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Projektbericht und Entwicklungsdokumentation des Films "Mein Weg in die Welt" Lichtblicke und Hürden eines hörbeeinträchtigten Kindes während Kindheit und Pubertät

Siebenhaar, Christoph

Abstract

Die Filmdokumentation «Mein Weg in die Welt» bildet das Kernstück dieser Entwicklungsarbeit. Sie zeigt die Entwicklung unseres hörbeeinträchtigten Sohnes. Der Projektbericht versucht die persönlichen Erfahrungen zusammen mit der wissenschaftliche Auseinandersetzung zum Thema Hörbeeinträchtigung in einen allgemeingültigen Kontext zu stellen. Selbstbetroffene Jugendliche, Eltern, Studierende und Fachpersonen erhalten zusammen mit dem ersten Film «Mein Weg zur Sprache» Einblick in eine Familie, in welcher die bilinguale Erziehung in Laut- und Gebärdensprache vom Babyalter bis in die Adoleszenz einen wichtigen Stellenwert einnimmt. Daneben werden Themen wie Integration/Separation, Identität, Berufswahl und Geschwister angesprochen. Die Evaluation weist darauf hin, dass der Film eine sehr positive Ausstrahlung hat, das Sowohl-als-auch zeigt und er damit zu weiterführenden Diskussionen anregt.

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1 Interkantonale Hochschule für Heilpädagogik Zürich Departement 1 Studiengang Sonderpädagogik Studienschwerpunkt Pädagogik für Schwerhörige und Gehörlose Masterthese Projektbericht und Entwicklungsdokumentation des Films Mein Weg in die Welt Lichtblicke und Hürden eines hörbeeinträchtigten Kindes während Kindheit und Pubertät Abb. 1 Eingereicht von: Christoph Siebenhaar Zuständige Mentorin: Daniela Nussbaumer Eingereicht am: 20.6.2017 2 Abstract Die Filmdokumentation «Mein Weg in die Welt» bildet das Kernstück dieser Entwicklungsarbeit. Sie zeigt die Entwicklung unseres hörbeeinträchtigten Sohnes. Der Projektbericht versucht die persönlichen Erfahrungen zusammen mit der wissenschaftliche Auseinandersetzung zum Thema Hörbeeinträchtigung in einen allgemeingültigen Kontext zu stellen. Selbstbetroffene Jugendliche, Eltern, Studierende und Fachpersonen erhalten zusammen mit dem ersten Film «Mein Weg zur Sprache» Einblick in eine Familie, in welcher die bilinguale Erziehung in Lautund Gebärdensprache vom Babyalter bis in die Adoleszenz einen wichtigen Stellenwert einnimmt. Daneben werden Themen wie Integration/Separation, Identität, Berufswahl und Geschwister angesprochen. Die Evaluation weist darauf hin, dass der Film eine sehr positive Ausstrahlung hat, das Sowohl-als-auch zeigt und er damit zu weiterführenden Diskussionen anregt. 3 Inhaltsverzeichnis 1 Vorwort ................................................................................................................................................... 6 2 Einleitung ............................................................................................................................................... 7 2.1 Ausgangslage .................................................................................................................................. 7 2.2 Zielsetzung: Die vorliegende Masterarbeit beinhaltet zwei Teile: ................................................... 7 3 Theoretische Grundlagen ..................................................................................................................... 9 3.1 Medizinisch-technische Versorgung ............................................................................................... 9 3.1.1 Hörgeräte ................................................................................................................................ 9 3.1.2 Cochlea Implantat ................................................................................................................. 10 3.2 Schulische Integration ................................................................................................................... 13 3.2.1 Entstehung und Entwicklung der Integrationsidee ................................................................ 13 3.2.2 Einzelintegration – die häufigste Schulungsform für hörbeeinträchtigte Kinder ................... 14 3.2.3 Das Bundesgericht stärkt schulische Integration .................................................................. 16 3.3 Separation von hörbeeinträchtigen Kindern in Sonderschulen ..................................................... 16 3.3.1 Die Entstehung von Sonderschulen ...................................................................................... 16 3.3.2 Rückgang der Sonderschulzahlen im Bereich Hörbeeinträchtigung .................................... 17 3.3.3 Warum es die Sonderschule trotzdem braucht ..................................................................... 18 3.3.4 Hoher Qualitätsstandard an Sonderschulen ......................................................................... 20 3.4 Geschwister hörbeeinträchtigter Kinder ........................................................................................ 21 3.4.1 Die Situation der Geschwister hörbeeinträchtigter Kinder in der Literatur ............................ 21 3.4.2 Die Herausforderungen für die Geschwister ......................................................................... 21 3.4.3 Die Chancen für die Geschwister behinderter Kinder ........................................................... 23 3.5 Identität .......................................................................................................................................... 23 3.5.1 Allgemeine Theorien zur Identitätsfindung ............................................................................ 23 3.5.2 Entwicklungsstufen zur eigenen Identität mit Bezug zur Hörbeeinträchtigung ..................... 24 3.5.3 Identitätsfindung und CI ........................................................................................................ 28 3.5.4 Identitätsfindung in der Gehörlosenkultur ............................................................................. 28 3.6 Berufsfindung ................................................................................................................................ 29 4 3.6.1 Übersicht über die Bildungswege in der Schweiz ................................................................. 29 3.6.2 Sekundärstufe II: Die allgemeinbildende Schule (Gymnasium / Fachmittelschule).............. 29 3.6.3 Sekundärstufe II: Die berufliche Grundausbildung ............................................................... 30 3.6.4 Tertiärstufe ............................................................................................................................ 30 3.6.5 Hörbeeinträchtigte Jugendliche mit gymnasialer Ausbildung ............................................... 31 3.6.6 Hörbeeinträchtigte Jugendliche mit beruflicher Grundausbildung ........................................ 31 4 Übersicht über die wichtigsten Daten in der Entwicklung von Andrin Siebenhaar ..................... 33 5 Planung und Durchführung des Filmprojekts .................................................................................. 36 5.1 Filmprojekt ..................................................................................................................................... 36 5.2 Planung ......................................................................................................................................... 36 5.2.1 Inhaltliches und Drehbuch ..................................................................................................... 36 5.2.2 Terminplanung ...................................................................................................................... 37 5.3 Finanzierung .................................................................................................................................. 38 5.4 Technisches Wissen ..................................................................................................................... 39 5.4.1 Seitenverhältnis ..................................................................................................................... 39 5.4.2 Veränderungen beim Filmen und Schneiden ........................................................................ 39 5.4.3 Autodidaktische Lernwege .................................................................................................... 40 6 Evaluation der Filmdokumentation durch Expertengruppen ......................................................... 41 6.1 Interviews mit Expertinnen/Experten und weiteren Evaluatorinnen .............................................. 41 6.2 Auswertung der Interviews ............................................................................................................ 42 6.2.1 Spontane Rückmeldungen zum Filmentwurf aus technischer Sicht ..................................... 42 6.2.2 Spontane Rückmeldungen zum Filmentwurf aus inhaltlicher Sicht ...................................... 42 6.2.3 Ist die Entwicklung des bilingualen Weges nachvollziehbar? ............................................... 43 6.2.4 Relevanz des Filmes für die Zielgruppe der Eltern hörbeeinträchtigter Kinder .................... 43 6.2.5 Relevanz des Filmes für die Zielgruppe der Fachpersonen im Bereich Hören .................... 44 6.2.6 Relevanz des Filmes für Studierende der HfH und Heilpädagogen ..................................... 44 6.2.7 Umsetzung der Kapitel «Integration» und «Separation» ...................................................... 44 6.2.8 Umsetzung des Kapitels Grenzen und Chancen von technischen Hilfsmitteln .................... 44 6.2.9 Umsetzung des Kapitels Geschwister ................................................................................... 45 5 7 Diskussion ........................................................................................................................................... 46 7.1 Diskussion zu den theoretischen Grundlagen .............................................................................. 46 7.1.1 Integration und Separation .................................................................................................... 46 7.1.2 Chancen und Grenzen der modernen Technik ..................................................................... 48 7.1.3 Identität .................................................................................................................................. 49 7.2 Diskussion zum Film ..................................................................................................................... 50 7.2.1 Allgemeine Eindrücke zu Technik und Gehalt ...................................................................... 50 7.2.2 Nachvollziehbarkeit einer bilingualen Entwicklung ............................................................... 50 7.2.3 Relevanz für die einzelnen Zielgruppen ................................................................................ 51 7.2.4 Rückmeldungen zu den Filmkapiteln Integration und Separation ........................................ 51 7.2.5 Möglichkeiten und Grenzen der technischen Hilfsmittel ....................................................... 52 7.2.6 Achtsamkeit auf die Situation der Geschwister ..................................................................... 52 7.3 Fazit und Ausblick für die weitere Filmarbeit................................................................................. 53 8 Abbildungsverzeichnis ....................................................................................................................... 54 9 Literaturliste ......................................................................................................................................... 56 6 1 Vorwort Viele Studierende der Hochschule für Heilpädagogik in Zürich haben den ersten Film «Mein Weg zur Sprache – oder wie ein hörbehindertes Kind die Welt entdeckt» gesehen, welcher die Entwicklung unseres Sohnes von Geburt bis zum Alter von sechs Jahren zeigt. Gerne möchte ich Studierenden und Interessierten einen Einblick in die weitere Entwicklung bis zur Pubertät geben und dabei viele Facetten der Hörbeeinträchtigung aufzeigen und verständlich machen. Über die zahlreichen Facetten von Hörbeeinträchtigung gibt es viele Studien und umfangreiche Literatur. Meine 40-minütige Filmdokumentation kann deshalb nur einzelne Aspekte beleuchten. Dabei habe ich versucht, eine sinnvolle Verdichtung vorzunehmen und mich auf die Aspekte zu konzentrieren, welche mir zentral und wesentlich erscheinen. Nicht zuletzt hoffe ich, dass diese Entwicklungsdokumentation anderen Familien und Betroffenen Mut macht, sich für ihre Anliegen und Rechte einzusetzen und den eigenen Weg zu suchen. Auch diese zweite Filmdokumentation möchte nicht als der Weisheit letzter Schluss gelten, sondern dabei unterstützen, sich eigene Vorstellungen zu erarbeiten und eine eigene Identität in der Beziehung zu Hörenden und Gehörlosen zu entwickeln. Mein Dank gilt den vielen Mitwirkenden des Filmprojekts: Kameramänner: Jörg Vieli, Miro Siebenhaar Interviewerin/Interviewer im Film: Corinne Stutz, Andrin Siebenhaar Interviewpartnerinnen und Interviewpartner: Corinne Suter, Ursula Rey, Rahel Lindegger, Susanne Kehl-Rheinegger, Marcel Müller, Steve De Cianni, Tanja, Lara, Andrin Siebenhaar Unterstützung für technische Fragen: Carlotta Holy Steinemann, Andrin Siebenhaar Finanzielle Unterstützung: Stiftung Hören und Verstehen, Max Bircher Stiftung, Schweizerischer Gehörlosenbund SGB – FSS Expertinnen und Experten und weitere Evaluatorinnen des Films: Anuschka Füglister, Heidi Stocker, Lukas Berweger, Marianne von Orelli, Nelli Peters, Nicole Frei, Patrizia Mauro, Peter Bachmann 7 2 Einleitung 2.1 Ausgangslage Im Frühling 2001 wurde unser zweites Kind Andrin geboren. Damals wurde in der Geburtsklinik nach der Geburt noch kein Hörscreening gemacht. So bemerkten wir erst nach einem Jahr, dass unser Sohn gehörlos ist. Wir waren schockiert und trauerten. Schnell wurden wir aktiv und besuchten andere Eltern und Personen, welche mit dem Thema der Hörbeeinträchtigung vertraut waren. Wir erhielten Ratschläge, wie wir unseren Sohn unterstützen sollten. Dabei wurde schnell klar, dass es ganz unterschiedliche Positionen gibt, und wir stellten auch fest, dass bedeutende Spannungen zwischen diesen Positionen herrschten. Es war uns ein Anliegen, mit unserem ersten Film «Mein Weg zur Sprache – oder wie ein hörbehindertes Kind die Welt entdeckt» zu einer sachlichen Diskussion anzuregen und beizutragen. Die erste 30-minütige Filmdokumentation von Andrins Entwicklungsgeschichte fand viel Anklang. Zahlreiche Eltern und vor allem viele Studierende der Hochschule für Heilpädagogik erkundigten sich nach der Fortsetzung seiner weiteren Entwicklung. Mit dieser Masterarbeit und dem Film «Mein Weg in die Welt – Lichtblicke und Hürden eines hörbeeinträchtigten Kindes während Kindheit und Pubertät» möchte ich diesem Wunsch nachkommen. H. Hauri, Stiftungspräsident der Max Bircher Stiftung, schreibt dazu: «Wir stufen das vorliegende Projekt als wichtig ein, da damit auch bilinguale Entwicklungen dokumentiert werden.» 2.2 Zielsetzung: Die vorliegende Masterarbeit beinhaltet zwei Teile: 1. Der Film dokumentiert die bilinguale Entwicklung eines hörbeeinträchtigten Kindes, welches in der Schweiz aufwächst. 2. In der Masterthese werden die theoretischen Grundlagen der medizinisch-technischen Versorgung, der Schulung von hörbeeinträchtigen Kindern, der Identitätsfindung und der Geschwisterthematik dargelegt und diskutiert. In der Diskussion werden Bezüge zwischen den Filmtexten und den theoretischen Grundlagen hergestellt und besprochen. Die Masterthese beinhaltet zudem eine Evaluation des Filmentwurfs durch Expertinnen und Experten mittels Interviews und die Diskussion der geäusserten Meinungen dieser Expertinnen und Experten. Im Rahmen der Masterthese sollen insbesondere folgende aktuelle und relevante Themen hinsichtlich Umgang mit Hörbeeinträchtigung bei Kindern angesprochen werden: • Aufzeigen einer bilingualen Entwicklung eines hörbeeinträchtigten Kindes • Vorund Nachteile, sowie Grenzen von separativen und integrativen Schulungsformen • Ermutigung der hörbeeinträchtigten Kinder, Jugendlichen und ihren Familien, ihren Weg zu suchen und sich für ihre Anliegen und Rechte einzusetzen 8 • Darlegung der Möglichkeiten und Grenzen der technischen Entwicklung im Bereich Kompensation der Hörbeeinträchtigung • Hinweis an die Eltern hörbeeinträchtigter Kinder, dass auch deren Geschwister ihren Platz zugesprochen erhalten • Ermutigung der jungen, hörbeeinträchtigten Menschen, ihre eigene Identität zwischen und in den verschiedenen Lebenswelten zu finden 9 3 Theoretische Grundlagen Für die Erarbeitung der theoretischen Grundlagen fokussierte ich mich auf möglichst aktuelle Beiträge der Zeitschrift «Hörgeschädigtenpädagogik» des Median Verlages und weitere Literatur. Aussagen im Film, welche einen Bezug zu dieser Literatur aufweisen, wurden jeweils mit einer dreistelligen Zahl versehen, beispielsweise mit (113). Diese Zahl verweist auf die jeweilige Filmaussage im Anhang. 3.1 Medizinisch-technische Versorgung 3.1.1 Hörgeräte Schwerhörige Kinder wurden lange Zeit mit einfacher Verstärkung entlang des ganzen Frequenzspektrums mithilfe von Hörgeräten unterstützt. Technisch wurden die Hörgeräte immer ausgereifter, indem sie ermöglichten, Frequenzen unterschiedlich zu verstärken, je nach Bedürfnis des Kindes. Die heutigen klassischen, digitalen Hörhilfen haben noch weitere Funktionen. Sie unterdrücken Störschall und Rückkoppelungsgeräusche und können Frequenzbereiche, in denen das Kind wenig hört, in andere Frequenzbereiche umwandeln. Seit der Diagnose hat unser Sohn die dritten Hörgeräte. Er trägt im Moment ein Hörgerät auf der rechten Seite. Trotz Sparmassnahmen bei der IV mussten wir bisher keine Mehrkosten tragen. Wählt man das beste und modernste Gerät, können für die Eltern schnell ein paar Tausend Franken zu entrichten sein. Kinder und Jugendliche sind diesbezüglich noch bessergestellt. Ihre Pauschalen sind deutlich höher als die Pauschalen für Erwachsene. Kinder erhalten eine Pauschale von Fr. 4170.—, Erwachsene nur noch Fr. 1650.— für eine beidseitige Versorgung (Stand 2016). Moderne Geräte kosten ca. Fr. 8000.-. Kann man sich diesen Betrag nicht leisten, gibt es noch die Möglichkeit, an eine Ombudsstelle zu gelangen. Es kann dann eine Härtefallregelung angewendet werden, welche eine höhere Kostenbeteiligung durch die IV zur Folge hat. Die Versorgung von Kindern und Jugendlichen mit Hörgeräten darf nur durch speziell ausgebildete und geprüfte Pädakustikerinnen und Pädakustiker durchgeführt werden. Die Kleinkindversorgung ist sehr anspruchsvoll. Ein grosses Wissen und viel Erfahrung sind erforderlich. Diese Regelung ist sicher sinnvoll. Erwachsene können dann aus dem weiten Feld von Akustikerinnen und Akustikern auswählen. Es bestehen enorme Unterschiede, ob man ein Hörgerät in einer Apotheke für ein paar hundert Franken kauft (analog einer Lesebrille) oder sich bei einer Akustikerin / einem Akustiker eine massgeschneiderte Hörhilfe anpassen lässt. Abb. 2 16 3.2.3 Das Bundesgericht stärkt schulische Integration Am 13.4.2012 wies das Bundesgericht eine Beschwerde von Eltern ab, die verlangt hatten, dass ihr hörbeeinträchtigtes Kind eine Sonderschule besuchen dürfe. Zuvor hatte der Regierungsrat entschieden, dass der Schüler die Oberstufe integriert besuchen solle, mit Unterstützung des audiopädagogischen Dienstes von Zürich. Dieser Entscheid war gegen den Willen der Eltern und gegen die Empfehlung der Schulpsychologen zustande gekommen. Der Regierungsrat hatte allerdings versichert, dass man die Situation nach einem halben Jahr überprüfen werde. Das Bundesgericht gab nun also dem Regierungsrat des Kantons Zug Rückendeckung darin, dass es kein Recht auf Sonderschulung ohne vorherige Prüfung der Integration gebe. Der Integration wurde also Vorrang gegeben. Sie sei zuerst ins Auge zu fassen. Erst wenn diese nicht funktionieren würde (was je nachdem schwierig zu beweisen ist), kann die Sonderschule in Betracht gezogen werden. Dieses Beispiel zeigt, dass die Wahlfreiheit der Eltern Grenzen hat. Die Spielregeln beim Thema Integration/Separation obliegen seit dem NFA (Neugestaltung des Finanzausgleichs und der Aufgabenteilung) den Kantonen. So zeichnen sich je nach Kanton unterschiedliche Haltungen ab. Eltern haben also nicht die volle Wahlfreiheit, ob ihr Kind schulisch integriert oder separiert werden soll. Sie können aber eventuell ihren Wunsch realisieren, indem sie ihren Wohnsitz in einen andern Kanton verlegen. Das Urteil des Bundesgerichts befasst sich auch mit finanziellen Aspekten: «Behinderten Kindern muss nicht ungeachtet von Kostenüberlegungen ein individuell optimiertes Schulangebot zur Verfügung gestellt werden, wenn gleichzeitig für nichtbehinderte Kinder bloss ein standardisiertes, nicht individuell optimiertes Angebot zur Verfügung gestellt wird» (Bundesgerichtsentscheid 2012). Diese Sätze sind nicht unproblematisch. Und so reagierte der Verband insieme mit einer Pressemitteilung vom 13.4.2012 «Die Integration kann jedoch nur gelingen, wenn das Kind mit Behinderung angemessen unterstützt wird. Zu einer Integration zu Sparzwecken sagen die Organisationen entschieden Nein.». 3.3 Separation von hörbeeinträchtigen Kindern in Sonderschulen 3.3.1 Die Entstehung von Sonderschulen Gehörlose und stark hörbeeinträchtigte Kinder haben kaum Bildungschancen ohne eine geeignete Schulung. Dies erkannten Heinicke und Abbé de l’Epée in den Jahren um 1780. Sie gründeten Sonderschulen und förderten die taubstummen Schülerinnen / Schüler. Die beiden Pioniere wussten, dass in den hörbeeinträchtigten Kindern kognitives Potential steckt. Mit einer gezielten und guten Förderung konnte man viel erreichen. So konnte einer der ersten Schüler von Heinicke die Konfirmation schriftlich ablegen. Die Ziele, worauf Heinicke und die Pädagogen des 21. Jahrhunderts hinarbeiten, sind nicht mehr 17 dieselben. Dass hörbeeinträchtigte Kinder mit gutem Bildungsverlauf ein grosses kognitives Potential haben, ist aber heute wie damals den Pädagoginnen / Pädagogen bewusst. Da es nicht in jedem Dorf hörbeeinträchtigte Kinder gab, mussten zentrale Taubstummenanstalten gebaut werden. Viele Kinder wurden unter der Woche von ihren Familien getrennt und lebten im Internat der Schule. Diese Tatsache löst bei Eltern und Kindern damals wie heute immer noch grosse Widerstände aus. Genauso wie früher braucht es auch in der jetzigen Zeit erfahrene Pädagoginnen und Pädagogen, die diese Entscheidungsprozesse begleiten und Überzeugungsarbeit leisten können. 3.3.2 Rückgang der Sonderschulzahlen im Bereich Hörbeeinträchtigung Im Folgenden möchte ich Gründe aufzeigen, warum Sonderschulen für Hörbeeinträchtigte in den letzten Jahren geschlossen wurden oder rückläufige Zahlen aufweisen. Ich visualisiere den Rückgang mit den Zahlen der grössten Schule der Schweiz (Zentrum und Schule für Schwerhörige Landenhof in Unterentfelden): Abb. 3 Die Schülerzahlen zeigen zwar keinen dramatischen Abfall. Es gilt aber zu bedenken, dass andere Institute wie z.B. die Sonderschule Hohenrain ihre Tore ganz geschlossen haben oder sich öffnen mussten gegenüber anderen Formen von Behinderung (Mehrfachbehinderung, Autismus). Jacobs schreibt im Bericht über ein Treffen von zahlreichen Schulleiterinnen / Schulleitern von deutschen, schweizerischen und österreichischen Institutionen, welche in der Ausbildung von Hörbeeinträchtigten aktiv sind: «Klar ist: Die Situation vieler Schulen für Hörgeschädigte wird sich in naher Zukunft deutlich verändern. Ihre Dienstleistungen (z.B. mobile audiopädagogische Dienste) werden stärker gefragt sein als ihr internes Bildungsangebot (Sonderschule)» (2011, S. 162). Was aber hat dazu geführt, dass weniger Kinder in die Sonderschule für Hörbeeinträchtigte eintreten? Wie schon im Kapitel Integration angedeutet, ist es vor allem die technischen Revolution: • Die bessere technische Versorgung von Hörbeeinträchtigten ermöglicht eine Schulung am Wohnort 0 20 40 60 80 100 120 140 160 180 2002 2004 2006 2008 2010 2012 2014 Schülerzahlen Landenhof davon aus dem Kanton Aargau davon aus den beider Basel 18 • Die mobilen Dienste wurden ausgebaut und betreuen professionell die Kinder, welche am Wohnort die Schule besuchen. • Das gesellschaftliche Umdenken weg von der Separation hin zur Inklusion wirkt sich auf die Schülerzahlen aus. Dies sieht man am deutlichsten bei den Schülerzahlen der beiden Basler Halbkantone. Diese beiden Kantone setzen klare Zeichen zugunsten einer Integration. • Ein Bundesgerichtsurteil aus dem Jahr 2012 sprach sich gegen den Willen der Eltern für die Integration und gegen die Separation aus, dies hat auch eine Signalwirkung. • Finanzielle Überlegungen wirken sich auf die Kostengutsprachen und somit auf die Schülerzahlen aus. 3.3.3 Warum es die Sonderschule trotzdem braucht 3.3.3.1 Mangelnde Rücksichtnahme auf die Beeinträchtigung im Schulund Familienalltag Heutige Hörhilfen ermöglichen es vielen Kindern und Jugendlichen, dass ihre Lautsprache gut verständlich ist. Dies führt oft zur unbewussten Annahme, dass sie gesprochene Sprache auch gut verstehen können, was natürlich ein Trugschluss ist. Hörbeeinträchtigung wird zu einer unsichtbaren Beeinträchtigung. Diese nimmt man dann im Alltag nicht mehr richtig wahr oder vergisst sie schnell wieder. Im Schulalltag der öffentlichen Schule bedeutet das zum Beispiel, dass Lehrpersonen viel zu schnell sprechen oder sich während der Erklärung zur Wandttafel drehen (303 - 305). Die Klassenkameradinnen und Klassenkameraden plaudern in der Peerrunde ohne Punkt und Komma und fallen sich gegenseitig ins Wort. Abb. 4 3.3.3.2 Die kindliche Entwicklung Die Pubertät fällt in die Zeit der Oberstufe. Eine Entwicklungsaufgabe dieser Reifezeit ist es, sich von seinen Eltern zunehmend zu distanzieren und eigenständig zu werden. Neben dieser Autonomieentwicklung ist auch die Identitäsentwicklung eine zentrale Aufgabe dieser Phase. Dazu benötigen die Jugendlichen eine stabile Peergruppe. Im Kapitel Integration war zu lesen, dass hörende Jugendliche weniger bereit sind als jüngere Kinder, auf die Hörbedürfnisse ihrer hörbeeinträchtigten Freunde einzugehen. In der Peergruppe wird sehr schnell gesprochen und die Beteiligten fallen sich gegenseitig ins Wort. In einer hörenden Umgebung fühlen sich die schlechthörenden Jugendlichen wohl wie das fünfte Rad am Wagen (506 – 509). Sie können zwar dabei sein, können die Diskussionen aber nicht genügend mitsteuern. In zahlreichen Untersuchungen wurde gezeigt, dass hörbeeinträchtigte Kinder und Jugendliche häufiger psychische Probleme haben. Die eben beschriebene Situation ist sicher ein 19 Treiber solcher Probleme. In der Sonderschule erleben sich die Jugendlichen in der Kommunikationsgruppe integrierter. Hier fühlen sie sich zugehörig und sind Teil der Gruppe. Die Sonderschulen machen sie also nicht zu «Sonderlingen» sondern zu Personen, welche innerhalb ihrer Peergruppe Teil haben (309, 310) am gemeinsamen Tun und Erleben. 3.3.3.3 Verlierer der Integration Im Kapitel Integration konnte man lesen, dass Eltern ein wichtiger Faktor für den Schulerfolg ihrer hörbeeinträchtigten Kinder sind. Sie unterstützen, bereiten vor und nach, sind Tutoren und Ersatzlehrpersonen (105). Diese Aufgaben können aber nicht alle Eltern wahrnehmen. Bildungsferne Eltern haben vielleicht nicht dieselben Unterstützungsmöglichkeiten wie bildungsnahe. Hier springt die Sonderschule ein und kann einen Teil dieses Nachteils ausgleichen. So schreibt Hüther in seiner Untersuchung: Während es an der Regelschule nicht gelingt, die Leistungsunterschiede zwischen deutschen Schülern und solchen mit Mitgrationshintergrund auszugleichen, so ist dies an der Förderschule offenbar durchaus möglich. Dies zeigt, dass die inklusiven Ansätze im Regelschulbereich zumindest zurzeit nicht dazu führen, die Defizite benachteiligter Kinder adäquat auszugleichen, um sie zu einer wirklichen Teilhabe zu befähigen. Was bei hörenden Schülerinnen und Schülern nicht möglich ist, kann unmöglich bei hörbeeinträchtigten Kindern und Jugendlichen erreicht werden – schon gar nicht bei solchen mit Migrationshintergrund (2015, S. 195). Mit dem Modell einer rein integrativen Schule werden auch die hochgradig hörbeeinträchtigten und gehörlosen Kinder und Jugendlichen unzureichend gefördert. Obwohl es sehr gute Integrationsbeispiele gehörloser Kinder gibt, liegt diese Aussage auf der Hand. An den Sonderschulen finden sich häufiger Kinder mit starken Hörbehinderungen. Die Regelschule kann ihnen nur unzureichend gerecht werden: «Dass die Regelschule in der Lage ist, allen – vor allem den hochgradig hörgeschädigten bzw. gehörlosen Kindern eine ausreichende Unterstützung und Betreuung zu bieten, entpuppt sich hierbei als ein, unter den heutigen Bedingungen, völlig realitätsfernes Szenario» (Hüther, 2010, S. 246). 3.3.3.4 Enge Begleitung in die Berufswahl Die mir bekannten Sonderschulen rühmen sich, dass eine sehr grosse Zahl ihrer Schülerschaft eine Anschlusslösung nach der Sonderschule findet. Die Sonderschule unterstützt Jugendliche im Prozess der Berufsfindung. Zuständig wären in erster Linie die Jugendlichen und ihre Eltern. Durch die langjährige Erfahrung der Sonderschulen mit dem Thema der Berufsfindung haben sie ein gutes Netz an Firmen (623, 624), welche Menschen mit Hörbeeinträchtigung vorurteilsfreier gegenüberstehen. Die Integration in den ersten Arbeitsmarkt gelingt am Ende der Sonderschule besser, als am Ende der öffentlichen Schule. Wenn es darum geht, den hörgeschädigten Jugendlichen die Integration in den nachschulischen Arbeitsmarkt zu ermöglichen und ihnen die Chance zu erschliessen, ein möglichst autonomes, 20 von finanziellen staatlichen Transferleistungen unabhängiges Leben zu führen, so führt aktuell kein Weg an der Förderschule für Hörgeschädigte vorbei (Hüther, 2010, S. 245). 3.3.4 Hoher Qualitätsstandard an Sonderschulen Wenn die Gemeinden und Kantone so viel Geld für ihre hörbeeinträchtigten Kinder ausgeben, erwarten sie eine qualitativ hochstehende Schulung der Kinder und Jugendlichen. Die kognitiven, emotionalen und sozialen Herausforderungen, welche die hörbeeinträchtigten Schülerinnen und Schüler mitbringen, stellen grosse Herausforderungen für Pädagoginnen und Pädagogen dar. Es ist daher unabdingbar, dass diese gut ausgebildet sind. Unqualifizierte Lehrpersonen und viele Wechsel im Lehrkörper sind Gift für die Sonderschulen. Die Leitungen dieser Institutionen sind gefordert, Arbeitsbedingungen und eine Atmosphäre zu schaffen, welche Mitarbeitende ansprechen, welche aus Berufung an diesen Institutionen arbeiten: Andererseits ist die Beschulung gehörloser/schwerhöriger Schüler an Schulen für Gehörlose und Schwerhörige durch Lehrkräfte, die im Hinblick auf Methoden, Didaktik und Techniken der Unterrichtsorganisation nicht auf dem neuesten Stand sind, für diese Schüler ebenso wenig vorteilhaft (Hintermair et al., 2014, Seite 278). Zusammenfassend bringt es Hüther folgendermassen auf den Punkt: Was in den dargestellten Ergebnissen der empirischen Erhebung auch deutlich wird, ist die Tatsache, dass Klassen, in denen ausschliesslich hörgeschädigte Schüler an der Förderschule unterrichtet werden, keineswegs ein obsoletes Auslaufmodell sind, sondern auch in Zeiten der Inklusion wichtig und notwendig sind (2016, S.56). 21 3.4 Geschwister hörbeeinträchtigter Kinder 3.4.1 Die Situation der Geschwister hörbeeinträchtigter Kinder in der Literatur Literatur zum Thema Geschwister behinderter Kinder gibt es mannigfaltig. Sucht man aber nach dem speziellen Thema der Geschwister hörbeeinträchtigter Kinder, findet man kaum passende Literatur (z.B. sind im Magazin Hörgeschädigtenpädagogik des Median Verlags in den letzten acht Jahren dazu keine Beiträge erschienen). Einige Berichte von Geschwistern hörbeeinträchtigter Kinder fand ich bei Haberthür (2005). Diese Aussagen decken sich mit denjenigen von Kindern und Jugendlichen, welche Geschwister mit anderen Behinderungen haben. Ich werde im folgenden Text Aussagen von Geschwistern mit hörbeeinträchtigten Kindern kursiv markieren. Zudem lasse ich Faktoren, welche die Hörbeeinträchtigung gar nicht tangieren ausser Betracht (Geschwister könnten vielleicht monieren, dass es mühsam ist, einen Rollstuhl zu schieben usw.). Abb. 5 3.4.2 Die Herausforderungen für die Geschwister Grünzinger (2008) weist in seinem Buch auf Seite 8 darauf hin, dass es aus wissenschaftlicher Sicht kein erhöhtes Risiko für häufigere Entwicklungsstörungen bei Geschwister behinderter Kinder gibt. Er erklärt, dass Geschwister behinderter Kinder eine ähnliche Beziehung haben wie «normale» Geschwister. Jedoch sei die «Streuung» grösser und es gäbe mehr gute aber auch mehr schlechte Beziehungen. Es sei deshalb wichtig, dass man Überforderungssituationen erkennen und entschärfen könne. Im Folgenden möchte ich drei wichtige Stolpersteine im Familienleben mit hörbeeinträchtigten Kindern notieren: 3.4.2.1 Rücksichtnahme auf das hörbeeinträchtigte Geschwister Besuche in der CI-Klinik, Hörgeräteanpassungen, Besuche der Audiopädagogin oder die Fragen eines gewöhnlichen Familienbesuchers; immer dreht sich das Thema um das hörbeeinträchtigte Kind. Die hörenden Geschwister werden kaum gefragt, wie es ihnen in der Schule geht, wie es mit den Freunden läuft (407). Kommt der Pate, die Grosseltern oder sonst ein Besuch, ist die Frage nach der Entwicklung des hörbeeinträchtigten Kindes allgegenwärtig. (Ich empfehle Eltern, dass sie gezielt die Besucherinnen und Besucher auf die hörenden Kinder aufmerksam machen). Vom hörenden Kind wird erwartet, dass es Verständnis für sein Geschwister zeigt und Rücksicht nimmt auf die besonderen Bedürfnisse des Geschwisters. Es ist notwendig, Zeitfenster in der Familienagenda zu reservieren, in denen mit jedem Kind einzeln etwas unternommen wird (407). Wenn immer möglich, ist es ratsam, die Besuche der Audiopädagogin / des Audiopädagogen auf Zeiten zu legen, in denen das hörende Kind im Kindergarten oder in der Schule verweilt. Rücksichtnahme auf die Situation von hörbeeinträchtigten Kindern von Seiten der Geschwister und der Eltern ist zwar unumgänglich, soll aber angemessen zur spezifischen Situation und zur Beeinträchtigung des Kindes sein. Eltern erwarten vielleicht, dass die hörenden Geschwister ihren 22 Bruder/Schwester als Dolmetscher unterstützen oder ihn/sie in ihre Peergruppe mitnehmen. Haberthür schreibt dazu: «Der Vater hingegen findet manchmal, Laura könnte den Bruder mehr mitnehmen – es sei ungerecht, wenn sie weggehe und er müsse zu Hause bleiben» (2005, S. 80). Solche Erwartungen erachte ich als problematisch. Das Geschwister darf nicht instrumentalisiert werden für die Freundschaftspflege des hörbeeinträchtigten Kindes. Dies empfinde ich als eine unangemessene Übertragung von Verantwortung und Rücksichtnahme. 3.4.2.2 Verbotene Rivalität Wir alle wissen, dass Streitereien, Rivalität und Eifersucht zum Alltag von Geschwisterbeziehungen gehören. All diese Gefühle sind erlaubt und wichtig für eine gesunde, sozial-emotionale Entwicklung. Achilles (1997, S. 53) erwähnt Studien, die zeigen, dass Eltern Zornausbrüche der Geschwister, die sich gegen das behinderte Kind richten, weniger akzeptieren. Das sei aber eine falsche Intervention. Auseinandersetzung zwischen Geschwistern bauen Frustrationen ab und fördern die Kompetenzen im sozial-emotionalen Bereich. Nicht selten tragen auch die Eltern zur Unterdrückung der Aggression bei, indem sie – zwar mit guter Absicht – Streit und Konflikte mit dem behinderten Geschwister zu verhindern versuchen. Dies ist jedoch äusserst problematisch – denn Ärger, Wut und Zorn gibt es in jeder zwischenmenschlichen Beziehung, und das Kind muss den Umgang damit lernen können…. Wird hingegen der Ausdruck schwieriger Emotionen ständig unterbunden, besteht die Gefahr, dass das Kind die Aggressionen nach innen – gegen sich selberoder gegen andere wendet (Haberthür, 2005, S. 26). (Ich empfehle Eltern, dass sie alle Gefühle von Geschwistern anerkennen und ernst nehmen. Wir haben in unserer Familie Zeiten der Solidarität erlebt. Es gab aber auch Zeiten, wo unsere Tochter nichts mit ihrem hörbeeinträchtigten Bruder zu tun haben wollte. Dies war gut so. Es half ihr, ihren eigenen Weg zu finden und die Akzeptanz dieser negativen Gefühle machte es möglich, dass sich später eine neue, reifere und bewusstere Form der Beziehung und Solidarität entwickeln konnte). 3.4.2.3 Überangepasstheit Die Gefahr der Überanpassung ist wohl bei später geborenen Kindern grösser. Sie werden vielleicht in eine Situation hineingeboren, die zeitlich und emotional belastet ist. Daher möchten sie die Eltern nicht auch noch mit ihren Anliegen und Bedürfnissen in die Pflicht nehmen. Noch einmal zitiere ich Haberthür: In diese Situation wurde Sandra hineingeboren: in eine Zeit des emotionalen Aufruhrs der Eltern, in eine Zeit auch der starken Beanspruchung der Mutter durch das tägliche Sprechtraining mit Christine. Mir blieb da als Geschwister wahrscheinlich nichts Anderes übrig, als mich anzupassen (2005, S.26). Diese Haltung kann leicht dazu führen, dass das Geschwister seine eigenen Bedürfnisse nicht mehr ernst nimmt. Folgen davon können mangelndes Selbstwertgefühl oder gar psychische Probleme sein. 23 3.4.3 Die Chancen für die Geschwister behinderter Kinder Meistern die Geschwister diese Hürden, können die jungen Menschen auch besondere Fähigkeiten erlangen. Gefunden habe ich eine gute Auflistung in einem Onlineartikel zum Thema Geschwister behinderter Kinder von Caroline Schaback. Sie ist Sonderpädagogin an der Universität Würzburg und ich empfehle den ganzen Inhalt als Lektüre. Neben zahlreichen differenzierten Aussagen findet sich eine umfassende Literaturübersicht auf dieser Internetseite. Schaback (Internet ohne Jahreszahl) notiert unter dem Kapitel «Chancen für Geschwister behinderter Kinder» folgendes: ▪ Sie besitzen oft ein ausgeprägtes Sozialverhalten, sowie Sensibilität (409) für andere schwächere Kinder. ▪ Sie wirken schon fortgeschrittener in ihrer Persönlichkeitsreifung (401 – 409). ▪ Sie zeigen größere Sicherheit im Umgang mit Behinderung im sozialen Umfeld, sowie eine positive und offene Haltung behinderten Menschen gegenüber (prosoziale Einstellungen und Verhaltensweisen). ▪ Dadurch gewinnen sie Selbstvertrauen und sind leichter fähig zu Selbstkritik. ▪ Sie zeigen eine geringere Neigung zu aggressiver Selbstverteidigung bei Konflikten, sowie ein gutes Konfliktverhalten und eine höhere Frustrationstoleranz, die im Umgang mit dem behinderten Kind erworben wird. ▪ Sie zeigen ebenfalls häufig ein höheres Verantwortungsbewusstsein als Gleichaltrige (409). Im Film erwähnt Lara (401) zudem, dass sie die Beeinträchtigung ihres Bruders nicht nur als Einschränkung erlebt. Ganz im Gegenteil erweitert die Gehörlosigkeit ihren Horizont. Die Familie gewinnt damit einen Zugang zu einer neuen Sprache und zu einer neuen Kultur, welche als sehr positiv wahrgenommen wird. Ganz ähnlich tönt es bei Haberthür, wenn eine junge Frau im Kapitel «die Welt der Gehörlosen ist auch meine Welt» schreibt: Wenn ich auf der Strasse Gehörlose sehe, die sich in Gebärdensprache unterhalten, kann ich fast nicht anders als hingehen und mit ihnen «reden» - und diese Menschen zeigen stets eine riesige Freude. Auch Anlässe der Gehörlosen, die ich zusammen mit meinem Bruder besuche, geniesse ich sehr (2005, S.49). 3.5 Identität 3.5.1 Allgemeine Theorien zur Identitätsfindung Heute wird Identität nicht mehr betrachtet als eine einmalige Lösung, die unsere Biografie unveränderbar bestimmt und sich, beeinflusst durch die von der Gesellschaft vorgegebenen fertigen Modelle und übernehmbaren Identitätsmuster, linear hin und zu „der“ Identität herausbildet. Somit ist Identität nichts Statisches, sondern viel mehr ein dynamischer und lebenslang anhaltender Prozess (Hintermair, 2005, S. 197) 24 Unsere pluralistische Gesellschaft ermöglicht verschiedenste Lebensentwürfe. So finde ich am Beispiel der sexuellen Orientierung in der Zeitung 20 Minuten neben einer Freundschaftssuche eines Mannes, der einen Mann sucht auch die Diskussion, in welche Toilette transgender Personen gehen dürfen oder müssen. In der westlichen Welt ist sehr vieles möglich und das Internet postet diese Lebensentwürfe schnellstens bis auf die Smartphones in die hinterste Ecke der Erde. Diese grosse Offenheit ist Chance und Gefahr gleichzeitig. Wir können ihr mit fundamentalistischen Schranken begegnen oder sie auch für die Diskussion zu einer eigenen Identitätsfindung nutzen. Wenn es früher hörend und gehörlos gab, so gibt es heute alle möglichen Abstufungen. Hörbeeinträchtigte Menschen können sich ausschliesslich in der hörenden Gemeinschaft bewegen, oder sie können sich in der gehörlosen Gemeinschaft wohler fühlen, sich täglich aber in der hörenden Arbeitswelt aufhalten, oder sie fühlen sich in beiden Welten heimisch. Dieses Kapitel soll zur Diskussion anregen, welche Identitäten gut zu einem passen. Befreiend finde ich dabei das oben erwähnte Zitat von Manfred Hintermair, dass man einmal zurechtgelegte Meinungen und Identitäten wieder über Bord werfen kann und den Identitätskurs neu justieren kann. Ebenfalls wohltuend erlebe ich die Tendenz, dass es gesellschaftlich mehr akzeptiert ist, gehörlos zu sein und die Gebärdensprache anzuwenden. Ein Beispiel dafür stellt für mich die Ausstrahlung der Tagesschau in Gebärdensprache dar. Es ist nicht mehr die verbotene Sprache. Sich in der gehörlosen Kultur zu bewegen, ist ein möglicher Lebensentwurf geworden, zu dem ein hörbeeinträchtigter Mensch offen stehen kann. 3.5.2 Entwicklungsstufen zur eigenen Identität mit Bezug zur Hörbeeinträchtigung Eine gute Identitätsfindung ist nicht etwas, was aus heiterem Himmel auf einen herabrieselt. Eine gelungene Identitätsfindung in der Pubertät fängt schon ganz früh an. Ich möchte die wichtigsten Entwicklungsschritte aufzeigen und mögliche Gefahren für hörbeeinträchtigte Kinder und Jugendliche erwähnen. Dabei orientiere ich mich an zentralen Entwicklungsthemen aus der Fachliteratur des Bereiches Entwicklungspsychologie 3.5.2.1 Entwicklung von 0 – 3 / 4 Jahren • Stabilisierung der Selbstregulation und Ausbau des Selbstsystems • Erweiterung der Bindungskompetenzen, frühen Denkund Problemlösekompetenzen • Sprachliche Kompetenzen (Fröhlich-Gildhoff, 2007, S. 55ff) Heute sind die Gelingensbedingungen für diese Kompetenzen bei hörbeeinträchtigten Kindern viel grösser. Mit dem Hörscreening werden Hörbeeinträchtigungen viel früher erkannt und Kleinkinder werden technisch früh versorgt. Die professionelle, audiopädagogische Förderung unterstützt die Eltern in der Verarbeitung dieses Diagnoseschocks. Trotzdem sind diese Kinder sprachlich, aber auch in der sozial - emotionalen Entwicklung verzögert. Sie werden vielleicht als „Sandkastenschreck“ wahrgenommen, weil sie ihre Bedürfnisse noch ungenau verbalisieren können und stattdessen die gesuchten Spielsachen der anderen Kinder einfach aus den Händen reissen. Entscheidend für die gute Entwicklung in dieser Phase sind die Eltern. 25 In Bezug auf die Thematik .... sehen wir, dass die Eltern der hörgeschädigten Kinder die ersten und die wichtigsten und sozialen Unterstützungspersonen für ihre Kinder sind. Sie sind die Anfangsknotenpunkte eines Netzes, das später durch zahlreiche andere Erfahrungen weiter geknüpft wird. (Hintermair, 2013, S.185) Diese Eltern müssen altersgerechte und sprachlich angepasste Förderumgebungen gestalten, damit die wichtigen kindlichen Entwicklungsschritte gegangen werden können. Hindern kann dies zum Beispiel eine depressive Verstimmung der Eltern, welche sich ein ganz anderes Kind gewünscht hätten. Gesellschaftliche Ansichten über Behinderung ganz allgemein können dazu führen, dass die Behinderung versteckt wird und notwendige Hilfsmittel abgelehnt werden. Es ist die Aufgabe der audiopädagogischen Betreuungsperson, welche in das intime Umfeld der Familie gelangt, Hilfe anzubieten. Und es sind nicht zuletzt auch gute Freunde und Betroffene, welche Unterstützung und Begleitung in der Zeit des Annehmens einer Diagnose anbieten können. «Damit sich also für die hörgeschädigten Kinder ein stabiles Netz an Beziehungen entwickeln kann, brauchen die Eltern dieser Kinder ihrerseits ein tragfähiges Unterstützungsnetz, das durch die Diagnose der Hörschädigung durchaus brüchig werden kann» (Hintermair, Lehmann-Tremmel, Meiser, 2000, S. 136). Daneben ist es wichtig, dass die hörbeeinträchtigten Kinder auf vielfältige Weise in Kontakt mit anderen Kindern kommen. 3.5.2.2 Entwicklung von 4 – 6 / 7 Jahren • Erwerb von Kompetenzen zum Umgang mit Altersgenossen und ausserfamiliären Bezugspersonen. • Weiterentwicklung der sprachlichen Kompetenzen • Entwicklung der moralischen Urteilskompetenzen • Erwerb von Rollenkompetenzen des täglichen Lebens (Fröhlich-Gildhoff, 2007, S. 55ff) Der Bewegungsradius des Vorschulkindes wird grösser und es ergeben sich verschiedene Begegnungen innerhalb und ausserhalb der Familie. Durch diese Begegnungen kann das Kind lernen, die Sichtweise anderer Personen zu verstehen. In der Wissenschaft wird dafür der Begriff ToM (Theory of Mind) verwendet. Es zeigt sich bei hörbeeinträchtigten Kleinkindern, dass auch sie diese Fähigkeiten erlangen, aber meist zu einem späteren Zeitpunkt. Die Verspätung in den sprachlichen Fähigkeiten wirken sich auch auf die sozial-emotionale Entwicklung aus. Aus dem Kapitel «3.1 Medizinisch – technische Versorgung» wissen wir, wie gross die Variabilität in der Sprachentwicklung hörbeeinträchtigter Kinder ist. Es ist mir ein zentrales Anliegen, nochmals auf die Bedeutung des Erwerbs einer Erstsprache hinzuweisen. Macht ein mit Lautsprache gefördertes Kind zu wenig Sprachfortschritte, ist es allerhöchste Zeit, alternative visuelle Sprachangebote zur Verfügung zu stellen. Das Risiko einer schlechten Entwicklung besteht eben nicht nur im Bereich der Sprache, sondern auch im Bereich der sozial-emotionalen Entwicklung. 32 Auch die Bachelorarbeit von Hutter, Franzen weist auf die Wichtigkeit und die Kompetenz der BSFH hin, wenn sie schreiben «Die BSFH wird von den Interviewpartnern grossenteils gelobt und sehr positiv bewertet. Sie erklären uns, dass die Dozentinnen und Dozenten gut auf die Stärken und Schwächen jedes Einzelnen eingehen können» (2014, S. 86). 36 5 Planung und Durchführung des Filmprojekts 5.1 Filmprojekt Der Film beinhaltet Zeichnungen, Grafiken, Filmund Fotodokumente aus der Familiensammlung und Interviews mit Bezugspersonen von Andrin Siebenhaar. Zudem wurde eine hörbeeinträchtigte Studentin an einem Studientag begleitet und interviewt. Interviewpartnerinnen und –partner im Film: Corinne Suter (Primarlehrerin), Ursula Rey (Schulleiterin), Susanne Kehl-Rheinegger (Mitglied Badmintonclub Aarau), Marcel Müller (Mitglied Badmintonclub Aarau), Steve De Cianni (Mitglied Badmintonclub Aarau), Rahel Lindegger (Studierende CAS), Lara Siebenhaar (Familie), Tanja Siebenhaar (Familie) Christoph Siebenhaar (Familie), Andrin Siebenhaar (Familie) Interviewerin und Interviewer im Film: Corinne Stutz (Gebärdensprachdolmetscherin), Andrin Siebenhaar (Familie) Zielpublikum des Filmes sind Studierende pädagogischer Hochschulen, Familien mit hörbeeinträchtigten Kindern und Fachpersonen im Bereich Hören. Der Film wird auf der Plattform Vimeo veröffentlicht. Von dieser Plattform kann er als Stream angeschaut werden. Das Herunterladen ist nicht möglich. Es werden wenige Hardcopys zu Ausbildungszwecken erstellt werden. Mein Sohn Andrin und alle Interviewten sind mit der Veröffentlichung der Filmdokumente in dieser Form der Masterarbeit einverstanden. Zum Zeitpunkt der Abgabe der Masterarbeit ist das Filmprojekt auf dem Stand eines Entwurfs. Es werden nach Bewertung der Masterarbeit – nicht zuletzt aufgrund der kritischen Anmerkungen bei deren Evaluation – noch einige Änderungen und Ergänzungen vorgenommen. Die Endfassung des Filmes wird untertitelt. Zum einen soll er Hörbeeinträchtigten zugänglich gemacht werden und zum anderen sind die schweizerdeutsch gesprochenen Interviews im deutschsprachigen Raum nicht überall verständlich. 5.2 Planung 5.2.1 Inhaltliches und Drehbuch Seit mehreren Jahren beschäftigte mich die Idee der Realisation eines Fortsetzungsfilmes zum Film «Mein Weg zur Sprache – oder wie ein hörbehindertes Kind die Welt entdeckt». Das Schreiben einer produktorientierten Masterarbeit verhalf der Idee zur Realisation. Der Film sollte die Entwicklung des Kindes hin zum Jugendlichen dokumentieren. Daher waren viele Themen schon gesetzt. Es gab Zeiten der schulischen Integration und Jahre des Besuchs der Sonderschule. Die CI-Implantation fiel in die zu dokumentierende Zeit. Die intensive Beschäftigung mit dem Thema der Hörbeeinträchtigung als Vater, als Student der Hochschule für Heilpädagogik und als Klassenlehrer einer Klasse mit hörbeeinträchtigten 37 Kindern hat mich auf die Relevanz des Kapitels Identität aufmerksam gemacht. So entstanden die einzelnen Filmkapitel. Als nächstes folgte das Literaturstudium zu den gewählten Themen. Ich notierte mir wichtige Punkte und nahm Kontakt mit möglichen Interviewpartnerinnen und -partner auf. Glücklicherweise fand ich grosse Unterstützung durch einen Kameramann. Er ermöglichte mir, dass die neu gefilmten Interviewdokumente in technisch guter Qualität aufgenommen werden konnten. Die Interviewerin des ersten Filmes «Mein Weg zur Sprache» befand sich während wichtiger Filmtage auf Reisen. Ich fand mit Corinne Stutz eine sehr engagierte und erfahrene Fachperson, die auch für Sendungen des Schweizer Fernsehens vor der Kamera steht. Nach den Interviewaufnahmen im August 2016 begann die Arbeit am Computer. Während eines Jahres illustrierte ich Aussagen, schrieb Off – Texte oder untertitelte die Entwicklungsdokumentation. Während dem Schneiden entstand der Film, wie er heute vorliegt. Auch die Rückmeldungen des Evaluatorenteams hatten einen bedeutenden Einfluss auf die Gestaltung und Weiterentwicklung des Films. Technisch unterstützt wurde ich von der Filmfachfrau Corlotta Holy-Steinemann. 5.2.2 Terminplanung Datum Arbeitsschritte 28.1.2015 Abgabe Skizze Masterarbeit 14.12.2015 Besprechung Masterarbeit mit D. Nussbaumer 6.1.2016 Kontaktaufnahme J. Vieli (Kameramann) Jan. 2016 Ideensammlung der Interviewtexte nach Literaturstudium 11./12.2.2016 Filmaufnahmen Kapitel Geschwister 25.4.16 Abgabe Disposition Kontaktaufnahme Filmberaterin C. Holy 27.4.16 1. Anfrage Finanzierung (Max Bircher, Phonak, SGB) 29.6.2016 Zusage Max Bircher Stiftung 8.7.2016 Zusage Stiftung Hören und Verstehen 19./20. 8.2016 Filmen Interviews, Schulszenen, Badmintonszenen 10.9.2016 Filmen FHNW Olten mit R. Lindegger 5.10.2016 Zusage SGB 28.11.2016 Filmen BSFH 14.2.2017 Filmaufnahmen Kapitel Geschwister März 2017 Evaluation mit Fachpersonen / Eltern / Heilpädagoginnen / - pädagogen Juni 2017 Abgabe Masterarbeit August 2017 Präsentation Masterarbeit September 2017 Schlussredaktion, Untertitelung 4. November 2017 Premiere mit allen Beteiligten, Freundinnen und Freunden 38 5.3 Finanzierung Schon für die erste DVD «Mein Weg zur Sprache» musste ich die Auslagen von ca. 5000 Franken decken. Daher kannte ich bereits einige Stiftungen und konnte ihnen das Vorgängerprodukt zeigen. Ich konnte belegen, dass viele Studierende und Eltern den ersten Entwicklungsfilm, welcher das Alter von 0 - 6 Jahren dokumentiert, gesehen hatten. Diese Tatsache machte es mir einfacher, auch den zweiten Film zu finanzieren. Es fällt aber auf, dass die Stiftungen mit der veränderten Finanzsituation nicht mehr so viele Mittel zur Verfügung haben. Es ist schwierig für sie, in Zeiten der Negativzinsen das Stiftungsvermögen gewinnbringend anzulegen und damit Projekte grosszügig zu unterstützen. Ich möchte mich auch mit diesen Zeilen nochmals bei den Geldgebern bedanken. Den ersten Film «Mein Weg zur Sprache» habe ich als DVD verkauft. Das Verpacken und Verschicken ist zeitaufwändig. Ich musste immer kontrollieren, ob die Überweisung getätigt wurden. Die DVD’s wurden ohne Gewinn zum Selbstkostenpreis verkauft. Für den zweiten Film habe ich entschieden, ihn nur noch als Link per Mail gratis zu versenden. Dies reduziert den Aufwand für Versand und Verpackung. Heutige Laptops haben zum Teil gar keine DVD Laufwerke mehr. Das Anschauen von gestreamten Filmen ist gefragt. Für die Video-Plattform Vimeo bezahle ich einen moderaten monatlichen Beitrag, das Anschauen meiner Dokumentation ist dafür werbefrei. Auslagen: Kosten für professionellen Kameramann inkl. Ausrüstung Fr. 1400 Kosten für Hardware, Filmprogramme Fr. 400 Kosten für Professionalisierung im Bereich Bild Fr. 1000 Kosten für Professionalisierung im Bereich Ton Fr. 1000 Geschenke Fr. 500 Untertitelung Fr. 1000 Einnahmen: Unterstützung durch Max Bircher Stiftung Brief vom 29.6.2016 Fr. 2000 Unterstützung durch SGB Brief vom 5.10.2016 Fr. 1000 Unterstützung durch Stiftung Hören und Verstehen Brief vom 8.7.2016 (18.10.16) Fr. 2000 39 5.4 Technisches Wissen 5.4.1 Seitenverhältnis In der Entwicklungsgeschichte des Films wurden verschiedene Seitenverhältnisse verwendet. Gewisse Formate verschwanden wieder, andere haben sich durchgesetzt. Unter dem Seitenverhältnis versteht man das Verhältnis der Seitenlängen in einem Rechteck. Die beiden Zahlen 4:3 oder 16: 9 sind Hinweise auf die Seitenlänge der Breite und der Höhe. Vor dem Jahr 1995 wurde oft das Verhältnis 4:3 verwendet. Die Filmaufnahmen meiner alten Kamera, weisen so auch dieses Format auf. Seit dem Jahr 2000 hat sich aber ein neues Seitenverhältnis durchgesetzt. Man kann das gut beobachten, wenn man durch die Verkaufsabteilungen der Multimediafilialen schlendert. Die Fernsehgeräte sind heute viel breiter. Die Fortsetzung des Films «Mein Weg zur Sprache» muss also im Format 16:9 gefilmt werden. Schwierig wird es nun aber mit den authentischen Familienaufnahmen, die vor zehn Jahren gefilmt wurden. Sie liegen nur als 4:3 Formate vor. Dies passt aber nicht zur Tatsache, dass der neue Film in 16:9 produziert wird. Die Folge davon sind zwei schwarze Balken links und rechts des Bildes bei den Filmsequenzen, welche alte Aufnahmen zeigen Abb. 18 5.4.2 Veränderungen beim Filmen und Schneiden Im Jahr 2006 habe ich den ersten Film fertiggestellt. In den letzten Jahren hat sich beim Schneiden von Filmen einiges geändert. Dazu zwei Beispiele: • Geschnitten wird heute viel schneller. Bei einer Talksendung wie «Aeschbacher» oder «der Club» wechselt die Kameraführung häufig. Gleiche Einstellungen mit einer Dauer von 20 Sekunden sind selten. Dies habe ich nun berücksichtigt und öfter mal eine Halbtotale oder eine zuhörende Person in die Interviewantwort geschnitten. • Die Person, welche das Interview führt, wurde nie gezeigt. Heute sieht man in der «Tagesschau» sowohl die interviewte wie auch die interviewende Person. Das habe ich beim zweiten Film ebenfalls verändert. 40 5.4.3 Autodidaktische Lernwege Monatelang habe ich mich mit dem Filmen und dem Schneiden beschäftigt. Dadurch wird man als gewöhnlicher TV Konsument auf spezielle Filmaufnahmen und Schnittideen aufmerksam. Ich habe verschiedene Ideen aufgenommen und versucht, sie gewinnbringend umzusetzen. Hier ein Beispiel von SRF: Bei einem Interview mit der Kommissarin aus der Serie «der Bestatter» wird die Kamera auf den Boden gelegt und die Schauspielerin läuft daran vorbei. Dies habe ich beim Kapitel «Geschwister» ausprobiert. Hier sind die beiden Beispiele: das Beispiel von SRF Abb. 19 meine Umsetzung im Kapitel Geschwister Abb. 20 Heute kann ich mit komplexen Filmschneidprogrammen umgehen. In gewissen Sequenzen wurden mehrere Tonund Bildspuren bearbeitet. Ich habe mich um Bildund Musikrechte gekümmert und ein paar kreative Ideen auch selbst generiert. Abb. 21 41 6 Evaluation der Filmdokumentation durch Expertengruppen Im zweiten Filmprojekt wollte ich die Regie und den Schnitt selber in die Hand nehmen. Da ich aber keine Ausbildung im Film Schneiden und Produzieren habe, benötigte ich immer wieder Unterstützung. Im Bereich des Schnittes konnte ich auf die regelmässige Hilfe einer Filmfachfrau zurückgreifen. Ich traf sie jeweils in Zürich und wir sahen uns die Kapitel an. Dabei erhielt ich viele Tipps im Bereich der Schnitttechnik. Diese Treffen mit Frau Holy-Steinemann waren bereits eine Art Evaluation durch eine Person, die mit dem Thema der Hörbeeinträchtigung nicht vertraut ist. Die Evaluation durch Personen aus den Zielgruppen ist ein wichtiger Faktor bei einer produktorientierten Masterarbeit. Darum folgt nun die Auswertung der Evaluatorinnen und Evaluatoren der Zielgruppen. 6.1 Interviews mit Expertinnen/Experten und weiteren Evaluatorinnen Nachdem 80 % gefilmt und geschnitten war, wollte ich eine Evaluationsphase einschalten. Ich kontaktierte verschiedene Personen und durfte ihnen den Filmentwurf im März 2017 zeigen. Diese Personen wählte ich aus den folgenden Zielgruppenbereichen: Expertinnen und Experten im Bereich Hören: • Lukas Berweger, Audiopädagoge • Heidi Stocker, Dozentin HfH aus dem Bereich «Hören» • Peter Bachmann, Co-Institutionsleiter SEK 3 Zürich Weitere Evaluatorinnen: • T. I. Heilpädagogin ohne zusätzliche Kenntnisse im Bereich der Hörbeeinträchtigung (möchte nicht mit vollem Namen erwähnt werden) • Anuschka Füglister, (Mutter eines hörbeeinträchtigten Kindes) • Marianne von Orelli, (Mutter eines hörbeeinträchtigten Kindes) • Nelli Peters, (Mutter eines hörbeeinträchtigten Kindes) • Nicole Frei (Mutter eines hörbeeinträchtigten Kindes) • Patrizia Mauro, (Mutter zweier hörbeeinträchtigter Kinder) Die Fragen stellte ich anhand der Vorlage Experteninterview, welche im Anhang 10.7 abgebildet sind. Die differenzierten Antworten der Experten finden sich im Anhang 10.8 – 10.10 Folgende Fragen wurden gestellt: A. Welches sind deine spontanen Reaktionen zum Filmentwurf aus technischer Sicht? B. Welches sind deine spontanen Reaktionen zum Filmentwurf aus inhaltlicher Sicht? C. Ist die Entwicklung des bilingualen Weges nachvollziehbar? D. Wie relevant ist der Film für die Zielgruppe der Eltern? E. Wie relevant ist der Film für die Zielgruppe der Fachpersonen des Bereichs Hören? F. Wie relevant ist der Film für die Zielgruppe Studierende von Hochschulen? 42 G. Wie beurteilst du die Umsetzung der beiden Kapitel «Integration» und «Separation»? H. Gelingt es, ein Nachdenken über Grenzen und Chancen der technischen Hilfsmittel in Bewegung zu bringen? I. Kann es mit dem Film gelingen, dass die Achtsamkeit für Geschwister behinderter Kinder steigt? 6.2 Auswertung der Interviews 6.2.1 Spontane Rückmeldungen zum Filmentwurf aus technischer Sicht T. I. und L.B. + sehr abwechslungsreich + viele verschiedene Medien: Fotos, Filme, Skizzen, Zeichnungen, Animationen + Aufnahme mit der Drohnenkamera + gezeichnete Animationen sind sehr gelungen + technisch positiv beeindruckt H.S. und P.B. + Visualisierungen von Inhalten + abwechslungsreicher Mix von verschiedenen Medienformen + gute Analogien (z.B. das 5. Rad am Wagen) + / - kein Profifilm, stört aber nicht und macht es persönlich Eltern + Musik sehr passend + sinnvolle und schöne Zeichnungen - Lautstärkeeinstellung verbessern - Interviewperson und Eltern anschreiben - Bedeutung der Augen beim Thema Identität unklar 6.2.2 Spontane Rückmeldungen zum Filmentwurf aus inhaltlicher Sicht T. I. und L.B. + tolle Spannweite, grosse Vielseitigkeit + gute Anknüpfung mit dem ersten Film + hochrelevante Themen + tolle Zitate am Schluss, sie untermauern das Gesagte nochmals + toll, dass das Thema Geschwister angesprochen wurde H.S. und P.B. + nichts darf weggelassen werden + es ist nie langweilig + zeigt auf einmalige Weise ein Sowohl-als-auch und nicht ein Entweder-oder (Integration/ Separation, Lautsprache, Gebärdensprache usw.) + keine Schönfärberei und nicht dogmatisch + ein sehr persönlicher und emotionaler Film + einmalig, dass Andrin sich selber die Stimme gibt im letzten Kapitel + du sprichst als Vater und Fachmann, ist auch eine Realtiät 43 + Zitate am Schluss sind sehr stimmig und regen zum Nachdenken an Eltern + sensationell, toll, Chapeau + sehr abwechslungsreich, nie langweilig + regt zum Nachdenken an + deckt ganz viele wichtige Themen ab + Strategien von Andrin in auditiv schwierigen Momenten waren interessant + wirkt positiv + für Studierende ist der Film ein Muss + selbstbewusster, reflektierter Junge - Bedeutung des Elternvereins fehlt beim Thema Identität - Interviewperson und Eltern anschreiben - Bedeutung der Augen beim Thema Identität unklar 6.2.3 Ist die Entwicklung des bilingualen Weges nachvollziehbar? T.I. und L.B. + ja, man spürt im ganzen Film die bilinguale Haltung der Eltern + mit der Sonderschule kam ein Stück Identitätsfindung H.S. und P.B. + Kind / Jugendlicher kann sich selber äussern, ist ein grosser Gewinn + man erkennt, dass dieser Weg auch neue Fähigkeiten gebracht hat + Unglaublich, wie Andrin zwischen den Sprachmodalitäten wechseln kann + Ich habe geschätzt, dass nicht nur Leistung angesprochen wird, sondern auch das Herz - unklar ist geblieben, wie er zu dieser guten Gebärdensprachkompetenz gekommen ist Eltern + Zusammen mit dem ersten Film gibt es einen tollen Überblick + viele Facetten vom Kind und seiner Familie sind sichtbar + toller Einblick in eure Familie 6.2.4 Relevanz des Filmes für die Zielgruppe der Eltern hörbeeinträchtigter Kinder H.S. und P.B. + solche Filme wünsche ich mir für Weiterbildungen mit Eltern + der Film gibt gute Diskussionsanlässe - den Erfolg zu sehen, kann für andere Eltern auch schwierig sein Eltern + der Film gibt betroffenen Eltern eine Perspektive für die Zukunft + es ermutigt, zu sehen, was alles möglich ist + es braucht diesen Film + ich fühle mich als Mutter durch die gute Entwicklung von Andrin nicht angegriffen 44 6.2.5 Relevanz des Filmes für die Zielgruppe der Fachpersonen im Bereich Hören T.I. und L.B. + Beispiele aus dem Leben sind immer wichtig für die Fachpersonen + es ist für Fachpersonen wichtig, dass man in eine Familie hineinsieht H.S. und P.B. + Fachpersonen müssen die Seite der Betroffenen kennen + die Aussagen zur Kombination CI und Hörgerät waren interessant + es ermöglicht Fachleuten, in andere “Gewänder” zu schlüpfen 6.2.6 Relevanz des Filmes für Studierende der HfH und Heilpädagogen T.I. und L.B. + gerade die Visualisierungen im Bereich der Technik sind sehr wertvoll + viele Themen sind auch relevant für andere Bereiche von Behinderung + die Geschichten aus dem Leben sind spannend für Studierende 6.2.7 Umsetzung der Kapitel «Integration» und «Separation» T.I. und L.B. + klare Worte der Schulleiterin haben gefallen + die Bedeutung der Klassenlehrperson wird gut gezeigt + Bereitschaft und Offenheit von Seiten der Schule sind wichtig, das wird gezeigt H.S. und P.B. + gut, dass auf den Nachteilsausgleich und die Rahmenbedingungen hingewiesen wurde - die Aussagen der Schulleiterin höre ich nicht gerne. Man ist zur Annahme dieser Aufgabe verpflichtet Eltern + gut ist gezeigt, dass viele Faktoren zum Gelingen oder Scheitern der Integration wichtig sind - Schade, dass es keine Schulszenen aus der Sonderschule gibt - Mir fehlt die Frage an Andrin, ob die Separation im Nachhinein die richtige Entscheidung war 6.2.8 Umsetzung des Kapitels Grenzen und Chancen von technischen Hilfsmitteln T.I. und L.B. - habe den Vergleich mit dem Frosch nicht verstanden + die Verbindung von Bild und Ton mit dieser Visualisierung ist eindrücklich + die Kommentare und Off-Texte sind wichtig + das Zitat zu den Sprachen am Schluss des Kapitels hat mir sehr gefallen H.S. und P.B. + die Visualisierung ist grossartig + positiv, dass mit Fotos gearbeitet wurde. Zum Glück gabs keine Bilder aus dem OP + Gut gewählt auch für CI kritische Personen Eltern + Visualisierung des CI’s ist sagenhaft + emotionales Kapitel, welches berührt 51 Jahren zeigt. Der aktuelle Film baut auf diesen Informationen auf. Die Diskussion, den ganzen Entwicklungsverlauf in einem Film zu zeigen, ist noch zu führen. Daneben scheint es mir sinnvoll, kleinere Sequenzen einzeln anzubieten. Ich denke dabei an den Visualisierungsversuch mit dem Flugzeug, der Kerze und dem Orchester. 7.2.3 Relevanz für die einzelnen Zielgruppen Die Interviews wurden mit Expertinnen und Experten aller drei Zielgruppen (Studierende, Fachpersonen im Bereich Hörgeschädigtenpädagogik, Eltern hörbeeinträchtigter Kinder) geführt. Unisono waren alle neun Expertinnen und Experten der Meinung, dass der Film wichtig und nützlich für ihre Zielgruppe sei. Abb. 26 zeigt die Zielgruppen des ersten Films «Mein Weg zur Sprache» Ich bin überzeugt davon, dass vor allem Studierende der Heilpädagogik oder Studierende an einer pädagogischen Hochschule die breite Information über Hörbeeinträchtigung als wertvoll erachten werden. Der Film zeigt eine Entwicklung, welche positiv verlief. Man erhält Einblick in das Leben eines Jugendlichen, welcher sich selbstbewusst und differenziert in Lautund Gebärdensprache ausdrücken kann. Diese Tatsache könnte bei betroffenen Eltern Widerstände und Frustration auslösen. Gezeigt wird ein erfolgreicher bilingualer Weg, durch welchen die persönliche Geschichte der Eltern mit ihrem hörbeeinträchtigten Kind vielleicht auch hinterfragt wird. Die fünf Elternexpertinnen teilten diese Befürchtungen jedoch nicht. Diese Mütter sind aber alle sehr engagierte und bewusste Elternteile, welche auch im SVEHK (Schweizerische Vereinigung der Eltern hörbehinderter Kinder) aktiv tätig sind. Bei weniger engagierten und selbstbewussten Eltern könnte der Film negative Gefühle auslösen. Auf dem Klappentext des ersten Filmes, sowie bei Aussagen (214) im Kapitel «2. CI Implantation» habe ich darauf hingewiesen, wie wichtig es ist, dass jede Familie ihren eigenen Weg sucht und findet. 7.2.4 Rückmeldungen zu den Filmkapiteln Integration und Separation Die Filmkapitel «1. Schulische Integration», «3. Sonderschule» und «6. Nach der Volksschule» nehmen das Thema der Integration und Separation auf. Der Film zeigt ein Sowohl-als-auch: Kindergarten und Primarschule besuchte Andrin integriert, die Oberstufe in der Separation und die Berufsschule absolviert der hörbeeinträchtige Lehrling sowohl in der regulären Berufsschule, als auch an der BSFH. Besonders H.S. erwähnt, dass beide Schulungsformen je nach Situation und Zeitpunkt wichtig sind und eine Wahlmöglichkeit bestehen muss, um die optimale Schulungsform zu gewährleisten. Es scheint mir Zuschauergruppen für den Film "Mein Weg zur Sprache" (Schätzung) Studierende Eltern Experten des Bereichs "Hören" 52 ebenfalls wichtig, die getroffenen Entscheidungen immer wieder zu überprüfen und gegebenenfalls anzupassen (vgl. 7.1.1). 7.2.5 Möglichkeiten und Grenzen der technischen Hilfsmittel Das österreichische Institut für Schallforschung hat den Versuch gemacht, die Art und Weise wie man mit einem CI hört, für uns Hörende auditiv nachvollziehbar zu machen. Diesen auditiven Versuch habe ich mit einer Visualisierung ergänzt. Die Kombination von Tondokument und Visualisierung hat den Evaluatorinnen und den Evaluatoren Eindruck gemacht und gut gefallen. Mit dieser Darstellung wollte ich einen Kontrapunkt zu den geschönten Werbeaussagen von CI Herstellern setzen. Es ist erfreulich, wenn Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit einem CI, Sprache gut verstehen können. Mit einem CI ist aber kein vergleichbares Hören, wie mit zwei Ohren möglich, obwohl das in gewissen Werbungen vorgegaukelt wird. Bemängelt wurde, dass die Abbildung von Sinneshaarzellen eines Frosches für Verwirrung sorgte. L.B. meinte, dass es sinnvoll wäre, sich um die Bildrechte einer Rasterelektronenmikroskopaufnahme einer menschlichen Haarsinneszelle zu machen. Zudem scheint der Off – Text für Laien noch nicht verständlich zu sein. 7.2.6 Achtsamkeit auf die Situation der Geschwister Das Thema Geschwister hörbeeinträchtigter Kinder ist in der deutschsprachigen Literatur kaum zu finden. Die Expertinnen und Experten fanden es deshalb sinnvoll und wichtig, dass darauf ein Fokus gelegt wurde. Die intensive Beschäftigung mit dem hörbeeinträchtigten Kind kann für Geschwister eine Chance und eine Gefahr sein. Die Rückmeldungen in den Interviews zeigten, dass die Familie sehr bewusst mit dem Problem umgegangen sei und sich das Ganze in diesem Familienbeispiel als gewinnbringend entwickelt habe. Man spürt den Stolz der Schwester auf die gewonnene Kultur. Daneben wird aber ehrlich und in authentischer Jugendsprache auch auf die mühsamen Aspekte dieser Beeinträchtigung in der Familie hingewiesen. Die landschaftlich bezaubernde Szenerie mit der Sicht auf den Vierwaldstättersee sei gut gewählt, meinte P.B.. Bemängelt wurde, dass der Vater das Interview führte, da die Tochter durch die Anwesenheit des Vaters befangen sein könnte. Dieser Hinweis ist sicher richtig. Aus zeitlichen Gründen konnte ich die Interviewerin nicht noch einen zusätzlichen Tag in Anspruch nehmen. Das Kapitel Geschwister hat mit vier Drehtagen den Bogen bereits überspannt und zeigt damit auch, wie wichtig mir dieses Thema war. 53 7.3 Fazit und Ausblick für die weitere Filmarbeit Eine intensive zweijährige Arbeit wird im November 2017 abgeschlossen werden. Das Produkt wird für Studierende, sowie für Eltern hörbeeinträchtigter Kinder eine authentische Entwicklungsgeschichte aufzeigen. Die Entwicklung kann insgesamt über sechzehn Jahre verfolgt werden: vom Baby zum Kleinkind, vom Schüler zum Lehrling. Der Film schliesst mit zweisprachlich geäusserten Meinungen und Haltungen des nun sechzehnjährigen Jugendlichen ab. Der Film ist schweizerdeutsch gesprochen und geht auf die Gegebenheiten in der Schweiz ein. Schon für Deutschland und Österreich stimmen einige Aussagen nicht mehr. Da denke ich beispielsweise an die Situation für Lehrlinge. In Deutschland besuchen über 50 Prozent das Gymnasium und schliessen mit dem Abitur ab. Der duale Bildungsweg, wie wir ihn in der Schweiz häufig erleben, ist in Deutschland und Österreich viel weniger verbreitet. Trotzdem ist mir eine deutsche Untertitelung wichtig, damit der Film auch in diesen beiden Ländern gewinnbringend eingesetzt werden kann. Gerne würde ich in den nächsten Jahren ein Konglomerat aus den beiden Filmen zusammenstellen. Ein Konglomerat, welches nicht nur für die Schweiz Gültigkeit hat. Ein Film, der aufzeigt, dass mehr als ein Entweder-oder, nämlich ein Sowohl-als-auch möglich ist. Es geht um die Nutzung der neusten Technik, sowie die Rückbesinnung auf die Eigenheiten der Sprache und Kultur der gehörlosen Menschen auf der ganzen Welt. Gehörlosigkeit ist nicht nur ein Verlust, ein Fehlen eines wichtigen Sinnes. Es ist auch Augensprache, Poesie, Kultur, Heimat, Gemeinschaft und ein Gewinn! – «deafgain»! In diesem Sinne möchte ich abschliessend die Expertin H.S. zitieren: Der Film hat eine sehr positive Ausstrahlung und er zeigt das Sowohl-als-auch. In der Gehörlosenpädagogik gab es immer das «Entweder–oder» und hier ist das «Sowohl-als-auch» dargestellt: sowohl Integration, als auch Separation, sowohl Gebärdensprache, als auch Lautsprache, sowohl im hörenden Verein, als auch im Gehörlosenverein. Das ist etwas extrem Schönes, etwas Neues, und überhaupt nicht dogmatisch.“ 54 8 Abbildungsverzeichnis Abb. 1: Cover DVD 2 (eigene Gestaltung) Abb. 2: Hörgerät historisch“ (https://medienportal.siemens-stiftung.org/100272), © Siemens Stiftung 2015, lizenziert unter CC BY-SA 4.0 international (Lizenztext siehe https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/legalcode.de) Abb. 3: eigene Grafik, Schülerzahlen Landenhof Unterentfelden Abb. 4: eigene Zeichnung vom 15.1.2017 Abb. 5 eigenes Foto vom 5.10.2014 Abb. 6: eigenes Foto vom 10.3.2016 Abb. 7: eigene Zeichnung; das fünfte Rad am Wagen vom 17.1.2017 Abb. 8: Eigene Grafik; allgemeinbildende Schulen, eigene Grafik mit Bildern aus https://www.google.ch/?gfe_rd=cr&ei=vbX4V4qIDsrb8AesjaaoBg&gws_rd=ssl#q=berufsbil dung+in+der+schweiz-fakten+und+zahlen+2016.pdf2 Abb. 9: Eigene Grafik; berufliche Grundausbildung, eigene Grafik mit Bildern aus https://www.google.ch/?gfe_rd=cr&ei=vbX4V4qIDsrb8AesjaaoBg&gws_rd=ssl#q=berufsbil dung+in+der+schweiz-fakten+und+zahlen+2016.pdf2 Abb. 10: Eigene Grafik; Tertiärstufe, eigene Grafik mit Bildern aus https://www.google.ch/?gfe_rd=cr&ei=vbX4V4qIDsrb8AesjaaoBg&gws_rd=ssl#q=berufsbil dung+in+der+schweiz-fakten+und+zahlen+2016.pdf2 Abb. 11: Eigenes Foto; erste Hörgeräte vom 10.8.2016 Abb. 12: Eigenes Foto; blaue Hörgeräte vom 10.8.2016 Abb. 13: Eigenes Foto; aktuelle digitale Geräte vom 10.8.2016 Abb. 14: Eigenes Foto; Badmintondoppel vom 10.3.2016 Abb. 15: Eigenes Foto; vor der CI – Operation, Juli 2011 Abb. 16: Eigenes Foto; nach der Operation in der Universitätsklinik, Juli 2011 Abb. 17: Eigenes Foto; nach der Operation wieder zuhause, Juli 2011 Abb. 18: Screenshot aus dem Film «Mein Weg in die Welt» Kapitel 1 Integration Abb. 19: Screenshot aus: http://www.srf.ch/kultur/film-serien/barbara-terpoorten-manchmal-regtmich-anna-maria-schon-auf, Abb. 20: Screenshot aus dem Film «Mein Weg in die Welt» Kapitel 4 Geschwister Abb. 21: Screenshot Filmschneideprogramm Adobe Premiere Pro CC 2017, Kapitel 2 CI Implantation Abb. 22: https://c1.staticflickr.com/3/2701/4304094088_4a448fd908_b.jpg, Zugriff am 5.3.2017 Abb. 23 https://commons.wikimedia.org/wiki/File:AirbusA380overfly.jpg, Zugriff am 6.1.17 um 13.00 verpixelt mit Fotoshop, (Nutzungsrecht: Zur Wiederverwendung und Veränderung gekennzeichnet) 55 Abb. 24: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:AirbusA380overfly.jpg, Zugriff am 6.1.17 um 13.00 verpixelt mit Fotoshop, (Nutzungsrecht: Zur Wiederverwendung und Veränderung gekennzeichnet) Abb. 25: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:AirbusA380overfly.jpg, Zugriff am 6.1.17 um 13.00, (Nutzungsrecht: Zur Wiederverwendung und Veränderung gekennzeichnet) Abb. 26: Eigene Grafik; Zielgruppen «Mein Weg zur Sprache» 56 9 Literaturliste Achilles, I. (1997) ”... und um mich kümmert sich keiner” – Die Situation der Geschwister behinderter Kinder. München: Serie Piper. Al – Zubaidy, J. (2012). „Verstöhnd Sie mich?“ Hörgeschädigte am Gymnasium - Integration oder Sonderschulung?. Aarau: Maturarbeit Audeoud, M., Lienhard, P. (2006) Mittendrin – und doch immer wieder draussen? Luzern: Edition SZH. Berufsbildung in der Schweiz: file:///C:/Users/andri/Downloads/berufsbildung_inderschweizfaktenundzahlen2016.pdf2 Bundesgerichtsentscheid vom 13. April 2012. Internet: http://relevancy.bger.ch/php/clir/http/index.php?lang=de&type=show_document&page=1&from_date=&to_d ate=&from_year=1954&to_year=2014&sort=relevance&insertion_date=&from_date_push=&top_subcollecti on_clir=bge&query_words=&part=all&de_fr=&de_it=&fr_de=&fr_it=&it_de=&it_fr=&orig=&translation=&rank =0&highlight_docid=atf%3A%2F%2F138-I-162%3Ade&number_of_ranks=0&azaclir=clir (Zugriff am 16.8.2016 um 15.01 Uhr) Draheim, J., Hintermair, M. (2009). Was bedeutet es, schwerhörig zu sein?. 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