlichen Kommunikationssystem eine doppelte Rolle ein. Sie dienen einerseits der Zirkulation und Verbreitung von Informationen und andererseits der sich daraus ergebenden Zuweisung von Reputation. Um diese doppelte Rolle ausfüllen zu können, müssen Publikationen vier Unterfunktionen erfüllen (Ash et al. 2015, S. 14; Taubert und Weingart 2016, S. 6). Erstens muss der Zeitpunkt, an dem eine Publikation eingereicht und veröffentlicht wird, überprüfbar festgelegt werden (Registrierung). Zweitens muss der neue Beitrag als Teil der gemeinsamen Wissensbasis anerkannt werden (Zertifizierung). Drittens muss die Reichweite in der wissenschaftlichen Gemeinschaft gewährleistet sein (Verbreitung). 21 Reputationserwerb kann allerdings kein Selbstzweck sein, will die Wissenschaft sozial anerkannt werden (Franzen 2011, S. 45). Reputation im wissenschaftlichen Publikationssystem 30 Viertens muss der Wissensbestand dauerhaft stabilisiert und seine Anschlussfähigkeit hergestellt werden (Archivierung). Diese Funktionen sollen im Folgenden eingehender beleuchtet werden. Registrierung: Für die Zuweisung von Reputation müssen Forschende sich mithilfe von Publikationen die Priorität ihrer Erkenntnisse sichern, indem der Zeitpunkt nachprüfbar festgelegt wird, zu dem eine Publikation eingereicht und veröffentlicht wird. Hierdurch lässt sich der Wissenschaftsfortschritt innerhalb eines Faches rekonstruieren und die Priorität von wissenschaftlichen Erkenntnissen kann einer oder auch mehreren Personen zugeordnet werden (Taubert und Weingart 2016, S. 6). Für Wissenschaftler:innen ist die Prioritätssicherung und damit verbunden die Markierung von neuem Wissen für den Erwerb von Reputation unerlässlich (Franzen 2011, S. 16).22 Dabei gelten Journal-Artikel als primäres Kommunikationsmedium.23 Bei der Wahl einer Zeitschrift stellt insbesondere die Dauer bis zur Veröffentlichung einen relevanten Faktor dar, wenn es um die Sicherung von Priorität der wissenschaftlichen Ergebnisse geht (Franzen 2011, S. 95). Eine zeitgleiche Einreichung bei mehreren Journals ist laut Publikationsrichtlinien der meisten Zeitschriften ausdrücklich untersagt, weshalb Forschende – um Zeitverluste zu minimieren – versuchen, Beiträge in möglichst passenden Journals einzureichen (Franzen 2011, S. 118). Insbesondere bei rigiden Ablehnungsquoten von renommierten Zeitschriften lohnt es sich für Forschende daher, die Publikationsrichtlinien dieser Zeitschriften zu antizipieren (Franzen, 2011, S. 18). Zertifizierung: Die Beurteilung der Qualität eines Beitrags findet im wissenschaftlichen Publikationssystem im Rahmen der Gelehrtenrepublik24 statt. Von Herausgebenden aus dem Kreis der Fachgemeinschaft ausgewählte Gutachter:innen prüfen die Plausibilität der Forschungsergebnisse sowie die Einhaltung methodischer und argumentativer Standards (Franzen 2011, S. 22; Taubert und Weingart 2016, S. 28).25 Mit einer Publikation setzen sich Forschende der Überprüfung ihrer Ergebnisse durch Fachkolleg:innen (Peers) aus (Franzen 2011, S. 39). Das 22 Siehe auch den Beitrag von Merton (1972a) zur Prioritätssicherung als Ursache großer Streits in der Wissenschaft. 23 Das gilt mittlerweile auch für die Sozialund Geisteswissenschaften, die im Gegensatz zu den Naturwissenschaften lange Zeit als Buchwissenschaften firmierten (Franzen 2011, S. 38). 24 Michael Polanyi prägte diesen Begriff der „Republic of Science“ und griff damit auf ältere Verwendungen zurück (Polanyi 1962). 25 In Form eines internen Begutachtungsverfahrens wird die Norm des ‚organisierten Skeptizismus‘ im Sozialsystem der Wissenschaft etabliert, die Robert Merton als dem Ethos der Wissenschaft zugehörig beschrieben hat (Merton 1972b, S. 55). Dabei wird für Forschende angenommen, dass sie im Rahmen ihrer Tätigkeit ein wissenschaftliches Ethos verfolgen – sich an Normen und Werten orientieren, was auch kritisch eingeordnet wird (Barnes und Dolby 1972). Um für wissenschaftliches Fehlverhalten zu sensibilisieren, hat die DFG einen Vorschlag zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis vorgelegt (Deutsche Forschungsgemeinschaft 2013). Reputation im wissenschaftlichen Publikationssystem 37 Die mit der Digitalisierung aufgekommenen, kleinteiligeren Veröffentlichungen stellen auch einen Grund für das weitere Größenwachstum des wissenschaftlichen Publikationssystems dar. Insgesamt lässt sich für das wissenschaftliche Publikationssystem zeigen, dass die Anzahl der Publikationen und der Zitierungen stetig gewachsen ist (Bornmann und Mutz 2015; De Solla Price 1963; van Raan 2000). Bornmann und Mutz (2015) konnten zeigen, dass das wissenschaftliche Publikationsvolumen in der Nachkriegszeit bis 2010 jährlich um etwa 8 % gewachsen ist. Die in den Publikationen zitierten Referenzen haben sich dabei alle neun Jahre verdoppelt, was sich auch auf die Digitalität von Artikeln und den daher ausreichenden Platz zurückführen lässt (Kap. 2.3). Die Überfrachtung mit wissenschaftlichen Informationen ist auch Ausdruck einer Orientierung an der Reputationshierarchie statt am Erkenntnisfortschritt (Kap. 3.2). 3.4 Bewertung von Forschungsleistungen Die Bewertung von Forschungsleistungen mithilfe bibliometrischer Indikatoren stellt bei der Besetzung von akademischen Stellen ein zentrales Auswahlinstrument dar (Ash et al. 2015, S. 19; Corsi et al. 2017; McKiernan et al. 2019). Entsprechend sind Veröffentlichungen in hochrangigen referierten Zeitschriften für eine erfolgreiche wissenschaftliche Karriere von entscheidender Bedeutung (Kap. 3.3). Ohne diese Veröffentlichungen ist es schwieriger, sich in der Reputationshierarchie zu positionieren und die Beachtung und Anerkennung zu finden, die es braucht, um in Bewerbungsverfahren erfolgreich zu sein (Hamann 2019; Nicholas et al. 2020). Die Indikatoren zur quantitativen Leistungsmessung bilden auch die Grundlage für die Berechnung einer leistungsorientierten Mittelvergabe (LOM) (Franzen 2011, S. 47). Universitäten und Forschungsinstitute zahlen etwa Prämien für Publikationen in hochrangigen Zeitschriften (Osterloh und Frey 2015, S. 69). Die Reputationshierarchie, die sich auf quantitative Leistungsindikatoren stützt, dient auch als Orientierung für Außenstehende. Die innerwissenschaftliche Zuschreibung von Reputation wird genutzt, um eine Verteilung von materiellen Ressourcen zu ermöglichen (Taubert und Weingart 2016, S. 6). Für Forschende bedeutet dies, dass ihre Anreize, ihre Erkenntnisse in hochrangigen Zeitschriften zu veröffentlichen, noch weiter verstärkt werden. Ihre Statuserwägungen berücksichtigen dann – über die innerwissenschaftliche Anerkennung hinaus – die Verwendung von quantitativen Leistungsindikatoren auf politisch-administrativer Ebene. Dies hat Auswirkungen auf die wissenschaftliche Selbststeuerung in Hinblick auf die Verteilung personeller und finanzieller Forschungsressourcen (Franzen 2011, S. 47). Es lässt sich feststellen, dass eine ungleiche Verteilung von Forschungsmitteln, Lehrbelastung, Forschungszeit und der Anerkennung erbrachter Leistungen innerhalb der wissenschaftlichen Reputation im wissenschaftlichen Publikationssystem 38 Gemeinschaft vorherrscht (Maeße 2015, S. 78). Manche Mitglieder der wissenschaftlichen Gemeinschaft weisen eine hohe Lehrbelastung auf, während bei anderen die Forschungszeit überwiegt. Und dies hat Folgen für den Reputationserwerb, denn Leistungen im Bereich der Lehre und auch außerwissenschaftlicher Wissenstransfer tragen (bisher) wenig zum Reputationserwerb bei (CoARA 2022; European Commission et al. 2017). Die Einführung des NPM an Forschungseinrichtungen und Universitäten seit den 1990er Jahren hat Rankings und Evaluationen verstärkt auf Basis von bibliometrischen Indikatoren hervorgebracht, um die Leistungen des Wissenschaftssystems als Ganzes transparenter und effizienter steuerbar zu machen (Osterloh und Frey 2015, S. 65). Hierbei wird der Anspruch formuliert, dass die Wissenschaft gegenüber dem Forschungsmanagement, Medien und Ministerien rechenschaftspflichtig sei. Schließlich werde sie zu großen Teilen aus öffentlichen Mitteln finanziert. Da die Öffentlichkeit in die Lage versetzt werden müsse, die Qualität der Forschung und der Forschenden quasi als Außenstehende zu beurteilen, bedürfe es klarer Kennzahlen wie sie auf Basis von Publikationsrankings bereitgestellt werden könnten (Osterloh und Frey 2015, S. 68). Denn spezifische Leistungen der Wissenschaft sind für Außenstehende oft intransparent, weshalb quantifizierbare, wissenschaftliche Ergebnisse für Forschungsevaluationen leichter zugänglich sind (Taubert und Weingart 2016, S. 15). Dafür bieten sich Rankings von Forschungsleistungen an, die etwa die Anzahl von Artikeln in referierten Zeitschriften oder die Höhe der eingeworbenen Drittmittel quantifizieren (Osterloh und Frey 2015, S. 65). Auf dieser Grundlage werden nun im Rahmen des NPM Forschungsmittel in Form von Ressourcenzuteilung der Institutionen oder bei der Vergabe von Drittmittelanträgen vergeben. Bei der (unreflektierten) Verwendung dieser Indikatoren ist problematisch, dass der Forschungsprozess durch eine fundamentale Unsicherheit gekennzeichnet ist, da Forschende Antworten auf Fragen suchen und das Ergebnis eines solchen Such-und-Findungsprozesses nicht vorhersehbar ist. Darüber hinaus stellt sich der Nutzen wissenschaftlicher Entdeckungen teils erst nach sehr langer Zeit ein, was sich in der Gesamtzahl der Zitierungen eines Zeitschriftenartikels über dessen Lebensdauer niederschlagen kann (Oswald 2007, S. 28). Auch sind Forschungsleistungen und die Anteile von darauf aufbauenden Publikationen nicht immer bestimmten Personen exakt zurechenbar (Osterloh und Frey 2015, S. 65–66). Es kann auch zu einem Institutionenoder Gender-Bias kommen, wenn etwa Anträge von prestigeträchtigen Institutionen oder Forschende eines bestimmten Geschlechts bevorzugt werden (Osterloh und Reputation im wissenschaftlichen Publikationssystem 39 Frey 2015, S. 66). All dies gilt es zu berücksichtigen, wenn Rankings zur Bewertung herangezogen werden, und begründet darüber hinaus, warum Rankings nicht als alleiniges Instrument zur Forschungsbewertung infrage kommen (Hicks et al. 2015; Sugimoto 2018).28 Die Herstellung von Sichtbarkeit in der außerwissenschaftlichen Gemeinschaft orientiert sich an den Ergebnissen der innerwissenschaftlichen Zuschreibung von Reputation (Franzen 2014; Rödder 2009, 2014). Durch den Umstand, dass sich nicht nur Forschende, sondern auch die Öffentlichkeit an Zitationsanalysen und Rankings orientieren, kommt es zu Rückwirkungen auf das wissenschaftliche Kommunikationssystem (Taubert und Weingart 2016, S. 14) und zwar sowohl auf die Herstellung von Wissen als auch auf die Darstellung von Wissen (Franzen und Rödder 2013). „Es finden sich Anhaltspunkte dafür, dass die Verwendung von publikationsbasierten Indikatoren im Rahmen von Forschungsevaluationen, der Leistungsorientierten Mittelvergabe, bei der Beantragung von Drittmitteln sowie im Rahmen von Berufungsverfahren zu einem Publikationsdruck und Reaktionsweisen von Wissenschaftlern führen, die insgesamt das Vertrauen in mitgeteilte Forschungsergebnisse belasten“ (Taubert und Weingart 2016, S. 29). In der Öffentlichkeit erhält das Abschneiden von Forschenden in Rankings ein großes Gewicht – und dies unabhängig davon, wie groß die Unterschiede zwischen den Positionierungen sind (Osterloh und Frey 2015, S. 70). Diese Wahrnehmung von außen führt zu sich selbst verstärkenden Prozessen, da Mittel bevorzugt an jene verteilt werden, die bereits in der Vergangenheit gut in Rankings abgeschnitten haben. Auf dieser Basis lässt sich leichter weitere Reputation erlangen (Osterloh und Frey 2015, S. 70) – ganz im Sinne des von Merton erstmals beschriebenen Matthew-Effekts (Merton 1968). 28 Die Schwierigkeiten mit dieser Form der Forschungsevaluation wurden frühzeitig erkannt und mündeten in zahlreichen Deklarationen und Initiativen, wie der Declaration on Research Assessment (DORA 2012), dem Leiden Manifesto for research metrics (Hicks et al. 2015), den Hong Kong Principles for assessing researchers: Fostering research integrity (Moher et al. 2020) sowie der Coalition for Advancing Research Assessment (CoARA 2022). Auch die DFG hat ein Maßnahmenpaket zum Wandel der wissenschaftlichen Bewertungskultur auf den Weg gebracht (Deutsche Forschungsgemeinschaft 2022). Publizieren in der VWL – Status quo einer Disziplin 40 4 Publizieren in der VWL – Status quo einer Disziplin Fächer unterscheiden sich hinsichtlich der Eigenschaften ihres Forschungsgegenstands. So werden in den Naturwissenschaften häufig Gegenstände untersucht, die weltweit für alle Forschenden des betreffenden Felds von Interesse sind und Geltung haben. Die Geistesund Sozialwissenschaften beschäftigen sich hingegen vorwiegend mit Gegenständen, die in einem regionalen oder nationalen Kontext relevant sind (Ash et al. 2015, S. 16). Daraus folgt, dass bestimmte Fachgebiete sich stärker international ausrichten oder aber sich an Sprachbzw. Nationengrenzen orientieren. Die VWL stellt insofern einen interessanten Fall dar, als in diesem Fach mit sozialwissenschaftlicher Tradition in den vergangenen Jahrzehnten eine besonders intensive Adaption des Publikationsverhaltens aus den Naturwissenschaften stattfindet. Noch im 18. und 19. Jahrhundert war die VWL durch enge Beziehungen zu anderen Sozialund Kulturwissenschaften gekennzeichnet. In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts traten Konflikte zwischen einem eher naturwissenschaftlich und einem eher kulturwissenschaftlich ausgerichteten Flügel auf, die das Fach auseinanderdriften ließen (Maeße 2015, S. 80). In diesem Prozess gewann der naturwissenschaftlich ausgerichtete Flügel die Oberhand. Auf Ebene der Fachgesellschaften fiel in diese Zeit die Gründung der Deutschen Gesellschaft für Soziologie als Abspaltung vom Verein für Socialpolitik (VfS), der fortan immer stärker durch die Wirtschaftswissenschaften geprägt wurde. Der Trend verstetigte sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und führte seit den 1970er Jahren im Gefolge der Entwicklung in den USA zur Etablierung modell-formalistischer Wissenschaftsstandards, die die paradigmatische und methodische Ausrichtung in der VWL in Deutschland bis dato prägen (Kap. 4.1). Die Anzahl der Co-Autor:innen wächst und die Netzwerke internationalisieren sich – Englisch hat sich als Veröffentlichungssprache etabliert (Kap. 4.2). Heterogene Publikationsformen, in denen auch Monografien und Beiträge in Sammelbänden eine wesentliche Rolle spielen, werden weiter zunehmend von Journal-Artikeln abgelöst (Maeße 2015, S. 80), wobei Working Paper eine nach wie vor unverändert große Rolle spielen (Kap. 4.3). Der Anteil von Open-Access-Veröffentlichungen fällt in der VWL im Vergleich zu anderen Disziplinen gering aus, wobei unterschiedliche Klassifikationen von Open Access (Kap. 2.2) eine Erklärung liefern (Kap. 4.4). Rankings ordnen Journals hierarchisch und finden vielfach Beachtung von Forschenden in der VWL (Kap. 4.5). Die Darstellung dieser Aspekte soll dazu beitragen, zu erfassen, wie die VWL sich als Disziplin entwickelt hat und wo Unterschiede zu anderen Disziplinen im Kontext von Open Access und Rankings liegen. Publizieren in der VWL – Status quo einer Disziplin 41 4.1 Paradigmatische und methodische Ausrichtung Die zunehmend extensive Verwendung mathematisch anspruchsvoller Modelle hat Ökonom:innen in den USA dazu verleitet, sich selbst nahe oder sogar an der Spitze der disziplinären Hierarchie in den Sozialwissenschaften zu sehen (Fourcade et al. 2015, S. 89). Im Rahmen des neuen modelltheoretisch-mathematischen Paradigmas findet in der VWL eine interne Differenzierung in Spezialund Subdisziplinen statt. Dies hat auch eine Ausdifferenzierung der Zeitschriftenlandschaft in Field Journals für Subdisziplinen und in General Interest Journals zur Folge (Maeße 2015, S. 81). Diese Entwicklung bereitet den Boden für ein hierarchisches Journal-System, das ohne lokale Verlage auskommt, obgleich die Institutionen des Wissenschaftssystems lokal verortet bleiben (Maeße 2015, S. 81). Die US-amerikanischen Verlage fungieren für die deutsche VWL damit zunehmend als Zertifizierungsinstanz. Forschende, die eine Publikation in diesen Journals anstreben, müssen international relevante Datensätze – wenn nicht gar US-amerikanische Datensätze – verwenden, ohne die eine Publikation in einem Top-Journal kaum erreichbar ist (Maeße 2015, S. 82). Gleichzeitig vollzieht sich in der VWL die Herausbildung eines Mainstream (Beyer et al. 2018), der weniger auf ökonomische Theorien rekurriert, und mehr auf die mathematische Darstellung ökonomischer Wirkungszusammenhänge zielt. Die ausgeprägte Übernahme einer formal-mathematischen Darstellung von Zusammenhängen separiert die Wirtschaftswissenschaften zunehmend von anderen Sozialwissenschaften, was sich auch in wenigen disziplinübergreifenden Zitationen zeigt (Fourcade et al. 2015, S. 92–93). In den 1970er Jahren kam es in den Wirtschaftswissenschaften zu einer Wiederkehr des neoklassischen Paradigmas, das den Mainstream in der VWL bis heute prägt.29 Auch hier liegt der Schwerpunkt auf der mathematischen und statistischen Untermauerung der eigenen Argumente, indem diese auf einen formalen Satz von Gleichungen zurückgeführt werden (Oliveira und Dávila-Fernández 2020). Mit der mathematischen Revolution der 1990er und 2000er Jahre hat sich dies zu einem Kausalitätsansatz entwickelt, der sich auf das Forschungsdesign und die Schlussfolgerungen konzentriert und häufig die Vorteile von randomisierten kontrollierten Studien hervorhebt (Fourcade et al. 2015, S. 92). Bei Berufungsverfahren ist es zudem wahrschein29 Auch an den Wissenschaftsinstitutionen werden lokale Traditionen und Hierarchien durch die Internationalisierung der Disziplin umgebildet. Bedeutende traditionelle Standorte wie Köln, Kiel und Berlin in Deutschland bekommen Konkurrenz von neuen Standorten wie Mannheim, Bonn, München und Frankfurt, die sich auf der Ebene der volkswirtschaftlichen Fakultäten durch eine durch Rankings attestierte Forschungsstärke auszeichnen (Maeße 2015, S. 85). Publizieren in der VWL – Status quo einer Disziplin 42 lich, dass Kandidat:innen mit ähnlicher paradigmatischer Ausrichtung bevorzugt werden (Akerlof und Michaillat 2017), was es im Fall des führenden Mainstream anderen Richtungen erschwert, Professuren zu besetzen. Das zusammengenommen hat die Suche nach immer spezielleren Forschungsgebieten begünstigt, auf die sich die Modelle anwenden lassen, wobei die Relevanz der Forschung für Öffentlichkeit und Gesellschaft weiter aus dem Blickfeld gerät (Haucap 2020).30 Vor allem mit Blick auf die akademischen Karriereaussichten kann es geradezu hinderlich sein, sich zu sehr wirtschaftspolitisch relevanter Forschung zu widmen.31 Eine Auseinandersetzung innerhalb des Fachs zu diesen und anderen Aspekten der Ausrichtung der VWL in Deutschland hat zu einem Methodenstreit geführt, in dem auch der in der deutschen VWL verankerte Ordoliberalismus eine Rolle spielt (Haucap und Mödl 2013).32 Die jüngere Generation in Deutschland ist stärker an der Mikroökonomie und am ökonomischen Mainstream orientiert, wodurch ordoliberale Ideen an Bedeutung verlieren (Beyer et al. 2018). Die Herausbildung und Etablierung eines Mainstream in der VWL wird dadurch erleichtert, dass Wirtschaftswissenschaftler:innen in der Ausbildung übereinstimmend bestimmte US-amerikanische Lehrbücher verwenden und sich weitgehend über die wichtigsten Prinzipien und Instrumente einig sind, die die Doktorandenausbildung strukturieren (Fourcade et al. 2015, S. 96). Gleichzeitig bildet sich ein System formaler Zitationsmessung als Grundlage von Reputationszuschreibung heraus. Aus diesem System resultierende Netzwerkeffekte stabilisieren seither den wirtschaftswissenschaftlichen Mainstream und ziehen Pfadabhängigkeiten nach sich (Aistleitner et al. 2015, 2019). Mit der Nähe zum Mainstream steigen für die einzelnen Forschenden die Chancen auf die erfolgreiche Publikation von Forschungsergebnissen und damit auf eine erfolgreiche wissenschaftliche Karriere, was wiederum das Paradigma als Ganzes bzw. in ihm verortete Forschende stärkt (Dobusch und Kapeller 2009, S. 146). 30 „Diese Kritik ist schon vor der globalen Finanzund Wirtschaftskrise noch einmal pointiert von Gregory Mankiw […] bekräftigt worden: ‚[M]ore young economists today are doing Levitt-style economics and fewer are studying the classic questions of economic policy. That is disconcerting, to a degree. It could be especially problematic twenty years from now, when President Chelsea Clinton looks for an economist to appoint to head the Federal Reserve, and the only thing she can find in the American Economic Association are experts on game shows and sumo wrestling.’ […] Auch ich habe mich dazu kritisch geäußert. Dass immer mehr Ökonomen sich mit Randthemen wie Sumo-Ringen, Fernsehshows und Teenager-Schwangerschaften beschäftigen, halte ich für keine gute Entwicklung“ (Haucap 2020, S. 46–47). 31 Illustrativ dazu, der Beitrag des Ökonomen, Andreas Peichl: „Geht es um wirtschaftspolitische Beratung oder um wissenschaftliche Exzellenz? Natürlich würde kein Mitglied gerne offen zugeben, dass dies ein Zielkonflikt ist, meiner Meinung nach gibt es diesen aber schon. […] Diese Zielkonflikte habe ich selbst in meiner Karriere immer wieder zu spüren bekommen. Ich habe schon zu Zeiten meiner Promotion an Beratungsprojekten mitgearbeitet […]. Aufgrund dieser vielen Projekte ist mein CV sehr lang und enthält eine Vielzahl von Publikationen außerhalb der Top-Zeitschriften […]. Dies ist mir in Berufungsverfahren sowohl intern von Kommissionen als auch extern (teilweise anonym im Internet) als Nachteil ausgelegt worden“ (Peichl 2019). 32 Vgl. auch zum neueren Methodenstreit in der VWL die Beiträge in Caspari und Schefold (2011). Publizieren in der VWL – Status quo einer Disziplin 43 Durch die Messung von Zitationshäufigkeiten werden diese Pfadabhängigkeiten formal institutionalisiert. Seit den 2000er Jahren haben sich verschiedene andere Strömungen in der VWL etabliert, die als plurale oder heterodoxe Ökonomik zusammengefasst werden. Aufgrund bestehender Netzwerkeffekte ist es für heterodoxe Ökonom:innen deutlich schwieriger, Sichtbarkeit und Reputation zu erlangen. Eine Analyse gegenseitiger Zitationen von jeweils zehn Zeitschriften mit dem höchsten JIF aus dem Mainstream bzw. der heterodoxen Ökonomik zeigt, dass Beiträge aus heterodoxen Journals überwiegend Artikel aus dem Mainstream zitieren, während Mainstream-Journals sich überwiegend gegenseitig selbst zitieren (Dobusch und Kapeller 2009, S. 148–149). Das heißt, einer offenen Zitationspraxis heterodoxer Journals steht eine theoretische Geschlossenheit der orthodoxen oder Mainstream-Journals gegenüber.33 Die Anzahl der empirischen Arbeiten hat in der wirtschaftswissenschaftlichen Forschung in den letzten Jahren deutlich zugenommen (Caspari 2021), wobei ihre Qualität stets zu hinterfragen ist (Hamermesh 2013; Ioannidis und Doucouliagos 2013). Selbst Fachgebiete, in denen traditionell die Theorie im Vordergrund steht, sind empirischer geworden (Angrist et al. 2017). Es lässt sich zeigen, dass empirische Arbeiten auch häufiger zitiert werden als theoretische Arbeiten. Empirisches Arbeiten sollte auch die Replizierbarkeit der Forschungsergebnisse ermöglichen (Duvendack et al. 2017; Hamermesh 2017; Mueller-Langer et al. 2019), was bisher allerdings nur mit wenigen Ausnahmen gelingt (Herndon et al. 2014; McCullough et al. 2006; C. M. Reinhart und Rogoff 2010). Dabei ist es wichtig, dass die Forschungsergebnisse nachvollziehbar dokumentiert werden und auffindbar sind, was auch für die zugrundeliegenden Daten und Codes gilt (Anderson et al. 2008; Andreoli-Versbach und Mueller-Langer 2014; Fecher 2018; Linek et al. 2017). Das erst schafft die Grundlage dafür, dass vorliegende Ergebnisse auch falsifiziert werden können. Eine weitere Analogie zu den Naturwissenschaften besteht in der Erweiterung des Methodenspektrums durch Experimente in der VWL (Duflo 2020; Glennerster und Takavarasha 2013; Hamermesh 2013), was unter anderem in der Folge des Einzugs der Verhaltensökonomik zu entsprechend konzipierten Studien geführt hat (Beyer et al. 2018). Daran schließt sich die Frage nach der zukünftigen Präregistrierung von Forschungsvorhaben in der VWL an – eine Praxis, die etwa aus naturwissenschaftlichen Disziplinen bekannt ist. 33 „Da viele Zitate orthodoxer Artikel in heterodoxen Journalen auf Kritik an eben diesen Ansätzen zurückzuführen sind, ist dies ein wunderbares Beispiel für die inhaltlich blinde Logik des ‚Zitatezählens‘“ (Dobusch und Kapeller 2009, S. 149). Publizieren in der VWL – Status quo einer Disziplin 44 4.2 Co-Autorenschaft und internationale Netzwerke Für die USA und auch Deutschland lässt sich zeigen, dass die Wirtschaftswissenschaften – ähnlich wie die Physik – im Vergleich zu anderen Disziplinen nach wir vor stark männlich dominiert sind (Beyer et al. 2018; Fourcade et al. 2015, S. 90). Dass die VWL als Sozialwissenschaft ein stark am Beispiel der Naturwissenschaft geprägtes Publikationsverhalten aufweist, lässt sich an der steigenden Anzahl der Auor:innen ablesen, die an einer Publikation mitgearbeitet haben. In den Geistesund Sozialwissenschaften überwiegen allein oder mit wenigen Co-Autor:innen verfasste Publikationen, während sich in den Naturwissenschaften tendenziell größere Gruppen von Autor:innen finden lassen. Die Gruppengröße kann unterschiedlich ausfallen, etwa bedingt durch stark datengetriebenes oder projektbasiertes Arbeiten (Ash et al. 2015, S. 16).34 Die Dominanz von Journal-Artikeln als das Hauptpublikationsmedium in der VWL hat die Anzahl der in Co-Autorenschaft verfassten wissenschaftlichen Arbeiten ansteigen lassen (Hamermesh 2013; Leininger 2009, S. 67). In der VWL werden die Autor:innen in der Regel häufig in alphabetischer Reihenfolge genannt, obwohl es für die meisten Autor:innen gerade bei steigender Autorenzahl oft bedeutet, unter et al. subsumiert zu werden (Leininger 2009, S. 68). Allerdings ist die Nennung der Autor:innen in alphabetischer Reihenfolge in den Wirtschaftswissenschaften im letzten Jahrzehnt zurückgegangen (Wohlrabe und Bornmann 2022). Auch steigt die Wahrscheinlichkeit einer nicht-alphabetisierten Co-Autorenschaft, je mehr Autor:innen ein Journal-Artikel aufweist (Wohlrabe und Bornmann 2022). Die überwiegende Anzahl der Publikationen in der VWL mit mehreren Autor:innen werden von zwei oder drei Autor:innen verfasst – vier oder mehr Autor:innen bilden die Ausnahme (Leininger 2009, S. 68). Kooperationen dieser Art werden durchaus honoriert, zwei Artikel in hochrangigen Journals mit Co-Autor:in zählen (eher) mehr als ein in Alleinautorenschaft veröffentlichter Artikel (Leininger 2009, S. 68). Auf Basis von RePEc-Daten lässt sich zeigen, dass die Anzahl der Autor:innen in der VWL von durchschnittlich 1,56 (1991) auf 2,23 (2013) gestiegen ist (Rath und Wohlrabe 2016).35 Der relativ größte Anteil der RePEc-Veröffentlichungen wird in Alleinautorenschaft verfasst, aber die Mehrheit aller Publikationen stammt von zwei oder mehr Autor:innen. Dabei hat der Anteil der Alleinautorenschaft um 20 Prozentpunkte abgenommen, entsprechend ist der Anteil 34 Über die Kriterien, die eine Autorenschaft begründen, wird seit einigen Jahren debattiert (Deutsche Forschungsgemeinschaft 2013). 35 Einen Anstieg der Autor:innenzahl konnten andere Studien bereits für kleinere Datensätze belegen (Card und DellaVigna 2013; Laband und Tollison 2000). Publizieren in der VWL – Status quo einer Disziplin 45 mit drei oder mehr Autor:innen gestiegen. Der Anteil mit zwei Autor:innen ist hingegen relativ konstant geblieben. Eine Aufteilung nach Qualitätsklassen zeigt, dass Artikel aus Journals mit den niedrigsten Impact-Faktoren im Durchschnitt eine geringere Autor:innenzahl aufweisen (Rath und Wohlrabe 2016). Auch bilden sich Netzwerke aus Co-Autor:innen um renommierte Ökonom:innen heraus (Goyal et al. 2006). Es bilden sich Gruppen, die über Techniken, Reputation und soziale Kontakte verfügen, um in hochrangigen Journals zu veröffentlichen. Andere bleiben außen vor, was darauf hindeutet, dass eine Erfolg fördernde Co-Autorenschaft unter den Wirtschaftswissenschaftler:innen ungleich verteilt ist. Hier ist die Gruppenzusammensetzung entscheidend für den Publikationserfolg und nicht das individualisierte Leistungsprinzip (Maeße 2015, S. 84). Es zeigt sich, dass die Netzwerke von (ehemaligen) Mitarbeiter:innen wesentlich dichter sind als die Co-Autor:innen-Netzwerke insgesamt (Yuret 2020). Was die Einbindung von Postdocs in die wissenschaftliche Gemeinschaft betrifft, lässt sich zeigen, dass 84 % aller Postdocs an nationalen oder internationalen Konferenzen teilgenommen haben, 58 % haben in referierten Zeitschriften veröffentlicht und 54 % sind an einem Drittmittel-Projekt beteiligt (Fitzenberger und Schulze 2014, S. 296). Die Internationalisierung ist so weit fortgeschritten, dass die Mehrheit der als relevant angesehenen Zeitschriften englischsprachig sind (Bräuninger et al. 2011; Bräuninger und Haucap 2001). Nationale deutschsprachige Zeitschriften geraten in diesem Reputationswettlauf ins Hintertreffen (Kulczycki et al. 2018, S. 478; Leininger 2009, S. 67). Um dieser Entwicklung zu begegnen, werden ehemals deutschsprachige Zeitschriften nun in englischer Sprache publiziert, wie etwa die Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik /Journal of Economics and Statistics, die mit einer langen Tradition seit 1863 erscheinen. Oder einer deutschsprachigen Zeitschrift, wie den vom VfS seit 2000 herausgegebenen Perspektiven der Wirtschaftspolitik, wird mit der German Economic Review ein englischsprachiges Pendant gegenübergestellt. Viele deutschsprachige Ökonom:innen publizieren weiterhin auch in deutschsprachigen Zeitschriften, jedoch sei es für den Reputationsaufbau (Kap. 3.2) kein gutes Zeichen ausschließlich in der Landessprache zu publizieren (Leininger 2009, S. 67). Publikationen aus Deutschland und den USA stellen im Fall der Forschenden aus der VWL in Deutschland insgesamt die relevanten Publikationsorte dar (Das et al. 2013, S. 128). Die Ergebnisse des Rankings der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) zeigen, dass deutschsprachige Publikationen zielführend sind, wenn Politikberatung und das Erreichen einer breiteren Öffentlichkeit im Vordergrund stehen (Kap. 4.5). Publizieren in der VWL – Status quo einer Disziplin 46 4.3 Publikationsformate Die Struktur des wissenschaftlichen Publikationssystems unterscheidet sich zwischen den Fächern und Forschungsgebieten. Gemeinsam sind den Fächern partiell ähnliche Entwicklungspfade hinsichtlich der zuvor beschriebenen Gestalt des formalen Kommunikationssystems, der Publikationsinfrastruktur und der Trägerorganisationen. So spielen die vier Unterfunktionen des wissenschaftlichen Publikationssystems Registrierung, Zertifizierung, Verbreitung und Archivierung in allen Fächern eine Rolle (Kap. 3.1) (Ash et al. 2015, S. 15). 36 Ein Blick auf die verwendeten Publikationsmedien zeigt jedoch, dass in den Geistesund Sozialwissenschaften noch häufiger Monografien und Sammelbände veröffentlicht werden, während in naturwissenschaftlichen Fächern deutlich mehr Zeitschriftenartikel publiziert werden (Ash et al. 2015, S. 17; Leininger 2009). Auch in dieser Hinsicht vollzieht sich in der VWL eine Abkehr von der sozialwissenschaftlichen Publikationspraxis und eine Hinwendung zu einem Publikationsverhalten, das sich am Vorbild der Naturwissenschaften orientiert. Monografien und Sammelbände Immer weniger Ökonom:innen verfassen Bücher (Kulczycki et al. 2018, S. 478). Zwar werden noch Fachbücher publiziert. Wenn es sich jedoch nicht um Lehrbücher handelt, dann setzen sich die Fachbücher zumeist aus einer Sammlung von Beiträgen zusammen (Leininger 2009, S. 67). In den Geistesund Sozialwissenschaften hat ein steigender Publikationsdruck dazu geführt, dass Forschende auch auf die Herausgabe von Sammelbänden ausweichen. Die Herausgebenden laden andere Forschende dazu ein, einen Beitrag für einen Sammelband zu verfassen. Da dies auf Einladung und im Rahmen sozialer Netzwerke geschieht, die auf Gegenseitigkeit ausgerichtet sind, ist es nicht immer möglich, Beiträge im Nachhinein abzulehnen, sollten die Beiträge nicht den qualitativen Anforderungen genügen (Taubert und Weingart 2016, S. 26). Darunter kann die Qualität von Sammelbänden leiden, was die Reputation des Publikationsmediums insgesamt beeinträchtigt. Gleiches gilt für Handbücher, die in den Sozialwissenschaften in jüngerer Zeit ebenfalls einen Aufschwung erleben, was sich vielfach auch auf die Initiative von Verlagen zurückführen lässt (Taubert und Weingart 2016, S. 26). Etwa seit Ende der 1990er Jahre setzen sich kumulative Promotionen und Habilitationen durch, die auf mehreren Zeitschriftenartikeln basieren (Leininger 2009, S. 67–68). Damit werden Monografien weiter in den Bereich der populärwissenschaftlichen wirtschaftswissenschaftlichen 36 Selbst da, wo sich Entwicklungen in ähnlicher Weise vollziehen, weisen sie in verschiedenen Disziplinen eine unterschiedliche Geschwindigkeit auf (Taubert & Weingart, 2016, S. 33). Beispielsweise kann die Publikationsgeschwindigkeit davon abhängen, welche Rolle die Sicherung der Priorität in einer Disziplin spielt oder wie viel Zeit die Qualitätsprüfung in Anspruch nimmt (Ash et al. 2015, S. 16). Publizieren in der VWL – Status quo einer Disziplin 53 systematischen Verbindung von Forschungsressourcen (finanzielle Ausstattung, Professuren, Drittmittel, Forschungszeit, Lehrbelastung, Ämter etc.) und Forschungsrankings fortwährend erfolgreicher, während andere Wissenschaftler:innen in Rankings keine Rolle spielen (Bornmann et al. 2017, S. 40; Maeße 2015, S. 93). In den vergangenen Jahren hat die Anzahl der Zeitschriften-Rankings zugenommen. Dies könnte auf eine verbesserte Datenverfügbarkeit, einen stärkeren Wettbewerb innerhalb der Wissenschaftsgemeinschaft und die Notwendigkeit einer ständig erweiterten Forschungsbewertung zurückzuführen sein (Bornmann et al. 2018, S. 659). Die Mehrzahl der Rankings greift auf bibliometrische Daten des WoS zurück ( Bornmann et al. 2018, S. 660–661). Deutlich weniger Rankings stützen sich auf Scopus, Google Scholar oder RePEc. Es gibt auch Befragungen von Wirtschaftswissenschaftler:innen (Bräuninger et al. 2011; Bräuninger und Haucap 2001), aber die Messung von Forschungsleistungen mithilfe von Zitationen bildet nach wie vor die wichtigste Grundlage zur Erstellung von Rankings und damit für Forschungsevaluationen (Bornmann et al. 2018, S. 660). In der VWL haben Rankings eine große Aufmerksamkeit erlangt und ab Ende der 1990er einen Bedeutungszuwachs erfahren. Rankings dienen nun als Instrumente zur verbindlichen Messung von Forschungsleistung. „Von nun an gehört die VWL zu den Disziplinen, in denen die quantitative Messung wissenschaftlicher Leistung mit Hilfe von Rankings von großer Bedeutung für die Verleihung akademischer Würden ist“ (Maeße 2015, S. 91). In Deutschland bzw. der DACH-Region43 stellt insbesondere die Einführung des Handelsblatt-Rankings eine Zäsur dar. Es wird 2005 erstmals, ab 2010 in revidierter und 2017 in nochmals aktualisierter Fassung regelmäßig veröffentlicht (Butz und Wohlrabe 2016; Hofmeister und Ursprung 2008; Krapf und Schläpfer 2012).44 Die erste Kritik wird mit Blick auf Journal-Gewichtung, die Gewichtung der Co-Autor:innen und den Umfang des Publikationsaufkommens (LPU) geäußert (Hofmeister und Ursprung 2008). Auch wird grundsätzlich auf Schwierigkeiten zitationsbasierter Metriken für die Forschungsevaluierung hingewiesen (Ursprung und Zimmer 2007). Später wird das Ranking auch dahingehend kritisiert, dass die Gewichtung der Zeitschriften willkürlich und nicht aktuell sei (Butz und Wohlrabe 2016). 43 DACH = Deutschland (D), Österreich (A), Schweiz (CH). 44 Siehe zu detaillierten aktuellen Ergebnissen des Handelsblatt-Rankings https://www.forschungsmonitoring.org/ranking/vwl/authors (31. Januar 2024). Publizieren in der VWL – Status quo einer Disziplin 54 Das Handelsblatt-Ranking ordnet Forschende und Fachbereiche der deutschsprachigen VWL (und BWL45) nach ihrer Publikationsleistung. Um diese Ranglisten zu erstellen, werden Journal-Artikel nach der Anzahl der Autor:innen gewichtet sowie mit einem Gewichtungsfaktor für die Journal-Qualität46 (Haucap et al. 2017, S. 2). Das Maß für die Journal-Qualität basiert auf Analysen von Combes und Linnemer (2010). Für ihre Analysen nutzen sie bibliometrische Daten auf Basis des WoS (JIF) und Google Scholar. Die Journal-Qualität spiegelt den Impact gemessen in Zitationen wider, den die Artikel eines Journals insgesamt erzielen (Butz und Wohlrabe 2016, S. 5–6; Combes und Linnemer 2010; Schläpfer und Schneider 2010, S. 328– 329). Die Forschungsleistung von Ökonom:innen wird also mithilfe der Journal-Qualität gemessen, in denen die/der Forschende publiziert. Es wird angenommen, dass die individuelle Forschungsleistung umso höher ist, je mehr Artikel ein:e Forschende:r in hochrangigen Zeitschriften veröffentlicht hat (Hamermesh 2018, S. 151). In der wissenschaftlichen Gemeinschaft ist es auch anerkannt, dass der Impact von Forschenden durch Zitierhäufigkeiten gemessen werden kann, die die eigenen Journal-Artikel erhalten, und dies ein besseres Maß darstellt, als auf Journal-Ebene aggregierte Zitationen (Kap. 3.3) (Schläpfer und Schneider 2010, S. 325). Allerdings können auch Zitationshäufigkeiten auf Artikelebene Verzerrungen aufweisen. So konnten Birkmaier und Wohlrabe auf Basis der RePEc-Zitierungsdatenbank Citec zeigen, dass 22 von 38 Ökomom:innen aus dem deutschsprachigen Raum einen Matthew-Effekt aufweisen, das heißt, dass eine gegebene Zitierverteilung einer:s Forschenden nach oben von einer theoretisch zu erwartenden Zitierverteilung abweicht (Birkmaier und Wohlrabe 2014, S. 40). Insgesamt kommen sie zu dem Schluss, dass die Wahrscheinlichkeit für das Eintreten eines Matthew-Effekts umso höher ist, je ungleicher die Zitierungen verteilt sind (Birkmaier und Wohlrabe 2014, S. 41). Für das Handelsblatt-Lebenswerk-Ranking 2010 konnte gezeigt werden, dass nur 29 % der Handelsblatt-Punktzahl einer:s Forschenden durch im Jahr 2009 erhaltene Zitationen (verzeichnet im WoS) erklärt werden können (Schläpfer und Schneider 2010). Haucap et al. erweitern diesen Ansatz um die Gesamtzahl der Zitationen einer:s Forschenden und weitere Indikatoren auf Basis von Scopus-Daten. Zwischen dem Lebenswerk-Ranking und verschiedenen bibliometrischen Indikatoren für den wissenschaftlichen Impact, wie der Zahl der Zitationen, dem h45 Das BWL-Handelsblatt-Ranking ist unter Forschenden der BWL deutlich umstrittener als das VWL-Ranking unter den Forschenden der VWL (Berlemann und Haucap 2015). In der BWL gibt es seit 2003 auch das unter den Mitgliedern des VHB durchgeführte und anerkannte Ranking JOURQUAL, bei dem die Qualität von BWL-Zeitschriften mittels Befragung unter den Mitgliedern ermittelt wird (Schrader und Hennig-Thurau 2009). Siehe auch das aktuelle VHB-Rating 2024 https://vhbonline.org/service/vhb-rating-2024 (16. August 2024). 46 Zur Kritik an der Bestimmung von Qualität eines Journals auf Basis des JIF siehe Kap. 3.3. Publizieren in der VWL – Status quo einer Disziplin 55 Index, der Zahl der Zitationen der meistzitierten Arbeit sowie des Pi-Beta-Score (Publications Ignored, By Even The Author(s)), lassen sich nahezu keine Zusammenhänge aufzeigen. Das zeigt einmal mehr, dass das im Handelsblatt-Ranking verwendete Maß der Journal-Qualität kein guter Maßstab für die Forschungsleistung einzelner Ökonom:innen darstellt, vergleicht man diese mit Zitationsmaßzahlen individueller Artikel der Forschenden. Die Autoren kommen daher zu dem Schluss, dass Publikationsleistungen, die auf Journal-Rankings basieren, keine guten Indikatoren für den Einfluss von Ökonom:innen in der wissenschaftlichen Gemeinschaft darstellen (Haucap et al. 2017, S. 6–7).47 Vielfacher Kritik zum Trotz hat das Handelsblatt-Ranking seinen Weg durch die Institutionen der deutschsprachigen VWL fortgesetzt. Dabei zeigt das Handelsblatt-Ranking deutliche Unterschiede zwischen den Forschenden auf. Einer Gruppe von Top-Fakultäten steht eine große Gruppe von Universitäten gegenüber, die keine Forschung auf internationalem Niveau aufweisen. „Jeder vierte deutsche Professor hat in seiner Karriere nicht einen Aufsatz in einer der 182 international wichtigsten Zeitschriften veröffentlicht.“48 Die Ausrichtung auf das HandelsblattRanking hat das Publikationsverhalten von Wirtschaftsforschenden nachhaltig verändert. Da die Methodik nur Publikationen in referierten Zeitschriften berücksichtigt, haben insbesondere jüngere Wissenschaftler:innen auf Beiträge zu Büchern und Sammelbänden fast vollständig verzichtet (Krapf und Schläpfer 2012). Bedeutender ist also seit zwei Dekaden das Publizieren in internationalen englischsprachigen Journals. Es lassen sich zahlreiche Hinweise für die Relevanz des Handelsblatt-Rankings für die individuelle Karriere von Forschenden finden, da die Rankings regelmäßig zur Bewertung von Kandidat:innen bei Einstellungsentscheidungen verwendet werden (Schläpfer und Schneider 2010). Da das Handelsblatt-Ranking in weiten Teilen der Wissenschaft zu einem Maßstab für die Reputation eines Forschenden geworden ist, nehmen viele Wirtschaftswissenschaftler:innen ihr individuelles Handelsblatt-Ranking in ihren Lebenslauf auf (Haucap et al. 2017, S. 3). Die Handelsblatt-Rankings werden vom VfS finanziell unterstützt und sind ein wiederkehrendes Diskussionsthema auf der Jahrestagung (Haucap et al. 2017, S. 3). Das Handelsblatt-Ranking ist ein Forschungsleistungs-Ranking und gibt keine Auskunft über den tatsächlichen Impact oder die Wirkung von Forschenden innerhalb oder außerhalb der Profession. Im Gegenzug wurde 2013 in Deutschland ein neues Ökonomen-Ranking eingeführt, 47 Zu weiterer Kritik an Rankings von Journals, Fachbereichen und Forschenden siehe Frey und Rost (2010). 48 Reaktion auf das Handelsblatt-Ranking 2006 auf WiWi-TReFF.de – Zeitung & Forum für Wirtschaftsstudium & Karriere: https://www.wiwi-treff.de/WiWi-Hochschulrankings/Oekonomen-Ranking/Handelsblatt-Oekonomenranking-2006/Artikel-3176 (16. August 2024). Publizieren in der VWL – Status quo einer Disziplin 56 das in der FAZ veröffentlicht wird. Das Ranking konzentriert sich sowohl auf den Impact von Ökonom:innen in der Forschung (gemessen durch Zitationen in wissenschaftlichen Zeitschriften) als auch im politischen Raum (gemessen durch eine Umfrage unter Politiker:innen und leitenden Ministerialbeamt:innen auf Bundesund seit 2014 auch auf Landesebene) und im öffentlichen Raum (gemessen durch Erwähnungen in den Medien) (Haucap et al. 2014, 2015; Haucap und Thomas 2014). Das Gesamtranking49 setzt sich aus dem Forschungs-, dem Politikund dem Medienranking zusammen und zeigt im Ergebnis, dass nur wenige forschungsstarke Ökonom:innen zugleich in Politik und Medien signifikant rezipiert werden. Insgesamt weist das FAZ-Ranking über das Handelsblatt-Ranking hinaus, indem es zusätzlich die Sichtbarkeit von Forschenden in der Öffentlichkeit berücksichtigt. Allerdings laufen die innerwissenschaftliche Zuschreibung von Reputation basierend auf gegenseitigen Zitationen in wissenschaftlichen Publikationen und die Sichtbarkeit in einer breiteren Öffentlichkeit auseinander. 49 Für eine methodische Kritik am FAZ-Ranking siehe etwa Haucap et al. (2015). Forschungsinteresse am Publizieren in der VWL und methodisches Vorgehen 57 5 Forschungsinteresse am Publizieren in der VWL und methodisches Vorgehen Das Fachgebiet der VWL verspricht, ein aufschlussreicher Fall für die Analyse des wissenschaftlichen Publikationssystems zu sein. Auf der einen Seite verfügt es über ein extrem hierarchisches Publikationssystem, in dem die Veröffentlichung in renommierten Zeitschriften und damit die Zertifizierung wissenschaftlicher Leistungen von zentraler Bedeutung ist (Hamermesh 2018, S. 151–152; Heckman und Moktan 2020, S. 420). Dabei ist die Zuweisung von Reputation auf Grundlage von Publikationen in High-Impact-Journals besonders ausgeprägt (Kap. 4.3.2) (Graber et al. 2008, S. 470; Heckman und Moktan 2020, S. 441; Powdthavee et al. 2018, S. 37). Die Etablierung des für die deutsche VWL besonders relevanten HandelsblattRankings verstärkt diese Tendenzen (Kap. 4.5) (Schläpfer und Schneider 2010, S. 333–334). Diese Fokussierung auf hochrangige Zeitschriften wird zudem durch die Digitalisierung begünstigt, die den Zugang zu bibliometrischen Daten radikal erleichtert und auch deren statistische Auswertung und Darstellung vereinfacht (Kap. 2.4). Auf der anderen Seite existiert eine gewachsene Working-Paper-Kultur in der VWL, die die Erstveröffentlichung und damit Priorisierung von Forschungsergebnissen determiniert (Kap. 4.3.3) (Chiarelli et al. 2019b, S. 13–14). Seit dem Aufkommen digitaler Repositorien sind Working Paper deutlich besser sichtbar und leichter rezipierbar (Kap. 2.2). Das erleichtert die ihnen zugeschriebene Funktion, Forschungsergebnisse möglichst schnell und breit in der wissenschaftlichen Gemeinschaft zirkulieren lassen zu können (Chiarelli et al. 2019b, S. 35). Die besondere Konstellation des Verhältnisses von gewachsener Working-Paper-Kultur und Fokussierung auf einflussreiche Zeitschriften macht die VWL zu einem interessanten Untersuchungsgegenstand in Bezug auf die Frage, welche Publikationsformate welche Funktionen im wissenschaftlichen Kommunikationssystem übernehmen. Darüber hinaus spielt die Entwicklung des Fachs Volkswirtschaftslehre in Deutschland eine Rolle. Augenfällig sind die Herausbildung eines starken Mainstream in der VWL und die zunehmend als wichtig erachtete Fundierung durch mathematische Modelle (Kap. 4.1) (Fourcade et al. 2015; Hirte 2014, S. 268–271; Kapeller et al. 2022, S. 1185–1187). In diesem Kontext ist auch die Bedeutung der empirischen Forschung stetig gewachsen. Vor diesem Hintergrund liegt es im Forschungsinteresse, zentrale Aspekte herauszuarbeiten, die das Publikationsverhalten der Forschenden in der Volkswirtschaftslehre in Deutschland beeinflussen. Im Fokus steht insbesondere die Frage, ob sich dieses im Kontext von Open Access Forschungsinteresse am Publizieren in der VWL und methodisches Vorgehen 58 und Rankings verändert. Mithilfe der Forschungsfrage soll spezifiziert werden, welche Faktoren für ein (un-)verändertes Publikationsverhalten eine Rolle spielen (Kap. 5.1). Um die komplexen Zusammenhänge unterschiedlicher Anreizstrukturen möglichst umfassend analysieren zu können, wird ein Mixed-Methods-Design angewendet, das sequenziell quantitativ-qualitativ angelegt ist (Kap. 5.2). 5.1 Spezifizierung der Forschungsfrage Im Gefolge der Berliner Erklärung aus dem Jahr 2003 und weiterer Open-Access-Initiativen sowie der Institutionalisierung des Handelsblatt-Rankings ab dem Jahr 2005 richtet sich das Forschungsinteresse auf die Frage, ob sich das Publikationsverhalten von Forschenden in der VWL in den vergangenen 20 Jahren in diesen Kontexten verändert hat. Da die vielfältigen Einflussfaktoren auf das Publikationsverhalten im wissenschaftlichen Kommunikationssystem in ihren spezifischen Auswirkungen nicht eindeutig sind, wird eine offene Forschungsfrage gestellt: Mit Blick auf das Publikationsverhalten von Forschenden in der Volkswirtschaftslehre: wandelt es sich und welche Rolle spielen Open Access und Rankings in diesem Kontext? Die Beantwortung der Frage konzentriert sich auf zwei Stränge: die Identifizierung disziplinimmanenter Einflussfaktoren – mit Blick darauf, welche disziplinspezifischen Aspekte und Hintergründe der Forschenden das Publikationsverhalten in der VWL beeinflussen, und die Betrachtung disziplinübergreifender Trends im wissenschaftlichen Publikationssystem – mit Blick darauf, ob sich diese Trends im Publikationsverhalten in der VWL wiederfinden. Im ersten Strang wird entsprechend überprüft, ob sich die herausgearbeiteten Aspekte zum Publikationsverhalten in der VWL bestätigen lassen bzw. ob sich andere, weitere Erkenntnisse zutage fördern lassen. Ziel ist es, das wissenschaftliche Publikationssystem in der VWL nachzuzeichnen und zu charakterisieren. Die folgenden Annahmen zur Charakterisierung des wissenschaftlichen Publikationssystems in der VWL sollen die Untersuchung leiten: – Artikel in hochrangigen wissenschaftlichen Zeitschriften spielen in der VWL eine zentrale Rolle für den Erwerb von Reputation. – Die existierende Working-Paper-Kultur wird genutzt, um wissenschaftliche Erkenntnisse frühzeitig zirkulieren und diskutieren zu lassen. Dabei gibt es bezogen auf das Publikationsverhalten drei Unterscheidungen, die von besonderem Interesse sein können. Das Publikationsverhalten der Forschenden könnte unterschiedlich ausgeprägt sein in Hinblick auf Forschungsinteresse am Publizieren in der VWL und methodisches Vorgehen 59 – den Stand der Karriere, – den institutionellen Hintergrund, – die ökonomische Ausrichtung innerhalb der VWL. Im zweiten Strang wird geprüft, ob sich die herausgearbeiteten allgemeinen Trends im wissenschaftlichen Publikationssystem mit Bezug auf das Publikationsverhalten der VWL-Forschenden in den Daten finden lassen und worauf sich das Eintreten bzw. Nicht-Eintreten vermuteter möglicher Veränderungen zurückführen lässt. Die folgenden fünf Trends sollen mit Blick auf die VWL mit Daten unterlegt und interpretiert werden: – Größenwachstum nach Anzahl der Publikationen – Internationalisierung – Anstieg der Co-Autorenschaft – Zunahme von Open Access – Relevanz von Forschungsdaten Dabei gibt es bezogen auf die hier ausgewählten Trends im wissenschaftlichen Publikationssystem Aspekte, die mit Blick auf den Untersuchungsgegenstand von besonderem Interesse sind. In diesem Kontext soll die Untersuchung folgender Fragen forschungsleitend sein: – Größenwachstum nach Anzahl der Publikationen: Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang die Wahl unterschiedlicher Publikationsformate durch die Forschenden? – Internationalisierung: Welche Publikationsorte und Publikationssprachen wählen die Forschenden aus bzw. sind aus Sicht der Forschenden in unterschiedlichen Kontexten relevant? – Anstieg der Co-Autorenschaft: In welchen Kontexten veröffentlichen Forschende in Alleinoder in Co-Autorenschaft? – Zunahme von Open Access: Ist die freie digitale Verfügbarkeit wissenschaftlicher Publikationen für die Forschenden ein relevantes Kriterium? – Relevanz von Forschungsdaten: Welchen Stellenwert haben der Umgang mit Daten und die Anwendung statistischer Methoden bei den Forschenden? 5.2 Methodendesign Um die offene Forschungsfrage in ihrer Komplexität beantworten und die benannten Teilaspekte adäquat evaluieren zu können, ist es instruktiv, sich zunächst einen Überblick darüber zu verschaffen, wie Forschende in der VWL in Deutschland in den letzten Dekaden publiziert haben. Darüber hinaus sind Einstellungen, die ein verändertes oder unverändertes Publikationsverhalten motivieren, zu ergründen. Für das hier explizierte Erkenntnisinteresse stoßen einzelne Forschungsinteresse am Publizieren in der VWL und methodisches Vorgehen 60 quantitative oder qualitative Methoden an ihre Grenzen. Dem wird Rechnung getragen, indem ein Mixed-Methods-Design Anwendung findet. Dabei sollen sich die Ergebnisse aus den verschiedenen methodischen Ansätzen wechselseitig ergänzen (Kelle 2014, S. 157; Kuckartz 2014, S. 47). Im vorliegenden Fall wird ein sequenziell quantitativ-qualitatives Design eingesetzt, bei dem eine quantitative Teilstudie am Anfang steht und beide Methodentraditionen gleiches Gewicht besitzen (Kelle 2014, S. 161). Ziel dieses Vorgehens ist es, die mit einer Methode gewonnenen Ergebnisse mithilfe der Resultate einer weiteren Methode zu komplettieren und damit einer erweiterten Interpretation zugänglich zu machen (Kuckartz 2014, S. 58). Eine vorangestellte quantitative Analyse bildet die Basis (Manderscheid 2017; Stein 2014), um erste Zusammenhänge und Trends, wie Forschende in der VWL in Deutschland publizieren, aufzuzeigen (Kap. 6.1). Hier stehen die Forschenden mit ihren Publikationshandlungen im Fokus. Zu diesem Zweck werden die Publikationslisten von Forschenden analysiert (Kap. 6.1.1), das heißt, die Publikationen von ausgewählten Volkswirt:innen werden ausgewertet (und nicht die Publikationen etwa eines bestimmten Fachgebiets), um besser Rückschlüsse auf die Hintergründe der Forschenden ziehen zu können (Kap. 6.1.2). Insgesamt lassen sich mit der Analyse der Publikationen erste Erkenntnisse bezüglich der Darstellung von Wissen in diesem Anwendungsfall gewinnen (Kap. 3). Auf die Frage, warum die Forschenden wie publizieren, muss die quantitative Analyse von Publikationsdaten eine Antwort schuldig bleiben. Eine darauf aufbauende qualitative Untersuchung bietet die Möglichkeit, die Ergebnisse der quantitativen Analyse genauer nachzuvollziehen (Kelle 2014, S. 163; Kuckartz 2014, S. 162). Um diese im Kontext der offenen Forschungsfrage relevanten Aspekte der das Publikationsverhalten determinierenden Herstellung von Wissen möglichst umfänglich erfassen zu können (Kap. 3), wird eine vertiefende Analyse mittels qualitativer Methoden vorgenommen (Kap. 6.2). Für die vertiefende Analyse werden Interviews durchgeführt, die ein gängiges Verfahren in der qualitativen Sozialforschung darstellen (Mey und Mruck 2007, S. 249). Das Interview ist ein soziales Arrangement, bei dem es darauf ankommt, in der Rolle der Interviewerin angemessen zu handeln. Das bedeutet, dass die Dynamik des Interviews erkannt und reflektiert werden muss (Mey und Mruck 2007, S. 249). Die Entscheidung für Einzelinterviews beruht auf der Überlegung, möglichst offene und weniger sozial erwünschte Meinungsäußerungen der Interviewten zu erhalten, denn Abweichungen von einem vom Mainstream abweichenden Publikationsverhalten oder eine kritische Reflexion desselben könnten in Umfragen oder Fokusgruppen-Interviews seltener auftreten oder weniger explizit geäußert werden. Forschungsinteresse am Publizieren in der VWL und methodisches Vorgehen 61 Da die Forschungsfrage aufgrund der zu generierenden Erkenntnisse bewusst offen formuliert ist, wird der Ansatz des problemzentrierten Interviews gewählt (Witzel 1985, 2000). Denn das problemzentrierte Interview stellt ein erkenntnisgenerierendes Verfahren dar, das prozessorientiert induktive und deduktive Vorgehensweisen im Wechsel miteinander verbindet (Witzel 2000). Beim deduktiven Vorgehen kann die Interviewerin ihre Kenntnisse aus dem Feld in den Prozess einbringen – etwa bei der Erstellung des Leitfadens (Kap. 6.2.1) oder durch ergänzende Nachfrageideen während eines Dialogs im Rahmen der Interviews (Kap. 6.2.3). Im Rahmen eines induktiven Vorgehens soll gleichzeitig Offenheit gewährleistet werden, um die Interviewten zu ermutigen, spezifischen Relevanzsetzungen insbesondere durch Narrationen vorzunehmen. Die Interviewerin kann ihr Vorwissen bezüglich des Wandels im wissenschaftlichen Publikationssystem, ihre beruflichen Erfahrungen als wissenschaftliche Redakteurin einer wirtschaftswissenschaftlichen Zeitschrift, ihre akademischen Erfahrungen durch Forschungstätigkeit und erste Erkenntnisse zum Publikationsverhalten in der VWL (Literaturstudium und Ergebnisse der quantitativen Analyse) für die Gestaltung des Interviews einbringen. Gleichzeitig dienen die Interviews dazu, die individuelle Problemsicht der Befragten auf die angesprochenen Aspekte zu ergründen. Es geht jedoch nicht um den individuellen Lebenskontext, sondern um den institutionellen Zusammenhang. Dadurch qualifizieren sich die Interviews als Expertengespräche, da die Interviewten als Expert:innen für ihr Publikationsverhalten im Kontext von Open Access und Rankings interviewt werden. Sie stehen in ihrer Rolle als Wissenschaftler:in im Mittelpunkt und damit ist der berufliche Kontext, in dem sie sich befinden, und ihre Sicht auf diesen zentral. Die offen gestellte Forschungsfrage zielt darauf ab, die Expertensicht der Befragten auf ihr Publikationsverhalten herauszuarbeiten und sie dabei zu unterstützen, ihr eigenes Handeln zu reflektieren. Dabei können auch unerwartete Informationen und Interpretationen gewonnen werden (Bogner et al. 2018, S. 661). Witzel unterscheidet drei Grundpositionen in problemzentrierten Interviews: die Problemzentrierung, die Gegenstandsorientierung und die Prozessorientierung (Witzel 2000). Die Problemzentrierung orientiert sich an einer gesellschaftlich relevanten Problemstellung, in diesem Fall dem Publikationsverhalten von Forschenden in der VWL im Kontext der Relevanz von Open Access und Rankings. Vor diesem Hintergrund ist es wichtig, den Erkenntnisprozess im Interview zu organisieren. Dabei werden soziodemografische Merkmale wie beispielsweise der akademische Grad oder das Alter genutzt, um die Aussagen der Interviewten besser zu verstehen und gezielt Fragen zu stellen. Die Interviewerin arbeitet bereits während des Interviews an der Interpretation der Sichtweise der Befragten und passt die Kommunikation präzise an das Forschungsproblem an (Witzel 2000). Forschungsinteresse am Publizieren in der VWL und methodisches Vorgehen 62 Die Gegenstandsorientierung ermöglicht den flexiblen Einsatz von Methoden. In dieser Untersuchung wird vor der Durchführung problemzentrierter Interviews eine quantitative Erhebung zum Publikationsverhalten von Forschenden in der VWL durchgeführt. Die Ergebnisse sollen im Rahmen der Interviews einbezogen und tiefergehend interpretiert werden, um die Forschungsfrage zu beantworten. Darüber hinaus setzt die Interviewerin je nach der unterschiedlich ausgeprägten Reflexivität und Eloquenz der Befragten stärker auf Narrationen oder unterstützend auf Nachfragen im Dialogverfahren (Witzel 2000). Bei der Prozessorientierung liegt der Fokus auf der Entwicklung im gesamten Forschungsablauf. Die Befragten sollen sich in ihrer Problemsicht ernst genommen fühlen, um Vertrauen aufzubauen und Offenheit zu fördern, die Selbstreflexion begünstigt (Witzel 2000). Mögliche Redundanzen in den Interviews enthalten oft Neuformulierungen, die die Interpretation erleichtern. Widersprüchlichkeiten weisen auf individuelle Ambivalenzen und Unentschiedenheiten hin, die mithilfe von Nachfragen vertieft werden sollen (Witzel 2000). Datenerhebung zum Publikationsverhalten in der VWL 69 Publikationen vorliegen können. Dies ermöglicht erste Rückschlüsse auf Publikationsentscheidungen von Nachwuchsforschenden. Für die Einteilung der beiden Abschnitte der ersten und zweiten Karrierehälfte werden jeweils 20 Jahre veranschlagt. Das bedeutet, dass die Karriereabschnitte in die Altersgruppen von 30 bis 49 Jahren sowie 50 bis 69 Jahren eingeteilt werden. Diese Einteilung scheint für den Abschnitt der ersten Phase der Karriere angemessen zu sein, da hier das Erlangen einer ersten Professur sowie mögliche Wechsel auf weiteren Professuren mit besseren Rahmenbedingungen angestrebt werden können. Für diese Phase sollen zwei Gruppen gebildet werden, um potenziell unterschiedliche Entwicklungspfade einander gegenüberstellen zu können: eine Gruppe mit Professorentitel und eine Gruppe ohne. Die vorgelagerten Stichproben zeigten, dass Forschende auch noch deutlich über die Emeritierung hinaus weiter publizieren. Aus diesem Grund wird die Altersgrenze für die zweite Phase der Karriere auf 79 Jahre erweitert.57 Um Wissenschaftler:innen unterschiedlicher Karrierestufen miteinander vergleichen zu können, soll hier eine Kombination aus Alter und akademischem Grad verwendet werden. Um eine ausreichende Stichprobengröße zu erhalten, sollten die Publikationen von 100 Promovierten ohne Professur im Alter von 30 bis 49 Jahren, von 100 Professor:innen in der Phase des Berufsaufstiegs (30 bis 49 Jahre) und von 100 Professor:innen mit fortgeschrittener Karriere (50 bis 79 Jahre) erhoben und verglichen werden.58 Die Wissenschaftler:innen sollten in Deutschland studiert haben, um Rückschlüsse auf das Wissenschaftssystem in Deutschland und die Herausbildung einer Fachkultur ziehen zu können. Die Normdatensätze bilden den Ausgangspunkt der Stichprobenziehung, da sie übersichtliche und wertvolle Informationen zu Alter, Institutionen, Beruf und akademischem Grad enthalten. Zudem gewährleisten sie eine weitgehend korrekte Zuordnung von Publikationen zu den Autor:innen. Die Abdeckung ist hoch, da ein Großteil der Wirtschaftswissenschaftler:innen mit Normdatensätzen erfasst ist. Es wird auf eine Aufschlüsselung nach verschiedenen Fachgebie57 Andere Abgrenzungen für frühere und spätere Karriereabschnitte orientieren sich direkt an der beruflichen Position oder am Alter, wobei beispielsweise mindestens fünf Jahre für den ersten Karriereabschnitt und für den späteren Karriereabschnitt mindestens zehn Jahre nach der ersten Publikation veranschlagt werden (Momeni et al. 2022). 58 Zur Einordnung der Anzahl von Wissenschaftler:innen in der VWL in Deutschland siehe Statistisches Bundesamt: 9, Wissenschaftliches und künstlerisches Personal nach Hochschularten; Fächergruppe: Rechts-, Wirtschaftsund Sozialwissenschaften; Lehrund Forschungsbereich: Wirtschaftswissenschaften; Fachgebiet: VWL: 1.893 Personen hauptberuflich wissenschaftliches Personal, davon 631 Professor:innen und 1.206 Dozent:innen, Assistent:innen, wissenschaftliche Mitarbeiter:innen, Lehrkräfte für besondere Aufgaben 2017 (inkl. Nicht-Promovierte). Es gibt etwa 708 wirtschaftswissenschaftliche Lehrstühle in der DACH-Region (Grimm et al. 2017). Der VfS verzeichnet zum Zeitpunkt der Stichprobenziehung ebenfalls für die DACHRegion ca. 3.200 Mitglieder. Siehe https://www.socialpolitik.de/de (16. August 2024). Datenerhebung zum Publikationsverhalten in der VWL 70 ten innerhalb der VWL verzichtet, da die Normdatensätze hier zu lückenhaft sind und der vermutete Erkenntnisgewinn zu gering ist. Die Zuspitzung auf die VWL allein stellt bereits eine starke Fokussierung dar. Eine Unterscheidung von Forschenden, die dem Mainstream oder der heterodoxen Ökonomik zuzurechnen sind, ist ohne Selbstzuschreibung auf Basis der Normdatensätze nicht möglich. Hinweise zu diesen möglichen weiteren Einflussfaktoren auf das Publikationsverhalten können durch die nachfolgende qualitative Untersuchung gewonnen werden. Das Jahr der Berliner Erklärung von 2003 wird als Startpunkt für den Datensatz gewählt. Dadurch sollen Daten erfasst werden, die den Zeitraum nach dem Anstoß zu mehr Offenheit in der deutschen Forschungslandschaft abdecken. Somit sind auch mögliche Entwicklungen erfasst, die im Zuge der Einführung des Handelsblatt-Rankings von 2005 erfolgt sein können. Um das Publikationsverhalten von Forschenden zu Beginn ihrer Karriere beobachten zu können, dürfen die Zeiträume, für die zu analysierende Publikationen vorliegen, nicht zu lange zurückliegen. Die Daten sollten möglichst weit an den aktuellen Rand reichen, um Veränderungen im Publikationsverhalten nachvollziehen zu können. Da die Aufnahme der Publikationen in den Katalog ECONIS mit einer Zeitverzögerung einhergehen kann, werden die Daten im Juni 2021 erhoben, um das Jahr 2020 möglichst vollständig abzubilden. Der Datensatz umfasst somit Publikationen aus 18 Jahren von 2003 bis 2020. Stichprobenziehung Die Stichprobenziehung basiert auf der Zahl der Publikationen. Berücksichtigt werden Wissenschaftler:innen, die mindestens zehn Publikationen in den Wirtschaftswissenschaften vorweisen (Schwellenwert). Dadurch werden erstens Wissenschaftler:innen, die sich hauptsächlich mit Lehre beschäftigen, ausgeschlossen. Dies ist von maßgeblicher Bedeutung für die Frage nach dem Publikationsverhalten. Zweitens führt die Mindestzahl von zehn Publikationen dazu, dass nur diejenigen Nachwuchsforschenden erfasst werden, die eine wissenschaftliche Karriere anstreben und sich (zumindest zunächst) nicht für einen Beruf außerhalb des Wissenschaftssystems entscheiden. Promovierte, die die akademische Welt nach der Promotion verlassen, weisen etwa drei bis fünf Publikationen vor, die in der Regel im Rahmen einer kumulativen Dissertation entstanden sind. Ab einer Grenze von zehn Publikationen sollten sich erste Hinweise darauf finden lassen, welche Publikationsformate zu Beginn einer wissenschaftlichen Laufbahn eine Rolle spielen. Bei einer höheren Publikationsschwelle wären diejenigen, die am Anfang ihrer Karriere stehen, deutlich unterrepräsentiert. Zehn Publikationen stellen eine plausible Größe für Veröffentlichungen zu Beginn der Karriere im Bereich der Wirtschaftswissenschaften dar: Datenerhebung zum Publikationsverhalten in der VWL 71 – erstens hat die kumulative Form der Promotion, und damit auch die Zahl der Journal-Artikel, zu Beginn der Karriere in den Wirtschaftswissenschaften in den vergangenen Dekaden zugenommen (Kap. 4.3.1), – zweitens führt die Working-Paper-Kultur dazu, dass auch Nachwuchsforschende an dieser Publikationsform beteiligt sind (Kap. 4.3.3), – drittens führen die Erfassungsregeln von ECONIS zu einer höheren Zahl an Veröffentlichungen, da Working Paper in EconBiz gegebenenfalls mehrfach erfasst sind, wenn die Beiträge in verschiedenen Working-Paper-Reihen veröffentlicht werden (Kap. 6.1.4). Da EconBiz ein breites Spektrum an wirtschaftswissenschaftlicher Literatur abdeckt, müssen für das hier gewählte Forschungsdesign noch weitere Selektionen vorgenommen werden. Die Wissenschaftler:innen müssen einer wissenschaftlichen Einrichtung (Universität, Forschungsinstitut, Fachhochschule) in Deutschland angehören. Mitarbeitende von Bundesbank, Ministerien, Unternehmen, Verbänden oder ähnlichen Einrichtungen werden nicht berücksichtigt – auch wenn sie eine entsprechende Publikationstätigkeit aufweisen. Es werden ausschließlich Forschende aus der VWL berücksichtigt. Die Forschenden agieren in diesem Fall als Autor:innen, nicht als Herausgeber:innen von wissenschaftlichen Publikationen. Um auf dieser Grundlage eine geeignete Stichprobe zu erhalten, wird eine Abfrage mithilfe von SPARQL59 generiert, die GND-Einträge mit der EconBiz-Datenbank abgleicht. Die Abfrage enthält folgende Parameter: – alle Autor:innen aus EconBiz, die einen GND-Eintrag aufweisen; – nur Autor:innen, das heißt, Herausgeberschaften, Mitarbeit o.Ä. werden ausgeklammert; – GND-Bezug zu Deutschland60; – Forschende der BWL werden exkludiert; – Mindestanzahl von zehn Publikationen; – geordnet nach Anzahl der Publikationen. Die mit SPARQL generierten Personendatensätze müssen nach der Abfrage bereinigt werden, wenn die Normdatensätze unvollständig sind und/oder die Datenfelder Mehrfachnennungen enthalten – wenn beispielsweise die Forschenden in mehreren Ländern tätig sind oder mehrere wissenschaftliche Abschlüsse aufweisen. Etwaige Lücken müssen gefüllt und Aktualisierungen anhand der Homepages der Autor:innen vorgenommen werden. Dafür werden Angaben in den 59 SPARQL ist eine semantische Abfragesprache für Datenbanken und wurde entwickelt, um disparate Datenquellen zusammenzuführen. Zu Informationen über SPARQL-Endpoints bereitgestellt von der ZBW siehe https://zbw.eu/beta/sparql-lab/about/ (03. März 2024). 60 Hierfür wurde der Ländercode XA-DE für Deutschland aus der GND verwendet, der auf den Wirkungsschwerpunkt der Wissenschaftler:innen verweist. Datenerhebung zum Publikationsverhalten in der VWL 72 Feldern Beruf, Institution, akademischer Grad, Alter und Publikationsanzahl 61 ergänzt bzw. aktualisiert. Abschließend wird die Stichprobe nochmals um die Datensätze bereinigt, die trotz der Abfrageparameter verblieben sind und nicht den oben genannten Kriterien entsprechen. Mithilfe dieses Verfahrens konnten 597 Personen identifiziert werden. Basierend auf der bereinigten SPARQL-Abfrage wird eine Schichtenstichprobe gezogen, die die definierten Karrierestufen abbildet. Um das Publikationsverhalten von Forschenden aus der VWL getrennt nach Promovierten mit und ohne Professur sowie zu Beginn und im weiteren Verlauf der Karriere untersuchen zu können, wird die Stichprobe mit 597 Personen in drei Untergruppen (Schichten) aufgeteilt. Die drei zu bildenden Untergruppen sind Promovierte ohne Professur im Alter zwischen 30 und 49 Jahren (Postdocs), Professor:innen im Alter zwischen 30 und 49 Jahren (Prof_jünger) sowie Professor:innen im Alter zwischen 50 und 79 Jahren (Prof_älter). Es ist zu beachten, dass sich unter den Postdocs auch Wissenschaftler:innen im Alter von 50 bis 79 Jahren befinden. Daher wird die Stichprobe um diese weiteren 39 Fälle bereinigt. Die Strichprobengröße beträgt nun 558 Wissenschaftler:innen. Aus diesen werden drei gleich große Schichten mit jeweils 100 Personen gezogen (Zufallsstichprobe), wodurch sichergestellt wird, dass genügend Beobachtungen in jeder Schicht vorhanden sind. Datenaufbereitung Für die Generierung der Publikationslisten ist es sinnvoll, nur die Publikationen zu berücksichtigen, die in ECONIS nachgewiesen werden. Dadurch können Doppelerfassungen von Publikationen, die in anderen Datenbanken nachgewiesen werden, vermieden werden. Anhand der GND-Identifikationsnummer der 300 mithilfe der zweiten Stichprobenziehung identifizierten Wissenschaftler:innen kann eine CSV-Datei mit den Publikationen dieser Wissenschaftler:innen aus ECONIS generiert werden. Dabei werden für die Analyse relevante Datenfelder aus ECONIS, wie Autor:innen, Titel, Erscheinungsjahr, Erschienen in…, Publikationsformat, Erscheinungsort (institutionell), Erscheinungsort (geografisch), Verlag und Sprache abgefragt (Anhang 1). Um die freie Verfügbarkeit der Publikationen zu ermitteln, wird zusätzlich mithilfe der Identifikationsnummer der Publikationen (PPN) eine Abfrage in EconBiz durchgeführt. Die Qualität der Publikationsdaten, in dem aus ECONIS generierten Datensatz, ist naturgemäß nur so gut wie die Daten bibliothekarisch erfasst werden. Dabei können Daten falsch eingegeben bzw. zugeordnet werden oder aufgrund von Vorgaben zur Sammelschwerpunkten treten Lücken in den Daten auf. Zudem entsprechen die Zuordnungen in den katalogisierten Daten 61 Die mit SPARQL erzeugten Angaben zur Publikationszahl beziehen sich auf EconBiz und fallen teils zu hoch aus, da EconBiz sich aus mehreren Datenquellen speist und damit Dubletten enthält. Datenerhebung zum Publikationsverhalten in der VWL 73 nicht notwendigerweise den Kategorien, die hier für die Beantwortung der Forschungsfrage essenziell sind. Eine valide Datengrundlage erfordert in diesem Fall eine umfassende Bereinigung, Nacherfassung und Neustrukturierung von Daten. Diese Schritte werden in Excel und mithilfe von R durchgeführt. Bereinigung: Entsprechend dem gewählten Untersuchungszeitraum von 2003 bis 2020 werden alle Publikationen, die vor 2003 respektive nach 2020 erschienen sind, aus dem Datensatz entfernt. Bei der Zuordnung der Publikationsliste zu einer Person sollen nur die Publikationen einbezogen werden, bei denen die Person als Autor:in firmiert. Die Daten müssen also um Fälle von Herausgeberschaften bereinigt werden, etwa von Sammelbänden, Kongressschriften oder Festschriften. Darüber hinaus werden die Publikationen entfernt, in denen die Personen aus der Stichprobe eine Dissertation betreut und nicht einen eigenen Text verfasst haben. Zudem werden die Daten um Interviews, Buchrezensionen und Blog-Beiträge bereinigt, da diese nicht als wissenschaftliche Publikationen im engeren Sinne gewertet werden. 62 Falsche Zuordnungen von Publikationsformaten werden korrigiert. Schließlich werden auch Dubletten und mehrfach erfasste Beiträge – wie etwa Working Paper aus verschiedenen Reihen – aus dem Datensatz entfernt. Nacherfassung: Nacherfassungen sind in wenigen Fällen für das Erscheinungsjahr und die Sprache der Publikation erforderlich. Für die Angabe zum Publikationsformat, dem Land und der Frage, ob eine Publikation in einem Verlag erschienen ist, müssen zahlreiche Angaben nachrecherchiert werden. Neustrukturierung: Eine Neustrukturierung der Daten ist in Hinblick auf die Autor:innen der Publikationen erforderlich, da diese in drei Datenfeldern (Verfasser, weitereVerf., sonstPers) oder auch in einem Datenfeld gemeinsam erfasst werden. Definition der Variablen Auf Basis der bereinigten Publikationslisten werden nun Variablen definiert, die für die weitere Analyse der Daten entlang der Forschungsfrage maßgeblich sind (Anhang 2). Die Variablen leiten sich aus der Forschungsfrage ab und berücksichtigen die im Datensatz enthaltenen Datenfelder. Die erste Variable enthält eine Titel-ID (PPN), die zweite Variable den Titel der Publikation – so wie er zum Zeitpunkt der Datenerhebung im Datensatz enthalten ist. Die dritte 62 Artikel in Zeitungen, Blogs o.Ä. werden explizit ausgeklammert, da der Trend zur Medialisierung des wissenschaftlichen Kommunikationssystems nicht Gegenstand dieser Untersuchung ist. Zu den Rückwirkungen, die sich aus der Beobachtung der Wissenschaft durch die Massenmedien ergeben, siehe Franzen (2014), Franzen und Rödder (2013), Taubert und Weingart (2016). Datenerhebung zum Publikationsverhalten in der VWL 74 Variable enthält das Publikationsformat, das zentral für diese Untersuchung ist. Unterschieden wird zwischen Journal-Artikel, Working Paper, Aufsatz im Buch und Buch. Die vierte Variable Link zeigt die Verbindung zu anderen Publikationen im Datensatz an, etwa ob es sich um einen Journal-Artikel handelt, der auf einem Working Paper basiert, oder um ein Working Paper, auf das ein Journal-Artikel folgt. Im Fall von Büchern kann die Variable auf mehrere Auflagen verweisen. Vor dem Hintergrund der Forschungsfrage ist interessant, inwiefern Working Paper im Anschluss unter dem gleichen oder einem verwandten Titel als JournalArtikel oder gegebenenfalls auch in Sammelbänden erscheinen. Die Variable wird generiert über einen Abgleich, wie häufig ein (ähnlicher) Titel im Datensatz vorkommt. Der Abgleich erfolgt über eine Sortierung nach dem Titel und eine nach Autor:in. An die Sortierung nach Autor:in schließt sich eine intellektuelle Erschließung an, die sinnvoll ist, da Titel nicht notwendigerweise wortwörtlich übereinstimmen, z.B. wird aus dem Working-Paper-Titel Truthtelling: a representative assessment der Journal-Artikel-Titel Representative evidence on lying costs. Über den Abgleich von Titel, Abstract sowie einer überblicksartigen Durchsicht der Publikationen lassen sich diese Verbindungen von aufeinanderfolgenden Publikationsformaten von Publikationen eines:r Autor:in offenlegen. Gleichwohl kann die Variable die Häufigkeit eines Titelvorkommens nur eingeschränkt erfassen, da einerseits nicht alle Artikel mithilfe der Titel und Autor:innen eindeutig auf die gleiche publizierte wissenschaftliche Erkenntnis verweisen und andererseits weitere zugehörige Publikationen (noch) nicht in ECONIS erfasst sind. Aufgrund der breiten Abdeckung von Publikationen in ECONIS dürfte das aber nur in Ausnahmen der Fall sein. Die fünfte Variable enthält für das Publikationsformat Journal-Artikel den Zeitschriftentitel. Die sechste Variable wird zusätzlich für die Journal-Artikel eingeführt. Hier werden die Zeitschriften mithilfe des SJR je Jahr gerankt. Die siebte Variable enthält die Sprache, in der die Publikation erschienen ist. In der Regel werden die Veröffentlichungen gemäß der Stichprobe auf Deutsch oder Englisch verfasst, die wenigen Ausnahmen werden als weitere zusammengefasst. Das Land, in dem die herausgebende Institution ansässig ist, bildet die achte Kategorie. Mit der neunten Variable wird erfasst, ob eine Publikation von einem Verlag herausgegeben wird. Diese Information lässt sich aus mehreren Datenfeldern ableiten. Die zehnte Variable enthält den Open-Access-Status, das heißt, ob die Publikation frei im Netz verfügbar ist oder nicht. Diese Information stammt aus der zweiten Datenerhebung aus EconBiz. Datenerhebung zum Publikationsverhalten in der VWL 75 Das Jahr, in dem die Publikation erschienen ist, bildet die elfte Variable. Dabei handelt es sich eindeutig um das Jahr der Veröffentlichung und nicht um das Jahr, in dem eine Publikation online zur Verfügung gestellt wird. Die nächsten Variablen beziehen sich auf die Autor:innen der Stichprobe. Die zwölfte Variable enthält die Anzahl der Co-Autor:innen. Die 13. Variable enthält die ID der Autor:innen der Stichprobe. In der 14. Variablen sind die Autor:innen zur den festgelegten Gruppen aus der Stichprobe, das heißt Promovierte ohne Professur, Professor:innen in der Phase des Berufsaufstiegs bzw. bei fortgeschrittener Karriere, zugeordnet. Die Variablen 15 bis 18 enthalten die den Autor:innen zugeordneten soziodemografischen Merkmale Alter, akademischer Grad, Institution und Geschlecht, die der GND und manueller Recherche entstammen. Die rechte Spalte zeigt, welche Ausprägungen für die Daten in den Variablen vergeben werden, um die Daten gezielt auswerten und analysieren zu können (Anhang 2). Beschreibung des EconBiz-Datensatzes Der bereinigte Datensatz enthält 17.397 Publikationen aus den Jahren 2003 bis 2020 von 300 Wissenschaftler:innen in der VWL, die zum Zeitpunkt der Stichprobenziehung an einer deutschen Hochschule oder einer außeruniversitären Forschungseinrichtung tätig sind. Für die Analyse der Daten soll die Gegenüberstellung der vorab definierten Gruppen untersuchungsleitend sein. Auf die Gruppe der Postdocs entfallen 24,2 % der Publikationen, 33,1 % auf die Gruppe der jüngeren Professor:innen in der Phase des Berufsaufstiegs sowie 42,7 % auf die Gruppe der älteren Professor:innen mit fortgeschrittener akademischer Karriere (Tabelle 2). Gruppe Publikationen Anteil in % Postdocs 4.216 24,2 Prof _ jünger 5.755 33,1 Prof _ älter 7.426 42,7 Gesamt 17.397 100 Tabelle 2: Publikationen nach Gruppen. Quelle: Eigene Berechnung auf Basis von EconBizund GND-Daten. Eine Aufschlüsselung nach Altersgruppen (Tabelle 3) zeigt, dass 57,4 % der Publikationen in diesem Datensatz auf die zum Zeitpunkt der Stichprobenziehung unter 50-Jährigen entfallen, wobei 19 % auf die 30bis 39-Jährigen entfallen und 38,4 % auf die 40bis 49-Jährigen. 42,7 % entfallen auf die Forschenden, die zum Zeitpunkt der Stichprobenziehung 50 Jahre oder älter sind, wobei auf die 50bis 59-Jährigen 23,8 % entfallen, auf die 60bis 69-Jährigen 14,3 % Datenerhebung zum Publikationsverhalten in der VWL 76 und auf die 70bis 79-Jährigen 4,6 %. Der Blick auf den gesamten Datensatz zeigt, dass die Forschenden im Alter von 40 bis 49 und 50 bis 59 Jahren besonders viele Publikationen auf sich vereinen – wobei der Unterschied in den Anteilen weniger hoch ausfallen würde, wenn berücksichtigt wird, dass die Stichprobe für die 30bis 49-Jährigen auf Publikationen von 200 Wissenschaftler:innen beruht, während es ab 50 Jahren Publikationen von 100 Wissenschaftler:innen sind. Alter Publikationen Anteil in % 30-39 Jahre 3.299 19,0 40-49 Jahre 6.672 38,4 50-59 Jahre 4.136 23,8 60-69 Jahre 2.487 14,3 70-79 Jahre 803 4,6 Gesamt 17.397 100 Tabelle 3: Publikationen nach Altersgruppen. Quelle: Eigene Berechnung auf Basis von EconBizund GND-Daten. Tabelle 4 gibt eine Übersicht über die Forschenden nach Institutionen, die zeigt, dass die Mehrheit der Postdocs mit 68 Personen in diesem Datensatz an außeruniversitären Forschungsinstituten tätig ist, während die Professor:innen mit 61 bzw. 67 Personen mehrheitlich an Universitäten beschäftigt sind. Die hohe Zahl der Postdocs an den außeruniversitären Forschungsinstituten dürfte sich dadurch erklären, dass die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute in Deutschland Teil der außeruniversitären Leibniz-Gemeinschaft sind. Institution Postdocs Prof _ jünger Prof _ älter Universität 22 61 67 Forschungsinstitut 68 22 16 Fachhochschule 10 17 17 Gesamt 100 100 100 Tabelle 4: Forschende nach Institutionen. Quelle: Eigene Berechnung auf Basis von EconBizund GND-Daten. Die Abbildung 1 zeigt, dass in diesem Datensatz mit einer Ausnahme für alle älteren Professor:innen Publikationen für den gesamten Zeitraum von 18 Jahren (2003 bis 2020) vorliegen. Bei den unter 50-Jährigen (Postdocs und jüngere Professor:innen) sind es mindestens 8 Jahre Datenerhebung zum Publikationsverhalten in der VWL 77 (gemessen ab der ersten Publikation im Datensatz) und maximal 18 Jahre, für die Publikationen im Datensatz enthalten sind: im Mittel ist es bei den jüngeren Professor:innen ein Zeitraum von 15,6 Jahren, für den wissenschaftliche Publikationen in diesem Datensatz vorliegen, bei den Postdocs sind es 12,8 Jahre. Der Median beträgt bei den Professor:innen in der Phase des Berufsaufstiegs 17, das heißt, für 50 % der Forschenden beträgt der Zeitraum 17 oder mehr Jahre und für die andere Hälfte 17 oder weniger Jahre. Für die Postdocs liegt der Median bei 12 Jahren. Abbildung 1: Zeitraum, für den Publikationen vorliegen, nach Gruppen. Quelle: Eigene Berechnung auf Basis von EconBizund GND-Daten. Um sich einen ersten Überblick über die Zusammenhänge der nominal skalierten Variablen in der Untersuchung zu verschaffen, kommt ein Cramérs-V-Test zur Anwendung. Dabei werden die Zusammenhänge zwischen den soziodemografischen Variablen Gruppe, Alter, akademischer Grad, Institution und Geschlecht sowie den Variablen Publikationsformat, Sprache, Land, Verlag und Open Access getestet. Tabelle 5 zeigt für alle Zusammenhänge Werte größer Null, was anzeigt, dass in allen getesteten Fällen Zusammenhänge bestehen. Allerdings liegen die Werte mehrheitlich unter der Schwelle von 0,2, was allenfalls einen schwachen Zusammenhang andeutet. Lediglich für den Zusammenhang von Institution und Verlag bzw. Open Access lässt sich knapp ein mittlerer Zusammenhang feststellen. Variablen Publikationsformat Sprache Land Verlag Open Access Gruppe 0,146 0,174 0,131 0,190 0,193 Alter 0,141 0,112 0,059 0,177 0,178 akademischer Grad 0,081 0,099 0,082 0,166 0,178 8,0 18,0 10,0 12,0 15,8 12,8 8,0 18,0 14,0 17,0 18,0 15,6 16,0 18,018,0 18,018,018,0 18,0 Postdocs Prof _ jünge r Prof _ älte r 0 2 4 6 8 10 12 14 16 18 20 Datenerhebung zum Publikationsverhalten in der VWL 78 Variablen Publikationsformat Sprache Land Verlag Open Access Institution 0,128 0,147 0,128 0,204 0,220 Geschlecht 0,049 0,033 0,034 0,051 0,065 Tabelle 5: Cramérs-V-Test für ausgewählte Variablen. Quelle: Eigene Berechnung auf Basis von EconBizund GND-Daten. 6.2 Qualitative Datenerhebung anhand von Interviews mit Forschenden Um die in der quantitativen Untersuchung gewonnenen Ergebnisse zu vertiefen, wurden Interviews mit Forschenden anhand eines Leitfadens geführt (Kap. 6.2.1). Dabei fanden Erkenntnisse der quantitativen Analyse Eingang in den Leitfaden. Die Ergebnisse der zuerst durchgeführten quantitativen Studie wurden auch verwendet, um relevante soziodemografische Merkmale zu identifizieren, die für das qualitative Sampling der Interview-Partner:innen genutzt wurden (Kap. 6.2.2). Bei der Durchführung der Interviews wurden erste Erkenntnisse aus der quantitativen Untersuchung verständnisgenerierend angesprochen (Kap. 6.2.3). Die Aufbereitung der Daten und deren Auswertung bilden die Grundlage für die Datenanalyse (Kap. 6.2.4). Die Beschreibung der Fallskizzen der Interviews leitet zu den Ergebnissen der empirischen Untersuchung über (Kap. 6.2.5). Entwicklung eines Leitfadens Der Leitfaden spiegelt die skizzierten Aspekte des Forschungsinteresses (Kap. 5.1) wider (Anhang 3). Er dient im Vorfeld der Interviews dazu, das eigene Wissen zu organisieren und zu explizieren (Mey und Mruck 2007, S. 268). Darüber hinaus bietet der Leitfaden auch einen Orientierungsrahmen, um die Vergleichbarkeit der Interviews zu sichern (Witzel 2000). Er wird mit dem Ziel entwickelt, der Interviewerin als Gedächtnisstütze zu dienen, damit alle wichtigen Aspekte der Forschungsfrage in den Interviews angesprochen werden. Dabei zielt der Leitfaden darauf ab, Anreizstrukturen, die dem Verhalten der Forschenden zugrunde liegen, offen zu legen und daraus Erklärungsmuster ableiten zu können. Das Publikationsverhalten stellt das zentrale Element dieser Untersuchung dar. Die Befragten sollen anhand der leitfadengestützten Interviews angeregt werden, ihr eigenes Publikationsverhalten zu reflektieren. Dabei spielt auch eine Rolle, wie das Publikationsverhalten von Kolleg:innen wahrgenommen wird. Die Interviews sollen dazu beitragen, Erzählungen anzuregen, Argumente und Begründungen zu explorieren sowie ausführlichere Beschreibungen zu erhalten (Mey und Mruck 2007, S. 272). Dementsprechend werden die Befragten um Einschätzungen gebeten, welche Rolle bestimmte Publikationen im Forschungsprozess spielen. Methodisch stehen hier offene Fragen in Datenerhebung zum Publikationsverhalten in der VWL 85 Interview Working Paper spielen eine wichtige Rolle JournalArtikel spielen eine wichtige Rolle hochrangige Journal-Artikel spielen eine wichtige Rolle veröffentlicht auch öfter Bücher und in Sammelbänden spricht Signaling an thematisiert empirische Forschung erwähnt Drittmittel 2 Nein Ja Ja Ja Nein Ja Ja 3 Nein Ja Nein Ja Nein Ja Ja 4 Ja Ja Ja Nein Ja Ja Ja 5 Nein Ja Nein Ja Ja Nein Nein 6 Nein Ja Nein Nein Nein Ja Nein 7 Nein Ja Nein Nein Nein Nein Nein 8 Ja Ja Nein Nein Nein Nein Nein 9 Ja Ja Ja Nein Ja Ja Ja 10 Nein Ja Nein Nein Nein Nein Ja 11 Ja Ja Ja Nein Ja Ja Ja Tabelle 7: Übersicht zu zentralen Aspekten der Untersuchung (Teil I). Quelle: Eigene Darstellung. Vier der Interviewten sprechen explizit Salami-Taktik als Möglichkeit, wissenschaftliche Erkenntnisse in immer kleinere Publikationseinheiten aufzuteilen, an. Sechs setzen sich in den Interviews intensiv mit Karrierefragen auseinander und acht mit den institutionellen Rahmenbedingungen von Publikationsaktivitäten von Forschenden, drei mit der Ausrichtung der VWL als Fach und neun mit Fragen der Digitalisierung. Vier Interviewte nehmen häufiger auf die Rolle der Verlage Bezug. Fünf erwähnen die Relevanz von Zusammenarbeit in der Wissenschaft. Interview spricht Salami-Taktik an setzt sich intensiv mit Karrierefragen auseinander setzt sich genauer mit institutionellen Rahmenbedingungen auseinander setzt sich mit Ausrichtung der VWL auseinander setzt sich intensiver mit Fragen der Digitalisierung auseinander Nimmt auf die Rolle von Verlagen Bezug erwähnt Relevanz von Zusammenarbeit 1 Nein Nein Ja Nein Ja Nein Ja 2 Nein Nein Nein Ja Ja Ja Ja 3 Nein Ja Ja Nein Ja Ja Ja Datenerhebung zum Publikationsverhalten in der VWL 86 Interview spricht Salami-Taktik an setzt sich intensiv mit Karrierefragen auseinander setzt sich genauer mit institutionellen Rahmenbedingungen auseinander setzt sich mit Ausrichtung der VWL auseinander setzt sich intensiver mit Fragen der Digitalisierung auseinander Nimmt auf die Rolle von Verlagen Bezug erwähnt Relevanz von Zusammenarbeit 4 Ja Ja Ja Nein Ja Nein Nein 5 Ja Ja Ja Ja Ja Ja Ja 6 Nein Nein Nein Nein Nein Nein Nein 7 Ja Nein Nein Nein Ja Nein Nein 8 Nein Nein Ja Nein Ja Nein Nein 9 Nein Ja Ja Nein Nein Nein Ja 10 Nein Ja Ja Ja Ja Ja Nein 11 Ja Ja Ja Nein Ja Nein Nein Tabelle 8: Übersicht zu zentralen Aspekten der Untersuchung (Teil II). Quelle: Eigene Darstellung. Die Übersichten zeigen wie trotz des Einsatzes eines Leitfaden unterschiedliche Aspekte von den Interviewten als relevant eingestuft werden, um ihr Publikationsverhalten und das ihrer Kolleg:innen zu beschreiben. In völliger Übereinstimmung unterstreichen sie einzig die Relevanz von Journal-Artikeln, um Forschungsleistungen zu veröffentlichen. Eine Übersicht der Postskripte (Anhang 4), die jeweils im Anschluss an das Interview von der Interviewerin notiert werden, geben einen ersten Eindruck aus den Interviews wieder. Empirische Ergebnisse zum Publikationsverhalten in der VWL 87 7 Empirische Ergebnisse zum Publikationsverhalten in der VWL Die sich ergänzenden Ergebnisse der empirischen Untersuchung zum Publizieren in der VWL auf Grundlage von EconBiz-Daten (Kap. 6.1) und auf Grundlage von Interviews mit Forschenden (Kap. 6.2) werden dem Mixed-Methods-Ansatz folgend (Kap. 5.2) thematisch geordnet gemeinsam dargestellt (Kuckartz 2014, S. 116). Die Ergebnisse werden auf die aufgezeigte Relevanz von Journal-Artikeln zur Verbreitung von Wissen, Herstellung von Sichtbarkeit und damit verknüpft Erzeugung vom Impact bezogen (Kap. 7.1). Dabei können Unterschiede in Bezug auf Motive zur Veröffentlichung von Working Papers bestehen, deren Rolle verknüpft mit der tradierten Working-Paper-Kultur in der VWL betrachtet wird (Kap. 7.2). Die Rolle des Publizierens für die wissenschaftliche Karriere wird hinsichtlich der Phase des Berufsaufstiegs und bei fortgeschrittener Karriere analysiert sowie in Hinblick darauf, ob die publizierenden Forschenden an einer Universität, einem außeruniversitären Forschungsinstitut oder einer Fachhochschule beschäftigt sind (Kap. 7.3). Die Bedeutung von Internationalisierung und Co-Autorenschaft in der VWL wird insbesondere hinsichtlich der Veröffentlichungssprache und der Größe der Autor:innen-Gruppen analysiert (Kap. 7.4). Die freie Verfügbarkeit von Publikationen und deren Finanzierung werden im Rahmen des Zusammenspiels von Open Access und Verlagen untersucht (Kap. 7.5). Abschließend wird die paradigmatische und methodische Ausrichtung der VWL und dabei insbesondere der Stellenwert empirischer Forschung im Hinblick auf mögliche Implikationen für das Publikationsverhalten beleuchtet (Kap. 7.6). 7.1 Rolle von Journal-Artikeln Wie schon andere Studien gezeigt haben, ist für das Publikationsverhalten von Forschenden in der VWL die Veröffentlichung von Journal-Artikeln zentral (Kap. 4.3.2). Mit Blick auf die Forschungsfrage soll analysiert werden, inwiefern sich das Publikationsverhalten gewandelt hat und welche Rolle Open Access und Rankings dabei spielen (Kap. 5.1). Eine vorangestellte Annahme, die sich auf bereits vorliegende empirische Forschung stützt (Kap. 4.5), ist, dass insbesondere Artikel in hochrangigen wissenschaftlichen Zeitschriften von Bedeutung sind. Dies gilt es genauer zu untersuchen, wobei der Fokus auf Zeitschriften als zentrale Publikationsformate (Kap. 7.1.1), den Auswahlentscheidungen von Forschenden bei der Suche nach einem geeigneten Publikationsformat (Kap. 7.1.2), den Erfahrungen mit Begutachtungsverfahren in Bezug auf (nicht) erfolgreiches Publizieren (Kap. 7.1.3) sowie der Rolle von Zitationen (Kap. 7.1.4), Empirische Ergebnisse zum Publikationsverhalten in der VWL 88 der Relevanz von Rankings (Kap. 7.1.5) und dem Erlangen von Sichtbarkeit (Kap. 7.1.6) für das Publikationsverhalten liegen wird. Journals als zentrale Publikationsformate Journal-Artikel erfüllen zentrale Funktionen im wissenschaftlichen Kommunikationssystem und gehören rein quantitativ zu den häufig genutzten Publikationsformaten. Tabelle 9 zeigt dies auch für die Auswertung des EconBiz-Datensatzes. Mit 47,2 % der Publikationen werden am meisten Journal-Artikel veröffentlicht, gefolgt von 41,6 % Working Papers. Das heißt, 88,8 % aller Veröffentlichung in dieser Stichprobe entfallen auf diese beiden Publikationsformate. Dahinter folgen Aufsätze im Buch mit 8,3 % und Bücher mit einem Anteil von 2,9 %. Publikationsformat Publikationen Anteile in % Journal-Artikel 8.209 47,2 Working Paper 7.241 41,6 Aufsatz im Buch 1.436 8,3 Buch 511 2,9 Gesamt 17.397 100 Tabelle 9: Publikationsformate. Quelle: Eigene Berechnung auf Basis von EconBizund GND-Daten. Nun stellt sich die Frage, ob die anteilige Nutzung verschiedener Publikationsformate für die Jahre 2003 bis 2020 unterschiedlich ausfällt. Es zeigt sich, dass der Anteil von Journal-Artikeln an allen Publikationsformaten zunehmend höher ausfällt (Abbildung 2). So ist der Anteil von Journal-Artikeln im Zeitraum der Stichprobe von 2003 (36,9 %) bis 2020 (51,6 %) an allen Formaten mit fortlaufenden Jahren größer. Ein entsprechend umgekehrtes Bild lässt sich für Aufsätze im Buch und Bücher feststellen, deren Anteil mit fortlaufenden Jahren geringer ausfällt. Der Anteil von Working Papers bleibt unverändert. Damit gilt für die Forschenden dieser Stichprobe, dass in jüngerer Zeit insgesamt mehr Journal-Artikel im Verhältnis zu anderen Publikationsformaten veröffentlicht werden. Empirische Ergebnisse zum Publikationsverhalten in der VWL 89 Abbildung 2: Publikationsformate gemessen am Anteil an allen Publikationen je Jahr. Quelle: Eigene Berechnung auf Basis von EconBizund GND-Daten. Auswahl von Journals durch die Forschenden Um die Bedeutung von Journal-Artikeln noch besser erfassen zu können, wurde zusätzlich in den Interviews explizit nach Entscheidungen gefragt, warum die Forschenden aus welchen Gründen Artikel bei einem bestimmten Journal einreichen. Dabei lässt sich festhalten, dass Journal-Artikel bei allen Befragten eine zentrale Rolle spielen. Das zeigt allein die Ausführlichkeit der Antworten und auch die Engagiertheit, mit der die Interview-Partner:innen diese Fragen beantwortet haben. In den Interviews wird die Wahl des Publikationsmediums ausführlicher als ein Prozess des Abwägens beschrieben. Dabei fokussieren sich die Forschenden darauf, wissenschaftliche Ergebnisse und deren Form daraufhin abzuklopfen, ob sie für eine Journal-Veröffentlichung taugen bzw. für welches Journal sie passen könnten (1-4, 1-52, 4-28, 112, 11-32). Einige Befragte geben explizit an, dass sie bei Journals Artikel einreichen, in denen für die eigene Forschung interessante Beiträge erscheinen bzw. das Format des Journals zum Empirische Ergebnisse zum Publikationsverhalten in der VWL 90 eigenen Entwurf passt (2-20, 3-10, 6-18, 7-4, 9-6, 9-28). Dabei sei es wichtig, wissenschaftliche Debatten zu verfolgen und in eigenen Publikationen darauf aufzubauen (2-38, 3-2, 4-28, 6-2). Bezogen auf die Verbreitung sei es sinnvoll, ein Journal mit einer gewissen Breitenwirkung oder mit Praxisbezug auszuwählen (1-16, 1-42, 5-2, 6-6, 6-32, 7-2). Eine Alternative, wenn kein passendes Journal gefunden wird, stellen auch institutseigene Reihen dar (7-18, 8-64, 954). „Also eigentlich gucke ich da, wo die Sachen veröffentlicht werden, die mich interessieren. Da würde ich dann auch einreichen.“ (2-20) „Bei mir ist es doch eher das Interesse an einer konkreten Fragestellung. […] Das bedeutet dann eben, dass man […] gucken muss, wie passt man den Artikel dann an, damit er in ein bestimmtes Umfeld reinpasst.“ (9-28) „Weil […] ich inzwischen realistisch einschätzen kann, wo ich reinreichen kann. Wo habe ich eine realistische Chance. Manchmal denkt man sich, ok eine Stufe höher, weil manchmal hat man ein bisschen Glück.“ (4-28) Zufriedenheit und gute Erfahrungen mit einem bereits bekannten Journal werden als Gründe genannt, dort wieder zu publizieren – das geben Befragte an, die unterdurchschnittlich viele Publikationen aufweisen (2-20, 6-20, 6-58, 11-2). Bereits bekannte Journals seien auch hilfreich, wenn es darum geht, kurzfristig etwas unterzubringen, wobei persönliche Beziehungen eine Rolle spielen, wenn etwa die Herausgeber:innen von Journals von Begegnungen auf Konferenzen oder aus anderen Zusammenhängen bekannt sind (1-10, 1-132, 2-20, 2-48, 7-2, 9-40). „[…] dann weiß ich schon genau das können nur im Prinzip diese paar Zeitschriften sein, weil nur die sich mit dem Thema befassen. Also, ich habe da nicht die einzelne vor Augen, aber ich weiß eben, wenn ich zu dem Thema was mache, die und die Zeitschriften, da kann ich versuchen, den Beitrag einzureichen.“ (620) „Und dadurch, dass ich schon zweimal [in der Zeitschrift] veröffentlicht habe und finde für diese spezielle Thematik ist es ein gutes Journal. Und auch ein Journal, wo die Leute, die da selber schreiben und die da Referees sind, überhaupt verstehen, was wir machen, war dann die Wahl völlig eindeutig […]“ (112) Empirische Ergebnisse zum Publikationsverhalten in der VWL 91 „Also insofern bleibe ich lieber bei den Journals, die ich kenne. Und wo ich auch die Leute kenne. Also es ist auch immer so eine Art soziales Netzwerk. Und das finde ich auch ok, dass das so ist.“ (2-20) Es sei aber auch wichtig, strategisch zu publizieren. So komme es darauf an, Publikationen auf eine bestimmte Zeitschrift abzustimmen – ein Vorgehen, dass insbesondere von Professor:innen beschrieben, die eine überdurchschnittliche Zahl an Publikationen aufweisen (7-14, 7-16, 9-28). Von Befragten aus unterschiedlichen Gruppen wird konstatiert, dass es vorab zu berücksichtigen sei, wenn journal-seitig bestimmte Methoden präferiert werden, und die eigene Veröffentlichung darauf auszurichten sei (1-42, 5-22, 9-6, 9-30, 9-34). „Man muss ja auch ein bisschen anders schreiben, und da, so auf andere Sachen mit achten, um da mit reinzukommen. Also, ich habe dann schon immer eine Zeitschrift vor Augen.“ (7-16) „Und da gibt es ein paar sehr hochrangige Publikationen im Bereich der Wirtschaftswissenschaft, die bestimmte Methoden genommen haben. Und die bilden dann immer so eine Art Benchmark-Verhalten in diesem methodischen Bereich. […] Also, dass dieses Beharrungsvermögen dann sehr stark so eine Pfadabhängigkeit prägt, das ist schon allenthalben zu beobachten.“ (9-30) „[…] die haben Templates für die Journals, das heißt, die rufen, bevor das überhaupt geschrieben ist schon mal die Struktur, Model, Data... Da kann mir doch keiner sagen, das ist nicht strategisch. Ja, und wenn die halt im Moment eine bestimmte Form von nichtlinearen Regressionen haben, dann werden die gemacht.“ (5-22) Wichtig ist auch, ob die wissenschaftlichen Erkenntnisse thematisch passend sind, um in bestimmten Journals publiziert werden zu können. Und da könne es vorkommen, dass Themen nach Publizierbarkeit selektiert werden (3-12, 4-30, 4-32, 5-24, 7-14, 7-18, 8-32). „Dass auch [...] die Forschungsfragen wirklich anknüpfen an die realen Themen, die Herausforderungen, die auf uns zukommen und man nicht sozusagen schaut [...] mit welchen Argumenten sind auch andere schon bei Referees durchgekommen.“ (3-12) „Aber ich glaube, man ist nicht völlig frei davon, dass man auch schaut, was ist publizierbar in Top-Zeitschriften.“ (4-30) Empirische Ergebnisse zum Publikationsverhalten in der VWL 92 „Und dann kann es schon [sein, dass] jetzt viele Ideen ausselektiert werden, weil schon ganz klar gesagt wird, dass es unwahrscheinlich, dass sie damit in eine Top-Zeitschrift kommen.“ (4-32) Einige Interviewte weisen darauf hin, dass es Hürden gibt, wenn sie in renommierten Journals veröffentlichen wollen. So geben insbesondere Befragte, die vergleichsweise wenige Publikationen aufweisen, an, dass es schwierig sei, mit qualitativen Methoden in hochrangige Journals reinzukommen oder auch in interdisziplinären Kontexten zu veröffentlichen – das gelte auch für als gesellschaftlich relevant erachtete Forschung (1-4, 1-14, 1-16, 2-20, 8-70, 10-14, 11-22). Manche Top-Journals scheinen aus Sicht der Befragten, schlicht nicht erreichbar zu sein (2-32, 4-28). „Und da sind wir auch zu Teilen in wahnsinnig interdisziplinären Feldern jetzt unterwegs. Da kann niemand erwarten, dass ich da aus dem Stand jetzt in den Top-30-Journals publiziere.“ (11-22) „Und ich halte eben dieses kompetitive für ein ganz großes Problem von wissenschaftlicher Erkenntnis, weil ich schätze, es gibt viel mehr wissenschaftliche Erkenntnis, aber sie ist halt nur dann relevant, wenn sie irgendwo veröffentlicht wurde, wo ein A-Ranking steht. Und dann ist sie aber wiederum nicht gesellschaftlich relevant. [...] Das ist schon ein ganz großes Problem“. (8-70) „Aber ich habe jetzt noch nie bei Top-5 eingereicht. Weil ich dann sozusagen auch weiß, ich habe keine Ideen, die dazu tauglich sind. Und dann muss ich das System auch nicht belasten.“ (4-28) Erfahrungen mit Peer Review Insgesamt sprechen die Befragten ausführlich über die Peer-Review-Verfahren, die ihre Einreichungen durchlaufen haben. Das unterstreicht die Relevanz, die das Begutachtungsverfahren für das Erlangen von Reputation aufweist. Viele Befragte geben an, teils kritische, aber überwiegend konstruktive Rückmeldungen erhalten zu haben (1-4, 1-10, 1-26, 2-34, 3-34, 3-36, 42, 5-24, 7-22, 7-30, 8-12, 9-14, 11-2, 11-6). Befragte, die überdurchschnittlich viel publizieren, zeigen sich zufrieden mit dem System (4-6, 4-50, 7-30, 9-38). Und Befragte, die weniger publizieren, sehen zumindest keine Alternative (2-22, 2-26, 5-36). „Die nützlichen Kommentare sind tatsächlich die, die mit sehr viel Infos und Detailkritik kommen. Die einem zum Beispiel sagen, also du hast das Paper ABC Empirische Ergebnisse zum Publikationsverhalten in der VWL 93 berücksichtigt, aber Paper D ist genauso wichtig. Das muss mit rein. Oder die sagen, da ist ein Sprung in der Argumentation […].“ (3-34) „Also, während ich die [Reviews] lese, bin ich damit nie zufrieden, weil die immer etwas zu mäkeln haben an dem, was sie gemacht haben. Emotional mag ich das nicht. Aber unterm Strich ist es meistens hilfreich.“ (7-22) „Das war jetzt insofern ein positives Beispiel, als dass die beiden Referee-Reports zumindest über den größten Teil sich sehr intensiv mit dem Papier auseinandergesetzt haben und sehr viele substanziell wichtige Punkte herauskristallisiert haben. Sei es da bezüglich der Darstellung, das nicht ganz klar wurde, wie die vorgeschlagene Methode eigentlich funktioniert.“ (9-14) Die Befragten geben auch an, zahlreiche Erfahrungen mit negativen Rückmeldungen zu Veröffentlichungen zu machen. Das Spektrum reicht dabei von kurzen, lapidaren Rückmeldungen bis hin zu von den Befragten als berechtigt empfundener Kritik. Teils liegt der Eindruck vor, dass Reviewer Beiträge nicht wirklich lesen, etwa wenn die Anmerkungen sehr allgemein gehalten sind, sehr kurz ausfallen oder unmotiviert klingen (1-18, 4-34, 4-36, 7-20, 9-14, 9-38). Insbesondere Befragte, die vergleichsweise weniger publizieren, geben an, dass ihre Beiträge von den Reviewern offenbar nicht verstanden werden oder die Reviewer sogar versuchen, ihre eigene Agenda unterzubringen (1-14, 2-26, 3-34, 4-36, 10-16, 11-6). Manchmal stellen Reviewer Herangehensweisen grundsätzlich oder das methodische Vorgehen infrage (1-14, 9-12, 116, 11-14). „Nur wenn Sie dann nach einem Jahr einen Report mit drei Zeilen bekommen, wo Sie das Gefühl haben, der das überhaupt nicht durchgelesen, sondern will es nur vom Tisch haben, ist das ärgerlicher […]“ (4-34) „Und dann gibt es da die weniger nützlichen Kommentare. […] Das ist dann so ein bisschen dieses Gockel-Verhalten so nach dem Motto: Ach, eigentlich interessiert mich diese Fragestellung gar nicht so wahnsinnig. Mich würde vielmehr vom Autor Folgendes interessieren. Und da muss ich sagen, da bin ich dann echt genervt.“ (3-34) „Wenn dann jemand sozusagen seine eigene Forschungsagenda da unterbringen will, da bin ich immer kein Fan davon, weil das dann irgendwie nicht so eine neutrale Bewertung des Verfahrens ist.“ (4-36) Empirische Ergebnisse zum Publikationsverhalten in der VWL 94 Im Umgang mit Reviewern weisen einige Befragte darauf hin, nicht als sinnvoll erachtete Hinweise von Reviewern einfach nicht zu übernehmen (3-34, 4-38, 11-6, 11-20). Beziehungen zu Herausgeber:innen spielen beim Review-Prozess eine nicht zu unterschätzende Rolle, was insbesondere Befragte unterstreichen, die viel publizieren (4-36, 4-38, 8-46, 9-38, 9-40, 11-14). Zudem sei Standing nötig, damit Editor:innen Artikel veröffentlichen, obwohl im Review eine Ablehnung empfohlen wird (1-26, 3-34, 3-40, 9-38, 10-16). „Das war eher auch so eine Gratwanderung – wenn wir schon so wohlwollende Referees haben, vielleicht sollten wir das dann auch alles machen. Und an den einen oder anderen Punkt haben wir dann doch geschrieben, dass wir das nicht umsetzen können, was die da fordern.“ (11-6) „Aber ich glaube bei Top-Zeitschriften dann ist schon so die Gefahr, dass sie sozusagen sich sklavisch an die Reports halten, um halt die Chancen einer Publikation zu erhöhen.“ (4-38) „Also von daher dieser ganze Prozess ist aus meiner Sicht nicht unbedingt ein Qualitätsmanagement-Prozess, sondern dass ist eher ein Prozess von Netzwerken, also wie man Netzwerke bedient. Die kennen sich untereinander meistens.“ (8-46) Interessant für die Zahl der Veröffentlichungen der Wissenschaftler:innen ist, wie sie mit Ablehnungen umgehen. Ablehnungen werden aus Sicht der Befragten aus den Gruppen der Postdocs und Professor:innen mit fortgeschrittener Karriere häufig als willkürlich wahrgenommen (2-22, 2-32, 3-12, 4-38, 8-44). So wird darauf hingewiesen, dass manche Gutachter:innen Gott spielen und von den Begutachteten auch als solche anerkannt werden (3-32). „[…] aber die Konkurrenz ist größer geworden, sodass die Wahrscheinlichkeit, dass etwas abgelehnt wird... Die Sache ist ja immer die, wird ein Artikel abgelehnt, bedeutet es für denjenigen, der ablehnt, dass ein Konkurrent oder eine Konkurrentin weg ist.“ (8-44) „Sondern da wird quasi massiv ausgesiebt, weil die Message nicht stimmt.“ (222) „Und das ist wirklich [...] in einer Meta-Welt im Grunde genommen, wo man sich nicht mehr mit der Wirklichkeit auseinandersetzt, sondern mit den Referees. Und da muss man wirklich aufpassen. Da muss die ganze Community [...] ein bisschen aufpassen, dass das nicht aus dem Ruder läuft.“ (3-12) Empirische Ergebnisse zum Publikationsverhalten in der VWL 101 Rang Journal Scimago Journal Rank Sprache Artikel 8 American Economic Journal. Macroeconomics 14,001 (2011) Englisch 6 9 The American Economic Review 13,773 (2019) Englisch 39 10 Journal of Financial Economics 12,945 (2012) Englisch 5 11 Journal of Human Resources 12,363 (2018) Englisch 10 12 Academy of Management Journal 11,193 (2020) Englisch 1 13 American Economic Journal. Applied Economics 10,788 (2019) Englisch 1 14 American Economic Journal. Economic Policy 10,182 (2013) Englisch 5 15 The Journal of Economic Perspectives 9,614 (2020) Englisch 5 16 Journal of Labor Economics 9,108 (2017) Englisch 4 17 Journal of the Economic Science Association 9,062 (2014) Englisch 23 18 The Review of Economics and Statistics 8,363 (2018) Englisch 13 19 NBER Macroeconomics Annual 7,508 (2012) Englisch 2 20 Journal of Economic Growth 7,402 (2011) Englisch 8 Tabelle 11: Top-20-Journals nach Scimago Journal Rank (der aktuellsten Publikation in der Stichprobe). Quelle: Eigene Berechnung auf Basis von EconBizund GND-Daten. Um sich einen Überblick über Zusammenhänge zwischen dem Journal-Ranking nach SJR und ausgewählten Variablen zu verschaffen, wurde ein Chi-Quadrat-Test auf Unabhängigkeit für die soziodemografischen Variablen Gruppe, Alter, akademischer Grad, Institution und Geschlecht durchgeführt. Tabelle 12 zeigt, dass die p-Werte für alle Variablen – mit Ausnahme der Variable Geschlecht – das Kriterium p < 0,05 erfüllen und damit signifikant sind. Zwischen den Variablen Gruppe, Alter, akademischer Grad und Institution besteht in Bezug auf das Journal-Ranking ein Zusammenhang. Variablen Chi-Quadrat p-Wert Freiheitsgrad Scimago Journal Rank (SJR) – Gruppe 3704,4 < 0,001 2812 Scimago Journal Rank (SJR) – Alter 6311,7 < 0,001 5624 Scimago Journal Rank (SJR) – akademischer Grad 3672,6 < 0,001 2812 Scimago Journal Rank (SJR) – Institution 3783,3 < 0,001 2812 Scimago Journal Rank (SJR) – Geschlecht 11269,1 0,9961 1406 Empirische Ergebnisse zum Publikationsverhalten in der VWL 102 Tabelle 12: Chi-Quadrat-Test auf Unabhängigkeit von Scimago Journal Rank und ausgewählten Variablen. Quelle: Eigene Berechnung auf Basis von EconBizund GND-Daten. Eine Abbildung von Artikeln in Zeitschriften nach SJR und Gruppe (Abbildung 3) zeigt, dass insbesondere die jüngeren Professor:innen in höher bewerteten Zeitschriften veröffentlichen. Abbildung 3: Journal-Artikel nach Scimago Journal Rank und Gruppe. Quelle: Eigene Berechnung auf Basis von EconBizund GND-Daten. Die Tabelle 13 zeigt dies noch einmal aufgeschlüsselt für Journal-Artikel gruppiert nach SJR der zugehörigen Zeitschriften getrennt nach Gruppen. Bei den Postdocs überwiegen mit 59,6 % eindeutig die Artikel in Zeitschriften ohne Rangplatz. Auf die höher bewerteten Zeitschriften ab einem Rangplatz größer 1 entfallen 14,6 % der Artikel. Für die Gruppe der älteren Professor:innen zeigt sich ein ähnliches Bild: 47,1 % der Artikel in dieser Gruppe sind in Zeitschriften ohne Rangplatz und 17 % in Zeitschriften mit einen Rangplatz größer als 1. Für die jüngeren Professor:innen lässt sich zeigen, dass diese ab einem Rangplatz größer als 1 mit 34,7 % einen deutlich höheren Wert aufweisen. Bei ihnen ist mit 17,7 % auch der Wert für einen Rangplatz größer 0,5 bis 1 am höchsten (zum Vergleich: Postdocs 8 %, ältere Professor:innen 11,1 %). Ein Blick nur auf den Rangplatz größer als 2 zeigt, dass der Vorsprung von jüngeren Professor:innen vor den anderen beiden Gruppen hier besonders groß ist. 64 Das Gleiche gilt spiegelbildlich für die Zahl der Publikationen in Journals ohne Rangplatz – hier fallen die Anteile bei den Postdocs und älteren Professor:innen im Vergleich hoch aus. 64 Tabelle 11 vermittelt einen Eindruck wie groß die Spannbreite bei den SJR-Ranks größer zwei allein unter den Top-20-Zeitschriften ist, die von 34,573 bis 7,402 reicht. Empirische Ergebnisse zum Publikationsverhalten in der VWL 103 Scimago Journal Rank Postdocs Prof _ jünger Prof _ älter Publikationen Anteil in % Publikationen Anteil in % Publikationen Anteil in % Rank = 0 1.272 59,6 834 30,5 1.574 47,1 Rank > 0 bis ≤ 0,25 228 10,7 224 8,2 558 16,7 Rank > 0,25 bis ≤ 0,5 153 7,2 244 8,9 269 8,1 Rank > 0,5 bis ≤ 1 171 8,0 485 17,7 371 11,1 Rank > 1 bis ≤ 2 194 9,1 456 16,7 346 10,4 Rank > 2 117 5,5 492 18,0 221 6,6 Gesamt 2.135 100 2.735 100 3.339 100 Tabelle 13: Journal-Artikel nach Scimago Journal Rank (gruppiert) und Gruppen. Quelle: Eigene Berechnung auf Basis von EconBizund GND-Daten. Eine Übersicht zu Journal-Artikeln nach SJR der zugehörigen Zeitschriften geordnet nach Jahren (Abbildung 4) zeigt geringe Unterschiede auf. Ab 2010 treten allerdings einzeln vermehrt Publikationen mit Rangplätzen über 10 auf. Das deutet darauf hin, dass Forschende in der VWL in Deutschland in den vergangenen Jahren gezielt versucht haben, in den Top-Journals zu veröffentlichen und dies vereinzelt auch gelungen ist. Abbildung 4: Journal-Artikel nach Scimago Journal Rank und Jahr. Quelle: Eigene Berechnung auf Basis von EconBizund GND-Daten. Empirische Ergebnisse zum Publikationsverhalten in der VWL 104 In den Interviews wird die besondere Bedeutung der gezielten Auswahl von Journals mit Blick auf Rankings unterstrichen. Dabei spielt insbesondere die Anerkennung der Forschungsleistung durch die Fachgemeinschaft eine Rolle, die durch die Akzeptanz von Artikeln in bestimmten renommierten Journals kodifiziert wird – auch mit Blick auf Punkte für eine Veröffentlichung im Handelsblatt-Ranking (2-20, 9-56, 9-62, 11-22). In den Interviews wird auch darauf hingewiesen, dass der Artikel auch zu einem Journal passen und nicht nur das Journal hochrangig sein muss (4-52, 6-18, 7-40, 9-46, 11-22). „Die Ökonomen schauen sehr gerne auf das betriebswirtschaftliche oder volkswirtschaftliche Ranking. Also entweder das der Betriebswirte selbst erstellte oder eben das Handelsblatt Ranking in der VWL […].“ (9-56) „Aber so irgendetwas zwischen 0,15 und 0,3 Handelsblatt. Das sollte schon sein, […] Und wenn ich dann denke, das klappt wahrscheinlich nicht. Dann muss ich mich auch nochmal fragen, ob denn diese Forschungsidee […] inhaltlich und methodisch überhaupt gut ist.“ (11-22) „Ich reiche immer da ein, wo ich glaube, dass ich die besten Chancen habe, wo die Artikel am besten passen. Fast völlig unabhängig, ob die Zeitschrift jetzt gut oder schlecht gerankt ist.“ (4-52) Insgesamt sei der Druck von außen gestiegen, auf Rankings zu achten, wenn etwa die wissenschaftliche Leitung solche Auswertungen vorgelegt bekomme. Auch gehe ein Signaling von den ersten Veröffentlichungen in Top-Journals aus (1-84, 2-20, 9-6, 9-54, 9-56, 9-62, 10-22, 11-22). „Wir unterliegen denselben Konventionen, Budgetrestriktionen und Spielregeln. Das heißt, wenn wir mit unserer Zeitschriften-Auswahl beschäftigt sind, wollen wir natürlich auch im Rahmen der Community anerkannt werden. An der Universität spielen diese Ranking-Systeme durchaus eine Rolle, auch für Performance-Kriterien, die wir jetzt zunehmend an den Universitäten kriegen.“ (9-6) „Viele Kollegen [...] achten sehr darauf, dass es hochqualitative Zeitschriften sind, die in irgendwelchen Indexen entsprechend hoch gerankt werden.“ (2-20) „Und [die] Auswahlkriterien [sind] so dermaßen brutal in dem Sinne, dass nur reviewed Journals [zählen] und auch das Ranking spielt eine Rolle.“ (10-22) Veröffentlichungen in hochrangigen Journals sind für eine Karriere an der Universität wichtig (1-8, 1-16, 6-18, 9-44, 11-42), was sich ganz konkret in Berufungsverfahren niederschlage (3- Empirische Ergebnisse zum Publikationsverhalten in der VWL 105 14, 9-44, 10-22, 10-30, 10-44). Rankings seien auch wichtig für die Entfristung von Stellen, wofür es referierte Veröffentlichungen in Top-Journals brauche (10-26, 10-40, 11-32, 11-42, 11-44). „[...] eigentlich nicht mehr großartig die Titel und Themen der Veröffentlichung anzugucken, sondern nur noch erbsenmäßig zu zählen, was ist A-, B-, C-, DJournals. Wieviel Punkte, wenn man das mit einem Punktesystem verknüpft, kommt da raus? Und wenn einer diese Mindestpunktzahl nicht hat, dann wurde er zum Vortag nicht eingeladen.“ (3-14) „Aber wir haben in den letzten Jahren zahlreiche Stellen an der Uni geschaffen, […] wurden da relativ klar solche Listenstrukturen vorgegeben, das gesagt wird, du musst halt so und so viel A Publikationen oder B in dieser Preisklasse irgendwie erreichen.“ (9-44) „Ich denke bis man auf einer entfristeten Stelle ist in der VWL, ist einfach das Journal Ranking die Sache, nach dem sich die Sachen orientieren […] also je nachdem, was das Ziel ist, an welcher Institution man landen will, […] muss es Top 30 sein. Oder kann man auch sagen irgendwie Top-100 reicht vielleicht auch noch, aber der Druck... Und natürlich auch eine ausreichende Anzahl von Papieren dann da zu haben. Der ist unwahrscheinlich hoch.“ (11-42) Erlangen von Sichtbarkeit Neben Reputation lässt sich auch Sichtbarkeit über Rankings herstellen (1-46, 3-10, 4-52, 740, 7-48, 8-74, 9-46). In den Interviews werden folgende Rankings und Listen genannt, auf die geachtet werde: RePEc-Ranking, Tinbergen-Liste, American Economic Association (EconLit), Web of Science, Scopus-Ranking, Bundestagsliste, FAZ-Ranking und Verlagslisten (1-46, 545, 5-47, 7-46, 8-74). „Ich weiß nicht mal, wie die kalibriert sind oder was da gut oder schlecht ist.“ (7-40) „Und wer veröffentlicht gerade da in wichtigen Journals? Auf diese Weise kriegt man dann noch ein bisschen Tipps, wo man anknüpfen könnte.“ (3-10) „Die sich beispielsweise über Twitter generieren. Das sehen Sie jetzt zurzeit ganz stark. Die sich dann retweeten und auch streiten dann auf Twitter. Was dann wieder zur weiteren Tweets führt. Und dann geht das Ganze ins FAZ-Ranking. Und dann feiern die sich wechselseitig.“ (8-74) Empirische Ergebnisse zum Publikationsverhalten in der VWL 106 Auch die Zahl der Downloads ihrer Veröffentlichungen kann für die Forschenden interessant sein. Manche äußern ein grundsätzliches Interesse oder schauen auch selbstverständlich drauf (2-20, 4-56, 6-34, 6-36, 8-54). Wenn auf die Zahl der Downloads geschaut wird, dann wird in diesem Zusammenhang öfter Freude über Zugriffe geäußert – so sei es wichtiger gelesen zu werden (2-20, 4-56). Andere geben an, dass Downloads bisher nicht relevant bzw. von Interesse seien (5-51, 5-53, 9-50, 11-28). „Wenn ich bei einem Papier 12.000 Zugriffe habe, dann reicht mir das in Anführungsstrichen. Dann freue ich mich, dass Leute das interessant finden. Und es scheint tatsächlich nicht so, dass nur weil ich im American Economic Review veröffentliche, dass das dann mehr zitiert wird oder mehr gelesen wird.“ (2-20) „Aber ich freue mich natürlich schon, wenn's wahrgenommen wird, dass es auch jemand liest. Weil es, wie gesagt, in der heutigen Zeit – es werden jeden Tag Tausende Papiere veröffentlicht – ist es natürlich auch eine gewisse Aufmerksamkeitsökonomie […], dass sie wahrgenommen werden in dem Bereich.“ (456) „Also RePEc ist jedenfalls das einzige, wo ich relativ einfach eine Zahl bekomme. Und da schaue ich schon mal drauf. Man sieht schon, wenn Sie in einer dieser NEP-Reports waren, dann kriegen Sie deutlich mehr Downloads in einem Monat. […] Und das interessiert mich. Weil das ja sozusagen die Vorstufe dafür ist, dass Sie vielleicht möglicherweise einmal zitiert werden.“ (4-56) Mehrwert durch die Nutzung sozialer Medien für die Sichtbarkeit der eigenen Forschung sehen die Interviewten eher nicht. Eigene Publikationen oder auch Hinweise zu Konferenzen und Workshops werden über Twitter, Facebook, LinkedIn zwar verbreitet, aber nur Twitter habe einen nennenswerten Effekt auf die Sichtbarkeit (2-18, 4-56, 7-44, 8-74, 9-60, 11-30). Zudem werden teilweise Twitter-Debatten verfolgt, um sich über die Forschung anderer zu informieren. Andere Interviewte zeigen kein Interesse an Eigenvermarktung (8-58, 8-60, 11-30). Um Forschung sichtbar zu machen, lassen sich eigene oder interessante Publikationen von anderen unter Kolleg:innen (per Email) verbreiten – Wissenschaftskommunikation könne über Blogs erfolgen (1-74, 2-18, 2-64, 6-38, 7-44, 8-56, 10-48). „Ich schicke dann eine E-Mail rum. Und auch auf Twitter gebe ich das dann bekannt und auf Facebook, auf LinkedIn auch. Ich habe verschiedene digitale Plattformen, wo ich das dann verbreite. Dann kriege ich auch Feedback normalerweise.“ (2-18) Empirische Ergebnisse zum Publikationsverhalten in der VWL 107 „[…] dass jemand schreibt so ein kurzes Ding mit drei, vier, fünf, aus einem kleinen Faden in Twitter, um dann die wichtigsten Ergebnisse darzustellen von seinem Papier, Konferenzen werden beworben, und Workshops werden beworben.“ (9-60) „Sagen wir mal Wissenschaft hat inzwischen auch ein bisschen eine InstagramQualität. Also man hat sein eigenes Schaufenster und so einen Bauchladen. Ich bin aber in der unheimlich guten Position, dass ich mich nicht noch vermarkten muss.“ (8-58) Zwischenfazit Auch für diesen Datensatz kann gezeigt werden, dass Journal-Artikel das zentrale Publikationsformat in der VWL darstellen. Mit einem Anteil von 47,2 % an allen Publikationen werden von den 300 Forschenden der Stichprobe am meisten Journal-Artikel veröffentlicht. In der Tendenz fällt der Anteil der Journal-Artikel über die Jahre des Untersuchungszeitraums von 2003 bis 2020 zunehmend höher aus. Das Engagement, mit dem die Interviewten über ihre Erfahrungen mit Journal-Veröffentlichungen berichten, unterstreicht deren Relevanz für die Forschenden. Der Platz für Veröffentlichungen in Journals ist limitiert und die Auswahl von Beiträgen unterliegt den Selektionsund Qualitätssicherungsmechanismen des Peer-Review-Verfahrens. Aus Sicht der Forschenden gilt es, für die eigenen erzielten wissenschaftlichen Erkenntnisse eine Zeitschrift auszuwählen. Dass diese Auswahlentscheidungen nicht leicht fallen, zeigt der Umstand, dass die Forschenden die Suche nach einem Journal ausführlich als Prozess des Abwägens beschreiben. Dabei komme es darauf an, die eigenen wissenschaftlichen Erkenntnisse dahingehend zu beurteilen, in welches Journal sie passen könnten. Auch sei es wichtig, wissenschaftliche und gesellschaftliche Debatten in Journals zu verfolgen, um abzuwägen, ob die eigene Forschung anschlussfähig ist. Ein Ergebnis des Abwägens kann es sein, doch nur in institutseigenen Reihen zu veröffentlichen. Es werden Zufriedenheit und gute Erfahrungen mit einem bereits bekannten Journal als Gründe genannt, um dort wieder zu publizieren. Dies geben insbesondere Befragte an, die vergleichsweise weniger häufig publizieren. Diese Befragten nennen auch bestehende Hürden, etwa im Fall von qualitativen und interdisziplinär ausgerichteten Forschungsmethoden oder bei der Untersuchung gesellschaftlich relevanter Themen, die die Veröffentlichungen in hochrangigen Zeitschriften nahezu unmöglich machen. Empirische Ergebnisse zum Publikationsverhalten in der VWL 108 Befragte, die vergleichsweise viele Publikationen aufweisen und insbesondere den beiden Gruppen der Professor:innen angehören, betonen, wie wichtig es sei, strategisch zu publizieren. Das erfolgt etwa, indem Beiträge auf bestimmte Zeitschriften ausgerichtet werden, wobei der Stil, journal-seitig präferierte Methoden oder andere Vorgaben vorab berücksichtigt werden. Auch werden Themen nach Publizierbarkeit selektiert. Eine erfolgreiche Annahme eines Beitrags in einem Journal setzt ein Durchlaufen der Selektionsund Qualitätssicherungsmechanismen des Peer-Review-Verfahrens voraus. In diesem Kontext sind die Erfahrungen der Forschenden mit dem Peer-Review-Verfahren erkenntnisfördernd in Bezug auf das Publikationsverhalten. Befragte, die überdurchschnittlich viel publizieren, zeigen sich zufrieden mit dem System und geben an, konstruktive Rückmeldungen zu erhalten. Befragte, die weniger publizieren, sehen zumindest keine Alternative. Sie geben an, negative Rückmeldungen zu ihren Veröffentlichungen zu erhalten und meinen, dass ihre Beiträge von den Reviewern offenbar nicht verstanden werden. Netzwerke spielen beim Peer-Review-Prozess eine nicht zu unterschätzende Rolle, was insbesondere Befragte unterstreichen, die viel publizieren. Ein gewisses Standing erlaube es, manche Empfehlungen bzw. Forderungen der Reviewer nicht umzusetzen. Ablehnungen werden von Befragten aus den Gruppen der Postdocs und Professor:innen mit fortgeschrittener Karriere öfter als willkürlich empfunden. Fast alle Befragten geben an, nach einer Ablehnung ihren Beitrag immer wieder einzureichen: so könne es eine Strategie sein, bei Journals einzureichen, die in der Wahrnehmung der Forschenden etwas über dem liegen, was als erreichbar eingeschätzt wird. Es lassen sich aber auch Journals mit ähnlichem Ranking oder auch auf Ebenen darunter finden. Die Befragten äußern sich ausführlich zu den Peer-ReviewVerfahren, die ihre Beiträge durchlaufen haben, was den hohen Stellenwert des Begutachtungsverfahrens für die Zertifizierung der Beiträge unterstreicht. Aus diesem Grund wird beständig versucht, die abgelehnten und in der Folge häufig überarbeiteten Beiträge noch in einer anderen Zeitschrift zu veröffentlichen. Das Anonymitätsprinzip im Review-Verfahren wird als relevant betrachtet. Die wenigsten Befragten verfügen über Erfahrungen mit Open-Peer-Review-Verfahren und die Meinungen sind geteilt, ob Open-Peer-Review in einen respektvolleren Umgang resultieren würde, denn es wäre schwieriger in einem transparenten Verfahren, Kritik zu üben. In der Rolle als Reviewer weisen die Befragten auf fehlende Zeitressourcen hin. Aber es sei wichtig als Reviewer, Deadlines einzuhalten, um der Austauschbarkeit der eigenen Rolle als Gutachter:in und Autor:in Rechnung zu tragen. Die Qualität der Reviews sei im Großen und Empirische Ergebnisse zum Publikationsverhalten in der VWL 109 Ganzen unverändert. Die Tätigkeit als Reviewer wird bisher selten honoriert. Es werden teils verkürzte Peer-Review-Verfahren gegen Gebühr angeboten. Die Zahl der Zitationen von eigenen Veröffentlichungen geben den Forschenden Hinweise darauf, wie gut ihre Forschung in der wissenschaftlichen Gemeinschaft rezipiert wird. Die Relevanz von Zitationen für die Forschenden zeigt sich daran, dass insbesondere die Professor:innen angeben, nachzuschauen, wie oft ihre Journal-Artikel zitiert werden. In diesem Kontext wird zweifach der Begriff Eitelkeit verwendet, was die Relevanz von Zitationen für die Anerkennung und den Reputationsgewinn in der wissenschaftlichen Gemeinschaft verdeutlicht. Über die Zahl der Zitationen hinaus ist es interessant zu erfahren, auf welche eigenen Beiträge andere Forschende mit Zitationen reagieren und in welchen Diskursen sich die Forschenden folglich bewegen. Insbesondere Befragte mit vielen Publikationen stellen die Relevanz von Zitationen heraus. Im Kontext von Zitationen wird auch der Begriff Freude verwendet, wenn eigene Beiträge (viel) zitiert werden. Die geäußerten Emotionen deuten auf den hohen Stellenwert von Zitationen im Kontext des Publizierens hin. Bewertungssysteme in der VWL – wie in anderen Disziplinen auch – beziehen sich vielfach auf zitationsbasierte Rankings von Journals. In der VWL schneiden in Rankings insbesondere Journals aus dem anglo-amerikanischen Raum gut ab – worunter eine kleine Gruppe von TopJournals führend ist. Veröffentlichungen in diesen hochrangigen Journals sind auch für deutschsprachige Forschende relevant für eine erfolgreiche akademische Laufbahn. Auch deutschsprachige Veröffentlichungen spielen nach wie vor eine große Rolle. In den Interviews wird die besondere Bedeutung der gezielten Auswahl von Journals mit Blick auf Rankings unterstrichen. Insgesamt sei der Druck von außen gestiegen, auf Rankings zu achten. Auch sei die Relevanz von Rankings für Berufungsverfahren und Entfristungen klar erkennbar. Unter den Top-20-Zeitschriften mit den meisten Veröffentlichungen von Forschenden dieser Stichprobe sind überwiegend deutschsprachige Journals, wobei nur acht davon im SJR enthalten sind. Die Zahl der Publikationen der Top-20 im SJR gerankten Journals fällt deutlich geringer aus – mit Ausnahme von Publikationen im AER und im Journal of the Economic Science Association. Insbesondere die jüngeren Professor:innen veröffentlichen im Vergleich zu den anderen Gruppen vermehrt in höher bewerteten Journals. Eine Übersicht zu Artikeln in Zeitschriften nach SJR geordnet nach Jahren zeigt geringe Unterschiede auf. Ab 2010 treten allerdings einzeln vermehrt Publikationen mit Rangplätzen über 10 auf. Das deutet darauf hin, dass Forschende in der VWL in Deutschland gezielt versuchen, in den Top-Journals zu veröffentlichen und dies vereinzelt auch gelingt. Empirische Ergebnisse zum Publikationsverhalten in der VWL 110 Neben Reputation lässt sich auch Sichtbarkeit über Rankings herstellen. Für die Sichtbarkeit der eigenen Forschung weniger relevant als Zitationen, ist für die Forschenden der Blick auf die Downloads ihrer Publikationen. Wenn jedoch die Zahl der Downloads rezipiert wird, dann wird in diesem Kontext öfter Freude über Zugriffe geäußert, da dies zeigt, dass die Beiträge auf Interesse stoßen. Einen größeren Mehrwert durch die Nutzung sozialer Medien für die Sichtbarkeit der eigenen Forschung sehen die Interviewten eher nicht. 7.2 Rolle von Working Papers Neben Journal-Artikeln spielen Working Paper eine wichtige Rolle in der VWL (Kap. 4.3.3). Vor dem Hintergrund der aufgezeigten Relevanz von Journal-Artikeln als zentrales Publikationsformat stellt sich die Frage nach den Motiven der Forschenden, Working Paper zu veröffentlichen. Inwiefern lässt sich die Veröffentlichung eines Working Papers auf die im Forschungsinteresse explizierte Annahme zurückführen, dass die existierende Working-PaperKultur die Möglichkeit eröffnet, wissenschaftliche Erkenntnisse frühzeitig zirkulieren und diskutieren zu lassen (Kap. 5.1)? Dabei gilt es, die Rolle von Working Papers mit Blick auf den Wandel des Publikationsverhaltens im Kontext von Open Access zu analysieren. Beleuchtet werden sollen Aspekte der Working-Paper-Kultur und damit verbundene Möglichkeiten durch die Veröffentlichung und Präsentation von Working Papers, Rückmeldungen zu den eigenen Forschungsergebnissen zu erhalten (Kap. 7.2.1). Bedeutend in der Abgrenzung zum Peer-Review-Verfahren bei Zeitschriftenartikeln ist die Sicherung und Einschätzung der Qualität von Working Papers (Kap. 7.2.2). Schließlich wird der Konnex von Working Papers und darauf aufbauenden Journal-Veröffentlichungen thematisiert (Kap. 7.2.3). Working-Paper-Kultur Die Veröffentlichung von Working Papers hat eine lange Tradition in den Wirtschaftswissenschaften, was auch in den Interviews explizit geäußert wird. Dabei haben Working-Paper-Reihen immer eine besondere Rolle gespielt. In den Interviews gibt es zahlreiche Bezüge der Befragten zu Working-Paper-Reihen, die von den eigenen Institutionen oder anderen herausgegeben werden, wie SSRN, RePEc, NBER, CEPR (3-6, 4-18, 4-22, 5-8, 5-10, 6-8, 7-80, 8-22, 916, 10-36, 11-4). Die Veröffentlichung von Working Papers in einer (angesehenen) Reihe oder einem (angesehenen) Repositorium sei wichtig, um Forschungsergebnisse sichtbar zu machen (8-20, 11-56). Die Bedeutung, die Working-Paper-Reihen beigemessen wird, zeigen explizite Hinweise von Befragten, die über keinen institutionellen Rahmen mit Zugang zu Working-Paper-Reihen (mehr) verfügen. Die Befragten nutzen dann Working-Paper-Reihen, die den Co- Empirische Ergebnisse zum Publikationsverhalten in der VWL 117 Ist das Working Paper hoffentlich – man weiß ja nicht, ob es gelingt – immer die Vorstufe, um es in einem Journal zu platzieren.“ (3-4) „Vorab wäre das ja immer. Danach geht man dann ja immer noch hausieren damit bei den Journals. [...] Aber das ist ja immer so en passant macht man das schon mal in einem Working Paper.“ (5-10) „Wir haben in dem konkreten Fall ein Working Paper gemacht. Erstens aus dem Grund, weil ich das schon seit vielen Jahren eigentlich immer recht regelmäßig mache, dass ich meine Sachen als Working Paper herausbringe. Das hat wahrscheinlich noch mit meiner Sozialisation da am [Institution] zu tun, wo wir immer also die Sachen als Working Paper erstmal herausgebracht haben.“ (9-16) Zwischenfazit Die Befragten weisen explizit auf die lange Tradition in der VWL hin, Working Paper zu veröffentlichen. Dabei ist es relevant, dass Working Paper in (angesehenen) institutionalisierten Reihen erscheinen, um die Veröffentlichungen sichtbar zu machen. Working Paper werden im Arbeitskontext in der Weise thematisiert, dass sie aufgrund der meist freien Zugänglichkeit, einen einfachen Weg darstellen, sich zu informieren und einen Überblick über aktuelle Forschung zu verschaffen. Grundsätzlich ist es essenziell, die in Working Papers veröffentlichten Forschungsergebnisse auf Konferenzen zu präsentieren und dies auch mehrfach. Das ermöglicht direkte Rückmeldungen aus der wissenschaftlichen Gemeinschaft und damit eine Einschätzung, ob die Forschung trägt. Hier wird bereits ein Qualitätssicherungsmechanismus sichtbar. Zusätzlich wird berichtet, nach Veröffentlichung eines Working Papers Rückmeldungen dazu als Zitation oder im direkten Austausch zu erhalten oder auch selbst zu geben. In Bezug auf die Qualitätssicherung von Working Papers verweisen die Befragten darauf, dass Working-Paper-Reihen von den herausgebenden Institutionen geprüft und referiert werden. Auch gibt es interne (institutionalisierte) Qualitätsprüfungen, bevor Working Paper in externen Reihen veröffentlicht werden. Die Befragten schätzen die Qualität von Working Papers demgemäß als gut ein. Fast alle Befragten geben an, Working Paper zu zitieren. Wenn allerdings ein darauf aufbauender Journal-Artikel erschienen ist, wird dieser zitiert. Das verweist auf die Relevanz von Journal-Artikeln im Vergleich zu Working Papers. Ein Blick auf den Konnex zwischen Working Papers und Journal-Artikeln in diesem Datensatz zeigt, dass die Mehrheit der Journal-Artikel keinem vorangegangenen Working Paper zugeordnet werden kann. Unterschiede zeigen sich aber zwischen den Gruppen: Bei den jüngeren Professor:innen basieren mit einem Anteil von 40,3 % deutlich mehr Journal-Artikel auf Working Empirische Ergebnisse zum Publikationsverhalten in der VWL 118 Papers (zum Vergleich: ältere Professor:innen 28,5 %; Postdocs 21,1 %). Für die umgekehrte Betrachtung, wie hoch der Anteil von Working Papers ist, die später als Journal-Artikel, als Aufsatz im Buch oder beides erscheinen, zeigt sich ein ähnliches Bild. Die Gruppe der jüngeren Professor:innen ist mit 39,5 % der Working Paper besonders effizient darin, ihre in Working Papers veröffentlichten wissenschaftlichen Erkenntnisse anschließend auch in Journals zu veröffentlichen (zum Vergleich: ältere Professor:innen 31,4 %; Postdocs 24,2 %). Auf die Frage nach der Dauer der Review-Verfahren wird eine große Bandbreite und Varianz an Zeiträumen von mehreren Monaten bis hin zu zwei Jahren genannt. Die oft langwierigen Begutachtungsverfahren verweisen auf die Möglichkeit, mit der Vorveröffentlichung von Working Papers, wissenschaftliche Erkenntnisse frühzeitiger teilen zu können und die Zeit bis zur Veröffentlichung in einem Journal zu überbrücken. Manche Interviewte veröffentlichen Working Paper gleichzeitig mit einer Journal-Einreichung, um ihre Forschung frühzeitig sichtbar und zu ihrer Person zurechenbar zu machen. Das Vorgehen, wissenschaftliche Ergebnisse als Working Paper vor oder gleichzeitig mit der Einreichung bei einem Journal zu veröffentlichen, wird als üblich oder gar internationaler Standard bezeichnet. 7.3 Publizieren für die wissenschaftliche Karriere Die Relevanz von Publikationen für den beruflichen Aufstieg im Wissenschaftssystem ist gut dokumentiert und gilt in besonderer Weise für die VWL, in der das Publizieren in renommierten Journals ganz eng mit dem Reputationserwerb in der Fachgemeinschaft verknüpft ist (Kap. 3.2 und 4.3.2). Dies manifestiert sich in der Bewertung von Forschungsleistungen, die oftmals auf Impact-Faktoren und Rankings zurückgreift (Kap. 3.3, 3.4 und 4.5). Dies soll mit Blick auf den Teilaspekt der Forschungsfrage nach dem Publikationsverhalten im Kontext von Rankings betrachtet werden, wobei mögliche unterschiedliche Ausprägungen nach Stand der Karriere und dem institutionellen Hintergrund der Forschenden analysiert werden (Kap. 5.1). Das Publikationsverhalten wird zunächst für die drei Gruppen hinsichtlich der Wahl der Publikationsformate betrachtet und mit Blick darauf, wie produktiv die Forschenden dieser Stichprobe sind – gemessen daran, wie viele Publikationen sie je Jahr aufweisen (Kap. 7.3.1). Die Rolle des Publizierens für die wissenschaftliche Karriere wird hinsichtlich der Phase des Berufsaufstiegs (Kap. 7.3.2) und bei fortgeschrittener Karriere (Kap. 7.3.3) analysiert sowie in Hinblick darauf, ob die publizierenden Forschenden an einer Universität, einem außeruniversitären Forschungsinstitut oder einer Fachhochschule beschäftigt sind (Kap. 7.3.4). Empirische Ergebnisse zum Publikationsverhalten in der VWL 119 Publikationsverhalten in verschiedenen Karrierephasen Für alle drei Gruppen aus der Stichprobenziehung lässt sich die Dominanz von Journal-Artikeln und Working Papers als Veröffentlichungsformate zeigen (Abbildung 5), allerdings mit etwas unterschiedlicher Ausprägung. Die Postdocs veröffentlichen mit einem Anteil von 94,6 % fast ausschließlich Journal-Artikel und Working Paper (50,6 % bzw. 44 %). Bei den jüngeren Professor:innen liegt der Anteil mit 93,9 % ebenfalls sehr hoch (allerdings ausgeglichener: 47,5 % und 46,4 %). Die Gruppe der älteren Professor:innen weist mit 81,5 % (Journal-Artikel 45 %; Working Paper 36,5 %) einen vergleichsweise geringeren Anteil auf. Bei ihnen beträgt der Anteil von Aufsätzen in Sammelbänden 14,1 % und von Büchern 4,4 %. Interessant ist zudem, dass bei den Postdocs der Anteil an Journal-Artikeln am höchsten liegt. Bei allen Gruppen sind Journal-Artikel das meistgenutzte Publikationsformat. Es gibt wenige Buchveröffentlichungen unter den Postdocs und jüngeren Professor:innen, die in der Mehrzahl der Fälle die Dissertationsschrift darstellen. Abbildung 5: Publikationen nach Publikationsformaten und Gruppen. Quelle: Eigene Berechnung auf Basis von EconBizund GND-Daten. Abbildung 6 zeigt wie produktiv die untersuchten Gruppen gemessen an der Zahl ihrer Veröffentlichungen bezogen auf alle Publikationsformate je Jahr sind (beginnend mit dem Jahr der ersten Publikation im Datensatz). Die Mittelwerte zeigen, dass die Gruppe der Postdocs durchschnittlich 3,3 Publikationen je Jahr veröffentlicht, die Gruppe der jüngeren Professor:innen 3,7 Empirische Ergebnisse zum Publikationsverhalten in der VWL 120 und die Gruppe der älteren Professor:innen 4,1 Publikationen je Jahr. Anhand der vielen Ausreißer nach oben lässt sich ableiten, dass die Mittelwerte verzerrt sein dürften, da es in allen Gruppen einzelne Forschende gibt, die deutlich mehr Publikationen je Jahr veröffentlichen. Ein Blick auf den jeweiligen Median der Verteilung zeigt weniger große Unterschiede zwischen den Gruppen. Für die Gruppe der Postdocs liegt der Median bei 2,7, das heißt, 50 % der Postdocs haben weniger oder genau 2,7 bzw. 50 % haben genau oder mehr als 2,7 Veröffentlichungen je Jahr. Bei der Gruppe der jüngeren Professor:innen liegt der Median mit 2,8 ähnlich hoch, bei der Gruppe der älteren Professor:innen mit 3,1 etwas höher. Abbildung 6: Produktivität gemessen an Publikationen je Jahr. Quelle: Eigene Berechnung auf Basis von EconBizund GND-Daten. Werden nur die Journal-Artikel analysiert, zeigt sich im Vergleich der Gruppen ein ausgeglicheneres Bild (Abbildung 7). Im Mittel veröffentlichen die Postdocs und jüngeren Professor:innen 1,7 Journal-Artikel im Jahr, die älteren Professor:innen 1,4. Der Median liegt bei allen Gruppen mit 1,1 bzw. 1 etwa gleich auf. Die Ergebnisse beider Verteilungen zeigen, dass die Gruppen in Bezug auf die Produktivität alle nahe beieinanderliegen. Die älteren Professor:innen sind jedoch etwas produktiver bezogen auf Veröffentlichungen in allen Formaten – gefolgt von den jüngeren Professor:innen und Postdocs. Bezogen auf die Journal-Artikel wiederum sind die jüngeren Professor:innen und Postdocs etwas produktiver als die älteren Professor:innen. Das deckt sich mit den Ergebnissen zur Verteilung der Publikationsformate auf die Gruppen, die gezeigt hat, dass bei den älteren Professor:innen Buchveröffentlichungen noch einen größeren 1,0 6,6 7,2 7,7 8,2 10,0 11,4 21,1 1,8 2,7 3,8 3,3 0,9 7,2 7,9 10,6 11,6 13,0 13,7 14,8 18,8 2,0 2,8 4,3 3,7 0,4 9,6 10,6 11,0 14,3 16,3 17,6 19,3 2,0 3,1 5,3 4,1 Postdocs Prof _ jünge r Prof _ älte r 0,0 5,0 10,0 15,0 20,0 25,0 Empirische Ergebnisse zum Publikationsverhalten in der VWL 121 Stellenwert einnehmen, während Postdocs und jüngere Professor:innen fast ausschließlich Journal-Artikel und Working Paper veröffentlichen. Abbildung 7: Produktivität gemessen an Journal-Artikeln je Jahr. Quelle: Eigene Berechnung auf Basis von EconBizund GND-Daten. Phase des Berufsaufstiegs In den Interviews wird deutlich, dass es noch zu Beginn der 2000er Jahre üblich gewesen ist, Dissertationen als Monografie zu verfassen und bei fortschreitender wissenschaftlicher Karriere eine Habilitationsschrift oder auch Lehrbücher (4-24, 5-28). Das hat sich grundlegend geändert (3-8, 5-38, 6-40, 7-50) – denn nun ist es zentral auch für Qualifikationsschriften JournalArtikel zu veröffentlichen (3-62, 5-40, 9-62). Diese Entwicklung bedeutet für Nachwuchsforschende, dass es frühzeitig wichtig ist, strategisch zu publizieren, um erfolgreich in Journals zu veröffentlichen (4-24, 5-22, 9-54). Im Umkehrschluss sind Monografien nun irrelevant, wenn es um die Sichtbarkeit der eigenen Forschung und Reputationsgewinn für eine akademische Karriere geht (4-24, 5-30, 7-58). „[...] Ja, wenn ich jetzt ein junger Kollege wäre, dann würde ich dem sagen, versuch erst mal in Journals reinzukommen, bevor du eine Monografie dieser Art machst. Das hat sich einfach geändert, das Publikationsverhalten.“ (3-8) 0,2 3,5 3,8 4,1 7,9 8,8 17,4 0,7 1,1 1,9 1,7 0,1 3,4 3,9 4,3 5,6 7,1 10,2 11,1 0,7 1,1 1,9 1,7 0,0 3,6 3,9 4,2 5,1 6,8 9,9 0,5 1,0 1,9 1,4 Postdocs Prof _ jünge r Prof _ älte r 0,0 2,0 4,0 6,0 8,0 10,0 12,0 14,0 16,0 18,0 Empirische Ergebnisse zum Publikationsverhalten in der VWL 122 „Bei mir war das eher so ein Bottom-up-approach. Ich habe im Vergleich zu dem Ranking-System relativ bei weniger hochgerankten, aber sehr praktisch orientierten empirischen Zeitschriften angefangen zu publizieren, die teilweise heute vielleicht eher als exotisch wahrgenommen werden. Und dann hab ich das nach und nach immer bei besseren Zeitschriften publiziert. Das wäre wahrscheinlich nicht etwas, was man einem Doktoranden, der eine Professur irgendwann haben würde, heutzutage empfehlen würde.“ (9-54) „Ja, klar, ganz elementar, weil so Prüfungsordnung sehen das ja auch teilweise explizit, teilweise implizit vor. Darum kommen Sie nicht drum rum.“ (5-43) Für die Habilitation gilt das in gleicher Weise – auch hier ersetzen Artikel in referierten Zeitschriften eine Monografie (2-44, 5-22, 11-32). „[...] es wäre viel sinnvoller, wenn die Leute vernünftig ihre Ideen entwickeln. Das heißt also auch diese alte Idee der Habilitation. [...] auch die Doktorarbeit, dass man sagt okay, ich möchte ein bisschen tiefer durchdringen [...] das halte ich für wesentlich sinnvoller als jetzt diese Publikationsgeschichten, wo es letztendlich dann doch wieder eher darüber läuft. Wer hat welche Beziehung zu wem.“ (2-44) „[…] meine Habilitation, was ich gar nicht mehr machen würde, […] war das nicht so. War das nicht so, dass man sich das Journal anguckte, und schaut wie gehe ich da jetzt strategisch vor, […]“ (5-22) „Da wurde auch keins fertig […] Und dann war aber das Schöne, da waren die auf einen Schwung alle fertig. Und dann hatte ich, in 14 Monaten vier oder fünf Acceptances, die meisten auch im ersten oder zweiten Versuch. […] Das war dann im Prinzip auch meine Habil.“ (11-32) Um erfolgreich zu publizieren, sei es für Nachwuchsforschende essenziell, sich frühzeitig zu orientieren und um einen Publikationsort zu kümmern, wobei die Nutzung von Netzwerken hilfreich sei (2-22, 2-44, 2-48, 3-10, 3-24, 4-20, 5-20, 10-68). In den Interviews wird übereinstimmend darauf hingewiesen, dass es gerade für den wissenschaftlichen Nachwuchs wichtig ist, in bestimmten Journals zu veröffentlichen (2-44, 3-4, 4-30, 5-18, 8-40, 9-54, 11-14). „Also ich würde sagen, wenn man als junger Wissenschaftler […] in Berufung als Professor oder im akademischen Bereich möchte, würde ich viel mehr darauf Empirische Ergebnisse zum Publikationsverhalten in der VWL 123 achten, auf alleinige Autorenschaft. Wenn man dann eben bereits in einem gesicherten... dann macht das unheimlich Sinn, sich mit anderen zu verbünden.“ (1068) „[...] das geht rein strategisch von oben nach unten. Also die müssen in bestimmte Journals. Ich muss das nicht mehr, aber die müssen halt in bestimmte Journals rein.“ (5-18) „[...] wer nach oben will, der muss [...] sich in diese Maschine reinbegeben und in diese Top-Journals.“ (2-44) Für die Karriere sind Journal-Veröffentlichungen zentral. Die Interviewten nennen in diesem Kontext Signaling, also ein Zeichen zu setzen, indem schon zu Beginn der Karriere in TopJournals publiziert wird (3-14, 4-24, 4-54, 5-81, 9-54). Dieser Signaling-Effekt sei ganz entscheidend, um die Karriere voranzubringen (2-44, 4-30, 5-18, 5-87, 6-40). In den Interviews wird auch darauf hingewiesen, dass die Nachwuchsforschenden zum Zeitpunkt ihrer ersten Journal-Veröffentlichung immer jünger werden. Dieser Umstand, der sich aus dem Verfahren der kumulativen Dissertation ableiten lässt, geht einher mit dem Druck auf Nachwuchsforschende, mit Journal-Artikeln auch frühzeitig Signale in Richtung Arbeitsmarkt zu senden (430, 11-66). Darauf, dass gerade jüngere Wissenschaftler:innen unter einem starken Publikationsdruck stehen, weisen insbesondere Interviewte aus der Gruppe der älteren Professor:innen hin, die vergleichsweise weniger publizieren (3-24, 5-79, 10-38). „Das ist anders bei den jungen Kollegen. Da geht es ja auch um was. Die brauchen round about drei A-Journal-Publikationen oder sowas. Und dann noch zwei, drei andere. Wenn du dann das zurückkriegst, ist das nicht so lustig.“ (538) „Bei denen habe ich schon die Wahrnehmung, dass dort sehr viel strategischer das Outlet für das Publizieren gewählt wird. Weil offenbar sehr viel stärker also nicht nur an amerikanischen, sondern auch an deutschen Universitäten so ein Narrativ existiert, dass man mit den ersten drei, vier, fünf Publikationen so ein ganz wichtiges Signal sendet, dass es da so einen Signaling-Effekt gibt.“ (9-54) „Ja, da ist sicher auch von den USA so ein bisschen der Trend hier rübergekommen, das dann PhDs […] nach Möglichkeit so ein Jobmarket-Paper haben sollten. Das muss noch nicht unbedingt veröffentlicht sein. Aber dass […] sie im Prinzip positive Signale von potenziellen Referees haben.“ (11-66) Empirische Ergebnisse zum Publikationsverhalten in der VWL 124 Die Interviewten merken an, dass sie keinen guten Überblick über das Publikationsverhalten in anderen Disziplinen haben (3-40, 6-46, 7-54, 8-68, 11-36, 11-38). Bezogen auf die Qualitätssicherung bestehe gewissermaßen eine Arroganz gegenüber anderen Sozialwissenschaften (1-60, 3-40, 10-54, 11-38). So seien die Reputationskriterien in den anderen Sozialwissenschaften noch anders ausgeprägt als in der VWL: Monografien und Sammelbände sowie Kommentare bei den Juristen spielen eine größere Rolle und auch die Journal-Hierarchie sei nicht so eindeutig – so seien Field-Journals gleich wichtig wie hochrangige Zeitschriften (5-61, 8-68, 9-56, 11-38, 11-50). Ranking-Systeme, auf die geachtet werde, sind in den Sozialwissenschaften der Impact-Faktor, in der VWL das Handelsblatt-Ranking und in der BWL Jourqual. „Ich weiß, wir sind sicherlich auch ein bisschen so eine arrogante Kultur. Wir fragen uns so ein bisschen, was für eine Qualitätssicherung die überhaupt haben, wie die publizieren.“ (11-38) „Ich habe nur den Eindruck, dass halt es nicht so eine eindeutige Hierarchie von Journals gibt in anderen Sozialwissenschaften. Dass teilweise, je nachdem, um welche Wissenschaft es geht auch noch Bücher eine Rolle spielen.“ (11-38) „Ich kenne einige Kolleginnen und Kollegen aus den Sozialwissenschaften, und ich habe das Gefühl, dass sozusagen die kompetitive Welt aus der VWL inzwischen auch in den anderen Sozialwissenschaften wuchert.“ (8-68) Aus den Interviews wird deutlich, dass insbesondere Postdocs und ältere Professor:innen für sich selber keinen gestiegenen Publikationsdruck wahrnehmen bzw. auch die Anzahl eigener Publikationen eher gleichgeblieben sei (1-84, 3-62, 6-56, 9-64). Das korrespondiert auch damit, dass diese im Vergleich weniger Publikationen aufweisen. Andere geben an, kürzer und mehr zu publizieren (4-76, 7-66). Allerdings nehmen die Interviewten teilweise wahr, dass der Druck bei Kolleg:innen zunimmt. So wird berichtet, dass die Leitungsebene vermehrt auf die Zahl und das Renommee der Publikationen der Forschenden achte, und insbesondere bei jungen Kolleg:innen Publikationsdruck – auch mit Blick auf die Bewertung durch Rankings – gestiegen sei (1-84, 2-52, 3-62, 4-76, 4-106, 5-79, 9-62, 9-64). Angesichts dessen geben Befragte an, dass eine akademische Laufbahn wenig attraktiv sei (1-42, 1-64, 8-42, 8-70, 10-30, 10-48, 10-72). „Aber ich habe schon den Eindruck, dass insgesamt deutlich mehr publiziert wird. Es stimmt schon, dass auch sehr viel durch die Veränderung der Dissertation zur kumulativen Dissertation […], dass da mehr Papiere auf den Markt kommen.“ (9-64) Empirische Ergebnisse zum Publikationsverhalten in der VWL 125 „[…] von vielen, auch von denen die Mittel vergeben, ist es immer noch so, dass das implizite Signal, was gesendet wird, ein mehr ist besser. Und das wirkt sich auch implizit auf die Doktoranden und auf das Publikationsverhalten allgemein aus.“ (4-76) „Und das hat damit zu tun […] diesem Kanon, dass wir da so verhaftet sind und um eine Karriere in diesem Bereich zu bekommen. Ja, also Akademiker/Professor zu werden. Und wenn man dann einmal Professor ist, dann ist man sowieso schon in einem Tunnel Verfahren. […] um in diesen Publikationen zu sein und in den Berufungen, dass man Erfolg hat.“ (10-72) Einige Befragte kommen im Gespräch über einen gestiegenen Publikationsdruck von sich aus auf die Praxis zu sprechen, dass Forschungsergebnisse stärker aufgeteilt und kleinteiliger veröffentlicht werden (Salami-Taktik) (3-62, 4-60, 4-62, 7-68, 11-50). Dabei sind sich die Interviewten bewusst, dass es den Regeln guter wissenschaftlicher Praxis widerspricht, technisch immer kleinteiliger zu publizieren, ohne dass der wissenschaftliche Gehalt der Veröffentlichungen größer wird. „Genau, also es gibt Paper, die haben dann irgendwann über Tax Moral, also Steuerzahlungsmoral... Und dann wurde das einmal für Europa, einmal für Asien […] sieben Paper draus gemacht, wo einfach nur der Kontinent und die Länder darauf geändert wurden. Das ist erstens nicht sehr kreativ, aber manche sind da, glaube ich, schmerzfrei.“ (4-62) „Ich kann auch aus einem Großen fünf kleine machen. Und dann sieht das gleich nach viel mehr aus. Und insgesamt hat die Taktzahl auch zugenommen.“ (7-68) „Ja, also schon vor allem für uns ist ja immer die USA Vorreiter. Und ich meine das, was ich so gelernt habe, eben über diesen einen Co-Autor, mit dem ich zwei Papiere habe. Das war auch, dass der, wenn wir noch eher die Ideen diskutiert haben, dass er gesagt hat, nein, das ist schon ein anderes Papier. […], dass man schneller publiziert und auch vielleicht kleinteiliger.“ (11-50) Neben Artikeln in hochrangigen Journals ist das Einwerben von Drittmitteln wichtig für den Karriereerfolg – was auch für damit verbundene Publikationen gilt. Von Professor:innen wird angeführt, dass Drittmittel insgesamt als Performance-Kriterien wichtig geworden sind (3-82, 9-44, 9-64, 9-72, 10-32, 11-2). Dies folge einer ökonomischen Logik, die sich mit der Privatisierung der Hochschulen, die sich zunehmend auch über (renommierte) Drittmittel-Projekte Empirische Ergebnisse zum Publikationsverhalten in der VWL 126 finanzieren müssen, herausgebildet habe (9-64, 10-26, 10-32, 11-32). Drittmittel als Finanzierungsoption für die Forschung sei zudem besonders für außeruniversitäre Forschungseinrichtungen essenziell (3-82, 10-32, 11-40). Publikationen entstehen hier, indem Ergebnisse aus Projekten oder auch Auftragsforschung heraus veröffentlicht werden (1-60, 7-4, 8-36, 9-2, 11-2, 11-32). Aus den Projekten entstehe dann Publikationsund Zeitdruck, wobei Themen behandelt werden, die für bestimmte Projekt-Ausschreibungen passend sind und für die eigene Forschung nichts bringen (2-74, 3-82, 4-64, 8-42, 11-2, 11-32). „Das hatte vor allem damit zu tun, dass wir immer relativ hohen Druck hatten, eine Drittmittel-Quote von etwa 50 Prozent zu erreichen. Und dann hat man halt alles abgegrast, was es so gibt.“ (11-2) „Ich sehe das positiv wie ein bisschen negativ. Man muss da ein bisschen aufpassen, also die Drittmittel-Gläubigkeit von Universitätsleitungen ist doch sehr groß ausgeprägt – mittlerweile. Das sehe ich kritisch [...] Es ist gut, sich dem Wettbewerb zu stellen. Aber man sollte nicht Fakultäten, Institute danach beurteilen, ob die jetzt fünfstelligen, sechsstelligen oder was für ein Betrag in jedem Jahr eingeworben haben.“ (3-82) Phase der fortgeschrittenen Karriere In den Interviews wird deutlich, dass der Publikationsdruck sinkt, wenn eine gewünschte Position erreicht ist. Eine unbefristete, gute Stelle ermögliche einen gewissen Spielraum in Bezug auf die Themenwahl und das Publizieren von wissenschaftlichen Erkenntnissen (4-30, 6-48, 740, 8-50). Insbesondere Befragte aus den Gruppen der jüngeren und älteren Professor:innen geben an, dass der Druck bzw. die Anreize, zu publizieren, geringer sind (5-55, 6-42, 8-30, 1140). „[...] ich bin aber auch in einer entspannten Position, dass ich nichts mehr werden muss, muss ich ehrlich sagen. Ich bin entfristet, ich habe eine gute Stelle [...]. Das gibt mir einen gewissen Spielraum, dass ich sozusagen auch das forschungsseitig machen kann, was ich will.“ (4-30) „[…] als ich noch an der Universität war, hieß es dann, wenn man eine Professur hatte und nicht unbedingt woanders hinwollte, dann wurde eher auf referierte Zeitschriften verzichtet […], weil es bequemer ist.“ (6-48) Empirische Ergebnisse zum Publikationsverhalten in der VWL 133 An den Forschungsinstituten ist das ähnlich, wobei der Anteil der Journal-Artikel etwas höher ausfällt. An den Fachhochschulen werden auch überwiegend Journal-Artikel veröffentlicht – allerdings deutlich weniger Working Paper als an Universitäten und Forschungsinstituten. Dafür werden hier anteilig mehr Aufsätze in Büchern und Bücher veröffentlicht. In den Interviews wird hervorgehoben, dass an den Universitäten und den Forschungsinstituten insbesondere Journal-Rankings für den akademischen Werdegang der Forschenden zählen. Das zieht sich von den Anforderungen im Rahmen der kumulativen Dissertation bis hin zu Berufungsverfahren. Allerdings kann an Universitäten auf Veröffentlichungen in referierten Journals verzichtet werden, wenn eine gewünschte akademische Position erreicht ist. Insgesamt steigt der Druck, Drittmittel einzuwerben und mit anderen Institutionen zu kooperieren. An Fachhochschulen sei das Publikationsverhalten dadurch geprägt, dass die Wissenschaftler:innen ein deutlich höheres Lehrdeputat haben. Publikationen stellen deshalb keinen Bewertungsmaßstab dar. 7.4 Internationalisierung und Co-Autorenschaft Trends im wissenschaftlichen Publikationssystems, die sich auch für die VWL in Deutschland zeigen lassen, sind eine zunehmende Internationalisierung, eine wachsende Zahl von Co-Autor:innen und die Etablierung entsprechender Netzwerke (Kap. 4.2). Diese im Forschungsinteresse angesprochenen Trends (Kap. 5.1), die das Publikationsverhalten der Forschenden in der VWL beeinflussen können, sollen für diesen Datensatz analysiert werden. Hinweise darauf, wie international die VWL aufgestellt ist, lassen sich auf Basis des Datensatzes anhand von Regionen finden – basierend auf der geografischen Herkunft der Publikationsinfrastruktur, das heißt dem Sitzland der Institution, die die jeweilige Publikation herausgibt (Kap. 7.4.1). Ein zentraler Aspekt ist die Sprache, in der eine Publikation verfasst wird, und die Kontexte in denen unterschiedliche Veröffentlichungssprachen von den Forschenden ausgewählt werden (Kap. 7.4.2). Ein möglicher Anstieg der Co-Autorenschaft kann sich unterschiedlich auf das Publikationsverhalten der Forschenden auswirken, wobei die Kontexte, in denen diese in Alleinoder in Co-Autorenschaft veröffentlichen, betrachtet werden (Kap. 7.4.3). Publikationen nach Regionen Eine Übersicht zu Publikationen nach Regionen – definiert als Herkunft der Publikationsinfrastruktur – zeigt, dass die von den Forschenden aus der Stichprobe genutzte Publikationsinfrastruktur überwiegend aus Deutschland stammt, gefolgt von Europa und den USA. 67 Insgesamt 67 Europa: ohne Deutschland; Welt: ohne Deutschland, Europa, USA. Empirische Ergebnisse zum Publikationsverhalten in der VWL 134 ist die Gruppe der jüngeren Professor:innen mit Blick auf die Regionen internationaler aufgestellt (Abbildung 9). Hier entfallen 61,8 % der Publikationen auf Verlage bzw. Herausgeber von Working-Paper-Reihen aus Deutschland, während bei den älteren Professor:innen 75,1 % aus Deutschland stammen und bei den Postdocs sogar 82,8 %. Entsprechend liegen die Anteile für Publikationen der jüngeren Professor:innen mit 29,6 % für Europa und 7,9 % für die USA vergleichsweise höher. Abbildung 9: Publikationen nach Regionen und Gruppen. Quelle: Eigene Berechnung auf Basis von EconBizund GND-Daten. Tabelle 17 zeigt, dass 56 % der Journal-Artikel aus Deutschland stammen, 34,7 % aus dem übrigen Europa und 8,8 % aus den USA. Bei den Aufsätzen im Buch stammen 73,9 % aus Deutschland, bei den Working Papers 89,7 % und bei den Büchern sogar 92,2 %. Hier liegen die Anteile für Veröffentlichungen der Forschenden, die in Deutschland herausgegeben werden, also deutlich höher als bei den Journal-Artikeln. Region Journal-Artikel Working Paper Aufsatz im Buch Buch Publikationen Anteil in % Publikationen Anteil in % Publikationen Anteil in % Publikationen Anteil in % Deutschland 4.595 56,0 6.495 89,7 1.061 73,9 471 92,2 Europa 2.848 34,7 582 8,0 290 20,2 34 6,7 Empirische Ergebnisse zum Publikationsverhalten in der VWL 135 Region Journal-Artikel Working Paper Aufsatz im Buch Buch USA 719 8,8 124 1,7 76 5,3 6 1,2 Welt 47 0,6 40 0,6 9 0,6 0 0 Gesamt 8.209 100 7.241 100 1.436 100 511 100 Tabelle 17: Publikationen nach Regionen und Publikationsformaten. Quelle: Eigene Berechnung auf Basis von EconBizund GND-Daten. Interessant ist die regionale Verteilung der Artikel in Zeitschriften nach SJR (Tabelle 18). Hier zeigt sich, dass Artikel aus Journals ohne Rangplatz zu 92,1 % aus Deutschland stammen, während Artikel aus Journals mit einem Rangplatz größer als 2 zu 98,7 % aus Europa (ohne Deutschland) und den USA stammen. Insgesamt zeigen die jeweiligen Anteile für Deutschland, dass je höher der Rangplatz der Journals ist, desto geringer fallen die Anteile der Journal-Artikel aus Deutschland aus, während die Anteile für insbesondere Europa, aber auch die USA zunehmen. Region Rank = 0 Rank > 0 bis ≤ 0,25 Rank > 0,25 bis ≤ 0,5 Rank > 0,5 bis ≤ 1 Rank > 1 bis ≤ 2 Rank > 2 Anteil in % Anteil in % Anteil in % Anteil in % Anteil in % Anteil in % Deutschland 92,1 87,1 25,2 11,3 2,9 1,3 Europa 6,1 8,2 61,6 75,4 83,6 63,0 USA 0,8 3,8 12,6 13,2 13,5 35,7 Welt 0,9 0,9 0,6 0,1 0 0 Gesamt 100 100 100 100 100 100 Publikationszahl 3.680 1.010 666 1.027 996 830 Tabelle 18: Journal-Artikel nach Regionen und Scimago Journal Rank. Quelle: Eigene Berechnung auf Basis von EconBizund GND-Daten. Unabhängig vom Sitz der herausgebenden Institutionen, die sich für die hier untersuchte Stichprobe nach wie vor überwiegend in Deutschland befinden, merken die Interviewten an, dass sich das Publikationssystem in Deutschland internationalisiert. Journals würden sich zunehmend an internationalen Standards orientieren und Forschende ihr Publikationsverhalten darauf ausrichten (3-42, 5-22, 8-42, 11-50, 11-66). „Gerade die jüngeren Herausgeber versuchen, auch mit deutschsprachigen Zeitschriften sich heranzurobben an den internationalen Standard. Ob das immer so Empirische Ergebnisse zum Publikationsverhalten in der VWL 136 ganz gelingt, weil dann die Referee-Reports eben dann doch irgendwie anders ausfallen, als man das so sonst gewöhnt ist.“ (3-42) „[…] die haben Templates für die Journals, […] da gibt es eine Tendenz, dass Deutschland an den internationalen... sich an die internationalen Gepflogenheiten angepasst hat.“ (5-22) Publikationssprache Abbildung 10 zeigt, dass insbesondere die jüngeren Professor:innen mit einem Anteil von 76,9 % ihre Publikationen in englischer Sprache veröffentlichen. Bei den Postdocs und älteren Professor:innen sind die Anteile mit 49 % bzw. 53,1 % deutlich geringer – hier liegen englischund deutschsprachige Publikationen jeweils fast gleichauf. Abbildung 10: Publikationen nach Sprachen und Gruppen. Quelle: Eigene Berechnung auf Basis von EconBizund GND-Daten. Tabelle 19 zeigt, dass der Anteil von englischsprachigen Publikationen insbesondere bei den Working Papers mit 71,4 % hoch ist. Das vermag auch den Befund erklären, dass sich eine zunehmende Internationalisierung anhand des Publikationsortes kaum ablesen lässt. Denn der Ort hängt an den herausgebenden Institutionen und das sind in der Regel die Universitäten bzw. Forschungsinstitute, an denen die Forschenden der Stichprobe tätig sind und der liegt wie für Empirische Ergebnisse zum Publikationsverhalten in der VWL 137 die hier untersuchte Gruppe festgelegt in Deutschland. Interessant ist, dass der Anteil von englischsprachigen Journal-Artikeln nur 55,1 % beträgt. Bei den Büchern und Aufsätzen in Sammelbänden überwiegt die deutsche Sprache mit 74,8 % bzw. 57,5 %. Weitere Sprachen weisen nur sehr geringe Werte auf.68 Sprache Journal-Artikel Working Paper Aufsatz im Buch Buch Publikationen Anteil in % Publikationen Anteil in % Publikationen Anteil in % Publikationen Anteil in % Englisch 4.523 55,1 5.169 71,4 608 42,3 129 25,2 Deutsch 3.671 44,7 2.056 28,4 826 57,5 382 74,8 Weitere 15 0,2 16 0,2 2 0,1 0 0 Gesamt 8.209 100 7.241 100 1.436 100 511 100 Tabelle 19: Publikationen nach Sprachen und Publikationsformaten. Quelle: Eigene Berechnung auf Basis von EconBizund GND-Daten. Die Interviewten konkretisieren, welche Publikationen sie auf Deutsch und welche sie auf Englisch veröffentlichen. So publizieren sie auf Deutsch, wenn es sich um Lehrbücher oder Transferzeitschriften mit außerwissenschaftlichen Zielgruppen handelt (1-8, 1-14, 1-42, 6-62). Einige Interviewte geben an, überwiegend auf Deutsch zu veröffentlichen, aber die Anforderung mehr auf Englisch zu publizieren sei da (6-62, 7-70). Englischsprachige Publikationen weisen Vorteile auf, wie internationale Sichtbarkeit, Austauschund Kooperationsmöglichkeiten (7-72, 892, 9-66). Auf Englisch publizieren die Forschenden im Rahmen von Projekten mit internationalen Partnern (1-60, 2-56, 5-18, 8-92). Einige Interviewte geben an, fast ausschließlich auf Englisch zu veröffentlichen bzw. dies jetzt vermehrt zu tun (2-54, 3-64, 4-80, 5-81, 9-66, 1152). Im Vergleich zu anderen Disziplinen befände sich die VWL mit Blick auf den Grad der Internationalisierung zwischen den Naturwissenschaften, in denen englischsprachige Publikationen weit verbreitet sind, und anderen Sozialwissenschaften (1-54, 1-60, 4-60, 9-56). „Aber was die Forschung allgemein angeht, das ist eindeutig international auf Englisch. Sie würden jetzt, wenn sie eine Top-Idee haben – es gibt natürlich auch deutsche Zeitschriften – würde ich die trotzdem nicht auf Deutsch aufschreiben, sondern auf Englisch.“ (4-80) 68 Das spiegelt zwar auch den Sammelschwerpunkt der ZBW wider, ist aber nachvollziehbar, wenn man einen Blick auf die Publikationslisten auf den Homepages der Wissenschaftler:innen der VWL wirft. Sie veröffentlichen überwiegend in englischer und deutscher Sprache und nur mit wenigen Ausnahmen in weiteren Sprachen. Empirische Ergebnisse zum Publikationsverhalten in der VWL 138 „Und schon damals also [2001] da würde ich sagen war eigentlich der heutige Stand der Internationalisierung, was die Sprache angeht, eigentlich schon weitgehend abgeschlossen. [...] Also wo will man denn auf Deutsch veröffentlichen? Also damit kann man überhaupt nicht. Es ist... es geht einfach nicht.“ (11-52) „Auch aus dem internationalen Forschungsverbund heraus sich ergebend, dass viele Partner:innen auch einfach englischsprachig sind. Und da auch das Journal-Ranking noch einen höheren Wert hat.“ (1-60) Co-Autorenschaft Ein Trend im wissenschaftlichen Kommunikationssystem ist die steigende Anzahl der Co-Autor:innen. Über alle Publikationen ergibt sich für Verteilung der Co-Autorenschaft in der hier untersuchten Stichprobe folgendes Bild (Tabelle 20): der Anteil der Publikationen, die in Alleinautorenschaft veröffentlicht sind, beträgt 24,1 % – mit einer weiteren Person sind es 36 %. In 22,1 % der Fälle sind es zwei Co-Autor:innen. In 17,8 % der Fälle sind es drei und mehr CoAutor:innen, wobei die Anteile mit steigender Zahl der Co-Autor:innen immer geringer werden. Co-Autor:innen Publikationen Anteil in % 0 4.199 24,1 1 6.262 36,0 2 3.838 22,1 3 und mehr 3.098 17,8 Gesamt 17.397 100 Tabelle 20: Anzahl der Co-Autor:innen. Quelle: Eigene Berechnung auf Basis von EconBizund GND-Daten. Der Median über alle Publikationen dieser Stichprobe beträgt 1, das heißt, 50 % der Publikationen wurden ohne Co-Autor:in oder mit einer weiteren Person gemeinsam veröffentlicht und 50 % weisen eine:n oder mehr Co-Autor:innen auf (Tabelle 21). Das arithmetische Mittel liegt bei 1,7 Co-Autor:innen. Die maximale Anzahl von Co-Autor:innen in diesem Datensatz beträgt 37, wobei bis zu einer Zahl von 20 Co-Autor:innen regelmäßig Publikationen zu verzeichnen sind, über 20 finden sich in diesem Datensatz nur eine Publikation mit 23 Co-Autor:innen und eine mit 37 Co-Autor:innen. Empirische Ergebnisse zum Publikationsverhalten in der VWL 139 Variable Beobachtungen Median Arithmetisches Mittel Standardabweichung Minimum Maximum Co-Autor:innen 17.397 1 1,689 2,194 0 37 Tabelle 21: Lagemaße der Variable Co-Autor:innen. Quelle: Eigene Berechnung auf Basis von EconBizund GND-Daten. Tabelle 22 zeigt für die jüngeren Forschenden ein jeweils ähnliches Bild. 19,2 % (Postdocs) bzw. 16,2 % (jüngere Professor:innen) der Publikationen sind in Alleinautorenschaft veröffentlicht – und 34,5 % (Postdocs) bzw. 37,5 % (jüngere Professor:innen) gemeinsam mit einer weiteren Person. Bereits jeweils 46,4 % (Postdocs und jüngere Professor:innen) der Publikationen weisen zwei oder mehr Co-Autor:innen auf. Hier liegt der Anteil bei den älteren Professor:innen mit 31,3 % deutlich niedriger, was darauf hindeutet, dass die nachfolgende Generation von Forschenden in größeren Gruppen von Autor:innen veröffentlicht. Entsprechend liegt der Anteil der in Alleinautorenschaft veröffentlichten Publikationen bei den älteren Professor:innen mit 33,1 % am höchsten. Der Anteil der mit einer weiteren Person gemeinsam veröffentlichten Publikationen liegt bei den älteren Professor:innen mit 35,6 % gleichauf mit den anderen Gruppen. Co-Autor:innen Postdocs Prof _ jünger Prof _ älter Publikationen Anteil in % Publikationen Anteil in % Publikationen Anteil in % 0 808 19,2 930 16,2 2.461 33,1 1 1.455 34,5 2.161 37,5 2.646 35,6 2 916 21,7 1.529 26,6 1.393 18,8 3 und mehr 1.037 24,7 1.135 19,8 926 12,5 Gesamt 4.216 100 5.755 100 7.426 100 Tabelle 22: Publikationen nach Anzahl der Co-Autor:innen und Gruppen. Quelle: Eigene Berechnung auf Basis von EconBizund GND-Daten. Der Anteil der Publikationen, die in alleiniger Autorenschaft veröffentlicht sind, fällt mit fortlaufenden Jahren von 2003 bis 2020 immer geringer aus (Abbildung 11). Während die Anteile der Publikationen, die gemeinsam mit einer weiteren Person veröffentlicht sind, in den Jahren geringere Unterschiede aufweisen, liegt der Anteil der Publikationen mit zwei sowie insbesondere mit drei und mehr Co-Autor:innen in jüngeren Jahren höher. Empirische Ergebnisse zum Publikationsverhalten in der VWL 140 Abbildung 11: Anteile der Publikationen nach Anzahl der Co-Autor:innen je Jahr. Quelle: Eigene Berechnung auf Basis von EconBizund GND-Daten. In den Interviews bestätigen die Forschenden, dass sie wissenschaftliche Beiträge in der Regel gemeinsam mit ein bis zwei Co-Autor:innen veröffentlichen (1-4, 1-54, 1-96, 2-2, 11-54). Grundsätzlich wird ein Trend zu mehr Autor:innen je Veröffentlichung wahrgenommen und auch zu einer steigenden Zahl externer Kooperationen etwa im Rahmen großer (interdisziplinärer) DFGoder EU-Projekte (1-54, 5-83, 6-64, 7-74, 9-68, 10-72). Manche Beiträge veröffentlichen die Interviewten in alleiniger Autorenschaft – dies hänge etwa vom Thema, vom Umfang der Publikationen oder dem Publikationsformat ab (1-98, 1-100, 2-38, 2-58, 5-85, 664, 6-66, 8-94). Ein anderer Grund, alleine zu veröffentlichen, sei das Signaling, das von Alleinautorenschaft von Journal-Artikeln für die Karriere ausgehe, was insbesondere auch für Nachwuchsforschende relevant mit Blick auf die akademische Laufbahn sei (9-68, 10-68, 1072). Empirische Ergebnisse zum Publikationsverhalten in der VWL 141 „Aber bei vielen Artikeln ist es so, […] da sind dann immer drei, vier Namen abgedruckt, und früher war das eben ein oder zwei.“ (6-64) „Diese Listen so wie bei den Medizinern oder Naturwissenschaften.“ (5-83) „Ich habe ja vorhin gesagt mit diesem Signaling-Effekt gerade Leute, die im wissenschaftlichen Bereich mal eine Stelle als Professur bekommen wollen. Da ist dann immer die Alleinautorschaft doch ein wichtiges Kriterium noch im volkswirtschaftlichen Bereich.“ (9-68) Es gibt unterschiedliche Praktiken in Bezug auf die Frage, wer als Autor:in einer Veröffentlichung gilt und in welcher Reihenfolge die Autor:innen genannt werden. In den Interviews wird berichtet, dass eine gelebte Praxis, Professor:innen als Autor:innen zu nennen, unabhängig davon, ob sie tatsächlich zur Veröffentlichung beigetragen haben, nicht mehr vorkommt (1-54, 156, 5-36, 7-74). Für die wissenschaftliche Karriere könne es wichtig sein, prominente Co-Autor:innen zu haben. Auch lässt sich so etwas wie eine wechselseitige Co-Autorenschaft beobachten – etwa wenn der/die Co-Autor:in nur wenige Anmerkungen zur Publikation beiträgt oder wenn sich die Co-Autorenschaft auf die Zerlegung in einzelne Schritte des Forschungsprozesses wie Datenerhebung, Datenanalyse und Texterstellung zurückführen lässt (2-6, 4-20, 4-86, 5-85, 7-74). Bezüglich der Reihenfolge der Autor:innen auf der Publikation gibt es unterschiedliche Praktiken – so kann es vorkommen, dass ein/e Hauptautor:in vorangestellt wird (früher üblich: die Ordinarien), ansonsten ist die Reihenfolge meist alphabetisch, Abkürzungen mit et al. können für Autor:innen weiter hinten im Alphabet ungünstig sein (1-56, 1-58, 3-56). „Also ich sehe viele Kollegen, die sagen nee, also da sollen jetzt aber auch alle drauf, die auch nur einen kleineren Beitrag damit unterstützend geleistet haben und nicht nur die Hauptautoren.“ (7-74) „Nimmst du mich, nehme ich dich Huckepack. Das ist ja eine rationale Strategie. Ja, es ist so ein Trend, und das ist halt auch dem Publikationsdruck, den die Leute haben, geschuldet. Und insofern finde ich das jetzt auch nicht verwerflich, wenn die jungen Leute das machen. Es ist halt so.“ (5-85) „Ja, es gibt dann auch Grenzen. Also es gibt auch irgendwie geschenkte CoAutorenschaft, also, was ich nicht so gut finde. Aber das ist ja diese Spezialisierung. Ja, der eine macht den Datensatz, der andere schreibt das Papier, der Dritte hat das Experiment designed.“ (4-86) Empirische Ergebnisse zum Publikationsverhalten in der VWL 142 Ist das Zustandekommen von Co-Autorenschaften nicht durch Projekte initiiert (1-54, 5-83, 664, 7-74, 9-16, 9-68, 9-74, 10-72, 11-4), dann veröffentlichen die Befragten gemeinsam mit Kolleg:innen am eigenen Lehrstuhl oder Institut (1-54, 1-96, 3-4, 3-26, 3-68, 3-70, 4-84, 5-4, 8-96). Durch Jobwechsel ergeben sich neue Möglichkeiten der Zusammenarbeit (2-58, 3-6, 54, 5-55, 11-2). Wichtig sei der Austausch mit Kolleg:innen, um Publikationsideen weiterzuentwickeln und Rückmeldungen zu erhalten (1-6, 2-36, 2-38, 2-58, 5-2, 5-55, 7-18, 9-2, 11-14). Manchmal kommen auch Hinweise von Kolleg:innen auf Call for Papers oder Anfragen, sich an Publikationsideen zu beteiligen (2-2, 2-10, 2-20, 5-2, 5-55, 7-2, 8-10, 8-12). Konferenzen spielen für den Austausch eine zentrale Rolle, da hier Ideen entstehen und diskutiert werden (142, 1-84, 2-36, 2-38, 2-50, 2-56, 3-18, 3-34, 8-6, 8-8, 11-32). Insgesamt sei es auch wichtig, Konferenzen zu organisieren bzw. als Speaker eingeladen zu werden (2-36, 3-18, 8-6, 10-56, 10-66). Aus dem Austausch auf Konferenzen resultieren Netzwerke für gemeinsame Publikationen (2-2, 2-6, 2-36, 2-38, 4-84). „Und ja mit den Netzwerken bin ich in Kontakt. Und dann veröffentlichen wir was ab und an mal gemeinsam. Auch manchmal für die [Name]-Konferenz in Berlin. Dass wir da gucken, was ist so angesagt. Worüber geht es da? Und dann suchen wir uns ein Thema, was in die Richtung geht, was uns interessiert.“ (236) „Ich meine das klassische Instrument […] sind natürlich die Teilnahme an Konferenzen. Und das ist immer anregend. […] Sei das zum Beispiel jemand einem sagt, […] wollen Sie das so veröffentlichen? […] Also das ist, glaube ich, ganz wichtig, dass man aus dem eigenen engen Umfeld mal rauskommt und sich wo präsentiert und dann eben auch die Rückmeldungen bekommt.“ (3-18) Die Arbeit an Publikationen sei häufig durch Arbeitsteilung und Spezialisierung gekennzeichnet, wobei das gemeinsame Arbeiten an Veröffentlichungen in unterschiedliche Tätigkeiten aufgeteilt werden kann – etwa in Hinblick auf Datenerhebung, -aufbereitung, -analyse und Texterstellung – bei der Aufteilung können auch thematisch unterschiedliche Spezialisierungen sowie wechselseitiges Kommentieren eine Rolle spielen (2-36, 3-60, 3-26, 4-82, 6-26, 11-32). Wenn gemeinsam mit externen Kolleg:innen veröffentlicht wird, dann muss es fachlich passen (1-4, 2-38, 2-50, 3-8, 4-84, 7-4, 9-2). Auch gehe es darum, gemeinsam ein passendes Journal zu finden (5-2, 5-40, 11-14). Grundsätzlich sei es motivierend, gemeinsam mit anderen zu arbeiten – dafür spricht auch, dass Themen aufgegeben würden, weil Kolleg:innen es nicht mehr weiterverfolgen möchten (4-82, 5-55, 5-85, 9-42).