Freiraumwende: Vom Freiraum her denken, planen und handeln
Abstract
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Full text
Domhardt, Hans-Jörg et al. Research Report Freiraumwende: Vom Freiraum her denken, planen und handeln Positionspapier aus der ARL, No. 152 Provided in Cooperation with: ARL – Akademie für Raumentwicklung in der Leibniz-Gemeinschaft Suggested Citation: Domhardt, Hans-Jörg et al. (2025) : Freiraumwende: Vom Freiraum her denken, planen und handeln, Positionspapier aus der ARL, No. 152, Verlag der ARL - Akademie für Raumentwicklung in der Leibniz-Gemeinschaft, Hannover, https://doi.org/10.60683/0d74-gn32 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/311204 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/
FREIRAUMWENDE Vom Freiraum her denken, planen und handeln Positionspapier aus der ARL 152 AKADEMIE FŪR RAUMENTWICKLUNG IN DER LEIBNIZ-GEMEINSCHAFT
Hannover 2025 FREIRAUMWENDE Vom Freiraum her denken, planen und handeln Positionspapier aus der ARL 152 AKADEMIE FŪR RAUMENTWICKLUNG IN DER LEIBNIZ-GEMEINSCHAFT
In den Veröffentlichungen der ARL legen wir großen Wert auf eine faire, gendergerechte Sprache. Als Grundlage für einen gendersensiblen Sprachgebrauch dient der Leitfaden gendergerechte Sprache in der ARL. Geschäftsstelle der ARL: Dr. Barbara Warner, barbara.[email protected] Positionspapier aus der ARL 152 eISSN 1611-9983 Die PDF-Version ist unter https://www.arl-net.de/shop verfügbar (Open Access) CC_BY_SA 4.0 International Verlag der ARL – Hannover 2025 Sprachliches Lektorat: H. Wegner Formales Lektorat: N. Lungwitz Satz und Layout: G. Rojahn Zitierempfehlung: ARL – Akademie für Raumentwicklung in der Leibniz-Gemeinschaft (Hrsg.) (2025): Freiraumwende – Vom Freiraum her denken, planen und handeln. Hannover. = Positionspapier aus der ARL 152. https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:0156-01522 https://doi.org/10.60683/0d74-gn32 ARL – Akademie für Raumentwicklung in der Leibniz-Gemeinschaft Vahrenwalder Str. 247 30179 Hannover Tel. +49 511 34842-0 Fax +49 511 34842-41 [email protected] www.arl-net.de www.arl-international.com
Dieses Positionspapier wurde von den Mitgliedern des Arbeitskreises „Freiraumsicherung und -entwicklung in der räumlichen Planung“ der ARL – Akademie für Raumentwicklung in der Leibniz-Gemeinschaft erarbeitet: apl. Prof. Dr. Hans-Jörg Domhardt, Trippstadt, ehem. Technische Universität Kaiserslautern, (stellv. Leitung des AKs) Prof. Dr. Susan Grotefels, ZIR – Zentralinstitut für Raumplanung an der Universität Münster Jakob Hüppauff, Regierung von Oberbayern, München Prof. Dr. Christian Jacoby, Universität der Bundeswehr München (Leitung des AKs) Walter Kufeld, Regierung von Oberbayern, München (stellv. Leitung des AKs) Dr. Barbara Warner, ARL – Akademie für Raumentwicklung in der Leibniz-Gemeinschaft, Hannover
Executive Summary zum Positionspapier aus der ARL 152 „Freiraumwende“ Perspektivenwechsel in der räumlichen Planung – vom Freiraum her denken, planen und handeln (Freiraumwende) Freiraumsicherung und -entwicklung ist ein grundlegendes Zukunftsthema und erfährt weltweit im Kontext des Nachhaltigkeitsparadigmas große Resonanz in Wissenschaft, Planungspraxis und Politik. Die Sustainable Development Goals (SDGs) der UN nennen insbesondere mit Ziel Nr. 15 die Notwendigkeit, terrestrische Ökosysteme zu schützen und nachhaltig zu nutzen, wiederherzustellen und zu fördern. Mit der EU-Biodiversitätsstrategie für 2030 wird unter anderem das Ziel verfolgt, innerhalb der EU 30% der Landund Meeresflächen für den Schutz der Biodiversität zu sichern. Die EU-Verordnung 2024/1991 über die Wiederherstellung der Natur enthält differenzierte quantitative Vorgaben für die ökologische Aufwertung von geschützten Lebensräumen. Diese Ziele sind überfachlich für die landesweite und die regionale Ebene zu operationalisieren. Vor diesem Hintergrund ist es ein zentrales Anliegen der Raumwissenschaften und der Planungspraxis, Freiraumsicherung und -entwicklung in der gesamten räumlichen Planung deutlich stärker zu etablieren, denn Freiraum kann nicht länger als „Restkategorie“ begriffen und behandelt werden. Impulse für die Raumentwicklung gehen noch immer in erster Linie von Flächenforderungen für die Siedlungsund Infrastrukturentwicklung aus – zulasten der Freiräume. Auch innerhalb von Freiräumen sind tiefgreifende Raumnutzungsänderungen im Zuge der Energiewende, des Klimaund Naturschutzes einschließlich der Kompensationsmaßnahmen bereits zu beobachten und zukünftig verstärkt zu erwarten. Zugleich mangelt es größtenteils an einem empirisch fundierten, strategisch vorsorgenden und überfachlich koordinierten Freiraumschutz mit hoher politischer Gewichtung und rechtlicher Verbindlichkeit. Um diesem offenkundigen Defizit entgegenzuwirken, hat der ARL-Arbeitskreis „Freiraumsicherung und -entwicklung in der räumlichen Planung“ zentrale Thesen und Forderungen formuliert, die u.a. einen Perspektivenwechsel – „vom Freiraum her denken, planen und handeln“ – in der überörtlichen und örtlichen räumlichen Planung forcieren wollen. Die freiraumbezogenen Vorschriften des Planungsrechts sind vor dem Hintergrund drängender räumlicher Herausforderungen zu unspezifisch und wenig zielgenau. Die im Jahr 2024 vorgelegten Entwürfe zur Änderung des Raumordnungsgesetzes und des Baugesetzbuches weisen mit Ansätzen zur Multifunktionalität und Mehrfachnutzung von Freiräumen sowie der flächensparenden und freiraumschonenden dreifachen Innenentwicklung zwar in die richtige Richtung. Die Förderung von Freiraumschutz und -entwicklung wird allerdings z.B. durch die vorgesehenen erweiterten Abweichungsmöglichkeiten in den Vorschriften über die bauplanungsrechtliche Zulässigkeit (§31 Abs. 3 und §34 Abs. 3 a BauGB-E) und den sog. „BauTurbo“ (§246 e BauGB-E) zugunsten des Wohnungsbaus erheblich infrage gestellt. Insgesamt muss es das Ziel sein, den Freiraum innerhalb und außerhalb von Siedlungsgebieten als eigenständige Raumkategorie stärker in den Vordergrund zu rücken und insbesondere die im Freiraum wirkende grün-blaue Infrastruktur für eine nachhaltige Raumentwicklung proaktiv und überfachlich zu etablieren. Eine substanziell verbesserte Freiraumsicherung und -entwicklung in der räumlichen Planung bedarf eines strategischen Aktionsprogramms (Freiraumoffensive). Die Belange des Freiraums sind mit Blick auf den Stellenwert für die Gesellschaft und deren Resilienz neu einzuordnen und zu bewerten sowie ihre fachlichen und rechtlichen Grundlagen weiter auszubauen. In diesem Sinne wird vom Arbeitskreis eine Freiraumwende auf allen Ebenen der räumlichen Planung postuliert. https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:0156-01522 https://doi.org/10.60683/0d74-gn32
152 _ FREIRAUMWENDE 1 FREIRAUMWENDE Vom Freiraum her denken, planen und handeln Gliederung 1 Ausgangslage und Problemstellung 2 Freiraumschutz geht alle an – Erfordernisse für eine Freiraumwende! 3 Was soll sich ändern? – Thesen und Forderungen zur zukünftigen Freiraumsicherung und -entwicklung 4 Fazit Literatur Kurzfassung Freiraumsicherung und -entwicklung erfährt als ein grundlegendes Zukunftsthema große Resonanz in Wissenschaft, Planungspraxis und Politik. Zentrales Anliegen der Raumwissenschaften und der Planungspraxis ist es, Freiraumsicherung und -entwicklung deutlich stärker als eigenständige Aufgabe der Raumentwicklung (räumlichen Gesamtplanung) zu etablieren. Hierfür ist ein empirisch fundierter, strategisch vorsorgender und überfachlich koordinierter Freiraumschutz mit hoher politischer Gewichtung und rechtlicher Verbindlichkeit notwendig, denn Impulse für die Raumentwicklung gehen noch immer in erster Linie von freiraumbeanspruchenden Flächenforderungen für die Siedlungsund Infrastrukturentwicklung aus. Das Positionspapier nennt zentrale Thesen und Forderungen, die einen grundlegenden Perspektivenwechsel in der räumlichen Planung forcieren. Ziel muss es sein, „vom Freiraum her zu denken, zu planen und zu handeln“ und damit den Freiraum innerhalb und außerhalb von Siedlungsgebieten als eigenständige Raumkategorie stärker hervorzuheben, ihn neu einzuordnen und zu bewerten. In diesem Sinne wird eine „Freiraumwende“ auf allen Ebenen der räumlichen Planung gefordert. Schlüsselwörter Freiraumsicherung – Freiraumentwicklung – Perspektivenwechsel –Flächenanforderungen – Freiraumwende Open space turnaround – Thinking, planning and acting from an open space perspective Abstract The preservation and development of open spaces is a fundamental subject for future research, planning practice and politics. The key objective of spatial science and planning practice is to establish the protection and development of open spaces much more strongly as an independent task of spatial development (“overall spatial planning”). This requires empirically based, strategically preventive and interdisciplinary coordinated protection of open space with a high political weighting and legally binding nature, as the driving force for spatial development still comes primarily from land demands for settlement and infrastructure development requiring open space. The position paper sets out key theses and demands that call for a fundamental change of perspective in spatial planning. The aim must be to “think, plan and act from the perspective of open space” and to emphasize open space inside and outside settlement areas more strongly as an independent spatial category, to categorize and value it anew. In this sense, an “open space turnaround” is required at all levels of spatial planning.
152 _ FREIRAUMWENDE2 Keywords Open space protection – open space development – change of perspective – change in perspective – open space turnaround 1 Ausgangslage und Problemstellung Freiräume sind für eine nachhaltige Raumentwicklung von wesentlicher Bedeutung. Durch die gesellschaftlichen Umbrüche und raumstrukturellen Veränderungsprozesse in den letzten Jahrzehnten (demografischer Wandel, Stadtumbau sowie Klimawandel und die damit zusammenhängende Energieund Mobilitätswende) rücken die Potenziale von Freiräumen auf kommunaler sowie regionaler Ebene in den Fokus der raumplanerischen Diskussion. Freiraumschutz und -planung avancieren zu zentralen Herausforderungen einer am Paradigma der Nachhaltigkeit und Resilienz ausgerichteten räumlichen Planung. Viel zu oft wird Freiraum als „Verfügungsmasse“ zur Realisierung von Raumansprüchen für Siedlungsund Infrastrukturentwicklung angesehen und somit als noch verfügbarer „freier“ Raum und als „Restkategorie“ wahrgenommen. Zukünftig ist Freiraum als eigenständige, querschnittsorientierte Raumkategorie zu verstehen und zu behandeln! Bereits seit den 1980er Jahren gilt die raumund umweltplanerische Maxime, dass Boden respektive Fläche als nicht-vermehrbare Lebensgrundlage und Träger wesentlicher Freiraumfunktionen und -nutzungen grundsätzlich zu schützen ist. So fordert das Baugesetzbuch mit der Bodenschutzklausel den sparsamen Umgang mit Grund und Boden (§1a Abs. 2 BauGB). Das Raumordnungsgesetz bezieht sich in §2 Abs. 2 Nr. 6 auf weitere überörtlich begründete Maßnahmen zum Schutz von Boden, Fläche und Freiraum. Beide Gesetze weisen auf grundlegende Strategien zur Reduzierung der Flächenneuinanspruchnahme für Siedlungsund Verkehrszwecke und gleichzeitig zur Sicherung des Freiraums hin. Zudem enthält auch das Umweltrecht, insbesondere das Bodenschutzund Naturschutzrecht, weitere wesentliche Vorgaben zum Boden-, Flächenund Freiraumschutz. Mit der Nachhaltigkeitsstrategie der Bundesregierung kommt das quantitative Ziel hinzu, die zusätzliche Inanspruchnahme von Flächen für bauliche Nutzungen bis 2030 auf weniger als 30ha pro Tag zu verringern und bis 2050 eine Flächenkreislaufwirtschaft mit einem Netto-Null-Flächenverbrauch zu realisieren (Die Bundesregierung 2021). Eine Wiedernutzbarmachung von brachgefallenen bebauten Flächen, Nachverdichtungen sowie andere Maßnahmen der Innenentwicklung sollen es den Kommunen ermöglichen, insbesondere die Schutzgüter Boden und Fläche sparsam in Anspruch zu nehmen und damit der Innenentwicklung einen Vorrang vor der Außenentwicklung einzuräumen (SRU 2018). Gleichzeitig trägt eine gezielte Sicherung und Entwicklung der Freiraumstruktur zu einer nachhaltigen Raumentwicklung bei. Dies gilt nicht nur für urbane Räume mit hohem Druck auf den Wohnungsmarkt. Auch in ländlichen bzw. zentrumsfernen Teilregionen ist vielfach eine erhebliche Inanspruchnahme bzw. Nutzungsänderung von Freiräumen zu verzeichnen. Die Freiraumsicherung und -entwicklung ist somit ein grundlegendes Thema und wichtiges Ziel, welches mehr denn je große Resonanz in Wissenschaft, Planung und Politik erfährt (u.a. ARL 2018; BBSR 2018; Behnisch/Kretschmer/Meinel 2018). Eine besondere Bedeutung hat Freiraumsicherung und -entwicklung einerseits für die Umsetzung der EU-Biodiversitätsstrategie für 2023 und der EU-Verordnung über die Wiederherstellung der Natur, andererseits für den (natürlichen) Klimaschutz (BMUV 2023) und die Anpassung an den sich immer deutlicher zeigenden Klimawandel (Schauser/Sobisch/Einig et al. 2022; UBA KomPass 2022). Der Freiraum gerät aber selbst zugleich durch klimatische Veränderungen verstärkt unter
152 _ FREIRAUMWENDE 9 überlagernden, umweltbezogenen Funktionen von Freiräumen, verstärkt zu berücksichtigen. Zur Bewertung der Auswirkungen von Plänen, Programmen und Projekten auf das Umweltschutzgut Fläche sind neben Vorgaben zu Flächenkontingenten vor allem auch Festlegungen und Zielvorstellungen der Raumund Umweltplanung in Bezug auf den multifunktional begründeten Freiraumschutz heranzuziehen. In Ergänzung verbindlicher freiraumbezogener Festlegungen in Raumordnungsund Bauleitplänen sollten in überörtlichen und örtlichen Freiraumentwicklungskonzepten konkrete Ziele zur Freiraumsicherung und -entwicklung aufgestellt werden, welche als weitergehende Bewertungsmaßstäbe für die Umweltprüfung in Bezug auf das Schutzgut Fläche heranzuziehen sind. Umweltprüfungen können damit einen verstärkten Beitrag zum Freiraumschutz leisten. 12. Kommunale Freiraumentwicklungskonzepte für eine nachhaltige Stadtentwicklung konsequent umsetzen! Freiraumentwicklungskonzepte widmen sich den Funktionen von Freiräumen im städtischen Kontext, der Verbesserung der Durchgrünung des Siedlungsbestandes sowie der Grünraumversorgung der Wohnbevölkerung. Sie sollten eine ausdrückliche Erwähnung in den bauleitplanerischen Abwägungsbelangen des §1 Abs. 6 Nr. 11 BauGB finden und die Verbindung zu übergeordneten Plänen der raumbedeutsamen Fachplanung und zur Raumordnung herstellen. 13. Bauleitplanung für Freiraumsicherung und -entwicklung stärker nutzen! In den Flächennutzungsund Bebauungsplänen muss von den vielfältigen Darstellungsund Festsetzungsmöglichkeiten der §§5 und 9 BauGB im Sinne von Freiraumschutz und -entwicklung offensiver Gebrauch gemacht werden. Die Bodenschutzklausel (§1 Abs.2 BauGB) impliziert darüber hinaus zumindest eine gesteigerte Begründungspflicht für die Bauleitpläne. Weitergehende Handlungserfordernisse Obwohl die Aufgabe der Freiraumsicherung und -entwicklung in erster Linie in den Plänen und Programmen der räumlichen Planung aufgegriffen und mit verschiedenen Konzepten und Instrumenten unterlegt wird, können diese Ansätze häufig nicht in ausreichendem Maße die Ursachen für Freiraumverluste und -beeinträchtigungen beeinflussen. Es ist deshalb erforderlich, darüber hinaus auch andere Politikfelder zu adressieren. Hierzu werden einzelne Vorschläge formuliert. 14. Freiraumplanung als Querschnittsaufgabe auf allen Planungsebenen umsetzen! Damit die Freiraumplanung als Querschnittsaufgabe auf allen Planungsebenen wahrgenommen wird, ist eine aktive Vernetzung und neue Art der überfachlichen Zusammenarbeit der freiraumrelevanten Akteure erforderlich. Hierfür sind auf Bundes-, Landesund Regionsebene entsprechende Strukturen und Instrumente zu schaffen und durch dauerhafte Kommunikationsarbeit und -formate in den Regionen und Kommunen zu verstetigen. Formelle und informelle Arten der interkommunalen und ressortübergreifenden Zusammenarbeit (u.a. direkt gewählte regionale Verbandsversammlungen) können in diesem Sinne dem Schutz und der Entwicklung des Freiraums und dem Einklang unterschiedlicher Interessen dienen. Ein bundesweites Aktionsprogramm für die Freiraumsicherung und -entwicklung in der räumlichen Planung ist hierfür zielführend. 15. Landesund regionalplanerische Festlegungen mit Förderprogrammen und Finanzierungsinstrumenten verknüpfen! Freiraumbezogene Vorrang-/Vorbehaltsausweisungen in Landesund Regionalplänen sind als Grundlage finanzieller Zuwendungen über den kommunalen Finanzausgleich heranzuziehen. Durch diese finanzielle Inwertsetzung der Ausweisungen zur Sicherung und Entwicklung von Freiraumfunktionen, -leistungen und -nutzungen erfahren die gemeinwohlorientierten Flächensicherungen eine höhere Akzeptanz durch die Gemeinden.
152 _ FREIRAUMWENDE10 16. Siedlungsentwicklung noch stärker am Bestand ausrichten! Bestehende Wohngebiete, insbesondere aber auch Gewerbebiete, bieten umfassende Potenziale für eine bauliche Nachverdichtung durch Aufstockungen oder Anbauten. Dabei ist gleichzeitig die Qualifizierung von Freiraumqualitäten in diesen Bereichen (freiraumorientierte Innenentwicklung) in den Fokus zu nehmen. 17. Innenentwicklung muss sich für Kommunen lohnen! Damit sich die Innenentwicklung für die Kommunen auch lohnt, müssen sich übergeordnete Rahmenbedingungen ändern. Ohne gesetzgeberische Anpassungen, wie beispielsweise die Implementierung eines Flächenzertifikatehandels in Verbindung mit einer Flächenkontingentierung und die regionale Baulandausweisungsumlage oder andere Anreizsysteme, bleibt die aufwendigere Innenentwicklung im Vergleich zur Neuausweisung auf der grünen Wiese weiterhin benachteiligt. 18. Hochschulausbildung auf neue Anforderungen der querschnittsorientierten Freiraumsicherung und -entwicklung ausrichten! Das weiterentwickelte Verständnis der Aufgabe Freiraumsicherung und -entwicklung in der räumlichen Planung mit all ihren methodischen, instrumentellen und strategischen sowie koordinativen Aspekten muss sich auch in den Curricula der entsprechenden Hochschulausbildungen widerspiegeln. 4 Fazit Freiraumschutz geht alle an! „Vom Freiraum her denken, handeln und umsetzen“ bedeutet, dass viele Akteure auf den unterschiedlichen Planungsund Entscheidungsebenen zusammenwirken müssen, um räumliche Konkurrenzen zu vermeiden und räumliche Synergien zu ermöglichen. Dabei ist die Freiraumwende als Prozess zu verstehen, der verstärkt die qualitativen und überfachlichen Aspekte und Notwendigkeiten der Freiraumsicherung und -entwicklung ins Zentrum planerischen Handelns rückt. Zur Umsetzung der Freiraumwende als wesentlicher Baustein einer nachhaltigen Raumentwicklung sind insbesondere die rechtlichen und strategischen Vorgaben weiter zu schärfen und vor allem im Rahmen eines Aktionsprogramms („Freiraumoffensive“) verbesserte Anreizund Förderinstrumente für eine intelligente, nachhaltige Freiraumsicherung und -entwicklung zum Einsatz zu bringen. Hierzu ist nicht zuletzt auch das Bewusstsein in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft für den Wert von Freiraumfunktionen und -nutzungen gerade auch im Hinblick auf eine widerstandsfähige grün-blaue Infrastruktur deutlich zu stärken. Unter diesen Rahmenbedingungen kann die überfachliche Freiraumsicherung und -entwicklung zur Planungssicherheit für Wirtschaft und Gesellschaft beitragen und deren Resilienz erhöhen. Literatur ARL – Akademie für Raumforschung und Landesplanung (Hrsg.) (2018): Begrenzung der Flächenneuinanspruchnahme in Bayern. Hannover. = Positionspapier aus der ARL 111. ARL – Akademie für Raumentwicklung in der Leibniz-Gemeinschaft (Hrsg.) (2024): Perspektive netto-null Flächenverbrauch. Innenentwicklung, flächensparendes Bauen, Flächenrückgabe und städtebauliche Qualifizierung als Elemente einer Flächenkreislaufwirtschaft. Hannover. = Positionspapier aus der ARL 149. BBSR – Bundesinstitut für Bau-, Stadtund Raumforschung (Hrsg.) (2018): Raumordnungsbericht 2017. Finale Fassung. Bonn. Behnisch, M.; Kretschmer, O.; Meinel, G. (Hrsg.) (2018): Flächeninanspruchnahme in Deutschland. Auf dem Wege zu einem besseren Verständnis der Siedlungsund Verkehrsflächenentwicklung. Heidelberg. BMUV – Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz (Hrsg.) (2023): Aktionsprogramm Natürlicher Klimaschutz. Berlin. https://www.bmuv.de/natuerlicher-klimaschutz#c66493 (06.02.2025). Die Bundesregierung (Hrsg.) (2021): Deutsche Nachhaltigkeitsstrategie. Weiterentwicklung 2021. Berlin. EU Kom – Europäische Kommission (Hrsg.) (2014): Eine Grüne Infrastruktur für Europa. Luxembourg. http://ec.europa.eu/environment/nature/ecosystems/docs/GI-Brochure-210x210-DE-web.pdf (06.02.2025).
152 _ FREIRAUMWENDE 11 Harteisen, U.; Kaether, J.; Kufeld, W.; Malburg-Graf, B. (2021): Instrumente, Modelle und Planungsprozesse zur Steuerung und Gestaltung einer nachhaltigen Raumentwicklung am Beispiel ausgewählter Handlungsfelder. In: Hofmeister, S.; Warner, B.; Ott, Z. (Hrsg.): Nachhaltige Raumentwicklung für die große Transformation – Herausforderungen, Barrieren und Perspektiven für Raumwissenschaften und Raumplanung. Hannover, 76-124. = Forschungsberichte der ARL 15. Osterburg, B.; Ackermann, A.; Böhm, J.; Bösch, M.; Dauber, J.; Witte, T. de; Elsasser, P.; Erasmi, S.; Gocht, A.; Hansen, H.; Heidecke, C.; Klimek, S.; Krämer, C.; Kuhnert, H.; Moldovan, A.; Nieberg, H.; Pahmeyer, C.; Plaas, E.; Rock, J.; Röder, N.; Söder, M.; Tetteh, G.; Tiemeyer, B.; Tietz, A.; Wegmann, J.; Zinnbauer, M. (2023): Flächennutzung und Flächennutzungsansprüche in Deutschland. Braunschweig. = Thünen Working Paper 224. https://www.thuenen.de/media/publikationen/thuenen-workingpaper/ThuenenWorkingPaper_224.pdf (05.02.2025). Schauser, I.; Sobisch, M.; Einig, K.; Renner, K. (2022): 2050: Deutschland im Klimawandel. Räumliche Auswirkungen auf regionaler Ebene. In: Informationen zur Raumentwicklung (49) 3, 80-95. SRU – Rat von Sachverständigen für Umweltfragen (Hrsg.) (2018): Wohnungsneubau langfristig denken – Für mehr Umweltschutz und Lebensqualität in den Städten. Stellungnahme. November 2018. Berlin. https://www.umweltrat.de/SharedDocs/Downloads/DE/04_Stellungnahmen/2016_2020/2018_11_Stellungnahme_ Wohnungsneubau.pdf?__blob=publicationFile&v=19 (06.02.2025). UBA KomPass – Umweltbundesamt, Kompetenzzentrum Klimafolgen und Anpassung (Hrsg.) (2022): Empfehlungspapier – Klimaanpassung auf kommunaler und regionaler Ebene stärken. o.O. https://www.umweltbundesamt.de/sites/default/files/medien/11850/publikationen/48_2024_cc_kommunale_ klimaanpassung.pdf (06.02.2025).
Aktuelle Positionspapiere aus der ARL Nr. 152 Freiraumwende – Vom Freiraum her denken, planen und handeln. Positionspapier von den Mitgliedern des Arbeitskreises „Freiraumsicherung und -entwicklung in der räumlichen Planung“ der ARL. Hannover, 2025. https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:0156-01522 https://doi.org/10.60683/0d74-gn32 151 Künstliche Intelligenz in der Raumentwicklung – Impulse für die Praxis und Forschung. Positionspapier von den Mitgliedern des Arbeitskreises „Künstliche Intelligenz in der Raumentwicklung“ der ARL. Hannover, 2024. https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:0156-01518 https://doi.org/10.60683/wtz8-1j26 150 Gleichwertige Lebensverhältnisse implementieren – Empfehlungen für die Raumordnung der drei mitteldeutschen Länder Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Dieses Positionspapier enthält Ergebnisse und Empfehlungen der Arbeitsgruppe „Implementierung gleichwertiger Lebensverhältnisse durch Raumordnung“ (IGLRO) der Landesarbeitsgemeinschaft Sachsen/Sachsen-Anhalt/Thüringen der ARL. Hannover, 2024. https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:0156-01504 https://doi.org/10.60683/vz6n-1r45 149 Perspektive netto-null Flächenverbrauch – Innenentwicklung, flächensparendes Bauen, Flächenrückgabe und städtebauliche Qualifizierung als Elemente einer Flächenkreislaufwirtschaft. Dieses Positionspapier enthält Ergebnisse und Empfehlungen der Arbeitsgruppe „Perspektive netto-null Flächenverbrauch“ der Landesarbeitsgemeinschaft Nordrhein-Westfalen der ARL. Hannover, 2024. https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:0156-01492 https://doi.org/10.60683/4dgk-pp55 148 Große Transformation und nachhaltige Raumentwicklung machen: Impulse zur Umsetzung in der regionalen und kommunalen Praxis. Positionspapier von den Mitgliedern der Arbeitsgruppe „Große Transformation und nachhaltige Raumentwicklung machen: Impulse zur Umsetzung in der regionalen und kommunalen Praxis“ der Landesarbeitsgemeinschaften Baden-Württemberg und Bayern der ARL. Hannover, 2024. https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:0156-01489 https://doi.org/10.60683/66zc-c156 147 Urbane Produktion fördern und bewahren. Positionspapier der Arbeitsgemeinschaft „Urbane Produktion" der Landesarbeitsgemeinschaft Nordrhein-Westfalen der ARL. Hannover, 2024. https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:0156-01474 146 Die Reaktivierung von Schienenstrecken als Strategie der integrierten Raumentwicklung – Chancen nutzen und Hemmnisse überwinden. Positionspapier des Arbeitskreises „Reaktivierung von Schienenstrecken als Instrument einer integrierten Raumentwicklung“ der ARL. Hannover, 2024. https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:0156-01466 145 Neue Planungsgrundlagen für erneuerbare Energien – Herausforderungen und Lösungsvorschläge. Positionspapier des Ad-hoc-Arbeitskreises „Windenergie an Land“ der ARL. Hannover, 2024. https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:0156-01458
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