"Eingliederung von Langzeitarbeitslosen" im SGB II: Effekte auf soziale Teilhabe bestehen über das Förderende hinaus
Abstract
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Full text
Schiele, Maximilian Research Report "Eingliederung von Langzeitarbeitslosen" im SGB II: Effekte auf soziale Teilhabe bestehen über das Förderende hinaus IAB-Forschungsbericht, No. 7/2025 Provided in Cooperation with: Institute for Employment Research (IAB) Suggested Citation: Schiele, Maximilian (2025) : "Eingliederung von Langzeitarbeitslosen" im SGB II: Effekte auf soziale Teilhabe bestehen über das Förderende hinaus, IAB-Forschungsbericht, No. 7/2025, Institut für Arbeitsmarktund Berufsforschung (IAB), Nürnberg, https://doi.org/10.48720/IAB.FB.2507 This Version is available at: https://hdl.handle.net/10419/319485 Standard-Nutzungsbedingungen: Die Dokumente auf EconStor dürfen zu eigenen wissenschaftlichen Zwecken und zum Privatgebrauch gespeichert und kopiert werden. Sie dürfen die Dokumente nicht für öffentliche oder kommerzielle Zwecke vervielfältigen, öffentlich ausstellen, öffentlich zugänglich machen, vertreiben oder anderweitig nutzen. Sofern die Verfasser die Dokumente unter Open-Content-Lizenzen (insbesondere CC-Lizenzen) zur Verfügung gestellt haben sollten, gelten abweichend von diesen Nutzungsbedingungen die in der dort genannten Lizenz gewährten Nutzungsrechte. Terms of use: Documents in EconStor may be saved and copied for your personal and scholarly purposes. You are not to copy documents for public or commercial purposes, to exhibit the documents publicly, to make them publicly available on the internet, or to distribute or otherwise use the documents in public. If the documents have been made available under an Open Content Licence (especially Creative Commons Licences), you may exercise further usage rights as specified in the indicated licence. https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.de
IAB-FORSCHUNGSBERICHT Aktuelle Ergebnisse aus der Projektarbeit des Instituts für Arbeitsmarktund Berufsforschung 7|2025 „Eingliederung von Langzeitarbeitslosen“ im SGB II: Effekte auf soziale Teilhabe bestehen über das Förderende hinaus Maximilian Schiele ISSN 2195-2655
„Eingliederung von Langzeitarbeitslosen“ im SGB II: Effekte auf soziale Teilhabe bestehen über das Förderende hinaus Maximilian Schiele (Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung) In der Reihe IAB-Forschungsberichte werden empirische Analysen und Projektberichte größeren Umfangs, vielfach mit stark datenund methodenbezogenen Inhalten, publiziert. The IAB Research Reports (IAB-Forschungsberichte) series publishes larger-scale empirical analyses and project reports, often with heavily dataand method-related content.
IAB-Forschungsbericht 7|2025 3 In aller Kürze • Das Instrument "Eingliederung von Langzeitarbeitslosen" (EvL § 16e SGB II) zielt darauf ab, Langzeitarbeitslosen eine nachhaltige Verbesserung ihrer sozialen Teilhabe durch Integration in sozialversicherungspflichtige Arbeitsverhältnisse zu ermöglichen. Ob eine solche Wirkung erzielt wird, ist der Untersuchungsgegenstand dieses Berichts. • Arbeitgeber, die erwerbsfähige Leistungsberechtigte aus dem Rechtskreis des SGB II mit einer Arbeitslosigkeitsdauer von mindestens zwei Jahren einstellen, erhalten im ersten Jahr 75 Prozent und im zweiten Jahr 50 Prozent der Lohnkosten erstattet. Dabei muss es sich um eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung zum Tarifoder Mindestlohn handeln. Ein Job-Coach unterstützt die Geförderten während der Beschäftigung. • Die Wirkungsanalyse basiert auf den ersten drei Wellen der Panelstudie "Lebensqualität und Teilhabe" (2020-2023) sowie auf administrativen Daten. Um die Effekte der Förderung auf die soziale Teilhabe zu schätzen, werden statistische Matchingverfahren eingesetzt. • Die Teilnahme hat auch rund ein Jahr nach Förderende noch einen signifikant positiven Effekt auf die wahrgenommene soziale Teilhabe der Geförderten. Die Effekte ein Jahr nach Förderende betragen rund 62 Prozent der Effekte im ersten Förderjahr. • Ältere Geförderte profitieren rund ein Jahr nach regulärem Förderende signifikant mehr von der Förderung als jüngere. • Eine nachhaltige Verbesserung der empfundenen sozialen Teilhabe über das Förderende hinaus steht in engem Zusammenhang mit einer erfolgreichen Integration in ungeförderte Beschäftigung. Dieser Zusammenhang ist bei männlichen Teilnehmern besonders ausgeprägt.
IAB-Forschungsbericht 7|2025 4 Inhalt In aller Kürze ............................................................................................................................ 3 Inhalt ........................................................................................................................................ 4 Zusammenfassung ................................................................................................................... 5 Summary .................................................................................................................................. 6 1 Einleitung ........................................................................................................................... 8 2 Daten und Methoden .......................................................................................................... 8 3 Wer wird gefördert? .......................................................................................................... 10 4 Positive Effekte von Maßnahmenteilnahme überdauern Förderende ............................... 11 5 Ältere Maßnahmenteilnehmende profitieren langfristig besonders stark ......................... 12 6 Positive Effekte der Förderung stehen im Zusammenhang mit einer verbesserten Beschäftigungssituation ................................................................................................... 14 7 Fazit ................................................................................................................................. 17 Literatur ................................................................................................................................. 18 Abbildungsverzeichnis ............................................................................................................ 20 Tabellenverzeichnis ................................................................................................................ 20
IAB-Forschungsbericht 7|2025 5 Zusammenfassung Der Forschungsbericht analysiert die Auswirkungen der Teilnahme an der Maßnahme „Eingliederung von Langzeitarbeitslosen“ (EvL) (§ 16e SGB II) auf die soziale Teilhabe. Die Maßnahme richtet sich an erwerbsfähige Leistungsberechtigte, die mindestens zwei Jahre lang arbeitslos sind und Leistungen nach dem Sozialgesetzbuch II (SGB II) beziehen. Ziel der Maßnahme ist es, die soziale Teilhabe von Langzeitarbeitslosen durch die Integration in sozialversicherungspflichtige Beschäftigung nachhaltig zu verbessern. Arbeitgeber, die langzeitarbeitslose SGB-II-Beziehende einstellen, erhalten im ersten Jahr 75 Prozent und im zweiten Jahr 50 Prozent der Lohnkosten erstattet. Die Entlohnung muss dabei mindestens dem gesetzlichen Mindestlohn oder dem jeweiligen Tariflohn entsprechen. Darüber hinaus sieht die Förderung vor, dass die Teilnehmenden während der gesamten Beschäftigungsdauer durch einen Job-Coach unterstützt werden, der sie begleitet und bei der Stabilisierung der beruflichen und persönlichen Situation helfen soll. Nach Ablauf der staatlichen Fördermaßnahme gibt es seitens des Arbeitgebers keine Verpflichtung, die Betroffenen weiterzubeschäftigen. Die Analyse stützt sich auf Daten aus den ersten drei Wellen der Panelstudie „Lebensqualität und Teilhabe“ (2020 bis 2023). Die soziale Teilhabe der Teilnehmenden wurde anhand von vier Dimensionen erfasst: Lebenszufriedenheit, Zufriedenheit mit der Gesundheit, Zufriedenheit mit dem Lebensstandard und dem allgemeinen Gefühl der gesellschaftlichen Zugehörigkeit. Um den Einfluss der Teilnahme an der Maßnahme auf die soziale Teilhabe der Geförderten zu ermitteln, kamen Matching-Methoden zum Einsatz. Die Geförderten wurden mit einer vergleichbaren Kontrollgruppe – sogenannten statistischen Zwillingen –, die nicht an der Maßnahme teilgenommen haben, verglichen. Der Effekt der Maßnahme wurde anschließend anhand der Unterschiede in den vier Dimensionen der sozialen Teilhabe zwischen den Teilnehmenden und der Kontrollgruppe geschätzt. Im Durchschnitt sind die Teilnehmenden zu Beginn der Förderung 47 Jahre alt. Etwa 61 Prozent von ihnen sind Männer. Ein Großteil der Geförderten lebt allein: Rund 65 Prozent sind Singles ohne Partner oder Kinder im Haushalt. Zudem haben knapp 40 Prozent schwerwiegende gesundheitliche Vorerkrankungen. Vor Beginn der Förderung haben die Teilnehmenden im Durchschnitt weniger als die Hälfte der letzten fünf Jahre gearbeitet, was ihre schwierige Ausgangslage am Arbeitsmarkt verdeutlicht. Es zeigt sich ein positiver Effekt der Teilnahme auf alle vier Dimensionen der sozialen Teilhabe. Diese Effekte sind nicht nur während der Förderphase signifikant, sondern auch noch ein Jahr nach regulärem Förderende. Etwa 63 Prozent der positiven Effekte, die zu Beginn der Förderung ermittelt wurden, bleiben auch rund ein Jahr nach dem regulären Ende der Maßnahme bestehen. Alle untersuchten Subgruppen, unabhängig von Alter, Geschlecht, Gesundheitsstatus oder Region, profitierten von der Teilnahme an der Maßnahme. Des Weiteren zeigt sich, dass Personen ab 50 Jahren etwa ein Jahr nach regulärem Förderende signifikant stärker von der Förderung im Hinblick auf ihre soziale Teilhabe profitieren als jüngere Personen. Eine nachhaltige Verbesserung der sozialen Teilhabe ist dabei eng mit einer erfolgreichen Integration in den Arbeitsmarkt verknüpft. Die Analysen zeigen einen starken Zusammenhang zwischen den Beschäftigungseffekten und den Effekten auf die soziale Teilhabe: Je mehr
IAB-Forschungsbericht 7|2025 6 Geförderte auch nach regulärem Förderende in Beschäftigung bleiben, desto stabiler bleiben die positiven Effekte auf ihre soziale Teilhabe. Dieser Zusammenhang ist bei männlichen Förderteilnehmern besonders ausgeprägt. Die Ergebnisse unterstreichen, dass eine dauerhafte Integration in den Arbeitsmarkt entscheidend ist, um die positiven Effekte der Maßnahme auf die soziale Teilhabe langfristig zu sichern. Zusammenfassend zeigt die Untersuchung, dass das Instrument EvL nicht nur kurzfristig die soziale Teilhabe verbessert, sondern auch mittelund langfristig positive Effekte hat. Diese nachhaltigen Erfolge sind maßgeblich auf eine relativ erfolgreiche nachhaltige Integration der Teilnehmenden in den Arbeitsmarkt zurückzuführen. Summary The research report analyzes the effects of participation in the measure "Integration of the LongTerm Unemployed" (EvL) (Article 16e Social Code II) on social participation. The EvL policy is aimed at employable welfare recipients who have been unemployed for at least two years. The aim of the measure is to enable long-term unemployed people to sustainably improve their social participation by integrating them into employment subject to social insurance contributions. Employers who take on long-term unemployed SGB II recipients are reimbursed 75 percent of the wage costs in the first year and 50 percent in the second year. The subsidized employment relationships must be based on a collective labour agreement or minimum wage. Throughout their employment, participants are supposed to receive support from a job coach who assists in stabilizing both their professional and personal circumstances. There are no obligations on the part of the employer regarding subsequent employment after the end of the state support measure. The analysis is based on data from the first three waves of the "Quality of Life and Participation" panel study (2020–2023). The social participation of the EvL participants was measured using four dimensions: life satisfaction, satisfaction with health, satisfaction with standard of living, and general sense of social belonging. Matching methods were used to determine the influence of participation in the EvL measure on social participation. The participants in the measure were compared with a comparable control group—so-called statistical twins—who did not take part in the measure. The effect of the measure was then estimated based on the differences in the four dimensions of social participation between the participants and the control group. On average, the participants are 47 years old, and around 61 percent of them are men. A large proportion of the people receiving support live alone: around 65 percent of participants are single without a partner or children in the household. In addition, almost 40 percent of participants have serious pre-existing health conditions. On average, participants had worked for less than half of the last five years before starting the support, which highlights their difficult starting position in the labour market. In terms of estimating the effect of participation in the measure, there is a positive effect on all four dimensions of social participation. These effects are not only significant during the span of the measure but can also be detected one year after the end of the measure. Around 63 percent
IAB-Forschungsbericht 7|2025 7 of the positive effects that were identified at the beginning of the support measure remain after the regular end date of the measure. All subgroups examined, regardless of age, gender, health status, or region, benefited from participation in the measure. Moreover, it was found that older individuals experienced a significantly greater benefit in terms of social participation approximately one year after the end of the regular funding period. A sustainable improvement in social participation is closely linked to successful integration into the labour market. The analyses in this research report show a strong correlation between the employment effects and the effects on social participation: the more program participants remain in employment after the end of the support, the more stable the positive effects on their social participation remain. This correlation between employment and social participation effects is particularly pronounced among male program participants. These results underline that long-term integration into the labour market is crucial in order to secure the positive effects of the measure on social participation in the long term. In summary, the study shows that the EvL instrument not only improves social participation in the short term but also has positive effects in the medium and long term. These sustainable positive effects are largely due to the successful and lasting integration of participants into the labor market.
IAB-Forschungsbericht 7|2025 8 1 Einleitung Das Instrument "Eingliederung von Langzeitarbeitslosen" (EvL, § 16e SGB II) bietet einen Lohnkostenzuschuss im Rahmen des Sozialgesetzbuches II (SGB II) für erwerbsfähige Leistungsberechtigte, die mindestens seit zwei Jahren arbeitslos sind. EvL ermöglicht die Förderung von Arbeitsverhältnissen bei öffentlichen, gemeinnützigen und privaten Arbeitgebern. Im ersten Förderjahr werden Arbeitgebern, die langzeitarbeitslose Personen einstellen, 75 Prozent der Lohnkosten vom Jobcenter erstattet. Im zweiten und letzten Förderjahr beträgt dieser Anteil 50 Prozent. Von Seiten des Arbeitgebers gibt es keine Verpflichtungen bezüglich einer Nachbeschäftigung der geförderten Person nach Ablauf der staatlichen Fördermaßnahme. Eine bedeutende Neuerung dieses Instruments ist die umfassende betreuende Unterstützung der Geförderten während ihrer Förderung durch einen sogenannten Job-Coach. Dieses Coaching soll dazu beitragen, die persönlichen und beruflichen Lebensverhältnisse der Geförderten zu stabilisieren, um die Abbruchquote der Maßnahme zu minimieren und den erfolgreichen Übertritt aus der Maßnahme in ungeförderte Beschäftigung zu erhöhen (Coban et al. 2022). Das Instrument EvL zielt darauf ab, die soziale Teilhabe von langzeitarbeitslosen Empfängern von Leistungen nach dem SGB II durch die Integration in sozialversicherungspflichtige Arbeitsverhältnisse zu verbessern. Dieser Ansatz basiert auf der Annahme, dass Arbeit positive latente Funktionen wie die Strukturierung des Tagesablaufs, den Aufbau sozialer Kontakte und Sinnstiftung (vgl. Jahoda, 1997) bietet, die zur sozialen Reintegration beitragen können. Die Evaluation des Instruments EvL durch das IAB, welche noch während der laufenden Förderung stattfand, ergab, dass eine Teilnahme positive Effekte auf alle gemessenen Dimensionen der sozialen Teilhabe hat (Achatz et al. 2024). Jedoch stellt sich die Frage, was geschieht, wenn die Förderung endet und dies womöglich zum Verlust der Arbeitsstelle und der positiven latenten Funktionen der Arbeit führt. Dieser Bericht analysiert den Effekt auf die soziale Teilhabe ca. ein Jahr nach dem regulären Ende der Förderung. 2 Daten und Methoden Die Grundlage für die Analyse der Teilnahmeeffekte auf ausgewählte Dimensionen der sozialen Teilhabe bilden die ersten drei Wellen der Panelstudie "Lebensqualität und Teilhabe", die zwischen 2020 und 2023 durchgeführt wurden. Diese Panelerhebung wurde dabei speziell für die Evaluation der Förderinstrumente nach § 16i und § 16e SGB II konzipiert (siehe Hülle et al. 2023 für mehr Informationen). Das Erhebungsdesign verfolgt einen Treatment-KontrollgruppenAnsatz, so dass sowohl Geförderte nach § 16e und § 16i SGB II (Treatmentgruppe) als auch nichtgeförderte erwerbsfähige Leistungsberechtigte (Kontrollgruppe) befragt werden. Die Bruttostichprobe der EvL-Teilnehmenden umfasst alle Personen, die zwischen April und August 2019 (Kohorte 1) sowie zwischen September 2019 und Januar 2020 (Kohorte 2) erstmals in die Förderung eingetreten sind. Für die Bestimmung der Kontrollgruppe wurde eine zufällige Auswahl von 50 Prozent der erwerbsfähigen Leistungsberechtigten zum 31. März 2019 (Kohorte 1) bzw. zum 31. August 2019 (Kohorte 2) herangezogen, die bis zu diesem Zeitpunkt an keiner der
IAB-Forschungsbericht 7|2025 15 Abbildung 2: Zusammenhang zwischen Beschäftigungseffekt und Teilhabeeffekt Lesebeispiel: Männer in Welle 1 haben einen Beschäftigungseffekt von über 60 Prozentpunkten und einen Teilhabeeffekt von etwa 0,8. In Welle zwei sinkt der Beschäftigungseffekt auf männliche Maßnahmenteilnehmer auf unter 50 Prozentpunkte während der Teilhabeeffekt leicht sinkt. In Welle 3 sinkt der Beschäftigungseffekt von Männern weiter auf rund 25 Prozentpunkte, was mit einem großen Rückgang des Teilhabeeffekts auf gut 0.4 einhergeht. Quelle: Paneldatensatz „Lebensqualität und Teilhabe“, Welle 1 (2020/2021), Welle 2 (2021/2022), Welle 3 (2022/2023) balanciertes Panel; eigene Berechnungen mit Gewichtung. © IAB Für alle Gruppen nehmen über die Zeit (Welle 1 bis Welle 3) die Beschäftigungseffekte ab, und mit ihnen auch die Effekte auf die soziale Teilhabe. Betrachtet man exemplarisch die Gruppe der männlichen Teilnehmer, so kann man einen Beschäftigungseffekt für die erste Befragungswelle von etwas über 60 Prozent sowie eine durchschnittliche Steigerung der vier Variablen der sozialen Teilhabe (Lebenszufriedenheit, Zufriedenheit mit der Gesundheit, Zufriedenheit mit dem Lebensstandard, soziale Teilhabe) um den Wert 0,8 erkennen. In der zweiten Welle, die im zweiten Jahr der Förderung erhoben wurde, sinkt der Beschäftigungseffekt auf unter 50 Prozent, der Effekt auf die soziale Teilhabe sinkt dabei auf rund 0,7. Der größte Rückgang des Beschäftigungseffekts kann zwischen Welle 2 und Welle 3, also zwischen dem letzten Jahr der Förderung und rund ein Jahr nach regulärem Förderende, beobachtet werden. Der Beschäftigungseffekt für männliche Geförderte fällt hier von etwas unter 50 Prozent auf rund 25 Prozent ab. Diese Tatsache lässt sich dadurch erklären, dass mit dem Ende der Förderung nicht alle Beschäftigungsverhältnisse erhalten bleiben. Diese stärkere Reduktion des Beschäftigungseffekts geht auch mit einer stärkeren Reduktion der Teilhabeeffekte einher.
IAB-Forschungsbericht 7|2025 16 Betrachtet man alle Subgruppen zusammen, kann man einen ähnlichen Trend für alle Gruppen feststellen. Über die Zeit sinkt der Beschäftigungseffekt und mit ihm auch der Effekt auf die soziale Teilhabe. Der Graph zeigt dabei ein R-Quadrat von 0,58 an, was bedeutet, dass die Beschäftigungseffekte statistisch 58 Prozent der Varianz in den Effekten auf die soziale Teilhabe der verschiedenen Subgruppen erklären können. Die vorliegende Analyse zeigt also einen starken Zusammenhang zwischen einer erfolgreichen Integration in Arbeit und einer Steigerung der sozialen Teilhabe. Dieser Zusammenhang, der sich schon während der Förderung zeigt, setzt sich auch nach Förderende fort. Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass eine nachhaltige Steigerung der sozialen Teilhabe auch nach Förderende von einer nachhaltigen Integration in den Arbeitsmarkt, die das Förderende überdauert, abhängig ist. Abbildung 3: Zusammenhang zwischen Beschäftigungseffekt und Teilhabeeffekt: Ausgewählte Gruppen Quelle: Paneldatensatz „Lebensqualität und Teilhabe“, Welle 1 (2020/2021), Welle 2 (2021/2022), Welle 3 (2022/2023) balanciertes Panel; eigene Berechnungen mit Gewichtung. © IAB Abbildung 3 zeigt die Entwicklung des Beschäftigungsund Teilhabeeffekts für ausgewählte Subgruppen. Konkret wird die Entwicklung von Männern und Frauen, der Gruppe von 50Jährigen oder älter sowie der unter 50-Jährigen, der Gruppe mit Vorerkrankungen sowie der Gruppe ohne Vorerkrankungen gezeigt. Zuerst soll die Entwicklung der Effekte nach Geschlecht betrachtet werden. Wir können sehen, dass zu Beginn der Förderung Männer und Frauen einen ähnlich hohen Beschäftigungseffekt haben, wobei männliche Maßnahmenteilnehmer einen höheren Teilhabeeffekt aufweisen. Über die Zeit geht der Beschäftigungseffekt für Männer und Frauen in ähnlichem Maße zurück, wobei dies mit einem stärkeren Rückgang des Teilhabeeffekts bei den männlichen Teilnehmern einhergeht, sodass sich die Effekte auf die soziale Teilhabe von männlichen und weiblichen Maßnahmeteilnehmende über die Zeit angleicht. Eine plausible Erklärung für diese Beobachtung könnte darin liegen, dass Beschäftigung eine größere Rolle für die soziale Teilhabe von Männern als von Frauen spielt. Zu Beginn der Förderung führt der
IAB-Forschungsbericht 7|2025 17 relative große Beschäftigungseffekt daher zu einer stärkeren Zunahme der sozialen Teilhabe von männlichen Maßnahmeteilnehmern im Vergleich zu weiblichen. Mit der Abnahme des Beschäftigungseffekts über die Zeit sinkt jedoch der Teilhabeeffekt auf männliche Teilnehmer dementsprechend schneller als bei weiblichen Teilnehmerinnen. Vergleicht man die zwei Altersgruppen der ab und unter 50-Jährigen so kann man feststellen, dass die Gruppe der ab 50-Jährigen Teilnehmenden über alle drei Wellen einen größeren Beschäftigungseffekt aufzeigt als die der unter 50-Jährigen. Dementsprechend zeigt die Gruppe der ab 50-Jährigen auch einen höheren Teilhabeeffekt. Ein ähnliches Muster zeigt sich auch beim Vergleich der Gruppe mit Vorerkrankungen mit der Gruppe ohne Vorerkrankungen. Hier zeigt die Gruppe mit Vorerkrankungen einen höheren Beschäftigungseffekt und einen höheren Teilhabeeffekt auf, als die Gruppe ohne Vorerkrankungen. Die Unterschiede sind hierbei allerdings kleiner. Die Erklärung für den höheren Beschäftigungseffekt bei der Gruppe der ab 50Jährigen im Vergleich zur Gruppe der unter 50 Jährigen als auch bei der Gruppe mit Vorerkrankung im Vergleich zur Gruppe ohne Vorerkrankung könnte in der höheren Arbeitsmarktdistanz von älteren und vorerkrankten Personen liegen. Ältere und vorerkrankte Personen aus der Kontrollgruppe haben ohne Teilnahme in der Fördermaßnahme eine relativ geringe Chance eine Beschäftigung zu finden, weshalb der Beschäftigungseffekt der Maßnahmenteilnahme für diese Gruppen besonders hoch ist. Diese höheren Beschäftigungseffekte gehen dabei mit einem höheren Teilhabeeffekt einher. 7 Fazit Rund ein Jahr nach dem Ende der Förderung durch EvL können immer noch positive Effekte auf die Selbsteinschätzung verschiedener Dimensionen der sozialen Teilhabe gemessen werden. Die Höhe des Effekts nach dem Ende der Förderung entspricht etwa 63 Prozent des Effekts zu Beginn der Teilnahme. Dabei zeigt sich ein starker Zusammenhang zwischen dem Beschäftigungseffekt und den Effekten auf die soziale Teilhabe. Umso mehr Beschäftigungsverhältnisse auch nach Förderende bestehen, umso weniger sinkt die durchschnittliche soziale Teilhabe der Teilnehmenden bei Förderende. Eine ähnliche Evaluation einer Vorgängermaßnahme in Bezug auf ihre Wirkung nach dem Förderende wurde bereits 2020 durchgeführt (siehe Ivanov et al. 2020). Dabei wurde die Wirkung des ESF-Bundesprogramms zur Eingliederung langzeitarbeitsloser Leistungsberechtigter (SGB II) auf unterschiedliche Dimensionen der sozialen Teilhabe untersucht. Sowohl der aktuelle als auch der Forschungsbericht über das ESF-Bundesprogramm zeigen, dass die Teilhabeeffekte über das Förderende hinaus anhalten. Zudem zeigen beide Berichte einen starken Zusammenhang zwischen den Langzeiteffekten der Förderung auf die Beschäftigung und den Langzeiteffekten auf die soziale Teilhabe. Die Heterogenitätsanalyse zeigt, dass vor allem ältere Personen ihre soziale Teilhabe durch die Maßnahmenteilnahme nachhaltig signifikant verbessern konnten. Zusammenfassend zeigt die Analyse, dass die positiven Effekte der Maßnahme über das Förderende hinaus bestehen bleiben, besonders für diejenigen, die den Übergang in ungeförderte Beschäftigung schaffen. Da die Förderung einen relativ großen Effekt auf die
IAB-Forschungsbericht 7|2025 18 Beschäftigung hat, und 52 Prozent der EvL-Geförderten im Vergleich zu 22 Prozent der Ungeförderten nach regulärem Förderende in regulärer Beschäftigung sind, wie Analysen auf Basis administrativer Daten zeigen (siehe Kasrin & Tübbicke, 2024), kann auch rund ein Jahr nach dem Förderende noch ein Großteil des positiven Effekts der Förderung auf die soziale Teilhabe gemessen werden. Literatur Achatz, Juliane; Bauer, Frank; Bennett, Jenny; Bömmel, Nadja; Coban, Mustafa; Dietz, Martin; Englert, Kathrin; Fuchs, Philipp; Gellermann, Jan; Globisch, Claudia; Hülle, Sebastian; Kasrin, Zein; Kupka, Peter; Nivorozhkin, Anton; Osiander, Christopher; Pohlan, Laura; Promberger, Markus; Raab, Miriam; Ramos Lobato, Philipp; Schels, Brigitte; Schiele, Maximilian; Trappmann, Mark; Tübbicke, Stefan; Wenzig, Claudia; Wolff, Joachim; Zabel, Cordula; Zins, Stefan (2024): Evaluation des Teilhabechancengesetzes-Abschlussbericht. IAB Forschungsbericht 4/2024. Bömmel, Nadja; Coban, Mustafa; Kasrin, Zein; Schiele, Maximilian; Wenzig, Claudia; Wolff, Joachim; Zabel, Cordula (2024): From welfare to work: The health and material well-being effects of long-term employment subsidies in Germany. In: International Journal of Social Welfare, S. 1-22. Coban, Mustafa; Kasrin, Zein; Wenzig, Claudia; Wolff, Joachim; Zabel, Cordula (2022): Beschäftigungsbegleitende Betreuung im Sozialen Arbeitsmarkt: Geförderte sind mehrheitlich zufrieden mit dem Coaching. IAB-Kurzbericht 23/2022. Hülle, Sebastian, Nadja Bömmel, Mustafa Coban, Emma Fössing, Martin Friedrich, Zbignev Gricevic, Zein Kasrin, Rita Kleinemeier, Andreas Meß, Maximilian Schiele, Mark Trappmann, Ute Wagemann, Claudia Wenzig, Joachim Wolff, Cordula Zabel & Stefan Zins (2023): Panel Lebensqualität und Teilhabe - Feldund Methodenbericht der Welle 2. IAB-Forschungsbericht 20/2023. Ivanov, Boris; Pfeiffer, Friedhelm; Pohlan, Laura (2020): Evaluation des Bundesprogramms "Soziale Teilhabe am Arbeitsmarkt": fünfter Bericht - Wirkungen nach Programmende. Forschungsbericht. Bundesministerium für Arbeit und Soziales; Universität Duisburg-Essen Campus Duisburg, Fakultät für Gesellschaftswissenschaften, Institut Arbeit und Qualifikation (IAQ); Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) GmbH; Zoom - Gesellschaft für prospektive Entwicklungen e.V.; SOKO Institut für Sozialforschung und Kommunikation GmbH. Jahoda, Marie (1997): Manifest and latent functions. In: Nicholson, Nigel (Ed.), The Blackwell Encyclopedic Dictionary of Organizational Psychology. Oxford: Blackwell, S. 317–318. Kasrin, Zein; Schiele, Maximilian; Zabel, Cordula (2023): Effekte der Förderungen im Rahmen des Teilhabechancengesetzes auf die soziale Teilhabe der Geförderten: Erste Befunde. In: Sozialer Fortschritt. 9(10), S. 709–730. Kasrin, Zein; Tübbicke, Stefan (2024): Das Instrument „Eingliederung von Langzeitarbeitslosen“ im SGB II: Der Lohnkostenzuschuss zeigt hohe und stabile Beschäftigungseffekte. IABKurzbericht 13/2024.
IAB-Forschungsbericht 7|2025 19 Sen, Amartya (1999): Commodities and Capabilities. Oxford: Oxford University Press.
IAB-Forschungsbericht 7|2025 20 Abbildungsverzeichnis Abbildung 1: Effekte auf Soziale Teilhabe und Beschäftigung .......................................................... 12 Abbildung 2: Zusammenhang zwischen Beschäftigungseffekt und Teilhabeeffekt ......................... 15 Abbildung 3: Zusammenhang zwischen Beschäftigungseffekt und Teilhabeeffekt: Ausgewählte Gruppen ......................................................................................................................... 16 Tabellenverzeichnis Tabelle 1: Stichprobe nach ausgewählten Gruppen ....................................................................... 9 Tabelle 2: Ausgewählte Charakteristika der Geförderten ............................................................. 11 Tabelle 3: Effektheterogenität ...................................................................................................... 13
Impressum IAB-Forschungsbericht 7|2025 Veröffentlichungsdatum 24. März 2024 Herausgeber Institut für Arbeitsmarktund Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit Regensburger Straße 104 90478 Nürnberg Nutzungsrechte Diese Publikation ist unter folgender Creative-Commons-Lizenz veröffentlicht: Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International (CC BY-SA 4.0) https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.de Bezugsmöglichkeit dieses Dokuments https://doku.iab.de/forschungsbericht/2025/fb0725.pdf Bezugsmöglichkeit aller Veröffentlichungen der Reihe „IAB-Forschungsbericht“ https://iab.de/publikationen/iab-publikationsreihen/iab-forschungsbericht/ Website https://iab.de ISSN 2195-2655 DOI 10.48720/IAB.FB.2507 Rückfragen zum Inhalt Maximilian Schiele Telefon: 0911 177 2167 E-Mail: [email protected]